Tagebuch Donnerstag, 18. Oktober 2018 – Schreiben, essen, schreiben, essen, zwischendurch ein bisschen Tee aus Omis schöner alter Teekanne

Die Überschrift sagt alles. Das war mein Tag.

Na gut.

Morgens endlich mal wieder richtig schönen Milchschaum produziert. Ich habe keine Ahnung, was ich mache, ich weiß nicht, an was es liegt, dass es manchmal luftige Plörre und manchmal cremige Perfektion ist, aber mein Ehrgeiz hat auf diesem Gebiet sehr nachgelassen. Es schmeckt immer, und das ist super.

Für Geld getextet. Und wie immer wenn ich das tue, steht eine Kanne Tee neben mir. Beziehungsweise: stand neben mir. Denn jetzt habe ich ja EIN ARBEITSZIMMER (über das ich mal mit meinen Steuerberater reden sollte, wie das schlaue Lektorgirl gestern am Telefon feststellte) und da kann die Teekanne nun schön hinter mir auf dem Sideboard stehen und mein Rechner ist sicherer vor Spritzern. Auch die Teetasse steht schön weit weg. Ich mag das sehr.

Mittags ging ich ein wenig spazieren, um auf dem Rückweg noch einzukaufen. Leider fand ich keine Steinpilze, aber auch mit Champignons schmeckt diese Kleinigkeit hervorragend. Pilze in ordentlich Öl anbraten aka fast frittieren, ein frisches Eigelb dazu, Meersalz, Pfeffer, Petersilie, fertig. (Das Bild zeigt natürlich wieder nur die hübsche Instaportion, gegessen habe ich die doppelte Menge.)

Dann wieder getextet. Tee war irgendwann alle, danach gab’s Wasser, denn auf zwei Kannen hatte ich keine Lust.

Abends eine Runde Carbonara gemacht, Speck musste weg, und mein Kopf will wirklich immer das gleiche essen, wenn Speck im Haus ist: Carbonara. Es ist aber auch zu geil. Dazu mit F. ein Fläschchen französischen Rotwein geleert, bei dem ich mich die ganze Zeit gefragt habe, woher der kam: selbstgekauft? Mitbringsel? Was macht ein französischer Rotwein bei mir, wo ich doch sonst Österreich und Italien leerkaufe?

Tagebuch Mittwoch, 17. Oktober 2018 – Letztes Biergartenbier

Schreibtischtage geben fürs Blog weitaus weniger her als Archiv- oder Bibliothekstage, aber da müssen wir jetzt gemeinsam durch. Also: Normaler Tag, mieser Milchschaum, dafür erstmals so fies getampert, dass die Espressomaschine kaum IRGENDWAS rausgekriegt hat. Schmeckte aber großartig.

Vormittags einen Job beendet, den ich am Vortag begonnen hatte. Also „beendet“ wie in: Ich warte jetzt auf Feedback. Zum Mittagessen gab’s gnadenlos eine Leberkässemmel, denn die kräftigt ja bekanntermaßen, ist gesund und bekömmlich und heilt vermutlich auch Krebs. Ich bin seit der Wahlnacht immer noch angeschlagen, fühle mich matschig, will eigentlich um 16 Uhr ins Bett gehen, gähne stattdessen noch ein paar Stunden vor mich hin, falle um 23 Uhr um und schlafe so fest wie selten bis 7 durch. Ich gebe zu, das Durchschlafen ist toller als das ewige Wachliegen vor und während des Umzugs, aber da war ich gefühlt nie so erschlagen wie jetzt gerade. Anscheinend bin ich zu alt (oder zu memmig) geworden für konzentriertes Arbeiten am Abend bzw. in der Nacht.

Nachmittags einen zweiten Job begonnen, für den ich aber noch ein paar mehr Infos brauche, deswegen ist das eher Vorarbeit („ins Blaue texten“) als ernsthafte Copy. He, beim letzten Satz fiel mir der hübsche Zusammenhang zwischen „in Blaue texten“ und meinem neuen Arbeitszimmer auf. Alles richtig gemacht.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

#fromwhereiwork (Team Det. #mainzelmännchen)

Ein Beitrag geteilt von Anke Gröner (@ankegroener) am

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

#fromwhereiwork (Schreibtischblick nach links.)

Ein Beitrag geteilt von Anke Gröner (@ankegroener) am

Noch schnell ein Käsebrot geschmiert, denn abends war ich mit dem ehemaligen Mitbewohner im Biergarten verabredet auf die vermutlich letzte Maß der Saison. Es wird in München gerade schon um kurz vor halb sieben dunkel, weswegen der Biergarten auch gegen 7 die letzte Runde anklingelte, was sich völlig absurd anfühlte. Mir ging es aber magentechnisch nicht ganz so gut (OMG VIELLEICHT VERTRAGE ICH KEINEN LEBERKÄS MEHR?), weswegen ich schon nach nicht mal einer Radlermaß und gegen halb acht schlappmachte. Wir fuhren in meine Wohnung, die der Herr noch nicht gesehen hatte und ließen den Abend am Küchentisch ausklingen (ich bei Wasser, unfassbar).

Melissa McCarthy Wants to Cheer You Up

Ein wie ich finde gelungenes Porträt von Taffy Brodesser-Akner über die wundervolle Melissa McCarthy. Ich bin immer etwas hin- und hergerissen, wenn man die Stimme der Autorin oder des Autors durchhört, aber hier fand ich es gut zu lesen und sinnvoll für die Story. (Die Kommentare sind sich da nicht so einig.)

„Originally, we were scheduled to go to a rage room, which, I think, is a place where you can beat things to death in a disturbing, passive-aggressive cry for help. Neither of us had ever been to one, but honestly, by the time it was suggested to me, it sounded like the cure of and for the century. I’ll probably never know. The local rage room was open for only 15 minutes on a Thursday, which we all found strange because, considering the state of the world, a rage room should maybe be open around the clock as a public service. (“You need to have them like Starbucks,” McCarthy told me later.)

Her publicist tried, but ultimately the rage room wouldn’t open early, not even for Melissa McCarthy, and she called to tell me that we would be changing to indoor sky diving at the iFly at Universal Studios. “I hope you see the metaphor here,” her publicist said to me. “She’s flying, she’s up high, she’s soaring.” I nodded and dutifully wrote this down. […]

A tall, athletic man who worked for iFly led us to change into purple jumpsuits that were made out of some environment-defiant mixture of nylon and other proprietary materials and forced us to watch an instructional video about all the safety and fun we were going to have. McCarthy was excited. I tried to be, too, but truthfully, I was still kind of bummed. A rage room! I could really find my way through a rage metaphor right now. I asked her why she wanted to do it in the first place. Was she as angry as the rest of us? She said it sounded fun. I asked her how she chose indoor sky diving as a runner-up. Was she ready to jet off and leave this earth and colonize another planet and start over like the rest of us? No, she said. The rage room was closed and this also sounded fun. I blinked.

I sat on deck, watching her take her turn. It had been a long time since I’d participated in an overt magazine stunt whose purpose was to set a scene for the opening paragraph of a story, to crystallize and illuminate a person for the reader and create a metaphor through which to weave a story — it’s just not done anymore. And I didn’t want to waste time flying just because it’s fun when we had a lot to talk about: The way the world has changed comedy, the grave wounds that make somebody go into this weird profession.

I looked from my notebook to the tube to my notebook to the tube, and yeah, I guess she was flying, she was up high, she was soaring. Then I noticed her face beneath her helmet: Her mouth and eyes open as round as her dimples, her face an expression of unmitigated wonder and joy, and there beyond the glass, I noticed for the first time just what a good time she seemed to be having.“

Tagebuch Dienstag, 16. Oktober 2018 – Schreibtischtag

Pünktlich um 7 aufgestanden, geduscht (die Farbdusche! Immer wieder ein Kracher!), auf dem Lieblingsplatz (Sofa am Balkonfenster) den üblichen Morgencappuccino getrunken (mieser Milchschaum), am Schreibtisch gearbeitet, in der Mittagspause einen Burger gegessen, weil arg hungrig, FAZ gelesen (musste noch ein bisschen vom Montag nachholen), den Nachmittag weiter am Schreibtisch verbracht, weswegen ich auch die zweite freiwillige Vorlesung im Semester ausfallen lassen musste (Geld geht jetzt wieder vor Bildung), abends nur noch ein Salamibrot, viel Wasser getrunken, eingeschlafen, sobald ich im Bett lag.

In der FAZ stand am Montag ein langer Artikel, der leider nur gegen Geld im Archiv abrufbar ist. Montags gönnt sich der Laden immer eine ganze Seite für Gastbeiträge, die gerne historische Themen behandeln, weswegen ich mich immer auf die Montagsausgabe freue. Dieses Mal ging es um Veränderungen in der Wirtschaft in der Zeit um 1968, ich zitiere mal den Untertitel des Artikels „Die Ressource Mensch“ von Bernhard Dietz: „Für die Unternehmen war ‚1968‘ eine mediale und politische Provokation. Zunächst reagierten sie mit kämpferischer Rhetorik nach außen, zunehmend aber auch mit Dialogbereitschaft, professionalisierter Öffentlichkeitsarbeit und schließlich mit Absorption von Kritik und Reformbereitschaft.“

Der Artikel beginnt mit der Feststellung, dass „1968“ gerne als Metapher für gesellschaftliche Umbrüche genutzt wird, die sich „im Bereich des Politischen, der Bildung oder in der Sphäre des Privaten“ ereignet haben, während aber die „Wirtschafts- und Arbeitswelt“ kaum beachtet werde. „Wenn aber ‚1968‘ im Kern eine Revolte gegen traditionelle Autorität und Hierarchie war und es letzlich darum ging, individuelle Freiheitsspielräume zu erkämpfen und neue Lebensstile zu erproben, dann liegt es auf der Hand, auch nach den Auswirkungen der Revolte auf die Unternehmen oder – allgemeiner gesagt – auf die westdeutsche Wirtschaft zu fragen. Allgemein gefragt: Mit welchen Strategien gelang es dem westdeutschen Kapitalismus, die Akzeptanz des Ordnungsmodells der ‚Sozialen Marktwirtschaft‘ aufrechtzuerhalten?“

Dietz beschreibt den Quasi-Neubeginn der westdeutschen Wirtschaft nach Kriegsende, deren Entwicklung sich mit der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung deckt – kurze Auseinandersetzung mit den Jahren 1933–45, dann gefälliges Ignorieren bis Verdrängen: „Mussten sich die Unternehmer in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch den Vorwurf gefallen lassen, Handlanger des NS-Systems gewesen zu zu sein, waren sie zu Beginn der 1950er Jahre schon bald unersetzbare Garanten für Prosperität und Stabilität. Geschickt inszenierten sie sich als ‚Kapitäne des Wirtschaftswunders‘, als ‚geborene Unternehmer‘, die dank harter Arbeit und einer gehörigen Spur Genialität den Wiederaufbau nach dem Kreig erfolgreich gesteuert hatten.“

„Zum Ende der 1960er Jahre wichen aber Selbstgewissheit und Zuversicht ersten Zweifeln und schießlich einer wachsenden Unsicherheit. Die Wirtschaftskrise 1966/67 hatte gezeigt, dass das kontinuierliche und ungebremste Wachstum vorbei war.“ Gleichzeitig änderten sich Öffentlichkeit und Berichterstattung über Wirtschaftsthemen. Dietz benennt die Fernsehsendungen Report und Panorama sowie Günter Wallraffs „Industriereportagen“, die 1966 erstmals erschienen. Ab den 1970er Jahren kritisierten auch Wirtschaftsmagazine wie Capital oder das Manager Magazin autoritäre Führungsstile und publizierten „Missmanagement-Geschichten“. Auch die Politik veränderte sich: „‚Wirtschaftsdemokratie‘ war seit dem Antritt der sozialliberalen Regierung unter Willy Brandt im September 1969 offizielles Regierungsprogramm.“

Was mich überraschte: „Die Auseinandersetzung [der Wirtschaft] mit den Kapitalimuskritikern begann auf dem Feld der politischen Sprache. Der theorielastigen Argumentation der Studenten fühlten sich viele Wirtschaftsführer unterlegen.“ Woraufhin das Deutsche Industrie-Institut (seit 1973 Institut der deutschen Wirtschaft) inhaltliche und rhetorische Schulungen begann, damit die alten Kapitäne den Jungen ihren Mao um die Ohren hauen konnten. „Kurse wie ‚Marxismus für Manager‘ befriedigten ein zu Beginn der 1970er Jahre sprunghaft gestiegenes Bildungsbedürfnis in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft.“

Seit den 1970er Jahren änderte sich aber auch der Führungsstil vieler Unternehmen, das mittlere Management bekam mehr Bedeutung, „verhaltensökonomische und motivationspsychologische Ansätze“ hatten Konjunktur. Anders ausgedrückt: Es sollten beim Arbeitnehmer ständig neue Bedürfnisse geweckt werden, damit dieser sich entfalten könne – im für das Unternehmen produktiven Sinn natürlich. Dietz zitert das Buch „Führungspsychologie für Vorgesetzte“ von 1973: „Dabei handelt es sich keineswegs um Zwang oder Manipulation, sondern darum, zu erreichen, dass der Mitarbeiter in seiner Aufgabe aufgeht und sich mit ihr identifiziert.“

Die Frage der Identifikation mit dem Arbeitgeber ist für mich eine sehr spannende, denn genau das werfe ich gerade uns Marketinghanseln gerne vor: Die Agentur stellt hübsche Obstteller und eine teure Espressomaschine auf, veranstaltet üppige Weihnachtsfeiern und wir duzen uns alle auch mit den Chefs, aber dafür wird insgeheim erwartet, 60 Stunden statt der bezahlten 40 zu arbeiten, weil wir ja alle dicke Freunde sind. Nee, sind wir nicht, und deswegen mache ich um 18 Uhr Feierabend. Dietz: „Wer kooperative Führung und ‚Selbsterfüllung‘ als höchstes Ziel der eigenen Management- und Personalpolitik anbieten konnte, brauchte den Vorwurf der ‚Entfremdung‘ der Arbeit [ihr habt alle Marx erkannt, gell?] nicht zu fürchten. Entsprechend ließ sich so auch gegen die Notwendigkeit von gewerkschaftlicher Organisation auf betrieblicher Ebene argumentieren. Gewerkschaften waren in dieser Perspektive dann nur für überbetriebliche Belange in der Tarifpolitik und als Sozialpartner relevant. In Zeiten von immer weiter gehenden Mitbestimmungsforderungen war dies für die Unternehmen eine interessante Perspektive.“

Erst in den 1980er Jahren änderte sich laut Dietz wirklich etwas, die 35-Stunden-Woche kam, genau wie „flexible Lösungen zur Arbeitszeit“, die als „personalpolitische Antwort auf die Bedürfnisse zu mehr Individualitätsentfaltung und Autonomie in der Arbeit“ genutzt wurden. Und damit schließt der Artikel, dessen Schluss ich euch mal komplett abtippe, weil er eine Frage beantwortet, die ich mir beim Lesen auch gestellt habe, Stichwort Selbstausbeutung, Hobby als Beruf und Instagram-Influencer:

„Haben also die 1968er die autoritären Verhältnisse in den deutschen Unternehmen geschleift? Und haben sie darüber hinaus mit ihren Forderungen nach Entfaltung des Individuums und nach Selbstverwirklichung langfristig sogar das sozialkulturelle Fundament für den Neoliberalismus geschaffen? Sine sie gar die unfreiwilligen Ahnherren der zwanzig Jahre alten Influencerin, die heute als ‚unternehmerisches Selbst‘ im Zeichen der Selbstentfaltung schon ihr morgendliches Frühstück über die sozialen Medien vermarktet? Solche in der Soziologie populären Thesen sind anregend, aber entschieden einzuschränken. Empirisch belegbar ist: Die Kapitalismuskritik der 1968er forderte die Unternehmen heraus und sorgte für umfangreiche und vielfältige Investitionen vor allem im Bereich der Führungskräfteausbildung. Aber erst im Zusammenspiel mit medienhistorischen Veränderungen, mit politischem Reformdruck zu mehr ‚Wirtschaftsdemokratie‘ und mit dem Generationenkonflikt in der westdeutschen Wirtschaft kam es zu einem graduellen Verlust des Vertrauens in den westdeutschen Kapitalismus. Die alten Überzeugungs- und Legitimationsstrategien (Elite, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder) kamen um 1970 in eine Krise, und es bedurfte neuer Leitbilder, die um kooperative Führung, gesellschaftliche Verantwortung und Kreativität kreisten.

Dass aber um 1970 autoritäre Führungsstile oder das ‚Genie‘ des Unternehmers generell als nicht mehr ausreichend betrachtet wruden, hatte vor allem ökonomische Gründe: zum einen den seit den frühen 1960er Jahren voranschreitenden Prozess der Professionalisierung von Unternehmensführung, durch den Autorität eingehegt und formalisiert wurde; zum anderen den mit der Wirtschaftskrise von 1966/67 einsetzenden Paradigmenwechsel in der deutschen Industrie. In einer angebotsorientierten Konsumwirtschaft wurde Kreativität zur überlebenswichtigen Ressource, um in einem gesättigten Markt weiter Produkte zu verkaufen.

Daher zielten die neuen Managementtechniken darauf, die bisherigen als starr empfundenen – also kreativitätshemmenden – Ordnungen und Hierarchien aufzubrechen und neue unkonventionelle, motivierende und produktive Situationen zu schaffen. Der um 1970 geborene ‚neue Geist des Kapitalismus‘, dem wir die moderne Arbeitswelt mit ihren flachen Hierarchien, Kooperationen, Teams, Projekten und Netzwerken verdanken, hatte also nicht einen, sondern viele Väter [und Mütter, ähem]. Das ‚1968‘ der Manager gehört zweifelsfrei dazu.“

Das Thema finde ich spannend, ich werde mir mal den von Dietz mitherausgegebenen Tagungsband Wertewandel in der Wirtschaft und Arbeitswelt (2016) ausleihen und weiterlesen. Wenn ihr noch weitere Buchtipps zu Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik für mich habt, gerne her damit.

(Alle Zitate: Dietz, Bernhard: „Die Ressource Mensch“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2018, S. 6.)

Tagebuch Montag, 15. Oktober 2018 – Matschbirne

Ich wollte mir Montag bewusst einen freien Tag gönnen, weil der Wahlsonntag so arbeitsreich war (und aus Gründen noch arbeitsreicher als vorher geahnt). Das war nötiger als ich dachte: Ich wachte zwar schon um 7 auf, wurde aber den halben Tag nicht richtig wach und fühlte mich, als ob ich die Nacht durchgefeiert hätte. Das hatte ich schon lange nicht mehr, dieses Matschkopfgefühl. Anscheinend sind über sechs Stunden konzentriertes Arbeiten mit Ärgerinseln bis halb ein Uhr morgens doch anstrengender als gedacht.

Ich schenkte mir gleich die erste freiwillige Vorlesung in diesem neuen Semester um 12 Uhr, aber am frühen Nachmittag hatte ich ein berufliches Meeting, für das ich vor die Tür musste. Das war doch ganz schön, durch das warme München zu spazieren, ein gutes Briefing zu bekommen und erfreuliche Jobaussichten zu hören. Danach war aber wirklich alle Energie aufgebraucht und ich bekam Kopfschmerzen. Statt zu kochen holte ich mir zwei Semmeln mit viel Körnerkram und vom Lieblingsmetzger schönen Schinken, was ich mit bergeweise Cherrytomaten und Gurkenscheiben verzehrte, während ich bei ein paar Folgen The Bold Type auf Amazon Prime wegdämmerte.

Die Serie habe ich erst vor wenigen Tagen entdeckt und finde sie trotz Schwächen ganz reizvoll. Es geht um drei Damen Mitte 20, die bei einem fiktiven Frauenmagazin angestellt sind, eine als Autorin, eine als Social-Media-Chefin (Führungsrolle! Sehr schön) und eine als Assistentin, die aber noch andere Karrierewünsche hat. Die Serie schafft es, sehr aktuelle Herausforderungen gut abzubilden, auch wenn natürlich (bis jetzt jedenfalls) alles immer irgendwie gut ausgeht, sei es ein Shitstorm online oder Beziehungskrempel. Ich bin zwar jedesmal irritiert davon, dass die unglaublich attraktiven Frauen mit langen Wimpern und Lippenstift aufwachen und trotz ihres angeblich winzigen Budgets zum Leben in jeder Szene neue Klamotten tragen, aber das kann ich der Serie verzeihen, denn die Dialoge klingen für mich gut und die drei Hauptcharaktere sind mir sehr schnell ans Herz gewachsen. Und, Pluspunkt, wenn ich richtig aufgepasst habe, war in acht Folgen das Thema Essen, Körper, Diät oder generell das eigene Aussehen noch nie Thema.

Tagebuch Sonntag, 14. Oktober 2018 – Wahlhilfe

Mein Wecker klingelte bereits um 6 und zwar nicht, weil ich Sport treiben, sondern weil ich in Ruhe frühstücken und Kaffee trinken wollte, bevor ich mich um 7.15 Uhr ins Wahllokal aufmachte, um dort Wahlhilfe zu leisten. Ab 7.30 Uhr wuselten wir zu fünft in einer Grundschule herum, um uns noch geschätzt acht weitere Wahlräume (sehr praktisch – wenn irgendwo eine Schere fehlt, geht man nach nebenan). Wir entsiegelten die Urnen, in denen unser ganzes Arbeitsmaterial lag: die Stimmzettel natürlich (erstmal kontrollieren, ob es auch die richtigen sind), aber auch Siegel, um die Urnen wieder zu versiegeln, Stifte und Aushänge für die Wahlkabinen („Bitte nur einzeln eintreten“), Tesafilm, um diese Aushänge anzubringen und so weiter. Mich interessierte zunächst das Wählerverzeichnis, denn als Schriftführerin war das die Unterlage, in der ich meinen halben Arbeitstag rummalen würde bzw. die Wähler und Wählerinnen abhakte, die mir ihre Wahlbenachrichtigung vor die Nase hielten. Dort fand ich auch die Log-in-Daten für den Laptop, mit dem in München, wie auch schon bei der letzten Bundestagswahl, der Tag und die Stimmauszählung dokumentiert wurde.

Was anders war: Es gab nicht nur einen Stimmzettel, sondern vier (Land- und Bezirkstagswahlen), und zwei davon waren ungefähr einen Quadratmeter groß. Ich ahne, dass die Schlangen vor den Wahlräumen, über die gestern viel getwittert und geschrieben wurde, auch deshalb so lang waren, weil die Leute sich ganz in Ruhe den ganzen Riemen durchgelesen haben. Irgendwann wiesen wir die Wartenden auf unsere ausgehängten Muster hin, an denen sie sich schon mal vorab orientierten konnten, weil die Schlange gefühlt nie wirklich kürzer war oder sogar abbrach. Bei der Bundestagswahl konnten wir durchaus zwischendurch mal aufs Klo gehen, die von Wählenden mitgebrachten Crossaints oder Kaffees verzehren, aber hier musste man sich die wenigen Minuten sehr erkämpfen und ein Kollege oder eine Kollegin musste den eigenen Job kurz übernehmen, weil immer jemand wählen wollte. Was super ist! (Das sahen wir beim Auszählen am späten Abend natürlich irgendwann alle anders, sorry dafür, liebe Wählenden. Immer schön weiterwählen.)

Auch neu: Eine Radioreporterin von B2 begleitete uns eine gute Stunde lang, nahm O-Töne davon auf, wie wir mit den fitzeligen Siegeln kämpften oder eine Kollegin verzweifelt den Kloschlüssel suchte, der doch bei den anderen Wahlen immer hier so schön an der Wand gehangen hatte. Sie stellte uns auch Fragen, falls wir Zeit hatten, und ich hoffe, ich habe keinen komplett übermüdeten Quatsch von mir gegeben. Ich habe das Stück (noch) nicht online gefunden. (Edit: Danke an Heiko, der mir den Link zugeschickt hat. Müsste noch eine Woche lang hörbar sein, der kleine Schnipsel.)

Ich selbst wählte kurz vor meiner Ablösung in genau dem Lokal, in dem ich auch Wahldienst hatte, wie praktisch. Der Schichtwechsel war fliegend, ich war die letzte aus unserer Truppe, die ging, und wir versammelten uns abends um kurz vor 18 Uhr wieder, um das Auszählen zu beginnen.

Hiervon verschweige ich im Blog mal das meiste, aber die Kurzfassung: Bei der Schulung hatte uns der Leiter gesagt, wenn wir richtig gut seien, könnten wir gegen 20 Uhr mit allem durch sein. Das haben wir ihm schon damals nicht geglaubt, denn die niedliche Bundestagswahl mit ihrem einen Zettel, den wir nur zweimal nach Erst- und Zweitstimme sortieren und dann auszählen mussten, hatte uns bis um diese Zeit beschäftigt. Gestern waren es, wie gesagt, vier Zettel, und die beiden großen waren ein einziger Schmerz im Arsch. Alleine das Sortieren war deutlich mehr Arbeit als bei normal großen Zetteln. Man konnte nicht einfach mal einen Schwung an die Kollegin auf der anderen Tischseite rüberreichen, sondern musste durch den ganzen Raum gehen, weil die Dinger so viel Platz einnahmen. Man rannte sich ständig um, denn wir waren zu zehnt, worüber ich sehr dankbar war; mit den üblichen sieben Bundestagswahlhanseln wären wir vermutlich erst um 3 Uhr morgens zuhause gewesen. Und dann das Auszählen der einzelnen Stimmen. Für die Parteien war das halbwegs einfach, aber auf den beiden großen Zetteln gab es pro Partei teilweise 50 Direktkandidat*innen, die alle einzeln aufgelistet werden mussten. Nur für die Grünen – wie in großen Teilen Münchens auch bei uns die mit Abstand stärkste Kraft – brauchten wir eine Stunde pro großem Zettel.

Für mich als Schriftführerin gab es noch ein weiteres, sehr großes Ärgernis, das mich den ganzen Abend beschäftigte und irritierte und was ebenfalls dazu führte, dass das Zählen sehr lange dauerte, aber darüber blogge ich nicht. Drei Beisitzer*innen schickten wir gegen halb 12 nach Hause, wir anderen saßen noch bis halb eins und dokumentierten unser Wahlergebnis. Erst dann konnte eine der netten Beisitzerinnen die Wahltasche mit Ergebnis, Wählerverzeichnis und Zeug wegbringen, während wir anderen die Arbeitsmaterialien und sortierte Stimmzettel wieder in die Urnen verpackten, auf die der arme Hausmeister unserer Schule schon müde wartete.

Neben dem unhandlichen Zeug, das wir stundenlang in den Händen hatten, nervten natürlich auch die fiesen Kinderstühle, und ich spürte sowohl meine Füße als auch meine Lendenwirbelsäule etwas, als ich nach Hause schlich. Ich war zu aufgedreht, um sofort zu schlafen, lungerte noch ein bisschen auf Twitter herum, trank all das Wasser, was ich im Wahllokal nicht getrunken hatte, weil ich nicht gedacht hätte, es zu brauchen und deswegen nichts dabeigehabt hatte, und schlief dann fest und traumlos bis kurz vor 7. Einmal nicht den Wecker gestellt – scheint dem inneren Wachhund aber inzwischen auch egal zu sein.

Zitronen-Frischkäse-Torte

Ich habe mal wieder zu meinem ältesten Backbuch gegriffen, das 1993 erschienen ist; hier ist die Ausgabe mit Blick ins Buch von 2005, das noch ziemlich genauso aussieht. Das mache ich gerne, wenn ich Basisrezepte nachkochen oder -backen will, weil eben genau diese in diesem Buch bzw. dem Koch-Äquivalent stehen – das Kartoffelgratin-Rezept aus letzterem Buch ist von keinem anderen übertroffen worden, das ich in den letzten zehn Jahren ausprobiert habe. Generell gilt bei beiden: kein Schnickschnack, aber immer gut. So wie dieses kleine Törtchen, das recht schnell und simpel in der Zubereitung ist und dann einfach nur noch im Kühlschrank festwerden muss. Mein neuer Kühlschrank hat das in zwei Stunden geschafft, yay!

Wer dieses Rezept mit dem von der Philadelphia-Website vergleichen will: klick! Hier: mehr Gelatine, drüben: mehr Frischkäse, etwas mehr Butter, 10 g weniger Zucker und vor allem Jogurt statt Sahne. Geschmacklich mochte ich diese Version lieber, weil sie einerseits etwas lockerer ist (klar: Sahne), aber das liegt auch daran, dass Zitrone immer gegen alles gewinnt.

Für eine Springform mit 24 Zentimetern Durchmesser.

150 g Löffelbiskuits (ca. 15 Stück) zerbröseln. Bei mir passiert das immer nur grob, weil ich so ungerne mit meinem Nudelholz auf Dingen rumkloppe.
100 g Butter schmelzen. Butter mit Biskuitbröseln vermischen und auf dem Boden der Springform gleichmäßig festdrücken. Im Kühlschrank parken.

10 Blatt weiße Gelatine in kaltem Wasser einweichen. (Ich hatte nur noch neun, haben auch gereicht.)

250 g Frischkäse mit
80 g Zucker und
Saft und Schale von zwei Bio-Zitronen glattrühren.

500 ml Sahne steifschlagen.

Die Gelatine ausdrücken, dann in einer Metallschüssel in kochendes Wasser halten und umrühren, bis sie sich aufgelöst hat. Unter die Frischkäsemasse ziehen. Die Sahne unterheben, alles in die Springform geben und glattstreichen. Die Torte im Kühlschrank festwerden lassen. Fürs Foto mit Zitronenscheiben belegen, die man dann aber nicht mitessen muss. Ähem.

Flammkuchen

Wieder ein Rezept, das ich mir nur notiere, damit ich nicht dauernd googeln muss. Untenstehendes Rezept ist für den klassischen Flammkuchen mit Speck und Zwiebeln, der Teig funktioniert aber auch hervorragend für weitere Beläge wie Äpfel und Zwiebeln (Rezept aus Deutschland vegetarisch) oder sogar süß wie Äpfel mit Zimt und Zucker. Zunächst dachte ich, das Olivenöl würde beim süßen Flammkuchen stören, aber das schmeckt man nicht durch. Wer ganz sicher gehen will, nimmt Sonnenblumenöl.

Der Flammkuchen darf ruhig noch länger im Ofen bleiben als bei mir, dann wird er knuspriger und gebräunter. Ich mag ihn eher so halbknusprig.

Für zwei Flammkuchen.

15 g frische Hefe mit
1 Prise Zucker in
150 ml lauwarmem Wasser auflösen. Zehn Minuten rumstehen lassen.

In einer Schüssel
250 g Mehl, Type 405, mit
1 TL Salz und
4 EL Olivenöl vermischen. Das Hefewasser dazugeben und zu einem glatten Teig verkneten. Notfalls etwas mehr Mehl dazugeben. Den Teig zu einer Kugel formen und in einer abgedeckten Schüssel für eine Stunde gehen lassen. Bei mir waren es zwei, ich hatte dann doch später Hunger als gedacht. Aber dem Hefeteig ist das netterweise egal. Der kann übrigens auch prima im Kühlschrank rumliegen, falls ihr nur einen Flammkuchen essen möchtet und den nächsten morgen.

Den Teig dünn ausrollen und mit ein paar Löffeln Crème fraîche oder saurer Sahne bestreichen. Gewürfelten Speck und in Ringe oder Scheiben geschnittene Zwiebeln drauf und alles im auf 225 Grad vorgeheizten Ofen auf der untersten Schiene für 12 bis 15 Minuten backen. Wer mag, streut noch Schnittlauch darüber. Sofort servieren.

Falls ihr lieber Äpfel und Zwiebeln und einen Hauch Käse dazu möchtet:

Ein Ei mit 100 g Frischkäse und 40 g geriebenem Bergkäse vermischen. Mit schwarzem Pfeffer würzen. Eine rote Zwiebel in dünne Ringe schneiden. Einen Apfel schälen, entkernen und in Ringe oder dünne Scheiben schneiden. Die Frischkäsemischung auf den ausgerollten Teig geben und mit Apfel- und Zwiebelscheiben belegen, mit Salz und Pfeffer würzen, wie oben angegeben backen.

Für die süßen Flammkuchen:

Ein paar Löffel Frischkäse mit Zitronensaft, Zimt und Zucker vermischen und auf den Teig streichen. Einen Apfel pro Flammkuchen entkernen (schälen ist nicht unbedingt nötig), in dünne Scheiben schneiden und den Flammkuchen damit belegen. Wer’s mag (ich immer), streut noch ein bisschen Zimt und Zucker auf die Äpfel; das geht aber auch nach dem Backen noch.

Geschmortes Paprikagemüse

Schmeckt zu Nudeln und Reis, aber noch besser mit einem Schuss Rotweinessig als Antipasto mit Ziegenfrischkäse auf gerösteten Brot. So esse ich das jedenfalls seit Tagen. Mal wieder ein Rezept aus Deutschland vegetarisch.

800 g rote und gelbe Paprika (bei mir nur rote) mit einem Sparschäler schälen. (Beim ersten Versuch hatte ich das vergessen, schmeckt auch.) Boden, Deckel und Trennwände entfernen, Paprika entkernen und in grobe Stücke oder Streifen schneiden.

1–2 rote Zwiebeln achteln.

1 Knoblauchzehe fein hacken, mit
1 EL rosenscharfem Paprikapulver,
1 TL edelsüßem Paprikapulver,
1 EL Tomatenmark und
1 EL Honig vermischen.

Zwiebeln und Paprika in heißem Sonnenblumenöl für fünf Minuten anbraten. Danach die Tomatenmarkmischung für eine Minute mitbraten. Alles mit 500 ml Gemüsebrühe ablöschen und offen für circa 15 Minuten dicklich einkochen. Mit Salz würzen.

Was schön war, Mittwoch, 10. Oktober 2018 – Farbmeditation

Saturn und Hermes hatten mir angekündigt, meinen Kühlschrank zwischen 7 und 11 Uhr anzuliefern. Ich stellte quengelig den Wecker auf 6, denn der Abend vorher war etwas länger geworden als geplant, weswegen meine übliche Aufstehzeit von 7 echt nett gewesen wäre, aber was tut man nicht alles für ein großes Elektrogerät.

Natürlich war ich noch vor dem Wecker wach und stand um 5.30 Uhr auf, duschte im Dunklen und dachte dann, hey, Sonnenaufgang angucken, während ich Kaffee trinke. Ich setzte mich auf meinen neuen Lieblingsplatz, das Schlafsofa gegenüber vom Schreibtisch im blauen Arbeitszimmer, von wo ich über den Balkon in die Weite gucken kann, trank Kaffee … und wartete, bis mir gegen 6 Uhr einfiel, dass die Sonne erst nach 7 aufgeht. Also guckte ich sinnlos ins Dunkle, fand es aber trotzdem sehr schön und machte mich irgendwann tagfertig, ging nach unten zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen, und merkte oben, dass ich um 6.37 Uhr einen Handyanruf erhalten hatte. Das waren wohl die Lieferjungs, die sich ankündigen wollten. Die Online-Sendungsverfolgung erzählte was von 9 bis 9.10 Uhr als Lieferfenster, aber ich wartete nun noch gespannter. Um 7.15 Uhr klingelte es dann auch ernsthaft – quasi mit dem Sonnenaufgang – und ich hörte zwei Herren zu, wie sie meinen Kühlschrank vier Stockwerke nach oben wuchteten.

Eigentlich gebe ich immer so fünf Euro Trinkgeld pro Nase, hatte aber entsetzt festgestellt, dass der nette Bierabend mein Portemonnaie etwas geflöht hatte – ich hatte nur noch einen Fünfer und einen Zwanziger im Haus. Als ich die Herren so komplett außer Atem, aber trotzdem noch höflich grüßend vor mir sah, tauschte ich den Schein in der Hosentasche ganz schnell aus.

Ich hatte zudem einen Türanschlagswechsel geordert, wir stellten nun aber gemeinsam fest, dass es sinnvoller wäre, darauf zu verzichten. Die Order wurde online rückgängig gemacht, die Herren stellten das Gerät schnell auf, gaben noch ein paar Tipps und bekamen dementsprechend den Zwanziger zugesteckt, über den sie sich offensichtlich freuten, was mich wiederum freute.

Dann war es halb 8 und ich fühlte mich, als hätte ich die Nacht durchgemacht, obwohl ich noch nichts erledigt hatte außer zu duschen und rumzusitzen. Auch den Rest des Tages fühlte ich mich irgendwie gläsern und dünnhäutig, nicht im Sinne von angreifbar und nah am Wasser, aber halt so, als ob einem Schlaf fehlt, man aber gar nicht müde ist. Ich hatte nichts Dringendes mehr in der Wohnung zu basteln, und ich wusste, der nächste Job würde heute auf meinem Tisch landen, weswegen ich mir gestern bewusst eine Auszeit von allem nahm. Ich las viel, ging spazieren, kaufte ein, räumte die Einkäufe knurrend noch in den alten Kühlschrank, denn der neue musste erstmal rumstehen, bevor ich ihn anschalten durfte, und dann musste er rumstehen, bevor man Dinge in ihn reinwirft, aber abends räumte ich dann um und staunte über den irrwitzig vielen Platz, den ich auf einmal in Augenhöhe hatte.

Das Schönste am Tag war die Stunde im Schlafzimmer, die ich nachmittags dort verbrachte. Irgendwann war ich wirklich bettreif und erinnerte mich selbst daran, dass ich nicht krumm und schief auf dem Sofa wegnicken müsste wie in den letzten Jahren, sondern dass ich wieder ein herrliches Bett hatte, das auf mich wartete.

Die Tür vom Schlafzimmer zum Arbeitszimmer ist immer offen, auch nachts, weil ich das schön finde, in einen weiteren Raum gucken zu können. So legte ich mich ins Bett, und sobald ich lag, merkte ich, dass ich gar nicht schlafen wollte. Stattdessen lag ich eine Stunde nur rum und guckte kopfleer in die Gegend. Ich besah mir meine dunkelgraue Schlafzimmerwand und behaupte, im richtigen Licht doch einen bräunlichen Unterton zu entdecken, der für mich eigentlich der Kaufgrund für diese Farbe gewesen war. Ich erfreute mich am Lotto-Kunstdruck auf den weißen Kommoden, obwohl ich ihn vermutlich demnächst für einen noch zu rahmenden Leo von Welden austausche, eine Lithografie, die mir die Künstlertochter geschenkt hatte und die ein christliches Motiv zeigt, also das Sujet, das ich von ihm am liebsten mag. Dann schaute ich durch die strahlend weiße Tür ins blaue Arbeitszimmer, das im warmen Südlicht vor sich hinleuchtete, dann wieder zurück zum kühlen Graubraun, dem hellen Fußboden, der offenen Tür in den Flur. Es fühlte sich meditativ und zufrieden an, ich war sehr ruhig und still und merkte einfach nur, wie gut es mir gerade ging. Das war sehr schön – zu merken, wie gut es einem geht und dass gerade alles in Ordnung ist.

Tagebuch Dienstag, 9. Oktober 2018 – Alltag

Morgens Zeug in den Keller geschleppt. Jetzt steht nichts mehr vom Umzug oder der Farbenschlacht in meiner Wohnung, bei dem ich immer, wenn ich es sehe, denke: „Ach ja, das musst du noch runterbringen.“

Zwei leere Spezi-Kisten zum Supermarkt getragen, die der dortige Pfandautomat nicht erkennen wollte. Die freundliche Kassiererin zog aus dem Lager eine gleichwertige Bierkiste – „Versuchen Sie’s mal damit“ –, aber auch das ging nicht. „Dann machen wir das nachher handschriftlich an der Kasse, ich kenn Sie ja.“

Brotteig angesetzt, immer wieder das Weizenbrot. Irgendwann traue ich mich noch an die anderen Rezepte im Buch, aber das hier gelingt halt so gut wie immer. Sieht nicht immer so hübsch aus, schmeckt aber stets.

Einen Schwung Klamotten zum Altkleidercontainer geradelt. Ich hatte in Erinnerung, dass am Alten nördlichen Friedhof einer steht, aber das waren Container für Kunststoffe und Zeug. Netterweise wusste dieses Interweb, wo der nächste Container für mich war und genau dorthin fuhr ich dann auch.

Über zwei Stunden mit dem Schwesterherz telefoniert, viel erfahren.

Berufliche Mails geschrieben und gelesen, ebensolche Telefonate geführt, neues Job-Dokument angelegt.

Mit meinem Wahlvorstand für den nächsten Sonntag telefoniert, ob ich Früh- oder Spätschicht machen soll. Habe die gewünschte Frühschicht bekommen. So kann ich ein kleines Nachmittagsschläfchen in den Tag einbauen – eine Ruhezeit, die man als Kind nie zu würdigen wusste –, um dann frisch und erholt zum Stimmenauszählen wieder ins Wahllokal aka die Wahlgrundschule zu gehen.

Den Abend in äußerst charmanter Gesellschaft bei einigen kleinen Bieren verbracht.

Was schön war, Montag, 8. Oktober 2018 – Eulen

„Hör auf, mir so niedliche Schokolade zu schenken, die kann ich nicht essen!“

„Was kann ich dafür, dass bei Lindt wieder Eulenwochen sind?“

Diese Eule ist vom letzten Jahr, und ich habe sie dummerweise aufgehoben. Das hat sich F. anscheinend gemerkt, der Racker. Sie sitzt vor einem Notizbuch, das der Herr mir auch mal geschenkt hat, auf dem das einzige Kunstwerk abgebildet ist, das ich von Jeff Koons mag.

Die hier ist neu und sitzt neben dem besten Museumsshop-Souvenir aller Zeiten: einem Teddybär aus dem Van-Gogh-Museum in Amsterdam, dessen Fell den Mandelbüten nachgebildet ist. Kunstgeschichte zum Kuscheln! Ich will den Balloon Dog aus Plüsch!

Teddy kennt ihr natürlich alle aus der Teddybärenwoche.

„Die in Lavendel habe ich dir zum Essen gekauft, die passt nirgends in dein Farbkonzept.“ (Falsch!)

(File under: warum ich F. immer so verknallt angucke.)

Tagebuch, Samstag/Sonntag, 6./7. Oktober 2018 – Zuhause

Während der Vorbereitung auf den Umzug verpackte ich nach und nach meine Küche, so dass es nicht mehr so richtig Spaß machte, in ihr zu kochen. Danach stand hier unten alles ungeordnet rum und ich musste mich um die alte Wohnung kümmern, so dass ich weitere Zeit eher Pizza bestellte oder essen ging. Allmählich steht aber alles an seinem Platz, und so konnte ich Samstag mal wieder die Kochbücher wälzen und am Herd stehen – der übrigens deutlich besser ist als der, den ich oben hatte. Cerankochfeld FTW!

Ich kaufte Süßkartoffeln, Erdnussbutter, eine Limette und Sahne, die ich nicht mehr/noch nicht wieder im Haus hatte, und suchte mir für die Vorräte, die noch da waren, ein weiteres Rezept raus, zu dem nur noch Ziegenfrischkäse fehlte. Dann hobelte ich lustig Kartoffeln und ölte Auflaufformen. Beim ersten richtigen Kochen merkte ich, wie dusselig die Besteckschublade in dieser Küchenzeile angebracht war – nämlich genau am anderen Ende der Arbeitsplatte. Ich werde mir also eine kleine Besteckstation einrichten, damit ich nicht für jeden Tee- oder Esslöffel, den ich brauche, durch die ganze Küche laufen muss. F. hatte einen Alternativvorschlag: „Oder du lässt dein Walken sein und kochst öfter.“

Ich könnte am Samstag auch alleine dadurch Kalorien verbrannt haben, indem ich hysterisch dem Kracherspiel Dortmund – Augsburg auf dem Sofa zuschaute. Hochspannend, von beiden Mannschaften Laufbereitschaft und Einsatz bis zum Abwinken, aber von den sieben Toren schoss Dortmund eben eins mehr und das letzte fieserweise in der sechsten Minute der Nachspielzeit, die eigentlich nur vier Minuten hätte lang sein sollen, weswegen ich doch angefressener war als gedacht. Ich muss mir dauernd sagen: Es ist nur ein Fußballspiel, es ist total egal, es hat mit deinem Leben überhaupt nichts zu tun – aber das hilft leider nur bedingt, wenn man alle zwei Wochen im Stadion ist und ein so großartiges Spiel so hauchdünn verloren wird.

F. ging es noch schlechter, denn der musste danach im Stadion noch eine Bayernniederlage verkraften, und das Spiel war dazu auch noch scheiße anzugucken. Ich hatte die erste Halbzeit (zuhause auf dem Sofa) verpasst, weil mein Mütterchen anrief, um sich nochmal für die schönen Urlaubstage zu bedanken. Das war eindeutig besser als dem Gebolze zuzuschauen.

Am Sonntag kam F. vorbei und ich buk spontan einen kleinen Apfelkuchen. Als ich die Form aus einer meiner drei Backkisten (aka die Körbe von Ikea, die in alle Ikearegale passen, ja, auch in die, die 25 Jahre alt sind) holen wollte, merkte ich, dass ich beim Umzug eine Zutat anscheinend nicht ordentlich eingepackt hatte:

Den Goldpuder hatte ich mir mal für fancy Pralinenverzierung besorgt und so gut wie nie benutzt. Jetzt war fast die ganze Dose über meine Formen verteilt, so dass ich den Rest auch entsorgte. Aber der Kuchen kam ohne Glitzer aus dem Ofen.

Nachmittags bereitete ich ein Paprikagemüse zu, das ich abkühlen ließ und dann mit Ziegenfrischkäse als eine Art Antipasto auf meinem vorgestern gebackenen Brot genoss. Wo man kocht, ist zuhause.

Ich schrieb das schon mehrfach, aber meine Güte, ist diese Wohnung schön! Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie sehr ich damit gerungen habe, sie zu mieten und dann im Kopf einzurichten. Ich freue mich jeden Tag hier über dusselige Kleinigkeiten, die aber nach drei Jahren in der Studibutze eben keine dusseligen Kleinigkeiten sind.

Von meinem Bett aus schaue ich genau auf den riesigen Baum vor dem Fenster. Eigentlich sollte das Bett an die andere Wand, weil ich es netter finde, dass, wenn Besucher*innen zur Tür reingucken, nicht sofort das private Bett zu sehen ist, sondern die Kommode, vielleicht noch mit Kunst drüber, keine Ahnung, work in progress. Aber als ich dann im Schlafzimmer stand, war klar, dass das Bett genau an die gegenüberliegende Wand muss, und ich freue mich jeden Morgen darüber, auch wenn der Baum schon nicht mehr ganz grün ist. Nachts sind die Jalousien nicht ganz unten, und die Straßenlaternen werfen immer bewegte Schatten der Äste an die Decke, was ich sehr schön finde.

Egal ob ich aus dem Schlafzimmer oder dem Flur ins Arbeitszimmer komme – ich grinse immer innerlich und freue mich über die dunkelblauen Wände, vor denen die weißen Möbel schön strahlen. Ich erfreue mich an Luise in ihrem feudalen Rahmen, die endlich eine ganze Wand für sich alleine hat, am Sessel, der davor steht und in dem ich nichts mache außer zu sitzen und Luise anzuschauen. An den großen Balkonfenstern und dem weiten Blick (wenn ich schlaflos bin, sehe ich den Sonnenaufgang. Heute Nebel! Alles noch sehr aufregend). An den Durchzug, den ich endlich wieder produzieren kann! Durchzug, Kinnings! DURCHZUG! In diesem Sommer hätte ich Geld für ihn bezahlt; stattdessen habe ich oben vor mich hingelitten.

Ich gehe den langen … okay, nicht so langen Flur wie in Hamburg, aber im Vergleich zu den drei Quadratmetern oben echt langen Flur entlang, in dem drei meiner Regale Platz gefunden habe, weswegen ich in der Küche mehr Raum habe, wo ich, ich schrieb es schon, jetzt ernsthaft acht Leute bewirten könnte, wenn ich acht Leute kennen würde. Meine Backzutaten stehen jetzt wieder auf Augenhöhe, weil ich mehr Schränke habe, und ich muss nicht mehr auf Knien auf dem Fußboden vor einem tiefen Fach rumrutschen, um den Vanillezucker zu finden. Meine Vorräte passen so in die breiten Schränke, dass ich sie sehe und auch fast an alle ohne Leiter rankomme. Am Samstag habe ich eine Lichtleiste unter den Oberschränken angebracht und sehe jetzt auch, was ich zubereite. Es gibt ja kaum Dinge, die so befriedigend sind, wie mit Bohrmaschinen Zeug geregelt zu kriegen. (Falls die Lichtleiste noch runterfällt, werde ich euch das selbstverständlich verschweigen.)

Ich stehe in der Bibliothek, die nur aus Sitzmöbeln und Bücherregalen und Lampen besteht und finde es herrlich. Auf der Fensterbank darf auch meine alte Lavalampe endlich wieder vor sich hinblubbern. Es fühlt sich einfach wie eine gute Wohnung an. Es fühlt sich nach mir an und nicht mehr nach Kompromiss und mussja. Ich wiederhole mich jetzt hier vermutlich noch ein paar Wochen, aber ich glaube, das war für das Seelenleben eine äußerst gute Entscheidung, ein bisschen Geld in Farbtöpfe und Möbel zu investieren. Und meine Güte, freue ich mich auf meinen großen Kühlschrank! Noch mehr kochen!

Ich so: „Wir könnten den kleinen Kühlschrank dann in den Keller bringen, dann hätte ich da Platz für Altpapier und so Zeug.“
F. so: „Ein Wort: Getränkekühlschrank.“

Das Altpapier bleibt dann vermutlich in der Ecke, in der es sich jetzt schon breit gemacht hat. Und ich werde ab Mittwoch kiloweise Eiswürfel produzieren und alles einfrieren, was nicht vor mir weglaufen kann.

Süßkartoffel-Erdnuss-Gratin

Ein Rezept aus Täglich vegetarisch: Die schönsten Rezepte aus dem River Cottage, für das ich euch gleich mehrere Bilder anbieten kann. Das liegt daran, dass ich gestern, als das Gratin im Ofen war, wie ein kopfloses Huhn durch die neue Wohnung gerannt bin, um den besten Ort für Futterfotos ausfindig zu machen. Hier ist ja auf einmal so viel Platz! So viele Möglichkeiten, einen Teller dekorativ ins Licht zu stellen! Es ist dann für Instagram, total langweilig, die Küchenzeile geworden, wo das Licht von rechts kommt, wie oben in der Wohnung auch. Die Jalousien sind runtergelassen, denn hier bekomme ich jetzt Südlicht statt wie oben Nordlicht. Gestern fand ich das Bild okay, heute nervt mich der fehlende Kontrast. Daher gibt’s nach dem Rezept lustige Experimente von heute morgen, auch für mich als Gedächtnisstütze, damit ich mit dem nächsten heißen Teller nicht wieder sinnlos rumlaufen muss.

Für vier Personen. Ich habe die untenstehende Menge halbiert, aber trotzdem die ganze Limette verarbeitet (nix mit einem Teelöffel Saft oder so) und kann das sehr empfehlen.

1 kg Süßkartoffeln schälen und in Scheiben schneiden oder hobeln. In einer Schüssel mit
250 ml Schlagsahne,
1 rote Chili, entkernt und fein gehackt, oder wie bei mir 1 TL Chiliflocken,
1 EL Sonnenblumenöl,
3 Knoblauchzehen, gehackt, sowie
Salz und
schwarzem Pfeffer vermischen.

150 g ungesüßte stückige Erdnussbutter mit
Schale und 2 TL Saft von 1 Limette sowie
1 EL Sonnenblumenöl vermischen.

Eine Auflaufform leicht ölen und die Hälfte der Kartoffeln flach in sie schichten. Darauf Kleckse der Erdnussbuttermischung verteilen, je mehr, desto besser (also eher viele kleine als drei dicke). Danach den Rest der Kartoffeln aufschichten und die restliche Sahne aus der Schüssel über alles gießen.

Die Form mit Alufolie locker abdecken und im auf 190 Grad vorgeheizten Ofen etwa 20 Minuten backen. Danach noch 30 Minuten unbedeckt backen. Wer mag, stellt das ganze dann noch kurz unter den Grill, damit die obere Schicht etwas knuspriger wird (ich habe mir das geschenkt). Sofort servieren.

Das Buch möchte dazu einen knackigen Blattsalat, ich habe Pimientos gemacht, glaube aber, der Tipp mit dem Salat ist ein guter. Das Gratin ist mauschelig süßlich (bis auf die superfrische Limette), und ich stelle mir den Kontrast zu einem kühlen, vielleicht sogar leicht bitteren Salat ziemlich gut vor.

Jetzt kommt der Schwung Spontanfotos von heute morgen, da müsst ihr jetzt durch, denn ich muss da auch durch, anstrengendes Rumköchelbloggerinnendasein, anstrengendes. Die Sonne scheint übrigens gerade nicht in München, aber alleine das Tageslicht macht nach Süden raus ganz schön Stimmung.

Schlafzimmerkommode nach Norden, aufsichtig, offensichtlich noch nicht der beste Ausschnitt, denn ich habe den Fußboden mitgenommen, was ich erst im Photoshop gesehen habe, wo ich meist nur die Bilder beschneide und sonst nichts mit ihnen mache (manchmal etwas mehr Kontrast). Gefällt mir sowohl von der Lichtstimmung (Licht von links) als auch von der absolut neutralen Unterlage gut.

Nochmal Schlafzimmer; ich wollte die Kartoffellagen abbilden. Die Wand im Hintergrund ist eigentlich viel dunkler. Ich mag das Licht ganz gerne, es sieht undramatisch, aber trotzdem lebendig aus, und durch den kleinen Lichtverlauf im Hintergrund wirkt alles weniger statisch. Ich fotografiere übrigens nur mit dem iPhone, die Kamera liegt total vernachlässigt rum. So viel zum Titel „Foodbloggerin“, genau deswegen nehme ich den für mich niemals an. Vielleicht kapieren das auch irgendwann die ganzen PR-Agenturen, die mich zu Kochevents einladen, die mich nicht interessieren. Vor allem die in Hamburg nicht, Pappköpfe.

Arbeitszimmer nach Süden vor meinen geliebten blauen Wänden, die jetzt gerade pudrig aussehen und heute nachmittag wieder leuchten, wenn mehr Licht drauffällt. In Wirklichkeit doppelt so dunkel. Auch hier offensichtlich nicht die beste Perspektive, nicht aufsichtig genug, das zu fotografierende Objekt verliert sich total in der Umgebung, aber ich behalte das mal als Gedächtnisstütze. (Schöner Lichtverlauf im Hintergrund, Licht von rechts.)

Ebenfalls Arbeitszimmer, die gleiche Location. Die Unterlage ist meine Stadiondecke, die momentan, wo man noch ohne Decke ins Stadion gehen kann, auf dem Schlafsofa liegt, auf dem ich normalerweise mein morgendliches koffeinhaltiges Getränk zu mir nehme. Netterweise ist der Cappuccino aus der wieder aufgebauten Superdupermaschine lange genug heiß, um spontan vier Fotos vom kaltem Gratin zu machen. Gefällt mir vom Licht sehr gut, ist nachmittags wahrscheinlich nicht möglich, weil dann die Sonne reinknallt. Finde ich aber schon spannend zu sehen, wieviel die Himmelsrichtung ausmacht. (Das ist für euch vermutlich weit weniger aufregend als für mich.)

Wollte eigentlich noch ein Bonusbild meiner Cappuccinotasse auf dem Schreibtisch posten, aber das brauche selbst ich nicht.

Tagebuch Freitag, 5. Oktober 2018 – Erste Male

Morgens die Espressomaschine angeschaltet, die zwei Wochen lang in ihrer Kiste stehen musste und gestern wieder an ihren Stammplatz kam, den sie auch schon in der oberen Wohnung hatte, aber der musste hier unten erstmal hergerichtet werden. Jetzt steht sie wieder repräsentativ in der Gegend rum. Laut Bedienungsanleitung soll sie 12 Stunden (oder sogar den ganzen Tag, vergessen) vorheizen, wenn man sie das erste Mal anstellt bzw. wenn sie längere Zeit nicht angeschaltet war. Im Laden, wo ich sie gekauft habe, meinte man, ein, zwei Stündchen reichten auch. Also schaltete ich sie morgens ein, um zur Mittagszeit einen Cappuccino trinken zu können und behaupte, damit irgendwie richtig zu liegen.

Alle restlichen Umzugskartons in den Keller gebracht. Eigentlich hatte ich mir angewöhnt, bei jedem Gang außer Haus zehn mit in den Fahrstuhl zu zerren und sie unten abzustellen, aber die letzten 26 gingen mir jetzt doch auf den Zeiger, so dass ich sie in zwei Gängen in fünf Minuten nach unten schaffte (und sie mir dabei nur einmal aus der Hand rutschten). Sie standen bis jetzt in der Bibliothek, von der ich dachte, sie wäre der einfachste Raum von allen: Regale an die eine Wand, das große Ecksofa an zwei andere, den kleinen Rolltisch, den ich seit Mitte der 90er Jahre mit mir rumschleppe, irgendwo in die Mitte, damit auf ihm die ungelesenen Bücher rumliegen können, bevor sie vom Nachtisch oder meinem Rucksack ins Regal wandern, fertig. Genau dieser Raum entpuppte sich aber als komplizierter als gedacht.

Der Grundriss der Verwaltung bestand mehr aus Annäherungswerten, so dass ich am Umzugstag feststelle, dass mein Sofa fast die gesamte Fensterbreite einnahm, was es nicht sollte, weil ich nicht mehr, wie in der oberen Wohnung, aufs Sofa klettern will, um die Fenster zu öffnen oder den Rolladen herunterzulassen. Das Sofa besteht aus drei Teilen, von denen ein breiter Hocker nicht mit den Eckdingern verbunden ist, so dass ich ihn hinschieben kann, wo ich will. Bisher war er einfach eine Verlängerung einer Sofaseite, so dass ich notfalls darauf schlafen konnte, wenn mich das eigentliche Schlafsofa zu sehr nervte. Diese Verlängerung sah jetzt aber komisch aus und versperrte mir den bequemen Weg ans Fenster. Also stellte ich den Hocker gestern in die Ecke, in der bisher die Umzugskartons gestanden hatten. Im Zimmer steht außerdem noch ein Stuhl, auf dem bisher die ungelesenen Bücher gestapelt sind, denn mein Rolltisch hat es sich seit dem Moment, an dem ihn einer der Umzugsengel neben Multy ins Arbeitszimmer gestellt hat, genau da gemütlich gemacht, und ich habe mich schon daran gewöhnt, auf ihm meine morgendliche Kaffeetasse abzustellen, verdammt! Jetzt sieht es in der Bibliothek aber genau so aus, wie ich Räume nicht mag: alle Möbel einfach an der Wand lang. Daher schob ich gestern noch Sessel und Stühle aus anderen Räumen rein, schob sie wieder zurück, schob Dinge irgendwie mittig oder schräg, und jetzt lasse ich das mal ein paar Tage sacken und gucke.

Aber ansonsten ist es toll, eine Bibliothek zu haben! Auch wenn man in ihr eher Serien guckt anstatt endlich den Stapel auf dem Stuhl abzuarbeiten.

Apropos Bibliothek: Genau in eine solche, nämlich die der Uni, ging ich in der Mittagspause, denn ich musste ein letztes geliehenes Buch zurückbringen (die Diss döst momentan etwas erschöpft vor sich hin). In den letzten Monaten hatte die Bib umgebaut, weswegen man immer in den zweiten Stock musste, um Bücher abzuholen oder zurückzubringen. Seit Kurzem hat aber die schicke neue Ausleihe geöffnet, in der man alles selbst verbuchen kann. Auch die Rückgabe ist kein Schalter mehr, hinter dem ein Studi sitzt, der mehr oder minder motiviert durch alle Bücher blättert, die man ihm hinlegt, um pseudomäßig zu überprüfen, ob man auch ja keine Seite rausgerissen oder 200 von ihnen markiert hat. Das dauerte immer ewig, und hat uns, glaube ich, alle genervt. Der Schalter ist noch da, aber jetzt besteht er aus einer Replikator-großen Box, in die man sein Buch hineinlegt, es wird gescannt und abtransportiert und man muss auch keine doofe Quittung mehr mitnehmen, die man eh sofort in den nächsten Papiermülleimer wirft. (Man kann aber, wenn man will.) Der ganze Vorgang dauert gefühlt zwei Sekunden, und seitdem frage ich mich, ob jetzt hinter den Kulissen arme Studis sitzen, die trotzdem noch alle Bücher durchblättern und überprüfen müssen, ob wir Ausleihenden nett zu ihnen gewesen sind.

Auf dem Rückweg nach Hause kaufte ich Kirschkuchen und schmiss die Espressomaschine an. Gleichzeitig heizte ich den Backofen vor, denn ich hatte vorgestern Brotteig angesetzt. Nebenbei lief die Geschirrspülmaschine, und so saß ich irgendwann in der Küche am gedeckten Küchentisch, der nur noch ein Esstisch ist und kein Schreibtisch mehr, freute mich über den Abwaschhelfer und genoss meinen ersten Cappuccino in dieser Wohnung plus Kirschkuchen, während im Ofen mein erstes Brot in dieser Wohnung vor sich hinbuk.

Im Bus zurück hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, zwei Studentinnen zuzuhören, die anscheinend alles scheiße fanden, was „diese angebliche Exzellenzuni“ ihnen so bietet. Ich habe nicht verstanden, ob sie jetzt gerade erst anfangen zu studieren oder schon im höheren Semester sind, aber anscheinend ist alles eine Zumutung, Arbeitsaufwand, Dozenten, Unterrichtsniveau und vermutlich auch die Mensa, aber da habe ich schon nicht mehr zugehört.

Ich bin bei solchen Tiraden immer versucht, die Betreffenden entweder liebevoll zu umarmen oder ihnen eine Kopfnuss zu verpassen und ihnen zuzuflüstern: „An der Uni herrscht Holschuld, nicht Bringschuld. Das ist DEIN Studium, also mach auch DEINS draus.“ Dir passt der Kurs nicht? Wähl einen anderen. Dir geht eine Dozentin auf den Keks? Mach nie wieder ein Seminar bei ihr. Bei Pflicht- und Einführungskursen herrschen andere Regeln, ist klar, aber dafür sind das auch Pflicht- und Einführungskurse, da müssen wir alle durch, ich nehme an, in jedem Studiengang. Aber danach ist es selbst bei dem fies verschulten BA oder MA möglich, das zu studieren, was dich interessiert, denn, hey, genau dafür bist du hier.

Um Rainald Goetz zu zitieren: Don’t cry, work.

Oder um Anke zu zitieren: Wenn du in genug sinnlosen Meetings gesessen hast, ist jeder Einführungskurs bei einem nuschelnden Professor das Paradies.

Den neuen Stundenplan zusammengestellt. Drittes Promotionssemester, here I come.

Tagebuch Donnerstag, 4. Oktober 2018 – Ablage

Den ganzen Tag auf den Anruf einer Kollegin gewartet für einen gemeinsamen Job. Währenddessen Ablage gemacht, die ich einfach aus der oberen Wohnung nach unten getragen hatte, ohne sie vorher zu erledigen. Jetzt ist der Papierstapel verschwunden. Steuer fürs Quartal 3/2018 erledigt. Termin von Hermes mitgeteilt bekommen, wann der neue Kühlschrank zu erwarten ist (yay!). Eingekauft, Mittag gemacht, noch ein bisschen offiziell am Schreibtisch gewartet und dann halt auf dem Sofa mit der Zeitung vor der Nase.

Abends mit F. am Küchentisch rumgelungert, nachdem der Herr mir ein Regalbrett angedübelt hatte. Das betreffende Regal hatte ich oben in der Küche selbst mal angebracht, aber wenn sich jemand anbietet, mit Wasserwaage und Bohrmaschine für mich rumzuhantieren, sage ich ja nicht nein. Beim Bohren haben wir beide festgestellt, wie unglaublich schmal die Wand zwischen Küche und Flur ist. Ähem. Da muss ich jetzt ein kleines Stück Wand überstreichen, denn da kam der erste Dübel doch glatt im Flur raus, von dem wir dachten, er wäre tief in der Wand verschwunden, woraufhin wir noch einen nachschoben.

Wegen Winzkühlschrank und daraus resultierender mieser Vorratshaltung nichts Vernünftiges im Haus gehabt, was ich dem Herrn hätte kochen können, woraufhin der gute Mann Pizza vom Italiener nebenan holte. Die esse ich dann heute, denn ich war noch von mittags satt, aber hey, wenn jemand Pizza holt, sage ich auch dazu nicht nein.

Gemeinsam eingeschlafen, erst zum dritten Mal in dieser Wohnung.

The Ultimate Sitcom

Langer Bericht in der NYT, der sehr gut aufzeigt, warum The Good Place so viel Spaß macht – und warum diese Serie etwas ganz Besonderes ist. Ohne Spoiler.

„The premise of “The Good Place” is absurdly high concept. It sounds less like the basis of a prime-time sitcom than an experimental puppet show conducted, without a permit, on the woodsy edge of a large public park. The show’s action begins in a candy-colored heaven in which new residents are welcomed to find their perfect soul mate, an ideal home and an eternal supply of frozen yogurt. (Flavors include Double Rainbow, Four-Day Weekend, Full Cellphone Battery, Panoply of Exuberance and Beyoncé Compliments Your Hair.) There is just one problem: Eleanor Shellstrop, our foulmouthed protagonist, does not belong anywhere near any kind of paradise. Eleanor is a comically awful person — in flashbacks, we see her refusing to be a designated driver, ruining a stranger’s quinceañera and selling fake medicine to the elderly. Her arrival at the Good Place seems to be a result of some kind of existential clerical error. Eleanor is understandably reluctant to confess this, particularly when she learns about the many horrors of the Bad Place: bees with teeth, four-headed bears, volcanoes full of scorpions and — unfortunately — “butthole spiders.” Out of sheer desperation, she decides to try something drastic: to improve herself. Eleanor manages to persuade her alleged soul mate, a Senegalese professor of ethics and moral philosophy named Chidi, to teach her how to be good. “How do we do it?” she asks. “Is there a pill I can take or something I can vape?”

This is the trick of “The Good Place.” Ethics is not some kind of moralistic byproduct; it’s baked into the very premise. The show is entirely life lessons. Every episode is Very Special. It synthesizes those old contradictory impulses — jester vs. guru — so completely that they cease to be in tension. If “Seinfeld” was a show about nothing, “The Good Place” is a show about everything — including, and especially, growing and learning. By all rights, it should probably be awful — preachy, awkward, tedious, wooden, labored and out of touch. Instead, it is excellent: a work of popular art that hits on many levels at once. It has been not only critically acclaimed but also widely watched, especially on streaming services, where its twists and intricate jokes lend themselves to bingeing and rebingeing. The modern world, perhaps, is hungrier for ethics than we have been led to believe.“

Der Artikel beschreibt auch, warum sich die Serie so viel dichter anfühlt als der übliche Lachfluff (der auch super ist).

„One day out of the blue, Pamela Hieronymi, a professor at U.C.L.A., got an email from [showrunner Michael] Schur, asking if she would speak to him about ethics. Hieronymi is not a TV watcher and had no idea who Schur was, but she agreed, and they ended up talking for three hours, largely about whether it is possible to become a good person by trying — about how intention and motivation color our moral behavior. Hieronymi was impressed by Schur’s earnestness and curiosity. It was clear that he didn’t just want to make jokes about philosophy; he wanted to actually understand the ideas. Eventually, Schur asked Hieronymi to join the show as a “consulting philosopher” — surely a first in sitcom history. Later he brought on Todd May, the author of that slim book about death. The consultants spoke not only to Schur but also to the writers’ room, giving lectures on existentialism and the famous thought experiment known as the Trolley Problem, ideas which were later woven into the show. All of which is to say “The Good Place” is not about philosophy in the way that “The Big Bang Theory” is about science — as a set of clichés to tap for silly jokes. A sitcom is not a grad school seminar, obviously, so the philosophy is highly abridged. But it is not insubstantial, and philosophical ideas actually determine and shape the plot.

At the beginning of Episode 6, Chidi holds up a book: a thick academic paperback with one of those devastatingly quiet covers (earth tones, Morandi still-life) that make you feel as if you will never be allowed to leave the library again.

Eleanor reads its title aloud — “What We Owe to Each Other” — and gasps.

“I saw this movie!” she says. “Laura Linney cries in a lake house because Jude Law left her for his ex-wife’s ghost.”

This synopsis, of course, is incorrect. The book is actually a dense work of philosophy by the Harvard emeritus professor T.M. Scanlon. It introduces an idea called “contractualism.” As Chidi explains it to Eleanor: “Imagine a group of reasonable people are coming up with the rules for a new society. … But anyone can veto any rule that they think is unfair.” (“Well, my first rule would be that no one can veto my rules,” Eleanor responds, to which Chidi counters, “That’s called tyranny, and it’s generally frowned upon.”)“ […]

Schur loved not only the central thesis of “What We Owe to Each Other” but also the book’s title. “It assumes that we owe things to each other,” he told me. “It starts from that place. It’s not like: Do we owe anything to each other? It’s like: Given that we owe things to each other, let’s try to figure out what they are. It’s a very quietly subversive idea.”

It is, in a way, deeply un-American — an affront to our central mythology of individual rights, self-interest and the sanctity of the free market. As an over-the-top avatar of all our worst impulses, Eleanor is severely allergic to any notion of community. And yet her salvation will turn out to depend on the people around her, all of whom will in turn depend on her. What makes us good, Chidi tells her, is “our bonds to other people and our innate desire to treat them with dignity.” As the show progresses, “What We Owe to Each Other” becomes a recurring character, popping up onscreen at several crucial plot points. This amazed Hieronymi — the last thing she had expected to see was her dissertation adviser’s book featured prominently on a network sitcom.