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31.12.2010

2010 revisited

(2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003, 23. Dezember)

1. Zugenommen oder abgenommen?

Abgenommen, unfassbarerweise.

2. Haare länger oder kürzer?

Deutlich kürzer. Im Januar sind ungefähr zehn Zentimeter runtergekommen, im Oktober nochmal zehn. Jetzt haben sie Brad-Pitt-Länge, und das passt so.

3. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

4. Mehr Kohle oder weniger?

Ungefähr gleichgeblieben. Glaub ich. Steuerberaterin rechnet noch.

5. Mehr ausgegeben oder weniger?

Mehr, weil ich dauernd neue Gewürze brauche und Zitronenreiben und Mixer und Zerkleinerer und Pralinenbesteck und Spritzbeutel und Kuchenformen und endlich mal RICHTIGE Messer und man kann ja auch nicht immer Omas Geschirr rausholen, wenn Gäste da sind und …

6. Mehr bewegt oder weniger?

Vielleicht ein bisschen mehr. Das neue Körpergefühl sorgt nicht nur dafür, dass ich mich in neuen Klamotten wohlfühle, sondern dass ich mich freiwillig bewegen will, weil ich Bewegung auf einmal nicht mehr mit „Kalorienverbrennen“ verbinde, sondern mit „Fuck yeah, schmerzfrei und gut gelaunt rumlaufen“. Deswegen fahre ich mit Öffis und steige mal eine Station früher aus dem Bus, nehme den weiten Weg zum Einkaufen und höre Musik dazu oder gehe einfach mal so eine halbe Stunde aufs Laufband. Because I can. Und die dusselige Kalorienverbrauchsanzeige decke ich mit einem Handtuch ab. Quatschkram.

7. Der hirnrissigste Plan?

Drei Jobs gleichzeitig anzunehmen in der irrigen Annahme, ich würde das hinkriegen, ohne zutiefst genervt zu sein.

8. Die gefährlichste Unternehmung?

Marmeladekochen.

9. Der beste Sex?

Kannnichklagen.

10. Die teuerste Anschaffung?

Mein erstes Implantat.

11. Das leckerste Essen?

Haha. HAHAHAHAAAA! Ach, was geht’s uns gold.

12. Das beeindruckendste Buch?

Ich drücke mich mal wieder um DAS EINE TOLLE BUCH, sondern geb euch mehrere Lieblinge in mehreren Kategorien.

Comic: Chew Vol. 1 – Taster’s Choice von John Layman und Rob Guillory. Ikigami: The Ultimate Limit 1 von Motoro Mase (englische Übersetzung von John Werry). Faust von Flix. (Und alle Hellboys. So viel Zeit muss sein.)

Sachbuch: alle, die zu einem positiven Körpergefühl und einem genussvollen Essen beigetragen haben, ganz besonders In Defense of Food von Michael Pollan und Health at Every Size von Linda Bacon. (Ich komme über ihren Namen nicht weg.) Runner-ups: Oliver Sacks’ Uncle Tungsten: Memories of a Chemical Boyhood und Inverting the Pyramid: The History of Football Tactics von Jonathan Wilson.

Kochbuch: Die neue vegetarische Küche von Maria Elia.

Fiktion: Mit weitem Abstand vorne: If Nobody Speaks of Remarkable Things von Jon McGregor. Auf den Plätzen: Freedom von Jonathan Franzen und What I Loved von Siri Hustvedt.

13. Der ergreifendste Film?

Ich war dieses Jahr gerade zweimal im Kino, in Moon und Inception. Auf DVD/Sky habe ich gefühlt zehn Filme gesehen, aber von denen kam keiner an die beiden Kinofilme ran, auch The Hurt Locker nicht, über den ich nicht mal geschrieben habe. Die Auszeichnung geht an Moon, Trostpreis an The Damned United.

14. Die beste CD? Der beste Download?

Johannes Brahms, Sinfonien 3 und 4, Ein deutsches Requiem, Chicago Symphony Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim.

15. Das schönste Konzert?

Keins gesehen, nichts vermisst.

16. Die meiste Zeit verbracht mit …?

… lauter lustigen Küchenutensilien.

17. Die schönste Zeit verbracht mit …?

… lauter lustigen Küchenutens … äh … dem Kerl natürlich, dem Kerl!

18. Vorherrschendes Gefühl 2010?

Kann ich noch nen Nachschlag haben?

19. 2010 zum ersten Mal getan?

Marmelade gekocht. Karamell gemacht. Polenta fabriziert, die nach mehr schmeckt als nichts. Eine Auster gegessen. Calamaretti gegessen. Aus einem Kochbuch mehr als ein Rezept gekocht. Eier pochiert. Mich mit Buchlektor_innen unterhalten. In einem Supper Club gegessen. In Stuttgart gearbeitet. Auf der re-publica gewesen.

20. 2010 nach langer Zeit wieder getan?

Abgenommen. Bewusst fleischlos gelebt. In Berlin gearbeitet.

21. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Revision einer Wurzelbehandlung, Implantat und die Rechnung zu letzterem.

22. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Mich selber davon, einfach mal diese Auster da zu essen. Oder diese Pilze. Oder dieses Gemüse. Oder dieses Irgendwas, dessen Namen ich nicht mal kenne. Ging jedesmal äußerst widerstandslos. Ich bin überhaupt keine würdige Gegnerin mehr.

23. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Ein paar Mails an Lu, glaube ich.

24. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Mein Körper hatte irgendwann keine Lust mehr auf so viel Schokolade. Damit hatte ich wirklich nicht mehr gerechnet. Danke, dickes Ding.

25. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Das war so lecker.“

26. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

„Siehst gut aus, Kleine.“ (Anke über Anke.)

27. 2010 war mit einem Wort …?

Supercalifragilistikexpialigetisch mit 30-prozentiger Sprühsahne und gezuckerten Maraschinokirschen obendrauf.

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31.12.2010

What Anke ate in 2010

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19.11.2010

Same, same, but very different

Als Lu im August letzten Jahres vorbeikam, um dem Kerl und mir besseres Essen beizubringen, war ihr Plan, uns zum Abnehmen zu kriegen. Mein Plan war eher, mal wieder nach einem Strohhalm zu greifen, um Frieden mit mir und meinen Kilos zu schließen. Oder abzunehmen. Oder die Weltformel auf dem Silbertablett präsentiert zu kriegen, mit der ich glücklich werde, ob mit oder ohne dicken Hintern. Oder abzunehmen. Oder in Ruhe gelassen zu werden. Oder abzunehmen. Ich weiß es nicht mehr, ich weiß nur noch, dass ich eigentlich schon vorher wusste, dass ich nicht abnehmen würde, weil ich verdammt nochmal einfach nicht mehr abnehmen wollte. Eigentlich was das Thema schon für mich durch, weil es mich mürbe gemacht hatte, das ewige Auf-und-Ab, die konstanten Selbstvorwürfe, das Abnehmen-High und das Wiederzunehmen-Extra-Low. Denn das Abnehmen ist überhaupt nicht schwierig – das Halten des geringeren Gewichts ist das Fiese, das bei mir noch nie funktioniert hat. Abgenommen hatte ich schon tausendmal (mindestens), aber zugenommen eben auch.

Ich habe also bei so ziemlich allem, was Lu zum Thema „mehr Sport“ und „weniger Kohlendydrate“ gesagt hat, ein freundliches Gesicht gemacht und das Gehirn auf Durchzug geschaltet. Dafür habe ich anscheinend sehr gut zugehört bei allem, was sie zum Thema „Genießen“ und „Kochen“ und „gute Zutaten“ gesagt hat. An eine Sache erinnere ich mich auch noch: Gleich zu Beginn des Coachings fragte Lu mich, ob es ein Kleidungsstück gebe, in das ich wieder reinpassen wollen würde.

Uh-oh.

Ganz – heißes – Eisen. Jede/r, die oder der mit ein paar Pfunden zuviel kämpft (seien sie nun wirklich medizinisch bedenklich oder scheißegal), hat eben dieses Kleidungsstück im Schrank. Ich habe davon ungefähr 50 im Schrank. Beziehungsweise: Ich hatte davon 50 im Schrank. Im Laufe des letzten Jahres, in dem ich mich mit meinem dicken Hintern angefreundet hatte, habe ich genau diese Quatschklamotten in die Altkleidersammlung geworfen. Darunter war zum Beispiel ein apricotfarbener, kurzer Hosenanzug. Ich sag das nochmal: apricot. Hosenanzug. Kurze Hosen in apricot. Den habe ich 1990 (ich sag das nochmal: 1990) gekauft, und er hatte die sagenhafte Traumgröße von 42.

Auch das mag einige überraschen, aber selbst zu den Zeiten, als ich dünner werden wollte, wollte ich nicht die magische 38 haben. 1990 habe ich im Kino gearbeitet, mir passte die 42 und ich habe 80 Kilo gewogen. (Auch das können Diätgestörte sicher nachfühlen: Man weiß immer, wieviel man wann gewogen hat. Ist ja auch total wichtig, sowas zu wissen. Not.) 80 Kilo hört sich wahnwitzig viel an für jemanden, der 1,67 groß ist, aber ich fand mich damit toll. Ich sah aus wie die Schauspielerinnen aus den 40er Jahren: was vor der Hütte, breite Hüften, schöner Arsch, weiche Schultern und unsichtbare Schlüsselbeine. Beziehungsweise: Ich fand mich zehn Jahre später, als mir die 50 so gerade noch passte, im Nachhinein und auf den Fotos aus der Zeit toll. Im Jahre 1990 fand ich mich natürlich total widerlich und unfassbar fett. Ich erinnere mich bis heute an eine Bekannte meiner damaligen Chefin, die mich mal an der Kinokasse sitzen sah. Ich hatte ein langärmeliges, enges, schwarzes Shirt mit einem sehr weiten Rundausschnitt an. Und die Dame konnte sich kaum darüber beruhigen, was für eine tolle Haut ich hätte, was für schöne Schultern und wie gut ich aussah. Und anstatt mich darüber zu freuen, dachte ich nur, nimmt die Drogen? Ich seh doch total scheiße aus.

Zurück zur Altkleidersammlung, in die nun auch der zwanzig Jahre alte Hosenanzug wanderte. Bei einem einzigen Kleidungsstück habe ich innegehalten: meiner Golfhose. Die habe ich vor geschätzt vier, fünf Jahren das letzte Mal angehabt, als mein Rücken den Golfabschlag noch tolerierte. Sie war mir eindeutig zu klein, aber genau wie meine Schläger noch in der Wohnung stehen anstatt auf dem Dachboden, wollte ich mich auch von der Hose nicht trennen. Nicht weil ich geglaubt habe, da jemals wieder reinzupassen, sondern weil ich glaube, eines Tages wieder Golf spielen zu können. (Und wenn’s Minigolf ist, Herrgott.)

Also war meine Antwort auf Lus Frage: meine schwarze Golfhose. Ich hatte das schon völlig vergessen, bis ich vor einigen Wochen merkte, dass meine Jeans, die ich mir vor gut einem Jahr im Zuge meines Neustylings gekauft hatte, sehr locker saß. Und ich meine so locker, dass selbst der Gürtel beim letzten Loch angekommen war und ein, zwei weitere Löcher nicht hätten schaden können. Seit ich nicht mehr auf die Waage gehe (die steht in der Abstellkammer und nicht mehr im Bad), weiß ich überhaupt nicht mehr, wieviel ich wiege. Und ich habe komischerweise auch nicht darauf geachtet, ob meine Klamotten weiter werden oder nicht. Warum auch? Ich wollte ja nicht abnehmen.

Worauf ich allerdings geachtet habe, war mein Umgang mit Süßigkeiten. Denn die waren immer der Grund, warum ich dick war und bin. Solange Lu hier war, habe ich mir natürlich Süßes verkniffen (das macht man als dicker Mensch ja eh – wenn dir jemand zuguckt, isst man viel weniger, damit niemand denkt, was frisst die Alte denn so viel). Zusammen mit dem Verzicht auf Kohlehydrate am Abend und ein bisschen mehr Bewegung waren dann auch gleich ein paar Kilo Speck weg, weswegen ich beim Neustyling eine andere Kleidergröße wählen durfte. Aber die Kartoffeln und die Nudeln waren abends sehr schnell wieder da, denn, wie im ersten Absatz da ganz weit oben gesagt: Ich wollte nicht abnehmen, sondern genießen. Oder ne Nummer kleiner: normal essen können.

Also habe ich angefangen, mir in Kochblogs Rezepte rauszusuchen. Kochbücher zu kaufen. Gewürze auszuprobieren, deren Namen ich noch nie gehört hatte, bevor sie in einem Rezept auftauchten. Ich habe angefangen, normal zu essen. So einfach und doch so schwierig, wenn man es 25 Jahre lang nicht gemacht hat. Nur essen, mit guten Zutaten und einer gewissen Hingabe an die Zubereitung, mit der nötigen Ruhe (oder der passenden Fernsehsendung, schon gut) und einem Glas Wein dazu. Und nach dem Abendessen kam dann wie üblich die Schokolade.

Jede halbwegs vernünftige Diät (wenn’s überhaupt eine gibt) arbeitet mit einer Obergrenze, meist an Fett und Kalorien, und innerhalb dieser Vorgabe kann man essen, was man will. Eigentlich ne prima Sache, und so ist jedes Diätforum voll mit tollen Tipps, mit wie wenig Nahrung man so über den Tag kommen kann, ganz gleich, ob man dauernd friert oder die Haut schlechter wird, und wie großartig das ist, den Körper im künstlichen Hungerzustand zu halten. Theoretisch hätte ich bei jeder Diät jeden Abend Schokolade essen können, nur eben nicht in der Menge, die ich gewohnt war. Einen Kinderriegel zum Drauffreuen und dann gibt’s nichts mehr bis morgen. Hätte funktionieren können. Hat’s bei mir aber nie. Wenn ich einen Zehnerpack Kinderriegel im Kühlschrank hatte, hab ich den auch essen wollen. Wenn ich eine Tafel Schokolade aufmache, will ich die ganz und nicht nur einen Riegel. Weswegen ich bei jeder Diät spätestens nach vier Wochen einen riesigen Fressflash hatte, bei dem ich in fünf Minuten ein Weißbrot und ein Glas Nutella eingeatmet habe. Ich habe bei keiner Diät ein auch nur halbwegs gesundes Essverhalten gelernt, weil ich mir vieles versagt habe, was mir nun einmal schmeckt. Und deswegen hat bei mir auch nie eine Diät funktioniert, sobald ich mir wieder etwas gegönnt habe, was mir schmeckt. Was wieder meinen Punkt belegt, dass Diäten fürchterlicher Quatsch sind, weil man sich für den Rest des Lebens Dinge versagt, die einem gut tun. („Gut“ im Sinne von „mir geht’s gut“ und nicht im Sinne von „Ich hab den BMI, den irgendwelche Statistikwichser für mich als gut ansehen“.)

Und so habe ich im letzten Jahr gut und gesund gefrühstückt, ein ebensolches Mittagessen gehabt, noch besser zu Abend gekocht (was meist das Mittagessen für den nächsten Tag war) und habe direkt danach viel, viel Schokolade gegessen. Nicht, weil ich noch hungrig war, sondern einfach, weil ich es konnte. Weil mir niemand mehr gesagt hat, das sei eine „Sünde“.

Bis mir eines Tages aufgefallen ist, dass ich einfach keine Lust auf Schokolade hatte. Das habe ich schulterzuckend hingenommen, die Tafel wieder in die Speisekammer gelegt und 24 Stunden lang nicht daran gedacht. Einen Abend später merkte ich: Ich hab immer noch keine Lust auf Schokolade. Ich habe so viele gute und tolle und neue Geschmäcker im Mund und im Bauch, dass ich jetzt gerade keine Schokolade essen möchte. Ich habe, wie bei allem Essen, was ich im letzten Jahr zubereitet habe, in mich hineingehört: Hast du da jetzt Lust drauf? Hast du wirklich Hunger? Und zwar nicht mit dem missgünstigen Diät-Zeigefinger im Hinterkopf, der mir vorlügt, dass mir ein kalorienarmer Salat doch bestimmt viel besser schmecken würde als die Gnocchi mit Salbeibutter, sondern mit dem gutgelaunten Bauch und der noch besser gelaunten Seele: Auf was hast du jetzt so richtig Lust? Auf die Gnocchi? Dann machen wir jetzt Gnocchi.

Mein Kopf ist so gestört, dass er sehr, sehr lange geglaubt hat, er wird morgen sowieso wieder auf irgendeine bescheuerte Diät gesetzt, weswegen er grundsätzlich auf alles Lust hatte, was in meiner Nähe war. Wer weiß, wann’s wieder was Gutes gibt, also schnell her damit. Seit einigen Monaten kriegen Kopf und Bauch und Seele aber alles, was sie haben möchten und niemand zwingt sie mehr zu irgendwas, was sie doof finden. Und weil sie inzwischen wissen, dass sie immer und ewig Schokolade bekommen können, wollen sie plötzlich gar nicht mehr so dringend welche haben.

Seit einigen Monaten freue ich mich wieder auf etwas Süßes abends. Das ist mal eine ganze Tafel Schokolade. Das ist aber immer öfter nur ein Riegel. Oder ein riesiger Milchkaffee mit einem Stück Schokolade als Deko. Oder nur der Milchkaffee. Oder gar nichts. Ich kann essen, was immer ich will, und ich kann auch nichts essen, wenn ich das will. Das nennen die ganzen schlauen Bücher, die ich im letzten Jahr gelesen habe, „intuitives Essen“, und sie legen es jedem Diätgeplagten ans Herz.

Ich schütte seit einem Jahr an alles Olivenöl, und zwar nicht nur den 1-Punkt-Weight-Watchers-Teelöffel, sondern so viel wie Jamie Oliver, wenn er von „a little olive oil“ redet. Ich habe keinen Süßstoff mehr im Haus und trinke Tee mit Zucker. Im Kühlschrank ist immer Sahne vorrätig und wird gerne in Saucen gekippt (und noch lieber in Mousse oder Eiscreme). Ich backe gefühlt dauernd Kuchen und Muffins und Cupcakes. Ich haue Butter und Salz an mein Gemüse anstatt es kalorienarm zu dämpfen. Ich gönne mir sehr gerne ein Baguette oder Weißbrot statt des fiesen Vollkornbrots. Ich werfe Nüsse in Salate, karamellisiere alles, was in meiner Nähe ist, ich probiere, ich entdecke, ich genieße jeden verdammten Bissen, ohne einen Millimeter meines Gehirns damit zu belasten, wieviele Kalorien ich gerade zu mir nehmen. Und irgendwann war meine Jeans zu groß und der Gürtel zu weit und ich zog die Golfhose aus dem Schrank und sie passte.

Ich habe noch nie so gut gegessen wie im letzten Jahr, und ich habe 13 Kilo abgenommen. Weil ich endlich esse, was mein Körper haben will und was ihm gut tut und was mir schmeckt und was mir Spaß macht. Weil ich keine Selbstvorwürfe mehr zulasse und mich ärgere, wenn ich die ganze Tafel Schokolade gegessen habe, wo doch gestern nur ein Stück gereicht hat. Weil ich mich aufs Essen freue und aufs Kochen und aufs Genießen.

Und die Waage ist nach dem einmaligen Draufsteigen und Wundern wieder in der Abstellkammer gelandet.

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20.10.2010

Tagebuch Samstag, 16.10. und Sonntag, 17.10.

Einkäufe verstauen. Paprika für die Vorspeise, Champignons und Rote Bete für den Hauptgang, Weintrauben für den Käsegang.

Darjeeling-Eis zubereiten. Mit Zucker.

Beim Abstellen der Zuckertüte vielleicht mal hingucken, wo genau die Arbeitsplatte zuende ist.

Der Entsafter – das einzige Küchengerät, bei dem das Reinigen länger dauert als das Verarbeiten der Lebensmittel. Runner-up: der Spätzlehobel.

Pistazien für die Vorspeise. (Pistazienknacker #wasfehlt)

Der Käsegang, halb zusammengebaut.

Für vorher (Gläser) und mittenmang (Karaffen, Original-DDR-Design, passen eins A zu den Ikea-Wassergläsern).

Für nachher (Gläser und Grappa).

Nehmsedochplatz …

… und haunserin.

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16.09.2010

Warum ich meine eBooks durchaus auf ein Kaltgetränk einlade, sie aber nicht heiraten möchte

Seit ich das iPad habe, habe ich darauf meist gelesen. Magazine wie den Spiegel oder das Times Magazine, lustiges Zeug wie Flipboard, ein paar Gratiscomics von Marvel oder DC. Drei Bücher habe ich im eBookstore von Apple erstanden (mehr haben mich bei der lausigen Auswahl nicht interessiert, aber ich glaube, das wird gerade besser – die Auswahl an englischsprachigem Kram ist jedenfalls größer als noch vor ein paar Wochen) und weitere vier über die Kindle-App bei amazon.com, von denen ich eins noch lesen will. Oder besser: muss. Oder noch besser: Ich kauf’s mir nochmal auf Papier.

Als die ersten eBooks aufkamen, war ich bei der Fraktion, die den Untergang des Abendlandes beklagten, den Geruch von frischen, hübsch bedruckten Seiten vermissten (ohne jemals ein eBook gelesen zu haben), und überhaupt könne das ja gar keinen Spaß machen, ein Buch am Rechner zu lesen.

Am Rechner machen mir lange Texte auch immer noch keinen Spaß; ich muss mich meistens zwingen, die langen zehnseitigen Einträge zum Beispiel im NYT Magazine wirklich bis zum Schluss zu lesen. Beim iPad ist das aber anders. Ich kann damit bequem im Bett rumlungern (mein liebster Ort zum Lesen), man kann das Ding gut halten, und der Bildschirm ist wirklich toll. Ich wollte es ja selbst kaum glauben, aber ich habe damit sechs nicht gerade kurze Bücher entspannt durchgelesen. Nebenbei ohne den Geruch von Seiten zu vermissen oder das Gefühl, eine Seite umzublättern anstatt eine Wischbewegung am Screen zu machen.

Wovor ich Angst hatte – und die Angst hat sich leider nicht legen können: mich im Buch zu verlieren. Keine Orientierung darüber zu haben, wo ich mich befinde, wieviel schon hinter mir liegt, wieviel ich noch vor mir habe. Ich kann nicht mal sagen, warum das für mich wichtig ist, aber ich möchte das gerne wissen. Oder spüren, am einfachsten daran, wie sich das Seitenverhältnis in meinen Händen ändert, von den wenigen Seiten in der linken und dem dicken Stapel in der rechten Hand zum genau umgekehrten Verhältnis.

Bei den iBookstore-Büchern hat das immerhin halbwegs funktioniert, weil sie Seitenzahlen haben; bei den Kindlebüchern war es völliger Müll, weil der Kindle nur in Prozent und seltsamen vierstelligen Zahlen anzeigt, wo man sich im Buch befindet (sind das Längen- und Breitengrade? What the …?). Das habe ich vor allem bei Eating Animals gemerkt, wo die Prozentzahl beharrlich irgendwo bei 50 bis 60% war, und ich mich allmählich gefragt habe, worüber der Mann noch alles schreiben will – bis bei 60% der Anhang anfing. Die Fußnoten, die, weiß ich nicht, in der Printausgabe vielleicht kleiner gedruckt sind und deshalb weniger Platz fordern, nehmen in der Kindle-Ausgabe 40 dicke Prozent des Buchs ein. Was mich zur nächsten Nerverei führt: Ich wusste nicht mal, dass das Buch Fußnoten hat, weil die im Text nicht angezeigt wurden und ich ein eBook vor dem Lesen nicht mal kurz durchblättern kann, um zu erfahren, ob nach dem eigentlichen Text vielleicht noch was Tolles kommt. Jetzt weiß ich immerhin: Erstmal auf „Notes“ oder „Anhang“ klicken, bevor ich mit dem Lesen anfange.

Im Nachhinein hatte ich bei Eating Animals keine Lust, die Fußnoten zu lesen, obwohl sie – hier ein Punkt für die eBooks – mit einem direkten Link in den Text versehen waren. Ein noch größerer Punkt wäre es natürlich, wenn der Text Links hätte, die direkt zu den Fußnoten führten und nicht umgekehrt. Immerhin: Wenn eine Fußnote einen Link beinhaltete, war auch der zu öffnen und führte direkt in die Tiefen des Webs, kein anstrengendes Copypaste nötig. Aber wie gesagt, ich hatte keine Lust, das Buch quasi nochmal zu lesen, nur um die Fußnoten nachvollziehen zu können.

Eben schon erwähnt: Ich kann nicht im Buch blättern. Muss man selten, weiß ich, aber – wenn ich am Monatsende meine Bücherliste schreibe, zitiere ich gerne mal aus dem Buch, über das ich schreibe. Oder lese noch mal quer, wenn ich inhaltlich nicht mehr alles so haargenau weiß. Geht bei eBooks leider nicht. Das Zitieren wird zwar dadurch vereinfacht, dass man im Text Zeilen markieren kann und die dann gesammelt in einer Liste auftauchen und man sie sich notfalls auch prima per Mail schicken kann anstatt seitenlang abtippen zu müssen. (Das hätte ich gerne bei Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gehabt.)

Aber wenn man ein Sachbuch liest wie Eating Animals oder (das habe ich euch noch nicht vorgestellt) 97 Orchard, wo es um die Essgewohnheiten von fünf Einwandererfamilien in den USA der Jahrhundertwende geht und wo man so ziemlich auf jeder Seite etwas markieren kann, weil es zitierenswert ist, hat man zum Schluss 150 Items in der Liste und muss die theoretisch alle anklicken und durchlesen. Anstatt in einem schönen Papierbuch eben mal querzulesen. 97 Orchard hatte übrigens auch Fußnoten: Hier tauchten im Text immerhin die Nummern auf, die auf eine Fußnote hinwiesen, aber sie waren ohne Link, so dass man immer auf den Menüpunkt „Go to“ klicken musste, dann auf „Content“, dann auf „Notes“, und dann durfte man manuell rumblättern, bis man bei der Seite war, auf der die Fußnote stand. Toll. Nicht.

Der letzte Punkt, der mich dazu bewogen hat, den eBooks größtenteils erstmal wieder „Auf Wiedersehen“ zu sagen, ist ein recht persönlicher: Mir hat nach dem Lesen des Buchs ganz simpel das Zuklappen gefehlt. Das nochmal Angucken, das kurz innerlich Würdigen, und dann der Gang zum Regal, um es einzusortieren. Das mag blöd klingen, aber ich kann von eBooks nicht Abschied nehmen, wie ich es von Papierbüchern kann. Mir fehlt ein gefühlter Abschluss, um mit leerem Kopf das nächste Buch zu beginnen. Was auch dadurch erschwert wird, dass eBooks alle gleich aussehen, zumindest auf dem Kindle, der eine extrem mickrige Auswahl an Schrifttypen hat, mit denen man sich das Buch anzeigen lassen kann.

Natürlich haben eBooks Vorteile, die ich genossen habe: Sie sind sofort bei einem. Man muss nicht mehr auf Amazon warten, dass sie das Buch losschicken, man muss nicht mehr auf den Postboten waren, bis er sich die zwei Stockwerke hochbequemt, wahlweise: Man muss nicht mehr zur Packstation rennen. Stattdessen klickt man auf „Ja, kaufen, her damit“, und keine Minute später ist das Ding da. Zum fast gleichen Preis wie ein gedrucktes Buch übrigens. Auch toll. Nicht.

Und noch ein Vorteil: Man muss nicht mehr drei Bücher mit sich rumtragen, sondern nur ein Lesegerät. Und Vielleser_innen wissen, dass man gerade unterwegs immer mehrere Bücher dabeihaben muss, denn man weiß ja nie, wofür man in der Stimmung ist. Für eine zweistündige Zugfahrt brauche ich mindestens zwei Bücher und ein Magazin, für eine fünftägige Buchung in einer anderen Stadt minimum drei Bücher, auch wenn ich nicht zum Lesen kommen werde. Egal. Ich muss sie im Koffer haben. Dafür ist das iPad natürlich großartig: alles dabei, Bücher, Magazine, das gesamte Internet, meine Mails, Twitter und ein paar Spiele, falls der Flieger Verspätung hat.

Ach ja, Flugzeug: „Bitte schalten Sie nun alle elektronischen Geräte ab“. 15 Minuten vor der Landung habe ich das verdammte Bordmagazin lesen müssen, weil mein iPad schlafengelegt wurde. Was eine noch größere Strafe für Buchliebhaber_innen ist: Nicht lesen zu dürfen, obwohl man was dabei hat, ist schlimmer als nichts dabeizuhaben, weil man dann eben mal nicht lesen kann, basta. (Obwohl man als bibliophiler Mensch ja eh immer was dabei hat, deswegen tritt dieser Fall eigentlich gar nicht ein.) Was ich sagen will: eBooks sind im Flugzeug komplett doof. Und leider bei Sonnenlicht auch: Das entspannte Lesen zum Beispiel an der Bushaltestelle kann man bei Sonnenschein ziemlich vergessen; selbst bei voll aufgedrehter Helligkeit waren die „Buchseiten“ nur sehr schwer zu entziffern.

Mein iPad wird weiterhin in der Wohnung rumgetragen, und ich werde weiter damit den Spiegel lesen, aber wenn es um Bücher geht, kehre ich wahrscheinlich wieder zu meinen Lieblingen aus Papier zurück. Und in den Schoß der Fraktion der altmodischen Leser_innen. Und zu den Menschen, die am Bahnsteig einen viel zu dicken Rucksack tragen, aus dem ein paar Paperbacks lugen.

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13.09.2010

Pumpkin Pie

Dieser Eintrag ist einer von der Sorte, die ich in anderen Kochblogs nur bedingt ertrage: erstmal ne Riesengeschichte erzählen und zum Schluss drei Zeilen Rezept. Deswegen mache ich das recht selten, aber bei Pumpkin Pie (einem weiteren Lebensmittel, bei dem ich mich weigere, es deutsch auszusprechen) muss das sein. Weil.

Ich habe ein kleines, blaues Ringbüchlein. Es ist nicht einmal postkartengroß, und darin klebe ich ausgewähltes Zeug ein: Erinnerungen an Reisen, schöne Momente, Menschen. Das Büchlein habe ich 1992 angefangen; was auf dem Foto aus dem Buch lugt, sind zum Beispiel ägyptische Pfund-Noten, eine chinesische Telefonrechnung, ein Abriss einer papiernen Frühstücksunterlage aus Israel, auf der ein paar hebräische Vokabeln stehen. Das Ticket der White Star Line, mit dem ich in London durch die Titanic-Ausstellung gegangen bin. Und ein Begleitzettel der Landesbibliothek Hannover, der im letzten Buch lag, das ich jemals für mein Studium ausgeliehen habe und auf dem eine Notiz von mir steht, ein Stück aus einem Songtext von Jackson Browne, Sky Blue and Black:

“Where the touch of the lover ends,
And the soul of the friend begins,
There’s a need to be separate and a need to be one
And a struggle neither wins“

Ein Stück Papier liegt mir besonders am Herzen: ein Einkaufsbeleg von meiner ersten Reise nach Amerika, bei der ich Karl besucht habe. Auf diesem Beleg ist als letzter Posten ein Kürbiskuchen eingebont – der erste, den ich jemals gegessen habe und für mich ein typisch amerikanisches Gericht. Das war für mich damals etwas ganz Besonderes, und das ist es bis heute, wahrscheinlich weil ich mich immer daran erinnern werde, wie ich mit Karl einkaufen war, in seinem Lieblings-Scott’s, wie wir in seinem türkisfarbenen Civic nach Hause gefahren sind, es uns auf seinem Sofa gemütlich gemacht, die Rosie-O’Donnell-Show geguckt haben und ich eben meinen ersten Pumpkin Pie gegessen habe – natürlich mit fieser Fertigsahne, die auch auf dem Beleg zu finden ist.

Nicht jedes Essen hat eine Bedeutung. Das hier hat eine. Wenn auch nur für mich. Ich habe danach nie wieder Kürbiskuchen gegessen, nicht mal bewusst, einfach weil ich ihn mit einem besonderen Moment und einem besonderen Menschen verbinde. Und jetzt, wo ich knapp fünfzehn Jahre später Gefühle von damals wiedererwecken kann, mit ein paar kleinen Zutaten, weiß ich nicht, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht. Weil ich schon beim Essen geflennt habe, genau wie jetzt beim Aufschreiben.

Das Rezept stammt von USA Kulinarisch. Ich hatte von meiner Kürbispolenta noch etwas Kürbis übrig – so bin ich überhaupt auf die doofe Idee mit dem Kuchen gekommen –, allerdings nur ein Drittel der Menge, die das Rezept gerne hätte. Für eine 18-Zentimeter-Springform war es perfekt. Hier ist das Rezept für eine 26er:

Aus

250 g Mehl,
1/2 TL Backpulver,
75 g Zucker,
1 Ei und
125 g kalter Butter

einen Mürbeteig herstellen. In Klarsichtfolie einwickeln und für mindestens eine halbe Stunde im Kühlschrank ruhen lassen. Dann ausrollen und die Springform damit auskleiden. Einen Rand von ungefähr drei Zentimeter Höhe basteln. Für die Füllung Folgendes mischen:

350 g Kürbispüree (ich habe dafür die Kürbisstücke bei 200 Grad für circa 45 Minuten im Ofen gebacken und danach püriert),
150 g brauner Zucker,
1/2 Teelöffel frisch geriebener Ingwer,
1/2 TL frisch geriebene Muskatnuss,
1 TL Zimt,
1 Prise gemahlene Nelken,
2 EL Zuckerrübensirup,
3 Eier und
200 bis 250 ml Schlagsahne.

Die Mischung auf dem Boden verteilen und alles im auf 180° vorgeheizten Ofen für circa 45 Minuten backen.

Der Kuchen hat genauso geschmeckt wie ich ihn aus Amerika in Erinnerung hatte: angenehm zimtig, aber nicht nach Weihnachten und nicht zu süß. Auch die weiteren Gewürze waren sehr rund und ausgewogen. Ich weiß trotzdem nicht, ob ich den Kuchen nochmal zubereiten möchte. Ich bin überrascht davon, wie nahe mir Essen kommen kann. Also nicht in dem Sinne, dass es böse ist, so wie mir jedes Essen bis vor einem Jahr vorgekommen ist. Sondern im Sinne von: Ach guck, den Schmerz hattest du schon wieder vergessen können. Nimm noch ne Gabel, vielleicht wird’s dann besser.

Wird’s nicht.

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20.08.2010

Fußball gucken

Der Kerl und ich sind seit über sechs Jahren zusammen. In dieser Zeit haben wir so manche Stunde gemeinsam vor dem Fernseher verbracht: vor VH-1, um über alte Videos zu lästern und uns gegenseitig zu erzählen, wo wir sie zum ersten Mal gesehen haben und wie jung und unschuldig wir damals waren. Vor Premiere, um Filme zu gucken, bei denen ich keine Lust hatte, die DVD auszuleihen. Und vor gefühlt dutzenden von Sendern, auf denen Fußball läuft, American Football, Baseball, Leichtathletik, Wintersport (alles außer Eiskunstlaufen), Rugby, Eishockey und was es sonst noch so alles gibt, bei dem man sich die Lunge aus dem Leib rennen kann. Aber eben hauptsächlich Fußball.

Unser erstes Date fand im Kino statt, unser zweites war dann schon Footballgucken beim Kerl auf dem Sofa. Ich kannte sein Blog, in dem recht häufig über Sport geschrieben wurde und wusste daher, auf was ich mich einließ. Dachte ich. Football hatte ich vor der Beziehung auch schon gesehen, allerdings nicht viel mehr als den Super Bowl, aber als Amerika-Fan kannte ich mich trotzdem so ein ganz winziges bisschen mit dem Sport aus und hatte ein Brett-Favre-Trikot im Schrank. (Okay, ich hab’s mir für das Date gekauft, schon gut. Aber geistig hatte ich das schon vorher im Schrank. Inzwischen trage ich Peyton Manning in blau.) Auch Fußball war nichts Neues für mich: Papa erzählt heute noch gerne die Geschichte, dass der erste Fernseher im Hause Gröner pünktlich für die WM 1974 angeschafft wurde, der erste in Farbe dann für die WM 78, und mein erstes Spiel im Stadion war mit Papa die Begegnung Irland-Sowjetunion bei der EM 88 in Hannover. Die Spiele der Nationalmannschaft wurden bei uns immer angeschaut, und ich kenne bis heute mehr Namen der Mannschaft der WM 1982 in Spanien (Naranjitoooo!) als die der WM-Mannschaft des Sommermärchens 2006.

Aber Fußballgucken mit dem Kerl war anders. Als Sesselathlet hatte er natürlich das Premiereabo mit allen Sportkanälen, und daher war Samstag heilige Bundesligazeit. Andere Pärchen sehen sich unter der Woche nicht so häufig, aber dafür am Wochenende – wir haben uns von Anfang an so gut wie jeden Abend unter der Woche gesehen, aber dafür war am Wochenende getrennt sein angesagt: Kerl guckte Fussi, ich Filme. Jeder in seiner Wohnung, und jeder war glücklich damit.

Bis wir zusammengezogen sind und ich auf einmal die Gelegenheit hatte, mich auch mal um 15.30 Uhr vor die sagenumwobene Konferenz zu setzen und den deutschen Vereinen bei der Arbeit zuzugucken. Anfangs bin ich regelmäßig dabei eingeschlafen – Fußball hat so eine angenehm-eintönige Geräuschkulisse, außer in Südafrika –, aber irgendwann bin ich wachgeblieben und durfte feststellen, dass Vereinsfußball eine ganz andere Kiste ist als Nationalmannschaftsfußball.

Bisher war ich naiv davon ausgegangen: In der Nationalmannschaft spielen die besten Kerle, also muss auch der Fußball der beste sein. Was natürlich Blödsinn ist, weil Vereinsfußballer den lieben langen Tag miteinander trainieren können, während die Nationalmannschaft sich weitaus seltener sieht, um Spielzüge einzustudieren. Und so habe ich gemerkt, wie spannend Vereinsfußball sein kann und um wieviel attraktiver er anzuschauen ist. Nach und nach bin ich dann auch bei den Europapokal- und Champions-League-Spielen hängengeblieben, auch wenn ich dort eher auf Schnuckel geachtet habe als auf gute Spiele. Aber seit der letzten Bundesligasaison hat sich auch das geändert. Denn da habe ich blöderweise gemerkt, dass ich ausgerechnet Bayern München sehr gerne zuschaue.

Mein lokalpatriotisches Herz schlägt natürlich für Hannover 96, aber ich habe kaum ein Spiel von ihnen gesehen – außer wenn sie gegen den HSV spielen, dem der Rest meines Herzens gehört. Der Kerl sieht sich grundsätzlich alle Pauli-Spiele an, dann alle HSV-Spiele und dann alles andere. Daher kenne ich die HSV-Mannschaft einfach am besten, habe mir allmählich die Spielernamen merken können und gucke ein bisschen aufmerksamer zu. Und: Inzwischen achte ich nicht nur auf den Ball, sondern auch auf die Jungs, die den Ball gerade nicht haben. Ich erkenne so laaangsam die Spielsysteme, nach denen gebolzt wird, und ich erkenne ebenso langsam die Unterschiede zwischen den einzelnen Mannschaften. Ich mag inzwischen ein 0:0 lieber, wenn das Spiel taktisch faszinierend ist, als eine 8:0-Hinrichtung, bei der nur noch eine Mannschaft was vom Spiel hat. Und das ist, wie gesagt, die Schuld von Bayern München. Seit der Herr van Gaal die Jungs trainiert, gucke ich ihnen unglaublich gerne bei der Arbeit zu, weil so gut wie jedes Spiel einfach schön zum Zugucken ist: flüssig, taktisch klug, kein blödes Nachvornewerfen und Hail-Mary-Gekicke (der Kaiser nennt es Kick-and-Rush), sondern gezielte Aufbauarbeit im Mittelfeld und teilweise unfassbare Abschlüsse (Robben und Olic, I’m looking at you).

Die lustige Wortkombination „Aufbauarbeit im Mittelfeld“ kommt mir inzwischen ziemlich flüssig über die Lippen, denn mich hat es immer genervt, dass der Kerl so launig von „Rauten“ fabulierte, von der „Doppelsechs“ oder der „flachen Vier“, dass ich angefangen habe, mich auch theoretisch mit Fußball zu beschäftigen. Seit der WM ist Zonal Marking meine zweite Heimat, auch wenn ich mich sehr konzentrieren muss, um einen Eintrag zuende zu lesen; es fühlt sich fast an wie früher an der Uni Fachliteratur zu studieren, das kann man nicht mal eben so überfliegen. Und vor wenigen Tagen habe ich mein neues Lieblingsbuch beendet: Inverting the Pyramid vom Sportjournalisten Jonathan Wilson. Es beschreibt die Veränderung von Fußballtaktiken seit Beginn des Spiels bis heute. Der Titel kommt vom ersten System, das jemals gespielt wurde, einem 2-3-5, also zwei Verteidiger, drei Mittelfeldspieler und fünf Stürmer. Heute ist die Gewichtung genau umgekehrt; es stehen grundsätzlich mehr Verteidiger als Stürmer auf dem Platz, und die deutsche Mannschaft hat während der WM meist in der Formation 4-2-3-1 gespielt.

Seitdem ich mich mit Spielsystemen beschäftige, gucke ich Fußballspiele ganz anders. Auf einmal ist es gar nicht mehr so wichtig, ob ein Tor fällt oder nicht, es ist viel spannender, dem Fluss des Balls zuzuschauen, den Bewegungen der Spieler bzw. einer Linie – der Verteidigungslinie, wie sie die Abseitsfalle vorbereitet oder dem offensiven Mittelfeld, wie es sich gemeinsam nach vorne schiebt und die Stürmer füttert –, wie gut das Zusammenspiel funktioniert (Hallo, FCB) oder eben nicht (Hallo, HSV). Es ist auf einmal ästhetischer, Fußball zu gucken, wenn man weiß, warum die Jungs auf dem Feld so und nicht anders rumwuseln. Und als der Kerl und ich vor kurzem Liverpool gegen Arsenal geguckt haben und ICH DIE SYSTEME RICHTIG ERKANNT HABE UND DER KERL NICHT, war das wie Weihnachten. (Ich bin sehr einfach glücklich zu machen.)

Mit diesem theoretischen Rüstzeug bin ich sehr gespannt auf die neue Bundesligasaison, die heute startet, weil ich zum ersten Mal von Anfang an ganz anders dabei sein werde. Ich werde immer noch 96 die Daumen drücken, egal wie scheiße sie spielen, ich werde bei HSV gegen Pauli dem HSV alles Gute wünschen, während der Kerl für Pauli sein wird, und ich freue mich auf dutzende von europäischen Begegnungen, weil das wieder ein ganz anderer Schnack ist. Das einzige, was mich ein bisschen wehmütig macht: Ich gucke Spiele der Nationalmannschaft nicht mehr ganz so gerne, weil ich inzwischen weiß, wie großartig Vereinsfußball sein kann. Aber immerhin kann man bei denen Fahnen schwenken und hupend durch die Gegend fahren. Ist ja auch was.

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16.08.2010

Über Kleidung

“Clothes, as I tweeted to a twitter friend, are not camouflage – no amount of clothing is going to make me look like a thin person. And, you know, I wouldn’t want it to. I want to wear things that make me joyous, things that make me look like ME, things that kick ass. My idea of flattering probably isn’t the mainstream definition (which is more like: slimming) but COME ON. Are we really still stuck in the days of dressing to hide, to diminish, to disappear?

I damn well refuse to participate in that.

Fat people are not invisible, nor should we aspire to be.”

Von The Rotund. Im Eintrag geht es um ein Cafepress-Shirt einer weiteren dicken Bloggerin, die ausgerechnet vom Übergrößenhersteller Lane Bryant einen doofen Tweet an die Backe gekriegt hat. Um das Thema ging’s mir gar nicht, nur um das Statement: Klamotten sind dazu da, damit ich aussehe, wie ICH aussehen will. Nicht um irgendwelchen Idealen zu entsprechen, denen ich eh nicht entsprechen kann. Und niemand hat mir zu sagen, he, du bist zu dick, um irgendwas Bestimmtes anzuziehen. Nein, bin ich nicht. Wenn ich will, laufe ich im Bikini und Leggings durch die Gegend, und unglaublicherweise wird davon die Welt nicht untergehen und du wirst keinen Augenkrebs bekommen.

Seit ich mit meinem Körper Frieden geschlossen habe, habe ich das auch mit anderer Menschen Körper getan. Ich versuche jeden Tag, meine innere Lästerschwester in die Verbannung zu schicken. Nicht jeder, der Flipflops trägt, hat pedikürte Füße? Egal. Nicht jede, die enge Shirts trägt, hat Größe 34? Egal. Es ist egal, nein, es hat mir verdammt nochmal egal zu sein, wie der Rest der Welt rumläuft. Jede/r sollte sich so anziehen dürfen, wie er oder sie es möchte, ohne dass irgendjemand sich auf ein hohes Ross schwingt und meint, er oder sie habe da aber ne ganz andere Meinung zu. Kannst du ja haben, aber: Warum sollte ich auf dich hören? Ich hör ja auch nicht auf dich, wenn du mir sagst, dass die Böhsen Onkelz tolle Musik machen oder Schnecken total lecker sind. Warum sollte ich dann auf dich hören, wenn du mir sagst, dass ich diese engen Hosen nicht tragen kann? Kann ich nämlich super, guck mal.

Interessanterweise wird auch das eigene Körpergefühl viel positiver, wenn man sich nicht den ganzen Tag damit beschäftigt, bei anderen Menschen Fehler zu finden. Wenn man nämlich stattdessen versucht, bei jedem Menschen etwas zu finden, was schön ist, merkt man erstens, dass man immer etwas findet. Und zweitens, wie okay man selbst eigentlich ist.

Und weil ich nach 100 Jahren Kampf gegen mich selbst auch endlich weiß, wie okay ich bin, habe ich am letzten Samstag zu einer Hochzeit etwas getragen, das ich seit meiner Konfirmation im letzten Jahrtausend nicht mehr getragen habe: ein Kleid. Ein langes, tief ausgeschnittenes, auberginenfarbiges Kleid, das gleich mehrere meiner „Problemzonen“ (what the FUCKING FUCK?) richtig schön zur Schau stellt. Erstens: meine Füße in den silbernen Sandaletten. Die habe ich seit Jahren in Strümpfen und Sneakers versteckt, weil das ja wer eklig finden könnte, so patschige Füße mit so rundlichen Zehen. Und meine Piercingnarbe im Dekollete, die ich auch ewig verdeckt habe, weil das ja wer eklig finden könnte, so Narben. Und das Schlimmste von allen: meine Oberarme, die sich bewegen, wenn sich der Rest von mir bewegt. Sie kennen ja sicher den charmanten Ausdruck „Winkfett“? Genau. Nur mal so nebenbei: Die einzigen beiden Frauen, die ich „kenne“, bei denen das Gewebe der Oberarme sich nicht einen Millimeter bewegt, wenn sich die Frau dazu bewegt, sind Gwyneth Paltrow und Madonna, und die gehen, wenn ich den Klatschmagazinen glauben darf, jeden Tag drei Stunden dafür ins Fitnessstudio. Dürfen sie gerne machen, sie sehen ja auch toll aus, aber ich persönlich lese in diesen drei Stunden lieber ein Buch oder koche leckeres Zeug, mit dem ich Blogleser_innen vergraule. Und deswegen flattern meine Ärmchen lustig rum, wenn ich lustig rumflattere. Und weißt du was? Das ist okay. Und wenn du das nicht okay findest, dann guck einfach woanders hin.

Es hat, ehrlich gesagt, ein winziges bisschen Überwindung gekostet, mit nackten Füßen und Armen und Ausschnitt aus dem Haus zu gehen (und nebenbei musste ich erstmal ein bisschen üben, wie man nochmal im Kleid geht und sitzt und wieder aufsteht), aber ich habe mich nach nur wenigen Minuten unfassbar schweinewohl im Kleid und in meiner Haut gefühlt, dass ich es selbst kaum glauben konnte. Netterweise habe ich auch von so gut wie jedem Menschen auf der Hochzeit, den ich kannte, ein Kompliment gekriegt – wohl auch, weil alle diese Menschen mich noch nie so gesehen haben. Irgendjemand meinte, ich trüge das alles sehr souverän und als ob ich noch nie was anderes angehabt habe. Und genauso hat es sich auch angefühlt. Souverän. Und glücklich. Und es war scheißegal, dass im Waschzettel die 52 steht anstatt der gesellschaftlich akzeptablen 38. Souverän, Baby. Das machen wir gleich nochmal.

Edit: meine allerliebste und extrem inspirierende Flickr-Gruppe – die Fatshionistas. Dicke Frauen in tollen Klamotten. Ganz groß. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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21.07.2010

Leserpost

Montag abend in meinem Postfach:

„Ich lese dein Blog nun bestimmt schon seit 2-3 Jahren, und finde es schade, dass es sich in letzter Zeit zu einem “Koch- bzw. Rezepte-Blog” entwickelt. Vermisse die Zeit, in der du noch über Filme, Bücher, Serien, deinen Job und allgemeine Tagesbeobachtungen geschrieben hast.“

Zuerst wollte ich die Mail persönlich beantworten, aber dann dachte ich, machste das doch mal hier.

Ich habe das selber auch schon mitgekriegt, dass das Blog immer futterlastiger wird, und an manchen Tagen geht es mir auch auf den (haha) Keks. Aber: Das beschäftigt mich nun mal zurzeit. Oder seit ein paar Monaten. Und das geht mir wiederum so gar nicht auf den Keks, weil ich es eben jahrelang vermieden habe, mich großartig mit Essen zu beschäftigen, weil Essen ja doof war. Jetzt ist Essen toll, und deswegen schreibe ich so viel darüber.

Dass das nicht jedem (haha) schmeckt, ist mir auch klar. Aber die Futtereinträge sind im Prinzip nichts anderes als meine Tagesbeobachtungen. Ich könnte jetzt um die Rezepte noch wilde Geschichten stricken, was mir alles beim Einkaufen passiert ist oder wer neben mir im Bus gesessen hat, als ich mit den drei Tüten voller Leckereien gekämpft habe, aber wenn ich ehrlich sein darf: Das geht mir in anderen Fressblogs absolut auf die Nerven. Ich will nicht erst 100 Zeilen Blabla lesen, bevor ich weiß, wie man dieses Rezept jetzt zubereitet. Wenn es passt, lasse ich mir das gerne gefallen, aber auf Krampf eine Alltagsbeobachtung aus einem Schokokuchen zu machen, finde ich doof. Sowohl bei mir als auch bei anderen.

Aber darum geht’s ja gar nicht. Ich schreibe in dieses Blog seit Jahren rein, was mich beschäftigt. (Seit über acht Jahren, um genau zu sein. Hatte am 1. Juli Bloggeburtstag, den ich mal wieder verschlafen habe.) Im Moment beschäftigt mich Essen. Davor waren es Serien. Die beschäftigen mich immer noch, aber dafür muss ich erstmal zehn, zwanzig Folgen gucken, bevor ich was darüber schreiben möchte. Und da ich im Moment viel Zeit in der Küche verbringe oder auf Märkten oder im Internet bei Weinhandlungen, kann und will ich gerade nicht so lange vor dem DVD-Player rumlungern.

Vor den Serien waren es Filme, und da erlebe ich leider schon seit längerer Zeit eine leichte Müdigkeit. Ab und zu finde ich auf iTunes einen Film, den ich sehen und besprechen möchte, aber das wird immer weniger. Mich ins Kino aufzuraffen, fällt mir immer schwerer – auch wenn ich heute um 14.50 Uhr einen Termin mit einem Lichtspielhaus geplant habe. Ob ich ihn einhalte, seht ihr dann morgen. Jetzt schließt auch noch meine Lieblingsvideothek mit den schönen amerikanischen und englischen Filmen, die hier noch nicht im Kino waren, weil sich anscheinend der Rest Hamburgs auch nicht mehr aufraffen kann oder will … ach, ein Elend. Aber solche Filmmüdigkeiten kenne ich von mir, auch wenn sie noch nie so lange gedauert haben wie momentan.

Mittendrin gab’s dann noch die Golfphase, für die ich stapelweise nölige Mails bekommen habe, wenn ich sie mir ausgedruckt hätte. Mein Rücken findet seit einigen Jahren die Abschlagsbewegung leider richtig doof, sonst könnte ich jetzt noch mehr Leser_innen vergrätzen, indem ich weiterhin meine Stunden auf der Range oder den hoppeligen Grüns in Moorfleet beschreibe. (Und danach mach ich Fotos von den Sandwiches im Clubrestaurant, haha.)

Und dann gab’s ganz am Anfang meine deprimierte Singlephase, die in eine fies verknallte Pärchenphase mündete (die netterweise noch anhält). Auch da gab’s Beschwerden: Zuerst die „Stell dich nicht so an“-Mails und dann die „Mann, wir waren alle schon mal verliebt“-Mails, die weniger Zuckerguss im Blog wollten.

Um nochmal auf die Leserpost zurückzukommen, die übrigens mit Anrede und Rausschmeißerfloskeln wirklich freundlich und okay klang und über die ich auch nicht böse bin, ABER: Ich setze mich nicht alle sechs Monate hin und überlege mir, wie ich meine Leserschichten umkrempeln kann. Ich fange nicht an zu kochen, um mir neue Follower zu ergaunern oder meinen Counter in die Höhe zu jagen (oder auf Null zu kriegen). Ich koche, weil es mir jetzt gerade Spaß macht. Genau wie mir Golf Spaß gemacht hat und der eine oder andere Film. Und deswegen schreibe ich drüber. Da steckt kein Plan dahinter. Das ist mein Leben. Und ihr dürft dabei zugucken.

Und wenn ich was mache, was euch langweilt, gibt’s direkt nebenan Blogs ohne Rezepte.

Aber wenn ich in einem Jahr mit Snooker anfange und ihr das nicht mitkriegt, weil ihr lieber woanders lest, dann nölt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!

Edit 17.30 Uhr, noch mehr Leserpost: „Ich lese gerne Kochrezepte, aber dennoch: Fang bitte mit Snooker an!“ Hehe.

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10.07.2010

Initiationsriten

Seitdem die Damen hinter Delicious Days und Cucina Casalinga mich in ihren RSS-Feeds unter „Foodblogger“ einsortiert haben, trage ich mein Näschen ein kleines bisschen höher. Auch wenn ich mich selber eher unter „Bemühte Rumköchelblogger mit Nachholbedarf“ einsortieren würde, aber ich möchte ja niemandem seine oder ihre RSS-Feed-Ordner vorschreiben, neinnein. Seit 30 Minuten trage ich die Nase jetzt aber ganz weit oben, denn ich habe es geschafft, mir meine erste Verletzung zu erkochen. Meiner Meinung nach ein Top-Deluxe-Aufnahmeritual.

Ich habe aber nicht so was Banales wie „halbe Fingerkuppe mit dem neuen japanischen, 120mal gefalteten Gemüsemesser abgetrennt“ hingekriegt oder „Augenbrauen am Original-amerikanischen-Gasflammenofen im Format 2 x 2 m versengt“. Nein, ich habe es geschafft, mich am Rücken zu verbrühen.

Eins der drei Rezepte, die ich mir für diesen Samstag vorgenommen hatte (alle drei schon erledigt, was mach ich denn jetzt?), war diese wundervoll klingende Ananas-Kokos-Konfitüre. Marmeladekochen habe ich als Kind immer bei Mama mitgekriegt und dabei einen ordentlichen Respekt vor der harmlos-obstig-bunten, aber fies heißen Masse eingeimpft bekommen. Die war schon mal nicht schuld, der habe ich mich tunlichst nur mit Teelöffel und Tellerchen für die Gelierprobe genähert. (Nachdem ich gegoogelt hatte, was diese seltsame Gelierprobe überhaupt ist.) Ich wusste von damals auch noch, dass die Gläser ausgekocht sein sollten, in die man die Marmelade füllt. Wir hatten zuhause einen riesigen Kessel, der gefühlt 30 Gläser fasste. Den habe ich natürlich nicht, und in meinem größten Topf kochte ja auch schon die Marmelade. Also habe ich zum größten Topf vom Kerl gegriffen, mit dem ich sonst nie koche, weil der aus Gusseisen ist und somit viel zu schwer für meine zarten Ärmchen.

In diesem eisernen Topf kochten also lustig meine Gläschen, die Gelierprobe war vielversprechend, ich wollte den Gläsertopf vom Herd ziehen, um die Gläser rauszuheben, ohne dauernd kochend-heißes Wasser abzukriegen, das auf der Flamme vor sich hinblubbern würde, griff also beherzt an die Topfgriffe – und merkte in dem Moment, ach ja, die sind ja nicht isoliert, NOCH EIN GRUND, WARUM DU NIE MIT DIESEM VERF***TEN TOPF KOCHST.

Ich habe beim Kochen immer ein Geschirrhandtuch über der Schulter hängen. Ich hatte mal versucht, mit Schürze zu kochen, aber das ging mir auf den Zeiger, dass ich immer dieses Band im Nacken hatte. Ich brauche aber trotzdem irgendwas, an dem ich dauernd meine Finger saubermachen kann. Lu hatte mir beim Coaching gezeigt, dass sie ihr Handtuch immer in den Hosenbund klemmt, aber das fand ich auch eher unkommod für mich. (Damit meine ich nicht, dass ich für meinen Hosenbund ein Badetuch brauche, sondern einfach, dass ich es doof fand.) Also hängt mein Tuch eben über der Schulter. Von dort habe ich es runtergezogen, damit die Griffe umfasst und den Topf verschoben und es mir dann wieder schwungvoll über die Schulter geworfen.

Blöderweise war das Handtuch von mir unbemerkt ins Wasser geraten.

Und blöderweise sind es gerade 35 Grad und ich koche im ziemlich rückenfreien Trägertop.

Nach dem ersten Schreck dachte ich, najut, machste mal weiter, aber da war anscheinend ne Menge Wasser auf meine arme, zarte Haut gelangt. Per Hand- und Badezimmerspiegel konnte ich einen gut 20 Zentimeter langen roten Streifen erkennen, der sich – ganz toll – vom Nackentattoo abwärts die Wirbelsäule runterringelte. Und nach den wenigen Schrecksekunden fing das dann auch richtig schön an zu zwirbeln.

Die nächsten 20 Sekunden habe ich gegoogelt, was man da wohl so machen kann, und die nächsten 20 Minuten habe ich mir ne kühle Dusche über die Schulter laufen lassen. Dann durfte mich der Kerl noch ein bisschen eincremen und sich mein Gejammer anhören. Und wenn jetzt die Marmelade nicht schmeckt, bin ich SCHLECHT GELAUNT.

Aber ich bin jetzt im Club. Und weiß außerdem, warum Köche und Köchinnen immer diese langärmeligen Jacken tragen.

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09.06.2010

Mündliche Mutprobe

Ich war neulich zum zweiten Mal im Trific, unter anderem, um die Erdbeeren endlich mal halbwegs scharf zu fotografieren, denn die habe ich natürlich nochmal gegessen. Außerdem habe ich so endlich Christian kennengelernt, auf dessen schönes Bloglayout ihr gerade alle schaut (alle außer den DRÜCKEBERGERN AUS DEM FEED!), Frau Monalisa und hammwanich mit charmanter Begleitung. Little Jamie und Isa kannte ich schon, aber das macht das Treffen ja noch netter.

Ich habe mich sofort auf den Gelben Muskateller gestürzt und dann todesmutig eine Vorspeise mit Tintenfisch bestellt, dem ich bisher immer weiträumig ausgewichen bin. Tintenfisch ist so ein Viech, bei dem ich mich wirklich frage, wie jemals wer auf die Idee gekommen ist, das essen zu wollen. Ist da mal ein Oktopus in einem Fischerboot gelandet und Herr oder Frau Fischer haben sich gedacht, ach guck mal, gleich acht Arme, da werden endlich mal alle satt und vorportioniert isses auch schon, oder was?

Im Zuge meiner neuen Liebe zum Kochen und Genießen habe ich mir aber vorgenommen, nicht immer die sichere Bank von der Karte zu bestellen – also das Zeug, das ich kenne –, sondern auch mal irgendwas, was ich noch nie gegessen habe. Diesmal also Tintenfisch. Der genaue Name der Vorspeise war Risotto mit Calamaretti, Erbsen und Spargelpesto und hat, wie alles in dem Laden, grandios geschmeckt. Ich hatte mir unter Calamaretti naiv kleine Stücke von Tintenfisch vorgestellt, die nicht mehr erkennen lassen, von was sie abgeschnitten wurden. Auf dem Teller lagen dann allerdings drei winzige Kraken und warteten darauf, in meinen Mund zu wandern, worauf ich meinen neuen kulinarischen Mut doch ein bisschen in die Ecke werfen und ein Käsebrot bestellen wollte.

Aber wer nicht wagt, der wird nicht satt. Also nicht lange darüber nachgedacht, wieviele Beinchen da gerade über meine Zunge wandern, rein damit – und lecker war’s! Weitaus weniger gummiartig als ich gedacht hatte und dazu äußerst schmeckig gewürzt.

Zwei Stühle weiter landete eine andere Vorspeise vor zwei Gästen: Austern. Auch noch nie gegessen, und Isa und ich quietschen dann auch ein wenig memmenhaft rum, was Jamie dazu hinriss, uns gnadenlos eine Auster anzubieten. Ich dachte, wenn ich schon Zeug mit Tentakeln essen kann, kann ich auch Mollusken essen. Die Schale war viel schwerer als ich erwartet hatte, und sie roch sehr frisch und salzig. Und so hat die Auster dann auch geschmeckt: ein bisschen wie schales Meerwasser, aber nicht langweilig oder unangenehm. Auch hier: kein Glibber, kein Gummi, einfach ein neues Essgefühl und ein einzigartiger Geruch in der Nase.

Ich werde beim nächsten Mal nicht unbedingt die Fischplatte Surprise ordern, aber ich war mal wieder sehr dankbar für ein paar neue Erfahrungen. Auch wenn ich nach der Auster relativ schnell einen großen Schluck Wein genommen habe. Und jetzt, nach dem Tippen, nehm ich noch einen, denn wie mir die Wikipedia verraten hat – im Gegensatz zur edlen Spenderin der Auster –, war die Muschel noch lebendig. Jetzt hab ich tagelang ein schlechtes Gewissen. (Und kann nie wieder über die Deppen beim Dschungelduell lästern, die lebendige Kakerlaken essen.)

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06.05.2010

Free your mind (and your fat ass will follow)

Ich habe zwei Fotos von mir in der wunderbaren Facebook-Gruppe „How to look like your shirt print“ hochgeladen. Das mag für viele von euch jetzt nicht so die Heldentat sein, aber für mich war es ein ziemlich großer Schritt. Der ziemlich gute Laune gemacht hat.

Ich bin dick. Und das ändert sich auch nicht mehr. Ich habe durch mein Foodcoaching zwar (zum hundertsten Mal) gelernt, wie ich wohl abnehmen könnte, aber das wusste ich auch schon vorher. Ich habe die Weight Watchers hinter mir, die ominöse Max-Planck-Diät, bei der man sich wochenlang von Steak und saurer Sahne und Orangensaft ernährt, ich habe Kalorien gezählt und Fett, habe Kohlsuppen gegessen, Gemüsebrühen, überteuerte Pülverchen und Trennkost, habe vegetarisch gelebt, weil ich gehofft hatte, dass das was bringt, habe angefangen zu rauchen, weil das ja angeblich den Hunger bekämpft, kurz, ich habe 25 Jahre lang einen Kampf gegen mich und meinen Körper geführt, weil ich fett war. Bin. Bleiben werde. Und das ist schließlich das Schlimmste, was man sich selber antun kann. Könnte man ja ändern. Man müsste ja nur weniger essen und sich mehr bewegen und schon ist man schlank und glücklich. Lustig, dass „schlank“ immer gleichgesetzt wird mit „glücklich“. Lustig auch, dass uns Dicken immer und überall eingeredet wird, wir seien so dermaßen unliebenswert und unsexy, dass sich niemand mit uns abgeben könnte. Wenn diese Scheißtheorie stimmt, müssten alle dünnen Menschen in tollen Beziehungen leben und wir Dicken würden einsam und alleine sterben, um von Ameisen aufgefressen zu werden, in unseren anonymen 1-Zimmer-Wohnungen, die wir mit niemandem teilen, weil wir hässlich und doof sind. Merkt ihr was?

Es gab bei der BBC mal eine faszinierende Sendung, bei der zehn schlanke Menschen an einem Versuch teilgenommen haben. Sie mussten vier Wochen lang täglich 10.000 Kalorien zu sich nehmen (googelt bitte selber, wieviele BigMacs das sind. Ne Menge.), durften keinen Sport mehr treiben und wurden danach wieder gewogen. Einige haben richtig schön zugelegt, andere hingegen sind trotz dieser Mast kaum ein oder zwei Kilo schwerer gewesen. Jeder Mensch ist eben anders. Jeder Mensch verarbeitet Nahrung anders. Deswegen kennt auch jeder einen schlanken Freund oder eine schlanke Freundin, die täglich eine Sahnetorte essen kann, ohne zuzunehmen, während andere nur an ein Bild einer Sahnetorte denken müssen, und schon sind fünf Kilo auf den Rippen.

Und genauso ist es mit dem Abnehmen. Ja, ich kenne immerhin einen Menschen, der mal 15 Kilo abgenommen hat und bei dem sie auch seit 20 Jahren nicht wiedergekommen sind. Ich kenne allerdings auch mindestens zehn Leute, die sich seit Jahren mit der einen oder anderen Methode quälen, ein bisschen dünner zu werden und stattdessen immer mehr in die Breite gehen. Oder die ihr Leben lang ihr Essen rationieren und/oder jeden Tag Sport treiben müssen, um nicht wieder zuzunehmen. Das mag für einige okay sein, für mich klingt das nach einem Scheißleben. Jedenfalls scheißiger als dick zu sein.

Ich habe durch das Foodcoaching etwas viel wichtiges gelernt als abzunehmen: Essen zu genießen.

Essen war für mich immer das Böse, das Verbotene, eine Sünde (dieses verfickte Scheißdreckswort will ich nie wieder im Zusammenhang mit Essen hören). Essen war immer etwas, was sein musste, was ich aber nie wollte. Schokolade war böse, weil sie dick macht und dick war ich ja schon, und ohgottjetztessichschonwiederschokolade, ohgott ich werde noch fetter ohgott keiner hat mich lieb ohgott dagegen hilft nur Schokolade, die hat mich lieb. Und so weiter. Ganz vereinfacht gesagt. Mein Kopf ist noch etwas komplizierter gestrickt, aber Essen war nie einfach. Oder genussvoll. In wenigen Momenten, ja. Wenn ich es zelebriert habe. Wenn ich das Gefühl hatte, mir etwas Gutes tun zu wollen. Aber diese Momente waren selten, denn ich habe es ja nicht verdient, dass ich mir etwas Gutes tue, denn ich bin schließlich fett und damit doof und undiszipliniert und scheiße.

Inzwischen ist Essen ein täglicher Genuss geworden. Ich habe bis heute keine Ahnung, was Lu mit mir gemacht hat außer mich an die Hand zu nehmen und mir zu sagen: „Du darfst alles essen, was du willst.“ Weil nämlich alles schmeckt und alles gut tut, vor allem mir. Und seitdem zelebriere ich Essen so gut wie jeden Abend und genieße und freue mich darüber. Und ich habe kein Gramm abgenommen, obwohl ich gesünder esse und bewusster und mich einen Hauch mehr bewege. Und wisst ihr was? Es ist egal. Weil es mir so wichtig geworden ist, nicht mehr gegen meinen Stoffwechsel, meine Eigenarten und meinen Hunger anzugehen, sondern stattdessen mich zu mögen, mich um mich zu kümmern, mich nicht mehr zu verstecken, obwohl ich doch dick bin und damit ganz schlimm für anderer Leute Augen.

Ich habe wunderbare Gelegenheiten ausgelassen wie zum Beispiel einen Bericht im ZDF über die Tagebuchhölzer meines Opas, weil ich dick bin und nicht vor eine Kamera wollte, um Hasspost zu bekommen. Ich habe jahrelang Einladungen zu Bloggertreffen abgelehnt, weil mich da ja jemand sehen könnte, der bisher durch mein Blog eine gute Meinung von mir hatte – die sich natürlich sofort ändert, wenn er oder sie mich sieht. Ich habe so viele Dinge nicht gemacht, die ich hätte machen können – nicht, weil mich mein Dicksein daran gehindert hat, sondern das soziale Stigma, das Dicksein mit sich bringt, die ganzen Vorurteile und Arschlochbemerkungen, die ich nach 40 Jahren brav verinnerlicht habe.

Aber die sind auf einmal nicht mehr so wichtig.

Ich habe meinen Kleidungsstil verändert, von den sackartigen Hosen und Jungsshirts zur taillierten Jacke und den Ohrringen. Ich schminke mich wieder jeden Tag und ich freue mich darauf, unter Menschen zu gehen bzw. Menschen zu mir einzuladen. Weil ich mich endlich, endlich, endlich in meinem Körper wohlfühle. Oder zumindest Frieden mit ihm geschlossen habe. Ich bekämpfe ihn nicht mehr, ich beschimpfe ihn nicht mehr, ich hasse ihn nicht mehr. Ich kümmere mich um ihn und füttere ihn mit gutem Zeug. Und Schokolade, denn das ist auch gutes Zeug.

Und dieses neue Körpergefühl hat dazu geführt, dass ich dieses Jahr auf die re:publica gefahren bin, von der ich wusste, dass mich dort viele Leute sehen, die nur mein winziges Profilfoto auf Twitter kennen, auf dem ich irgendwie dünner aussehe als ich bin. Aber zum ersten Mal seit Jahren habe ich keine Angst mehr davor, unter Leute zu gehen, weil ich fett bin, weil ich weiß, dass es okay ist. Ich bin okay. Mein Körper ist okay. Und wer meinen Körper nicht okay findet, kann mir egal sein. Diese Souveränität klappt zwar noch nicht immer, aber es reicht, um alberne Fotos für eine Facebookgruppe zu machen, auf denen man mein Doppelkinn sieht. Weil es zu mir gehört. Weil ich das bin. Weil ich okay bin.

Um bei diesem Satz: „Weil ich okay bin“ anzukommen, habe ich 30 Jahre gebraucht. Und deswegen fühlen sich die Facebookfotos für mich wie eine Heldentat an.

Wer mehr über Fat Acceptance lesen will, kann das zum Beispiel bei Kate Harding tun, einem meiner liebsten FA-Blogs.

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17.04.2010

re:publica, Tag 3 (Fazit, Ausblick, römpömpömpöm)

Vom dritten Tag der re:publica habe ich nur ein Panel mitbekommen und zwar per Stream: das von Felix und warum das Internet scheiße ist. Ich hoffe, ich plaudere jetzt nix aus, aber sein Fazit war: weil auch die Welt scheiße ist. Das klingt jetzt erstmal sehr pessimistisch, war aber gut und launig begründet, und ich hoffe, jeder kapiert den Insidergag, wenn ich demnächst nur noch sage: „Ich? Ich komme aus Fulda.“

Dann fassen wir mal zusammen. Meine erste re:publica wird auf keinen Fall meine letzte bleiben, wenn’s den Kram weiterhin gibt, was ich hoffe. Ich hatte überhaupt keine Erwartungen außer: mal gucken. Deswegen kann ich schlecht sagen, dass diese Erwartungen erfüllt oder übertroffen wurden. Ich kann aber sagen, dass ich mit sehr vielen guten Eindrücken wieder nach Hause gefahren bin.

Ich fand es sehr spannend, mich mit Aspekten des Netzes zu befassen, mit denen ich mich sonst nur flüchtig auseinandersetze oder gar nicht. Selbst so simple Dinge wie das Führen einer Beziehung mit gleichzeitiger Nutzung von digitalen Medien habe ich nie großartig hinterfragt, obwohl es Arsch auf Eimer auf mich zutrifft. (Ick hab mein’n Kerl ausm Intaweb. Und er mich.) Und mir von jemandem vor Ort erzählen zu lassen, wie sich gerade die Medienlandschaft in Amerika verändert, hat definitiv mehr Eindruck bei mir hinterlassen als wenn ich kurz online einen betreffenden Artikel überflogen hätte.

Überhaupt: das Überfliegen, Durchscannen, Weiterzappen fiel hier weg. Ich wurde gezwungen, einer einzigen Sache meine Aufmerksamkeit zu schenken. Mache ich bei Filmen oder in der Oper oder bei einem Buch auch, klar, aber ich habe schon gemerkt, dass ich am Rechner sehr schnell ungeduldig werde, Texte manchmal nur überfliege anstatt sie Wort für Wort zu lesen und zu verinnerlichen, gerade wenn es um Netzdinge geht. Hier saß ich in vielen Vorträgen und musste einfach mal zuhören. Ich glaube, das war ABSICHT, dass das Netz nur sporadisch funktioniert hat. Ich war jedenfalls von Stunde zu Stunde mehr angenervt, wenn ich Leute vor mir sitzen hatte, die 60 Minuten lang per Laptop oder Netbook abwechselnd ihre Twitter- oder Facebook-Seite gecheckt haben. Deswegen hatte ich persönlich gar nichts dagegen, dass das nicht jeder und dauernd machen konnte. Und nebenbei: Achtet ihr bitte mal darauf, dass Leute hinter euch eure Passwörter mitkriegen? Danke.

Was ich auch spannend fand: die unterschiedlichen Arten des Vortrags. Das Panel „Feminismus 2.0“ krankte ein wenig daran, dass keine richtige Diskussion aufkam; es war eher eine elaborierte Vorstellungsrunde (wer seid ihr, warum bloggt ihr, warum ist das wichtig, was erhofft ihr euch?), und dann war die Zeit leider schon rum. Ich fand die Moderatorin gut, weil sie ihre Fragen kurz und knapp hielt, aber dadurch, dass jede/r antworten sollte, waren es eben eher viele Statements nacheinander und keine Diskussion, die ich mir bei vier Teilnehmer_innen erhofft hatte. Das klappte bei Community-Management besser, da widersprach ein Teilnehmer gerne mal einem anderen. Auch hier: sehr gute Moderation, kurze Fragen, viel Zeit für Antworten.

Was mir am besten gefallen hat: das Panel mit Mark Glaser, der gleich von zwei Menschen ins Kreuzverhör genommen wurde, die sich auch gerne mal gegenseitig widersprachen. Sehr gut gemacht, weil so manchmal zwei Seiten einer Medaille beleuchtet wurden und es sich nicht angefühlt hat wie zwei Stichwortgeber und ein Meinungsmensch.

Ein weiteres Thema: Keynote. (Oder Powerpoint für unsere Freunde von der dunklen Seite der Macht.) Fast jede/r Redner/in, der/die alleine auf der Bühne war, ließ sich von Charts begleiten, die das ganze schnell erfassbar machten (Jeff Jarvis) oder es klug bzw. überraschend ergänzten (Tessa, Felix). Leider war das Fehlen der Charts der Punkt, der mir das „Was am Internet hassenswert ist“-Panel ein bisschen verleidet hat. Das hatte zwar einen gewissen Charme, wie die vier Vortragenden da vorne mit Zettelchen wuselten, aber ich glaube, es hätte der Veranstaltung nicht geschadet, wenn die hassenswerten Topics jeweils ein Chart gekriegt hätten.

Ich war sehr beeindruckt von der Professionalität des Ganzen. Gut, ich bin nicht nach Berlin gefahren mit der Vorstellung, da treffen sich drei Blogger_innen und sitzen ums Lagerfeuer, aber die schiere Masse an Vorträgen, Räumen und Menschen hat mich doch positiv überrascht. Dieses Mal hatte ich mir vorher einen Plan gemacht (ich mach ja immer einen Plan), und an den habe ich mich auch gnadenlos gehalten. Im Nachhinein habe ich das Gefühl: Vielleicht wäre es besser gewesen, sich nicht vorher die Rosinen oder die vermeintlichen Rosinen rauszupicken, sondern mal stur drei Stunden in einem Raum zu bleiben, ganz gleich was es gibt. Quasi sich selber zwingen, über den Tellerrand zu gucken. Und damit habe ich einen Plan fürs nächste Jahr. Ich freu mich jetzt schon drauf.

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16.04.2010

re:publica, Tag 2

Ein Nachtrag zum ersten Tag: Das Panel, auf das alle schon hingewiesen haben, weil es so gut gewesen sein soll: Peter Kruse über Leben in Netzwerken. Jetzt guck’s ich mir auch endlich an.

Radeberger schmeckt sehr lecker. Trotzdem pünktlich aus dem Bett gekommen, um mir „Tales from the Battlefield – Mark Glaser and the American Media Landscape“ im Quatsch Comedy Club anzuschauen. Durchsage an alle Rückenkranken wie mich: Die Stühle im Comedy Club sind sehr freundlich zu allen Körperteilen. Im Gegensatz zu den Folterinstrumenten in der Kalkscheune. Im Friedrichstadtpalast sitzt man am besten, allerdings etwas beengt, aber dafür wohlklimatisiert.

Der Vortrag hat mir gut gefallen, unter anderem, weil das Panel gleich aus zwei Interviewern und
nur einem Interviewten bestand. Wolfgang Blau von Zeit Online würde ich gerne nochmal hören; seine Fragen fand ich sehr pointiert und spannend. Und Glaser im Gegenzug sehr auskunftsfreudig und unterhaltsam.

Im Anschluss daran sprach … äh … irgendjemand mit Jürgen Kuri (Heise online), Kurt Jansson (Spiegel Online, davor Wikipedia), Markus Beckedahl (Netzpolitik.org) und Thomas Hauser (Badische Zeitung) zum Thema Community-Management. Hier habe ich nicht sehr viel Neues erfahren, außer vielleicht dass, wenn Redakteure von Artikeln sich wirklich mal in die Untiefen der Kommentare begeben, sich der Tonfall angeblich ändert vom sinnlosen Rumnölen zu einer echten Diskussion. Kann ich schwer beurteilen, ich gehe Kommentaren, gerade in Online-Ausgaben von Printerzeugnissen, sehr gerne aus dem Weg. Trotzdem hat mir die Stunde gefallen, Moderation und Teilnehmer fand ich sehr gut.

Beim Verlassen des Comedy Clubs bin ich Maike über den Weg gelaufen und habe mit ihr eine entspannte Mittagspause im nahegelegenen Balzac verbracht. Da ich zurzeit auf dem völligen Teetrip bin, habe ich erstmals einen Chai Latte geordert. Kann man machen. Die Pestopasta sollte man allerdings sein lassen.

Nächster Tagesordnungspunkt: „Liebe ist für alle da“ mit Tessa von Flannel Apparel bzw. dem Freitag im gefühlt kleinsten Raum aller kleinen Räume. Mal wieder zu voll, fieses Unifeeling stellt sich ein, als sich erwachsene Menschen auf den Fußboden setzen. Diesmal war ich aber Fuchs und sehr früh da, weswege Maike und ich einen entspannten Platz neben Liz und Herm hatten. Tessa erzählte über Veränderungen beim Beginn, Führen und vielleicht auch Beenden von Beziehungen durch die Nutzung digitaler Techniken. Alleine die Problematik des Facebook-Beziehungsstatus’ hätte die ganze Stunde füllen können. Ist man wirklich verheiratet, wenn der Beziehungsstatus auf „verheiratet“ steht? Ich habe das, ehrlich gesagt, nie angezweifelt, aber ich glaube ja immer noch alles, was im Netz steht. Auch diskussionswürdig: Wenn beide Partner bloggen, spricht man sich dann ab, was man über den anderen schreibt? Oder schweigt man sich online über ihn/sie aus? Wie fühlt sich der Partner, wenn er/sie totgeschwiegen wird? Aus dem eigenen Nähkästchen: Der Kerl und ich sprechen uns meistens ab, was wir über den anderen bloggen oder twittern. Meistens. Es gab einen Tweet vom Kerl, über den ich mich geärgert habe, aber so schlimm, dass er ihn löschen sollte, war’s dann auch nicht. Ob er sich jemals über einen von meinen Tweets geärgert hat, sagt er nicht. Er sagt ja eh nicht viel. (♥)

Direkt im Anschluss kamen Jens, Caro, Anne und bov, die sehr ausführlich das Internet hassten. Den Auftakt machte bov mit diesem schönen Text, der vorgetragen noch viel toller war und der meinen neuen Lieblingssatz enthält: „Das Internet ist an seiner dicksten Stelle exakt sieben Argumente breit.“ (Heute um 16 Uhr kann man den Text nochmal live hören, bei Felix, der auch das Internet hasst. Quatsch Comedy Club. Hingehen.)

Maike und ich haben uns gefragt, wie man diesen Standard über 50 Minuten halten will – was dann leider auch nicht eingelöst werden konnte. Trotzdem sehr unterhaltsam, mal alles Doofe am Netz bzw. an seinen Nutzern aufgezählt zu bekommen. Auch wenn ich die einzige war, die beim Stichwort „Ich hasse es zu merken, dass meine Kommentatoren doof sind“ geklatscht hat. (Womit ich nicht sagen will, dass alle meine Kommentatoren doof waren. Aber ein paar. Und die haben’s für alle ruiniert.)

Kommentatoren sind einen schöne Überleitung zum nächsten Panel, auf das ich sehr gespannt war: „Sexismus im Internet“. Auf der Bühne hat Anne Roth Anna Berg von der Mädchenmannschaft und Klaus Schönberger (weiß nicht mehr, wer das war, und die re-publica-Seite spinnt man wieder, wenn man einzelne Panels aufrufen will) zu diesem Thema befragt.

Was ich vor allem mitgenommen habe: Es ist wichtig, das Thema immer wieder auf die Tagesordnung zu bringen. Es ist wichtig klarzumachen, dass dieses Thema eben nicht irgendeine Randgruppenbefindlichkeit ist, sondern uns alle betrifft, nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Alleine das Unverständnis des Worts Feministin – ich persönlich bezeichne mich natürlich als Feministin, was nicht heißt, dass ich Männer doof finde und sie alle ausrotten will. („Einige meiner besten Freunde sind Männer.“) Ganz im Gegenteil. Ich poste sogar Fotos von ihnen in meinem Blog, bezahle Geld für Serien oder Kinofilme, wenn einer von ihnen, den ich besonders mag, in ihren mitspielt und gucke Fußball durchaus auch wegen der Attraktivität des anderen Geschlechts. Und obwohl ich Männer toll finde, kann ich mich sehr, sehr über einige von ihnen aufregen, zum Beispiel wenn sie mir in Diskussionen ein „Hast du gerade deine Tage?“ entgegenschleudern, wenn ihnen ein Argument von mir nicht passt. (Ja, das ist Sexismus, weil es mich in meinem Frausein angreift.) Oder eben über Piraten, die mir allen Ernstes weismachen wollen, dass das Wort „Pirat“ geschlechtsneutral ist. (Ich weise gerne nochmal auf einen Eintrag hin, den ich vor einiger Zeit im Blog hatte, der sich mit dem Zusammenhang von Sprache und Wahrnehmung befasst.) Oder – was gestern auch von einem Zuschauer kam – dass wir uns doch bitte nicht so anstellen sollen.

Antje Schrupp hat dazu schon die perfekten Sätze gefunden:

„Interessant fand ich den Hinweis mehrerer Männer (aus dem Publikum und vom Podium), dass diese Troll-Phänomene, von denen die Rede war, nicht nur in feministischen Blogs die Laune verderben, sondern dass es sie überall im Internet gibt. Natürlich ist der Hinweis von Anna Berg richtig gewesen, dass es einen Unterschied macht, ob einfach nur so getrollt wird, oder ob Frauen aufgrund ihres Frauseins gedisst werden, und ebenso, dass es auch weibliche Trolle gibt (habe eben gelernt, dass sie Trullas heißen).

Unabhängig davon finde ich aber den Hinweis trotzdem interessant, insbesondere in Zusammenhang mit der impliziten Schlussfolgerung, dass dieses Trollphänomen, weil es doch überall vorkommt, irgendwie dann auch normal sei und infolgedessen kein Grund, sich darüber besonders aufzuregen. Das ist nämlich die Stelle, an der ich widersprochen hätte: Denn nur dass Männer etwas normal finden, heißt ja noch lange nicht, dass es auch normal ist.“

Das Panel war leider etwas zäh, wobei ich nicht sagen kann, woran es lag. Ich habe besonders Anne und Anna sehr gerne zugehört, aber wahrscheinlich kannte ich einfach schon das meiste, worüber sie geredet haben. Gerade deshalb hoffe ich, dass einige Zuschauer und Zuschauerinnen da waren, die sich noch nicht so sehr mit diesem Thema beschäftigt hatten.

Im Gewusel des Aufbruchs habe ich mich gar nicht von Maike verabschiedet – das hole ich hiermit nach. Der Ersatzbus für meine geliebte Tram (ich wiederhole mich gerne, wenn es um MEINE GELIEBTE TRAM geht) steht zur Feierabendzeit so dermaßen lange im Stau, dass die freundlichen Busfahrer (wirklich!) einen auch ausnahmsweise mal so rauslassen. So habe ich es um kurz vor sechs endlich in den Berliner Dom geschafft, den ich monatelang jeden Morgen gesehen habe, in dem ich aber nie drin war. Um 18 Uhr fand netterweise eine zweisprachige Andacht statt, so dass ich den imposanten Bau nicht wirklich besichtigen, aber dafür eine halbe Stunde innere Einkehr halten konnte. Was noch besser war.

Das Abendgebet bzw. der Evensong bestand aus mehreren Orgelimprovisationen, und wie ich direkt im Anschluss an die Andacht twitterte: Das Wort „Crescendo“ ist wirklich nur für Orgeln erfunden worden. Unglaublich volltönend und sehr, sehr schön. Da fühlt sich die riesige Kuppel mal nicht wie Deko und Architektenschickschnack an, sondern wirklich wie ein perfekter Klangraum.

Es folgte eine kurze Lesung aus der Apostelgeschichte, wir haben ein Lied gesungen, das ich sehr gerne mag, und dann kam ein kurzes Gebet. Der Pastor leitete es ein mit Wünschen an Gott, uns aus der Enge in die Weite zu führen. Keine Angst vor Unterschieden zu haben oder davor, Erwartunge nicht erfüllen zu können. Und ich habe alles auf das Internet beziehen können und auf seine Bewohner. Weswegen ich im stillen Gebet dann nicht nur für meine Freunde und Familie gebetet habe, sondern auch für uns alle, die wir uns online bewegen und dort auf Dinge treffen, die uns beunruhigen oder verzweifeln lassen, aber auch freuen und Hoffnung geben.

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15.04.2010

re:publica, Tag 1

Ich bin schon Dienstag angereist, weil ich keine Lust hatte, direkt mit dem Rollköfferchen vom Bahnhof zum Friedrichstadtpalat zu kommen. Und außerdem wollte ich endlich in dem Hochhaus wohnen, an dem ich in der Zeit, als ich in Berlin gebucht war, so ziemlich jede Mittagspause vorbeigelaufen bin. Das Ding steht in der Rochstraße 9, und ich gucke derzeit aus dem 16. Stock aufs Pergamonmuseum. Und höre der Baustelle zu. Und den S-Bahnen, die am Hackeschen Markt halten. Und dem Akkordeonisten, der gerne Klezmer spielt. Und dem Tram-Ersatzverkehr, der relativ dicht vor dem Haus hält. Aber für sowas hat man ja Ohropax im Reisegepäck.

Meine geliebte Tram fährt nicht und ich muss im schnöden Ersatzbus zum Friedrichstadtpalast, wo ich mir Armband und Namensschild zum Umhängen abhole („Mit rotem oder schwarzem Band?“ — „Schwarz.“ – Jens Scholz ca. 30 Minuten später: „Ich hab extra das rote genommen, weil alle das schwarze nehmen.“) und dann noch eine fies nach Gummi stinkende Konferenztasche eines Sponsors, in der immerhin unter anderem das Programm liegt, das letzten Donnerstag auch schon im Freitag war und das ich natürlich zuhause auf dem Küchentisch habe liegenlassen. Aber: Ich Fuchs habe meine iCal-Seiten ausgedruckt, damit ich nicht immer das ganze Programm durchscannen muss, sondern alle „meine“ Veranstaltungen übersehen kann.

Die erste ist gleich Peter Glaser, aber vorher laufe ich noch Caro in die Arme und eben Jens, Herrn ronsens, argh, Peter Noster und Frau Julie; im Saal sitzen wir bei Kiki, Nils, Matthias und da_niesl, wir schicken Herrn Svensson eine SMS, damit er sich umdreht und uns sieht, und ich komme schon nach fünf Minuten durcheinander, ob ich Leute mit Klarnamen, Blognick oder diesem neumodischen Twitternick anreden soll. Bei mir ist das ja netterweise ganz einfach, und deswegen fragt mich auch niemand, der auf mein Namensschild guckt, wie mein Blog heißt oder wer ich auf Twitter bin.

An Herrn Glasers Vortrag kann ich mich kaum erinnern, aber netterweise kann ich ihn auf seinem Blog nochmal nachlesen. Und er endet mit einem schönen Satz per Chart, den ich mir in mein Moleskine geschrieben habe (denn ich weigere mich, mein Macbook mit mir rumzuschleppen): Everything is going to be okay in the end. And if it’s not okay, it’s not the end.

Danach wollte ich mir “A Twitter Revolution without revoluationaries? What we know and what we don’t know about the impact of the Internet on authoritarian states” mit Evgeny Morozov anschauen. Leider spricht Herr Morozov ein sehr russisch gefärbtes Englisch, das ich überhaupt nicht verstehen kann. Und er erinnert mich ausgerechnet an Aleksandr Orlov von Compare the meerkats. (Ton anlassen, dann wisst ihr, was ich meine.) Ich bin anscheinend nicht die einzige, die dem Herrn nicht folgen kann – der Saal leert sich nach und nach. Jens, ronsens und ich gehen einen Kaffee trinken, laufen dann Franzi in die Arme, Felix, Florian und noch mehr Leuten, die ich schon wieder vergessen habe. (Weil zu viele und nicht weil doof.)

Die Leute, die schon öfter auf der re:publica waren, finden das wahrscheinlich schon total albern, aber ich gucke die ganze Zeit gespannt in der Gegend rum. Diese seltsame Intimität, die Bloggen hat, das Gefühl, man kenne den oder die doch, liegt in der Luft. Jens und Caro schwelgen in alten Zeiten – damals, als man eben noch gebloggt und nicht getwittert hat – und ich rede mit Herrn Knüwer über die Indianapolis Colts und die Cheerleader von Rhein Fire. Beim Sushi in der Mittagspause mit Franzi sitzen cdv und Henning neben uns, dem ich hiermit endlich mal für den Neil-Gaiman-Artikel danken will, den er mir neulich per Mail geschickt hat.

Der Vortag von Jeff Jarvis, „The German Paradox – Privacy, publicness, and penises“: sehr unterhaltsam, wenn auch recht schlagwortreich. Der Vortrag von Mortesa Dariani, „Kostenloskultur vs. Paid-Content – Zwingt die Werbekrise die Medienindustrie zu Paid-Content?“ ist erstens überfüllt, weswegen ich in der Ecke stehe, was doof ist, und entpuppt sich zweitens als Werbeveranstaltung seiner (?) Firma, weswegen ich nach fünf Minuten gehe.

Dann das Panel, auf das ich mich am meisten gefreut habe: „Feministische Netzkultur 2.0 – Chancen, Herausforderungen und Risiken einer neuen Bewegung“. Auf dem Podium saßen Menschen von diestandard.at, Missy Magazin, der Mädchenmannschaft und des Genderblogs. Leider reichte die Zeit nicht aus, um die vielen Fragen zu beantworten, die im Programm gestellt wurden. Trotzdem fand ich die Veranstaltung gut, denn es zeigte, dass es noch genug zu tun gibt, dass die lustige Idee von „Post-Gender“ ziemlicher Quatsch ist und dass Blogs und deren Vernetzungen uns die Chance geben, alle Strömungen des Feminismus abzubilden – und damit eben auch die Chance besteht, Mädchen und Frauen davon zu überzeugen, sich zu engagieren oder ihnen zumindest einen Ort zu geben, an dem sie sich verstanden fühlen.

Abends habe ich dann noch versucht, mir den Vortrag von Melissa Gira Grant, „Sex and the Internet“, anzugucken, fand ihn aber relativ unspannend. Dass Sex eine normale Sache sei, die wir bitte nicht an den Rand des Internets drängen lassen sollen – ja gut. Aber die letzten zehn Minuten haben dann alles wieder rausgerissen, denn dann wurde Chatroulette gespielt. Und natürlich erschien relativ schnell eine entspannte Hand, die einen nicht mehr ganz entspannten Penis bearbeitete. Melissa chattete den Typ an, ob er gerne beobachtet werde – ja – auch von 500 Leuten? – Fragezeichen – woraufhin sie das MacBook umdrehte und nun der johlende und ziemlich gut gefüllte Friedrichstadtpalast im Chatfenster sichbar wurde. Woraufhin die entspannte Hand seeeehr langsam wurde – und dann das Fenster weg war.

Nach Sascha Lobos „How to survive a shitstorm“ (sehr unterhaltsam) habe ich mir meine erste Twitterlesung live anstatt im Stream angeschaut (ebenfalls sehr unterhaltsam und mit Stargast Jeff Jarvis, der ein paar englische Tweets vorlas), um dann bei diversen Flaschen Bier in der Kalkscheune noch weitere Menschen zu treffen, viele leider zu kurz. Herr Niggemeier mag neuerdings meine Fressgeschichten, das iPad von Herrn Lobo hat mich überraschenderweise ziemlich kalt gelassen, ich habe Dirk, Stefan und Frau Elise immerhin kurz Hallo gesagt, mir in aller epischen Breite nochmal sehr gerne die Manchester-Reise von Jens angehört und mich beschwert, dass er zu wenige Fotos von Mario Gomez gemacht habe („Anke – der sieht in echt noch besser aus!”) und habe dann den Abend mit einer sehr freundlichen Genderdiskussion mit den beiden Piraten Lars und Torben ausklingen lassen.

Wer meint, die re:publica sei ein Klassentreffen, hat Recht.
Wer meint, die re:publica sei nur ein Klassentreffen, hat keine Ahnung.

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12.04.2010

16 Flaschen Wein und keinen Kopp

weinprobe

Die Weinprobe mit Frau Lu. Ich habe acht Gäste eingeladen, mit Lu und mir sind es zehn durstige Menschlein, und erst als ich anfange, Stühle aus der Küche zu schleppen, um die vier Stühle aus dem Esszimmer zu ergänzen, fällt mir auf, dass nur acht Leute an Omas alten Esstisch passen. Nun gut. Dann wird’s eben etwas kuscheliger.

Auf dem Programm stehen wagemutig acht Rotweine. Lu baut 16 respektheischende Flaschen auf und verteilt riesige rote Spuckbecher, während ich vier Baguettes aufschneide. Auf dem Tisch stehen drei Sorten Salami, Camembert, Ziegenkäse, Räucherlachs, Vollmilchschokolade und Bitterschokolade mit Meersalz. Um punkt 19 Uhr klingeln die ersten Gäste, ich stelle Blumen in Vasen und freue mich über schöne Präsente. Und dann geht’s auch schon los.

Lu verteilt Geschmacksräder, damit wir Vokabeln zur Geschmacksbeschreibung haben, die über „Jo, lecker“ hinausgehen und eine Liste aller Weine, zu denen wir uns Notizen machen können. Ich muss gestehen, ich habe das Notieren im Laufe des viel zu schnell vergangenen Abends immer nachlässiger betrieben; daher werden die folgenden Zeilen auch längst nicht alles wiedergeben können, was wir so gerochen und geschmeckt haben. Aber wer immer sich mit dem Gedanken trägt, ach, so ein paar neue Weine könnte ich ja auch mal kennenlernen: machen. Weinproben besuchen oder buchen oder Probierpakete bestellen und einfach drauflosschmecken. Ich fand die ganze Sache sehr genussreich, sehr lebendig, sehr gesellig, und es hat sehr viel Spaß gemacht, sich mal wieder intensiver mit einem Produkt auseinanderzusetzen.

Der erste Wein: ein Spätburgunder von Römerkelter, 2008, Mosel/Deutschland, 13,5%.

Die Farbe: ein sehr helles Rot, kein Vergleich mit dem üblichen tiefen Rot, das man sofort mit Rotwein assoziiert. Ich finde ihn sehr kantig, eher anstrengend, Lu nennt ihn „spitz“. Nicht so meins. Der Spuckbecher kommt zum ersten Mal zum Einsatz, und ich fühle mich wie ein Profi. Felix meint: Wer am Ende des Abends den leersten Becher hat, hat verloren.

Der zweite Wein: ein Zweigelt von Meinklang, 2008, Burgenland/Österreich, 13%.

Die erste und zweite Nase zuckt vom Glas weg – Lu sagt „nasses Leder“, ich sage „will ich gar nicht im Mund haben“. Ich nehme aber doch brav einen Schluck, kaue auf dem Wein rum, atme durch die Nase aus (dabei kriegt man meist ein recht deutliches Aroma mit) und muss zugeben: schmeckt deutlich besser als er riecht. Viel Kirsche, in der Nase Himbeere, aber irgendwas wuselt im Hintergrund rum, was nervt. Florian nennt es einen Fehlton. Passt. Auch nicht unbedingt mein Liebling des Abends.

Der dritte Wein: Gentile, ein Montepulciano d’Abruzzo von Franco D’Eusanio, 2008, Abruzzen/Italien, 13,5%.

Ah, der erste Wein, der mir richtig schmeckt. Sehr viel Tannin, was ich ja eigentlich nicht so mag, aber hier stört es nicht, sondern gibt dem Wein Charakter. Viel Kirsche. Wir kosten mal ein bisschen Salami dazu, was keine gute Idee ist. Der Wein verliert komplett seine Eigennote; er wird nicht schlecht, aber er ist längst nicht mehr so markant. Mit Ziegenkäse oder Camembert hingegen ist er großartig: Er nimmt dem Camembert das Staubige der Rinde und lässt den Ziegenkäse dahinschmelzen. Den würde ich kaufen.

Der vierte Wein: Pampina, ein Nero d’Avola vom Weingut Maggio Vini, 2008, Sizilien/Italien, 13%.

Auf den hatte ich mich sehr gefreut, denn mein ständiger Weinvorrat beinhaltet einen günstigen Nero d’Avola, der sich bei Edeka in der Bioecke findet und den ich sehr gerne mag. Daher dachte ich, der Pampina müsste mir auch schmecken. Aber meine Nase nölt beim ersten und zweiten Schnuppern laut und vernehmlich: PFERDEMIST. Ernsthaft. Der Geruch, den ich sofort im Hinterkopf habe, ist der der riesigen Misthaufen, an denen ich Landkind früher immer vorbeigelaufen bin: unangenehm weil Exkremente, aber gleichzeitig süßlich-fermentierend. Ein ganz komisches Mittelding. Auch geschmacklich ist das überhaupt nicht meiner. Zur Nero-d’Avola-Traube wurden noch Merlot (mag ich), Cabernet Sauvignon (och jo) und Syrah (bäh) hinzugegeben, und einer von denen hat den Geschmack für mich persönlich total runiert. Ich habe den Rest des Abends nur noch von „Syrah, der Ratte“ gequengelt und war sehr verstimmt darüber, dass ich augenscheinlich nicht alle Nero d’Avolas unbedenklich bestellen kann.

Der fünfte Wein: ein Bordeaux vom Château Vieux Georget, 2008, Bordeaux/Frankreich, 12%.

Ich habe im Laufe des Abends immer weniger den Spuckbecher genutzt, was sich allmählich rächt. Ich kann überhaupt nicht mehr sagen, welche der vielen verfügbaren roten Früchte sich hier als Aroma rausschält. Ich kann aber noch sagen, dass ich diesen Bordeaux relativ unaufregend finde, aber genau das macht ihn ziemlich sympathisch. Vielleicht möchte er ja die Verrätertraube Nero d’Avola als meinen Immer-im-Haus-Wein ablösen. Der Wein ist sehr geradeaus, sehr schlicht, eckt nicht an, stört nicht, schmeckt halt einfach so vor sich hin. Wir haben ihn sowohl mit Salami als auch mit Camembert probiert; auch hier: passt, macht nichts kaputt, macht aber auch nichts besser. Unaufregend halt. Lu meint, dass er so richtig typisch „nach Bordeaux“ schmeckt. Dann mag ich anscheinend Bordeaux.

Der sechste Wein: ein Corbières vom Château Coulon, 2008, Languedoc-Roussillon/Frankreich, 14%.

Mein bisheriger Liebling. Leider habe ich mir keine Notizen mehr dazu gemacht, womit er gut schmeckt und womit nicht, aber auf meinem Zettel hat er ein Kreuz (das nur noch von den zwei Kreuzen des achten Weins übertroffen wurde). Selbst der Geruch der leeren Flasche ist sehr weich und stimmig, und nachdem ich das Etikett nochmal gelesen habe, auf dem etwas von Barriquefässern steht, fällt mir wieder ein: ach ja, das leichte Vanillearoma. Ich erinnere mich an eine angenehme Süße und viel Frucht. Ich weiß allerdings nicht, warum ich den Wein so gerne mag, denn von der Ratte Syrah sind hier 35% drin. Wein ist echt kompliziert. (Super Satz.)

Der siebte Wein: El Molino, ein Tempranillo vom Weingut Jesús del Perdón, 2008, Kastilien-La Mancha/Spanien, 13,5%.

Lu plaudert aus, dass der El Molino ihr Haus-und-Hof-Wein ist. Kann ich verstehen. Er schmeckt auch zu so ziemlich allem auf dem Tisch, sogar zur fiesen Vollmilchschokolade, die bei jedem anderen Wein nach Palmin und Geiz geschmeckt hat. Hier hat man das Gefühl, selbstgemachte Mon Cheris zu essen, und das schmeckt gar nicht mal schlecht. An mehr kann ich mich nicht erinnern, keine Notizen, der Abend war spät und ich sehr gut gelaunt. Spuckbecher sind Teufelswerk.

Der achte Wein: Vinya Laia vom Weingut Albet i Noya, 2007, Katalonien/Spanien, 13,5%.

Zwei Kreuze auf dem Notizzettel, aber keine Ahnung mehr, warum. War anscheinend toll. Ich erinnere mich daran, dass Lu meinte, dieser Wein sei einer von denen, die einem abends einen richtig miesen Tag noch retten können. Unterschreibe ich sofort, denn die leere Flasche riecht sehr verlockend.

Ich bin offiziell betrunken, schaffe es aber noch, den hungrigen Mäulern ein paar Gemüsesticks und einen Dipp zuzubereiten, während die Rotte sich weiter volllaufen lässt. Wenn ich mir die Pegelstände der übriggebliebenen Flaschen angucke, hat ausgerechnet der Pferdestallwein Pampina den meisten am besten geschmeckt. Zweiter Platz: der Gentile. Geteilter dritter Platz für El Molino und den Château Coulon. Vierter Platz für meinen Liebling Vinya Laia. Den fünften Platz teilen sich der Château Vieux Georget und der Zweigelt, und extrem abgeschlagen auf dem letzten Platz (fast volle Flasche) der Römerkelter.

Eigentlich dachte ich, nach der Orgie am Samstagabend will ich Sonntag bestimmt keinen Wein mehr trinken. Aber genau das Gegenteil ist eingetreten: Ich freue mich jetzt schon auf den Abend, wenn ich die Reste meiner Lieblinge nochmal antesten kann. Ich persönlich habe sehr viel von der Verkostung mitgenommen: mal wieder die Würdigung eines komplexen Genussmittels und vor allem den Genuss des Ausprobierens, Schmeckens, Riechens, Nachspürens, wie jetzt was schmeckt und duftet. Ich habe selten so viel Spaß dabei gehabt, meinen Horizont zu erweitern. Und wenn ich das mal der geneigten Leserschaft auf den Weg geben darf: Das ganze ist sogar bezahlbar. Ich habe den Abend alleine bestritten (mein Geburtstagsgeschenk an mich selbst), aber wenn man sich mit ein paar Freunden zusammentut, ist das alles sehr erschwinglich und macht sehr, sehr viel Freude. (Werbung off. Noch mehr Spaß am Weintrinken als vorher on.)

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01.04.2010

„Ich bin Werbetexterin.“

1. Was machst du beruflich?

Ich bin Werbetexterin.

2. Was ist gut – was ist nicht so gut daran?

Gut: Ich darf den ganzen Tag schreiben und krieg auch noch Geld dafür. Und da ich mich so ziemlich fest auf Autoverkaufsliteratur spezialisiert habe, darf ich den ganzen Tag über schöne, neue, teure Autos schreiben. Die ich nie fahren werde, weil sie zu neu und zu teuer sind, denen ich aber immer auf der Straße hinterhergucke, weil sie so schön sind. (Immer wieder: Mercedes CLS. Der schönste stählerne Arsch ever. Nur nicht in Silber. Ich weiß überhaupt nicht, warum den irgendwer in Silber fahren will. Da knacken seine Linien gar nicht. Runner-up zum Hinterhergucken: Audi A5.)

Auch gut: Seit zwei Jahren bin ich selbständig. Heißt: Ich mache im Idealfall dauernd was Neues. Was natürlich so gut wie immer mit schönen, neuen, teuren Autos zu tun hat, denn die Hersteller dieser Autos verteilen ihre Etats ganz gerne auf mehrere Agenturen. Kataloge hier, Anzeigen da, Messemittel dort, Zubehör da, Nutzfahrzeuge hier …

Ebenfalls gut: Die Kohle stimmt. Geht immer besser, ist klar, man hat ja nie genug Schlösser aus Gold, aber generell passt das.

Immer gut: Da ich meistens weiß, was ich tue (außer an Tagen wie diesen), habe ich fast immer um 18 Uhr Feierabend. Was alles andere als selbstverständlich ist in der Werbung. Leider.

Nicht so gut: Man könnte jetzt über die Branche lästern, aber ich persönlich komme ganz gut mit ihr klar. Idioten gibt’s überall, nette Menschen glücklicherweise mehr.

Aber: Als Werber muss man wissen, dass der Kunde immer König ist. Immer. Und wenn der Satz im Katalog dreimal widerlich klingt, wenn der Kunde den so haben will, dann kriegt er ihn. Und dann nützt es auch nix, dass man als Texterlein bittere Zähren vergießt wegen des miesen Sprachgefühls. Werbung ist keine Kunst. Wer Kunst machen will, sollte nicht in die Werbung gehen. Wir schreiben keine Romane, wir photoshoppen keine Meisterwerke. Wir verkaufen Zeug. Mehr nicht. Das vergisst man gerade als Junior gerne, aber irgendwann hat man’s geschluckt, und dann regt sich jemand Branchenfremdes darüber auf, wie abgestumpft die Werber doch sind, und man selbst guckt in den Spiegel und denkt sich, hm, ich mag mein Zeug und ich kann auch mit gutem Gewissen sagen, damit niemanden zu belästigen, denn lustigerweise holen sich die Leute Autokataloge freiwillig. Aber damit hab ich sicher eine Luxusnische in dieser Heizdeckenveranstaltung.

3. Was wäre dein absoluter Traumberuf?

Ich habe jahrelang den Plan B im Hinterkopf gehabt: Drehbuchautorin. Je länger ich aber Werbung mache, desto weniger will ich was anderes machen. Und in den letzten Jahren musste ich mir auch langsam eingestehen: Ich hab nix zu erzählen. Ich habe keine große Idee, die in mir gärt und aufgeschrieben werden will. Ich plaudere lieber über Zeug, das andere machen, Bücher, Filme, Comics oder Blogeinträge. Und ich rede gerne über mich selber, aber das will ich nicht zwischen zwei Buchdeckeln lesen.

Außerdem ist dieses nagende Stimmchen nicht mehr da, das mir jahrelang bei einem guten Film oder einem guten Buch sagte, ach Mist, ich wünschte, ich hätte das geschrieben. Das Stimmchen ist inzwischen ein glückliches Ding an der Seitenlinie geworden, das sich puschelschwingend über anderer Leute Zeug freuen kann, ohne traurig darüber zu sein, dass ihm das nicht eingefallen ist. Ich weiß nicht, ob das Altersmilde oder Resignation ist. Ich nenne es Zufriedenheit.

Aber mein Traumberuf ist natürlich immer noch Astronautin. Ich kann nur nix, was mich für einen Aufenthalt im All qualifizieren würde. Außer mit großen Augen aus der Raumfähre zu gucken und staunende Blogeinträge darüber zu schreiben. Andererseits: NASA? ESA? Das würde ich sogar für lau machen!

4. Warum gerade dieser?

Weil ich es mir unglaublich majestätisch vorstelle, die Welt von oben zu sehen. Und weil ich, außer den wenigen Minuten im Toten Meer, keine Ahnung habe, wie sich Schwerelosigkeit anfühlt.

(Fragebogen bei Isa mitgenommen)

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31.03.2010

Tagebuchbloggen 30.03.2010: Man spricht kein Deutsh

Ich entschuldige mich hiermit bei allen Cafés, in die ich nicht mehr gehe, weil sie Deppenapostrophe in ihren Speisekarten haben. Ich habe seit zwei Jahren einen Rechtschreibfehler in meinem Rechnungsformular, und unglaublicherweise haben alle meine Kunden bisher brav bezahlt. Richtig muss es heißen:

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen
Anke Gröner

Kein Komma hinter „Grüßen“. Aber ich bin immerhin nicht alleine mit meinem Unwissen.

gruesse1
gruesse2
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Kundenanmerkung zu einem TOTAL OKAYEN SATZ: „Klingt nicht deutsch“.

Kontakterin zu neuer Headline: „Versteh ich nicht.“

Kreativdirektor zum gesamten Katalogtext: „Könnte ein bisschen faszinierender sein.“

Kollegin gegenüber: „Schreibt man „den einen oder anderen“ groß oder klein?“

Anke: „Das fragst du mich? HEUTE?“

Wie schon gesagt: Ich werd jetzt Grafiker. (Und ich setze weiterhin ein Komma hinter „Grüßen“. Weiß ja anscheinend eh keiner, wie’s richtig ist.)

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12.03.2010

Tagebuchbloggen 11.03.2010

Frau Gröner und Kerl, beide fies erkältet, dösen unter einem Berg Bettdecken vor dem Spiel HSV-Anderlecht rum und lassen die Lungen fiepsen. Gerade schießt Heiland van Nistelrooy das 2:0, was zwei müde klingende „Yeeeaaah“ unter den Decken hervorlockt. Dann versteigt sich der Kommentator zu folgender Aussage: „Wenn man sich den Spielverlauf anguckt, ist das Ergebnis nicht gerecht.“ Sofort regen sich zeitgleich zwei krächzende Stimmchen vom Sofa.

Anke: Scheißegal!
Kerl: Halt’s Maul!
Anke: *Hustenanfall*
Kerl: *Hustenanfall*

Kerl: Ein kleiner Vorgeschmack auf unser gemeinsames Leben im Altersheim.
Anke: Yeeeaaah.

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22.02.2010

Why must I eat a crustacean in love?

Samstag morgen habe ich zum ersten Mal Riesengarnelen gekauft. Auf Twitter und per Mail kamen diverse Tipps – mit Panzer, ohne, gleich ausgenommen kaufen, wie lange braten, wie zubereiten –, die ich in meinem Herzen bewegt habe, um dann an der Fischtheke im Frischeparadies zu sagen: mit allem.

Wenn ich mich schon nicht traue, dabei zuzugucken, wie ein Schwein geschlachtet wird, dann will ich wenigstens toten Krustentieren die Köpfe selbst abdrehen und sie entdarmen. Mal wieder darüber nachdenken, was man da so isst. Also habe ich die Garnelen komplett gekauft, und nun liegen sie in unserer Küche, grausilber, feuchtglänzend, leicht nach Fisch duftend, mit mehr Beinchen als ich erwartet hatte und seltsamen Tentakeln, und überhaupt bin ich jetzt gerade der Meinung, ein Marmeladenbrot als Abendessen sei auch ne dufte Sache.

Im ganzen Internet habe ich keine vernünftige Anleitung gefunden, wie man respektvoll und vor allem so, dass man sie beim Ausnehmen nicht zerfleddert, mit den Krabbeltieren umgeht. Wie gut, dass wir noch Kochbücher im Schrank haben. In diesem sind freundliche Bilder, an die der Kerl und ich uns dann auch gehalten haben.

Wenn man Gustav oder Gloria Garnele den Kopf abdreht, kommt noch etwas ockerfarbene Flüssigkeit mit. Wir haben Witze darüber gemacht, ob das jetzt das Gehirn ist und wieso bei manchen mehr und bei anderen weniger rauskommt. „Die mit dem kleineren Hirn sind die Männchen.“ — „Und die mit dem leeren Darm sind die Weibchen, die gehen ja dauernd aufs Klo.“

Die erste Garnele finde ich wirklich eklig, und ich habe kurz über ein Leben als Vegetarierin nachgedacht, aber man hat sich ziemlich schnell daran gewöhnt, mit den Viechern umzugehen; das leise Knacken, wenn man mit dem Messer den Panzer aufschneidet, das sandige Gefühl an den Fingerspitzen, wenn man einen gefüllten Darm erwischt. Im Kochbuch steht noch der nette Hinweis, dass man die Köpfe aufheben könne, um zum Beispiel ein Süppchen draus zu machen, aber die Idee kann mir nicht mal der Kerl schmackhaft machen. Ich fühle mich eh schon wie im Schlachthaus, als gerade mal zehn von den Tieren vor uns liegen, und freue mich darauf, wieder so was Normales wie Zwiebeln und Zitrone unterm Messer zu haben. Denn daraus – und Knoblauch, Petersilie und Olivenöl – mache ich jetzt eine Marinade, in der die kopflosen Krustentiere noch eine Stunde baden dürfen.

Dazu soll es einen Salat und Brot geben. Der Salat fällt mit Postelein, Chicoree, Rotkohl und Radieschen vielleicht ein bisschen zu bodenständig aus, und das Bauernbrot mit Leinsamenkruste ist dann auch nicht gerade mediterranes Baguette, aber egal. Ich will ja nicht alles in eine Schüssel hauen.

Nach dem Marinieren landen die Garnelen in einer Pfanne mit dem Marinadeöl. Ein Geruch steigt auf, der mir bekannt vorkommt, den ich aber nicht verorten kann – aber ich weiß sofort: Den finde ich unangenehm. Erst Stunden nach dem Essen fällt mir wieder ein: So haben die Jakobsmuscheln gerochen, die ich einmal ausprobiert habe. Die waren fieses Tiefkühlzeug und haben mir sowas von überhaupt nicht geschmeckt, und ich habe zwei Tage darunter gelitten, dass in der Küche immer noch Spuren dieses Geruchs vorhanden waren, bis ich wirklich zu Raumspray gegriffen habe, um den Rest loszuwerden. Die Garnelen riechen nicht ganz so schlimm, aber sobald der Geruch da ist, ahnt mein Kopf, dass das nicht unbedingt mein Lieblingsessen werden wird.

War’s dann auch nicht. Ich glaube, wir haben den Garpunkt richtig gut hingekriegt; das Fleisch war fest, aber nicht zäh, sehr angenehm beim Kauen, aber ich mochte den Eigengeschmack der Garnelen eben nicht. Nicht wirklich eklig, aber doch so, dass ich mir selber sagen musste, das ist okay, das ist nicht schlimm, runterschlucken und schnell Wein drauf. (Ein goldgelber Sancerre übrigens.) Ich habe zwei gegessen und mich dann sehr über den Salat mit seinem wunderbaren Dressing aus Zitronensaft, Ahornsirup, Granatapfelkernessig und Olivenöl und über das geröstete Brot mit kalter Butter und Meersalz gefreut.

Der Kerl hat seine Garnelen so mit Salz, Pfeffer und Zitrone zugehauen, dass ich sie auch mochte – aber eben nur, weil sie nach Salz, Pfeffer und Zitrone und nicht nach Garnele geschmeckt haben. Ich weiß nicht, ob das der Sinn von Krustentieren ist, dass man sie mit Fremdgeschmack übertüncht isst, weil ihr Fleisch eine schöne Konsistenz hat, aber das erschließt sich mir nicht. Ich würde die Viecher gerne noch einmal probieren, von einem Profi zubereitet im Restaurant, aber ich möchte sie nicht nochmal in der eigenen Küche haben.

Die Garnelen wird’s freuen.

garnele_postelein

(Die Headline ist natürlich eine kleine Verbeugung vor dieser Sendung.)

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18.02.2010

Tagebuchbloggen 17.02.2010 – Die gbdg-Edition

Beim Kerl und mir hängt jetzt Kunst überm Bett. Genauer gesagt, zwei getwitterte Druckgrafiken von Herrn Brunzema. Das Prinzip erklärt der Künstler mal eben selbst:

„Auf Twitter oder auf meinem Weblog kann man mir unter dem hashtag #gbdg (#gerd brunzema druck graphik) ein Stichwort, eine Frage, einen kurzen Satz übermitteln. Ich werde dann eine Druckgraphik dazu machen, und hier möglichst jeden Donnerstag (naja, oder Freitag…) veröffentlichen.“

Mein Tweet war der hier und sieht so aus:

gbdg_anke

Ist das nicht wunderschön, wie verliebt die zwei Weinflaschen sich anschauen? Hach. Außerdem erkenne ich eindeutig die Körperformen vom Kerl und mir *hust*.

Der zweite Tweet war der hier, und das sieht jetzt so aus:

gbdg_kerl

Das Besondere (deswegen bitte die Links anklicken): Zu den grafischen Umsetzungen gibt’s noch eine winzige Geschichte. Und wenn man sich die Werke dann hübsch in schwarz gerahmt bestellt, dann ist die hinten ausgedruckt im Bilderrahmen drin.

Ich bin von beiden Umsetzungen freudig überrascht; ich find’s ja immer lustig, was für Assoziationen kommen, wenn man Worte oder Sätze loslässt. Nochmals vielen Dank an den Künstler – und gleichzeitig die Aufforderung an die freundlichen Leser und Leserinnen, doch mal selbst ein bisschen Kunst zu erwerben. Oder wenigstens zu twittern. Worte und Sätze kann es nämlich nie genug geben.

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07.02.2010

Die 100 liebsten Bücher der ZDF-Zuschauer

Die Liste hatte ich schon mal im Blog, allerdings vor Jahren und auch nur die ersten 50. Bei denen copypaste ich mal, was noch stimmt und ergänze bei Bedarf. Die letzten 50 sind frisch geschrieben, gelesene sind gefettet. Via Vorspeisenplatte.

1. Der Herr der Ringe, J. R. R Tolkien

Glaub ich nicht, dass die Bücher so beliebt ist. Die lesen nur Jungs in der Pubertät und Mädels, die Viggo im Film toll finden. (Nachtrag: Den ersten Band auf Deutsch gelesen und für doof befunden. Im Zuge der Verfilmung alle auf Englisch gelesen und für anstrengend befunden.)

2. Die Bibel

Einmal komplett durch (Die gute Nachricht). Ich habe mehrere Bibeln im Schrank, sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, und vergleiche ganz gerne, wie was wo klingt.

3. Die Säulen der Erde, Ken Follett

Angefangen, weggelegt.

4. Das Parfum, Patrick Süskind

5. Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry

Damals als Kind fand ich’s toll. Seit das Buch aber für jede esoterische Bewegung und jeden Lebenshilfe-Wälzer herhalten muss, mag ich es irgendwie nicht mehr so. Aber da kann Herr Saint-Exupéry natürlich nix für.

6. Buddenbrooks, Thomas Mann

Oh ja. Habe ich in der Zeit gelesen, als ich Dauergast in unserer Schulbibliothek war. Im Zuge meiner „Ich lese jetzt mal viel altes Zeug zu den neuen Comics“-Phase gucke ich seit Wochen nach oben. Wenn ich in meiner Lieblingssofaecke sitze, habe ich die Buddenbrooks und den Zauberberg genau im Blick. Hm. Ja, ich glaub, ich fang die nochmal an.

buecherregal

Da machen wir doch gleich mal ein bequemes Beweis-iPhone-Foto von (Blogcontent generieren, ohne sich zu bewegen. Toll). So sieht’s aus, wenn ich nach links gucke. Da oben, im zweiten Regal links außen, das blaue Buch sind die Buddenbrooks, das weiße daneben ist der Zauberberg. Die violette Breitseite im Fach darunter ist alles Proust. Und die Comics dürfen auf Augenhöhe stehen.

7. Der Medicus, Noah Gordon

Angefangen, weggelegt. Und letztes Jahr, nachdem ich die ausgeblichene Schwarte bei vier Umzügen im Gepäck hatte, weggeschmissen.

8. Der Alchimist, Paulo Coelho

Ich schrub 2004: „Hat mir mein Kerl gestern geliehen. Irgendwo habe ich in den letzten Tagen gelesen, dass Karasek es als „überspanntes Erbauungsbuch“ bezeichnet hat. Dann wollen wir mal schauen.“

Bitte beachten Sie, dass ich damals den Kerl noch „meinen“ Kerl genannt habe, ich frischverliebtes Ding, ich. Den Alchemisten hab ich bis heute nicht gelesen, aber dafür liegt jetzt auf meinen Nachttisch das Buch über 100 Jahre FC St. Pauli, das ich dem Kerl geschenkt habe, der aber nicht dazu kommt, es zu lesen. Dann les ich das halt.

9. Harry Potter und der Stein der Weisen, J. K. Rowling

Auf Englisch und gerne.

10. Die Päpstin, Donna W. Cross

11. Tintenherz, Cornelia Funke

12. Feuer und Stein, Diana Gabaldon

13. Das Geisterhaus, Isabel Allende

Den Film fand ich gut.

14. Der Vorleser, Bernhard Schlink

Jepp, schönes Teil. Gewagtes Thema, wunderbar erzählt.

15. Faust. Der Tragödie erster Teil, Johann Wolfgang von Goethe

Konnte ich zu Abiturzeiten fast auswendig. Den zweiten Teil habe ich allerdings bis heute nicht geschafft, trotz (oder wegen) Königs Erläuterungen in der freien Hand.

(Nachtrag: Dafür freue ich mich jetzt auf die Flix’sche Version, die es in der FAZ schon zu lesen gab. Aber mich hat das Format wahnsinnig gemacht; ich will das alles auf einmal lesen und nicht in Häppchen.)

16. Der Schatten des Windes, Carlos Ruiz Zafón

Nach 2004 gelesen und eher so naja gefunden.

17. Stolz und Vorurteil, Jane Austen

Jane Austen wurde mir im Anglistik-Studium ein wenig verleidet, und ich habe mich mit ihr bis heute nicht recht anfreunden können.

18. Der Name der Rose, Umberto Eco

Erst den Film gesehen, dann das Buch gelesen. Mir hat beides sehr gut gefallen, auch wenn ich danach kein einziges Werk von Eco mehr durchgekriegt habe. Foucault’sches Pendel, anyone?

19. Illuminati, Dan Brown

Och jo, las sich gut weg.

20. Effi Briest, Theodor Fontane

Schullektüre. Ich mag Fontane nicht so wahnsinnig gerne; er kommt mir immer sehr preußisch-korrekt rüber. Manchmal hätte ich gerne ein bisschen unpassende Leidenschaft. Aber vielleicht habe ich ihn auch völlig falsch in Erinnerung. Ging’s bei Effi Briest nicht genau darum? Öhm …

(Nachtrag: Ich werde dem Herrn noch eine zweite Chance geben, jetzt wo ich so viel über das Kaiserreich gelesen habe. Mal sehen, ob historisches Hintergrundwissen spröde Romane besser werden lässt.)

21. Harry Potter und der Orden des Phönix, J. K. Rowling

Auf Englisch.

22. Der Zauberberg, Thomas Mann

Mein zweitliebster Mann. Ich habe mich nach dem Buch sehr, sehr krank gefühlt und muss bei jedem Geräusch, das meine Lunge nach fünf Stockwerken zu Fuß macht, an dieses Buch denken. Es war eben ein sehr intensives Leseerlebnis, das noch lange nachgehallt hat. Die Verfilmung von Schlöndorff mit Spitznase Christoph Eichhorn ist übrigens auch zu empfehlen, alleine wegens seines fiebrigen Monologs, mit dem er Silvester der Chauchat seine Liebe gesteht.

23. Vom Winde verweht, Margaret Mitchell

Der erste fiktive Mann, in den ich mich mit 13 hemmungslos verknallt habe: Rhett Butler. Ich war von dem Buch überhaupt nicht mehr wegzukriegen und hätte am Ende am liebsten gleich nochmal von vorne angefangen. Ich habe es bis heute mehrmals in Deutsch und Englisch gelesen. Und beim Film heule ich standesgemäß die letzte Viertelstunde komplett durch.

24. Siddharta, Hermann Hesse

Noch nicht gelesen. Hesse ist bei mir eher Glückssache. Mein erster war Unterm Rad, und den fand ich gut. (Auch fünf Jahre später noch nicht gelesen. Wird wohl nix mehr.)

25. Die Entdeckung des Himmels, Harry Mulisch

Näh, ging gar nicht. Verschroben-verschwafeltes Geblubber … aber ich hab fast 100 Seiten durchgehalten, obwohl ich schon nach einer das Gefühl hatte, dass dieses Buch nicht mein Freund werden wird.

26. Die unendliche Geschichte, Michael Ende

Ich mochte Momo lieber, aber ich hab auch dieses Buch gern gelesen. Ist allerdings schon ewig her.

27. Das verborgene Wort, Ulla Hahn

28. Die Asche meiner Mutter, Frank McCourt

29. Narziss und Goldmund, Hermann Hesse

Hab ich in China im Urlaub gelesen, während im Hintergrund MTV Asia gerade Cryin’ von Aerosmith rauf- und runtergedudelt hat.

30. Die Nebel von Avalon, Marion Zimmer Bradley

Muss als Mädchen wohl sein, dass man irgendwann Marion liest. Die Nebel von Avalon habe ich sowohl auf Deutsch (geschenkt gekriegt) und auf Englisch (selbst erstanden). Ich muss gestehen, dass ich das Teil bis heute bis 2004 sehr gerne lese. Ist eben so schön pseudofeministischer Mystikquatsch, der sich gut im Urlaub und an langen Wochenenden lesen lässt. Obwohl ich erstens sonst überhaupt kein Fantasy mag und zweitens als Buch, das ich immer wieder lese, viel lieber Colleen McColloughs Tim vorschlage. Das ist dann allerdings nur noch Herzschmerz und Mädchenkram ohne Feen und Zauberei. In der ersten Verfilmung hat übrigens Mel Gibson den geistig zurückgebliebenen Tim gespielt. Mit 14 fand ich es unglaublich ergreifend, heute halte ich den Film vor Gackern keine halbe Stunde durch.

31. Deutschstunde, Siegfried Lenz

Ich mag den Stil von Herrn Lenz. Diese fast gefühllose Distanz, die trotzdem sehr emotional wirkt, hat mir sehr gefallen. Ist aber auch schon 20 Jahre her, dass ich es gelesen habe.

32. Die Glut, Sándor Márai

Habe ich inzwischen gelesen und fand es gut.

33. Homo faber, Max Frisch

Verdammt gute Schullektüre. War mein erster Frisch, aber nicht mein liebster. Das ist bis heute Andorra. Und irgendwann kriege ich auch noch Mein Name sei Gantenbein durch.

34. Die Entdeckung der Langsamkeit, Sten Nadolny

Habe ich gelesen und auch weiterempfohlen, kann mich im Moment aber nur schwer erinnern. Ging’s da um diesen Matrosenjungen?

35. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kundera

Schöner Film.

36. Hundert Jahre Einsamkeit, Gabriel Garcia Márquez

Angefangen, weggelegt.

37. Owen Meany, John Irving

Habe ich nicht gelesen. Nach Garp, Hotel New Hampshire und der Mittelgewichtsehe war mein Bedarf an Irving gedeckt. Mir fällt gerade auf, dass es Schriftsteller gibt, von denen man alles lesen will und andere, die man mochte, von denen man aber trotzdem irgendwie irgendwann genug hat. Als ob man sich überfressen hätte.

38. Sofies Welt, Jostein Gaarder

Im Krankenhaus angefangen zu lesen. Vielleicht lag’s am Krankenhaus, aber ich mochte es nicht. Nach 50 Seiten in die Tonne.

39. Per Anhalter durch die Galaxis, Douglas Adams

Oh ja. Komplett. Meine erste Begegnung mit Science Fiction. Mit 13 auf deutsch gelesen, 15 Jahre später dann auf Englisch. Ich lache bis heute über „Steck dein Kopf in ein Schwein“, und ich leide mit jedem männlichen Wesen, das den unglücklichen Namen „Marvin“ trägt. Und gibt es bitte einen cooleren Bandnamen als „Desaster Area“?

40. Die Wand, Marlen Haushofer

Inzwischen gelesen. Sehr intensive Stimmung, sehr gutes Buch.

41. Gottes Werk und Teufels Beitrag, John Irving

42. Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Gabriel Garcia Márquez

43. Der Stechlin, Theodor Fontane

44. Der Steppenwolf, Hermann Hesse

Soll ja der beste Hesse sein. Hat bei mir nicht funktioniert. Schon mindestens fünfmal angefangen und nie durchgehalten.

45. Wer die Nachtigall stört, Harper Lee

Im Studium auf Englisch gelesen und bedauert, dass die gute Frau Harper nicht noch mehr geschrieben hat.

46. Joseph und seine Brüder, Thomas Mann

47. Der Laden, Erwin Strittmatter

48. Die Blechtrommel, Günter Grass

Mein Lieblingsbeispiel für „Da war der Film besser als das Buch“. Was zum Henker sollte der dritte Teil im Buch? Ich will doch gar nicht wissen, dass Oskarchen jetzt Steinmetz wird.

49. Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque

Ja, gelesen, lange her, weiß ich nicht mehr. Hat mir bestimmt pflichtschuldig gefallen.

50. Der Schwarm, Frank Schätzing

Inzwischen gelesen und für gut befunden.

51. Wie ein einziger Tag, Nicholas Sparks

52. Harry Potter und der Gefangene von Askaban, JK Rowling

Auf Englisch gelesen.

53. Momo, Michael Ende

54. Jahrestage, Uwe Johnson

55. Traumfänger, Marlo Morgan

56. Der Fänger im Roggen, J.D. Salinger

Mitten in der Pubertät auf Deutsch gelesen. Ich traue mich nicht, es nochmal im Original zu lesen. Das tut Pubertätsbüchern ja nie gut.

57. Sakrileg, Dan Brown

58. Krabat, Otfried Preußler

Ja, gerade erst nach 20 Jahren Pause wieder mal genossen.

59. Pippi Langstrumpf, Astrid Lindgren

Bis heute meine Standardantwort auf den FAZ-Fragebogen: Wer ist Ihre Heldin in der Literatur?

60. Wüstenblume, Waris Dirie

61. Geh, wohin dein Herz dich trägt, Susanna Tamaro

Steht im Regal und sieht gelesen aus. Kann mich überhaupt nicht daran erinnern.

62. Hannas Töchter, Marianne Fredriksson

63. Mittsommermord, Henning Mankell

64. Die Rückkehr des Tanzlehrers, Henning Mankell

65. Das Hotel New Hampshire, John Irving

66. Krieg und Frieden, Leo Tolstoi

Ha! (Ja, billiger Triumph, dicke Bücher bezwungen zu haben, ich weiß.)

67. Das Glasperlenspiel, Hermann Hesse

68. Die Muschelsucher, Rosamunde Pilcher

69. Harry Potter und der Feuerkelch, J. K. Rowling

Auf Englisch.

70. Tagebuch, Anne Frank

71. Salz auf unserer Haut, Benoîte Groult

Ja, ich muss zugeben, den Schmachtfetzen hab ich auch gelesen. Aber der war so doof, den fand ich nicht mal in der hormongeschwängerten Pubertät gut.

72. Jauche und Levkojen, Christine Brückner

73. Die Korrekturen, Jonathan Franzen

Auf Englisch.

74. Die weiße Massai, Corinne Hofmann

75. Was ich liebte, Siri Hustvedt

76. Die dreizehn Leben des Käpt’n Blaubär, Walter Moers

77. Das Lächeln der Fortuna, Rebecca Gablé

(Nie gehört. Weder Titel noch Verfasserin. Ts.)

78. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Eric-Emmanuel Schmitt

79. Winnetou, Karl May

Oh ja. Papa hat bergeweise May im Schrank, und nach den totaaaal tollen Filmen mit Schnuffel Pierre Brice musste ich natürlich auch mal die Bücher lesen. Ich erinnere mich dunkel an drei Winnetous und noch ein, zwei Bände, aber ich weiß nicht mehr, welche das waren.

80. Désirée, Annemarie Selinko

81. Nirgendwo in Afrika, Stefanie Zweig

82. Garp und wie er die Welt sah, John Irving

83. Die Sturmhöhe, Emily Brontë

Peinlicherweise nie gelesen. Aber den Kate-Bush-Song finde ich toll.

84. P.S. Ich liebe Dich, Cecilia Ahern

85. 1984, George Orwell

Auf Deutsch und auf Englisch. Weder in der Schule noch im Studium.

86. Mondscheintarif, Ildiko von Kürthy

87. Paula, Isabel Allende

88. Solange du da bist, Marc Levy

89. Es muss nicht immer Kaviar sein, Johannes Mario Simmel

Siehe May. Papa hat alles. Ich mochte Simmel, ich mochte vor allem die Titel der Bücher, die mich dazu verlockt haben, sie aufzuschlagen. Und Jimmy ging zum Regenbogen. Lieb Vaterland magst ruhig sein. Bis zur bitteren Neige. Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.

90. Veronika beschließt zu sterben, Paulo Coelho

91. Der Chronist der Winde, Henning Mankell

92. Der Meister und Margarita, Michail Bulgakow

93. Schachnovelle, Stefan Zweig

Schullektüre und perfekter Anfixer. Habe danach viel Zweig gelesen, ist aber auch schon 20 Jahre her.

94. Tadellöser & Wolff, Walter Kempowski

Die Kempowskis hatte Mama im Bücherregal. Auch alle weggelesen, die da waren. Komischerweise danach nie wieder.

95. Anna Karenina, Leo Tolstoi

Gelesen, als ich im Kino gearbeitet habe. Zwischen den Vorstellungen hat man ne Menge Zeit.

96. Schuld und Sühne, Fjodor Dostojewski

Erst vor ein paar Jahren gelesen. Bzw. mich durchgequält. War gar nicht mein Ding, aber ich wollte es einfach durchlesen.

97. Der Graf von Monte Christo, Alexandre Dumas

Schönes Ding. Keine Verfilmung kommt an das Buch ran.

98. Der Puppenspieler, Tanja Kinkel

99. Jane Eyre, Charlotte Brontë

Im Studium auf Englisch gelesen.

100. Rote Sonne, schwarzes Land, Barbara Wood

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05.02.2010

Tagebuchbloggen 04.02.2010

Da sitze ich so im zweiten Bus zur Arbeit (nicht der, in dem die Zeitungstante mit den spitzen Ellenbogen war) und guck so nach draußen und denk so, ach, denk ich so, guck an, wie’s dir gerade geht, der Schnee ist toll und die Stadt ist schön leise und du hast eine neue MP3-Sammlung auf dem iPhone, die dir gerade charmant die Fahrzeit verkürzt, und du hast ein spannendes Buch im Rucksack, womit du die Mittagspause rumbringst, und du bist seit Monaten in der Lieblingsagentur für den Lieblingskunden gebucht und dir gefallen deine Klamotten und du trägst seit Ewigkeiten mal wieder lange Ohrringe und ein buntes Tuch und der Rücken tut nicht weh und nachher wird wieder gekocht und am Kerl rumgeschnuffelt und dann gibt’s American Idol und die Daily Show und im Regal warten dutzende von DVDs und Büchern und Comics und auf Twitter schreiben Leute lustiges Zeug, das dich zum Lachen bringt und du kriegst nette E-Mails und kannst Wein online ordern und Kunst und noch mehr Bücher und noch mehr Klamotten, in denen du dich endlich mal wieder wohlfühlst und selbst die Zahl auf der Waage ist gerade irgendwie egal, weil sie nicht mehr so bestimmend ist, vielmehr ist die Speisekammer bestimmend, weil in der gutes Zeug liegt und weil du dir jeden Abend deine Lunchbox fertig machst mit Vollkornbrot und haufenweise Gemüse und nem Stück gutem Käse und Biojogurt und dich da täglich drüber freuen kannst, dass sich das auf einmal nicht mehr nach Diät und Kalorienzählen anfühlt, sondern nach Genuss und Selbstbestimmung, ohne Selbsthass, ohne Selbstekel, ohne Selbstzweifel und das fühlt sich so neu und toll und wunderbar an, und dann spielt das iPhone dein Lieblingslied und es schneit weiter leise vor sich hin und du gehst ohne Rückenschmerzen zur Arbeit und alles ist gut.

Alles ist gut.

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18.01.2010

Tagebuchbloggen 18.01.2010

Diese Freude über gutes Essen, die mich jeden Tag erwischt. Leute, die seit 20 Jahren „vernünftig“ kochen, finden das wahrscheinlich total verquast, aber für mich ist das immer noch neu, dieses in die Vorratskammer gucken, die vor guten, gesunden und vor allem leckeren Zutaten überquillt, und sich darüber zu freuen.

Die Freude, wenn aus der Pfanne ein ganz neuer Duft aufsteigt, von Fleisch, das man so noch nie zubereitet hat, von Fisch, den man völlig neuentdeckt, von Gemüse, das man plötzlich ganz anders betrachtet, nicht mehr als blöde Beilage, sondern als buntes, schmackhaftes Nahrungsmittel.

Die Freude zu wissen, dass, wenn jetzt plötzlich vier Leute vor der Tür ständen mit flaschenweise Wein und Hunger, man sie locker bewirten könnte, weil eben auf einmal alles da ist, was man für ein einfaches und gutes Essen braucht.

Die Freude, aus Selbstgemachtem die einzelnen Zutaten rausschmecken zu können, rausschmecken zu wollen, überhaupt: selbermachen, kaum noch Fertigzeug im Haus und wenn, dann bio oder Vollkorn oder beides, und nicht, weil mein Kopf sagt, das ist besser für dich, sondern weil mein Bauch, mein Gaumen und meine gute Laune das sagen.

Die Freude, wenn ein Gericht gelungen ist, das man noch nie ausprobiert hat, wenn man im Kochbuch etwas findet, was man jetzt ganz dringend zubereiten möchte und das dann noch besser schmeckt als gedacht, wenn aus dem Ofen ein noch nie gebackener Kuchen duftet, Weihnachtskekse, die man seit der Kindheit nicht mehr gemacht hat.

Die Freude, wenn die Küche benutzt aussieht, der Müll dauernd runtergebracht werden muss, weil er mit Gemüseabfällen überquillt anstatt mit Pizzaboxen, dass seltsame Gerätschaften, die man vor Jahren angeschafft oder geschenkt bekommen hat, endlich benutzt werden.

Und vor allem Freude darüber, dass so etwas Simples wie Gemüse nicht mehr die kalorienarme Langeweile ist, sondern neuerdings meine Lunchbox füllt, und zwar nicht, weil ich Punkte zähle, sondern weil ich Lust darauf habe, auch mittags etwas Gutes zu essen. Freude darüber, das Franzbrötchen vom Bäcker nicht zu vermissen, sondern mit dem selbstgeschmierten Käsebrot viel glücklicher zu sein. Freude darüber, zu genießen, zu schmecken, sich noch tagelang an ein gelungenes Filet zu erinnern, nicht mehr darüber nachzudenken, was man da jetzt eigentlich macht, sondern es einfach machen, Zutaten aus der vollen Vorratskammer holen, in Töpfe und Pfannen werfen, gemeinsam essen, Wein entkorken, Kerzen anzünden. Und morgen das gleiche nochmal. Nicht weil ich muss, sondern weil ich will.

Ich habe noch nie so gegessen bzw. noch nie so an Essen gedacht, so ohne Zwang und Kalorientabellen und Fettpunkte und wasweißich, und ich genieße es so unglaublich, das könnt ihr gar nicht nachfühlen. Ich platze fast vor Glück (und gutem Essen). Darauf nen Wein und ein fettes HACH!

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10.01.2010

karlandme

Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 – 02.12.1999

Happy birthday, love. Wish you were here.

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06.01.2010

Sternchentweets 2009

Spreeblick, Nilz, Kiki, Don und bestimmt noch viele mehr haben’s vorgemacht, ich mache nach: meine Lieblingstweets des letzten Jahres. Meine Favoritenliste ist noch viel länger, aber ihr wisst ja, wir sollen das Internet nicht so vollmüllen.

tweet_shhhh

tweet_matthias

tweet_ingeborch

tweet_amaot

tweet_martini

tweet_litchi

tweet_butter

tweet_grindcrank

tweet_franz2

tweet_merlix

tweet_funke

tweet_franz

tweet_gero

tweet_nilz

tweet_malo

tweet_julie

tweet_bosch

tweet_plastic

tweet_coffee

tweet_lu

tweet_herm

tweet_bov_dez

Ein bisschen Selbstreferenzialität muss auch sein, denn der Mann hat natürlich Recht:

tweet_lobo

Und das hier ist eigentlich ein Tweet vom Kerl:

tweet_kerl

Dann noch die zwei Tweets, die ich dauernd im Kopf habe, wahrscheinlich für alle Ewigkeiten. Wann immer ich Zwiebeln schneide oder bei einem Film anfange zu flennen, poppt das hier auf:

tweet_gebenedeite

Und meiner Meinung nach der beste Befehl, den es geben kann:

tweet_herm2

Für die Statistik: Der Tweet von meinen, der die meisten Fav-Sternchen gekriegt hat, war der hier:

tweet_anke

Danke an meine Timeline. Keep it coming.

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01.01.2010

Filme 2009

Der Chronistenpflicht wegen, nicht weil’s so toll war. Das Jahr, in dem Comics das Kino ersetzt haben.

(2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003 (1. Januar), 2002 (1. Januar))

filme09

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01.01.2010

2009 in Büchern

In den Fotos fehlen einige Bücher – teilweise weil ich sie irgendwo ins Regal gewürgt habe, vor dem jetzt mein Sofa steht und ich keine Lust hatte, erst das Sofa zu verschieben und dann in zweiter Reihe nach einem Reclamheft zu wühlen wie Madame Bovary; teilweise weil einige der Comics im Regal vom Kerl stehen, dessen Ordnung ich nur halbwegs verstehe. Ich erkenne den Unterschied zwischen amerikanischen und französischen Büchern, aber ob ein bestimmter Batman jetzt unter „Batman“ steht oder unter „Frank Miller“ oder sonstwo, habe ich noch nicht rausbekommen. Und bei grob geschätzt 1.000 Comics fange ich nicht an zu suchen, neinnein.

buecher09_JanMaerz

The Economist: The Book of Obituaries

Vom Kerl zu Weihnachten geschenkt bekommen und hier schon mal erwähnt. Ich kann das nicht an einem Stück durchlesen; es fühlt sich an, als ob man 200 Minibiografien auf einem Haufen hat. Sobald man sich in ein Leben vertieft, ist es schon wieder vorbei – was logisch ist bei Nachrufen, es aber eben nicht einfach macht, das Buch so wegzulesen. Auf jeden Fall spannend, für welchen Aspekt der jeweiligen Person sich die Nachrufer entscheiden. Mein bisheriger Favorit ist der Abgesang auf Alex the African Grey, den vielleicht intelligentesten Papagei der Welt. Der letzte Absatz sagt viel über den besonderen Stil der Nachrufe:

„There are still a few researchers who think Alex’s skills were the result of rote learning rather than abstract thought. Alex, though, convinced most in the field that birds as well as mammals can evolve complex and sophisticated cognition, and communicate the results to others. A shame, then, that he is now, in the words of Monty Python, an ex-parrot.“

Otfried Preußler – Krabat

Ein Geschenk einer Leserin, wie ich hier schon schrieb. Las sich selber viel zu schnell weg. Ich glaube, ich lass mir das nochmal vorlesen.

Daniel Kehlmann – Ruhm

Hm. Ich mag die Art von Kehlmann, Geschichten zu erzählen. Ich mochte Ruhm aber trotzdem nicht, weil ich arg das Gefühl hatte, dass hier aus neun kleinen Storys ohne großen Sinn und Zweck ein Roman geklöppelt werden sollte, weil „Roman“ besser auf dem Einband aussieht als „Kurzgeschichten“. Ruhm liest sich sehr entspannt weg, aber je länger das Buch dauerte, desto mehr gingen mir die Figuren auf die Nerven, die alle einfach so da sind und mir nichts erzählen, mich nicht an sie rankommen lassen, mir auch nach dem Ende der Geschichte nichts bedeuten. Ruhm ist der erste Kehlmann, der mir nicht gefallen hat, obwohl ich ihn gern gelesen habe. Hm.

flix – Mädchen

Anders schön als die tägliche Dosis Comic, mit der mich flix online versorgt. Eine längere Geschichte, die erstmal uralt klingt, Boy meets Girl eben, aber dann ganz neu passiert und die mich gleichzeitig zum Lachen gebracht und mir das Herz gebrochen hat.

Alan Moore/Dave Gibbons – Watchmen (Die Wächter)

Fantastisch. Genaueres habe ich hier aufgeschrieben.

Neil Gaiman/Chris Bachalo, Mark Buckingham – Death: The High Cost of Living

Durch die Watchmen angefixt, hat mir der Kerl Death empfohlen. Eine junge Frau taucht im Leben vom suizidgefährdeten Sexton auf und behauptet, der Tod zu sein. Zusammen durchstreifen sie eine Stadt, wodurch sich Sextons Einstellung zu Leben und Tod ändert. Dass der Tod eine hippe Gothicbraut ist, fand ich zwar ein bisschen sehr Altherrenfantastisch, aber mir haben der Zeichenstil und der Tonfall der Story sehr gut gefallen.

Heather Cocks/Jessica Morgan – The Fug Awards

Viele seltsame Klamotten und viele grandiose Rezensionen derselben, die nie einfach nur Geläster sind, sondern vor popkulturellen Anspielungen nur so überquellen, Filme zitieren, miese Serien, Klatsch und Tratsch. Go Fug Yourself ist eins meiner Lieblingsblogs, weil es so wunderbar geschrieben ist, und deshalb macht es als Buch genauso viel Spaß.

Frank Miller/Klaus Janson – Dark Knight Returns

So langsam werd ich warm mit Comics. Dark Knight Returns hat das (laut Kerl) langweilige Image von Batman gehörig auf den Kopf gestellt. Mir hat der Zeichenstil nicht ganz so gut gefallen wie die Watchmen, an denen ich jetzt blöderweise alles messe, aber ich mochte auch hier die Düsternis, das deprimierende Setting und die intelligente Art des Storytellings.

Michael Farr – Auf den Spuren von Tim und Struppi

Sehr schönes Buch, das sich mit der Entstehungsgeschichte der einzelnen Tim-und-Struppi-Bände beschäftigt, auf Korrekturen im Laufe der Zeit hinweist (wie z.B. bei Tim im Kongo, wo Tim eine Schulklasse übernimmt und in der Erstausgabe noch was über die Kolonialmacht Belgien erzählt, während er heute eine Matheaufgabe an die Tafel schreibt) und mit Fotomaterial belegt, wo Hergé seine Inspirationen herholte bzw. wie exakt seine Zeichungen von Autos, Gebäuden und Gebrauchsgegenständen der Zeit waren. Wer wie ich eine besondere Beziehung zu Tim hat und noch heute Käpt’n Haddocks Schimpfkanonaden auswendig kann, wird dieses Buch genauso gerne lesen wie ich.

Claire Keegan – Antarctica

Antarctica ist eine Kurzgeschichtensammlung, die mich so in ihren Bann gezogen hat, dass ich mehrmals meine Bushaltestelle verpasst bzw. das Ende meiner Mittagspause im Starbucks vergessen habe. Jede Story kann ich mir auch als abendfüllenden Spielfilm vorstellen, so viel schwingt in den präzisen, intensiven Zeilen mit. Ich habe mich sofort in Keegans eher beobachtenden Stil verliebt, der es mir selbst überlässt, was ich von den Protagonisten halte. Auch wenn diese Distanz zum Schluss jeder Geschichte so richtig schön die Keule rausholt. Wenn ich das Buch nochmal lese, habe ich für jede Geschichte ein anderes Gefäß eisgekühlten Alkohols neben mir stehen. Große Empfehlung. (Und danke an Merlix für die Inspiration.)

buecher09_april

James McPherson – Battle Cry of Freedom

Absolute Empfehlung für alle, die sich für den amerikanischen Bürgerkrieg interessieren. Ich habe das Buch hier schon mal lobend erwähnt, als ich es noch nicht durchgelesen hatte. Das habe ich jetzt, und je länger es dauerte, desto mehr hat es mich fasziniert. Der Weg in den Krieg wird sehr nachvollziehbar beschrieben, und der Krieg selbst erschöpft sich nicht in einer Schlachtenerzählung nach der nächsten; stattdessen werden die Kampfhandlungen umrahmt von Beschreibungen der Gesellschaft und der politischen Veränderungen, die der Krieg mit sich brachte. Wie wurde er finanziert? Welche Stellung bzw. Berufe hatten Frauen auf einmal? Wie funktionierte der Transport von Menschen, Tieren, Waffen? Wie unterschiedlich entwickelten sich Nord- und Südstaaten? Und natürlich vor allem: Wie veränderte sich der Umgang mit den Schwarzen – waren sie anfangs „nur“ ein Teil in der großen Summe der Kriegsgründe, wurde die Position der Nordstaaten bzw. vor allem Abraham Lincolns im Laufe des Krieges immer entschiedener: Die Sklaverei musste abgeschafft werden, und daher hatten Friedensverhandlungen, die dieses Thema ausklammern wollten, nie eine Chance.

Was mir besonders gefallen hat: Pherson hält sich nicht krampfhaft an eine Zeitleiste, sondern nimmt sich zwischen den einzelnen Schlachten immer ein Thema vor, das gerade wichtig ist (wie eben die Finanzierung oder die steigende Inflation, vor allem im Süden) und beleuchtet es über die Zeit des Krieges hinweg, bevor er zur nächsten Schlacht kommt und danach zu einem weiteren Thema. Auf so gut wie jeder Seite habe ich Neues lernen und Altes vertiefen dürfen. Battle Cry of Freedom zeichnet trotz seiner recht komprimierten Form von 900 Seiten ein für mich sehr ausführliches Bild des Civil War und seiner Begleitumstände und hat mich – auch durch seinen sehr lesbaren und wenig pompös-wissenschaftlichen Tonfall – wirklich begeistert.

Christian Kracht – Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

An einem Nachmittag verschlungen. Ich mochte die fremde Welt, die Kracht entwirft – Lenin bleibt in der Schweiz, etabliert eine sozialistische Republik, und fast 100 Jahre später bekriegt sich Europa immer noch –, ich mochte die vielen Adjektive, die mir nie unpassend erschienen und alle irrealen Welten ganz anfassbar gemacht haben, und ich mochte die zaghaften Botschaften, die in den Nebensätzen durchschimmerten: wie seltsam der Mensch ist, wie seltsam seine Ideologien oder was ihn antreibt, was Heimat definiert und was Nächstenliebe.

Charles Frazier – Cold Mountain

An den Film konnte ich mich nur schemenhaft erinnern, und im Zuge meiner ganzen Bürgerkriegsbegeisterung dachte ich mir, ach, lieste doch mal ein Buch, das in dieser Zeit angesiedelt ist. Gute Sache, denn die verschiedenen Schauplätze des Romans, die Namen der umkämpften Städte oder die der Generäle werde ohne Erklärung auf den Leser losgelassen, und wenn ich nicht vorher das großartige Battle Cry of Freedom gelesen hätte, hätte mich Cold Mountain vielleicht nicht ganz so gefesselt. Das Buch beschreibt zwei Geschichten gleichzeitig: die des Südstaatensoldaten Inman, der aus einem Hospital desertiert und sich auf den Weg nach Hause, nach Cold Mountain macht, um zu seiner geliebten Ada zurückzukehren. Sie ist die Hauptperson der zweiten Geschichte, und in dieser wird ihre Wandlung von der behüteten, aber durchaus eigensinnigen Frau zur Vollblutfarmerin erzählt, die ihr Piano gegen Saatgut tauscht und irgendwann gleichberechtigt Homer liest und wilde Truthähne zielsicher zu Proviant macht. Zum Schluss begegnen sich beide Erzählungen, aber erst, nachdem sie die ländlichen Südstaaten, ihre Bewohner und Sitten zurzeit des Bürgerkriegs sehr beeindruckend und ausführlich beschrieben haben. Cold Mountain hat mir sehr, sehr gut gefallen. (Und ich hatte das Ende allen Ernstes schon wieder vergessen.)

Hergé – Tim im Kongo, Tim in Amerika, Die Zigarren des Pharaos, Der blaue Lotos, Der Arumbaya-Fetisch, Die schwarze Insel, König Ottokars Zepter, Die Krabbe mit den goldenen Scheren, Der geheimnisvolle Stern, Das Geheimnis der Einhorn, Der Schatz Rackhams des Roten, Die sieben Kristallkugeln, Der Sonnentempel, Im Reiche des Schwarzen Goldes, Reiseziel Mond, Schritte auf dem Mond, Der Fall Bienlein, Kohle an Bord, Tim in Tibet, Die Juwelen der Sängerin, Flug 714 nach Sydney, Tim und die Picaros

Mit dem Lesen der Sekundärliteratur im März kam logischerweise die Lust, mal wieder die Primärliteratur zu lesen. Wie seit knapp 30 Jahren immer mal wieder, ungefähr im Zwei- bis Drei-Jahresrhythmus. Meine Lieblinge sind immer noch Der Blaue Lotos, Die Juwelen der Sängerin, Tim in Tibet, die Mond-Bände und Flug 714 nach Sydney.

Peter S. Beagle – A Fine & Private Place

Das Buch stammt aus den 60er Jahren, und dementsprechend klingt die Geschichte bzw. die Art, wie sie erzählt wird, auch ein ganz winziges bisschen verstaubt. Der Inhalt: Rebeck, ein älterer Mann, hat sich aus Furcht vor der Realität auf einen Friedhof geflüchtet und lebt dort seit Jahren in einem Mausoleum. Ein sprechender Rabe versorgt ihn mit Sandwiches, die er aus New Yorker Delis klaut, und ab und zu hat Rebeck sogar menschlichen Kontakt – allerdings mit Menschen, die keine mehr sind, denn sie werden begraben und bleiben noch ein wenig in der Zwischenwelt von Leben und Tod bei ihm, bis sie vergessen haben, was ihr Leben ausmacht und sie endgültig sterben. In dieses beschauliche Tableau bricht eines Tages eine Witwe ein, die Rebeck aus der Reserve lockt, und gleichzeitig stellen zwei Verstorbene Gefühle an sich fest, die sie aus ihrem Leben nicht kannten. A Fine & Private Place erzählt mir manchmal ein bisschen zu viel, wo ich gerne nur Andeutungen gehabt hätte, und es liest sich streckenweise etwas zäh. Aber das Fantastische der Geschichte bleibt dafür noch länger bei einem.

Alan Moore/Kevin O’Neill – The League of Extraordinary Gentlemen, Vol. I

Comic. Aus der cleveren Grundidee, literarische Persönlichkeiten zu einer Art Superheldengang zusammenzuschmeißen (Captain Nemo, Mina Harker, Dr. Jekyll/Mr. Hyde, Allan Quatermain), wird ein bisschen wenig gemacht, aber ich mochte den Zeichenstil sehr, sehr gerne, habe die altertümliche Sprache als spannenden Gegensatz zum modernen Genre empfunden und mich über kleine Scherze wie die Mailadresse des Verlages („electro-magneto address“) sehr amüsiert. Gleich den zweiten Band geordert.

Thomas Glavinic – Das bin doch ich

Thomas Glavinic schreibt über einen Schriftsteller namens Thomas Glavinic, der gefühlt das halbe Buch betrunken ist, imaginär an inneren Blutungen stirbt oder Hodenkrebs vermutet, nervös auf das Erscheinen seines Werks Die Arbeit der Nacht wartet und dabei ständig SMSe von Daniel Kehlmann kriegt, der ihm mitteilt, wie oft sich Die Vermessung der Welt schon verkauft hat. Ohne dem Autor zu nahe treten zu wollen – das liest sich alles wie ein wahnwitzig langer Blogeintrag und ist unglaublich komisch. Grandios. Sofort kaufen. Und dann nochmal kaufen und an nette Menschen verschenken. Und Die Arbeit der Nacht natürlich auch kaufen und verschenken. Aber nur an Leute mit besserem Nervenkostüm als ich. Ich konnte danach nächtelang nicht schlafen und war sehr, sehr froh, nicht alleine zu wohnen.

Frank Miller/Lynn Varley – Ronin

Laut Kerl hat Miller mit diesem Comic den Mangastil in Amerika populär gemacht. Mir egal. Ich fand den sehr spannend, weil er eine alte Samuraigeschichte mit der üblich-depressiven Welt des 21. Jahrhunderts verknüpft hat. Sehr schicke Bilder, sehr viele verschiedene Panels, immer was zu gucken. Ich kann immer noch nicht über Comics schreiben, aber ich bin diesem Medium inzwischen fies verfallen. Was auch daran liegt, dass der Kerl ständig Nachschub aufs Sofa legt, wenn ich grad nicht hingucke und mal wieder was mit Wörtern lesen will. So ohne Bilder so. Aber ich komm hier ja zu nix.

Isabel Kreitz – Ohne Peilung/Ralf lebt

Nach diversen Superhelden und Männerquatsch hab ich mal vorsichtig nachgefragt, ob’s denn auch Frauen gibt, die Comics produzieren, woraufhin mir Herr Kerl Frau Kreitz gegeben hat. Beide Geschichten spielen in Hamburg, was ich sehr lustig fand. Die eine beschäftigt sich mit einem alten Mann, der der Kriegsmarine und ihren U-Booten hinterhertrauert, die andere mit Jugendlichen, die im Kanalsystem unter der Stadt leben. Beide fand ich interessant, hätte mir aber gewünscht, sie wären etwas länger bzw. etwas tiefgründiger gewesen. Aber vielleicht bin ich inzwischen auch schon durch die Fantasiewelten der amerikanischen Comics völlig verdorben.

Colleen McCullough – Tim

Mein guilty pleasure. Lese ich alle zwei, drei Jahre mal, wenn ich was Schnulziges lesen will. Dauert inzwischen auch nur noch vier oder fünf Stunden, dann hab ich das durch, mich kurz ausgeweint und bin mit der Welt wieder versöhnt.

Saša Stanišić – Wie der Soldat das Grammofon repariert

„Eine gute Geschichte, hättest du gesagt, ist wie unsere Drina: nie stilles Rinnsal, sie sickert nicht, ist ist ungestüm und breit, Zuflüsse kommen hinzu, reichern sie an, sie tritt über die Ufer, brodelt und braust, wird hier und da seichter, dann sind das aber Stromschnellen, Ouvertüren zur Tiefe und kein Plätschern. Aber eines können weder die Drina noch die Geschichten: für beide gibt es kein Zurück. Das Wasser kann nicht umkehren und ein anderes Bett wählen, so wie kein Versprechen jetzt doch gehalten wird. Kein Ertrunkener taucht auf und fragt nach einem Handtuch, keine Liebe findet sich doch, kein Trafikant wird gar nicht erst geboren, keine Kugel schießt aus einem Hals zurück ins Gewehr, der Staudamm hält oder hält nicht. Die Drina hat kein Delta.“

Ein wunderbares Buch. Und wenn es nicht so einen blöden Titel hätte, der mich nicht ganz fälschlicherweise, aber dann doch total daneben osteuropäische Folklore vermuten ließ, hätte ich es schon vor zwei Jahren gelesen, als es alle anderen auch gelesen haben. Dann eben jetzt. Zum Glück.

Mark Oliver Everett – Things the Grandchildren Should Know

Everett ist der Sänger der EELS, mit deren Musik ich eher selten was anfangen kann. Trotzdem wollte ich aus was für Gründen auch immer Everetts Autobiografie lesen – und kann sie für depressive Tage durchaus weiterempfehlen. Sein Stil ist angenehm zurückhaltend; so schreibt er über die Veröffentlichung von Electro-Shock Blues – einem Album, mit dem er die vielen Todesfälle in seiner Umgebung verarbeitet hat – nur: „The album came out to much critical acclaim and the shows went well.“ So ungefähr klingt das ganze Buch, er erzählt eine unglaubliche Geschichte nach der anderen und berichtet darüber sehr distanziert, aber nicht unfreundlich. Grandchildren hat mich nicht umgehauen, aber ich habe es gerne gelesen.

Walter Scheib/Andrew Friedmann – White House Chef

Walter Scheib war elf Jahre Chefkoch im Weißen Haus. Er wurde persönlich eingestellt von First Lady Hillary Clinton, die die traditionell französisch gehaltene Küche bei Staatsempfängen ändern und mehr amerikanische Küche zeigen wollte. Sein Buch ist kuschelig und nett, man fühlt sich wie bei einem ausgedehnten Brunch, bei dem alle ihre Lebensgeschichte erzählen und ihre schönsten Anekdoten nochmal rausholen. Zwischen den kleinen, liebevollen Geschichten aus dem Weißen Haus gibt’s ne Menge Rezepte – und immer schimmert durch, wie Scheib seinen Job sah:

„Now, the things we did wouldn’t have been “impossible” in other settings. But when you considered the fact that we were working in cramped quarters, with largely temporary staff, and menus that changed from day to day to suit the occasion – or occasions – at hand, every success was seen as a small miracle, all the more so because we were essentially operating in a museum where the furniture, decorations, artwork, and even at times the plates were valuable and irreplaceable antiques.“

Ben Elton – Chart Throb

Das Buch soll ein Seitenhieb auf die ganzen fies zusammengeschnittenen und auf maximale Tränenmenge ausgerichteten Castingshows sein, scheitert aber an seiner eigenen Zielsetzung. Es mag ja sein, dass die judges bei X-Factor, American Idol u.ä. ausdauernd “You owned that song” oder “You know what? You could go all the way” sagen, aber das wird nicht noch offensichtlicher, indem man das auf jeder zweiten Seite im Buch wiederholt, das sich genau darüber lustig macht. Chart Throb orientiert sich peinlich genau an Leuten wie Simon Cowell und Sharon Osbourne und überzieht diese noch – aber nicht genug, um es wirklich fies werden zu lassen, sondern höchstens skurril. So richtig toll fand ich das Buch nicht, aber die vielen Songtitel, die der blinde Junge in den Mottoshows singen musste und die alle in die Richtung von I can see clearly now gingen, waren dann doch lustig.

Michael Caine – What’s it all about?

Sehr launige Autobiografie von Michael Caine. Kostprobe? Hier der erste Absatz:

„I first started to act at the age of three. We were a very poor family and it was my mother’s idea to have me help out with her many outstanding bills. She wrote the script and directed the action. The cue to begin my performance was a ring at the door bell. Grasping my small hand, my mother rushed down the three flights of stairs from our small flat and hid behind the front door as I opened it. The unsuspecting third member of the cast – the rent collector – was standing there as I delivered my first lines: ‘Mummy’s out,’ I said, and slammed the door in his face.“

In dem Stil geht es weiter, jeder Absatz hat eine Pointe, jeder Satz etwas zu erzählen. Ich muss gestehen, ich kenne nicht viele von Caines Filmen, gerade seine Frühwerke nicht, aber das mindert das Lesevergnügen überhaupt nicht. Besonders gefallen hat mir seine Einstellung seiner Arbeit gegenüber, die er sehr ernst nimmt und die er schon sehr früh als seine Berufung erkannt hat, von der er aber gleichzeitig weiß, dass sie manchmal auch „nur“ seine Miete zahlt. So wechseln sich Erzählungen über die Oscarverleihung ab mit einem ehrlichen „Und dann hab ich wieder ne Gurke gedreht, weil ich mir ein Haus an der Themse kaufen wollte“. Ein bisschen anstrengend sind seine Ansichten zur Frauenbewegung, die man vorsichtig als „altmodisch“ bezeichnen könnte, und seine Panik vor Homosexualität, die ihm bei seinen Kollegen nichts auszumachen scheint, ihn aber nicht davor bewahrt, sich vor seinem ersten man-on-man-Kuss mit Christopher Reeve in Deathtrap die Hucke vollzusaufen. Das Buch ist bereits 1992 erschienen, also nicht mehr ganz aktuell, aber es hat nichts von seinem Charme verloren.

buecher09_mai

Darwyn Cooke/Dave Stewart – DC: The New Frontier, Vol. 1/2

Mitte der 50er Jahre treffen sich in den USA anscheinend alle Superhelden, die im DC-Universum zu Hause sind und verteidigen mal eben die Welt gegen Außerirdische. Klingt erstmal bescheuert, macht aber wahnsinnig viel Spaß, weil jede Figur genug Hintergrund bekommt, um ihr Tun zu erklären, weil viele, viele Storylines gleichzeitig ablaufen, bis alles im bunten Finale zusammenkommt, und weil der gesamte Stil so herrlich naiv-fortschrittsgläubig ist. The New Frontier fühlt sich an wie ein Propagandafilm der US Army für Astronauten, appelliert dauernd an hehre Werte, ohne dabei zu moralinsauer zu werden und schwappt fast über vor Begeisterung für Jetpiloten und Raketen, die vielleicht irgendwann mal zum Mond fliegen werden. Ich fand’s sehr unterhaltsam.

Frank Miller/David Mazzucchelli/Richmond Lewis – Batman: Year One

Der Beginn der Freundschaft zwischen Batman und Jim Gordon. Laut Wikipedia und IGN Comics der beste aller Batmans. Kann ich nicht beurteilen, hat mir aber sehr gut gefallen.

Darwyn Cooke/Matt Hollingsworth – Catwoman: Selina’s Big Score

Sehr bunt, eher ein Heist-Movie als ein Comic. Selina Kyle alias Catwoman versucht, eine Bande von Komplizen zusammenzutrommeln, um einen Millionenraub zu begehen. Natürlich gibt es Gegner und Freunde und Leute mittendrin, egal, schnelle Geschichte, ungewohnter Zeichenstil, sieht alles eher wie mit Pinseln gemalt als feinlinig gezeichnet aus. Gute Sache.

Karen Duve – Taxi

Mal wieder was ohne Bilder. In Taxi schreibt Karen Duve über eine junge Frau, die nach der Schule Taxifahrerin wird, weil ihr nichts Besseres einfällt und sie Geld braucht. Die Zeit hinter dem Steuer wird deutlich länger als geplant, und ihr ganzes Leben gruppiert sich schließlich um ihre nächtlichen Arbeitszeiten, seltsame Fahrgäste und Kollegen, die zu Lebengefährten und Wohnungsnachbarn werden.

Immer, wenn ich Karen Duve lese, stolpere ich über Sätze, die mir kurz den Atem stocken lassen, weil sie in irgendwelche Kerben hauen, die ich mit mir rumtrage, ohne es zu wissen. Sie ist mir bis jetzt in jedem Buch sehr nahe gekommen, weswegen ich schon im Vorfeld weiß, dass ich das Buch, das ich gerade lese, a) verschlingen werde und b) dauernd damit ringe, es wegzulegen. Ich kenne keine andere Autorin, deren Stil, Themensetzung und Wortwahl mich so mitnehmen. Und so war auch Taxi eher eine Katharsis als ein entspanntes Leseerlebnis. Aber genau wie ihre anderen Bücher ist es eine absolute Empfehlung.

Jeph Loeb/Tim Sale – Catwomen: When in Rome

Den habe ich geliebt – und zwar, weil er nicht den üblichen düsteren, unheilsschweren, das-Schicksal-von-Gotham-City-hängt-von-mir-ab-Tonfall hat, sondern ganz im Gegenteil fast wie eine Sitcom oder ein Buddy Movie daherkommt. Catwoman verschlägt es nach Rom, wo sie mit dem Riddler fertigwerden muss und sich Batman in ihre Träume schleicht. Sehr unterhaltsam und wunderbar getextet. Deswegen bin ich dem Autor/Zeichner-Duo Loeb/Sale erstmal treu gelieben mit:

Jeph Loeb/Tim Sale – Batman: The Long Halloween

Eine laaaange Serie von Morden an der Falcone-Familie, die immer an Feiertagen stattfinden, beschäftigt Batman. Und Commissioner Gordon. Und Staatsanwalt Harvey Dent, der im Laufe der Serie zu Two-Face wird. Mit Gastauftritten von Catwoman, dem Joker, Poison Ivy, dem Pinguin, Mad Hatter, dem Calendar Man, Scarecrow und Solomon Grundy. (Nebenbei: noch mehr Feinde, die ich aber noch nicht kennengelernt habe, finden sich hier. Sehr praktisch for future reference.) Der Band ist sehr episch, sprengt teiltweise die gewohnten Tableaus, um für ein Bild eine ganze Doppelseite zu opfern, was sich auch immer lohnt.

Jeph Loeb/Tim Sale – Batman: Dark Victory

Nochmal das gleiche Team, noch ein Batman – und zu den ganzen Fieslingen kommt jetzt auch noch Nervbratze Robin. Den Kleinen mag ich ja (noch?) gar nicht, was einerseits mit meiner generellen Abneigung Kindern gegenüber zu tun haben mag, andererseits meiner Abneigung altklugen Kindern in komischen Kostümen gegenüber. Der zweiten Sorte begegne ich im Alltag netterweise so gut wie nie, und auch Dark Victory hätte halbwegs ohne den Zwerg funktioniert. Gut, die schöne Parallele der beiden Waisenjungs passt natürlich prima, aber das ganze Konzept „Lonesome Wolf kriegt einen Sidekick“ mag ich nicht wirklich. Trotzdem hat mir Dark Victory gefallen, einfach weil ich anscheinend alles mag, was Loeb und Sale zusammen produzieren.

Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 2: Im Schatten junger Mädchenblüte

Der kindliche Erzähler, der von Monsieur Swann und seinen Lebensumständen fasziniert ist, über die wir im ersten Band der Recherche viel erfahren haben, verliebt sich im zweiten Band in Swanns Tochter Gilberte – und 700 Seiten später als Jugendlicher gleich in eine ganze Schar junger Mädchen, die er im Badeort Balbec kennenlernt. Diese Schar ist die titelgebende Mädchenblüte: ein Bukett junger Damen. Wir lernen Albertine kennen, die den Erzähler abweist, und damit ist das Buch dann zuende.

Wie schon in den Bemerkungen zum ersten der sieben Bände angemerkt: Die Welt fühlt sich anders an, wenn man Proust liest. Jede Zeile nimmt einen mit, mal in gefühlte Gemäldegalerien, dann in das mondäne Paris der Jahrhundertwende, dann in beeindruckende Landschaften; alles passiert in Sequenzen und Andeutungen und wenig in einer logischen Abfolge, wie ich sie aus „normalen“ Büchern gewohnt bin. Man muss sich immer ein, zwei Seiten in den Stil reinkämpfen, aber dann kann man das Buch kaum weglegen. Wie auch mein Zahnarzt feststellen musste, auf dessen Stuhl ich die Wartezeit mit Marcel überbrückt habe und über dem ich überhaupt nicht mitbekommen hatte, dass inzwischen Arzt und Arzthelferin amüsiert um mich rumstanden und mir beim Lesen zuschauten. Ich war selten so entspannt beim Zahnarzt.

Frank Miller/Lynn Varley – The Dark Knight Strikes Again

Nach gefühlten 100 guten Comics musste endlich mal ne Gurke kommen – hier ist sie. The Dark Knight Strikes Again hat gute und spannende Ansätze wie die mediale Gleichgültigkeit der Amerikaner, die sich mehr darüber aufregen, dass eine Band sich auflöst als dass ihr Präsident nur ein Hologramm ist, das von Bösewicht Lex Luthor gesteuert wird. Außerdem spannend: dass Miller, der aus Batman den düsteren Ritter gemacht hat, ihn jetzt auf ein bonbonbuntes Metropolis loslässt und damit seine eigene Kreation wieder vom Sockel reißt. Das war’s dann aber auch schon; der Rest ist wildestes Rumgehüpfe der Superheldenriege, die hier aus lauter Charakteren besteht, die nur Namen sind und keine Personen, die mir irgendwas bedeuten. Und während mir die Zeichnungen (wie immer bei Frau Varley) gut gefallen haben, war die Kolorierung doch eher von der Sorte „Zu viel Löschpapier auf der Zunge und zu oft das Photoshop-Tutorial „Farbverläufe“ mitgemacht“.

Edit: Der Kerl macht mich gerade grinsend (überheblich grinsend!) darauf aufmerksam, dass Frau Varley die zugekiffte Koloristin war und die Zeichnungen von Herrn Miller stammen. Dann hab ich das bei Ronin also auch falsch verstanden. Comics und ihre vielen Verfasser sind viel zu kompliziert bei diesen Temperaturen.

buecher09_juni

Gustave Flaubert – Madame Bovary

Ich muss gestehen, ich habe von französischer Literatur nicht die Wahnsinnsahnung, daher kann ich Frau Bovary nirgends einordnen und muss mich auf die Wikipedia verlassen:

“(…) the novel is now seen as a prime example of Realism, a fact which contributed to the trial for obscenity (which was a politically-motivated attack by the government on the liberal newspaper in which it was being serialized, La Revue de Paris). Flaubert, as the author of the story, does not comment directly on the moral character of Emma Bovary and abstains from explicitly condemning her adultery. This decision caused some to accuse Flaubert of glorifying adultery and creating a scandal.

The Realist movement used verisimilitude through a focus on character development. Realism was a reaction against Romanticism. Emma may be said to be the embodiment of a romantic; in her mental and emotional process, she has no relation to the realities of her world. She inevitably becomes dissatisfied since her larger-than-life fantasies are impossible to realize. Flaubert declared that much of what is in the novel is in his own life by saying, “Madame Bovary, c’est moi” (“Madame Bovary is me”).

Madame Bovary, on the whole, is a commentary on Flaubert’s view of a self-satisfied, deluded, bourgeois culture of his time. Flaubert’s contempt for the bourgeoisie is expressed through his characters: Emma and Charles Bovary lost in romantic delusions; absurd and harmful scientific characters, a self-serving money lender, lovers seeking excitement finding only the banality of marriage in their adulterous affairs. All seek escape in empty church rituals, unrealistic romantic novels, or delusions of one sort or another.”

Ich fand die Übersetzung teilweise etwas altbacken, sofern ich das überhaupt beurteilen kann (mein Reclamheft wurde 1972 herausgegeben), aber im Großen und Ganzen habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Ich fand es sehr spannend zu sehen, dass dieses irreale Wunschdenken nach Luxus und Status, ohne etwas dafür tun zu müssen bzw. aus dem Irrglauben heraus, dass einem das zustehe, nicht erst im Zeitalter der Fernsehsuperstars und Models, die auf der Straße entdeckt werden, entstand, sondern anscheinend schon etwas älter ist. War mir nicht so klar. (Menschen! Alle bekloppt hier.)

Annett Gröschner – Hier beginnt die Zukunft, hier steigen wir aus

Ein wunderbar melancholisches Buch, das 20 Reportagen aus den Berliner Verkehrsbetrieben vereint. Gröschner beobachtet die Menschen im Bus, in der Bahn und die Umgebung, durch die sie die BVG trägt, und erzählt zu allem und jedem eine feine Anekdote. Zum Beispiel zur Marzahner Promenade:

„Die Geschichte dieses Wohngebietszentrums ist typisch für die Planungen der achtziger Jahre. 1979 wurde dem Projektierungskollektiv des Wohnungsbaukombinats Berlin die Gestaltung der Geschäfts- und Wohnbauten entlang der späteren Marzahner Promenade im Wohngebiet 3 übertragen. Erst 1986 wurde das erste Gebäude, das Hauptpostamt Marzahn, übergeben. Das Atriumhaus galt als besondere Leistung der DDR-Architektur. Peter Kahane hat 1989 einen Film über die Schwierigkeiten bei Aufbau des Stadtteilzentrums gedreht – „Die Architekten“. Er erzählt von den Desillusionierungen eines jungen Architektenkollektivs, das ein Stückchen Postmoderne in Marzahn errichten wollte und immer wieder an Parteidoktrinen, Plankorrekturen und Lieferschwierigkeiten der Betonwerke scheitert, bis einer nach dem anderen die Gruppe verläßt. Es ist ein bedrückender Film. Als er in die Kinos kam, gab es die DDR nicht mehr. Läuft man heute über die Marzahner Promenade, hat man den Eindruck, als seien alle Auseindersetzungen sinnlos gewesen.“

Wenn ich das nächste Mal in Berlin bin, fahre ich eine der Strecken ab und gucke, wie sie sich seit 2002, dem Erscheinungsdatum des Buchs, verändert hat. Und vielleicht können die Berliner das Buch ja auch mal lesen und mir sagen, ob es wirklich so melancholisch ist oder ob ich nur Heimweh hab.

Frank Miller/Lynn Varley – Elektra Lives Again

Dieser Elektra-Band hat laut Kerl und Wikipedia eine Art Sonderstellung, weil er nur als Hardcover erschienen ist. Die Zeichnungen ähneln teilweise Gemälden, so dicht und fast plastisch sind die Farben und ihr Auftrag. Die Story selbst ist inhaltlich und optisch eine Mischung aus Träumen und Trauer; Daredevil verarbeitet den Tod Elektras, und das wird nicht nur durch die Geschichte transportiert, sondern eben auch durch die Bilder. Kann ich schwer erklären (ich scheitere immer noch an Comicrezensionen, weil so vieles neu ist, auf das ich achte), hat mich aber durchaus fasziniert. Für den Preis waren es ein paar Seiten zu wenig, und selten ist mir aufgefallen, wie sehr Comiczeichnen eine Entschuldigung für erwachsene Männer ist, überdimensonierte Frauen in engen Kostümchen zu zeichnen. Jeder Nippel wie Arno Brekers Schamhaare, aber Bullseyes Penis nur angedeutet. Isklar.

Neil Gaiman/Chris Bachalo, Mark Buckingham, Mark Pennington – Death: The Time of Your Life

Hm. Konnte man gut in einer Stunde runterlesen, fand ich aber als Comic ein bisschen dürftig. Viel mehr Text als stimmungsvolle Bilder. So ein bisschen Festival des erzählten Films mit Powerpoint-Folien. Die Geschichte selbst hat mir gut gefallen (Das Leben als Popstar versus Familie und Beschaulichkeit), aber bei Comics möchte ich doch lieber was zum Gucken als zum Lesen haben. (Im Idealfall beides. You know.)

Frank Miller/Bill Sienkiewicz – Elektra: Assassin

Mindblowing. Mir fällt kein gutes deutsches Wort für dieses Buch ein, daher: mindblowing. Die Geschichte erschließt sich erst nach ungefähr drei von den acht Kapiteln; davor hat man zwar eine Ahnung, was passiert, aber so richtig sicher sein kann man sich nicht. Und auch danach wechseln Freund und Feind ganz gerne mal die Seiten, und der ganze Wust aus Menschen, Übermenschen, Klonen und Mischungen aus allen löst sich auch nie ganz auf, sondern verwirrt bis zum Schluss – mit Schauplätzen, Zeitsprüngen und Psychospielchen. Elektra: Assassin hat mich nicht nur durch die Story fasziniert, die ich mir eher erkämpfen musste als dass sie mir erzählt wurde, sondern vor allem durch die Bilder: ihre Vielfalt, ihre Präzision, ihre Farbigkeit (ein kleiner Einblick in die Kunst von Bill Sienkiewicz ist hier zu finden). Wenn ich nicht schon von Comics begeistert gewesen wäre – spätestens hier hätten sie mich gehabt.

Joss Whedon/Brett Matthews/Will Conrad – Serenity: Those Left Behind/Serenity: Better Days

Och jo. Nach dem kurzen Leben der TV-Serie Firefly kam noch ein Kinofilm, der mich nicht umgehauen hat, aber recht unterhaltsam war – wenn auch einer meiner Lieblinge dran glauben musste. Der ist netterweise in den Comics wieder dabei, warum auch immer. Die Storys scheinen mal Serienfolgen gewesen zu sein oder zumindest Ansätze, denn so ganz reichen sie nicht an die TV-Drehbücher ran. Da fehlt dann doch ab und zu die Raffinesse oder die große Überraschung zum Schluss. Ein paar gute Sätze sind drin, aber auch nicht die Menge und Qualität, die man von Firefly gewohnt ist. Kann man lesen, kann man aber auch lassen.

Scott McCloud – Understanding Comics

Scott McCloud hat einen Comic darüber gemacht, wie Comics entstanden sind, was sie als Kunstform bedeuten und wie sie „funktionieren“. Wobei „funktionieren“ nicht bedeutet, dass McCloud dem Leser etwas über Perspektive oder Männchenzeichnen erzählt, sondern mehr in die Tiefe geht. So erklärt er zum Beispiel, was the gutter ist – nämlich die Leere zwischen zwei Panels, die der Leser selbständig ausfüllen muss (closure) und die den Konsum von Comics eben etwas schwerer macht als einen Film zu gucken, wo man alles sieht oder ein „normales“ Buch zu lesen, in dem jeder Satz eine Botschaft ist und wir im Prinzip keine mehr suchen müssen. Sehr verkürzt wiedergegeben, ich weiß. Natürlich hat Literatur auch Inhalte, die zwischen den Zeilen stehen oder dechiffriert werden müssen, aber diesen wirklich Sprung, den man optisch von einem Panel zum anderen macht und der mehr ist als nur der Blick von A nach B, den gibt es eben nur im Comic. Was eine Art des Lesens ist, an die man sich erst gewöhnen muss.

Viel spannender als dieses Handwerkszeug waren für mich aber die historischen und soziologischen Geschichten, die McCloud auftischt. So beschreibt er, wie sich Kunst vom Ikonografischen (Höhlenmalereien) über sehr realistische Darstellungen (à la Dürer) wieder hin zum Ikonografischen (Impressionismus, Kubismus, Expressionismus uswusf) gewandelt hat, was bedeutet, dass heute alles möglich ist. Eine sehr gute und ausführliche Zusammenfassung des Buchs steht hier, reingucken kann man hier. Ein kleiner Kaufhinweis: Ich glaube, wenn ich nicht wenigstens zehn Comics gelesen hätte, wäre mir dieses Buch egal gewesen, weil es voraussetzt, dass man diesem Medium eine gewisse Faszination entgegenbringt.

Scott McCloud – Reinventing Comics

Der Nachfolger zu Understanding Comics beschäftigt sich mit den Problemen, die Comics lösen müssten, um akzeptierter zu werden bzw. größere Leserkreise zu erreichen. Das geht los bei mehr Frauenfiguren und mehr unterschiedlichen Rassen als Hauptfiguren oder auch als Produzenten und endet bei den neuen Möglichkeiten, die das Internet für digitale Produktion und damit der Abkopplung von Verlegern, Druckereien, Auslieferern und Comicläden bietet. Das Buch ist im Jahr 2000 erschienen, und daher sind einige Ansagen McClouds schon überholt bzw. wir warten noch darauf, dass sie funktionieren (Micropayment). Trotzdem bietet auch dieser Comic einige tiefe und überlegenswerte Einblicke in das Medium – und liest sich genauso gut weg wie der erste Band.

Will Eisner – Comics and Sequential Art

Will Eisner ist der creator des Spirit und lehrte an der School of Visual Arts in New York. Comics and Sequential Art ist quasi der verkürzte Kurs zum Nachlesen. Eisner erklärt anhand seiner eigenen Werke Eigenschaften von Comics wie Perspektive, wie ein Panel Stimmungen übertragen kann, wo am besten die Sprechblase zu stehen hat usw. Ich habe das Buch wie Sekundärliteratur gelesen, also nicht besonders emotional. Aber beim nächsten Comic, den ich in der Hand hatte, sind mir auf einmal viele Dinge aufgefallen, die ich vorher nicht gesehen habe. Sehr spannend.

Warren Ellis/Darick Robertson – Transmetropolitan: Back on the Street

Danke für die Empfehlung, hat sich gelohnt. In Transmetropolitan geht es um den nöligen Journalisten Spider Jerusalem, für den Hunter S. Thompson Modell gestanden hat. Spider verlässt seine Bergeinöde, um in der verruchten Großstadt Stoff für Bücher zu finden, die er seinem Verleger noch schuldet. Die einzelnen Geschichten verbinden sich nur halbwegs schlüssig zu einem Band, und ich ahne, dass sie als Einzelhefte mehr Spaß gemacht hätten. (Ein Band = zehn Hefte.) Oder anders: Ich muss dringend noch die weiteren neun Bände kaufen. Das erste Heft gibt’s hier als PDF (12 MB).

Frank Miller – Sin City: The Hard Goodbye/Sin City: A Dame to Kill For

Sin City bzw. einen Band davon hatte ich vor Jahren, als der Film rauskam, schon mal quergelesen und fand ihn anstrengend, aber grandios bebildert. Anstrengend finde ich ihn immer noch – Frauenfiguren, die rotzige Ausdrucksweise, die direkt aus schlechten pulps kommt –, aber gleichzeitig unglaublich konsequent. Und jetzt, wo ich ein paar bunte Vergleiche habe, kommen mir die holzschnittartigen Schwarzweißbilder noch revolutionärer vor. Außerdem mochte ich die Zusammenhänge in den beiden Bänden, die in den weiteren wahrscheinlich nochmal aufgegriffen werden: Panels, die man aus dem einen Band kennt, wiederholen sich im anderen – aber diesmal sieht man sie aus einer anderen Perspektive, weil jemand anders der Erzähler ist.

Ich glaube, jetzt hab ich alle Millers durch, die das Kerl’sche Comicregal bevölkern. Reicht dann auch erstmal mit dieser Machosprache.

buecher09_juli

Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 3: Guermantes

Von den drei ersten Bänden der Recherche der herausfordernste. Gefühlt die Hälfte der gut 800 Seiten spielt in zwei Pariser Salons, auf denen jede Person ausführlich vorgestellt wird – was mit all dem Innenleben, das Proust beschreibt, großartig ist. Aber: Dann geht es in die Gespräche, und diese drehen sich unter anderem um Maler, die ich nicht kenne, die Bilder gemalt haben, die ich nicht kenne, die in Schlössern hängen, die ich nicht kenne, in denen Hoheiten wohnen, die ich nicht kenne. Bei den ersten beiden Bänden habe ich recht wenig Zeit im Anhang verbracht, beim dritten Band habe ich gleich mein Lesezeichen im hinteren Teil des Buchs gelassen, weil ich alle drei Minuten was nachgucken musste. (In diesem Zusammenhang: whatever happened to the good old Fußnote?) Ob es nun politische Anspielungen aus der Zeit um die Jahrhundertwende sind, Metaphern, die ich alleine nicht deuten konnte, Straßennamen in Paris, Hutmacher, Opernsängerinnen oder Möbeltischler – alles, was Proust erwähnt, hat irgendeine Bedeutung, und die wäre ohne den Anhang völlig an mir vorbeigegangen*. Aber im Zusammenspiel mit den ausgezeichneten Randbemerkungen war es nicht nur der herausforderndste, sondern auch der bisher lohnendste Band. Es fühlt sich an, als ob man auf einem alten Speicher rumklettert und immer mehr verstaubtes Zeug findet, und je länger man darin herumwühlt, desto besser passt alles zusammen. Ich bin mir sicher, dass ich damit Proust aber sowas von gar nicht gerecht werde, aber ich mag diesen alten Speicher von Seite zu Seite mehr. Hab ja auch nur noch 2.723 vor mir.

* (See? FUSSNOTE!) Ich bin inzwischen im vierten Band Sodom und Gomorrha (Suhrkamp Taschenbuch 3644, 1999), und dort schreibt der Kommentator über diesen Satz „Ich glaube, ich täusche mich nicht, Sie sind doch auch aus Zürich, ich meine, ich bin Ihnen dort beim Antiquitätenhändler begegnet“ (Seite 13): „Der Umgang mit Proust lehrt, daß kaum etwas in seinem Roman zufällig ist. Um so ärgerlicher ist es für einen Proust-Kommentator aus Zürich, eingestehen zu müssen, daß er an dieser Stelle vor einem Rätsel steht.“ (Seite 798)

Jeph Loeb/Tim Sale – Wolverine/Gambit: Victims

Mein erster Comic aus der X-Men-Reihe. War nett. Und damit ist nicht die kleine Schwester von Scheiße gemeint, sondern: war nett. Die Zeichnungen fand ich nicht herausragend, aber nett, die Story nicht umwerfend, aber nett, und diese Kritik ist nicht umfassend, aber nett.

Paul Dini/Bruce Timm – The Batman Adventures: Mad Love

Kaspertheater auf Papier. Der Joker kriegt einen liebestollen Sidekick namens Harley Quinn (Harlekin), die für ihn Batman erledigen will, was der alte Macho natürlich nicht gelten lassen kann. Das ganze ist quietschigbunt gezeichnet und fühlt sich wie die 50er Jahre an, hat aber trotzdem Spaß gemacht.

flix – Sag was

Ach, wie oft soll ich’s denn noch sagen. Flix ist toll, seine Bücher sind toll, seine Geschichten sind toll, seine Sätze sind toll, seine Webcomics sind toll, und ich ziehe jetzt nach Berlin, kette mich an seiner Haustür fest und hoffe, dass er mir alle Bücher signiert, die ich von ihm habe. Sind erst drei, aber alle anderen kaufe ich genau: jetzt. Und ihr bitte auch. Vor allem das hier, das sich vordergründig um eine Beziehung dreht und hintergründig um viel mehr, und weil es so gekonnt die Balance hält zwischen Drama und Komödie und ganz schrecklichen Momenten und ganz wunderbaren Gesten. (Ein Buch gelesen. Geweint.)

David Mack – Kabuki: The Alchemy

Ein Tipp vom Teilzeitgiganten, der mich außerdem auf diesen Artikel von HD Schellnack hingewiesen hat, in dem es um Mainstreamcomics (= Superheldenzeug) geht, die ich bis jetzt hauptsächlich gelesen habe. Kabuki: The Alchemy ist demnach so gar kein Mainstream – und für mich eine Offenbarung gewesen. Ich kann mich immer nur wiederholen: Die Welt der Comics ist für mich noch so unübersichtlich, dass ich mich momentan auf Empfehlungen verlasse oder eben das Kerl’sche Comicregal. Ich suche in der Gegend rum und gucke, kaufe, wenn mir der Zeichenstil gefällt oder die Story spannend klingt. Eigentlich nicht viel anders als wenn ich DVDs aussuche oder Bücher, aber da habe ich wenigstens Ansatzpunkte, die ich kenne: Schauspieler, die ich mag, oder Schriftsteller, deren Stil mir zusagt. Bei Comics fehlt mir das alles noch, und deswegen freue ich mich über jeden Hinweis auf Perlen, die mir sonst entgehen *hint* und lese alles, was Comicgate schreibt.

Kabuki ist eine mehrteilige Serie – und warum mir ausgerechnet der letzte Teil empfohlen wurde, weiß ich nicht. Allerdings ahne ich, dass ich die anderen Teile jetzt nicht mehr lesen müsste, wenn’s mir nur um die Story ginge, denn die schwingt immer mit. Dass ich sie trotzdem lesen möchte, liegt an den Bildern. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich eine graphic novel im Wortsinne zu lesen. Also eine Geschichte, die sich grafisch entfaltet und zusammen mit dem Text einen sehr dichten Eindruck hinterlassen hat. The Alchemy arbeitet eher mit Collagen als mit klassischen Zeichnungen, obwohl die auch vorkommen. Meist sieht eine Seite aber aus wie eine Schreibtischoberfläche oder ein Skizzenblock: 3D-Elemente in Fotoform oder ausgeschnitten treffen auf Kritzeleien, ein zerbrochener Fächer begrenzt die Panels, Post-its kleben auf Aquarellbildern … und so kreativ und, ich möchte sagen: fließend die visuellen Eindrücke sind, so ist auch die Geschichte. Kabuki fängt ein neues Leben an, sucht nach einem neuen Namen und einer neuen Berufung. Die findet sie im Schreiben, und das ist dann auch im Prinzip die gesamte Geschichte. Die Story entfaltet sich eher in Überlegungen, Gedanken, Träumen, den Seiten eines Kinderbuchs und Briefen, die Kabuki an eine gewisse Akemi schreibt, deren Name ein Anagramm für I Make ist. Manche Sätze sind fiese Glückskeksweisheiten (dieser Kritik kommt Autor David Mack aber gleich am Anfang des Buches entgegen, wo er eine Seite fast ausschließlich mit Glückskekszetteln gestaltet), manche sind Zitate, wie sie auf jeder Aphorismenseite im Internet vorkommen, aber manche geben dem Kopf diesen gewissen Kick, der einen dann nicht schlafen lässt oder einen dazu bringt, das eigene Schaffen zu überdenken – und sich zu fragen: Was geht denn noch? Was kann ich noch machen? Und wieso warte ich darauf, bis mir jemand eine Erlaubnis dazu gibt anstatt einfach *jetzt* mit irgendwas anzufangen?

Uli OesterleHector Umbra

Noch eine große Empfehlung. DJ Osaka, ein Freund vom kettenrauchenden, jägermeisterschluckenden Hector, verschwindet eines Abends während eines Gigs. Hector macht sich auf die Suche und trifft dabei nicht nur eine scheinbar Geistesgestörte, die mit schwarzer Farbe „Portale“ verschließen will, sondern auch einen gerade verstorbenen Kumpel, einen kleinen Jungen, dessen Vater von Parasiten befallen ist, die nur er sehen kann, und viele weitere Menschen und … äh … Wesen, die alle eine Mission haben, zu der Osaka der Schlüssel ist. Hector Umbra vermischt sehr gekonnt das reale München (ich sage nur: Hubbsi) mit einer völlig irrwitzigen Geschichte von Wahnvorstellungen. Man kann sich nie sicher sein, was auf der nächsten Seite passiert, und das Ende setzt allem nochmal eine Krone auf. Ich fand die Zeichnungen und die Kolorierung sehr gelungen, die Dialoge noch viel mehr, und würde Herrn Umbra gerne durch weitere Bände begleiten.

Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 4: Sodom und Gomorrha

Habe ich oben den Anhang gelobt? Ziehe ich hiermit zurück. Relativ zu Beginn des vierten Bandes so: „Vorahnung auf den Tod von xy.“ Ich so: „Waaah! Hey, Anhang, es gibt noch Leute, die wirklich nicht wissen, was in der Recherche passiert! Lass das Spoilern!“ Anhang so: „Warte, ich hab noch mehr Plotpoints zum Verraten. Also:“ Ich so: „Waaah!“ Hmpf. Das Tolle ist: Noch ist xy am Leben, das heißt, ich habe noch drei Bände mit Todesvorahnungen vor mir. Oder auch nicht. Vielleicht haucht er/sie ja schon im fünften Band sein/ihr Leben aus. Notfalls guck ich halt IM ANHANG nach.

Der vierte Band hat den Themenschwerpunkt Homosexualität. Der Titel ist dazu der Schlüssel: männliche Homosexuelle werden als Bewohner Sodoms bezeichnet, weibliche als Bewohnerinnen Gomorrhas. Proust skizziert die damals gängige „wissenschaftliche“ Erkenntnis, dass Schwule Zwitterwesen seien, die eigentlich lieber eine Frau geworden wären. Deswegen darf eine Hauptfigur auch auf einmal leicht weibliche Wesenszüge haben, während eine andere Figur – nämlich die Geliebte des namenlosen Erzählers – plötzlich ständig in Gefahr schwebt, von ihren Freundinnen verführt zu werden. Literarische locker room fantasies am Strand von Balbec. Ich gebe zu, dass ich bei diesem Band des Öfteren ungläubig geschnauft habe, so seltsam ist auf einmal der Umgangston Prousts mit seinen Figuren und so nervig die Verhaltensweise des Erzählers („Morgen halte ich um ihre Hand an. Oder ich mach mit ihr Schluss“). Natürlich klopfe ich mir dafür immer sofort auf die Finger und murmele, Weltliteratur, Weltliteratur!, aber ich gebe zu, dass ich mich durch diesen Band eher gequält anstatt lustvoll fortbewegt habe. Trotz der vielen angedeuteten Kussszenen. Hui.

Mary Ann Shaffer & Annie Barrows, The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society

Eine freundliche Zuwendung der Kaltmamsell, über die ich mich sehr gefreut habe. Guernsey ist ein Briefroman – oder eher: ein Roman, der in Briefen, Telegrammen und Notizen erzählt wird. Was eigentlich egal ist, denn die Form verschwindet sehr schnell hinter ihrem Inhalt. Die Journalistin und Autorin Juliet Ashton hat während des 2. Weltkriegs eine Kolumne und ein Buch geschrieben und ist nun, kurz nach Kriegsende, auf der Suche nach einem neuen Stoff. Eines Tages erhält sie einen Brief von der Insel Guernsey: Ein Mann schreibt ihr, er besäße ein Buch, das einmal ihr gehört habe. Sie fangen an zu korrespondieren, gleichzeitig erhält Juliet den Auftrag, eine Kolumne über die Liebe zum Lesen und zu Büchern zu schreiben, und so entspannt sich ganz unaufgeregt eine sehr vielschichtige Story. Es geht nicht nur um Bücher und wie sie uns retten, sondern auch um die Besetzung Guernseys durch die Deutschen, die Folgen für die Insel bzw. deren Bewohner, gute und schlechte Taten und ihre Folgen und wie scheinbare Kleinigkeiten große Auswirkungen haben. Guernsey ist eines von diesen charmanten Büchern, die einen warm umfangen und nicht mehr loslassen, bis man sie durchgelesen hat – und dann gleich nochmal von vorne anfangen möchte, weil einem die cleveren, liebevollen, unterhaltsamen Charaktere so ans Herz gewachsen sind. Ganz große Empfehlung für ein paar entspannte Stunden am Lieblingsleseplatz.

buecher09_aug

Jiro TaniguchiVertraute Fremde

Als ich den Comic zum ersten Mal aufschlug, habe ich gedacht, huch, das sieht ja aus wie Hergé in Japan – und habe mich dann eitlerweise ein bisschen gefreut, als ich im Vorwort las, dass sich Taniguchi sehr von der frankobelgischen Comicszene hat inspirieren lassen. Die Geschichte von Vertraute Fremde kommt einem in Grundzügen ein bisschen bekannt vor – der erwachsene Hiroshi wacht eines Tages als 14jähriger Junge in seinem Elternhaus wieder auf und erlebt seine Jugend ein zweites Mal, allerdings mit dem Wissen eines 40jährigen –, aber das Buch kann doch überraschen. Erstens weil es eine mir persönlich fremde Welt beschreibt, nämlich die des Japan in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zweitens, weil ganz langsam eine Familie sichtbar wird, die an der Oberfläche total normal ist, aber in ihrer Tiefe natürlich ganz anders. Mir hat Vertraute Fremde sehr gut gefallen; der Comic hat sich fast meditativ angefühlt, so spärlich und doch detailreich sind die Zeichnungen (fast alle schwarzweiß), das Tempo ist gemächlich, die Sprache sehr klar und präzise (Übersetzung von Claudia Peter), und die Figuren bekommen genug Platz, um weitaus mehr zu sein als Strichmännchen auf Papier.

flix – Da war mal was

Eine Sammlung von Geschichten über die DDR, die BRD (obwohl „wir im Westen“ das ja nie sagen sollten, weil das Ostslang war) und wie wir die andere Seite gesehen bzw. kennengelernt haben. Die einzelnen Storys sind autobiografisch und werden von verschiedenen Personen erzählt, weshalb die Bandbreite von „rührend“ über *facepalm* zu „erschreckend“ geht. Wie immer bei Flix: Empfehlung.

flix – Der Swimming-Pool des kleines Mannes

Eine Sammlung seiner täglichen Tagebuchcomics. Machen auf Papier genauso viel Spaß wie in diesem Interweb. Und man muss nicht 63 Mal klicken, um zu einem seiner Lieblinge zu kommen: den Skepsis.

Audrey Niffenegger – The Time Traveller’s Wife

Beim zweiten Lesen fallen einem die Ungereimtheiten der Story noch mehr auf als beim ersten, wo man einfach nur wissen will, wie das Buch ausgeht, aber auch diesmal hat die Unlogik von Zeitreisen mich nicht davon abhalten können, die Geschichte immer noch spannend und unterhaltsam zu finden. Diesmal habe ich mich allerdings schon des Öfteren gefragt, wie Henry jemals durch die Schulzeit gekommen ist, ohne unfreiwillig zeitzureisen (der Stress vor Prüfungen!), warum niemand der Eingeweihten RTL 2 was erzählt hat und wie groß die Liebe von Clare gewesen sein muss, jahrelang auf ihren Schatz zu warten. Hat ja schon was seeeehr altmodisches. Männe macht die Welt klar, und Mäuschen sitzt zu Hause und hofft, dass er vom Zigarettenholen wiederkommt.

Alan Moore/Eddie Campbell – From Hell

Ein 600 Seiten dicker Comic, in dem Autor Alan Moore und Zeichner Eddie Campbell alle Legenden und Fakten zusammentragen, die es über Jack the Ripper je gegeben hat. Die vermischen sie dann mit eigenen Ideen und Hintergrundstorys, und daraus ergibt sich ein sehr dichtes und sehr verstörendes Bild des viktorianischen Englands. From Hell liest sich, wie der Titel vermuten lässt, eher anstrengend; man muss sich schon ein bisschen Zeit nehmen für Zeitsprünge, Freimaurertheorien, eine Menge Biografien, die zusammenlaufen, manchmal sehr detailreiche Metzeleien und leider meiner Meinung teilweise schwer entzifferbare Sprechblasen. Wenn man sich erstmal in das düstere Werk reingekämpft hat, belohnt es mit den üblichen Moore’schen Überraschungen wie plötzliche Sprünge in die Gegenwart, die dem Ganzen eine spannende Zeitlosigkeit verleihen. Ich fand es sehr bemerkenswert, dass ich 600 Seiten gelesen habe, ohne einmal zu denken, hach, schönes Buch, sondern die ganze Zeit nur darauf gewartet habe, dass die fiese Geschichte endlich zu Ende ist. Nicht nur weil es anstrengend zu lesen war, sondern weil man auf jeder Seite die absolut pessimistische Grundhaltung „Menschen? Alles Arschlöcher“ so richtig schön in die Fresse kriegt.

PS: Das Besondere an From Hell ist übrigens sein Anhang, in dem Moore so ziemlich zu jeder Seite erzählt, woher er diesen und jenen Fakt hat, was ausgedacht ist, warum es ausgedacht ist und wie gut das Buch ist, aus dem er den Fakt zitiert. Den Anhang zu lesen dauert ungefähr genauso lange wie das eigentliche Werk, und danach braucht man nochmal was zu trinken.

Nick Abadzis – Laika

Ein Tipp von Nerdcore, der mir schon in der Empfehlungsmail geschrieben hat, dass der Comic „heartbraking“ sei (und der selber auch mit den Tränen zu kämpfen hatte). Ihr ahnt, was kommt: Wenn schon ein Kerl einen Kloß im Hals hat, sieht das bei mir gleich doppelt so schlimm aus. Ich habe die letzten 40 Seiten des Comics nur unter Schniefen und mit erhöhtem Taschentuchverbrauch durchgehalten, so fies geht einem die Geschichte von Laika, dem ersten Lebewesen im All, ans Herz. Eigentlich doof, denn natürlich weiß man, wie die Story endet. Und genau das ist für mich ein Zeichen dafür, wie gut und intelligent dieser Comic ist: Gerade weil man weiß, was passiert, müsste man ja eigentlich auf alles vorbereitet sein. Ist man aber so gar nicht. Laika verwebt die Geschichte des leitenden Raketenentwicklers, der eine Gulag-Vergangenheit mit sich rumschleppt, mit der der Hundetrainerin und ihres Vorgesetzten und natürlich der fiktiven von Laika, einer Streunerin, die auf Moskaus Straßen eingefangen wird. Ganz vorsichtig und nie mit dem Holzhammer streut Abadzis Motive von Freiheit, Träumen, Schicksal und Loyalität, sei es dem eigenen Staat oder einer Person gegenüber, in die Geschichte. Die Zeichnungen sind relativ schlicht, was ich aber ganz angenehm fand, da ich mit dem Inhalt schon genug zu kämpfen hatte. Große Empfehlung.

Stevan Paul – Monsieur, der Hummer und ich

Den Herrn Paul kenne ich eher als den Herrn Paulsen, nämlich aus diesem Blog und seinem Foodblog Nutriculinary. Daher kenne ich auch seine Art, über Essen zu schreiben und habe mich daher sehr auf das Buch gefreut, auf die vielen Adjektive, die genauso lecker sind wie das zu beschreibende Objekt und über diese seltsame begeisterte Neugierde, die in jeder Zeile mitschwingt. Das Buch ist dann auch genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: lauter kleine Geschichten aus der Küche, aus Sicht eines Gastes oder völlig andere Vignetten, in denen Essen eine Rolle spielt. Und Franz Josef Strauß. Und Opa Paulsen. Und Paul Bocuse. Ich habe jede einzelne geliebt und werde sofort den Kartoffelsalat nachkochen, denn netterweise gibt es zu jeder Geschichte das passende Rezept. Etwas zu nörgeln habe ich allerdings schon: Das Buch ist mit knapp 180 Seiten viel zu dünn! Herr Paulsen, ich erwarte dringend eine Fortsetzung.

buecher09_sep

Terry Moore – Strangers in Paradise (Pocket Edition 1)

Der erste Teil einer x-teiligen Saga über Francine und Katchoo, zwei junge Damen aus Houston. Die beiden beschäftigen sich sehr mit den Kerlen und wie nervig diese sind oder wie nett oder wie anhänglich oder oder oder, und nebenbei können sie sich nicht so recht entscheiden, ob sie selber nicht doch vielleicht auf Frauen stehen. Strangers in Paradise ist durchaus unterhaltsam, aber leider so gehaltvoll (und von den Storylines so weltfremd) wie eine Vorabend-Soap. Hat mich nicht richtig begeistern können. (Soviel zum Thema – laut Wikipedia – „Wir machen mal nen Comic für Frauen.“ Und: Ich hab immer ein schlechtes Gewissen, wenn mir Lesergeschenke nicht so recht gefallen.)

Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 5: Die Gefangene

Nach dem vierten Band, in dem ich dem Erzähler schon dauernd eine reinhauen wollte, ist der fünfte noch schlimmer – und bedrückender. Marcel kann sich immer noch nicht entscheiden, ob er Albertine liebt oder nicht, gesteht sich aber ein, dass er sie nur deshalb bei sich haben möchte, damit das kein anderer kann – und Albertine sagt zu allem ja, führt aber ein Doppelleben, hinter das Marcel allmählich kommt. Das Thema Homosexualität schwingt wieder bei allem mit; diesmal bekommt Charlus die Ablehnung seiner Umwelt zu spüren, während Marcel sich pennälerhaft ausmalt, was Albertine wohl mit ihren Gespielinnen macht. Der Tonfall des Buchs wird immer unangenehmer, die freudige Entdeckung seiner Umwelt weicht beim Erzähler nach und nach immer tiefergehenden Beobachtungen, die nicht nur ihm, sondern auch dem Leser allmählich an die Nerven gehen (nein, nicht auf. An). Auch in Die Gefangene treiben wir uns wieder auf einem Salon herum, der diesmal aber nicht vom üblichen Small Talk regiert wird, sondern von einem handfesten Eklat und sehr unschönen, direkten Worten. Ich war sehr überrascht, dass aus der plüschigen Recherche auf einmal ein finsteres Psychogramm geworden ist und bin gespannt auf die beiden letzten Bände.

John Berendt – The City of Falling Angels

Berendt beginnt sein „Sachbuch“ (mir gefällt hier der englische Ausdruck non-fiction besser, weil eben die Fiktion, die Erzählung, mit drin steckt) mit dem Brand des Opernhauses in Venedig 1996 und beendet es mit dem endgültigen Schuldspruch der Brandstifter und der glorreichen Wiedereröffnung 2003. Dazwischen beschreibt er den Prozess, aber einen viel größeren Raum nehmen weitere Bewohner Venedigs ein. Reiche Gönner, amerikanische Stiftungsgründer, die Mätresse von Ezra Pound, der Dichter Mario Stefani, der angeblich erfolgreichste Hersteller von Rattengift weltweit und viele weitere Personen erzählen Berendt aus ihrem Leben, und der schreibt das ganze relativ wertungsfrei auf. Mir hat Angels ein kleines bisschen weniger gefallen als das gefühlt viel dichtere Midnight in the Garden of Good and Evil, aber ich mag Berendt Stil sehr gerne, weil er immer ein Adjektiv parat hat, mit dem ich nicht gerechnet habe.

David Mazzucchelli – Asterios Polyp

Eine fantastische graphic novel. Asterios ist ein 50jähriger Architekt, von dem nie ein Gebäude gebaut wurde, weswegen er an einem College lehrt. Sein ganzes Leben ist für ihn ein Spiel der Gegensätze. Nie so simpel wie schwarz/weiß, aber sein arrogant-klares Weltbild kommt ihm ziemlich in die Quere, als er versucht, seine Ehe zu retten. Eines Tages schlägt der Blitz in sein Appartement ein; das entstehende Feuer verbrennt seinen gesamten Besitz, worauf er sich mit seinem letzten Geld eine Busfahrt in den mittleren Westen kauft und ein neues Leben als Automechaniker beginnt. Asterios Polyp erzählt nicht nur diese Geschichte, sondern auch die seiner Frau, seines toten Zwillingsbruders, einer Neuentdeckung von Orpheus in der Unterwelt, von neuen Kompositionstechniken und alten Gottheiten – und ist dabei auf jeder Seite eine optische Überraschung, obwohl alles wunderbar zusammenpasst. Und nebenbei: großartige Frauenfiguren.

(The Comic Reporter schreibt viel, viel mehr über Asterios. Und zeigt ein paar Bilder.)

Alison Bechdel – Fun Home: A Family Tragicomic

Fun Home ist eine sehr schlaue und poetische Autobiografie in Comicform, die sich auf wenige einschneidende Erlebnisse von Autorin Alison Bechdel konzentriert: ihr Coming-out, der Tod ihres Vaters, die Enthüllungen nach seinem Tod, die ihr eigenes Leben noch nachträglich beeinflussen bzw. die sie alte Erinnerungen reflektieren lässt. Das Buch fühlt sich sehr intim an; man kann Bechdel fast beim Denken und Fühlen zugucken, es scheint, als ob der Comic vor den Augen des Lesers entsteht, weil er sich so langsam und doch so zwingend entfaltet. Mir haben sowohl die Zeichnungen gefallen, die sehr detailreich waren und mich an die Ligne claire erinnert haben. Und noch mehr mochte ich den Tonfall, der erstens durch eine sehr starke weibliche Stimme beeindruckt und zweitens durch sehr kluge (manchmal etwas neunmalkluge) Anmerkungen zum großen Gatsby, Ulysses und, ja genau, dem ollen Proust, der mich schon seit Monaten begleitet.

Bryan Lee O’Malley – Scott Pilgrim’s Precious Little Life, Vol. 1

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das ein Leser- oder Followertipp war. Wenn ja, hab ich mal wieder ein schlechtes Gewissen, denn so toll fand ich die Wuselnase Scott mit seiner Band und seinem präpubertären Herzschmerz leider nicht. Die Zeichnungen waren mir zu beliebig (ich musste mich immer an Sommersprossen oder Frisuren orentieren, um festzustellen, wen ich gerade vor mir habe), und die Geschichte war dann auch eher ein auf 160 Menge Seiten gestreckter Facebook-Dialog („… und dann hab ich ne schräge Frau kennengelernt, für die ich meine jetzige Freundin totaaal vergessen hab.“ – „Ach was?“). Das Buch hat auch kein Ende, sondern einen Cliffhanger, aber selbst der hat mich nicht davon überzeugt, dass ich dringend die restlichen Bände kaufen müsste.

buecher09_okt

Marcel Proust/Eva Rechel-Mertens (Übers.) – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 6: Die Flüchtige

Wenn der Erzähler in den ersten fünf Bänden schon eine Menge Zeit mit Introspektive verbracht hat, dann macht er im sechsten fast nichts anderes. Seine Geliebte hat ihn verlassen, und er sinniert nun, wie er die Gute wieder zurückkriegt. Sie schreiben sich Briefe, für die man beide mal wieder gehörig durchschütteln möchte („Ich schreibe ihr, dass sie wegbleiben soll, denn dann weiß sie, dass sie zurückkommen soll“ – WAAAAH!), lernt aber gleichzeitig noch mehr über den anstrengenden Charakter der Hauptperson. Ich fand es wie immer sehr spannend, ihm bei seinen Gedankengängen zuzugucken, auch wenn sie mich wahnsinnig gemacht haben. Schließlich erhält Marcel eine Todesnachricht, und damit beschäftigt sich so gut wie der komplette Rest des Bändchens (420 Seiten ist für die Recherche ja lächerlich): Wie geht es Marcel beim ersten Lesen, wie beim zweiten, wie beim ersten Schock, wie beim allmählichen Vergessens der betreffenden Person. Hört sich wie immer spinnert an, liest sich aber unwiderstehlich.

Charles Burns – Black Hole

Spooky stuff. Diesen Comic habe ich abends nur gelesen, wenn ich wusste, dass der Kerl noch wach war, damit er mir notfalls eine plüschige Geschichte von regenbogenfarbenen Einhörnern und langhaarigen Prinzessinnen in ihren Unterwasserschlössern aus Gold erzählen könnte. Tagsüber war die bizarre Geschichte etwas leichter zu verdauen. Es geht um High-School-Schüler und -Schülerinnen, der Mode nach zu urteilen, in den 70er Jahren. Einige von ihnen sind von einer sexuell übertragbaren Krankheit befallen, was einigen von ihnen Schwänze wachsen lässt oder einem anderen einen zweiten Mund am Hals, der sogar sprechen kann. Das Buch dreht sich um vier Charaktere, erzählt die Geschichte von einem von ihnen, springt wieder zu den anderen, setzt alle vier in Verbindung und konzentriert sich wieder auf eine Figur.

Was das Buch so verstörend macht, ist nicht nur der Inhalt, den ich mal als Metapher auf der Erwachsenwerden und den schwierigen Umgang mit Sexualität deute, sondern die Zeichnungen. Das Buch ist gefühlt zu 80 Prozent schwarz, die weißen Flächen sehen aus wie mit dem Holzschnittmesser aus dem Papier gefräst. Die Bilder sind sehr präzise und gleichzeitig sehr reduziert, was die grotesken Krankheitsmuster noch unheimlicher erscheinen lässt. Und hinter allem scheint eine große, schwere Schwärze nur darauf zu warten, alles zu überfluten. Nicht unbedingt ein Gute-Laune-Buch, aber definitiv eins, das mich sehr beeindruckt hat.

Marcel Proust/Eva Rechel-Mertens (Übers.) – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 7: Die wiedergefundene Zeit

Das große Finale – das sich gar nicht wie eins anfühlt, sondern eher wie ein langer Abschied von den vielen Figuren, die einen über 3.500 Seiten begleitet haben. Die Realität hält kurz Einzug in die Recherche: Der Erste Weltkrieg reißt einige der Charaktere mit sich, die Witwen gehen neue Verbindungen ein, und daraus entstehen neue Verwandschaftsverhältnisse, die beim letzten Salon des Buchs wie immer für Gesprächsstoff sorgen.

Das Hauptmotiv des siebten Bandes ist aber die Zeit. Endlich wird dem Erzähler klar, wie viel er schon davon verschwendet hat und wie wenig ihm noch bleibt. Er findet seine Berufung – Schriftsteller –, aber in dem Moment, in dem er weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll, naht sich ihm der Tod. Ganz blöd könnte man die vielen, vielen Buchseiten also mit „Nutze den Tag“ zusammenfassen, aber ich ahne, dass man damit Proust nicht ganz gerecht wird.

Wie es mir damit geht, eines der ganz großen Werke der Weltliteratur durchgelesen zu haben, habe ich hier aufgeschrieben.

Gerbrand Bakker/Andreas Ecke (Übers.) – Oben ist es still

Ganz andere Schiene als der Herr Proust. Wenige Worte, wenig, was passiert, karge Landschaft, viel Regen – und doch brodelt im ganzen Buch so viel Last, die Hauptfigur Helmer mit sich herumschleppt. Er ist 55, die eine Hälfte eines Zwillingspaares, und das Buch beginnt damit, dass Helmer seinen alten Vater vom Erdgeschoss in den ersten Stock des elterlichen Hauses trägt, damit dieser sterben kann. Im Laufe des Buchs erfahren wir, wie es der anderen Zwillingshälfte geht, dessen Freundin, deren Sohn und eben Helmer und seinem Vater, die viel Zeit aufarbeiten. Mit wenigen Worten und noch weniger Taten. Ich mochte die klare, einfache Sprache sehr gerne, die viel Raum für eigene Gedanken lässt und einen doch zielgerichtet an die Hand nimmt. Danke an Isa für den Hinweis.

Warren Ellis/Darick Robertson – Transmetropolitan 2 – Lust for Life

Der zweite Sammelband der Storys um Spider Jerusalem, dem Comicreporter, der Hunter S. Thompson nachempfunden wurde. Genauso gut wie der erste, wenn auch die Überraschung über die futuristische (und sehr anstrengende) Welt fehlte. Dafür versteckt sich in diesem Band zwischen den ganzen Schimpfworten, Obszönitäten, Folterfernsehen und sprechenden Polizeihunden eine Geschichte über eine Frau, die sich in unserer Zeit per Kryonik hat einfrieren lassen. Sie wird brutal in der Zukunft geweckt, auf die sie natürlich überhaupt nicht vorbereitet ist – und die sie sich garantiert etwas puscheliger vorgestellt hat. Ich fand das Gedankenspiel sehr interessant: Was ist mit den ganzen Nasen, die sich heute auf Eis legen lassen? Mal abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass man sie wiederbeleben kann, aber wenn doch: Wird es ihnen so gehen wie der Frau in der Geschichte, die vor allem feststellen muss, dass die Gegenwart den Besuch aus der Vergangenheit so gar nicht zu würdigen weiß? Ein fast poetischer Einschub im lauten Transmetropolitan.

Guido SieberDes Engels letzter Fall

Ein Relikt von 1992 aus dem Kerl’schen Regal. Optik: als ob ein schlechtgelaunter Max Beckmann Comics zeichnet. Sehr expressiv, vulgär – und damit sehr faszinierend. Sprache: selten so gelacht und politisch mehr als unkorrekt. In Engel geht es um einen, ja genau, Engel, der vom Teufel verführt wird, sich die Hölle mal anzugucken, weil in ihr deutlich mehr los ist als im Himmel, in den ja keiner mehr kommt, denn wer ist heute schon ohne Sünde. Oder wie der Engel es ausdrückt: „Wir kriegen nur noch Totgeborene, ewig Kranke, Verhungerte, na dritte Welt und so! Kein schöner Anblick! Das kann ich dir sagen! Kannst dir ja vorstellen, dass da nicht allzuviel zu tun ist. Die meisten von uns sind erstmal auf unbefristete Zeit zwangsbeurlaubt.“ — Teufel: „Junge, Junge.“ Ein zweiter Handlungsstrang beschäftigt sich mit Herrn el Lobo, einem Privatdetektiv, der eher damit beschäftigt ist, peinliche Anmachsprüche loszulassen als seinen Job zu machen, weswegen er über kurz oder lang den Engel trifft, der sich gerade auf verbotenem Terrain bewegt. Engel hat ein paar philosophische Einschübe, die aber netterweise fast untergehen im krachledernen Getümmel. Schönes Ding.

Kyle BakerWhy I hate Saturn

Auch schon etwas älter (1990) und daher teilweise leicht angestaubter Humor. Saturn erzählt von Anne, einer bewusst dauerbetrunkenen Schriftstellerin, die sich mit einer Kolumne über Wasser hält, keinen Führerschein oder ID hat und sich mit ihrem Kumpel Ricky total tiefsinnige Diskussionen darüber liefert, was Männer an Frauen tollfinden (hint: tits and ass). Der Comic liest sich wie eine gezeichnete Sitcom und hat teilweise sehr hübsche Captions, nervt aber nach einer kurzen Zeit ziemlich. Auch wegen der angesprochenen tits-and-ass-Problematik. Und der jammerigen Heldin.

Muriel Barbery/Gabriela Zehnder (Übers.) – Die letzte Delikatesse

Barberys erster Roman und gleichzeitig der vor dem Welterfolg Die Eleganz des Igels. Beim Igel mochte ich den versponnenen und teilweise arg überkandidelten Sprachstil ja ganz gerne, aber Delikatesse hat fast konstant genervt. Die Struktur ist allerdings spannend: Ein im Sterben liegender Restaurantkritiker erzählt davon, wie er ein letztes Mal ein bestimmtes Gericht essen will, wenn er nur wüsste welches, weshalb er sich in einer Rückschau an vieles erinnert, was er schon gegessen hat. Um seine Kapitel herum erzählen andere, wie sie diesen Kritiker zu Lebzeiten wahrgenommen haben: kurz gesagt, als Mistkerl. Das Dumme ist, dass Barbery zu wenig aus dieser Idee macht; die einzelnen Kapitel sind viel zu kurz, um Tiefe entwickeln zu können, weswegen die Hauptfigur ein blödes Klischee bleibt.

Das dazu auch noch einen ganz schlimmen Tonfall drauf hat, voller Worte, die schmeckig klingen sollen und doch nur schiefe Bezüge sind. Wie zum Beispiel „Die Fleischklößchen, mit dem gebührenden Respekt für ihre Festigkeit gebraten und trotz der Feuertaufe kein bißchen trocken, erfüllten meinen Mund des professionellen Fleischfressers mit einer warmen, würzigen, saftigen und kompakten Welle des Kauvergnügens. Die süßen Paprikaschoten, ölig und frisch, besänftigten meine von der männlichen Strenge des Fleisches beherrschten Geschmacksknospen und bereiten sie erneut auf diesen mächtigen Angriff vor.“

„Meinen“ Mund des Fleischfressers? „Welle des Kauvergnügens“? Und dann sind da noch etliche seltsame Übersetzungsschnitzer drin, wie zum Beispiel „Ich machte einen langen Spaziergang auf der Omaha Beach“ – im Französischen ist „Strand“ weiblich, bei uns aber nicht. Ich weiß nicht, ob der Verlag Delikatesse innerhalb von fünf Minuten auf den Markt geworfen hat, als sich abzeichnete, dass Igel so toll laufen würde – wenn ja: dumme Idee.

(Für gute Fressbeschreibungen empfehle ich ja immer Herrn Paul. Bei dem klingt das nämlich so, als ob er alles wirklich gegessen hat anstatt sich in einem kleinen Schreibstübchen nur vorzustellen, wie wohl Frikadellen mit Gemüse munden.)

buecher09_nov

Daniel Clowes – Ghost World

Ich klaue für die Inhaltsangabe mal die Wikipedia leer –

Ghost World follows the day-to-day lives of best friends Enid Coleslaw (formerly “Cohn”) and Rebecca Doppelmeyer, two cynical, pseudo-intellectual and intermittently witty teenage girls recently graduated from high school in the early 1990s. They spend their days wandering aimlessly around their unnamed American town, criticizing popular culture and the people they encounter while wondering what they will do for the rest of their days. As the comic progresses and Enid and Rebecca make the transition into adulthood, the two develop tensions and drift apart.”

– weil es die perfekte Inhaltsangabe ist. Und weil einige der benutzten Worte genau ausdrücken, warum mir Ghost World so gut gefallen hat: cynical, witty, tension, pseudo-intellectual, popular culture. Die beiden Mädchen schlendern durch eine Geschichte, die ein bisschen schwieriger zu erfassen war als sie es in „geschriebener“ Form gewesen wäre. Mir ist selten der gutter, der Raum zwischen den Panels, größer vorgekommen als hier. Sehr viel bleibt unausgesprochen, aber genau das macht das schmale Büchlein so gut.

Garth Ennis/Steve Dillon – Preacher Vol. 1: Gone to Texas

Jau. Satter Aufschlag. Die Preacher-Serie war ein freundlicher Lesertipp (ich weiß leider nicht mehr, ob per Twitter, Mail oder sonstwie), und auf diesem Wege möchte ich dem Leser ärgstens dafür danken, denn ich bin völlig hingerissen. Preacher erzählt die völlig absurde Geschichte von Jesse, einem Priester, der von einem Wesen namens Genesis besessen ist. Genesis ist das Ergebnis einer heißen Nacht zwischen einem himmlischen und einem höllischen Wesen. Und weil Genesis Jesse ganz schön nervt und nebenbei seine gesamte Kirche in Schutt und Asche gelegt hat, macht sich Jesse jetzt auf die Suche nach Gott, um ihm mal die Meinung über seinen Saustall da oben zu sagen. Ihm zur Seite stehen Cassidy, ein Vampir, und Tulip, seine Ex, die von Cassidy gerne Turnip genannt wird und ständig eine Knarre in der Handtasche hat. Ich könnte jetzt noch 30 Zeilen weitere hirnrissige Plotpoints aufzählen, aber stattdessen möchte ich euch Preacher einfach ans Herz legen. Die Zeichnungen sind eher naja, die zahlreichen Metzeleien gerade noch im erträglichen Bereich, aber dafür sind die Dialoge schön krachledern, und in die Hauptfigur würde ich mich, wenn sie auf einer Leinwand wäre, sofort verknallen.

Bill Watterson – The Complete Calvin & Hobbes

Wie Tim und Struppi – alle paar Jahre muss ich das einfach durchlesen. Denn “in the end, all our games turn into Calvinball.”

Garth Ennis/Steve Dillon – Preacher Vol. 2: Until the end of the world

Weiter geht’s mit dem Pastor und seiner Suche nach Gott. In diesem Sammelband erfahren wir mehr (als wir wissen wollen) über die Kindheit von Jesse Custer, wer sich hinter dem schicken Namen Jesus de Sade verbirgt und dass es eine Organisation namens grail gibt, die ganz eigene Pläne für die Welt hat, wenn Armageddon kommt und die Erde einen Erlöser braucht. Genauso wie der erste Band: Ich hab ihn atemlos verschlungen, aber glücklicherweise den dritten schon griffbereit neben mir gehabt.

Garth Ennis/Steve Dillon – Preacher Vol. 3: Proud Americans

Allmählich verstehe ich die Faszination von Comicserien: Genau wie Fernsehserien bieten sie die Möglichkeit, mal eben aus der Handlung auszusteigen und sich etwas näher mit der einen oder der anderen Figur zu beschäftigen, ihr mehr Hintergrund zu geben und so ihre Aktionen in der Gegenwart zu erklären. In Band 3 erfahren wir mehr über Jesses Vater und seine Zeit in Vietnam, wie Cassidy zum Vampir geworden ist und kriegen es weiterhin mit den Verschwörern vom grail zu tun. Weiterhin hohes Tempo und viel Blut – kurz: derbe Unterhaltung.

Garth Ennis/Steve Pugh, Carlos Ezquerra, Richard Case – Preacher Vol. 4: Ancient History

Hach, endlich andere Zeichner! Die Zeichnungen von Dillon sind, mit Verlaub, relativ eindimensional, weswegen ich es sehr genossen habe, hier endlich mal was zum Gucken zu haben. Die erste Geschichte in Ancient History, The Saint of Killers, befasst sich mit eben diesem, dem Saint of Killers, der von den Engeln auf Jesse angesetzt wurde. Hier erfahren wir, warum er so viel Hass in sich trägt und wie er zum Job des himmlischen Rächers gekommen ist. Die Bilder von Pugh und Ezquerra haben weitaus mehr Tiefe und vielfältigere Bildkompositionen von Dillon, weswegen mir dieser Band auch bisher am besten gefallen hat.

Richard Case darf sich dann in The Story of You-Know-Who an der Geschichte mit Arseface austoben, dem armen Kerl, der sich nach dem Tod von Kurt Cobain das Hirn rauspusten wollte, allerdings scheiterte und jetzt mit einem Gesicht wie ein Arsch rumläuft. Arseface ist ein sehr eigenwilliger comic relief, der sich von Anfang bis Ende durch die Preacher-Saga zieht und mir sehr ans Herz gewachsen ist. (Der Band nennt Arseface You-Know-Who, weil der Verlag das Wort arse nicht auf einem Titel sehen wollte. Meine ich jedenfalls irgendwo gelesen zu haben.)

In The Good Old Boys, dem dritten Teil des Bandes, darf nochmal Ezquerra ran und mit Dennis die fiesen Verwandten von Jesse wiederbesuchen, mit denen wir doch eigentlich schon abgeschlossen hatten. Auf den Teil hätte ich locker verzichten können, denn er hat so gar nichts mit der Priester-Handlung zu tun.

Garth Ennis/Steve Dillon – Preacher Vol. 5: Dixie Fried

Dieser Band spielt fast ausschließlich in New Orleans, es geht um Voodoo und wie Jesse endlich Genesis loswerden will, und nebenbei um Cassidy und eine Truppe von Vampirgroupies. Alles ein bisschen hektisch und seltsam – nicht ganz so mein Ding. Immer noch okay, aber hier hatte ich mehr und mehr das Gefühl, dass Ennis selbst nicht mehr wusste, wo die Reise hingehen soll. Deswegen wahrscheinlich auch die Liebeserklärung von Cassidy, die so gar nicht zu ihm passt und ihn allmählich zu einer Nervensäge macht, die er vorher absolut nicht war – was ich den Autoren ziemlich übel nehme.

Garth Ennis/Steve Dillon, Peter Snejbjerg – Preacher Vol. 6: War in the sun

Geht gut los, mal wieder mit einem anderen Zeichner, der uns mehr Hintergrund über Herrn Starr verrät, der den grail anführt und ein dickes Huhn mit Jesse zu rupfen hat. Dann darf wieder Dillon ran; jetzt scheint es zum Showdown zwischen dem grail und Jesse zu kommen – natürlich geht alles ganz anders aus als geplant, einer unserer Helden stirbt … oder nicht? und der Band endet mit einem riesigen Fragezeichen. Verdammte Cliffhanger.

Garth Ennis/Steve Dillon – Preacher Vol. 7: Salvation

Wieder ein langer Einschub, der Jesse zu einem Sheriff in einem Kaff in Texas macht. Er findet jemanden aus seiner Vergangenheit wieder, und endlich trifft er Gott, um sich endgültig mit ihm anzulegen.

Garth Ennis/Steve Dillon, John McCrea – Preacher Vol. 8: All hell’s a-coming

Nach acht Bänden endlich mal mehr zu Tulips Vergangenheit. Und allmählich steuert dann doch alles auf ein Ende zu. Reicht jetzt auch.

Garth Ennis/Steve Dillon – Preacher Vol. 9: Alamo

Yep, Ende. Ein bisschen zu viel krude Bibelkunde zum Schluss, aber immerhin ein Ende, das zur Serie passt, sowohl zum Tonfall als auch zu den Figuren. Wenn ich es den Jungs auch immer noch übelnehme, aus Cassidy ein Arschloch gemacht zu haben. Jetzt, wo ich alle Bände durchgelesen habe, kann ich eine recht warme, wenn auch keine jubelnde Emfehlung abgeben; dafür war zwischendurch dann doch viel Füllmaterial, das mich ab und zu etwas genervt hat.

(Und so klingt das, wenn ich zwischendurch keine Lust habe, direkt nach dem Zuklappen des Buchs darüber zu schreiben, sondern erst sechs Bände lese und dann nochmal nachblättern muss, was in den einzelnen Dingern passiert ist.)

Gerard Way/Gabriel Bá – The Umbrella Academy: Apocalypse Suite

Hmja. Tolle Zeichnungen, keine Frage. Alleine wegen würde ich mir den zweiten Band, Dallas, auch noch kaufen – aber nur, wenn der eine etwas besser Story hat. The Umbrella Academy handelt von sieben Kindern, die alle von verschiedenen Frauen ohne jede Vorwarnung geboren und dann von einem außerirdischen Professor adoptiert werden, der sie zu Superhelden heranzieht. Jedenfalls teilweise. Hört sich krude an, macht aber erstmal Spaß, weil man völlig ahnungslos in die Geschichte geworfen wird. Die vielen, kleinen Storys, die als Einzelhefte erschienen sind, fügen sich auch zu einem großen Gesamtbild zusammen, aber in sich waren sie mir zu fahrig, zu wenig ausformuliert, zu sehr auf die Show aus als auf eine Handlung. Ich habe Umbrella gerne gelesen … nein, ich habe Umbrella gerne angeschaut, aber so richtig umgehauen hat es mich nicht. Eher etwas ratlos zurückgelassen.

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Eric FonerReconstruction

Sachbuch und der gefühlte Nachfolger von Battle Cry of Freedom, dem Buch über den amerikanischen Bürgerkrieg, das ich nicht müde werde zu loben. Mit „Reconstruction“ wird die Zeit direkt nach dem Krieg bezeichnet, in der mal eben eine komplette neue Gesellschaftsordnung gefunden werden musste, in der Schwarz und Weiß zusammenleben, und gleichzeitig zwei Staatenbünde, die Union und die Konföderierten, wieder zur USA zusammenwachsen wollten; die Zeitspanne, die das Buch behandelt, geht gerade einmal von 1863 (Emancipation Proclamation) bis 1877 – die Zeit, in der so ziemlich die letzten Akte der Reconstruction stattfanden und so gut wie alle Südstaaten viele Gesetze der Gleichberechtigung wieder zurücknahmen und neue erließen, die Schwarze weiterhin als Bürger zweiter Klasse behandelte. Diese Zeit bezeichneten weiße Südstaatler perfiderweise als Redemption.

In der kurzen Zeit der Reconstruction hat sich viel getan: Viele der Südstaatenplantagen konnten sich nicht mehr halten, jetzt wo Arbeit auf einmal bezahlt werden musste bzw. erstmal Leute gefunden werden mussten, die sie machen wollten. Das Buch behandelt die wechselnden Wirtschaftsverhältnisse, die Kaufkraft (oder den Mangel derselben) der schwarzen Bevölkerung; dass Frauen und Kinder den Wandel anders erlebten als die Männer (schwarze Kinder durften erstmals Schulen besuchen, teilweise sogar mit Weißen zusammen, Frauen weigerten sich in der Mehrzahl, weiter auf Feldern zu arbeiten und zogen sich eher ins Haus zurück). Das Buch berichtet über die Entstehung des Ku-Klux-Klan, den Wandel der Republikaner (die mit Lincoln die Abschaffung der Sklaverei überhaupt erst auf die politische Bühne brachten) von Radikalen zu Realisten und den weiter bestehenden Rassismus, der sich schließlich in der Wahl der Demokraten und der Zeit der Redemption niederschlug. Diese Zeit brachte eine weitere Widerlichkeit mit sich, mit der sich das nächste Buch auf meiner Liste schwerpunktmäßig auseinandersetzt: die Schaffung von Gesetzen (eine Vorstufe der Jim-Crow-Laws), die zu nichts anderem da waren als Schwarze zu verhaften, sie zu Geldstrafen zu verurteilen, die sie nicht bezahlen konnten, um sie dann an wohlhabende Farmer oder Minenbesitzer zu überstellen – de fakto: zu verkaufen –, die sie monate-, teilweise jahrelang rechtelos ausbeuteten. Gründe, die zur Verhaftung führen konnten, waren zum Beispiel unflätige Wortwahl, wenn weiße Frauen anwesend waren oder schlicht, ohne ein Ziel unterwegs zu sein (vagrancy).

Weitere Kapitel befassen sich mit den Umständen, in denen diese Veränderungen stattfanden: die Industrielle Revolution sorgte ebenfalls für eine deutliche Veränderung auf dem Arbeitsmarkt bzw. der Arbeitsbedingungen (Fabriken statt kleiner shops), der Bahnausbau und der Weg nach Westen, was zu mehr Investition im Westen als im Süden führte, und die Situation der Indianer und Einwanderer.

Das Buch liest sich etwas zäh, und der Tonfall ist nicht ganz so begeisternd wie in Battle Cry. Dafür ist das Werk sehr ausführlich und lässt so ziemlich jeden mal zu Wort kommen, der in der Zeit was gesagt haben könnte. Kein Wunder, dass Reconstruction laut Buchrücken heute als classic work und als Standardwerk über die Reconstruction gilt. Ich war nicht ganz so begeistert wie nach Battle Cry, weil mir der erzählende Stil besser gefallen hat als der hier vorherrschende, relativ unpersönliche und teilweise sehr detaillierte, informiert bin ich jetzt aber bestens.

Douglas A. Blackmon – Slavery by another name

Pulitzerpreisgekröntes Buch über die Lebensumstände der Schwarzen nach dem Civil War. Slavery geht zeitlich noch über das Ende der Reconstruction hinaus und beschreibt die Zeit bis zum 2. Weltkrieg. Das Buch ist weitaus „reportagiger“ geschrieben – ganz vorsichtig würde ich es mit In Cold Blood von Capote vergleichen.

Blackmon hangelt sich an verschiedenen Personen bzw. Familiengeschichten entlang, beschreibt deren Lebensläufe und zieht dann das Bild ganz groß auf, indem er das Leben Einzelner in den großen Kontext stellt. Mir hat der Stil sehr gut gefallen, der Inhalt logischerweise deutlich weniger. Reconstruction hat sich weitgehend in Stillschweigen gehüllt, wenn es um hate crimes ging; Slavery schreckt nicht davor zurück, blutige Details zu beschreiben. Das ganze ist sehr weit weg vom Sensationsjournalismus, aber trotzdem schwer zu verdauen. Vor allem wenn man sich bewusst macht, dass der ganze Irrsinn gerade einmal 100 Jahre her ist.

Slavery skizziert die verschiedenen Strömungen sehr nachvollziehbar; also wie aus den verfeindeten Süd- und Nordstaaten plötzlich wieder Nachbarn wurden, die beide der Meinung waren, dass Schwarze Weißen zu dienen hätten. Blackmom erwähnt Darwin, dessen 1859 erschienenen Theorien (Origin of Species) plötzlich zu übelster Rassenkunde ausgenutzt wurden. Und er zeigt den großen Unterschied in der Behandlung von Schwarzen im Vergleich zur Zeit vor dem Bürgerkrieg: Während Sklaven eine finanzielle Investition waren, um die man sich kümmern musste, um ihre Arbeitskraft zu erhalten, waren Gefangene, die an Minen oder Farmen verkauft wurden, schlicht Material, nicht besser als ein Arbeitstier. Die Käufer wussten, dass der Nachschub nie versiegen würde, weswegen die Schwarzen in den Minen oder auf den Feldern buchstäblich bis zum Tode ausgebeutet wurden. Die Käufer konnten sich auf die Zuträgerdienste von örtlichen, bestechlichen Sheriffs und Friedensrichtern verlassen, die willkürlich Schwarze aufgriffen, sie unter fadenscheinigen Vorwänden verhafteten und sie dann gegen ein relativ geringes Entgelt weiterverkauften. Das Geld wanderte in ihre eigenen Taschen, und die Käufer hatten eine billige Arbeitskraft. Das ganze System wurde natürlich nicht Sklaverei genannt – denn die war ja verboten –, sondern es trug den unschönen Namen involuntary servitude, gegen das es (noch) keine Gesetze gab.

Das Buch zeigt sehr deutlich auf, warum die Situation der Schwarzen in den USA bis heute nicht als gleichberechtigt angesehen werden kann. Generationen von Schwarzen hatten nicht den Hauch einer Chance, aus ihrer Armut oder ihrer „Kriminalität“ auszubrechen. Bis heute geben Banken Schwarzen weniger gern Kredite als Weißen, bis heute verlieren Wohngebiete an Wert, wenn Schwarze dorthinziehen. Das Buch zitiert Martin Luther King, der 1967 sagte: “The South deluded itself with the illusion that the Negro was happy in his place; the North deluded itself with the illusion that it had freed the Negro. The Emancipation Proclamation freed the slave, a legal entity, but it failed to free the Negro, a person.” Große Empfehlung.

Jiro Taniguchi (Josef Shanel/Matthias Wissnet, Übers.) – Die Sicht der Dinge

Mein zweiter Taniguchi – zu dem ich fast dasselbe schreiben könnte wie zum ersten: sehr gemächlich, sehr detailreich, Dialoge vielleicht ein bisschen „geschrieben“, passen aber zum sehr „gezeichneten“ Bild. Ja, ich weiß, das klingt doof, weil’s ein Comic ist, aber bei anderen Comics habe ich manchmal das Gefühl, die Bilder seien eher Geschwindigkeit oder Action oder wildes Farbenspiel, und bei Taniguchi sind sie eben gezeichnet. Ganz fein und präzise – und genauso entwickelt sich auch hier eine Familiengeschichte, fein und präzise. Ich mag den Mann, ich kauf mir seine anderen Bücher jetzt auch.

Thomas Glavinic – Das Leben der Wünsche

Der erste Glavinic, von dem ich nicht so ganz begeistert war. Die Arbeit der Nacht war bösestes Gruseln, Das bin doch ich! wildestes Lachen und Das Leben der Wünsche … nun ja … eher verständnislose Langeweile mit wenigen Augenblicken, in denen ich daran erinnert wurde, weswegen ich Glavinic eigentlich gerne lese. Zum Beispiel mit schönen, unerwarteten Worten – so wie der feine Regen, der auf ein Dach „nadelt“. Oder mit Absätzen wie dem hier: „Ein Mann mit roter Baseballkappe, dem ein Eis gerade von der Tüte kippte. Ein brünettes Mädchen, die Stirn gerunzelt, Zigarette zwischen den Fingern, dessen vulgärer Mund jemandem etwas zuzurufen schien. Eine alte Frau, wie traumverloren. Offene Münder, Blicke, Masse, Anonymität. Ein Moment. Das war es. Deswegen macht er Fotos. Diese Sekunde hatte es gegeben, ohne dass sie jemand als solche wahrgenommen hatte. Eine Linie bestand aus einzelnen Punkten, die niemand sah. Die Zeit war eine Linie, und das hier war ein Punkt.“

Wünsche erzählt von Jonas, dem eines Tages ein seltsamer Kerl drei Wünsche erfüllen will. Jonas, alter Fuchs, wünscht sich sofort, nicht nur auf drei Wünsche beschränkt zu sein, woraufhin der seltame Kerl ihn warnt: Es geht nicht um das, was er will, sondern um das, was er sich wünscht. Woraufhin in Jonas’ Leben so einiges passiert, das er so nicht direkt formuliert, aber sich anscheinend tief drinnen gewünscht hat. Die meiste Zeit war ich mit WTF-vor-mich-Hinmurmeln beschäftigt, aber wie gesagt, ein paar Momente hat das Buch dann doch.

PS: Die professionelle Kritik ist übrigens überhaupt nicht meiner Meinung.

Yukito Kishiro – Battle Angel Alita: Tears of an Angel

Yay, mein erster Manga! Also der erste nach Akira, das ich vor ungefähr 20 Jahren gelesen habe. Alita besteht aus mehreren Bänden, die mehrere Hefte in sich vereinen. Der Kerl hatte eben Tears im Regal stehen, in das ich einfach mal blind reingegriffen habe, und was soll ich sagen? Ich fand’s sehr unterhaltsam. Gut, an die großen Glubschaugen von japanischen Comics werde ich mich wohl nie gewöhnen, aber mir hat die Story des Cyborgmädchens sehr gut gefallen. Jedenfalls wenn sie den Bösewichtern die Blechschädel zerkloppt. Wenn sie großäugig (haha) ihren geliebten Hugo anhimmelt und sich nicht traut, ihm zu sagen, dass sie ihn totaaal süüüüß findet, fand ich Alita eher doof.

Und wieder was gelernt: Die Oberkategorie Manga teilt sich in viele Unterkategorien: Alita ist ein Seinen-Manga. Irgendjemand einen Tipp für einen Josei-Manga?

Michael Köhlmeier – Idylle mit ertrinkendem Hund

Ein sehr kurzes Buch, das aber lange nachhallt. Köhlmeier beschreibt, wie sein Lektor ihn zuhause besucht, wie ungewohnt der Übergang vom Siezen zum Duzen ist, wie sich der Lektor überhaupt wie ein Eindringling anfühlt und wie es dem Ich-Erzähler dabei geht. Auf einem Spaziergang trifft der Lektor einen anscheinend halterlosen Hund, der ihn begleitet – und einen Tag später trifft er ihn wieder, diesmal zusammen mit dem Ich-Erzähler. Als sie ihn rufen, bricht der Hund ins Eis ein, auf dem er stand, und die beiden Männer müssen sich entscheiden: Wer bleibt, wer holt Hilfe.

Die Geschichte mit dem Hund ist nur der Aufhänger: Viel mehr Raum nimmt die verstorbene Tochter des Ich-Erzählers ein, über die er schreiben will und nicht kann. Idylle ist, um das mal vorwegzunehmen, eine Erzählung über die Tochter, die Ehefrau, den Umgang mit Trauer. Und sie ist sehr vorsichtig, einfühlsam und schlicht wunderbar.

Mike Mignola – Hellboy: Wake the Devil

Mein erster Hellboy – und garantiert nicht der letzte. Wake the Devil ist nicht der erste Band, daher habe ich mir die Vorgeschichte (wer ist dieser Höllenjunge überhaupt?) mal in der Wikipedia durchgelesen. Das war relativ hilfreich, denn in Devil springen nicht nur die Angestellten des Bureau for Paranormal Research and Defense zwischen den USA, Norwegen und Rumänien hin und her, sondern auch noch Rasputin, ein paar auferstandene Nazis, griechische Göttinnen, ein Homunkulus und ein Kopf im Glas wie aus Futurama. Die Geschichte ist viel zu spinnert, um sie aufzuschreiben, aber sie hat mir gerade durch ihren völligen Irrwitz sehr gut gefallen. Noch besser gefallen haben mir allerdings die Zeichnungen und die unglaublich intensive Kolorierung. Sehr reduzierter Strich, recht kantig und eigenwillig, und sobald der rote Hellboy ins Bild kommt, hat keine andere Farbe mehr eine Chance. Besonders der Kampf Hellboy versus Hekate sieht einfach fantastisch aus: olivgrün gegen knallrot, einfarbiger Hintergrund, absolute Konzentration auf die zwei Figuren. So viel Kraft hat kein Kinofilm.

Glaubst du nicht? Guckstu:

Mike Mignola – Hellboy: Conqueror Worm

Okay, dusseliger Titel – auch wenn er auf Edgar Allan Poe zurückgeht –, aber großartiges Ding. Hellboy legt sich wieder mit Nazis an, die 60 Jahre im All oder im Eis verbracht haben, der Homunkulus steht ihm zur Seite, und es tauchen lustige und weniger lustige Aliens auf, die dem Teufelskerl das Leben schwer machen. Hat mir noch besser gefallen als Devil – und weil das leider die einzigen beiden Hellboys waren, die der Kerl im Regal hatte, muss ich jetzt ne Menge Geld ausgeben, um mir ALLE ANDEREN zu kaufen. Oder erstmal die weiteren Mignolas lesen, die netterweise noch im Regal sind. Zum Beispiel:

Dan Raspler/Mike Mignola – Batman: Legends of the Dark Knight #54 – Sanctum

Bisher habe ich die schönen, bibliotheksfreundlichen Paperbacks gelesen, in denen mehrere dieser dünnen Heftchen zu einem ordentlichen Band zusammengefasst wurden. Sanctum ist eins der dünnen Heftchen aus der Legends of the Dark Knight-Serie, die insgesamt (laut Wikipedia) 214 Hefte umfasst. Ich fand es lustig, das klassische amerikanische Comicformat kennenzulernen – mit gezeichneter Werbung und Leserbriefen am Schluss. Kennt man ja gar nicht mehr, wenn man Blogs liest. Sanctum stammt aus dem Jahre 1993 und ich habe es, wie gesagt, gelesen, weil Mike Mignola die Zeichnungen gemacht hat (und, wenn ich die Credits richtig interpretiere, auch an der Story beteiligt war). Liest sich durch die schmale Seitenzahl von gerade einmal 32 natürlich viel zu schnell weg, aber selbst auf so kleinem Rahmen kann man schon was Schönes über die Fledermaus und einen viktorianischen Mörder in seinem Mausoleum erzählen. Fühle mich zum ersten Mal wie ein „richtiger“ Comicleser.

Howard Chaykin, John Francis Moore/Mike Mignola – Ironwolf: Fires of the Revolution

Hm. Nein. Bisschen viel von allem. Ironwolf spielt in einer nicht näher definierten Zukunft, wo sich ein Empire aus Planeten gebildet hat, das von einer doofen Kaiserin regiert wird. Dagegen rebelliert unter anderem Ironwolf, bis er eines Tages mit seinem Raumschiff vom Himmel geholt wird, ins Koma fällt und erst acht Jahre später wieder aufwacht. Hätte nett werden können, ist aber völlig überfrachtet mit Vampiren, Ewiglebenden, Ironwolfs Bruder, Katzenmenschen, Drogensüchtigen, Dealern und noch ein paar anderen Nasen, die für eine halbgare Pointe am Ende sorgen. War mir alles zu viel und zu wenig durchdacht, und selbst Mignolas Zeichnungen kamen mir sehr gezähmt vor.

Walter Simonson/Mike Mignola – Wolverine: The Jungle Adventure

Naja. Mignolas eigener Stil ist hier überhaupt nicht zu erkennen, dafür haben die Kerle zu viele Muskeln und die wenigen weiblichen Figuren zu wenig an, aber dafür ist die Story wenigstens halbwegs unterhaltsam. Wolverine trifft im Dschungel einen Stamm, der ihn für eine Gottheit hält, dann nervt Apocalypse ein bisschen rum, und zum Schluss ist alles wieder gut.