Ein dickes Dankeschön …

…an Anna, die mich mit Katharina Greves Die dicke Prinzessin Petronia überraschte. Als totales Greve-Fangirl kann ich euch alle Bücher von ihr ans Herz legen, aber die schlecht gelaunte Cousine vom kleinen Prinzen natürlich besonders, die auf dem winzigsten und langweiligsten Planeten des Weltalls lebt. Ich zitiere den Klappentext: „Unterstützt vom Multifunktionswurm Mirco versucht sie, ihr tristes Leben aufzupeppen, reist per Wurmloch durch den Kosmos oder versucht David Bowie zu treffen – meist völlig erfolglos.“ Hach! Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Seit der Widmung weiß ich übrigens: Ich muss Schokolade auf meinen Wunschzettel packen. Hervorragende Idee! Erledigt.

Und dann war F. noch für ein paar Tage in Halle, wo ihn niemand von den ganzen Antiquariaten fernhalten konnte, und so bekam ich gestern nicht nur ein nagelneues Buch, sondern noch drei alte. Die stehen auch bei uns im ZI, die „Deutschen Maler der Gegenwart“ (1937) habe ich auch schon mal komplett gelesen, aber jetzt stehen sie bei mir. Nochmal hach, wenn auch aus sehr anderen Gründen. (Hihi, „Kunft“, hihi.)

Sorry, dass ich jetzt NS-Kram mit dem kleinen Prinzen in einen Eintrag gepackt habe, aber da muss ich auch jeden Tag durch!

Was schön war, Montag, 19. August 2019 – E-Mail aus Bern

Seit einer Woche liegt meine korrigierte Diss hier rum, und es fällt mir irre schwer, mich dazu aufzuraffen, die handschriftlich angemerkten Korrekturen im Ausdruck digital einzupflegen bzw. die aufgezeigten Lücken alle brav hintereinander zu schließen. Im Moment beschäftige ich mich lieber mit Baustellen, die vermutlich nichts mit meiner Diss-These oder deren Bestätigung zu tun haben, die mich aber seit Monaten nerven.

Es geht dabei vor allem um Protzens grafische Arbeiten. Im Nachlass befindet sich ein einziger Brief, der mir einen Verkauf bestätigt, den er netterweise auch im Werkverzeichnis notiert hat, den kann ich also als gegeben ansehen. Aber was sonstige geschäftliche Korrespondenz angeht: nix is. Ich habe mehrere Fotoalben mit Fotos seiner gebrauchsgrafischen Werke, und manche kann ich auch zuordnen wie zum Beispiel die Titelbilder für die Ausstellungen der Kameradschaft der Künstler im Münchner Maximilianeum (letztes Bild in diesem Blogeintrag). Die Kameradschaft war ein zwangsweiser Zusammenschluss aller Müncher Künstlervereine, die nun dem Gauleiter Adolf Wagner unterstand; er fand 1938 statt. Bei diesen Titelbildern kann ich also sagen: Die kann ich datieren, die wurden gedruckt, das sind keine Entwürfe aus Spaß in seinem Nachlass, und ich gehe mal davon aus, dass er dafür auch ein bisschen Geld gesehen hat. Wieviel, weiß ich allerdings schon wieder nicht. Geld interessiert mich, weil ich so aufzeigen kann, dass er mit seiner Kunst mehr verdient hat als mit den Grafiken. Momentan ist mein Wissensstand, dass er Mitte, Ende der 1920er Jahre wieder verstärkt als Gebrauchsgrafiker arbeitete, weil die Kunst nicht genug einbrachte; das änderte sich – auch momentaner Wissensstand – so ab 1935, 1936.

Im Nachlass befinden sich aber auch diverse Fotos von Grafiken, Wandbildern, teilweise auch in den Ausstellungsräumen fotografiert, Schautafeln etc., von denen ich nicht weiß, wer sie beauftragt hat oder von wann sie sind. Manchmal finden sich in den Grafiken Jahreszahlen (yay), meistens aber nicht (hmpf). Und manchmal kapiere ich erst auf Umwegen, wozu was gehört. So zum Beispiel diese Grafik, die auf deutsch und französisch beschriftet ist:

Ich habe bewusst ein bisschen Fleisch am Bild drangelassen, damit man sieht, dass es mehrere dieser Tafeln gab, die neben dieser ins Fotoalbum eingeklebt wurden. Mit Bleistift steht oben auf der Seite „Bern“. Das half mir aber monatelang nicht viel weiter, weil ich die Bilder nicht datieren konnte und auch nicht wusste, warum irgendwer in Bern eine Schautafel über den Prozess des Bierbrauens brauchte.

Bis ich zum hundertsten Mal Protzens Spruchkammerbogen durchlas. Dort hatte er unter „Reisen und Wohnsitz im Ausland“ auch die Schweiz angegeben: „Zur Hyspa in Bern hatte ich einen Auftrag für die Schweizer Brauereien zu erledigen. Ebenfalls in Turin einen ähnlichen Auftrag für die italienischen Brauereien.“ Hyspa gegoogelt und herausgefunden, dass die Erste Schweizerische Ausstellung für Gesundheitspflege und Sport 1931 stattgefunden hatte. Sehr schön. Also schrieb ich gestern eine Mail ans Stadtarchiv Bern, in deren Beständen ich online gesehen hatte, dass über die Hyspa ein paar Akten da waren, und bat um eventuell vorhandene Verträge, eine Auftragsbestätigung, Rechnungen, irgendwas, was mir sagt: Der Mann hat da ausgestellt. Nur wenige Stunden später kam leider eine Absage: Genau diesen Beleg könne man nicht bieten. In der Mail wurde aber ein Ausstellungskatalog erwähnt, und nach dem suchte ich jetzt.

Wenn ich richtig geguckt habe, steht er nur in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig und der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, aber was mir der Karlsruher Verbundkatalog noch als Suchergebnis ausspuckte, waren diverse digitalisierte Zeitschriften und Zeitungen aus der Schweiz, die 1931 und 1932 über die Hyspa berichtet hatten. Darunter war auch Das Werk von 1931, das eine Innenansicht aus dem Pavillon des Bierbrauerverbands zeigte. Und genau da kann man Protzens Wandbild mit ein bisschen Mühe erkennen:

Damit habe ich zwar noch immer kein offizielles Schriftstück und weiß nicht, wie der Mann an diesen Auftrag gekommen ist bzw. wieviel er damit verdient hat, aber immerhin habe ich eine Bestätigung, dass seine Arbeit wirklich zu sehen gewesen ist und sich im Nachlass nicht nur Fingerübungen befinden.

Diese Sucherei hat mich so ziemlich den ganzen Tag gekostet. Zwischendurch gab’s noch Kundentelefonate und einen fürchterlichen vegetarischen Burger, dessen Patty ich nach zwei Bissen verklappte und dann ein nettes Käsebrot mit Ketchup und Salat hatte, aber im Prinzip war das mein Tagwerk. Nein, das hat mit meiner großen Forschungsfrage nichts zu tun, nein, das wird meine These weder bestätigen noch widerlegen, aber ich habe wieder eine winzige Lücke geschlossen, und deswegen war das gestern ein guter Tag.

Jetzt muss ich nur noch irgendwie rauskriegen, wo, wann und für wen er seine Tafeln in Turin gezeigt hat. Haha. Alles auf Anfang.

PS: Die Schweizerische Lehrerinnen-Zeitung erkannte die geschickte Werbung der Genussmittel auf der Ausstellung unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit, gab aber trotzdem die Empfehlung ab, sich die Ausstellung anzuschauen: „Zur Beruhigung ihres weitmaschigen Gewissens versichern und beteuern das Bier, dass es auf absolut hygienische Weise gebraut werde und dass es einen gewissen Nährgehalt habe; der Schnaps, dass er die Nieren reinige und zu vermehrter Tätigkeit anrege; der Wein, dass er nach wie vor eine Gottesgabe sei, und die Zigaretten, dass sie trotz allem und ohne weitern Grund eben angenehm zu rauchen seien.“

Der fahrende Ritter von der traurigen Gestalt und ich

Meine Omi, also die Mutter meiner Mutter, hatte noch zwei Geschwister. Ihr einziger Bruder war Onkel Alfred, den ich nur als „den Schmied“ kannte. Bei meinen Eltern stehen bis heute diverse Kerzenhalter und Blumenständer aus schweren Metallen, wuchtig und dunkel; außerdem hängen einige schwarze, ornamentierte Ofenplatten an den Wänden. Dann gab es noch wenige filigrane Gegenstände, und der filigranste stand auf dem Kaminsims, wo ich ihn als Kind ewig anschaute, weil er mir so gut gefiel. Als ich auszog, blieb er dort, aber als meine Eltern aus dem Kamin einen Kachelofen machten, brauchte er einen neuen Platz, und ich nahm ihn freudig mit nach Hamburg.

Bei meinem Umzug nach München nahm ich zunächst nur das Notwendigste mit (ein Sofa, das Teeservice von Omi, alle Bücher), und erst beim zweiten Schwung packte ich wirklich alles ein. Davon passte aber nicht alles in meine damals noch winzige Wohnung, und so wanderte auch die kleine Skulptur von Onkel Alfred erstmal in eine Umzugskiste, die mit 20 anderen auf den Dachboden meiner Eltern kam. Als ich vor zwei Wochen wieder bei meinen Eltern war, hatte ich eine blaue Ikeatüte im Koffer; ich durchwühlte meine Kisten und suchte meinen geliebten Standmixer sowie meine Eismaschine, die ich darin nach München tragen wollte. Den Mixer fand ich nicht, aber die Eismaschine. Und in dieser Kiste auch meinen Don Quijote, der jetzt endlich in Bayern angekommen ist.

Ich habe keine Ahnung, warum ich das Ding so mag – vielleicht einfach, weil ich seit der Kindheit davon fasziniert bin, dass man aus Hufnägeln, einem Scharnier und Schrauben eine Person erschaffen kann. Beziehungsweise, viel wichtiger: eine Person, die ein Buch liest.

Ich mag die Farbigkeit, die der dürre Herr inzwischen angenommen hat: grüne Patina, eingedunkeltes Metall, goldene Details.

Und ich liebe sein Schwert und seine Schuhe.


Ich weiß nicht mehr, ob ich zunächst die kleine Skulptur kannte oder dieses riesige, wild bebilderte Kinderbuch von 1977:

Das las ich nämlich sehr gerne. Wobei: Ich glaube, ich mochte damals die Bilder lieber als die Geschichte. Hier sehen wir, wie die fiese unverständige Umgebung die Ritterbücher des Herrn vernichten will, damit er sich nicht weiter in den Erzählungen verlieren kann. (WAS IST DARAN FALSCH, IHR NARREN?)

Dem Mann geht’s doch gut, alles prima, weitergehen. Ähem.

Wer Don Quijote sagt, muss auch Windmühlen sagen.

Das Buch stammt aus Rumänien. Die kindgerechte Nacherzählung schrieb Alexandru Alexianu (Übersetzung von Lotte Berg), die wunderschönen Bilder sind von Val Munteanu, und ich ahne, dass das ein Geschenk der DDR-Verwandten war. Wie ich beim Googeln nach den Namen feststellte, habe ich das Buch im Oktober 2010 schon mal im Blog erwähnt. Damals lag die Erwachsenenausgabe noch auf der ewigen Leseliste.

Bereits im November 2010 wagte ich mich dann an die Übersetzung von Ludwig Braunfels – und schaffte laut Blogeintrag immerhin fast die Hälfte, bevor mir die Sprache des 19. Jahrhunderts auf den Zeiger ging:

„Ich hab’s versucht. Und ich habe knapp 400 der 1.000 Seiten mit wenigen Hängern auch gerne gelesen, aber dann hat’s mir gereicht. Die Grundgeschichte kennt hoffentlich jede_r: Don Quijote ist ein kleiner Adliger, der nichts lieber tut als Ritterbücher zu lesen. Er wird darüber verrückt und bildet sich nun ein, selbst ein Ritter zu sein. Sein altes Pferd wird Rosinante getauft, eine Bäuerin aus dem Nachbardorf wird in seinem Kopf zu Dulcinea, der schönsten aller Schönen und seine Herrin, für die er auszieht, um Abenteuer zu erleben, und ein Bauer namens Sancho Pansa fällt auf sein Geschwafel von Reichtum, Gold und Glück herein und folgt ihm mit seinem Esel. Beim Lesen der Windmühlengeschichte, die sehr früh im Buch kommt, musste ich das gleiche denken wie bei der Madeleine-Episode bei Proust, die auch auf den ersten, na, 50 Seiten von 5.000 kommt: Bis hierhin haben’s alle gelesen, und dann hat’s jede_r weggelegt.“

Schon im Dezember 2010 las ich die zu Recht vielgelobte Neuübersetzung von Susanne Lange und war begeistert:

„Letzten Monat hatte ich den Herrn Cervantes auch schon in der Mangel, allerdings in der Übersetzung von Ludwig Braunfels, und die hat schon über 100 Jahre auf dem Buckel. So liest sich das dann auch. 2008 hat Susanne Lange das Mammutwerk nochmal übersetzt, und das hat mich wirklich begeistert. Ich kann kein Wort Spanisch und deswegen überhaupt nicht sagen, wie gut oder schlecht sie das Original übertragen hat. Ich kann allerdings sagen, dass die Sprache immer noch „alt“ klingt, sich aber nicht mehr so liest. Gerade Don Quijote klingt immer ein bisschen verschrobener und stilblütiger als zum Beispiel Sancho Panza (der wird hier mit Z geschrieben, genau wie Rozinante, den ich auch vorher immer mit S kannte – und von dem ich immer dachte, er wäre eine sie). Andere Figuren klingen wieder anders, vernünftiger, nicht ganz so geistig umnachtet oder einfältig wie der Ritter und sein Knappe. Außerdem ist der Anhang ein steter Quell der Freude, denn er erklärt so ziemlich jede Anspielung und kulturelle Referenz, die den spanischen Leser_innen von 1604 total geläufig waren, mit denen ich jetzt aber gerade nichts anfangen kann.“

Die beiden Bände las ich komplett. Und 2012 kam noch die Fassung von Flix dazu, die den Ritter in die Neuzeit versetzt:

„Fühlt sich an wie ein neuer Flix: Die knuffigen Grundformen seiner Figuren sind noch da, aber alles scheint mit einem Hauch Franquin überzogen zu sein – was mir persönlich sehr gut gefällt.

Wie schon beim Faust versetzt Flix einen literarischen Helden nicht nur in die Wirklichkeit, sondern auch in die Neuzeit, und das hat wieder genauso gut funktioniert. Was sogar noch besser funktioniert hat – deswegen auch der „neue“ Flix: Es ist nicht mehr ganz so brüllend komisch wie sein Tagebuch oder auch der Faust, in dem so ziemlich jede Serie an Panels mit einer Pointe aufhörte. Im Don Quijote hat er es geschafft, den melancholischen, poetischen, zärtlichen Ton des Originals mitzunehmen, ohne den Flix’schen Humor zu vergessen – er ist stattdessen eine Nuance runtergedreht, ein winziges bisschen weniger auf die Zwölf. Wobei auch Cervantes gerne mal die Humorholzhammer rausholte; die Szene, an die ich mich am deutlichsten erinnere, ist die, in der erst Don den armen Sancho ankotzt und dieser dann ihn. Die Szene hat Flix netterweise auch übernommen, wie natürlich auch die Windmühlen (hier: Windräder), Rozinante (ein Fahrrad statt eines Pferds), Dulcinea (da verrate ich mal nichts, aber ich erwähne gerne, dass ich ein paar kleine Tränchen vergossen habe) und natürlich Sancho, der sich, genau wie im Original, zum Ritter ausbilden lassen will. Auch wenn der Flix’sche Sancho einen anderen Ritter im Kopf hat als Cervantes.

Kurz gesagt: Wie immer bei Flix ein wundervolles Buch. Nur noch wundervoller.“

Es ist mir noch nie wirklich aufgefallen, wie lange diese literarische Figur mich schon begleitet, und ich schleppe das Kinderbuch auch von Wohnung zu Wohnung und gucke jahrelang nicht rein, aber es muss halt im Regal sein. Ich freue mich sehr, dass auch die Skulptur jetzt wieder bei mir ist.

Was schön war, Freitag, 16. August 2019 – Komm bloß nicht rüber, Mann, und setz dich zu mir hin, weil ich so fleißig bin, weil ich so fleißig bin

(Sorry, den selbstgebastelten Ohrwurm werde ich sonst nie wieder los.)

Gestern saß ich Punkt 9 im Bällebad aka dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Die letzte Woche war weiterhin etwas fremdbestimmt gewesen mit Museumsbesuchen für den Podcast, der Podcastaufnahme, einer mehrstündigen und quer über den Tag verteilten Videokonferenz mit einer Kundin, und irgendwie schlafe ich auch noch mies, weil ich bei jedem Geräusch hochschrecke und denke, huch, Papa braucht was, ich muss nach unten gehen. Was nicht so ist, aber die vorletzte Woche bei meinen Eltern hat meinen Kopf anscheinend nachhaltig beeindruckt. Der feiertägliche Donnerstag (<3 Bayern!) war quasi mein Wochenende, und gestern war mein Montag, an dem ich endlich wieder konzentriert an der Diss sitzen wollte, so lange der Kundenjob noch nicht in die Textphase geht.

Ich hatte es in der vorletzten Woche immerhin geschafft, die ersten 100 Seiten Korrektur zu lesen. Wie sinnvoll das war, weiß ich immer noch nicht, denn beim Drüberlesen fallen einem ja noch mehr Lücken auf als vorher. Davon wollte ich gestern ein paar schließen.

1) einen Artikel im Baumeister finden, den Protzen in seinem Spruchkammerbogen angegeben hatte.

„G. Writings and speeches. / G. Veröffentlichungen und Reden.
[…] Geben Sie auf einem Extrabogen die Titel und Verleger aller von Ihnen seit 1923 bis zur Gegenwart ganz oder teilweise geschriebenen, zusammengestellten oder herausgegebenen Veröffentlichungen und alle von Ihnen öffentlich gehaltenen Ansprachen und Vorlesungen mit Angabe des Themas, Datums der Auflage oder Zuhörerschaft. […]

Als Künstler in Ramersdorf. Kleiner Aufsatz. Wahrscheinlich erschienen im ‚Baumeister‘ 34/35+“.

+ hieß bei ihm immer, dass er sich bei der Jahresangabe nicht sicher war. Im Nachlass fand sich der Aufsatz nicht, und ich registrierte amüsiert, dass er seinen Aufsatz im Katalog zur Ausstellung „Süddeutsche Maler sehen das Ordensland“ 1942 in Danzig irgendwie vergessen hatte.

Der Baumeister steht natürlich bei uns im Regal, ich zerrte die zwei Jahresbände an meinen Platz und blätterte. Relativ schnell stieß ich auf andere Artikel zum Thema Ramersdorf und kapierte erst dann, dass „Als Künstler in Ramersdorf“ keine persönliche Angabe war – ich war Künstler in Ramersdorf und habe irgendeinen Aufsatz geschrieben –, sondern der Titel des Aufsatzes. SETZ MEHR ANFÜHRUNGSZEICHEN! Beim Hefttitel setzt du die, aber hier nicht? Ich kann so nicht arbeiten!

Jedenfalls kapierte ich netterweise nun, worum es ging: um die Mustersiedlung Ramersdorf, die zur Deutschen Siedlungs-Ausstellung DSA 1934 in München erbaut wurde. Und auf einmal wusste ich auch, wozu die Fotos im Nachlass gehörten, die ihn auf einem Holzgerüst an mehreren Häuserwänden zeigen, wo er Sgrafittos anbrachte, ha! Ramersdorf! An mein Herz!

Ich musste den kompletten Jahresband 1934 durchblättern, um Protzens halbe Seite zu finden, denn sie war im Inhaltsverzeichnis nicht angegeben und befand sich auch erst in der Beilage zum Dezember, die im Sammelband natürlich als allerletztes kam.

Wenn ihr hier bei „Beilage“ klickt und bis kurz vor Schluss zur Seite B 158 runterscrollt, könnt ihr sein ungelenkes Deutsch auch genießen, das sich quasi null mit künstlerischen Problemen beschäftigt, aber dafür damit, wie es ist, bei Regen ein Haus anzumalen. (Das Bild im Artikel stammt nicht von Protzen, sondern von Albert Burkart.) (Link zickt seit Tagen.)

Das hat mich zwar gefreut, dass ich jetzt wusste, wozu die Fotos im Nachlass gehören und auch, dass ich jetzt wohl mal einen Spaziergang durch Ramersdorf machen werde, aber ich weiß mal wieder nicht, wie der Herr an diesen Auftrag gekommen ist. Die Suchmaske im Stadtarchiv versprach mir aber ein paar Akten, die ich mir durchlesen werde, und vielleicht findet sich da ein bisschen Korrespondenz. In der wenigen Literatur zu Ramersdorf werden nämlich nur zwei Maler als Freskomaler genannt – der eben erwähnte Burkart sowie Günther Graßmann –, aber kein Protzen. In einem weiteren, allerdings eher unwissenschaftlichen Buch (ich nenne es eine selektive Lobhudelei) über die Münchner Künstler-Genossenschaft, in der Protzen Mitglied war, las ich, dass eben diese MKG für die Fresken zuständig war. Ich bin mir nicht sicher, ob Burkart und Graßmann dort überhaupt Mitglieder waren, jedenfalls sind mir ihre Namen noch nicht so irre oft aufgefallen bei den vielen Zeitungsartikeln, die ich schon über die MKG gelesen habe. Muss ich sie wohl nochmal lesen. Jedenfalls habe ich durch den Aufsatzfund jetzt wieder drei Lücken und Fragezeichen mehr im Text.

Aber ich hatte Spaß mit Google Maps: In einem Baumeister-Artikel hatte ich den Grundriss der Siedlung gesehen, in dem auch die Straßennamen standen. Die googelte ich natürlich zuerst, fand aber keinen einzigen von ihnen in München. Also schaltete ich Maps auf Satellit und guckte nach der Form, die auch heute noch prima im Stadtbild zu sehen ist. Und in einem Buch zum Thema fand ich auch die Erklärung, warum die Straßen heute alle anders heißen: Sie waren 1934 nach den Herren benannt, die am Putsch von 1923 beteiligt gewesen waren. Kannte ich alle nicht.

2) den Katalog zur Biennale 1934 in Venedig einsehen, auf der ein Bild von Protzen gezeigt wurde.

Der steht natürlich auch bei uns im Regal, aber mit dem italienischen Vorwort von Eberhard Hanfstaengl, dem Kurator 1934 und 1936 (und dann wieder nach 1945, genaue Jahreszahlen habe ich gerade nicht) konnte ich nicht ganz so viel anfangen. Ich hatte in mehreren Aufsätzen zum Thema schon gelesen, dass Hanfstaengl sich dafür entschieden hatte, sowohl bereits etablierte Künstler zu zeigen als auch solche, die den neuen Anforderungen an deutsche Kunst entsprachen. Das war schwierig, weil, ich wiederhole mich, ich weiß, es eben nirgendwo festgehalten war, wie diese Anforderungen nun aussehen. Keiner wusste bis 1945 so genau, was die neue deutsche Kunst ist, und nach 1945 war’s dann auch egal, jedenfalls dachte sich das mein Fach so schön bequem.

Ich blätterte also den Katalog durch und stieß überrascht auf einen Namen, über den wir gerade vorgestern im Podcast gesprochen hatten, nämlich den Herrn Radziwill.

Auf den Katalogseiten finden sich noch andere Namen, die mir inzwischen geläufiger sind als noch vor drei Jahren. Aber ich las eben auch genügend, die ich nicht kenne, was mein Grundproblem mit dieser Arbeit bzw. dem ganzen Themenkomplex „Kunst im NS“ ist: Viele der damals ausgestellten Maler*innen kennt heute kein Mensch mehr, weil sich die Kunstgeschichte nach 1945 dafür entschieden hatte, sie zu ignorieren. Deswegen gibt es kaum Literatur, deswegen ist bis heute die Ausstellungspolitik dieser Kunst so wachsweich-unentschieden – wir haben einfach noch keine finale Meinung zu vielen dieser Arbeiten. Oder überhaupt keine.

Das zeigt diese eine Katalogseite sehr schön: Protzen – noch keine kunsthistorische Literatur. Radziwill – deutlich besser erforscht. Walter Rose – nie gehört, hat nicht mal einen Wikipedia-Eintrag. Georg Schrimpf – hing bei der Ersthängung im Saal 13 als zwiespältiger Kandidat, weil er bis 1937 an einer staatlichen Hochschule lehrte; hängt jetzt in der Pinakothek der Moderne ohne weitere Anmerkungen bei den Neusachlichen. Edmund Steppes – Anhänger der altdeutschen Malerei, frühes NSDAP-Mitglied, endlich mal ein eindeutiger Kandidat. Und so liest sich der ganze Katalog.

Ich konnte so also immerhin in meiner Arbeit etwas zur Ausstellungspolitik in Venedig ergänzen, ein paar Namen mit Protzen kontrastieren – ich fand es sehr spannend, dass dort sowohl Ernst Barlach (extrem unverdächtig) als auch Josef Thorak (Gottbegnadeter, eins-a-Nazikram) gezeigt wurden – und las viel über die Ausstellungen in den 1920er Jahren, um meine Einordnung besser verorten zu können. Aber auch hier blieb die Frage: Warum hing Protzen da? War er schon etabliert genug, um seine Nation vertreten zu können? Oder war er einer der Neuen? Ich kann ihn immer noch nicht so recht fassen.

3) die Glaspalast-Ausstellungen einordnen.

Protzen stellte von 1927 bis 1931 im Glaspalast aus, und ich wollte diese große Münchner Schau einfach ein bisschen besser einordnen. Ich fand aber bei den ersten Griffen ins Regal nur architektonische Auseinandersetzungen mit dem schicken Gebäude und war auch um kurz vor 16 Uhr etwas matschig im Kopf. Die Beschäftigung mit Ramersdorf und Venedig – was für ein Kontrast – war so spannend gewesen, dass ich mal wieder die Zeit vergessen hatte.

Feierabend.

Der Resttag: im Apple-Store ein hektisch falsch gekauftes Kabel umgetauscht (USB, nicht USB-C, du Hirn), im Supermarkt Salat besorgt, Mayonnaise angerührt, Caesar-Dressing daraus zubereitet (was wäre ich ohne dieses Rezept), zwei Folgen Lost geguckt und dazu eine Riesenschüssel Salat verspeist.

Abends die Bundesliga-Eröffnung auf dem iPad geschaut und mich zum wiederholten Male gefragt, wieso die Streams der Öffentlich-Rechtlichen auf dem iPad fehlerfrei laufen und am Macbook dauernd haken.

Eine Stunde auf Twitter rumgegammelt, mit Buch ins Bett. Dort Candy Crush gespielt anstatt zu lesen. Genug gelesen für einen Tag.

Das war alles sehr schön. Ich werde mit dieser Dissertation nie fertig werden.

Fehlfarben 22: BODY CHECK/Aenne Biermann/Franz Radziwill

Drei Ausstellungen, drei Weine. Als ob wir es geplant hätten!


Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 84 MB, 105 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.01:40. Blindverkostung Wein 1. Heute haben wir Kerner im Glas.

00.03:30. Unsere erste Ausstellung war BODY CHECK: Martin Kippenberger – Maria Lassnig im Kunstbau des Lenbachhauses. Die Ausstellung ballert Werke von Lassnig (yay) und Kippenberger (nicht ganz so yay) zusammen, und wir haben auch nach einer Diskussion von 45 Minuten nicht verstanden, wieso eigentlich. Mir haben grundsätzlich alle Werke von Lassnig gefallen, weil ich es schlicht immer wieder und immer mehr genieße, weibliche Körper zu sehen, die nicht normschön sind und die nicht-normierte Dinge tun, und gerade die malte Lassnig absolut unnachahmlich und einzigartig. Ihre Zeichnungen waren mir noch nicht bekannt, und auch die haben mir sehr gut gefallen.

Mit Kippenberger stehe ich auf Kriegsfuß, wie ich mit so ziemlich allen männlichen Künstlern der 1980er Jahre auf Kriegsfuß stehe, die meinten, mit blöden Kalauern den Kunstbetrieb aufmischen zu können. Da schmunzele ich müde drüber und erinnere mich daran, dass viele weibliche Künstler zu der Zeit noch nicht mal in ihrer Arbeit ernstgenommen wurden und echt was Besseres zu tun hatten als doofe Witze zu reißen. Ja, der Jesusfrosch ist lustig, ja, das Hakenkreuz ist großartig, aber der Rest ist mir ziemlich egal bzw. geht mir auf den Zeiger. Davon konnte mich die Ausstellung immerhin abbringen, denn in ihr befanden sich zwar auch einige Werke, bei denen ich mit den Augen rollte, aber das meiste hat mich dann doch mit dem Herrn versöhnen können.

Die Ausstellung läuft nur noch bis zum 15. September, also noch schnell rein da. Notfalls einfach nur die Lassnigs angucken, das geht ja immer.

00.33:10. Blindverkostung Wein 2.

00.47:50. Blindverkostung Wein 3.

00.53:20. Die zweite Ausstellung: Von der Fotografin Aenne Biermann hatte ich vorher noch nie gehört, was ich nun sehr bedauere, denn die Schau Vertrautheit mit den Dingen hat uns allen sehr gut gefallen. Ich mochte besonders die Stillleben, war ja klar, die mag ich ja immer, aber auch ihre Porträts, bei denen sie ihren Subjekten fast bis auf die Nasenspitze nahe kommt, waren sehr spannend. Wir erwähnen eine Dame mit Monokel und in diesem Zusammenhang das Porträt von Sylvia von Harden, das Otto Dix 1926 malte. Die Ausstellung läuft noch bis zum 13. Oktober. Schwabentipp: Am Sonntag kostet der Eintritt in die Pinakothek der Moderne nur einen lausigen Euro. Und ihr könnt gleich die nächste Wand mitnehmen:

01.20:00. Denn von Franz Radziwill hängen nur vier Werke plus ein Schmidt-Rottluff. In Zwei Seiten eines Künstlers zeigt die Pinakothek ein Gemälde, das von beiden Seiten der Leinwand bemalt ist. Joah, war okay. Was für mich aber viel spannender war, waren zwei weitere Werke, die von 1937 und 1938 stammten und in denen sich Radziwill den nicht definierten Vorlieben der NS-Machthaber angepasst hatte, was Bildgestaltung anging. Also genau mein Thema, welcome to my TED talk. Nein, ich habe mich brav zurückgehalten und kein 30-minütiges Impulsreferat gehalten, aber wer mein Blog aufmerksam gelesen hat in den letzten drei Jahren, der wird durch meinen Podcast-Beitrag nicht viel Neues erfahren. Ich erwähne natürlich meinen Blogeintrag zum Saal 13, in dem die Pinakothek als erstes Kunstmuseum in Deutschland bewusst NS-konforme Kunst zeigte. Der Saal ist heute leicht anders gehängt und meiner Meinung nach etwas schwächer, aber hey, es hängen dort jetzt zwei Protzens und nicht mehr nur einer. Ich erwähne auch ein Bild von Wilhelm Lachnit, der sein Werk Mädchen mit Schmuck im Nationalen Porträtwettbewerb 1936 einreichte. Natürlich auch hier: Anschauempfehlung, läuft noch bis zum 31. Dezember.

01.38:45. Wir lösen die Weine auf; Wein 2 landete zweimal auf dem ersten Platz, die anderen beiden lagen nicht weit dahinter. Kann man alles prima wegtrinken.

Wein 1 von Flo: Weingut Manni Nössing, Südtirol Eisackertaler Kerner 2017, 13,5%, bei der Weinhandlung Bergwein in München gekauft für 16,70 Euro.

Wein 2 von mir: Weingut Kerstin Laufer, Unterhaider Röthla Kerner trocken, 2017, 12%, bei wirwinzer.de bestellt für 12 Euro.

Wein 3 von Felix: Weingut Geiger & Söhne, mundart Kerner Kabinett trocken, Thüngersheim Scharlachberg 2018, 13,5%, bei wirwinzer.de bestellt für 6,70 Euro.

Tagebuch, Montag bis Samstag, 5. bis 10. August – Beta-Papa

Mein Vater hatte im Mai einen Schlaganfall und war dann nach einer Operation in der Reha. Seit vorletzter Woche ist er wieder zuhause. Er ist noch der Papa, den ich kenne, aber mit neuen Features und anderen, die nicht mehr so recht funktionieren. Ein Beta-Papa vielleicht. Ich war in der vergangenen Woche in der alten Heimat, um meine Mutter etwas zu entlasten, während sich Dinge wie Pflegedienste und Hilfsmittelfirlefanz einspielen. Das gehört aber nicht hier ins Blog, denn das ist nicht meine Geschichte.

Was meine Geschichte ist: Es war die anstrengendste Woche meines Lebens, und mein bisheriger Rekord, eine 70-Stunden-Woche in der Werbeagentur, war ein Spaziergang mit Käsekuchen und Konfetti dagegen. Ich hatte die Tragweite der Veränderungen, nicht nur an Papa, sondern auch im Elternhaus und in der Familiendynamik optimistisch unterschätzt. Die plötzliche Intimität war für mich anstrengend, das Arbeiten (Dinge erledigen, Dinge vor- und einkochen, Dinge vorbereiten) war für mich anstrengend, weil die häusliche Umgebung nicht auf meine, sondern auf anderer Leute Bedürfnisse eingestellt war, das Schlafen im alten Kinderzimmer war anstrengend, weil es nicht nur mal eben zu Weihnachten für eine Nacht nach viel gutem Essen und Sekt war, sondern nach einem Tag, der emotional und körperlich sehr schlauchte, und dann kam noch ein Tag und noch einer, und ich bin fast stolz darauf, erst am Freitag einen völligen Überforderungsheulflash bekommen zu haben. Um dann vom Vater getröstet zu werden, wegen dem man heult und der einen für die eigene Schwester hält.

Die komplette Fremdbestimmung durch einen Kranken war für mich mit am anstrengendsten, denn wenn ich etwas schätze, ist das meine relative Freiheit, die mir Selbständigkeit, Studium, Wohnsituation und Beziehungen lassen – im Prinzip kann ich so gut wie dauernd machen, was ich will und wann ich es will, und wie großartig das ist, habe ich erst in der letzten Woche so richtig gemerkt. Wegen dieser konstanten Fremdbestimmung und Überforderung und Anstrengung dachte ich die ganze Woche lang, ich will nach Hause, ich will nach Hause, ich will nach Hause, auch wenn ich mich sehr darüber gefreut habe, wirklich eine Hilfe sein zu können, sowohl in wenigen Augenblicken für die Pflegenden als auch ganztags für meine Mutter, und sei es nur durch eine aus Gartenfrüchten zubereitete Tomatensauce, die Mama jetzt nur noch aufwärmen muss, um schnell ein Mittagessen fertig zu haben.

Die Zugfahrt gestern nach München war eine Art Dekompression; ich las ungefähr eine Seite in meinem mitgebrachten Buch – immerhin eine mehr als die ganze letzte Woche –, hörte aber sonst nur Klassik auf Spotify und guckte aus dem Fenster. Zuhause räumte ich sofort den Kofferinhalt brav weg, setzte Wäsche an, sagte allen meinen Blumen persönlich guten Tag, warf mich aufs arg vermisste Sofa, um endlich wieder eine Serienfolge zu sehen und dachte, so, alles prima, wieder daheim, yay. Aber ich merkte nach ungefähr 20 Minuten, dass ich sehr unkonzentriert schaute und es mir eigentlich auch egal war. Und dann dachte ich: Ich will wieder in den Norden, wo ich sinnvollere Dinge tun kann als Serien zu gucken, die mir egal sind.

Ich weiß noch nicht, was ich mit dieser sehr unerwarteten Reaktion anfange.

Ein zielvolles Dankeschön …

… an Julia, die mich mit Richard J. EvansThe Pursuit of Power: Europe 1815–1914 überraschte. Ich meine dieses Buch in einer Rezension zu einem anderen Geschichtsbuch entdeckt zu haben, und weil es so viel spannender klang als das besprochene, musste ich es gleich auf den Wunschzettel setzen. Kann aber auch sein, dass in der FAZ die deutsche Ausgabe rezensiert wurde und ich dachte, ach, les ich doch gleich das Original. Wie dem auch sei, ich zitiere bequem den Perlentaucher zur deutschen Fassung:

„‚Das europäische Jahrhundert‘ entwirft ein außergewöhnlich facettenreiches, überraschendes und unterhaltsames Panorama des 19. Jahrhunderts in Europa. Der Kontinent durchlief zwischen 1815 und 1914 eine drastische Transformation mit grundstürzenden Veränderungen in Kultur, Politik und Technik. Was in einer Dekade als modern empfunden wurde, war in der nächsten bereits veraltet. Großstädte schossen innerhalb einer Generation aus dem Boden, und neue europäische Länder gründeten sich. In der Zeit zwischen der Schlacht von Waterloo und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beherrschte Europa den Rest der Welt wie niemals zuvor oder je wieder danach.“

Und, Achtung, totaler Allgemeinplatz, das 20. Jahrhundert in seinen Widerlichkeiten wäre ohne diesen Verlauf des 19. vermutlich – hoffentlich – anders verlaufen. Auch deshalb interessiert mich die, im wahrsten Sinne des Wortes, Vorgeschichte.

Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Links vom Sonntag, 4. August 2019

Die ethische Last journalistischer Arbeit

Carolin Emcke schreibt, warum sie die Enthüllung von Hingsts erfundenen Geschichten richtig findet, denkt aber auch über journalistische Verantwortung nach.

„Als Journalistin nicht zu reflektieren über die Frage, über was es zu schreiben oder nicht zu schreiben gilt, das wäre auch unrecht. So zu tun, als ginge uns dieser Tod nichts an, als forderte er uns nicht alle heraus, das wäre allzu zynisch und bequem. Sie steht ja im Raum, die Frage: Ob es unlauter war, eine Person zu konfrontieren mit ihren Lügen, jemandem die Identität(en) zu entziehen, die sie sich selbst erschaffen hatte – und sie möglicherweise dadurch bedenklich zu destabilisieren. […]

Ich weiß nicht, ob ich die Not des Gegenübers erkannt hätte, ich weiß nicht, ob ich versucht hätte zu helfen, wenn ich sie erkannt hätte. Ich hoffe es. Aber ich weiß, dass ich mich auch in der Verantwortung gegenüber den echten Toten und Überlebenden der Schoah begriffen hätte, deren Geschichte sich niemand aneignen darf, als sei es ein Accessoire. Und ich weiß um alle die antisemitischen Revisionisten, die immer noch und immer wieder versuchen, die Tatsache von Auschwitz zu bestreiten, ich weiß, wie sehr erfundene Opfergeschichten denen nutzen, die allzugern behaupten, die Verbrechen der Nationalsozialisten habe es nie gegeben. Ich weiß, dass die Erinnerung an die Wahrheit und der Widerspruch gegen das Leugnen zu dem gehört, was mir aufgetragen ist.

So furchtbar es ist, es lässt sich beides denken: Auch ich hätte geschrieben über die Täuschungen, weil wir das den Angehörigen der Opfer der Schoah schuldig sind. Und gleichzeitig wünschte ich wie alle anderen, es hätte verhindert werden können, dass ein junger Mensch aus dem Leben geht.“

Warum der SPIEGEL über den Fall Marie Sophie Hingst berichten musste

Martin Doerry erläutert, warum er seinen Artikel und dessen Veröffentlichung immer noch für richtig hält und erwähnt auch seinen Kollegen von der Irish Times.

„Der Berliner Korrespondent der “Irish Times”, Derek Scally, hat Marie Sophie Hingst etwa eine Woche nach der Veröffentlichung aufgesucht und ein anderes Bild von ihr gewonnen. Er zeichnet in seinem Porträt das Bild einer verwirrten, hilflosen Person, die an der jüdischen Familienlegende verzweifelt festhält. Er behauptet, ich hätte übersehen, in welcher katastrophalen psychischen Verfassung Frau Hingst gewesen sei. Was er dabei übersieht, ist die Tatsache, dass Frau Hingst vor der Publikation des Artikels keineswegs verzweifelt und niedergeschlagen war, sondern souverän, kämpferisch und entschlossen. Er ist ihr erst begegnet, als ihre fiktive Identität zusammengebrochen war. Wir haben zwar dieselbe Person getroffen, aber in zwei völlig unterschiedlichen Lebenssituationen.

Scallys Bericht löste in den sozialen Netzwerken ein starkes Echo aus. In vielen Kommentaren wird ihre von ihm kolportierte Aussage, sie habe sich durch den SPIEGEL “wie bei lebendigem Leibe gehäutet” gefühlt, als Beleg seelischer Grausamkeit gesehen. Die Tatsache, dass Marie Sophie Hingst sechs Jahre lang systematisch Lügen über ihre angeblich im Holocaust umgekommenen Vorfahren verbreitet hat – nicht nur in ihrem viel gelesenen und prämierten Blog, sondern auch in öffentlichen Reden vor großem Publikum –, erscheint dagegen häufig als lässliche Sünde oder wird gar nicht thematisiert.“

Athleisure, barre and kale: the tyranny of the ideal woman

Ein mäandernder, aber genau in dieser Flaniererei guter Artikel von Jia Tolentino, der aber die Grundtendenz der modernen Frau in welcher Ausprägung auch immer gut zusammenfasst: Wir optimieren uns, um in einem System mitzuspielen, das uns gar nicht mitspielen lassen will.

Sie beginnt mit dem Feminismus in seiner weichgespülten Form, der uns Dinge verkaufen will:

„Today’s ideal woman is of a type that coexists easily with feminism in its current market-friendly and mainstream form. This sort of feminism has organized itself around being as visible and appealing to as many people as possible; it has greatly over-valorized women’s individual success. Feminism has not eradicated the tyranny of the ideal woman but, rather, has entrenched it and made it trickier. These days, it is perhaps even more psychologically seamless than ever for an ordinary woman to spend her life walking toward the idealized mirage of her own self-image. She can believe – reasonably enough, and with the full encouragement of feminism – that she herself is the architect of the exquisite, constant and often pleasurable type of power that this image holds over her time, her money, her decisions, her selfhood and her soul.

Figuring out how to “get better” at being a woman is a ridiculous and often amoral project – a subset of the larger, equally ridiculous, equally amoral project of learning to get better at life under accelerated capitalism. In these pursuits, most pleasures end up being traps, and every public-facing demand escalates in perpetuity. Satisfaction remains, under the terms of the system, necessarily out of reach.“

Dann schreibt sie über Lunch Breaks, in denen wir teure Salate bei Vapiano und Co. essen, um möglichst schnell wieder ins Hamsterrad zu kommen, am besten, während man noch mal schnell die Arbeitsmail checkt. Für psychologischen Ausgleich durch Sport betreibt Tolentino Barre, ein Sport, bei dem es eher darum geht, gut auszusehen als stark zu werden. Und das alles in athleisure, ein Kleidungskonzept, das uns in der Freizeit aussehen lässt wie beim Sport. Jedenfalls einige von uns:

„Spandex – the material in both Spanx and expensive leggings – was invented during the second world war, when the military was trying to develop new parachute fabrics. It is uniquely flexible, resilient and strong. It feels comforting to wear high-quality spandex, but this sense of reassurance is paired with an undercurrent of demand. Shapewear controls the body under clothing; athleisure broadcasts your commitment to controlling your body through working out. And to even get into a pair of Lululemons, you have to have a disciplined-looking body. (The founder of the company once said that “certain women” aren’t meant to wear his brand.) “Self-exposure and self-policing meet in a feedback loop,” Weigel wrote. “Because these pants only ‘work’ on a certain kind of body, wearing them reminds you to go out and get that body.”

Und sie schließt mit einer deprimierenden Feststellung für alle Beauty-Bloggerinnen und Influencerinnen da draußen, die vermutlich zu beschäftigt sind, um dieses Essay zu lesen:

„The realm of what is possible for women has been exponentially expanding in all beauty-related capacities – think of the extended Kardashian experiments in body modification, or the young models whose plastic surgeons have given them entirely new faces – and remained stagnant in many other ways. We have not “optimized” our wages, our childcare system, our political representation; we still hardly even think of parity as realistic in those arenas, let alone anything approaching perfection. We have maximized our capacity as market assets. That’s all.“

Wenn Sie beim Lesen ein bisschen Musik hören wollen – oder einfach nur so Musik hören wollen –, empfehle ich die 5. Sinfonie (1946) von Bohuslav Martinů. Schon viel zu lange keinen Martinů mehr gepluggt. Dauert auch nur ne halbe Stunde.

Tagebuch Freitag, 2. August 2019 – Nürnberger Feierabend

Gestern morgen zusammengepackt, ausgecheckt, das Köfferchen im Hotel gelassen und ein letztes Mal den Weg von dort zum Kunstarchiv gegangen. Nochmal St. Lorenz gewunken; die Kirche hatte ich mir bei meinem letzten Nürnberg-Besuch mal etwas ausführlicher angeschaut.

Dann wühlte ich weiter in den noch übriggebliebenen Boxen und Mappen des Nachlasses. Bei meinen letzten drei Besuchen hatte ich mir notiert, wo was liegt, denn, wie vermutlich schon erwähnt, ist der Nachlass noch unsortiert und unverzeichnet, das heißt, er hat auch noch keine zitierbare Inventarnummer. Ich durfte die 15 Behältnisse aber nummerieren, und im Moment ist das dann auch die offizielle Quellenangabe: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Deutsches Kunstarchiv, Nachlass Protzen, Carl Theodor, Box oder Mappe sowieso.

In vielen Boxen lagen Ausstellungskataloge, von denen der Herr oder seine Frau teilweise fünf Duplikate aufgehoben haben. Warum davon nicht gleich vier an irgendwelche Bibliotheken gegangen sind, weiß ich nicht – darf man als annehmende Institution den Nachlass noch ausflöhen oder muss der auf alle Ewigkeit so bleiben wie er ankam? Ich wollte bei einigen dringend was fürs ZI klauen, habe mich aber brav zurückgehalten. Wobei: die Kataloge, die bei uns fehlen, waren hier auch meist nur einmal vorhanden. Aber eben immerhin einmal, ha!

Ich schaffte es gestern, noch alles abzuarbeiten, was wichtig war. Was eher zweitrangig war, bleibt für den nächsten Besuch liegen: einige der Fotoalben, in denen die beiden private Aufnahmen eingeklebt hatten, blätterte ich nicht noch einmal durch, weil ich keine Zeit mehr hatte. Zwei schaute ich nochmal durch, weil da Aufnahmen von Familienmitgliedern drin waren, bei denen ich auf Bildunterschriften hoffte, aber davon waren die beiden anscheinend keine Fans. Und bei einem weiteren wusste ich, dass darin Aufnahmen von der Grundsteinlegung vom Haus der (deutschen) Kunst waren, die wollte ich auch nochmal anschauen. Ganze vier Seiten voller Fotos waren eingeklebt, das war deutlich mehr als der Aufenthalt in Avignon 1929, nur mal als Vergleich.

Ich habe das Bild bewusst so klein gelassen, damit man die irre vielen Hakenkreuzflagge nicht wirklich deutlich sieht.

Zur Grundsteinlegung gab es einen Festumzug, der auch auf einigen Bildern zu sehen ist. Und es gab ein Programmheft dazu, das wusste ich noch nicht. Interessiert durchgeblättert, ob ich bekannte Namen fand; fand ich, waren aber für meine Arbeit egal. Aber diese Anzeige fand ich dann ganz spannend.

Ich freute mich auch über einen skurrilen Heftfund, der mir letztes Mal beim hektischen Durchgucken entgangen war:

Dieses Heft existiert sonst nur noch im Deutschen Museum hier in München und in ihm befindet sich ein Artikel zur sogenannten Ehrenhalle, mit der die Ausstellung „Die Straße“ von 1934 eröffnet wurde. In dieser temporären Ausstellung malten zehn Maler gemeinsam acht Werke an die Wände, was aus kunsthistorischer Sicht ziemlich gaga ist, weil ein Wandgemälde eigentlich etwas Dauerhaftes ist. Diese schlaue Erkenntnis teilte mir eine andere Doktorandin mit, die ein anderes Thema hat, das sich aber hier in dieser Ausstellung mit meinem Thema überkreuzt, denn einer dieser zehn Maler war der Herr Protzen. (Und ich weiß immer noch nicht, wie er an diesen prestigeträchtigen Auftrag gekommen ist, knurr.) Wir sind von meinem Doktorvater verbandelt worden, und die Dame freute sich außerordentlich über meine Fotos des Hefts und der folgenden Seiten. Und ich freute mich, dass ich jemandem eine Freude machen konnte.

Und auch, weil ich endlich wusste, welches der Bilder Protzen nun gemalt hatte, denn um diese genaue Auskunft drückten sich alle Aufsätze und Quellen, die ich bisher gefunden hatte. Aber: Im Nachlass finden sich Fotos von Kartons, die als Vorlage für die endgültigen Gemälde dienten, aber nur von vier der acht Bilder. Also gehe ich mal optimistisch davon aus, dass er nur an „2. Die römische Straße“, „4. Die Straße im frühen Mittelalter“, „5. Die Straße nach dem Dreißigjährigen Krieg“ sowie „6. Die Straße um 1800“ beteiligt war. Oder er hat ein paar Fotos bewusst vernichtet, denn in den Gemälden „7. Die Straße frei den brauen Bataillonen, Nürnberg 1933“ sieht man einen gemeinsamen Aufmarsch von SA, SS und Soldaten vor einer Fachwerkhauskulisse und in „8. Die Straßen Adolf Hitlers“ eine breite, moderne Autobahnbrücke durch eine dörfliche Gegend. Wobei das letzte Bild gut in sein späteres Schaffen passen würde, aber vielleicht war er hier wirklich noch unbeteiligt. Das ist jetzt also keine wilde Entdeckung, dass er an diesen Werken beteiligt war, aber immerhin eine Eingrenzung, und mich freuen solche Details.

Dann fand ich ein Werk von ihm auch noch in Farbe, das war auch schön. Es gibt so wenige Farbaufnahmen der Autobahnbilder, und bei einigen Werken weiß ich immer noch nicht, wo sie sich heute befinden, falls sie überhaupt noch existieren. Das ist ist, falls ihr die Überschrift aus der Sonderausgabe der Monatshefte von Velhagen & Klasing nicht lesen könnt, die Lauterbachtalbrücke bei Kaiserslautern.

Bei einem Katalog von 1955 musste ich sehr grinsen und an meine Großeltern und Eltern denken, die gerne alles irgendwie beschriften und notieren, man weiß ja nie. Der Katalog war von der 29. Jahresschau Oberpfälzer und niederbayerischer Künstler und Kunsthandwerker im Kunst- und Gewerbehaus Regensburg, die Ende 1955 stattfand. Protzen war als Gast eingeladen und zeigte unter anderem sein Stilleben mit schwarzem Korb, das ich mal keck auf 1955 datiere, weil er fast konstant aktuelle Werke zeigte, egal wo und wann. (Wenige Ausnahmen direkt nach dem Krieg, als noch keiner so recht wusste, was man jetzt überhaupt zeigen sollte oder durfte. In der Zeit produzierte er auch fast ausschließlich unverdächtige und kreuzlangweilige Blumenstillleben.) Im Katalog war sein Werk auch abgebildet, aber ohne Name oder Bildtitel, wie sich das eigentlich gehört, nur mit Katalognummer. Also hat der gute Mann bei allen Abbildungen die Namen der Künstler handschriftlich notiert – auch bei seinem eigenen Werk.

Bei einem anderen Katalog wimmerte ich hingegen sehr. Zusammen mit Protzen stellte nämlich auf der Dresdner Schau „Kunst und Technik“ 1939 auch ein gewisser Carl Grossberg aus, dem ich immer noch sehr hinterhertrauere. Von ihm kannte ich ja schon Bilder vom Ende der 30er Jahre – er starb 1940 –, aber die hier kannte ich noch nicht. Das Werk Grossbergs ist nach 1933 noch so gut wie nicht aufgearbeitet, weil die ollen Erben nicht wollen, dass er irgendwie in den Ruch eines Nazikünstlers kommt. Die Gefahr sehe ich natürlich nicht, aber auch generell wäre es spannend, sich diese Zeit in Bezug auf ihn anzuschauen, weil er ein hervorragendes Beispiel dafür ist, dass eben nicht alles, was zwischen 1933 und 1945 in Deutschland als Kunst produziert und offiziell ausgestellt wurde, so aussah, als wolle Göring es sich übers Sofa hängen. Genau das war meine erste Dissertationsidee, die aber leider am Nein der Grossberg-Erben scheiterte. Und so wimmerte ich noch ein bisschen weiter, wo ich endlich mal wieder ein Bild von ihm sah. Ich liebe sein Zeug so sehr.

Wer noch mehr zu Grossberg und seinem halbwegs aktuellen Forschungsstand lesen möchte, kann das in diesem pdf der Galerie Hasenclever von 2017 tun. Die Zeit ab 1933 und die nicht vorhandene kunsthistorische Auseinandersetzung mit ihm fängt auf Seite 6 an, Autor ist der von mir sehr geschätzte Olaf Peters.

Und so wuschelte ich bis kurz nach 15 Uhr durch, das sah ungefähr so aus, Belegbild mal wieder nur für F. aus der Hüfte geschossen, und allmählich sollte ich mir angewöhnen, auch diese Hüftbilder anständig zu machen, denn die landen neuerdings irgendwie immer im Blog:


(Mein Trackpad am Laptop hat eine Macke, und das externe Trackpad wackelt, und ich komme wir wirklich immer wie ein Idiot vor, neben Laptop und Trackpad noch einen gefalteten Zettel in alle Bibliotheken zu schleppen, damit es eben nicht mehr wackelt, ich Hobo der Kunstgeschichte. Aber bevor die Diss nicht fertig ist, gibt’s keinen neuen Rechner. Never touch a running system.)

Als Abschluss blätterte ich noch einmal das Gästebuch durch, das die Protzens von 1926 bis ungefähr 1962 führten, die letzten Einträge sind undatiert, Henny Protzen-Kundmüller starb 1967, Protzen bereits 1956, was sie auch im Gästebuch vermerkte. In den letzten Tagen, in denen ich endlich mal konzentriert und länger am Nachlass arbeiten konnte als bisher, wo ich immer nur für einen Tag in der Stadt war, sind mir eben doch noch viele Namen und Dinge aufgefallen, und einiges fand ich im Gästebuch wieder. Ich fand auch einiges nicht, was ich erwartet hatte, was mir auch wieder Interpretationsspielraum gibt. Ich bleibe hier mal so vage, sonst wird der Eintrag noch länger.

Aber das war eine wirklich schöne und ertragreiche Woche. Zu den Nachlässen der anderen Künstler bin ich nicht mehr gekommen, aber ich ahne, dass ich noch ein fünftes Mal alles durchwühlen werde, vermutlich wenn ich wieder einige Monate neue Recherche hinter mir habe. Darauf freue ich mich jetzt schon.

(Und ich habe mich über eure Mails gefreut, die davon berichtet haben, dass ihr meine Archivarbeit nicht so langweilig findet, wie ich innerlich erwartet hatte. DIE IST AUCH NICHT LANGWEILIG! Seid froh, dass ich nicht wieder mit Golfspielen anfange.)

Tagebuch Donnerstag, 1. August 2019 – Sooo laaange

Sieben Stunden durchgearbeitet – und gerade eine Box mit Katalogen geschafft sowie eine mit Zeitschriften. Wimmer! Wissenschaft nervt, weil sie sooo laaange dauert! Nix war’s mit Tagebüchern einsehen von anderen Malern, erstmal muss die olle Pflicht erledigt werden – welches Bild hing wann wo, und nein, nicht nur den Papenbrock/Saure abschreiben, denn wie ich dauernd merke, sind da gerne Fehler drin, immer schön selbst in die Kataloge gucken, immer brav die Originalquelle checken, soll ja anständig werden, das Ding. Aber das dauert halt sooo laaange!

Aber immerhin waren in der Zeitschriftenkiste einige Hefte dabei, die mir wichtige Fragen beantworten konnten, deren Antworten ich in allen Büchern und Aufsätzen zur Autobahn nicht finden konnte, ha! Außerdem habe ich immerhin ein neues Bild von Herrn Protzen in Farbe gefunden, darüber freue ich mich auch immer sehr, weil ich ihn quasi nur in Schwarzweiß kenne. Es ist alles irgendwie Fusselkram, den ich erledigt habe, ich konnte gar nicht glauben, dass der Arbeitstag schon rum war, während mein knurrender Magen vermutlich den ganzen Lesesaal unterhalten hat, und ich fühlte mich danach wie dieses klassische gif. (Wie matschig mein Kopf war, merkt man daran, dass ich beim Twittern die Zeitschriftenkiste ernsthaft schon vergessen hatte. Wie ich auch jetzt beim morgendlichen Tippen schon nicht mehr genau weiß, was ich gestern alles aufgeschrieben habe.)

Abends nichts mehr gemacht, nicht fein essen gewesen, nichts im Museum angeguckt, lieber ein Sandwich vom Bahnhof sowie meinen restlichen Keksvorrat im klimatisierten Zimmer verspeist, passt schon, letzte Folge von Jane the Virgin geschaut und wie jede Folge herrlich gefunden. Die FAZ ernsthaft komplett auf dem Handy durchgelesen, also die Teile, die ich sonst komplett auf Papier lese, und ansonsten hirntot Candy Crush und andere Zeiträuber gedaddelt. Anstrengender, aber guter Tag. Jetzt bin ich so richtig schön im Nachlass-Groove, und jetzt muss ich schon wieder weg. Mpf.

Stiefkind-Adoption

MyCuppaTea und ihre Frau haben nun ein gemeinsames Kind:

„Der Vorgang ist unnötig und belastend (und durchaus auch kostenintensiv) für die ganze Familie – für das Kind ist es schließlich unbestritten nur von Vorteil, wenn es statt nur einem Elternteil von Geburt an zwei hat. Noch dazu ändert sich an der Lebenssituation ja nichts, egal ob mit oder ohne Adoption. Des Weiteren ist es höchst kritisch zu sehen, dass man in dem Prozess private/intime Details in solchem Umfang preisgeben muss. Welches heterosexuelle Paar, das ein Kind bekommt, muss dem Staat solche Einblicke in das Privatleben gewähren?“

How Phones Made the World Your Office, Like It or Not

Halt, nicht weglaufen, ist kein fieser Work-Life-Balance-Artikel, sondern einer mit herrlichen Fotos von alten Telefonen!

„History’s first call on a hand-held wireless phone was made on April 3, 1973, by a Motorola executive named Martin Cooper. Mr. Cooper had developed the phone himself and, having a cheeky streak, decided to step out onto Sixth Avenue, in Midtown Manhattan, and call his rival at Bell Laboratories to gloat a little. Can you hear me now?

Told recently that his call was a great P.R. stunt, Mr. Cooper, who turned 90 last year, said: “Remember, this was the first public call ever made and I only cared about one thing: Was the phone going to work? This thing was a handmade prototype — thousands of parts carefully wired together by an engineer, not a production guy — and there were only two in existence.”“

Tagebuch Mittwoch, 31. Juli 2019 – Immer noch Archivglück

Okay, im Vergleich zu vorgestern war das gestern etwas mühseliger, weil ich bei jeder Kiste, die ich vom Rollwägelchen mit Protzens Nachlass runternahm, dachte, kennste schon, haste schon gesehen, haste fotografiert, haste zuhause schon stundenlang drüber gebrütet. Aber wie bereits des Öfteren erwähnt, sieht man dann doch immer noch was Neues, auch wenn es nur noch kleine Details sind und keine irren Entdeckungen. Mit denen rechne ich auch nicht mehr wirklich. Meistens war ich nur damit beschäftigt, im Text Fußnoten zu ergänzen, wo bisher nur stand „Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Deutsches Kunstarchiv, Nachlass Carl Theodor Protzen, Box ???“ und dann das betreffende Stück. Ich habe in den letzten Tagen viele Fragezeichen löschen können.

Um den Kopf ein bisschen abzulenken, bat ich um zwei Stücke aus dem riesigen Nachlass der Galerie Heinemann, der netterweise vernünftig verzeichnet ist, und konnte so noch zwei Dinge im Text ergänzen, die bisher noch mit „Originalquelle einsehen!“ markiert waren. Und nebenbei fand ich Dinge, die ich nicht auf dem Plan hatte, wie immer. (GEHT MEHR IN ARCHIVE!)

Außerdem erfuhr ich von der freundlichen Ansprechdame, dass die drei Maler, deren Nachlass ich in der Onlinesuche bei zweien als unverzeichnet interpretiert hatte, immerhin schon in Listenform aufgearbeitet waren. Ich muss also nicht selber in Kisten wühlen, um zu wissen, was Anton Leidl, Carl Otto Müller und Alwin Stützer hinterlassen haben, sondern kann erstmal ein paar DIN-A4-Seiten durchlesen. Das erbrachte leider das erwartete Ergebnis: Die Herren haben irgendwie, keine Ahnung warum, wie konnte das nur passieren, huch, große Lücken zwischen 1930 und 1950 und es finden sich nur ein paar sporadische Funde, von denen sie vermutlich ahnten, dass sie damit nicht so recht durchkommen, wenn die fehlen (Spruchkammerbögen, Ausstellungskataloge aus der NS-Zeit). Bei Herrn Stützer sind immer noch noch Tagebücher da, und genau da werde ich heute oder morgen mal reinschauen – und vorher beten, dass der Mann kein Sütterlin mehr geschrieben hat. Bei Protzen habe ich Glück, der schrieb so ein Mittelding zwischen Sütterlin und heutiger Schreibweise, das kann ich lesen.

Sehr matschig im Kopf und sehr hungrig um halb vier Feierabend gemacht. Ich arbeite durch, weil ich weiß, wie wenig Zeit ich habe, aber gestern dachte ich so gegen kurz nach drei, wärste man gegen eins auf einen Kaffee rausgegangen, dann könntest du jetzt besser denken.

Wie gut, wenn man abends mit einem charmanten Herrn zum Essen bei einem netten Italiener verabredet ist. Danach war mein Kopf auch wieder da, und so konnte ich im Hotel noch ein paar Textblöcke aufräumen. Spaßeshalber zählte ich dann mal wieder die Seiten zusammen, die ich bisher aus NICHTS, wie ich ja gerne rummeckere, zusammengekloppt habe. Ich bin dann jetzt bei 101, und ich bin immer noch nicht im Kapitel mit den Autobahnbildern. Ähem.

Tagebuch Dienstag, 30. Juli 2019 – Archivglück

Ich bin die ganze Woche in Nürnberg. Also von Dienstag bis Freitag, weil mein Liebling, das Deutsche Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum, nur von Dienstag bis Freitag geöffnet ist UND ICH NICHTS SCHAFFEN WERDE! Jedenfalls kam mir das gestern um 16 Uhr so vor – SIE SIND AUCH NUR VON 9 BIS 16 UHR GEÖFFNET –, als ich sechseinhalb Stunden durchgetippt und noch nicht mal eine Mappe des Protzen-Nachlasses vernünftig aufgearbeitet hatte.

Eigentlich möchte ich noch in drei weitere Nachlässe reingucken, aber ich ahne, dass ich nicht mal den Protzen durchbekomme, obwohl ich ihn schon dreimal eingesehen habe. Aber wie es halt so ist, Zauberei, beim vierten Mal und nach einem Jahr intensiver Recherche anderswo sieht man mehr als beim ersten, zweiten und dritten und plötzlich muss man ganz viel aufschreiben.

Nach Feierabend ausgehungert alle guten Vorsätze von Salat und Bagel und Fair-Trade-Kaffee mit Biomilch fahrenlassen und bei Mäcces gespeist. Alles richtig gemacht. Bei Aldi noch ein paar Getränke geholt und dann aus dem irrwitzig schwülen Nemberch ins menschenfreundlich kühl klimatisierte Hotel geschlichen.

Was ich gestern lernte: Wenn ihr Stress mit euren Eltern habt, schreibt um Gottes willen keine Briefe und hebt die auf und gebt die in Archive. Da sitzen sonst Jahrzehnte später Studierende mit sehr stark rollenden Augen dran! Ich meine es nur gut!

Tagebuch Sonntag, 28. Juli 2019 – Tippen statt twittern

Ausgeschlafen, dem Regen zugehört. Gefrühstückt, dem Regen zugehört.

Die Sendung mit der Maus aus Bayreuth geguckt und mich sehr über den wahren Satz „Die Sitze sind unbequem und teuer und trotzdem will da jeder hin“ gefreut.

Serien geguckt, leider nicht mehr dem Regen zugehört. Gelesen, dem Regen zugehört. Im Interweb nach Zimmerpflanzen gesucht, weil die Balkonpflanzen mich gerade nicht brauchen. Eine Verabredung für nächste Woche getroffen und vorgefreut.

Dann auf Twitter rumgelungert, im Internet rumgelesen, mich aufgeregt, fünf Replys formuliert und fünfmal gelöscht, denn wenn jemand felsenfest weiß, wie es richtig ist, ist es nutzlos, ihn oder sie davon zu überzeugen, dass da noch ein paar Grautöne in dieser Welt sind. Twitter ausgemacht und lieber in die Diss vertieft.

Das am Donnerstag durchgesehene Konvolut aus dem Lenbachhaus ausgewertet und aufgeschrieben, dabei eine alte Wohnadresse von Protzen gefunden, sie ergoogelt und festgestellt, dass der Mann mal 750 Meter Luftlinie von mir gewohnt hat. Weil ich gerade den großen Lost-Rewatch mache, hatte ich natürlich sofort schlimme Ahnungen von Schicksal und ähnlichem Quatsch. Das musste ich dann doch wieder vertwittern und bekam zur Adresse noch gute Tipps. Nebenbei noch ein Dankeschön für einen Lichterketten-Tipp für den Balkon und ein Danke für einen Blogeintrag erhalten. Doch wieder mit Twitter versöhnt gewesen.

Abends mit F. einen sehr anständigen kalifornischen Rotwein verköstigt. Zwischendurch aus Gewohnheit Twitter auf dem Handy geöffnet, nach drei Tweets wieder schlechte Laune gehabt. Twitter vom Handy geschmissen. Es ist in zwei Wochen wieder drauf, ich kenne mich ja, aber Fresse jetzt, Nerv-App, herrgottnochmal.

Tagebuch Samstag, 27. Juli 2019 – Letzte Worte

Marie Sophie Hingst ist tot. Ein Artikel über ihr Leben und ihren vermutlichen Suizid aus der Irish Times wurde gestern viel geteilt, auch von mir, und im Zuge dessen wurde auch mein Blogeintrag zum Thema von Ende Mai wieder verlinkt.

Ich ringe seit gestern mit mir, ob ich dazu noch etwas schreiben möchte. Ich mache es kurz: Ich hätte den Blogeintrag weiterhin so formuliert. Ich glaube nicht, dass der Spiegel journalistisch fahrlässig handelte, und ich glaube auch nicht, dass der Artikel in der Times irgendwie besser oder menschlicher mit ihr umgegangen ist, was gestern auf Twitter einige Male geäußert wurde. Der Holocaust und seine Leugnung sind in Irland vermutlich kein Thema mit einem ähnlichen Wichtigkeitsgrad wie in Deutschland, daher ist es einfach zu sagen, nee, bringen wir nicht. Ich bin nicht froh über die Offenlegung des Lügengebäudes, aber sie war meiner Meinung nach richtig. Und natürlich bin ich traurig darüber, dass Hingst anscheinend nicht die Hilfe bekam oder diese annehmen konnte, von der ich hoffte, sie wäre möglich. Es gibt keinen Schuldigen bei diesem Ausgang, es gibt nur eine Biografie, die vielleicht von einer Krankheit bestimmt wurde, das kann ich nicht beurteilen, die ein Ende gefunden hat. Vermutlich weniger selbstbestimmt als ich hoffte, und auch darüber bin ich traurig.

Tagebuch Freitag, 26. Juli 2019 – 200 Seiten weniger

Morgens als erstes der Blick auf den Router, wo in den letzten beiden Tagen nur drei klägliche Lichtlein blinkten statt fünf. Gestern morgen: VOLLE POWER! ICH HABE MEIN INTERNET WIEDER! Sofort den Tannhäuser-Stream angeworfen, nicht im Word-Dok vorgebloggt, sondern gleich mutig in der WordPress-Oberfläche im Browser, sehr lang und ausführlich aufgeschrieben, wie ich die Aufführung fand. Nochmal hach!

Den Vormittag dann am Schreibtisch verbracht, um den abendlichen Gesprächstermin mit dem Doktorvater vorzubereiten. Nochmal brav über alles gegangen, was mir wichtig war, Notizen für Fragen gemacht, was man halt so tut. (Das ist übrigens fast ein Bildtitel von Protzen: Was man so alles tut (Selbstportrait) (1929, Werkverzeichnis 198, 130 x 82 cm). Holt mich hier raus.)

Reisevorbereitungen getroffen, denn demnächst geht’s nach Nürnberg ins Kunstarchiv. Mal wieder nicht rechtzeitig die FAZ von Papierlieferung auf digitale Ausgabe umgestellt bekommen; vielleicht freut sich der Blumengießdienst über das Exemplar.

Zu heiß für ernsthafte Diss-Arbeit, den Lost-Rewatch weiterbetrieben, neue Folgen von Younger und Jane the Virgin geguckt. Rumgelegen, geschwitzt und mich auf das kühlere Wochenende gefreut, an dem ich wieder denken kann.

Gegen 16 Uhr dann doch in die Scheißhitze gegangen, wenigstens im knallpinken Shirt. Macht überhaupt nicht schlank, aber dafür gute Laune.

Der Doktorvater war mit dem vorherigen Termin noch nicht fertig, das ist er nie, das ist in Ordnung. Ich bekam den üblichen Kaffee angeboten, den ich wie üblich ablehnte, dann wurde kurz nach der Finanzierung meines Lebens gefragt; nein, ich will immer noch kein Stipendium, dann darf ich nämlich nicht mehr arbeiten, und das ist in meiner Branche dann doch etwas einträglicher als das geschenkte Geld. Wenn mich mal jemand wieder buchen würde, ähem. Letzteres lässt mich manchmal nachts nicht gut schlafen, aber in meinem Kopf reichen die Ersparnisse bis zur Abgabe, und danach sehen wir weiter. Und wenn mich niemand bucht, kann ich halt ungestört promovieren. Hat alles Vor- und Nachteile. (Will trotzdem besser schlafen.)

Meine vorab brav geschickte vierseitige Gliederung mit den bisherigen Erkenntnisgewinnen – bzw. einem winzigen Ausschnitten davon – hatte Papa natürlich noch nicht gelesen, also taten wir das jetzt gemeinsam. Hier eine Nachfrage, da eine Anmerkung – „Sie wühlen ja immer recht gründlich“ –, dann, auch wie immer, irrwitzige Hinweise auf Archivbestände, von denen ich noch nie gehört hatte, und Personen, die ich mal anmailen sollte. Tipps für den Umgang mit Archivar*innen: „Immer sagen, was Sie schon kennen, das macht einen guten Eindruck, dann sieht das nicht so aus, als sollte das Archiv die Arbeit für Sie machen.“ „Bei dem Herrn eine Mail schicken und erst frühestens nach drei Wochen nochmal nachfragen. Der hasst es, wenn er sich gedrängt fühlt, weiß aber alles.“ „Die Dame freut sich total, wenn man sie was fragt, in dem Archiv ist nie jemand.“ „Wenn Sie gut in Bibliotheken arbeiten können, nehmen Sie die vom Deutschen Museum. Da stehen Zeitschriften, von denen Sie nicht mal wissen, dass sie existieren, und der Lesesaal ist nie so voll wie in der Stabi.“ Gerade auf letzteres freue ich mich seit Wochen, denn ich beginne ja gerade das Autobahnkapitel, für das ich bergeweise technische Zeitschriften wälzen will.

Ich erwähnte es hier vermutlich schon mehrfach: Meine Diss besteht aus zwei Teilen, zuerst die Aufarbeitung von Protzen und anschließend seine Rezeptionsgeschichte nach 1945. Die wollte ich eigentlich an den drei großen Ausstellungen von systemkonformer Kunst des NS aufbereiten: Dokumente der Unterwerfung (Frankfurt 1974), Aufstieg und Fall der Moderne (Weimar 1999) und Artige Kunst (Bochum, Rostock, Regensburg 2017). Dafür wollte ich nachvollziehen, wie die endgültige Bildauswahl zustandegekommen ist, also: Warum hängt da eben Protzen als teilweise einziger Vertreter von Autobahnmalerei und niemand sonst? Um diese Ausstellungen herum wollte ich die kunsthistorischen Diskurse der Zeit aufarbeiten: Wie ging und geht unser Fach mit dieser Kunst um? Spoiler: Wir haben uns noch nicht festgelegt, ob das jetzt überhaupt Kunst ist, und wenn ja, ob man sie zeigen sollte, und wenn ja, wie genau.

Diesen Teil der Diss hatten wir bisher nur theoretisch durchgesprochen. Jetzt in der ausführlichen Gliederung, wo ich mein Vorhaben mal ordentlich niedergeschrieben hatte, meinte der Herr Doktorvater für mich etwas überraschend: „Von den Kapiteln Frankfurt, Weimar und Bochum ist im Prinzip jedes eine eigene Diss.“ Und in dem Moment, in dem er das sagte, war mir das auch klar. „Bei wie vielen Seiten sind Sie denn jetzt? 70? Das ist in Ordnung. Rechnen Sie das mal hoch mit den noch ausstehenden Protzen-Kapiteln … und dann die nach 45 dazu. Dann sind Sie bei 600 Seiten. Das können Sie natürlich machen. Es ist nur die Frage, ob Sie das machen müssen.“ Äh. Ja. Hmpf.

Die Kapitel, die ich bisher habe, sind eher die kürzeren zum Herrn, die anderen werden garantiert länger. Daher diskutierten wir schließlich, wie ich mich um die Ausführlichkeit der Rezeptionsgeschichte rumdrücken kann, ohne meinen Punkt zu verlieren, den ich machen will, nämlich den, dass es auch noch andere Kandidaten für die Ausstellungen gegeben hätte, wir uns in unserem Fach aber seit 1974 auf ein Konvolut an Bildern beschränkt haben, das jetzt als beispielhafte NS-Kunst gilt, fertig, da müssen wir nicht mehr drüber nachdenken. Aber genau das mache ich jetzt eben. Mein Lieblingsbeispiel ist die Kalenberger Bauernfamilie von Adolf Wissel, die ich als eher als noch latent neusachlich denn als fiese Blut-und-Boden-Ideologie wahrnehme, aber das ist eben auch eins der Bilder, das überhaupt nicht mehr hinterfragt wird. Einmal Nazischeiß, immer Nazischeiß.

Wir sind jetzt so verblieben, dass ich erstmal den Protzen-Teil fertigstelle, was ja eh mein Plan gewesen ist, und mir währenddessen vermutlich eh klar wird, wie ich mit seiner Rezeption umgehe. Denn die ergibt sich schließlich auch aus seiner Wahrnehmung während der NS-Zeit, und die muss ich erstmal anständig aufarbeiten. Aber es klingt so, als wäre meine Arbeit gerade um 200 Seiten kürzer geworden. Yay?

Nach dem Heimweg nur noch ermattet rumgelegen, einen riesigen Obstsalat gegessen, ein Kilo Eiswürfel in Softdrinks geschmissen, vor dem Ventilator eingeschlafen.