Links von Dienstag, 12. Dezember 2017

Ich kann nicht mehr für mich garantieren

Die FAZ weist auf die neu erschienene Gesamtausgabe von Irmgard Keun hin, die mit 39 Euro sehr erschwinglich ist. Ich kenne von Keun nur Gilgi und Das kunstseidene Mädchen (1931 bzw. 1932), die auch im Artikel erwähnt werden, aber dass sie 1937 im Exil noch einen Roman herausbrachte, wusste ich zum Beispiel nicht. Ich mochte an den beiden Büchern, dass sie meine Vorstellung des Frauenbildes in der Weimarer Republik sehr erweitern konnten. Ja, Romane sind keine Geschichtsbücher, das weiß ich auch, aber ich fand sie doch sehr aufschlussreich und lesenswert.

„Im Sommer 1932 gehörte „Das kunstseidene Mädchen“ neben Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ zu den Bestsellern des deutschen Buchhandels, Anfang Oktober kam „Eine von uns“ mit dem Ufa-Star Brigitte Helm als Gilgi in die Kinos. Danach wurde es dunkel über dem Land. Junge Frauen in scharf taillierten Trenchcoats mit schiefsitzender kleiner Baskenmütze, womöglich rauchend, waren jetzt nicht mehr gern gesehen. Irmgard Keun, weder jüdisch noch politisch engagiert – an dem bisschen Sozialkritik in ihren Romanen konnte nun wirklich niemand Anstoß nehmen –, hatte nach Meinung der neuen Machthaber einfach nur das falsche Frauenbild. Undeutsch wurde das genannt, fiel unter die sogenannte „Asphaltliteratur“ und landete im Mai 1933 auf den Scheiterhaufen, auf denen die Bücher brannten.“

Cat Person

Eine Kurzgeschichte im New Yorker. Ich wurde Freitag am späten Abend durch einen Tweet von Emily Nussbaum, der Filmkritikerin des New Yorker, deren Tweets ich sehr schätze, auf sie aufmerksam gemacht. Ich las sie gerne und schnell durch, fand sie sehr gut, retweete sie aber nicht, weil ich dachte, ach, Freitagnacht liest das eh keiner mehr, mach ich morgen. Das vergaß ich natürlich und hole es hiermit auch. Auch weil ich anscheinend nicht die einzige war, die die Geschichte mochte. Oder auch nicht, wie dieses kurze Interview mit der Autorin Kristen Roupenian zeigt, aus dem ich einen Ausschnitt zitiere. Aus der Story möchte ich keinen Ausschnitt zitieren, die solltet ihr ganz lesen.

„When a short story makes a splash these days, you can see the ripples in real time.

The writer Kristen Roupenian had fewer than 200 followers on Twitter before her work of fiction, “Cat Person,” was published in The New Yorker last week. The piece dominated attention on social media in a way that fiction rarely does. On Sunday, Ms. Roupenian’s follower count climbed rapidly as her more eager readers finished the story and set out to find its creator.

“Cat Person” focuses on two characters, Margot and Robert, who begin to construct a relationship through texting and eventually go on something resembling a date. The verisimilitude of their encounter started conversations about dating, power and consent. (There has also been a backlash and a backlash to the backlash.)“

In diesem Zusammenhang noch ein Essay von Ella Dawson, auf den Roupenian selbst per Tweet verlinkte:

„I want to talk about bad sex for a minute.

I don’t mean “bad sex” as in sex that wasn’t pleasurable, or sex that was awkward, or sex that hurt. I don’t mean when you’re having sex with a new partner and you don’t know yet what the other person likes or craves or is viscerally annoyed by. I don’t mean when you lose your hard-on or aren’t wet enough or the cat is watching you and it’s super distracting. I don’t even mean sex that disappoints you so much that you don’t see the person again.

By “bad sex,” I mean the sex we have that we don’t want to have but consent to anyway.

Let me be clear: bad sex isn’t rape. It’s not being forced to do something against your will. I don’t want to feed into that whole “false rape accusation, saying you were raped when you really just regret the night before” bullshit narrative that conservatives and Men’s Rights Activists and Betsy Devos like to pretend happens all the time. Bad sex isn’t even necessarily coercive. I’m talking about having a sexual encounter you don’t want to have because in the moment it seems easier to get it over with than it would be to extricate yourself.“

So viele Umwege auf dem Weg eines Herzens

Nochmal die FAZ, dieses Mal mit einer Filmkritik von Andreas Kilb, die dafür gesorgt hat, dass ich den Film Die Lebenden reparieren von Katell Quil­lévéré sehen will (well done, möchte ich sagen). Nebenbei habe ich in dieser Kritik ein wunderbares Zitat der Kritikerin Frieda Grafe gefunden, die als Gesetz des Genres Melodrama festgelegt hatte: Entweder man heult oder man kotzt.

„Wenn man in einer einzigen Szene zeigen müsste, was es heißt, jung zu sein, könnte sie nicht schöner sein als die Einstellung, mit der Katell Quillévérés Film „Die Lebenden reparieren“ beginnt: Ein Junge, Simon, steigt aus dem Bett, fotografiert seine schlafende Freundin, springt lautlos aus dem Fenster auf die Straße, steigt auf sein Rennrad und rast durch die schlafende Stadt zum Hafen, wo ihn zwei Freunde mit einem Lieferwagen aufsammeln. Im Morgengrauen, am Strand, paddeln die drei mit ihren Surfbrettern in die Brandung, warten auf die passende Welle, schwingen sich auf ihr Brett und rasen durch den Tunnel aus stürzendem Wasser ins Licht, atemlos, immer wieder. So beginnt Simons Tag. Es ist sein letzter.“

Tagebuch, Samstag/Sonntag, 9./10. Dezember 2017 – Warm und kalt

Am Samstag veröffentlichte ich mein #2017bestnine auf Instagram und fühle mich recht gut wiedererkannt. Futter, Unikram, Bücher, München. Und ein Pussyhat. Was für ein seltsames Jahr.

Den Sonntagvormittag verbrachte ich mit F. im Kino, wo ich noch einmal Coco anschaute. Der geht auch locker zweimal. Auf dem Weg zur Tram fiel mir zum ersten Mal die Herzchenumrandung vor einem Kiosk auf, die sonst in Münchnen eher aus Punkten besteht. F. so, der alte Charmeur: „Wie für Raucher, nur für Verliebte.“

Nachmittags machte ich mich dann erstmals ohne F. auf den Weg nach Augsburg. Er hatte einen Konzerttermin, daher konnte ich seine Dauerkarte nutzen, während der Herr, mit dem ich mir eine Karte teile, unsere verwenden konnte. So saßen wir erstmals nebeneinander, was ich sehr nett fand. Auch, weil der gute Mann eine Decke dabei hatte. Es war schon recht kalt und verschneit gestern, wie auch der FCA- und der Hertha-Twitter-Account vermeldeten.

Seit gestern kann ich die coolen Nike-Klamotten, mit denen ich morgens durch die Kälte stapfe (wenn ich nicht lieber schlafe), auch für den wohltemperierten Stadionbesuch empfehlen. Das Zeug hält ganz wunderbar warm. Ich trug zum schicken schwarzen Outfit sogar eine vereinsfarbene Mütze (grün), war aber froh, dass man meine flauschigen pinkfarbenen Thermosocken in den schwarzen Springerstiefeln nicht sehen konnte.

Im Spiel selbst ließ Augschburg gefühlt fünf Hundertprozentige liegen und hatte ebenso gefühlt 80 Prozent Ballbesitz, aber kriegte den verdammten Ball schlicht nicht über die Linie. Die Herren hinter uns kommentierten gewohnt ironisch, was mich anfangs – also so vor anderthalb Jahren, als ich mit dem regelmäßigen Stadionbesuch beim FCA begann – sehr erheiterte, mich inzwischen aber nur noch nervt. Laut F. quatschen die seit sieben Jahren so vor sich hin, seit der FCA in der ersten Liga ist und man als Dauerkarteninhaber halt beieinander hockt. Das ist schon fast bewundernswert, sieben Jahre lang ironisch Fuppes zu gucken, aber eben nur fast. So wurde auch das 1:0 in der 74. Minute spöttisch aufgenommen, während wir jubelten und uns ein bisschen warmhüpften. Nach dem verfickten Ausgleich in der verfickten Nachspielzeit habe ich von hinten allerdings nichts mehr gehört.

Das Fiese an Augsburg-Spielen ist der lange Rückweg. Also nicht der Weg vom Stadion zur Tram, der ist etwas kürzer als der in der Allianz-Arena. Aber während ich dort nach einer höchstens 30-minütigen U-Bahn-Fahrt (ich muss einmal umsteigen) wieder zuhause bin und mich von eventuell miesen Spielen mit Netflix und Schokolade ablenken kann, schmore ich nach FCA-Spielen zwei Stunden vor mich hin. Vom Stadion zur Tram, die uns zum Bahnhof bringt, da wartet man dann gerne noch, dann hockt man 40 Minuten in der Regionalbahn und dann muss man in München noch ein bisschen U-Bahn-Fahren bis Netflix and Chocolate. In dieser Zeit kann man sich nochmal in aller Ruhe die vergebenen Torchancen im Kopf vorspielen und mit allem hadern, obwohl man selbst nichts, gar nichts hätte machen können. Das verstehe ich an mir selbst nicht, seit ich Fußball im Stadion bzw. aufmerksamer auf Sky gucke: dass man sich freiwillig diesem Quatsch aussetzt, bei dem man nur passiv zuschauen kann und bei einem schlechten Ausgang sinnlos rumleidet. Ich bezahle im Moment Geld, das ich nicht habe, für eine Aktivität, die den halben Tag dauert, bei der ich nur Zuschauer bin und die mich im schlechten Fall noch stundenlang nervt. Watzefack? Ich verstehe es selbst nicht.

Ich füll dann mal den Mitgliedsantrag beim FCA aus.

Engelsaugen

Jemand meinte auf Twitter, diese Kekse hießen „Ochsenaugen“, was ich auch nicht besser finde als meine Überschrift. Ich kenne keinen Engel und keinen Ochsen persönlich, aber ich glaube, die haben beide keine roten Augen. Nennen wir diese schnellen und einfachen Kekse doch einfach Mürbeteiggebäck mit Marmelade drin und fertig.

(Edit: Ich hätte natürlich auch selbst googeln können, aber: Ochsenaugen gibt’s auch, sind aber etwas anderes. Danke, Luca.)

Laut Rezeptquelle sollen aus der untenstehenden Teigmenge 72 Stück rauskommen, bei mir waren es um die 40. Ich habe fürs nächste Mal gelernt: kleinere Kugeln formen.

250 g Mehl, Type 405, mit
1 TL Backpulver,
100 g Zucker,
1 Päckchen Vanillin-Zucker und
1 Prise Salz mischen, auf die Arbeitsfläche geben und zu einem formschönen Hügelchen auftürmen. Darauf
150 Butter in Flocken verteilen. In eine mittige Mulde
3 Eigelb geben.
Den Berg schnell mit einem Messer durchhacken und dann möglichst schnell mit kühlen Händen mischen und einen geschmeidigen Teig kneten. Nicht zu lange, sonst wird die Butter zu weich und der Teig ein fieser Klumpen. Den Teig in Frischhaltefolie einschlagen und mindestens 30 Minuten kaltstellen.

Aus dem gekühlten Teig walnussgroße Kugeln formen und (im Idealfall) auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech umsiedeln. Mit einem Kochlöffelstiel Mulden in die Kugeln drücken. Ich habe sie dazu auch noch leicht plattgedrückt, weswegen die fertigen Kekse nicht ganz so kugelig und ein bisschen brüchig aussehen. Nochmal ein Stündchen kaltstellen. (In meinen Kühlschrank passt kein Backblech, daher habe ich sie auf einem Teller gekühlt. Der passt.)

Danach
175 g rotes Johannisbeergelee in die Mulden füllen und die Kekse im auf 200° C vorgeheizten Ofen für zehn bis zwölf Minuten backen. Nach dem Abkühlen mit Puderzucker bestäuben.

Bei mir war es Himbeermarmelade, weil ich die halt gerade da hatte, und ich habe eindeutig zu wenig davon in die Kekse gestopft. Ich hatte ein bisschen Angst, kleine überkochende Vulkane zu produzieren, deswegen war ich etwas vorsichtig. Der zweite Lerneffekt fürs nächste Mal: die Höhlen in den Keksen erstens größer machen und zweitens ruhig vollballern. Vielleicht brauche ich dann auch wirklich 175 Gramm Gelee wie im Rezept angegeben, ich habe hier weitaus weniger verwendet.

Ich mag Kekse mit Marmelade generell sehr gerne. Die hier mag ich besonders, weil der Mürbeteig genauso ist, wie sein Name verspricht: Er krümelt fein-mürb vor sich hin, und durch die säuerliche Marmelade wird das ganze nicht so irre süß. Kommt auf den Stapel mit den Lieblingsrezepten.

Was schön war, Donnerstag, 7. Dezember 2017 – „Coco“

Arbeitslose Studentin zu sein, hat auch Vorteile: Man kann vormittags in fast leeren Kinos rumsitzen und schöne Filme gucken.

Coco ist die neueste Pixar-Produktion, und auch wenn ich kaum noch ins Kino gehe – wenn irgendwas von Pixar kommt, bin ich dabei. Okay, fast: Den ersten Teil von Cars fand ich nur so meh, daher habe ich mir die Teile 2 und 3 geschenkt, und auch die Dinosaurier und Dory wollte ich nicht anschauen. Aber alle anderen Filme des Studios habe ich im Kino gesehen und danach teilweise noch mehrmals auf DVD bzw. als Stream. Seitdem ich mit riesigen und ungläubigen Augen in Toy Story saß, vertraue ich den Pixar-Nasen blind und gucke (fast) alles, was sie mir vorsetzen, weil es (fast) immer toll ist.

Auch Coco war wieder alles, was Pixar ausmacht: eine herzerwärmende Geschichte mit viel Augenpulver, gut getimten Witzchen und so gerade noch erträglichem Moralkleister. Der kleine Miguel stammt aus einer Familie, die seit Generationen Schuhe herstellt, aber er möchte viel lieber Musiker werden. Das passt gerade seiner Oma so gar nicht, und durch Kurzschlussreaktionen und Bockigkeit landet Miguel plötzlich im Reich der Toten – wo er wieder auf seine Familie trifft. Also den Teil, der schon das Zeitliche gesegnet hat.

Nach den Trailern war ich mir nicht so recht sicher, was mich erwartete, aber jetzt, wo ich den Film gesehen habe, ahne ich, wie schwierig es war, sie zusammenzuschneiden, ohne zu viel zu verraten. Wie immer bei guten Geschichten ist vieles nicht so, wie man denkt, und Figuren werden zu Helden, von denen man es nicht erwartet. Manchmal weiß man allerdings schon, was kommt, wenn man fünf amerikanische Filme gesehen hat, und das war fast das einzige, mit dem ich haderte: Ich wusste bei einer Szene genau, dass eine ähnliche nochmal auftauchen und mir das kleine Herz rausreißen will und wird. Das passierte dann auch, aber netterweise saß niemand in meiner Nähe, als ich hemmungslos meine Taschentücher vollheulte. (Wenn ich richtig gehört habe, taten die anderen Zuschauer*innen das gleiche.) Ich war überhaupt dauergerührt von dem Film, weil er vieles ansprach, was mich immer mehr bewegt, je älter ich werde: Menschen, die einem etwas bedeuten, Erinnerungen, Dinge, die einem gut tun – und Musik.

Der Film wirbt mit dem Jenseits-Thema, für mich jedoch stand das Musik-Thema deutlicher im Vordergrund. Natürlich kann man mit Skeletten tollere Scherze machen, aber ich mochte die leisen Momente des Films lieber. Alleine für eine Szene will ich den Film nochmal anschauen: Wenn wir Miguel zum ersten Mal an seiner Gitarre sehen und er konzentriert die Saiten anschlägt, spielt, sich verliert, hat er für eine halbe Sekunde einen derart beseelt-konzentrierten Gesichtsausdruck, dass ich da schon fast angefangen hätte zu flennen. Jede*r, der oder die ebenfalls mal das Glück hatte, sich per Saiten, Tasten, Klanghölzern, Metallklappen oder den Stimmbändern ausdrücken zu können, kennt dieses Gefühl, das sich in raren Momenten einstellt – dieses Völlig-bei-sich-Sein und trotzdem der ganzen Welt etwas mitgeben zu können. Über die Wirkung von Musik auf andere hat der Film übrigens auch etwas zu erzählen.

Das dritte Thema ist die Familie, und das wird leider, wie gern bei Disney, einen Hauch zu dick aufgetragen. Das verzeihe ich Coco allerdings, denn hier muss es sein: Ohne Familie klappt die ganze Story nicht, hier kann man ausnahmsweise nicht die Blutsverwandschaft durch Facebook-Freunde oder alte Bekannte ersetzen.

Was mich von Anfang an erwischt hat, war – natürlich – die Optik. Wie fast immer bei Pixar hat der Film eine ganz eigene Oberfläche. Ich erinnere mich, dass ich bei A Bug’s Life dachte, der Film sieht aus, als ob die ganze Zeit Sonnenlicht durch Blätter fällt. Bei Monsters, Inc. konnte ich mich an den Fellen und Häuten der Fabelwesen nicht sattsehen. Bei Finding Nemo glitzerte das Meer, wie ich es noch nie gesehen hatte, bei den Incredibles schien immer alles zum Zerreißen gespannt und glattgezerrt zu sein, bei Ratatouille war alles pastellig, als ob die Sonne ständig gerade auf- oder untergeht, bei WALL-E stattdessen entweder alles erdig-verdreckt oder weltraumhaft-staubfrei. Bei Coco ist alles bunt. Nein, Moment, es ist alles BUNT. Also BUNT wie in neonfarben, grell, kräftig, satt und gleißend, aber ohne quietschig und billig zu werden. Der Film leuchtet, selbst wenn die Stimmung gerade düster sein soll, er beginnt damit und hört damit auf und man nimmt dieses Leuchten auch aus dem Kinosaal mit. Und den Running Gag mit Frida Kahlo, den ich persönlich sehr zu schätzen gewusst habe, denn viele Frauenfiguren hat Coco nicht zu bieten. Den Bechdel-Test besteht er leider nicht; ich habe während des Films nicht darauf geachtet, aber in der Rückschau meine ich, dass es keinen einzigen Dialog gab, in dem nur Frauen sprechen.

Und womit ich auch richtig gehadert habe, war der blöde Hund, der Miguel begleitet. Das Vieh nervt einfach nur, aber – es heißt Dante und alleine dafür gab’s dann wieder einen Sympathiepunkt. Ach, und vor Coco läuft ein zwanzigminütiger Kurzfilm mit Olaf aus Frozen. Ich liebe Olaf. Ich liebe Frozen. Aber die 20 Minuten Lebenszeit hätte ich gerne zurück. Netterweise vergisst man sie nach 20 Sekunden Coco wieder und hat nach dem Abspann eh einen besseren Ohrwurm als die belanglose Trällerei von Elsa und Anna.

Ein faustisches Dankeschön …

… an Sunni, die mich mit Thomas Manns Doktor Faustus überraschte. Auch hier eine Entschuldigung für die naheliegende Überschrift. Mann habe ich gefühlt seit 20 Jahren nicht mehr gelesen; während der Schulzeit habe ich (freiwillig) die Buddenbrooks (die ich dauernd Buddenbohms schreiben will, na danke auch) sowie den Zauberberg verschlungen und irgendwann den Tod in Venedig und Lotte in Weimar gelesen, aber nicht mehr verschlungen. Doktor Faustus begegnete mir während der ganzen Recherchen zur NS-Zeit in den letzten beiden Jahren immer wieder, und deswegen wollte ich ihn jetzt lesen. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Ein verzweifeltes Dankeschön …

… an Tamara, die mich mit Vladimir Nabokovs Verzweiflung überraschte (Übersetzung von Klaus Birkenhauer). Entschuldigung für die nicht besonders kreative Überschrift, aber die lag halt so schön nah. Muss ja auch mal sein. Das Buch befand sich schon recht lange auf meinem Wunschzettel; ich glaube, ich habe das in meiner Fassbinder-Phase da mal draufgepackt, denn das Werk wurde von ihm als Despair verfilmt. Schön, einen weiteren Klassiker im Regal zu haben, sowas entbindet mich immer davon, die zeitgenössische Literatur zu verfolgen, ich kann mich bequem auf den alten Kram zurückziehen. (Puh.) Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Tagebuch, Dienstag, 5. Dezember 2017 – Meh

Vormittags im ZI gesessen und für die Diss gelesen. Oder was mal eine Diss werden soll. Danach wollte ich eigentlich noch für den nächsten Einzelmeister etwas lesen und einen Tweet überprüfen, der am Weltaidstag durch meine Timeline geisterte; bei einigen Tweets stand noch dabei, dass Haring das Bild bewusst nicht beendete. Nach den Diss-Büchern und Aufsätzen war ich allerdings so frustriert, dass ich nichts weiteres mehr lesen wollte. Ich stellte alle Bücher bockig ins Ablageregal und wollte nach Hause unter die Decke.

Stattdessen radelte ich ein wenig durch die Gegend, war aber immer noch frustig. Ich holte ein Päckchen von der Post und ging einkaufen, konnte mich aber auch nicht zum Keksebacken aufraffen. Eigentlich konnte oder wollte ich mich zu gar nichts mehr aufraffen. Ich zündete die Adventskerze an, trank Tee, las die Zeitung und das Feuchtwangerbuch weiter und ignorierte die Kunstgeschichte weiträumig. Abends ignorierte ich außerdem das Bayernspiel. Dann schlief ich auch noch schlecht und war todmüde, als heute der Wecker um 6.15 Uhr klingelte, der mich eigentlich zum Laufen wecken sollte. Ich ignorierte ihn und bin jetzt genauso stinkig wie gestern. Das läuft ja super. (Ich geh gleich raus und stapfe sinnlos durch die Stadt, bevor ich mit Dingen werfe oder Tauben anschreie. Oder ich such mir wieder eine Festanstellung in der Werbung, da kann ich wenigstens Kollegen anschreien.)

Tagebuch, Montag, 4. Dezember 2017 – Nervkram

Den ganzen Tag genervt gewesen. Morgens von der NS-Literatur, durch die ich mich in der Stabi wühlte – ich kleiner Idiot hatte völlig vergessen, dass man sich, wenn man sich mit NS-Kunst beschäftigt, auch mit den schriftlichen Quellen dazu beschäftigen muss und die sind noch anstrengender als die Bilder und Skulpturen. Dazu las ich ein Sekundärwerk, das so von oben herab formliert war, dass ich vom Lesen noch schlechtere Laune bekam.

Im Abholfach der Stabi lag wieder kein Buch für mich, für dessen Abholung ich bereits letzte Woche die E-Mail bekommen hatte. Wenn die nachts bei mir landet, weiß ich natürlich inzwischen, dass das niemals heißt, das das Buch am nächsten Tag da ist. Ich lasse grundsätzlich mindestens einen Tag verstreichen, bis ich ins Abholfach gucke. Freitag war aber nichts da – und gestern immer noch nicht. Heute morgen kam dann allerdings ernsthaft die Erinnerungsmail, dass ich doch bitte endlich das bestellte Buch abholen sollte. Du mich auch.

Ich wechselte irgendwann in den Lesesaal der Unibibliothek, wo eine Fernleihe auf mich wartete, die ich leider nicht mit nach Hause nehmen durfte. Der UB-Lesesaal ist der schlimmste aller Lesesäle, ich vermeide den, wo es nur geht. Der Fahrstuhl ist quasi dauernd kaputt, es gibt viel zu wenige Schließfächer und noch weniger Sitzplätze, und die generelle Atmosphäre finde ich persönlich einfach ungastlich, ungemütlich und doof. Dann war das bestellte Buch auch nicht so ergiebig wie ich es gerne gehabt hätte, und so brummelte ich mich weiter durch den Tag.

Erstmal Mittag machen.

Etwas aufheitern konnte mich dann eine Dissertation von 1987, die ich mir bestellt und auch mit nach Hause nehmen durfte. Ich hätte vielleicht etwas genauer gucken sollen, in welchem Berlin sie damals veröffentlicht wurde. Andererseits habe ich den Begriff Stamokap seit dem Gemeinschaftskundeunterricht in der 11. Klasse nicht mehr verwendet und hatte so einen kleinen Schulzeitenflashback.

Dann haderte ich wieder mit dem Diss-Thema, von dem ich letzter Woche der Meinung war, das wäre gut und gestern, das wäre scheiße. Ein Gespräch mit F., der mich dringend in Richtung Betreuertermin schubste, half aber. Ich hoffe, der Termin hilft auch. Ich hab noch nie eine Diss geschrieben, ich übe das noch.

Was schön war, Sonntag, 3. Dezember 2017 – „Easy“

Den ganzen Tag vor Netflix gehangen und Easy geschaut. Danach hatte ich zwar einen fiesen Knoten im Kopf von First World Problems and how to discuss them to death, aber ich mochte die Serie trotzdem.

Die erste Adventskerze angezündet, mich über das Licht gefreut.

Abends Vashti Bunyan auf Spotify leergehört. Den wundervollen Train Song kannte ich schon, aber eine Easy-Folge endete mit ihrem Diamond Day, was ich aber erst rausbekam, als ich Shazam auf dem iPhone startete und es ans MacBook hielt, auf dem eine Serie gestreamt wurde. Über Technikquatsch gegrinst und mich gleichzeitig sehr reich gefühlt.

Was schön war, Freitag/Samstag, 1./2. Dezember – Neuzeug

Am Freitag saß ich zunächst im Kartenlesesaal der Stabi, um mal wieder ein paar NS-Quellen zu lesen. Dieses Mal musste ich auch nicht unterschreiben, dass ich den Kram zu wissenschaftlichen Zwecken lesen will/sollte/muss und nicht zur persönlichen Erbauung. Die beiden Bücher zum Thema Reichsautobahn standen für mich einfach so im Regal.

In einem Band quälte ich mich durch ideologisches Geseier von Herybert Menzel, von dem ich bis dahin noch nicht gehört hatte. Er kolportiert auch brav weiter die NS-Legende, dass die Reichsautobahnen auf einen Geistesblitz von Hitler während seiner Festungshaft zurückgehen. In der kritischen Edition zu Mein Kampf habe ich davon nichts finden können, totale Überraschung. Noch vor dem Frühstück in Mein Kampf zu lesen, macht übrigens nicht so recht Spaß. Schnell weiterbloggen.

Nach dem Kartenlesesaal ging ich noch schnell in den Allgemeinen Lesesaal und blätterte in Die Straße, musste aber mittendrin abbrechen, weil ich meinem Website-Beauftragten versprochen hatte, bis 13 Uhr wieder zuhause zu sein, damit der Mann in meinem Beisein die neue Site aufspielen konnte. Das tat er dann bis 15 Uhr, während ich ständig guckte, ob alles ging, alles Links funktionierten und überhaupt. Mehr kann ich ja nicht, was diese Site angeht, ich schreibe sie nur zu, und so soll das auch sein. In diesem Sinne: Falls euch irgendwas auffällt, irgendwelche Links ins Leere gehen – Mail oder Tweet an mich, bitte. Danke!

Den Rest des Nachmittags las ich weiter Zeug über die Autobahnen, bis ich abends zu F. aufbrach. Ich hatte mich schon den ganzen Tag auf ein Feierabendbierchen gefreut, das ich auch dementsprechend genoss. Danach lockte mich die Whisk(e)y-Sammlung des Herrn. Nachdem ich mir endlich mal gemerkt hatte, dass ich anscheinend lieber Highland-Whiskys als Islay-Whiskys trinke, wollte ich nach dem 15-jährigen Singleton aus der Destillerie von Glen Ord noch einen weiteren in dieser Richtung probieren. Es wurden dann drei, von denen ich mir den ersten gar nicht gemerkt habe, denn der war bemerkenswert charakterlos. Der zweite war ein 18-jähriger Clynelish Signatory Vintage, der von 1990 bis 2008 in einem Fass gelegen hatte und als Single-Cask-Abfüllung verkauft wurde (wir genossen die Flasche Nr. 178 aus dem Fass Nr. 3947). Der gefiel mir weitaus besser, genauso weich wie der Singleton, weniger vanillig, zwischendurch mal ein bisschen Lakritze, die aber netterweise schnell wieder weg war. Den konnte ich mit seinen 43 Prozent auch unverdünnt trinken. Als Abschluss kostete ich einen ebenso schmackhaften 20-jährigen Glentauchers und bewunderte zum wiederholten Male die verschiedenen Geschmäcker, die sich erst erschließen, wenn man sie vergleicht. (Ach was.) Damit meine ich: Früher war Whisky für mich einfach ein unfassbar scharfes Zeug, das nur nach Sprit schmeckt. Aber den kann man sich natürlich genauso erarbeiten wie Wein, zu dem ich früher gesagt hätte, jo, der ist rot, nech?

Die Nacht wurde, auch durch den Whisky, etwas länger als geplant, weswegen wir fies lange schliefen. Eigentlich wollte ich gestern groß einkaufen und die Adventsbäckerei beginnen, aber dann lungerte ich doch bloß auf der Couch rum, las, trank viel Tee und schaute begeistert dem FC Augsburg auf dem Laptop zu, wie der Mainz auswärts mit 3:1 schlug. Das war, zumindest in der ersten Halbzeit, ein richtig schönes Spiel, was man beim FCA ja eher selten zu sehen bekommt.

Immerhin beim Metzger war ich noch, wo sich vor mir folgender Dialog entspann, bevor ich mein Schweineschnitzel kaufen konnte, das ich mir heute zubereiten werde:

Im Städelmuseum ist neuerdings wieder das Schächer-Fragment zu bewundern. Die Restauratorin beschreibt ihre dreijährige Arbeit daran:

„Wie hochwertig und beeindruckend die Darstellung tatsächlich ist, konnten wir bis vor kurzem nur erahnen. Besonders die Wirkung des Pressbrokats war kaum mehr wahrnehmbar. Da hauchdünne Blattgoldauflagen extrem empfindlich sind und leicht beschädigt werden können, war zunächst völlig unklar, ob eine Restaurierung überhaupt möglich ist.

Mit dieser Frage begannen wir unsere Untersuchung. Schnell wurde uns bewusst, dass wir ein ganzheitliches Konzept brauchten, das alle Dimensionen des Kunstwerks einbezieht. Nicht nur eine authentische Ästhetik des originalen Materials, auch die ursprüngliche Funktion und Bedeutung des Altarwerks und seine bewegte Geschichte sollten wieder sichtbar werden. Drei Jahre dauerte am Ende dieser Prozess, bei dem wir die Goldoberfläche des Pressbrokats wieder zum Strahlen gebracht und sogar völlig verdeckte Bildteile wieder sichtbar gemacht haben.“

In Kairo wird ein neues Museum gebaut, unter anderem für die riesige Sammlung an Grabbeigaben des Tutanchamun, die im derzeitigen Museum nicht mal annähernd vollständig ausgestellt werden können. Man ist aber trotzdem recht lange damit beschäftigt. Ich war in den 1990er Jahren in Ägypten, und der Besuch im Kairoer Museum war für mich einer der Höhepunkte. Ich stand dann auch gleich zweimal in die im Artikel angesprochene Schlange an der Goldmaske. Und ich bewunderte einen riesigen Schrank voller Uschebtis, bei dem ich mir diesen Begriff dann auch für alle Ewigkeiten merkte.

„Im alten Archäologiemuseum nahe des Tahrir-Platzes in Kairos Zentrum fehlten nicht nur die Nähe zu den Pyramiden sondern vor allem der Platz. Der über hundert Jahre alte Bau wirkt selbst ein bisschen wie eine Antiquität, die an vielen Ecken eine verstaubte Rumpelkammer ist. Manchmal versperren Kisten den Besuchern den Weg, die aussehen, als hätte sie Tutanchamun-Ausgräber Howard Carter in den Zwanzigerjahren noch persönlich abgestellt.

Zudem laufen die Magazine am Tahrir schon seit Jahren über, Tausende Stücke können gar nicht gezeigt werden. Trotz dieser Probleme und obwohl Terrorgefahr und die politisch unsichere Lage seit der Revolution 2011 die Zahl der Touristen dramatisch hat schrumpfen lassen, quetschen sich immer noch jeden Tag viele Menschen am berühmtesten archäologischen Exponat der Welt vorbei, der Totenmaske des Tutanchamun. […]

Einige Exponate müssen allerdings erst noch restauriert werden – deshalb hat Mohamed Yosu gerade ziemlich viel zu tun. Er arbeitet am bereits eröffneten Conservation Center auf dem Gelände des neuen Museums. Hier werden in 17 Laboratorien und Werkstätten alle Altertümer konserviert und aufgearbeitet, die Archäologen irgendwo in Ägypten aus dem Boden holen. […]

Viele Arbeitsschritte in den Labors sind inzwischen Routine. Doch es gibt auch immer wieder Überraschungen. Als die Restauratoren die vielen Einzelteile einer Holzkommode zusammenpuzzeln wollten, stellten sie fest: Tatsächlich lassen sich aus den Holzteilen zwei baugleiche Möbelstücke herstellen. Dem umfangreichen Katalog der Tutanchamun-Sammlung musste eine weitere Exponatnummer hinzugefügt werden.“

Willkommen auf einer Unterseite

Hey! Schön, dass du den Weg von meiner neuen Homepage auf diese kleine, feine Unterseite gefunden hast. Ich führ dich mal ein bisschen rum. *geht um die Ecke, winkt*

Das hier ist jetzt die Homepage. Da sieht man hoffentlich schön schnell, wer ich so bin und was ich so kann aka wofür man mich buchen und bezahlen kann. *wartet* Wir gehen weiter …

Es gibt ein PDF, das einem schnell zeigt, wie und worüber ich alles schreiben kann. Ich darf vielleicht noch unbescheiden hinzufügen, dass ich über alles schreiben kann, wenn man mich vernünftig brieft. Noch mehr Texte von mir gibt es hier, unter anderem meine Museumstexte, auf die ich recht stolz bin. Vielleicht liest du dir die mal durch? Die sind meiner Meinung nach ziemlich gut geworden, auch wenn das Englisch nicht ganz so nach mir klingt. (Den Naga- und den NMAAHC-Text werde ich mal auf Deutsch online stellen, das sind meine beiden liebsten.)

*geht einen goldgepflasterten Gang entlang* Ich bekomme bekanntlich sehr gerne Bücher geschenkt. Meinen Wunschzettel bei Amazon findest du ab sofort hier und nicht mehr in der Seitenleiste vom Blog. (Die Seitenleiste habe ich entrümpeln lassen, da lag viel Zeug rum, das nicht mal ich noch lese.) Ich weise neben dem Wunschzettel vorsichtig auf die total praktische Möglichkeit hin, mir schnödes Geld zukommen zu lassen. Musst du nicht, das Blog hier bleibt weiterhin kostenlos und kriegt keine Paywall und ich will auch immer noch keine Werbung schalten. Aber so einen kleinen Trinkgeldtopf habe ich jetzt halt rumstehen. Für alle Fälle. *hustet und hält unauffällig die Hand auf*

Und das war’s schon. Das Blog, das du gerade liest, hat jetzt eine neue URL, da müsstest du deine Lesezeichen aktualisieren. Oder du kommst immer über die Homepage rein, sonst fühlt die sich total vernachlässigt. Du wirst das schon machen. Danke für deinen Besuch!

#weltaidstag

Was schön war, Donnerstag, 30. November 2017 – Cool Running

Laut Runtastic war ich am 30. Oktober zum letzten Mal laufen/walken. Ich habe ein paar Tage pausiert, dann war ich erkältet, dann habe ich mich davon erholt, dann war ich wieder erkältet, und auf einmal ist es fast Dezember, es sind es nur noch wenige Grad über Null in München und ich habe nichts anzuziehen. Also zum Walken.

Als ich im Februar mit dem Sport anfing, zog ich das an, was ich halt im Schrank hatte: eine weite Jogginghose, drei Shirts übereinander und mein uraltes Adidas-Hoodie, mit dem ich in Baumärkten einkaufen gehe oder Zeug schleppe, weil das Ding ruhig staubig oder dreckig werden kann. Ich stieg recht zügig auf enge Tights um und stellte fest, dass Funktionskleidung ja wirklich funktioniert und kein Marketinggag ist, um uns daran zu hindern, weiterhin in Baumwollshirts rumzulaufen. Es wurde außerdem schnell wärmer, so dass ich nicht mehr in Shirt und Hoodie gehen ging, sondern nur noch im Shirt oder mal mit einer leichten Regenjacke drüber. Aber so richtig kalt war es gefühlt noch nie, als ich draußen war. Jetzt ist es das aber, und dazu ist es auch noch dunkel. Also investierte ich ein bisschen Geld und kaufte mir erstens ein Stirnlämpchen, damit ich nicht über meine eigenen Füße stolpere, und ging dann wieder bei Nike in der Plus-Size-Ecke einkaufen.

Die anderen Sportartikelfirmen möchten mein Geld anscheinend nicht, denn sie produzieren gerne nur bis Größe 48, wenn überhaupt, und das ist zu klein für mich. Die Shops, in denen man sonst als dicke Frau Kleidung kauft, denkt bei Sportkleidung teilweise an weite Baumwollsäcke, formuliert Quatsch wie „Diese gemütliche Mode zum Walking und Wandern …“ und die Models sind dünner als bei Nike. (Rage-Emoji.) Ich hätte aber lieber was Schickes und, Entschuldigung für den Anglizismus, aber: Fierces, wenn ich schon um 6 Uhr morgens durch Kälte und Dunkelheit stapfe, ich Heldin.

Ich habe gestern diese Tights und dieses Oberteil eingeweiht und bin sehr zufrieden damit. Die Tights sitzen gefühlt noch enger als meine normalen, und ich bin mir nicht sicher, ob die es nicht auch getan hätten, aber ich möchte das nicht ausprobieren und dann womöglich frieren. Ich muss mich außerdem an den tieferen Bund gewöhnen; das mag ich an meinen gewohnten Tights sehr, dass ich sie mir quasi bis zu den Achseln hochziehen kann und immer schön warme Nieren habe. (Wenn ich irgendwas von Oma gelernt habe, dann: immer die Nieren warm halten. Und: „Kopf kalt, Füße warm, macht den besten Doktor arm.“ Und: viele Äpfel essen. Danke, Oma.)

Das Oberteil hat total professionell aussehende Daumenöffnungen, und man kann den unteren Teil der Ärmel wie einen Handschuh über die Hand klappen. Das habe ich zum Spaß ausprobiert, das funktioniert auch prima, aber von der Temperatur her habe ich es nicht gebraucht. Zu warmen Händen hat Oma auch nichts gesagt.

Das Oberteil ist außerdem irrwitzig dünn, und ich muss gestehen, ich habe ihm nicht so ganz über den Weg getraut und deswegen noch ein langes T-Shirt aus Baumwolle druntergezogen. Die ersten 20 Sekunden draußen bei zwei Grad waren dann auch eher doof und mein Hirn wimmerte was von „Wenn du jetzt umkehrst, ist deine Bettdecke sogar noch warm!“, aber meine Füße und mein Herz und sogar meine arme, alte Lunge wollten dringend weitermachen. Nebenbei: Mein Asthma wird besser, je regelmäßiger ich mich bewege. Wer hätte es gedacht.

Schon nach 200 Metern war die Kälte quasi weg und auf meiner zweiten Runde – ich laufe vier bis sechs Runden, je nachdem, wieviel Lust und Zeit ich habe – dachte ich, meine Güte, ist das gemütlich warm! Ich ahne, dass das Shirt unter dem Oberteil nicht nötig ist, aber: Das Oberteil sitzt zu locker für meine Nieren. Und wir haben ja gerade gelernt: IMMER DIE NIEREN WARM HALTEN. Also werde ich weiterhin ein Shirt drunterziehen, das ich mir in die weiten Bermudas stopfe, die ich noch über den Tights trage, denn erstere haben Taschen für Handy, Schlüssel, Taschentuch und, man weiß ja nie, Asthmaspray.

Das Lämpchen ist auch super, auch wenn ich beim ersten Einschalten fast einen Herzinfarkt bekommen hätte. Nicht der Helligkeit wegen, davor wurde ich auf Twitter gewarnt, sondern weil in meinem Lichtkegel ein weiterer Walker auftauchte, den ich vorher überhaupt nicht gesehen hatte und der sehr coole Reflektoren auf seiner sonst schwarzen Kleidung trug. Die leuchteten logischerweise auf und ich dachte an Tron und Daft Punk, was eigentlich super ist, aber ich erschreckte mich eben auch.

Auf der sehr spärlich besetzten Runde konnte ich noch weitere lustige Reflektoren sehen. Und obwohl Adidas keine Klamotten in meiner Größe hat, muss ich sie doch dafür bewundern, die drei Streifen schön groß und breit am Unterschenkel in reflektierender Farbe gestaltet zu haben. Prima Branding. Ich weiß gar nicht, ob mein winziger Nike-Swoosh reflektiert, aber er ist eh vorne auf den Tights. Die kleinen Punkte auf dem Rücken des Oberteils wären praktisch, wenn sie leuchteten, aber so irre sichtbar sind die auch nicht, weswegen ich gestern nach dem Laufen ein paar reflektierende Bänder für Handgelenk und Knöchel orderte, denn sonst sieht man mich in meinen schwarzen Klamotten wirklich überhaupt nicht. Das fand ich auch sehr interessant zu beobachten an Läufern, die an mir vorbeizogen: Zunächst sah ich sie schön im Lichtkegel meiner Lampe, dann nur noch die reflektierenden Stellen – und dann wurden sie komplett von der Dunkelheit verschluckt.

Auf den letzten beiden Runden konnte ich die Lampe sogar ausschalten; der Morgen graute so langsam, und die Straßenlaternen warfen genug Licht über die Friedhofsmauer. Für das eigene Sicherheitsgefühl ist das Lämpchen aber super, und es trägt sich auch sehr angenehm. Normalerweise laufe ich mit Basecap, aber die schien mir zu kalt zu sein. Gestern trug ich eine von diesen bequemen Wollmützen, die man sich schön über die Ohren ziehen kann, die ich mal als Werbegeschenk zu einem Pfund Tee bekommen hatte, und darüber die Stirnlampe. Außerdem lief ich gestern nach langer Pause mal wieder anstatt nur zu walken. Das war ein richtig toller Morgen, und ich war noch vor dem Sonnenaufgang unter der Dusche.

Ein fantasierendes Dankeschön …

… an Jakob, der mich mit Fantasyland. How America Went Haywire: A 500-Year History von Kurt Andersen überraschte. Dieser Absatz in der fast hoffnungslosen Rezension in der NYT sorgte dafür, dass ich das Buch lesen wollte:

„Fake news. Post-truth. Alternative facts. For Andersen, these are not momentary perversions but habits baked into our DNA, the ultimate expressions of attitudes “that have made America exceptional for its entire history.” The country’s initial devotion to religious and intellectual freedom, Andersen argues, has over the centuries morphed into a fierce entitlement to custom-made reality. So your right to believe in angels and your neighbor’s right to believe in U.F.O.s and Rachel Dolezal’s right to believe she is black lead naturally to our president’s right to insist that his crowds were bigger.“

Vielleicht ist das der Punkt, mit dem ich so hadere seit der Wahl Trumps. Ich hatte mich immer in Sicherheit gewogen, dass mindestens seit der Aufklärung der Intellekt, die Suche nach der Wahrheit, nach objektiven Fakten, die Oberhand behält über Glauben, krude Theorien und Quatsch. Dass auch die Wissenschaft noch vor nicht allzu langer Zeit behauptete, Frauen seien wegen ihrer Gebärmutter dümmer als Kerle, nahm ich zwar als Warnung, dass auch die Wissenschaft sich gerne von Vorurteilen leiten lässt, dachte aber weiterhin, wir als Menschheit sind auf einem guten Weg, wir wollen alle klüger werden und gemeinsam besser leben.

Ja, naiv, ich weiß.

Mich macht es nervös, dass es anscheinend auch in der Bundesrepublik Menschen gibt, die wirren Facebook-Posts mehr Vertrauen schenken als der Tagesschau oder der Süddeutschen Zeitung. Mich macht es generell nervös, dass viele Menschen geschichtsvergessen sind, Impfungen verteufeln und nicht neben Leuten mit anderer Hautfarbe als ihrer eigenen wohnen möchten. Jeder von uns schleppt ein Päckchen Vorurteile und Ängste mit sich rum, ich auch, natürlich, aber ich versuche wenigstens, mir ihrer bewusst zu sein und gegen sie anzudenken. Andere wählen halt lieber die Nasen, die die wirren Facebook-Posts schreiben, was mich wahnsinnig macht.

Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, dieses Buch zu lesen, fällt mir gerade auf. Vielleicht macht es mich noch wahnsinniger, wir werden sehen. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut. (Echt jetzt!)

Was schön war, Dienstag, 28. November 2017 – After-Work-Konzert

Sätze, die ich schon immer sagen wollte: „Ich kenn die Querflöte.“ Heißt in diesem Fall: Ich kenne die Dame, die bei den Münchner Symphonikern die erste Querflöte spielt, und zwar von unserem guten alten Fußballstammtisch. (Die Dame ist Stuttgart-Fan, aber das lasse ich ihr durchgehen.) Auf jeden Fall fragte eben diese Dame vor ein paar Tagen, ob ich Lust auf ein After-Work-Konzert hätte, es gebe Musik aus den 1920er Jahren und ein paar Geschichten drumherum, und viel kosten täte es auch nicht. Alles gute Argumente. Und so saß ich gestern in charmanter Begleitung (und mit noch drei weiteren Fußballfans) im Technikum und lauschte und guckte und trank Weißwein, den man netterweise mit in den Saal nehmen konnte.

Das erste Stück war dann auch gleich „die Querflöte“, ein bisschen seltsam platziert auf der Empore hinter dem Publikum, aber egal. Syrinx für Flöte solo von Debussy hat mir gut gefallen, auf Spotify scheint es mir etwas schneller gespielt zu sein als das, was ich gestern hörte.

Dann erzählte die Intendantin der Münchner Symphoniker etwas über Debussy und Ravel, von dem das nächste Stück war. Ich habe mir immerhin gemerkt, dass die beiden sich eigentlich mochten, es dann aber doofe Gerüchte gab (FAKE NEWS! SAD!) und die beleidigten Leberwürste danach nie wieder miteinander gesprochen haben. (Jungs.) Die zeitgenössische Kritik fand die Sonate für Violine und Cello eher so meh und sprach von einem Massaker; heute wird es eher als poetisch wahrgenommen. Ich konnte, ehrlich gesagt, beide Meinungen nachvollziehen. Mir gefiel es sehr gut, aber bei dem ganzen Pizzicato und den Wurfbögen im vierten Satz musste ich an Psycho denken und damit eben auch an ein Massaker. (Ich hoffe, der Begriff „Wurfbogen“ stimmt, meine Geigenspielzeit ist über 20 Jahre her.) Wir hörten den ersten Satz, Allegro, und den vierten, Vif.

Das dritte Stück war das Trio für Flöte, Bratsche und Cello op. 40 von Albert Roussel. Von dem Mann hatte ich noch nie gehört, aber das werde ich jetzt nachholen. Auch dieses Stück gefiel mir sehr gut, aber am schönsten für mich war der Gesichtsausdruck der Cellistin, die so wunderbar konzentriert aussah, dass ich mehr schmachtete als zuhörte. Von den Geschichten zwischendurch habe ich mir gemerkt, dass Roussel Lehrer von unter anderem Erik Satie und Edgard Varèse war, der als Pionier der elektronischen Musik gilt.

Die zweite Hälfte des Konzerts fand ich dann nicht mehr ganz so spannend, die drei Stücke klangen für mich eindeutig gefälliger und die Zwischeninfos immer mehr nach „Was sagt denn die Wikipedia zu den 1920er Jahren?“ Wir hörten den Danse von Debussy, bearbeitet von Ravel, das ging anscheinend noch, die Pastorale d’été von Arthur Honegger, bei der sämtliche Sissi-Filme vor meinem inneren Auge durchliefen, und zum Schluss das nicht enden wollende Le bœuf sur le toit von Darius Milhaud. Dabei unterhielt mich immerhin die Bratschistin, die ich schon im Trio im ersten Teil gehört hatte, denn immer wenn das schnelle, gut gelaunte Thema anklang, lächelte sie. Ich weiß nicht, ob da in den Proben was Lustiges passiert ist oder sie sich, wie ich, einfach immer wieder über dieses Thema freute, aber ich fand das sehr nett, ihr beim Lächeln zuzusehen.

Nach dem Konzert gab’s noch ein Bierchen und dann fiel ich sehr musikgesättigt ins Bett. Memo to me: öfter in Konzerte gehen.