6. August 2022 – Dem Kids Club winken

F. weilte die letzte Woche auf Wackööön, weswegen ich seine Dauerkarte für den FCA auf dem Küchentisch liegen hatte. Meine eigene hatte ich zu dieser Saison abgegeben, wobei sie streng genommen nie meine eigene war, sondern dem ehemaligen Sitznachbarn von F. im Stadion gehörte, der inzwischen lieber in der Kurve steht und mir deshalb vor Jahren seinen Platz angeboten hatte. In den letzten zweieinhalb Jahren war mir Fußball immer egaler geworden, was aber sehr wahrscheinlich daran liegt, dass ich ihn wegen Corona nur noch im Stream verfolgte und nicht mehr vor Ort. Bei der EM der Frauen sind mir die tiefen Kameraperspektiven noch fieser aufgefallen als bei der Bundesliga der Männer, und auf die ewigen, ewigen Close-ups von verschwitzten Menschen sowie dem Publikum kann ich absolut verzichten. Ebenso auf die Unsitte, Spielsituationen in Zeitlupe zu wiederholen, während das Spiel schon weiterläuft. Ja, Kevin oder Alexandra wurden da böse gefoult, aber die stehen beide schon wieder, can I haz the game plz?

Ich muss zugeben, wenn das Wetter gestern in München so fies heiß gewesen wäre wie die ganze Woche, wäre ich schön zuhause vor dem Ventilator liegengeblieben, aber: Es war für mich perfektes Fußballwetter – gute 20 Grad (ich hätte die Jacke gar nicht mitschleppen müssen, aber ich bin aus der Übung), bewölkt (kein Cap und keine Sonnenbrille in der zweiten Halbzeit nötig, wenn die Sonne an den Platz kommt) und ein bisschen windig (Wind ist immer gut, nicht nur beim Fußball). Außerdem hatte ich schlicht nichts Dringendes zu tun und ein 9-Euro-Ticket, was auch das innere Gequengel über den Kauf eines Bayerntickets verstummen ließ, über den ich eigentlich nur meckere, wenn Augsburg verloren hat (wovon man grundsätzlich ausgehen muss).

Die Fanszene hatte zum Tragen von Weiß aufgerufen, ich holte also pflichtschuldig meine zwei in den letzten Jahren erworbenen Trikots aus der Schublade, die immerhin im Grundton Weiß haben, das von Finnbogason mehr als das von Max. Dann fiel mir aber ein, wie unangenehm Treffen mit Fans von 1860 München sein können, die dich deutlich als Augsburg-Fan erkennen, ich ergoogelte mir, dass die Herren gestern ein Heimspiel hatten, weswegen die Chance durchaus da war, einigen von ihnen in der U-Bahn oder am Bahnhof zu begegnen und hatte schon wieder keine Lust mehr auf den ganzen Rotz. Wieso nicht einfach bis September warten, bis die Bundesliga der Frauen losgeht und ich zum Bayern-Campus radeln kann, in total egalen Klamotten? Hrmpf.

Ich zog ein neutrales Shirt an und knotete aber wenigstens meinen Schal ans kleine Stadiontäschchen. Den stopfte ich mir dann unter die Jacke, als meine U-Bahn einfuhr und ernsthaft der komplette erste Waggon, in den ich eigentlich einsteigen wollte, mit Blauen voll war, weswegen ich doch lieber in den nächsten Waggon einstieg. Immerhin war der Regionalzug nach Augsburg pünktlich und absolut nicht voll, wenn ich auch weder lesen noch Musik hören konnte, denn meine Noise-Cancelling-Dinger passen nicht mehr ins Täschchen, wenn da schon Sonnenbrille und Cap drin sind (man weiß ja nie, blöde Sonne), und lesen ging nicht, weil sich hinter mir zwei junge Herren über ihre Jobs unterhielten, die sie beide gekündigt hatten, der eine bei einem Start-up, dessen Name leider nie fiel, der andere bei einem großen Elektronikhersteller, dessen Interna ich durchaus interessiert mitverfolgte.

Spätestens in Augsburg-Haunstetten verflog dann alle schlechte Laune, weil gut gelaunte Fans um mich herumstanden und mit mir auf die Tram warteten, auch die der Gäste, Freiburg-Fans sind entspannt, bei denen gibt’s nie Stress (looking at you, Frankfurt, für mich die unangenehmsten Gastmannschaftsfans, mit denen ich nie in einer Bahn stehen will). Auf der Tramfahrt zum Stadion (Sitzplatz, woo-hoo!) guckte ich erstaunt aus dem Fenster und hatte das Gefühl, dass sich in den letzten zweieinhalb Jahren die Hälfte der Gebäude verändert hatte, aber ich nehme an, das ist Blödsinn und ich googele das jetzt auch nicht nach. Was allerdings garantiert stimmt: Die Bäume an der Fußwegstrecke von der Tramhaltestelle zum Stadion sind deutlich sichtbar gewachsen; einige meiner gewohnte Fotopunkte hatten mehr Grün im Sucher als je zuvor, weswegen ich das Geknipse bleiben ließ. Ihr müsst mir einfach glauben, dass die WWK-Arena noch steht.

Im Vorfeld hatte ich auf der Vereinswebsite nachgeschaut, wie inzwischen das Bezahlen im Stadion funktionierte. Ich hatte noch meine alte FCA-Card, wusste aber überhaupt nicht mehr, ob darauf noch Geld war und ob sie noch als Zahlungsmittel akzeptiert wurde. Wird sie noch, wie ich erfuhr, aber ich lud mir trotzdem die empfohlene App aufs Handy, mit der man nun auch zahlen kann und die direkt vom Konto abbucht; man muss also nicht mehr im Vorfeld Geld ausgeben. Finde ich gut, Handy hat man eh immer dabei.

Der Einlass ging blitzschnell, das Scannen von F.s ausgedruckter Dauerkarte auch; der FCA hat inzwischen digitale Dauerkarten, kein Plastik mehr, was für Sammler und Sammlerinnen vermutlich doof ist, aber auch hier: hat man dann halt praktisch auf dem Handy. Ich hatte den Ausweis in meiner Apple-Wallet, nutzte aber, warum auch immer, den Ausdruck, den mir F. vorsichtshalber gemacht hatte, daher kann ich nicht berichten, ob die Karte in der Wallet funktioniert. Das teste ich beim nächsten Mal, wenn ich mir eine Einzelkarte gönne, denn das wurde mir gestern – leider? weiß noch nicht – klar: Ich würde schon gerne wiederkommen.

Aber erstmal erledigte ich die üblichen Gänge, die ich immer im Stadion mache: erstmal aufs Klo und Hände waschen. Die Tür stand groß offen, was ich sehr sinnvoll finde, das hat mich schon immer genervt, dass man mit frisch gewaschenen Händen wieder eine Türklinke anfassen musste (auch dazu ist der Schal super), das entfiel jetzt. Dann ging es an die Fresstheke, die App im Anschlag und zusätzlich meine FCA-Card, die ich auf den Scanner legte: Da waren noch 36 Euro drauf! Das war ein bisschen so, wie einen Fuffi in einem Blazer wiederzufinden, der jahrelang im Schrank gehangen hat. Milchmädchen Gröner glaubt daher, gestern umsonst eine Wurst gegessen und eine Apfelschorle getrunken zu haben, denn mit der Kohle hatte ich gar nicht mehr gerechnet.

Dann ging’s rein, und ich war gespannt, wieviele der Leute, an die man sich in den letzten Jahren als Dauerkartennachbarn gewöhnt hatte, noch da waren. Es war gerade einer übriggeblieben, den ich erkannte und der sich sichtlich darüber freute, dass ich kam. Vor uns saß sonst ein Vater-Sohn-Gespann, aber möglicherweise sind die im Urlaub. Drei Herren vor uns, mit denen wir nie sprachen, die aber immer da sind, waren auch da, die Meckerriege hinter uns ist immerhin noch in Teilen vorhanden, aber neben mir saßen Unbekannte, auch auf meinem Platz, der von einem Vater besetzt war, neben ihm sein circa sechsjähriger Sohn in voller FCA-Montur. Neue Dauerkarten-Inhaber? Ich hatte im Vorfeld spaßeshalber im Ticketing nachgeschaut, ob mein ehemaliger Stammplatz noch frei war, aber er war es gestern nicht und er ist es auch die zwei nächsten Spiele nicht, die schon im Vorverkauf sind. Meh.

Es war sehr schön, die Kurve wieder zu hören (ich hatte vergessen, WIE LAUT ES IM STADION IST), es war schön, den Kasperl bei seiner wie üblichen falschen Vorhersage um kurz nach 15 Uhr auf der Stadionleinwand zu sehen, und es war schön, dem Kids Club wieder winken zu können, während die Hymne läuft und man mitsingt. („SCHÖÖÖÖNEN STADT!“) Die Kinder durften, wenn ich mich richtig erinnere, zu Pandemiezeiten(TM) nicht mehr auflaufen, aber jetzt war alles wieder wie früher(TM). Leider auch das Spiel der Augsburger: Das war ein grauenhafter Grottenkick. In der ersten Halbzeit war ich noch damit beschäftigt, wieder alles toll zu finden, aber in der zweiten ging gar nichts mehr, da bekam Augsburg vier Tore eingeschenkt und das zu Recht. Das erste ausgerechnet (der musste sein) von Gregoritsch, der fünf Jahre beim FCA war und nun in Freiburg spielt; er wurde vor Spielbeginn mit Blumen und Applaus verabschiedet, und auch deswegen wollte ich ins Stadion, um ihm nochmal kurz Danke sagen zu können.

Ich erwischte wegen kurzer Kloschlange (und weil viele schon vor Schluss gegangen waren) eine frühe Tram und damit theoretisch einen frühen Zug nach München. Der war aber nicht in der üblichen Regionalbahnlänge unterwegs, sondern erinnerte eher an eine Tram und war brechend voll. Ich quetschte mich ohne groß nachzudenken trotzdem noch rein, dann stehe ich halt 40 Minuten, Hauptsache nach Hause, denn ich hatte mit Entsetzen festgestellt, dass die Schwarze Kiste nicht mehr am Haunstetter Bahnhof stand; das war mir auf der Hinfahrt gar nicht aufgefallen. Die Kiste ist ein Truck, an dem man sich nach den üblichen Spielen das dringend nötige Trostbier besorgt und sich damit die Heimfahrt etwas angenehmer gestaltet. Deswegen wollte ich schnell heim: Da lagen ein paar Augustiner im Kühlschrank.

Der Zug zuckelte nach Haunstetten durch Augsburg-Hochzoll und Kissing, aber in Mering, also ungefähr 50 Kilometer von München entfernt, kam dann die Ansage, dass der Zug absolut zu voll wäre und der Lokführer nicht weiterfahren würde, bis einige ausstiegen. Von Mering kommt man nicht so ohne Weiteres weg, daher gab es nicht viele, die dieser Bitte nachkamen, auch ich blieb erstmal stur im Zug, aber nach 20 Minuten dämmerte mir, dass sich wohl irgendwer bequemen müsste, auszusteigen. Es kamen keine Durchsagen mehr, der Lokführer und ein Kollege gingen nun von Tür zu Tür, baten, wiesen auf Folgezüge hin – „der nächste kommt in zehn Minuten, in dem ist Platz“ –, was von nicht allen geglaubt wurde, meine App half auch nicht weiter, aber irgendwann dachte ich, irgendwer muss aussteigen, also steige ich halt aus. Ich verstand allerdings das Grundproblem nicht recht: Gerade nach Fußballspielen waren die Regionalzüge des Öfteren richtig voll, man stand in den Gängen, es kam niemand mehr so recht durch. Gestern schafften es eine Mutter und ihre kleine Tochter noch mit Bitten und Anstupsen, zum Klo zu kommen, ohne Probleme, dauerte halt nur ein bisschen, bis man ein paar Körper umgeschichtet hatte. Das war laut Lokführer nämlich seine Messlatte: Die Gänge müssten frei sein. Als ob die jemals nach einem Fußballspiel frei gewesen wären. Aber nun gut.

Ich stand nun also draußen mit ungefähr 50 weiteren Menschen und schaute dem stehenden Zug zu, als mehrere Polizisten auf den Bahnsteig kamen. Die waren anscheinend etwas deutlicher in ihren Ansagen und so leerte sich der Zug schneller als in den vergangenen 20 Minuten. Dann durfte das Züglein fahren, ich winkte, drinnen wurde geklatscht. Die Polizei erklärte mehrfach und jedem, dass wir garantiert in den nächsten Zug kämen, in dem wäre locker Platz, alles kein Ding. Die Beamt*innen waren dabei stets super freundlich und ruhig, wobei von uns auch niemand Stress machte. Kurz bevor der dann wirklich ziemlich leere Zug kam, marschierte allerdings noch Verstärkung auf den Bahnsteig, mit Sturmhauben, Kameras und Hunden, womit ich hier im Niemandsland gefühlt mehr Polizei gesehen hatte als vorher im Stadion. Ein Polizist meinte, sie hätten seit Einführungs des 9-Euro-Tickets an jedem Wochenende solche Situationen, und anscheinend sind an manchen Tagen dann wohl auch Sturmhauben, Kameras und Hunde nötig. Ich empfand das als totalen Overkill und wie gesagt, nach Spielen sind die Züge immer voll, aber gut, was weiß denn ich vom schlimmen 9-Euro-Ticket, das ich als Ersatz für mein Semesterticket angesehen hatte und womit ich in den vergangenen Monaten entspannt U-Bahn und Bus gefahren bin.

Im neuen Zug bekam ich sogar einen Sitzplatz und war zu der Zeit zuhause, in der ich auch sonst zuhause gewesen wäre, hätte ich gleich den späteren Zug genommen, aber dann hätte ich keine tolle Geschichte zu erzählen gehabt.

In weiser Voraussicht hatte ich vor der Abfahrt zwei Scheibchen Brezn-Gugelhupf aufgetaut, die gab’s jetzt mit flugs zusammengeworfenem Salat. Und endlich Trostbier.

Ich bin selbst erstaunt darüber, dass ich eigentlich eine gute Zeit hatte. Ja, das Spiel war grauenhaft und die Rückfahrt etwas unentspanner als erhofft, aber ich war wieder im Stadion, die Wurst war super, die Leute um mich herum nett, und bis auf wenige Momente war ich ziemlich gut gelaunt. Ich ahne, dass ich der Dauerkarte nicht mehr hinterhertrauere, wenn es wieder kalt wird und Augsburg weiterhin Müll spielt, aber ich ahne auch, dass ich mir wohl in den nächsten Wochen ein paar Einzelkarten gönnen werde. Denn das war dann doch ein schöner Tag. (Bin immer noch erstaunt.)

1. August 2022 – There and back again

Als ich vor 20 Jahren mit dem Bloggen anfing, war mein erstes Layout ein blaues. Aus dem Blau wurde irgendwann rot, das ist im Archiv noch zu bewundern. 2004 stellten freundliche Menschen mein bis dahin händisch mit GoLive gebasteltes Baby auf WordPress um, womit es seitdem läuft. Es bekam ein hübsches Spaltenlayout, das kann man noch im Artikel zum Holzklotz von Opa im Frankfurter Museum für Kommunikation sehen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, seit wann das Blog violett war, vermutlich ab 2008, denn da machte ich mich selbständig und ließ mir eine hübsche Corporate Identity basteln, schön mit Brief- und Rechnungspapier und Visitenkarten. Dort war violett die Layoutfarbe und so wurde auch mein Blog lila. Neuerdings habe ich allerdings blaue Visitenkarten, und deswegen macht auch mein Blog jetzt wieder blau. Das ist mir ehrlich gesagt erst vor wenigen Tagen aufgefallen, dass ich damit wieder am Anfang meiner launigen Farbexperimente im Blog angekommen bin, und ich weiß selbst nicht, ob das jetzt ein bewusster Rückschritt (back to the roots, früher war alles besser) oder nur eine Bestätigung meines schon immer hervorragenden Farbgeschmacks ist (bestimmt).

27. Juli 2022 – Ergänzungen zum FAZ-Artikel

Heute ist in der FAZ meine kurze Nachlese zu einer für mich sehr spannenden Tagung zu 50 Jahren „kritische berichte“ des Ulmer Vereins erschienen. Der Artikel ist leider nicht online, aber im Twitter-Account der @AGkuwiki nachzulesen. Hier ein paar Ergänzungen, die ich wegen Platzmangel nicht unterbringen konnte. Die Redebeiträge werden in Essayform im ersten Heft des Jahres 2023 veröffentlicht, das dann – wie alle anderen Hefte auch – nicht mehr hinter einer „moving paywall“ verschwindet, sondern vollständig Open Access erscheint.

In jedem der Vorträge war die Frustration mit dem derzeitigen Stand unseres Fachs zu spüren. Das war auch bereits der Anstoß vor 50 Jahren für die damaligen Gründerväter der „kritischen berichte“, die das Fach von innen heraus reformieren oder weiterbringen wollten. 1976 kam mit Eva Maria Ziegler die erste Frau in die Redaktion, die, wie ich gerade feststelle, noch keinen Wikipedia-Eintrag hat, was sehr gut zum Thema passt. (*notier*) Horst Bredekamp erinnerte daran, dass in den „kritischen berichten“ aus der Kunstgeschichte schon eine Medienwissenschaft wurde, bevor sich der Begriff etabliert hatte. Auch das Thema feministische Perspektiven war früh präsent. Änne Söll (Ruhruni Bochum) hatte sich für ihren Kurzvortrag nochmal ins Archiv begeben, um feministische Texte erneut zu lesen und dabei ermüdet festgestellt, dass wir noch heute über die gleichen Fragen debattieren wie sie schon in den 1990er Jahren im Heft verhandelt worden waren. Außerdem fehlten ihr bis heute queere Themen. Hanna Steinert (Humboldt-Universität) wünschte sich mehr Vernetzung an der Uni, nicht nur unter Leuten, die Geschlechterforschung betreiben; Geschlechterforschung sollte selbstverständlich sein, genau wie die Colonial Studies. Söll regte an, den Kanon und die eigenen Auswahlkriterien für Seminare immer wieder zu überprüfen: „Was passiert, wenn ich Duchamp weglasse und stattdessen Elsa von Freytag-Loringhoven bespreche?“

Isabelle Lindermann (derzeit am ZI hier in München) forderte, dass kritische Kunstgeschichte auch als Kritik an Infrastrukturen gedacht werden müsse. Wie lassen sich tradierte Räume kapern, welche Akteure, Netze und Finanzierungsmöglichkeiten seien dafür nötig? Sie nutzte den schönen Begriff des „Drittmittelkapitalismus“, an dem das akademische System krankt. In vielen Vorträgen wurden die Arbeitsbedingungen, gerade im Mittelbau angesprochen, die man auf Twitter unter den Hashtags #IchbinHanna und #IchbinReyhan verfolgen konnte und kann. Tom Holert (Farocki-Institut Berlin) meinte, dass kritische Stimmen die Unis verließen, um endlich gehört zu werden, was ein Armutszeugnis sei. Es wurde mehrfach angemahnt, wie schwierig es sei, die Institution zu kritisieren, von der man abhängig sei.

Es wurde auch darüber gesprochen, wer sich überhaupt in unserem Fach bewegt, wer wahrgenommen wird und wer es sich leisten kann. Franziska Lampe (Ulmer Verein) ärgerte sich über die vielen Karrieren, die keine würden: „Wofür die ganze Ausbildung, wenn das alles ins Nichts führt? Wir vergeuden Ressourcen, wir haben vielfach abgebrochene Biografien, wegen denen spannende Forschungsfragen nicht beantwortet werden.“ Eva-Maria Troelenberg (Universität Düsseldorf), die als Erst-Promovierende in ihrer Familie gerne auch von außen als Vorbild präsentiert wird, meinte: „Aufsteiger-Biografien verfälschen das Bild. Mit jedem Schritt, den man vorankommt, wächst die Erkenntnis, das dieses System nicht für alle gemacht ist.“ Julian Blunk (Redaktion kb): „Wir müssen 150 Prozent liefern, wir müssen brennen für die Wissenschaft. Das spielt den Strukturen in die Hände, die wir bekämpfen sollten.“ Henrike Haug (Ulmer Verein): „Wer kann sich das leisten? Prekäre Stimmen werden derzeit durch uns vermittelt, weil die Betroffenen andere Sorgen haben. Wie weit sind wir denn wirklich von der ‚68er, weißen, männlichen Bio-Kartoffel‘ gekommen?“

Ich habe die gesamte Veranstaltung auch so empfunden. Es ist allen klar, dass dieses System weiterhin Stimmen reproduziert, die wir seit Jahrzehnten hören. Wer mal kurz darüber nachdenkt, weiß auch, dass sich die Strukturen in Forschung, Lehre und Publikation ändern müssen, aber es fehlen die Mittel, die Zeit und der politische und institutionelle Wille. Es läuft einfach weiter vor sich hin. Auch deswegen hatte ich im Artikel der Wikipedia so viel Raum gegeben, weil sie eine niedrigschwellige Art des Publizierens ist, wie ich ja selbst bei meinen ganzen Neu-Einträgen von Künstlern und Künstlerinnen meines winzigen Teilgebiets der großen Kunstgeschichte merke. Ja, es wird weiterhin im ersten BA-Semester allen beigebracht, dass man diese Website nicht nutzen sollte, aber – auch das bestätigten so ziemlich alle – natürlich guckt man da als erstes rein, und wenn es nur darum geht, Lebensdaten abzuklopfen. Bis ich die fürchterlich lahme – und nicht frei zugängliche – Seite des AKL aufgerufen habe, gucke ich halt in die Wikipedia.

Hanna Steinert beschrieb ihre ersten Gehversuche dort. Angetreten war sie mit der Idee, noch unbekannte Künstlerinnen neu einzutragen, was, wie im FAZ-Artikel beschrieben, gerne an fehlender Literatur scheiterte. Sie entschloss sich daher, eher bereits bestehende Artikel zu erweitern, zum Beispiel Leonardos „Abendmahl“ um die Arbeit von Lillian Schwarz.

Wofür ich in der FAZ keinen Platz hatte, war der spannende Vortrag von Anh-Linh Ngo, Mitherausgeber von ARCH+. Dieses Medium versteht sich selbst als Agendasetter und stößt Forschungsvorhaben an. Ebenfalls nicht im Print, weil sinnlos, die Links zu der Ausstellung „Lebens-Wege“ des Focke-Museums, die sich mit den sogenannten Gastarbeiter*innen befasste und sie selbst zu Wort kommen ließ, sowie des Computerspiels „Forced Abroad“ des NS-Dokuzentrums. Außerdem möchte ich noch auf die Website bzw. das Projekt „Departure Neuaubing“ hinweisen.

Was schön war, KW 28/29 – Shopping High und Partyspaß

Die letzten Wochen waren für mich anstrengender als erwartet, was an der Situation mit Papa liegt. Ich mache es sehr kurz: Ich habe dem Mütterchen Anfang Juni geholfen, eine neue schwarze Bluse zu kaufen und auch ich hatte meine schwarzen Klamotten schon in München rausgelegt, damit mir F. die von einem Tag auf den anderen mit dem Zug mitbringen könnte. Dazu kam es glücklicherweise nicht, aber das ist die Situation, in der wir uns seit Ende Mai befinden. Seitdem habe ich Angst vor jedem Anruf meiner Mutter und jeder WhatsApp meiner Schwester, was mich doch eher unentspannt sein lässt. Ich habe für alles gerne einen Plan, den ich strukturiert abarbeite, egal ob es um einen Job oder die Packliste für den Urlaubskoffer geht. Diese Situation ist für mich neu und belastet mich, und ja, mir ist klar, wie egozentrisch sich ein Jammern über persönliche Stresslevel anhört, weil jemand im Sterben liegt. Aber dafür ist mein Blog halt auch da: Dinge sortieren, die ich glücklicherweise so noch nie sortieren musste. (Und mir ist auch klar, wie sehr dieser erste Absatz mit der Überschrift clasht.)

Ein weiterer Stresspunkt war die Hochzeit, zu der F. und ich am vergangenen Wochenende eingeladen waren. Menschenmengen und Small-Talk-Obligationen sind nicht erst seit Corona für mich Stress, die Hitze ist auch nicht mein Freund, und generell bin ich vor solchen Veranstaltungen grundsätzlich schlecht gelaunt, weil ich, Achtung, erneute Egozentrik, nichts Vernünftiges anzuziehen habe. Trotz aller Body Positivity kaufe ich immer noch extrem ungern Kleidung und habe mich in den vergangenen Jahren mit der Kombi Jeans, Shirt, Sneakers arrangiert. Für Sterneläden und Konferenzen wird es die dunkle Stoffhose und die dunkle Bluse (und Sneakers), in die Oper und ins Theater gehe ich inzwischen auch so. Aber das ist halt keine feierliche Hochzeitsklamotte, um die gebeten wurde. Für die kleinere Hochzeit von F.s Bruder im vergangenen Jahr hatte ich mir eine türkise Leinentunika gekauft und dunkle Schuhe, damit die zur üblichen Opernhose passten. Das war irgendwie nett, aber gleichzeitig habe ich mich doof gefühlt, weil alles – wie immer bei mir – so okay passte, aber nicht richtig. Also richtig im Sinne von „sieht aus wie für mich und meinen Körper gemacht, will ich nie wieder ausziehen“ und nicht „hängt okay, nichts quillt über, kann man einen halben Tag lang ertragen“.

Und dann legte F. die Latte noch höher, indem er ein bisschen Geld in die Hand nahm und sich einen ungemein schönen Anzug kaufte, mit Einstecktuch, Fliege, dazu ein passendes Hemd, Manschettenknöpfe, neue Schuhe, was soll ich sagen, der Mann sah traumhaft aus. Ich beneide Kerle so dermaßen um Manschettenknöpfe! Alleine dafür habe ich mit dem Nähen angefangen, damit ich mir irgendwann ein Blusenhemd nähen kann, das verdammt nochmal mit Manschettenknöpfen zu schließen ist.

Neben diesem Traummann wollte ich jetzt nicht in okay hängender Tunika auflaufen. Ich erinnerte mich an einen dunkelblauen Anzug, der seit Jahren bei mir im Schrank hängt und viel zu weit ist (dass mir das mal passieren würde). Damit hätte ich jetzt zu einer Schneiderin gehen können, aber mein Nähehrgeiz war erwacht. Ich schaute diverse YouTube-Videos, wie man Hosen und Jacken kürzt und enger macht, öffnete Omas Nähkästchen und schnitt (schnitt! Ich habe noch nie Hosenbeine abgeschnitten, das war sehr aufregend) und nähte dann stundenlang per Hand an der Hose herum. Ja, per Hand, ich fühle mich damit sicherer als mit der Maschine. War vermutlich zu viel Arbeit, aber die hat mir sehr viel Freude gemacht.

Mit endlich passender Hose und zugegebenermaßen nur halbwegs passender Jacke, denn an die hatte ich mich dann doch nicht ganz so rangetraut, drehte ich ein kleines Video von mir. Ich habe seit einiger Zeit wieder einen Ganzkörperspiegel, aber der befindet sich am Schlafzimmerschrank, vor dem in nicht großer Entfernung das Bett steht, weswegen ich nicht weit genug zurückgehen kann, um wirklich zu sehen, wie ich aussehe. Also stellte ich mein Handy auf den Schreibtisch, startete die Aufnahmefunktion und ging durch zwei Zimmer, um mich von allen Seiten anzuschauen. Das war eine interessante Übung in Selbstwahrnehmung; ich sehe mich sehr selten selbst, aber das war durchaus in Ordnung. Ich wagte sogar den Irrsinn, meine Bluse in die Hose zu stecken, was in diversen Ratgebern für dicke Frauen als totales No-go beschrieben wird, denn das kaschiert ja um Gottes willen den Hüftspeck nicht, SCHLIMM. Ich fand es aber durchaus nett, meine Taille mal wieder zu sehen, auch wenn man sie etwas suchen muss.

In dunkelblauer Bluse und eben diesem Anzug ging es dann mit F. in die Tantris-Bar, ich schrieb darüber. Ich fühlte mich äußerst wohl, auch ohne kaschierende Jacke rumzusitzen oder aufs Klo zu gehen und war mit dem Look sehr zufrieden. Bis F. vorsichtig meinte, dass der Anzug doch eher nach schwarz als nach dunkelblau aussehe und das wäre für eine Hochzeit vielleicht doch eher doof. Ich musste auch zugeben, dass meine dunkelblaue Bluse etwas heller aussah als der Rest von mir, und so hängte ich den Anzug wieder in den Schrank und hatte wieder kein Outfit und war wieder genervt.

Meine üblichen Adressen für Kleidung haben nichts, was mir halbwegs gefällt, denn anscheinend tragen dicke Frauen nur Dinge mit Strassscheiß drauf, wenn es festlich sein soll. Ich weiß im Nachhinein nicht mehr, welche Google-Suche mich schließlich zu Marina Rinaldi führte, vermutlich irgendwas wie „elegante kleidung große größen münchen“. Jedenfalls sah ich auf der Website diverse Outfits, ich die ich mich schockverliebte (das hier zum Beispiel. Oder dieses). Da ich bei dieser Marke noch nie eingekauft hatte, wagte ich mich todesmutig sogar in einen Laden anstatt blind Dinge online zu ordern und sie dann frustriert wieder zurückzuschicken oder faul und noch frustrierter zu behalten. Und so betrat ich seit Jahren mal wieder einen Shop, in dem es Kleidung für mich gab, wurde hervorragend beraten, mir wurden Optionen gezeigt, es wurden eine Hose und ein Blazer umgesteckt und zur Änderung gegeben, und diese Tunika konnte ich sogar gleich mitnehmen, die passte einfach so.

Der Blazer ist im Ansatz auf meinem neuen Twitter-Profilfoto zu sehen oder auf Insta, wo ich das spontane Badezimmerselfie postete mit der Absicht, es recht schnell wieder zu löschen, was ich dann nicht tat, weil felt cute nicht wieder wegging. Er ist nicht mehr auf der Website, was schade ist, denn für den bekam ich auf der Hochzeit diverse Komplimente, weil er einen lustigen Plisseeeinsatz an den Seite und im Rücken hat, was ihn erstens interessant aussehen lässt und mich zweitens weniger schwitzen ließ. Wobei ich eh wenig schwitzte, was mich genauso glücklich machte wie die Tatsache, dass Menschen mir Komplimente für mein Outfit machten. Das kannte ich noch nicht. Ich war im Vorfeld etwas misstrauisch gegenüber dem Begriff „Triazetat“ gewesen, weil für mich Kunstfaser bedeutet, dass es heiß wird und unangenehm. Eigentlich sollte ich nach meinen Tights und mehreren BHs und -Tops aus Kunstfaser für den Wohnzimmersport schon verstanden haben, dass nicht alles, was Kunstfaser ist, auch gleich doof ist, aber mei, es ist zu warm für vernünftige Gedanken. Google sagt, dass Triazetat das hässliche Wort für Kunstseide ist, und letzteres klingt natürlich gleich viel besser. Sowohl Anzug als auch Tunika haben sich herrlich auf der Haut angefühlt, viel leichter als erwartet (Blazer und Tunika haben durchaus ein gewisses Gewicht), nach den Änderungen saß alles perfekt und ich trug beides am vorletzten Samstag glücklich aus dem Laden. Ja, das war mehr Geld als ich jemals für Kleidung ausgegeben habe, aber ich ahne allmählich, dass es das wert war und bleiben wird. Kein innerer Stress mehr, wenn die nächste Einladung ansteht, kein Underdressed-Gefühl mehr im Sterneladen, sondern stattdessen sogar ein „Ich bin nicht nur gut, sondern sehr gut angezogen“-Gefühl, das ich sonst schlicht nicht habe.

Das alleine hätte die Hochzeit schon zu einem tollen Event werden lassen, aber es waren dann doch eher die Menschen und die Stimmung, und auch davon war ich schlicht überrascht.

F. und ich sind in den letzten zweieinhalb Jahren zu kleinen Einsiedlerkrebsen geworden. Wir waren gerade zu Beginn der Pandemie quasi nirgends mehr, nicht mehr spontan in Ausstellungen, noch weniger in Theater oder Oper, äußerst selten in Restaurants und am allerwenigsten traf man sich mit Menschen. Nach diesen vielen Monaten ist uns irgendwann klar geworden, dass der politische Wille nicht da ist, alle zu schützen; es wird sehr wahrscheinlich keine Impfpflicht geben, mit der alles deutlich einfacher werden würde, und der Wille zur Eigenverantwortung, an den so gerne appelliert wird, ist anscheinend auch nicht bei allen gleich ausgeprägt. Wir müssen uns also irgendwann entscheiden, entweder das körperliche Risiko einer Infektion einzugehen oder das psychische, nämlich weiterhin alleine zuhause zu bleiben, mit Menschen nur über WhatsApp in Kontakt zu sein, Kunst und Kultur nur im Internet wahrzunehmen und dabei allmählich wunderlich oder irre zu werden. Ich persönlich trage weiterhin Maske, wo es nur geht, bin inzwischen viertgeimpft und verzichte weiterhin auf vieles, aber auch ich kann allmählich nicht mehr. Die wenigen Restaurantbesuche, die ich mir mit F. gönne, haben jedesmal sehr gut getan. Und so war auch die Teilnahme an der Hochzeit überhaupt keine Frage, selbst wenn es im Vorfeld für mich Stress war. Aber auch ich Soziophobikerin habe nach diesen Monaten verstanden, dass selbst ich ab und zu menschliche Kontakte brauche, die über meine Eltern, Schwester und Schwager und F. hinausgehen, um nicht in meinem eigenen Saft durchzudrehen.

Und genau das hat dann das Hochzeitswochenende so perfekt werden lassen. Ich traf Menschen wieder, die ich seit Monaten oder sogar Jahren nicht gesehen hatte, und wir sprachen sofort über spannende oder lustige Dinge anstatt uns mit dusseligem Smalltalk aufzuhalten. Ich glaube, die meisten von uns haben genauso wenig Energie dafür wie ich, und uns ist allen klar geworden, dass es keine Zeit mehr zu verschwenden gibt. Wo es ging, holte ich mir kleine Ruheinseln für mich alleine; so saß ich am Vorabend der Hochzeit zwar kurz mit im Biergarten, setzte mich dann aber lieber mit einem Buch auf eine Bank im Schlosspark, stand am Hochzeitstag selbst lieber alleine im Schatten als in der gut gelaunten Menschentraube in der Sonne vor der Kirche, und ging nach Sekt und Kuchen und vor dem Abendessen mal für ein Stündchen aufs Zimmer, auch um von Blazer und Top in die Tunika zu wechseln. Derartig gestärkt wollte ich dann auch nach dem Buffet nicht wieder gehen, wie ich das sonst auf den wenigen Hochzeiten gemacht hatte, auf denen ich bisher war, sondern blieb noch auf ein Bier und dann auf noch eins und unterhielt mich mit vielen Menschen und grölte schließlich zu schlimmen Partyhits der hervorragenden Band mit, die ganz genau wusste, welche Knöpfe sie drücken musste, um die Tanzfläche stets voll zu halten. Ich hatte Sonntag keine Stimme mehr, war aber so tiefenentspannt und eindrückesatt wie seit Monaten nicht mehr. Die Angst vor den Anrufen und WhatsApp-Nachrichten bleibt; eine erhielt ich auch auf der Rückfahrt mit einem Freund aus München, aber sie erwischte mich nicht ganz so fies wie ich erwartet hatte. Anscheinend brauche selbst ich Krebs mal ein paar Menschen, die meine Schale tätscheln, damit der Rest irgendwie einfacher zu überstehen ist. Viel gelernt in den letzten Wochen – wie gut unsere Familie inzwischen miteinander klarkommt, auch in sehr schwierigen Zeiten und Sitationen, über mich, meinen Körper und unerwartete Lösungen wie „passende Klamotten kaufen“. Und dass ich bei „Fürstenfeld“ auch nach diversen Oktoberfesten immer noch nicht textsicher bin.

Ach hier, komm, Bild aus dem Hotelaufzug, still feeling cute. Die Farbe stimmt nicht ganz, die auf der Website ist korrekt.

16. Juli 2022 – Lektüre

„Es kam Ulrich vor, daß er beim Beginn der Mannesjahre in ein allgemeines Abflauen geraten war, das trotz gelegentlicher, rasch sich beruhigender Wirbel zu einem immer lustloseren, wirren Pulsschlag verrann. Es ließ sich kaum sagen, worin diese Veränderung bestand. Gab es mit einemmal weniger bedeutende Männer? Keineswegs! Und überdies, es kommt auf sie gar nicht an; die Höhe einer Zeit hängt nicht von ihnen ab, zum Beispiel hat weder die Ungeistigkeit der Menschen der Sechziger- und Achtzigerjahre das Werden Hebbels und Nietzsches zu unterdrücken vermocht, noch einer von diesen die Ungeistigkeit seiner Zeitgenossen. Stockte das allgemeine Leben? Nein; es war mächtiger geworden! Gab es mehr lähmende Widersprüche als früher? Es konnte kaum mehr davon geben! Waren früher keine Verkehrtheiten begangen worden? In Mengen! Unter uns gesagt: Man warf sich für schwache Männer ins Zeug und ließ starke unbeachtet; es kam vor, daß Dummköpfe eine Führer- und große Begabungen eine Sonderlingsrolle spielten; der deutsche Mensch las unbekümmert um alle Geburtswehen, die er als dekadente und krankhafte Übertreibungen bezeichnete, seine Familienzeitschriften weiter und besuchte in unvergleichlich größeren Mengen die Glaspaläste und Künstlerhäuser als die Sezessionen; die Politik schon gar kehrte sich nicht im geringsten an die Anschauungen der neuen Männer und ihrer Zeitschriften, und die öffentlichen Einrichtungen blieben gegen das Neue wie von einem Pestkordon umzogen. – Könnte man nicht geradezu sagen, daß seither alles besser geworden sei? Menschen, die früher bloß an der Spitze kleiner Sekten gestanden haben, sind inzwischen alte Berühmtheiten geworden; Verleger und Kunsthändler reich; Neues wird immer weiter gegründet; alle Welt besucht sowohl die Glaspaläste wie die Sezessionen und die Sezessionen der Sezessionen; die Familienzeitschriften haben sich die Haare kurz schneiden lassen; die Staatsmänner zeigen sich gern in den Künsten der Kultur beschlagen, und die Zeitungen machen Literaturgeschichte. Was ist also abhanden gekommen?

Etwas Unwägbares. Ein Vorzeichen. Eine Illusion. Wie wenn ein Magnet die Eisenspäne losläßt und sie wieder durcheinandergeraten. Wie wenn Fäden aus einem Knäuel herausfallen. Wie wenn ein Zug sich gelockert hat. Wie wenn ein Orchester falsch zu spielen anfängt. Es hätten sich schlechterdings keine Einzelheiten nachweisen lassen, die nicht auch früher möglich gewesen wären, aber alle Verhältnisse hatten sich ein wenig verschoben. Vorstellungen, deren Geltung früher mager gewesen war, wurden dick. Personen ernteten Ruhm, die man früher nicht für voll genommen hätte. Schroffes milderte sich, Getrenntes lief wieder zusammen, Unabhängige zollten dem Zugeständnisse Beifall, der schon gebildete Geschmack erlitt von neuem Unsicherheiten. Die scharfen Grenzen hatten sich allenthalben verwischt, und irgendeine neue, nicht zu beschreibende Fähigkeit, sich zu versippen, hob neue Menschen und Vorstellungen empor. Die waren nicht schlecht, gewiß nicht; nein, es war nur ein wenig zu viel Schlechtes ins Gute gemengt, Irrtum in die Wahrheit, Anpassung in die Bedeutung. Es schien geradezu einen bevorzugten Prozentsatz dieser Mischung zu geben, der in der Welt am weitesten kam; eine kleine, eben ausreichende Beimengung von Surrogat, die das Genie erst genial und das Talent als Hoffnung erscheinen ließ, so wie ein gewisser Zusatz von Feigen- oder Zichorienkaffee nach Ansicht mancher Leute dem Kaffee erst die rechte gehaltvolle Kaffeehaftigkeit verleiht, und mit einemmal waren alle bevorzugten und wichtigen Stellungen des Geistes von solchen Menschen besetzt, und alle Entscheidungen fielen in ihrem Sinne. Man kann nichts dafür verantwortlich machen. Man kann auch nicht sagen, wie alles so geworden ist. Man kann weder gegen Personen noch gegen Ideen oder bestimmte Erscheinungen kämpfen. Es fehlt nicht an Begabung noch an gutem Willen, ja nicht einmal an Charakteren. Es fehlt bloß ebensogut an allem wie an nichts; es ist, als ob sich das Blut oder die Luft verändert hätte, eine geheimnisvolle Krankheit hat den kleinen Ansatz zu Genialem der früheren Zeit verzehrt, aber alles funkelt von Neuheit, und zum Schluß weiß man nicht mehr, ob wirklich die Welt schlechter geworden sei oder man selbst bloß älter. Dann ist endgültig eine neue Zeit gekommen. […]

Während Ulrich sich mit Clarisse unterhielt, hatten die beiden nicht bemerkt, daß die Musik hinter ihnen zeitweilig aussetzte. Walter trat dann ans Fenster. Er konnte die beiden nicht sehn, aber er fühlte, daß sie knapp vor der Grenze seines Gesichtsfelds standen. Eifersucht quälte ihn. Gemeiner Rausch schwer sinnlicher Musik lockte ihn zurück. Das Klavier in seinem Rücken stand offen wie ein Bett, das ein Schläfer zerwühlt hat, der nicht aufwachen mag, um der Wirklichkeit nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Die Eifersucht eines Gelähmten, der die Gesunden schreiten fühlt, peinigte ihn, und er brachte es nicht über sich, sich ihnen anzuschließen; denn sein Schmerz bot keine Möglichkeit, sich gegen sie zu verteidigen. […]

Mit dieser Eigenschaft, geistige Selbstbeschäftigung zu verbreiten, hatte er auch Clarisse erobert und mit der Zeit alle Mitbewerber aus dem Feld geschlagen; er konnte, weil ihm alles zu ethischer Bewegung wurde, überzeugend von der Unmoral des Ornaments, der Hygiene der glatten Form und dem Bierdunst der Wagnermusik sprechen, wie es dem neuen Kunstgeschmack entsprach, und selbst seinen zukünftigen Schwiegerpapa, der ein Malergehirn wie ein Pfauenrad hatte, setzte er damit in Schrecken. Es stand also außer Zweifel, daß Walter auf Erfolge zurückblicken durfte. […]

Aber während sein Zustand im Lauf des letzten Jahres immer schlimmer geworden war, hatte er zugleich eine wunderbare Hilfe an einem Gedanken gefunden, den er früher nie genug geschätzt hatte. Dieser Gedanke war kein anderer als der, daß das Europa, in dem er zu leben gezwungen war, rettungslos entartet sei. In Zeitaltern, denen es äußerlich gut geht, während sie innerlich jenes Zurücksinken durchmachen, das wahrscheinlich jede Angelegenheit und darum auch die geistige Entwicklung erfährt, wenn man ihr nicht besondere Anstrengungen und neue Ideen zuwendet, müßte es wohl eigentlich die nächstliegende Frage sein, was man dagegen unternehmen könne; aber das Gewirr von klug, dumm, gemein, schön ist gerade in solchen Zeiten so dicht und verwickelt, daß es offenbar vielen Menschen einfacher erscheint, an ein Geheimnis zu glauben, weshalb sie einen unaufhaltsamen Niedergang von irgendetwas verkünden, das sich dem genauen Urteil entzieht und von feierlicher Unschärfe ist. Es ist dabei im Grunde ganz gleich, ob das die Rasse, die Pflanzenrohkost oder die Seele sein soll; denn wie bei jedem gesunden Pessimismus kommt es nur darauf an, daß man etwas Unentrinnbares hat, woran man sich halten kann.“

Ich bin gerade im „Mann ohne Eigenschaften“ in einem Abschnitt angekommen, den ich quasi komplett zitieren möchte. Lasse ich aber. Erster Teil der hier zitierten Zeilen, zweiter.

14. Juli 2022 – Badezimmerschrank

Vor einigen Wochen besuchte ich meinen neuen Hausarzt zum ersten Mal. Meine bisherige Hausärztin nimmt leider nur noch Privatpatient*innen an, zu denen ich bewusst nicht gehören möchte, obwohl ich es als Selbständige natürlich seit Jahren könnte. Ich finde diese Zwei-Klassen-Medizin aber dämlich und bin daher brav in der Kasse geblieben.

Es stand der übliche jährliche Check-up an, den ich in den letzten zwei Jahren etwas hatte schleifen lassen. (Ich wollte gerade „während der Pandemie“ schreiben, aber wir sind ja noch mittendrin.) Ich wollte also Blut und Urin loswerden und vereinbarte einen Termin – erstmals in meinem Patientinnenleben online. Dort wurde nicht nur nach Name und Terminwunsch gefragt, sondern auch nach Titel, und da ich ja seit Februar einen tragen darf, notierte ich den, ohne ernsthaft darüber nachzudenken. Als ich im Wartezimmer saß, wurde ich dann dementsprechend – aber für mich dann doch unerwartet – mit „Frau Doktor Gröner, bitte“ aufgerufen, ebenso als ich in den Raum sollte, wo (erfolgreich, schnell und schmerzfrei, yay!) nach meinen Venen gesucht wurde. Der Doc fragte sogar nach:

„Frau Doktor Gröner, guten Tag. Darf ich fragen: Kollegin?“
„Nee, Dr. phil.“
„Ah, der schöne Doktor!“

Damit hatte der gute Mann quasi schon gewonnen und auch sonst fand ich die Praxis sehr nett. Meinen Besprechungstermin vereinbarte ich gleich dort, den ich nicht handschriftlich auf einem Zettel mitbekam, sondern per E-Mail, was mich nochmals frohlocken ließ. Und als ob das nicht alles schon toll genug war: Auch meine Werte sind alle im grünen bis supergrünen Bereich, auch die, bei denen ich als hochgewichtiger Mensch immer Angst habe, Cholesterin, Fett, Zucker etc. Und meine Leber verarbeitet die ganzen schönen Premiumweine auch weiterhin absolut klaglos. Happy Anke.

Ein weiteres Gesundheitskapitel bearbeitete ich dann gestern, was zum heutigen Blogeintrag führte: Ich räumte den Badezimmerschrank auf und brachte es im Zyklustag 717 endlich über mich, die ganzen Tampons in den Flurschrank umzuräumen. Bis zum endgültigen Verklappen warte ich noch, bis in der App die 1000 auftaucht, aber dann kommt der Rotz endlich weg. Ich betrachte mich hiermit als launig menopausal und freue mich schon seit Monaten darüber, die beknackten Blutungen hinter mir zu haben. Scheiß auf Feier der Weiblichkeit, der Kram nervte einfach nur und ich vermisse ihn nicht die Bohne. Ich merke keine größeren Veränderungen an mir, vielleicht habe ich die auch WÄHREND DER PANDEMIE einfach übersehen, aber bis auf ein paar Hitzewallungen geht’s mir hervorragend, und gegen die hilft mein Fächer, den ich eh seit Jahren mit mir herumtrage, weil ich generell Hitze doof finde.

Meine Schwester hat sich das von mir abgeguckt und zückt inzwischen auch in Meetings und sonstwo den Fächer, wenn’s halt gut gut, und wenn ihre jüngeren Kolleginnen skeptisch gucken, meint sie freundlich: „Da kommt ihr auch noch hin.“ Schon ist Ruhe.

13. Juli 2022 – Im Nebel

Noch bis zum 31. Juli läuft im Haus der Kunst eine Ausstellung der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya: Nebel Leben. Ich gönnte mir gestern endlich mal eine Jahreskarte, die sich schon bei vier Besuchen lohnt, weil die Einzelausstellungen so fies teuer sind. Ich ahne, dass ich für Nakaya nochmal die Karte zücken werde, weil die für das Haus konzipierten zwei Installationen (oder Dialoge, wie das hauseigene Video richtig meint) so viel Spaß machen. Ich habe bei beiden nicht darüber nachgedacht, was sie mir künstlerisch sagen – ich fand es einfach nur schön, im Nebel zu stehen.

Die große Installation befindet sich im Hauptraum, der nun fast vollständig unter Wasser steht. Man kann auf Holzbohlen außen an der Wand entlanggehen oder auf dem Holzsteg stehen, der in der Mitte des Raums ist. Von dort beginnt jeweils zur halben und zur vollen Stunde der Nebel aufzusteigen. Zunächst baut sich quasi eine Wolke in der Mitte des Raums auf, dann stoßen die lustig zischen Düsen an der einen Schmalseite Nebel aus, dann die auf der anderen, und wo man eben noch den Raum, das Wasser, die Menschen sehen konnte, ist nun plötzlich alles im Unsichtbaren vereint. Dann verzieht sich der Nebel nach und nach, je nachdem, wie viele Menschen durch ihn hindurchwandern anstatt rumzustehen, und ihn dabei verteilen. Ich habe mir den Spaß gestern dreimal gegönnt und bin mal fast komplett an einer Stelle geblieben und mal durch die Gegend spaziert. In der Mitte stand ich fast nie, ich fand es schöner, eher Zuschauerin als Akteurin zu sein. Nach gefühlt fünf Minuten ist der ganze Zauber wieder weg und man steht wieder ohne sphärische Musikbegleitung in einem Nazibau auf Holzbrettern. Menno.

Ich mochte das Licht im Raum sehr, den ich sonst als herrlich hohen und lichten Saal schätze. Jetzt war er dämmeriger, grünlicher, und mittendrin vergaß man, dass er da ist, weil man ihn schlicht kaum noch sehen konnte. Das fand ich gleichzeitig beängstigend und befreiend – mein Raumgefühl zu verlieren, ist unheimlich, aber man konzentriert sich eben kurz auf andere Dinge; gucke ich halt an die Decke anstatt auf meine Füße wie sonst.

Sobald der Raum wieder nur noch der Raum war, ging ich durch weit geöffnete Türen an der Ostseite des Hauses nach draußen, wo alle zehn Minuten die zweite Nebelwolke erscheint. Durch die heißen Temperaturen entsteht hier derzeit nicht wirklich eine Wolke, die sich in den Bäumen neben dem Museum hält, die zum Eisbach hin stehen, wie im Video zu sehen ist. Stattdessen fällt minutenlang ein hauchfeiner Nebel auf die Rumstehenden, und wenn der Wind gut steht, fühlt es sich an wie eine Dusche, ohne nass zu werden. Diese Installation ist auch ohne Eintritt zu erleben, vielleicht ein Tipp für die nächsten Tage.

Ich hatte nach gefühlt ewigen Zeiten mal wieder die Videofunktion meines Handy aktiviert, aber die Aufnahmen sind nur für mich, jedenfalls landen sie nicht im Blog. Auf meiner To-Do-Liste (oder eher der Könntest-du-auch-endlich-mal-machen-Liste) steht noch mein Video über Essen, das bisher aus einem Gigabyte Film besteht, aber noch keine Ordnung hat und keine Musik. Text steht, Bilder fehlen noch, weil ich bei jeder Aufnahme denke, nee, das geht noch besser, das Thema ist zu wichtig, um da Grütz drunterzulegen. Das könnte also noch dauern.

Jedesmal wenn ich derzeit den Videoknopf drücke, denke ich an den Kurs von Casey Neistat, den ich im Januar absolvierte, und für den ich nachträglich sehr dankbar bin. Weil ich im Januar eben wissen musste, was mein iPhone so kann, drehte ich im Dezember im Norden einen kleinen Weihnachtsfilm. Da ist auch Papa drauf, und er erkennt mich noch.

„Not neccessarily betrayals“

„I have never heard a Filipino say “I am tired of Filipino dishes,” but have often heard Pinoys claim to be tired of hamburgers, fast food, bread, etc. Can we ever really tire of our native food, of the dishes that we ate as children, which formed our tastes and our idea of good food?

Perhaps not, but this does not mean that we cannot make any changes in them – experiment, invent, create. Food, like language, is living culture, and as such, changes with times. The old ways are tested and true; the new ways are not neccessarily betrayals, if they are appropriate and result in good food.“

(Doreen G. Fernandez: Tikim: Essays on Philippine Food and Culture, Leiden/Boston 2020, Erstausgabe 1994, S. 40.)

Das erinnerte mich an ein anderes Zitat, das ich schon mal im Blog hatte:

„Having read hundreds of emails from Hot Thai Kitchen Fans, I’ve discovered that there are two main reasons why people are reluctant, or even scared, to cook Thai or any ethnic cuisine. The first is that they don’t know where to start. This is an issue of knowledge, which is easily fixed. Reading this book is a great start.

The second, and most important, reason is the fear of making it “wrong.” This isn’t as simple a fix, as it’s not a technical issue but rather a matter of mindset. People are afraid that, after all their efforts, they’re not making “real Thai food.” So, they postpone it until they feel “confident enough,” or they decide to “leave it to the experts.”

I get it. I remember feeling the same way when I startet cooking Western food. I wanted to make the most authentic Bolognese sauce, so I searched for recipes written in Italian because, after all, they MUST be more authentic!

Maybe it’s out of respect for the culture or from a belief that the “right” way tastes better, but whatever the reason, it’s holding us back from taking that leap into the exciting world of an ethnic cuisine. […]

Our pantries and fridges determine our dinner. […] Thai people are constantly creating new dishes, adding new twists to old classics, or simply throwing random stuff together … but can you call that “real Thai food” or even “authentic Thai food”? Or course you can. If what Thai people regularly eat at home isn’t authentic, then I don’t know what is. The thing is, most of what we eat isn’t what you find in restaurants, isn’t half as complicated, and may not even have a name.“

(Pailin Chongchitnant: Hot Thai Kitchen: Demystifying Thai Cuisine with Authentic Recipes to Make at Home, Vancouver 2016, S. 22/23.)

Und noch eins aus dem ersten Buch, an das ich oft denke, wenn ich mir mal wieder vornehme, wenigstens ein Adobo, ein Pancit im Repertoire zu haben von tausend. Es geht um die Geschichte der Nudeln, die von China aus in den Philippinen landeten. Die Autorin erzählt, wie vermutlich chinesische Handelsreisende in den Philippinen strandeten, während sie auf Ware warteten.

„If our lonely Chinese merchant eventually married a Filipina – many did, since the wait for merchandise could be long, and many transients eventually made home here – she probably learned to cook the dishes he liked, but again only made fair approximations, because not only were her ingredients Philippine, but so was her taste, a panlasa born of her own growing up and traditions.

The noodle dishes became indigenized – acculturated, adapted to local ingredients, tastes, occasions. Eventually every region developed its own versions: fishing towns added oysters and squid, as in Pancit Malabon; rice-growing areas putting in a kind of crumbled okoy as in Pancit Marilao; inland und upland towns using sausages and available vegetables, etc. Eventually every cook, chef, housewife, developed his/her own signature version, thus all the noodles of our lives.

Pancit also adjusted itself to the occasions of our communal lives. On an ordinary day, it could be very simple – garlic, onions, tomatoes, sauteed with a bit of shrimp and pork or whatever vegetables were available, and whatever noodle is in the pantry. Or it could be cooked in the market and eaten off a banana leaf, as is the Pancit Habhab of Lucban, Quezon. Or it could be bought from the neighborhood panciteria and come wrapped in a cone of paper lined with banana leaf. […]

But if it is for a feast, then we gather oodles of makings, flake the tinapa, crumble the chicharron, pound the shrimps for the sauce, slice thin the kamias, soak the noodles in chicken broth and other condiments, etc. Or we order from the community’s beste pancit-maker, or from the aunt or lola who has made it her specialty. For pancit is as versatile and as flexible as Filipino lives are.“

(Fernandez 2020, S. 35/36.)

Vielleicht ändern sich unsere Essgewohnheiten nicht nur aus persönlichen Vorlieben oder Umzügen, sondern auch wegen des Klimawandels. Ein Forschendenteam aus Kanada hat sich dafür alte Speisekarten angeschaut. Der Artikelteaser nimmt die traurige Pointe schon vorweg: „In the 1880s, Vancouver’s seafood joints served lots of salmon. These days they serve squid.“

You Can Spot Climate Change in Old Restaurant Menus

„Climate change is an intensifying reality for the marine species that live near Vancouver and for the people who depend on them. In a new study, a team from the University of British Columbia (UBC) shows one unexpected way that climate effects are already manifesting in our daily lives. To find it, they looked not at thermometers or ice cores, but at restaurant menus.

“With a menu, you have a physical and digital record that you can compare over time,” explains William Cheung, a fisheries biologist at UBC and one of the study’s authors. […] The team gathered menus from hundreds of restaurants around the city, as well as from restaurants farther afield in Anchorage, Alaska, and Los Angeles, California. Current menus were easy to find, but digging into the history of Vancouver’s seafood proved a bit trickier. Doing so required help from local museums, historical societies, and even city hall—which the researchers were surprised to learn has records of restaurant menus going back more than a century—to compile their unusual data set. In all, they managed to source menus dating back to the 1880s.

Using their records, the scientists created an index called the Mean Temperature of Restaurant Seafood (MTRS), which reflects the water temperature at which the species on the menu like to live. Predictably, they found that the MTRS of Los Angeles was higher than that of Anchorage, with Vancouver falling in the middle. But by analyzing how the MTRS for Vancouver has changed over time, they found a significant trend of warmer-water species becoming more common on restaurant menus. In the 1880s, the MTRS for Vancouver was roughly 10.7 degrees Celsius. Now it is 13.8 degrees Celsius.“

Was schön war, KW 27 – Rez, FAZ, Bar, Bier

Vor einigen Wochen wurde ich für eine Buchrezension angefragt, die ich gerne zusagte. Ich las ein Buch über die Rezeption von Hans Thoma (1839–1924) im Kaiserreich und der NS-Zeit; Grund für das neue Interesse am alten Thoma war ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Landesministerien von Baden und Württemberg zur Zeit des Nationalsozialismus. In diesem Rahmen stieß man auf Akten, die sich mit der Hans-Thoma-Plakette befassten, die 1939 zum 100. Geburtstag des Künstlers verliehen werden sollte; wegen des Kriegs kam es erst 1942 zur ersten Verleihung. Das Land Baden-Württemberg vergibt seit 1950 seinen Landeskunstpreis, der sich ebenfalls auf Thoma beruft. Frage des Forschungsprojekt, die in dem von mir besprochenen Buch beantwortet werden soll: Hat der heutige Staatspreis eine nationalsozialistische Vorgeschichte?

Ich habe das Buch mit Interesse gelesen und positiv besprochen.

Am Donnerstag warf ich launig einen Zoom-Link in meine Twitter-Timeline. Die kritischen berichte, eine in meinen Augen wichtige Zeitschrift meines Faches, feierte sein Fünfzigjähriges und besprach die kritische Kunstgeschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Gerade als ich einen Kuchen in den Ofen geschoben und es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte, fragte die FAZ freundlich an, ob ich nicht die Veranstaltung für sie besprechen wolle. Wollte ich, weswegen ich schnell ins Arbeitsoutfit und an den Schreibtisch wechselte. Wenn ich keinen kompletten Quatsch verzapft habe und es Platz gibt, müsste der Artikel nächste Woche in der Rubrik „Geisteswissenschaften“ erscheinen.

Ich plaudere schon mal aus, dass es die Zeitschrift ab dem nächsten Jahr endlich ohne „Moving Wall“ frei zugänglich im Diamond Open Access zu lesen gibt. Bis dahin bleibt uns allen das schöne Archiv.

Stop – Lektüre-Update-Time! Den Gag habe ich aus Hannah Gadsbys „The Road to Nanette“ geklaut, wo sie ihn sehr ausführlich bringt. Das höre ich gerade, wenn ich unterwegs bin. Davor hörte ich gut gelaunt Kurt Krömers „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst.“

Auf Papier las ich
– Michael Wildt „Zerborstene Zeit“: ja, kann man machen, wenn man von dem Thema noch so gar keine Ahnung hat, sonst ist es einen Hauch redundant. Aber gut lesbar!
– Sibylle Berg „Der Mann schläft“: furchtbar. Also toll geschrieben, aber ich fand es sehr unangenehm. Nach dem Lesen ins Altpapier getan, das wollte ich nicht mal in den Hausflohmarkt legen

– Andreas Kossert „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“: äußerst informativ, in einem Rutsch durchgelesen, sehr viel gelernt, große Empfehlung
– Marion Gräfin Dönhoff „Namen die keiner mehr nennt. Ostpreußen – Menschen und Geschichte“: musste sein nach Kossert. Seltsames Leseerlebnis, kann aber auch daran gelegen haben, dass ich es im Norden las und im Zug, wo gerade alles schwierig ist, ich aber immerhin eine Zeitzeugin (das Mütterchen) nach Details aus Ostpreußen fragen konnte. Sie hat mir gleich „Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz mitgegeben und „Jokehnen“ von Arno Surminski, wo lauter Zettel in ihrer Schrift drinliegen, auf denen sie Details aus Bartenstein notiert hat. Ich fragte sie, was sie als ihre Heimat empfände und erwartete Niedersachsen, aber sie sagte Ostpreußen, das sie mit sechs Jahren verlassen musste. Ihre Mutter brauchte auch sehr lange, um sich eine Rückkehr aus dem Kopf zu schlagen. Seltsames Detail: Weder die Eltern von Papa noch Mamas Mutter wollten, dass die beiden heiraten; für Papas Eltern war Mama keine gute Partie, weil sie als Flüchtling ja nichts hätte, und mit Nichts meine ich Nichts, für Omi war Papa eine Art Gefahr, denn mit einer Heirat würde ihre Tochter ja hier in Niedersachsen Wurzeln schlagen und nicht mehr in den Osten wollen. Ich denke über diese Sätze ständig nach, seitdem sie mir erzählt wurden.

– Peter Walther „Hans Fallada. Die Biografie“: ebenfalls große Empfehlung, gute Einbettung einer Einzelperson in das große Ganze. Konnte an mehreren Stellen in der Wikipedia anlegen. Das mache ich derzeit mit fast allen Sachbüchern – immer gleich gucken, ob dieser eine tolle Fakt schon in der Wikipedia steht
– Hanna Engelmeier „Trost. Vier Übungen“: ein Re-Read. Ich hatte es gefühlt beim ersten Mal nur durchgehuscht. Oder ich brauchte jetzt einfach mehr Trost. Hat funktioniert. Danke dafür
– Jörg Osterloh „‚Ausschaltung der Juden und des jüdischen Geistes.‘ Nationalsozialistische Kulturpolitik 1920–1945“: noch eine große Empfehlung. Der Überbau war mir quasi klar, die vielen Details nicht. Hatte ich bisher nur kursorisch gelesen, jetzt komplett.

Mein derzeitiges Nachttischbuch ist der „Mann ohne Eigenschaften“ von Musil, den ich jetzt zum dritten Mal beginne. Möglicherweise könnte es jetzt fürs Durchlesen reichen, weil ich inzwischen deutlich mehr über die 1920er Jahre und Wien weiß als noch vor sieben Jahren, als ich den zweiten Leseversuch nach 50 Seiten abbrach.


Unfreiwilliges Selbstporträt beim Morgenkaffee.

Auch wegen meiner derzeitigen, meist ungeplanten Reisen in den Norden (aus Gründen, über die ich hier nichts schreiben werde) hatte ich bisher weder Blumen noch Kräuter auf dem Balkon, denn um die muss sich ja jemand kümmern, wenn ich nicht da bin und das kann ich nicht immer garantieren. Vor zwei Wochen war mir dieser Fakt aber egal, ich brauchte Bunt und Grün, und deswegen wachsen gerade aus drei Kästen bunte Blümchen und vier Sorten Kräuter. Jedenfalls so lange, bis sie in meinem Mittagessen landen, looking at you, Koriander!

Was ich außerdem seit diesem Jahr und erstmals in meinem Leben besitze: einen Sonnenschirm. Den befestigte ich mit einer tollen Klammer am Balkongeländer, nachdem mir F. seine Schieblehre geliehen hatte, damit ich Zollstock-Huhn den Durchmesser meines runden Geländers profimäßig und vor allem korrekt ausmessen konnte. Seitdem wird morgens auf dem Balkon Kaffee getrunken, ohne dass ich die Augen zusammenkneifen muss. Und meist ein NS-Fachbuch gelesen, was den Aufenthalt nicht ganz so entspannt sein lässt, aber hey, ich lese echt viel draußen. Es ist da halt so nett.

Viertgeimpft. Eigentlich wollte ich auf den tollen Impfstoff warten, der auch mit Omikron, der blöden Ratte, klarkommt. Der sollte ja im März erhältlich sein, dann im Juni, jetzt angeblich irgendwann im Herbst, aber jetzt wollte ich nicht mehr. Meine dritte Impfung war im November 2021, also vor locker sechs Monaten. Ich bin zwar noch keine 60, aber es fragte niemand nach meinen Gründen, es wurde nur mein natürlich brav vorher ausgedruckter Impfbogen angeschaut, ich durfte mir den Impfstoff aussuchen – Comirnaty Ultra all the way –, und das war’s. Keine Nebenwirkungen bis auf ein bisschen Ziepen abends im Oberarm. Guter Körper.

Am 1. Juli besuchten F. und ich das neue Tantris. Das alte Tantris, also Deutschlands erstes Sternerestaurant, das seit 50 Jahren besteht und dessen rot-orangene Einrichtung unter Denkmalschutz steht, wurde im letzten Jahr für eine gründliche Restaurierung geschlossen. Seit November (?) 2021 ist es wieder geöffnet und besteht nun aus gleich drei Läden: dem Restaurant, dessen neuer Küchenchef 2022 gleich mal zwei Sterne erkochte, dem sogenannten Tantris DNA, wo Klassiker aus den letzten 50 Jahren zeitgemäß serviert werden, und der Bar, für die man keinen Platz im teuren Tempel gebucht haben muss, da kann man jeden Abend einfach so reinmarschieren und Cocktails trinken.

Das hatten wir gar nicht auf dem Plan, aber als wir beim Jackenablegen gefragt wurden, ob wir einen Aperitiv möchten und wenn ja, vielleicht an der Bar …? sagten wir gerne Ja. Ich fragte erstmal die Historie ab, weil that’s me, bewunderte die punkige Decke und genoss eine Hausvariante des Negroni, der, natürlich, ganz großartig war. Genau wie die acht Gänge danach im Restaurant, von denen ich keinen fotografiert habe, weil ich einfach nicht mehr dokumentieren, sondern nur noch genießen möchte. Glaube ich jedenfalls; jetzt wo ich darüber schreibe, hätte ich natürlich trotzdem gerne ein Bild. Vielleicht beim nächsten Mal, denn ein nächstes Mal wird es geben. Mein erster Tantris-Besuch 2017 ist bis heute die Messlatte für alle Sterneläden und sie ist immer noch sehr hoch. Ich muss zugeben, dass ich bei den ersten zwei, drei Gängen auch noch etwas fremdelte, aber dann hatte mich der neue Laden auch wieder ganz tief in der Tasche. Es ist einfach einzigartig.

Wir durften zum Abschluss des Abends sogar kurz in die Küche und dem Herrn Chefkoch die Hand schütteln. Er nahm sich zehn Minuten Zeit für uns, erklärte, fragte, was uns gefallen hätte, wir fragten zurück, ich wich die ganze Zeit Menschen mit Tabletts aus, die sich mehrfach bedankten, woraufhin ich innerlich immer „Hey, ich hab auch mal Tabletts getragen und alle gehasst, die im Weg rumstehen“ dachte. Das fand ich ganz schön zu merken, dass manche Sensoren auch nach 20 Jahren noch anspringen, sobald es nötig ist.

Ich verlinkte den kurzen Film mit Benjamin Chmura schon auf Twitter; so entspannt hat er auch mit uns geplaudert. Wer mehr über den Laden lesen möchte, kann zum Beispiel bei Herrn Paul vorbeischauen oder bei den Bildern von Culinary Pixel sabbern, die im DNA und in der Bar fotografierte.

Apropos Bar. Nachdem uns einer der Barkeeper vom Tatar vorgeschwärmt hatte, das als Bar Food serviert wird, überlegte F. ungefähr drei Tage, bevor er für uns einfach direkt eine Woche nach dem Restaurantbesuch zwei Plätze an der Bar reservierte. Die Servicekraft, die uns sieben Tage zuvor bedient hatte, freute sich, uns schon wiederzusehen, auch der Barkeeper erkannte uns nach kurzem Nachdenken, und dann bestellten wir Tatar und den ersten von insgesamt fünf Cocktails pro Nase. Geplant gewesen waren zwei und auch nur das Tatar, aber das Croque Monsieur ließ sich so wunderbar teilen, und wenn es schon Patisserie des Hauses gibt, dann wäre das ja die totale Verschwendung, sie nicht zu bestellen, also bitte.

Auch das vertwitterte und verinstagrammte ich schon, aber jetzt muss es auch noch ins Blog; eigentlich ist der Barbesuch schuld daran, dass ich dringend bloggen wollte. Es war (schlecht für den Laden, gut für uns) irgendwann nicht mehr so irre viel los an der Bar, vermutlich als alle Restaurantgäste ihre Aperitivs hatten. Daher hatte der Barkeeper etwas mehr Zeit für uns, und so blieb er allen Ernstes gefühlt eine Stunde an unserem Tisch, schleppte verschiedene Flaschen an, die wir entweder kosten oder an denen wir immerhin riechen durften. Das wenigste davon fand sich am Ende auf der Rechnung wieder, aber auch das wäre egal gewesen. Wir lernten viel über die Historie von einem der Cocktails, die ich mir hatte empfehlen lassen, wir sprachen über die Herstellung von Tequila und Mezcal und Clairin, der mir vorher überhaupt kein Begriff war (er hat noch keinen deutschsprachigen Wiki-Eintrag, meins, MEINS!)

Ich mochte an dem Abend auch, dass man sich nicht so aufdotzen musste wie fürs Tantris. Okay, ich ahne, dass die Damen und Herren im Service auch dort nicht mit der Wimper zucken, wenn ich im Jogginganzug auflaufe, aber ich gebe zu, dafür zücke ich sogar wieder die Mascara, von der ich nach zwei Pandemiejahren kaum noch geglaubt hätte, sie je wieder zu benutzen. Aber im Laufe des Abends kam zum Beispiel ein Pärchen an die Bar, das gerade das Konzert von Guns’n’Roses im Olympiastadion besucht hatte und dementsprechend aussah. Falls das im Laufe der letzten Zeilen noch nicht klar geworden ist: Geben Sie der Bar doch mal eine Chance. Ist eindeutig niedrigschwelliger als der Luxustempel und auch nicht teurer als andere gute Münchner Locations. Hier die Getränkekarte.

Der Barbesuch war kaum vorbei, da saßen wir schon im Biergarten, das erste Mal seit Ewigkeiten ohne Maske. Ich trug sie weiterhin auf der Toilette, war aber die einzige, und in der Bestellschlange ließ ich es gleich. Die Bänke stehen wieder enger als noch im letzten Jahr, aber es hat sich gut und richtig angefühlt. Ob wir allerdings die Oktoberfestreservierungen wahrnehmen, ist uns immer noch nicht klar. Falls es stattfindet, was ja auch noch nicht klar ist.


Ich bin die Radlermaßmemme mit dem Anti-Wespen-Bierdeckel. Wahlweise liegt da ein Taschenbuch, aber der Musil ist ungefähr so dick wie das Glas.

Gut gegessen habe ich auch außerhalb von Sternetempeln. (Will wieder in einen Sternetempel.)


Gefüllte Zucchini. Weiß schon gar nicht mehr, womit sie gefüllt war.


Kartoffelsalat mit Tahini-Dressing aus der NYT.


Tiefkühl-Gemüsedumplings aus dem Asialaden. Immerhin das Nuoc Cham selbst angerührt und eine Gurke aufgeschnitten.


Scharfes Rindfleisch mit Brokkoli und grünem Spargel.


Ich habe dem Mütterchen den Avocadotoast von Katha aus ihrem zweiten veganen Kochbuch kredenzt, der ihr sehr gut geschmeckt hat. Sie kannte noch keine Avocado.




Bin auf dem totalen Hummus-Trip. Entweder mit Fladenbrot oder sogar mit Brezn (mein Leibgericht) oder auch mit roter Bete und weißen Bohnen statt Kichererbsen. Aber immer mit Salat und Zatar.

20 Jahre

Am 1. Juli 2002 veröffentlichte ich meinen ersten Blogeintrag. Sagt zumindest das Archiv meines Uralt-Blogs. Ich hatte vorher schon Krimskrams wie Kurzgeschichten und Filmbesprechungen auf dieser Website, aber das tägliche Bloggen begann heute vor 20 Jahren. Schade, dass mir so kurz vor dem Jubiläum ein bisschen die Luft ausgegangen ist, aber meine Güte, 20 Jahre, irgendwann ist dann eben auch mal alles erzählt.

2002 lebte ich alleine in Hamburg und war festangestellte Juniortexterin. Inzwischen bin ich in festen Händen, sogar zum zweiten Mal in diesen 20 Jahren, lebe in München und bin freie Seniortexterin; ich merkte irgendwann, dass ich auf den Kreativdirektorinnenposten gar nicht so scharf war, Chefin spielen ist nicht meins, nur meine eigene Chefin bin ich sehr gerne. Außerdem bin ich promovierte Kunsthistorikerin, womit ich 2002 noch so gar nicht gerechnet hatte. Und ich koche und esse jetzt gerne, was 2002 auch nicht zu erwarten gewesen war. Ansonsten ist so ziemlich alles beim alten, mein Nasenpiercing ist noch da, es ist kein drittes Tattoo dazugekommen, ach, doch, Moment, ich habe kein Auto mehr und keine Zigaretten, das hätte mir 2002er-Anke mit ihrem Ellenbogen aus dem Fahrerfenster und der Kippe im Mund vermutlich nicht geglaubt. (Ich habe immer noch Phantomschmerzen, wenn ich an Rocky denke.)

Ich mag dieses Blog immer noch, weil es schon so lange zu mir gehört, aber jetzt gerade schreibe ich weniger gern für die Öffentlichkeit. Die Situation mit meinem Vater belastet mich und ich behalte sie größtenteils für mich. Alles andere, was mich bewegt, habe ich gefühlt schon erzählt, auf Insta geteilt, rausgetwittert. Ich lese weiter tolle Bücher, habe aber keine Lust mehr, sie zu besprechen. Ich koche weiter und gerne und viel, bin aber momantan zu faul dazu, alles aufzuschreiben, sondern bookmarke mir einfach anderer Leute Websites und hoffe, nicht alles wieder zu vergessen, was ich geändert habe. Ich ackere mich weiter durch mein Forschungsgebiet und kann darüber irre viel erzählen, aber ich glaube, das liest außer mir keiner, daher lasse ich das, denn ich weiß ja, was ich weiß.

Was ich nicht weiß: wie es mit dieser Seite weitergeht. Ich hoffe ein bisschen, dass der Spaß am Tagebuchbloggen wiederkommt, aber wenn nicht, sind 20 Jahre auch eine schöne Langstrecke geworden. Die könnte mir bitte mal jemand ausdrucken, damit ich sagen kann, ha, 400 Seiten Diss, niedlich, wissen Sie, wieviel ich in den letzten zwei Dekaden ins Internet geschrieben habe?

Thai Cashew Chicken

Ein Rezept von „Hot Thai Kitchen“, meiner Lieblingswebsite für Thai-Küche. Hier das Video dazu, das ich sehr empfehle.

Für vier Personen. Erstmal Jasminreis kochen, das muss ich hoffentlich nicht erklären. Ich habe seit Kurzem einen Reiskocher, gegen dessen Anschaffung ich mich jahrelang gewehrt habe mit dem Argument, nicht noch ein Küchengerät zu brauchen, das nur eine einzige Sache kann. F. als Halbfilipino war darüber bass erstaunt; er wuchs damit auf, dass immer irgendwo gekochter Reis rumsteht, man kann ja nie wissen, wann man mal welchen braucht. Und der wurde natürlich im Reiskocher gemacht, schließlich kann ein ganzer Kontinent nicht irren. Also kaufte ich einen, und was soll ich sagen: Ich bin verliebt. Ja, ich habe auch vorher schon ordentlichen Reis produzieren können, aber das Ding erleichtert einem wirklich die Arbeit. Reis und Wasser einfüllen, anschalten und vergessen. Kein Kontrollieren, kein Umrühren, kein Abdämpfen und was weiß ich noch, einfach vor sich hinblubbern lassen. Ich koche inzwischen immer gleich mehrere Portionen, die ich im Kühlschrank aufbewahre. Gerade für Bratreis, der mit einem Tag altem Reis immer besser wird als mit frisch zubereitetem, liebe ich das sehr. Kleiner Nebeneffekt: Seit ich einen Reiskocher habe, esse ich irre viel Reis.

Zurück zum Huhn und zum Rezept. Ich nutze hier ausnahmsweise meist Cups statt Gramm wie im Originalrezept, weil das hier ganz gut klappt und ich beim Kochen nichts umrechnen musste.

3/4 Cup ungesalzene Cashewkerne im 175 Grad heißen Ofen für 8 bis 12 Minuten rösten. Sie dürfen ruhig dunkel sein, aber nicht schwarz. Falls ihr nur gesalzene Cashews habt – auch kein Problem, vielleicht mit der Sojasauce etwas sparsamer sein, damit das Gesamtgericht nicht zu salzig wird.

400 g Hähnenbrust oder Schlegel in mundgerechte Stücke zerteilen und in
2 EL Sojasauce für mindestens 15 Minuten marinieren. Wer die etwas zartere Brust nutzt, noch 1 TL Wasser dazugeben.

An Gemüse brauchen wir
3/4 Cup grüne Paprika (die bitte nicht weglassen, nur mit roten und gelben Paprika wird es zu süß),
1 1/4 Cup rote und/oder gelbe Paprika und
1/2 Zwiebel (bei mir eine ganze), alles in mundgerechte Stücke zerteilt.

Zusätzlich brauchen wir
4 Knoblauchzehen, halbwegs fein gehackt,
2 Frühlingszwiebeln, in Ringe geschnitten, sowie
7–10 große rote getrocknete Chilis, Kerne entfernen, wer mag. Die Schoten bleiben ganz.

Für die Sauce
1 EL Austernsauce mit
1 EL Sojasauce,
1 TL Golden Mountain Sauce,
1 TL Fischsauce,
1 1/2 TL Zucker,
1 1/2 EL Thai-Chilipaste (Nam Prik Pao) und
1 TL geröstetem Sesamöl vermischen.

Golden Mountain Sauce ist eine thailändische Sojasauce, wer die nicht hat (wie ich), nimmt einfach einen Teelöffel mehr Fischsauce. Die Chilipaste hatte ich auch nicht; die kann man selber machen oder, wie ich, im Asiamarkt Tom-Yum-Paste kaufen, da ist ungefähr das gleiche drin. Die gibt’s sogar beim Edeka nebenan. Oder man nutzt ein bisschen Gochujang; schmeckt etwas anders, geht aber auch (sagt Pailin von Hot Thai Kitchen).

Jetzt wird endlich gekocht, bitte alles griffbereit haben.

Im Wok oder einer tiefen Pfanne die 7–10 Chilis in
2 EL neutralem Öl anbraten, so dass das Öl aromatisiert wird. Vorsicht, die Schoten nicht verbrennen lassen. Mit einer Schaumkelle entfernen; die werden nachher als Garnitur mit dem Essen serviert und man kann sie mit der Gabel oder den Fingern zerbröseln und als zusätzliche Würze verwenden.

Das Hähnchen bei hoher Hitze anbraten und zwei Minuten lang in Ruhe lassen, nicht umrühren. Wenn alles kräftig gebräunt ist, wenden, alles durchgaren und aus der Pfanne nehmen. Das Öl in der Pfanne lassen. (Hier musste ich etwas Öl nachgeben.)

Die Pfanne vom Herd nehmen und den Knoblauch in der Resthitze golden anbraten. Dann wieder auf den Herd geben und bei mittlerer bis hoher Hitze die Zwiebeln kurz anbraten (ich mag die noch ungolden), anschließend Paprika und das Hähnchen in die Pfanne geben, mit der Sauce übergießen und alles für eine Minute durchschwenken, immer schön rühren, stir fry eben.

Jasminreis auf einen Teller geben, das Stir Fry darüber und mit den Frühlingszwiebeln, Cashews und den gerösteten Chilis servieren.

Tagebuch KW 18/19/20 – Schnipsel

Katalogtexte mit nur einer Korrekturschleife abgegeben. Große Vorfreude auf die Ausstellung. Mindestens zwei Autobahnen!

Meine neue Geschäftsausstattung ist da. Ein dickes Dankeschön an eine Leserin, die bei Letterjazz arbeitet, die mir wiederum wunderschöne Visistenkarten druckten. Briefpapier und Rechnung haben sich kaum verändert zum ersten Entwurf von 2008, ich mag die immer noch. Es ist nun aber alles blau, was vorher violett war, und an Schrifttypen sind jetzt Roboto sowie Chronicle Display am Start anstatt die guten alten Verdana und Georgia.


Was ich geändert haben wollte: den Titel (done), die Farbe (done) und meine Kompetenzbeschreibung – da hieß es vorher „Texte & Konzepte“, jetzt heißt es „Texte, Konzepte, Kunstgeschichte.“ Buchen Sie mich gerne, dann kriegen Sie eine wirklich schön gestaltete (und fair bepreiste) Rechnung.

F. beging seinen Geburtstag. Ich buk Apfelkuchen, wie immer, und schenkte ihm unter anderem ein Buch von Gina Apostol, einer philippinischen Autorin. Dabei merkte ich, dass ich wirklich überhaupt keine Künstler oder Künstlerinnen von den Philippinen kenne.

Ich sitze gerade an einem Artikel für die Wikipedia über Ria Picco-Rückert, die dort noch nicht vertreten ist, die ich aber spannend finde, weil sie sich in der Weimarer Republik, der NS-Zeit und auch in der Bundesrepublik mit Industriethemen beschäftigt hat. Beim wilden Faktensammeln für den Eintrag stieß ich auf Else Jaskolla, bei der sie zeitweilig studierte, die auch noch keinen Wikipedia-Eintrag hatte. Und beim Faktensammeln für Jaskolla stieß ich auf Clementine von Braunmühl, die zufällig mit Jaskolla in einem Buchkapitel zusammen erwähnt wurde und die auch noch keinen Eintrag hatte. Daher schrieb ich flug erstmal diese beiden Beiträge; an Picco-Rückert sitze ich immer noch und muss dafür auch öfter in Bibliotheken. Mache ich, wenn der Regen aufgehört hat. Erneut gemerkt: Wenn man sich mit Industriethemen beschäftigt, ist es Gold, in einer Stadt mit einem Technikmuseum und einer tollen Bibliothek zu sitzen.

800 Seiten lang mit den Augen gerollt und interessiert durchgelesen: Stephan Malinowskis „Die Hohenzollern und die Nazis.“ Deutlich schneller verschlungen: Jane Gardams „The Man in the Wooden Hat“, quasi eine Erweiterung von „Old Filth“. In „Hat“ erzählt die Ehefrau des Titelhelden von „Filth“ dieselbe Geschichte nochmal aus ihrer Perspektive. Noch schneller verschlungen, nämlich an anderthalb Tagen: Kazuo Ishiguros „Klara and the Sun“. Wie alles von ihm – okay, ich kenne erst drei Bücher – wundervoll geschrieben. Momentan auf dem Nachttisch: Michael Wildts „Zerborstene Zeit“ sowie Sibylle Bergs „Der Mann schläft“.

Ein paar Tage in der alten Heimat gewesen, Vadder hatte Geburtstag.

Ich war mit dem Mütterchen in einem Konzert im NDR-Funkhaus, was sie sehr gefreut hat, weil sie schon länger nicht mehr in Abendveranstaltungen war. Sie können das Konzert nachschauen, ich empfehle allerdings eher die erste Hälfte, Mahler war schnarchig, sorry, Junge, you got nothing on Schostakovitsch. Es war erschütternd leer, ich schätze, drei Viertel der Plätze waren am Donnerstag unbesetzt, am Freitag wurde dann übertragen, da schien es voller gewesen zu sein.

Ich trug die ganze Zeit Maske, während 90 Prozent um mich herum es nicht mehr taten, und berichtete dem Mütterchen stolz von München, wo sie Maskendisziplin viel höher sei. Das hat sich allerdings inzwischen auch geändert; F. und ich waren gestern im Prinzregententheater, wo wir mit Maske inzwischen auch deutlich, nein, sehr deutlich in der Minderheit waren. Vielleicht ist die Pandemie ja wirklich rum und ich habe es nur noch nicht mitbekommen.

Das gestrige Konzert war übrigens schlicht toll, und man kann es fast nachhören. Statt Britten wie in der Spotify-Playlist gab es gestern die Sonate für Violoncello und Klavier von dem mir vorher unbekannten Karen Khatschaturian, die mich völlig faszinierte.


Guter alter Maschsee. (Mit NS-Skulptur, war ja klar.)

Auf beiden Zugfahrten aus dem und in den Norden haben alle brav Maske getragen, wenn auch meist nur noch OP oder Stoff. Es wurde auch sehr deutlich kommuniziert, dass man on board the ICE da keinen Spaß verstünde.

Heimat-Haul: „The Arms of Krupp“ aus Papas Bücherschrank. Er besaß schon länger die deutsche Version, und als Karl meine Eltern besuchte (und dann mit Papa das Panzermuseum, von dem er lange schwärmte), bat mein Vater ihn, ihm doch die US-Version zuzuschicken. Alles Prä-Amazon. Im Buch lag noch eine Postkarte von Karl.

Eine winzige Kuchenform, weil man nie genug Kuchenformen haben kann, und vier originale Untersetzer mit dem Olympia-Logo von 1972. Die hatte sich meine Schwester schon unter den Nagel gerissen; gut, dass meine Eltern damals acht gekauft haben, die wurden jetzt schwesterlich geteilt, damit ich das Olympia-Jubiläum stilvoll begehen kann.

Das Gesangbuch von meinem Opi, den ich nie kennengelernt habe.

Wie immer gut gegessen.

Ofenblumenkohl mit Super Spice. Die Menge, die hier im Rezept angegeben ist, reichte gleich für zwei Tage.

Ich wagte mich mal wieder an Garnelen und wenn sie nicht philippinisch, sondern eher mediterran sind, komme ich auch gut mit ihnen aus.


Rote Linsensuppe.


Ein halber Möhrenkuchen. Deswegen brauche ich kleine Kuchenformen! (Rezeptlink nicht wiedergefunden.)


Schakshuka.


Es war kurzzeitig warm genug für den Balkon. Die Saison ist hiermit eröffnet.

Ramazan pidesi, türkisches Fladenbrot

Wenn ich frische Hefe anbreche, aber nicht ganz verwende, suche ich gerne nach Rezepten, für die ich die Resthefe verwenden kann. Donnerstag und Freitag buk ich über zwei Tage die herrliche Brioche feuilletée; ein großer Rest des Würfels kam gestern in ein türkisches Fladenbrot. Jetzt habe ich immer noch zehn Gramm – da muss ich wohl nochmal die Röschen-Brioche backen. Dann sind die Gefrierfächer aber wirklich voll.

Das Rezept von Koch dich türkisch arbeitet mit Pizzastein und Holzschuber; ich habe stattdessen das Blech im Ofen mit vorgeheizt und dann die beiden Teigfladen nacheinander auf dem heißen Blech gebacken.

20 g Frischhefe (oder 7 g Trockenhefe) mit
1 TL Zucker in
250–300 ml lauwarmes Wasser einrühren und 15 Minuten rumstehen lassen.

In einer Schüssel
450 g Mehl, bei mir Type 550, mit
2 TL Salz mischen.
1 1/2 EL Olivenöl sowie das Hefewasser dazugeben und zu einem mittelmäßig festen Teig verkneten. Bei mir waren dazu noch mindestens 5 Extra-Esslöffel Mehl nötig; ich werde beim nächsten Backen erstmal mit 250 ml Wasser anfangen statt 300 zu verwenden, die im Originalrezept stehen.

Die Schüssel abdecken und den Teig an einem warmen Ort für 45 bis 60 Minuten gehen lassen, bis er sich ungefähr verdoppelt hat. Danach in zwei Teile teilen und zu Fladen in der Größe von 15 bis 18 cm Durchmesser ausrollen. Beide abdecken und für weitere 30 Minuten gehen lassen. Da ich beide nacheinander gebacken habe, habe ich beide auf einzelnen Stücken Backpapier ruhen lassen, damit ich sie danach noch transportieren kann. Wenn ihr beide auf ein Blech bekommt und es auch nicht vorheizen wollt, beide gleich auf dem Blech ruhen lassen.

Den Ofen auf 250 Grad vorheizen, gern mit Pizzastein darin. Hatte ich nicht, ich habe wie erwähnt ein Backblech mit vorgeheizt.

Nun entweder mit einem Messer ein Rautenmuster schneiden oder mit olivenölfeuchten Fingern Löcher in den Teig drücken.

1 1/2 EL Olivenöl mit
1 Eigelb vermischen und die Fladen damit bepinseln, mit
1 TL Schwarzkümmel und/oder
1 TL Sesam bestreuen.

Den vorgeheizten Ofen auf 220° runterschalten und die Pide für 20 Minuten backen.

Brioche feuilletée

Oder anders: ein Mittelding aus Blätter- und Hefeteig. Blättrig wie ein Croissant, buttrig-salzig wie Brioche, ein tolles Zeug. Wieder mal ein Rezept von La Paticesse, wo ihr unbedingt für Phasenfotos vorbeischauen solltet, für die war ich nämlich zu faul.

In einer Schüssel
250 g Mehl (Mischung aus Type 405 und 550, bei mir halbe-halbe),
1 Ei (M),
30 g kalte Milch,
40 g kaltes Wasser,
12 g frische Hefe,
5 g Salz und
30 g feinen Zucker
mit dem Mixer (Teighaken) oder der Küchenmaschine auf kleiner Stufe für bis zu drei Minuten mischen.

Dann nach und nach
60 g zimmerwarme Butter in Würfeln dazugeben, die Mixgeschwindigkeit erhöhen, ca. acht Minuten mischen, bis ein fester Teig entstanden ist. Mit einem Teigschaber zu einer hübschen Kugel formen, in eine saubere Schüssel umsiedeln, diese mit Folie abdecken und alles bei Raumtemperatur anderthalb Stunden gehen lassen. Dann für 12 Stunden oder über Nacht weiterhin abgedeckt im Kühlschrank parken. Bei mir waren es vermutlich so um die 15 Stunden, hat dem Teig nicht geschadet.

Am Backtag
125 g kalte Butter auf eine Größe von 14 x 19 cm ausrollen. Ich nutze dazu Papas alte Holzlineale, die er in den 1950er Jahren bei seiner Ausbildungsstelle geklaut hat; der Arbeitgebername steht noch drauf. Ausrollen geht gut zwischen Backpapier oder in einem Gefrierbeutel.

Nun den Teig entgasen – mehrfach auf die nur leicht bemehlte Arbeitsplatte klatschen – und auf 30 x 20 cm ausrollen, also hochkant. (In der Kunstgeschichte wird die vertikale Zahl immer zuerst genannt.) Nun auf die untere Hälfte die Butterplatte legen und die obere Teighälfte darüberklappen; die Ränder leicht andrücken.

Den Teig um 90 Grad nach links drehen, so dass die „offene“ Seite rechts liegt; La Paticesse nutzt als anschauliches Beispiel ein Buch, das habe ich kapiert: Auf der linken Seite ist der geschlossene Buchrücken, rechts die offenen Seiten.

Nun den Teig ein weiteres Mal ausrollen, bis er 6–8 mm dünn ist. Dabei eher vorsichtig vorgehen, nicht zu viel Druck, nicht zu schnell. Ein liebevolles Ausrollen ist perfekt.

Nun die untere Hälfte eurer Hochkant-Teigbahn bis etwas über die Mitte einklappen. Die obere Hälfte runterklappen, bis sie bündig an der unteren, hochgeklappten Teigkante liegt. Nun diesen doppelten Teig einmal von oben nach unten mittig umklappen, so dass ihr vier Lagen habt. Wieder um 90 Grad drehen, Buchrücken links, alles mit Folie einschlagen und für 30 Minuten im Kühlschrank parken.

Vorletztes Ausrollen: Wieder alles zu einem Hochkant-Rechteck ausrollen, ca. 7–8 mm dünn. Im Gegensatz zu den zwei Touren, die wir eben gemacht haben, gibt’s jetzt nur noch eine: Das obere Drittel nach unten klappen, das untere darüber, wieder um 90 Grad drehen (Buchrücken links) und für 30 Minuten in den Kühlschrank.

Letztes Ausrollen: Die ganze Pracht auf eine Größe von etwas mehr als 36 x 15 cm ausrollen. Ihr braucht für die sechs Brioches Stücke mit den Maßen 6 x 15 cm. Was mehr ist, mit einem scharfen Messer abschneiden, dann blättern die Ränder auch besser auf. Ich habe gleich recht großzügig ausgerollt und die Teigreste zu Mini-Brioches gemacht.

Die sechs Stücke nun zweimal längs einschneiden, oben sollte ein Zentimeter Teig bleiben. Aus den drei Strängen lockere Zöpfe flechten und dann alles einrollen und in eine Briocheform (ca. 8 cm Durchmesser) setzen. Ich habe immer noch keine Briocheförmchen, bei mir musste die Muffinform herhalten.

Die Brioches locker mit Folie abdecken und bei ca. 25 Grad für zwei Stunden gehen lassen, sie sollten sich in der Größe etwa verdoppeln. Falls das in zwei Stunden nicht passiert ist, einfach eine halbe Stunde dranhängen. Habe ich gemacht; so irre warm ist es bei mir nicht und auch meine Bettdecke war anscheinend nicht warm genug. Nicht auf die Heizung oder in den Ofen geben, sonst schmilzt die Butter, was sie erst beim Backen machen soll.

Wenn alles so aussieht wie ihr das haben wollt, die Brioches im auf 180° Ober- und Unterhitze vorgeheizten Ofen für 22 bis 25 Minuten backen. Kurz auskühlen lassen und mit Puderzucker bestäubt servieren.

Tagebuch KW 17 – Protzen, Sokolov, Nakamura

Am Dienstag durfte ich mal wieder in den Vorlageraum des Lenbachhauses, denn die einzige Autobahn von Herrn Protzen, die sich im Depot des Museums befindet, wird im Oktober ausgestellt und ich durfte das Bild vorher besuchen. Ich freute mich darüber, das Ding endlich mal im Original und damit in Farbe anschauen zu können, denn bis zur Abgabe des Verlagsmanuskripts kannte ich die Brücke bei Limburg (1938) nur als Schwarzweißfoto aus dem Nachlass im Kunstarchiv. Es war schlicht nicht möglich, das Original anzuschauen oder auch nur eine Farbaufnahme von dem Ding zu bekommen. Hier den üblichen Rant über unterbesetzte Museen (und Archive, siehe Stadtarchiv) einfügen.

Ich besitze keine Rechte am Foto des Archivs oder gar an Protzens Werken, aber ich glaube, ich kann hier total gefahrlos eine abfotografierte Seite aus meinem eigenen Buch einfügen. Wenn nicht, werde ich endgültig am deutschen Urheberrecht irre.

Am Montag hatte ich in der Stabi noch ein bisschen was gelesen, was möglicherweise auch für die Ausstellung bzw. meine zwei winzigen Texte zu ihr wichtig sein könnte. Beim Lesen stolperte ich über etwas anderes, was für einen anderen Text spannend sein könnte, nämlich den zu Wilhelm Heise, über den es quasi auch nichts Vernünftiges an Forschungsliteratur gibt, den ich aber sehr mag. Seine absolut neusachlich gestaltete Mangfallbrücke (1934) wird in fast jedem Artikel zur Autobahnmalerei als Vorbild hochgehalten; auch sie hängt netterweise im Oktober im Lenbachhaus, das dieses Werk besitzt. Dagegen wird Protzen ziemlich abstinken, aber damit muss der Mann dann klarkommen. Und ich auch, seufz.

Jedenfalls fotografierte ich die vier betreffenden Buchseiten – Scannen ist in der Stabi eine einzige Qual, ich glaube, ich habe in zehn Jahren vier verschiedenen Kopier- bzw. Scankarten erworben, das ist mir inzwischen zu blöd, ich fotografiere –, schickte die Seiten an meinen freundlichen Kontakt im Lenbachhaus – und bekam zu hören, ha, das kam mir doch gleich so bekannt vor, das Buch steht auch bei uns in der Bibliothek. (Gibt es Suchmasken für Museumsbibliotheken und wieso weiß ich sowas nicht?)

Hier der Radiobastler von Heise, hier sein Stiglmaierplatz, den ich beim ersten Versuch immer falsch schreibe. Der Radiobastler war in dem eben erwähnten Buch von 1937 abgebildet, was mich etwas wunderte, und es ist damit eins der acht Millionen Beispiele für die inkonsequente Kunstpolitik im NS.

Bei längeren Wegen oder Spaziergängen höre ich ja neuerdings Hörbücher statt Musik. Atomic Habits war unterhaltsam, ich habe aber vermutlich schon wieder alles vergessen, womit ich in guter Gesellschaft bin; auch Podcasts höre ich neuerdings vermehrt, Ende des winzigen Einschubs. Mein zweites Hörbuch war von Herrn Krömer, was ziemlich gut zum gut gelaunten Rumlaufen war. Das dritte Buch war The Power of Fun von Catherine Price, das ich aus irgendeinem Newsletter fischte. Das habe ich nach knapp zwei Stunden abgebrochen, ich erwischte mich ständig dabei, nach fünf Sätzen nicht mehr zuzuhören. Ist zum Lesen vermutlich nett, zum Hören eher nicht.

Und: Die Definition von „fun“ der Dame kollidierte sehr mit meiner eigenen. Den Punkt, den sie in zwei Stunden dauernd machte, war: Spaß findet in Gesellschaft statt und nicht alleine oder, viel schlimmer, alleine ONLINE! Das Internet ist das Böse, geh doch mal wieder raus und hab RICHTIGEN Spaß. Gut, das Buch ist zu Beginn der Pandemie geschrieben worden, das wird auch thematisiert. Sie beginnt ihr Buch mit der Frage: When was the last time you had fun? Und behauptet dann, dass man sicher darüber nachdenken müsse, und wenn man das tue, fiele einem auf, dass man beim Spaßhaben vermutlich nicht alleine gewesen war.

Lustigerweise war meine erste Assoziation zur Frage, wann ich das letzte Mal richtig Spaß hatte: Gestern, als ich im ZI saß und 1000 tolle Dinge gelesen habe. Die zweite Assoziation, und ich habe keine Ahnung, wie mein Gehirn die aufrufen konnte, aber seitdem denke ich dauernd daran: ein Vormittag im Schwimmbad. Aber eben nicht in Gesellschaft in den Sommerferien mit Eis und Pommes. Sondern ein Herbsttag, vermutlich kurz vor der Schließung der Bäder fürs Jahr. Ich war, keine Ahnung, 12? 13? und ich war ganz alleine im Becken. Es regnete leicht, der Himmel war grau, und ich hatte das ganze herrliche Schwimmbecken mit seinen acht 50 Meter langen Bahnen für mich alleine. Ich weiß noch, dass mich das nervte, dass der Bademeister mir zuguckte, aber wo sollte er denn auch sonst hingucken, wenn außer mir niemand da war. Aber das ist nicht die Haupterinnerung: Die Haupterinnerung war: Ich habe das ganze – riesige – herrliche – Bad für mich alleine und nichts und niemand nervt und es ist sogar genau das Wetter, was ich mag.

Ich ahnte, je länger ich das Buch hörte, dass meine Definition von Spaß vielleicht eher mit Glück oder Zufriedenheit umschrieben werden könnte. Aber trotzdem hatte ich keine Lust mehr darauf, mir ständig sagen zu lassen, dass ich nur in Gesellschaft echt jetzt mal gut drauf sein könne.

Apropos alleine: Ich gehe auch nicht gerne in Fitnessstudios, sondern hüpfe lieber alleine in meinem Arbeitszimmer rum. Vor allem, weil mich als dicken Menschen dort niemand sieht.

What the Fitness Industry Doesn’t Understand

„For decades, exercise instruction for adults has functioned on largely the same principle. What the fitness industry calls a “beginner” is usually someone relatively young and capable who wants to become more conventionally attractive, get swole, or learn a trendy workout such as high-intensity interval training or barre. If you’re a novice looking for a path toward these more intense routines, most of the conventional gyms, fitness studios, and exercise experts that offer them don’t have much for you—come back when you’ve developed on your own the endurance and core strength to avoid barfing, crying, or injuring yourself in the first 10 minutes. The situation is even worse if you have no designs on getting ripped and instead just want to build a baseline of capability, whether that’s for hoisting your toddler, shaking off the stiffness of a desk job, or living independently as you age.

On the surface, this is pretty dumb. More than three-quarters of Americans don’t currently hit the CDC’s recommended minimums for regular exercise, and the fitness industry is a graveyard of once-buzzy businesses that abruptly stopped growing—much to their investors’ chagrin—at least in part because they never had a plan to turn anyone into a customer who wasn’t already pretty fit. But the numbers suggest that there is enormous demand for services such as Liu’s: His super-popular videos make him just one recent example of the teachers and trainers who have found significant audiences by courting true beginners. In doing so, they’ve created entry points for more types of people to do something near-universally regarded as essential to mental and physical health. Why has the industry itself been so slow to catch up?“

Ich erwähne mal wieder den Kurs, den ich bei Daily Burn jetzt zum vermutlich vierten Mal durcharbeite, unterbrochen von anderen Videos oder halt Spaziergängen: True Beginners. Weil dort ein freundlicher Trainer nett zu mir ist, mich relativ simple, aber in ihrem Gesamtpaket durchaus herausfordernde Übungen machen lässt, die ich auch mit meinem Körperumfang und meinen teilweise nicht mehr ganz funktionierenden Körperteilen machen kann. Und wenn ich was nicht kann, werde ich nicht angebrüllt.

„As it turns out, you can’t just teach millions of children that exercise is painful, humiliating, or a punishment for their failures and expect them to swan into adulthood with healthy, moderate beliefs about their bodies. Instead, they follow the lessons they’ve learned about themselves, and about exercise: Some people avoid ever entering a gym again and shy away from activities that might draw attention to their physical capabilities, such as hiking or dancing. […]

The responsibility for figuring out how to help more people find accessible introductions to exercise usually falls to the people who actually need these services in the first place, or to those who were clued into that need in intimate ways. Liu began making his instructional videos after his mom passed away in early 2020; he had spent the previous several years caring for her after a debilitating stroke. “I always think about, Would this be able to help her if she were still around?” he told me. “It never hurts to add an easier step.”“

Danke an das Team der Goldenen Blogger für die Zusendung meines kleinen Preises (Langstrecke). Am Abend der Verleihung war ich gerade in Wien. Aber das Plastikmännchen hat einen guten Platz auf dem Regal neben dem Promotionsbär und Det bekommen, und man sieht es prima in Zoomcalls mit mir.

Und ich habe jetzt endlich was, mit dem ich die Oscar-Dankesrede für das beste Original-Drehbuch üben kann, die ich seit 30 Jahren perfektioniere, was besser ist als eine Mundwasserflasche oder früher eine Haarspraydose.

Am Freitag führte mich F. mal wieder zum Essen aus. Wir waren zum vierten Mal bei Tohru Nakamura, der inzwischen in der Schreiberei kocht. Ich wollte nicht fotografieren, nur genießen. Das Brioche habe ich dann aber doch ablichten müssen, einfach weil die Perspektive von meinem Stuhl aus so perfekt war.

Der ganze Abend war perfekt, wie ich schon auf Insta zum selben Foto schrieb: All killer, no filler. Jeder Gang großartig, jeder Wein großartig, Service wie immer großartig, alles ganz großartig. Sehr beglückt nach Hause spaziert.

Und Samstag waren wir dann schon wieder unterwegs: Dieses Mal ging’s zu Grigory Sokolov, den ich noch nie live gehört hatte. Der Herkulessaal bleibt bei Konzerten eigentlich recht gut erleuchtet, auch das Publikum sitzt eher im Hellen. Hier nicht. Die einzigen Spots beleuchteten den Pianisten und seinen Steinway, der Rest saß im Dunkeln, und ich war hingerissen. Beim ersten Akkord kamen mir sehr unerwartet die Tränen. Es ist anscheinend immer noch nicht wieder normal, Livemusik zu hören.

Es gab Schumann und davor Beethoven und Brahms, mit denen ich besser klarkam. Aber damit nicht genug: F. meinte schon im Vorfeld, als er das letzte Mal Sokolov gehört hatte, lachte neben ihm ein Paar, ach, der Sokolov wieder mit seinen sechs Zugaben. Ich wartete daher gespannt darauf, wieviele es am Samstag wurden. Überraschung: Es wurden sechs. Und immerhin ein Stück erkannte ich, weil ich die CD habe.


Orecchiette mit Speck und Erbspüree.

Ich hatte schon öfter vegane Ersatzprodukte für Fleisch ausprobiert, Burger Patties, Hack, war aber alles eher doof. Von den fleischfreien Produkten der Rügenwalder Mühle hatte ich aber nur Gutes gehört, also dachte ich mir, letzter Versuch und dann esse ich einfach weiter Fleisch, verdammte Axt, aber hey: Das „Hähnchen“filet war wirklich gut! Geschmack, Mundgefühl – alles prima. Ich werde mich weiter durch die Produktpalette essen.


Das erste Filet hatte ich nur simpel angebraten, das hier bekam eine schöne Chilisauce.