Tagebuch Freitag, 18. September 2020 – Zahnzusatzversicherungs-App

Eher mies geschlafen, habe gerade sehr viel auf dem Teller, von dem im Blog nichts steht. Unruhig rumgewälzt; ich wäre gerne noch mal länger eingeschlafen, aber ich wollte um 8 meinen Zahnarzt anrufen, um einen Termin zu bekommen. Also nölig halbwach gewesen, über Quatsch und Eventualitäten nachgedacht, um 8 dann geduscht und mit Kaffee intus ans Telefon gekrochen – „ich wohne fünf Minuten weg, ich könnte gleich da sein“ –, nur um festzustellen, dass er erst um 9 öffnet. Gna.

Um 9 angerufen, um 10.15 in der Praxis gewesen, Bescheid bekommen, dass das fehlende Stück Backendings Teil einer Krone war und nicht mehr Zahn, neue Krone abgenickt, hilft ja nichts. Auf meinen Hinweis, dass ich ab Dienstag für eine Woche nicht in München sei, ob das bis dahin ginge mit dem Zahn, meinte der Doc, ich könnte mit dem frisch ausgedruckten Heil- und Kostenplan auch direkt zur Krankenkasse fahren, ihn dort abnicken lassen und ihn dann Montag wieder mitbringen, da wäre gerade ein Termin freigeworden. Gesagt, getan. Ich weiß dann jetzt auch, wo meine Krankenkasse residiert (mit dem Fahrrad acht Minuten, sehr nett) und bemerkte interessiert, dass man dort nicht mehr einfach reingehen kann, sondern ein Wachmann einen abholt. Ich wurde gefragt, ob ich in den letzten drei Wochen in einem Risikogebiet war, ich vermeinte – zählt München schon dazu bei seit gestern nachmittag über 50 Neu-Infizierten pro 100.000, herrgottnochmal –, musste mir die Hände desinfizieren, und erst als ich im Raum war, der sehr leergeräumt und mit Plastikscheiben unterteilt war, kam auch ein Berater auf mich zu. Der konnte dann auch gleich am Telefon was mit der Praxis klären, die sich anscheinend bei irgendeiner kryptischen Nummer vertippt hatte, ich bekam die Unterschrift und kriege nun also Montag angeblich gleich eine neue schicke Krone und nicht nur ein Provisorium. Wir werden sehen.

Zuhause wollte ich den Kostenplan an meine Zahnzusatzversicherung schicken. Die hatte ich aber schon so ewig nicht mehr nutzen müssen, dass ich nicht mehr wusste, wie das ging. Ich hatte mir irgendwann aus Lust und Laune mal einen Zugang zur Online-Bearbeitung schicken lassen, den gab ich nun erstmals ein und stellte fest, dass es inzwischen eine App gibt, mit der man Dokumente scannen und sie damit an die Versicherung weiterleiten kann. Nichts mehr mit Antrag händisch ausfüllen und in einen Briefumschlag stecken, wie ich mich dunkel an den letzten Vorgang erinnerte; der war noch in Hamburg und ist mindestens zehn Jahre her. Ich scannte, schickte, bekam eine Empfangsbestätigung und kurze Zeit später den Vermerk „wird bearbeitet“ und warte jetzt gespannt.

Drei bestellte Bücher in der Bib waren noch nicht da, da muss ich leider Montag noch hin, obwohl ich sie gerne am Wochenende schon gehabt hätte, meh. Daher verdödelte ich den Resttag mehr oder weniger, gab mir sport-frei, guckte Serien und las weiter die Hamilton-Biografie. Ich bin jetzt im Jahr 1790, Hamilton ist der erste Finanzminister der Vereinigten Staaten und etabliert eine Organisation, die später Coast Guard genannt wird. Als Finanzminister wollte er nämlich sicherstellen, dass dem Staat keine Steuereinnahmen durch Schmuggler entgingen. Also sorgte er dafür, dass Leuchttürme errichtet – und gewartet – wurden und dass es Boote gab, die andere Boote abfingen.

„In constructing the Coast Guard, Hamilton insisted on rigorous professionalism and irreproachable conduct. He knew that if revenue-cutter captains searched vessels in an overbearing fashion, this high-handed behavior might sap public support, so he urged firmness tempered with restraint. He reminded skippers to ‚always keep in mind that their countrymen are free men and as such are impatient of everything that bears the least mark of domineering spirit. [You] will therefore refrain … from whatever has the semblence of haughtiness, rudeness, or insult.‘ So masterly was Hamilton’s directive about boarding foreign vessels that it was still being applied during the 1962 Cuban missile crisis.“ (S. 340)

Ich staunte mal wieder, oder auch nicht, über die Geistesleistung, Schwarzen Menschen diesen „domineering spirit“ als anscheinend nicht wahrnehmbar zu unterstellen. Dass dieses selektive Denken aber auch heute noch funktioniert, merkte ich bei einem Tweet, den ich heute morgen las. Gestern nacht verstarb Ruth Bader Ginsburg, die 1980 als erst zweite Frau an den amerikanischen Supreme Court berufen wurde. Auf die Frage, bei wievielen Frauen es denn genug sei, meinte sie: neun. Das erstaunte Menschen immer, meinte sie, dabei waren es jahrhundertelang neun Männer und das habe nie jemanden gestört.

Abends mit F. zusammen die Saisoneröffnung der Bundesliga geschaut, für die F. als Dauerkarteninhaber theoretisch hätte Karten bestellen können, was er natürlich nicht tat. Die wurden aber zugeteilt, wie ich meiner Twitter-Timeline entnehmen konnte. Wegen der derzeitigen Infektionszahlen mussten die Zuschauer:innen dann aber doch draußen bleiben. Bayern gewann gegen Schalke, das quasi nicht auf dem Platz war, mit 8:0. Heute ist Augsburg bei Union Berlin, wo, glaube ich, Zuschauer:innen anwesend sein werden. Ich erwarte Tweets wegen Wettbewerbsverzerrung ab 15.30 Uhr.

Tagebuch Donnerstag, 17. September 2020 – Neues Curry

Gemeinsam aufgewacht, das war schön. Den Vormittag am Schreibtisch verbracht und kunsthistorisch rumgedacht, das war auch schön. Sport gemacht, ganz hervorragend. Noch in Sportklamotten in die Küche gegangen, denn wenn ich eh schon schwitze, kann ich auch gleich mal lauter lustige Zutaten mit viel Muskelkraft und Ausdauer im Mörser zermatschen.

Zitronengras, Schalotten, Knoblauch, Galangal und Korianderwurzeln fein gehackt und zermörsert. Meine Handkaffeemühle dazu missbraucht, zehn getrocknete Chilischoten zu mahlen, was aber nicht so richtig funktioniert hat, die musste ich doch mit dem Messer kleinfitzeln. Koriander- und Kreuzkümmelsamen geröstet, und die konnte ich dann auch prima mit weißen Pfefferkörnern gemeinsam zermahlen. Alles zusammen mit Zimt, Nelken, Salz, Kardamom und ein bisschen Belachan zu einer Currypaste (Massaman) zermörsert.

Kokosmilch köcheln lassen, bis sie eindickt, Currypaste dazu, alles aufkochen, mit Fischsauce, einem Lorbeerblatt und Palmzucker würzen, ich habe Kartoffeln, Zwiebeln und Karotten als Einlage genutzt und nebenbei ein bisschen Jasminreis zubereitet, in dem ich den Rest der angefangenen Zitronengrasstange mitdämpfen ließ. Dieser Duft!

Als alles fertig war, gab ich noch frischen Koriander sowie Möhrenstreifen dazu, die ich kurz in Limettensaft hatte rumliegen lassen, machte es mir mit dem Teller auf dem Sofa gemütlich, dachte beim zweiten oder dritten Bissen, oh, da war kurz was Hartes im Mund, wird wohl ein Reiskorn nicht ganz gar gewesen sein, speiste zufrieden – und stellte am Ende der Mahlzeit fest, dass das Harte ein Stückchen Backenzahn gewesen war, der nun scharfkantig in meinen Mund ragte. Sehr nölig gewesen und den bisher so schönen Tag auf einmal sehr scheiße gefunden.

Ich habe in den nächsten zehn Tagen mehrere wichtige Termine, die alle nicht in München stattfinden – ein Zahnarztbesuch war jetzt so gar nicht geplant. Ich stellte gestern beim Anrufen auch fest, dass mein Zahnarzt seine Öffnungszeiten sehr eingeschränkt hat, vermutlich lohnt es sich zu Coronazeiten nicht, die Praxis so herrlich lang geöffnet zu haben wie üblich. Daher konnte ich gestern schon nicht mehr vorbeigehen und hoffe daher, dass das heute vormittag geht – nachmittags ist die Praxis bereits geschlossen. Sehr doof, denn heute wollte ich eigentlich nochmal ins ZI. Hmpf. Da isst man schon so weiches Alte-Leute-Zeug und dann kostet einen das trotzdem wichtige Körperteile, herrgott. Wenigstens tut es nicht weh. Vielleicht war es kein Backenzahn, sondern ein Stück arschteure Krone, ich weiß selbst nicht, was ich eigentlich im Mund habe. (Bin beim Tippen schon wieder nölig.)

Tagebuch Mittwoch, 16. September 2020 – Philippinisch kochen

Den Vormittag verbrachte ich im ZI, wo sonst, mal ein paar Bestandskataloge durchblättern, die allerdings schon aus den 1980er-Jahren waren, aber mei, die waren halt da. Ein paar Aufsätze gelesen und mich über Dinge gefreut. Wie immer im Lesesaal.

Wie es in meinem Bällebad aussieht, instagrammte das ZI neulich im schlimmen Zeitraffer.

Am Sonntag zeigte die Corona-App bei mir erstmals zwei Risiko-Begegnungen mit niedrigem Risiko an (macht sie derzeit immer noch). Das war neu, bisher hatte ich keine Kontakte mit irgendwas. Das Display blieb weiterhin grün, aber ich wurde von einer Sekunde zur anderen panisch, und anstatt erstmal in Ruhe zu googeln, plärrte ich auf Twitter rum. Ich bin anscheinend nun eine von diesen Personen. Mist. Dort wurde ich beruhigt: so lange das Ding grün ist und immer noch oben drüber „Niedriges Risiko“ steht, keine Panik. Bei einem roten Display dürfte ich hingegen panisch werden. Im eben verlinkten PDF ist zu erkennen, dass dort auch angegeben wird, wann die Risikobegnung stattgefunden hat; das fehlt bei der grünen Anzeige.

Seitdem überlege ich, wann ich wo war; ich glaube ja immer, ich notiere alles im Blog, wo ich doch selbst am besten weiß, dass ich gnadenlos nicht alles im Blog notiere. Ich habe auf meinen Macbook-Schreibtisch auch ein Word-Dokument, das „Kontakttagebuch“ heißt, aber das habe ich anscheinend nur zwei Tage lang geführt. Das mache ich dann jetzt wohl besser mal regelmäßiger.

In den letzten Tagen musste ich Rind- und Entenfleisch verarbeiten, aber gleichzeitig hatte ich Tofu im Hinterkopf. Das liegt an F., dem niedlichen Halb-Philippino, der mir von einer Sauce seiner Oma (Tante?) erzählte, an die er sich aus Kindheitstagen erinnert: eine Essig-Soja-Mischung, in die frittierter Tofu gedippt wird. (Ich sabbere schon beim Aufschreiben.) Die Sauce orientierte sich an Tokwa’t Baboy, in das eigentlich noch Schweineohren kommen, auf die ich mal verzichtete.

Da im Moment im Kühlschrank aber noch eine Menge Thai-Zutaten liegen, wurde das gestern ein kleines Crossover. Ich gab drei Teile Weißweinessig auf einen Teil Sojasauce, schnitt zwei Chilis klein (eine halbe zuviel, wie ich beim Essen merkte, keuch), gab eine Schalotte und eine Frühlingszwiebel in Ringen dazu, pfefferte alles ordentlich und vergaß den Zucker. Da die Schweineohren in einer Brühe mit Zitronengras gekocht werden, diese Komponente also anscheinend zum Gericht gehört, schnitt ich eine halbe Stange Zitronengras in feine Ringe und gab sie ebenfalls in die Sauce. Währenddessen frittierte ein halber Block fester Tofu vor sich hin; in mein übliches Sonnenblumenöl hatte ich ein paar Löffel Chiliöl gegeben, das noch von meinen geliebten Dan-Dan-Nudeln übrig gewesen war. Und weil Koriander ja quasi zu allem passt, gab’s den zu einer Paprika als Beilage.

Das war ziemlich super, das mache ich heute mit dem restlichen Tofu gleich nochmal. Mit Zucker.

Laab Ped – Salat mit scharfem Entenhackfleisch

Das zweite Rezept aus Hot Thai Kitchen: Demystifying Thai Cuisine with Authentic Recipes to Make at Home von Pailin Chongchitnant, erneut mit Fleisch. Nach diesem werde ich mich wieder den vegetarischen Varianten zuwenden, aber dieses Gericht lachte mich beim Durchblättern halt an. Beim Rumgoogeln nach der richtigen Schreibweise stieß ich auf diese kommerzielle Seite, die noch ein bisschen was zu Laab/Larb erzählt. Ein Rezept mit sehr ähnlichen Zutaten, aber einer leicht anderen Zubereitungsart steht auch hier (ebenfalls eine kommerzielle Seite).

Mein Bild sind eigentlich die Reste vom Vortag mit neuem Grünzeug dazu, aber das Bild gefiel mir besser als das vom Montag, wo noch der Reis zu sehen ist, der zum Gericht gehört.

Für zwei Personen als komplette Mahlzeit oder für vier als Vorspeise.

Klebreis zubereiten, Menge bleibt euch überlassen (bei mir Jasminreis). Während er kocht, ein bisschen Mis en place machen:

2 Schalotten in feine Ringe schneiden.
1/2 Stange Zitronengras von ihrer äußeren Hülle befreien und in feine Ringe schneiden.
1,5 EL Galangal reiben (optional, muss auch nicht durch Ingwer ersetzt werden).
2–3 frische Thai-Limettenblätter in feine Streifen schneiden (optional).
2–3 Vogelaugenchilis entkernen (oder auch nicht, je nachdem wie scharf es sein soll) und fein hacken.
1–2 Frühlingszwiebeln in Ringe schneiden.
1/2 Cup Minzblätter grob hacken, kleine Blätter ganz lassen.
1/4 Cup Korianderblätter abzupfen.

In einer kleinen Pfanne ohne Fett
2 EL ungekochten Jasminreis anrösten, bis die Körner goldbraun sind. Abkühlen lassen. Danach in einer Gewürzmühle zu feinem Puder zermahlen. Ich habe dazu auch noch drei getrocknete Thai-Limettenblätter gegeben und hatte so einen nussigen Zitronenpuder.

2 Entenbrüste, je ca. 250 g (das war mir ein bisschen zu viel), von der Haut befreien. Diese in mundgerechte Stücke schneiden und ohne Fett bei mittlerer Hitze ca. 10 Minuten braten, so dass das Fett austritt. Dabei salzen. Wenn die Hautstücke nicht mehr blubbern, ist die Flüssigkeit in ihnen ausgebraten und alles sollte schön knusprig sein. Beiseite stellen.

Die Entenbrüste in sehr feine Streifen schneiden oder zu Hackfleisch verarbeiten.

2 EL Wasser (oder Hühnerbrühe) in einem Topf zum Kochen bringen, das Entenfleisch dazugeben und bei großer Hitze braten. Vom Herd nehmen, die Schalotten, das Zitronengras, die Chilis und, falls verwendet, Galangal und Thai-Limettenblätter unterrühren. Zusätzlich mit
2 EL Fischsauce und
3 EL frischem Limettensaft verrühren.

Zum Servieren Frühlingszwiebeln, Minze und Koriander unterrühren, mit dem Reispuder bestreuen und die kross gebratene Haut darübergeben. Dazu frisches Gemüse nach Wahl, bei mir gab’s Paprika, Gurke, grünen Salat und noch einen Schwung Koriander.

Tagebuch Montag, 14. September 2020 – Lesesaal und Entenhack (Überschriften, die sonst nirgends durchgehen)

Kurz vor Schluss lernte ich noch einen neuen Ort kennen, wo Bücher für mich liegen: den Lesesaal Altes Buch in der Unibibliothek. Die Dissertation der Dame, deren Name auf dem Foto meiner Oma von 1935 stand, durfte ich natürlich nicht nach Hause entleihen, sondern musste sie vor Ort einsehen. War okay, denn der winzige Lesesaal mit nur noch vier Plätzen (von sonst 16, schätze ich) war deutlich angenehmer zum Arbeiten als der große Uni-Bib-Lesesaal, den ich als einzigen nicht wirklich vermissen werde. Am Platz lagen schon die Schaumstoffkeile und die Bleischnur für mich bereit, damit ich das dicke Buch nicht ganz aufschlagen musste und etwas zum Seitenfesthalten hatte.

Der Titel der Dissertation von 1940 sagt schon alles: „Das Lichtbild in Aufklärung und Propaganda der Deutschen Arbeitsfront. Ein Beispiel für die Verwendung des Lichtbildes in der nationalsozialistischen Werbung“. Die Autorin setzte sich nicht ernsthaft kritisch mit dem Foto als Medium auseinander, was ich aber auch nicht erwartet hatte; stattdessen verfasste sie einen 300 Seiten langen Ratgeber, wie man Fotografie als Werbemittel einsetzen kann, um der NS-Ideologie Verbreitung bis in jeden kleinen Betrieb zu verschaffen. Im Anhang waren Ausschnitte aus einschlägigen Zeitungen eingeklebt (Arbeitertum, Der Angriff, Der Aufbau etc.) – und einige Originalfotos, weswegen ich inzwischen davon ausgehe, dass die Dame die Fotografin war. Sie kam, laut Diss-Titelblatt, auch aus demselben Ort wie meine Großmutter. Ich werde spaßeshalber mal ein paar Jahrgänge der Zeitschriften durchblättern – vielleicht taucht sie da als Fotografin auf, denn leider nannte sie in der Diss nie die Namen der Fotograf:innen der Bilder.

Ich fand neben einigen Zitaten, die ich für meinen Abstract brauche, auch noch ein paar Dinge zu den Autobahnen, das schadet ja nie. Der letzte Satz der Diss nach dem Lebenslauf machte dann wieder mal schlechte Laune, aber was an diesem Thema macht keine schlechte Laune: „Zur Vorbereitung der schriftlichen Arbeit und der mündlichen Prüfung, die am 14. März 1940 stattfand, nahm ich keinerlei Dienste eines jüdischen Repetitors in Anspruch.“

Bei einem Zitat zum Thema Abbildung von Frauen bei der Arbeit musste ich an die heutige Insta-Ästhetik denken bzw. die Tatsache, dass soziale Medien traditionelle Geschlechterbilder eher verstärken – Frauen posten eher Inneneinrichtung, Beautykram und Nähzeug, Jungs eher … keine Ahnung, ich folge kaum Kerlen, die nicht auch Essen posten und kriege das nur am Rande bei Infoluencer mit. Jedenfalls: „Die Motive werden so gewählt, dass sie weniger die technische Seite der hausfraulichen Betätigung herausstellen als vielmehr die gefühlsmässige, weil sie wirksamer ist. Die Freude am ästhetisch schönen Darstellungsgegenstand, am „Lebendigen“, an den Gesichtern der dargestellten Personen, am fröhlich-gemütlichen Beisammensein im Nähkurs oder am Kochtopf muss durch das Bild in der Frau geweckt werden.“ (S. 118) Generell wurde oft betont, dass Fotos, die sich an Frauen richten, bitteschön das Gefühl anzusprechen hätten – also noch eine Schippe mehr als eh schon: „Bestimmend für die Propaganda ist ihre Allgemeinverständlichkeit; denn ihre Aufgabe ist es, auch den letzten Volksgenossen zu erfassen. Sie darf deshalb nicht in gelehrte Abhandlungen ausarten. Sie soll sich an das breite Volk nach grossen, allgemeinverständlichen Richtlinien wenden. Der Propagandist muss immer bedenken, dass das Volk am stärksten und wirksamsten gefühlsmässig ergriffen wird. Die Propagandamitttel müssen also in erster Linie auf Gefühlswirkung abgestimmt sein. Hinter diesem volksverbindenden Element hat das Wissenmässige in ihnen zurückzutreten.“ (S. 10) Bitte schlagen Sie selbst einen geistigen Bogen zu den ganzen AfD-Posts auf Facebook.

Ich hatte im Lesesaal nur drei Stunden Zeit, die haben aber gereicht, um das Werk einmal durch- bzw. teilweise arg querzulesen. Nach Hause geradelt, Sport gemacht und erneut erstaunt festgestellt, wieviel Wasser ich nach einer lustigen Cardio-Einheit so wegtrinken kann.

Dann trieb es mich an den Herd, denn allmählich war ich hungrig. Es gab erneut ein Rezept aus meinem neuen Thai-Kochbuch, nämlich den anscheinend klassischen, ich habe ja keine Ahnung, Salat mit Entenhack (Larb Pet, Laab Pped, tausend Schreibweisen beim Googeln gefunden). Ich trennte die Haut vom Fleisch, um daraus knusprige Nuggets zu braten; im übriggebliebenen Entenfett werde ich heute vermutlich ein paar Kartoffeln schwenken. Dann bereitete ich die üblichen Zutaten vor: Korianderblättchen zupfen, Minze schneiden, Zitronengras und Schalotten in feine Ringe verwandeln, Frühlingszwiebeln in gröbere, ein bisschen Galangal reiben, drei Chilis zerkleinern, siebzehnmal Hände waschen. Außerdem toastete ich ein paar Esslöffel Jasminreis, um ihn danach mit zwei getrockneten Thai-Limettenblättern zu Pulver zu verarbeiteten. Mein nächster Kaffee schmeckt jetzt wahrscheinlich etwas nach Nuss und Zitrone, aber für derartige Noten gebe ich ja sonst sogar Geld aus.

Und schließlich musste ich die Entenbrust noch irgendwie zu Hackfleisch verwandeln. Ich begann mit dem Messer, bis mir einfiel, dass ich mir neulich aus der alten Heimat doch ein Werkzeug meiner Omi mitgebracht hatte. Und das wurde dann sehr zufrieden benutzt. Wenn das mit der Wissenschaft nicht klappt, gehe ich vielleicht doch in eine Metzgerei.

Das Endprodukt habe ich dann äußerst unemotional abgelichtet, als hätte ich vormittags nichts gelernt, schlimm! Aber dafür war es ganz hervorragend.

Tagebuch, Samstag/Sonntag, 12./13. September 2020 – Draußen und drinnen

Seit ich am Freitag abend das Thai-Kochbuch aus der Packstation geholt hatte, wollte ich einkaufen; das erledigte ich am Samstagmorgen. Beim Aufsteigen aufs Fahrrad zerrte ich mir irgendwas im Rücken zwischen den Schulterblättern und jammere seitdem in mich hinein, dass mir das beim Rumliegen auf der Couch nicht passiert wäre. Limetten, Zitronengras, Galangal und ein Armvoll Koriander konnten mich aber gut ablenken. Ich bereitete eine sehr enthusiastische Portion Rindfleischsalat zu, probierte ein paar Gabeln und stellte ihn dann in den Kühlschrank, denn auf mich und F. wartete nachmittags Kuchen.

Verwandte von F. hatten ihren Sohn, den F. seit Kindertagen und ich seit ungefähr zwei Jahren kennen, und uns auf einen Plausch auf der Terrasse eingeladen. Der Weg war per Fahrrad etwas zu weit für mich, daher nutzten wir U-Bahn, S-Bahn und Bus, um dorthin zu gelangen. Das war mit etwas Genervtheit verbunden, denn ausgerechnet Samstag trafen sich die ganzen Coronaleugner und Pandemiebekämpfungsgegnerinnen in München. Die Versammlung auf dem Odeonsplatz und damit vor der historisch vorbelasteten Feldherrnhalle war ihnen netterweise untersagt worden, aber sie durften von dort ihren Demonstrationszug in Richtung Theresienwiese starten. Da Abstände vermutlich bewusst ignoriert und Masken eher sporadisch getragen wurden, schafften die Damen und Herren es ganze 500 Meter weit, bis die Polizei den Zug zwischen der Alten Pinakothek und dem Ägyptischen Museum stoppte und ihn nach langen Diskussionen auflöste. Die Teilnehmer:innen machten sich daher individuell auf den Weg zur Kundgebung, und das war genau unser Problem: Wir wollten wirklich nicht mit ihnen in der U-Bahn sitzen. Wir mussten netterweise in die andere Richtung, aber so ganz wohl war mir nicht.

Am Ziel angekommen, wurde ich für meine Ängste mit Käse- und Himbeerkuchen vertröstet, es gab Kaffee, ich durfte mal wieder von der Autobahnmalerei erzählen und dann wurden diverse Kameras ausgepackt. F.s Onkel interessiert sich für Fotografie, und so zeigte F. seine gerade von einem Künstlerfreund ausgeliehene Hasselblad rum, seine eigene Kamera, der Sohnemann holte seine Digiknipse raus, F. demonstrierte an Bienen auf Blumen sein Makroobjektiv, und ich checkte während des Rumgenerdes, wie’s den seltsamen Menschen auf der Theresienwiese erging.


(Die beiden unteren Bilder © Felix Mendoza 2020)

Nach Rotwein und Käsebroten, die wir uns auf der inzwischen dunklen Terrasse mit einer Horde Mücken teilten, brachen wir auf; F. und ich verbrachten den Restabend bei mir und quatschten auch im Bett noch weiter. Das war schön: mal wieder vor die Tür gekommen und mit anderen Menschen geredet. (Und Kuchen!)

Gestern wollte ich den restlichen Salat zum sehr späten Frühstück genießen und stellte fest, dass die komplette Schärfe weg war. Also produzierte ich flugs eine neue Portion Dressing, mischte es mit dem Rest – und verstehe immer noch nicht, wieso auch hier nichts von der Chili (bzw. den Chilis) zu schmecken war. Hm. Neutralisiert Limette irgendwann Schärfe? Muss ich nachher mal googeln. Lerneffekt: diesen Salat besser nicht ewig vor dem Verzehr vorbereiten.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Sport – gestern waren wieder langsame und vorsichtige Bauchübungen angesagt, das ging auch mit dem jammernden Rücken – und Sport: erstmal den Bayern-Damen beim Sieg gegen Bremen zugeguckt und abends den Philadelphia Eagles bei der Niederlage gegen Washington, das sich in der Saisonpause von ihrem rassistischen Namen getrennt hatte.

Pla Neua – Rinderfleisch-„Ceviche“ mit Zitronengras

Das erste Rezept aus Hot Thai Kitchen: Demystifying Thai Cuisine with Authentic Recipes to Make at Home von Pailin Chongchitnant und das war gleich ein Volltreffer. Ja, äußerst fleischhaltig für einen angeblichen Salat, aber die Mischung aus Limette, Chili, Koriander und Zitronengras ist genau die Geschmacksrichtung, die ich liebe.

Für vier Personen als Vorspeise oder für zwei als Hauptgang.

250 g zartes Rindfleisch im Stück in einer sehr heißen Pfanne in wenig
Öl ganz kurz von beiden Seiten anbraten, ca. 20 bis 30 Sekunden reichen. Das Fleisch soll innen roh bleiben. Mithilfe einer Zange auch die Ränder anbraten. Aus der Pfanne nehmen und mindestens fünf Minuten ruhen lassen. Dann in feine Streifen schneiden und für ebenfalls mindestens fünf Minuten in
3 EL frischem Limettensaft marinieren bzw. „kochen“. Deswegen steht da oben Ceviche in Anführungszeichen.

Für das Dressing
3–4 Knoblauchzehen,
1–3 frische Bird’s-Eye-Chilis,
5 Stengel Koriander (die Stengel, nicht die Blätter) fein hacken und mit
2 TL Palmzucker (Rohrzucker als Ersatz) zu einer Paste zerstampfen. Mit
2 EL Fischsauce mischen. Wenn ihr keinen Mörser habt – sehr fein hacken tut’s auch. Wer es richtig scharf mag, lässt die Kerne in den Chilis, ich habe sie entfernt und fand den Schärfegrad genau richtig.

Für den Salat
die untere Hälfte einer Stange Zitronengras von den äußeren Hüllen befreien und in sehr feine Scheiben schneiden.
2 EL Schalotten in ebenso feine Ringe schneiden.
1/4 Cup (eine Kinderhand voll) Minzblätter in feine Streifen schneiden.
2–3 frische Thai-Limettenblätter in feine Streifen schneiden. Hatte ich nicht, ich habe die abgeriebene Schale einer Limette ins Dressing geworfen.
Die Blätter von 5 Zweigen Koriander abstreifen.
2 EL Kürbiskerne rösten. Hatte ich nicht, ich habe ein paar Cashewkerne im Fett vom Fleisch geröstet.
1 rote Paprika in feine Streifen schneiden. Hatte ich nicht; ich dachte, ich hätte noch eine, aber meh, dann eben Salat ohne Paprika.

Alle Zutaten mit dem Dressing mischen.

Zum Anrichten
frische Salatblätter nach Lust und Laune, bei mir Romana, auf einem Teller ausbreiten, die Fleisch-Kräuter-Gemüsemischung darübergeben und mit weiteren Minz- und Korianderblättern garnieren. Bei mir hat ganz zum Schluss ein Hauch Salz nicht geschadet, um die Geschmäcker noch mehr zur Geltung zu bringen. Ansonsten bringt die Fischsauce genug Salz mit.

Ein heißes Dankeschön …

… an Alexandra, die mich mit Hot Thai Kitchen: Demystifying Thai Cuisine with Authentic Recipes to Make at Home von Pailin Chongchitnant überraschte. Nicht nur die Thai-Küche selbst, sondern schon der Buchtitel macht Appetit: sieht genauso gut aus wie alle Gerichte, die ich bisher kenne oder sogar selbst schon mal hingedengelt habe. Daher begann ich gestern gleich, im Buch zu lesen und empfehle es jetzt schon gnadenlos weiter, obwohl ich noch nichts daraus gekocht habe.

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten bringt uns Chongchitnant bei, wie traditionell (und im modernen Thailand) überhaupt gegessen wird, welche Unterschiede es in den Regionalküchen gibt, welche Werkzeuge man in der Küche wirklich braucht und welche nett, aber nicht notwendig sind, und, für mich bisher der beste Teil, wie die Zutaten aussehen, die man immer braucht, wie man sie kauft (was muss ich beachten, um frische Ware zu bekommen, was sind Alternativen), verarbeitet (nur als aromatisches Beiwerk? Wie schneiden? Als Paste?) und wie man sie aufbewahrt (kann ich das einfrieren? Wenn ja, wie?). Dass Thai-Küche gerne mit den Noten scharf, süß, sauer, salzig arbeitet, hatte ich schon kapiert, aber dass man nicht immer Palmzucker braucht, um süß hinzukriegen und die Krabbenpaste, wenn halt keine da ist, auch durch Sojasauce ersetzen kann, wusste ich noch nicht.

Generell mag ich den Tonfall und die Ausrichtung des Buchs, die auch in Chongchitnants Videos rüberkommt: Es gibt für jede Speise achthundertmillionen Zubereitungen – halte dich nicht sklavisch an Rezepte, koch, damit es dir schmeckt, und wenn du nur drei Chilis in deinem Curry magst und keine 30, ist das auch okay. Was ich bisher mitgenommen habe, ähnelt dem Lerneffekt aus Salz. Fett. Säure. Hitze von Samin Nosrat: Verstehe generell, wie ein gutes Gericht (oder in diesem Fall Thai-Küche) funktioniert, und dann koch mit dem, was du an Zutaten bekommst, eine Mahlzeit, die dir schmeckt. Eigentlich ganz einfach.

„Having read hundreds of emails from Hot Thai Kitchen Fans, I’ve discovered that there are two main reasons why people are reluctant, or even scared, to cook Thai or any ethnic cuisine. The first is that they don’t know where to start. This is an issue of knowledge, which is easily fixed. Reading this book is a great start.

The second, and most important, reason is the fear of making it “wrong.” This isn’t as simple a fix, as it’s not a technical issue but rather a matter of mindset. People are afraid that, after all their efforts, they’re not making “real Thai food.” So, they postpone it until they feel “confident enough,” or they decide to “leave it to the experts.”

I get it. I remember feeling the same way when I startet cooking Western food. I wanted to make the most authentic Bolognese sauce, so I searched for recipes written in Italian because, after all, they MUST be more authentic!

Maybe it’s out of respect for the culture or from a belief that the “right” way tastes better, but whatever the reason, it’s holding us back from taking that leap into the exciting world of an ethnic cuisine. […]

Our pantries and fridges determine our dinner. […] Thai people are constantly creating new dishes, adding new twists to old classics, or simply throwing random stuff together … but can you call that “real Thai food” or even “authentic Thai food”? Or course you can. If what Thai people regularly eat at home isn’t authentic, then I don’t know what is. The thing is, most of what we eat isn’t what you find in restaurants, isn’t half as complicated, and may not even have a name.“ (S. 22/23)

Ich überlegte kurz, wie ich sonst koche, wenn ich nicht nach Rezept koche – nämlich genau so. Ich habe keine wirkliche Ahnung, wie norddeutsche Küche funktioniert und erst recht nicht, wie bayerische geht, aber ich weiß, welche Zutaten zusammenpassen, wie ich eine Sauce herstellen kann und wie ich generell gerne esse: mit Kontrasten im Essen (heiß, kalt, weich, knusprig). Diese Kontraste bekomme ich ohne Nachdenken hin: Zu warmem, schnuffigweichem Kartoffelbrei (für mich eine hervorragende Mahlzeit) gibt’s einen knackigen Salat (kalt) aus dem, was halt an Vorräten rumliegt, und wenn ich Zeit habe für Schmelzzwiebeln, kann ich nebenbei auch noch Tofu scharf anbraten (knusprig). Darüber denke ich nicht mal nach und ich ahne, dass es kein Rezept für Tofu mit Kartoffelbrei und Salat gibt; ich weiß aber, dass es mir schmeckt. Hot Thai Kitchen klingt bis jetzt so, als würde mir auch so ziemlich alles schmecken, was im zweiten Teil des Buchs steht: Da kommen nämlich wenige Grundrezepte, die man lustig abwandeln kann, je nachdem, was man gerade in der Küche hat oder beim Asiamarkt vorrätig ist.

Und nach diesem Satz hatte das Buch eh gewonnen: „When people ask me, “What kind of wine pairs well with Thai food?” I semi-facetiously reply: “Beer.”“

Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut. Und jetzt muss ich los, einkaufen, sorry!

Tagebuch Mittwoch/Donnerstag, 9./10. September 2020 – Schwitzen und rumpiepsen

Einen Doodle-Link an meine dreiköpfige Prüfungskommission geschickt, um einen Termin für die Verteidigung der Diss im November auszuklüngeln. Das ging gut und schnell, den Termin melde ich heute dem Prüfungsamt. Mein Doktorvater und die Zweitprüferin haben bis zum 21. September Zeit, ihre Gutachten dort einzureichen, und dann müsste ich sie in nicht allzulanger Zeit einsehen können. Endlich Feedback. Je länger das Ding weg ist, desto nervöser werde ich natürlich, dass ich 400 Seiten Quatsch eingereicht habe. War ja klar.

Entscheidungen bezüglich Zukunft getroffen, mit denen ich jetzt seit der Abgabe schwanger gegangen war. Jetzt müssen nur noch andere mitspielen, das kann ich nicht mehr ganz alleine machen wie mein geliebtes Studium. Meh.

Weiter mein lustiges Online-Sportprogramm mitgemacht und mich gefreut, dass vieles geht, von dem ich nicht dachte, es ich es könnte. Und nach den ersten vier, fünf Tagen, an denen ich jeden Abend dachte, ich sterbe an Muskelkater, tut jetzt quasi nichts mehr weh. Das ging schnell.

Ich vermisse weiterhin dickere Menschen, denen ich beim Turnen zugucken kann und die nicht nur in der „True Beginner“-Sektion vorkommen, aber dass in bis jetzt jeder Übungseinheit, auch bei den ganz Fitten, irgendwann der Hinweis kam, hey, wenn du Hilfe brauchst, halt dich am Stuhl fest, geh nicht ganz in die Hocke, mach nur was dir gut tut, du kennst deinen Körper besser als jede andere, finde ich einen guten Anfang. Was total nervt, sind Sätze wie „Imagine yourself in skinny jeans“, aber irgendwas ist ja immer.

Nebenbei danke für die Patreon-Abos und das PayPal-Trinkgeld – damit ist mein Sportprogramm quasi finanziert. Ihr tut also meiner Gesundheit gut, yay!

In acht Jahren war ich immer nett zu meinen Bibliotheken und sie zu mir, aber jetzt habe ich es doch auf der Schlussgerade geschafft, mir einen Rüffel abzuholen.

Sie erinnern sich an das gerahmte Foto meiner Oma von 1935, das inzwischen an meiner Küchenwand hängt? Weil es gerahmt ist, habe ich nie auf die Rückseite schauen können, um weitere Infos zu finden (der handgeschriebene Name auf der Vorderseite ist unleserlich). Beim letzten Aufenthalt im Norden stolperte ich aber über eine kleinere Ausgabe des Fotos, auf dem hinten ein Name stand. Gegoogelt bzw. in akademische Suchmaschinen geworfen – und als einzigen Treffer die Dissertation der betreffenden Dame gefunden, die ausgerechnet hier in München 1940 promovierte (war ja klar): zum Thema Fotos als Propagandamittel der Deutschen Arbeitsfront. Netterweise steht die Diss in der Unibibliothek, wo ich sie ausleihen wollte, aber feststellen musste, dass die Schaltfläche „bestellen“ bei der Buchanzeige fehlte. Hin und her gesucht, schließlich das Recherche-Kontaktformular genutzt, um das Ding zu ordern, was natürlich Quatsch war, wie ich im Nachhinein auch merkte. Denn damit schreibt mir die Bib nur zurück, dass das Buch im Bestand vorhanden ist. Auf eben diese Mail antwortete ich, dass mir klar ist, dass das Buch vorhanden sei, ich es aber nicht bestellen könne, Screenshot anbei. Woraufhin eine höflich formulierte Mail zurückkam, dass ich diesen Sachverhalt gerne schon in der ersten Mail hätte mitteilen können, womit die Schreiberin natürlich völlig recht hätte. Ein piepsiges „Dankeschön für die schnelle Bearbeitung“ an die Entschuldigung gehängt, und jetzt kann ich es angeblich, laut Anzeige, sogar nächste Woche zuhause lesen anstatt im ungeliebten Uni-Bib-Lesesaal.

Was schön war, Dienstag, 8. September 2020 – Einfach ein guter Tag

Okay, die Nacht war nicht ganz so gut, wieder hielt mich irgendwas ab 4 Uhr morgens wach, und gestern konnte ich auch nicht einfach in den Tag hineinschlafen, weil ich einen Platz in der Stabi ergattert hatte. Normalerweise bin ich dort um 9 vor Ort, dieses Mal wankte ich erst um 9 unter die Dusche und versuchte danach, mit viel Espresso den Kreislauf fahrradtüchtig zu kriegen. Das gelang, ich radelte, schon ging es mir besser, wie immer auf dem Rad.

In der Stabi holte ich sechs Bücher aus meinem Fach, zwei davon hatte ich letzte Woche schon im Deutschen Museum durchgelesen. Drei kannte ich noch nicht, und wie immer bei Literatur, die möglicherweise für die Diss sinnvoll gewesen wäre, ergab ich mich drei Sekunden lang Selbstvorwürfen, wieso ich die damals nicht gefunden hatte uswusfundsoalbern. Mitten in die Selbstvorwürfe pingte aber eine Mail: Mein Wunsch-Drittprüfer hatte zugesagt, dem ich erst zwei Stunden zuvor eine Anfrage mit der betreffenden Bitte geschickt hatte. Große Freude – und jetzt noch mehr Nervosität. (Der Vollständigkeit halber: Doktorvater, Zweitprüferin.)

Vermutlich wird die Disputatio im November per Zoom stattfinden müssen und nicht vor Ort, worüber ich betrübter bin als erwartet. Gestern radelte ich wie immer auf dem Weg zur Stabi am Hauptgebäude der Uni mit den beiden Springbrunnen davor vorbei, und obwohl ich seit Monaten schon nicht mehr in einem Hörsaal gesessen hatte, war ich auf einmal traurig darüber, dass ich mich nicht stilgerecht vom Gebäude verabschieden konnte. Hauptsache, ich darf mit der Urkunde irgendwann zum Speerträger, das ist der Standard-Foto-Point für Absolvent:innen.

Nach erledigter Arbeit und dem ersten vernünftig ausformulierten Abstract, den ich jetzt, wie immer bei meinen schriftlichen Dingen, achtzigmal überarbeiten werde, radelte ich nach Hause, wo ich einen sehr schönen Brief bzw. drei Postkarten mit einem Geschenk vorfand. Vielen Dank, auch und vor allem für die netten Zeilen, ich habe mich sehr gefreut.

Vorgestern hatte ich auch schon ein Geschenk vom DPD-Auslieferungspunkt geholt, als dessen Schenker sich gestern jemand auf Twitter zu erkennen gab. Die letzten 23 Tage der Plüm von meiner liebsten Comic-Autorin Katharina Greve, brachte mich verlässlich zum Lachen. Die Einstellung der Plüm zur Kunst ist für mich auch sehr gut nachvollziehbar, ich zitiere:

„Zur Blütezeit der plümschen Kultur wurde die bildende Kunst hochgeschätzt. Die Künstler arbeiteten jedoch ausschließlich mit Lebensmitteln: Sie malten Bilder mit Sum-Beeren-Mus und bauten Skulpturen aus Lübosen-Würmern. Bei Ausstellungseröffnungen wurde die Kunst kurz bewundert – und dann gegessen. Ein Werk war nur gelungen, wenn nicht nur die Aussage, sondern auch der Geschmack stimmte.“ (S. 66)

Vielen Dank auch für dieses Geschenk – sogar mit Widmung! –, über das ich mich ebenfalls sehr gefreut habe.

Beim Sport sehr wohlgefühlt. Dazu auch noch hervorragend gespeist: Erst einen Salat und nach dem Turnen eine Portion Ofenpommes mit der restlichen Köttbullar-Sauce von vorgestern. Ausgewogene Ernährung, so wichtig. Und abends nach mehreren Tagen, in denen F. und ich Abstand hielten, wieder gemeinsam eingeschlafen. Das war schön.

Egg Clock Baroque

Herr Formschub hat eine Spotify-Playliste erstellt, mit der man das perfekte Ei kocht. Ich liebe das Internet für sowas.

Toller Thread mit noch tolleren Fotos über chinesische Tattoos. Via @dogfood.

Der Herr hat übrigens auch noch einen Comictipp parat: Eddy Current.

Und in seinem neuesten Blogeintrag fand ich ein Zitat, das gerade sehr zu meiner Jobsuche passt: „You don’t have a problem, you have a solution you don’t like.” (Aus dem Dense-Discovery-Newsletter 104.)

„Straßen Namen Leuchten“

Am Salvatorplatz ensteht ein Denkmal für die Familie Mann. Ich durfte vor einigen Monaten, als man noch Menschen besuchte, das Modell dafür bewundern und den Künstler kennenlernen und bin sehr gespannt auf die Umsetzung.

Is America a Myth?

Hoffentlich zu dramatisch, aber ein interessanter historischer Abriss über verschiedene Sezessionsbewegungen in den USA, wovon die wirkmächtigste im Bürgerkrieg von 1861–65 endete.

„The crisis today reflects the nation’s history. Not much, it turns out, has changed. The country was settled by diverse cultures—the Puritans in New England, the Dutch around New York City, the Scots-Irish dominating Appalachia, and English slave lords from Barbados and the West Indies in the Deep South. They were often rivals, Woodard noted: “They were by no means thinking of themselves belonging to a protean American country-in-waiting.” The United States was “an accident of history,” he said, largely because distinct cultures shared an external threat from the British. They formed the Continental Army to stage a revolution and form the Continental Congress, with delegates from thirteen colonies. Almost two hundred and fifty years later, a country six times its original size claims to be a melting pot that has produced an “American” culture and a political system that vows to provide “life, liberty and the pursuit of happiness.” Too often, it hasn’t.

Centuries later, the cultural divide and cleavages are still deep. Three hundred and thirty million people may identify as Americans, but they define what that means—and what rights and responsibilities are involved—in vastly different ways. The American promise has not delivered for many Blacks, Jews, Latinos, Asian-Americans, myriad immigrant groups, and even some whites as well. Hate crimes—acts of violence against people or property based on race, religion, disability, sexual orientation, ethnicity, or gender identity—are a growing problem. A bipartisan group in the House warned in August that, “as uncertainty rises, we have seen hatred unleashed.”

When Athens and Sparta went to war, in the fifth century B.C., the Greek general and historian Thucydides observed, “The Greeks did not understand each other any longer, though they spoke the same language.” In the twenty-first century, the same thing is happening among Americans.“

Ebenso hoffentlich zu dramatisch:

Is America in the Early Stages of Armed Insurgency?

„Armed militias are nothing new in the United States. A decade ago, Kilcullen counted about 380 right-wing groups and 50 left-wing ones, many of them armed. In the early 1990s, the faceoff between the FBI and the Branch Davidians, outside Waco, Texas, left 80 people dead—and inspired Timothy McVeigh and his gang of extremists to blow up a federal building in Oklahoma City, killing 168 people. In the late 1960s and early ’70s, left-wing groups such as the Weather Underground set off bombs all over the country; police waged deadly shootouts with the Black Panthers in Oakland, California, and Chicago; and marchers for and against the Vietnam War—mainly students and hard-hat workers—clashed in violent street battles.

But except for the last set of clashes (which didn’t involve organized groups, much less insurgencies), those earlier incidents rarely corresponded with the divides between the nation’s political parties. This is one way in which the current conflicts are different—and, potentially, more dangerous.

Another difference and danger is the prevalence of cable TV networks and social media, which amplify and spread the shock waves. Incidents that in the past might have stayed local now quickly go viral, nationwide or worldwide, inspiring others to join in.“

Köttbullar mit Rahmsauce

Im April vertwitterte Ikea UK das Rezept für die Fleischbällchen bei Ikea, um den ganzen Süchtigen die Zeit der Quarantäne zu erleichtern. Seit dieser Zeit liegt das jpg, das am Tweet hing, auf meinem Macbook-Schreibtisch und gestern bereitete ich die Köstlichkeit endlich zu. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, denn die Dinger schmecken wirklich wie vom Plastiktablett in der Kantine. Also großartig.

Aus den unten angegebenen Mengen kommen ca. 40 Bällchen raus, also vier Portionen.

In einer Schüssel
500 g Rinderhack,
250 g Schweinehack,
1 Zwiebel, fein gewürfelt,
1 Knoblauchzehe, fein gewürfelt,
100 g Paniermehl, Panko o. ä.,
1 Ei sowie
5 EL Vollmilch mischen. Mit großzügig
Salz und Pfeffer würzen und zu Hackbällchen formen. Diese auf einem abgedeckten Teller für zwei Stunden im Kühlschrank parken, dann bleiben sie beim Braten fester. Das war das schwierigste am ganzen Rezept.

Nach den zwei Stunden in einer Pfanne bei mittlerer Hitze in wenig Öl von allen Seiten bräunen. Die Pfanne abdecken und für weitere 30 Minuten im auf 180 Grad vorgeheizten Ofen braten. (160 Grad bei Umluft.)

In dieser Zeit die Kartoffelbeilage machen, bei mir war das Püree. Das Glas mit den Preiselbeeren aufschrauben, ganz wichtig. Und dann das Sößchen machen.

Dazu in einem Topf bei mittlerer Hitze
40 g Butter schmelzen.
40 g Mehl, Type 405, mit einem Schneebesen unterrühren, bis keine Klümpchen mehr zu sehen sind, also eine schöne klassische Mehlschwitze machen. Dann kann man zum Rührlöffel wechseln. Nacheinander und unter ständigem Rühren
150 ml Gemüsebrühe,
150 ml Rinderbrühe,
150 ml Sahne,
2 TL helle Sojasauce und
1 TL Dijonsenf einrühren. Alles kurz aufköcheln lassen, bis die Sauce eindickt, fertig. Püree und Preiselbeeren dazu und glücklich sein. Also wenn man bei Ikea glücklich ist. Ich möchte erwähnen, dass der Teller im Bild (nicht von Ikea) stilecht auf einer Ikea-Tischdecke steht, die auf einem Ikea-Tisch liegt. Könnt ihr jetzt schlecht erkennen.

Tagebuch Sonntag, 6. September 2020 – Massaker und Mayonnaise

Ausgeschlafen, mich gut gefühlt, gebloggt, ein bisschen Wasser getrunken und dann den neuerdings online gebuchten Sportkurs begonnen. Lerneffekt: auf nüchternen Magen bzw. nur mit einem Glas Wasser drin eine Stunde walken zu gehen – kein Problem. 30 Minuten Cardio – keine Chance. Nach 25 Minuten mit ein bisschen Kreislaufmemmigkeit abgebrochen, beim Cool-Down nur noch zugeguckt und anstatt mich zu dehnen schnappatmend auf dem bequemen Schreibtischstuhl gesessen und einen Liter Wasser geext. Dann wohl doch eher wie bisher nachmittags anstatt morgens zuhause auf der Yogamatte rumwuseln. (Ich habe jetzt eine Yogamatte.)

Mein derzeitiges Körpergefühl scheint auch von Corona beeinträchtigt worden zu sein: Ich mag gerade nicht draußen in engen Tights rumlaufen, sondern erledige das auch lieber alleine ohne Zuschauer oder Mitläufer zuhause. Hier laufe ich nun auf der Stelle, was eindeutig weniger befriedigend ist als draußen auf stillgelegten Friedhöfen, aber ich möchte das gerade so. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich durch Corona noch weniger vor die Tür komme als vor der Pandemie, und allmählich machte ich mir um meine Grundkonstitution ein wenig Sorgen. Dass ich gerade was Cardio angeht Nachholbedarf habe, zeigte sich bereits am Freitag, als ich nach dem Workout, das sich hauptsächlich mit dem Operkörper und den Armen befasste, geduscht und entspannt einen Kuchen backen wollte und beim Halten des Handmixers und der dazugehörigen Drehbewegung dauernd „Au … au … au“ vor mich hinmurmelte, weil meine Unterarme eindeutig überbeansprucht waren. Der Trainer im Video so launig: „Tomorrow you will feel sore – I actually like to feel sore.“ Ich nur so: „Whatever, ich hab Kuchen, du Kasper, au. But good workout, buddy, see you tomorrow!“

Gestern lachte mich ein weiteres Kuchenrezept von der NYT an, ein Blaubeerrührkuchen in der Kastenform mit Haferflockenstreuseln oben drauf. Ich hatte nur Schokomüsli, das passte auch, aber der ganze Kuchen war ein einziges hässliches Massaker. Ich weiß wirklich nicht, warum manche Rezepte von der NYT hervorragend funktionieren und andere null. Gestern postete ich das Ergebnis mutig auf Insta (mehr echtes Leben auf Insta!), aber heute morgen wollte ich den bläulich-schimmelig aussehenden Bröselberg schon nicht mehr sehen. Gelöscht.

Als Ausgleich – oder weil ich dachte, heute geht eh alles schief – rührte ich mir wieder eine Mayonnaise an. Also per Hand, nicht mit dem Mixstab, das klappt bei mir irgendwie auch nicht mehr, what the hell, aber von Hand ging es gestern, und ich behaupte, meine Unterarme sind seit Freitag irre muskulös geworden, denn das ewige Rührbesenschwenken hat nicht so angestrengt wie sonst. Es gab meinen geliebten Caesar Salad und ich war mit dem Tag versöhnt.

Tagebuch Freitag/Samstag, 4./5. September 2020 – Restsommer

Freitagmorgen radelte ich zur Stabi, wo in einem der kleinen Forschungslesesäle mal wieder NS-Literatur auf mich wartete, die nicht in den normalen Lesesaal bestellt werden kann. Seit der Neuöffnung war ich in ihnen noch nicht wieder gewesen und so staunte ich über die gerade circa vier Sitzplätze, die von den geschätzt 18 noch übrig waren im Lesesaal für Musik und Karten, in den ich immer meine Giftschrank-Literatur ordere. Aber die musste ich erstmal finden: Normalerweise wird mir die von der Bibliothekarin persönlich ausgehändigt, die inzwischen hinter einer hohen Plastikscheibe sitzt; ich muss für dieses eine Buch, das ich inzwischen zum mindestens fünften Mal ausleihe, immer unterschreiben, das ich das für wissenschaftliche Zwecke benötige und nicht, weil ich es so toll finde. Als Quelle ist es allerdings toll, nur so nebenbei. Verfasser Otto Reismann war Pressereferent von Fritz Todt und von Anfang an beim Projekt Reichsautobahn dabei, wie mir durch Dokumente im Bundesarchiv Berlin klar wurde. Also ab 1933, davor muss ich leider passen, wie mir gerade erstmals selbst auffällt.

Jedenfalls lag das Buch nicht hinter der Dame im Regal, damit ich es persönlich und mit Unterschrift entgegennehmen konnte. Sie suchte das ganze Regal ab, rief noch eine zweite Dame zu Hilfe, beide wurden nicht fündig, bis ich meinte, ich würde einfach mal im Regal für mich nachschauen – wo es natürlich lag. Ich hatte aber auch noch ein zweites Buch bestellt, das weder dort noch im Regal hinter Plastik lag, woraufhin wieder gesucht wurde, bis es sich in einem falschen Fach wiederfand und ich endlich anfangen konnte zu arbeiten, leicht verschwitzt und verwirrt.

Ich blätterte das Buch zum wiederholten Male durch, denn nun hatte ich, für meinen Abstract, eine leicht veränderte Frage, die mich in der Diss null interessiert hatte. Ich hatte das Buch bereits am vergangenen Montag in der Bibliothek des Deutschen Museums durchgelesen, aber ich dachte, schadet ja nichts, wenn man das nochmal macht. Bei diesem Buch hatte ich recht lange mir mir gerungen, es antiquarisch zu erwerben, weil es eine recht zentrale Quelle für mein Thema ist, aber es ist schlicht zu teuer. Einige Bücher hatte ich mir für die Diss gegönnt und die auch so ziemlich für jedes Kapitel zerfleddert, aber der Reismann ist überall zu teuer, der wird weiterhin großflächig geliehen.

Das zweite Buch war neu für mich, das las ich sehr interessiert durch und beschäftigte mich vor allem mit den fotografischen Abbildungen. Ich genoss es sehr, ein ordentliches Grundwissen zum Thema mitzubringen und daher die Fotos anders anschauen zu können als ich es noch vor zwei Jahren gemacht hätte.

Nach nicht mal zwei Stunden wusste ich, was ich wissen wollte, dengelte am Abstract herum, gab dann die Bücher wieder zurück und radelte mit einem Umweg über den wöchentlich besuchten Supermarkt nach Hause, wo ich Sport trieb, Pflaumenkuchen buk, Orgakram erledigte und mal wieder nach dem Tagwerk auf dem Sofa einschlief.

Gestern trafen F. und ich uns mit einem Herrn im Biergarten. Ich musste leider von F. etwas Abstand halten; er hatte am Donnerstag mit 500 anderen Menschen in der Staatsoper bei Marina Abramovich gesessen, was ich partout nicht wollte und daher ist jetzt wieder für ein paar Tage Abstand und frische Luft angesagt. Ich hatte im Zuge dieser Opernkarten für mich beschlossen: nicht in diesem Jahr und im nächsten gucken wir mal. Ich werde 2020 noch mindestens achtmal in einem ICE nach oder von Hannover sitzen, weil ich keine Lust auf acht Stunden Autofahrt habe (nein, auch nicht auf den Autobahnen, die ich jetzt auch mit anderen Augen sehe). Und wir haben im Oktober eine Reservierung im Tantris, auf die ich mich seit Monaten freue, denn wie ich schon nach der Abgabe der Masterarbeit schrieb: Das mache ich nach Abgabe der Diss nochmal. Und so wird es sein. Aber das werden die einzigen Male in diesem Jahr sein, an denen ich mich mit vielen Leuten in einem Innenraum aufhalten werde; für Oper, Konzert oder Theater reicht mein Nervenkostüm (oder mein Immunsystem) noch nicht.

So saßen wir einen Meter voneinander entfernt auf der Bank, tranken zu dritt Radler und Wiesnbier, knabberten Brezn und Pommes, ich lernte viel über Punkbands, die es seit hundert Jahren gibt, und solche, die es noch nicht ganz so lange gibt, aber tolle Bandnamen haben und nur weibliche Mitglieder.

Getrenntes Aufbrechen und leider alleine eingeschlafen, es hilft ja nichts. Vorher noch einen Brief der LMU aus dem Briefkasten geholt, in dem sich meine Exmatrikulation befand. Ich wusste seit sechs Semestern, dass der irgendwann kommen wird am Ende des Promotionsstudiums, aber als ich ihn dann in den Händen hielt, war ich doch sehr traurig. Gleich mal das Seniorenstudium ergoogeln; müsste ja eh online stattfinden, perfekt!

Pflaumenkuchen mit Rührteig

Ein Rezept von Smitten Kitchen, das mich spontan anlachte, nachdem ich spontan Pflaumen gekauft hatte. Das Rezept verlangt nach einer 9-Inch-Springform, bei mir ist es die übliche 24-cm-Form geworden, und weil ich zu faul war, die Mengen hochzurechnen, ist der Teig ein bisschen zu dünn geworden. Stört den Geschmack aber gar nicht.

Der Pflaumenkuchen ist übrigens ein Klassiker von Marian Burros: In der New York Times wurde das Rezept jährlich im September von 1983 bis 1989 abgedruckt, das letzte Mal mit breitem Rand, damit die Nachbäcker:innen es sich endlich ausschneiden und aufheben würden. Hat nichts gebracht, es gab wütende Leser:innenbriefe zu der angekündigten Änderung. “The appearance of the recipe, like the torte itself, is bittersweet,” wrote a reader in Tarrytown, N.Y. “Summer is leaving, fall is coming. That’s what your annual recipe is all about. Don’t be grumpy about it.” Im eben verlinkten Abschnitt steht das Rezept mit Abwandlungsmöglichkeiten. Und hier nochmal die Geschichte etwas ausführlicher.

In einer Schüssel
150 bis 200 g Zucker mit
115 g weicher Butter schaumig schlagen.
2 Eier einzeln unterrühren.

125 g Mehl, Type 405, mit
1 TL Backpulver und
1 guten Prise Salz dazugeben und kurz verrühren. Alles in eine gefettete (wirklich gefettete) 9-Inch-Form geben bzw. eine 22-cm-Springform.

12 reife Pflaumen, halbiert und entsteint, mit der Hautseite nach oben leicht in den Teig drücken. Ruhig bis dicht an den Rand, das habe ich nicht gemacht, weswegen der Teig bei mir an der Form nach oben gewachsen ist. Außerdem habe ich die Pflaumen mit der Innenseite nach oben gebacken, jetzt muss ich den Kuchen nochmal machen, schlimm!

Alles mit
2 TL Zitronensaft und
1–3 TL Zimt, je nach Lust und Laune, bestreuen. Im auf 180 Grad vorgeheizten Ofen für 50 bis 60 Minuten backen. Bei mir war es recht wenig Zimt, so irre gern mag ich das Zeug nicht, aber ich habe ihn überhaupt nicht geschmeckt. Den Zitronensaft auch nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass er ganz gut gegen den Zucker ansteuert. Wie gesagt, ich muss das eh nochmal machen und werde dann eifrig berichten.

Tagebuch Dienstag, 1. September 2020 – White Russian(s)

Den Vormittag auf diversen Jobbörsen verbracht, sehr viel schlechte Laune gehabt, mich über Formulierungen aufgedotzt und bei manchen Anzeigen gedacht: Wer einen „gradlinigen Lebenslauf“ will, kriegt dann halt auch nur Langweiler für die eigene Butze und macht langweiliges Zeug.

Abends mit F. über die beknackte Idee gesprochen, dass Personaler:innen misstrauisch werden, wenn man sagt, man will gar keine große Karriere, man will diese Verantwortung nicht, man will nicht die nächste Stufe erklimmen, nur weil alle anderen das machen, man will nicht mehr Geld, wenn das auch fünfzehn Stunden mehr im Büro heißt, man will einfach nur seinen Job gewissenhaft erledigen, zu menschenwürdigen Zeiten Feierabend machen und ein gutes Leben haben. In solchen Momenten denke ich immer an den langen Blogeintrag von Frau Kaltmamsell, die es gewagt hat, ähnliche Forderungen zu stellen und quasi kurz vor der Rente noch einen neuen Job haben wollte.

Ich hatte mich nach dem Master-Abschluss schon einmal halbherzig sowohl bei Museen als auch bei Werbeagenturen beworben, weil ich noch nicht ganz so sicher war, ob die Promotion eine gute Idee wäre, ich Irre. Damals hatte ich schon das Gefühl, dass man Jobs als Festangestellte ähnlich bekommt wie als Freie: über Empfehlungen, Tipps, jemand kennt jemanden, die … keine Ahnung, ob das immer noch so ist. Ich gehe diesen Schritt gerade etwas ängstlich an, weil ich weiß, dass ich in meinen 12 Jahren Selbständigkeit jeden, wirklich jeden Job ohne Akquise bekommen habe; es sind immer Auftraggeber auf mich zugekommen, nie umgekehrt.

Abends einen sehr schönen Abend mit F. verbracht. Wir hängen gerade beide etwas in den Seilen, ich, weil ich noch keinen genauen Plan habe für die nächsten Jahre UND ICH BRAUCHE HALT EINEN PLAN, er, weil ihm durch Corona wichtige Aktivitäten fehlen, die er für seinen seelischen Ausgleich braucht. Er meinte gestern, in den letzten Wochen hätten wir es irgendwie nie hinkriegt, mal gemeinsam gute Laune zu haben, irgendwer war immer nöckelig. Gestern passte mal wieder alles, ich kochte ein Risotto mit dem herrlichen Mängisch von Jamei (große Empfehlung für Risotto!), wir öffneten einen Orange Wine von Princic, tolles Weingut, und irgendwie versackten wir dann bei White Russians (ich) und Birnenschnaps (F.) vom Bekannten meines Patenonkels aus Baden-Württemberg, der für den Stoff Fallobstwiesen abgrast und ziemliches gutes Zeug davon brennt.

Sehr spät, aber auch sehr glücklich gemeinsam ins Bett gefallen.

Noch nicht alles gehört bzw. gesehen, aber ich lasse das schon mal hier liegen: „Wie wir wurden, was wir sind“ – das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München hat zu seinem 50. Geburtstag ein paar Vorträge erstellt. Gestern kam einer zu den Jahren 1930 bis 1950, die natürlich genau meine Zeit umfassen.

Einer meiner liebsten Insta-Accounts derzeit: Fashion Deconstruction.

Oder Carole Tanenbaum: