Sonntag, 5. Februar 2023 – Inge Morath

F. und ich gingen gemeinsam mit dem dritten Mitstreiter unseres winterschlafigen Podcasts endlich mal wieder in eine Ausstellung, über die wir aber ohne Wein und Mikro sprachen, sondern bei guten Burgern in weiterer netter Gesellschaft.

Inge Morath war mir kein Begriff gewesen vor der Ausstellung im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung, wo es fast immer hervorragende Fotokunst für gar kein Geld gibt. Mir gefiel dieses Foto aus Paris von 1956 mit am besten, weil es mich an Manet erinnerte.


Inge Morath: France, Paris, Rue Saint Paul, 1955. Ich habe nicht im Katalog nach weiteren Werkdetails geschaut, das war der komplette Wandtext. Trage ich nach, sobald er im ZI steht.


Édouard Manet: „Bar in den Folies Bergère“, 1882, Öl auf Leinwand, 96 × 130 cm, Courtauld Institute of Art, London
Public domain, via Wikimedia Commons

Die freudlose Bardame, die den männlichen Blicken ausgesetzt ist, im Gegensatz zu Moraths Frau, die selbstbewusst in die Kamera schaut.

Samstag, 4. Februar 2023 – Partytime

Den halben Tag mit Hefeteig verbracht, einen kleinen Teil des Tages mit Sauerteig, sehr glücklich darüber gewesen. In other news: mich an Zimtschnecken überfressen.

Nachmittags ernsthaft das Spiel von Eintracht Frankfurt angeschaut, weil mein Schnuffi Philipp Max seit dieser Woche nicht mehr in Eindhoven spielt, sondern halt da. War nett, ihn wiederzusehen, wenn auch mit der 32 und nicht seiner 31. Trotzdem nervt mich Frankfurt. Oder besser: Mich nerven die Frankfurter Fans. Bei keiner anderen Gruppe Gästefans habe ich mich in Augsburg in der Tram unwohler gefühlt. Bei jedem Spiel gegen die Eintracht. Das wollen viele Kerle nicht so gerne hören, aber Männergruppen generell ängstigen mich. Große Männergruppen mehr, betrunkene noch mehr, überemotionale Fußballfans am meisten.

Abends mit F. auf einer kleinen Party gewesen – lustigerweise bei den gleichen Gastgeber*innen, die uns im Februar 2020 auf eine kleine Party eingeladen hatten, die unsere letzte Festlichkeit vor Corona gewesen war. „Vor Corona“ ist immer noch ein doofer und vor allem unpassender Begriff, aber ich bin gerade zu satt, um länger darüber nachzudenken.

Ich experimentiere weiterhin an der perfekten Zimtschnecke herum, aber ich ahne, dass ich seit gestern Mitglied im Team Tangzhong bin.

Freitag, 3. Februar 2023 – Kann gucken

Am Mittwoch holte ich meine fürchterlich teure Arbeitsplatzbrille vom Optiker ab, die ich vor einigen Wochen gekauft hatte. Ich wollte schon ewig eine Ray-Ban haben, aber die sahen immer total beknackt auf meiner Nase aus. Jetzt nicht mehr, mir ist anscheinend ein Ray-Ban-Gesicht gewachsen.

Ich gebe zu, so irre unterscheidet sich meine Brille für Bibliotheken, Archive und Museen nicht von der Alltagsbrille, hier vorn im Bild, aber was soll’s, diese Art steht mir halt. Ich möchte aber erwähnen, dass ich auch total fancy andere Gestelle ausprobiert habe, mit denen ich mich aber wie ein Clown gefühlt habe.

Am Donnerstag konnte ich die Brille schon für wenige Minuten im Lenbachhaus antesten, als ich meiner Kollegin dabei zusah, wie sie mir auf dem Bildschirm die Serverstruktur erläuterte, während ich ab und zu Notizen machte. Nach gefühlt einem Jahr ständigem Brille auf, Brille ab, um lesen UND schreiben zu können, war das ein sehr schönes – und verdammt teuer bezahltes – Vergnügen. Sorry, wenn ich so auf dem Geld rumreite, aber 1000 Euro habe ich bisher noch nie für eine Brille ausgeben müssen. Und dabei war das Markengestell noch das Schnäppchen.

Aber wie sinnvoll diese Investition war, merkte ich gestern im ZI, als ich die vorletzte Hand an meinen Protzen-Aufsatz legte. Mit der normalen Brille renne ich in der Bibliothek rum und hole Bücher aus den Regalen, dann setze ich die Arbeitsplatzbrille auf und kann wieder entspannt lesen, blättern, schreiben, recherchieren, ohne ständig meine Sitzposition ändern zu müssen (um näher an den Rechner ranzukommen) oder meine Arme zu verrenken (um Bücher von mir wegzuhalten). Und schick sehe ich dazu auch noch aus.

Bei der Recherche ist mir leider eine Ausstellung aufgefallen, die ich in meiner Dissertation übersehen hatte. Wenn Sie also bitte im Buch mal auf Seite 431 in der Ausstellungshistorie ein ergänzendes Post-it einkleben wollen oder im E-Book einen Kommentar (habe ich beides gemacht): 1988 war Protzens „Donaubrücke bei Leipheim“ (1936) auf der Ausstellung „Stationen der Moderne“ in Berlin zu sehen. Beleg: Berlinische Galerie (Hrsg.): Stationen der Moderne. Die bedeutenden Kunstausstellungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland, Berlinische Galerie, Museum für Moderne Kunst, Photographie und Architektur 1988. Berlin 1989, S. 286.

Donnerstag, 2. Februar 2023 – Zweiter erster Arbeitstag

Mein Job begann am Montag, aber nicht hier in München, sondern in den Bergen. Gestern war dann der zweite erste Tag, also der, an dem ich meinen Schreibtisch kennenlernte. Dafür musste ich meine Chefin anrufen, damit sie mich in die heiligen Hallen des Lenbachhauses ließ, weil ich alleine noch nicht reinkam. Das war schon schön, in eins meiner liebsten Museen zu gehen, aber nicht um Kunst zu gucken, sondern um Geld zu verdienen.

Der Tag war nur ein halber – ich habe nur eine Halbtagsstelle und die restlichen vier halben Tage waren für die zwei Tage in den Bergen draufgegangen –, daher hatte ich nicht damit gerechnet, viel zu schaffen. Ich schaffte dann leider quasi gar nichts, weil wir sehr lange mit der IT telefonierten. Auch das kam als Erinnerung an die letzten Festanstellungen vor 15 Jahren wieder hoch: dass am ersten Tag, ganz egal in welcher Agentur, eigentlich erstmal gar nichts geht, weil halt gar nichts geht. Mit einem anderen Laptop als meinem konnte ich immerhin schon an einem Online-Meeting teilnehmen, und danach zeigte mir meine charmante Kollegin im Schnellverfahren unser Netzwerk, in dem ich mich die nächsten sechs Monate tummeln werde. Und dann war der halbe Tag schon rum, und da ich nicht gleich in der ersten Woche Überstunden machen wollte, ging ich nach Hause. Dort wartete für einen anderen Kunden ein weiteres Online-Meeting auf mich und ein bisschen Schreibarbeit. Was meinen Kolleginnen übrigens klar war: Ich hörte den völlig unerwarteten Satz „Wenn du gehen musst, musst du gehen, du hast ja noch andere Jobs.“ Ein Paradies.

Und schöne goldene Visitenkarten habe ich auch.

Abends kam dann F. zum Anstoßen auf die erste Woche vorbei; wir öffneten eine 375-ml-Flasche Champagner und aßen frisch gebackene Blini mit Kaviar, was eigentlich unsere Vorspeise an Silvester gewesen wäre, aber das fiel ja bekanntlich ins Klo.

Für die Blini nutzte ich dieses Rezept und kann es in Geschmack und Mengenangaben genau so weiterempfehlen. Und weil ich eifrig gleich beide im Dezember geplante Flaschen Champagner erneut kaltgestellt hatte, tranken wir nach dem Kaviarschampus die zweite Flasche einfach auch, die damals für Dessert und Mitternacht vorgesehen gewesen war. Weil: Feste feiern fallen usw.

Mittwoch, 1. Februar 2023 – Amtseid

Am Dienstag abend bestellte ich mir einen Schwung Bücher in die Bibliothek des Deutschen Museums, wo ich ab kurz nach 9 rumsaß und an meinem Protzen-Aufsatz feilte. Ein Buch hatte ich vergessen zu ordern, das saß zwar neongelb markiert in den Fußnoten, aber bis dorthin hatte ich, warum auch immer, nicht gescrollt. Aber: In dieser Bib, die größtenteils keine Präsenzbibliothek ist, bekommt man bestellte Bücher innerhalb von einer halben Stunde. Wie toll ist das denn bitte? Ich bestellte, arbeitete, holte das letzte Buch ab, arbeitete noch ein Stündchen und war um halb eins fertig.

Auf dem Rückweg fotografierte ich die beiden Skulpturen, die mir auf dem Fußweg hin ab U-Bahn Fraunhoferstraße aufgefallen waren. Die kleine Bavaria von Alicja Kwade ist der Nachbau der großen, nur ohne ihre Insignien. Und ich fotografierte natürlich, weil auch Bismarck eine Runde gezieltes Spray abbekommen hatte.

Den Amtseid „Ich schwöre Treue der Verfassung des Freistaates Bayerns“ schriftlich abgelegt, der wurde bei meiner Vertragsunterzeichnung vergessen. „So wahr mir Gott helfe“ als Satzabschluss durfte ich streichen, wenn ich wollte, was ich wollte, denn Gott hat im Staat meiner Meinung nach nichts zu suchen.

Nach der Unterschrift mal die Verfassung Bayerns angelesen. Wird schon passen.

Dienstag, 31. Januar 2023 – Bergfest (scnr)

Zweiter Tag unserer Klausur, auf der wir über all things Lenbachhaus redeten, bis mir der Kopf rauchte. Rückfahrt über den Irschenberg wie schon auf der Hinfahrt ohne Stau, aber dafür erwischten wir so richtig schön den ollen Münchner Feierabendverkehr – der sonst an mir vorbeigeht, weil ich U-Bahn fahre.

Moritz Hoffmann schreibt über jüdische Friedhöfe. Ich empfehle seinen Newsletter immer gern weiter.

„Kürzlich stieß ich in einer lokalen Facebookgruppe auf einen Post eines unzufriedenen Mitbürgers: Der städtische Friedhof sei schön, lediglich der kleine Abschnitt am Rand, in direkter Nähe von IKEA und Autobahnauffahrt, sei überwachsen, ungepflegt, die Grabsteine in keinem guten Zustand. Man solle doch die „hiesige Judengemeinschaft“ einmal dazu bewegen, ihren knapp 750 Quadratmeter großen Friedhof in einen schöneren Zustand zu bringen.

Nun war das vermutlich nicht böse gemeint. Der Verfasser, das stellte sich in der weiteren Diskussion heraus, war kein Muttersprachler und hatte von jüdischem Leben und vor allem jüdischem Sterben keine Vorstellung. Von der Information, dass es hier in Walldorf seit dem 22. Oktober 1940 keine jüdische Gemeinde mehr gibt, war er ganz offensichtlich betroffen. Der Austausch brachte mich aber dazu, noch einmal über die jüdischen Friedhöfe in Deutschland nachzudenken und auf eine Informationssuche zu gehen.“

Ich lese gerade Kaiserwetter von Karl Jakob Hirsch. Auf den Autor bin ich durch eine Ausstellung in der Uni-Bibliothek aufmerksam geworden, und es hat mich etwas erstaunt, dass ich als gebürtige Hannoveranerin noch nichts von Hirsch gehört hatte. Es ist außerdem recht ungewohnt, in einem Buch ständig über Straßennamen und Spezialitäten aus Hannover zu stolpern, aber gleichzeitig sehr lustig. (Lüttje Lage!)

Montag, 30. Januar 2023 – In den Bergen

Gestern war mein erster Arbeitstag im Lenbachhaus. Allerdings ging ich nicht zum wunderschönen Goldklotz am Königsplatz, wo ich – wie üblich – eine Tour erwartete, da ist dein Schreibtisch, da ist die Kaffeemaschine, da ist das Klo.

Stattdessen fuhr mit der U-Bahn zu bis einer bestimmten Haltestelle, von wo meine Chefin eine Praktikantin und mich mit dem Auto abholte; es ging ins Bildungshaus Achatswies – oder wie ich es bei der Fahrt durchs schneebestäubte Bayern ausdrückte: 😮. Wir fuhren außerdem über die Mangfallbrücke (hach) und den Irschenberg (HACH!). Ich als norddeutsches Flachlandkind finde ja einiges anstrengend an Bayern (CSU, unverständlicher Dialekt, komische Franzbrötchen), aber Berge können sie hier.

Ich stellte alle Fragen, die ich eigentlich erst während der zweitätigen Klausur stellen wollte, schon auf der Fahrt und war daher schon ein bisschen besser vorbereitet. Danach erlebte ich mit drei weiteren Kolleginnen einen Acht-Stunden-Crashkurs in Museumsmarketing, Ausstellungsvorbereitung, Selbstbild des Hauses, Zielgruppen und was man für sie machen könnte – und fühlte mich, als wäre ich schon Monate dabei. Ich hatte in den letzten Jahren doch mehr Ausstellungen angeschaut als ich auf Kommando hätte aufzählen können (danke, kleiner halbtoter Podcast), Werbung kann ich, Kunst kann ich auch (meistens), und daher konnte ich schon einen Hauch mitarbeiten, was sich sehr gut angefühlt hat.

Mein Kopf ist supervoll und heute geht’s in die zweite Runde. Vielleicht erzählt mir morgen jemand, wo mein Schreibtisch ist. Bis dahin gucke ich noch bei jeder Gelegenheit aus dem Fenster und freue mich schon auf die Rückfahrt, wo ich wieder mit offenem Mund rumsitzen werde.

Sonntag, 29. Januar 2023 – Dieses Interweb

Auf Insta missverstanden worden und einen Hauch geärgert. Außerdem dort die Trennung eines Paares mitbekommen, dem ich gerne gefolgt bin, traurig gewesen, auch seltsam, weil: Die eine Hälfte des Paares kennt mich gar nicht, mit der anderen habe ich vor gefühlt 15 Jahren mal zwei Sätze gewechselt. Aber man schließt dann halt doch Leute ins Herz, die gar nicht wissen, dass man sie ins Herz schließt. Mich über die total hübsch verpackte Gabe einer Blogleserin gefreut, aber immer noch verdaddelt, die Dankeschön-Mail zu schreiben. (Hier immerhin schon mal der Dankeschön-Blogeintrag.) Heute beginnt meine kleine befristete Festanstellung, die ich auch, wenn ich das richtig verstanden habe, über eine Blogleserin bekommen habe, dieses Interweb! Samstag lag schon die erste Gehaltsabrechnung im Briefkasten für die zwei Januartage. Das hatte ich ganz vergessen, wie nett das ist, wenn am Monatsende Geld aufs Konto kommt, für das ich keine Rechnung schreiben oder der Zahlung hinterherrennen muss. Ich bin sehr gespannt und aufgeregt und fühle mich wie der totale Noob. Wird super.

Samstag, 28. Januar 2023 – Konferenzsammelbandbeitrag

Den ganzen Tag getippt. Ich hatte mir sogar die Nachmittagsschicht in der Stabi im Lesesaal reserviert (vormittags war schon alles weg), weil ich nicht wusste, ob ich eine Schreibklausur bräuchte, aber ich war auch am eigenen Schreibtisch motiviert und produktiv genug. Brav den Platz online wieder storniert, damit jemand anders in Klausur gehen kann.

Erste Fassung steht, jetzt schneiden wir Fett weg, korrigieren die halbgaren Fußnoten … und werden eh nochmal in irgendwelchen Bibliotheken rumhängen, weil wir noch irgendwas nachschauen müssen. Abgabe ist Ende Februar, kein Thema.

Donnerstag/Freitag, 26./27. Januar 2023 – Kaufbeuren

F. und ich besuchten am Donnerstag abend die Eröffnung der Ausstellung „Nippon Mania“ im Kunsthaus Kaufbeuren. Ich fand die Hängung sehr gut; im ersten Stock wird man vorsichtig reingeholt mit eher gegenständlichen Werken, bevor man dann ein bisschen im Minimalismus rumhängt, sich an wenigen Skulpturen erfreut sowie den Altmeistern, die ja immer gehen. Im zweiten Stock kommen die Kunstwerke, mit denen man sich in Optik und Aussage vielleicht erst anfreunden muss.

Viele der Künstler und Künstlerinnen werden von der Münchner Micheko-Galerie vertreten, auf deren Artsy-Website man auch diverse Werke anschauen kann. Ich persönlich habe mich in die Keramik von Kayoko Mizumoto verliebt (Monster Kawaii 3 Herzchen-Emoji oder wie ich es nenne: HÖRNCHEN!), die fein gebastelten Papierwerke von Katsumi Hayakawa sowie die Holzschnitte bzw. deren Schablonen von Kenichi Yokono.

Sehr empfehlenswert für einen ersten Einblick in japanische Gegenwartskunst – und nur ein Stündchen Zugfahrt von München entfernt.

Dann wollten wir nur noch ein Bierchen trinken gehen, aber der Dicke Hund war so gemütlich, dass es ein paar mehr wurden. Und wer mir nach Ladenschluss auf die vorsichtige Frage, ob vielleicht noch ein Absacker ginge, antwortet „Na, ein kleines Bier kann ich euch noch machen“ und mir dann 0,3 vor die Nase stellt (aka ein normales Bier in Hamburg), hat eh gewonnen.

Am Freitag morgen erfreuten wir uns an einem guten Frühstücksbuffet im Hotel quasi direkt neben dem Kunsthaus. Vor allem das perfekt gekochte weiche Ei begeisterte; die kleinen Dinge halt. Ich merkte erst, als ich den heißen Dotter im Mund hatte, dass das jetzt genau das richtige war nach den ein, zwei kleinen Bierchen vom Vorabend.


Zwei Kirchen hatten wir am Donnerstagabend schon im Dunkeln angeschaut, und ich freute mich über noch nicht abgebaute Weihnachtsbäume. In die katholische gingen wir im Hellen noch einmal, um die Fenster zu würdigen. Dann spazierten wir ein bisschen durch die malerische Altstadt und verbrachten anschließend sehr aufschlussreiche Stunden im Stadtmuseum Kaufbeuren.

Wir begannen in der Krippenausstellung, bei der ich beim Reingehen sagte: „Im Vorbeigehen lernen“, was bei uns Code ist für „Wir rennen durch, bleiben notfalls mal stehen, aber eigentlich erledigen wir das nur pflichtschuldig.“ Das klappte so gar nicht, denn F. faszinierten sofort ein paar Holzschnitte, während ich an einer Madonnenskulptur hängenblieb, dann lernten wir, was Fatschenkinder sind, dass es die Heiligen Drei Könige von Playmobil gibt, dass es Jahreskrippen gibt, die nicht nur zu Weihnachten aufgestellt werden, dass man Krippen auch aus Papierbögen basteln kann und dass einige der vielen liebevollen Details von Krippen wie Musikinstrumente wie von einer aus dem Bayerischen Nationalmuseum auch für Musikwissenschaftler*innen interessant sind, weil sie so detailreich nachgebildet und damit eine wertvolle Quelle sind.

Nach der Sonderausstellung, die nur noch wenige Tage zu sehen ist, schnell noch vorbei, lohnt sich, begannen wir im Erdgeschoss mit der ständigen Ausstellung, wo ich mich erstmal bei einem Jesus in der Datierung um ein paar Jahrhunderte vertippte. Ich sah ihn nur aus den Augenwinkeln beim Reinkommen, fand ihn absolut expressionistisch und dachte daher, logisch, erstes Viertel 20. Jahrhundert. War dann aber von 1350.

Vermutlich mag ich auch deshalb das ähnlich einfach gestaltete, aber hochdramatische Gerokreuz im Kölner Dom so gern. Sieht ähnlich modern aus, ist aber ewig alt. (Wir hätten den barocken Firlefanz einfach überspringen sollen.)

Wir mochten am Museum die recht konzentriert zusammengetragenen Stücke, man wurde nicht sinnlos zugeballert mit allem, was vermutlich im Depot rumsteht. Die Texte haben mir ausnehmend gut gefallen in Tonfall, Informationstiefe und Länge. Und: Es gab immer was zum Anfassen, Rausziehen, Hochklappen, man musste für manche Infos arbeiten anstatt Vitrinen leerzulesen, aber das tat sehr gut. Im Teil zur Hutmode über die Jahrhunderte konnte man nicht nur Exponate sehen, sondern auch Gemälde bzw. Fotos von Menschen, die diese Hüte trugen. So einfach, so eindrucksvoll. Generell kam mir alles sehr nahbar vor, die Ausstellungsstücke wurden immer gut in einen historischen, aber vor allem menschlichen Kontext gesetzt. Wie auch das Kunsthaus äußerst empfehlenswert.

Im Café nebenan bestellten wir zum späten Mittagessen Prinzregententorte und ein Stück mit spanischer Vanille. Oder wie der Kellner zur Dame an der Kuchentheke meinte: „Einmal Prinz, einmal spanisch, bitte.“ Wie alles in Kaufbeuren toll. Da fahren wir sehr vermutlich noch mal hin. Und schon ist der kleine Urlaub wieder zu Ende.

Mittwoch, 25. Januar 2023 – Visitor’s Journey

Für den neuen Job sollte ich – quasi als Außenblick – doch bitte nochmal durchs Haus gehen und gucken, ob ich alles kapiere, wie die Texte sind, ob Infos ankommen usw. Ich las also Wandtexte mal nicht nur im Hinblick darauf, was inhaltlich in ihnen zu finden ist, sondern auch, wie dieser Inhalt bei mir ankommt. Das war ganz nett, weil ich Museumstexte meist nur überfliege. Im Lenbachhaus gibt es in einigen Abteilungen schon Texte in einfacher Sprache, zusätzlich zu den … äh … nicht-einfachen, die auch auf Englisch an der Wand stehen. Ich muss zugeben, dass ich irgendwann nur noch die einfachen gelesen habe: steht das gleiche drin und das kürzer.

Das blaue Pferd vertwittert, weil blaues Pferd halt.

Drei Minuten in einem leeren Raum rumgelaufen und einem Soundloop von Ceal Floyer zugehört, und wenn ich nicht für den Job dagewesen wäre, wäre ich vielleicht noch länger geblieben. War lustig, leere Wände anzuschauen. (Teil dieser empfehlenswerten Ausstellung, in der ich vorher noch nicht war.)

Abends in der Schreiberei sehr guten Blumenkohl gegessen, viel zu viel Brot, Käse, diverse Dipping-Saucen, viel Fisch, nicht ganz so viel Wein, und mir noch Tipps für meinen zweiten Job abgeholt, der vermutlich im April startet.

Dienstag, 24. Januar 2023 – Zwei Bibs und ein Archiv

Morgens wurde ich in einem der kleinen Lesesäle der Stabi folgendermaßen begrüßt: „Ach, Frau Gröner! Man erkennt die Leute ohne Maske ja gar nicht mehr!“ Den ganzen Tag darüber amüsiert.

In der Stabi blätterte ich satte 1500 Seiten Propagandascheiß durch, wofür ich wieder den üblichen Zettel ausfüllen musste, dass ich mit dem Nazirotz nichts Böses anstelle. Mir fiel zum ersten Mal neben der Checkbox „Wissenschaft“ die Box „Kunst“ auf. Das darf man also auch aus Adolfs Fotos machen, sehr schön.

Ich fand genau eine Autobahn, die angeblich auf „Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst“ gezeigt wurde und dachte, oh cool, immerhin ein Werk einer der wenigen Malerinnen, Rose Walter. Beim Durchklicken des Katalogs auf meinem Rechner stellte ich aber fest, dass es ein Herr Walter Rose war, der eine unaufregende, aber formschöne moderne Brücke bei Rosenheim abgebildet hatte. (Nein, ich kann immer noch nicht alle 300 Künstler*innen auswendig, die im Katalog versammelt sind.)

Nach diesen vielen Seiten mit vielen, vielen Hakenkreuzen musste ich nicht nur die Hände, sondern auch mein Hirn waschen.

Eine U- und S-Bahn-Fahrt weiter wartete die Bibliothek des Deutschen Museums auf mich, wo ich für einen Bamberger Kollegen (there, I said it) etwas nachschauen wollte. Der mir bis vor wenigen Tagen noch nicht bekannte Reichsausschuss für Fremdenverkehr gab ein Werbeblättchen namens „Deutschland“ heraus, das auf 30 Seiten pro Monat hübsche Fotos versammelte, um Reisende ins Land zu holen. Angeblich sollte auf einer Ausgabe von 1935 eine Autobahn von Fritz Bayerlein auf dem Titel sein. Ich suchte in der Stabi nach der Zeitschrift, fand sie aber nur auf Englisch (da heißt sie „Germany“), aber in der unerschöpflichen und immer wieder überraschenden Bib des Deutschen Museum war sie auf Deutsch und es stand sogar der Jahrgang 1935 rum, den die Stabi leider nicht hatte. Und, ja, Autobahn.

Ich kam ausgerechnet zur Mittagspause ins Deutsche Museum, weil es in der Stabi doch länger gedauert hatte als ich dachte; ich hatte nicht geahnt, wie dick der Jahrgang Zeitschriften war. Zwischen 12 und 13 Uhr kann man im DM keine Bücher abholen, aber ich konnte mich natürlich beschäftigen, indem ich am Protzen-Aufsatz für unseren Konferenz-Sammelband weiterschrieb. Auch bei dem hätte ich gedacht, längst damit fertig zu sein, aber ich alte Streberin will halt nicht nur die Kurzfassung meiner Diss copypasten, sondern noch etwas Neues anfügen, die Diss ist schließlich schon vor einem Jahr veröffentlicht worden. Also sammele ich immer noch anstatt das Ding endlich runterzuschreiben, denn es muss bis Ende Februar abgegeben werden. Ein paar Dinge hatte ich schon für den Artikel in „Unser Bayern“ verwurstet, aber das ist natürlich keine wissenschaftliche Veröffentlichung. (Der Artikel steht jetzt auch als Print-Version auf meiner Website.)

Gegen 14 Uhr verließ ich die Bib, ging zur Bushaltestelle und sah, dass der Bus noch sieben Minuten auf sich warten ließ. Daher stapfte ich einfach die zwei Stationen zu Fuß an der Isar entlang, obwohl ich in einem Anfall von sinnloser Eitelkeit die Stiefeletten mit den Absätzen angezogen hatte, in denen ich eigentlich keine Alltagserledigungen mache. Die fühlten sich aber gut an und damit fühlte ich mich gut und überhaupt war alles wieder gut.

Schnelle Mittagspause zuhause, dann ging ich ins Stadtarchiv, wo ein winziger, noch unverzeichneter Nachlass von Henny Protzen-Kundmüller auf mich wartete, ich erwähnte es bereits. Dort sollte sich auch ein Werkverzeichnis von Herrn Protzen befinden, auf das ich mich irre gefreut hatte, aber: Es waren stattdessen zwei Verzeichnisse von ihr; die Handschriften der beiden kenne ich gut aus dem Nachlass in Nürnberg. Ich war kurz enttäuscht (okay, länger), aber hey: Zwei noch nicht für die Forschung ausgewertete Werkverzeichnisse! Einmal ihre Ölgemälde, einmal die Aquarelle, und zwar im Original und nicht nur als blöden Scan, den ich von Protzen habe, weil ich nicht herausfinden konnte, ob hier das Original noch existiert, weil keiner der Menschen, die als Erben in Frage kommen, auf meine Post reagiert haben.

Durch meine Arbeit zu Protzen hatte ich diverse Ausstellungskataloge als Digitalisat auf dem Rechner, netterweise haben die beiden sehr oft gemeinsam ausgestellt, und so konnte ich einfach mal in ihren Verzeichnissen nach Werken suchen, die ich aus seinen Katalogen kannte. Ihre Verzeichnisse sind weitaus weniger penibel geführt als das von Herrn Protzen. Ich habe ewig gemeckert, dass ich nur so wenig Material hatte für die Diss und 1000 Spuren versandeten, aber ich merke immer mehr, dass ich mit dem Werkverzeichnis einen absoluten Schatz hatte, den ich erst jetzt zu würdigen weiß. Einige Werke von ihr konnte ich identifizieren und so immerhin die Jahre ahnen, in denen sie verzeichnet wurden, denn selbst diese simple Angabe fehlt bei ihr – im Gegensatz zum Verzeichnis von ihm, wo teilweise taggenaue Daten stehen, wenn auch nicht oft. Aber die Jahre sind seit 1927 brav aufgeschrieben, was die Arbeit sehr erleichterte.

Was bei ihr spannend ist und für Protzen fehlt: die längere Nachkriegszeit. Protzens Verzeichnis geht bis Ende der 1940er Jahre, warum er das Verzeichnis nicht weiterführte, ist nicht klar. Bei ihr wechseln irgendwann die (erhofften) Verkaufspreise zu „DM“ (deutlich notiert), daher gehe ich davon aus, dass ihr Verzeichnis bis mindestens Ende der 1950er Jahre geht (sie starb 1967, Protzen bereits 1956). Ich hatte gestern nicht genug Zeit, um mich wirklich vertieft mit den Verzeichnissen zu beschäftigen, werde aber natürlich noch einmal reingucken.

Ebenfalls noch nicht ausgewertet: zwei Tagebücher von ihr, von denen ich mir ein bisschen Infos zum Kennenlernen und der gemeinsamen Zeit an der Kunstakademie erhofft hatte oder wenigstens ein paar Einträge zu ihrem Werk, aber die Tagebücher sind aus ihrer Jugendzeit und waren mir damit eher egal. Aber wer sich länger mit Henny beschäftigen möchte – tolles Zeug!

Sehr hungrig nach Hause gekommen, aber für mehr als einen riesigen Salat und ein ebenso riesiges Käsebrot hat es nicht gereicht. Fußball geguckt und dabei eingeschlafen.

Montag, 23. Januar 2023 – Lesung

Tagsüber getippt, wie immer, aber eher ohne Konzentration. Nachmittags ein Kaffee-Date mit einem ehemaligen Kommilitonen gehabt, der in einem ähnlichen Job arbeitet, den ich nächste Woche antreten werde. Erstmal ein bisschen Bestärkung für meine Fähigkeiten abbekommen, das hat mich gefreut.

Und abends ging’s dann mit F. und 100 anderen Fußballmenschen ins Stadion an der Schleißheimer Straße, wo ich noch nie war und erstmal eine halbe Stunde lang Schals und Trikots an den Wänden gelesen habe. Die Lesung von Max zum Hoeneß-Buch war sehr unterhaltsam, was, ich traue es mich kaum zu sagen, weniger am Buch lag und mehr an Max, der kleinen Rampensau. Es gibt noch weitere Termine, falls ihr meine Behauptung überprüfen wollt.

Zum Schluss stand ich mit meinem mitgebrachten Buch recht weit vorne in der Schlange und holte mir eine Unterschrift ab. Ich hatte Max am Wochenende schon per Twitter-DM mitgeteilt, wie gut mir das Buch gefallen hatte und, weil wir mal über das Korrekturlesen meiner Diss und seines Buchs gesprochen hatten, fügte ich launig an, dass ich bisher nur drei Fehler gefunden hätte.

Dafür rächte sich Max total und ich kann das Buch jetzt nie wieder aufschlagen:

Aber gelernt: Fußballkneipen haben Vorteile – endlich war die Schlange am Klo mal bei den Frauen kürzer als bei den Männern.

Sonntag, 22. Januar 2023 – „Aus Liebe zum Spiel“

Morgens das Brot in den Ofen geschoben, an dem ich seit Freitag gearbeitet hatte (Sauerteig auffrischen, Teig ansetzen, Stockgare, Formen, ab in den Kühlschrank über Nacht). Das bestand aus Weizensauerteig, Weizenmehl 550 und ein bisschen Weizenvollkornmehl und ist fast genau so geworden wie ich es haben wollte. Die Kruste ist fest, aber zerreißt einem nicht den Gaumen, das Innere ist weich und zäh. Ich hätte es gerne noch einen Hauch zäher gehabt und muss nun googeln, wie ich das wohl hinbekomme – oder im gewohnten Blog bzw. Buch dazu nachschlagen.

Ich hatte mal wieder vergessen, das Brot einzuschneiden, daher ist es nur so halb hübsch geworden. Schmeckte aber perfekt, weswegen ich es gestern gleich halb aufaß, meist mit Hummus, einmal mit Frischkäse und Erdbeermarmelade. Ansonsten gab es den restlichen Grünkohl vom Samstag.

Ich hatte nicht viel Zeit und Lust zum Kochen, weil ich ein Buch durchlesen wollte. Eigentlich wollte ich es nur anlesen, bevor ich es mir heute abend live vorlesen lasse, aber „Aus Liebe zum Spiel. Uli Hoeneß, das Geld und der deutsche Fußball“ war so gut und spannend geschrieben, dass ich die 400 Seiten halt in zwei Tagen runterriss. Leseempfehlung, auch wer sich null für Hoeneß interessiert wie ich. Ich habe viel zur Geschichte und Entwicklung der Bundesliga gelernt, auch im Hinblick auf das Personal hinter den Kulissen wie die medizinische Abteilung bzw. das Fehlen derselben in den ersten Jahrzehnten, zu Fernsehgeldern, Sportvermarktung, zum Stand der Vereine aus der ehemaligen DDR nach 1989 (darüber möchte ich jetzt ein ganzes Buch lesen) und natürlich zum Steuerprozess, der aber netterweise nicht überwiegend viel Raum einnimmt. Ein Absatz hat mich aber doch etwas fassungslos zurückgelassen:

„‚Das war einer der größten, der wichtigsten, der medienwirksamsten Prozesse, die ich je erlebt habe‘, sagt SZ-Gerichtsreporterin Ramelsberger rückblickend, die unter anderem den NSU-Prozess ausführlich begleitet hat. Im Vergleich zu diesem seien deutlich mehr Berichterstattende vor Ort gewesen.“ (S. 337)

Auch schön, mal die Prioritäten so klar vor Augen geführt zu bekommen. Aber eigentlich wusste ich das ja schon vorher.

Was ich nicht wusste: Die Tradition der Einlaufkinder hat Willi Lemke in der Bundesliga eingeführt, „die hat er von einer Reise nach Brasilien mitgebracht.“ (S. 121) Oder wie stark Jürgen Klinsmann als Bundestrainer der Männer Dinge verändert hat:

„Mit Klinsmann verändern sich nicht nur Personal und Außendarstellung, sondern vor allem Training und Spielphilosophie der Mannschaft. Auch wenn sich einige über die Koordinationsübungen mit Gummibändern lustig machen, der Unterschied zum Training unter Rudi Völler könnte krasser nicht sein. Mit einem breit aufgestellten Team aus Experten verwissenschaftlicht Klinsmann die Einheiten und richtet seine Übungen sowohl auf die neue Taktik als auch auf Fitness aus.

Was heute banal klingt, ist damals revolutionär, wenn man zum Beispiel das liest, was Philipp Lahm in seinem Buch ‚Der feine Unterschied‘ Jahre später über das Training in der Zeit von Völler geschrieben hat. Ihm sei das vorgekommen, ‚als würden ein paar Kumpels miteinander in die Ferien fahren, um Fußball zu spielen.‘

Jenseit aller personellen Veränderungen stellt das den Kern der Revolution dar, die Klinsmann bei DFB einleitet: Er bringt Training, Analyse und Spielphilosophie auf einen modernen Stand. Hoeneß registriert das genau. Aber wie das mit Revolutionen so ist: Nicht jeder ist Fan davon. Als die Nationalmannschaft sportlich wackelt, wird Kritik an Klinsmann laut. Vermutlich auch, weil seine Arbeit viele Vereinstrainer nicht gut aussehen lässt. Bei einem Fitnesstest der Nationalspieler sollen ihre Werte hinter den Ergebnissen des Frauenfußballteams der USA gelegen haben. Klinsmann wiederum fordert die Spieler so sehr, dass sie zum Teil mit Muskelkater zu ihren Vereinen zurückreisen.“ (S. 277/278)

Oder diese Stelle, die gut zeigt, wie pointiert das ganze Buch geschrieben ist:

„Zudem gibt es [Mitte der 1980er Jahre] ein neues Feld zum Geldverdienen, das Hoeneß als erster Manager mit voller Konsequenz beackert. Markus Hörwick berichtet: ‚Er hat sich einmal für eine Woche lang verabschiedet, ist nach Amerika geflogen, kam zurück und hat gesagt: ‚Ich hab was Neues, was wir unbedingt machen müssen. Merchandising!‘ Merchandising? Wir hatten alle keine Ahnung. Und wie es bei Hoeneß üblich war: Er war am Montag in der Früh um 9 Uhr im Büro und schon um 10 Uhr hatten wir eine Merchandising-Abteilung. Er hat die Poststelle im Erdgeschoss ausräumen lassen, einen Tisch und Stuhl reingestellt mit ein paar Trikots, Schals und Mützen und hat einer seiner beiden Sekretärinnen gesagt: ‚Sie sind ab sofort da unten und verkaufen die Sachen.‘ Ich werde nie vergessen, wie sie am ersten Abend um halb fünf nachmittags hoch in den ersten Stock gekommen ist und gesagt hat: ‚Herr Hoeneß, Herr Hoeneß, wir haben verkauft! Wir haben 27,50 Mark eingenommen.‘ Das war der erste Tag des Merchandising vom FC Bayern München. Heute nimmt diese Abteilung 100 Millionen Euro ein.“ (S. 115/116)

Samstag, 21. Januar 2023 – Neues Video

Mein Wecker klingelte um 7, UM SIEBEN, wo ich doch seit drei Jahren kaum jemals vor 7.30 Uhr aufstehen musste, weil mein Schreibtisch nur fünf Meter vom Bett weg ist und daher mein Arbeitsbeginn um 9 elegant zu schaffen ist, aber gestern hatte ich mir einen Platz im Lesesaal der Stabi reserviert, die um 8 öffnete. Ich war immerhin um halb neun da, stellte fest, dass mein Lieblingsfahrstuhl am Wochenende nicht erreichbar ist (ich bin sehr selten am Wochenende in Bibliotheken), musste daher zurück in die zugige Eingangshalle und von dort nach oben fahren. Ja, das Treppenhaus der Stabi ist super, aber für mich Klumpfuß ist jede Treppe toll, die ich vermeiden kann.

Ich bekam sogar noch einen Fensterplatz, was mich sehr freute, weil ich so in den leise fallenden Schnee gucken konnte. Den man im Bild irgendwie überhaupt nicht sieht.

Bisher hatte ich nur einmal am Fenster gesessen, weil dort die Rechner standen, auf denen ich damals das FAZ-Bibliotheksportal erreichte (für diese alte Hausarbeit). Heute kann man das Portal auch schön von zuhause anwählen, das ging damals nicht, ich pendelte für die Hausarbeit zwischen Stabi und Historicum hin- und her – die Stühle und die Atmosphäre sind im Historicum besser, aber dort standen weitaus weniger freie Rechner rum. Also war ich meist in der Stabi, und ich erinnere mich an einen Wintermorgen, wo ich es ernsthaft nicht mehr aushielt vor Kälte. Der Lesesaal ist ein Anbau aus den 1960er Jahren von unter anderem dem geschätzten Sep Ruf, der quasi nur aus Glas besteht. Ist hübsch, klar, aber im Sommer immer zu warm und im Winter, Sie ahnen es. Wobei es im Winter auf Plätzen, die weit von den Fenstern weg sind, durchaus auszuhalten ist. Am Fenster stellt sich aber ein Lagerfeuerfeeling ein: Füße und Beine werden mummelig von der Heizung unterhalb der Fenster erwärmt, während der Oberkörper wimmernd vor sich hinfriert, denn zwischen Heizungsluft und Oberkörper ist halt der Tisch, an dem man sitzt.

Gestern sah ich zum ersten Mal einen großen Wagen mit Decken am Eingang des Lesesaals, die zur Benutzung bereitlagen. Ich war kurz versucht, eine mitzunehmen, aber ich wusste, ich hatte nicht so irre viel zu tun, daher ließ ich die für andere liegen. Meine zwei Jahrgänge einer Zeitschrift hatte ich auch nach ungefähr zwei Stunden durchgearbeitet. Dabei fand ich – natürlich! – noch eine weitere Autobahn von Protzen, die ich bisher von ihm in zweifacher Ausfertigung als Ölgemälde kenne. Diese Abbildung ähnelt den Ölgemälden, hat aber doch deutlich Unterschiede, was bedeutet, dass der Herr diese blöde Brücke anscheinend ein weiteres Mal auf Papier und nicht auf Leinwand gemalt hat, wovon ich nichts wusste, weil ich sein zweites Werkverzeichnis noch nicht hatte. Dieser Job wird nie aufhören und ich werde nie alles wissen und das hat mich – natürlich! – wieder irre gemacht.

Ich bastelte noch ein wenig am zu schreibenden Konferenzbandbeitrag rum, bis mir endlich die Grundstruktur gefiel und machte mich dann auf den Weg nach Hause. Nicht durchgefroren!

Ich nahm nicht den Bus, den ich mir morgens gegönnt hatte, sondern spazierte zu Fuß nach Hause. Der Weg führte mich am Alten Nordfriedhof vorbei, und mir fiel ein, dass ich vor genau einem Jahr dort mein erstes Video gedreht hatte (Videokurs mit Casey Neistat, Videolink ist dort ganz unten zu finden). Ich hatte im letzten Jahr noch ein weiteres Video gemacht und zwei kurze Fingerübungen, aber ansonsten war das Jahr nicht zum Filmen gedacht. Bei beiden Wien-Aufenthalten von F. und mir filmte ich ein bisschen rum, aber ich merkte sehr schnell, dass ich nicht durchs iPhone gucken, sondern persönlich präsent und aufmerksam sein wollte. Auch von Papa machte ich keine weiteren Aufnahmen, das wäre mir falsch vorgekommen (ein paar Fotos habe ich gemacht, hauptsächlich von seinen Händen). Kurz: Ich nutzte meine teure Videosoftware quasi gar nicht. Aber gestern hatte ich Lust, einfach ohne Ziel und Plan über den Friedhof zu spazieren, um zu gucken, ob die vielen Porträtbüsten und Statuen lustige Schneemützchen hätten.

Hatten sie, und daraus wurde dieser winzige Film ohne jeden Anspruch. Das hat Spaß gemacht, wieder über Musik und Schnitt und Tempo nachzudenken.

Mittags und abends gab’s Grünkohl, der war in der Biokiste vom Freitag und machte mich sehr glücklich.