„Ziehet die Bahn durch deutsches Land“

Am 14. Februar erscheint mein Buch über Protzen und die Malerei zur Reichsautobahn. Es ist jetzt auch in der Reihenübersicht des Verlags zu finden. Ich ahne, dass es dort keine Leseprobe geben wird, aber ich versuche, zu gegebener Zeit hier eine hochzuladen. Bis dahin dürfen Sie gerne schon bei der wissenschaftlichen Bibliothek Ihrer Wahl einen Anschaffungswunsch hinterlegen. Sobald es dort steht, können Sie nämlich auch ein formschönes E-Book herunterladen.

Was schön war, Jahresanfang 2022

Eigentlich wollte ich diese Woche schon konzentriert anfangen zu arbeiten, aber es ist eher eine Woche von konzentriertem Kochen, Lesen und Ausruhen geworden. Mir ist erst in den vergangenen Tagen klargeworden, wie anstrengend inzwischen die Zeit in der alten Heimat ist, auch wenn Papa nicht mehr zuhause lebt. Auch das Mütterchen ist eben keine 25 mehr und ich beschäftige mich mehr mit ihrem Zustand als jemals zuvor.

Pastinaken, Möhren, Edamame, Sprossen, ordentlich Butter und Knoblauch.

Kung-Pao-Tofu. Ich sollte öfter mit Szechuanpfeffer kochen. Oder wenigstens kurz die Nase ins Döschen stecken, das duftet herrlich!

Bohnensuppe mit Tomaten und gerösteten Zwiebeln, Ottolenghi im Guardian. Im gleichen Link das Rezept zum folgenden Bild: Sauerscharfe Suppe mit Sprossen, im Rezept mit Kohl, bei mir mit Zucchini und Rettich.

Seit längerer Zeit, quasi seit Beginn der Diss, suchte ich ein Buch, das in München nur in der Stabi steht und auch dort nur in den Lesesaal geliehen werden kann. Es ist ein Überblickswert über Darstellungen von Arbeit und Industrie, ich das ich ewig reingeschaut habe, aber nie am heimischen Schreibtisch. Deswegen suchte ich auf archivalischen Plattformen, aber das Ding war meist jenseits von Gut und Böse bepreist. Bis letzte Woche, wo ich ein angebliches Bibliotheksexemplar für 50 Euro fand (sonst fingen die Angebote für die Hardcoverausgabe jenseits der 100 an; das Softcover wollte ich nicht, das hat eine eher bescheidene Abbildungsqualität und um die geht es mir ja vorrangig). Die Rezensionen machten mich etwas nervös; anscheinend verschickte der Verkäufer öfter mal Ware, die nicht dem Zustand entspricht, mit dem er sie angeboten hat. In meinem Fall traf aber alles zu: Das Buch sieht quasi unberührt aus. Danke, Institut für Kunstgeschichte der Uni Karlsruhe, dass sich bei euch anscheinend niemand für den Titel interessiert hat.

Pinkfarbene Tulpen in meiner Bibliothek. Dort dachte ich ewig über eine neue Wandfarbe nach, Gardinen, vielleicht die Regale lackieren, dämliche Buchen-Billys? Im Endeffekt schob ich ein Regal wieder dorthin, wo es schon beim Einzug gestanden hatte, drehte ein weiteres aus dem Raum spießig wieder an die Wand zurück, obwohl wir ja wissen, dass „Alles an der Wand lang“ eine total langweilige Einrichtungsart ist. Im Moment möchte ich aber Langeweile und Übersicht in diesem Raum. Und Tulpen.

In der Küche dachte ich ebenfalls über Veränderungen nach, hielt mich aber zurück und bestellte keine breiten Unterschränke, sondern schichtete Zeug in Körbe um, die jetzt im weiterhin zu flachen und zu niedrigen Regal stehen. Immer noch nicht perfekt, aber aufgeräumter und ruhiger.

Die Inhalte der ganzen angebrochenen Packungen aus dem Vorratsschrank wurden in Gläser und Flaschen umgefüllt. Wodurch im Schrank Platz wurde für die eher unahnsehnlicheren Dinge in meiner Küche (Gewürzdosenchaos). Ich betrachte meinen Frühjahrsputz verfrüht als erledigt.

Bei der Date Night mit F. einen Sauvignon blanc für besser als erwartet entdeckt. Generell ein sehr schöner Abend. Sollten wir öfter machen. (Verpiss dich endlich, Virus.)

Zuwendungen von Leserinnen erhalten: einmal eine 1-Kilo-Tüte Quaxi aus Bonn, einmal zweihundert Seiten Trost aus Berlin. Vielen Dank für beides!

Am Freitag kam nach fürchterlich langen drei Wochen endlich wieder meine Gemüsekiste. Am Heiligabend hatte ich sie abbestellen müssen, weil ich nicht in der Stadt war, und letzte Woche machte der Versender wohlverdienten Urlaub. Zur Feier des Tages bestellte ich deutlich mehr als sonst und habe nun Tempeh (noch nie gegessen) und Lauchzwiebeln, deren Grün gefühlt dreimal so lang ist wie bei der Supermarktware. Sehen so Frühlingszwiebeln aus? Egal, Spring Onion Pancakes für alle!

Die ebenfalls mitbestellten Franzbrötchen konnten nicht vollständig überzeugen, aber auch ein mieses Franzbrötchen ist besser als gar kein Franzbrötchen.

Mit dem neuen Rechner kamen ein paar Einschränkungen, wie immer, wenn man gefühlt vier Betriebssystemversionen überspringt, weil die alte Kiste einfach nicht mehr mitkommt: Mein Photoshop lief nicht mehr. Ich könnte jetzt natürlich weiterhin meine wenigen Fotos fürs Blog auf dem alten Rechner bearbeiten und sie mir per Mail schicken. Oder weiter, wie in den letzten Wochen, mit Vorschau und Gimp rumstümpern. Oder ich abonniere für 11 Euro im Monat ein Adobe-Paket und darf entspannt an meinem neuen Rechner arbeiten. Dafür werde ich vermutlich Amazon Prime kündigen, ich versuche eh, dort nicht mehr so oft zu bestellen. Auch die drei Probemonate AppleTV werde ich nicht verlängern, dort gibt es quasi nichts, was mich interessiert.

Von Gabriele Tergit ist ein weiterer Roman erschienen: „So war’s eben.“ Der DLF berichtete.

Erneut einer Vorlesung aus der Berliner Humboldt-Uni gefolgt. Wenig Neues für mich – es ging um Raul Hilbergs Standardwerk –, trotzdem wichtig.

Mich vor einem Aufsatz gedrückt und stattdessen einen langen Blogeintrag verfasst. Meine Lust zum Bloggen geht seit Monaten immer mehr zurück. Vielleicht liegt es an der Situation mit Papa, vielleicht auch einfach damit, dass ich es schon so lange mache. Jahrelang habe ich damit kokettiert, dass Bloggen für mich wie Zähneputzen ist, das mache ich halt einfach. Aber so langsam habe ich das Gefühl, dass meine Blogeinträge auch immer mehr dieses Niveau haben: wie einfach nebenbei gemacht (so entstehen sie halt derzeit). Deswegen freuen mich Einträge wie der vom Mittwoch, weil ich über den nachdenken musste. Dieser hier ist Pflichterfüllung, weil Menschen mir Süßigkeiten und Bücher schicken oder mich auf Patreon unterstützen. Ich ahne trotzdem, dass dieses Jahr vielleicht das letzte sein wird, in dem ich diese Tagebuchform mit Kochblogeinsprengseln weiterführen werde. Ich habe am 1. Juli 2002 meinen ersten Blogeintrag in dieser Form veröffentlicht; vielleicht sollte ich das nach 20 Jahren einfach mal lassen oder ändern. Ich werde mir das bis Ende Juni überlegen.

Diskontinuität und Konsensfiktion

Ich denke gerade über zwei Begriffe nach, die mir gestern in verschiedenen Medien untergekommen sind. Sie stehen beide in der Überschrift.

In einem Artikel im NYT Magazine zeigt sich die Autorin Elizabeth Weil über die vielen Waldbrände in Kalifornien irritiert: „This Isn’t the California I Married.“ Bevor sie und ihr Ehemann in diesen US-Staat zogen, war ihnen theoretisch klar, dass Waldbrände eine immer wieder auftretende Gefahr waren. Nun aber sind sie ständig präsent: „Living in California now meant accepting that fire was no longer an episodic hazard, like earthquakes. Wildfire was a constant, with us everywhere, every day, all year long, like tinnitus or regret.“ War der orangefarbene Himmel, der 2020 öfter vertwittert wurde, ein Hinweis auf die drohende Apokalypse? Alex Steffen, laut seiner Twitter-Bio und dem Artikel ein „climate futurist“, erklärt:

„We have this idea that the world is either normal and in continuity with what we’ve expected, or it’s the apocalypse, it’s the end of everything — and neither are true,” he said. That orange sky in 2020? “We’re all like, Wow, the sky is apocalyptic! But it’s not apocalyptic. If you can wake up and go to work in the morning, you’re not in an apocalypse, right?”

The more accurate assessment, according to Steffen, is that we’re “trans-apocalyptic.” We’re in the middle of an ongoing crisis, or really a linked series of crises, and we need to learn to be “native to now.” Our lives are going to become — or, really, they already are (the desire to keep talking about the present as the future is intense) — defined by “constant engagement with ecological realities,” floods, dry wells, fires. And there’s no opting out. What does that even mean?

We’re living through a discontinuity. This is Steffen’s core point. “Discontinuity is a moment where the experience and expertise you’ve built up over time cease to work,” he said. “It is extremely stressful, emotionally, to go through a process of understanding the world as we thought it was, is no longer there.” No kidding. “There’s real grief and loss. There’s the shock that comes with recognizing that you are unprepared for what has already happened.”

Der letzte Absatz ließ mich an den derzeitigen Umgang mit Corona denken bzw. im Nachgang auch über mein verändertes Denken über deutsche Politik und, auch durch die Dissertation, generell mit meinem Gefühl, in diesem Land zu leben. Wo ich mich jahrelang durchaus als Verfassungspatriotin bezeichnet habe, suche ich derzeit wieder etwas festeren Boden unter den Füßen. Ich weiß noch, wo ich stehe, aber ich spüre, dass sich der Boden unter mir verändert hat. Oder anders: dass der Boden nie der war, für den ich ihn hielt.

Ich lese gerade das Buch Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust von Stefan Kühl (hier eine gute Rezension bei hsozkult). Kühl belegt, dass der Großteil der Täter im NS-Staat innerhalb bestimmter Organisationen funktioniert hat (SA, SS, Wehrmacht), was für ihn der Hauptgrund für die Teilnahme an Tötungsaktionen war. Innerhalb einer Organisation besteht von vornherein eine gewisse Übereinkunft über ihre Grundlagen und Ziele; genau deshalb schließt man sich ihr an. In Bezug auf die immer schwerwiegenderen Einschränkungen der jüdischen Bevölkerung im „Dritten Reich“ und ihrer medialen Begleitung benutzt Kühl den Begriff der

„antisemitischen Konsensfiktion, die sich während der Dauer des NS-Regimes immer weiter verfestigt hat. Konsensfiktion heißt, so der Definitionsvorschlag Niklas Luhmanns, dass man ‚bei einer Begegnung mit anderen zunächst von der Gemeinsamkeit wechselseitiger Erwartungen ausgehen‘ kann, ‚ohne jeweils im Einzelnen abklären und aushandeln zu müssen, wie weit die Zustimmung wirklich geht.‘ Ein Angehöriger der Ordnungspolizei, der in einem Gespräch in Übereinstimmung mit der NS-Propaganda verkündete, dass die Juden das ‚Unglück des deutschen Volkes‘ seien, konnte etwa davon ausgehen, sich im Rahmen einer abgesicherten Konsensfiktion zu bewegen. Die Zustimmung basiert nicht vorrangig auf der Internalisierung von Normen oder Überzeugungen, sondern kann sich auf die ‚ungeprüfte Unterstellung‘ verlassen, dass ‚alle anderen zustimmen.’“ (S. 102/103)

Da ich von Soziologie keine Ahnung, aber dafür Google habe, was Sie bitte nicht mit einer ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung verwechseln sollten, fragte ich die allwissende Müllhalde nach dem Begriff der Konsensfiktion und stellte interessiert fest, dass er nicht auf mörderische Organisationen begrenzt ist, sondern auch Paarbeziehungen und Businessmeetings mit ihr funktionieren oder dass über sie im Bezug auf Demenzkranke und ihre Pflege geforscht wurde.

Ich stieß aber auch auf eine Publikation, die sich genau mit der Frage beschäftigt, die ich hatte: ob sich nämlich die sogenannten Spaziergänger auf ihren Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen innerhalb einer Konsensfiktion des Widerstands befänden. Der Artikel stammt vom Juli 2020 und nennt überraschend genau diese Maßnahmen bzw. die zustimmenden und warnenden Berichte und Tweets über sie eine Konsensfiktion. Also genau das Gegenteil von meiner Annahme:

„An die Stelle demokratischer Aushandlung und Debatte traten dagegen zunehmend Konsensfiktionen, also sprachliche und andere symbolische Praktiken, die einen gesellschaftlichen Konsens lediglich behaupteten, inszenierten oder manipulativ einforderten, um damit politische Entscheidungen gegen Kritik zu immunisieren. Hierzu gehör(t)en vor allem Einheitsparolen verbunden mit moralischen Appellen, Ermahnungen und Belehrungen mit latenten sozialen oder explizit-[wider]rechtlichen Sanktionsandrohungen bei nonkonformem Verhalten (vgl. etwa zwischenzeitlich populäre Twitter-Hashtags wie #wirbleibenzuhaus nebst allen Varianten, #FlattenTheCurve, #ApplausFuerDieHelden etc.; […]). Wir-Rhetoriken nahmen temporär genauso sukzessive zu wie etwa die Adjektive gemeinsam (ein Schlagwort der Unionsparteien) und solidarisch (einst Fahnenwort linker/Arbeitnehmer-bezogener Interessensgruppen). […]

Konsensfiktionen und Alternativlos-Rhetoriken sind in vielerlei Hinsicht problematisch: Erstens verhindern sie eine offene und kritische Debatte; zweitens ver- oder überdecken sie tatsächliche soziale Unterschiede, Problemlagen und Bedürfnisse (etwa die Abhängigkeit von Gesundheit und sozialer Herkunft); drittens befördert sich schwelende Unzufriedenheit, die sich früher oder später Bahn bricht, den sozialen Frieden gefährdet und/oder Orientierung in allem sucht, was nach ‚Nicht-Establishment‘ aussieht (langfristig dürfte die AfD daher von der Corona-Diskurskonstellation profitieren).“

Die AfD scheint mir bisher glücklicherweise nicht überproportional von diesen Debatten profitiert zu haben; ihr Ergebnis bei der Bundestagswahl 2021 lag unterhalb dem von 2017 (10,3 vs. 12,6%). Profitiert haben eher die außerparlamentarischen Gruppierungen, für die ich nicht mal einen gemeinsamen Oberbegriff habe. Der eben verlinkte Artikel zeigt sich pikiert über Begriffe wie Covidioten oder Aluhüte und kommt zu einer in meinen Augen gefährlichen Folgerung:

„Der Ausdruck Verschwörungstheoretiker (u.ä. wie Aluhutträger) wurde und wird im Pandemie-Diskurs äußerst flexibel gegen alle Akteure eingesetzt, die sich von der jeweiligen Mehrheitsposition (insb. von politischen Maßnahmen gegen die Pandemie) zu weit entfernen. Eine diskursspezifische Variante sind etwa die Neologismen Coronademo und Covidioten, die teilweise pauschalisierend jeglichen öffentlichen (Straßen-)Protest abwerten und Unterstützung oder gar (An)Teilnahme verunmöglichen. Das heißt freilich nicht, dass einige der so referierten Äußerungen oder Diskursakteure ob ihrer Substanz- bzw. Evidenzmängel nicht zurecht zu kritisieren wären. Aus diskursanalytischer Perspektive ist der Punkt vielmehr, dass der Einsatz von Kontaminationswörtern nicht das Ende einer argumentativen Auseinandersetzung bildet, sondern umgekehrt die ‚Sinnlosigkeit‘ jeglicher Kritik oder Befassung bereits unterstellt (vgl. dazu Vogel 2018 sowie Knobloch 2018; eine genauere Einordnung von Kontaminationswörtern auf empirischer Grundlage ist derzeit Gegenstand laufender Forschung).“

Und da sind wir wieder bei dem schwankenden Boden, mit dem ich derzeit hadere. Das mag sein, dass der Begriff „Covidiot“ einem partnerschaftlichen Diskurs im Wege steht, aber Pappgalgen, auf denen „Für Merkel“ steht, Telegram-Kommunikationen, in denen zu Tötungen aufgerufen werden, Fackelaufmärsche vor Privatwohnungen von Politiker*innen und Gewalt gegen Polizist*innen, die die Demonstrationen der sogenannten Spaziergänger begleiten, die sich stur über derzeitiges Recht hinwegsetzen, sind in meinen Augen auch nicht gerade offenherzige Gesprächsangebote.

Die Gewalt, die ich derzeit aus sicherer Entfernung über das Internet verfolge und der ich persönlich nicht ausgesetzt bin, beunruhigt mich mehr als das Virus oder die Maßnahmen, die zu seiner Bekämpfung gelten und ständig neu verhandelt werden. (Weswegen sie meiner Meinung nach gerade keine Fiktion eines Konsens erzeugen; von Anfang an wurden sie von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen.) Mich beunruhigt es sehr, dass sich inzwischen ein gewisser Teil der Bevölkerung vom gemeinschaftlichen Konsens nicht nur abgewandt hat, sondern ihn aktiv bekämpft – und dazu noch der Meinung ist, im Recht zu sein. Dass sich diese Menschen ausgerechnet mit der jüdischen Bevölkerung im „Dritten Reich“ gleichsetzen, ist für mich äußerst schwer verständlich. Allerdings: Der Begriff der Konsensfiktion hat mich immerhin dazu gebracht, über diese Gleichsetzung nachzudenken. Wenn man von seiner Umgebung immer wieder signalisiert bekommt, im Widerstand zu sein, gegen eine Diktatur aufzustehen und keine Korrektive wie andersklingende Medien mehr zulässt, kann ich diese Denkart sogar nachvollziehen. Mir ist nur immer noch nicht klar, wie man diese Fiktion auflösen kann bzw. den ihr Anhängenden klarzumachen, dass sie sich in einer fiktiven Welt mit fiktiven Gegnern bewegen.

Was mich wieder zum Anfang des Blogeintrags und dem Begriff der Diskontinuität bringt. Ich zitiere: Diskontinuität bedeutet, dass alle Erfahrungen und Expertisen, die ich mir in den vergangenen Jahren angeeignet habe, auf einmal nicht mehr stimmen, und dass ich nicht angemessen auf diesen Zustand der Unsicherheit vorbereitet bin.

Ich ahne, dass viele Spaziergänger und ich gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Ich bin im – vielleicht naiven, weißen, mittelschichtlichen – Bewusstsein aufgewachsen, dass der Staat und seine Organisationen für mich da sind. Ich halte mich an Regeln, zahle Steuern, fahre nicht zu schnell Auto und verprügele niemanden, weil mir seine Nase nicht passt. Dafür erwarte ich zum Beispiel, dass der Staat mir eine Schulbildung zukommen lässt, in Krankenhäusern Platz für mich ist und ich vor Menschen geschützt werde, die mich verprügeln wollen, weil ihnen meine Nase nicht passt. Seit fast zwei Jahren ist dieses Vertrauensverhältnis allerdings angeknackst. Schule scheint inzwischen mehr ein Glücksspiel zu sein, das auf den Schultern von Lehrenden, Eltern und Kindern ausgetragen wird. Wie schlecht der Zustand des Gesundheitssystems ist, war mir in diesem Ausmaß nicht klar. Aber am meisten bin ich davon überfordert, dass der Staat sein Gewaltmonopol aus den Händen gibt, das er bei Demonstrationen linker Gruppierungen, G20-Gipfeln oder Fußballspielen doch immer sicher beherrschte. Ich bin davon überfordert, dass Menschen sich in deutlich wahrnehmbaren Zahlen gegen den Staat wenden, dass sie kurz davor sind, den Reichstag zu stürmen, dass ihnen in meinen Augen sinnvolle Regeln des Zusammenlebens – Rücksicht, Solidarität, Ansteckungsvermeidung – schon zu viel und eine Einschränkung ihres persönlichen Freiheitsbegriffs sind. Ich bin davon überrascht, mehr Staatsgewalt gegenüber den Spaziergängern zu fordern, wo ich sonst überhaupt keine Freundin von eben dieser Staatsgewalt war. Ich bin überfordert davon, dass meine kleine Welt nicht mehr so funktioniert wie noch vor zwei Jahren, und ich komme aus dieser Fassungslosigkeitsschleife kaum wieder heraus. Und ich fange gar nicht erst an, über die drohende Umweltkatastrophe nachzudenken, weil diese mich in ihrer Unfasslichkeit noch mehr überfordert.

Ich ahne, dass auch einige der Spaziergänger eher aus Fassungslosigkeit und der daraus folgenden Wut demonstrieren und (hoffentlich) nur ein kleiner Teil gewaltbereit und offensichtlich staatsfeindlich ist. Aber auch hier greift mein Gefühl der Diskontinuität: Früher hätte ich vehement dafür plädiert, zu reden, zu diskutieren, Fakten zu kommunizieren, um Menschen zu überzeugen. Aber das hat sich spätestens mit dem Einzug der AfD in diverse Parlamente erledigt. Ich komme sehr schwer damit zurecht, dass ein Teil der Menschen in meinem Staat sich freiwillig und anscheinend bewusst und wissentlich in Konsensfiktionen begibt, die theoretisch mit gutem Willen und Lesekompetenz widerlegt werden könnten. Ich hätte schlicht nicht damit gerechnet, dass das passiert. Und ich weiß immer weniger, wie ich meine ehemals halbwegs heile Welt wieder zusammenstückeln kann, ohne ständig das Gefühl zu haben, in einer Apokalypse zu leben, die keine ist, sondern ein Dauerzustand.

Cannoli-Kastenkuchen

Genau wie der Insta-Account von NYT Cooking macht mich der von Smitten Kitchen wahnsinnig: Sobald ein Bild einer Köstlichkeit gepostet wird, will ich sie nachkochen oder -backen. So wie diesen Kastenkuchen. Ich habe noch nie Cannoli gegessen, aber die Zutaten Zitrone, Orange, Schokolade und Pistazie haben gereicht, um mich in die Küche sprinten zu lassen. Völlig zu Recht.

Ich hatte keinen Ricotta im Haus, sondern habe griechischen Jogurt verwendet und einige Mengenangaben geändert. Unten steht das Rezept wie bei Smitten Kitchen, danach kommen meine Änderungen.

Eine Kastenform von 20 cm Länge fetten und mit Backpapier auslegen, den Ofen auf 180° Ober- und Unterhitze vorheizen.

In einer Schüssel die trockenen Zutaten mischen:
190 g Mehl, Type 405,
2 TL Backpulver,
eine ordentliche Prise Salz,
1/2 TL Zimt,
eine gute Prise Allspice,
170 g zartbittere Schokolade, fein gehackt, und
60 g Pistazien, ebenfalls eher fein gehackt.

Ich habe nur einen halben Teelöffel Backpulver verwendet, ich mag den metallischen Geschmack nicht, der manchmal davon zurückbleibt. Der Kuchen ist trotzdem gut aufgegangen. Wer kein Allspice, aber eine Gewürzmühle besitzt: Einfach zu gleichen Teilen Nelken, Zimtstangen und Muskatnüsse pulverisieren (oder die Muskatnuss reiben, sie ölt dann doch etwas mehr als irgendjemand gedacht hatte, ich nenne keine Namen).

Außerdem habe ich die Schokoladenmenge auf 100 g reduziert, das reicht locker. Sie ist selbst dann noch sehr dominant; beim nächsten Backen – denn das wird es geben – verringere ich vermutlich auf 70 g.

In einer zweiten Schüssel
200 g Kristallzucker sowie
die abgeriebene Schale einer Orange und
die abgeriebene Schale einer Zitrone mit den Fingern verreiben. Der Zucker färbt sich gelborange und duftet herrlich.

In diese Schüssel nun
250 g Ricotta,
120 ml Olivenöl,
1 EL Marsala und
2 Eier geben.

Ich hatte keinen Ricotta, sondern habe griechischen Jogurt verwendet, der etwas mehr Flüssigkeit mitbrachte. Daher habe ich nur 90 ml Olivenöl verwendet. Statt Marsala gab’s Sherry.

Alles mit einem Schneebesen verrühren, die trockenen Zutaten untermischen, nicht zu lange rühren, nur so, dass alles gut vermischt ist. In die Form füllen und für 55 bis 65 Minuten bei 180° backen. Stäbchenprobe machen, lieber etwas zu lange im Ofen lassen. Nicht zu früh aus der Form heben oder stürzen, der Kuchen ist herrlich locker, aber anfangs arg instabil.

Ich merke gerade, dass ich klinge wie manche der Chefkochkommentator*innen: „Und dann habe ich Steak mit Fleischwurst ersetzt und die Kartoffeln mit Wackelpudding und es hat echt mies geschmeckt! Scheiß-Rezept!“ Mein Fazit lautet netterweise anders: tolles Rezept. Trotz des Schokobergs kommen die Zitrusfrüchte gut durch, und die Konsistenz hat mir außerordentlich gut gefallen.

Fotorückblick 2021

Eine Idee von Joël: zwei Fotos pro Monat als Jahresrückblick. Sie dürfen drüben gerne anlegen.

Januar: Pandemie-Sauerteige und Sadness.


Februar: Ich bespreche den „Autobahn“-Film und vermisse die geschlossenen Museen.


März: Ich backe erstmals den fantastischen Himbeer-Marmorkuchen, der seitdem fest im Repertoire ist, und schleppe Sammeltassen aus dem Norden in den Süden.


April: Ich entdecke die philippinische Küche und stelle beruhigt fest, dass ich keinen Unterschied schmecke, wenn ich tolle Kaffeebohnen nicht händisch und mit Supermahlwerk zerstreichele, sondern sie brutal in Opas 60er-Jahre-Mühle zerhacke. (Geht schneller, nervt weniger.)


Mai: Ich werde zweitgeimpft und esse die einzige Weißwurst des Jahres.


Juni: Ich bin für längere Zeit im Norden und fotografiere und blogge sehr wenig. Aber alte Packungen gehen ja immer. Außerdem bewundere ich eine Pflanze bei den Eltern.


Juli: Immer noch im Norden. Das beste an den Tagen, an denen ich alleine für Papa zuständig bin: der Morgenkaffee um 6 und der Abendalkohol um 21 Uhr auf der Terrasse. Ich stelle beruhigt fest, dass auch der Dorfsupermarkt inzwischen Koriander und Fischsauce hat.


August: Ich gehe nach Monaten wieder in ein Museum und freue mich über drei Grossbergs. Wir gehen gemeinsam nach Monaten wieder in ein Restaurant und freuen uns über alles.


September: Ich habe einen Staubsaugerroboter und besuche das einzige Fußballspiel des Jahres.


Oktober: Ich spreche erstmals auf einer kunsthistorischen Konferenz anstatt nur zuzuhören und koche ebenfalls erstmals mit Kutteln. (Eben im Jahresrückblick ergänzt, hatte ich vergessen. Genau wie den Roboter.)


November: Wir veröffentlichen den einzigen Fehlfarben-Podcast im Jahr und ich freue mich über F.s Fotos vom Vogelhaus bei meinen Eltern, wo wir beide zu Besuch sind.


Dezember: Ich erneuere meine technische Grundausstattung und bin nun, was Internetgeschwindigkeit, Mobiltelefonie und Laptop angeht, auf einem halbwegs neuen Stand. Außerdem fotografiere ich diverse Weihnachtsbäume im Norden und im Süden.


2021 revisited

(2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003.)

1. Der hirnrissigste Plan?

Davon auszugehen, dass die Pandemie vorbei oder ein Klacks sein wird, sobald genügend Impfstoff für alle da ist.

2. Die gefährlichste Unternehmung?

Atmen.

3. Die teuerste Anschaffung?

Ein MacBook Pro, das mein MacBook Air von 2012 ablöste, auf dem ich meine Bachelor- und Masterarbeit sowie meine Dissertation schrieb. Snif.

4. Das leckerste Essen?

Das tollste Essen auswärts genossen wir im Sparkling Bistro in München, weil F. und ich gefühlt ewig nicht auswärts essen wollten und im August endlich F.s Impfschutz komplett war; meiner war schon im Juni vollständig, aber ich habe auf den Herrn gewartet, um wieder etwas mit ihm teilen zu können, was uns beiden sehr viel Freude macht. Er war noch etwas nervös, ich komischerweise nicht und es gab selten eine Mahlzeit, die ich so genossen habe. Einfach weil die letzte, die ich nicht selbst gekocht hatte, schon so lange her gewesen war.

Das inspirierendste Essen hatten wir dann im November (NOVEMBER OMG) im Jante in Hannover. Es galt 2G, in Niedersachsen waren die Inzidenzen bei knapp über 100, während München gerade an der 800 kratzte, ich war drittgeimpft und wir fühlten uns, als ob draußen kein Virus umherwabert. Das war nicht nur von der Atmosphäre her wie Urlaub, sondern auch vom wirklich spannenden Essen und den ebenso spannenden Weinen.

Ansonsten begeisterte mich in diesem Jahr jedes Ofengemüse mit Feta sowie meine tolle neue Biokiste, die seit September bei mir wöchentlich ankommt und mich verlässlich glücklich macht.

5. Das beeindruckendste Buch?

Sachbuch: High on the Hog. A Culinary Journey from Africa to the Americas von Jessica B. Harris. Viel gelernt über US-amerikanische Küche und ihre Geschichte. In Nebensätzen war auch immer Frauen- und Minoritätengeschichte lesbar.

LTI. Notizbuch eines Philologen von Victor Klemperer. Kannte ich bisher nur in Auszügen. Wenig überraschendes Fazit: ein wichtiges Buch.

Die Übernahme von Ilko-Sascha Kowalczuk. Hat mein Bild der Wiedervereinigung sehr erweitert, was komisch ist, denn ich war ja dabei. Die letzten 30 Jahre habe ich miterlebt, aber trotzdem einiges nicht mitbekommen.

Die Welt nach Wagner von Alex Ross. Irrwitzige Faktendichte. Zum Schluss war ich ein bisschen erschlagen und musste querlesen, aber gerade die Wirkung Wagners auf die verschiedenen Künste schon im 19. Jahrhundert fand ich äußerst aufschlussreich.

Fiktion: Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen, Kleiner Mann, was nun? von Hans Fallada, Effingers von Gabriele Tergit und Junge Frau, am Fenster stehend, blaues Kleid etc. von Alena Schröder sowie Yaa Gyasis Homegoing trotz der Schwächen im letzten Viertel, um wenigstens zwei Bücher aus der heutigen Zeit in der Liste zu haben. Ich stellte aber auch in diesem Jahr fest, dass die Klassiker nicht umsonst Klassiker heißen. Hier Rant über die verspätete Rezeption Tergits einfügen wie bei so ziemlich allen künstlerischen Werken von Frauen.

6. Der ergreifendste Film?

Ich habe, um mich vom Da Draußen abzulenken, das komplette Marvel Cinematic Universe auf Disney+ geguckt. Alles, wobei ich Captain America anhimmeln konnte, war super. Nicht ergreifend, aber praktisch. Serien sind auch toll, die dauern länger.

7. Die beste Musik?

Alles auf Spotify, was ich im Zug aus dem Norden hörte, denn das hieß, mein Knochenjob war erstmal erledigt, ich konnte wieder schön am Schreibtisch sitzen. Und: Ich bin wieder bei Bohuslav Martinů angekommen, dessen Werk ich mir jetzt werkgruppen- und jahrgangsweise ganz buchhalterisch erschließe.

8. Das schönste Konzert?

Blasmusiker im Hof und Igor Levit im Prinzregententheater. Letzteres war das einzige offizielle Konzert, das ich in diesem Jahr sah.

9. Die tollste Ausstellung?

Nach ewigen Zeiten traute ich mich im August wieder in ein Museum und bewunderte sehr glücklich drei Werke von Carl Grossberg in der Pinakothek der Moderne. Von Protzens Donaubrücke bei Leipheim konnte ich leider nicht Abschied nehmen, die wurde aus dem Saal 13 abgehängt, als er umgestaltet wurde, in einer Zeit, in der ich mich gerade nicht vor die Tür wagte.

Ansonsten hat mich Heidi Bucher im Haus der Kunst begeistert.

10. Die meiste Zeit verbracht mit …?

Gefühlt mit Papa im Norden, während das Mütterchen wie geplant in der Reha und dann sehr ungeplant im Krankenhaus war. Vermutlich aber eher mit der zu veröffentlichenden Diss und Impfpanik.

Gerade nachgezählt: Es waren im Laufe von knapp drei Monaten 32 Tage, die ich im Norden verbrachte und in denen ich für Vaddern zuständig war. Klingt nach nicht viel, war aber für den Kopf das anstrengendste im ganzen Jahr.

11. Die schönste Zeit verbracht mit …?

Geimpft zu werden. Und alles mit F.

12. Vorherrschendes Gefühl 2021?

Vor April: GIB IMPF! Nach Mai: WARUM WOLLEN NICHT ALLE IMPF? Ab spätestens Oktober blinde Wut auf alles und zu viele Versalien im Blog.

Aber: Ab Oktober auch erstmals das Gefühl, dass die Doppelkarriere Kunsthistorikerin und Werbetexterin funktionieren könnte. Falls aus der Pandemie jemals eine Endemie wird und ich wieder in Archive darf, ohne sechs Wochen auf einen Platz warten zu müssen, und ich außerdem wieder etwas regelmäßiger gebucht werde als zwischen März 2020 und September 2021.

13. 2021 zum ersten Mal getan?

Auf einer kunsthistorischen Konferenz einen Vortrag gehalten. Die philippinische Küche entdeckt. Einen Kalmar ausgenommen. Mit Kutteln und Steckrüben gekocht. Eine Biokiste abonniert. Einen Pflegeheimplatz für ein Elternteil organisiert. Ein Elternteil im Pflegeheim besucht. Einen Weihnachtsfilm geschnitten; wenigstens in dieser digitalen Datei können alle aus der Familie gleichzeitig an einem Ort sein.

14. 2021 nach langer Zeit wieder getan?

In einer Kneipe gesessen mit vielen Menschen und Bier. Also drinnen. Letztes Mal irgendwann März 2020, vermutlich, 2021 am letzten Septembertag wiederholt. Das war dann auch der einzige Kneipenbesuch drinnen in diesem Jahr. Im Biergarten war ich einmal, in der Außengastronomie vermutlich fünfmal, wenn’s hochkommt.

Garnelen ausgenommen. Einen Staubsaugerroboter besessen. Auf einer Hochzeit gewesen. Eltern um Mietzuschüsse gebeten. Ein Buchmanuskript an einen Verlag geschickt – mit dem ganzen Rattenschwanz vorneweg und hinterher, Vertrag unterschreiben, Korrekturen abnicken oder ablehnen, Titelbild auswählen, ihr kennt das, wir Bloggenden haben inzwischen ja alle ein Buch geschrieben. Mein Opus magnum erscheint im Februar 2022.

15. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Eine globale Pandemie. Papas verschlechterter Zustand. Mamas temporär verschlechterter Zustand.

16. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Dass die Pflege Papas zuhause für über zwei Jahre ging, aber jetzt nicht mehr. Dieser Meinung waren alle Pflegenden und die Familie, aber das Mütterchen Löwenherz musste erst selbst krank werden, bevor sie eingesehen hat, dass auch ihre Kraft jetzt aufgebraucht war.

17. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Wie schon 2020: Zeit zu haben, so oft es Diss und Pandemie zuließen, in den Norden zu fahren und meiner Mutter wenigstens ein bisschen Arbeit abnehmen zu können.

18. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Jedes Essen, das F. mir ausgegeben hat.

20. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

„Ich hab dich lieb, Papa.“

19. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Ich hab dich auch lieb, Anke.“

21. 2021 war mit einem Wort …?

Kräftezehrend.

What Anke Ate in 2021

Falls irgendjemand meine Pandemiebewältigungsstrategie „Einfach immer backen“ noch nicht mitbekommen haben sollte.

Leseliste 2021

So allmählich kann ich den Kopf aus den ganzen Fachbüchern zerren und mal wieder zum Vergnügen lesen, das hatte ich in acht Jahren Uni fast verlernt. Auf dem Stand von vor 2012 bin ich lange noch nicht, was die Menge der Bücher angeht, aber vielleicht ist da inzwischen auch eine gewisse Gelassenheit eingetreten. Wenn ich, statt zu lesen, fünf Stunden vor Netflix versacke, ist das genauso in Ordnung.

Ich habe nur zwei Bücher weggelegt bzw. irgendwann nur noch quergelesen (Kraft, Lenz), bei einem anderen wurden die letzten 100 Seiten von 800 auch nur noch überflogen, weil da nichts Neues mehr für mich kam (Ross, der trotzdem auf meiner Jahresbestenliste steht, wie ihr übermorgen lesen werdet). Alle anderen kann ich euch weiterempfehlen. Bücher, die ich euch dringend empfehlen möchte, haben einen Stern (toll) oder zwei Sterne (OMG so gut).

Christian Kracht – 1979

Christian Kracht – Faserland (Re-Lektüre, funktioniert immer noch)

Hedwig Richter – Demokratie. Eine deutsche Affäre *

Rachel Cusk – Outline (nur eine halbherzige Empfehlung)

Stephan Thoma – Gegenspiel

Alena Schröder – Junge Frau, am Fenster stehend, blaues Kleid etc. **

Ruth Klüger – weiter leben **

Hans Rosenthal – Zwei Leben in Deutschland **

Gabriele Tergit – Effingers **

Ruth Klüger – unterwegs verloren *

Christian Kracht – Eurotrash

Olivia Wenzel – 1000 Serpentinen Angst *

Wolfgang Koeppen – Tauben im Gras **

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

Wolfgang Koeppen – Tod in Rom **

Florian Zinnecker/Igor Levit – Hauskonzert

Helga Schubert – Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten (och jo)

Ilko-Sascha Kowalczuk – Die Übernahme **

Victor Klemperer – LTI. Notizbuch eines Philologen **

Gisela Kraft – Rundgesang am Neujahrsmorgen (nach einem Drittel quergelesen)

Brit Bennett – The Vanishing Half

Theresa Sepp – Ernst Buchner (1892–1962): Meister der Adaption von Kunst und Politik *

Hans Fallada – Kleiner Mann, was nun? **

Nicole Diekmann – Die Shitstorm-Republik: Wie Hass im Netz entsteht und was wir dagegen tun können

Maren Gottschalk – Wie schwer ein Menschenleben wiegt. Sophie Scholl. Eine Biografie

Yaa Gyasi – Homegoing **

Taffy Brodesser-Akner – Fleishman is in Trouble

Wolfgang Ruppert – Der moderne Künstler. Zur Sozial- und Kulturgeschichte der kreativen Individualität in der kulturellen Moderne im 19. und frühen 20. Jahrhundert **

Kristine Bilkau – Die Glücklichen

Siegfried Lenz – Der Überläufer (ab der Hälfte quergelesen)

Emma Cline – The Girls *

Connie Palmen – Logbuch eines unbarmherzigen Jahres

Gabriele Tergit – Käsebier erobert den Kurfürstendamm **

Friedrike Mayröcker – Ich sitze nur grausam da

Alex Ross – Die Welt nach Wagner **

Brit Bennett – The Mothers *

Jessica B. Harris – High on the Hog. A Culinary Journey from Africa to the Americas **

Sigrid Nunez – What are you going through *

Chinua Achebe – Things fall apart *

Andreas Platthaus – Lyonel Feiniger. Porträt eines Lebens

Über einige habe ich gebloggt, bitte bei Interesse selbst danach googeln.

Was schön war, Donnerstag bis Montag, 23. bis 27. Dezember 2021 – Weihnachten

Ich mag Weihnachten. Ich mag die Ruhe, die irgendwann einkehrt, wenn alles aufgegessen und ausgepackt ist. Dieses Mal feierte ich an drei Orten hintereinander: zunächst im Pflegeheim, in dem mein Vater lebt, dann in der alten Heimat, erst im Elternhaus, einen Tag später bei Schwester und Schwager, und schließlich, abends am 26., konnte ich noch mit F. bei mir zuhause anstoßen.

Die Zugfahrt am Donnerstag war ereignislos, der Großraumwagen in der 1. Klasse fast leer, aber die wenigen reservierten Plätze lagen fast alle in unmittelbarer Nähe zueinander. Es wurden keine Reservierungen angezeigt, weswegen sich unsere Traube auch nur zögernd auflöste. Erklär mir einer das Buchungssystem bei der Bahn.

Ich filmte schon aus dem Fenster raus, ich brauchte Videoschnipsel. Als die S-Bahn im Heimatdörfchen ankam, wo mich meine Schwester mit dem Auto vom Bahnhof abholte, filmte ich weiter. Das ist auch der Beginn des knapp vierminütigen Videos geworden, das ich gestern zusammenschnitt und an die Familie weiterleitete. Für einen ersten Versuch bin ich zufrieden. Danke an die vielen Tutorials auf YouTube, die mir iMovie erklären konnten.

Viel Sekt mit dem Mütterchen getrunken, die zwischen „Alles schlimm“ und „Alles in Ordnung“ schwankt. Am Heiligen Abend gab’s bei „uns“, also dem Mütterchen und mir, Raclette für Schwester und Schwager, am ersten Feiertag tischten sie im Gegenzug eine Pute auf, die 48 Stunden in einer Salzlake zart werden durfte. Wurde sie, das war ganz hervorragend.

Da im Pflegeheim immer nur eine Person zum Bewohner darf, ja, auch Weihnachten, denn das Virus macht keine Feiertage, alles in Ordnung so, übernahmen wir Schichten. Ich begann am Donnerstag, feierte also streng genommen noch keine Weihnachten mit Papa, aber ich wünschte ihm trotzdem ein frohes Fest und unterhielt ihn mit Eichhörnchenfotos, die F. seit Neuestem auf dem Alten Nordfriedhof macht. Von seinen 800 Tagesbildern schickt er mir abends die besten zehn aufs Handy, das war genau das Richtige für Papa. Dann machte ich ein kurzes Video von uns beiden, weil ich Bewegtbilder haben wollte. Ich zeigte Papa das Handy und erklärte, was ich mache, er erkannte uns im Selfie-Modus und streckte uns grinsend die Zunge heraus.

Für den Besuch hatte ich trotz Dreifachimpfung einen frischen Coronatest vorlegen müssen, auch alles richtig so. Das Heim testet selbst nur an zwei Tagen die Woche, aber ich ergoogelte mir weitere Teststationen in der Gemeinde, buchte einen Termin am Donnerstag, ließ mir außerhalb eines winzigen Containers, in dem zwei Leute saßen, ein Stäbchen in die Nase stecken und zeigte das Ergebnis, das nach 15 Minuten auf meinem Handy landete, im Heim vor.

Am Heiligen Abend fuhr ich das Mütterchen ins Heim, einerseits, weil sie nicht so gerne fährt, andererseits, weil ich in der alten Heimat gerade gerne fahre (was soll man hier auch sonst machen). Ich übernahm auch gerne Fahrten zu Supermärkten und Apotheken. Autos sind schon eine feine Sache, und ich bin jetzt alt genug, um eine Sitzheizung super zu finden. Nein, in der Stadt brauche ich trotzdem beides nicht.

Mir fiel beim morgendlichen Verkehrsfunk am Frühstückstisch auf, wie lange ich schon nicht mehr auf Verkehrsnachrichten achte. Mir doch egal, ob die Straßen eisig sind, ich steige ja eh in eine U-Bahn.

Ich stellte am Abend mein Handy auf ein dickes Buch und ließ es im Zeitraffer den Sonnenuntergang aus dem Kinderzimmerfenster filmen. Je dunkler es wurde, desto mehr Lichterketten gingen an. Das war ein schöner Effekt. Den wiederholte ich am Sonntagabend, als ich heimkam, gleich nochmal mit meinem Tannenbaum, dessen Lichterketten in der aufziehenden Dämmerung immer heller leuchteten. Kam beides in den Weihnachtsfilm.

Ich hatte länger mit mir gerungen zu fahren (Omikron, Sie kennen das ja), aber ich froh, dass ich es gemacht habe. Das waren zwar irgendwie seltsame Tage, weil Papa da und dann doch nicht da war, weil sich alles anders angefühlt hat, aber dann doch irgendwie gut. Am ersten Feiertag ging das Mütterchen auf den Friedhof, um Blumen auf den Gräbern meiner Großeltern bzw. Großmutter (ihrer Mutter) und deren Schwester abzulegen. Auch das filmte ich und habe jetzt irgendwie alle Familienmitglieder im Video, wenn auch teilweise nur als Grabstein. Ja, der Satz klingt komisch, aber ich mag die Tatsache, dass ich quasi auch Omi und Oma und Opa an Weihnachten gesehen habe, sehr gern.

Ich hatte keinen wirklich Plan für den Film, aber er wird zusammengehalten von den vielen Weihnachtsbäumen in der Familie und im Dorf. Und es ist eben die ganze Familie drin. Ich stelle ihn natürlich nicht ins Internet, aber ich bin froh, dass ich so viel Zeug gefilmt habe.

Ich gewann nach 1000 Jahren mal wieder im Doppelkopf. Das wollte ich nur mal festhalten. Und ich glaube, ich habe beim Krippenaufbau Josef und den Hirten verwechselt, aber das ist bei der Jungfrauengeburt vermutlich egal.

Auf der Rückfahrt las ich Platthaus’ Buch über Lyonel Feininger zuende, das ich euch beruhigt weiterempfehlen kann. Unter meinen Bäumchen lagen unter anderem eine Gewürzmühle und noch mehr Lesestoff. Das war ein gutes Weihnachtsfest.

„In jener Zeit erließ Kaiser Augustus den Befehl an alle Bewohner seines Weltreichs, sich in Steuerlisten eintragen zu lassen. Es war das erste Mal, dass solch eine Erhebung durchgeführt wurde; damals war Quirinius Gouverneur von Syrien. So ging jeder in die Stadt, aus der er stammte, um sich dort eintragen zu lassen.

Auch Josef machte sich auf den Weg. Er gehörte zum Haus und zur Nachkommenschaft Davids und begab sich deshalb von seinem Wohnort Nazaret in Galiläa hinauf nach Betlehem in Judäa, der Stadt Davids, um sich dort zusammen mit Maria, seiner Verlobten, eintragen zu lassen. Maria war schwanger. Während sie nun in Betlehem waren, kam für Maria die Zeit der Entbindung. Sie brachte ihr erstes Kind, einen Sohn, zur Welt, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe; denn sie hatten keinen Platz in der Unterkunft bekommen.

In der Umgebung von Betlehem waren Hirten, die mit ihrer Herde draußen auf dem Feld lebten. Als sie in jener Nacht bei ihren Tieren Wache hielten, stand auf einmal ein Engel des Herrn vor ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umgab sie mit ihrem Glanz. Sie erschraken sehr, aber der Engel sagte zu ihnen: „Ihr braucht euch nicht zu fürchten! Ich bringe euch eine gute Nachricht, über die im ganzen Volk große Freude herrschen wird. Heute ist euch in der Stadt Davids ein Retter geboren worden; es ist der Messias, der Herr. An folgendem Zeichen werdet ihr das Kind erkennen: Es ist in Windeln gewickelt und liegt in einer Futterkrippe.“ Mit einem Mal waren bei dem Engel große Scharen des himmlischen Heeres; sie priesen Gott und riefen: „Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht.“

(Neue Genfer Übersetzung)

Ich wünsche euch allen ein friedliches, fröhliches, besinnliches, schönes, gesegnetes Weihnachtsfest. Danke fürs Lesen und Impfenlassen und Rücksichtnehmen.

Was schön war, Mittwoch, 22. Dezember 2021 – Kinderzimmerausblick

Und ein eingefrorenes Vogelbad.



Was schön war, Freitag bis Dienstag, 17. bis 21. Dezember 2021 – Steckrübe und iMovie

Am Freitag war wieder Date Night. Gestern sprachen F. und ich über die neuen Beschränkungen, die ab dem 28. Dezember gelten und stellten zum wiederholten Male fest: Für uns ändert sich nichts. Wir haben beide unsere winzige Bubble, gehen quasi nirgends hin außer zum Einkaufen, und haben nur geimpfte Menschen im engeren Umkreis (bis auf ein paar Kinder auf F.s Seite). Wir haben irgendwie in den vergangenen Monaten an der freitäglichen Date Night festgehalten, auch weil wir beide Zeit alleine brauchen und mögen. Also auch hier: nichts Neues.

Ich buk am Freitag ein vegetarisches Toad in the hole, gestern verbloggt, und kostete dabei zum ersten Mal eine rohe Steckrübe (mochte ich sehr) und entdeckte, dass sie gekocht nicht grauenhaft sein muss (mochte ich auch). Das war schön, alte Zutaten neu kennenzulernen.

Am Samstag musste ich ein Päckchen von der Post holen, das in die Packstation hätte kommen sollen, die natürlich überfüllt war. Ich nölte, dass ich ausgerechnet am letzten Samstag vor Weihnachten in eine Filiale musste, aber ob ich Montag frei hätte, wusste ich am Wochenende noch nicht. Gut, dass ich da war, denn bis gestern war ich noch gebucht. Also nahm ich mein derzeitiges Buch mit, wappnete mich für eine Stunde Anstehen, war um Punkt 9 Öffnungszeit an der Post am Hauptbahnhof – und vor mir waren nur ungefähr neun Leute, alle sieben (?) Schalter waren geöffnet, ich wartete also kurz hinter zwei Menschen, dann noch kurz am Schalter, und um fünf nach neun war ich wieder draußen.

Ich freue mich jeden Tag über mein krummes Weihnachtsbäumchen, an dem elektrische Lichter leuchten. Am Sonntag entzündete ich die vierte Kerze am Adventskranz, während die erste runterbrannte. Gestern gab dann auch die Kerze vom zweiten Advent auf. Ich mag das, wenn ich die wirklich zum Runterbrennen kriege und nicht den Dezember mit vier ungleich langen Stummeln beende.

Aus Gründen beschäftigte ich mich erstmals mit iMovie, der Videoschnittsoftware, die auf jedem Mac vorinstalliert ist. Die hatte ich noch auf keinem meiner Rechner jemals geöffnet, aber jetzt hatte ich einen Grund, mich für sie zu interessieren. Ich filmte mit Handy und Spiegelreflex sinnloses Zeug in der Wohnung, schnitt irgendwas zusammen, was einen Sinnzusammenhang ergab, legte Musik darunter und freute mich über mein erstes Werk, an dem ich einzelne Funktionen übte. Wieder was gelernt.

Ich bekam sehr gutes Feedback auf ein kunsthistorisches Proposal und konnte es gestern an meinen Doktorvater schicken. Daraus wird im kommenden Jahr ein längerer Lexikoneintrag, auf den ich mich sehr freue. Damit sind jetzt alle werbischen und kunsthistorischen Dinge abgearbeitet. Ich mache jetzt meinen Weihnachtsurlaub, der gleichzeitig mein Jahresurlaub ist.

Vegetarisches Toad-in-the-hole nach Ottolenghi mit Steckrübe und gelber Bete

Seit September macht mich eine Biokiste verlässlich glücklich, weil ich in ihr manchmal Dinge finde, die ich selbst nie gekauft hätte, sei es aus Faulheit oder aus Unkenntnis von schicken Rezepten. Diese Zutaten könnte ich natürlich abbestellen – man bekommt eine Mail mit dem vorgesehenen Kisteninhalt –, aber ich finde es spannend, mich an Dinge zu wagen, die mir bisher nicht vertraut waren. In diesem Fall war es eher eine Abneigung: An Steckrüben habe ich in Form von dicken Suppen eher ungute Kindheitserinnerungen. Daher war ich kurz versucht, sie abzubestellen, ließ mir dann aber lieber auf Twitter tolle Tipps geben und freue mich nun mitteilen zu können: Steckrüben sind super.

Aus den vielen Vorschlägen wählte ich das vermutlich einfachste Rezept zum Nachkochen: a) weil ich Ottolenghi eigentlich immer mag und b) in der Kiste auch Pastinaken waren und ich noch Möhren hatte, die konnten auch gleich elegant verarbeitet werden.

Das untenstehende Rezept ist für eine Form in der ungefähren Größe von 34 cm x 26 cm; meine ist etwas kleiner, ich habe drei Viertel des Rezepts verwendet, das hat wunderbar geklappt. Ich hatte gedacht, dass man den Auflauf in Stücken wie Pizza oder Flammkuchen aus der Form kriegt, aber nein, das wird einfach nur ein eher unhübscher Haufen aus Gemüse und Teig. Daher ist die Sauce im Rezept ganz sinnvoll: Für das Gemüse bräuchte man sie meiner Meinung nach nicht, das bringt genug Geschmack mit, aber der Teig ist doch eher Trägermaterial und findet die Pilzsauce super. Ich glaube aber, der würde auch einen Klecks Kräuterquark super finden.

Aber hier machen wir mal Sauce. Als allererstes die Pilze ansetzen. Dazu
30 g getrocknete Steinpilze mit
800 ml kochendem Wasser übergießen, die Schüssel abdecken und alles mindestens 20 Minuten ziehen lassen.

Für den Teig
4 Eier (mindestens Größe M) mit
350 ml Milch und
2 EL mittelscharfem Senf schaumig rühren. Schneebesen reicht. Danach
230 g Mehl, Type 405, sowie
1 TL Salz unterrühren und alles mindestens 30 Minuten quellen lassen.

Nun Gemüse schnippeln. Wir brauchen
1/2 große Sellerie (480 g), geschält und in 6 Keile geschnitten (450 g Endgewicht)
2 Rote Bete (350 g), geschält, 8 Keile (300 g) und
1/2 große Steckrübe (350 g), geschält, 12 Keile (320 g). Das Gemüse ist quasi beliebig austauschbar, Hauptsache, die Mengen bleiben erhalten. Bei mir waren Steckrübe, Pastinaken, Mohrrüben, gelbe Bete und ein winziger Rest Brokkoli als Farbtupfer in der Form. Nicht zu klein schneiden, das dürfen ruhig Brocken oder dickere Scheiben bleiben. Hier habe ich mal die rohe Steckrübe gekostet und stellte interessiert fest: schmeckt wie nussiger, frischer Kohlrabi. Mag ich!

In einer Form
75 ml Olivenöl (ein bisschen weniger tut’s auch) und
2 EL Tomatenmark mischen, das Gemüse dazugeben, alles gut mit dem Öl benetzen, mit
1 knappen TL Salz und
ordentlich Pfeffer im auf 220° Ober- und Unterhitze vorgeheizten Ofen für 15 Minuten backen. Die Form aus dem Ofen nehmen, vorsichtig
2 EL Ahornsirup untermischen und für weitere 20 Minuten backen.

Während alles bäckt, können wir schon die Pilzsauce machen.

2 EL Olivenöl bei mittlerer Hitze erwärmen und
1 große Zwiebel (220 g), fein gehackt, darin anbräunen.
3 Knoblauchzehen, fein gehackt,
1 EL Tomatenmark und
1 EL fein gehackten Rosmarin dazugeben, kurz mitrösten.
2 1/2 EL Mehl dazugeben, gut umrühren, damit alles bemehlt ist. Nun langsam die Pilze und die Einweichflüssigkeit dazugeben, mit einem Schneebesen dafür sorgen, dass nichts klumpt. Mit
1 TL Salz und
ordentlich Pfeffer würzen, kurz aufkochen und dann die Hitze verringern und simmern lassen, bis die Sauce eindickt. Das dauert nur wenige Minuten. Mit
1 EL Balsamico-Essig abschmecken und warmhalten. Ich habe die Sauce danach durch ein Sieb gestrichen, weil ich die glitschigen Pilze nicht so mag, davon steht aber bei Ottolenghi nichts.

Wenn das Gemüse seine 35 Minuten im Ofen war, die Form herausholen und Gemüse und Öl in eine feuerfeste Schüssel abgießen. Die Backform nass auswischen und trocknen.
4 EL Sonnenblumenöl in die Form gießen und sie so für sechs Minuten in den heißen Ofen stellen, damit sie vorheizt. Nach dieser Zeit wieder entnehmen und nun vorsichtig und zügig den Teig in die Form gießen. Das Gemüse mit dem Würzöl auf dem Teig verteilen,
200 g Cherrytomaten ebenfalls darauf verteilen (hab ich weggelassen),
2 Zweige Rosmarin auflegen und alles wieder in den Ofen geben. Für 20 Minuten backen, dann die Hitze auf 200 Grad verringern und für weitere 25 Minuten backen, bis alles appetitlich gebräunt ist.

Wer mag, bestreut alles mit frischem Schnittlauch, auch die Sauce; ich habe stattdessen einen grünen Salat dazu gemacht. Ich mochte wirklich alles an diesem Rezept – und vor allem die Steckrübe. Sie war mehlig im Mund, aber trotzdem fest, und hatte weiterhin einen angenehmen nussigen Geschmack. Team Steckrübe! Wer hätte das gedacht.

Was schön war, Samstag bis Donnerstag, 11. bis 16. Dezember 2021 – Kekse und Weihnachtsbaum

Am vergangenen Wochenende buk ich nochmal ein paar Bleche Kekse; davon wanderten einige in ein kleines Päckchen in Richtung Hamburg zum Ex-Kerl. Ich druckte den DHL-Lieferschein schon am Sonntag aus, schaffte es aber erst Dienstag in eine Filiale; Packstationen wollte ich gar nicht erst versuchen, die quellen vermutlich gerade mit Weihnachtsgeschenken über. Der Grund für die Verzögerung: Ich wurde Montag äußerst spontan gebucht durch eine gute Kombi, jedenfalls für mich, aus Texter im Urlaub und Vertretungstexter krank.

Deswegen ist mein Kopf gerade mal wieder weniger kunsthistorisch unterwegs, sondern für die gute, alte Autoindustrie. Ja, wir sollen die nicht mehr mögen, aber ich schreibe trotzdem gerne über ihre Produkte. Und wenn ich einen Parkplatz hätte, hätte ich einen kleinen SUV. Ja, die sollen wir auch nicht mögen, aber sie sind so wunderbar bequem beim Einstieg, man sitzt angenehm hoch und, soweit ich das von den kurzen Fahrten mit dem mütterlichen Auto sagen kann, mein Rücken, meine Hüfte und meine Beine finden das alles deutlich superer als die flachen Schüsseln, die ich bis vor zehn Jahren noch gefahren bin. Aber ich habe ja keinen Parkplatz und deswegen auch kein Auto, und seit Corona trenne ich auch brav Müll und habe sogar einen Bioeimer in der Küche, wogegen ich mich jahrelang gesträubt habe. Kleines Klima-Update Ende.

Ökokistenglück. Es gab unter anderem Suppe aus gelber Bete mit gerösteten Mandelblätten, Koriander- und Fenchelsamen. Der Fenchel war keine so gute Idee, Rest gerne wieder.

Violette Hasselback-Kartoffeln mit buntem Salat. Das Zeug in den Kartoffelspalten ist Knoblauch. Im Salat befindet sich auch noch gelbe Bete, den winzigen Rest, der immer noch übrig ist von den zwei Knollen der letzten Woche, haue ich heute vermutlich in ein Gericht von Ottolenghi, denn mit der heutigen Kiste kommt eine Steckrübe, auf die ich etwas ängstlich schaue. Deswegen hat mich Twitter vor einigen Tagen auch ganz hervorragend mit Rezepten versorgt.

Tofu mit Brokkoli und dem üblichen Sojasauce-Ingwer-Chili-irgendwas drüber. No filter übrigens, aber ein neuer Teller vom Butler’s um die Ecke. Der Laden lässt sich immerhin Impfnachweis und Ausweis zeigen, scannt aber nicht. Hmpf.

Gestern besuchte ich meinen Zahnarzt, der gespielt entrüstet war, als er nach dem Grund fragte, warum ich hier sei und ich freimütig gestand, dass ich bloß noch den Stempel fürs Bonusheft brauchte, von dem ich dachte, ich hätte ihn längst in diesem Jahr erhalten, aber nee.

Mein Zahnarzt ist jetzt übrigens Teil einer größeren Praxisgemeinschaft. Es sind nicht mehr nur zwei Ärzte, sondern sie haben, laut neuem Praxisschild, „Kolleg*innen“. Nice.

Fast direkt neben der Praxis liegt der Stand, an dem ich traditionell mein Weihnachtsbäumchen kaufe. Das erledigte ich gestern hektisch, bevor es wieder an den Schreibtisch ging. Er wurde gestern abend auch gleich geschmückt und erfreute mich heute morgen nach dem Aufstehen, als noch alles dunkel war, mein Bäumchen aber schon durch die Wohnung schimmerte.

Mein erster Weihnachtsbaum ohne goldene Kugeln. In diesem Jahr gab’s alles aus der Ecke Rot, Pink und Violett.

Ewig hin und her überlegt, ob ich Weihnachten zu meiner Mutter fahre oder nicht. Wir kennen alle die guten Argumente: Omikron, Kontaktbeschränkungen usw. Meine Gegenargumente, die schlussendlich überwogen: Ich bin im vergangenen Jahr brav zuhause geblieben und habe damit das letzte Weihnachten verpasst, an dem Papa noch zuhause gelebt hat (er ist seit August in einem Pflegeheim). Das Mütterchen ist auch nicht mehr die Jüngste, und obwohl ich natürlich davon ausgehe, dass sie 100 Jahre alt werden wird, möchte ich nicht im nächsten Jahr denken, dass ich womöglich auch ihr letztes Weihnachten zuhause verpasst habe. Ich bin dreifach geimpft, fahre im Zug immer in der 1. Klasse (weniger Leute) und hatte bisher immer eine schöne grüne Corona-App nach Zugfahrten. Daher werde ich fahren.

In der gestrigen Pressekonferenz erwähnte Minister Lauterbach, dass die Dreifachimpfung die Schutzwirkung vor symptomatischer Infektion auf 75% erhöhe, falls diese Wirkung nach zwei Impfungen schon nachgelassen habe (bei ca. 12.30 min). Und in einem Artikel der SZ (finde ich gerade nicht in meinem Verlauf) berichtet eine Krankenhausmitarbeiterin, dass hohes Gewicht in der Anfangsphase der Pandemie ein Risikofaktor gewesen sei; inzwischen bestimme aber der Impfstatus, ob man auf der Intensivstation landet oder nicht. Das hat mich beides etwas beruhigen können.

Ich werde im Norden genau vier Leute sehen, die alle mindestens doppelt geimpft sind, und allerhöchstens noch einen Supermarkt und ein, zwei Mitarbeiter im Pflegeheim, in dem man einen aktuellen Test vorlegen muss, auch wenn man hundertmal geimpft ist. Ich hoffe, es wird okay sein.

Es ist quasi da

Das hübsche Titelbild fehlt noch, zumindest im Interweb, ich weiß schon, wie es aussieht, aber anscheinend könnt ihr mein neues Lieblingsbuch schon vorbestellen.