Bücher 2010 – März

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John Layman/Rob Guillory – Chew Vol. 1: Taster’s Choice

Großartiges Ding. Chew erzählt von John Chu, einem cibopathic – “he gets psychic impressions from whatever he eats”. Heißt: Wenn er in einen Apfel beißt, sieht er den Baum, an dem er gewachsen ist und kennt die Pestizide, die er abbekommen hat. Wenn er in einen Burger beißt, weiß er, wie die Kuh geschlachtet wurde – weswegen Herr Chu meist nur Gemüse isst. Heißt aber auch: Wenn er in das Fleisch eines Mordopfers beißt, weiß er, wer der Täter ist. Klar, dass Chu Kriminalbeamter geworden ist und nun der FDA unter anderem dabei hilft, illegales Hühnerfleisch sicherzustellen, denn nach der Vogelgrippe-Epidemie ist chicken verboten, wohingegen das Ersatzprodukt chickyn frei verkäuflich ist. Und wie bei jeder Prohibition gibt es Leute, die den hungrigen Genießern echtes Hühnerfleisch bieten wollen; Schmugglerbanden entstehen, aufrechte Cops halten dagegen und so weiter und so fort.

Dann kommt in Chew noch eine Restaurantkritikerin vor, die – ich liebe diese Idee – ein saboscrivner ist: Sie kann Essen so beschreiben, dass ihre Leser es selbst schmecken können. Was eigentlich toll ist, außer, wenn sie über irgendwelche Hinterzimmerjoints schreibt, die Hundefutter und Kotze verarbeiten. Außerdem dabei: eine russische Dame, die einem noch nicht näher bekannten Vampir hörig ist, ein, zwei Kollegen von Chu, die nicht immer das sind, was man erwartet, und haufenweise abgehackte Finger, Blut und tote Hunde.

Chew hat erst angefangen; in diesem Paperback sind die ersten fünf Hefte gesammelt, die die Story gerade groß werden lassen. Ich hab keine Ahnung, wie’s weitergeht, aber bis jetzt bin ich begeistert. Grundidee, Zeichnungen, Tonfall – alles toll. Will mehr. Hab Hunger.

(Webseite zu Chew, Blog von Autor und Letterer Layman, Blog von Zeichner und Kolorist Guillory)

Charles Brownstein – Eisner/Miller

Eine Aufzeichnung von vielen Gesprächen zwischen den Comiczeichnern Frank Miller und Will Eisner. Die beiden reden über Farbe versus Schwarzweiß in Comics, die geringe Wertschätzung, die ihr Medium früher hatte und wie sich das in den letzten 50 Jahren geändert hat (oder auch nicht?), über Zensur, über ihre Lieblingstinte und überhaupt über so viel, dass ich gar nicht nachkam mit Post-its ins Buch kleben. Das Buch gehört nämlich dem Kerl, und deswegen konnte ich nicht mit Bleistift lesen, um mir schöne Sätze zu merken.

Ich mag diese Art von Büchern sehr gerne. Ich mag, wie Truffaut mit Hitchcock geredet hat, Cameron Crowe mit Billy Wilder, Tom Tykwer mit Michael Ballhaus. Man erfährt so viel mehr und das alles viel direkter als in einer Biografie, weil eben Menschen miteinander reden, die den gleichen Hintergrund haben. Ich bin, was Comics angeht, immer noch am Anfang meiner Bildung und daher konnte ich leider die Lieblingstinte nicht würdigen, weil ich keine Ahnung habe, warum diese oder jene Marke jetzt so toll ist. Trotzdem habe ich jedes Wort verschlungen, weil ich mich so eingeweiht gefühlt habe. So wie in einer exklusiven Privataudienz mit den Meistern.

Und Miller und Eisner haben wirklich viel, sehr viel zu erzählen. Ich fand es zum Beispiel sehr spannend, dass Millers Werke gerne mit Filmen verglichen werden und Eisners mit Theaterstücken. Einfach weil Miller gerne den Blickwinkel auf seine Figuren ändert, während Eisner eher statisch bleibt. Jede Methode, ein Bild zu komponieren, erzeugt eine andere Rezeption, aber beide transportieren ihre Geschichte. Oder: Miller erzählt, dass er gerne zuerst alle Schwarztöne aufträgt und dann die Figuren mit Weiß wieder aus dem Schwarz „fräst“ und das über 150 Seiten hinweg, während Eisner sich von Panel zu Panel fortbewegt. Oder oder oder. Hardcore-Comicfans, zum Beispiel:

“MILLER I think if I were to name the best and the worst thing that’s happened to comics in my lifetime, it’d be the same sentence: The inmates took over the asylum (Eisner laughs). A bunch of people who loved comics moved into it, which is great, but, unfortunately, its overall world is possessed with these fondly remembered childhood fantasies. To the point where you can do The Name of the Game or A Contract with God, I can go off and do Sin City, we can do anything we want to, and they’ll smile at us and nod. But the minute I turn around and dent the Batmobile, they go out of their minds! They have such a precious view of these fantasies.“

Oder das Geschichtenerzählen in Bildern (ach was):

“EISNER (…) I want to get my reader by his lapels, and I want to make him think and I want to make him cry because of what I’m telling him.

MILLER What I want to do is make him stop breathing!

EISNER The way I tell stories, I’m writing a letter to somebody. And I’m telling them about the past. I’m telling somebody what happened yesterday.

MILLER And I feel like I’m giving them a harassing phone call! (laughter)

EISNER That’s funny, but it’s good. It’s right on. That is a very understandable difference. I’m telling somebody right now, either somebody my age or somebody who’s had enough life experience to understand what I’m talking about. Obviously in the medium I’m working in, I can’t get into as fine a detail as Saul Bellow would get into when he’s writing a description of a given scene. Comics have that limitation. An image has a great deal of limitation. There’s a certain amount of depth that it cannot evoke without the experience of a viewer. My reader needs a certain depth of experience. Our narrative begins with a single image taken out of a seamless flow of images …

MILLER And it’s amazing what a picture can do. I had a real cartoon moment walking up 9th Avenue one day. Everybody was buzzing back and forth on a hot day, and there were a lot of people on the street. I was walking by a restaurant, and there was the most beautiful little rag doll just lying on the sidewalk. I leaned over and picked it up, looking to see if there was a baby carriage of whatever, and there was nothing in sight. And it could have been some little girl’s favorite rag doll. It was beautiful. But I didn’t want so steal it and take it home. So I sat it on the stoop in front of the restaurant, like I was taking care of it or something, and then walked off.

EISNER What you just talked about is the kind of thing that I would spend two pages drawing.

MILLER It was completely meaningless. Some little girl lost her doll.

EISNER It was very meaningful. As a matter of fact, in Graphic Storytelling I extracted a well-known thing from Ernest Hemingway. He once said, “I can write a short story in six words.“ What are the six words? He said, “For sale: baby shoes, never used.” What you just described is something that I would jump on. Now, whether you would stop your story … there’s a moving vehicle that’s racing down the highway. Would you stop that in time for this guy to get out of there? (Miller laughs.) No, you wouldn’t. You’ve provided a wonderful visual example of the difference between us.

On the other hand, let’s talk of the meaning of a visual image. That image of a man – picking up a baby doll, a rag doll, looking at it, looking around, seeing nobody, and putting it on the stoop – that has to be a classic set of images. The depth of that drawing comes from the reader’s experience. The reason you and I are so entranced by that thing is because we have the experience needed to give it context. Now, somebody writing this in text will talk about the history of this thing oder give you a whole page of narrative that describes the inner feelings of the man who picked the doll up. We haven’t got time to describe his inner feelings. We must somehow imply them visually.

MILLER It felt an awful lot like a French movie.

EISNER I think it’s a classic act of humanity. This is not something that an animal would do. It’s something that a human being would do.

But getting back to the issue of why I said that images have narrative limitations … that story you told is a beautiful example of how imagery can evoke emotions. But we need the support of the reader to help define the internal motions that go into it. I could develop that onto two pages, shown by the kind of man standing there and how he picks up the doll. It could go several ways. It could be a man in a tuxedo with a top hat. Or it could be an old man in shabby old clothes. It could be an athletic-looking man. These are the images that would evoke story and the depth that we’re talking about. That is called storytelling imagery.”

Auch schön: Es gibt nicht nur viel zu lesen, sondern auch viel zu gucken. Jedesmal, wenn die beiden eine bestimmte Zeichentechnik oder eine Besonderheit ansprechen – sei es von ihren eigenen Werken oder auch von Kollegen –, gibt es mindestens ein Bild, manchmal auch gerne eine ganze Seite aus dem betreffenden Comic dazu. Natürlich macht das Buch noch mehr Spaß, wenn man von den beiden ein bisschen was kennt; bei mir war es deutlich mehr Miller, den ich gelesen hatte, aber das hat dem Lesevergnügen überhaupt nicht im Weg gestanden. Große Empfehlung.

(Leseprobe bei amazon.de)

Ulf von Rauchhaupt – Die Ordnung der Stoffe. Ein Streifzug durch die Welt der chemischen Elemente

Von Rauchhaupt hatte jahrelang eine Kolumne in der FAS, in der er auf 70 Zeilen jeweils ein chemisches Element beschreiben durfte. Diese Kolumnen sind in diesem Buch versammelt, und das war’s dann auch schon. Jedes Element hat gerade einmal anderthalb Taschenbuchseiten, was natürlich viel zu wenig ist, um wirklich was zu erfahren. Aber: Jeder Stoff bekommt mindestens eine spannende Eigenschaft zugeordnet – zum Beispiel dass bei Feuerwerk das Nitrat oder Chlorat von Barium für die grüne Farbe zuständig ist –, und die bildet dann den Grundstock für die wenigen Zeilen. Das liest sich sehr unterhaltsam und launig weg, und man kann sich ganz tolle Fakten merken und damit angeben. Etwa dass in Neonröhren das viel billigere Argon drin ist. Oder die schauerliche Geschichte von Herrn Byers. Oder dass bis in die 50er Jahre hinein das psychogene Lithium in 7-Up enthalten war. Oder dass die wunderbare Farbe der Van Gogh’schen Sonnenblumen ausgerechnet Chromgelb war, das nicht stabil ist, weswegen die Blumen nach und nach zu Ocker ausbleichen. Oder dass man auf Usedom beim Bernsteinsammeln bitte nicht jeden gelben Klops aufheben sollte, der angeschwemmt wird, denn das könnte auch Phosphor sein aus nicht explodierten Brandbomben der Alliierten, das sich manchmal schon bei Hosentaschenwärme spontan entzünden kann. Oder (brabbelnd ab)

Neil Gaiman/Sam Kieth, Mike Dringenberg, Malcolm Jones III – The Sandman I: Preludes & Nocturnes

Ich habe schon ein, zwei Gaimans gelesen, die ich auch irgendwie nett fand, aber so richtig superduper dann auch nicht. Trotzdem wurden viele Leser und Leserinnen (und Mitbewohner von Mitbloggerinnen) nicht müde, mir The Sandman ans Herz zu legen. Und jetzt, wo ich die ersten acht Hefte gelesen habe, bin ich auch sehr froh darüber, so viele Nöckelnasen um mich herum zu wissen.

Den Anfang des Epos macht die Geschichte von Dream, der für die Träume und Alpträume der Menschheit zuständig ist. Er wird 1916 mithilfe eines blöden Zauberspruchs gefangengenommen und kann erst 70 Jahre später entkommen. In der Neuzeit muss er dafür sorgen, sein altes Königreich wieder aufzubauen bzw. überhaupt erst einmal wieder an sein mythisches Werkzeug gelangen, das in den Jahrzehnten seiner Gefangenschaft des Öfteren den Besitzer gewechselt hat.

Sandman hat mir nicht nur wegen der Story gefallen, die sehr stimmig erzählt wird, sondern auch wegen der Geschwindigkeit, mit der sie sich entfaltet. Keine wilde Hektik, sondern viel Hintergrund und Atmosphäre. Man fühlt sich nicht – wie bei manchen anderen Comics – für blöd verkauft, sondern darf sich in einer durchaus herausfordernden Welt bewegen. Klingt jetzt alles nicht überbordend begeistert, aber Sandman hat mich sehr beeindruckt.

(Leseprobe bei amazon.de, Weblog und Twitter-Account von Neil Gaiman)

Elisabeth Rank – Und im Zweifel für dich selbst

Zweifel erzählt von Trauer. Und Freundschaft. Und Liebe, die zu Trauer wird und nach der sich Freundschaft bewährt. Tim, Lenes Freund, kommt bei einem Autounfall ums Leben, woraufhin Lene und ihre Freundin Tonia aus Berlin wegfahren, ziellos durch Meck-Pomm kurven, um schließlich an der Ostsee anzukommen – nur um wieder umzudrehen und auf eine Beerdigung zu gehen. Im Laufe der Reise, die weder Flucht ist noch Lösung noch Lösungsansatz noch irgendwas, außer Autofahren und Weinen und Nachdenken und Leben, erfahren wir mehr über die beiden, ihre Partner und Mitbewohner und wie es sich anfühlt, Verlust aushalten zu müssen.

Ich lese Elisabeths Blog seit Jahren (ich trau mich nicht mehr, Liz zu schreiben), und so sehr ich ihren Stil mag, so sehr hatte ich Angst davor, ihn auf 200 Seiten zu lesen, weil ich nicht wusste, ob die vielen, zarten Augenblicke, die sie so treffend beschreiben kann, auf der Langstrecke verschmieren und ihre Präsizion verlieren. Tun sie nicht. Tun sie ganz und gar nicht.

Motoro Mase (John Werry, engl. Übers.) – Ikigami: The Ultimate Limit 1 (The End of Vengeance/The Forgotten Song)

Ein Ikigami ist eine Nachricht, die dir von deiner Regierung überbracht wird – 24 Stunden, bevor du stirbst. Als Kind wurde dir eine Impfung verabreicht, und wenn du Pech hattest, befand sich in der Spritze eine Nanokapsel, die irgendwann im Laufe deines Lebens dein Herz anhält. Da jeder weiß, dass dieses Schicksal ihn oder seine Liebsten treffen kann, schätzen alle Bewohner dieses Landes ihr Leben viel mehr als andere. – Das ist zumindest der Plan, den die Regierung hatte, als sie dieses Gesetz erlassen hat. Ikigami 1 erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die ganz unterschiedliche Biografien haben und dementsprechend unterschiedlich auf ihre Todesnachricht reagieren. Außerdem treffen wir einen Mitarbeiter der Regierung, der die Ikigamis zustellen muss.

Der Comic hat mich ziemlich mitgenommen. Die Grundidee ist ja nun auch nicht gerade Kuschelkram, und der gesamte Tonfall geht von sehr schmerzhaft bis sehr deprimierend. Ein bisschen abgelenkt hat mich das Format, denn Ikigami ist wie im japanischen Original von rechts nach links und von hinten nach vorne zu lesen. Da war mein Kopf dann doch etwas zu beschäftigt, um die schwerverdauliche Story ganz nah an mich ranzulassen. Trotzdem: Empfehlung.

Es gibt insgesamt vier Bücher; dieses hier stand auf der Auswahlliste des Angoulême International Comics Festival 2010.

(Lese„probe“ *hust* hier. Fängt japanisch an, geht englisch weiter.)

Drew Gilpin FaustMothers of Invention: Women of the Slaveholding South in the American Civil War

Mothers beschreibt das Leben von weißen Frauen der Oberschicht der Südstaaten zurzeit des Amerikanischen Bürgerkriegs. Diese deutliche Erwähnung muss sein, denn das Leben von schwarzen Frauen oder weißen Frauen in eher einkommensschwächeren Schichten war ein ganz anderes. Faust konzentriert sich eben auf diese Gruppe, und ich habe einiges in diesem Buch gelesen, das mich sehr überrascht hat.

So ist es ja ein gängiges Kriegsklischee, dass die Männer an die Front ziehen und die Frauen sich um die Verwundeten kümmern. Zurzeit des Civil War war der Raum, in dem sich weiße Frauen der Oberschicht bewegten, sehr begrenzt. Die sogenannte women’s sphere war eindeutig auf das Haus beschränkt, wo sie aber auch eher wenig zu tun hatten. Kochen, waschen und Kinderaufzucht war Arbeit von Sklaven und Sklavinnen; die mistresses waren im Prinzip „nur“ damit beschäftigt, Bildung anzuhäufen (so gut wie alle konnten lesen und schreiben und meist ein Musikinstrument spielen) und Bälle auszurichten, um Töchter und Schwestern zu verkuppeln. Sie waren aber in der Öffentlichkeit völlig unsichtbar; es galt sogar als unschicklich, nur den eigenen, weiblichen Namen in der Zeitung zu lesen. Mitte des 19. Jahrhunderts war dementsprechend Krankenpflege eine absolute Männerdomäne, denn sie beinhaltete ja erstens Arbeit und zweitens eine in der Öffentlichkeit. Erst als so ziemlich alle Männer an die Front geschickt wurden, hieß es plötzlich, wie gut doch Krankenpflege zum weiblichen Geschlecht passe. Eine Einschätzung, die sich bis heute nicht mehr geändert hat.

Das Buch konzentriert sich sehr stark auf Aufzeichnungen von Frauen aus der Zeit: Briefe, Tagebucheinträge, Gedichte. In ihren eigenen Worten beschreiben Frauen ihr Leben zurzeit des Civil War, und Faust setzt die vielen Stimmen in einen sehr lesbaren und nachvollziehbaren Rahmen. Mothers befasst sich vor allem mit der großen Veränderung des damals als natürlich angesehenen Zustands, dass die Männer die Macht haben, dafür aber die Frauen beschützen. Der Bürgerkrieg zeigte, dass diese „freiwillige“ Machtverteilung eine Illusion war:

“Before the war, women of the southern elite had regarded themselves as dependents within an organic social order in which female subordination was accepted in return for protection and support. Yet white men’s wartime failure to provide women with either physical safety or basic subsistence cast this world and its social assumptions into question. Relationships of unchallenged status, of assumed superiority and inferiority, were transformed into what political theorists would call social relations of contract. Women came to regard their sacrifice and subordination as no longer inevitable but contingent on men’s fulfillment of certain expectations. The notions of “virtual” political representation – which argued that women’s interests would be protected by their men – had proved hollow indeed. Women began to acknowledge and defend their own interests apart from those of their families and their nation and to regard themselves as individuals posessing rights and legitimate desires, not just duties and obligations.”

Oliver Sacks – Uncle Tungsten: Memories of a Chemical Boyhood

Schön, schön, SCHÖN! Also für mich. Denn: Uncle Tungsten ist nicht unbedingt eine gelungene Biografie; dafür sind die Erlebnisse des jungen Oliver Sacks zu spärlich beschrieben. Es ist aber auch kein Chemiebuch, denn dafür ist es zu persönlich, zu subjektiv. Aber: Beides zusammen ist genau das Buch, das ich gerade lesen wollte in meiner kindlichen Begeisterung für die Elemente und was die kleinen Racker so machen. Sacks erzählt von seinem Onkel, dem eine Glühlampenfabrik gehört, in der Wolfram (engl: tungsten) verarbeitet wird. Er gibt sein chemisches Wissen an seinen kleinen Neffen weiter, der natürlich davon beeindruckt ist, dass Dings blaue Dämpfe ergibt und Bums schönstens explodiert, wenn man es mit Schlumpf reagieren lässt. Und als Leserin hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, mit Sacks alles zu entdecken. Es hat sich nicht angefühlt wie eine Versuchsbeschreibung nach der nächsten, sondern so, als ob man mit ihm zusammen davon fasziniert ist, wie verschieden Metalle sind oder Edelgase oder seltene Erden (was für ein toller Name!), als ob man mit ihm zusammen Reagenzgläser mischt und Elementproben sammelt und im Science Museum rumhängt und das Periodensystem auswendig lernt.

Sacks ist ja eh ein Meister im persönlichen Schreiben, wenn man das so nennen mag. Auch in seinen anderen Büchern (zum Beispiel dem hier oder dem hier) schafft er es, jede Distanz auszublenden und einen quasi mit ans Krankenbett zu nehmen. Genauso begeistert habe ich ihm bei seinen Experimenten über die Schulter geguckt. Zusätzlich erzählt Sacks noch viele Anekdoten aus der Geschichte der Chemie, die er als Kind gehört hat und von denen ich einige netterweise schon aus der tollen BBC-Doku kannte: die Entdeckung einzelner Elemente, das Entstehen des Periodensystems und des Bohr’schen Atommodells zum Beispiel. Alles zusammen ergibt – für mich – eben genau so ein Buch über Chemie, wie ich es lesen wollte: Historie vermischt mit alltäglichen Anwendungen von chemischen Elementen, gepaart mit einem absolut begeisternden Schreibstil. Für alle Chemiker wahrscheinlich romantischer Kinderkram, für alle Nichtinteressierten schlimmer als ein Schulbuch, aber für alle Knallköppe wie mich, die gerade Sachen toll finden, die andere in der 7. Klasse toll fanden, ein wundervolles, wundervolles Buch.

(Mit Dank an giardino: Sing along!)

FlixFaust. Der Tragödie erster Teil

Wie der Name schon sagt: Faust eben. Nur mit Faust als Berliner Taxifahrer, mit einem Gott, der „seine“ Welt mit Google Earth im Auge behält, in der Allah einen Skype-Account hat, mit Mephisto, der sich als Life Coach ausgibt, mit Margarete, die nach Frau Schreinemakers benannt ist und die Tochter des Gemüsetürken um die Ecke ist, und mit einem dicken, pupsenden Pudel namens Charlotte von Stein. Die Geschichte ist in vielen, vielen Teilen schon in der FAZ erschienen, was mich wahnsinnig gemacht hat – immer nur vier, fünf Bilder zu sehen, fand ich irrsinnig anstrengend. Deswegen habe ich brav auf das Buch gewartet und es dann in einem Rutsch durchgelesen. Wie immer bei Flix: schöne Sätze, schöne Bilder, komische Füße, Gags im Hintergrund (die Cornflakespackung mit der Aufschrift „Cornflix“ oder dass die angesagte Bar ausgerechnet Dante heißt) und Sprechblasen, die mich minutenlang hysterisch kichern lassen: „Was sagte Gott, als er das Ruhrgebiet erschaffen hatte? Essen ist fertig.“

(Alle Folgen auf faz.net)

Siri Hustvedt – The Sorrows of an American

In Sorrows geht es um den Psychiater Erik, seine Schwester Inga und drei Storylines auf einmal. Erik verliebt sich in seine Untermieterin, die seltsame Fotos geschickt bekommt, Inga muss sich mit Leuten herumschlagen, die was mit ihrem verstorbenen Mann Max zu tun haben, der ein bewunderter Autor war, und im Hintergrund wabert noch eine Familiengeschichte mit dem noch zu bestattenden Vater rum. Die jeweiligen Auflösungen sind relativ unspektakulär, aber trotzdem habe ich das Buch sehr gerne gelesen, weil ich den Stil von Hustvedt so gerne mag. Er ist nicht ganz so auf den Punkt gewesen wie bei What I Loved; ich hatte eher das Gefühl des Entlangschlenderns am Leben von ein paar Leuten, wie auf einer Party, wo man mit halbem Ohr drei Geschichten erzählt kriegt, die alle keinen Anfang und kein Ende haben, sondern schlicht einen kurzen Eindruck hinterlassen. Mir kamen die Figuren nicht ganz so nahe wie bei Loved, und ich fand es sehr lustig, dass Hustvedt wieder aus der Ich-Perspektive eines Mannes geschrieben hat. Aber wie gesagt: gerne gelesen. (Das war jetzt eine arg fusselige Rezension, ich weiß. Passt aber zum Buch.)

(Leseprobe bei amazon.com)

Mike Carey/Peter Gross – The Unwritten 1: Tommy Taylor and the Bogus Identity

Tommy Taylor ist ein kleiner Zauberer mit einer Tätowierung, die wehtut, sobald sich der böse Ambrosio nähert. Seine beiden Freunde Sue und Peter helfen ihm bei seinen Abenteuern … klingt bekannt? Kein Wunder, dass die Tommy-Taylor-Bücher so beliebt sind und sich Tom Wilson, der Sohn des Verfassers, mit gut informierten Fans auf der Comiccon auseinandersetzen muss. Wilson ist vor Jahren unter nie geklärten Umständen verschwunden, und Tom bemüht sich, das Erbe aufrechtzuerhalten, muss aber gleichzeitig damit zurechtkommen, dass alle Welt ihn für den kleinen Zauberer hält und ihm Kräfte zuschreibt, die er nicht hat. Oder doch? The Unwritten 1 versammelt die ersten fünf Hefte dieser neue Serie, und sie klingt ziemlich vielversprechend. Man kann sich nie sicher sein, wieviel Fiktion wirklich Fiktion ist und wieviel Wirklichkeit. Alles verwischt, es gibt eine Landkarte, auf der Orte aus berühmten Romanen verzeichnet sind, Wilson hat seinem Sohn beigebracht, solche Orte als real zu betrachten, und zum Schluss des Buches taucht auch noch Rudyard Kipling auf, der vielleicht auch etwas mit der Geschichte zu tun hat … alles noch sehr verworren, aber ich mag das Spiel mit Figuren aus der Literatur. Man hat ja nicht oft einen Harry-Potter-Klon und Frankensteins Monster auf einer Buchseite.

Warren Ellis/Darick Robertson – Transmetropolitan 4: The New Scum

Auch wieder ein schöner Wurf. Dieses Mal geht es um den Präsidenten (the beast) und seinen Herausforderer (the smiler), die beide Spider Jerusalem überraschend offene Interviews geben. Spider ist immer noch angenervt von der ganzen Welt, aber diesmal überwältigt sie ihn schließlich, und wir bekommen ab und zu ein überfordertes Großmaul zu sehen, was mir sehr gut gefallen hat.

(Leseprobe bei amazon.de)