Ein unglaublich cremiges Dankeschön …

… an Jill, die mich mit einem Bratenthermometer überraschte. Das sehe ich ja dauernd auf „Masterchef“ und manchmal auch im „Perfekten Dinner“, dass Menschen ihre Fleischstücke mit einem Metallstift pieksen, der an einer Metallschnur hängt, die zu einem Display führt, das außerhalb des Backofens steht. Das sieht immer grundsätzlich besser aus als mein stiftförmiges Thermometer, das ich vor Jahren mal angeschafft hatte, ich weiß schon gar nicht mehr wofür. Es hat ein winziges Display und hängt auch eher selten vernünftig am Rand von Töpfen, in denen irgendwas vor sich hinblubbert, von dem ich gerne die Temperatur wüsste (meistens Öl zum Frittieren). Ich hänge also immer über dem Topf und balanciere das Thermometer und versuche es gleichzeitig abzulesen, was alles eher doof ist.

Jetzt habe ich eins, dessen Fühler man einfach irgendwo reinhängen (oder -pieksen) kann. Das formschöne Display hat einen Magneten auf der Rückseite, mit dem ich das Ding an meine Dunstabzugshaube kleben kann. Es hat außerdem einen etwas fragilen, aber immerhin, Klappfuß, mit dem man es auch einfach auf den Herd oder die Arbeitsplatte stellen kann, neben den Topf, in dem der Fühler hängt. Und es hat eine Anzeige, die groß genug ist, um vernünftig abgelesen zu werden.

Das musste ich natürlich alles erstmal ausprobieren und dafür nahm ich mir wieder ein Rezept von La Paticesse vor, ist klar, ich mache ja nichts anderes mehr. Diesesmal buk ich eine Tarte au citron, meine Ausführung mit weitaus weniger hübschen Fotos kommt noch, Endergebnis ist schon auf Insta, wofür ich Lemon Curd brauchte. Für den habe ich ja eigentlich ein idiotensicheres Rezept: alle Zutaten zusammenwerfen, im Wasserbad erhitzen, irgendwann dickt es ein und fertig. La Paticesse wollte es aber etwas anders: nur Eier, Zucker und Zitronensaft erhitzen, bis es eindickt, dann auskühlen lassen, dann kalte Butter unterrühren. Was für mich spannend war: die genauen Temperaturangaben, ab wann die Masse eindicken sollte, ich zitiere: „Ab ca. 68–70°C werdet ihr beim Rühren der Basis-Creme feststellen, wie sie langsam bindet. Bei mehr als ca. 84–86 °C ist aber spätestens Schluss, sonst droht Rührei.“

Ich verrührte Eier und Zucker im Topf, es war nicht mal ein Wasserbad nötig, Zitronensaft und Zesten dazu, Temperaturfühler in den Topf gehängt und unter Rühren den Ziffern auf dem Display zugeschaut. Den Fühler musste ich natürlich trotzdem halten, denn der Kochlöffel wollte irgendwo hin, aber schon das war an der Verbindungsschnur komfortabler als meinen alten Plastikstick in der Hand zu haben. Ich rührte und gucke und rührte und guckte und hielt ab den 60er-Graden den Atem an, bis die Masse wie auf Knopfdruck einzudicken begann. Ich quietschte und fühlte mich wie eine Naturwissenschaftlerin, hielt es bis 80 Grad aus und nahm dann den Topf vom Herd. Ich sieh alles durch ein Sieb ab und hatte eine herrliche Masse vor mir. Temperaturcheck: Nach dem Abkühlen sollte sie 30 bis 40 Grad haben, bei 38 griff ich zum Pürierstab und mixte die Butterstückchen unter. Dann zog ich den Stecker und leckte das erste Mal in meinem Leben den Quirl ab, weil ich kein Tröpfchen dieser herrlichen Masse verschwenden wollte und der Teelöffel kam nicht überall hin. So! Gut!

Vielen Dank für das Geschenk, ich werde heute alles messen, was sich temperieren lässt und habe mich sehr gefreut.

Tagebuch Montag, 10. Mai 2021 – Bildrechte

Der Verband deutscher Kunsthistoriker, der nebenbei seit Längerem zu Recht über seinen Namen diskutiert, veröffentlichte gestern einen Leitfaden für Bildrechte. Der ist vermutlich nicht nur für Kunsthistorikerinnen interessant, deswegen verlinke ich den gerne.

Bildrechte waren gestern auch mein Thema am Schreibtisch. Die Bilderliste ist final, ich arbeitete weiter die Institutionen ab, von denen ich Reproduktionen brauche und erfuhr nebenbei einiges, was mich etwas mehr aus der Bahn warf, als ich zunächst gedacht hatte. Ich kann hier nicht näher ins Detail gehen, weil ich nicht weiß, was davon schon für die Öffentlichkeit bestimmt ist, aber ich muss meine Diss-Einleitung großflächig überarbeiten, aus Gründen, wie es so schön heißt. Ich haderte mal wieder damit, dass Wissenschaft nie final ist, dass jede Erkenntnis morgen schon veraltet sein kann und dass selbst cleverste Einleitungen, die die Leserinnen mit den ersten Sätzen in ihren Bann ziehen, nicht davor gefeit sind, von tagesaktuellen Geschehnissen pulverisiert zu werden. Gnarg.

Immerhin was Schönes gekocht. Ich hatte noch Feta, der dringend wegmusste, bei „Masterchef Australia“ gab’s eine Pasta-Challenge, also wollte ich dringend Pasta selbst machen und dabei den Feta verarbeiten. Es wurde dann eine Variation von einem Rezept aus Ottolenghis „Jerusalem“. Erstmal simple Tagliatelle machen, zwei Eier, 150 g Mehl plus noch mehr Mehl, weil die Eier anscheinend riesig waren. Kneten, bis die Teigkonsistenz stimmt, einwickeln, rumliegen lassen.

In einer Pfanne röstete ich zunächst Pinienkerne, entfernte sie und aromatisierte in derselben Pfanne Öl mit Thymianzweigen, Knoblauch und Chiliflocken. In einem Mixbecher pürierte ich TK-Erbsen mit Feta, ein bisschen Zitronensaft und Öl, gab das Gemisch mit weiteren unpürierten Erbsen ins Öl, nachdem ich die Thymianzweige entfernt hatte. Tagliatelle kochen, bis auf einen kleinen Rest Kochwasser abgießen, den Pfanneninhalt mit den Nudeln und dem Kochwasser vermischen und mit Zitroneneckchen, Pinienkernen und ordentlich Pfeffer drüber servieren. Das koche ich heute mit der zweiten Teighälfte gleich nochmal.

Nudeln gemacht statt Sport. Passt schon.

Ich habe es nur wenige Tage geschafft, dem Account von „Sophie Scholl“ auf Insta zu folgen. Bestimmt gut gemeint und auch professionell gemacht, aber ich finde es creepy.

Im Deutschlandfunk lief vor ein paar Tagen eine gute halbe Stunde zu Scholl, und das Buch der dort interviewten Autorin liegt in den nächsten Tagen für mich in der Stabi.

The Atlantic veröffentlicht seit Längerem Artikel in einer Serie namens „Inheritance“. Heute erschien ein Essay von Clint Smith: Why Confederate Lies Live On. Sehr lesenswert und mit vielen Links im Text. Hier nur einer davon, Five Books to Make You Less Stupid About the Civil War, in dem natürlich auch das Buch vorkommt, das ich seit Jahren als das beste über den Bürgerkrieg rumempfehle: Battle Cry of Freedom. Gibt’s auch auf deutsch, hier eine Rezension dazu.

„Once one of the most successful sugarcane enterprises in all of Louisiana, the Whitney is surrounded by a constellation of former plantations that host lavish events—bridal parties dancing the night away on land where people were tortured, taking selfies in front of the homes where enslavers lived. Visitors bask in nostalgia, enjoying the antiques and the scenery. But the Whitney is different. It is the only plantation museum in Louisiana with an exclusive focus on enslaved people. The old plantation house still stands—alluring in its decadence—but it’s not there to be admired. The house is a reminder of what slavery built, and the grounds are a reminder of what slavery really meant for the men, women, and children held in its grip. […]

Before the coronavirus pandemic, the Whitney was getting more than 100,000 visitors a year. I asked Yvonne if they were different from the people who might typically visit a plantation. She looked down at the names of the dead inscribed in stone. “No one is coming to the Whitney thinking they’re only coming to admire the architecture,” she said.

Did the white visitors, I asked her, experience the space differently from the Black visitors? She told me that the most common question she gets from white visitors is “I know slavery was bad … I don’t mean it this way, but … Were there any good slave owners?”

She took a deep breath, her frustration visible. She had the look of someone professionally committed to patience but personally exhausted by the toll it takes.

“I really give a short but nuanced answer to that,” she said. “Regardless of how these individuals fed the people that they owned, regardless of how they clothed them, regardless of if they never laid a hand on them, they were still sanctioning the system … You can’t say, ‘Hey, this person kidnapped your child, but they fed them well. They were a good person.’ How absurd does that sound?”

But so many Americans simply don’t want to hear this, and if they do hear it, they refuse to accept it. After the 2015 massacre of Black churchgoers in Charleston led to renewed questions about the memory and iconography of the Confederacy, Greg Stewart, another member of the Sons of Confederate Veterans, told The New York Times, “You’re asking me to agree that my great-grandparent and great-great-grandparents were monsters.”“

Tagebuch Samstag/Sonntag, 8./9. Mai 2021 – Weißwurst und Fußnoten

Der Samstag begann, wie seit Monaten traditionell, mit unserem einzigen gemeinsamen wöchentlichen Frühstück. Da ich im Moment bis zur Besinnungslosigkeit backe, gibt es derzeit eigentlich ständig Kuchen („Dann mögen sie doch Brioche essen“), aber Samstag früh musste ich zur Packstation, weil ich Freitag keine Lust mehr darauf gehabt hatte; auf dem Weg liegt mein Metzger und ein akzeptabler Bäcker, also wurden es auf dem Rückweg spontan Weißwürste und Brezn. Ich hatte noch süßen Senf im Haus, wonach F. sofort kritisch fragte, bis mir einfiel, dass ich den schon zum Einzug vor über zweieinhalb Jahren erworben hatte. Ein Geschmackstest ergab eine leicht säuerliche Note, woraufhin ich meinen brav eingehaltenen Plan, nur einmal in der Woche in einen Supermarkt zu gehen, kurz ignorierte – es sind noch zehn Tage bis zur Zweitimpfung, jetzt nicht einknicken! – und für den Senf flugs zum Edeka ging. Wenn ich schon mal da bin, Bananen, Klopapier, Müsli, Milch, hätte alles noch bis diese Woche gereicht, aber wenn ich schon mal da bin, Sie kennen das.

Seit ich die erste Zeile dieses Eintrags getippt habe, muss ich an einen Satz aus dem „Perfekten Dinner“ denken, das ich gerade rückwärts gucke, so lange TVNow mich lässt. Da wurde ein Paar gefragt, wie es sich kennengelernt habe, und die Dame meinte: „Im Internet. Ganz traditionell.“ Darüber freue ich mich seit Tagen.

Samstag begann ich die Dissertation von Theresa Sepp über Ernst Buchner zu lesen, die neulich gut in der SZ besprochen wurde und die netterweise umsonst auf unserem Uniserver liegt. Also das, was meine Arbeit leider nicht tun wird, weil ich einen Verlag habe. (Hier den üblichen Rant zu Urheberrechten und den Kosten für Golden Open Access einfügen.) Aber: Sie wird in der E-Library des Verlags erscheinen und wenn Sie einen Bibliotheksausweis besitzen, ist sie dort auch umsonst.

Eine Biografie über Buchner ist für mich natürlich sehr interessant, weil er sich im gleichen Raum wie Protzen bewegte und mit vielen Künstlern Kontakt hatte. Ich ahne, dass Protzen nicht darunter sein wird, dafür war er nicht wichtig genug, aber das Buch erweitert meinen Blick auf die Kunststadt München im Nationalsozialismus sehr. Und es sorgte, natürlich, dafür, dass ich in den Fußnoten auf Lektüre stieß, die mich ebenfalls interessiert und die teilweise schon zu Fußnoten in meiner Arbeit geworden ist. Wie das halt immer so passiert.

Damit hatte ich dann gestern einen überraschend produktiven Tag am Schreibtisch, was mich sehr gefreut hat, denn eigentlich hatte ich mit dem Buch auf dem Sofa angefangen. Und für Sport und gutes Essen war ich auch gut gelaunt genug.

Über den Tweet mit diesem Bild musste ich sehr lachen. Die Künstlerin verkauft das Werk ohne den Text.

Holgi hat mit Gabriel Yoran über seine viermonatige Zeit im Impfzentrum Berlin gesprochen. Sehr viel gelernt. Dass das Berliner Rote Kreuz und/oder der Senat die clevere Idee hatte, zum Aufbau des Zentrums Menschen aus der Eventbranche zu engagieren, die leider gerade nichts zu tun haben und außerdem wissen, wie man große Menschenmengen organisiert, hatte ich schon gehört. Vieles andere noch nicht. Das waren gut investierte 90 Minuten.

Shona McAndrew auf Instagram, via @TiniDo.

Tagebuch Freitag, 7. Mai 2021 – Einer dieser Tage

Ein bisschen hilflos am Schreibtisch gesessen, dann den ganzen Tag in der Küche verbracht. Einen bekannten Kuchen gebacken, einen neuen, danach das Abendessen für die Date Night zubereitet: nichts Wildes, nur mein Lieblingsessen von Ottolenghi, für das ich nur Frühlingszwiebeln besorgen musste, Rest ist immer im Haus. Das Projekt „Schränke leerkochen“ geht in die nächste Runde.

Was mich aber sehr aufheitern konnte, waren einige Leser:innen-Spenden: Vier der Werke aus dem Deutschen Historischen Museum sind bezahlt. Die Damen und Herren haben schon ein persönliches Dankeschön erhalten, aber ich wollte das hier auch noch einmal notieren, wie sehr ich mich über die Anteilnahme an meiner launigen Diss freue. Ich zitiere aus einer der Paypal-Nachrichten: „Wir haben doch alle so gerne mitstudiert.“ Aww!

Weil mich das Thema auch nach nun fast vier Jahren noch interessiert, folge ich einem Twitter-Account über Autobahngeschichte, an dessen Tweets ich manchmal anlege, wenn’s gerade passt, so wie in diesem winzigen Thread.

Tagebuch Mittwoch/Donnerstag, 5./6. Mai 2021 – Mehltau

Ich schwanke derzeit fast täglich zwischen „Alles super“ und „Alles scheiße“. Mir fehlen etwas die Zwischentöne, und das macht mich sehr nervös.

An guten Tagen klappt alles, Sport, Ernährung, Kommunikation, Schreibtisch, während ich an schlechten nur denke, ich bleibe einfach so lange im Bett, bis es dunkel ist, dann muss ich nicht mehr aufstehen. Seltsamerweise hat die Erstimpfung diesen Zustand nur verstärkt – oder er wird mir jetzt erst bewusst, weil ich durch sie eine innere Ziellinie habe. Vor der Impfung – und vor allem nach der Abgabe der Diss, ihrer Verteidigung, ihrer Überarbeitung für den Druck – war alles ein Brei, ein Waten durch den Nebel, man hatte kein Ziel, weil es schlicht nicht zu sehen war, man guckte auf die eigenen Füße, um nicht unterzugehen und das war’s. Das war einerseits fürchterlich, weil man eben nur auf die eigenen Füße geguckt hat, aber andererseits war es auch erleichternd: Der eigene Spielraum war quasi winzig bzw. positiv formuliert: überschaubar.

Seit der Erstimpfung ist mir die Fragilität meiner Gesamtsituation erst richtig bewusst. Ich bin noch vorsichter als vorher, obwohl ich inzwischen ja über einen gewissen Schutz verfüge. In zwei Wochen erhalte ich meine Zweitdosis, dann warte ich noch weitere zwei Wochen ab, bis der vollständige Schutz da ist – und dann kann ich theoretisch wieder all die Dinge tun, die ich mir jetzt verkneife, obwohl sie möglich wären: acht Stunden im ZI sitzen. Oder im Giftschranksaal der Stabi. Oder endlich die Archivtermine wahrnehmen, die noch sein müssen, um mein Manuskript zu vervollständigen. Aber ich sitze eben keine acht Stunden im ZI, weil ich noch nicht vollständig geimpft bin und ich es nicht auf den letzten Meter noch reißen will.

Gestern konnte ich mich ewig nicht aufraffen, überhaupt irgendwas zu machen und war schon stolz darauf, mein Altglas weggebracht zu haben. Derartig super motiviert ging ich dann wieder an den Schreibtisch und las besinnungslos die Bücher, die ich mir in den letzten Wochen aus der Stabi geliehen, in die ich aber bisher nur sehr kursorisch reingeguckt hatte. Das tat sehr gut. Es war nicht das gleiche wie im ZI zu sitzen und mich von Regal zu Regal treiben zu lassen, aber es war okay und vor allem besser als der blöde Mehltau, der gefühlt über mir liegt und den ich nicht von mir runterkriege.

Für Sport hat die Selbstdisziplin gestern nicht gereicht, aber immerhin für eine ordentliche Portion Tofu mit dem lustigen orangefarbenen Achuete-Öl, das vom Kare-Kare übriggeblieben ist. Und jetzt backe ich fünf Kuchen und heute abend kommt F. Wieder ne Woche geschafft.

Gewürzter Apfelkuchen

Ein Rezept aus Ottolenghis „Simple“. Der Kuchen ist für eine 23-cm-Backform vorgesehen, ich habe die untenstehenden Mengen quasi halbiert (statt drei Eiern eins plus ein Eigelb) und damit meine kleine 18-cm-Form hübsch vollbekommen. Hervorragender Frühstückskuchen für zwei.

3 große Äpfel schälen, entkernen und in dicke Spalten schneiden. Ottolenghi schlägt zwei Boskop und einen Granny Smith vor, habe ich alles ignoriert, er gibt 585 g Äpfel an, daran habe ich mich halbwegs gehalten. Ich meine aber, es könnte noch ein weiterer Apfel oben drauf.

In einer Schüssel die Apfelspalten mit
130 g Demararazucker und
1 EL Lebkuchengewürz vermischen. Die Zuckermenge würde ich halbieren, da bleibt sehr viel in der Schüssel übrig.

In einer zweiten Schüssel
130 g weiche Butter mit
150 Zucker mehrere Minuten lang schaumig rühren, bis der Zucker sich halbwegs aufgelöst hat. Nach und nach
3 Eier unterrühren.
Ebenfalls nach und nach
300 g Mehl, Type 405,
2 TL Backpulver,
200 g saure Sahne,
das Mark von 2 Vanilleschoten sowie
1 gute Prise Salz unterrühren.

Den Teig in die gebutterte Kuchenform füllen, mit den gewürzten Apfelspalten belegen und alles für 60 bis 65 Minuten im auf 160° Umluft (!) vorgeheizten Ofen backen. Circa 30 Minuten auskühlen lassen, bevor ihr die Form öffnet. Noch leicht warm oder abgekühlt servieren, möglichst am Backtag.

Ich hatte gehofft, dass der Zucker auf den Apfelspalten etwas mehr karamellisiert, aber vielleicht nutze ich beim nächsten Backen als Abschluss mal kurz ordentlich die Grillfunktion. Ansonsten fand ich das Lebkuchengewürz ganz hervorragend als Alternative zu meinem normalen, eher zitronigen Apfelkuchen, obwohl dieser Teig hier etwas fester wird als mein Standardrezept.

Tagebuch Montag, 3. Mai 2021 – AbbVZ

Ich finalisierte (haha) das Abbildungsverzeichnis für den Druck der Diss: Von den der Uni angereichten 180 Bildern sind 106 übrig geblieben, die ich jetzt käuflich erwerben muss, um sie abbilden zu können.

Gestern bekam das erste Museum die offizielle Anfrage nach druckfähigem Material. Von dort wusste ich bereits von einer alten Anfrage, dass es nicht von allen Werken Protzens im Bestand überhaupt druckfähige Abbildungen gibt, was mich schon damals hat verzweifeln lassen: Wenn ihr das Zeug schon in klein fotografiert, damit es zum Beispiel auf GDK-Research farbig angezeigt werden kann wie hier eine der Brücken in Limburg (1938) und ihr es dafür schon aus dem Depot gezerrt habt, wieso erstellt ihr dann nicht gleich eine druckfähige Datei? Diese Baustelle ist eins von sechs Bildern, die jetzt für mich in Berlin angefertigt werden, und jedes kostet 52 Euro. Yay. Nicht. Plus die Nutzungsgebühren, die ich noch nicht einschätzen kann, weil ich noch nicht weiß, wie groß das Bild schlussendlich im Buch abgebildet sein wird. Ich tippe auf halbseitig, was dann nochmal 55 Euro pro Bild kosten wird. Mein Doktorvater hatte mir vor der Veröffentlichung einen groben Schätzpreis genannt, der vermutlich auf mich zukommen wird für die Gnade, in einem wissenschaftlichen Verlag erscheinen zu dürfen, und der erste Kostenvoranschlag war deutlich niedriger, was mich schon gefreut hatte. Ich ahne, dass ich im Endeffekt dann doch auf die Summe von Vati kommen werde und gehe jetzt Freunde und Verwandte anpumpen. Ich habe ernsthaft schon über Crowdfunding nachgedacht, weil mich dieses System so ankotzt, aber irgendwie will ich das doch nicht.

Ich hatte in den letzten Wochen auch schon öfter über die deutlich günstigere Variante nachgedacht: als PDF auf den Uniserver stellen, alle Abbildungen nur in Schwarzweiß, nochmal 50 Bilder raushauen oder einfach gleich nur die 29 Autobahnen abbilden, fertig. Jede:r, dem oder der ich davon erzähle, rät mir allerdings davon ab, weil so ein schickes Buch in einem schicken Verlag in einer schicken Reihe doch schick wäre. Ich Egotante denke ja ähnlich, aber meine Güte ist das viel Geld dafür, dass ich mich mal wichtig fühlen kann.

(Edit: Ich höre immer F. aus dem Hintergrund meckern: „Gutes Umfeld für aufwendige Forschung! Mach dich und deine Arbeit nicht klein!“ Ja. Schon gut. Scheißkohle.)

In other news gab es gestern einen Berg Tofu mit Gemüse aus der Pfanne, dazu die restliche Sauce vom Kare-Kare und dazu Gurkenscheibchen und Erdnüsse. Das Zeug ist so lecker, ich werde demnächst einfach nur die Sauce kochen.

Nach gefühlten Monaten endlich Victor Klemperers „LTI“ ausgelesen und auf den letzten Metern noch was Zitierwürdiges gefunden, sehr schön. Am Text kann ich ja weiter kostenlos rumdengeln.

Neue Lektüre: „Rundgesang am Neujahrsmorgen“ von Gisela Kraft. Auf die Dame wurde ich durch den Newsletter „Magda liest“ aufmerksam gemacht, schaute bei Booklooker rum und fand eine signierte Ausgabe für fünf Euro. Meins!

Ich las vor kurzem Ilko-Sascha Kowalczuks „Die Übernahme“ durch; das gibt es gerade für günstige 4,50 Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung (eh immer eine gute Adresse). Bei Hsozkult findet sich eine gute Rezension von Alexander Leistner:

„Gegen das Diktatur- und Integrationsparadigma hat sich immer schon und zuletzt vehementer ein „Repräsentanzparadigma“ formiert. Kritisiert werden hegemoniale Deutungen („westdeutscher Blick“) und die Unsichtbarkeit der Transformationsfolgen. Beschleunigt wurde dies zuletzt durch die Berichterstattung über die Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland. Etwas zugespitzt geht es in diesem recht jungen Diskurs um Repräsentation (gegen die Dominanz westdeutscher Eliten und Perspektiven), um Sichtbarkeit (ostdeutscher Abwertungserfahrungen) und um Identität. So wird im 30. Gedenkjahr eine besonders rege Debatte um Ostdeutschland geführt, von der man sagen kann, dass in den letzten Jahren die Vergangenheit kaum gegenwärtiger war. Implizit lassen sich Kowalczuks zusammengetragene Befunde auf diese dominanten oder phasenweise dominierenden Paradigmen beziehen. Dergestalt zeichnet er engagiert und meinungsstark ein kritisches Bild der vergangenen 30 Jahre, aus dem die Sorge des Autors um die Zukunft Ostdeutschlands spricht. […]

Kowalczuks kritische Bestandsaufnahme der Wiedervereinigung ist schonungslos und taugt doch nicht dazu, auf seiner Grundlage ein ostdeutsches Opferkollektiv zu konstruieren und den Rechtsruck der letzten Jahre allein als Folge des Transformationsprozesses zu erklären (oder zu entschuldigen). Ostdeutsche verbinde zwar ein gemeinsamer Erfahrungsraum vor und nach 1989. Die Erfahrungen seien aber vielfältig, heterogen und teilweise gegensätzlich (S. 88). Die Rede von der ostdeutschen Identität sei somit letztlich eine (teilweise übernommene und teilweise ausgrenzende) Zuschreibung (S. 90). Um die Resonanzen der extremen Rechten in Ostdeutschland zu verstehen, genüge es nicht, nur die Enttäuschungen, Demütigungen und sozialen Verwerfungen der 1990er-Jahre in den Blick zu nehmen. Spezifisch seien gleichermaßen sehr viel ältere Traditionen von Rassismus, Illiberalismus und Nationalismus sowie Opfernarrative, die auch in der DDR fortwirkten (Kapitel 10). Diese Prägungen befeuern zudem aktuell Sehnsüchte nach Homogenität und eine autoritär-etatistische Grundhaltung (S. 245) bei vielen Ostdeutschen. Entsprechend fragil sei die politische Kultur: „Die Demokratie steht hier mehr auf der Kippe als anderswo.“ (S. 263)“

Auch beim Perlentaucher kann man Rezensionen finden. Ich empfehle das Buch auf jeden Fall weiter.

Was schön war, Freitag bis Sonntag, 30. April bis 2. Mai 2021 – Zwei Festmahle

Dass der Freitag schon gut begann, verbloggte ich bereits. Seitdem bin ich Team Alphorn; die gute Laune hielt das ganze Wochenende.

Den gesamten Freitag verbrachte ich in der Küche, um Kare-Kare zuzubereiten plus die ganzen Beilagen. Okay, zwischendurch reichte die Zeit für ein, zwei Folgen „Das perfekte Dinner“, aber ansonsten war ich am Herd und dabei grundentspannt.

Abends kam F. für unsere freitägliche Date Night vorbei, wir aßen und quatschten und tranken zwei Rotweine leer.

Den Samstag verbringe ich seit Monaten alleine, wie gesagt, F. und ich treffen uns derzeit nur einmal in der Woche, um die Kontakte gering zu halten. Aber der Herr hatte in den letzten Tagen irgendwann Geburtstag, und so sah ich ihn nach der Date Night gleich noch einmal zur Birthday Night. Dieses Mal griff ich zu Ottolenghis Simple und kochte gleich fünf Rezepte nach. Dazu gab’s einen Rosé aus F.s Keller, danach ein Fläschchen Fräulein Hu, das, langjährige Leser:innen werden sich erinnern, meinen geliebten Le7 als roten Blubber abgelöst hat. Überhaupt kann man bei dem Weingut blind alles bestellen, das sind hervorragende Alltags- und ein paar Sonntagsweine da. Ich verzeihe ihnen sogar das alberne Hörnervergraben. (Kritik an Demeter-Kriterien, Esoquatsch halt.)

Da rechts auf dem Kallax neben den asiatisch angehauchten Schüsseln steht übrigens ein Werk von Katia Kelm aus dieser Serie. (Und heute räume ich endlich den leeren Weinkarton weg.) Auch bemerkenswert: das altmodische Rechaud, das ich bei einem der letzten Elternbesuche mitgenommen, aber noch nie benutzt hatte. Lerneffekt: Es funktioniert. Wann gelernt? Als ich den heißen, im Bild noch leeren Teller darauf anheben wollte.

Ab hier sind alle Bilder von F., ich war mit Frittieren beschäftigt.

Salat aus Zucchini, Basilikum und Walnüssen.

Den Dipp hatte ich zu meinem eigenen Geburtstag schon mal gemacht, aber außer dem Abschmecklöffel nichts davon abbekommen. Jetzt weiß ich, wie gut die Creme aus weißen Bohnen mit Muhammara drüber schmeckt.

Schnell im Ofen gemacht: Kirschtomaten mit Knoblauch und Zitronenschale auf griechischem Jogurt. Und mit Thymian, der war quasi an allem dran, daher auch das Sträußchen auf der Serviette.

Zum Abschluss gab’s einen gewürzten Apfelkuchen, genauer gesagt, war Lebkuchengewürz drin. Das schmeckt nur im ersten Moment nach Weihnachten – jedenfalls ging es mir so, seit ich vor kurzem beim Vollmilchmädchen die Gewürz-Sahnelinsen entdeckt und nachgekocht hatte. Beides sehr empfehlenswert.

Nicht im Bild, aber irgendwann auf dem Rechaud: kleine frittierte Krapfen aus Erbsen und Feta, die mit Za’atar gewürzt wurden. Die sahen mal so richtig fies aus, schmeckten aber gut. Fürs nächste Mal merken: Nicht wie im Buch gewünscht die Fetabröckchen so groß lassen, sondern alles zu einer eher einheitlichen Masse vermischen und vielleicht in ein bisschen Panko wälzen. Oder vorher gefrieren lassen.

Der Sonntagmorgen wurde zum Sonntagmittag, wir frühstückten Kuchen und lagen dann, wieder getrennt voneinander, den ganzen Tag rum. Sonntag halt.

Mir hat es viel Freude gemacht, mich nur aufs Kochen und Backen zu konzentrieren, das lenkt gerade alles hervorragend ab. Der Plan, vielleicht doch noch irgendwo eine Würstchenbude aufzumachen, ist weiterhin im Hinterkopf. Ich ahne, dass ich dazu körperlich nicht in der Lage sein werde, aber momentan lasse ich alle Pläne gelten. Immerhin dafür war die Pandemie gut: Ich bin mir sehr sicher, wie ich in Zukunft leben und arbeiten möchte. Da muss jetzt nur noch der Rest der Welt mitspielen, die olle Nervensäge.

PS: Katia Kelm hat jetzt einen schönen Webshop und ich habe ein paar der Paypal-Spenden der letzten Monate in ein Bild angelegt. Das kommt dann neben dieses hier, was schon in meinem Flur hängt. Hashtag „Frauen, die irgendwo hingucken“.

Kare-Kare

Oder anders: ein traditioneller philippinischer Eintopf, hier mit Ochsenschwanz. Die Wikipedia lässt auch andere Fleischsorten gelten, dieses Foodblog, mit dem ich gerne die Rezepte aus I Am a Filipino: And This Is How We Cook abgleiche, auch, und in der Esquire steht ein bisschen was zum Ursprung dieser Speise. Man betont bei der Aussprache übrigens das „E“, nicht das „A“.

Das Rezept aus dem oben genannten Buch gibt Mengen für vier bis sechs Personen an. Das Achuete-Öl ist kein Muss, und nachdem ich es hergestellt und nun überall orangerote Flecken in meiner Küche habe, rate ich euch mindestens zur Vorsicht beim Basteln. Aber wenn ihr es zubereiten wollt: am besten schwarze Socken tragen, wo man die Flecken nicht sieht, und generell vorsichtig mit Gerätschaften mit Gummigriffen sein. Meine geliebte grüngriffige Microplane, die ich eben nur zur Seite räumen wollte, ist jetzt zweifarbig. Weil die Frage auf Insta kam: Das Öl duftet herrlich nussig und schmeckt nicht ganz so intensiv auch danach, sorgt aber vor allem für die tolle Farbe der Sauce: Die ist vorher eher gräulich-bräunlich (Rotwein und Erdnussbutter), nach dem Öl aber tiefbraun und glänzend.

Für das Öl eine große Pfanne stark erhitzen.
70 g Annatto-Samen dazugeben und unter Rühren rösten, bis sie duften und anfangen aufzupoppen, das dauert nur ein Minütchen.
240 ml Pflanzenöl dazugeben (bei mir Sonnenblume), die Temperatur verringern und weiterrühren, bis das Öl die tiefrote Farbe der Samen angenommen hat, auch das dauert nur ein, zwei Minuten. In ein entsprechendes Gefäß umfüllen und gut verschließen. Hält sich ca. vier Wochen. Die Samen, die man übrigens prima im Internet bestellen kann, kommen weg.

Jetzt aber an den Eintopf, der erstmal ein Schmortopf ist.

2,3 kg Ochsenschwanz in ca. 5 Zentimeter lange Stückchen hacken, macht die Metzgerin gern. Man kann ihn auch ganz servieren, sagt das Buch, das sieht bestimmt super aus. Den Ochsenschwanz ordentlich salzen und pfeffern.

Den Backofen auf 190° Ober- und Unterhitze vorheizen.

In einem Schmortopf
3 EL Pflanzenöl erhitzen und den Ochsenschwanz bzw. die Stücke von allen Seiten stark anrösten. Aus dem Topf nehmen, das Öl bis auf einen EL abgießen und die Hitze verringern.

2 rote Zwiebeln, grob gehackt,
1 Möhre, grob gehackt, und
2 Stangen grünen Sellerie, grob gehackt, in den Topf geben und für fünf Minuten anschwitzen, bis sie duften.
1/2 Bund frischen Thymian dazugeben, nur kurz unterrühren, dann mit
1 l Rotwein aufgießen. Mit einem Spatel den Bodensatz freikratzen, das Fleisch wieder in den Topf geben.
240 ml Shaoxin-Wein angießen (Sherry tut’s auch) und mit
1 bis 1,5 l Rinderbrühe aufgießen, so dass das Fleisch bedeckt ist. Im Ofen für 2,5 bis 3 Stunden mit Deckel schmoren, bis das Fleisch zart geworden ist, aber noch nicht vom Knochen fällt.

Nach der Schmorzeit das Fleisch wieder entnehmen. Den Rest durch ein Sieb abgießen, die Flüssigkeit auffangen, diese wieder in den Topf geben und auf die Hälfte einkochen lassen. Der Siebinhalt kommt weg.

Die Hitze reduzieren und
480 g cremige Erdnussbutter sowie
60 ml Sojasauce einrühren. Die philippinische Sojasauce (z. B. von Silver Swan) ist etwas dickflüssiger als die japanische, aber ich ahne, dass es keinen Riesenunterschied macht, welche ihr verwendet. Ein paar Minuten köcheln lassen, bis die Erdnussbutter sich aufgelöst hat und die Sauce andickt.
120 ml Achuete-Öl einrühren und das Fleisch wieder in den Topf geben.

Als Beilagen
450 g chinesische lange Bohnen (bei mir simple grüne Bohnen) kochen.

In einer Pfanne
1 Knoblauchzehe, fein gehackt, bei mittlerer Hitze in
2 EL Pflanzenöl anbraten, bis sie duftet.
450 g japanische Auberginen, in dicke Scheiben geschnitten, darin anbraten, ca. 10 Minuten. Bei mir sind es kleine kugelförmige Auberginen gewesen. Wenn die Auberginen fertig sind, mit dem Knoblauch aus der Pfanne nehmen, diese kurz durchwischen und
450 g Baby-Bok-Choi in
1 EL Pflanzenöl mit
etwas Salz braten, bis sie hübsch knallgrün und etwas weicher geworden sind.

Zum Servieren kiloweise Jasminreis kochen und Bagoong (Krabbenpaste) sowie Zitronenspalten anbieten.

Ich stand mit dem Ochsenschwanz etwas auf Kriegsfuß, das nächste Mal nehme ich Ochsenbäckchen. Oder ich mache nur die Sauce und werfe Tofu hinein, denn die Sauce ist der Kracher. Das Bagoong ist übrigens die fieseste Krabbenpaste von den dreien, die ich bisher in meiner Küche geöffnet habe: Die thailändische kann ich immer prima mit Limettensaft überdecken, die indonesische mache ich schon gar nicht mehr auf, weil die Küche danach zwölf Stunden „funky“ riecht, und die philippinische kommt total harmlos daher, riecht nicht mal fies streng, aber hat einen Nachgeschmack, der echt alles übertüncht. Mit dieser Zutat der asiatischen Küche werde ich wohl nicht mehr warm werden.

Freitag, 30. April 2021 – Mein erstes Livekonzert seit März 2020

Gestern lag ein Zettel im Briefkasten des Mehrfamilienhauses, in dem ich wohne: im Erdgeschoss werde heute geheiratet. Ich erwartete in den nächsten Zeilen eine Entschuldigung, dass es möglicherweise etwas lauter werden könnte, die üblichen Partyflyer halt, obwohl ich die auch schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte, wie mir auffiel, weil es keine Partys mehr gibt. Aber stattdessen stand da: „Um 7.30 morgens wird es für ca. 15 Minuten zünftig. Gerne können alle vom Balkon aus zuschauen und klatschen.“

Blasmusik ist mir Norddeutscher außerhalb von Biergärten und dem Oktoberfest herzlich egal, aber das wollte ich natürlich trotzdem sehen. Und so zog ich mir ein Jäckchen über den Schlafanzug (mein Weg zum Schreibtisch ist recht kurz, daher stehe ich derzeit gegen 7.30 Uhr auf) und schlüpfte in Turnschuhe, um auf meinen regennassen Balkon zu treten. Interessiert bemerkte ich, dass auch die restliche Hausgemeinschaft aus zehn Wohnungen, die ebenfalls zur Hofseite gehen, ähnlich wie ich gekleidet auf den Balkonen stand. Und unten, zwischen unseren farbenfrohen Müllcontainern, passierte dann das.

Nach dem ersten Stück wurde geklatscht, die Bläser begrüßten nun alle, allen voran natürlich das Brautpaar, das, in Tracht gewandet, anscheinend sehr überrascht war. Der Bräutigam meinte recht hörbar, dass er nun keinen Kaffee mehr brauche. Das Paar wurde nach einem weiteren Stück zum Tanz herausgebeten und drehte sich ein, zwei Minütchen lang zum dritten Stück, dann gab’s einen Schuhplattler mit dem Bräutigam und einem der Bläser, und zum Abschluss zückte eben dieser Herr noch große Kochlöffel und begleitete seinen Kollegen beim letzten Liedchen.

Auch auf wenigen Balkonen der Nachbarhäuser standen inzwischen ein paar Menschen, hörten zu und klatschten. Beim Schuhplattler klatschten alle mit, und vor dem letzten Stück öffnete sich eine Balkontür im Nachbarhaus, die bisher geschlossen gewesen war: Eine Dame trat mit ihrem Laptop heraus und meinte: „Meine Kollegen wollen auch was davon haben, ich bin gerade in einer Konferenz.“ Gelächter, letztes Stück, Abschlussapplaus und das war’s. Die Herren ließen noch ein paar Werbezettel da, die vermutlich irgendwann in meinem Briefkasten sein werden, dann reiche ich die Namen gerne nach. Falls bei Ihnen demnächst mal jemand heiratet oder einfach ein paar Alphörner im Innenhof haben möchte.

Ich bin selbst überrascht davon, wie schön das war. Wie gesagt, Blasmusik ist mir eher egal, außer ich habe mindestens eine Maß intus, aber es war die erste Livemusik, die ich gehört habe seit März 2020. Also kein Stream oder eine Videoaufzeichnung; die sind alle toll und haben mir in den letzten Monaten viel bedeutet, aber das war ganz großartig, Menschen mit Instrumenten vor der Nase zu haben.

Ebenso toll: das gemeinsame Klatschen. Ein Graus in allen Fernsehshows, jetzt aber war das die erste größere Gemeinschaft, die ich seit Monaten erleben durfte. Die habe ich sonst im Fußballstadion oder ab und zu in der Kirche, aber auch hier: Seit März 2020 sehe ich einzelne Menschen und manchmal Paare oder meine Familie, aber niemals mehr. Man begrüßte sich von Balkon zu Balkon, klatschte dem Brautpaar und den Musikern zu, und ich gebe zu, ich habe eine winzige Träne verdrückt, weil ich Musik hören und klatschen konnte. Das kann nur ein guter Tag werden heute.

Danke an die Freunde und Freundinnen des Brautpaars, ihr habt, glaube ich, nicht nur den beiden eine große Freude gemacht.

Dienstag, 27. April 2021 – Es gibt Fisch

Eher so mäßig im Text weitergekommen, ich habe (natürlich) alle Entscheidungen angezweifelt, die ich vorgestern getroffen hatte und fange einfach nochmal von vorne an. Jedenfalls ist das der Plan für den heutigen halben Tag, nachdem ich nachts von 4 bis halb 6 wachgelegen und darüber mit total klarem Kopf und total sinnvoll nachgedacht habe.

Den Rest dieses Tages werde ich in einem Zoom-Meeting verbringen, denn das ZI veranstaltet ab 13.30 Uhr ein für alle offenes Kolloquium zur Provenienzforschung, in dem ich einige Mitdoktorandinnen wiedersehen werde.

Was ich gestern noch erledigte: den Wocheneinkauf sowie einen kurzen Marktbesuch, um neue Kräutertöpfe für den Balkon zu erwerben. Die pflanzte ich dann auch gleich ein und freue mich nun wieder über Grün anstatt Beige-Braun der bisherigen Sträucher, die im Winter schmählich eingegangen sind und um die ich mich bisher nicht gekümmert habe, weil egal und keine Lust.

Außerdem erwarb ich eine kleine küchenfertige Forelle, füllte diese mit Zitronen, Knoblauch und Bärlauch und machte es mir zum Abendessen ein bisschen hübsch in der Küche. Das war sehr schön.

Diesen kurzen Artikel habe ich sehr gerne gelesen, weil: viel gelernt über einen Alltags… okay, -gegenstand ist fies formuliert, aber sei’s drum: Es geht um Fischstäbchen, über die The Atlantic schreibt: Fish Sticks Make No Sense.

Im Artikel wird das „defining scholarly paper on fish sticks“ von 2008 erwähnt, das ich noch nicht durchgelesen habe, aber das hole ich gleich nach. Der Artikel beruht in Teilen auf diesem Paper, und ich lernte, warum es überhaupt Fischstäbchen gibt. Nie drüber nachgedacht.

In den 1950er Jahren wurde durch neue Technologie viel zu viel Fisch gefangen, der schlicht nicht mehr anders verarbeitet werden konnte als: schon an Bord ausnehmen und zu großen Blöcken zusammenfrieren. Diese „bricks“ fanden seltsamerweise keine Abnehmer auf Endkundenseite, komisch, weswegen man sich überlegte: Lasst uns aus den Blöcken kleine, niedliche Stäbchen machen und frittieren – so dass sie kaum noch nach Fisch aussehen.

„The advent of fish sticks made eating fish easier and more palatable for the seafood wary. “You can almost pretend that it isn’t fish,” says Ingo Heidbrink, a maritime historian at Old Dominion University in Virginia. In his native Germany, where a reported 7 million people eat fish sticks at least once a week, companies have changed the fish at least three times since the product’s introduction, from cod to pollock to Alaska pollock, a distinct species. “Consumers didn’t seem to notice,” Heidbrink says.

Josephson [das ist der mit dem Paper] calls fish sticks “the ocean’s hot dogs.” Served as casseroles or alongside mashed potatoes, they quickly became standby components of school lunches and family dinners. During the pandemic, demand has risen as families stock up on convenience foods during lockdowns.“

Auch spannend, und damit ist das Gewissen wieder beruhigt, wenn es darum geht, Fischmatsch in Panade zu essen:

„Surprisingly, fish sticks are fairly sustainable. Today, most contain Alaska pollock, which is largely sourced from well-managed fisheries, says Jack Clarke, a sustainable-seafood advocate at the United Kingdom–based Marine Conservation Society. The climate impact of fish sticks is small, too. “I was surprised at how low it was,” says Brandi McKuin, a postdoctoral researcher at UC Santa Cruz, who recently studied Alaska-pollock products. Each kilogram of fish sticks produces about 1.3 kilograms of carbon dioxide, which “rivals the climate impact of tofu,” she says. Beef, by comparison, produces more than 100 times that amount of carbon dioxide per kilogram.“

Montag, 26. April 2021 – Asien im Tiefkühlfach

Ein guter Tag!

Endlich wieder im Diss-Flow gewesen, launig gekürzt und korrigiert, Bilder en masse rausgeschmissen (so richtig wichtig ist es nicht), Dokumente im Ordner „Final final final jetzt aber echt“ abgelegt. Nein, Quatsch. Der erste Ordner bis Juli 2020 und der Abgabe an die Uni hieß „Text“ im Ordner „Dissertation“, der zweite mit der Überarbeitung, die der Doktorvater noch abnicken wollte, hieß „Text korrigiert“ und der momentane heißt „Text für Druck“. Das war jetzt bestimmt irre spannend für euch, dieser Absatz.

In den letzten Wochen litt mit meiner Laune auch mein Essverhalten. Ich habe nicht nur viel zu viel gebacken, sondern auch viel zu viel gegessen. Was man halt so macht, wenn ständig irgendwo Himbeer-Marmorkuchen rumsteht. Am Wochenende habe ich mir selbst untersagt, schon wieder pfundsweise Butter und Zucker zusammenzurühren, sondern mal wieder Gefriertruhe und Vorratsschrank leerzukochen. Das geht bisher ganz gut, und wir wissen ja alle, drei Tage sind eine Ewigkeit, das hält jetzt für immer. (Seufz.) Aber ich ahne schon, dass ein guter Tag am Schreibtisch (und auf der Yogamatte) auch deswegen ein guter Tag war, weil ich mich nicht wie eine müde Schmalzkugel gefühlt habe.

In einem der vielen Videos von „Hot Thai Kitchen“ hatte ich den Tipp gehört, Dinge, die ich nicht mal eben nebenan im Supermarkt kaufen kann, gnadenlos einzufrieren und so zu verarbeiten. Daher habe ich seit Wochen Zauberzeug wie Galangal, Zitronengras und auch Chilis im Tiefkühlfach, von denen ich nicht gedacht hätte, dass man sie einfrieren kann. Mit Ingwer mache ich das schon länger: schälen (ist angeblich nicht nötig, das probiere ich noch aus), in daumengroße Stücke schneiden und einfrieren. Lässt sich gefroren sogar besser reiben als frisch.

Daher gab’s gestern spontan scharf angebratenen Tofu, der ein Sößchen bekam aus Ingwer, Chili, Reisessig, Ahornsirup und Sojasauce, dazu Reis, weil Reis immer super ist. Das war schön, inzwischen über diese Zutaten ähnlich wenig nachdenken zu müssen wie über Bratkartoffeln mit Spiegelei.

Auch schön: dieser kurze Moment beim ersten Bissen, wenn man denkt, ach, das ist ja gar nicht scharf. Bis man dann den zweiten nimmt.

Abends sah ich per Zoom eine Veranstaltung der Reihe „Zukunft der Kunstgeschichte“, die demnächst auch online stehen müsste. Ich zitiere aus dem Programm: „Ein ganzes immobiles Jahr lang wurden die zweidimensionalen Bildschirme von Computern und Fernsehern zu den einzigen Fenstern zur Welt. Vor allem in Bildern von Bestattungsfahrzeugen, Krematorien oder notdürftig aufgestellten Kühlcontainern formuliert sich die Gefahrenlage, während öffentlich Geimpfte den Schutz vor Ansteckung und Überwindung der Pandemie versprechen. Diese digital verbreitete Bildlichkeit knüpft an vorangegangene Pandemien in einem analogen Zeitalter an (z.B. an die Spanische Grippe, als erstmals eine globale Infektionskrankheit umfassend fotografisch kommuniziert wurde). Gleichzeitig werden uns die Ausbreitung des Virus und die Mortalitätsdaten auf verschiedene Arten visuell vermittelt, die alle danach streben, eine wissenschaftliche „Wahrheit“ darzustellen.“ Sehr spannend, Anschauempfehlung. Der erste Vortrag der Reihe vom letzten Montag ist bereits online, den hatte ich selbst verpasst, hole ich jetzt nach.

Theoretisch hätte ich noch einen Veranstaltungstipp für heute, 19 Uhr, gehabt, ich zitiere vom YouTube-Kanal des NS-Dokuzentrums: „Über 11.000 deutsche Juden überlebten den Holocaust, weil sie mit einem nichtjüdischen Partner verheiratet waren. Aufgrund ihrer Verbindung zur „Volksgemeinschaft“ nahm das NS-Regime sie von zentralen Verfolgungsmaßnahmen, Deportation und Vernichtung aus. Im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten galten sie daher als „privilegiert“. Dennoch war die sogenannte Mischehe keine Garantie für ein Überleben. Vor allem lokale Behörden gingen immer radikaler gegen diese Verbindungen vor. Viele Betroffene verloren dadurch nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern oft auch Freiheit und Leben.“

Der Historiker Maximilian Strnad wollte sein Buch „Privileg Mischehe? Handlungsräume ‚jüdisch versippter‘ Familien 1933–1949“ vorstellen, aber auf der Website des Dokumentationszentrum steht, wie ich gerade gesehen habe, dass die Veranstaltung krankheitsbedingt ausfällt bzw. nachgeholt wird. Ich lasse das trotzdem mal hier, weil ich das Buch spannend finde.

Freitag bis Sonntag, 23. bis 25. April 2021 – Kaffeetest

Der letzte Tagebucheintrag war nicht nur Gedächtnisstütze, sondern Aufforderung: Ich startete das total unwissenschaftlich durchgeführte Experiment, ob ich Unterschiede schmecke bei händisch liebevoll gemahlenem Kaffee versus Kaffeebohnen, die in Opas Mühle aus den 1960er Jahren zerhackt wurden. Die Mühle arbeitet mit wirbelnden Klingen, was jedem Kaffeeblog zufolge DAS BÖSE ist.


Ich wog Bohnen und Wasser grammgenau ab, wie ich das immer bei Filterkaffee mache, und nutzte auch Kaffeetassen derselben Bauart, aber ich konnte keine gleichen Temperaturen erzielen: Die erste Runde Kaffee kam in die Thermoskanne, die zweite goss ich in die Tasse, als sie gerade durchgelaufen war. Die Temperatur war daher ähnlich, aber nicht ganz gleich.

Ergebnis: Ich behaupte, die Unterschiede in der Kaffeefarbe waren minimal, ich meine, etwas mehr Rotbraun im elektrisch gemahlenen Kaffee gesehen zu haben (links im Bild). Geschmacklich konnte ich keinen Unterschied feststellen. Damit habe ich für mich die moralische Rechtfertigung, weiterhin Opas Mühle zu benutzen, die ich schlicht lieber nutzte und die auch einen Hauch weniger Arbeit macht.

Freitag war wieder Date Night, das war schön. Ich hatte noch ein bisschen Fisch im Gefrierfach, der taute über den Tag hin auf, und bekam abends noch Kartoffelbrei, Erbsen und eine Zitronenbuttersauce zur Seite. Und wenn mein Impfschutz komplett ist, traue ich mich auch wieder in die großen Kaufhäuser mit den Feinkosttheken, wo es frischen Fisch gibt.

Ich las Die Übernahme: Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde zuende und empfehle das Buch sehr dringend weiter, mal sehen, ob ich mich noch zu einem längeren Blogeintrag darüber aufraffe.

Meine derzeitige Serie ist, ernsthaft, „Das perfekte Dinner“. Ich habe es schon ewig nicht mehr geschaut, ich meine, seit ich selbst halbwegs bewusst und engagiert am Herd stehe. Aber jetzt gerade, wo mich wirklich alles da draußen überfordert und mich Nachrichten und Twitter wahnsinnig machen, ist es herrlich beruhigend, einfach nur Menschen zuzuschauen, die über Essen reden.

Außerdem hat letzte Woche mein Liebling aller Lieblinge wieder angefangen: „Masterchef Australia“. Die erste Folge irritierte mich allerdings zutiefst, weil sie eine Entwicklung aufgriff, die mir schon in der letzten Staffel sehr auf die Nerven gegangen war. Die letzte Staffel wurde, wie alles, von Covid-19 aufgemischt; soweit ich weiß, wurde kurz unterbrochen, aber dann weitergedreht, mit nun mehr Abstand zwischen den Kandidaten in der Großküche. Das war kein Problem, aber auch das Narrativ der Sendung änderte sich. Wo vorher hauptsächlich über das Essen gesprochen wurde, sowohl vor der Kamera als auch aus dem Off, versicherten nun die Kandidat:innen ständig, wie wichtig es gerade jetzt sei, das Ding zu gewinnen, wie sehr sie sich bemühen würden, wieviel mehr als die ollen 100 Prozent sie geben würden. Ich schaltete irgendwann auf Durchzug, weil ich diesen Peptalk hasse, aber: Er kam in ähnlicher Form in der diesjährigen Staffel wieder.

In den ersten beiden Folgen werden die letzten Auditions gezeigt, wo ausgewählte Kandidat:innen den drei Juror:innen ein Gericht vorführen, die dann entscheiden, ob das schon reicht, um in den heiligen Kreis der 24 Teilnehmenden aufgenommen zu werden, oder ob sie am zweiten Tag noch einmal kochen müssen. Schon hier fing das nervige Gequatsche an, wieviel es der- oder demjenigen bedeuten würde, in der Show dabeisein zu können, wie groß der Traum sei, wie heftig die Entbehrungen für die dreimonatigen Aufzeichnungen sein würden etcpp. Hase – ich kenne dich noch nicht, du bist mir momentan total egal, ich will nur sehen, ob du einen hübschen Teller hinkriegst. Wie deine Partnerin heißt oder dein Kind oder ob du in Singapur oder Adelaide aufgewachsen bist, kannst du mir in Folge 20 erzählen, wenn ich dich inzwischen ins Herz geschlossen habe oder auch nicht.

Diese Erzählung lässt netterweise bereits nach, wir sind schon in Folge 5, aber die erste Folge fand ich sehr enttäuschend, was mich mehr angefressen hatte als ich dachte. Ich war wirklich schon bei „JETZT WIRD MIR DAS AUCH NOCH GENOMMEN EINSELF!“, wie so ein Quengelkind.

Samstag abend machte ich spontan Spätzle, wofür ich den Hobel nutzte, den mir ein Leser vor Jahren mal geschickt hatte. Auf Insta postete ich das Bild mit dem Titel „Sofaspätzle“, weil ich damit halt auf der Couch rumlungerte, was jemand erfreut über die Wortschöpfung kommentierte. Werde ab sofort den Spätzlehobel „Leserhobel“ nennen, ich mach einfach weiter mit dem Worte erfinden.

Sonntag war Lese- und Seriengucktag. Und: Ich blieb sehr lange im Bett und las das Internet leer, wobei mir wieder einmal auffiel, wie gerne ich das Licht in meinem Schlafzimmer sehe. Es fällt durch die hohe Baumkrone, die sich direkt vor dem Fenster befindet, kommt dann durch lichtdurchlässige, aber halbwegs blickdichte weiße Vorhänge hinein und landet an den dunkelgrau gestrichenen Wänden. Es ist dadurch nicht grell, aber hell genug, und durch die mehrfachen Filter wirkt es immer leicht pudrig. Ich mag das sehr.

Ein Make-up-Tutorial, mit dem ich endlich mal was anfangen kann: Das Met Museum lässt eine ihrer Mitarbeiterinnen das Make-up nachbauen, mit dem sich französische Adlige des 18. Jahrhunderts schmückten.

Um 17 Uhr gibt es einen Vortrag (?) aus dem Münchner Stadtmuseum, wo leider die Ausstellung mit Kunst der 1920er Jahre abgebaut wird. Wir sprachen in unserem letzten Podcast über sie, und ich hätte sie gerne noch einmal gesehen, aber Sie wissen schon, da ist ja gerade etwas, was Museumsbesuche erschwert.

Ab Mitte Mai findet eine Ringvorlesung „Gebaute Ordnung: Räume der Macht“ statt. Mich interessiert, so fies es klingt, die Architektur der Vernichtungslager. Die vortragende Annika Wienert schrieb quasi den einzigen Aufsatz, in dem Protzen mal mehr als zwei Halbsätze bekam und der daher in meinem Forschungsstand in der Diss eine ganze große Nummer ist. Ihr Aufsatz ist im Katalog zur Ausstellung „Kunst und Politik im Nationalsozialismus“ erschienen; mit der Ausstellung hatte ich etwas zu kämpfen, aber der Katalog, über den ich mich teilweise auch sehr aufregen kann, kostet bei der BPB nur sieben Euro. Falls Sie Protzens „Straßen des Führers“ mal in halbwegs okayer Bildqualität sehen möchten.

Was Schönes zum Durchklicken: fiktive New-Yorker-Cover von Grafikdesignstudis aus New York, die die Zeit „nach Corona“ illustrieren und dabei viele unterschiedliche Aspekte abbilden. Via @tillraether.

Chenmiao Shi:

Jane McIlvaine:

Dou Hong:

Kleine Fladenbrote mit Za’atar

Das Rezept stammt aus der Washington Post, die neuerdings einen verführerischen Newsletter hat: Eat Voraciously. Vier Tage pro Woche flattert ein meist recht unkompliziertes Rezept in mein Postfach. Bisher habe ich zwar bis auf diese Brote noch nichts nachgekocht, aber dafür immerhin ein paar Rezepte gebookmarkt. Slow, aber hoffnungsvoller clap.

In einem Schälchen
4 g Trockenhefe (bei mir 20 g Frischhefe) mit
180 g lauwarmem Wasser verrühren und fünf Minuten rumstehen lassen.

In eine Schüssel
250 g Mehl, Type 405, mit
1 TL Salz und
2 EL Olivenöl geben. Das Hefewasser dazugeben, alles mit einem Kochlöffel oder einer Gabel verrühren, bis sich ein halbwegs fester Teig gebildet hat, dann alles per Hand ein paar Minuten kneten. Bei mir war noch etwas zusätzliches Mehl nötig, damit sich der Teig überhaupt formen lässt. Die Schüssel abdecken und an einem warmen Ort parken, bis sich die Teigmenge verdoppelt hat, ungefähr eine Stunde.

Nach der Ruhezeit den Teig in sechs Teile teilen, vorsichtig zu Kugeln formen und aus diesen ebenso vorsichtig kleine Fladenbrote ausrollen, einen knappen Zentimeter dick. Die Brote 10 Minuten ruhen lassen.

Den Ofen auf 90 Grad vorheizen, um später die Brote warmzuhalten.

In einem Schälchen
3 EL Olivenöl mit
4 EL Za’atar verrühren. Beiseite stellen.

Nun die sechs Brote nacheinander in einer schweren Pfanne bei mittlerer Hitze backen: von jeder Seite ungefähr 30 bis 45 Sekunden. Beim ersten Backvorgang müsste das Brot ein bisschen aufgehen bzw. es sollte sich mindestens eine größere Blase bilden, jedenfalls hat das bei mir immer funktioniert. Falls die Brote nicht aufgehen, die Hitze etwas erhöhen. Die Brote sollten nur leicht gebräunt sein.

Im Ofen warmhalten, bis alle sechs Brote gebacken sind. Dann großzügig mit dem Za’atar-Öl bestreichen und sofort genießen. Oder nichts bestreichen und stattdessen im Kühlschrank oder dem Gefrierfach aufbewahren; dann vor dem Genießen nochmal toasten oder aufbacken.

Donnerstag, 22. April 2021 – Zeugnis abgeholt

Meine Bohnen für den neuerdings so gerne aufgesetzten Filterkaffee neigen sich dem Ende entgegen. Beim morgendlichen Mahlen freute ich mich wie immer über Opas Zerhäcksler und dachte daran, doch endlich mal eine Versuchsreihe aufzusetzen mit zerhackten versus händisch liebevoll per Hightechkeramikmahlwerk zerriebenen Bohnen, um herauszufinden, ob man da wirklich einen Unterschied schmeckt. Ich sehe diesen Eintrag als Gedächtnisstütze an.

Keine Kaffeebohnen, kein Problem. Eigentlich wollte ich nur flugs zum Café nebenan gehen, von wo ich immer meine Bohnen hole, wenn ich sie nicht im Internet ordere, aber dann dachte ich, ach, nimmste den Einkaufszettel auch noch mit, der eigentlich erst heute zum Einsatz kommen sollte. Während ich im Café bezahlte, klingelte mein Handy, ich sah eine Münchner Nummer und drückte sie weg, ich hasse es, in der Öffentlichkeit zu telefonieren, vor allem, wenn ich gerade mit anderen Menschen beschäftigt bin (Kaffeesorte nennen, bezahlen).

Danach ging ich einkaufen, entdeckte die ersten Erdbeeren und schlug sofort zu, weil Erdbeeren! Zuhause erledigte ich das übliche Maskenballett – Jacke aus, Schuhe aus, noch mit FFP2-Maske ins Bad, Händewaschen und „Africa“ von Toto summen, dann erst Maske abnehmen. Ich habe keine sieben Haken für sieben Masken, die dort eine Woche auslüften könnten, bei mir hängen die an den Hälsen der Weinflaschen im Weinregal im Flur. An ihnen befestige ich kleine Zettel, auf denen ich notiere, wann und wo ich die jeweilige Maske getragen haben. Dreimal in drei Wochen für jeweils zehn Minuten im Edeka scheint mir einen weiteren Gebrauch zu rechtfertigen, während ich die Maske, in der ich geimpft wurde und die ich drei Stunden lang ununterbrochen und mit sehr vielen Menschen in der Nähe getragen habe, doch lieber zwei Wochen auslüften ließ. Es ist vermutlich alles egal, aber da ich nicht mehr weiß als das, was ich mir durch Medien, Twitter und seltene Lektüre von wissenschaftlichen Studien anlese, mache ich das halt so weiter, bis DIE SITUATION endlich vorbei ist. Oder sich wenigstens gebessert hat.

Nachdem alles verräumt und ich wieder maskenlos war, googelte ich die Nummer – bzw. ich kam gar nicht mehr dazu, mir das Suchergebnis anzuschauen, denn mein Mailprogramm zeigte eine Zuschrift des Prüfungsamts der LMU an (das war die Nummer). Ich hatte ja am Montag eine Mail bekommen, dass meine, Zitat, Abschlussdokumente fertig seien, ob ich die zugeschickt haben wolle? Ich fragte per Mail nach: Kann ich mir die Urkunde auch abholen? Und jetzt hieß es: Ja, klar, hier Terminvorschläge. Oder Sie rufen kurz bei den Leuten durch, die gerade nicht im Homeoffice, sondern vor Ort sind, und machen da einen neuen. Mein langjähriger Ansprechpartner an der Uni: „Ich bin von 09-12 Uhr präsent dort und wir können die Überreichung persönlich vornehmen (ist schließlich keine unwichtige Handlung nach der vielen Arbeit!).“ Das fand ich nett, dass das jemand anerkannte, dass so ein Handschlag, und sei er auch nur angedeutet, in personam sich besser anfühlen würde als einen Umschlag aus dem eigenen Briefkasten zu nehmen.

Ich rief umgehend im Prüfungsamt an, mir wurde gesagt, dass ich theoretisch jetzt gleich vorbeikommen könnte, ich setzte die eben an einen Riesling gehängte Maske wieder auf und radelte zur Uni. Im Kopf formulierte ich schon den Krachersatz fürs Blog vor (wie bei allem, was ich tue): „Und so wurde die Maske, in der ich geimpft wurde, auch die, in der ich den Abschluss meines Promotionsverfahrens begang.“

Den Satz muss ich leider streichen, denn, haha, lustiges Missverständnis: In der Mail von Montag wurde von „Abschlussdokumenten“ gesprochen, was ich als „Urkunde“ interpretierte und das so in den Mailbetreff für den zuständigen Bearbeiteter setzte. Das war der Herr, der sich mitfreute und mir schrieb, wie ich sie abholen konnte. Als ich nun im Prüfungsamt danach fragte, wurde sofort zurückgefragt, ob ich schon publiziert hätte. Ich verneinte, woraufhin es hieß, dann würde hier „nur“ mein Zeugnis für mich liegen. Also hatte ich doch alles richtig in der Prüfungsordnung gelesen, was ich im Blogeintrag zum Montag ja noch angezweifelt hatte: erst die Diss veröffentlichen, dann die Urkunde, bis dahin Dr. des und nicht Dr. Aber immerhin das. Ich freute mich auch über das Zeugnis, trauere aber immer noch dem blöden Satz mit der Maske hinterher. Stupid Blog.

Ansonsten buk ich hervorragendes Flatbrad mit viel Za’atar, das mir F. vor Monaten mal aus Abu Dhabi mitgebracht hatte, erinnern Sie sich, so mit Fliegen und Reisepass und so? War bestimmt toll.

Ich löste erneute das NYT-Crossword, fast ohne nachzugucken (zwei oder drei Worte fehlen immer), lud mir auch endlich die App aufs iPhone, die eindeutig komfortabler ist als das Rätsel auf der Website zu lösen, darauf hätte ich auch mal früher kommen können.

Der Blauregen vor dem Küchenfenster hat seine ersten violetten Blütendolden aufgelegt, was mich mehr freute als ich dachte. Dazu passte dieser Artikel aus dem Atlantic, der mir stilistisch sehr gefiel, bis auf die unnötig reißerische Überschrift.

The Dark Side of the Houseplant Boom

Die Autorin beschreibt, wie sie irgendwann eher zufällig angefangen habe, sich Zimmerpflanzen anzuschaffen, was im letzten Jahr eine gewisse Dringlichkeit bekam.

„Where is the line between “Oh, they have some plants” and “Whoa, they are plant people”? I’m not quite sure, but I am sure that we long ago crossed it. I would read the periodic news articles about Millennials and their houseplants and feel the soft shame of being seen. But I cherished our little garden. Potted plants have a quiet poetry to them, a whirl of wildness and constraint; they make the planet personal. I loved caring for ours. I loved noticing, over time, the way they stretched and flattened and curled and changed. I still do.

This year, though, as I’ve spent time a bit like a plant myself—rooted in one place, tilting toward windows—I began to wonder whether the plants had been changing me, too. Maybe tending to them, in a time of helpless loss, has been a way of making sense of grief. And maybe, too, as daily life sends ever more reminders that Earth will betray humans as readily as we have betrayed it, nurturing the seedlings has helped to assuage some of the guilt. Outside, fires raged and seas rose and viruses attacked. Inside, not knowing what else to do, I kept watering all the plants.“

Der Artikel beschreibt, wie der Mensch sich die Natur untertan gemacht hat und welche Folgen das inzwischen hat. Über die Benutzung einiger Worte, die unsere Entfremdung mit dem Planeten andeuten, hatte ich noch nicht nachgedacht: „… a rhetorical regime that treats nature not as who we are, but as what we use. The distinction is there in our language, in the fact that people eat pork and beef rather than pigs and cows, and live in homes made of timber rather than trees.

Die Autorin erwähnte einige Bücher und Denkansätze, die sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur befassen: „Mournfulness permeates these narratives. They are stories not just of loss, but also of malign neglect. They are tales of wild things subdued. “What we still, in a flourish of misplaced nostalgia, call ‘the natural world’ is gone, if ever it existed,” Rich writes. “Almost no rock, leaf, or cubic foot of air on Earth has escaped our clumsy signature.”

Das ist ein Fazit des Artikels, der sich auch mit „ego-guilt“ und dem kompletten Ausblenden der Klimakatastrophe im alltäglichen Leben vieler befasst: „Addressing the ravages of human exceptionalism will require us to use one of the gifts we have credited with making us exceptional: our great imagination. Salvation will depend on urgent new assessments of humanity’s relationship to the natural world. It will require intentional acts of culture — new vocabularies and paradigms and empathies. Until we create them, the world will keep burning. And we will stay frozen inside the fire.“

Leseempfehlung, auch für weitere Leseempfehlungen.