Bánh Mì mit Champignonpastete

Ja, das Brötchen sollte weiß, weich und fluffig sein, aber ich hatte Lust auf ein Körnerbrot. Geht auch. Ich gebe aber zu, dass helles Brot besser passt, wie ich gestern bei einer zweiten Mahlzeit feststellen musste. Die habe ich aber nicht fotografiert, ich wollte bloß noch mehr davon essen, weil toll. Das Rezept stammt von einem Kandidaten der derzeitigen Masterchef-Australia-Staffel und ist vermutlich nur mit VPN lesbar, wenn ihr nicht gerade in Melbourne seid.

Rezeptautor Tommy Pham nutzte Rindfleisch, ich habe Schweinefilet genommen, ging auch. Von den untenstehenden Zutaten sollte man sechs Sandwiches belegen können.

Erstmal ein bisschen Gemüse blitzeinlegen. In einer Schüssel

1/4 cup Zucker,
1/4 cup warmes Wasser,
1/4 cup Essig (bei mir Essigessenz, hatte ich noch von einem philippinischen Rezept da),
1/4 cup Reisweinessig sowie
eine dicke Prise Salz mischen.
1 Mohrrübe sowie
1/4 Daikon, beide in Juliennes oder feine Scheiben geschnitten, für 30 Minuten einlegen. Daikon hatte ich nicht, ich habe ein paar Gurkenscheiben genommen.

Nun die Champignon-Pastete machen. Ich kenne Bánh Mì nur mit Hühnerleberpastete, aber die Pilze gefielen mir gut, wenn sie auch nicht ganz so geschmacksintensiv wie Fleisch waren. Das hier ist ein eher zurückhaltendes Bánh Mì.

1/2 Zwiebel, in Ringe geschnitten, und
4 Knoblauchzehen, geschält und angedrückt, in
2 TL Pflanzenöl glasig braten.
500 g braune Champignons, halbiert (bei mir in Scheiben geschnitten), dazugeben und in ca. 15 Minuten goldbraun bis dunkelbraun braten. Fünf Minuten abkühlen lassen, dann in einen Mixer geben und stückchenweise
250 g kalte Butter einarbeiten, so dass eine Paste entsteht. Mit
1 TL schwarzem Pfeffer und
2–3 TL Fischsauce abschmecken.

Jetzt kommt die Zwiebelmajo. Dafür
75 g Schalotten in
1 EL Sonnenblumenöl leicht andünsten. Abkühlen lassen.
In einen hohen Mixbecher
1 Ei und
1 Eigelb geben, mit
1/2 TL Salz würzen und vorsichtig mit
3/4 cup Sonnenblumenöl auffüllen. Ein paar Minuten stehen lassen, damit das Öl sich setzen kann. Passt gut, dass auch die Schalotten noch auskühlen müssen. Nach der entsprechenden Zeit einen Mixstab auf die Eigelbe setzen und pürieren. Sobald sich eine dicke Emulsion gebildet hat, den Stab langsam nach oben ziehen, bis alles eine Masse ergibt. Die Schalotten dazugeben und untermixen.

Nun zum Fleisch. Erstmal die Marinade erstellen. In einem Mixer
3 Stangen Zitronengras, nur der weiße Teil, grob gehackt, mit
1 1/2 EL geröstetem Sesamöl,
3 EL Sonnenblumenöl und
1 TL Salz zu einer Paste mixen.
250 g Rindfleisch im Stück mit der Paste bestreichen und für 10 Minuten ruhen lassen. Danach scharf in Pflanzenöl anbraten, so durch, wie man es mag. Das Stück aus der Pfanne nehmen und für 20 Minuten in den Tiefkühler legen, damit man es danach besser schneiden kann. Ich habe diese Schritte sehr abgekürzt und mein Fleisch nur in Sesamöl angebraten, war auch gut.

Einen Dip brauchen wir auch noch, hier den vietnamesischen Klassiker Nuoc Mam. Kann man weglassen, aber ich liebe das Zeug, ich dippe da quasi alles rein, was nicht weglaufen kann.
In einer Schüssel
3 EL Zucker mit
3 EL Fischsauce,
3 EL Wasser,
2 EL Limettensaft,
2 Bird’s-Eye-Chilis, gehackt, und
1 Knoblauchzehe in Stücken oder Scheiben mischen.

Wenn alles fertig ist, zusammenbauen: Das Sandwichbrötchen halbieren, erst die Majo drauf, dann die Pastete, dann das Fleisch, das ihr in 3 Millimeter dünne Scheiben schneiden solltet – also nicht solche Brocken wie ich –, zum Schluss das eingelegte Gemüse obendrauf. Ordentlich Koriander dazu, wer mag, noch eine Chili sowie Frühlingszwiebeln (hatte ich nicht) und dann viel Spaß damit. Viele Servietten bereitlegen und am besten gleich zwei Portionen für jede:n einplanen.

Was schön war, Samstag bis Dienstag, 12. bis 15. Juni 2021 – Frauenabend, Fuppes, Frischluft

Fußball ist gerade nicht nur für mich, sondern auch für Papa super, danke, EURO 2020 aka 2021. Er ist abends inzwischen sehr schnell müde, und seit er in der Tagespflege ist, wo er vermutlich in einer höheren Frequenz angequatscht wird als zuhause, mag er die üblichen Lokalprogramme im Fernsehen nicht mehr so gerne sehen. Sonst liefen immer das Rote Sofa, Hallo Niedersachsen und dann die Tagesschau, bevor wir irgendeine Naturdoku suchten (danke, Öffentlich-Rechtliche, ihr habt immer irgendwo Landschaften oder Viehzeug). Momentan nervt ihn das aber, weil halt viel geredet wird.

Was ihn nicht nervt, ist Fußball. Keine Ahnung, ob es das monotone Bild ist – bunte Männchen auf grün – oder der monotone Ton – alle Kommentatoren dieser Welt, hier bewusst nicht gegendert –, aber bei Fußball ist er ruhig, guckt konzentriert und fiepst nicht tic-artig rum oder zuppelt an Dingen. Er versteht nicht mehr, wenn ein Tor fällt oder was generell passiert, aber Fußball, genauer gesagt, das 18-Uhr-Spiel, haben wir in den letzten Tagen gut zusammen schauen können. Normalerweise mache ich den Fernseher aus, wenn die Pflegenden kommen, aber vorgestern abend meinte der Pfleger launig, ich solle das ruhig laufenlassen.

Am Sonntagabend kam das Schwesterchen noch vorbei, wollte eigentlich nur ein Stündchen bleiben und blieb dann drei. Papa schlief schon, während wir drei Frauen der Familie auf der Terrasse saßen, ein Sektchen tranken, Erdnüsse knabberten und miteinander plauderten, während der Rasensprenger alles unter Wasser setzte. Erstmals seit Monaten alle maskenlos.

Auf dem Dachboden meiner Eltern stehen noch ein paar perfekt beschriftete Umzugskisten aus Hamburg, für die ich in München keinen Platz mehr hatte. Aus einer von ihnen konnte ich meinen Ventilator ziehen und musste so im Kinderzimmer nicht ersticken.





Das mit der Sektflasche ist kein Witz. Mama kann die nicht öffnen. Papa hat immer gesagt, Mama würde in einem vollen Weinkeller verdursten.

Tagebuch, Donnerstag/Freitag, 10./11. Juni 2021 – Im Norden

Donnerstag gefühlt den ganzen Tag Zug gefahren. Auf der Strecke München – Hannover wird anscheinend irgendwo gebuddelt, jedenfalls musste ich in Nürnberg umsteigen und zuckelte dann zwischen Fulda und Göttingen über jede Gießkanne unter schmählicher Auslassung von Kassel-Wilhelmshöhe. Das war das erste Mal, dass ich beim Einsteigen in einen Zug nochmal nach der Anzeige außen am Bahnsteig guckte und auf die im Zug – ein Wagen der 1. Klasse war komplett leer, im zweiten saßen zwei Damen. Zu denen setzte ich mich nach dem doppelten Anzeigencheck gut gelaunt und belegte total dreist einen Zweiersitz mit mir und meinem Koffer, wo ich sonst immer brav nur einen Einer buche. So konnte ich zwar nicht den Comfort-Check-in nutzen, aber das war’s wert.

In fünfeinhalb Stunden statt guten vier kann man dann auch deutlich mehr lesen. Oder dösen. Oder sich doch allmählich langweilen, aber dann auf Google die Strecke mitverfolgen. Das ist also Bebra. Kannte ich auch noch nicht.

Was ich schon auf der Zugfahrt nach Nürnberg am Dienstag feststellte: Durchgeimpft fährt es sich wieder deutlich entspannter Bahn. Wo ich mir in einem Jahr eine vermutlich überzogene Angst vor Menschen antrainiert hatte, gerne vom Bürgersteig auf den Radweg oder sogar die Straße auswich, wenn mir jemand entgegenkam, trotz beidseitiger korrekter Maskenbenutzung, war ich nun gefühlt fast wieder normal entspannt in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Ich hatte mich schon gefragt, ob sich der Zustand wieder einstellt, dass man eben einfach damit klarkommt, in einer Stadt auf viele Menschen zu treffen und in Zügen und U-Bahnen auch und das halt aushält. Ich wage zu behaupten: Ja, das stellt sich wieder ein.

Eine von den beiden Damen hustete eine Zeitlang sehr vernehmlich, und wo ich mich vor einem halben Jahr noch in einen anderen Waggon gesetzt hätte, guckte ich jetzt nur kurz hoch, ob’s ihr gut ging. Das tat auch die andere Dame und ich hörte: „Ich bin geimpft, ich hab mich verschluckt und der Husten liegt auch an den Herztabletten, verdammte Scheiße.“

Es wird.

Das Väterlein ist seit ein paar Wochen tagsüber von Montag bis Freitag in der Tagespflege, was meine Mutter sehr erleichtert. Er wird gegen 8 abgeholt und kommt gegen 16 Uhr wieder. In der Gruppe wird gemeinsam die Zeitung gelesen, er wird mit Frühstück, Mittag sowie Kaffee und Kuchen versorgt, sie machen Gymnastik (so gut das eben geht), er bekommt seine Physio dort, demnächst kommt ein Streichelzoo vorbei, wie ich gestern erfuhr, und er hält Mittagsschlaf. Dazu wird er aus dem Rollstuhl gehoben, was gut ist, weil er sonst zu lange in ihm sitzen würde. Er versteht nicht mehr, dass er eine theoretisch funktionierende linke Körperhälfte hat, weswegen er gerne schief im Stuhl hängt, wenn man ihm nicht hilft, es zu korrigieren.

Laut Eigenaussage gefällt es ihm sehr gut da, und er mag das Essen, vermutlich auch weil es irre viel davon gibt, wie ich von meinen Besuchen im November weiß. Er ist meist mehr erschöpft als sonst, logisch, aufrecht sitzen kostet mehr Kraft als im Bett zu liegen, das heißt, er schläft abends schneller und besser ein. Auch das hilft meiner Mutter sehr. Das soll jetzt nicht frohlockend klingen, yay, mein Vater ist erschöpft, aber es fühlt sich alters- und zustandsgerechter ein, früher müde zu werden und nicht erst ein Schlafmittel zu brauchen, weil er den ganzen Tag fast nichts machen konnte, was ihn anstrengt.

Ich bin mal wieder da, um das Mütterchen zu entlasten – und um noch 1000 Kleinigkeiten zu erfahren, die ich in wenigen Wochen brauchen werde, denn da fährt sie in die Reha und meine Schwester und ich sind dann zuständig. Eigentlich war die Reha schon für Januar genehmigt worden, aber vor ihrer Impfung wollte sie logischerweise nirgends hin, und wir wollten sie auch nirgends hinlassen.

Ich mache derzeit weiter die Dinge, die ich schon bei den letzten Aufenthalten gelernt habe, auch wenn der Tagesablauf nun wochentags etwas anders ist. Vieles hat aber weiter meine Mutter erledigt und daher renne ich gerade mit meinem Uni-Moleskine und gezücktem Stift neben ihr her, schreibe auf, was sie macht und notiere Dinge wie: Wo ist der Briefkastenschlüssel, wie heißt der Urologe und wo steht seine Telefonnummer, wen rufe ich an, wenn Pflegeprodukt XY fehlt, wann werden hier die Mülltonnen abgeholt und so weiter und so fort.

Große Vorfreude auf drei Wochen im alten Kinderzimmer *hust*. Passt schon. Es ist für einen guten Zweck.

Außerdem weiß ich jetzt, dass Waschmittel hier sehr lange hält.

Gestern konnte ich meine Mutter erstmals richtig vom Internet überzeugen. Das ist hier nämlich immer noch nicht vorhanden, ich blogge über einen mit dem iPhone erstellten Hotspot und muss vorher die Ecken im Haus suchen, wo LTE ist. Sie telefonierte mit der fünften Ansprechperson, es ging um einen Transport von Vaddern (lange Geschichte), und dann fragte die Dame am Telefon, ob Mama ihr die Genehmigung der Kasse vielleicht einfach fotografieren und mailen könne? Also unterbrach ich kurz den Livestream aus Kassel (Aufzeichnung), wo mein Doktorvater gerade ein paar provokante Thesen zu Werner Haftmann verteidigte, ließ mir von der Dame ihre Mailadresse buchstabieren, fotografierte zwei Seiten, mailte sie rüber und berichtete dem Mütterchen von der Antwort der Dame. Ich glaube, so langsam kann ich sie davon überzeugen, dass gerade E-Mail eine wirklich tolle Sache ist.

Über den Tag mehrere Dinge im Geiste abgehakt unter „kann ich verbloggen“, aber dann lief Türkei-Italien und ich habe alles vergessen. Donnerstag morgen noch über die EM gemeckert, jetzt wieder froh, Fußball mit Zuschauer:innen gucken zu können. Wie gesagt: Es wird.

Was schön (und traurig) war, Dienstag, 8. Juni 2021 – Abschied von Kalle und ein großartiges Buch über Essen

Ich erwähnte es bereits: Impfschutz komplett, die Bilderbeschaffung für den Diss-Druck liegt in den letzten Zügen, nur ein Berg Abbildungen fehlte noch und den musste ich selber ranholen. Die wenigsten Abbildungen habe ich aus Museen, dazu kommen ein paar aus Büchern und Zeitschriften gescannte Bilder, aber der Großteil liegt als Fotografie im Nachlass von Protzen im Kunstarchiv in Nürnberg. Von diesen Fotos brauchte ich nun druckfähige Scans. Eigentlich kein Problem, aber: Die Fotos sind auf diverse Kartons verteilt, haben keine Signatur oder ein anderes eindeutiges Identifizierungsmerkmal, und daher setzte ich mich, natürlich nach vorheriger Anmeldung, gestern erstmals nach Februar wieder in einen ICE, fuhr ins schöne Nemberch, spazierte den einen Kilometer vom Bahnhof ins Germanische Nationalmuseum, schloss wie immer mein Zeug im Untergeschoss ein und ging in den Lesesaal, wo ich mich, ebenfalls wie immer, erstmal an die Dame der grafischen Sammlung und nicht vom Archiv wandte, um mein Begehr vorzutragen, weil die halt näher an der Tür sitzt. Sie zeigte nur auf die Dame neben sich und meinte: „Sie waren doch schon mal hier.“ Ja, sorry. Ich bin von Abschiedsschmerz zerrissen. Aber sie hat ja recht. Es stehen sogar Schilder vor den beiden, damit man nicht die falsche belästigt.

Ich bekam den Vervielfältigungsauftrag ausgehändigt, den ich ausfüllte, genau wie den üblichen Benutzerantrag, und dann zückte ich meine liebevoll gebastelte Liste mit 58 Bildtiteln und clevererweise eingefügten Abbildungen in mieser Anke-Qualität, die ich im Laufe der letzten vier Jahre mit iPhone und/oder wackeliger Kamera erstellt hatte. Zu jedem Bildtitel hatte ich Kartonnummer und Signatur des Fotoalbums/des Umschlags/des irgendwas notiert und arbeitete mich nun durch mein eigenes Dokument. Nur sechs der 58 Abbildungen musste ich suchen, da wusste ich selbst nur grob, wo sie waren, weil ich es bräsigerweise nicht vernünftig notiert hatte. Die fand ich aber auch schneller als erwartet, legte auf jedes Bild einen Marker auf Papier, hakte es auf meiner Liste ab, blätterte dann einfach nochmal Zeug durch, wenn man schon mal da ist, und war nach nicht mal zwei Stunden fertig.

Ich gab meine Bilderliste einfach mit ab, damit auch stets klar ist, was ich haben will, das freute die für mich zuständige Dame. Dann fragte ich, ob ich den üblichen Scan-Preis von 20 Euro pro Archivstück zahlen müsste oder, wie in den Geschäftsbedingungen notiert, nur zehn, weil wissenschaftliches Werk? Antwort: nur zehn. Puh. Dann erkundigte ich mich nach den Reproduktionsgebühren, bei denen ich letzte Woche einen kleinen Herzinfarkt bekommen hatte, denn angeblich schlägt da jedes Archivstück mit mindestens 40 Euro zu Buche. Auch hier zählt wieder, dass ich ein wissenschaftliches Werk veröffentliche und keine launige Massenware, daher: null Reproduktionsgebühr. Aus dem Herzinfarkt wurde ein sehr großer Stein, der mir vom Herzen rollte. Die Bilder sind immer noch teuer genug, manche Museen nehmen gerne einen Fuffi pro Stück, bei einem Bild weiß ich schon, dass es als Titel gleich 100 kostet, und genau eins von denen wird vermutlich auch der Titel werden, insofern habe ich mich sehr über einige Spenden in den letzten Tagen gefreut, die bei mir ankamen. Werden alle einem sehr sinnvollen Zweck zugeführt.

Ich hatte alles besprochen, durchgeguckt und markiert. Ein letzter Blick auf die 15 Kisten Nachlass, dann verließ ich den Lesesaal und fing ernsthaft auf dem Weg zum Schließfach an, ein winziges bisschen zu weinen. Gut, dass ich eine Maske trug. Weniger gut: eine feuchte Maske nervt total. Den Weg zum Bahnhof legte ich ohne zurück, dann setzte ich am Gebäudeeingang die feuchte Maske auf, entschied mich um, warf sie weg und zückte eine neue aus dem Rucksack.

Der Zug nach München war dann auch extra nett zu mir und hielt nicht in Ingolstadt, der Nervensäge, weswegen ich schon zur Mittagszeit wieder zuhause war. Dort korrigierte ich die Dinge, die ich im Archiv noch hektisch ins Textdokument eingefügt hatte – irgendwas findet man ja immer noch, was man jahrelang nicht gesehen hat –, und damit ist meine Zeit mit dem Nachlass jetzt zuende. Fieps.

Auf Hin- und Rückfahrt las ich in einem Buch, das mir F.s Vater zur Promotion geschenkt hatte: Tikim: Essays on Philippine Food and Culture von Doreen G. Fernandez, eigentlich von 1994, 2019 neu aufgelegt. Im Vorwort von Aileen Suzara fand ich diesen schönen Gedanken zu Essen aus verschiedenen Kulturräumen:

„What happens when immigrants (and the next generations) adapt traditional cooking to a new home? As I write this, a new wave of Filipino American chefs is in the midst of a culinary revival. The mainstream U.S. media is now casting (positive) attention on the foods of a majority-minority community long “hidden” in plain sight. Some chefs emulate family recipes, while others blend influences even as they bend traditions. All are cooking within a new context, with different ingredients and audiences. Yet we cannot forget that young chefs now in the spotlight stand on the shoulders of earlier generations, who struggled with economic and racially discriminatory barriers yet inscribed their mark onto the food world. I wonder how Doreen—no purist—would have regarded this newest chapter in Filipino food and identity formation. “Food, like language, is a living culture,” she wrote. “The old ways are tested and true, the new ways are not necessarily betrayals, if they are appropriate and result in good food.”“

Filipino-Americans sind die zweitgrößte Gruppe von asiatisch-stämmigen Einwanderern bzw. ihren Nachkommen in den USA, weswegen sich dort philippinisches Essen in einigen Gegenden langsam durchsetzt – allerdings an die neue Umgebung angepasst. Zwei Schwestern von F.s Vater leben heute in Los Angeles; im letzten Familiennewsletter wurde ich erstmals erwähnt, was mich sehr gefreut hat:

„Anke likes to cook, and she recently had the good idea of buying a cookbook for Filipino food (by a Fil-Am author) and has tried out “Bistek Tagalog” and “Kare-kare”. Felix said that both meals were very good, capturing what he remembers from his visits and of course, the very good cuisine he enjoyed during his [Familienname] visits. So we are all looking forward to enjoying Filipino cooking on a larger scale after the pandemic.“

Aww! Und OMG der Erwartungsdruck!

Suzara weiter:

Tikim invites us along a lifelong journey of reconnecting to cherished foods. And in light of today’s rapidly changing world, it is a call to action. We live in a time of narrowing biodiversity and an industrialized sameness, when both species and traditions are vulnerable to disappearance. We live in an era when the climate and global food system is fractured and hurting, and immense structural changes are needed. “And how much of our history, and our beings, would be lost when these flavors vanish in the mists of the past?” Doreen asks us. It’s not enough to simply hope these traditions survive into the future. Just like in generations past, we all have a role to play.“

Im ihrem eigenen Vorwort (nicht komplett online) schreibt Fernandez, wie sie sich Mahlzeiten nähert, über die sie schreiben möchte. Es geht um mehr als darum, Synonyme für „schmackhaft“ zu finden.

„[T]he experience of food is ephemeral. What one puts into the mouth is the end result of a process that starts with the sea, the soil, animal life. In the act of cooking, we make statements about ourselves – about our understanding of relationships between ingredients; about our perception of taste and appropriateness. In the act of eating, we ingest the environment, but we do not stop at that, for we Filipinos make eating the occasion for ritual – and ritual the occasion for eating. We build ceremony around it; we create celebration. […] Eating is not just ingestion. Eating is the occasion for the rites and rituals of our lives. […] Eating is language that speaks of the nuances of what we are. Eating is making alive the various and variegated conjugations of our lives. […]

Writing about food should not be left to newspaper food columnists, or to restaurant reporters. It should be taken from us by historians of the culture, by dramatists and essayists, by novelists, and especially by poets. For it is an act of understanding, an extension of experience. If one can savor the word, then one can swallow the world.“

Diese schönen Sätze gebe ich euch mal für den Tag mit.

Was schön war, die ersten Junitage 2021

Eine gute Nachrichta aus dem Lenbachhaus – ich warte da noch auf einige Bilder, die erst fotografiert werden müssen und hatte damit gerechnet, die nicht mehr vor meiner Abgabe-Deadline zu bekommen, aber das scheint jetzt doch zu klappen.

Generell sind jetzt endlich alle Abbildungen klar, bestellt oder sogar schon bei mir eingetroffen, ebenso die Genehmigungen von zum Beispiel der VG BildKunst. So ganz allmählich füllen sich die leeren Stellen in meinem Abbildungsverzeichnis, das ich ebenso wie den Text für den Druck noch einmal überarbeitet habe.

Nicht ganz so schön: die ganzen Kosten, die auf mich zukommen. Ich dachte in den letzten Tagen mal wieder über Crowdfunding nach, auch weil mir das auf Twitter nahegelegt wurde, als ich mich zu einem kurzen Rant hatten hinreißen lassen, aber: nein. Möchte ich nicht. Ich habe keine Begründung außer: möchte ich nicht. Ich pumpe gerade Freunde (aka F) und Verwandte (aka das Mütterchen) an und komme damit besser klar.

Aus Gründen habe ich erstmals mit dem Ikea-Chat kommuniziert. Ich hatte eine Frage, aber keine Lust, die Hotline anzurufen. Daher klickte ich ins Chat-Fenster, berichtete kurz, worum es mir ging, und nach nicht einmal zehn Sekunden meldete sich „Monika“, die nach einer kleinen Nachfrage alles beantworten konnte; eindeutig per Copypaste, aber wurst, die Info hatte ich auf der Website nicht gefunden. Ich überlege seitdem, ob Monika KI war oder wirklich ein Mensch. Solche Fragen hatte ich vor 20 Jahre noch nicht.

Seit vorgestern ist mein Impfschutz komplett. Seitdem ich den Tag wusste, steht die Buchung im Kunstarchiv Nürnberg am kommenden Dienstag, wo ich ein allerallerletztes Mal im Nachlass Protzens wühlen werde und vor allen Dingen die letzten ca. 50 Abbildungen in Auftrag geben werde.

Gestern war aber trotzdem der Feiertag, denn da saß ich zum ersten Mal seit September, wenn ich mich richtig erinnere, wieder in einer Bibliothek, genauer gesagt, der im Deutschen Museum. Ich hätte gerne ein Pikkolöchen geöffnet oder Konfetti geworfen, ahne aber, dass das in Lesesälen nicht so gut ankommt.

Außerdem hätte ich gerne mal andere Bücher in Empfang genommen als „Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst“, was in zehn Zentimeter großen Buchstaben auf dem Einband steht. Ich behaupte, ich habe kurz eine hochgezogene Augenbraue des Bibliotheksangestellten gesehen. Zu Recht, Hase, zu Recht.

Ebenso schön wie wieder in einer Bib zu sitzen: dorthin zu radeln. Die Stadt war Freitagmorgen noch sehr leer, das Wetter genau meins, und ich habe jeden Meter geliebt.

War ganz und gar nicht schön, aber wie jeden Donnerstag sehr lehrreich: die Vorlesung von Michael Wildt an der Berliner Humboldt-Uni über den Holocaust, die per Zoom stattfindet.

So doof das gefühlt für alle ist, dass wir uns nicht mehr persönlich sehen, sondern nur noch per Bildschirm: Ich finde das großartig, Lehrveranstaltungen oder Konferenzen vom Schreibtisch oder sogar vom Sofa aus verfolgen zu können anstatt mich in Züge setzen zu müssen.

Die Vorlesung von Herrn Wildt gucke ich vernünftig gekleidet am Schreibtisch. Fühlt sich respektvoller an als im Schlafanzug auf dem Sofa.

Wir hatten am Donnerstag Feiertag, weswegen F. nicht nur gestern abend zu üblichen Date Night rumkam, sondern auch am Mittwochabend. Es gab unseren geliebten Allgäuer Käse, den ich jetzt gefühlt auch schon seit Monaten nicht mehr hatte (ich übertreibe vermutlich), und wir konnten gemeinsam den Tag beginnen. So wie theoretisch auch jetzt, aber ich tippe und der Herr döst noch. Das ist auch schön.

Links von Mittwoch, 2. Juni 2021

Monopol-Podcast „Kunst und Leben“: Die Documenta, die „Stunde Null“ und die Schatten der NS-Zeit

Habe ich noch nicht gehört, klingt aber hörenswert. Vermutlich werde ich nicht viel Neues erfahren, weil ich über kaum ein Thema in den letzten Jahren mehr gelesen habte, aber ich reiche das gerne an euch weiter. Wer keine Lust hat, den Podcast zu hören, kann sich schnell man die verlinkte Website durchlesen, da werden die ganzen Themen nämlich angerissen.

„Die erste Documenta gilt als Gründungsmanifest einer neuen demokratischen Moderne in Westdeutschland und spiegelt auf vielfältige Art die Geschichte der Bundesrepublik. Doch der Mythos von der “Stunde Null” in der Nachkriegskunst wird zunehmend hinterfragt. Neuere Forschungen haben enthüllt, dass es mehr Kontinuitäten mit der NS-Zeit gibt als bisher angenommen. So waren wichtige Ausstellungsmacher um den Documenta-Gründer Arnold Bode NSDAP-Mitglieder, allen voran der Kunsthistoriker und spätere Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin Werner Haftmann, der die ersten drei Ausgaben der Weltkunstschau maßgeblich prägte – und der nach neuen Erkenntnissen wohl auch SA-Mann war.“

The pandemic is getting worse, even when it seems like it’s getting better

Oder wie (wer?) mal sagte: Nobody is safe until everybody is safe.

„A majority of Americans have received at least one dose of a coronavirus vaccine, and daily new infections and deaths are at their lowest levels in almost a year. The pandemic is slowly receding from the daily lives of many Americans as businesses open up and local authorities ease restrictions. Britain, which on Tuesday reported no new coronavirus-related deaths for the first time since March 2020, can also see the sunlit uplands of a post-pandemic future.

“Covid-19 won’t end with a bang or a parade,” wrote Devi Sridhar, chair of global public health at the University of Edinburgh. “Throughout history, pandemics have ended when the disease ceases to dominate daily life and retreats into the background like other health challenges.”

But the pandemic is hardly in retreat elsewhere. The emergence of more virulent variants of the virus in countries like Brazil and India and the slowness of vaccination efforts in many places outside the West have contributed to deadly new waves. Coronavirus case counts worldwide are already higher in 2021 than they were in 2020. The death toll almost certainly will be. […]

Public health advocates and international organizations recognize the main problem: The global gap in vaccinations. In the United States, there’s already discussion of booster shots for the general public, while front-line medical workers in some developing countries have yet to even receive a first dose of a vaccine. In a joint statement, the heads of the International Monetary Fund, the World Bank, the World Trade Organization and the World Health Organization laid out a $50 billion plan for collective action that would accelerate vaccine distribution to poor and middle-income countries and expand and diversify production capacity throughout the world.“

Materialized Histories

Eins meiner neuen Lieblingsblogs: frei lesbare Texte zu historischen Gegenständen. Auf deutsch, trotz des Titels. Einfach mal durchklicken.

Ich lernte zum Beispiel, dass vor der Weimarer Republik Reisepässe auf Männer ausgestellt wurden, in denen Ehefrauen als „Begleitung“ geführt wurden: „Der Pass meiner Großmutter.“

„Dass ein Pass für zwei Personen ausgestellt wurde, ein «Familienpass», wie es die Passverordnung vorsah, ist aus heutiger Sicht auffallend. Das Nebeneinander der Passfotos aber auch das Nebeneinander der Personenbeschreibung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es kein Pass für zwei gleichberechtigte Personen war. Der Pass führt den Ehemann als «Passinhaber» auf, die Ehefrau als seine «Begleitung».

Die Weimarer Verfassung hatte in Art. 109 festgehalten: «Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.» Ein Meilenstein in der Geschichte der Gleichberechtigung! Auch wenn die Reichweite des Begriffes der «staatsbürgerlichen Rechte» unklar blieb, das allgemeine Wahlrecht war damit eingeführt. Zu diesem Zeitpunkt hatten in Europa nur in den skandinavischen Ländern Frauen das Wahlrecht. Nicht nur staatsbürgerliche Rechte standen jetzt auch Frauen zu, auch die Ehe – so Art. 119 der Verfassung – «beruht auf der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter». Dieser bahnbrechende Grundsatz aber widersprach dem weiterhin geltenden Privatrecht. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) hiess es nämlich: «Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu.»

Der Wortlaut des Passes folgt also der patriarchalen Geschlechternorm des BGB und nicht der Verfassung. Er zementierte den abhängigen Status der Ehefrau, verweist aber noch auf weitere Ungleichheiten. Die Ehefrau führte gemäss BGB (§1355) nach der Heirat den Namen des Ehemannes. Auch liess der Pass nur Raum für die Eintragung einer Staatsangehörigkeit, da die Staatsangehörigkeit des Mannes auch die seiner Ehefrau bestimmte. So war im Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz (RuStAG) von 1913 verankert: «Durch die Eheschließung mit einem Deutschen erwirbt die Frau die Staatsangehörigkeit des Mannes» (§6), und «durch Eheschließung mit dem Angehörigen eines anderen Bundesstaats oder mit einem Ausländer» verliert «eine Deutsche» ihre Staatsangehörigkeit (§17, 6)»“

Liebster Tweet gestern:

Liebster Reply:

Gelesen im April und Mai 2021

Wolfgang Koeppen – Tod in Rom

Ein eher unangenehmes Leseerlebnis, aber nach 50 Seiten ahnte ich, dass das genau so sein soll. Kaum sympathische Figuren, eine eher resignierte Abhandlung der nicht durchtrennten Linien zwischen NS und Bundesrepublik. Genauso lesenswert wie die anderen beiden Romane Koeppens, wenn es mir auch inzwischen sehr schwer fällt, die ständige Misogynie des Verfassers auszuhalten.

Florian Zinnecker/Igor Levit – Hauskonzert

Sehr vergnügliche Lektüre, hat man in drei Stunden durch, ich erwähnte es kurz (letzte Absätze).

Helga Schubert – Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten

Kann man machen, muss man aber nicht, ich erwähnte es. Dort steht auch gleich etwas zum nächsten Buch, das man ganz dringend machen sollte:

Ilko-Sascha Kowalczuk – Die Übernahme

Äußerst aufschlussreich und lesenswert. Hier erwähnte ich eine Rezension sowie den Hinweis auf die günstige Ausgabe der BPB.

Victor Klemperer – LTI. Notizbuch eines Philologen

Natürlich lesenswert. Macht allerdings überhaupt keinen Spaß und hat bei mir auch recht lange gedauert. Das Buch ist netterweise als Essaysammlung aufgebaut, so dass man es zwischendurch auch mal weglegen kann. Erwähnenswert ist der sehr ordentliche Endnotenapparat, zumindest in meiner Ausgabe.

Gisela Kraft – Rundgesang am Neujahrsmorgen

Nach einem Drittel quergelesen; fing gut und sprachspielerisch an, ging mir dann genau deshalb schnell auf die Nerven. Hab schon wieder vergessen, worum es ging.

Brit Bennett – The Vanishing Half

Die Geschichte von zwei Schwarzen Schwestern, von denen eine sich als weiß ausgibt, hat mir sehr gefallen. In zwei Tagen verschlungen.

Hans Fallada – Kleiner Mann, was nun?

Ganz große Empfehlung. Ist jetzt nicht gerade ein neues Buch, aber genau deshalb. Hat mich erstmal verstummen lassen.

Maren Gottschalk – Wie schwer ein Menschenleben wiegt. Sophie Scholl. Eine Biografie

Nach dem seltsamen Insta-Account, der so tut, als ließe er uns an Scholls letzten Monaten teilhaben, wollte ich doch mal etwas mehr wissen als das Heldinnenbild, das ich seit Schulzeiten mit mir herumtrage und nie hinterfragt habe. Gottschalk durfte mit dem Nachlass arbeiten, zitiert aber häufiger aus dem Briefwechsel zwischen Fritz Hartnagel und Scholl, der mir zwar viel über die Beziehung der beiden verrät, mir aber dann doch eher egal war. Ansonsten: ordentlich gearbeitet, manchmal ein bisschen zu viel retrospektives Rumgeraune, gut lesbar geschrieben. Ich hätte gerne mehr über Hans Scholls Weg in den Widerstand erfahren sowie über die Flugblätter, ahne aber, dass sich die internen Diskussionen über deren Inhalte nicht weiter nachverfolgen lassen als Gottschalk das gemacht hat. Ansonsten verweist sie auf Hans Günter Hockerts Aufsatz „Die Weiße Rose im Widerstand. Gesicherte Deutungen – strittige Fragen“ von 2011 (Heft 5/2011). Man kann die Flugblätter natürlich auch alle online lesen.

Yaa Gyasi – Homegoing

An einem Tag verschlungen. Auch hier geht es wieder um zwei Schwestern, die allerdings erst spät voneinander erfahren. Das Buch erzählt von ihren Nachfahren, die sich teilweise am afrikanischen Sklavenhandel beteiligt haben, teilweise unter ihm litten, und verknüpft sieben Generationen mit Leichtigkeit. Einziger winziger Meckerpunkt wären die Klischees über die Schwarze Bevölkerung der USA in der Neuzeit, aber vielleicht fielen sie mir nur auf, weil ich sie besser kenne als Klischees über die Einwohner von Ghana.

Nicht im Bild, weil ich es schon wieder in die Bibliothek getragen habe: Theresa Sepp – Ernst Buchner (1892–1962): Meister der Adaption von Kunst und Politik. Ich erwähnte vermutlich öfter, wie gelungen ich diese Diss fand.

Ebenfalls nicht im Bild, weil als eBook gelesen: Nicole Diekmann – Die Shitstorm-Republik: Wie Hass im Netz entsteht und was wir dagegen tun können. Lesenswert geschrieben, alles brav belegt, mit für mich interessanten Zahlen unterfüttert („Lediglich fünf Prozent der Deutschen nutzen Twitter [2020] wöchentlich“, während Facebook 2019 satte 32 Millionen Nutzer hatte) und sogar mit einem hoffnungsvollen Ausblick. Bei mir persönlich blieb allerdings hängen, mich eher von Twitter entfernen zu wollen. Mein Facebook-Account existiert schon länger nicht mehr, und wenn ich nicht so gerne Torten und Blümchen angucken würde, wäre ich auch nicht mehr auf Insta, aber da schaffe ich den Absprung noch nicht. Clubhouse habe ich nach zwei Tagen deinstalliert, gibt’s das noch?

The one where the friends I never had were there again

(Der Blogpost enthält ein paar Spoiler der Reunion-Folge, die vorgestern in den USA ausgestrahlt wurde.)

Ich weiß nicht mehr, wann ich angefangen habe, „Friends“ zu schauen. Die Wikipedia verrät mir, dass die Serie ab August 1996 in Deutschland lief, in den USA war sie im September 1994 gestartet. Ende 1999 zog ich von Hannover nach Hamburg und entdeckte eine Videothek um die Ecke. Dort versorgte ich mich von nun an an jeden Freitagabend mit einem Riesenstapel DVDs, gerne mal eine komplette Serienstaffel, guckte sie am Wochenende durch und schrieb kurze Filmkritiken, aus denen dann 2002 ein Blog wurde, nämlich dieses hier.

Ich lieh mir „Friends“ nur aus Neugier aus, ich kannte ja die Folgen, war aber sofort begeistert: Phoebe, die ich auf Deutsch stets als totale Nervensäge empfunden hatte, war auf einmal lustig! Bisher waren die Comics mit Calvin und Hobbes meine Quelle für tolle englische Vokabeln gewesen, ab jetzt lernte ich die Pointen von Chandler auswendig. (Could I BE any more mainstream?) Die „Friends“-DVDs waren mit die ersten originalsprachlichen, die ich käuflich erwarb, damals noch von Amazon UK, wo sie gefühlt irre teuer waren, egal. Ich las damals schon in diesem neuen crazy Internet, was in den Staffeln passierte, denn ich konnte die DVDs natürlich erst nach Ende der kompletten Staffel kaufen und war so immer ein Jahr hinter den Ausstrahlungen hinterher. Ich ahne, dass es auch damals schon möglich gewesen wäre, an aktuelle Folgen zu kommen, aber damit kannte ich mich nicht aus. Ich las, wartete ein Jahr, gab viel Geld aus und guckte dann eine komplette Staffel nach. Gerne mehrmals, denn jetzt besaß ich sie ja und musste sie nicht wieder in die Videothek tragen.

(Hier bitte ein Foto der runtergerockten Verpackungen vorstellen; die DVDs liegen, natürlich, bei meinen Eltern auf dem Dachboden in einer Hamburger Umzugskiste. Bevor ich mit Kai in Hamburg zusammenzog, warf ich alle meine Videokassetten weg, beim Auszug und Umzug nach München dann nochmal einen Berg DVDs, aber die „Friends“ sind noch da.)

Wenn ich mir einen neuen Rechner kaufe, überspiele ich meist den kompletten Inhalt des alten auf den neuen, denn jetzt habe ich irre viel Platz. So liegt auch auf diesem Macbook ein Dokument, das ich auf meinem allerersten iBook getippt habe, Ende 2001, es heißt Hospital Diary. Im Oktober 2001 wurde ich an der Bandscheibe operiert, allerdings nur so halb erfolgreich. Nach vier Wochen Krankenhaus kamen fünf Wochen Reha, die Daten hatte ich gar nicht mehr im Kopf, die stehen aber so im Hospital Diary, das ich gestern nach Jahren erstmals wieder las. Ich hatte natürlich das iBook im Krankenhaus – um Musik zu hören und zu schreiben und um DVDs zu gucken. Die einzige Serie, die ich mir mitbringen ließ: ihr ahnt es. Die einzige Serie, von der alle bis dahin erschienenen sechs Staffeln mit in die Reha-Tasche kam: genau. Aus dem Hospital Diary wurde kein Reha-Diary, alles, was ich dort tat, war gehen und pinkeln zu lernen und „Friends“ zu gucken; wenn ich mich richtig erinnere, guckte ich alle sechs Staffeln mehrere Male und es wurde nicht langweilig.

Inzwischen ist „Friends“ ein Phänomen: Durch Streaming-Services wird die Serie von einer neuen Generation entdeckt – die allerdings auf Dinge aufmerksam macht, die mir damals nicht aufgefallen waren, weil ich mich schlicht nicht mit ihnen beschäftigt hatte. Ein Beispiel: Alle sechs Hauptdarsteller:innen sind weiß, was bei heutigen Castings vermutlich nicht mehr so locker durchgehen würde. Generell finden sich auch in den Nebenrollen kaum People of Color, es fällt sehr auf, wenn es einmal nicht so ist. Dieses Problem war mir schlicht nicht bewusst, weil ich meine Hautfarbe noch nie hinterfragen musste bzw. weil mir damals noch nicht klar war, dass sie mir Vorteile einbrachte.

Was mir allerdings auffiel, war natürlich „fat Monica“. Dass Dicksein in Filmen oder im Fernsehen etwas irre lustiges ist, dass dicke Menschen lächerlich sind, hatte ich schon gelernt und hinterfragte auch das nicht. Gleichzeitig sah ich hier eine dicke Frau, die tanzt und isst und der es offensichtlich gut geht – bis die Show es dadurch ruinierte, dass sie sich nach 20 Sekunden körperlicher Betätigung schnappatmend setzen muss. Meine Gefühle für „fat Monica“ ähnelten denen, die ich mir selbst gegenüber hatte: Ich bin doch eigentlich okay, aber dann doch nicht, aber dann doch. Das ganze löste sich erst auf, als ich fast 40 war, und wenn ich einen miesen Tag habe, weine ich über die ganzen guten Tage, die ich mir 40 Jahre lang selbst versaut habe, weil ich dachte, ich wäre nicht gut so, wie ich bin. Ich hinterfragte viel zu spät die Idee, dass ich erst glücklich sein kann, wenn ich dünn bin, was offensichtlich Blödsinn ist. Insofern spiegelten die Szenen, in denen „fat Monica“ eine punch-line ist, meine eigenen Empfindungen, lösten sie aber nicht auf oder machten sie besser. Das fiel mir aber erst auf, als ich mit mir selbst im Reinen war.

Ich sah die Serie über die letzten 20 Jahre mehrfach, ich weiß nicht, wie oft, vermutlich auch durch die Verbundenheit, die ich während der Reha mit ihr entwickelt hatte – sie war immer irgendwie Teil meiner Heilung. Durch die Streams oder generell den dunklen Ecken des Interwebs kann ich jede Folge jederzeit ansehen, und in Zeiten, in denen mich die Realität überfordert, mache ich genau das. Nach „Friends“ gab es einen „How I Met Your Mother“-Rewatch, der ähnlich schlecht gealtert ist (alles, was Barney sagt), danach die „Gilmore Girls“ (auch bei ihnen kann man sehr viel hinterfragen, aber Rory aka Bookbag rettet zumindest in den ersten Staffeln viel) und dann guckte ich erneut „Friends“, obwohl ich inzwischen wirklich jeden Gag kommen sehe, weil ich ihn schon so oft gesehen habe. Es ist trotzdem immer noch lustig, und die unlustigen Sachen werden vorgeskippt.

Ich wusste nicht genau, was ich von der Reunion der Darsteller:innen halten sollte. Im Trailer war James Corden zu sehen, und ich befürchtete eine ähnlich banale Episode wie die zum Ende der Serie, in der Conan die Interviews führte (müsste auf Youtube sein). Netterweise ist die Talkshow nur ein kleiner Teil der Episode, wenn er auch einige für mich interessante Dinge zutage förderte. Zum Beispiel die Antwort Lisa Kudrows auf die Frage, ob man nicht vielleicht doch noch weitere Folgen drehen …? Sie sagte sehr klar, nein danke, alle Figuren hätten ein gutes Serienende bekommen, und irgendwann müsse man erwachsen werden.

Das war genau das Gefühl, mit dem ich die Show sah. Sie war teilweise unangenehm, weil sie zum Beispiel Matthew Perry verdächtig oft nicht im Bild hatte. Er erzählte, wie er panische Angst davor gehabt hatte, keine Lacher zu bekommen bei seinen Witzen, was seiner Alkohol- und Tablettensucht, wenn ich den Tabloids glauben darf, noch eine Ebene verleiht, die mir bislang nicht so klar war. Immer vorausgesetzt, dass der Mann die Wahrheit sagte und nicht das, was eine schlaue PR-Beraterin ihm aufgetragen hatte, weil sehr deutlich zu sehen ist, dass er von allen sechs am dramatischsten gealtert ist. Auch die plötzliche Offenbarung, dass Aniston und Schwimmer angeblich in der ersten Staffel ineinander verknallt waren und diese Gefühle in Ross und Rachel kanalisiert hatten, kam mir beim zweiten Sehen eher quatschig und inszeniert vor, damit die Reunion noch ein paar andere Schlagzeilen produziert als „OMG they are OLD!“

Die wohlfühlige Inszenierung des Ganzen ließ mich außerdem sehr vergessen, dass alles natürlich kalkuliert und kein launiger Dienst an den Fans war; soweit ich weiß, sollte das Special eigentlich als Promo dienen für den neuen Ausstrahlungsort in den USA, wo „Friends“ (gerade) nicht auf Netflix läuft. Und gut bezahlt wurden alle auch, aber das nehme ich ihnen nicht übel; der Bedarf scheint da zu sein, also vergoldet das ruhig.

Trotzdem haben einige Segmente mich sehr berührt, und damit sind wir wieder beim Erwachsenwerden. Ich mochte es, den Darsteller:innen zuzuhören, wie sie ohne Moderation in den nachgebauten Sets sitzen und Erinnerungen austauschen. In diesen Momenten fühlte es sich nicht inszeniert an, sondern so, als ob die „Friends“, die mit mir in der Reha waren und mir die Welt erträglicher machten, nochmal kurz in meinem Wohnzimmer waren. Ihnen zuzuhören, wie sie die Zeit vor 17 Jahren erlebt hatten, ließ auch mich nachdenken. Das mag eine Binsenweisheit sein, aber mal wieder zu merken, wie sehr man sich verändert, wie man sich weiterentwickelt hat und wie weit man gekommen ist in dieser Zeit, war schön für mich. Und gleichzeitig traurig, weil in der Zeit auch einiges auf der Strecke geblieben ist.

Es ist im Moment nicht alles einfach, es ist sogar vieles schwierig, aber trotzdem hat es mich gefreut zu sehen, was aus diesen Menschen, deren inszenierte Freundschaft mir lange sehr viel bedeutet hat, geworden ist. Dass es natürlich irgendwo ein Job war. Dass dieser vorbei ist. Dass man andere Dinge mit anderen Menschen macht, weil man das halt macht nach 17 Jahren. Dass es trotzdem in Ordnung und gut und vielleicht sogar heilsam ist, die Vergangenheit zu besuchen, so wie ich mich meist gerne an die alten Zeiten im Kino oder in der Kneipe erinnere, mehr als an die ersten beiden Werbeagenturen, in denen ich gearbeitet habe. Es ist aber genauso in Ordnung, die Vergangeheit ruhen zu lassen bzw. sich von ihr zu verabschieden. Das muss kein TV-Special sein. Man kann auch einfach ein Buch zuklappen, eine Nummer aus dem Handy löschen, einen neuen Job suchen oder ein Blog ausfaden lassen, weil Dinge auserzählt sind. Und in 17 Jahren wühlt man in einer Kiste und findet alte Postkarten. Oder erinnert sich an diese eine Wohnung, in der man. Oder an diesen alten Job, bei dem man. Man hält kurz inne, denkt nach und macht dann mit dem normalen Tagwerk weiter. Die DVDs sind noch da, der Streaming-Service ist bezahlt. Aber vielleicht habe ich gestern ein Kapitel abgeschlossen, von dem ich gar nicht wusste, dass es noch ein Ende brauchte. Oder um es mit Rachel zu sagen: „Now I have closure.“

Tagebuch Freitag/Samstag, 21./22. Mai 2021 – Impfreaktion und ESC

Der Freitagvormittag war in Ordnung, erst am frühen Nachmittag merkte ich, dass meine latenten Kopfschmerzen eher unlatent und anstrengend wurden. Mir war etwas übel und ich war sehr müde, also legte ich mich ins Bett mit dem Gedanken, na, so ein, zwei Stündchen ausruhen und dann gucken wir mal. Daraus wurden dann acht, ich wachte davon auf, dass mir sehr kalt war und ich einen Hauch Gliederschmerzen hatte. Ich würde es nicht als Schüttelfrost bezeichnen, mir ging es auch immer noch deutlich besser als bei einer anständigen Erkältung, aber ich fühlte mich nicht gesund. Also blieb ich im Bett, stellte den Wecker im Handy aus und schlief und schlief und schlief.

Seit Samstag mittag würde ich mich als gesund bezeichnen. Das war also die berüchtigte Nebenwirkung der zweiten Comirnatry-Dosis: nervig, aber im Vergleich zu einer Corona-Infektion eher pillepalle. Jetzt ist es Sonntagmittag und ich fühle mich sehr wohl.

Gebacken, gekocht, gelesen, abends nur mal kurz eben in den ESC reingeschaltet – und dann euphorisiert, begeistert und beglückt die ganzen vier Stunden dabei geblieben. Mit ganz Twitter eine Party gefeiert und so gute Laune gehabt wie schon lange nicht mehr. Das war schön.

Generell etwas blogmüde gerade, aber ich weiß natürlich, dass sich das ändert, sobald ich diese Sätze getippt habe.

Tagebuch Donnerstag, 20. Mai 2021 – Zweitgeimpft

Ich war nicht mehr ganz so angespannt wie vor der Erstimpfung, ich konnte dieses Mal auch in der U-Bahn zur Messe lesen, mir fiel aber auf, dass sich meine Wahrnehmung einer zu höchstens einem Viertel besetzten U-Bahn geändert hat: Von „Oh cool, überall Platz“ bis hin zu „Ach du Scheiße, überall Menschen!“ Mal sehen, wann das wieder weggeht.

Ich stieg gleichzeitig mit einem Herren aus dem Bus, der einen von der U-Bahn bis vor die Tür des Münchner Impfzentrums bringt. Auch er steuerte profimäßig auf die erste Drehtür des Gebäudes zu, hinter der sich die Menschen sammeln sollten, die zur Zweitimpfung aufliefen. Erneut riefen Freiwillige, welche Tür für wen ist, ich hörte kaum noch zu, ich bin ja auch schon Profi. Es wurde wieder kontaktlos Fieber gemessen, „Zur Zweitimpfung? Danke, Sie können weitergehen.“ Dann musste man wieder den Perso vorzeigen, dieses Mal in Kombination mit dem Zettel, den man bei der Erstimpfung mitbekommen hatte („Dokumentation Erstimpfung“). Dann durfte ich wieder durch den Gang gehen, nach dem ich beim letzten Mal links abgebogen bin und von dem es zu der großen Halle mit den Anmeldungen geht. Dieses Mal ging’s nach rechts, der Herr aus dem Bus weiterhin zehn Meter vor mir. Er zeigte einer der zwei Freiwilligen erneut seinen Zettel, auf dem der Impfstoff vermerkt wurde. Ich sah in der Halle schon die verschiedenen, mit Seilen abgetrennten Gänge mit den Impfstoffnamen, der Herr steuerte auf einen Biontech-Gang zu, ich wollte ihm wieder hinterherlaufen, wurde aber anders eingewiesen: „Bitte zwischen den zwei roten Linien lang.“ Oh, Fußbodenmarkierungen, die waren mir beim ersten Mal gar nicht aufgefallen.

Ich ging also auf einem anderen Biontech-Weg lang als mein Vorgänger, der steuerte auch den Kabinenblock an, in dem ich meine Erstimpfung erhalten hatte. Meine Seile lotsten mich weiter, ich war etwas verwirrt, dachte, dass ich gleich schon in der Wartezone wäre, in der man nach der Impfung noch etwas ausruhen soll, aber dann sah ich, natürlich, einen zweiten Kabinenblock. Dort kam gerade ein anderer Herr an, der von der Einweisedame nur mit Impfstoffname angesprochen wurde, aha, die Bodenmarkierungen sind nicht nur Deko, wer hätte es gedacht. „Moderna?“ Der Herr bejahte und wurde weitergelotst. Dann kam ich: „Biontech?“ Ich bejahte ebenfalls, wurde gebeten kurz zu warten, die Dame suchte eine freie Kabine, winkte mich heran, zog hinter mir den Vorhang zu, und noch bevor ich die Jacke ausziehen konnte, stand schon der Mediziner im Raum.

Ich setzte mich, beanwortete die Fragen, mir geht’s gut, mir ging’s die ganze Zeit gut, alles prima, aber eins wollte ich noch wissen. Ich hatte mich vor ein paar Tagen spaßeshalber auf der Seite des Impfzentrums eingeloggt, auf der meine Termine hinterlegt sind. Dort las ich verwirrt, dass noch keine Erstimpfung stattgefunden hatte. Ich kopierte mir daher vorsichtshalber den Zettel mit der Dokumentation der Erstimpfung, weil ich dachte, dass mir der vermutlich wieder abgenommen werden würde. Wurde er nicht, ganz im Gegenteil, „den bewahren Sie bitte gut auf, genau wie den von heute. Kopie machen ist immer gut.“ Diese Zettel sowie natürlich mein Impfpass sind nämlich die einzigen Belege, dass ich geimpft wurde; wenn die Zweitimpfung durchgeführt wurde, fliege ich nach einer kurzen Zeit automatisch aus dem System, und dann existiert kein digitaler Nachweis mehr. Der eh nicht wirklich existiert hat, weil keine Impfung verzeichnet wurde, obwohl ich eine erhalten hatte. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wer mir einen digitalen Impfpass ausstellen wird oder ob die QR-Codes auf den Zetteln mir da irgendwie weiterhelfen.

Die Zweitimpfung ging ebenso zackig voran wie die erste, ich wurde wieder in den Warteraum geschickt, aber davor bekam ich noch meinen Stempel; dieses Mal nur auf die Dokumentation, den im Impfpass hatte ich schon in der Kabine bekommen. Ich wurde von einem Orthopäden geimpft, wie mir der Stempel mitteilte. An den kleinen Schaltern für den zweiten Stempel geriet ich an eine junge Dame, die sich sehr darüber freute, dass ich schon zum zweiten Mal da war, woraufhin ich mich auch endlich mal offensiv freute und „Yeah“ sagte und die Beckerfaust machte, was sie dann auch tat. Das war schön.

In der Wartezeit schickte ich F. die übliche DM, der mit dem Emoji für den Roboterarm antwortete, worüber ich sehr lachen musste. Gesamtzeit Betreten der Halle bis Warteraum: gute fünf Minuten. Irre.

Auch dieses Mal nahm ich brav den Bus zurück anstatt zu Fuß zu gehen, um mich zu schonen, und merkte zu Hause, dass ich irrsinnig müde war. Ich hielt es noch ein paar Stunden mit Lesen, Kochen und Dösen aus, bis ich um 22 Uhr ins Bett fiel, also zwei Stunden vor meiner üblichen Zeit. Dieses Mal tat nicht mal die Einstichstelle weh wie noch beim ersten Mal, heute morgen ist sie etwas empfindlich, aber das fiel mir erst auf, als ich mein T-Shirt anzog und sie dabei anscheinend berührte. Ich trage weiterhin alles bei der SafeVac-App ein, obwohl ich mir ein bisschen albern dabei vorkam, „Müdigkeit“ einzutragen, aber so sei es.

Ab dem 3. Juni ist mein Impfschutz komplett und den ersten Aufenthalt im Kunstarchiv habe ich schon gebucht. #fuckcorona #thankyouscience

Tagebuch Dienstag, 18. Mai 2021 – Alte Taschenbücher

F. wurde gestern erstgeimpft, alles andere ist eigentlich egal.

OMG ich wollte nie eine von den Frauen werden, die auf die Frage „Wie geht’s?“ mit „Ach, mein Herzblatt hat grad Kopfschmerzen“ antwortet. Aber jetzt sind (fast) alle in meiner Blase der letzten 15 Monate mindestens erstgeimpft und das erleichtert mich sehr. Meine Mutter ist bereits zweimal geimpft, ich bin es ab morgen auch, Väterchen wartet noch bis Juli auf die zweite Dosis (AZ), meine Schwester in Niedersachsen ergatterte letzte Woche spontan einen Termin bei einem ihrer Fachärzte, die Eltern von F. sind auch erstgeimpft, nur mein Schwager ist zu schlank, zu jung und zu gesund, um schon eine Dosis abbekommen zu haben. Und so sehr ich mich darüber freue, wenn alle sich um einen Termin bemühen können, die es jetzt noch nicht können, halte ich die Aufhebung der Priorisierung zu Anfang Juni noch für verfrüht. Eben im Deutschlandfunk die launige Aussage von (vergessen) gehört, dass ja bereits 70 Prozent der Risikopatienten mindestens erstgeimpft sind. Ich kann nicht beurteilen, ob das meine inzwischen antrainierte Angst vor allem ist oder diese wissenschaftlich gerechtfertigt ist, aber wären 100 Prozent nicht besser? Rhetorische Frage, hat ja eh keinen Einfluss auf irgendwas, was gerade beschlossen wird.

Ich begann gestern ein neues (altes) Buch und schaute, warum auch immer, mal nach, von wem die Titelillustration ist: Sie stammt vom Ehepaar Karl Gröning jr. und Gisela Pferdmenges.

Aus purer Neugier guckte ich mal im Regal nach, ob ich noch weitere von den beiden gestaltete Titel hatte. Hatte ich.


(Auf Twitter sind die Bilder größer.)

Beim Googeln stieß ich auf diese Rezension eines Sammelbands über die „Taschenbücher der 1950er Jahre und ihre Gestalter“ (2016):

„Was haben Hemingways “Fiesta” und Camus’ “Die Pest” mit Kiplings “Dschungelbuch” und Tucholskys “Schloss Gripsholm” gemein? Nichts, außer dass sie 1950 bei Rowohlt erschienen in einer brandneuen Taschenbuchreihe, die das Buchgeschäft – Herstellung, Vertrieb und Verkauf – revolutionierte und die Lesegewohnheiten der Deutschen vom Kopf auf die Füße stellte. Rowohlts Rotationsromane, abgekürzt rororo, hieß das Logo, das aus der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit der BRD nicht wegzudenken ist, weil es nicht bloß den Umgang mit Büchern, sondern auch die Mentalität der Leser nachhaltig veränderte. […]

Ich habe die zitierten Titel mit Bedacht gewählt, weil nicht nur die Texte der Taschenbücher, sondern auch ihre künstlerisch gestalteten Umschläge Ikonen sind, die wie Filmplakate, Plattenhüllen und Hits der Fünfzigerjahre Erinnerungsschübe auslösen – nicht bloß bei Veteranen der Nachkriegsgeneration, zu der ich gehöre. Statt im Reißwolf oder Papierkorb zu landen, wie von Kulturpessimisten prophezeit, haben die Billigbücher ihr Verfallsdatum überlebt. […]

[N]och bevor er das Buch aufschlägt und den ersten Satz liest, ist er in die beklemmende Atmosphäre des Romans eingetaucht. Das ist das Verdienst von Karl Gröning jr. und Gisela Pferdmenges, die zehn Jahre lang die Umschläge entworfen und alle rororo-Bände gelesen haben sollen – kein Wunder, dass Gröning 1958 mit Burn-out-Syndrom in psychiatrische Behandlung kam. Die grafische Gestaltung war ein Alleinstellungsmerkmal, das die rororo-Bände von anderen Taschenbuchreihen unterschied und verkaufsfördernde Déjà-vu-Effekte auslöste – heute sagt man Markenbindung dazu. Das Umschlagbild ersetzte den Klappentext und war das Signum von rororo, so wie die zu Sechsecken stilisierten Fische der Fischer Bücherei.“

In diesem Spiegel-Artikel von 1951 erstaunte mich die damalige Beurteilung der heute so putzig-braven Cover:

„Der Druck des zweimillionsten ro-ro-ro-Taschenbuches gab im Druckhaus Chr. Jessen Sohn im schleswig-holsteinischen Städtchen Leck Anlaß zu einer Fête. […] Vom 17. Juni 50 bis zum 17. Juni 51 wurden von 32 verschiedenen Taschenbuch-Romanen 1,5 Millionen Exemplare umgesetzt. »Rechnet man ein Jahr mit 300 Arbeitstagen zu je acht Geschäftsstunden, dann ergibt sich: Alle fünf Sekunden wurde in Deutschland und der Welt ein ro-ro-ro-Taschenbuch gekauft!« verkündet Rowohlt triumphierend den Werbe-Slogan für die kommende Saison. […] Mittlerweile ist die Reihe bei 36 Titeln und annähernd zwei Millionen angelangt. Jeden Band statteten Karl Gröning jr. und Gisela Pferdmenges mit dem reißerischplakativen Umschlag aus, der ahnungslosen Lesern die Befangenheit vor literarischem Niveau nehmen soll.“

Sehr viel mehr habe ich über die beiden noch nicht herausfinden können, kein Nachlass irgendwo, nichts im Hamburger Staatsarchiv, bei dem ich geguckt hatte, weil zumindest Gröning in Hamburg-Ohlsdorf bestattet wurde, laut Wikipedia. Ist jetzt nicht wirklich wichtig, lenkte gestern kurz ab. Und ich konnte mich mal wieder über mein Bücherregal freuen und an Omi denken, denn der habe ich die Speyer-Bände und den Vaszary mal aus ihrem kleinen Regal geklaut.

(„Fête“, hihi. DIE DEUTSCHE SPRACHE IST IN STEIN GEMEISSELT DIE KANN SICH NICHT ÄNDERN DIE STERNCHEN MACHEN ALLES UNLESERLICH.)

Die Historikerin Fabiana Kutsche beschreibt gut, was mein Problem mit dem Instagram-Account von „Sophie Scholl“ ist. Ich habe es nur wenige Tage ausgehalten, dem Account zu folgen, bevor ich ihn schlicht unangenehm fand, aber es nicht weiter hinterfragt, warum eigentlich. Gut, wenn andere das tun:

„Darüber hinaus – und hier wird es hochproblematisch – tritt die Figur Sophie Scholl mit ihren Follower*innen in Kontakt. Dieser aus werbepsychologischer Sicht nur allzu logische Schritt bringt in der Umsetzung von historischen Stoffen jedoch große Probleme mit sich. Die bewusst „radikal subjektive“ Erzählung Sophies (SWR 2021c) muss an dieser Stelle mit dem Versuch der Bewahrung von historischer Authentizität brechen. Das historische Subjekt Sophie Scholl kann nicht mit uns interagieren. Während die bis zum 22.02.2022 vorgeskripteten Bild- und Videoinhalte zu einem gewissen Maße durch Recherchen und Drehbücher gelenkt werden können, kann nicht vorausgesehen werden, wie die Follower*innenschaft die Inhalte aufgreift. […]

Auch wenn mir darüber hinaus viele Gesichtspunkte des Projekts stilistisch missfallen, ist die vom Produktionsteam getroffene Entscheidung, mit den Nutzer*innen zu interagieren, der Dreh- und Wendepunkt, der das Projekt @ichbinsophiescholl meiner Meinung nach zu einer tickenden Zeitbombe macht. Das gewählte Format verlöre seine Vorteile und die gewünschte Social-Media-Authentizität, wenn Sophie aus der Rolle fiele und plötzlich moderierend auftreten würde. Der „radikal subjektive“ Ego-Bericht einer historischen Figur auf Instagram funktioniert nur in persona. Auf welcher Quellen- und Entscheidungsgrundlage diese Subjektivität beruht und wer über sie entscheidet, bleibt allerdings vollkommen schleierhaft. Zu keinem Zeitpunkt ist den Nutzer*innen bewusst, welche Äußerungen oder Entscheidungen historisch belegt oder fiktiven Ursprungs sind. Der Tauschhandel einer grundlegenden Quellenkritik gegen eine höhere Social-Media Authentizität wird nicht erst dann gefährlich, wenn die Kommentator*innen in antisemitische, rassistische und geschichtsrevisionistische Sphären driften.“

Tagebuch Montag, 17. Mai 2021 – Schreibtischglück

Muss man ja auch mal festhalten, wenn der Tag am Schreibtisch gut war. Gutes Alltagsessen gezaubert. Mit offenem Mund (und einer warmen Teetasse in der Hand) dem abendlichen Hagelschauer zugeguckt und einen Blitz von gefühlt zwei Straßen weiter gesehen.

Leider festgestellt, dass zwei meiner gern gesehenen Serien nicht verlängert wurden: all rise hatte tolle Frauenfiguren, die Storys waren mir meist egal, aber: tolle Frauenfiguren. Dazu The Unicorn: Ich hätte nicht gedacht, dass ich die Serie mögen würde (Witwer muss wieder daten, ächz), aber die hatte ein großartiges Ensemble. Auch hier waren mir die Storys fast egal, machte aber nichts, es gab schöne Dialoge und sehr lustige Darsteller*innen. Schade um beide, meiner Meinung nach.

Außerdem ein neues Buch angefangen und hervorragend geschlafen.

In zwei Tagen durchgelesen: The Vanishing Half von Brit Bennett, hier Rezensionen zur deutschen Ausgabe. Ich mochte das Buch sehr, auch in seiner sparsamen Sprache, die teilweise eher andeutet als ausführt. Gleich mal The Mothers, Bennetts ersten Roman, auf die Merkliste gesetzt.

Ebenfalls mit Gewinn durchgelesen: Theresa Sepps Diss über Ernst Buchner. Und mit durchgelesen meine ich durchgelesen, nicht das übliche Diss-Lesen: die zwei Kapitel, die einen wirklich interessieren, lesen, die anderen überfliegen oder ignorieren. Sehr gut geschrieben, nicht zu viel akademisches Gequatsche, sondern lesbar, unglaublich. Viele Fußnoten, aus denen ich ebenso viele Literaturtipps notiert habe. Den hier zum Beispiel: Laut Fußnote konnte Enderlein zeigen, dass „die ‚jüdische‘ Provenienz der Kunstwerke nicht zwingend zu einer Preisschätzung unter Marktwert führte“, was bisher mein Kenntnisstand gewesen war. (S. 186)

In Auktionskatalogen aus der NS-Zeit wurde Besitz von jüdischen Verkäufern (also meist zwangsweise versteigerte oder geraubte Gegenstände) mit einem Sternchen gekennzeichnet, hier ein Beispiel. Der Katalog macht es einfach, indem er schon im Titel von „teilweise nicht-arischem Besitz“ spricht. Bei den besternten Gütern konnte man, so mein bisheriges Wissen, davon ausgehen, dass sie günstiger zu haben waren als die nicht-besternten. Die Studie von Enderlein muss ich dringend lesen. (Auch hier wieder der kurze Gedanke, dass niemand, wirklich niemand von irgendwas irgendwas wissen konnte.)

An die Sternchen musste ich denken, als ich den gestern bereits verlinkten Artikel zu Schwarzer Geschichte und deren Rekonstruktion durch kaum vorhandene Archivalien las: „A quick look into an old city directory—one of the few mainstream historical sources that reliably included Black people—reveals that the building once belonged to a pair of brothers, Hammond and Charles Smith. I know it’s them, because the city directory was also segregated. Black-owned businesses were denoted by a small c, meaning “colored,” next to their name.“

Heute morgen retweetete ich ein Beckmann-Gemälde vom MoMA-Bot und stellte beim Klick auf den Link fest, dass das MoMA seit Kurzem (?) die gezeigten Werke auch im Rahmen von Ausstellungen abbildet. Dort kann man, wenn man Glück hat, auch die Kunstwerke neben dem eigentlich gesuchten anklicken. Sehr gute Sache.

Tagebuch KW 19 – Lesen, kochen, schreiben, auf die Impfung warten, wie immer halt

Diese blöde Eingabemaske von WordPress, die immer das Kästchen „Remember me“ angeklickt haben will.

Selten so viel geheult wie bei diesem Film.

Auf die Zweitimpfung warten, um mal die Überschrift zu konkretisieren. Noch drei Tage.

Der FCA bleibt erstklassig. So gerade eben, aber okay. Nach mehreren Samstagen, an denen mir Fußball egal war, habe ich vorgestern mal wieder ein Spiel geschaut und war doch erleichterter als erwartet. Aber im Prinzip ist es immer noch eher egal.

Das Wort „Trümmersaison“, das dieser BVB-Fan nutzte, fand ich großartig. Bitte googeln Sie selbst, wie wenig grün sich Schalke und Dortmund sind und wie Schalke gegen Frankfurt gespielt hat. (Falls Sie das Thema interessiert, wissen Sie das eh.)

Der Vertrag des Verlags für die Diss ist da. Das ist schön. Den kann ich jetzt nämlich an einige Stiftungen schicken, die mir hoffentlich Geld geben.

Austria’s newest citizens reclaim birthright stolen by the Nazis

Die Nachricht, dass Österreich es Nachkommen emigrierter, vertriebener oder ermordeter Juden und Jüdinnen einfacher macht, die Staatsangehörigkeit ihrer Vorfahren anzunehmen, freute mich sehr. Ich erinnere mich noch an einen Artikel aus der FAZ, den ich auf dem Weg nach Nürnberg ins Kunstarchiv las, dass Deutschland sich damit ewig schwer getan hat. Inzwischen scheint sich das auch geändert zu haben, sagt zumindest der Artikel. Es sollte mich nicht mehr überraschen, dass die Aufarbeitung der Folgen der NS-Diktatur immer noch an allen Ecken knirscht, ich lese schließlich seit über drei Jahren ständig davon, aber es erwischt mich immer noch.

„Rohrlich’s grandfather escaped before the outbreak of the war and got into Harvard in 1946, four years after his parents died in a concentration camp. Rohrlich, a 25-year-old resident of the Washington DC area, remembers trying to get memories of Vienna from his grandfather.

“Anytime we asked him about it, we would usually get a one-sentence answer,” he says.

A sobering piece of heritage which has reached him is the Gothic-lettered passport of his great-grandparents Egon and Cilly, stamped with the red “J” signifying they were Jews. Many of those who had to leave were not keen on talking about the experience. The priority was rather to draw a line under Austria and start afresh elsewhere. For their descendants, becoming Austrian citizens is often a way of reconnecting with their forebears.

“Now, being an Austrian citizen and an engineer kind of makes me feel closer to him,” says Rohrlich, referring to the fact he also shares his grandfather’s profession.“

The Gatekeepers Who Get to Decide What Food Is “Disgusting”

In Malmö steht seit 2018 ein Museum, das sich „Disgusting Food Museum“ nennt und eher spezielle oder lokal genossene Lebensmittel nicht nur präsentiert, sondern auch zum Verzehr anbietet. Sauerkrautsaft und Lakritz sind übrigens zwei davon. Das Museum führt ein Scoreboard, wer sich am meisten beim Probieren übergeben muss.

„An Icelandic shark dish, called hákarl, was the first assault on his stomach. “Eating it was like gnawing on three-week-old cheese from the garbage that had also been pissed on by every dog in the neighborhood,” he said. Next up was durian, a spiky, custard-like fruit from Southeast Asia that “smelled like socks at the bottom of a gym locker, drizzled with paint thinner.” But worst of all was surströmming, a fermented herring that is beloved in northern Sweden. De Meyer said that eating it was like taking a bite out of a corpse.

He vomited ten times, topping the museum’s previous record of six. Mercifully, admission tickets are printed on airplane-style barf bags.“

Die Autorin Jiayang Fan lebte bis Anfang der 1990er Jahre mit ihren Eltern in China und beschreibt ihre erste nicht-chinesische Mahlzeit an Bord des Flugs, der sie in die USA brachte:

„In a tinfoil-covered tray was what looked like a pile of dumplings, except that they were square. I picked one up and took a bite, expecting it to be filled with meat, and discovered a gooey, creamy substance inside. Surely this was a dessert. Why else would the squares be swimming in a thick white sauce? I was grossed out, but ate the whole meal, because I had never been permitted to do otherwise. For weeks afterward, the taste festered in my thoughts, goading my gag reflex. Years later, I learned that those curious squares were called cheese ravioli.

Olives were another mystery. In Chongqing, I had been introduced to them as a fig-like snack, dried or cured, that had a sweet-tart kick. In the U.S., I placed a dark-green drop onto my tongue and, for the first time in my life, spat something out of my mouth and into my palm. Salty and greasy weren’t what I was expecting, and my reaction was born as much of disgust as it was of having been deceived.

To be a new immigrant is to be trapped in a disgusting-food museum, confused by the unfamiliar and unsettled by the familiar-looking. The firm, crumbly white blocks that you mistake for tofu are called feta. The vanilla icing that tastes spoiled is served on top of potatoes and is called sour cream. At a certain point, the trickery of food starts to become mundane. Disgusting foods become regulars in the cafeteria, and at the dinner table.“

Der Artikel befasst sich generell mit den Vorlieben für Speisen, die wir seit der Kindheit kennen, der Entstehung von Ekel und natürlich auch mit der latent rassistischen Annahme, dass nur Dinge, die Westeuropa und die USA als schmackhaft bezeichnen, auch schmackhaft sind.

„As Peterson wrote, “The museum is trying to have it both ways—poking the bear, then backing away, hands raised innocently.” Even those who believe in the museum’s statement of purpose question whether it can be put into practice. The trouble with cultural institutions, Casey R. Kelly, the author of “Food Television and Otherness in the Age of Globalization,” said, is that those who run them can’t always control what’s being communicated. “On the one hand, the museum is introducing visitors to new foods,” he said, “but, on the other, there’s a cosmopolitan sanitization process at work,” in which foods are being stripped of their cultural context and then presented at a museum that keeps track of how many people they make vomit.“

The Game Is Changing for Historians of Black America

Sehr interessiert gelesen: wie digitale Hilfsmittel die Rekonstruktion Schwarzen Lebens erleichtern. Im Artikel lernte ich auch, dass selbst Archive segregiert waren, nicht nur Busse, Schulen und Trinkwasserbrunnen. Das heißt, dass weiße Menschen darüber entschieden, was von Schwarzen überliefert werden sollte. Falls es überhaupt etwas zu überliefern gab, auch darüber schreibt der Historiker William Sturkey, dessen eigene Forschung mit einem Foto begann, das er nicht zuordnen konnte. Er benennt Ancestry und Newspaper.com, das zu Ancestry gehört, und erwähnt auch, welche Gründe es neben der Rassentrennung für den schlechten Überlieferungszustand Schwarzer Geschichte in den USA gibt. Große Leseempfehlung.

„To research and write the stories of Black and white southerners is to undertake almost two entirely different tasks. Black artifacts and records have long been systematically destroyed and marginalized. Like water fountains and public schools, the creation of historical archives was once racially segregated. Archives are usually supported by state governments or private institutions and include a wide range of personal, organizational, and government documents. Extant collections typically reflect the prejudice of past white southern archivists who didn’t believe that the Black people who shared their society lived lives worth studying. When white archivists set out to collect documents they thought future historians would find most important, they often gathered only the photographs, ledgers, diaries, and letters produced by wealthy, white citizens. Most of these archivists didn’t think someone might someday want to study the lives of African Americans. Their racism prevented them from imagining that someone like me could ever exist.

Black people were also erased by the newspapers of the past. Many mainstream papers in the Jim Crow South didn’t mention African Americans unless they were arrested or killed. Sure, there were occasional features on church functions or sporting events, but in general Black communities received far less coverage than their white counterparts. Black southerners in Hattiesburg and elsewhere responded by starting their own newspapers. But many of those papers have been lost to time. While Hattiesburg’s Black community published several newspapers before World War II, only a single issue of one paper remains available today. When it comes to traditional sources, the historical record of Hattiesburg and many other Black communities is meager.

Environmental factors also conspire against researchers of Black history. Like many Black neighborhoods of the Jim Crow South, Hattiesburg’s Mobile Street District was built over a tenuous landscape. The neighborhood sits in a floodplain near the confluence of two rivers. Even if Black people had managed to save their own historical records, their neighborhood—and the materials housed within it—remained susceptible to destructive weather events. If a Black business created a ledger in, say, 1910, any number of minor or major floods over the ensuing decades could have destroyed it. The same is true of family Bibles, wedding photographs, community newspapers, and an endless number of other heirlooms that might have provided rich clues into the history of Black life.

Active racism, exclusion, and environmental injustice have systematically destroyed or buried whole sections of Black history. Many of those who gripe about “erasing history” of Confederate monuments and other symbols in the South have no idea how much history has already been erased. This erasure is part of the reason why the picture of the distinguished Black men in the window stopped me in my tracks. You don’t see many old pictures of Black people from that neighborhood.“

Gajar Matar mit Paneer

Oder anders: Erbsen und Möhren, indisch gewürzt, mit selbstgemachtem Frischkäse. Beide Rezepte stammen aus Indien. Das Kochbuch, ein Riesenklotz, aus dem ich viel zu selten koche, ich weiß gar nicht warum. Vielleicht haben mich damals, als ich das Buch geschenkt bekam, die vielen Gewürze noch eingeschüchtert, aber die sind inzwischen immer im Vorratskörbchen. Auf das Rezept für das vegane Erbsen-Möhren-Curry stieß ich auch eher durch Rumblättern, weil ich halt einen Berg Möhren zum Wegkochen und irgendwie Lust auf Kreuzkümmel hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, das Rezept verbloggen zu wollen, daher gibt’s nur die Handyfotos, die ich auf Insta werfe. Aber das hat so gut geschmeckt, dass ich es im Blog haben wollte.

Paneer kann man natürlich auch kaufen, aber wer Milch und Zitrone im Haus und ein Stündchen Zeit übrig hat, der hat auch Paneer. Ich habe von den unten angegebenen Mengen ein Viertel zubereitet, das ist die Menge, die im Bild zu sehen ist.

2 l Milch bei mittlerer Hitze aufkochen lassen. Hier hatte ich wieder Spaß mit meinem neuen Thermometer, das braucht man aber nicht, kochende Flüssigkeiten lassen sich ja hervorragend erkennen.
2 EL Zitronensaft zugeben, kurz mitkochen lassen, dann von der Flamme nehmen.

Durch den Saft trennen sich feste Bestandteile und Molke, kurz vorsichtig umrühren hilft. Alles durch ein Sieb abgießen, in dem ein Musselintuch liegt; bei mir ist das ein Leinen- aka ein fürs Passieren umfunktioniertes Geschirrtuch. Die festen Bestandteile bleiben im Tuch; dieses nun über der Masse zusammenführen, so dass eine Art Päckchen entsteht, den Frischkäse dabei nicht drücken (aber leicht in Form bringen hat ihm nicht geschadet). Das Päckchen über der Schüssel belassen, bis alles abgetropft ist. Der Käse kann nun so verzehrt oder in Stücke geschnitten angebraten werden, wie ich es gemacht habe.

Für das Gajar Matar
1 TL Kreuzkümmelsamen in
2 1/2 EL Pflanzenöl oder Ghee bei mittlerer Hitze ein paar Minuten anrösten, bis sie anfangen zu knistern.
2 Zwiebeln, gehackt, dazugeben und mitbraten, bis sie goldbraun sind.

1 Knoblauchzehe, fein gehackt,
1 cm frischer Ingwer, fein gehackt (bei mir gefroren und gerieben) sowie
1 grüne Chilischote, fein gehackt, dazugeben und unter Rühren 2 Minuten braten.

1 TL gemahlenen Koriander,
1 TL gemahlenen Kreuzkümmel und
1/2 TL Cayennepfeffer sowie
Salz nach Geschmack dazugeben und unter Rühren weitere 2 Minuten braten.

3 EL Wasser und
1 Tomate, gehackt, dazugeben und alles 2 bis 3 Minuten schmoren.

250 g frische Erbsen und
125 g Möhren, in Würfel geschnitten, dazugeben, die Hitze reduzieren, einen Deckel auflegen und alles schmoren, bis die gewünschte Bissfestigkeit der Möhren erreicht ist, circa 5 bis 8 Minuten.

Bei diesem Rezept macht das Mise en place schon fast so viel Spaß wie das Braten, mir jedenfalls. Ich habe TK-Erbsen verwendet und sie etwas später als die Möhren in die Pfanne gegeben. Außerdem habe ich alle Minutenangaben ignoriert und so gekocht, wie es für mich gut aussah. Im Bild ist die halbe Menge der Zutaten zu sehen, die hier notiert sind. Das Buch behauptet, die Mengen würden für vier Personen reichen; ich würde das ändern in „als Beilage für 4, als Hauptmahlzeit für 2“, und ich habe es alleine gegessen. Ähem. (Schmeckte halt.)

Ein unglaublich cremiges Dankeschön …

… an Jill, die mich mit einem Bratenthermometer überraschte. Das sehe ich ja dauernd auf „Masterchef“ und manchmal auch im „Perfekten Dinner“, dass Menschen ihre Fleischstücke mit einem Metallstift pieksen, der an einer Metallschnur hängt, die zu einem Display führt, das außerhalb des Backofens steht. Das sieht immer grundsätzlich besser aus als mein stiftförmiges Thermometer, das ich vor Jahren mal angeschafft hatte, ich weiß schon gar nicht mehr wofür. Es hat ein winziges Display und hängt auch eher selten vernünftig am Rand von Töpfen, in denen irgendwas vor sich hinblubbert, von dem ich gerne die Temperatur wüsste (meistens Öl zum Frittieren). Ich hänge also immer über dem Topf und balanciere das Thermometer und versuche es gleichzeitig abzulesen, was alles eher doof ist.

Jetzt habe ich eins, dessen Fühler man einfach irgendwo reinhängen (oder -pieksen) kann. Das formschöne Display hat einen Magneten auf der Rückseite, mit dem ich das Ding an meine Dunstabzugshaube kleben kann. Es hat außerdem einen etwas fragilen, aber immerhin, Klappfuß, mit dem man es auch einfach auf den Herd oder die Arbeitsplatte stellen kann, neben den Topf, in dem der Fühler hängt. Und es hat eine Anzeige, die groß genug ist, um vernünftig abgelesen zu werden.

Das musste ich natürlich alles erstmal ausprobieren und dafür nahm ich mir wieder ein Rezept von La Paticesse vor, ist klar, ich mache ja nichts anderes mehr. Diesesmal buk ich eine Tarte au citron, meine Ausführung mit weitaus weniger hübschen Fotos kommt noch, Endergebnis ist schon auf Insta, wofür ich Lemon Curd brauchte. Für den habe ich ja eigentlich ein idiotensicheres Rezept: alle Zutaten zusammenwerfen, im Wasserbad erhitzen, irgendwann dickt es ein und fertig. La Paticesse wollte es aber etwas anders: nur Eier, Zucker und Zitronensaft erhitzen, bis es eindickt, dann auskühlen lassen, dann kalte Butter unterrühren. Was für mich spannend war: die genauen Temperaturangaben, ab wann die Masse eindicken sollte, ich zitiere: „Ab ca. 68–70°C werdet ihr beim Rühren der Basis-Creme feststellen, wie sie langsam bindet. Bei mehr als ca. 84–86 °C ist aber spätestens Schluss, sonst droht Rührei.“

Ich verrührte Eier und Zucker im Topf, es war nicht mal ein Wasserbad nötig, Zitronensaft und Zesten dazu, Temperaturfühler in den Topf gehängt und unter Rühren den Ziffern auf dem Display zugeschaut. Den Fühler musste ich natürlich trotzdem halten, denn der Kochlöffel wollte irgendwo hin, aber schon das war an der Verbindungsschnur komfortabler als meinen alten Plastikstick in der Hand zu haben. Ich rührte und gucke und rührte und guckte und hielt ab den 60er-Graden den Atem an, bis die Masse wie auf Knopfdruck einzudicken begann. Ich quietschte und fühlte mich wie eine Naturwissenschaftlerin, hielt es bis 80 Grad aus und nahm dann den Topf vom Herd. Ich sieh alles durch ein Sieb ab und hatte eine herrliche Masse vor mir. Temperaturcheck: Nach dem Abkühlen sollte sie 30 bis 40 Grad haben, bei 38 griff ich zum Pürierstab und mixte die Butterstückchen unter. Dann zog ich den Stecker und leckte das erste Mal in meinem Leben den Quirl ab, weil ich kein Tröpfchen dieser herrlichen Masse verschwenden wollte und der Teelöffel kam nicht überall hin. So! Gut!

Vielen Dank für das Geschenk, ich werde heute alles messen, was sich temperieren lässt und habe mich sehr gefreut.