Was schön war, Dienstag, 7. Juli 2020 – Die März-Reservierung aus dem Broeding nachholen

Ausgeschlafen, Masterchef Australia geguckt, Hamilton-Biografie weitergelesen, wie vorgestern dauernd auf dem Sofa eingenickt.

Zwischendurch an die Nähmaschine gesetzt (von freundlichen Leser:innen finanziert, vielen Dank, ich nehme es als Diss-Geschenk) und meinen ersten Mund-Nasen-Schutz mit Bändern genäht, die man hinter dem Kopf verknoten kann. Ich musste bisher nur einmal meine Maske länger tragen als die 20 Minuten im Supermarkt, nämlich einmal im Archiv und einmal auf der einstündigen Zugfahrt nach Nürnberg. Da nervten die Gummibänder schon irgendwann, also wollte ich mal Bänder ausprobieren.

Wie auf Insta jemand kommentierte: Gut gebügelt ist halb genäht. Das hatte ich vorher schon geahnt und auch bei meinen händisch erstellten Masken alles, was ging, gebügelt, aber ich ahne, dass das beim Maschinennähen noch wichtiger ist. Die Bänder sehen aus wie ein Projekt aus Zwangsarbeiterlagern, aber für die Zugfahrt wird’s reichen.

Abends trauten F. und ich uns in einen geschlossenen Raum, wenn auch mit geöffneten Fenstern. Wir hatten zu meinem Geburtstag im März standesgemäß im Broeding, unserem Lieblingsrestaurant, reserviert, aber selbst abgesagt – nur wenige Tage vor der angeordneten Ausgangssperre. Jetzt feierten wir nachträglich Geburtstag und zeitlich korrekt die abgegebene Diss. Ein wenig nervös waren wir beide, aber mit Blick auf die derzeitigen Infiziertenzahlen glaubten wir das Risiko einschätzen zu können. Ich weiß immer noch nicht, ob das die korrekte Lebensweise während der Pandemie ist, ich persönlich fürchte mich mehr vor der Zugfahrt in den Norden, aber das ändert sich auch alle fünf Minuten. F. ist weiter im Home Office, auch ich bleibe inzwischen fast komplett zuhause, weil ich ja nicht einmal mehr in Bibliotheken oder Archive muss, und gehe nur zum Einkaufen vor die Tür. Das halten wir auch weiterhin so; der Biergarten am Sonntag war meine erste private Begegnung mit anderen Menschen außer F. seit März, wenn ich mich richtig erinnere.

Das Broeding hat ungefähr die Hälfte der normalen Tische entfernt und man kann sich auch in den Garten setzen; wir entschieden uns für drinnen, wo wir zunächst die einzigen Gäste waren, bis noch ein zweites Paar hinzukam, die sich brav weit von uns wegsetzten. Es war sehr schön, wieder dort zu sein und zu essen und sich Weine erklären zu lassen, aber so ganz das alte Broeding ist es natürlich – leider – noch nicht. Ich kenne den Laden nur voll bis ganz voll, und so nett das war, nicht so laut sprechen zu müssen, so sehr hat es mir doch gefehlt, zusammen mit der üblichen Restaurant-Geräuschkulisse. Aber das Essen war wie immer wunderbar, ich habe mich sehr gefreut.

Der Gruß aus der Küche war Saibling mit Kohlrabisprossen, knackig-fein und zitronig-frisch. Als Aperitif hatten wir uns für einen 2018er Kraemer Pet Nat (Müller-Thurgau, Franken) entschieden. Die Wein-Notation übernahm wie immer F., ich vergesse alles, sobald der Sommelier vom Tisch weg ist, aber ich höre ihm immer gerne zu. Der Pet Nat war einen Hauch hefig, aber ansonsten knochentrocken und herrlich.

Erster Gang: Salade „Nicoise“ mit Makrele, die Anführungszeichen stammen von der Restaurantswebsite und deuten vermutlich an, dass kein Thunfisch im Salat ist. Egal, hervorragend. Tolles Dressing. Dazu gab’s einen 2018er Lichtenberger Gonzalez Muskat Ottonel, ebenfalls schön trocken. Überhaupt waren wir gestern recht trocken und unschwer unterwegs, perfekt.

Kalte Gurken-Melonensuppe mit Feta. Die Gurke war angenehm pfeffrig, das kenne ich von meinen üblichen Supermarktgurken gar nicht mehr. Dazu gab’s einen 2018er Kikelet Tokaji Lonyai Furmint (Berecz Stephanie).

Mein Lieblingsgang: Loup de Mer mit Roter Bete, Kartoffeln, Mais und Verjus. Dazu ein paar kleine Kügelchen Fingerlimette, die uns erklärt wurde, während bei mir innerlich Homer Simpson Fahrrad fuhr und sang: „Kenn ich aus Masterchef Australia, kenn ich aus Masterchef Australia.“ Der Mais war zuckersüß, die Bete wunderten mich etwas, weil sie noch nicht Saison haben (oder gibt’s welche, die jetzt schon bei uns rumliegen?), sie waren daher nur leicht erdig am Gaumen, und alles zusammen war genau meins. Dazu gab es einen überraschenden 2015er Heinrich Chardonnay Leithaberg. Heinrich ist eins meiner liebsten Weingüter aus Österreich, aber ich habe davon, soweit ich mich erinnere, bisher nur Rotweine getrunken und neulich mit F. auf dem Balkon einen natural Rosé. Von denen kann man anscheinend wirklich alles trinken, sogar Chardonnay, den ich eher selten freiwillig bestelle.

Eine Riesenportion Zweierlei vom Bauerngockel mit Romanesco, Karotten und Pfifferlingen. Die Karotten waren eingelegt, aber knackig, die Pfifferlinge schmolzen dahin, und einmal im Leben möchte ich so eine Hühnerbrust braten können. (Vielleicht doch noch auf Köchin umschulen?) Dazu den ersten Roten: ein 2009er Loimer Terrassen Pinot Noir, auch trocken, gerne wieder. (Marzipankirsche ganz hinten im Gaumen.)

Den Käsegang hatte ich begonnen, bevor mir einfiel, dass ich noch fotografieren muss. Es gab – natürlich – Käse vom Jamei, den wir uns derzeit dauernd aus Kempten mitbringen lassen. Daher schmausten wir hier nur wissend vor uns hin und freuten uns über Apfelgelee und einen kleinen Salat. Dazu ein Süßwein, von dem sich F. gleich ein Fläschchen zum Mitnehmen gönnte, genau wie vom Muskat Ottonel: 2016er Corte Sant‘Alda Recioto Recioto della Valpolicella.

Als Zwischengang vor dem Dessert gab’s noch ein kleines Irgendwas, das ich weinselig schon wieder vergessen habe. Mandeltörtchen, der Rest ist verfressene Seligkeit. An die frischen Zitronenverbene-Blättchen erinnere ich mich noch. (Pfirsich?)

Zum Abschluss ein Zitronentörtchen mit Himbeeren und ich vermisste nicht mal Schokolade, so schön war alles. Dazu eine 2009er Kracher Zwischen den Seen Welschriesling Trockenbeerenauslese Nummer 3 und als Rausschmeißer noch ein Schnäpschen von der schwarzen Johannisbeere, Kirsche für den Herrn.

Das war herrlich, mal wieder tafeln zu können, und ich entspannte mich auch relativ schnell, was vielleicht auch daran lag, dass wir fast alleine im Gastraum waren. Es ist trotzdem noch alles komisch, aber von mir aus kann das auch noch so lange komisch bleiben, bis wir einen Impfstoff haben. Das Abstandhalten funktioniert in der Stadt schon nicht mehr ganz so gut, ich trage inzwischen auch draußen öfter die Maske, um mich an Menschen vorbeizuschlängeln. So auch gestern, als wir zur Tram gehen wollten und durch eine ganze Horde Polizist:innen durchmussten, die gerade eine U-Bahn-Station absperrten, keine Ahnung, warum.

Tagebuch Montag, 6. Juli 2020 – Der Reihe nach

Mein Gehirn verabschiedete sich eine Woche nach Abgabe der Diss in den Urlaub. Die letzten Tage musste ich noch Dinge geregelt kriegen, aber diese Woche ist größtenteils nur Abschalten angesagt, bevor Sonntag die neue anstrengende Woche beginnt (alte Heimat, Mütterchen wenigstens für ein paar Tage ablösen). Dementsprechend verbrachte ich den Tag überwiegend in hirnloser Behäbigkeit. Zur sonntäglichen Folge Masterchef Australia, die ich Montags gucke, war ich noch wach, dann las ich ein paar Stündchen in Chernows Hamilton-Biografie weiter, irgendwann klickte ich eine Serie an und verschlief gefühlt den ganzen Resttag auf dem Sofa.

In der Biografie stolperte ich über ein paar stilistische Eigenheiten, die mich aus dem Lesefluss rissen, mich aber gleichzeitig in ihm hielten. (Zunächst fand ich aber einen Satz über ein archivalisches und nicht mehr vollständig lesbares Schriftstück lustig, das aus folgendem Grund nicht mehr lesbar war: „Insects habe unfortunately eaten the middle letters“. (S. 15)) Chernow wendet sich gefühlt recht oft an die Leserin anstatt einfach seine Sicht der Story zu erzählen; er spricht von „our saga“, stellt direkte Fragen: „Why had he not been baptized before?“ oder leitet berichtende Einschübe bzw. Zusammenfassungen ein mit „let us pause briefly to“ do dies und das, bevor es weitergeht. Ich mag das ganz gerne, ein bisschen an die Hand genommen zu werden in einem Text, der über 700 Seiten lang ist und in dem ich, gerade zu Beginn, sehr viele Informationen behalten muss, um den roten Faden ausfindig machen zu können, der sich vermutlich durch den Brocken weben wird, damit ich etwas zum Festhalten habe.

Vor ein paar Tagen stolperte ich auf Twitter über eine Diskussion, die ich nicht weiterverfolgt habe, aber daran musste ich gestern denken, als ich diese bewusst eingefügten Fixpunkte oder Leitsysteme bei Chernow bemerkte. Dort wurde bemängelt, dass in journalistischen Artikeln die Phrase „Aber der Reihe nach“ die Leserin quasi für dumm erklärt, die ohne solche kurzen Atempausen anscheinend nicht in der Lage ist, dem Text folgen zu können. Wie gesagt, ich habe die Diskussion nicht verfolgt, sondern mit den Augen gerollt und gedacht, dann lasst das in euren Texten halt weg und gut ist.

Seitdem frage ich mich aber, ob ich mit dem Augenrollen recht hatte. Ich habe gerade keine Stilfibel zur Hand, die mir sagt, wie gute Texte bzw. eine schlaue Leserinnenführung funktionieren. Ich persönlich, ich erwähnte es, mag es gerne, wenn man mir kurz eine Denkpause gönnt. Ich erinnerte mich an einen Satz in der Diss im Kapitel 1926–1933, wo ich kurz über Akte und Halbakte schreibe, die Protzen sehr spärlich malte. Die bekamen einen Absatz, der bis in die 1950er-Jahre führte, damit ich das Thema abarbeiten und abnicken und es im Rest der Arbeit ignorieren konnte, weil es für mein Forschungsinteresse egal ist. Als ich mit der kurzen Aufzählung durch war, begann ich den nächsten Absatz mit „Zurück ins Jahr 1932“, weil ich deutlich machen wollte, dass es jetzt chronologisch weitergeht.

Seit gestern, „Let us pause“ und „Aber der Reihe nach“ denke ich darüber nach, ob ich damit meinen Doktorvater zu einem debilen Leser gemacht habe, dem nach einem Absatz über nackte Damen nicht zugetraut werden kann, wieder über Kinderbilder von 1932 lesen zu können, ohne total verwirrt zu sein. Könnte aber auch mein überspanntes Hirn gewesen sein, das plötzlich nichts mehr zum Nachdenken hat, aber dringend wieder was zum Nachdenken haben will, die Nervensäge.

Was schön war, Freitag bis Sonntag, 3. bis 5. Juli 2020 – Alles

Freitag war erstmal Zeug-erledigen-Tag: Steuer gemacht und Unterlagen für die Steuerberaterin eingetütet. Dann musste ich zu meiner Ärztin, einen neuen Schwung der Standardmedikamente besorgen. Ich war ein bisschen faul und dachte über die vier Stationen U-Bahn nach, überzeugte mich aber doch vom maskenfreien Fahrradfahren und war im Nachhinein sehr dankbar dafür, weil Radfahren halt toll ist. Auch wenn man sich durch eine Stadt quälen muss, in der Baustellen eher für Autos und Fußgänger:innen gedacht sind und ich sehr oft absteigen muss, um überblicken zu können, wo ich jetzt eigentlich langfahren darf.

Der Nachmittag gehörte dann „Hamilton“, dessen Aufzeichnung von 2016 Freitag auf Disneyplus startete, für das ein Freund *hust* Zugangsdaten hat, die ich nicht habe.

Ich kannte den Inhalt des Stücks, einige wenige Songs (ich habe den Soundtrack nie durchgehört) und alle popkulturellen Memes des Dings, aber ich war doch ziemlich begeistert vom Gesamtprodukt. Netterweise war nicht alles Hip-Hop, sondern es gab auch die schmachtigen Musicalnummern, die ich so mag. Sehr gute Balance, großartige Darstellerinnen, nur ein paar winzige Stellen, bei denen ich missmutig die Stirn runzelte, nicht zu viel Comic Relief, sondern genau richtig dosiert, viele Ebenen und psychologische Tiefen, auf die ich gar nicht vorbereitet war: Alles in allem hervorragende Unterhaltung, die ich mit englischen Untertiteln genoss, weil ich sonst nur die Hälfte mitgekriegt hätte.

Danach zog ich den Buchklotz der literarischen Vorlage aus dem Regal, der hier seit Jahren rumliegt, und fing endlich mal an zu lesen.

In Harper’s Bazaar sagte Lin-Manuel Miranda, dass die Aufzeichnung recht früh geplant war:

„I spent almost seven years writing Hamilton as a piece of theater—and the goal was for as many people to see it in that form as possible—in the same space as the performers, in the room where it happens. But we also know that access is always an issue with something as ephemeral as live theater, so we filmed the show before the original principals started to leave. We always wanted to democratize that experience—a snapshot of what it was like in the Richard Rodgers Theatre in 2016—and give everyone access to it.“

Und er hat noch was Gutes zu Kunst (und/oder Unterhaltung) zu sagen:

„Imagine this lockdown without any of the entertainment to which you’ve had access—no movies, no TV, no music, no books. Art is escape, art is catharsis, art is distraction, art is illumination—it’s what makes the hard times just a little easier.“

Abends kam F. vorbei und brachte den kleinen Luxus mit. Käse von Jamei, Brot von Julius Brantner und Wein, den wir im Wien im Mast getrunken hatten.

Pappsatt gemeinsam eingeschlafen.

F. hatte neben zwei Kilo Käse, Brot und Wein noch etwas zu mir geschleppt: eine Nähmaschine. Die hatte auf der Website eine angegebene Lieferzeit von acht bis zehn Tagen, was für mich ungünstig war, weil ich dann im Norden weilen werde, also ließ ich sie zu F. schicken – und das Ding kam einen Tag nach Bestellung an. Auch gut.

Zum Nähen braucht man Stoff, aber da ich meine ersten Maschinenstiche nach 35 Jahren nicht auf meinen guten Stoffen ausprobieren wollte, radelte ich zum Karstadt am Hauptbahnhof, betrat dort erstmals die Stoffabteilung und war logischerweise überfordert. So viel Zeug! So viel Auswahl! Nicht alles fand ich hübsch, und ich wollte auch zum Üben wenigstens was halbwegs Hübsches haben. Ich ging zu den Tischen, auf denen vorgeschnittene Reste lagen, die dementsprechend niedrigpreisig waren und fand zwei dunkelblaue Teile, eins davon in fieser Stretchqualität, die mich sofort reizte, weil ich ahne, dass ich dabei prima fluchen werde, und eins in burgunderrot, das mir sogar als Maskenstoff tragbar vorkam. Noch ein paar Rollen Garn eingepackt, endlich einen Fingerhut, den ich beim Handnähen schon öfter vermisst hatte, und ein paar Maschinennadeln, und dann radelte ich mit sechs Metern Stoff und Kleinkram für akzeptable 35 Euro wieder nach Hause.

Dort las ich brav die Bedienungsanleitung der Maschine durch, guckte erneut ein Video, über das ich vor Monaten gestolpert war, und das mir, warum auch immer, total die Angst vor dem Nähen nehmen konnte, fädelte profimäßig Unter- und Oberfaden ein und gab Gas mit dem Fußpedal. Dabei fiel mir wieder ein, dass mein rechter Fuß ja nicht mehr so genau weiß, was er tut, weswegen auch das wieder eine neue Bewegung war – vor 35 Jahren wusste mein Fuß halt noch, wie’s ging. Jetzt lernt er es neu, warum soll mein Kopf auch der einzige Körperteil sein, der dauernd was Neues lernen muss. Und meine Hände waren auch beschäftigt: Wie hält man den Stoff, wie bewegt man den – oder auch nicht –, was kann ich von meinen händischen Nähversuchen übernehmen? Ich war beschäftigt und zufrieden, finde aber, dass meine erste Maske mit Maschine unordentlicher aussieht als meine letzte von Hand. (Gerade Nähte sind gar nicht so einfach! Danke für die Tipps auf Insta.)

Samstag war auch der Tag, an dem ich erneut Nasi Lemak zubereitete. Der erste Versuch war okay gewesen, aber noch nicht brillant. In den letzten Wochen hatte ich mich etwas mehr mit Chili und Co beschäftigt und wagte einen erneuten Kochvorgang, dieses Mal mit meinen Mengenangaben und ein bisschen weniger Anchovis im Sambal, nämlich gar keine.

Das Sambal bestand aus fünf Chilischoten, allerdings ohne Kerne, Knoblauch, Schalotten, Tamarindenpaste (wenig!) und Krabbenpaste (auch wenig) und war dieses Mal hervorragend zwiebligSCHARF mit leichter Sauernote und Krabbengrund. Für den Kokosreis hatte ich leider kein Pandanblatt, aber der war auch so gut. Habe den Duft des Blatts trotzdem sehr vermisst, jetzt wo ich dauernd an der Tüte mit den getrockneten Limettenblättern schnuppere, weil sie so herrlich riechen. Erdnüsse und Anchovis wurden dieses Mal brutalst frittiert anstatt brav angebraten, es gab wieder Spiegelei statt einem gekochten und alles zusammen war: so – toll! Aus dem Handgelenk genau die richtige Menge an Schärfe produziert, mit der ich im Moment gut leben kann. Ich nenne meine Kochversuche „kinky food“, weil sie genau den Punkt zwischen Vergnügen und Schmerz treffen sollen – ich will schon merken, dass ich scharf esse, aber mein Mund soll bitte nach 15 Minuten aufhören zu kribbeln.

Abends nochmal „Hamilton“ geguckt, warum auch nicht. Gemerkt, dass der Darsteller des Königs der Herr ist, dessen Stimme ich als Kristoff in „Frozen“ so gern mag. Seitdem Ohrwurm der drei kurzen Songs von George III. Klickt bloß nicht auf den Link.

Für den Sonntag waren F. und ich mit einem charmanten Herrn verabredet. Meine erste Verabredung seit … weiß ich schon gar nicht mehr. Und das im Biergarten, in dem ich in diesem Jahr noch gar nicht war. Ich schlief nicht ganz so gut, weil ich Angst vor unverantwortlichen Horden in Alkohollaune hatte und ich eigentlich weiterhin alle nicht notwendigen Kontakte unterlassen möchte. Ich überzeugte mich selbst durch „ist an der frischen Luft“ und „wenn’s doof ist, gehst du halt wieder“.

(Über den geradelten Hinweg, der doppelt so lang war die Google behauptet, weil Frau Gröner manchmal zu doof ist, Karten zu kapieren, schweige ich hier sehr, sehr, sehr laut und noch einen Tag später irre angenervt von mir selbst.)

Man musste am Eingang ein Formular ausfüllen, wer zur Gruppe gehörte, mit Namen und Handynummer. Dann setzte man seine Maske auf, ging sich ein kleines Bierchen holen, hielt dabei Abstand und suchte sich dann einen der vielen Tische aus, die um 12 Uhr mittags noch sehr spärlich besetzt waren und in ausreichendem Abstand zueinander aufgestellt waren.

Das war deutlich entspannter als ich dachte, auch weil, hervorragende Idee, es Kellner:innen gab, die bei niedrigem Getränkepegel an den Tisch kamen und nach einer neuen Runde fragten. So rennen nicht alle dauernd durch die Gegend, wie es im Biergarten eigentlich üblich ist. Kostet, wenn ich richtig geguckt habe, einen Euro mehr, aber das ist es wert. Ich sah auch niemanden ohne Maske unterwegs, und am Tisch darf man sie natürlich abnehmen. Dadurch, dass die Tische weitläufiger standen, kam uns auch außer der Kellnerin niemand am Tisch zu nahe. Es gab keine Plastiktrennwände und Absperrbänder, wie ich es befürchtet hatte, sondern es war ein (fast) normaler, sehr angenehmer Tag im Biergarten, und ich merkte erst danach, wie sehr mir sowohl Gespräche mit anderen Menschen als auch das gewohnte Rumlungern beim Radler gefehlt hatten.

Nach vier Stunden Menschen, Bier und Sonne war ich allerdings völlig fertig für den Resttag und lungerte nur noch auf dem Sofa rum, wo ich gefühlt alle zehn Minuten kurz einnickte, wie es sich für Sonntage auf Sofas gehört.

Immerhin noch ne Runde Wäsche gemacht und ein Kilo Kirschen gegessen, aber ansonsten nur noch ins Bett gefallen und mich über drei gute Tage gefreut.

Tagebuch Donnerstag, 2. Juli 2020 – Büchergucken

Vorgestern fragte Doltschevita:

Da musste ich doch gleich mal nachschauen. Mehr als drei:

Friedrich Ani
Gerbrand Bakker
Matt Beaumont
Heinrich Böll
Bertolt Brecht
Truman Capote
Douglas Coupland
Fjodor Dostojewski
Karen Duve
Bret Easton Ellis
Jasper Fforde
Jonathan Franzen
Max Frisch
Arno Geiger
Johann Wolfgang Goethe
Arthur Hailey
Wolfgang Herrndorf
Nick Hornby
Siri Hustvedt
John Irving
Erich Kästner
Daniel Kehlmann
Stephen King
Christian Kracht
Thomas Mann
Monika Maron
Armistead Maupin
John McGregor
Hanns-Josef Ortheil
Astrid Paprotta
Marcel Proust
J. K. Rowling
John Steinbeck
J. R. R. Tolkien
Anne Tyler
Tom Wolfe

Der Twitterer schlug nach den ganzen Antworten eine Erhöhung auf „mehr als zehn“ vor. Auch nachgeguckt:

Friedrich Ani
Douglas Coupland
Fjodor Dostojewski
Max Frisch
Hanns-Josef Ortheil

Bei den Comix Flix (mehr als drei), Mike Mignola (Hellboy), Bill Watterson (Calvin & Hobbes), Hergé (Tim & Struppi), Garth Ennis (Preacher), alle mehr als zehn.

Mal wieder sehr deutlich gesehen: muss mehr Frauen lesen. Oder die Frauen müssen mehr schreiben, da waren einige dabei, von denen ich zwei oder drei im Regal hatte (zum Beispiel Donna Tartt, die in 30 Jahren nur 3 Romane rausgebracht hat), aber eben nicht mehr als drei.

Wie „links“ war der „Jahrhundert-Ring“?

Ein Blick auf den theoretischen Unterbau (oder auch nicht) des Bayreuther „Rings“ von 1976.

„Deshalb ist Wotan – nicht Alberich – für Glucksmann die auslösende Figur: Die „Geschichte vom Diebstahl des Goldes“ sei „nur Kinkerlitzchen im Vergleich zu dem allerersten Verbrechen eines Gottes, der aus dem Willen zur Macht eine nicht enden wollende Kette von Vergewaltigungen, Gesetzesübertretungen und Gewalttaten einleite“. Die entscheidende Folgerung hat sich Chéreau zu eigen gemacht: „Das zentrale Problem ist nicht das Gold, sondern Wotan. Und schon erhebt sich Wagner ein für allemal über all die marxistischen Palmenwedel, mit denen man sein Haupt hätte umwinden wollen.“

Nicht das Gold als Motor rückte in den Mittelpunkt der Inszenierung, sondern Wotan als Mensch in seinen aus Machtanspruch wachsenden Widersprüchen: „Hinter dem Ringdiebstahl das Unternehmen Wotans. Hinter dem Phantasma des Kapitals die Machtfrage.“ Für die Regiepraxis war damit ein Weg geebnet, auf dem sich die Geschichte konkret über nahbare Figuren erzählen ließ. Frank Castorf, dessen Bayreuther „Ring“ zwischen 2013 und 2017 oft – auch von ihm selbst – mit Chéreau verglichen wurde, hatte ein Problem gerade darin, dass das Öl als modernes Gold im Mittelpunkt stand und weniger die damit umgehenden Figuren. Die szenischen Chiffren dafür aber waren zwangsläufig bemüht, aufwendig und zum Teil auch beliebig, und sie verweigerten sich musikalischem Bezug.“

Am Ende des Artikel steht ein spannender Buchtipp: Szenen-Macher. Wagner-Regie vom 19. Jahrhundert bis heute, erscheint voraussichtlich in diesem Monat.

Gestern vor 150 Jahren wurde Die Walküre uraufgeführt. Der Deutschlandfunk spielte gestern abend historische Aufnahmen ein. Das war schön, den Tag im Bad mit einem meiner liebsten Opernschlüsse zu beenden: hier ein YouTube-Schnipsel aus dem eben genannten Jahrhundertring. Kunsthistorikerinnen (und andere) erkennen im Bühnenbild Arnold Böcklins Toteninsel wieder.

Tagebuch Mittwoch (war es Mittwoch? Wie spät ist es?), 1. Juli 2020 – Urlaub

Nach der Abgabe der Diss verordnete ich mir selbst Urlaub bis mindestens Sonntag. Momentan möchte mein Kopf sich auch noch nicht wieder anstrengen, also gab’s alle alten Rick & Morty-Folgen auf Netflix, die ich aufnehmen konnte. Zwischendurch unterstützte ich die lokale Wirtschaft durch den Kauf von 500 Gramm Kaffeebohnen für meine French Press bzw. Cold Brew, was ich im Moment häufiger trinke als Flat White. Ich testete einen neuen Hermes-Abholort an, zu dem ich mir ein Paket hatte schicken lassen und informierte mich, ob meine von mir ausgesuchte (bezahlbare) Nähmaschine wieder verfügbar war. Das war sie monatelang nicht, weil anscheinend alle Masken genäht haben. Jetzt wo sie wieder da ist, traue ich mich noch nicht so recht, sie zu bestellen und schlafe noch eine Nacht darüber.

Erneut Udon-Nudeln mit Sesam-Chili-Sauce, weil von der immer so viel da ist, wenn ich sie mache, dass ich davon drei Tage essen kann. Heute gibt’s den Rest, vermutlich mit Tofu. Meine Balkontomaten bestaunt, die ich als Corona-Projekt erst im April ausgesät hatte und nicht, wie man das anscheinend macht, schon im Februar. Sie sind meiner Meinung nach viel zu dünn und meine ollen Bambusstäbe doch nicht so stabil wie ich dachte, daher sind es eher Arbeitszimmertomaten, weil ich dem Balkon mit seinem fiesen Wind und den irren Regengüssen nicht traue. Die Pflanzen bilden gerade winzige Blüten aus und ich bin völlig fasziniert davon. Nächstes Jahr kaufe ich mir so ein Plastikgewächshaus für den Balkon und ballere ihn mit allem voll, was ich derzeit brauche (Thai-Limettenblätter, Chilis).

Ansonsten Schokolade gegessen und ein Buch gelesen, das nur entfernt was mit Kunst des NS zu tun hat. Irre.

Von Schrottwert zu Meisterwerk und zurück – Über Kunstfälschung

Schöner Artikel über Kunstfälschung und dem Genieglauben, der vielen Kunstwerken noch heute inhärent ist. Ich hadere ein bisschen mit der Beschreibung der kleingeistigen Kunsthistoriker, aber das ist jetzt anscheinend Berufsrisiko, mich davon angesprochen zu fühlen. (YAY!)

„Kunstfälschungen werfen interessante Fragen auf, wenn es darum geht, was wir bereit sind, als Kunst zu akzeptieren. Die Memoiren von Kunstfälschern werden trotzdem sehr selten als Beiträge zu dieser Debatte ernst genommen. Was auch deswegen schade ist, weil sie, im Gegensatz zu vielen Beiträgen von legitimen Kunsthistoriker*innen, meist sehr unterhaltsam sind – und tatsächlich von vielen Lai*innen auch gelesen werden. Biographien und Memoiren von enttarnten Kunstfälschern, bringen es regelmäßig zu Bestsellern. In Großbritannien ist die Autobiographie des Allround-Fälschers Shaun Greenhalgh, A Forger’s Tale. Confessions of the Bolton Forger von 2017 sogar als Observer Art Book 2018 ausgezeichnet worden. Zurecht, denn bei Greenhalgh bekommt man detaillierte Einblicke in künstlerische und kunsthandwerkliche Techniken. Schließlich hat er selbst seine Fälschungspraxis als eine Art experimentelle Kunstgeschichte verstanden. Seine Confessions sind außerdem eines der wenigen Bücher, aus denen man etwas darüber erfährt, wie sich außer- und unterhalb bürgerlicher Mittel- und Oberschichten die ästhetische Erziehung des Menschen konkret abgespielt hat; und das ohne ein schlechtes Gewissen darüber, die eigene Herkunft durch den sozialen Aufstieg verraten zu haben. Greenhalgh hat das Buch im Gefängnis geschrieben, nicht auf einem Lehrstuhl für Soziologie.

Auch bei ihm ist, wie in den meisten Fälscher-Biographien, die Bête Noire weniger die Polizei, sondern die Kunstexpert*innen, die ihm eigentlich schon längst auf die Schlichte hätten kommen müssen. Stattdessen haben sie eine Fälschung nach der anderen in den Handel durchgewunken – und erst jetzt, als klar ist, dass eines der “bedeutendsten” Meisterwerke, das Vermeer oder Campendonck oder Van Goghs jemals geschaffen haben, gar nicht von deren Hand ist, erscheint denselben Experten plötzlich augenfällig, dass das ja gar kein Vermeer oder Van Gogh oder Campendonck sein kann, so schlecht wie die Fälschung gemacht sei.

Tatsächlich hat die Transformation vom Meisterwerk zu Schrottwert, die ein Kunstwerk in dem Augenblick erfährt, wenn die eigentliche Urheberschaft erkannt ist, etwas Mystisches: Eben noch Campendoncks bestes Gemälde, nun schlecht ausgeführter Expressionismus-Kitsch. Es sind offensichtlich weniger die dem Werk immanenten ästhetischen Qualitäten, die es zum Meisterwerk machen oder seine ästhetische Beurteilung bestimmen, sondern es muss die Hand des Meisters auf sich gespürt haben. Wird sie abgezogen, verschwinden plötzlich die sichere Linienführung, die subtile Komposition und die exquisite Farbigkeit oder was auch immer die Superiorität des Bildes begründet haben soll. An ihrer Stelle erscheint ein aus Geldgier, Geltungssucht und Selbstüberschätzung zusammengeschmiertes Machwerk. Das Kunstwerk als Berührungsreliquie.“

Was schön war, Dienstag, 30. Juni 2020 – Abgegeben, aufgeräumt, Wein geöffnet

Keinen Wecker gestellt, denn ich hatte nur einen Termin, für den würde ich schon rechtzeitig wachwerden. War dann auch so. Ich musste ein Paket mit drei Dissertationen (und einer CD. EINER CD!) zur Post bringen, und danach wollte ich die ganzen Bücher aus UB und Stabi zurückbringen.

Ich habe nur kleine Küchenwaagen im Haus, daher wusste ich nicht, wieviel Porto ich auf mein Paket kleben sollte. Anhand von super-exakten Versuchsreihen mit meiner 5-Liter-Gießkanne meinte ich zu erkennen, dass das Paket mehr als 5 Kilo wog und entschied mich für das Porto für Pakete zwischen 5 und 10 Kilo. Gegen halb zehn verstaute ich es auf meinem Gepäckträger, radelte zur Post, wo ich nach 30 Sekunden Wartezeit drankam, das Porto schien okay zu sein, ab damit.

Wieder nach Hause geradelt und einen noch schwereren Bücherstapel als mein Paket auf Gepäckträger und Rucksack verteilt. Acht Bücher in der UB abgegeben, zwei in der Stabi.

Zum Einkaufen geradelt, eingekauft. Zuhause meine leere Ablage bestaunt. Die sah noch nie so leer aus, seit ich hier wohne, weil immer ein Bücher- und Zettel- und Kopien- und Zeugstapel hinter mir lag mit Dingen, die ich genau in diesem Kapitel, an dem ich gerade saß, dauernd brauchte.

Zwei Mails an Doktorvater und Zweitprüferin geschrieben mit dem Textdokument der Diss als Anhang. Zwei WeTransfer-Links verschickt für den 300 MB großen Abbildungsteil.

An die Decke geguckt. Masterchef Australia geschaut und mich darüber gefreut, dass gutes Essen Menschen zum Weinen bringt, weil’s stimmt. Einen Riss in einer Hose geflickt. Udon-Nudeln mit Gemüse und Sesamsauce gegessen. An die Decke geguckt. Vor Netflix eingeschlafen. Mit Lektorgirl telefoniert und mir Pep-Talk abgeholt. Erneut vor Netflix eingeschlafen. Mit dem Mütterchen telefoniert und den nächsten Heimatbesuch klargemacht, denn die Diss ist jetzt abgegeben und der eine Job, der noch in der Pipeline ist, lässt sich gerade etwas Zeit, das wird schon passen. An die Decke geguckt.

Den Sommerabend mit F. und zwei Flaschen Wein auf dem Balkon verbracht, von denen nur eine geplant war. Nicht über die Diss geredet! (Okay, kaum.) Mich über die angenehm unheißen Temperaturen gefreut und meine Lichterkette und den Wein und die hervorragende Gesellschaft im kleidsamen hellblauen Shirt. Deutlich besser geschlafen als in den Nächten vorher.

„Die Diss ist jetzt abgegeben.“ Klingt immer noch komisch.

Was schön war, 2012 bis 2020 – Vom Ersti zur Diss

Vorgestern machte ich aus meinen Dokumenten mehrere PDFs und legte sie in den Ordner „Diss für Druck“. Direkt danach lehnte ich mich im Schreibtischstuhl zurück und fing an zu weinen, keine Ahnung warum. Schlussspurt-Übermüdung, traurige Erleichterung (jetzt isses geschafft, yay! Oh noes, jetzt ist es geschafft, nay!), das Gefühl eines Meilensteins und gleichzeitig die Hilflosigkeit des „Und was jetzt?“

Gestern stellte ich mir keinen Wecker, war aber zu früh wach für den Copyshop und guckte idiotischerweise nochmal über das Dokument, wobei mir natürlich im Inhaltsverzeichnis noch ein Fehler auffiel, den ich dann lieber auch nochmal im ganzen Dokument gegencheckte (Danke, „Suchen“ bei Word) und ein-, zweimal korrigierte, woraufhin ich das Text-Dok und das Inhaltsverzeichnis-Dok nochmal als PDF erstellen und nochmal in den Ordner packen musste.

Mit vier Einzeldokumenten auf dem USB-Stick (einmal Farbe, dreimal Schwarzweiß) radelte ich zum Copyshop, wo man mir sagte, dass über 500 Seiten, auch teilweise beidseitig ausgedruckt, zuviele seien, das könne man nicht mehr vernünftig binden. Daraufhin radelte ich wieder nach Hause, machte aus allem zwei Bände, fasste dementsprechend erneut das Inhaltsverzeichnis an (Band I/II, Band II/II), bastelte für Band II ein huschiges Titelblatt und radelte wieder zurück. Dann wurde gedruckt und gebunden und dann sah das ganze so aus:

Drei Exemplare kriegt die Uni, eins meine Mama, die es vermutlich neben meine Masterarbeit ins Regal stellen wird, falls das Ding überhaupt stehen kann.

Seit Monaten habe ich von meinen wenigen Online-Bestellungen die Kartons aufgehoben, weil ich wusste, dass ich einen brauchen werde, aber die waren alle zu klein. War ja klar. Deswegen zerschnitt ich den Kopierpapierkarton, den mir der Copyshop zum Transport mitgegeben hatte, füllte den Zentimeter bis zum ebenfalls mitgegebenen Deckel mit Dämmmaterial von Xocolat auf, verklebte ihn, damit er einen Atomkrieg (oder DHL) übersteht und werde ihn heute zur Post tragen, denn ins Prüfungsamt darf man wegen Corona immer noch nicht persönlich.

In diesem Copyshop habe ich übrigens meine Bachelor-, meine Masterarbeit und nun die Diss ausdrucken lassen. Fand ich schön.

Ich hatte unterschätzt, wieviel Papier ich produziert habe. Ich ließ alles bis auf die Abbildungen beidseitig drucken, aber 356 Seiten reiner Text plus 100 Seiten Bilder plus 17 Seiten Ausstellungsverzeichnis plus 40 Seiten Werkverzeichnis sind dann auch eine Ansage. Ich kannte das gute Stück bisher ja nur als niedliche Datei auf dem Rechner. Jetzt ist es eben ein Klotz und fühlt sich ziemlich beeindruckend an. Wenn mir demnächst langweilig wird, formatiere ich das mal auf Normseiten um.

Abends wider besseres Wissen in ein Exemplar reingeblättert und gemerkt, dass mir beim „Band I/II“-etc-Einfügen eine Zeile doof umgebrochen ist. Zu müde gewesen, um mich darüber zu ärgern. Traue mich jetzt nicht, den Layout-Snafu in der Datei auszubessern, die meine Prüfer*innen heute kriegen, denn das ist dann ja nicht mehr das Dokument, was im Prüfungsamt landet.

Gestern meinte jemand auf Twitter, dass ich doch gerade erst meine aufgeregten Ersti-Tweets abgesetzt hätte. Genauso fühlt sich das für mich auch an. Das war aber schon 2012, ich vergesse das auch dauernd.

Die kleine Sache, dir mir am Wochenende noch eingefallen ist, hat sich übrigens erledigt, danke, blitzschneller Campus-Lieferdienst fürs Nachgucken in einem Buch, an das ich gerade nicht rankomme, alles richtig gemacht mit dem Ausdrucken. Zu dieser Sache ein kleiner Lesetipp nebenbei. Man lernt nie aus. (Ach was. ACH WAS?!?)

Über diesen Tweet habe ich mich auch sehr gefreut.

Zum ersten Mal seit acht Jahren weiß ich nicht, was ich jetzt machen soll.

Tagebuch Sonntag, 28. Juni 2020 – Zwei Drittel des Doktorhuts sind erarbeitet

Tagebuch Samstag, 27. Juni 2020 – Zehn Stunden, 96 Seiten

Textteil steht. Noch drei Seiten rausgekürzt, alles nochmal versucht so zu lesen, als hätte ich keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob das gelungen ist, aber ich bin zufrieden mit dem Ding. Eine Sache, die ich noch nachgucken könnte, ist mir noch eingefallen, aber „nachgucken“ ist schwierig, wenn man zwei Wochen Vorlauf für einen Platz in der Bibliothek hat. Also gebe ich ab, gucke dann nach, werde mich möglicherweise ärgern, aber die neue winzige Erkenntnis in die zu veröffentlichende Version der Diss reinkorrigieren. Oder ich gucke nach, ärgere mich nicht und alles ist gut.

Heute nochmal Inhaltsverzeichnis lesen, Abbildungsverzeichnis lesen, Abbildungen überfliegen, Literaturverzeichnis lesen, aus allem ein pdf machen und dann bin ich durch.

Tagebuch Freitag, 26. Juni 2020 – Elf Stunden, 111 Seiten

(Dieses verdammte 1936er-Kapitel.)

Steht alles in der Überschrift. Zwischendurch ein Curry gekocht MIT ALLEM. Alle Zutaten im Haus gehabt, sogar Thai-Basilikum.

Außerdem die kleine Bürste aus dem Keller geholt, die ich sonst dazu benutze, Farbreste unter den Fingernägeln rauszuwaschen, wenn ich Zimmer streiche. Anhand eines interessanten Selbstversuchs weiß ich jetzt: Die ist für Kochen mit vielen Chilischoten auch äußerst sinnvoll.

Tagebuch Donnerstag, 25. Juni 2020 – Zehn Stunden, 152 Seiten

Mehr ging gestern nicht zum Korrekturlesen, irgendwann war mein Hirn bockig. Immerhin: Bis Anfang 1936 gekommen. Gefühlt habe ich diesen Satz schon achtmal geschrieben, ich habe die Korrekturgänge leider nicht mitgezählt.

Normalerweise drucke ich meine Texte zum letzten Korrekturgang aus, denn auf Papier sehe ich mehr als auf dem Display. Bei 60 Seiten Masterarbeit war das kein Ding, beim derzeitigen Stand von 358 Seiten (ich kürze immer noch) habe ich darauf schlicht keine Lust. Also korrigiere ich am nächstbesten Dingsi: einem schicken pdf, in dem die Fußnoten keine 10 Punkt mehr klein sind. Was da noch an komischen Fehlern rumliegt!

Den Rest der Diss korrigiere ich heute und morgen, dann schlafe ich den ganzen Sonntag, dann kümmere ich mich nächste Woche um Druck und Abgabe und dann bin ich selbst sehr gespannt darauf, über was ich dann hier überhaupt schreiben soll, wenn mein Thema der letzten drei Jahre wegbricht. Vielleicht Balkontomaten oder Schüsselkauf im Asiashop, jetzt wo ich Udonsuppen in Pastateller füllen muss, ich Barbarin.

Was schön war, Freitag bis Mittwoch, 19. bis 24. Juni 2020 – Zweiter Archivendspurt

Freitag: letzte Fußnoten in der Bibliothek des Deutschen Museums erledigen. Danach bekam ich von einer Blogleserin eine top-exklusive Privatführung durch das Magazin der Bib (danke!) und durfte im Rara-Lesesaal ein paar alte und tolle Bücher anschauen, zu denen mir der Leiter der Bibliothek etwas erzählte. Beim Bild einer 20 Zentimeter großen Vogelspinne, die einen Kolibri frisst, in Maria Sibylla Merians Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung (die Ausgabe im Deutschen Museum ist von 1719) habe ich memmig weggeguckt, wo Merian lustig kupferstichte. In einem Buch von Alexander von Humbold bewunderte ich die clevere Zeichnung eines Berges, in den Pflanzen eingeschrieben wurden, je nach Höhenlage. An der Legende an der Seite entdeckte ich „Caffé“ und „Kartoffeln“, aber dann ging’s schon weiter. Mit dem Buch wäre ich gerne noch ein bisschen alleine geblieben. Es gab eine Enzyklopädie, die vor der Diderots erschien, ein Buch mit Abbildungen der Mondoberfläche und den Rest habe ich schon wieder vergessen, aber es war großartig, diesen Schätzen so nahe kommen zu können. Theoretisch könntet ihr das auch, aber jetzt gerade nicht. (Die SITUATION!)

Im Magazin lernte ich, dass die Erwerbungen hier nicht nach Sachgebiet stehen, sondern nach dem Jahr des Eingangs. Daraufhin wollte ich dringend irgendwas zwischen 1933 und 1945 sehen, guckte mich kurz 1939 (?) fest und sah als erstes komplette Jahrgänge einer Zeitschrift, die wir im ZI nur als Rara-Bestand haben, die ich aber hier anscheinend innerhalb von einer Stunde auf dem Tisch gehabt hätte. Ich unterschätze diese Bibliothek ganz ungemein. Macht nicht denselben Fehler wie ich! Gleich mal eine Lesekarte holen! Kostet nix! Ich lernte nämlich auch, dass die Bibliothek von Anfang an beim Museum mitgedacht wurde: Wer im Museum noch Fragen hatte, sollte einfach nach nebenan gehen und sich ein Buch aus dem Regal ziehen können. Deswegen ist die Bib auch öffentlich und am Wochenende geöffnet, genau wie das Museum. Bei mir hatte die Bibliothek schon gewonnen, als ich sah, dass Scans nichts kosten. Dafür gibt so so gut wie keine Steckdosen, aber irgendwas ist ja immer.

Samstag. Kopf ausgemacht, Curry gekocht, mich über den Klassenerhalt von Augsburg gefreut. Mich von der langen letzten Woche ausgeruht. Konnte mich nicht auf den Bachmannpreis konzentrieren, der mir im letzten Jahr so viel Freude gemacht hatte. Nur eine Lesung und eine Jurybesprechung nachgeholt und einen der neuen Juroren gleich mal backpfeifen gewollt.

Sonntag. Kopf wieder angemacht und das Abbildungsverzeichnis runtergerockt. Jetzt aber wirklich. Dabei natürlich noch einen Fehler gefunden – irgendwie in den 60er-Nummern verzählt, woraufhin ich 140 Folgenummern in Diss und Verzeichnis ändern musste. Zum ersten Mal kapiert, warum mir alle Leute gesagt haben: Automatisier das! Mach nicht deine übliche Handarbeit. Ihr hattet alle recht, und beim nächsten langen Text höre ich auf euch.

Montag. Endlich war mein im Mai beantragter Perso in München angekommen, was ich online jeden Tag hektisch abgefragt hatte, denn das Prüfungsamt hätte gerne eine Kopie desselben. Die Frist zur Anmeldung zur Promotionsprüfung geht bis heute; notfalls hätte ich meinen ungültigen Ausweis kopiert, den Abholschein der Stadt und das Schreiben der Personalausweisbehörde, das mir PIN und PUK mitteilte und das sinngemäß begann: „Ihr neuer Perso wird gerade hergestellt“, um irgendwie zu vermitteln: Ich habe theoretisch einen Ausweis, nur jetzt noch nicht! Das war netterweise nicht nötig.

Ich radelte zum online vereinbarten Termin bei Kreisverwaltungsreferat, wartete fünf Minuten, wurde aufgerufen und gab am Schalter meinen alten Perso und den Abholschein ab – beides vorher nicht kopiert, wozu auch, ich krieg ja jetzt meinen neuen Ausweis. Oder auch nicht. Jedenfalls vorerst nicht.

„Wurden Sie von uns über irgendwelche Probleme benachrichtigt?“ Nö. „Haben Sie das Schreiben der Personalausweisbehörde bekommen?“ Jepp. „Hm.“ *schwitz* „Ich komme gleich wieder, ich muss da was klären.“ Ich ergab mich meinem Schicksal, die Diss erst im Oktober abzugeben, wurde dann aber in ein Büro gerufen, wo man mich darüber aufklärte, dass meine Unterschrift nicht fälschungssicher sei und dass ich dafür etwas unterschreiben müsste, dass ich darüber aufgeklärt wurde. Ich fragte lieber nach, ob ich mit meinem nicht fälschungssicheren Schnörkel unterschreiben sollte oder in Schönschrift, aber ich durfte schnörkeln und dann hatte ich einen neuen Ausweis, der an Papas 92. Geburtstag auslaufen wird.

Nachmittags durfte ich dann ins Depot der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Diese Story wird mir bis an mein Lebensende peinlich sein: Ich hatte im Lenbachhaus und den Staatsgemäldesammlungen um farbige Abbildungen von einigen Werken Protzens gebeten, die die beiden Häuser besitzen. Das Lenbachhaus schickte nur eine Mail zurück, dass sie gerade unterbesetzt sind, dauert, aber ich ahne, dass da eh nichts Farbiges zu holen sein wird (mir ging’s auch nur um zwei Werke, eins kenne ich nicht, ist aber nicht so wichtig, das andere ist eine Autobahn, die habe ich nur in schwarzweiß). Die Staatsgemäldesammlungen mailten irre schnell zurück: Sie hätten nur eine farbige Aufnahme, immerhin die Autobahn, aber die hängt ja für mich zugänglich in Saal 13. Die ist auch die Autobahn, von der ich am meisten Abbildungen gefunden habe, daher hatte ich da sogar eine farbige Aufnahme. Man fragte mich, ob ich die Schwarzweißfotos von den anderen Werken haben wollte, würde aber ungefähr acht Wochen dauern, was ich verneinte.

Und dann kam abends noch eine weitere Mail vom Sammlungsleiter für die Klassische Moderne, der meinte, bei entsprechenden Vorlauf hätte ich mir natürlich auch die Originale im Depot angucken können. Ich las und versank vor Scham im Boden, denn das hatte ich natürlich vor ungefähr zwei Jahren im Hinterkopf – und es dann einfach irgendwann vergessen. Ich schrieb eine launige Mail zurück von wegen Diss-Stress und egal, schlief schlecht, schrieb am nächsten Morgen noch eine Mail und bat piepsig darum, vielleicht folgende zehn oder so Werke angucken zu können von den ca. 100, die die Staatsgemäldesammlungen besitzen und ergab mich in mein Schicksal, die Diss erst im Oktober abzugeben. Die meisten von Protzens Werken sind an Behörden oder ähnliches verliehen, so ein schönes Bergpanorama macht sich in bayerischen Ministerien schließlich immer gut. Aber fünf Werke wären zugänglich – nächsten Montag vielleicht? Wo-hoo!

Ich lernte einen freundlichen wissenschaftlichen Mitarbeiter kennen, der mir über sein Forschungsgebiet was erzählte und mich Dinge fragte, die wirklich alle fragen, wenn sie das Stichwort „Autobahnmalerei“ hören. Merke ich mir für die Veröffentlichung. Ein ebenso freundlicher weiterer Mitarbeiter ließ uns ins Depot, wo ich fünf Originale ansehen konnte – ein Werk, das mir angekündigt wurde, war nicht dabei, aber dafür ein anderes, nehme ich auch. Das ist dann auch das letzte Werk, das ich von meinem Maler, wie ich ihn inzwischen zärtlich nenne, in der Diss abbilden werde; das freut mich, dass ich einen bunten Abschluss habe.

Dienstag. Mit Maske und Handschuhen im Stadtarchiv die nun wirklich allerletzten Fußnoten nochmal abchecken, bei denen ich mir unsicher war. Das ging schneller als gedacht, das war fast ein bisschen schade. Danach radelte ich zur Post und gab meine Prüfungsanmeldung per Einschreiben auf. Als Belohnung radelte ich zum Asiashop und kaufte den dortigen Kühlraum leer, um Tom Kha Gai zu kochen und mich den ganzen Tag darüber zu freuen, Chilis essen zu können, ohne umzufallen.

Abends sah ich F. endlich mal wieder, er hatte einen winzigen Teil der Diss für mich korrekturgelesen, und ich fügte brav fast alles ein, was dem Mann aufgefallen war. Gemeinsam eingeschlafen.

Gestern war dann der letzte Termin: In der Bibliothek der Pinakotheken wollte ich die Kopie des Werkverzeichnisses von Protzen einsehen, von der ich einen Scan besaß. Ein paar Dinge konnte ich dort nicht gut lesen, ahnte schon, dass das in der Kopie nicht anders sein würde, aber im Gegensatz zu den Werken wollte ich mir hier nicht nachsagen lassen, hättenSe mal bei uns nachgefragt. Wie erwartet war die Kopie nicht aufschlussreicher als mein Scan, aber gut. Interessiert stellte ich außerdem fest, dass im winzigen schriftlichen Bestand zu Protzen, der dort verwahrt wird, ein Ausdruck dieses Blogeintrags vom März 2018 von mir lag, in dem ich sehr grob beschreibe, was alles im Nachlass liegt. Darüber musste ich sehr lachen, auch wenn mir der Besuch sonst nichts brachte. Außer dass ich mal in der Bibliothek der Pinakotheken war. Das ist ja auch was.

Im Laufe des Tages machte ich dann aus meinen ganzen Einzeldokumenten mehrere große. 359 Seiten reiner Text. 39 Seiten Literatur- und Archivangaben. 94 Seiten Abbildungen. 1884 Fußnoten. Einmal lese ich das noch durch und dann lasse ich es los.

Tom Kha Gai

Aww, mein erstes thailändisches Rezept nach der irgendwie hingewürgten Currypaste. Dieses Mal auch mit allen Zutaten, die das Rezept wollte, ha! Okay, fast.

Auf meinem Einkaufszettel standen eigentlich frische Limettenblätter, aber bei denen war ich mir nicht sicher, ob sie der Asiashop bei mir um die Ecke hatte. Dort gibt es einen kleinen Kühlraum, in dem kistenweise Gemüse und Kräuter liegen (und Udon-Nudeln, die total ungeplant in meinem Rucksack landeten, keine Ahnung, wie das passieren konnte), und in dem fand ich keine frischen Blätter, sondern Grünzeug, das ich nicht zuordnen konnte, weder vom deutschsprachigen Regalschild noch vom englischsprachigen Aufdruck auf den durchsichtigen Tüten. Und von der Optik schon gar nicht, weil ich bis auf Koriander nichts aus der thailändischen Küche wiedererkenne. Also kaufte ich, was ging und bestaunte zuhause meine Schätze.

Dann ging es ans wirklich einfache Zubereiten. Von Masterchef Australia hatte ich gelernt, auf dem Zitronengras mit dem Messerrücken rumzuklopfen, um die Aromen freizusetzen, und fühlte mich sehr professionell. Für alles andere schaute ich erstmal ein Video. Vor ein paar Tagen fragte ich auf Twitter nach Tipps für thailändische Küche, und die Bücher und YouTube-Filme von Pailin Chongchitnant wurden mehrfach erwähnt. Also guckte ich ihr erstmal zu, wie sie Suppe zubereitete und lernte, dass die ganzen Kräuter und Gewürze nicht mitgegessen werden. YouTube-Uni wirkt!

Das Tollste an dem ganzen Ding war, an der frisch aufgeschnittenen Galangal-Wurzel zu schnuppern (wie Ingwer, nur nicht so aggro) sowie erstaunt festzustellen, dass einem ein irrer Limettenduft entgegenkommt, wenn man nur die Tüte der getrockneten Blätter öffnet (eat this, schnarchige Lorbeerblätter). Diese Zutat werde ich dringend nochmal benutzen müssen. Vielleicht mache ich die Currypaste nochmal, jetzt habe ich ja alles im Haus. (Auch Thai-Basilikum, siehe Bild oben!)

Für zwei bis drei Tellerchen.

1 Dose Kokosmilch (400 ml) mit
125 ml Hühnerbrühe zum Kochen bringen. Darin befinden sich
1 Stange Zitronengras, in grobe Stücke geschnitten,
1 daumengroßes Stück Galgant, in Scheibchen,
3 Korianderwurzeln, grob gehackt,
4 Bird’s-Eye-Chilis, sehr grob gehackt oder wenigstens aufgebrochen, und
4 Kaffirlimettenblätter. Mit
3 EL Fischsauce würzen und alles zehn Minuten köcheln lassen. Von Pailin im Video gelernt: Getrocknete Blätter gehen auch, dann eben mehr nehmen. Hab ich gemacht. (PS: Der Name Kaffirlimette ist zu recht nicht unumstritten. Ich kann auch mit Thai-Limette gut leben.)

Nach den zehn Minuten die ganzen Gewürze rausfischen (oder gleich in einem Teesieb mitsimmern lassen).
100 g Champignons (oder Austernpilze), mundgerecht zerteilt, in die Suppe geben und fünf Minuten mitköcheln lassen.

Danach
200 g Hähnchenfleisch, bei mir Filet, mundgerecht zerteilt, dazugeben. Kochen, bis das Fleisch durch, aber noch saftig ist, das sind nur wenige Minuten. Mit
3 EL Limettensaft,
1 TL Palmzucker (bei mir brauner Zucker) und notfalls noch mehr Fischsauce abschmecken. Mit Koriandergrün und Chili-Ringen servieren. Pailin meint im Video, dass man die Gewürze auch drinlassen kann, dann sollte man den Gästen aber sagen, dass der ganze Kram nicht mitgegessen wird. Ich fische das lieber vorher raus, aber das Süppchen sieht natürlich schicker aus, wenn mehr Zeug drin ist.

Ich fand die ganz leichte Schärfe der Suppe hervorragend. Sie ist alles andere als brennend, sondern eher frisch. Die Lippen zwirbeln nach der Suppe noch etwas, aber für mich unterstützte die Schärfe alles andere anstatt es zuzuballern. Wenn man die Deko-Chilis mitisst, ist das allerdings ein anderer Schnack. (Ging auch!)

Aus dem Asiashop habe ich mir auch eine andere Fischsauce mitgebracht als meine bisherige aus dem Supermarkt. Ich behaupte, auch sie (angeblich aus Thailand importiert) schmeckt frischer und weniger streng als meine alte. Duftet auch deutlich angenehmer. Überhaupt, der Duft von allem! Ich komme gerade überhaupt nicht damit klar, wie anders meine Küche riecht. Ganz wundervoll.

Eventuell thailändische Panang-Currypaste

Ich koche jetzt seit gut zehn Jahren. Davor konnte ich Bratkartoffeln und Spaghetti, inzwischen ist das Repertoire etwas größer und vielfältiger geworden. Relativ früh auf meiner Entdeckungsreise stieß ich auf Ottolenghi und war daher lange der Meinung, seine Küche – also die Ecke Libanon und Israel – wäre genau meine. Mit asiatischer Küche – um mal einen ganzen Kontinent unfair in einen, haha, Topf zu werfen – fremdelte ich etwas, keine Ahnung warum. Meine Eindrücke waren: alles zu scharf und viel zu kompliziert. Obwohl ich bei meiner einzigen Asienreise nach China Ende der 1990er-Jahre alles fantastisch fand, was ich aß. Komischerweise dauerte es bis zur diesjährigen Masterchef-Australia-Staffel, bis mich ein Gericht dazu verführte, lustige Zutaten zu kaufen, die ich bisher noch nie verwendet hatte. Seitdem werfe ich dauernd Chili-Öl in Dinge und möchte ganz dringend weitere unbekannte oder von mir bisher wenig genutzte Lebensmittel kaufen, vor allem weil meine Küche auf einmal ganz anders duftet als bei Ottolenghi-Rezepten (oder Bratkartoffeln. Nichts gegen Bratkartoffeln!). Und als letzte oder vorletzte Woche ein Curry hergestellt wurde, wollte ich auf einmal eine Paste selbst zubereiten anstatt wie sonst das Supermarkt-Gläschen aufzuschrauben. Ich ahne, dass diese Fertigpasten jetzt für mich Geschichte sind, auch wenn ich nicht alle untenstehenden Zutaten bekommen habe. Das war schon unverarbeitet im Zerkleinerer alles so frisch und aromatisch, dass ich es eigentlich nur riechen und bewundern wollte. Ist dann aber doch in der Pfanne gelandet. Memo to me: brauche jetzt einen Wok.

Das Rezept ist wie erwähnt von Masterchef Australia (Seite vermutlich nur per VPN erreichbar). Der kochende Herr warf Aubergine und Kürbis in den Topf, bei mir waren es Tofu, Bohnen, Brokkoli und Zucchini.

Für zwei gute Portionen

8 lange rote Chilischoten, grob gehackt,
2 Birds-Eye-Chilis,
1/2 TL gemahlenen Kreuzkümmel,
1 TL gemahlenen Koriander,
1 Stange Zitronengras, grob gehackt,
1 daumengroßes Stück Ingwer, grob gehackt,
die Schale einer Kaffirlimette (bei mir eine gewöhnliche Limette),
2 Kaffirlimettenblätter, fein gehackt (hatte ich nicht),
3 Korianderwurzeln (bei mir 5 Stengel Koriander mit allem),
5 geschälte Knoblauchzehen,
3 Schalotten, grob gehackt,
1/4 Cup Erdnüsse (eine Kinderhand voll) und
4 EL Rapsöl (bei mir Erdnuss) in einen Zerkleinerer geben und alles zu einer Paste hacken. Bei mir war dazu auch noch ein Pürierstab nötig. Ideal wäre ein Mörser, aber meiner ist zu klein für den Berg Zeug. Memo to me: brauche größeren Mörser.

In einem Wok oder einer tiefen Pfanne
1 EL neutrales Öl erwärmen und die Paste bei mittlerer Hitze anbräunen. Im Original heißt es „caramelize, but not burn“, hm, und es wurden 10 bis 12 Minuten erwähnt. Damit kann ich was anfangen. Das duftet übrigens alles ganz hervorragend beim nicht-burnen.

Wenn eure Paste euch richtig vorkommt, das Gemüse dazuwerfen, möglichst nach Garpunkt sortiert. Ich hatte die Bohnen schon halb vorgekocht, der Rest war roh. Alles rein damit, umrühren, damit alles was abkriegt und nun
400 ml Kokosmilch dazugeben. Einmal aufkochen, dann simmern lassen, bis euch die Konsistenz gefällt und das Gemüse durch ist. Mit
1 TL Tamarindenpaste,
1 EL Fischsauce und
1 TL braunem Zucker abschmecken. Mit ordentlich
Thai-Basilikum (bei mir Koriander) servieren.

Dazu gab’s mir bei noch Zitronengras-Reis: Eine Stange Zitronengras mit in den Reistopf geben, normal kochen, fertig ist der Duftreis. Das ganze ist, würde ich als Neu-Asiatisch-Kochende, eher europäisch-scharf. Man merkt die Schärfe eher hinten im Rachen als gleich vorne auf den Lippen, wo alles harmlos-süßlich daherkommt. Aber ich fand sie sehr angenehm.

Tagebuch Donnerstag, 18. Juni 2020 – Weil ich’s kann

Von 8 Uhr morgens bis 19.30 Uhr abends am Schreibtisch gesessen, nichts gekocht außer zwei Kannen Tee, durchgetippt und korrigiert. Die Feedback-Mail meines Doktorvaters hatte mir einen kleinen Curveball geschmissen, denn eine seiner Anmerkungen war sinngemäß: Sie haben da „akribisch“ (Zitat) Archiv- und Quellenarbeit betrieben – wieso sollte man das für diesen Maler tun? Was ist der Grund für die Beschäftigung mit ihm? Und ehrlich gesagt fiel mir tagelang dazu nichts ein außer: weil ich’s kann. Ich kann mich nach fast drei Jahren nicht mehr wirklich daran erinnern, warum genau mich dieses eine Werk von diesem einen Maler, über den es keine Forschung gibt, so interessiert hat außer: Über den gibt’s keine Forschung.

Also wurde aus „[Dokumentname] final“ doch noch „[Dokumentname] final 2“, verdammte Axt, weil ich beim Schreiben ein paar Gedanken einfließen ließ. Um halb acht brauchte ich aber dringend Balkonsalat und Käsebrot, und während ich das bei zwei Folgen „Dead to me“ verspeiste, fielen mir noch weitere Dinge ein, und ich ging um 20.30 Uhr wieder an den Rechner. Dann war ich halbwegs zufrieden, aber seit gestern nagt an mir das Gefühl, den 300 Seiten starken Mittelteil durch ein halbgares Fazit-Kapitel zu ruinieren.

Ich lasse das mal übers Wochenende liegen.