Tagebuch Sonntag/Montag, 16./17. Juni 2019 – Allgäu und Schreibtisch

Am Sonntag einen sehr ruhigen jungen Mann kennengelernt. Also: sehr jung und sehr ruhig. Er war fünf Tage alt und hat unsere gesamte Besuchszeit verschlafen. Ich sehe sehr kleidsam aus mit Kleinkind auf dem Arm, und ich war überrascht davon, wie wenig langweilig ich es fand, ihn ewig anzuglotzen. (Diese winzigen Finger!)

Lecker Erdbeerkuchen, lecker Johannisbeerlikör. Neue Menschen kennengelernt – also neben dem jungen Mann – und interessiert über verschiedene Beziehungs- und Wohnungsmodelle diskutiert.

Zugfahrt durchs Allgäu. Zwei Bücher mitgehabt für drei Stunden Fahrt, nur aus dem Fenster geglotzt. Bei Schwabhausen von F. auf jüdische Grabsteine entlang der Bahnstrecke aufmerksam gemacht worden: Dort liegen Opfer eines Fliegerangriffs im April 1945, Häftlinge aus Dachau, die noch transportiert wurden. Hier findet sich ein längerer Eintrag, den habe ich aber selbst noch nicht gelesen.

Direkt vom Zug mit F. zum Lieblingsburgerladen gegangen. Von meinem Crispy Chicken etwas enttäuscht gewesen: Wenn ich ne Schnitzelsemmel will, bestelle ich eine. Wenn ich einen Burger bestelle, hätte ich gerne den. Bei McDo schmeckt der doch auch! (Just shoot me.)

Am Freitag hatte ich die brillante Idee, in meinen Sneakers bei 30 Grad keine Söckchen anzuziehen, sondern Füßlinge – mit dem Ergebnis, dass ich mir eine ungefähr vier Zentimeter lange Stelle wundgescheuert habe. Sehr lustig dabei verbogen, seitwärts auf dem Fuß ein längliches Pflaster zu platzieren. „Pflaster“ auf dem Einkaufszettel notiert.

Nebenbei laboriere ich an einer selbstdiagnostizierten Muskelverhärtung in der Nähe des rechten Knies. Ich behaupte, eine Sportverletzung zu haben, ohne dafür Sport getrieben zu haben. Aber da ist eine harte Stelle unter der Haut, der halbe Oberschenkel fühlt sich wie ein fieser Muskelkater an, und ich jammere beim Treppensteigen. Vermutlich habe ich mich beim Schlafen doof verdreht, aber Muskelverhärtung klingt eindeutig cooler.

Gestern ein bisschen Wochenende nachgeholt. So nett Podcasten und Babybesuchen ist – mich schlauchen Termine mit Menschen halt immer. Deswegen hatte ich gesten vormittag frei und habe erst nachmittags am Schreibtisch gesessen, lustig Archivmaterial bestellt, mich in stundenlangen Telefonaten über Papas Rehafortschritte informiert und irgendwann die alten Musicalnoten rausgeholt und gesungen.

Seit ich wieder etwas mehr Platz habe, habe ich zwei Zimmer ohne direkte Nachbarn. Also unter und über mir schon, aber da ich inzwischen weiß, dass man nur hört, was aus der jeweils unteren Wohnung kommt und das Pärchen über mir tagsüber nicht zuhause ist, stand ich irgendwann im Arbeitszimmer und schmetterte ein bisschen krächzend vor mich hin.

Will wieder Gesangsunterricht.

Vermutlich das vorletzte Mal meinen Semesterbeitrag an die Uni überwiesen.

Abends erst den Damen gegen Südafrika zugeguckt, dann den Herren bis 21 Jahre gegen Dänemark. Dazu Tomatensalat und Baguette mit Mozzarella überbacken. Im Tomatensalat war Basilikum vom Balkon! Es leben noch alle Pflanzen!

Im Bett noch ein bisschen gelesen, dabei in den Fußnoten wieder Bücher gefunden, die eventuell für die Diss lustig sein könnten und zack, wieder ne Stunde am Schreibtisch gesessen, dieses Mal im Schlafanzug. Ich werde nie fertigwerden.

Fehlfarben 21 – El Anatsui/Saul Leiter

Mal wieder vergessen, unser traditionelles Foto vom Tisch mit unseren Notizen und den Weingläsern zu machen. Wir lernen das noch!

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 78 MB, 97 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.00:50. Der erste Wein. Wir trinken heute Gewürztraminer.

00.02:22. Wir beginnen mit der ersten Ausstellung: El AnatsuiTriumphant Scale im Haus der Kunst. Die Ausstellung läuft noch bis zum 28. Juli und wir verbringen die nächsten 45 Minuten damit, euch zu erklären, warum ihr da unbedingt reingehen müsst. Ich glaube, der beste Grund, und wenn ich mich richtig erinnere, sagen wir das in irgendeiner Form auch alle mal während des Podcasts, ist: Sowas habe ich noch nie gesehen.

Ein Großteil der Werke von Anatsui besteht aus Flaschenverschlüssen bzw. den Banderolen aus Aluminium um den Flaschenhals. Dieses Ausgangsmaterial bearbeitet er: Er nutzt nur die kleine runde Fläche ganz oben am Korken, er walzt die Banderole platt zu glatten, schimmernden Rechtecken, die er wie Stoffstücke aneinanderfügt, er zerschneidet die Banderolen zu dünnen Ringen und verknüpft diese mit Kupferdraht zu Vorhängen, die uns an Kettenhemden und Zauberwälder erinnerten, vor allem, weil sie zehn Meter hoch von der Decke des Hauses der Kunst um uns herum hingen. Dieses so armselig scheinende Material verwandelt Ausstellungsräume in Landkarten, Zeittafeln, Festgewänder und Blumenmeere und hat uns über alle Maßen fasziniert.

Mein persönlicher Liebling, vor dem ich gefühlt ewig stand und zu dem ich nach einem Rundgang auch wieder zurückkehrte, war The Beginning and The End (2015), und man kann es auf Anatsuis Website erahnen (ich spreche im Podcast ab 20:20 min darüber). Wirklich erfassen kann man seine Werke allerdings nur, wenn man vor ihnen steht. Daher nochmal der dringende Tipp: hingehen.

Viele der Ausstellungsstücke erinnerten mich an eine uralte Kollegin, mit der ich vor nun fast 30 Jahren im Kino in Hannover zusammengearbeitet hatte. Sie hatte damals ein halbes Jahr Entwicklungshilfe in Ghana gemacht, und durch sie kannte ich einige Stoffmuster sowie das Spiel Oware, an das mich einige der Stücke Anatsuis erinnerten. Das letzte Mal, als ich von Sabine hörte, saß ich als Juniortexterin in einer Werbeagentur in Hamburg. Sie rief mich auf meinem Handy an – keine Ahnung, wie sie an die Nummer gekommen war, vielleicht über meine Eltern? – und wollte nur mal fünf Minuten mit mir reden. „Ich gucke gerade meinen Rolodex durch mit allen Namen und Nummern und überlege, wen ich weiter behalte.“ Wir klönten kurz miteinander, erinnerten uns an Dinge, die wir zusammen gesehen und gemacht hatten, stellten dabei fest, dass wir uns nicht mehr so irre viel zu sagen hatten, verabschiedeten uns voneinander, indem wir uns gegenseitig ein tolles Leben wünschten und das war’s.

Eins meiner lustigsten Geburtstagsgeschenke bis dahin war von Sabine gekommen: Sie hatte alle Nachrichten, die ich auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen hatte, auf eine Kassette überspielt. Hauptsächlich um mich daran zu erinnern, dass ich mal gesagt hatte, dass es endlich Sommer sei, wie geil. (Ich fand Sommer schon damals scheiße.) Die Nachricht hatte sie gleich dreimal hintereinander geschnitten.

Im Laufe unseres Daseins laufen wir irrwitzig vielen Menschen über den Weg, und Sabine ist einer von denen, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Ich denke oft an sie, kann sie aber nicht ergoogeln, weil mir ihr Nachname nicht mehr einfällt (ich meine, sie hatte bei der Heirat auch einen anderen angenommen, den ich erst recht nicht weiß). Egal, falls du das liest, Sabine aus Hannover, die ungefähr um 1992 rum in Ghana gewesen sein müsstest: Du warst etwas ganz Besonderes. Und bist es hoffentlich heute noch.

00.10.00. Die Dame, deren Name mir nicht einfällt, ist natürlich Chimamanda Ngozi Adichie. Ich erwähne, immerhin das Wort fiel mir noch ein, wax prints.

00.11:50. Felix spricht das Werk Logolili Logarithm (2019) an, das speziell für die Räume im Haus der Kunst gefertigt wurde. Das kann man im Flyer zur Ausstellung in der Gallery 2 sehen.

00.25:50. Der zweite Wein.

00.38:00. Der dritte Wein.

00.42:10. Wir sprechen auch noch über Anatsuis Holzarbeiten sowie seine völlig irre Keramik (mit Star-Wars-Referenz!). Ich zitiere einen Teil des Wandtextes, der von der „Ästhetik der Fragmentierung“ spricht und meiner Meinung nach die ganze Ausstellung sehr schön zusammenfasst. Aber gerade die Keramik. Felix erwähnt Anatsuis „innere Logik“, was ich auch für eine gute Beschreibung halte.

00.49:40. Eine letzte Verbeugung vor Okwui Enwezor, dessen letzte mitkuratierte Ausstellung das war (und der mit dem weiteren Kurator Chika Okeke-Agulu auch den Katalog noch mit herausgegeben hat); Felix nannte uns intern schon einen Enwezor-Fan-Podcast. Das mündet dann gleich in unser Fazit, das natürlich lautet: reingehen.

00.54:40. Die zweite Ausstellung: eine Retrospektive von Saul Leiter, der heute, nach seiner Wiederentdeckung 1997, als Pionier der Farbfotografie gilt. Die Ausstellung läuft im Kunstfoyer der Versicherungskammer in der Maximilianstraße noch bis zum 15. September, ist täglich geöffnet und koschdet nichts.

Leiter war in den 1950er Jahren schon an zwei kleinen Ausstellungen im MoMA beteiligt, allerdings mit Werken in Schwarzweiß. Farbe galt damals noch als Gestaltungsmittel für Werbung und ähnlichen low-brow-Kram, aber nicht für die hehre Kunst. Was man heute kaum noch fassen kann, gerade wenn man sich seine Bilder anschaut. Die Kunstwelt fand Farbe erst ab William Eggleston 1976 toll. Danke, Kunstwelt, du Quatschnase. Du bist schuld daran, dass der gute Herr Leiter sich sein Geld mit Werbung bzw. Modefotografie für unter anderem Harper’s Bazaar verdienen musste.

Über den Raum mit der Werbung rege ich mich dann wieder auf, weil er so fies vor Augen führt, wie sehr sein einzigartiger Blick verbogen wird für blöde Klischees und artifizielle Posen, die Frauen zu Dekostücken werden lässt – was in seinen Straßenaufnahmen nicht so ist. Selbst seine Akte sind eher auf Augenhöhe mit dem Fotografen als die in weite Wollmäntel gehüllten Models.

Wir sprechen wie immer über einzelne Werke, hängen aber für mich überraschend sehr an einem 15-minütigen Filmausschnitt fest, in dem der Mann druckreife Aphorismen von sich gibt. Einige stehen auch als Wandtext neben den Fotos, und jeder von uns hat sich seinen Liebling notiert. Meiner war: „Photographs are often treated as important moments but really they are little fragments of an unfinished world.“ Im Film meinte er auch noch, dass Fotografie uns das Sehen lernt, denn als (Street-)Fotograf*in geht man los, ohne zu wissen, mit was man heimkommt, während man als Maler*in oder Bildhauer*in vor einer leeren Leinwand oder einem Block Material hockt und selbst etwas beginnen muss. Fotografie sei eigentlich eher eine Reaktion statt einer Aktion. „It teaches you to appreciate all kinds of things.“ Womit ich wieder eine Lanze für Instagram und ähnliche Apps brechen will, auf denen ich eben nicht nur durch 17 Filter gejagte perfekte Bilder sehen möchte, sondern auch Schrott, Mittelschrott und Bilder, von denen ich vielleicht zuerst denke, bah, Schrott, aber dann ihre Schönheit würdigen kann.

00.58:00. Ich spreche darüber, dass ich Leiters Straßenfotografie so mag, weil sie eher die Stadt als die Menschen zeigt: die Muster, die Atmosphäre, die Bewegungen einer Stadt, und beschreibe zwei Bilder. Dann ballern wir uns mit den Lieblingszitaten zu, und ab 01.08:00 rege ich mich über die doofe Modefotografie auf – im Vergleich zu Leiters Street Photography. Es gibt tolle Modefotografie und seine ist natürlich auch toll, aber sie kackt halt so ab im Vergleich zum Rest seines Werks.

01.22:00. Wir sprechen über ein Selbstporträt und grüßen Collinas Erben.

1.31:00. Flo erinnert daran, dass der Film In No Great Hurry. 13 Lessons in Life with Saul Leiter, aus dem wir dauernd zitieren, auch in Gänze gesehen werden kann: Mittwoch, 17. Juli, 19:00 Uhr und Sonntag, 15. September, 17:00 Uhr im Jüdischen Gemeindezentrum am St.-Jakobs-Platz. Bitte anmelden.

01.33:00. Wir lösen die Weine auf: Wein 1 gefiel uns allen am besten.

Wein 1: Kuhlmann Platz Gewürztraminer Rosacker, Alsace AOP, Grand Cru, 2016, 13%, bei Hawesko für 20 Euro.

Wein 2: Weingut Kesselring Gewürztraminer trocken, Pfalz, 2018, 13%, bio und vegan, bei Wir Winzer für 8,50 Euro.

Wein 3: Domaine Dusenbach Gewürztraminer, Terroir Lieu-Dit Altenbourg, 2016, 13%, bei vinexus.de für 17 Euro.

Tagebuch Samstag, 15. Juni 2019 – Kümmelkäse? Echt jetzt, Thomas?

Ausgeschlafen. Balkonkaffee getrunken. Wie Frau Kaltmamsell (geschützt) twitterte: „Resistance was futile.“ Ich so: „I see that now.“

Das ist übrigens kein gegossenes Herz auf dem Kaffee, sondern ein Blob, der annähernd Herzform hat. Darunter ist ein verunglückter Farn.

Deswegen ist es morgens auf dem Balkon für mich so schön: Es ist SCHATTIG! Aber man kann schön weit gucken, und wenn ich Glück habe, ist in der Schule hinter der Baumreihe links von mir (nicht im Bild) gerade Unterricht. Was ich auch erst weiß, seit ich hier wohne: wie praktisch das ist, neben Schulen zu wohnen. Man hört ein paarmal am Tag die Pausenzeiten und damit einhergehend ein irrwitziges Stimmengewirr, aber ansonsten ist es total ruhig. Gerne wieder.

Die zweite Ausstellung für unseren Podcast angeschaut. Dorthin gelangte ich per U-Bahn, weil es auch in ihr schattiger ist als auf dem Rad, aber das bereute ich natürlich nach fünf Sekunden, denn sie war nicht klimatisiert und ich kam schon arg angeschwitzt an der Ausstellungslocation an. Da hätte ich auch radeln können.

Nach der Ausstellung zufrieden nach Hause gefahren und meinen Cold-Brew-Tee abgegossen. Das mache ich seit Tagen – irgendwer hat es mir auf Twitter empfohlen, ich habe leider vergessen wer. Teeblätter in die Kanne und statt mit kochendem oder heißem Wasser einfach kaltes draufgießen, zwei Stunden rumstehen lassen, abgießen, fertig. Schmeckt aromatischer als mit heißem Wasser aufgebrühter Tee, was mich völlig fasziniert. Mein geliebter Bünting-Ostfriesentee hat auf einmal eine zitronige Note, die ich noch nie rausgeschmeckt habe. Der Nilgiri ist äußerst weich und puschelig (fast schon charakterlos), und Earl Grey schmeckt wie immer, nur intensiver. Mehr Sorten habe ich noch nicht getestet, aber ich habe hier noch ein bisschen Zeug rumstehen. Orange-Ingwer, anyone?

Ich nutze dazu übrigens sehr unfeierlich das Wasser direkt aus dem Wasserhahn, nix mit abkochen oder so. Könnte man vermutlich, ist mir aber egal. Ich trinke seit Jahrzehnten Wasser aus dem Hahn anstatt Flaschen zu schleppen, und mir geht’s gut. (Wischt sich mit der dritten Hand den Schweiß von der Stirn.)

Dann auf dem Sofa gelesen. Zunächst ein bisschen in Postkoloniale Theorien, das ich mir aus dem Museumsshop im Haus der Kunst mitgenommen hatte. Die dekorieren da immer recht clever um, es gibt nicht nur die üblichen bunten Bilderbuchkataloge, sondern auch immer diverse theoretische Auseinandersetzungen mit den Themen der jeweils laufenden Ausstellungen. (Die Kunstgeschichte als Brotbelag habe ich übrigens nicht mehr gesehen, die lag letztes Mal noch direkt an der Kasse. Aber vielleicht liegt sie jetzt auch einfach woanders, ich habe nicht nach ihr gesucht.)

Zurück zu den postkolonialen Theorien: Ich bin noch nicht sehr weit, aber schon die anfänglichen Definitionen von Kolonialismus haben mich zum Nachdenken gebracht. Auch noch nie weiter hinterfragt, diesen Begriff, und ob es unterschiedliche Kolonienarten gab. Gab es.

Der Text beginnt mit der historischen Einordnung: „Als Schlüsseldatum für den Beginn der europäischen Expansion nach ‚Übersee‘ wird in der Regel das Jahr 1492 veranschlagt.“ Kolumbus, wisst ihr ja.

„Die ersten Kolonisatoren waren Soldaten, Abenteurer und Wissenschaftler, aber auch von Privatinvestoren unterstützte Geschäftsleute sowie Missionare und Siedler. Staatliche Protektion und Verwaltungsverantwortung für die besetzten und besiedelten Gebiete übernahmen die europäischen Nationalstaaten meist er in einer späteren Phase. Indien beispielsweise wurde erst im Jahre 1858 zur britischen Kolonie. […] Indien war eine ‚Beherrschungskolonie‘ und entsprach damit einem Kolonientyp, der in erster Linie der wirtschaftlichen Ausbeutung, der strategischen Absicherung imperialer Politik sowie nationalem Prestigegewinn diente, doch keine Besiedelung vorsah; ausgeübt wurde die koloniale Herrschaft dabei von temporär aus dem Mutterland entsandten Verwaltungsbeamten sowie von Soldaten und Geschäftsleuten. In der Kolonialismusforschung werden Beherrschungskolonien von ‚Stützpunktkolonien‘ sowie von ‚Siedlungskolonien‘ unterschieden. Stützpunktkolonien wie beispielsweise Hongkong oder Shanghai dienten dieser Einteilung zufolge der indirekten kommerziellen Erschließung eines Hinterlandes bzw. der informellen Kontrolle über formal selbständige Staaten. Siedlungskolonien hingegen hatten vor allem die billige Nutzung von Land und Arbeitskräften zum Ziel – wobei sich hier Kolonien des ‚neuenglischen‘, des ‚afrikanischen‘ und des ‚karibischen‘ Typs unterscheiden lassen. In den nordamerikanischen Kolonien ‚neuenglischen‘ Typs wurde die Ur- oder Erstbevölkerung, die als ökonomisch entbehrlich angesehen wurde, weitgehend verdrängt oder vernichtet; in den Kolonien ‚afrikanischen‘ Typs waren die Kolonisten abhängig von einheimischen Arbeitskräften, in den ‚karibischen‘ Kolonien hingegen basierte die wirtschaftliche Produktion auf Sklaverei, der Ausbeutung dorthin verschleppter Menschen aus Afrika.“

(Ina Kerner: Postkoloniale Theorien zur Einführung, Hamburg 2012, S. 21/22.)

Kerner weist auch auf den gezielten Einsatz von Gewalt hin: „Besonders drastisch war dies in Nordamerika: Aufgrund eingeschleppter Krankheiten, von Vertreibungen, Kriegen und Hungersnöten verringerte sich dort die Urbevölkerung während der ersten hundert Jahre europäischer Besiedlung um etwa neunzig Prozent.“ (S. 24)

Sie beschreibt danach kurz die Transformationsprozesse, die in den Kolonien (gewaltsam) stattfanden, erwähnt die teils willkürlichen Grenzziehungen, von der Kolonisationsmacht erdachte und meist in ihrer Sprache stattfindende schulische Ausbildung oder auch das bewusste Vorenthalten derselben, politische Entwicklungen, den institutionalisierten Rassismus und auch die Blockbildungen im 20. Jahrhundert vor allem in Afrika, wo westlich-demokratische gegen sozialistische Regimes in Stellung gebracht wurden. Auch die „Leugnung einer vorkolonialen Geschichte, die Unterstellung von Geschichtslosigkeit und mangelnder Zivilisiertheit“ als Rechtfertigung damaliger Kolonialisationsbestrebungen, aber auch heutiger Tourismusklischees werden in einer Reihe von Gründen für noch heute existente politische Probleme erwähnt.

Ich gebe noch zwei sehr kurze, ebenfalls einführende Titel weiter, die ich bisher oft in den Fußnoten gefunden habe und die ich mir mal in der Bibliothek anschauen werde: Jürgen Osterhammel: Kolonialismus: Geschichte, Formen, Folgen, München 1995 sowie Andreas Eckert: Kolonialismus, Frankfurt am Main 2006.

Zur Entspannung etwas Thomas Mann aus Doktor Faustus, wobei ich manchmal glaube, dass der Herr uns mit seinen Beschreibungen verarschen will.

„Ferner gedenke ich einer Stallmagd namens Hanne, einer Person mit Schlotterbusen und nackten, ewig mistigen Füßen, mit der der Knabe Adrian aus noch näher zu bezeichnendem Grunde ebenfalls eine nähere Freundschaft unterhielt, und der Verwalterin des Molkereiwesens, Frau Luder, einer haubentragenden Witwe, deren ungewöhnlich würdevoller Gesichtsausdruck zu einem Teil wohl der Verwahrung gegen ihren Namen galt, daneben aber auf die Tatsache zurückzuführen war, daß sie sich auf die Herstellung anerkannt vorzüglicher Kümmelkäse verstand. Sie war es, wenn nicht die Hausfrau selbst, die uns im Kuhstall bewirtete, diesem gütevollen Aufenthalt, wo unter den Strichen der auf dem Melkschemel kauernden Magd, die laue und schäumende, nach dem nutzbaren Tiere duftende Milch für uns in die Gläser rann.“

Ich steig jetzt auf Hafermilch um.

Abends den Podcast aufgenommen und davor mit äthiopischen Spezialitäten verwöhnt worden.

Eigentlich machen wir nach der Aufnahme die angebrochenen Weine leer, aber ich war müde, sehr verschwitzt und wollte nichts mehr trinken. Also ging ich vor F. nach Hause, riss dort alle Fenster auf, aber in dem Moment begann ein Gewitter, woraufhin ich Schisserin lieber unter die Bettdecke kroch. Die Natur ist mir unheimlich. Außer wenn ich mit Käffchen vom Balkon auf sie raufgucken kann.

Tagebuch Freitag, 14. Juni 2019 – Zeichnungen, WhatsApp-Foto, Gemälde

Einen schönen Vormittag gehabt mit einer tollen Ausstellung im Haus der Kunst, das übrigens gerade so aussieht – das ist Teil der Ausstellung:

… neuen Büchern aus dem Museumsshop, der ein Foto an der Kasse stehen hat …

… der Aussicht auf eine geheimnisvolle Kiste mit Protzen-Kram aus dem Depot des Lenbachhauses, von der auch die Kurator*innen noch nicht genau wissen, was drin ist („ganz viel Papier, stapelweise Aquarelle und Zeichnungen, ein paar Mappen und Skizzenbücher und verpacktes Material, dann auch ein paar nicht aufgezogene Leinwände“) und die ich mir übernächste Woche anschauen kann, ein paar Minuten an der Eisbachwelle, von der ich erst jetzt, als ich mal seitlich stand und nicht frontal, weil da gerade eine Baustelle ist, gemerkt habe, wie hoch das Ding eigentlich ist – und wie gerne ich einfach nur die Füße ins Wasser gehängt hätte …

… erfolgreichen Einkäufen, der Möglichkeit, F. eine kleine Freude zu machen, dem kurzen Bedauern, nicht mit dem Rad unterwegs gewesen zu sein, denn dann wäre ich gnadenlos durch den Brunnen am Stachus gelatscht und tropfnass nach Hause geradelt, aber in der Tram ist das vielleicht eher nicht so nett für die Umstehenden. Winterjacke aus der Reinigung geholt, frische Rosinensemmeln genossen und eine trotz 30 Grad draußen kühle Wohnung weil morgens clever verdunkelt und verschlossen.

Nachmittags ein Foto vom Schwesterchen per WhatsApp bekommen, das bei Papa in der Reha war. Von der Realität eingeholt worden und den Rest des Tages dementsprechend traurig verbracht. Immerhin: Die Pfleger*innen in der Reha haben ihm einen Bart stehen lassen und er sieht jetzt ein bisschen aus wie Jon Stewart. Ich habe Papa noch nie mit Bart gesehen.

Abends ein Gemälde auf Insta entdeckt, das mir sofort gefallen hat. In der Ausstellung am Morgen hatte ich wieder den Wunsch, spannende, einzigartige Dinge um mich herum haben zu wollen und meine Sparsamkeit in Bezug auf Kunst vielleicht wieder zu lockern. Mal sehen.


(Video für Timur Işik von Manuel Braun)

Tagebuch Donnerstag, 13. Juni 2019 – Stadtarchiv revisited

Entspannt aufgewacht, entspannt auf dem Balkon Kaffee getrunken, überhaupt sehr entspannt in den Tag gekommen.

Um kurz nach 9 war ich im Stadtarchiv, wo ich mir weitere Unterlagen zu den tausend Künstlervereinigungen hatte rauslegen lassen, in denen Protzen Mitglied gewesen war. Die neuen Sammlungen zur Zeitgeschichte bzw. die Zeitungsausschnittssammlungen waren so halbwegs ergiebig – ich konnte eher vergleichendes Material sammeln als direkt was zum Herrn Kunstmaler selbst. Aber es schadet ja nie zu wissen, wieviele Mitglieder ein Verein hatte und über welches Budget er verfügte, denn von einigen anderen Vereinen kenne ich schon Akten zu Darlehen oder Berichte über die Mitgliederentwicklung.

Über die Hauptversammlung des Reichsverbands bildender Künstler im März 1928 wusste die Münchener Zeitung zu berichten:

„Der erste Vorsitzende des RV, Bildhauer Hoene, gab in seinem Bereich ein anschauliches Bild über die Tätigkeit des Reichsverbandes. Er beleuchtete vor allem die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die des jungen Kunstschülers harren, sobald er einmal in den freien Wettbewerb eintrete. Mit allen Mitteln müsse vor dem Kunststudium gewarnt werden.“

Das passte ganz schön zu einem Zitat, was ich in einer der letzten Sitzungen gefunden hatte. Im Artikel ging es um die Diskussion, ob die schreibende Presse doch bitte netter über Künstler und Künstlerinnen berichten und nicht immer alles niederschreiben sollte. Wobei ich bisher noch keinen einzigen echten Verriss gefunden habe, und ich habe gefühlt 1000 Artikel durchgelesen. Anyway, here’s the Allgemeine Zeitung, 4.2.1929:

„Münchner kaufen ja so gut wie keine Bilder – jedenfalls nach der übereinstimmenden Aussage aller Wissenden viel weniger als das seiner kulturellen Pflichten in ganz anderer Weise bewußte rheinländische, hanseatische und Berliner Bürgertum. In diesen Liebhaberkreisen sowie im Ausland ist man aber seit langem weit kritisches Abwägen künstlerischer Werte gewohnt. Die bittere Erfahrung mit Amerika hat blitzartig die Lage erhellt und erwiesen, daß die Münchner Presse ganz andere Aufgaben hat, als nur darauf bedacht zu sein, die allgemeine ‚Gemütlichkeit‘ nicht zu stören, und dadurch Münchens sehr ungemütliche Vereinsamung und wirtschaftliche Verelendung zu fördern.“

Ansonsten las ich im Archiv noch einmal ein ganzes Konvolut an Artikeln, die ich schon einmal durchgesehen hatte, weil ich kompletter Dödel vergessen hatte, mir die Artikel-Überschriften zu notieren, und ich weiß nicht, ob mein Doktorvater damit glücklich ist, in den betreffenden Fußnoten nur die Zeitung, das Datum und eine lustige Archiv-Signatur zu finden. Aber wie das so ist mit Dingen, die man ein zweites Mal anschaut, fand ich natürlich noch Interessantes, was ich beim ersten Durchlesen übersehen hatte oder jetzt besser einordnen konnte.

„Bilder für das schöne Heim zu annehmbaren Honoraren!“ Ich grinse immer sehr über die Euphemismen in diesen Einladungskarten nach 1945, wo „20 bekannte Maler der älteren Richtung“ oder „Vierzig bekannte Meister der klaren Form“ übersetzt heißt: Wir malen nicht so einen neumodischen Scheiß, bei dem man nichts erkennen kann. Für mich ebenfalls interessant: wer auf diesen Einladungen namentlich genannt wird – und wer eben nicht. Denn natürlich sind das genau die Jungs, die auch schon vor 45 gemeinsam fabriziert und ausgestellt haben. Soviel zur Stunde Null. Aber das wisst ihr ja alle.

Nachmittags: Post, Einkaufen, Müsli mit Erdbeeren, langes Telefonat mit dem Mütterchen. Fehlgeschlagenes Telefonat mit dem Väterchen, kein Handyempfang im Reha-Gebäude, what the fuck?, aber wie meine Mutter danach noch meinte, sei er eh sehr müde und erschöpft gewesen und hätte vermutlich auch nicht so recht verstanden, was man ihm da für ein Ding ans Ohr hält und wer da rausquakt. Traurig gewesen.

Dafür abends mit F. auf dem Balkon gesessen, Pseudo-Waldorf-Salat gegessen (Hühnchen, Staudensellerie statt Knolle, Äpfel, Walnüsse, ein winziges bisschen Romanasalat, der da überhaupt nicht reingehört, aber wegmusste, Dressing aus Majo, saurer Sahne, Zitrone und Schnittlauch, weil frisch), den Rest des total unbeeindruckenden Rosés vom Wochenende ausgetrunken (von dem Winzer bestelle ich nix mehr), beim heimeligen Schummer der Lichterkette in die Nacht geguckt und uns ab 22 Uhr flüsternd unterhalten, weil ich weiß, wie sehr der ganze Innenhof mithören kann.

Tagebuch Mittwoch, 12. Juni 2019 – Mehr Blumen!

Ich wollte nach dem gestrigen Monstereintrag erstmal nicht mehr von meinem Balkon sprechen, aber ich kann ja nichts dafür, dass die irrtümlich und im Überschwang gekaufte zu große Dahlie jetzt einsam in der Ecke steht unter den herrlich bepflanzten Kästen. Dieser Einsamkeit musste ich entgegenwirken, und so setzte ich mich erneut in U-Bahn, U-Bahn und Bus, um zum Pflanzencenter zu fahren. Dort sollten zur üppigen Dahlie noch zwei kleinere Pflanzen kommen, damit so eine Art Treppenwirkung entsteht. Noch zwei und nicht nur eine, weil meiner Meinung nach Dinge in ungerader Zahl kombiniert immer besser aussehen als Dinge in gerade Zahl. (Bitte gehen Sie weiter.)

So stieg ich mit großer, blauer Ikea-Tüte im Rucksack und meinem neuen Buch in die Bahn. Den Idiot des Herrn Dostojewski mag ich spontan nicht weiterlesen. Der erste von drei Teilen hatte mir sehr gut gefallen, dann legte ich eine Pause ein und war verwirrt über die Wahl der weiblichen Hauptfigur, wer sie denn nun ehelichen dürfe. Das versprach Spannung, aber jetzt im zweiten Teil rühmt sich der Auserwählte gerade, dass er die Dame erstmal verprügelt habe und sie eventuell umbringen würde, weil ihm die Situation so auf die Nerven ginge, und daraufhin legte ich das Buch weg. Ja, auf derartigen Scheiß sollte man in älteren Romanen vorbereitet sein (leider auch noch in heutigen, aber da empört sich das Feuilleton wenigstens), aber ich mochte nicht mehr. Deswegen lese ich jetzt gerade Doktor Faustus von Thomas Mann. Mal sehen, was da alles Blödes passiert. Also neben dem Nazischeiß.

Beim Pflanzencenter schob ich total profimäßig und als ob ich seit Jahren nichts anderes tue, meinen Wagen in die Blumenabteilung und griff schnell zu: Neben meiner zartrosafarbenen Dahlie stehen jetzt noch eine weiße Begonie und ein blaues Männertreu, über dessen Namen ich mich schon beim ersten Kauf aufgeregt habe. Aber so hübsch!

Die Ikea-Tüte war ein gutes Transportmittel für die zwei Kunststoff-Übertöpfe sowie den einen kleinen aus Ton und die zwei Pflanzen. Ich stieg wieder in den Bus, der mich zur ersten U-Bahn brachte. Dort stieg mit mir eine Frau mit einem kleinen Kind im Wagen ein, das die ganze Zeit vor sich hinblubberte. Es freute sich besonders über die Stationsansagen über Lautsprecher und baute diese seltsamen Worte in sein Geblubber ein. Als dann die Station Poccistraße angekündigt wurde, kam der große Auftritt: Es sprach auf einmal nicht nur, sondern singsangte minutenlang „Pocci, Pocci, Pooocciiii“ in herrlichen Terzen vor sich hin. Alle Leute mit mir im Vierersitz grinsten großflächig. Dann war kurz Pause. „Mama?“ — „Ja?“ — „POCCI, POCCI, POOOCCIIII!“ Großes Gelächter. Ich werde an dieser Station nie wieder vorbeifahren können, ohne im Kopf zu singsangen.

Den Nachmittag verbrachte ich an der Dissertation. Nach dem Einstampfen der ersten Struktur, auf der ich bereits 64 Seiten produziert hatte, überlegte ich mir eine neue, die sich erstmal hervorragend anfühlte. Dann verließen mich aber Mut und Übersicht, um die bisher erarbeiteten Inhalte in die neuen Kapitel zu dengeln. Einen derart großformatigen Umbruch hatte ich noch in keiner wissenschaftlichen Arbeit, und so knödelte ich nur an Absätzen rum, ohne wirklich dahinterzustehen und trieb mich schließlich lieber noch ein bisschen in der Suchmaske von Stadt- und Staatsarchiv rum, wo ich Archivalien bestellte oder mir immerhin notierte, wo eventuell was für mich liegen könnte. Rechner ausgemacht und auf dem iPad Fußball geguckt, wo der Livestream von ARD und ZDF irritierenderweise deutlich seltener abkackt als auf dem MacBook.

Abends kam unglaublicherweise eine Textfreigabe, mit der ich schon gar nicht mehr gerechnet hatte. Irgendwie hatte ich diesen Text als eine ganzjährige Begleiterscheinung verinnerlicht, wo doch nur fünf Tage vereinbart gewesen waren. Aber: Er ist angeblich abgenickt und ich darf eine Rechnung stellen. Meine Kontakterin ist noch nicht ganz durch, denn die Grafik und die Programmierung der Website stehen noch an bzw. laufen natürlich schon längst nebenbei. Die Site, die im Mai online gehen sollte, kommt dann vielleicht im August. Ich nehme noch Wetten an, ob das wirklich so kommen wird.

F. schaute noch mit ein bisschen Feier-Bubbly vorbei (familiäre Ereignisse), ich war aber seltsamerweise nicht so recht in Stimmung für Champagner – vielleicht werde ich krank? – und wollte lieber schnell und alleine schlafen.

Der Balkon – Geschichte und Nutzung

Meine zwei Hamburger Nervensägen ärgern mich seit Tagen auf Instagram oder Twitter, wo ich total unschuldig von meinem neuen Leben auf dem Balkon berichte. Ich bin natürlich noch ängstlich und vorsichtig mit diesem „da draußen“. Aber ich werde nicht ernstgenommen!

Schätzekens – you woke the beast. Ich war gestern stundenlang im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, wo sich erstaunlich wenig Literatur zu Balkonen finden ließ, aber ich habe doch viel gelernt. Das könnt ihr jetzt auch! Bussi, bitches!

Was ist das denn überhaupt, dieser Balkon?

Wir beginnen mit einer braven Lexikondefinition: „Mit Balkon wird bezeichnet jede in einen begrenzten oder unbegrenzten Raum vor eine Wand vorgekragte Plattform, die von einem hinter dieser Wand liegenden Raum aus zugänglich ist und ringsum durch eine Brüstung abgeschlossen wird. Der Balkon ist gewöhnlich offen, kann aber auch geschlossen sein.“

Und wir unterscheiden ihn von anderen lustigen Gebäudeteilen: „Der geschlossene Balkon unterscheidet sich von einem Erker dadurch, dass er von dem hinter ihm liegenden Innenraum abgesondert ist und nicht ein gemeinsames Ganzes mit ihm bildet, von einer Loggia dadurch, dass er nicht in den Baukörper einspringt.“ (Beide Zitate Isermeyer 1937, Literatur siehe ganz unten am Ende. Irgendwann werde ich Fußnoten in diesem Blog haben. Aber nicht heute.)

In eben diesem Lexikonartikel wird der Beginn der Balkongeschichte ins 1. Jahrhundert n. Chr. gelegt. Thomas Lauer schreibt hingegen im Ausstellungskatalog Balkone. Eine Ausstellung der Handwerkspflege in Bayern von 1991, dass Prätor Caius Menius am Forum Romanum 318 v. Chr. „einige aufgehängte Loggien als Theatertribünen errichten ließ, die die Vorgänger der Balkone gewesen sein sollen. Aber auch die Haus-Urnen der Etrusker zeigten schon kleine Loggien, die durchaus die Priorität für sich beanspruchen könnten, wenn Aristoteles nicht schon an ein Athener Gesetz aus dem Jahr 403 v. Chr. erinnert hätte, das vorschreiben wollte, daß ‚kein Balkon errichtet werden soll, der auf die Straße hinausragt‘.“ (S. 57) Isermeyer betont in seinem Lexikonartikel allerdings, dass es schwierig sei, die Geschichte der Balkone zu schreiben, weil es im Laufe der Jahrhunderte diverse, sich ähnelnde Bauformen mit unterschiedlichen Bezeichnungen gegeben habe, die schwer voneinander zu trennen seien.

Sowohl Isermeyer als auch Lauer erwähnen die Balkone im mittelalterlichen Festungsbau, wo sie als Pechnasen, Wehrgänge und Abtritte genutzt wurden.

Lauer beschreibt zudem Balkone in Mesopotamien und der antiken Stadt Tello, wo vermutlich eher geschlossene Balkone am Palast des Sumerers Gudea angebracht waren. Ich erinnere mich an meine einzige Vorlesung zu islamischer Baukunst, wo ich die ebenfalls geschlossenen Balkone im Osmanischen Reich bzw. der heutigen Türkei kennengelernt habe, die mit verzierten Holzgittern vor den Blicken der Vorbeiflanierenden schützen. Diese geschlossenen Balkone finden sich auch in Indien.

Das 19. Jahrhundert, der alte Game Changer mal wieder

Balkone an bürgerlichen Häusern anstatt an militärischen Anlagen oder Adelspalästen sind im westlichen Europa noch eine relativ junge Erscheinungsform: Erst seit dem Klassizismus wurden sie regelmäßiger als Gestaltungselement genutzt und „kamen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zur vollen Entfaltung.“ (Nickl 1991, S. 71). Sie befanden sich meist im ersten Stock, der sogenannten Belle Etage, dem Stockwerk, „das seit dem Barock traditionsgemäß das Nobelstockwerk war und nunmehr meist dem Hausbesitzer zu Wohnzwecken diente.“ (Klein 1991, S. 33) Klein beschreibt den Zwittercharakter dieses Gebäudeteils: Er liegt sowohl innen als auch außen, man hält sich nicht allzulange auf ihm auf, teils um nicht als neugierig zu gelten, teils auch, um sich selbst nicht „von den Nachbarn auf die Teller sehen zu lassen“; der Balkon dient einerseits der Erholung an der frischen Luft, aber andererseits auch als vernachlässigte Abstellfläche. (Klein 1991, S. 33)

Über den Charakter von Balkonen schreibt auch Tom Avermaete in Rem Koolhaas’ Monsterbrocken Elements of Architecture, ein Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung auf der Biennale in Venedig 2014 aka ein gut 2.300 Seiten dickes Coffee Table Book.

„Unlike its cousins, the terrace and the logggia (dubbed by modernists as the ‚street in the sky‘), the balcony projects […] from the facade. This is the essence of the balcony’s strange state of exception: it is both inside and outside, private and public, an architectural crescendo and totally superfluous. […]

In Europe, the rise of the middle classes diffuses the balcony’s monarchical association, tilting it towards leisure and urban display – seeing and being seen. Balconies proliferate along Haussmann‘s wide Parisian boulevards – to the intense displeasure of critic Quatremère de Quincy, who thinks they are a crass fashion violating centuries of architectural order.“ (Avermaete 2018, S. 1075)

Diese angesprochene „architektonische Ordnung“ spiegelte die veränderte gesellschaftliche Ordnung wider, wie Lothar Binger und Susann Hellemann in einem Ausstellungskatalog zu Berliner Balkonen schreiben: „Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der Berliner Balkon – zentral über dem Eingang angebracht – eine Repräsentationsfunktion zu erfüllen und blieb ein ins Auge springender, ‚hervorragender‘, wenn auch kahler, unbegrünter Schmuck des herrschaftlichen Hauses. Dieser Zentralbalkon war vor allem an Adelspalästen und an vornehmen Bürgerhäusern zu finden. Aber kein Bürger hätte es sich im 18. Jahrhundert in der Zeit noch ungebrochener Adelsherrschaft angemaßt, auf diesem Zentralbalkon Platz zu nehmen, sich zu zeigen und von oben herab andere, auch ‚Personen von Stand‘ zu beobachten.

Die zögernde bürgerliche Nutzung der Berliner Balkone begann im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, und ihr gingen tiefgreifende wirtschaftliche und politische Veränderungen voraus. Die Französische Revolution von 1789 hatte die alten absolutistischen Monarchien Europas erschüttert. Ihre Auswirkungen auf die preußische Residenzstadt Berlin nahmen jedoch erst 1806 dramatische Gestalt an, nachdem der preußische Staat unter dem Ansturm der napoleonischen Armeen zusammengebrochen war. Der königliche Hof verließ fluchtartig Berlin, und die Berliner hatten über zwei Jahre lang eine überaus harte französische Besatzungszeit zu ertragen. Nach dem vollständigen Zusammenbruch des Staates waren die alten Verwaltungsstrukturen und Machtverhältnisse nicht länger aufrechtzuerhalten. Als ersten wurde 1807 die Erbuntertänigkeit der Landbevölkerung aufgehoben. Viele Landleute drängten in die Städte – vor allem nach Berlin.“ (Binger/Hellemann 1988, S. 21)

Der Text beschreibt dann die wirtschaftliche Rückständigkeit der Stadt, vor allem in der Textilbranche im Vergleich zu England, sowie das entstehende städtische Elend durch den Zuzug der Menschen vom Land.

„Anderseits bildete sich nach den Befreiungskriegen eine Schicht wohlhabender Bürger, die das kulturelle Erscheinungsbild Berlins zu prägen begannen. […] Die Häuslichkeit wurde zum Angelpunkt des Lebens, kultivierte Innerlichkeit und harmonisierende Idylle drückten sich in wissenschaftlicher Betätigung, in geselligen Zirkeln, in unverbindlicher politischer Debatte, in Gefühlsseligkeit, Naturverbundenheit und dilettierenden Künsten der Salons aus.“(Binger/Hellemann 1988, S. 22)

Exkurs: Dilettantismus (bin ich bei meiner privaten Lektüre gerade drübergestolpert, gleich mal zitieren)

Ein kleiner Schlenker zum Begriff des Dilettantismus, der anscheinend gerade auf Facebook und YouTube wieder en vogue wird:

„Die Begriffe ‚Dilettant‘ und ‚Dilettantismus‘ [haben] seit dem 18. Jahrhundert, als sie aus England importiert wurden, mehrere Bedeutungsschwankungen durchgemacht […]. In der Weimarer Klassik – bei Karl Philipp Moritz, Goethe und Schiller – hatte der Begriff Dilettant einen überwiegend abwertenden, kritischen Sinn. Der Dilettant war der exemplarische Nicht-Künstler: halb Liebhaber, halb Stümper. […] Nach der Goethe-Zeit jedoch erfuhr der Begriff hier und da eine energische Aufwertung, etwa bei Arthur Schopenhauer, der den Dilettanten auf dem Feld der Wissenschaft und Philosophie höher stellte als den Gelehrten vom Fach. Diese Sicht der Dinge machte sich niemand entschiedener zu eigen als Houston Stewart Chamberlain […] Obwohl von Hause aus Naturwissenschaftler, verstand er es, sich das Ansehen eines über den Einzelwissenschaften stehenden, alle Aspekte der Kultur, Religion und Politik souverän überblickenden Universalgenies zu geben.“

Genie war im 18. Jahrhundert das Gegenstück zum Dilettant – der Geniebegriff verfolgt gerade die Kunstdiskussionen bis heute, die Nervensäge. Hier noch Chamberlains super Erklärung, womit wir wieder bei den Impfgegnern und Sandy-Hook-Verschwörern wären: „Den Vorteil des Dilettantismus beschreibt Chamberlain dahingehend, dass eine umfassende Ungelehrtheit einem großen Komplex von Erscheinungen eher gerecht werden, dass sie bei der künstlerischen Gestaltung sich freier bewegen als eine Gelehrsamkeit, welche durch intensiv und lebenslänglich betriebenes Fachstudium dem Denken bestimmte Furchen eingegraben hat.‘“ (Beide Zitate Vaget 2017, S. 92)

Jetzt kommen endlich die Blümchen dran! Und drauf.

Schlenker Ende. Zurück ins Berlin des 19. Jahrhunderts: Kaffeehäuser und Konditoreien wurden zu Treffpunkten von politisch Interessierten, blieben aber auch unpolitischer Rückzugsort. „Das Gros der Berliner Kleinbürger begnügte sich mit dem Meckern über die Obrigkeit, mit Stoßseufzern über die bedrückenden Verhältnisse und beobachtete distanziert das öffentliche Geschehen, statt sich aktiv zu beteiligen. […] Diese beobachtende Haltung wurde schließlich Voraussetzung dafür, dass man Balkone zu nutzen begann, von denen das städtische Geschehen zurückgezogen beobachtet werden konnte.

Mit dieser Balkonnutzung eignete sich der Bürger verstohlen eine Öffentlichkeit an, die bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts noch aussschließlich den Interessen des Adels vorbehalten war. Die Balkonnutzung und Begrünung begann auch nicht auf den Repräsentationsbalkonen, sondern weniger auffällig auf rückwärtig gelegenen Balkonen.“ (Binger/Hellemann 1988, S. 22) E.T.A. Hoffmanns Des Vetters Eckfenster stellte diese Neigung des Bürgertums, die Welt aus einer geschützten Nische zu beobachten, dar.

So, hier, aufgepasst, jetzt kommt meine Lieblingsstelle:

„Nach den Befreiungskriegen wurden um 1820 mit dem Beginn des Biedermeiers zum ersten Mal Balkone mit Pflanzen geschmückt. Das um 1800 entstandene romantische Naturgefühl und eine starke Verbundenheit des Menschen mit der Landschaft drückten sich in einer Zuneigung zur niederdeutschen Ebene, zum Havelland und zum Spreestrom aus. Schinkel machte als der die folgenden Jahrzehnte bestimmende klassizistische Baumeister mit seinen Bauwerken das Verhältnis Landschaft und Stadt zum Thema. Lenné gestaltete als Landschaftsarchitekt die bestehenden weitläufigen Parkanlagen wie den Tiergarten, schuf die Grundlagen für später angelegte Stadtparks und begrünte verschiedene Stadtplätze: 1824 Leipziger Platz, 1842 Belle-Alliance-Platz, 1845/46 Opernplatz etc.“ (Ebd., S. 29) Einschub: Der Englische Garten in München war mit 1789 einen Hauch früher dran.

„In jenem Zeitraum breiteten sich auch liebevoll bepflanzte Gärten aus. Die Stadt wurde zaghaft grün, von den Plätzen zu den Gärten bis hinab zu den Blumenfenstern und schließlich zu den Balkonen. Vorläufer des blumenliebenden Balkonnutzers war der ‚Blumist‘, der aber seiner Neigung – wenn überhaupt – nur auf einem Fensterbrett nachkommen durfte. Er lebte dabei in ständiger Unsicherheit; denn in den Mietverträgen jener Zeit war ausdrücklich untersagt, das Mauerwerk durch herabfließendes Wasser zu beschädigen. Zuwiderhandlungen wurden mit sofortiger Exmittierung bestraft.“ (Binger/Hellemann 1988, S. 29)

BLUMIST! Mein Wort des Tages.

„Die schöne Aussicht als Naturerlebnis und der sehnsuchtsvolle Blick in die Ferne wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum bestimmenden Motiv, Balkone zu bauen und zu nutzen.“ Aber es war „zu jener Zeit [bis in die 1850er Jahre hinein] noch unüblich, sich auf dem Balkon niederzulassen und sich häuslich einzurichten. Der Aufenthalt beschränkte sich wohl nur auf einen kurzen Augenblick und Ausblick.“ (Ebd., S. 30)

Ende des Jahrhunderts ließen viele Stadtbewohner ihre Balkone geradezu überwuchern: „Die Laube über dem Balkon verschloss den Blick vor der steinernen Umgebung.“ (Ebd., S. 39) Um 1900 gab es die ersten Tipps, was genau man anpflanzen könnte – und die ersten Wettbewerbe wie in Steglitz, das 1900 vermutlich als erste Stadt des Deutschen Reichs einen jährlichen Balkonwettbewerb ausrief, weil attraktiver und üppiger Balkonschmuck durchaus auch dem Fremdenverkehr nützlich war. (Ebd., S. 40) 1912 entstand der Begriff des „Nützlichkeitsbalkons“, der spätestens im Ersten Weltkrieg wieder wichtig wurde: „In den Tageszeitungen [wurden] gelegentlich Empfehlungen für den ‚Kriegsgemüseanbau‘ auf dem ‚Berliner Kriegsbalkon‘ zu lesen, die aber von Gartenbaufachleuten als unseriös zurückgewiesen wurden. “(Ebd., S. 41)

Hier könnte jetzt noch eine riesige Abhandlung zu Balkonen in Gemälden stehen, aber das machen wir wann anders. Vielleicht den Manet als Beispiel, der geht ja immer. Dieser Blogeintrag ist schon wieder länger als meine Hausarbeiten im Bachelor.

Gesundheit, Politik, Werbung und Individualismus

„At the turn of the 20th century, medical theories associated the balcony with improved health and hygiene. In his novel The Magic Mountain, Thomas Mann employs the balcony of an Alpine sanatorium as metaphor for the moth-eaten world of European intellectual culture: lofty and detached, inhabited by those too fragile for the pungent reality below. As Mann wrote his massive book, the First World War shattered the contemplative universe of the balcony.“ (Avermaete 2018, S. 1075)

In den 1920er-Jahren begann der Balkon allmählich, zu einer Erweiterung des Innenraums zu werden. In den 1928 erlassenen „Richtlinien für die Arbeiten der Architekten an Wohnungsbauten der Stadt Berlin“ stand zu lesen: „Ihre architektonische Verteilung soll eine Folge der guten Bewohnbarkeit sein, d. h. die Balkone und Loggien dürfen nicht willkürlich wegen der Fassadenwirkung verteilt sein, sondern sollen sich aus dem Grundriss organisch ergeben.“ (Binger/Hellemann 1988, S. 43.) Balkone von Bürogebäuden oder Kaufhäusern wurden als Pausenplatz erobert – man hielt sich inzwischen länger auf ihnen auf. Und: Der Balkon wurde wieder politisch.

„Between the First World War and fascism, [the balcony] becomes a stage from which to orchestrate mass spectacle. The balcony positions the leader in direct, visible connection with the masses, but elevated above them. In the 1930s, Mussolini reanimates a medieval balcony type, the arengario, having them constructed wherever he might go.

The balcony-as-platform persists in the postwar world, but loses its centrality: after lending itself so willingly to demagoguery, the balcony as it was – singular, domineering – is thoroughly descredited (“Enough with the balcony!” became a slogan of Italian anti-fascist politics). TV and other media supersede the balcony appearance as a means of image-making, and the micro-managed nature of modern politics doesn’t make for compelling balcony scenes (though Latin-American populism, c. f. Evita, still makes a strong case for the political balcony).“ (Avermaete 2018, S. 1075)

Im Balkon-Kapitel von Avermaete folgen dann diverse Fotoseiten mit Balkonen, darunter auch demokratische Führer*innen, die huldvoll von Balkonen runterwinken. Erwähnt wird auch das Attentat bei den Olympischen Spielen in München, bei denen eins der inzwischen ikonischen Fotos einen der maskierten Terroristen auf einem Balkon des olympischen Dorfs zeigt. Auch ein Bild von Assange auf einem der Winzbalkone der Botschaft von Ecuador in London ist zu sehen, sowie POTUS und FLOTUS, die vom Weißen Haus runterwinken, Michael Jackson mit Baby in Berlin und natürlich die Egoíste-Werbung von Chanel.

Ebenfalls spannend: wie sehr Balkone in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg bewusst als architektonisches und soziales Bauelement gesehen wurden. Zitiert wird der Soziologe Daniel Bell, der 1956 meinte, dasss Balkone die Möglichkeit eines „sense of individual self in our mechanized society“ brächten. (Avermaete 2018, S. 1187) Und weil das hier ein Blogeintrag und keine Masterarbeit ist, gibt’s keine hundert Beispiele, sondern nur zwei Links, nämlich auf die Torres Blancas in Madrid (1969) und Les Choux (1972). Das Kapitel zu post-colonial balconies ist auch super, aber dafür müsst ihr bitte selbst in die Bibliothek gehen.

In „The Return of the political balcony“ beschreibt Avermaete den Wechsel vom bewohnten Abstell- oder Pausenbalkon zum bewusst begrünten Balkon, der aus ökologischen und wirtschaftlichen Gründen (Selbstversorgerbalkon) nun eine andere politische Komponente hat. Es geht nicht mehr um die großen Reden, die von ihm geschwungen werden, sondern um die individuelle Weltverbesserung.

Auch die Nicht-Sichtbarkeit, das verborgene Beobachten, das Ende des 18. Jahrhunderts so wichtig war, hat sich geändert: Gerade bei Luxuswohnungen werden Balkone heute bewusst transparent gestaltet, um herzeigen zu können, was man hat. In Mumbais Aquaria Grande wurde das 2012 auf die Spitze getrieben – durch Balkonpools, die es allerdings schon 1977 im Condomínio Edifício Penthouse in Sao Paulo gegeben hatte, was damals als deutlicher Riss zwischen Arm und Reich gedeutet wurde. Würde ich, gerade auf Mumbai bezogen, auch heute so stehenlassen.

Über die politischen und historischen Implikationen dieses kleinen (oder auch riesigen) Gebäudeteils hatte ich noch nie nachgedacht. Well played, Hamburgnasen. Die Blumistin geht jetzt wieder an die frische Luft.

Wir schließen mit Musik:


(Manic Street Preachers – A Billion Balconies Facing the Sun)

Literatur:

Tom Avermaete: „Balcony“, in: Rem Koolhaas: Elements of Architecture, Köln 2018, S. 1072–1251.

Lothar Binger/Susann Hellemann: Von Balkon zu Balkon. Berliner Balkongeschichten, Buch zur Ausstellung in der Galerie im Körnerpark vom 2. Oktober bis 6. November 1988, Berlin 1988.

Christian-Adolf Isermeyer: „Balkon“, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. I (1937), Sp. 1418–1423; abrufbar unter www.rdklabor.de/w/?oldid=89071 [11.6.2019].

Dieter Klein: „Der Balkon in der Wohnhauskultur des 19. Jahrhunderts“, in: Kat. Ausst. Balkone. Eine Ausstellung der Handwerkspflege in Bayern, Galerie Handwerk München, München 1991, S. 31–54.

Thomas Lauer: „Planung und Gestaltung von Balkonen“, in: Kat. Ausst. Balkone. Eine Ausstellung der Handwerkspflege in Bayern, Galerie Handwerk München, München 1991, S. 55–63.

Peter Nickl: „Eine Reise durch Balkonien“, in: Kat. Ausst. Balkone. Eine Ausstellung der Handwerkspflege in Bayern, Galerie Handwerk München, München 1991, S. 67–87.

Hans Rudolf Vaget: „Wehvolles Erbe.“ Richard Wagner in Deutschland – Hitler, Knappertsbusch, Mann, Frankfurt am Main 2017.

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1000 Fragen, 241 bis 260

(Ich paraphrasiere Christian: „Die Fragen stammen ursprünglich aus dem Flow-Magazin, Johanna von pink-e-pank.de hat daraus eine persönliche Blog-Challenge gemacht, und Beyhan von my-herzblut.com hat das PDF erstellt.“)

241. Fühlst du dich im Leben zu etwas berufen?

Nein. Ich arbeite daran, zufrieden und ein halbwegs netter Mensch zu sein, das muss reichen.

242. Bist du nach etwas süchtig?

Ich empfände mein Leben als ärmer ohne Schokolade, Mittagsschläfchen und Internet, aber wenn der Weltfrieden davon abhängt, könnte ich auf die drei Dinge verzichten.

243. Wessen Tod hat dich am meisten berührt?

Karls.

244. Wie würde der Titel deiner Autobiografie lauten?

„Was weg ist, ist weg.“

245. In welchem Maße entsprichst du bereits der Person, die du sein möchtest?

Ich finde mich ziemlich okay. Ja, ich wäre gerne schlauer und begabter, aber das kann ich mir halt nicht antrainieren. Ich kann aber versuchen, gebildeter und nachsichtiger zu werden.

246. Wann muss man eine Beziehung beenden?

Man muss gar nichts. Und ich muss auch nichts. Ich habe bisher Beziehungen beendet – immer im gegenseitigen Einvernehmen –, wenn aus Liebe Freundschaft geworden war. Auch nicht das Schlechteste, möchte ich erwähnen.

247. Wie wichtig ist dir deine Arbeit?

Kommt drauf an. Wenn sie nur dazu da ist, die Miete zu bezahlen, erledige ich sie gewissenhaft und innerhalb der Deadline. Wenn ich bei ihr etwas lerne, erledige ich sie begeistert und viel zu gründlich. *erinnert sich an die ausufernden Literaturverzeichnisse in den universitären Hausarbeiten und guckt auf ihre acht Millionen Zubereitungsarbeiten für Kaffee (ja, das begann als Job)*

248. Was würdest du gern gut beherrschen?

Auf Zehenspitzen stehen. Das kann mein rechter Fuß ja leider nicht mehr.

249. Glaubst du, dass Geld glücklich macht?

Es beruhigt zumindest sehr.

250. Würdest du dich heute wieder für deinen Partner entscheiden?

Prima Partner, gerne wieder.

251. In welcher Sportart bist du deiner Meinung nach gut?

Ich kann gehen, schwimmen und radfahren. Ganz klar Triathlon.

252. Heuchelst du häufig Interesse?

Häufig? Hm. Ich heuchele Interesse, wenn mir an den Menschen etwas liegt, die mich gerade langweilen. Bei allen anderen reicht die Geduld für fünf Minuten Smalltalk und dann beende ich das (Griff zum Buch, Griff zu den Kopfhörern, „Ich hol mir mal was zu trinken“, „Ich muss hier aussteigen“).

253. Kannst du gut Geschichten erzählen?

Ich behaupte ja. Reicht aber nicht für ein Buch, nur für Unterhaltungen im Biergarten. Passt schon.

254. Wem gönnst du nur das Allerbeste?

Mir. Meiner Familie. Allen, die ich mag, schätze, liebe, verehre. Aber eigentlich wäre es nett, wenn es allen Menschen gut gehen könnte. Warum geht das eigentlich nicht?

255. Was hast du zu deinem eigenen Bedauern verpasst?

Die Europapokalspiele vom FC Augsburg, weil mir damals der FC Augsburg noch egal war.

256. Kannst du dich gut ablenken?

Von allem, immer. Außer von Zahnschmerzen.

257. In welcher Kleidung fühlst du dich am wohlsten?

Jeans, T-Shirt, Sneakers, Hoodie. Zuhause Leggings, barfuß, kein BH.

258. Wovon hast du geglaubt, dass es dir nie passieren würde?

Einen Uni-Abschluss zu haben.

259. Würdest du gern zum anderen Geschlecht gehören?

Nicht ständig. Aber mal gucken, wie das so ist, von Telekomtechnikern und Automechanikern automatisch als kompetent wahrgenommen zu werden und Jacken mit 80 Taschen zu haben, würd ich schon gerne mal. Nein, die Faszination des Im-Stehen-pinkeln-könnens hat sich bei mir mit fortschreitendem Alter erledigt. Auf Zugklos kommt sie manchmal wieder. (Bitte sagt mir, dass sich alle Männer im Zugklo hinsetzen, BITTE!)

260. Wer nervt dich gelegentlich?

Ich mich selbst, wenn ich mich in meinen eigenen Gedankengängen verzettele oder Probleme sehe, wo keine sind. Alle, die in der U-Bahn nicht bis in die Mitte durchgehen. Leute, denen an der Supermarktkasse erst nach dem Verstauen der Einkäufe einfällt, dass sie eventuell bezahlen müssen. Laute Menschen mit einem Musikgeschmack, der mit meinem nicht kompatibel ist. Rauchende Menschen, die neben mir sitzen, selbst wenn sie nicht rauchen. Dinge, die nicht funktionieren, wenn ich davon ausgehe, dass sie es gefälligst immer tun (Rolltreppen, mein Drucker, W-LAN).

Tagebuch Samstag/Sonntag, 8./9. Juni 2019 – Pfingstbalkon

Viel Fußball der Frauen-WM geguckt. Hat Spaß gemacht, den Damen zuzusehen. Bisheriges Lieblingsspiel: Australien gegen Italien, bei denen mir anfangs egal war, wer gewinnt. Irgendwann schlug ich mich auf die Seite der biestigen Italienerinnen, die tollerweise in der 95. Minute noch den Siegtreffer erzielten.

Samstag abend das gemacht, von dem mir immer alle erzählt haben, dass es so toll sei: mit einem Buch und einem Glas Wein auf dem Balkon gesessen. Ich ahne, dass spätestens nächstes Jahr hier ein Lounge Chair stehen wird, denn auf meinem rausgetragenen Küchenstühlchen kam ich mir etwas seltsam vor. Aber auch so habe ich es etwas überrascht durchaus genossen, draußen rumzusitzen (natürlich erst, als die Sonne weg war), über das Geländer in den begrünten Hinterhof zu gucken und irgendwann die Lichterkette anzuknipsen. Irritierenderweise hatte ich total Lust auf eine Zigarette, aber glücklicherweise keine in der Nähe.

Den ganzen Samstag über habe ich am Küchenfenster gestanden und von dort auf meine Balkonblumen geschaut. Das war so schön! Hätte ich nicht gedacht, wie glücklich ein paar Farbflecke so machen können. Ich bemühe mich noch, sie nicht alle fünf Minuten zu gießen, und flüstere deutlich zu oft „please don’t die, please don’t die“, aber sie sehen ganz zufrieden aus, sofern Pflanzen zufrieden aussehen können.

Samstag und Sonntag abend waren Rammstein im Olympiastadion. Ich hatte das natürlich erst mitgekriegt, als es längst ausverkauft war. F. hatte mehr Glück und bekam spontan eine Karte. Er und weitere posteten Bilder der Pyroshow aus dem Stadion, während ich seit vorgestern über einen Tweet gackere, der das Stadion dabei von außen zeigt.

Sonntag morgen saß ich dann SCHON WIEDER AUF DEM BALKON! Irgendwas ist mit mir passiert, als ich 50 geworden bin, glaube ich. Ich saß da total instamäßig mit schickem Flat White und frischgepresstem Orangensaft (ernsthaft!), knipste aber stattdessen meine Blümchen. Ich gebe mir noch eine Woche, und dann werden die restlichen Geländermeter mit noch zwei Kästen vollgeballert.

Nach dem Frühstück und ein bisschen Zeitungslektüre dachte ich, und ich konnte das selbst kaum glauben, ach, das ist ja gerade ganz nett, so draußen. Hey, setz dich doch auf dein Fahrrad und fahr irgendwo hin, wo man ein bisschen spazierengehen kann. Und ehe ich mir das selbst wieder ausreden konnte, war ich zum Alten Südfriedhof geradelt, las Grabsteine, instagrammte und spazierte in der Gegend herum. BEI SONNENSCHEIN!


Ich mag das Motiv der abgebrochenen Säule (also die sich nicht fortsetzende Lebenslinie) sehr gern.


Mal wieder dem Grandmaster of Munich Hallo gesagt. Wie ich schon auf Instagram schrieb: Wenn man sich ein bisschen mit der Stadtgeschichte Münchens beschäftigt, was nicht ausbleibt, wenn man hier ein historisches Fach studiert, ist der Alte Südfriedhof ein einziges Namedropping.

Ich lernte aber auch Menschen kennen, die ich vorher nicht kannte: Konrad Maurer zum Beispiel.

Oder Frau Seiler, von der ich einfach mal vermute, dass sie viele Kinder zu Grabe tragen musste und dann nach der Geburt des letzten mit gerade mal 32 selbst verstarb. Während der Herr Malzfabrikant neu heiratete und selbst seine zweite Frau überlebte und ich reg mich hier gerade 100 Jahre zu spät auf.



Ich kann kein Griechisch, aber hat der Stein irgendwas mit der bayerisch-griechischen Geschichte zu tun?

(Edit: Richtig geraten, danke, @Annealenaplurabelle auf Instagram: „Der Stein mit der griechischen Inschrift ist das Grab von Ilias Mavromichalis, Neffe des Petrobey, begleitete den König (Otto I) nach München und starb dort an Cholera. Laut Wikipedia gibt es sogar ein Grablied. / Ich zitiere:
„Da liegt er nun, der große Held,
Alt sechs und dreissig Jahre,
Und eine schwere Thräne fällt
Auf seine Todtenbahre
Von König Ottos Aug herab,
Das unterm Thränenflor sich ab
Von seinem Liebling wendet.“ (Klar auch, dass es für Therese Seiler kein Grablied gibt.)“

Nachmittags Fußball, abends dann mit F. auf dem Balkon … ähem. Caesar Salad mit Hähnchen, Knoblauchbaguette und ein äußerst unspektakulärer Riesling.

Tagebuch Freitag, 7. Juni 2019 – Blümchenkaufen

Meine Kontakterin meinte Anfang der Woche launig, jetzt sollte der Kunde den Text aber wirklich freigeben, an dem wir seit geschlagenen acht Wochen rumhühnern, am Freitag kannste bestimmt endlich ne Rechnung schreiben. Ich läutete daher die Pfingstferien einen Tag früher ein, nahm mir nichts vor und stellte mir keinen Wecker. Ich wurde trotzdem recht früh wach, lüftete, bezog das Bett neu, verdunkelte dann die Wohnung und schloss alle Fenster, damit die herrliche Morgenkühle möglichst lange erhalten blieb. Dann bloggte ich, frühstückte, las Zeitung und finalisierte schließlich meinen Einkaufszettel, denn F. hatte sich für nachmittags das Auto seines Mütterchens geliehen, damit wir gemeinsam zu einem Gartencenter fahren konnten.

Eigentlich hatte ich seit Monaten Bücher und Blogs gelesen, um bei meiner ersten Balkonbepflanzung auch ja alles richtig zu machen, aber dann kam Väterchens OP (er ist noch in der Reha), eine Menge Orgakram und Zeug, und daher versäumte ich den kompletten Mai, der, soweit ich weiß, der beste Monat ist, um Blümchen ins Freie zu bringen. Aber hey, Anfang Juni sollte ja auch gehen. Ich wälzte weiterhin Bücher und Blogs, merkte mir seltsame Pflanzennamen, um brav nur Dinge zu kaufen, die damit zurechtkommen, den ganzen Tag in der Sonne zu stehen, lernte Worte wie „Drainage“ und „Wurzelfäule“, machte mir natürlich – natürlich – eine lange Liste und fuhr moralisch gerüstet und top informiert mit U-Bahn und Bus ins Gartencenter.

Kleiner Schlenker: Ich wohne recht nah an einer U-Bahn- und einer Bushaltestelle. Die eine U-Bahn, auf die man tagsüber höchstens fünf Minuten wartet, brachte mich in fünf Minuten zu einem der Münchner Knotenpunkte, dort musste ich nur eine Treppe hochgehen, um zur nächsten U-Bahn zu kommen, auf die man tagsüber höchstens drei Minuten wartet. Die hatte sogar zur Feierabendzeit einen Sitzplatz für mich und war klimatisiert; die erste nicht, aber damit rechne ich auf der Strecke auch nicht – vielleicht aber mit ein paar Leuten, die bei 28 Grad mal die Fenster öffnen. Ich fuhr 17 Minuten ans gefühlte Ende der Stadt (München ist SO WINZIG!), wo ich zwei Treppen hochmusste, um zum Bus zu kommen, der direkt an der Station auf mich wartete. Weitere drei Minuten später war ich an der Endhaltestelle, von wo ich noch ungefähr 150 Meter bis zu meinem Ziel gehen musste. Öffis sind super, und ich bin im Dostojewski wieder 40 Seiten weiter.

F. war schon da, aber noch nebenan im Baumarkt – ist das eigentlich ein Gesetz, das neben Gartencentern auch immer ein Baumarkt ist? –, weswegen ich schon mal alleine todesmutig in eine für mich neue Umgebung ging und guckte. (Mir fallen die drei Satzzeichen hintereinander im vorherigen Satz durchaus auf, aber ich lasse die jetzt mal so stehen, ich Danger Seeker.)

Vorne rechts waren lustige Gartengeräte, bergeweise Rasendünger, dann kam Bekleidung (also Handschuhe und Fußschuhe), links war der ganze Tierbereich, bei dem meine Nase immer sofort zuckt und wegwill. Ich schob mein Wägelchen in Richtung Blumenpracht – und war dann natürlich total überfordert. So viel herrliches Zeug! Aber erstmal die Basics: Balkonkästen in der richtigen Farbe und Größe. Befestigung dafür. Eine Gießkanne, die ich auch gefüllt noch heben kann (in der richtigen Farbe). Ein Schäufelchen für Erde und Blähton (noch so ein neues Wort). Erde und Blähton. Inzwischen war auch F. da, dessen Wagen mit dem schweren Zeug bestückt wurde, der Gentleman. Und nachdem alles andere gefunden war, stand ich erneut zwischen 1000 Blumen und wusste gar nichts mehr.

Meine Einkaufsliste war zwar hilfreich, aber im Prinzip auch egal. Ich richtete mich also nach „Da hinten steht eine Blume, die so aussieht wie eine, die ich mir online ausgesucht hatte“, prüfte am Schild, ob ich recht hatte, suchte nach der richtigen Farbe und packte meinen Wagen voll. Ich wollte eigentlich Blumen in Blautönen und Weiß mit ein oder zwei pinkfarbenen Akzenten. Jetzt ist es mehr Pink und Weiß mit einem Hauch Blau geworden, aber das ist auch okay. Als ich eigentlich schon fertig war, sah ich einen Berg Dahlien, bei dem ich sofort zugreifen musste. Eine meiner stärksten Erinnerungen an meine Oma ist ihr riesiger Gemüsegarten und die wenigen Blumeninseln dazwischen oder am Rand davon. Vor ihrem Haus standen immer Dahlien, in allen Farben und Größen. Ich behaupte, das ist der erste Blumenname, den ich mir in meinem Leben gemerkt habe (waren vermutlich eher Pusteblumen), und daher musste ich eine Dahlie kaufen. Zuhause stellte ich natürlich fest, dass sie viel zu groß für den Blumenkasten war, weswegen mein wohlkalkuliertes Pflanzkonzept nach Größe und Farbe von Vornherein keine Chance hatte. Jetzt habe ich eine einzelne Dahlie, für die ich wohl noch einen größeren Topf kaufen muss. Schlimm!

Zuhause sah dann nach dem Hochschleppen alles erstmal so aus:

F. machte sich wieder auf den Weg, ich zog meine Umzugs- und Malarbeiten-Klamotten an und begann mit der Arbeit. Die Befestigungen erwiesen sich als selbsterklärend, die Kästen passten hervorragend, ich konnte sogar den 60-Liter-Sack Erde von einem Ende des Balkons ans andere bewegen, ohne mir was wehzutun. Ich schaufelte Blähton in die Kästen, Erde darauf, puschelte ein bisschen Erde von den Wurzeln der Blumen und Kräuter ab, setzte sie ein, schichtete Erde um sie – erst mit der Schaufel, irgendwann mit den Händen, ging schneller und besser und ich saute den mit Zeitung ausgelegten Balkon nicht ganz so sehr ein –, und nach zwei Stunden sah die eine Balkonecke dann so aus:

Die Kräuter habe ich nicht fotografiert, Kräuter halt. Bei denen habe ich eigentlich noch mehr Angst, dass sie vor meinen Augen dahinsiechen, weil ich bis jetzt noch jeden Basilikumtopf auf dem Küchenfensterbrett kaputtgekriegt habe. Bei den Blumen habe ich etwas mehr Hoffnung. In Hamburg hatte ich mal eine Wohnung mit Terrasse, auf der irgendwann ein paar Topfpflanzen standen. Die hatte ich damals einfach gekauft, ohne vorher wochenlang Blogs und Bücher zu lesen, und die gediehen lustig vor sich hin, bis ich umzog in eine Wohnung ohne Terrasse und ich sie einfach stehenließ.

Ich war den ganzen Tag sehr zufrieden, freute mich über diverse Dinge wie frisch bezogene Betten, funktionierende Öffis, eine staufreie Autofahrt mit F., die Blümchen, die ich jetzt vom Schreibtisch aus immer sehen kann und die mir ausnehmend gut gefallen.

Dann öffnete ich abends dummerweise meinen Rechner, um das Eröffnungsspiel der Frauen-Fußball-WM zu schauen und sah eine Mail der Kontakterin sowie eine Sprachnachricht auf dem Handy, lernte, dass der Kunde mal wieder neue Ideen für den Text hatte, überflog das Dokument und schüttelte zum wiederholten Male den Kopf. Einen derartig seltsamen Job habe ich noch nie gehabt: Der Kunde hat eigentlich ein gutes Produkt, das man auch prima erklären kann, aber er ist sich selbst nie sicher, ob wir jetzt wirklich die Top-Eigenschaft desselben herausgestellt haben, weswegen er uns seit Wochen mit neuen Top-Eigenschaften beglückt und alte, schon eingebriefte und getextete, plötzlich unwichtig findet. Zudem korrigiert nicht ein Mensch die Texte, sondern anscheinend wird da basisdemokratisch über jedes Adjektiv abgestimmt, weswegen wir gerne fünf Korrekturwünsche für einen Satz im Dokument haben, die sich widersprechen oder als Frage formuliert sind. Meine Kontakterin und ich steuern so gut dagegen, wie es geht, aber inzwischen ist der Text nur noch eine reine Bullshit-Bingo-Wortwüste aus viel zu langen Sätzen, die, man weiß ja nie, sich auch dauernd wiederholen. Das möchte niemand mehr lesen. Schade, hätte schön werden können.

Diese Mail hieß aber auch: Wir drehen noch eine komplett sinnlose Runde von jetzt ingesamt gefühlt zehn sinnlosen Runden, und ich kann noch keine Rechnung stellen.

Ich seufzte tief, duschte vor dem Fußballspiel, das war dann immerhin halbwegs guckbar, beschaute mir zum Tagesabschluss nochmal meinen bunten Balkon, den ich auch aus dem Küchenfenster sehen kann, und ging frisch geduscht in ein frisch bezogenes Bett. Das rette den Tag dann doch noch.

Ein Hinweis für die Leser*innen der Süddeutschen Zeitung:

Der Blogeintrag über Frau Hingst, den Sie gerade suchen, steht hier.

Tagebuch Donnerstag, 6. Juni 2019 – Puddle or Floor

Morgens alleine vor dem Wecker aufgewacht, entspannt wach geworden. Aufgestanden, erst die schwere Schlafzimmergardine weggeschoben, dann die Außenjalousie hochgezogen, einen Fensterflügel weit geöffnet. Ins danebenliegende Arbeitszimmer gegangen und die Außenjalousie hochgefahren – die einzige in der Wohnung mit Elektrik. Zuerst habe ich ewig darüber genölt, weil’s länger dauert als sie händisch zu bedienen, aber inzwischen stehe ich ganz gern wie eine kleine Königin vor meinen Balkonfenstern und sehe zu, wie das Licht im Zimmer stufenlos und ohne mein Zutun immer mehr wird. Dann die leichte, weiße, fast transparente Flattergardine weggezogen und die Balkontür geöffnet. Der Durchzug sorgt sofort dafür, dass die Gardine etwas angehoben wird und sich leicht im Wind bewegt.

Genau für diesen Effekt habe ich die billigen Ikea-Gardinen seit knapp 20 Jahren von Wohnung zu Wohnung getragen. In Hannover hingen sie in meinem Schlafzimmer, wo es einen winzigen Balkon gab, auf dem ich nie gesessen habe. Aber ich mochte es so gern, die Tür zu öffnen und den Gardinen beim Wehen und Wölben und Flattern zuzuschauen. In keiner meiner Hamburger Wohnungen hatten sie so recht Platz, aber sie waren klein und konnten sich in jeder Kiste zusammenrollen, so dass ich sie nie aussortiert habe. Und seit September hängen sie hier, und jetzt, wo es warm genug es, nicht nur stoßzulüften, um Sauerstoff in die Wohnung zu kriegen, sondern die Fenster länger aufzulassen und den wenigen Hinterhofgeräuschen zu lauschen, genieße ich es so sehr, wieder meinen alten Gardine zuzuschauen.

Nebenbei habe ich bei Queer Eye die richtige Gardinenlänge gelernt, die ich instinktiv meist beachtet habe: Sie sollten, laut Bobby, und dem Mann glaube ich ja alles, entweder kiss the floor or fall in a puddle. Meine Schlafzimmergardinen küssen den Fußboden, die Flattergardine fällt wie ein Wasserfall. (Klingt besser als Pfütze.)

Den restlichen Tag mit der Diss verbracht.

Dazu musste ich erstmal in den Lesesaal der Uni-Bibliothek, wo ein Berliner Ausstellungskatalog per Fernleihe auf mich wartete, der unglaublicherweise nicht im ZI steht.

(Dass mein Bällebad inzwischen auf Instagram ist, habe ich zwar in den sozialen Netzwerken kundgetan, aber hier noch nicht. Jetzt aber! Hier der Lesesaal. Swoon!)

Ich arbeitete den Katalog durch und gab ihn wieder zurück. Danke, Uni-Bibliothek Regensburg, Küsschen!

Danach ging’s in die Stabi, wo ich mir ein zweites Mal einen Katalog aus Breslau hatte zurücklegen lassen. Am Anfang meiner Diss hatte ich andere Fragen als jetzt, weswegen ich da nochmal reinschauen wollte.

Und je länger ich arbeitete, desto mehr wurde mir klar, dass meine heilige, total durchdachte Struktur mal wieder verändert werden musste, wozu mir nur ein gif einfiel.

Ich meckerte mal wieder darüber, dass in der Wissenschaft nie was fix ist, jede Deadline quasi nur ein Zwischenschritt und überhaupt macht mich das alles wahnsinnig, dass Wissen und Lernen nie aufhört. (Okay, es ist toll, ABER ES MACHT MICH AUCH WAHNSINNIG.)

Doktor F. war natürlich unbeeindruckt.

An den drei!!! Ausrufezeichen!!! seht ihr, wie aufgeregt ich war.

Auf Twitter hatte Canzonett aber einen hervorragenden Kommentar, den ich mir als Motivationsbildchen ausdrucken werde: „Find joy in it. It’s your thoughts growing (and outgrowing their baby clothes).“

Heute beginnt in Frankreich die Fußball-WM der Damen. Wir gucken das gemeinsam, oder?

Und ab nächster Saison die Bundesliga. YAY!

Tagebuch Mittwoch, 5. Juni 2019 – In eine Papiertüte atmen

Vormittags Orgakram gemacht, was halt so am Quartals- und Monatsende anfällt. Mal wieder die Ablage runtergearbeitet, ein bisschen im Rest der Wohnung rumgeräumt, erneut über Balkonbepflanzung nachgedacht, was ich eigentlich aus Gründen schon auf nächstes Jahr verschoben hatte, aber in den letzten Wochen immer wieder hochploppte, und wer bin ich, es armen Blümchen zu versagen, unter meinen Händen zu sterben.

Mittags bloß ein Müsli mit Äpfeln drin, keine Lust zu kochen, zu warm. Cold Brew ist ein fantastisches Zeug, und ich ahne, dass es ganz eventuell ein bisschen daran gelegen haben könnte, dass ich Montag so mies geschlafen gehabe, weil ich im Überschwang einen ganzen Liter des herrlichen Sommergetränks über den Tag hinweg genossen hatte. Wobei ich natürlich weiß, dass Koffein nicht so lange im Körper bleibt, sondern nur einen kurzen Kick verursacht. Tee ist da langlebiger, und der stört mich null, wenn ich ihn literweise trinke.

Nachmittags und abends weiter an der Diss gesessen. Irgendwann habe ich dabei angefangen, geistig in eine Papiertüte zu atmen, weil mir bei jedem Bearbeitungsschritt klar wird, wieviele noch vor mir liegen. Das klang als Konzept total machbar, und jetzt denke ich dauernd, das ist viel zu viel, das wirst du nie hinkriegen. Werde ich vermutlich doch, auch das habe ich im Studium gelernt, dass ich mich immer irgendwann im Kopf verzettele und alles runterdummen will, im Endeffekt aber dann doch was Lesbares und wissenschaftlich Sinnvolles dabei rumkommt. (Jedenfalls in den höheren Semestern.)

Ein Farbbild von Protzen gefunden, das ich bisher nur schwarzweiß kannte, Mails geschrieben und um Auskunft gebeten, in Archivsuchmasken gearbeitet, Zeug vorbereitet, geschrieben, gedacht, verglichen, geschrieben. Diss halt.

Mit F. die Balkonsaison so halbwegs eröffnet, indem wir vor weit geöffneten Türflügeln auf meinem ausgeklappten Sofa rumlagen und nach draußen auf die Lichterkette guckten. Okay, es ist nicht wirklich Balkon, das habe ich jetzt auch kapiert. Aber wieso muss man nach draußen, wo es drinnen so bequem ist?

Ich grüße, das heißt, ich lebe noch

Die FAZ schreibt kurz über die Arolsen Archives, ehemals Internationaler Suchdienst in Bad Arolsen, deren Bestände in Partnerschaft mit Yad Vashem nun zu großen Teilen online sind:

„Ein Besuch im Archiv lohnt immer. Zum Beispiel in jenem, das dem beschaulichen hessischen Städtchen Bad Arolsen – so darf man es sagen – zu Weltruhm verholfen hat. Hier ist der 1944 von den Alliierten gegründete Internationale Suchdienst zu Hause, der helfen sollte, kriegsbedingt zerrissene Familien wieder zusammenzuführen. Er hat sich angesichts des Wandels seiner Aufgaben jetzt einen neuen Namen gegeben: Arolsen Archives. Hier sind, großenteils auf Papier, Informationen zu etwa 17,5 Millionen Opfern des Nationalsozialismus gespeichert. Damit ist das Archiv, Teil des Unesco-Weltdokumentenerbes, das größte NS-Opfer-Archiv überhaupt. Vor allem das wehrlose Heer der Zwangsarbeiter aus den deutsch besetzten Ländern hat in Bad Arolsen einen Hüter seiner Erinnerung gefunden.“

Tagebuch Dienstag, 4. Juni 2019 – Übermüdet, aber produktiv

Vormittags noch einen Hauch für Geld gearbeitet, dann brav an der Dissertation. Gestern wagte ich die ersten Zeilen zu den Themen Forschungsstand und Quellenlage, denn so richtig ausführlich kann ich zu einigen Teilbereichen meiner Arbeit noch nichts sagen, aber die Basis konnte ich schon aufschreiben: Kunst und Kunstpolitik im Nationalsozialismus, Forschungsstand Protzen (Kurzfassung: nicht existent, ich schreibe gerade die erste ernsthafte Auseinandersetzung mit ihm), Forschungsstand Malerei zur Reichsautobahn, Forschungsstand zu Umgang mit systemkonformer Kunst im Nationalsozialismus in der Bundesrepublik und Ausstellungen mit derselben. Anschließend dann die Quellenlage, wo ich Teile des Nachlasses im Kunstarchiv Nürnberg beschrieb und wie ich diese verwende sowie weitere Quellen, die ich bisher aufgetan habe. Ich müsste irgendwann nochmal erwähnen, wozu das alles da sein soll, aber das kommt erst ans Ende der Einleitung, das ich, wie immer, erst schreibe, wenn die ganze Arbeit steht und ich weiß, was ich überhaupt alles rausgefunden habe.

Zum Mittag ließ ich mich von Arthurs Tochter inspirieren und fabrizierte Bohnenmus aus Tigerbohnen statt weißen (waren halt im Schrank), geschmolzene Tomaten, bei denen ich zu faul war, die Haut abzuziehen, und Fladenbrot, das ich vorgestern nach diesem Rezept gebacken hatte, was mir noch besser gefällt als das hier, von dem ich Samstag ein Foto instragrammte. Letzteres wird fast hefezopfig fluffig, während das Brot von „Koch dich türkisch“ fester und zäher bleibt – genau wie ich es mag.

Nachmittags nickte ich auf dem Sofa bei der werktäglichen Folge Masterchef Australia ein, wachte auf, klickte mich in der Sendung wieder 20 Minuten zurück, nickte ein, klickte rückwärts, nickte ein, und das machte ich dann dreimal, bevor ich die grandiose Idee hatte, mal vom Sofa aufzustehen und einen Kaffee zu trinken. Danach ging’s, aber so richtig konzentriert war ich nicht mehr fürs Schreiben. Früher Feierabend, früh ins Bett.

Conduction

In der diesjährigen Fiction Issue des New Yorker steht unter anderem eine Kurzgeschichte von Ta-Nehisi Coates. Man kann sie sich dort auch vorlesen lassen.

The Secret Oral History of Bennington: The 1980s’ Most Decadent College

Esquire lässt diverse Zeitzeug*innen sowie Donna Tartt, Jonatham Lethem und Bret Easton Ellis zu Wort kommen, die alle 1986 in Bennington studiert haben. Ich muss gestehen, ich habe den Artikel noch nicht gelesen, aber ehe er wieder in meinen unendlichen Twitter-Herzchen versinkt, verblogge ich ihn einfach, dann finde ich ihn wieder.

(via @aldaily)

Tagebuch Montag, 3. Juni 2019 – KTS und Fladenbrot

Den Vormittag an einem Job gesessen, der ein arger Fall von KTS ist – Kunde textet selbst. Dagegen habe ich ja im Prinzip nichts, aber wenn ihr eure Formulierungen so gerne mögt, warum bucht ihr mich dann überhaupt? Früher hätte ich gesagt: „Egal, gibt Geld.“ Heute denke ich: „Die Stunden hättest du auch sinnvoller auf der Diss verbringen können.“ Oder ehrlich gesagt auch beim Seriengucken auf dem Sofa.

Lange mit der besten Freundin telefoniert, das war schön.

Dadurch verrutschte allerdings mein Zeitplan für den Tag; ich kam erst um 15 Uhr aus dem Haus, um ein paar Bücher in die Stabi zu schleppen und mir einige weitere aus der Uni-Bibliothek abzuholen. Für die zehnminütige Radfahrt zu den Bibliotheken cremte ich mich ein, als wollte ich nach Augschburg zum Fuppes, aber ich kenne ja inzwischen meine memmige Alabasterhaut. Wie ich festgestellt habe, ist meine Hauptradelstrecke inzwischen eine Fahrradstraße, aber das ist den meisten Autos natürlich weiterhin egal. Wenn ich irgendwann mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus liege, kann ich immerhin triumphierend krächzen: „ABER ICH HATTE VORFAHRT!“

Zeitung gelesen, eher unkonzentriert in ein paar Büchern. Lieber Brot gebacken und eine Lichterkette am Balkon angebracht. (Ich ahne eure Kommentare zum Stichwort „Lichterkette“, keine Bange.)

F. kam nach einem Biergartenbesuch noch vorbei, gemeinsam eingeschlafen. Dann aber um 2 aufgewacht und schlaflos rumgelegen. Irgendwann gegen 4 ging ich ernsthaft zum Arbeiten an den Rechner, bis ich mir selber sagte, dass ich spinne. Dostojewski weitergelesen, HitlerWagnerDings weitergelesen, irgendwann gegen 5 war ich dann wieder müde. Um 7 klingelte der Wecker, und ich sitze hier recht hirntot, aber mit einem Eimer Cold Brew. Wenigstens das.

Klaus Graf ergänzt seinen ersten Blogeintrag zu Hingst um viele Links.

Andreas Wolf über Fiktionalität und Blogs:

„Ich denke, dass die Form „Blog“ nicht automatisch den autobiographischen Pakt herbeibeschwört, über den Philippe Lejeune schrieb, ein Pakt zwischen Autor und Leser, durch welchen beide sich darauf vereinbaren, dass hier Annäherung an Wahrheit, an ein wirklich Passiertes, so unmöglich das sein mag, so doch wenigstens versucht wird. Bloggen heißt, viel simpler, ein Geschriebenes im Internet zu veröffentlichen, was über den Inhalt, die Natur dieser Schrift erstmal gar keine Aussage trifft. Ein Blog ist nicht per Form automatisch ein der Wahrheit verpflichtetes Tagebuch seines Autors. Niemand nähme es mir krumm, wenn ich hier in Wald und Höhle die unglaublichen Abenteuer eines Wolpertingers schilderte, weil alle wüssten: Wolpertinger gibts ja nicht.

Und Holocaust ist eben das Gegenteil davon: Das gab es wirklich, das hat tatsächlich stattgefunden, das Unvorstellbare – Auschwitz – war wirklich in der Welt. Hier zu erfinden, zu fabulieren, sich selbst (bzw. der Großmutter) eine Opferbiographie anzudichten – das verbietet sich einfach.“