Was schön war, Dienstag, 19. Juni 2018 – Schreibtischtag

Von morgens bis abends am eigenen Schreibtisch gesessen. Alles gelesen, was bei mir rumlag, dann in den einschlägigen Katalogen gesucht und gefunden, da was gelesen, zehn Aufsätze runtergeladen, viele Bilder angeguckt.

Mails an Institutionen und Menschen geschrieben, die mir bei der Diss weiterhelfen sollen. Manchmal sofort eine Antwort gekriegt, bisher leider noch nicht das, was ich brauche. Aber immerhin eine Antwort. Macht ja auch nicht jeder.

Eine Verabredung für Donnerstag in Nemberch (Kunstarchivtag, wo-hoo) getroffen. Sehr vorfreudig.

Morgens schönen Cold Brew genossen, über den Tag verteilt Tee. Abends mit F. und seinem besten Freund essen gewesen. Das erste Mal im Georgenhof ein normales Schnitzel geschafft und nicht nur die kleine Portion, weil ich den Tag über außer einem Mittagsbrot nichts gegessen hatte. Danach hätte ich mich gerne einfach unter den Tisch gelegt, habe es aber noch geschafft, eine Stunde Konversation zu machen. Nach Hause geradelt und ins Bett gekugelt.

Nachts das Schnitzel bitter bezahlt, sehr schlecht geschlafen. Das mit dem Essen habe ich anscheinend auch nach fast 50 Jahre nicht so richtig drauf.

The Glorious, Bizarre History of Soccer and Fashion

Der Atlantic über ein Buch, das sich mit Fußballern und was sie so außerhalb des Platzes tragen, beschäftigt.

„Stylistically, Soccer Style is less measured historical analysis than zingy reader’s guide, with more than 200 photos and taxonomical categories for the five variants of soccer style (Good Taste Ambassadors, Label Kings, Psychedelic Ninjas, Hired Assassins, Bohemians and Fauxhemians). Neymar, the Brazilian superstar, is a Psychedelic Ninja, with “his finger-in-the-socket hair, pointy catlike features, and super-skinny sharp-angled physique.” The retired Italian midfielder Andrea Pirlo is a Good Taste Ambassador, having “entered his wine-instead-of-lager, DILFy years.” Doonan resists the urge to judge, stating more than once how much he appreciates how soccer stars and their cash prop up the fashion industry, excesses and all.

That said, he often has shrewd and insightful analysis into the cultural and economic factors that shaped the outlandishness of soccer style. […] It’s no coincidence that Beckham is so intrinsically linked to the confluence of soccer and fashion, Doonan argues: His professional debut in 1992 coincided with both the founding of the Premier League and the democratization of fashion into “a global, throbbing, screeching, Sex and the City, shimmering spectator sport.”“

Breaking Up with James Joyce

Die Autorin Gabrielle Carey macht mit ihrem Lieblingsschriftsteller Schluss. Oder sie versucht es zumindest.

„My son was nine when a professional man in a suit asked: ‘And what does your mother do?’

Without hesitation, he answered: ‘She works for James Joyce.’

Over the years, my son has heard a lot from his mother’s overbearing boss. On the way home from school he heard readings of Ulysses on the car cassette deck, around the kitchen table he heard discussions of Finnegans Wake, and in the lounge room he heard rehearsals for Bloomsday.

So it was absolutely true that his mother has been in the employ of James Joyce for as long as he could remember. The author has determined my daily work of writing and teaching; he has also provided friends, colleagues, lovers, and once, a husband. Even my social life is arranged around Joyce, anchored each month by a meeting of the Wakers, also known as the Wankers, or, as my daughter refers to them, ‘your boring nerd friends.’ (Or, as the Sydney Morning Herald once accused, ‘the most pretentious book club in Sydney’.)

In many ways, Joyce has been my longest long-term relationship.“

(via Arts & Letters Daily, für das ich mir nie genug Zeit nehme.)

Was schön war, Sonntag/Montag, 17./18. Juni 2018 – „Das ist hier die Frage“

Wochenende ist immer schön, auch wenn manche Fußballspiele eher scheiße sind. Ich meinte so zu F. während #GERMEX, dass ich mich so sehr auf die Bundesliga freue: Selbst bei Augschburg, die echt keine Offensivkünstler sind, wäre mehr Zug zum Tor als bei DER MANNSCHAFT. Nebenbei: Ich ahne Böses, weil in den Werbekampagnen DIE MANNSCHAFT so irre hochgejazzt wird. Es erinnert mich fatal an die Niederlage der Frauen-Nationalmannschaft bei der Heim-WM 2011, als die Damen vorher hochgeschrieben wurden à la „Verlieren ist was für Männer“ und dann fies im Viertelfinale in Wolfsburg rausflogen (ich war im Stadion). Aber gut. Is ja nur Fuppes. Und DIE MANNSCHAFT ist mir egaler als ein Verein.

Ansonsten Sonntag Brot gebacken, Queer Eye geguckt und ein paar Seiten im Finnegans Wake gelesen. Dagegen ist Ulysses streberhafte, gut lesbare Mainstreamliteratur. Die Wake ist quasi nur noch Klang, nur noch Wortgebilde, die vermutlich irgendwas von mir wollen, aber ich habe keine Ahnung was. Oder, nee, Moment, ich behaupte, zwischendurch zu glauben, etwas zu verstehen, aber sicher bin ich mir nicht. Völlig egal, das ist ein lustiges Leseerlebnis.

Ich habe noch ein bisschen über Ulysses nachgedacht. Ich glaube, jeder Autor und jede Autorin möchte gelesen und verstanden werden. Beim Ulysses kommt davon aber nicht viel rüber. Dieses Buch ist eine einzige Absage an alle Lesegewohnheiten, die man sich über Jahrzehnte Buchgenuss angeeignet hat. Ich erwarte irgendwas in der Richtung Stoff- und Figurenentwicklung: also eine Exposition, einen Hauptteil, einen Höhepunkt, einen Ausklang. Schön wären Spannungskurven oder Brüche. Die Charaktere sollten irgendwie gekennzeichnet werden und sie sollten eine Geschichte erleben; die muss nicht minutiös ausgekleidet sein, aber so ein Anfang und ein Ende wären nett.

Der Ulysses hat davon fast nichts. Das Interessante ist aber: Wenn man das im Kopf klargekriegt hat, ist das alles total egal. Und ich glaube inzwischen, dass Joyce einfach mal gucken wollte, ob die Leser*innen so schlau sind wie er und was er uns so zumuten kann.

Von der Wake kann ich noch nicht mehr sagen als in den ersten Zeilen dieses Absatzes, aber ich glaube, hier hat Joyce schlicht aufgegeben, dem Leser oder der Leserin zu vermitteln, was so in seinem Kopf vorgeht – oder sich gedacht: Wer den Ulysses erarbeitet hat, kann sich auch noch mehr anstrengen. Beim Ulysses gibt es wenigstens ein wackeliges Gerüst (die Odyssee), es gibt erkennbare Figuren, die halbgar eingeführt werden, und der Rest brummelt sich halt so zusammen. Man kann diesem Buch folgen, auch wenn es deutlich mühsamer ist als bei allen anderen Büchern, die ich bisher las. (Infinite Jest ist ein Schüleraufsatz dagegen gewesen, und Proust total simpel. Laaaaang, aber simpel.) Ich ahne, dass die Wake mich nochmal herausfordern wird, weil sie nicht mal ein wackeliges Gerüst hat. Aber wer weiß, vielleicht schreibe ich in vier Wochen hier genau das Gegenteil. So wie die erste Seite klangen bis jetzt jedenfalls alle. Ich glaube, ich lese gerade irgendwas zwischen der Bibel und Game of Thrones, aber nicht mal dabei bin ich mir sicher.

Gestern alleine zuhause aufgewacht, weil ich die Woche im anständigen Arbeitsrhythmus beginnen wollte, so mit pünktlich aufstehen, nicht mehr ewig Rumkuscheln und spätestens um 9 am Schreibtisch sitzen, wie in der Agentur halt. Statt Arbeit für Geld erledige ich derzeit Arbeit zum Spaß, nämlich an meiner Dissertation. Deswegen musste gestern auch Fußball ausfallen.

Ich habe in den letzten Wochen sehr gemerkt, dass mir die universitären Deadlines fehlen. In jedem Semester kam irgendwann der Punkt, an dem ich meine dicke Stoffsammlung und die viel zu lange Bibliografie loslassen und ein Referat und/oder eine Hausarbeit bzw. Masterarbeit daraus schnitzen musste. Diesen Punkt habe ich jetzt nicht. Ich kann, wenn ich will, zehn Jahre vor mich hinpromovieren, denn ich mache das ja nur noch, weil mir sonst langweilig wird. Daher habe ich mir selbst den Zeitpunkt Ende Juni gesetzt, an dem mich mir selber ein mindestens 20-minütiges Referat halten werde. Ich werde dafür eine Powerpointpräsentation basteln und ein Handout schreiben, so als ob ein total gespanntes Seminar vor mir sitzt, das dringend meine bisherigen Ergebnisse hören möchte. Und damit ich mich nicht selbst davor drücke, weil doch was dazwischen kommt (wie Arbeit für Geld), habe ich meine geschätzte Korrekturleserin gefragt, ob sie mein Publikum sein will. F. kann den Kram nämlich schon mitsprechen, so oft, wie ich ihn damit belästige.

Die Korrekturleserin hat netterweise Ja gesagt, und deswegen saß ich gestern brav um 9 am Schreibtisch und las meine eigene Stoffsammlung durch, der ich seit November stetig was hinzugefügt habe. Dabei habe ich aber so oft meine Richtung geändert, dass ich jetzt erstmal ordnen musste, was ich überhaupt brauche. Eine halbgare Forschungsfrage ergab sich in den letzten Wochen, vor allem beim Besuch der Moritzburg in Halle, und die verfestigte sich in einigen Gesprächen immer mehr zu einer These. Gestern gegen 17 Uhr konnte ich dann erstmals nach acht Monaten Rumdenken von mir behaupten, meine Diss in einem Satz zusammenfassen zu können. Ich hoffe, der Satz trägt. Jedenfalls baue ich jetzt auf ihm das Referat und die bunte Präse auf, und dann werde ich merken, ob er wirklich was taugt. Im Moment bin ich sehr zuversichtlich.

Das hat sich sehr gut angefühlt. Vor allem, weil ich weiß, in wieviele Sackgassen ich bei Protzen gerannt bin und vermutlich auch weiterhin renne. Mit der jetzigen Ausrichtung müsste ich aber trotzdem das sagen können, was seit Monaten in meinem Kopf rumknetet und jetzt endlich zu einer Form geworden ist.

Weizenbrot nach Lutz Geissler

Eigentlich habe ich mit meinem Topfbrot ein okayes Brotrezept zur Hand, das ich meist am Wochenende mache – wenn überhaupt. Denn ich habe gute Bäcker in meiner Nähe, so dass ich doch eher Brot kaufe als es selbst zu backen. Nun liegt aber seit Freitag hier ein Buch von Lutz Geissler, dessen Plötzblog überquillt mit tollen Rezepten, die, soweit ich weiß, auch die ganze Blogwelt schon erfolgreich nachgebacken hat. Ich probierte aus dem Buch einfach mal das erste Rezept, ein schlichtes Weizenbrot, das dem Topfbrot sehr ähnelt, aber ein winziges bisschen mehr Aufwand erfordert. Was soll ich sagen? Es wurde das hübscheste und wohlschmeckendste Brot, das ich je gebacken habe.

Für einen Brotlaib von einem Kilogramm.

390 g Wasser abwiegen (normal temperiertes Leitungswasser, nicht zu kalt, nicht warm).
Davon einen Esslöffel abnehmen und darin
0,5 g Frischhefe auflösen. Im restlichen Wasser
12 g Salz auflösen.

Bei diesem ersten Arbeitsschritt hatte das Buch schon gewonnen. Meine Digitalwaage misst nur gramm-, aber nicht milligrammgenau ab. Im Buch sind aber im Einband kleine Kreise abgebildet, die die jeweilige Hefemenge anzeigen, von 0,1 bis 42 Gramm, also dem Gewicht eines handelsüblichen Hefebröckchens. „Mein“ Kreis hat einen Durchmesser von neun Millimetern, woran ich mich prima orientieren konnte, als ich eine kleine Hefekugel knetete und sie dann in Wasser auflöste.

Das Salzwasser in eine große Schüssel geben. Dazu
600 g Mehl, Type 550, geben. Erst darauf das Hefewasser, das möglichst spät Salz abkriegen sollte.

Beim Topfbrot würde ich die Zutaten nun kurz durchrühren, die Schüssel abdecken und 24 Stunden lang rumstehen lassen. Hier hatte ich ein bisschen mehr zu tun, aber das hat sich sehr gelohnt.

Die Zutaten zu einem Teig verkneten. Also nicht nur durchrühren, sondern schön mit den Händen arbeiten. Am besten nicht gleich das ganze Salzwasser in die Schüssel geben, sondern etwas zurückbehalten, falls der Teig schon feucht genug ist. Bei mir hat alles wunderbar gepasst. Der Teig ist recht flüssig bzw. klebrig, aber schon deutlich als Teig erkennbar und eben keine amorphe Masse. Die Schüssel mit Folie oder einem Deckel abdecken und den Teig mindestens 20 Stunden bei Raumtemperatur reifen lassen.

Nach acht bzw. 16 Stunden ziehen und falten. Oder auch: In den ersten Stunden nach dem Ansetzen kann man das quasi dauernd machen, wenn man an der Schüssel vorbeikommt, danach eher weniger. Da ich Samstag abend irgendwann das Haus verlassen habe und auch nachts nicht unbedingt um 3 Uhr morgens Teig kneten wollte, habe ich den Teig zweimal in den ersten acht Stunden gezogen und gefaltet und dann in Ruhe gelassen. Scheint auch zu funktionieren.

„Ziehen und falten“ bedeutet: Du greifst mit der einen Hand unter den Teig und ziehst vorsichtig einen Teigstrang heraus, den du einfach wieder oben auf den Teig auflegst. Es sieht so aus, als hätte der Teig kurz ein dickes Ärmchen, das oben auf dem Teig mit den anderen Ärmchen abklatscht. Mit der anderen Hand drehst du die Schüssel, bis du einmal um den ganzen Teig gekommen bist. Fertig. Teig wieder abdecken und in Ruhe lassen.

Backtag!

Ich stellte beim Heimkommen interessiert fest: Meine übliche Teigschüssel hatte dieses Mal nicht ausgereicht. Der Teig hatte den Deckel nach oben gedrückt, so schön war er aufgegangen.

Den Teig per Teigkarte oder Teigschaber auf eine gut bemehlte Fläche umsiedeln. Einen runden Laib formen, so gut das bei dem weichen Teig halt geht, und ihn in einen Gärkorb legen. Sowas habe ich immer noch nicht; ich nahm eine große Glasschüssel, die ich mit einem bemehlten Leinentuch auslegte (danke, Mama), und ließ den Teigklops hineingleiten, schön mit dem „Verschluss“ nach unten. Also die glatte Oberfläche nach oben. In dieser abdeckten Schüssel ruht der Teig noch einmal eine Stunde. (Diese Ruhezeit hatte ich dem Topfbrot nie gegeben, ich ahne einen Unterschied.)

Ich habe einen Kochlöffel über die Schüssel gelegt, damit das Tuch nicht auf dem Teig liegt, sondern auf dem Löffel, aber ich habe keine Ahnung, ob das dem Teig nicht total egal ist, wenn ein Leintuch ihn berührt.

Den Ofen mit dem Topf oder Bräter (mit Deckel!), in dem das Brot gebacken werden soll, auf 250 Grad vorheizen. Ich habe meinen schönen 26-Zentimeter-Le-Creuset genommen, und das war eine gute Größe.

Den Laib aus dem Gärkorb in den Topf kippen oder, wie ich es gemacht habe, von der Schüssel auf ein Stück Backpapier umsiedeln und alles gemeinsam in den Topf legen. Im Unterschied zum Topfbrot liegt die „Naht“ nun oben, die glatte Seite des Brotes, die in der Schüssel oben lag, liegt nun unten. Ich ahne, dass das für die wirklich schöne Oberfläche verantwortlich ist, mit der das Brot aus dem Ofen kam; sie sah nicht aufgerissen, sondern strukturiert aus. Wunderschön.

Mein Laib war übrigens eher eine platte Flunder, aber die ging noch richtig schön auf. Den Deckel auf den Topf setzen, den Ofen auf 230 Grad herunterschalten und das Brot für 35 Minuten backen. Dann den Deckel abnehmen und weitere zehn Minuten backen. Eventuell mit Alufolie abdecken, falls es zu dunkel wird; das war bei mir nicht nötig, ich mag eine gewisse Rustikalität.

Mit dem Backpapier aus dem Topf heben und eine Stunde auskühlen lassen. Dabei in den ersten Minuten einem herrlichen Knistern zuhören.

Auch nach dem Auskühlen ist die Kruste etwas widerspenstig und das Brot noch recht weich; aus Erfahrung weiß ich, dass das einen Tag später nicht mehr ganz so ist. Gestern musste ich trotzdem drei dicke Scheiben abschneiden, dünne waren nicht möglich. Die erste verzehrte ich teilweise ohne jeden Belag, weil es einfach so hervorragend schmeckte, die zweite dann mit Butter und Salz, und abends zum Fußball gab’s noch ein Salamibrot.

Das Brot ist zäher als das arme Topfbrot, es hat etwas mehr Widerstand und genau die Konsistenz, die ich zum Beispiel bei Baguette so gerne mag. Also nicht diese fluffige weiße Watte, die man beim Kettenbäcker kriegt, sondern die festeren Stangen. Es ist recht grobporig, was ich sehr mag, in die Löcher passt prima Frischkäse. Das Brot riecht nussig, schmeckt ganz, ganz leicht salzig, aber eher würzig als gesalzen. Auch hier: perfekt, genau meins.

Den Laib werde ich heute vermutlich alleine aufessen, so gut schmeckt er. Gleich mal den nächsten Teig ansetzen.

Was schön war, Samstag, 16. Juni 2018 – Mein erster Bloomsday

Auf diesen Tag hatte ich quasi hingearbeitet: Ich wollte den Ulysses bis zum 15. Juni durchgelesen haben (I did it!), damit ich am 16. stolz den Bloomsday begehen konnte. Nicht in Dublin, aber immerhin mit dem Kauf von Zitronenseife, die ich auch brav in der Hosentasche mit mir herumtrug, wenigstens von der Lush-Filiale bis nach Hause.

Das Praktische an Lush ist ja: Selbst wenn man nicht weiß, wo genau es auf der Sendlinger Straße ist, riecht man es schon hundert Meter entfernt. So ging es mir auch; ich kam von der U-Bahn am Sendlinger Tor, ging in Richtung Asamkirche, und kurz hinter dieser roch ich schon die übliche Duftwolke. Ich habe seit Jahren nicht mehr bei Lush eingekauft, hatte den Geruch aber sofort wieder in der Nase. Eine freundliche Dame zeigte mir ihre beeindruckende Auswahl an Zitronenseifen, ich nahm gleich die erste, die am wenigsten Firlefanz hatte und noch dazu hübsch aussah, gönnte mir noch eine Nachtcreme und ging wieder aus dem Parfumschuppen an die frische Luft.

Wenn ich eh schon in der Nähe der Asamkirche bin, gucke ich natürlich auch rein. Fünf Minuten barockester Barock sind immer drin.

Die üblichen Touris machten ihre Bilder, und als ich mich wieder dem Ausgang zuwandte, kam eine ganze Gruppe hinein, alle schon die Kameras im Anschlag – und größtenteils in Argentinien-Trikots gewandet. Ich flüsterte ein „Good luck for the game today!“ in ihre Richtung, aber ich glaube, das war so außerhalb des kirchlichen oder touristischen Kontextes, dass ich nur lächelndes Starren zurückbekam. Wenn ich mein Finnbogason-Trikot angehabt hätte, wäre das vielleicht verständlicher gewesen. (Für die fußballfreie Zone: Gestern spielte Argentinien gegen Island in der WM. Der Herr Finnbogason spielt für Island, aber auch für Augschburg, und ich habe ein FCA-Trikot mit seinem Namen drauf.)


Sehen Sie die Figuren unten rechts? Diese Kirche ist so irre.

Nach der Kirche ging ich wieder in Richtung Sendlinger Tor, als ich mich an eine Twitter-Reply vom German Abendbrot erinnerte, die ich bekam, als ich vom neu entdeckten Nilgiri-Tee schwärmte. Sie fragte, ob ich den vom Teahouse an der Sendlinger kenne. Kannte ich noch nicht – aber seit gestern schon, denn ich ließ mir einfach mal 100 Gramm abwiegen und kochte zuhause eine schöne Kanne. Er kam mir deutlich zitroniger vor als der Nilgiri vom Dallmayr, was gut zu meiner Hosentasche passte.

Vor der Teekanne kamen aber noch der Supermarkt und der Buchladen dran. Im Buchladen holte ich meine zwei neuen Joyce-Bücher ab, und ich fand es sehr schön, dass sie genau am Bloomsday für mich bereitlagen. Ich hatte sie erst Freitag bestellt und mich auf Montag eingerichtet.

Danach ging ich zum Supermarkt und erstand ein Pfund Mehl sowie frische Hefe; das neue Brotbackbuch lockte. Eigentlich wollte ich mich sofort an Baguettebrötchen und Fladenbrot machen, aber ich dachte, fängste doch mal schlau mit dem ersten Rezept im Buch an, dem Grundrezept, das danach in 100 Variationen abgefiedelt wird. Die Unterschiede zum Topfbrot beschreibe ich vermutlich ein epischer Breite, wenn das Brot fertig ist; noch ist es ein Teig in meiner Küche, den ich direkt nach Veröffentlichung dieses Blogbeitrags in einen Laib verwandeln werde. Schauen Sie auch morgen wieder vorbei!

Mit frischem Tee, der Zeitung und zwei neuen Büchern lungerte ich dann des Rest des Tages auf dem Sofa herum und schaute ein Fußballspiel nach dem anderen. Zunächst mühte sich Frankreich sehr ab, was mir noch wurscht war, denn ich wartete natürlich auf #ARGISL, brav im Trikot, wie sich’s gehört. Dort durfte ich auch sehr laut jubeln, denn ALFREDFINNBOGASON (hier Stadionlautstärke in der Stimme vorstellen) schoss das erste WM-Tor für Island in dessen Fußballgeschichte. Das Spiel endete 1:1 unentschieden, was quasi ein Sieg war.

Ja, F. und ich DMen manchmal auf Englisch. Und der Mann weiß, dass es nicht „don’t“ heißt. Und ich weiß seit gestern, dass die Wikinger keine Hörner hatten.

Auf Peru gegen Dänemark verzichtete ich größtenteils, weil ich endlich die ersten Folgen der neuen Staffel Queer Eye gucken wollte. Ich war sofort wieder der Puscheligkeit der fünf Herren verfallen und bin begeistert darüber und fasziniert davon, dass es manche TV-Formate schaffen, mich nach fünf Minuten in eine Decke von Heimeligkeit zu wickeln.

Abends schlenderte ich dann über den Alten Nördlichen Friedhof zu F. und wir schauten Kroatien gegen Nigeria gemeinsam, tranken Wein, knabberten Salzgebäck und quatschten danach noch unter dem Sternenhimmel.

Mein erster Bloomsday war ein wirklich schöner Tag.

Ein äußerst wohliges Dankeschön …

… an Jill, die mich mit Lutz Geisslers Brot backen in Perfektion mit Hefe überraschte. Sein Plötzblog kenne ich natürlich, habe aber noch nie was nachgebacken. Mein uraltes Topfbrot-Rezept reichte mir eigentlich, aber nachdem ich gestern das Buch durchblätterte – das im Prinzip voller Topfbrot-Rezepte steckt –, werde ich mich wohl mal an Baguette trauen und Fladenbrot und ähnliche herrliche Wunderdinge.

Ich freue mich jetzt schon auf das Gefühl, Hefeteig unter den Fingern zu haben. Darüber hatte ich vor kurzem mit Lektorgirl gesprochen, als sie mich auf diese seltsamen Videos hinwies, wo Damen in Slime mit Plastik drin rumkneten. (Ich bin seit Tagen süchtig nach Damen, die Seifenwürfelchen auf Plastik fallen lassen.) Mir fiel im Gespräch als erste Assoziation von Dingen, die ich gerne unter den Händen habe, nach menschlicher Haut Hefeteig ein. Diese glatte und gleichzeitig weiche Spannung der Oberfläche fasziniert mich jedesmal.

Die Widmung zum Buch fand ich übrigens auch sehr schön: „Wenn du damit durch bist, an Kaffee herumzuoptimieren, magst du vielleicht wieder Brot backen? No pressure :-)“ Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut. *geht Mehl kaufen*

Tagebuch, Donnerstag, 14. Juni 2018 – Ruhetag

Alle Texte erledigt, die noch in der Pipeline waren, alle Rechnungen geschrieben. Unter einem kleinen Ulysses-Kater gelitten („Und was mach ich jetzt?“). Croissants und Brezn über den Tag verteilt, keine Lust auf Kochen gehabt. Mich nachträglich über den schönen Dienstagabend mit F. gefreut, an dem wir endlich mal wieder länger für uns Zeit hatten; backfischige DMs geschrieben. Fußball nebenbei laufen lassen, aber irgendwie den Kopf nirgendwo hingekriegt. Nichts richtig gelesen, nicht mal Zeitung, keine Lust auf Serien gehabt, unkonzentriert den Tag rumgebracht. War ein bisschen wie Urlaub, nur ohne irgendwas zu lernen.

Finnegans wachen donnerstags auf

Sehr gelacht über den Satz von Fritz Senn, der sein Studium nie beendete und dessen Joyce-Stiftung in Zürich liegt, wo wöchentlich Lesegruppen stattfinden: „Zürich hat damit vermutlich den höchsten Prozentsatz von Einwohnern, die Ulysses wirklich gelesen haben.“

„JCL | Wie ging es weiter mit Ihrer «Wissenschaftskarriere»?

FS | Eine Folge war, dass ein junger Professor in Amerika, der ein James Joyce Quarterly herausgeben wollte, Verbindung aufnahm, sodass ich von Anfang an auch bei diesem neuen James Joyce Quarterly dabei war. Das führte zu einer Reihe von Publikationen, was besonders Akademiker in Amerika beeindruckt haben musste und wohl zur Annahme ver­leitete, ich – ein Außenseiter – stände mitten im akademischen Betrieb. Im Grunde bin ich immer Amateur geblieben. Der ist nicht an interne Spielregeln gebunden, sondern kann sich unbeschwert auf das ihm Wichtige konzentrieren und Überflüssiges weglassen.

Erst viel später habe ich gemerkt – man kennt ja seine eigenen Motive kaum –, dass ich eigentlich immer die Freude der Leser anregen will. Was mir Spaß gemacht hat, soll auch anderen Spaß bereiten. Dazu kam, dass Zürich – mit Flughafen und mitten in Europa gelegen – eine ideale Joyce-Stadt ist, die von vielen Akademikern besonders aus Amerika besucht wurde. Einmal kam der Herausgeber des James Joyce Quarterly zu Besuch, und wir stellten fest, dass wir beide zur selben Zeit nächstes Jahr um den Bloomsday herum in Dublin sein würden. Und so kamen wir zu später Stunde auf die Idee, eine Tagung in Dublin ins Leben zu rufen – ein Joyce Symposium. Das haben wir großspurig angekündigt, und tatsächlich fanden sich im Juni 1967 über 80 Leute zum ersten Anlass zusammen. Für die Einheimischen in Dublin waren wir bestenfalls Freaks, die großes Aufheben um diesen Joyce machten, der erst viel später massiv vom Tourismus ausgewertet wurde. Uns selber gefiel es so gut, dass wir beschlossen, das Symposium alle zwei Jahre zu wiederholen. So wurde es zur Institution. In diesem Juni wird das 26. Symposium in Antwerpen wiederum etwa 200 bis 300 Forscher, Akademiker und Liebhaberinnen zusammenbringen.“

(Danke an Vera für den Hinweis.)

The Strange Case of the Missing Joyce Scholar

Jack Hitt in der NYT über einen Wissenschaftler, der gerne mit Tauben sprach und sich mit Hans Walter Gabler anlegte. Und dann verarmt starb. Oder nicht? Außerdem im Artikel: eine kurze Versionsgeschichte vom Ulysses.

„Among scholars and Joyce freaks, everyone knew “Ulysses” was an odyssey of errors. Over the decades, there were rumors that some great textual fanatic was about to take on the brute task of cleaning it up. In the 1960s, excitement centered on Jack Dalton’s work, but the task seemed to overwhelm him, and he died in 1981 without producing his edition. By the mid-1980s, European scholars took up the charge, culminating in the announcement of a coming version — “Ulysses: The Corrected Text” — that would set straight 5,000 mistakes and give the world “ ‘Ulysses’ as Joyce wrote it.”

This updated edition was the product of years of fine-tooth-combing through manuscripts and copy-sheets, one letter at a time, all done according to a dense new textual theory that almost no one could understand. The entire project felt authoritative and dour, very German and all consuming, right down to the chief editor’s name, Hans Walter Gabler. Right away, Gabler was challenged by a New World scholar no one had ever heard of, his name right out of some early American morality play — John Kidd. It seemed as if the great watchmaker of the universe had handled the casting: German versus American, Old World versus New, credentialed versus self-taught. The face-off managed to draw an audience far outside academe. Try to imagine this today: For almost a year, textual criticism was happening, and red-hot copies of The New York Review of Books flew off the newsstands.“

(Danke an Vinoroma für den Hinweis.)

Joyce lesen

Die Überschrift ist eine Anspielung auf einen älteren Blogeintrag, den ich schrieb, nachdem ich den letzten Band der Recherche von Proust durchgelesen hatte. Gestern beendete ich Ulysses von Joyce. Ratet, was ich danach geschrieben habe.

Ich versammele mal (fast) alle Blogeinträge zum Buch, die ich seit Anfang diesen Jahres veröffentlicht habe. Wer die alle schon kennt, springt zum Instagram-Bild am Ende vor, danach kommt die große Erkenntnis, die mir vergönnt war.

Am 8. Januar erwähnte ich erstmals, was ich gerade las:

Für Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit habe ich drei Anläufe gebraucht, um über die ersten fünf Seiten hinauszukommen, aber dann habe ich einfach alle dreitausend gelesen. Mal sehen, ob das auch beim Ulysses klappt. Den lese ich nämlich seit gestern, und ich habe bereits zwei Kapitel bezwungen, nachdem ich bei den ersten Versuchen nach zwei Seiten aufgegeben hatte.

F. hat im letzten Jahr mehrere Monate Finnegans Wake vor der Nase gehabt, an das ich mich vermutlich nicht rantrauen werde, aber wir sprachen öfter darüber und über die Züricher James-Joyce-Stiftung, die F. mit einem seiner Freunde schon mehrfach besucht hat. Der Leiter der Stiftung Fritz Senn hat einen guten Tipp fürs Joyce-Lesen, wenn man eingeschüchtert vor dem Wälzer steht und gar nicht weiß, mit welcher Sekundärliteratur man anfangen soll, um die ganzen Anspielungen zu verstehen. Er meint: „Take the short cut. Read the book.“

Genau das habe ich gestern gemacht. Ich selbst besitze den Text der Erstausgabe von 1922, laut meiner Eintragung auf der ersten Buchseite seit 2004. Diese wurde aber von Joyce wieder und wieder überarbeitet – wenn ich dem Vorwort glauben darf, musste man ihm die Druckfahnen quasi aus der Hand reißen, und selbst dann hat er noch darauf rumgemalt, weswegen es diverse Textfassungen gibt. Seit Jahren gilt die Gabler-Edition von 1984 als der Text, der Joyces Vorstellung am nächsten kommt, auch wenn die Ausgabe große Kontroversen hervorrief. Die Editionsgeschichte in der englischen Wikipedia tut so, als wäre die Gabler-Edition Schrott, was, soweit ich weiß, selbst Schrott ist. Aber eigentlich weiß ich über das Thema noch viel zu wenig.

Wie dem auch sei: Ich lese seit gestern die Gabler-Edition von F., die keine Fußnoten hat, gucke aber nach jedem Kapitel in die Endnotes meiner Edition, um im Nachhinein zu verstehen, was ich da gerade gelesen habe. Es macht aber ziemlichen Spaß, sich einfach so in Joyce fallenzulassen, seine Sprache zu genießen, auch wenn ich bei manchen Zeilen nicht weiß, was die schönen Wörter mir sagen wollen. But look how pretty:

„Woodshadows floated silently by through the morning peace from the stairhead seaward where he gazed. Inshore and farther out the mirror of water whitened, spurned by lightshod hurrying feet. White breast of the dim sea. The twining stresses, two by two. A hand plucking the harpstrings, merging their twining chords. Wavewhite wedded words shimmering on the dim tide.“

Oder hier, als Dedalus an seine tote Mutter denkt:

„Folded away in the memory of nature with her toys. Memories beset his brooding brain. Her glass of water from the kitchen tap when she had approached the sacrament. A cored apple, filled with brown sugar, roasting for her at the hob on a dark autumn evening. Her shapely fingernails reddened by the blood of squashed lice from the children’s shirts.“

Oder so Nebenbeisätze, die mich kurz innehalten lassen – wenn Dedalus sich selbst im Spiegel sieht und denkt: „Who chose this face for me?“

Ich freue mich jetzt schon auf den Feierabend, wenn ich das dritte Kapitel beginnen werde.

Am 9. Januar hatte ich bereits drei Kapitel geschafft:

Kurz vor dem Schlafengehen schaffte ich noch das dritte Kapitel von Ulysses, den ich vorgestern begonnen hatte. Ich glaube, die ersten zwei Kapitel hatten mich in falsche Sicherheit gewogen, denn sie waren zwar schwierig, aber irgendwie nachvollziehbar. Aber nach dem dritten dachte ich: „I have no idea what I’ve just read.“ Dass es ein Stream of Consciousness war, hatte ich immerhin kapiert, aber worum es genau ging, konnte ich nur erahnen.

Trotzdem war es eine Freude, den Text zu lesen, was mich die ganze Zeit selbst verwirrte. Bei Sachtexten schimpfe ich sofort los, wenn irgendwas unklar ist, und auch bei literarischen weiß ich gerne, was das Buch von mir will. Hier habe ich keine Ahnung, ich treibe einfach so durch die Worte und gucke, was sie mit mir machen. Mir fiel auf, dass ich genauso auch inzwischen an Kunst herangehe – ich versuche nicht mehr zu verstehen, ich gucke einfach nur und warte, was passiert. Meist lese ich danach schlaue Texte über die Bilder, vor denen ich gerade stand – und genauso wollte ich Ulysses lesen. Als ich aber gestern merkte, dass die Explanatory Notes länger waren als das eigentliche Kapitel, dachte ich mir, ach, Schnickschnack, ich lese einfach das Buch weiter und gucke mal, wo es mich hinwirft. Wie ich vorgestern schon schrieb: „Take the short cut, read the book.“ Den Satz verstand ich erst gestern abend so richtig.

Einen Tag später hatte ich das vierte Kapitel durch:

Abends das vierte Kapitel von Ulysses gelesen. Die Taktik, sich wirklich immer nur ein Kapitel vorzunehmen, klappt ganz gut, ich werde nicht erschlagen von den vielen Fragen, die ich während des Lesens habe, kann aber schon Dinge einordnen, die mir bekannt vorkommen. Außerdem habe ich neben der Oxford-Studienausgabe mit den Endnotes noch ein weiteres Buch bei mir im Regal gefunden, das ich sehr hilfreich finde: The New Bloomsday Book: Guide Through “Ulysses”. Darin wird der Inhalt nacherzählt, aber es werden keine literarischen Anspielungen erklärt oder die vielen fremdsprachigen Einwürfe und Begriffe übersetzt. Diesen Satz aus einer Rezension fand ich sehr schön: „He guides the first-time reader carefully through Joyce’s (famously difficult) novel, but does not challenge the mystery that make[s] Ulysses a joy to read.“ Mit diesen beiden Sekundärliteraturen kann man sich das Buch ziemlich gut erarbeiten. Yay, ich lese Ulysses!

Am 12. Januar steckte ich in Kapitel 5 fest:

Genau wie in Kapitel 4 folgen wir Herrn Bloom bei seinem Weg durch Dublin und kriegen wie aus den Augenwinkeln mit, was er tut, was er sieht und worüber er nachdenkt, gerne flüchtig und in schwer durchschaubaren Halbsätzen. Gestern fiel mir zum ersten Mal auf, dass einige dieser Halbsätze wie Bildbeschreibungen aussehen – und mit denen kann ich rein aus Erfahrung mehr anfangen als mit, ich nenne sie jetzt mal so, literarischen Halbsätzen. Sobald ich anfing, seine Worte nicht mehr als Gedankenstrom und Assoziationsgeklingel anzusehen, sondern als einen Bildeindruck, verstand ich sie gefühlt eher. Ich nahm Cluster war, die ich vorher nicht gesehen hatte, Symboliken, die auf einmal Sinn ergaben.

Ich merke, dass es mir schwerfällt, meine Leseeindrücke in Worte zu fassen. Vielleicht sind meine Gedanken genau die gleichen Assoziationen, die mir gerade beschrieben werden: Bloom blubbert innerlich vor sich hin und ich lege im Geist weitere Dinge an. Das ist ein sehr neues Leseerlebnis, was mir da gerade widerfährt. Es ist deutlich zeitaufwändiger als das meiste, was ich bisher gelesen habe, weil ich mich sehr konzentrieren muss – Ulysses ist kein Buch für die U-Bahn, am gestrigen dreizehnseitigen Kapitel saß ich eine Stunde –, aber es ist sehr lohnend.

Am 19. Januar erwähnte ich nur, dass ich ein weiteres Kapitel hinter mir gelassen hatte, beschrieb das Leseerlebnis aber nicht groß – außer meine Überraschung, dass „Ulysses“ lustig sein kann. Am 21. Januar hatte ich das achte Kapitel beendet und schrieb über meine Assoziationen zu Essen, das in diesem Kapitel eine Rolle spielte. Am 30. Januar war anscheinend eine Erkältung auskuriert und ich konnte wieder lesen:

Der Husten hält sich hartnäckig, aber der Kopf ist wieder klar. Das heißt, ich konnte nach tagelanger Pause endlich im Ulysses weitermachen, für den mein Hirn die ganze letzte Woche gefühlt zu matschig gewesen war. Ich beendete das neunte Kapitel.

In den Kapiteln zuvor folgte ich Bloom und meckerte innerlich rum, dass ich viel lieber Dedalus folgen würde und zack, durfte ich das im neunten Kapitel tun. Schon nach den ersten Seiten fiel mir ein, warum ich lieber über Stephen lesen wollte: Bisher sind die Dedalus-Kapitel die fiesen, bei denen man quasi nichts versteht, aber dafür lesen sie sich für meinen Geschmack viel spannender, eben weil man quasi nichts versteht. Wobei das falsch formuliert ist: Ich lese viel neugieriger, viel aufmerksamer, weil ich stets versuche, doch irgendwas mitzukriegen. Ich kann die Worte erfassen, die mir begegnen, aber sie ergeben keinen für mich bekannten Sinneszusammenhang. Es liest sich wie der irre zweite Wein, den wir im Tantris hatten, es liest sich wie ein Twombly-Gemälde. Man wird irgendwo reingeworfen und muss sehen, wie man mit den Umständen klarkommt. Ich kann verstehen, dass das nicht jedermanns Sache ist, ich habe, wie beschrieben, auch drei Anläufe für dieses Buch gebraucht, aber jetzt sitze ich mitten drin und lasse mich durch die Wortwellen schaukeln.

Außerdem habe ich seit gestern die perfekte Reply auf alles auf Twitter: „I know. Shut up. Blast you. I have reasons.“ (Kapitel 9, Zeile 847, Gabler-Edition.)

Und eine wunderbare Beschreibung des Zustands, wenn man aus der Bibliothek kommt: „Stephen, greeting, then all amort, followed a lubber jester, a wellkempt head, newbarbered, out of the vaulted cell into a shattering daylight of no thought.“ A shattering daylight of no thought. <3 (Kapitel 9, Zeilen 1110–1113, Gabler-Edition.)

Erst am 23. Februar fand sich der nächste Eintrag:

Abends endlich mal wieder ein Kapitel im Ulysses gelesen: Wandering Rocks. Dabei bummeln wir mit diversen Protagonist*innen durch Dublin. Es war das Kapitel, das mir bisher am modernsten vorkam, es fühlte sich an wie eine filmische Montage, die mehrere Handlungsstränge aufmacht und sie am Ende stimmig wieder zusammenführt.

Und nebenbei kam der schöne Satz „Damn good gin that was“ darin vor. Soll nochmal einer sagen, dass Joyce so unverständlich ist.

Und wiederum erst gut einen Monat später der nächste Eintrag, der sich inhaltlich mit dem Buch auseinandersetzte:

Nachmittags lockte dann aber wieder der Ulysses. Im Sirenen-Kapitel saß ich sehr lange fest, weil ich immer nur zwei Seiten geschafft hatte, bevor mir abends die Augen zufielen. […]

Gestern wollte ich dieses Kapitel aber endlich abschließen. Nicht weil es so langweilig ist (haha, langweilig. Der Ulysses und langweilig. Ihr seid ja niedlich), sondern … ähm … ich weiß gar nicht, warum ich es so dringend abschließen wollte. Vielleicht einfach nur, um mich ins nächste Kapitel stürzen zu können, das wieder ganz anders klingt. Wobei mir bisher Sirens am besten gefallen hat, denn es liest sich irre musikalisch. Die nachträglich aufgeschlagene Sekundärliteratur verriet mir, dass Joyce 150 Stücke oder Lieder irgendwie anreißt, aber das war mir alles wurst. Dieses Kapitel klingt durch seine vielen Alliterationen, abgekürzte Wörter, Sätze ohne Kommata, wildes Wortgewusel teilweise so, als ob man es singen könnte, was total toll zu den Sirenen passt. (Ach was?!?)

Nebenbei lernte ich neulich auf Twitter, dass Sirenen nicht sexy sind. Das wusste Joyce mit seiner englischen Übersetzung vermutlich nicht; auch darauf weist jemand im Thread hin. Denn das Kapitel kam mir neben seiner Musikalität sehr sinnlich vor, teilweise schon fast niedlich-platt auf die Zwölf, teilweise verführerisch, tastend, langsam, mal sehen, was geht. Und außerdem fand ich in diesem Kapitel meinen Künstlernamen, falls ich jemals einen brauche. […]

Jedenfalls geht es in diesem Kapitel um zwei Bardamen, Lydia und Mina. Den beiden werden Bronze und Gold zugeordnet, warum, steht bei der Wikipedia, und zum Schluss verkürzt Joyce mal wieder wild, weil er’s halt kann, auch Namen, und dann kommen Sätze dabei heraus wie: „Blind he was she told George Lidwell second I saw. And played so exquisitely, treat to hear. Exquisite contrast, bronzelid, minagold.“

Mina Gold. Super Name. Die Idee hatte allerdings schon jemand. Und eine Mine ist es auch. Aber bis zum Googeln war ich der Meinung, ich hätte einen schönen Künstlernamen gefunden.

Am 2. April war wieder ein Kapitel erledigt:

Wieder ein Kapitel im Ulysses durchschritten. Ich verweise faul auf die Zusammenfassung in der Wikipedia, die ich aber noch ergänzen möchte. Ich empfand den Schreibstil nicht als Slang oder Alltagssprache – im Vergleich zu den anderen Kapiteln las sich dieses fast wie ein normales Buch mit Dialogen, denen man folgen konnte. Diese Gespräche einer Männergruppe im Pub werden unterbrochen von Berichten, die völlig überzogen von verschiedenen Dingen erzählen. Mit „völlig überzogen“ meine ich nicht nur den Tonfall, sondern auch die Beschreibungen. Hier zum Beispiel der Beginn der Beschreibung eines irischen Helden:

„The figure seated on a large boulder at the foot of a round tower was that of a broadshouldered deepchested stronglimbed frankeyed redhaired freely freckled shaggybearded wide-mouthed largenosed longheaded deepvoiced barekneed brawnyhanded hairylegged ruddyfaced sinewyarmed hero.“ (Gabler-Edition, S. 243, Zeile 151–156.)

Die Herren unterhalten sich über Hinrichtungen. Auch hier wird wieder ein Bericht eingeschoben. Er erwähnt unter anderem die anwesenden Zeugen, bei deren Fantasiennamen man heute wegen ihres Alltagsrassismus latent zusammenzuckt. Ich muss gestehen, ich habe bei den deutschsprachigen aber doch lachen müssen. (Den Bindestrich habe ich eingefügt, weil der Name mir sonst ernsthaft das Layout zerschossen hätte.)

„The viceregal houseparty which included many wellknown ladies was chaperoned by Their Excellencies to the most favourable positions on the grand stand while the picturesque foreign delegation known as the Friends of the Emerald Isle was accommodated on a tribune directly opposite. The delegation, present in full force, consisted of Commendatore Bacibaci Beninobenone (the semi-paralysed doyen of the party who had to be assisted to his seat by the aid of a powerful steam crane), Monsieur Pierrepaul Petitépatant, the Grandjoker Vladinmire Pokethankertscheff, the Archjoker Leopold Rudolph von Schwanzenbad-Hodenthaler, Countess Marha Virdga Kisászony Putrápesthi, Hiram Y. Bomboost, Count Athanatos Karamelopulos. Ali Baba Backsheesh Rahat Lokum Effendi, Señor Hidalgo Caballero Don Pecadillo y Palabras y Paternoster de la Malora de la Malaria, Hokopoko Harakiri, Hi Hung Chang, Olaf Kobberkeddelsen, Mynheer Trik van Trumps, Pan Poleaxe Paddyrisky, Goosepond Prhklstr Kratchinabritchisitch, Herr Hurhausdirektorprasident Hans Chuechli-Steuerli, Nationalgymnasiummuseumsanatoriumandsuspensoriumsordinary-privatdocentgeneralhistoryspecialprofessordoctor Kriegfried Ueberallgemein. All the delegates without exception expressed themselves in the strongest possible heterogeneous terms concerning the nameless barbarity which they had been called upon to witness.“ (Gabler-Edition, S. 252, Zeilen 552–571.)

Was im Wikipedia-Eintrag ein bisschen zu kurz kommt: Es geht nicht nur um Antisemitismus. Auch Schwarze, Engländer und Frauen kommen nicht besonders gut weg in diesem Kapitel. Wobei ich fast bei allen Büchern aus dieser Zeit bei den Frauenbeschreibungen die Augen rolle, aber da muss ich wohl weiterhin durch. Wie oben angesprochen, las sich dieses Kapitel im Vergleich recht einfach. Aber da will mich Joyce nur in Sicherheit wiegen, denn das übernächste wird eine schöne Herausforderung, wenn ich der Wikipedia und F. glauben darf.

Auf der Rückfahrt von Hamburg am 23. April las ich teilweise augenrollend, aber größtenteils fasziniert „Nausica“ (das Kapitel vor dem eben angesprochenen „Oxen of the Sun“):

[D]ann las ich ein weiteres Kapitel im Ulysses und musste wiederholt die Augen rollen bei den Beschreibungen der Damenwelt. Wenn es irgendeinen Grund gibt, warum ich die Bücher des literarischen Kanons (also den von weißen Kerlen aufgestellten) allmählich ignoriere, dann den, weil es so irrsinnig anstrengend ist, den male gaze, den ich schon in der Kunstgeschichte dauernd sehe, auch noch lesen zu müssen. Hier entspannt sich Bloom gerade, nachdem er sich befriedigt hat und schaut der hinkenden Frau nach, die sich von ihm dafür hat anschauen lassen:

„Mr Bloom watched her as she limped away. Poor girl! That’s why she’s left on the shelf and the others did a sprint. Thought something was wrong by the cut of her jib. Jilted beauty. A defect is ten times worse in a woman. But makes them polite. Glad I didn’t know it when she was on show. Hot little devil all The same. Wouldn’t mind. Curiosity like a nun or a negress or a girl with glasses. That squinty one is delicate. Near her monthlies, I expect, makes them feel ticklish. I have such a bad headache today. Where did I put the letter? Yes, all right. All kinds of crazy longings. Licking pennies. Girl in Tranquilla convent that nun told me liked to smell rock oil. Virgins go mad in the end I suppose. Sister? How many women in Dublin have it today? Martha, she. Something in the air. That’s the moon. But then why don’t all women menstruate at the same time with same moon, I mean? Depends on the time they were born, I suppose. Or all start scratch then get out of step. Sometimes Molly and Milly together. Anyhow I got the best of that. Damned glad I didn’t do it in the bath this morning over her silly I will punish you letter. Made up for that tramdriver this morning. That gouger M’Coy stopping me to say nothing. And his wife engagement in the country valise, voice like a pickaxe. Thankful for small mercies. Cheap too. Yours for the asking. Because they want it themselves. Their natural craving. Shoals of them every evening poured out of offices. Reserve better. Don’t want it they throw it at you. Catch em alive, O. Pity they can’t see themselves. A dream of wellfilled hose.“

(Kapitel 13, Zeilen 772–793, Gabler-Edition.)

EYEROLL!

„Oxen of the Sun“ erwähnte ich sehr kurz am 10. Mai:

Wieder ein Kapitel im Ulysses in Angriff genommen. Nicht ganz fertig geworden, mich aber wieder gefreut, Ulysses zu lesen. Ich wusste, dass sich in diesem Kapitel der Sprachstil ändert und hatte mir vorgenommen, darauf zu achten, wann und wie er das tut, also ob sich das am Inhalt direkt festmachen lässt, wann das Englische vom Altenglisch zu einem etwas moderneren wird. Trotzdem habe ich diesen einen Satz, diesen einen Zeitpunkt nie mitbekommen, weil ich so mit dem Inhalt beschäftigt war. Mir ist nur irgendwann mittendrin aufgefallen, dass es sich auf einmal anders liest. Joyce, der alte DJ! Schön übergeblendet! (Oder wie immer das bei DJs heißt, wenn ein Stück ins nächste übergeht, ohne dass man es mitbekommt.)

Und am 24. Mai war ich dann im längsten Kapitel des Buchs: „Ich bin endlich im Circe-Kapitel angekommen, dem Everest des ganzen Buchs, und ich ahne, dass ich darin ein bisschen versacken werde.“ Am 27. Mai bloggte ich darüber:

Ansonsten widmete ich mich dem riesigen Circe-Kapitel im Ulysses, das ich allerdings nicht durchbekam; irgendwie geriet mir ein Schläfchen dazwischen. Mein Plan ist es, das Buch bis zum 15. Juni durchgelesen zu haben, denn am 16. ist bekanntlich Bloomsday, und den könnte ich dann in diesem Jahr erstmals mitfeiern. Zumindest im Geist, nach Dublin fahren werde ich dazu nicht. Aber ich könnte eine schöne Zitronenseife kaufen.

Vorher muss ich aber noch ein bisschen lesen. Circe ist in Form eines Theaterstücks geschrieben. Die Regieanweisungen sind genauso surreal wie die theoretisch gesprochenen Texte, und was mir in diesem Kapitel zum ersten Mal im Buch passierte, ist, dass sich das Gefühl beim Lesen dauernd ändert. Klar gibt es auch in den anderen Kapiteln Spannungsbögen – oder eben nicht –, aber gestern stellte ich quasi alle fünf Minuten fest, dass ich mich anders fühlte als eben noch.

Es gibt Stellen, bei denen ich keine Ahnung habe, worum es gerade geht, aber auch das kenne ich schon, und ich glaube inzwischen, das muss so sein. Ich lasse mich von den Worten und Beschreibungen mittragen, ohne dass ich weiß, was sie von mir wollen; es ist ein bisschen wie Touristin in einem fremden Land zu sein, dessen Sprache man nicht spricht. Man wird zu irgendeiner Feier eingeladen, es gibt Dinge zu essen und zu trinken, die man nicht kennt, und man macht halt mit und es ist irgendwie okay. Wenige Seiten später merkte ich, dass ich traurig war und nicht einmal sagen konnte, warum eigentlich. Bloom muss sich verteidigen, er stottert Wortbrocken vor sich hin, beschreibt die Beerdigung, von der er kommt, bis sogar der Leichnam persönlich seine Aussage bestätigt. Wieder einige Seiten später scheint Bloom erst zum Bürgermeister Dublins zu werden und dann gottähnlich, es folgen Beschreibungen von üppigen Festivitäten mit riesigen Aufbauten und Menschenmengen, und ich wurde ehrfürchtig (und mochte die Beschreibungen gern).

„BLOOM My beloved subjects, a new era is about to dawn. I, Bloom, tell you verily it is even now at hand. Yea, on the word of a Bloom, ye shall ere long enter into the golden city which is to be, the new Bloomusalem in the Nova Hibernia of the future.

(Thirtytwo workmen wearing rosettes, from all the counties of Ireland, under the guidance of Derwan the builder construct the new Bloomusalem. It is a colossal edifice, with crystal roof built in the shape of a huge pork kidney, containing forty thousand rooms. In the course of its extension several buildings and monuments are demolished. Government offices are temporarily transferred to railway sheds. Numerous houses are razed to the ground. The inhabitants are lodged in barrels and boxes, all marked in red with the letters: L. B. Several paupers fall from a ladder. A part of the walls of Dublin, crowded with loyal sightseers, collapses.)

THE SIGHTSEERS (Dying) Morituri te salutant. (They die.)“

(Gabler-Edition, Kapitel 15, Zeilen 1541–1557)

Ein paar Seiten später musste ich sehr über die neuen Musen dieser neuen Zeit lachen:

„Bloom explains to those near him his schemes for social regeneration. All agree with him. The keeper of the Kildare Street Museum appears, dragging a lorry on which are the shaking statues of several naked goddesses, Venus Callipyge, Venus Pandemos Venus Metempsychosis, and plaster figures, also naked, representing the new nine muses, Commerce, Operatic Music, Amor Publicity, Manufacture, liberty of Speech, Plural Voting, Gastronomy, Private Hygiene, Seaside Concert Entertainments, Painless Obstetrics and Astronomy for the People.“ (1702–1710)

Dann wird Bloom plötzlich zu einer Frau und gebiert Kinder und ich las vermutlich mit offenem Mund und simpler Begeisterung.

„DR DIXON (Reads a bill of health) Professor Bloom is a finished example of the new womanly man. His moral nature is simple and lovable. Many have found him a dear man, a dear person. He is a rather quaint fellow on the whole, coy though not feeble-minded in the medical sense. He has written a really beautiful letter, a poem in itself, to the court missionary of the Reformed Priests’ Protection Society which clears up everything. He is practically a total abstainer and I can affirm that he sleeps on a straw litter and eats the most Spartan food, cold dried grocer’s peas. He wears a hairshirt winter and summer and scourges himself every Saturday. He was, I understand, at one time a firstclass misdemeanant in Glencree reformatory. Another report states that he was a very posthumous child. I appeal for clemency in the name of the most sacred word our vocal organs have ever been called upon to speak. He is about to have a baby.

(General commotion and compassion. Women faint. A wealthy American makes a street collection for Bloom. Gold and silver coins, bank cheques, banknotes, jewels, treasury bonds, maturing bills of exchange, I.O.U.s, wedding rings’ watch-chains, lockets, necklaces and bracelets are rapidly collected.)

BLOOM O, I so want to be a mother.

MRS THORNTON (In nursetender’s gown) Embrace me tight, dear. You’ll be soon over it. Tight, dear.

(Bloom embraces her tightly and bears eight male yellow and white children. They appear on a redcarpeted staircase adorned with expensive plants. All are handsome, with valuable metallic faces, wellmade, respectably dressed and wellconducted, speaking five modern languages fluently and interested in various arts and sciences. Each has his name printed in legible letters on his shirtfront: Nasodoro, Goldfinger, Chrysostomos, Maindorée, Silversmile, Silberselber, Vifargent, Panargros. They are immediately appointed to positions of high public trust in several different countries as managing directors of banks, traffic managers of railways, chairmen of limited liability companies, vice chairmen of hotel syndicates.)“ (1798–1832)

Dann sind wir wieder im Bordell, wo das ganze Kapitel spielt, die anwesenden Damen und ihre körperlichen Vorzüge werden beschrieben, was mich genervt hat, aber immerhin ist Stephen wieder da, dem ich so gerne folge. Und dann singt eine Motte ein Lied, das mich rührte, warum auch immer:

„I’m a tiny tiny thing
Ever flying in the spring
Round and round a ringaring.
Long ago I was a king,
Now I do this kind of thing
On the wing, on the wing!
Bing!“ (2469–2475)

„Long ago I was a king / Now I do this kind of thing“ fand ich sehr schön und gleichzeitig sehr traurig. (Ja, es ist eine Motte, schon gut. Trotzdem.)

Ich beendete das Kapitel bei circa Zeile 2700; auf mich warten noch ungefähr 2300. Die Drogen, die Joyce bei diesem Kapitel eingenommen hat, will ich auch.

Am 10. Juni war das drittletzte Kapitel erledigt:

Gestern durchschritt ich das drittletzte Kapitel vom Ulysses, das mir wie eine Pastiche (oder sogar Parodie) auf Proust, Dickens, Melville und die anderen Herren mit den langen Texten und den vielen Adjektiven vorkam. Das war mit Abstand das un-ulysseischste Kapitel im Buch, weil es sich so normal angefühlt hat. Und so sehr ich bei allen anderen Kapiteln zwar davon fasziniert war, dass ich Dinge lese und nicht weiß warum, weil ich nicht weiß, was das alles soll, aber gleichzeitig ein bisschen verlassen auf hoher See war, weil ich eben nicht wusste, wo es hingeht, so war ich hier auf einmal im sicheren Hafen total gelangweilt. Hier kenne ich ja alles! Werd bitte wieder irre, du seltsamstes Buch aller Zeiten!

Vergangenen Montag dann das vorletzte:

[D]ann nahm ich mir das vorletzte Kapitel im Ulysses vor: Ithaca.

Die Wikipedia behauptet, „Die Handlung wird – mühsam und umständlich – in Form von pseudo-wissenschaftlichen Fragen und Antworten erzählt“, was ich überhaupt nicht so empfunden habe. Frage und Antwort, ja, oder auch gerne mal eine Anweisung: „Compile the budget for 16 June 1904“, worauf eine Liste mit Dingen und Preisen folgt, aber dass das „mühsam und umständlich“ gewesen sein soll, fand ich überhaupt nicht. Ich habe das Kapitel mit großem Genuss gelesen und hätte davon auch gerne noch weitere 50 Seiten gehabt, gerade weil ich es so spannend fand, dass das relativ strenge Format – Frage und Antwort – nie langweilig wurde, ganz im Gegenteil.

Das lag natürlich auch an den Fragen. Manche erforderten eine kurze Antwort, andere brauchten eine Seite. Zum Beispiel, als Bloom sich in der Küche die Hände waschen möchte, bevor er sich und Stephen einen Kakao zubereitet. Die total logische Frage, die uns allen auf der Seele brennt, lautet:

„What in water did Bloom, waterlover, drawer of water, watercarrier returning to the range, admire?“

Und die Antwort, nach der ich das Buch mal eben umarmen und F. eine schwärmische DM schicken musste, weil ich so verliebt in den Text war:

„Its universality: its democratic equality and constancy to its nature in seeking its own level: its vastness in the ocean of Mercator’s projection: its umplumbed profundity in the Sundam trench of the Pacific exceeding 8,000 fathoms: the restlessness of its waves and surface particles visiting in turn all points of its seaboard: the independence of its units: the variability of states of sea: its hydrostatic quiescence in calm: its hydrokinetic turgidity in neap and spring tides: its subsidence after devastation: its sterility in the circumpolar icecaps, arctic and antarctic: its climatic and commercial significance: its preponderance of 3 to 1 over the dry land of the globe: its indisputable hegemony extending in square leagues over all the region below the subequatorial tropic of Capricorn: the multisecular stability of its primeval basin: its luteofulvous bed: Its capacity to dissolve and hold in solution all soluble substances including billions of tons of the most precious metals: its slow erosions of peninsulas and downwardtending promontories: its alluvial deposits: its weight and volume and density: its imperturbability in lagoons and highland tarns: its gradation of colours in the torrid and temperate and frigid zones: its vehicular ramifications in continental lakecontained streams and confluent oceanflowing rivers with their tributaries and transoceanic currents: gulfstream, north and south equatorial courses: its violence in seaquakes, waterspouts, artesian wells, eruptions, torrents, eddies, freshets, spates, groundswells, watersheds, waterpartings, geysers, cataracts, whirlpools, maelstroms, inundations, deluges, cloudbursts: its vast circumterrestrial ahorizontal curve: its secrecy in springs, and latent humidity, revealed by rhabdomantic or hygrometric instruments and exemplified by the hole in the wall at Ashtown gate, saturation of air, distillation of dew: the simplicity of its composition, two constituent parts of hydrogen with one constituent part of oxygen: its healing virtues: its buoyancy in the waters of the Dead Sea: its persevering penetrativeness in runnels, gullies, inadequate dams, leaks on shipboard: its properties for cleansing, quenching thirst and fire, nourishing vegetation: its infallibility as paradigm and paragon: its metamorphoses as vapour, mist, cloud, rain, sleet, snow, hail: its strength in rigid hydrants: its variety of forms in loughs and bays and gulfs and bights and guts and lagoons and atolls and archipelagos and sounds and fjords and minches and tidal estuaries and arms of sea: its solidity in glaciers, icebergs, icefloes: its docility in working hydraulic millwheels, turbines, dynamos, electric power stations, bleachworks, tanneries, scutchmills: its utility in canals, rivers, if navigable, floating and graving docks: its potentiality derivable from harnessed tides or watercourses falling from level to level: its submarine fauna and flora (anacoustic, photophobe) numerically, if not literally, the inhabitants of the globe: its ubiquity as constituting 90% of the human body: the noxiousness of its effluvia in lacustrine marshes, pestilential fens, faded flowerwater, stagnant pools in the waning moon.“

(Zeilen 185–228, Gabler-Edition)

HACH! He, Wallace, THIS is water.

Zwischendurch war ich wie immer im Buch verzückt von schönen Formulierungen, die bei längerem Nachdenken keinen Sinn ergeben, aber schön klingen („with winedark hair“, Zeile 785) oder die schön klingen und viel zu viel Sinn ergeben wie „the ecstasy of catastrophe“, Zeile 786, oder:

„What events might nullify these calculations? [die Altersberechnung von Stephen und Bloom]

The cessation of existence of both or either, the inauguration of a new era or calendar, the annihilation of the world and consequent extermination of the human species, inevitable but impredictable.“ (462–465)

oder

„Alone, what did Bloom feel?

The cold of interstellar space, thousands of degrees below freezing point or the absolute zero of Fahrenheit, Centigrade or Réaumur: the incipient intimations of proximate dawn.“ (1242–1244)

[…]

Jetzt muss ich aber los, Penelope wartet.

Penelope las ich vorgestern und gestern durch und damit den Rest des Buchs. 644 Seiten in gut fünf Monaten ist vermutlich nicht irre schnell, aber man kann Ulysses anscheinend auch mit größeren Pausen darin lesen. Vielleicht sind sie sogar nötig.

Goodbye, „Ulysses“. It‘s been quite a journey. ❤️

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Mir ist beim nachträglichen Sammeln der Blogeinträge einiges aufgefallen. Zum Beispiel, dass ich bereits relativ früh aufgehört habe, die Fußnoten zu lesen, die in meiner Oxford-Ausgabe drin sind und die ich anfangs parallel zur Gabler-Edition las. Ich merkte aber schnell, dass ich gar nicht jedes fremdsprachige Wort und jede Anspielung verstehen musste, um das Buch zu genießen. Genauso ging es mir mit der Sekundärliteratur. Während ich anfangs nach jedem Kapitel im Bloomsday Book nachlas, ob ich das eben Gelesene auch richtig verstanden hatte, merkte ich hier ungefähr in der Mitte des Buchs, dass es völlig egal ist, ob man irgendwas versteht.

Das war vermutlich für mich das größte Aha-Erlebnis dieses Werks: Es geht gar nicht darum, es zu verstehen. Genauso wenig wie man abstrakte Kunst verstehen muss oder zeitgenössische Musik. Man kann natürlich die viele Literatur zum Ulysses nebenbei lesen, man kann versuchen, das Gilbert-Schema wiederzufinden (ich habe das komplett ignoriert), man kann sich an jedes Wort und jede Szene klammern. Man kann sich aber auch einfach dem Roman überlassen und die völlige Distanzlosigkeit zwischen Verfasser und Leserin erleben.

Meiner Meinung nach geht es schlicht darum, die Schönheit und Vielfalt der englischen Sprache zu würdigen, zu genießen, sie zu bewundern oder sich auch von ihren Möglichkeiten einschüchtern zu lassen. Jedes Kapitel ist in einem anderen Stil verfasst, weswegen sich das Buch auch nach 500 Seiten noch so anfühlt, als hätte man gerade erst damit angefangen. Manche Kapitel gefielen mir besser, andere las ich eher pflichtschuldig durch, aber bei denen, die ich mit Begeisterung las, ging es mir wie bei Proust: Mir war bewusst, dass ich etwas Außergewöhnliches lese. Warum, ist egal. Ob ich alles kapiere, auch egal. Ich darf an etwas teilnehmen, was vielleicht nicht jeder vergönnt ist. Ich hatte die Zeit und die Muße und, ja vielleicht auch die innere Einstellung, mich in dieses Buch und seine Kapriolen fallen zu lassen.

Zu dieser Einstellung schrieb F. vor ein paar Tagen etwas sehr Gutes, das ich mal zusammenfasse:

„Seit dem Lachenmann-Konzert am Freitag habe ich über etwas nachgedacht. Der Herr neben mir zog während des Schlußapplauses mit seiner Frau empört von dannen und konstatierte, es sei eine Zumutung gewesen. Abgesehen von der Frage, warum er überhaupt da war (vermutlich Ehrenkarte). / Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß jegliche Infragestellung unserer kulturellen Gewohnheiten (sei es Musik, Theater oder bildende Kunst) zunächst eine Zumutung ist, dann aber zur Herausforderung wird, die wiederum Erkenntnis gebiert, was dann am Ende unseren Horizont erweitert. / Ich bin froh, für mich selber an dem Punkt angekommen zu sein, dass ich es gleich als Herausforderung empfinde, in meinen Seh- oder Hörgewohnheiten angegriffen zu werden. Und daß dann in gewisser Regelmäßigkeit auch Erkenntnis folgt. / Glücklich kann sich schätzen, wer in einem oder mehrerer dieser Bereiche so bewandert ist, dass er sowohl Zumutung als auch Herausforderung überspringen kann, und gleich zum Erkenntnisgewinn kommt.“

Zunächst schrieb ich nach dieser Tweetkette diese Sätze in den Blogeintrag: „So bewandert bin ich literarisch nicht, dass der Ulysses für mich eine Erkenntnis bereitgehalten hat – außer dass ich jetzt noch mehr Joyce lesen möchte, hey!“ Ein paar Stunden später fiel mir aber auf, dass ich eine irre große Erkenntnis gewinnen konnte, die mir aber nicht sofort eingefallen war, weil sie mit meinem Handwerk und meiner Einschätzung meiner eigenen Fähigkeiten zu tun hat, die ich beide gerne abtue, was sehr doof ist. Also, Erkenntnis, Achtung: was Sprache alles kann. Was sie kann, wenn man sie lässt bzw. wenn man jemanden hat, der*die weiß, wie er*sie mit ihr arbeitet. Und was man selber kann, wenn man sich lässt und nicht dauernd hinterfragt, ob das jetzt Sinn ergibt oder was nützt. (!) Erkenntnisausrufezeichen! Bloom gilt als der Allerweltsmann, und wir lesen lauter Allerweltsdinge in einer Allerweltsstadt. Genau deshalb, denke ich, kann der Ulysses auch jede Leserin zu einer anderen Erkenntnis bringen, denn jeder Alltag ist anders. Dein Leben ist anders als meins, und deswegen liest du dieses Buch auch anders.

Nochmal zurück zur Tweetkette: Ja, Ulysses war mehrere Anläufe lang eine Zumutung, der ich mich nicht aussetzen wollte. In diesem Jahr aber ist es anscheinend zu einer Herausforderung geworden, ohne dass ich es darauf angelegt hätte. Wie bei Proust denke ich, dass die Zeit – bzw. ich – einfach dafür reif war, mich von diesem Werk mitnehmen zu lassen und mich ihm völlig auszuliefern.

Ich las mal irgendwo, dass man Ulysses mindestens dreimal liest: das erste Mal, um einfach zu gucken, warum alle so eine Angst vor diesem Buch haben – ist das wirklich so schlimm und unverständlich und anstrengend? (Nein, oft, selten.) Dann das zweite Mal, wo man schon weiß, worum es geht, man kennt die Orte und Personen – jetzt kann man sich den tausend Fußnoten und Anmerkungen hingeben, um das Buch vielleicht doch zu entschlüsseln, wenn man es denn darauf anlegt. Und das dritte Mal liest man zum Spaß: Das Buch hat keine Geheimnisse mehr – aber jetzt ist man gewappnet für alle Ebenen, die man bei den ersten beiden Anläufen noch nicht mitbekommen hat und die man jetzt ganz individuell für sich aufdröselt. Dazu zitiere ich noch mal Fritz Senn:

„Natürlich verdient der Ulysses die ganze intellektuelle Belastung durchaus. Der Roman ist noch lange nicht ausgebeutet: Da ist noch viel zu entdecken. Das Buch eignet sich vorzüglich für gelehrte und geistesgeschichtliche Untersuchungen, ob deren Ergebnisse nun pedantisch, abseitig, lehrreich, abstrakt oder wegweisend sind. Was alles wir über den Ulysses schon gehört haben, trifft meistens auch zu; aber noch viel mehr stimmt das, was vielleicht noch nicht gesagt worden ist und worauf vielleicht, wer weiß, gerade wir bei der unvoreingenommenen Lektüre, wenn’s die gäbe, zuerst stoßen. Trotz der vielen Wegweiser, die hilfreich in alle Richtungen zeigen, weist die Landkarte noch ein paar weiße Flecke auf.“

(Fritz Senn: „Lese-Abenteuer ‚Ulysses‘“, in: Franz Cavigelli (Hrsg.)/Ders.: Nichts gegen Joyce. Aufsätze 1959–1983, Zürich 1983, S. 32–47, hier S. 32.)

Anders ausgedrückt: Ulysses ist, was du daraus machst.

Take the short cut. Read the book.

Ein immer erstaunteres Dankeschön …

… an die gleiche Dame, die mich schon am Wochenende mit fünf (FÜNF) Büchern beglückte und die sich nach meinem ratlosen Eintrag vom Sonntag meldete. Gestern kamen nochmal drei Bücher, dieses Mal von meinem Wunschzettel, und eins steht dazu noch auf dem Lieferschein, der dem Päckchen beilag, denn das erscheint erst am 28. Juni. Kind! Gib nicht so viel Geld für mich aus! So viele Bücher bekomme ich sonst innerhalb eines Jahres von neun verschiedenen Leuten! Aber hey: DANKE!

Die drei Neuzugänge im Regal muss ich euch natürlich vorstellen, denn ich bin sehr gespannt auf sie. Das erste Buch ist Philipp Bloms Der taumelnde Kontinent: Europa 1900–1914. Dessen Nachfolger, Die zerrissenen Jahre: 1918–1938, habe ich sehr gern gelesen und freue mich daher auf die Hinführung.

Dann lag im Päckchen noch Das andere Achtundsechzig: Gesellschaftsgeschichte einer Revolte von Christina von Hodenberg. Das Buch lenkt den Blick unter anderem auch auf die weiblichen Akteure der 68er Umbrüche und befasst sich auch mit dem Generationenkonflikt mit den Eltern der NS-Zeit. Beim Perlentaucher steht mehr.

Außerdem freue ich mich über Peter Geimers Theorien der Fotografie zur Einführung, das uns die Dozentin der Fotografievorlesung ans Herz gelegt hat. Es ist ein schmales Bändchen, scheint aber ein sehr guter Überblick zu sein. Das Inhaltsverzeichnis klingt jedenfalls sehr vielversprechend. Ich habe es dann doch weitaus seltener in diesen Hörsaal geschafft als geplant, aber ich gucke mir immer brav die Powerpoint-Folien an, auf die ich Zugriff habe und merke stets, im Studium doch mehr über die Akteur*innenn der Fotografiegeschichte mitbekommen zu haben als ich dachte. Und das theoretische Rüstzeug hole ich jetzt nach.

Ende Juni erscheint dann von Armisteas Maupin Logical Family: A Memoir. Maupins Tales-of-the-City-Reihe habe ich mehrfach gelesen, was allerdings auch schon 20 Jahre her sein dürfte. Ich bin daher sehr gespannt auf seine Autobiografie, aus der sich die Tales ja teilweise zogen.

Vielen, vielen Dank für die ganzen Päckchen. Ich war offensichtlich verwirrt darüber, habe mich aber sehr gefreut.

Was schön war, Montag, 11. Juni 2018 – „Ithaca“

Bis kurz nach der Mittagszeit getextet; jetzt liefen die Zeilen endlich, die in den letzten Tagen irgendwie störrisch waren und noch nicht so, wie ich sie gerne habe. Fast alles weggearbeitet, was noch in der Pipeline liegt, letzter Text wird hoffentlich heute fertig, und dann habe ich wieder Zeit für die Kunstgeschichte.

Drei Liter Tee getrunken, weil’s lecker war, aber auch, weil es so scheißschwül war, dass nichts anderes ging. Selbst mein Go-to-Getränk – eiskalte Apfelschorle – wollte nicht so recht, zu viel Geblubber. Der Ventilator war im Dauerbetrieb, bis es abends gegen 20 Uhr endlich mal etwas auffrischte. Freue mich jetzt schon auf den Herbst.

Der Rest des Tages gehörte zunächst der FAZ, dann dem Internet, dann Masterchef Australia und einer Folge Suits. Und dann nahm ich mir das vorletzte Kapitel im Ulysses vor: Ithaca.

Die Wikipedia behauptet, „Die Handlung wird – mühsam und umständlich – in Form von pseudo-wissenschaftlichen Fragen und Antworten erzählt“, was ich überhaupt nicht so empfunden habe. Frage und Antwort, ja, oder auch gerne mal eine Anweisung: „Compile the budget for 16 June 1904“, worauf eine Liste mit Dingen und Preisen folgt, aber dass das „mühsam und umständlich“ gewesen sein soll, fand ich überhaupt nicht. Ich habe das Kapitel mit großem Genuss gelesen und hätte davon auch gerne noch weitere 50 Seiten gehabt, gerade weil ich es so spannend fand, dass das relativ strenge Format – Frage und Antwort – nie langweilig wurde, ganz im Gegenteil.

Das lag natürlich auch an den Fragen. Manche erforderten eine kurze Antwort, andere brauchten eine Seite. Zum Beispiel, als Bloom sich in der Küche die Hände waschen möchte, bevor er sich und Stephen einen Kakao zubereitet. Die total logische Frage, die uns allen auf der Seele brennt, lautet:

„What in water did Bloom, waterlover, drawer of water, watercarrier returning to the range, admire?“

Und die Antwort, nach der ich das Buch mal eben umarmen und F. eine schwärmische DM schicken musste, weil ich so verliebt in den Text war:

„Its universality: its democratic equality and constancy to its nature in seeking its own level: its vastness in the ocean of Mercator’s projection: its umplumbed profundity in the Sundam trench of the Pacific exceeding 8,000 fathoms: the restlessness of its waves and surface particles visiting in turn all points of its seaboard: the independence of its units: the variability of states of sea: its hydrostatic quiescence in calm: its hydrokinetic turgidity in neap and spring tides: its subsidence after devastation: its sterility in the circumpolar icecaps, arctic and antarctic: its climatic and commercial significance: its preponderance of 3 to 1 over the dry land of the globe: its indisputable hegemony extending in square leagues over all the region below the subequatorial tropic of Capricorn: the multisecular stability of its primeval basin: its luteofulvous bed: Its capacity to dissolve and hold in solution all soluble substances including billions of tons of the most precious metals: its slow erosions of peninsulas and downwardtending promontories: its alluvial deposits: its weight and volume and density: its imperturbability in lagoons and highland tarns: its gradation of colours in the torrid and temperate and frigid zones: its vehicular ramifications in continental lakecontained streams and confluent oceanflowing rivers with their tributaries and transoceanic currents: gulfstream, north and south equatorial courses: its violence in seaquakes, waterspouts, artesian wells, eruptions, torrents, eddies, freshets, spates, groundswells, watersheds, waterpartings, geysers, cataracts, whirlpools, maelstroms, inundations, deluges, cloudbursts: its vast circumterrestrial ahorizontal curve: its secrecy in springs, and latent humidity, revealed by rhabdomantic or hygrometric instruments and exemplified by the hole in the wall at Ashtown gate, saturation of air, distillation of dew: the simplicity of its composition, two constituent parts of hydrogen with one constituent part of oxygen: its healing virtues: its buoyancy in the waters of the Dead Sea: its persevering penetrativeness in runnels, gullies, inadequate dams, leaks on shipboard: its properties for cleansing, quenching thirst and fire, nourishing vegetation: its infallibility as paradigm and paragon: its metamorphoses as vapour, mist, cloud, rain, sleet, snow, hail: its strength in rigid hydrants: its variety of forms in loughs and bays and gulfs and bights and guts and lagoons and atolls and archipelagos and sounds and fjords and minches and tidal estuaries and arms of sea: its solidity in glaciers, icebergs, icefloes: its docility in working hydraulic millwheels, turbines, dynamos, electric power stations, bleachworks, tanneries, scutchmills: its utility in canals, rivers, if navigable, floating and graving docks: its potentiality derivable from harnessed tides or watercourses falling from level to level: its submarine fauna and flora (anacoustic, photophobe) numerically, if not literally, the inhabitants of the globe: its ubiquity as constituting 90% of the human body: the noxiousness of its effluvia in lacustrine marshes, pestilential fens, faded flowerwater, stagnant pools in the waning moon.“

(Zeilen 185–228, Gabler-Edition)

HACH! He, Wallace, THIS is water.

Zwischendurch war ich wie immer im Buch verzückt von schönen Formulierungen, die bei längerem Nachdenken keinen Sinn ergeben, aber schön klingen („with winedark hair“, Zeile 785) oder die schön klingen und viel zu viel Sinn ergeben wie „the ecstasy of catastrophe“, Zeile 786, oder:

„What events might nullify these calculations? [die Altersberechnung von Stephen und Bloom]

The cessation of existence of both or either, the inauguration of a new era or calendar, the annihilation of the world and consequent extermination of the human species, inevitable but impredictable.“ (462–465)

oder

„Alone, what did Bloom feel?

The cold of interstellar space, thousands of degrees below freezing point or the absolute zero of Fahrenheit, Centigrade or Réaumur: the incipient intimations of proximate dawn.“ (1242–1244)

Außerdem stolperte ich wieder über ein Wort, das ich jahrzehntelang mit mir herumgetragen habe, weil ich es in Nik Kershaws The Riddle hörte und danach nie wieder, bevor ich es 2007 im letzten Harry-Potter-Band wiederfand: scullery. Kerhshaw, Rowling, Joyce. Eine illustre Runde. Bitte schickt mir eine Nachricht, wenn ihr irgendwo in einem Buch das Wort scullery lest, ich behaupte, es wird so gut wie nie benutzt.

(Edit: Dass ich schon einige Mails und Tweets bekommen habe, die mich auf unter anderem Robert Frost, Shakespeare, Dorothy Sayers, P. G. Wodehouse, Kazuo Ishiguro, Julian Fellowes oder generell Bücher aus dem 19. Jahrhundert hingewiesen haben, macht mir klar, dass ich mich etwas ungeschickt ausgedrückt habe. Ich war über Harry Potter so erfreut, weil das altmodische Wort in einem neuen Zusammenhang vorkam. Dass die gute alte Waschküche oder die Dame, die in ihr arbeiten musste, in älteren Werken oder in jüngeren, die sich auf eine vergangene Zeit beziehen, vorkommt, hatte ich geahnt. (Dazu zählt natürlich auch Joyce.) Ich nehme aber gerne weitere Hinweise entgegen.)

Jetzt muss ich aber los, Penelope wartet.

Was schön war, Donnerstag bis Sonntag, 7. bis 10. Juni 2018 – Drinnen bleiben

Von Donnerstag bis Sonntag musste ich nur zum Einkaufen vor die Tür oder um Dinge aus der Packstation zu holen, was sich meist entspannt verbinden ließ. Ansonsten durfte ich im Heimbüro vor dem Ventilator texten, barfuß und in sehr bequemen Klamotten. Ich hätte zwar noch lieber einfach auf dem Sofa gelegen mit einem nassen Waschlappen im Gesicht, aber das war okay so.

Am Freitag lauschte ich einem Livestream mit Musik von Helmut Lachenmann. Die Übertragung aus dem Herkulessaal in München wird am 19. Juni von BR Klassik nochmal gesendet und ich lege euch die mal ans Herz. Alleine für die niedliche, gefühlt nur dreiminütige Verarsche auf Marschmusik.

Das längere My Melodies hat mich dann noch mehr fasziniert. In der ersten Hälfte war ich ein bisschen traurig, nicht selbst im Saal zu sitzen, aber bei diesem Stück war ich für den Stream sehr dankbar. Von unten aus dem Zuschauerraum hätte ich vermutlich nicht gesehen, wie die Bratschen ihre Bögen teilweise schräg über den Steg geführt haben, um ein sehr seltsames Klangbild zu erzeugen. Die Pauken wurden mit Putzbürsten bearbeitet, die Pianistin hatte diverse Dinge auf den Saiten ihres Flügels stehen, die Hörner und Posaunen pusteten ohne Mundstücke in ihre Instrumente, und überhaupt war ich sehr überrascht davon, wie wenig Lärm ein so großes Orchester erzeugen kann, obwohl alle irgendwie was zu tun haben.

Aus diesem Artikel über die Aussprache des Gendersternchens lernte ich, dass wir im Deutschen einen „stimmlosen glottalen Verschlusslaut“ haben. Bei der Lektüre des Artikels sprach ich diverse Wort zum ersten Mal bewusst laut aus („Ver-ein“) und war mal wieder über meine eigene Muttersprache erstaunt.

Samstag, später Abend. Vom Königsplatz wehte ein bisschen Metalmusique zu mir hinüber, F. schickte das passende Bildmaterial per DM, denn der Mann rockte mal wieder durch die Gegend, ich spielte Candy Crush und gönnte mir einen Whisky.

Mit einer meiner Hamburger Cheerleaderinnen telefoniert und in ein sehr seltsames Kaninchenloch gezogen worden.

„Ich gucke neuerdings total entspannende Videos von Frauen, die Seifenstücke zerschneiden.“

„Haben die Frauen was an? Musst du dafür was zahlen?“

Gestern durchschritt ich das drittletzte Kapitel vom Ulysses, das mir wie eine Pastiche (oder sogar Parodie) auf Proust, Dickens, Melville und die anderen Herren mit den langen Texten und den vielen Adjektiven vorkam. Das war mit Abstand das un-ulysseischste Kapitel im Buch, weil es sich so normal angefühlt hat. Und so sehr ich bei allen anderen Kapiteln zwar davon fasziniert war, dass ich Dinge lese und nicht weiß warum, weil ich nicht weiß, was das alles soll, aber gleichzeitig ein bisschen verlassen auf hoher See war, weil ich eben nicht wusste, wo es hingeht, so war ich hier auf einmal im sicheren Hafen total gelangweilt. Hier kenne ich ja alles! Werd bitte wieder irre, du seltsamstes Buch aller Zeiten!

Links von Sonntag, 10. Juni 2018 – Museen und ihre Besucher*innen

The Price of Shares

Ein längerer Artikel über Museen und ihren Einsatz von Social Media – bzw. den Einsatz der Besucher*innen. Autor Rob Horning beginnt mit einer Beschreibung einer Installation im MoMA, bei der man nicht fotografieren durfte, was ihn irritierte, schließlich dürfen wir alles und überall fotografieren. Bis man die Installation betrat, stand man in einer Schlange, und dort waren alle mit ihren Handy beschäftigt: „Being online goes so well with being on line.“

Erst als er sich in der Installation aufhält, fällt ihm auf, dass sein Handy bzw. sein Bezug darauf ihn etwas gekostet hat: seine aktive Teilnahme an seiner Umgebung:

„Even in a museum I’m always, in some way, connected, networked; my phone negates any effort to lift me to a transcendent plane of aesthetics or push me into a discomfiting social encounter with strangers. Phones promise a range of social experiences, opportunities to chat, flatter, impress, bully, seduce, or ignore other people. They let me calibrate my sense of personal distance, the degree to which I engage with what’s going on, make myself a lurker or a participant. The fact that I couldn’t use it inside the installation did not make me forget about it. In fact, I became even more conscious of it — the supposed enemy of aesthetic focus and bodily presence — and the curious sort of safe space inside the installation where I was forced to be free.“

Horning schlägt in seinem Artikel nicht den üblichen kulturpessimistischen Ton an, dass die bösen Smartphones uns der Welt entfremden. Aber er macht klar, dass sie unser Verhältnis zu unserer Umgebung verändern – und auch unser Verhältnis zu uns selbst und unserem Platz in der Welt.

Ich meckere ja auch gerne darüber, dass man in Museen nicht fotografieren darf, aber nicht weil ich dringend ein Selfie brauche, sondern weil ich gerne teile, was ich erlebe. Wenn ich ein Kunstwerk spannend finde, hoffe ich, dass andere es auch spannend finden. Wenn ich in einer Vorlesung so viele neue tolle Dinge lerne, möchte ich, dass auch andere sie lernen können, und deswegen schreibe ich sie ins Blog. Genau dieser Aspekt des Weitergebens und Vermittelns ist in einigen Museen aber nicht mehr der Hauptaspekt ihres Daseins; Horning benennt im Laufe des Artikels vor allem Newfields in Indianapolis, das mehr eine Bühne für Events sein möchte als ein stiller Ort der Kontemplation. Diese Erosion in der Aufgabe eines Museum begann für ihn mit Social Media. (Wobei amerikanische Museen, soweit ich weiß, unter sehr anderen Vorzeichen operieren als deutsche.)

„The discussion around social media and museums, like the discussion around social media in general, often focuses on the narcissistic compulsion to document ourselves in lieu of paying attention to what’s in front of us. But this critique sets up an untenable separation between our screens and our lives. Our phones not only remove us from our environment, they also allow us to renegotiate our relationship to it — to decide how and with whom we engage. That is, social media has created an expectation that public space is always measured. In the past two decades, museums largely moved from presenting their collections to facilitating relational experiences, and now their attempts to capitalize on the popularity of mobile phones and social media are causing a new shift: from orchestrated physical togetherness to an aloneness together.“

Der Autor geht auch auf eine neue Art von Kunstinstallationen oder Branding im urbanen Raum ein, die von vornherein dazu dienen, instagrambar zu sein; er nennt den Rain Room im LACMA, erwähnt auch Yayoi Kusamas Infinity Mirrors, wobei letztere meiner Meinung nach eher durch die vielen Instagram-Posts erst instagrambar geworden sind und nicht durch ihr Dasein. Er erwähnt aber auch die dreidimensionalen Schriftzüge in touristisch beliebten Städten wie das „I AMsterdam“ vor dem Rijksmuseum, vor dem jede*r ein Foto macht (ich auch).

„Social media and museums, on the surface, do have a lot in common. Both are, after all, fundamentally archives with exhibition spaces. Both share a preoccupation with “authentic content” and “meaningful expression,” to borrow some of Facebook’s language for what it claims to provide its users. But social media and museums go about supplying “authenticity” in necessarily different ways that, when combined, negate each other. What is authentic in social media relies not on provenance but appropriation: using borrowed or staged images to say something about your own identity.

“Traditionally,” Groys writes, “the gaze of the spectator was directed from the outside of the artwork towards its inside.” That is, the spectator was expected to look at art and try to understand it. But the pretense that the spectator is an elite or would-be elite who seeks the requisite training to enjoy the aesthetic experience has been nullified. “The gaze of the contemporary museum visitor,” Groys continues, “is, rather, directed from the inside of the art event towards its outside — towards the possible external surveillance of the event and its documentation process, towards the eventual positioning of this documentation in the media space and in the cultural archives.” That is, visitors now come to think about their own place in the event they have elected to participate in.“

Wie kommen Nicht-Besucher ins Museum?

Es ist ja nicht generell schlecht, dass man sich mehr Besucher*innen ins Haus holen möchte, sei es nun durch außenwirksame Events oder Blockbuster-Ausstellungen. Aber manchen Museen geht es um mehr: Sie wollen schlicht ein Raum ohne Schwellenangst werden. Die Kunsthalle Mannheim hat nach einem großen Umbau zum 1. Juni neueröffnet und versucht, durch digitale Strategien, aber auch durch ihre Architektur und Hängung ein eher bewegliches Museum zu werden.

„Die Kunsthalle Mannheim soll ein Ort für alle sein – besonders für die Menschen, die in Mannheim leben, erklärt Ulrike Lorenz. „Unser Atrium im Museum ist für alle frei zugänglich, ohne Eintritt. Und jeder ist eingeladen, hier her zu kommen, sich im Museum aufzuhalten und auch unser freies WLAN zu nutzen. Das wollen wir auf jeden Fall bewerben, denn für uns ist das die Möglichkeit, dass Menschen einfach überhaupt den ersten Kontakt zu einem Museum haben können.“

Die Museumsdirektorin wünscht sich, dass so auch Nicht-Besucher in Kontakt mit dem Museum kommen und feststellen, dass ein Museumsbesuch auch Spaß machen kann und dass er vielfältiger und spannender ist, als man es sich vielleicht vorher vorgestellt hat. „Ich mag hier den Ausspruch des Schweizer Künstlers Rémy Zaugg, der einmal gesagt hat: In ein Kunstmuseum zu gehen, soll nicht ungewöhnlicher sein, als in einen Autobus zu steigen. Wir wollen diese Art von Alltäglichkeit demonstrieren und auch nachprüfbar machen. Als Kunsthalle Mannheim werden wir den Leuten die Schwellenangst und Bedenken nehmen. Wir wollen zeigen: Es gibt einen solchen Reichtum hier, nehmt ihn euch – er gehört vom Prinzip her euch. Ihr seid die Besitzer dieser Sammlung. Nehmt unsere Angebote an und macht eure eigenen Angebote, wir wollen mit euch ins Gespräch kommen.““

Wolfgang Ullrich hat zu diesem Thema mit der Museumsdirektorin Ulrike Lorenz ein Streitgespräch geführt, es ist hier in Auszügen lesbar.

Ein fragendes Dankeschön …

… an die gleiche Schenkerin oder den gleichen Schenker von vorgestern. In meiner Packstation lag gestern ein weiteres Paket, wieder ohne Absender oder Grußbotschaft, aber immerhin auch wieder mit Lieferschein, so dass ich den Versender wusste sowie eine Kundennummer sehen konnte, nach der ich beim äußerst freundlichen Service fragen konnte. Da die Bücher nicht so ganz auf meiner Leselinie liegen, ahne ich, dass hier vielleicht ein Fehler passiert ist und diese Sendung gar nicht für mich bestimmt war, sondern eher für den oder die Absender*in. Vermutlich war meine Adresse noch im Bestellfeld, und deswegen liegen die drei Bücher jetzt hier. Wenn du der oder die freundliche Schenker*in bist, dann melde dich doch bitte kurz unter mail ät ankegroener Punkt de und nenne mir die Titel, dann schicke ich dir dein Paket weiter. Falls die Bücher wirklich für mich gedacht waren und ich jetzt gerade irre undankbar rüberkomme, dann tut es mir leid. Es sieht nur wirklich so aus, als wäre da ein Fehler passiert, und da ich leider nicht weiß, wer du bist – und Thalia es mir natürlich nicht sagen darf –, versuche ich es halt übers Blog.

(Wenn die zwei Kunstgeschichtsbücher auch nicht für mich waren, sag Bescheid. Noch habe ich nicht darin rumgemalt.)

Ein doppeltes Dankeschön …

an eine unbekannte Spenderin oder einen unbekannten Spender, die oder der mich gleich mit zwei Büchern überrraschte, die nicht auf meinem Wunschzettel standen.

Das erste Buch ist ein schmales Überblicksbändchen von Hilja Droste und Ines Lauffer, Kleine Kunstgeschichte Deutschlands. Es beschränkt sich nicht auf Malerei, sondern schaut auch auf Skulptur und Architektur, sofern es auf 200 Seiten überhaupt möglich ist, 1200 Jahre anzuschauen. Ich finde es natürlich spannend zu sehen, wie man auf so wenig Platz die Zeit zwischen 1933 und 1945 erwähnt; hier gibt es immerhin zwei Seiten zur neoklassizistischen NS-Architektur, der Schwabinger Kunstfund wird erwähnt, und die Aktion „Entartete Kunst“ bekommt einen einzigen Satz. Hm. Naja. Das ist ein sehr persönliches Interesse, schon klar. Trotzdem. Ich bin mir nicht sicher, ob die generelle Idee hinter dem Buch eine gute ist, vor allem, weil die Autorinnen selbst schon im Vorwort sagen, dass es kaum eine „deutsche“ Kunstgeschichte sein kann, wenn man bei den Karolingern anfängt, die sich vermutlich noch recht undeutsch gefühlt haben. Aber als allererster Überblick ist das Büchlein gut; mir hat auch der Schreibstil gefallen. Und Italia und Germania ist unter anderem auf dem Titel abgebildet, und da ich das Bild sehr mag, gibt’s noch einen Sympathiepunkt.

Das zweite Buch, Stephen Farthings Kunst. Die ganze Geschichte, macht schon mit dem Titel ein noch größeres Fass auf. Darüber habe ich zuerst sehr gegrinst, dann das Buch aber doch interessiert durchgeblättert. Farthing beginnt mit Höhlenmalereien und der, wie er es in Anführungsstrichen nennt, „Land Art“ der Nazca-Linien. „Land Art“ wird in der Kunstgeschichte eigentlich erst für Performances oder Skulpturen ab den 1960er- und 1970er Jahren verwendet – ich fand seine Idee aber recht clever, denn was sind diese Linien sonst?

Sein dickes erstes Kapitel heißt „Urgeschichte bis ins 15. Jahrhundert“ und beschränkt sich nicht nur auf die üblichen Verdächtigen Ägypten, Griechenland, Rom, sondern ergänzt diese Reiche um westafrikanische, buddhistische und frühe islamische Kunst. Auf eine ähnliche Idee ist Altmeister Ernst Gombrich in seinem Standardwerk Die Geschichte der Kunst auch schon gekommen, aber er verweist eben noch auf den gelernten Kanon – wobei er immerhin einen kurzen Blick auf China und Japan wirft, aber ich glaube, Afrika kommt bei ihm überhaupt nicht vor. Was ich noch überhaupt nicht kannte, aber jetzt dank Farthing schon: präkolumbianische Kunst wie diesen olmekischen Kolossalkopf.

Im Kapitel über das 17. bis 18. Jahrhundert spricht er eben nicht nur über den Barock oder das Goldene Zeitalter der Niederlande, sondern auch über die Rajputen-Malerei (nie gehört) oder die Volkskunst Ozeaniens. Das macht Farthing also eindeutig besser als Gombrich, was die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Kunststilen weltweit angeht, aber generell bleibt er, sofern ich das nach dem gestrigen Überfliegen beurteilen kann, eher an der Oberfläche. Die gezeigten bzw. erläuterten Werke des westlichen Kanons sind die, die in jedem Überblickswerk drin sind, da gibt’s also keine Überraschungen. Das Buch ist mir manchmal auch ein bisschen zu besserwisserisch; ich habe mir unter anderem die Arnolfini-Hochzeit und natürlich die Kreuzabnahme von van der Weyden durchgelesen, und da wird mir manchmal ein bisschen dick aufgetragen anstatt wie bei Gombrich mitreißend beschrieben. Aber auch das ist Geschmackssache.

Immerhin hatte ich nach dem kompletten Durchblättern das Gefühl, im Studium wirklich alles Wesentliche (der westlichen Kunst) mitbekommen zu haben; das war auch mal ganz nett, das so vorgeführt zu bekommen. Daher: Vielen Dank für das Geschenk, von wem es auch immer kommen mag – ich habe mich sehr gefreut.

„Alles klappt“ (Uraufführung), 6. Juni 2018

F. und ich hatten bei einem Konzertbesuch festgestellt, dass wir öfter zeitgenössische Musik hören möchten. Daher schauten wir schon vor längerer Zeit ins Biennale-Programm und entschieden uns für eine Uraufführung eines kurzen Musiktheaterstücks von Ondřej Adámek, „Alles klappt“, im Marstall des Residenztheaters. Der Ankündigungstext sprach von Archivalien, die durch die Archivar*innen plötzlich zu sprechen beginnen, wenn ich mich richtig erinnere (ich finde ihn nicht mehr online), aber um welche Archivstücke aus welcher Zeit es sich handelte, stand dort meiner Meinung nach nicht.

Das erfuhren wir erst Mittwochabend vor Ort aus dem Programm und mir wurde ein bisschen mulmig: Der Komponist verarbeitete unter anderem Stücke aus seinem Familiennachlass, genauer gesagt, Postkarten aus Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau. Dem Programm beigelegt waren eine undatierte Karte aus Theresienstadt und zwei aus Auschwitz, letztere von Januar und April 1944, auf denen eine Mutter an ihren Sohn in Prag schrieb. Auf diesen befindet sich auch der Stempel mit dem Hinweis, dass eine „Rückantwort nur auf Postkarten in deutscher Sprache über die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ zu geschehen habe. Eine Karte ist erkennbar in Charlottenburg abgestempelt worden, bei der anderen fehlen Briefmarke und Stempel.

Das Stück begann damit, dass der Komponist und Dirigent mit einem Metalldetektor den Bühnenboden absuchte, aber nichts fand. Danach traten nacheinander sechs Sänger*innen und zwei Percussionist*innen auf; einige schoben hölzerne Kisten, andere Schlaginstrumente, die nach und nach von den Musiker*innen bearbeitet wurden. Der Sprechgesang der sechs begann mit – ich hoffe, ich erinnere mich halbwegs korrekt – Beschreibungen von Werterhaltung und Wertzuwachs. Es wurden Möbelstücke und ihre Anzahl aufgezählt, wobei der Sprechgesang stets rhythmisch blieb. Mir fiel erst nach gefühlt zehn Minuten auf, dass der Rhythmus mich an Eisenbahnen und ihr Rollen über Schwellen erinnerte. Es wurde von Menschen auf Transporten gesprochen, immer mehr Instrumente kamen auf die Bühne, Text und Bühnengestaltung ergänzten sich hier sehr intuitiv. Es wurde voller und enger auf der Spielfläche und die gesprochen-gesungenen Zahlen immer höher.

Die sechs Archivar*innen nahmen Gegenstände aus den Holzkisten und wickelten sie in durchsichtige Folie ein, während im Hintergrund Luftpumpen, Blasebälge und eine Sprühdose bearbeitet wurden, mit der man per Druckluft Computerkeyboards reinigen kann. Für mich waren das alles Anspielungen darauf, dass viele der Menschen auf den Transporten keine Luft bekamen – und ein Hinweis auf ihr gewaltsames Ersticken in den Gaskammern.

Die Nennung von Möbelstücken und Orten, aus denen sie kamen, erinnerte mich an die Listen, die ich aus Auktionskatalogen kannte, wo eben nicht nur Bilder und Wertgegenstände der deportierten oder vertriebenen Menschen versteigert wurden, sondern auch Tische, Stühle, Blumenvasen und Kleidung. Die Gegenstände, die unter anderem aus den Kisten geholt wurden, waren einmal, wenn ich das richtig erkannt habe, ein Radio (das jüdische Bürger*innen seit 1939 nicht mehr besitzen durften) und ein Koffer (bei dem ich sofort die Sammlung von Koffern in Auschwitz vor Augen hatte).

Dann trat aber eine Archivarin an eine Kiste und holte eine Brille hervor (auch bei ihr musste ich an die Sammlung in Auschwitz denken). Sie packte sie allerdings nicht in Folie ein, sondern setzte sie auf – und die Besitzerin der Brille sang nun durch sie. Sie sang sinngemäß oder teilweise wortwörtlich die Texte, die wir vorher auf den Postkarten schon hatten lesen können: „Wir sind alle gesund. Seid ihr? Alle danken wir herzlichst für die Postpakete, kamen in Ordnung an. […] Dürfen nur selten schreiben, seid daher unbesorgt, wenn wenig Berichte. Haben uns gut eingewöhnt. Wohne in großem Zimmer gemeinschaftlich. In Gedanken stets bei euch. Wir sehen einander täglich in freier Zeit, arbeiten fleißig.“ (undatierte Karte aus Theresienstadt)

Ein anderer Archivar nahm nun ein Gemälde aus einer Kiste und sang auf tschechisch. Es gab deutsche und englische Übertitel, für die ich recht dankbar war, denn der Klang setzte sich aus Percussion und mehrstimmigem Gesang, der meist eher eine geräuschvolle Wortproduktion war, zusammen. F. meinte nach dem Stück, er habe sehr auf die Percussionist*innen geachtet, während ich die irgendwann völlig vergaß, weil ich so mit den Worten beschäftigt war. Ich versuchte bei jedem Satz zu ergründen, woher er wohl stammte: von einem Reichsgesetzblatt oder der letzten Postkarte, die ein Häftling aus einem Konzentrationslager schrieb? Das war alles andere als ein entspannter Theaterabend, aber ich war gleichzeitig fasziniert, verstört, begeistert und traurig und klatschte danach auch sehr lange.

Aber soweit waren wir noch nicht. Nach dem Gemälde, bei dem ich wirklich kurz davor war zu heulen, weil es so nah an dem ist, was ich tagtäglich mache und bei dem ich immer noch hadere, ob ich meine Kraft nicht lieber für Provenienzforschung einsetzten sollte anstatt einem anscheinend eher unbedeutenden, systemkonformen Maler der NS-Zeit nachzuspüren, kamen Gegenstände, über die ich erst nachdenken musste. Eine Archivarin entnahm der Kiste eine Pflanze, ein Archivar eine Peitsche. Bei der Pflanze dachte ich mir, dass sie vielleicht auf den Stellen wächst, an denen früher Lagerbaracken standen, bei der Peitsche dachte ich daran, dass viele Häftlinge gezwungen wurden, sich gegen ihre Mithäftlinge zu stellen. Die vorletzte Archivarin nahm eine große Flasche Kölnisch Wasser und übergoss sich damit, was ich einerseits mit Reinwaschen und andererseits mit Erinnerungen wegwaschen verband – und was den Weg ebnete für den letzten Archivar.

Dieser trug einen grauen Anzug, dessen Jackett er ablegte, bevor er die letzte Kiste öffnete. In ihr befand sich schwere, schwarze Erde, die er nun mühevoll mit beiden Händen und ausgebreiteten Armen auf dem Bühnenboden verteilte. Dann nahm er seinen Kolleg*innen ihre jeweiligen Gegenstände ab und vergrub sie, während alle weiterhin Postkartentexte, Vorschriften oder Sätze über Werterhalt und Besitz sprachsangen. Für mich war das Ablegen des Jacketts ein Bezug auf die vielen Deutschen, die nach 1945 ihre Uniformen vergruben oder verbrannten, die Orden vernichteten und ihre Identität neu aufstellten – oder auf Schreibtischtäter wie Eichmann in grauen Anzügen, die sich eben nicht die Hände schmutzig machten, aber natürlich genau die gleiche Verantwortung trugen.

Schließlich war alles vergraben, der Archivar verdreckt und verschwitzt, die anderen sangen „Schreibt bald“, wobei aus dem ersten Wortteil ein lautes SCHREI- wurde, bevor daran noch ein leistes -bt gesetzt wurde. Die Percussion wurde immer lauter und lauter – und dann war es still. Ich dachte noch, nee, das ist ein doofes Ende, als ein neuer Sprechgesang begann. Den Text konnte ich zunächst nicht zuordnen, er ging ungefähr so: „Ich vermisse meine Gegenstände. Ich wollte nur ein stilles Leben mit meinen Gegenständen.“ Und ich dachte, das ist ja ein noch blöderes Ende, wieso reden wir jetzt über Dinge, wo wir eben so zutiefst menschliche Texte gehört hatten? Bis mir auffiel, dass eben diese Dinge das einzige sind, was noch von ihren Besitzer*innen übrig ist. Ein Koffer. Ein Bild. Eine Brille. Und wir Historiker*innen suchen mit Metalldetektoren oder Archivfindmitteln nach diesen Dingen und nach irgendjemandem, dem wir Schmuck oder Bilder oder Bücher in die Hand drücken können, als ob damit irgendwas wieder gut werden würde.

Gestern, nachdem ich alles ein bisschen hatte sacken lassen können, gab ich den Namen der Absenderin der Postkarten in die Datenbank für die Opfer der Shoah in Yad Vashem ein. Ich hatte sinnloserweise die winzige Hoffnung, dass die Schreiberin den Holocaust überlebt haben könnte. Hat sie nicht. Malvine Pokorny, geboren am 3. Mai 1873, wurde am 15. Dezember 1943 von Theresienstadt nach Auschwitz transportiert, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt verstarb. Ihre Postkarte vom 15. April 1944 an ihren Sohn Alfred lautete:

„Geliebter Sohn,
bin gesund. Karte 26.1. 16.3 erhalten, sehr erfreut. Alles in bester Ordnung nach meiner [?] und Eurerem Wunsche. Innigste Grüße allerseits. In größter Dankschuld und Liebe
Mutter.“

Das Stück ist heute und morgen noch im Marstall um 20 Uhr zu sehen, am Sonntag um 17 Uhr. Am 14. Juli wird die Aufführung, die wir gesehen haben und die aufgezeichnet wurde, bei BR Klassik um 20.05 Uhr zu sehen sein. Ich werde euch definitiv daran erinnern.

Was schön war, Mittwoch, 6. Juni 2018 – Rakel

Mittwoch ist Eichhörnchenvorlesungstag. In der letzten Sitzung, die ich zu faul war zu verbloggen, sprachen wir über die „Handschrift“ von Künstler*innen – also ihre visuellen Eigenarten, der bestimmte Pinselstrich oder ähnliches; van Gogh drängt sich hier geradezu als Beispiel auf. Jahrhundertelang war eben diese Handschrift vernachlässigt worden – ich schrieb bereits darüber, dass das geistige Konzept hinter einem Werk als wichtiger angesehen wurde als dessen Ausführung. In der Akademiemalerei im Frankreich des 19. Jahrhunderts erreichte diese Idee seinen Höhepunkt, indem per Blaireautage, der Nachbearbeitung mit dem Dachshaarpinsel, jede vorherige Pinselschraffur geglättet oder ganz getilgt wurde, so dass keine Spur mehr davon zu sehen war, dass dieses Kunst-Werk ein Hand-Werk war.

Interessanterweise sorgte auch die Fotografie dafür, dass diese Haltung überdacht wurde. 1856 fotografierte das Studio Mayer & Pierson in Paris den Comte Cavour. 1862 verfremdete ein anderes Fotostudio diese Aufnahme, woraufhin Mayer & Pierson die erste Copyrightklage der Fotografiegeschichte einreichten. (Auf gemalte Werke gab es seit 1793 ein Copyright.) Daraufhin wurde erstmal diskutiert, ob die Fotografie überhaupt eine Kunst sei, denn ein Fotograf sei praktisch nur ein operateur einer Maschine. Trotzdem kam man nicht ganz darum herum, sich auch über das Konzept, die geistige Idee hinter einem Werk zu unterhalten, die hier offensichtlich kopiert wurde, auch wenn es in diesem Fall noch nicht zu einer Verurteilung wegen Copyrightsbruch reichte.

Wir begannen die letzte Sitzung mit dem Hinweis von Meyer Shapiro, der in den 1960er Jahren, wenn ich mich richtig erinnere, etwas überspitzt meinte, Kunst, auch bzw. gerade die abstrakte, sei zutiefst human, denn Gemälde und Skulpturen seien die letzten wirklich handgemachten Gegenstände der Moderne. Gestern sprachen wir dann über Gerhard Richter und seine Rakel, mit der er quasi jede eigene Handschrift negiert und nur (?) sein Werkzeug Spuren hinterlassen lässt.

Der Dozent verwies hierbei natürlich auch auf den Film Gerhard Richter Painting, aus dem wir viele Stills zu sehen bekamen, in dem er, soweit ich mich erinnere, fast dauernd mit der Rakel in der Hand an seinen Bilder vorbeischreitet, sie gerne noch ein bisschen hängen lässt und dann wieder an ihnen arbeitet. Ganz eventuell bezieht sich dieser hübsche Cartoon von 2013 darauf; der Film kam 2012 in die US-amerikanischen Kinos.

Der Dozent meinte, dass sich die Kunstgeschichte bisher noch nicht mit der Rakel Richters auseinandergesetzt habe und trug uns daher seinen eigenen Katalogbeitrag vor, der demnächst zu einer Richter-Ausstellung im Museum Barberini erscheinen wird. Den Katalog empfehle ich euch einfach mal, denn das war eine äußerst spannende Sitzung, auch wenn ich Richters Spätwerk immer noch etwas misstrauisch gegenüberstehe.

Für mich interessant: die Rakel, wie der Duden sie nennt, wird in vielen deutschen Publikationen zu dem Rakel, warum auch immer (hier bitte die üblichen geistigen Abrisse zu Männer = Kunst, Frauen = Frauenkunst einfügen). Im Englischen wird aus diesem Werkzeug gerne squeegee anstatt wie vorbildlich in der Wikipedia beim Spracheumschalten doctor blade, wobei letzteres ein Werkzeug aus dem Druckverfahren bezeichnet, ersteres aber das Gummiding zum Fensterputzen. Daher finden sich in der englischen Literatur zu Richters Rakelwerken auch gerne Vergleiche zu Seifenspuren wie nach dem Fensterputzen, generell der Hinweis auf Leinwände als Fenster zu irgendwas oder eben das Versperren desselben durch Farbe. In der deutschen Literatur fehlen diese Assoziationen völlig. (Hier bitte die üblichen geistigen Abrisse zu „Aber Sprache ist doch egal, die formt unser Denken doch nicht und Frauen sind halt mitgemeint“ einfügen.)

Nochmal zur Handschrift: Richter meint selbst zu seinen Rakelwerken, dass er bei ihnen eher etwas entstehen lasse anstatt etwas zu kreieren. Vermutlich ist das genau mein Problem mit den Dingern; anscheinend hänge ich auch noch an dem ollen Renaissancekonzept, dass die Idee hinter einem Werk wichtig ist, und ich habe Probleme mit Werken, die einfach irgendwie da sind. Obwohl ich sie schon gerne anschaue. Ja, auch die Rakeldinger (hier ein winziger Ausschnitt).

Richter selbst nennt sein Werkzeug übrigens Spachtel, jedenfalls in diesem Monsterwerk, indem er sich genau zweimal darauf bezieht, und beide Male sagt er nicht Rakel. Vermutlich bezieht er sich auf Courbet; auch über ihn und seine Palettmesser schrieb ich bereits. Zwei seiner Bilder rekurrieren sogar bewusst auf diesen Maler.

Dann ging es um August Strindberg, von dem ich bisher nicht wusste, dass er auch gemalt hatte. Hat er aber, und angeblich stammt von ihm die Idee der Farbresteverwertung auf Paletten (ich hoffe, ich habe mir das richtig notiert). In der Sitzung über Paletten hatten wir bereits erfahren, dass einige Maler*innen aus den Farbresten auf der Palette noch ein Bild schufen – eben auf der Palette. Strindberg nutzte diese Reste aber nun und malte aus ihnen ein neues Bild; er zwang sich selbst quasi dazu, aus einer vorgegebenen Farbauswahl ein Motiv zu schaffen. Richter machte mit seinen Rakelbildern etwas ähnliches: Nachdem ein Bild fertig war, streifte er die noch farbige Rakel auf bereitliegenden, meist belanglosen Urlaubsfotos ab (Beispiel „Firenze“). Keine Ahnung, ob das ein bewusster Bezug ist oder ein simpler Zufall, aber sowas mag ich. (Dass Richter sich fast von Anfang an mit Fotografie und ihre Verwendung in der Malerei interessierte, dürfte Dauerleser*innen dieses Blogs bekannt sein; in meiner MA-Arbeit bezog ich mich auf frühe Gemälde, für die er per Episkop Fotos auf die Leinwand projizierte und sie nachmalte. Mein übliches Beispiel: Onkel Rudi.)

Wir sprachen auch über andere Bezüge von Künstlern auf Künstler. Richters Rakel waren auch hierfür der Ausgangspunkt, denn der Fotograf Timo Schmidt baut sie nach und fotografiert sie. Ein anderes Werk in diese Richtung wäre Rauschenbergs Erased de Kooning: Hierfür hatte Rauschenberg de Kooning um ein Bild gebeten, das er ausradieren wollte. Nach anfänglichem Zögern überließ de Kooning Rauschenberg ernsthaft ein Bild, das dieser, wie angekündigt, ausradierte. Über 50 Jahre später schuf J. Newton das Werk Not Rauschenberg’s Eraser, eine Plastikbox mit Radiergummis darin.

Richter verarbeitete Palettenreste noch anders. Für seine Serie Ausschnitt fotografierte er winzige Details seiner farbbeschmierten Palette und malte diese Fotos dann übergroß nach. Ein Ausschnitt-Bild trägt den Zusatz Makart. Es bezieht sich auf den Maler Hans Makart, der ebenfalls gerne auf seinen Paletten malte. Der Dozent erzählte die Geschichte von Makarts riesigem Schinken (seine Worte) „Der Einzug Karls V. in Antwerpen“, das ich aus der Hamburger Kunsthalle kenne. Das Ding kostete damals so viel wie ein Viertel des gerade neu errichteten Gebäudes – oder wie der Dozent es ausdrückte: so viel, wie heute ein Richter kostet. Angeblich erhoffte sich die Kunsthalle von dem damals sehr angesagten Maler einen ähnlichen Coup wie der Louvre mit seiner Mona Lisa, die schon damals die Massen anzog. Dummerweise war Makart recht schnell den meisten Leuten egal – so wie übrigens heute auch der Kunsthalle. Das Bild ist zu groß, um es umzuhängen, weshalb es seit dem Umbau vor kurzer Zeit nun fieserweise für die Besucher*innen unsichtbar hinter einer eigens errichteten Gipswand hängt. Von mir aus könnte die Neue Pinakothek das mit den ganzen Pilotys auch so machen. Wobei ich Makarts Falknerin dort gerne anschaue. Und ich vermisse ein bisschen den großformatigen Richter am Aufgang der Pinakothek der Moderne. Wo hängt der eigentlich gerade?