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30.12.2009

2009 revisited

(2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003, 23. Dezember)

1. Zugenommen oder abgenommen?

Durch Coaching etwas abgenommen. War aber nicht der Hauptwunsch, weswegen ich mein Essverhalten mal angucken lassen wollte, sondern: wieder genießen lernen. Hat geklappt. Daher ist die Abnahme auch „nur“ das kalorienfreie Sahnehäubchen. (Und fällt im Gesamtgewicht nicht wirklich auf.)

2. Haare länger oder kürzer?

Mir egal.

3. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

4. Mehr Kohle oder weniger?

Ungefähr gleichgeblieben. Dafür deutlich mehr Freizeit. Hach, selbständig sein.

5. Mehr ausgegeben oder weniger?

Für Amazon mehr, weil ich Comics für mich entdeckt habe und inzwischen lieber Serienstaffeln weggucke als ins Kino zu gehen. Für Zugfahrkarten weniger, weil ich nicht so lange außerhalb Hamburgs gebucht war.

6. Mehr bewegt oder weniger?

Da mein Rücken Autofahren immer weniger mag, mehr.

7. Der hirnrissigste Plan?

Mal wieder lange Autofahren.

8. Die gefährlichste Unternehmung?

Mal wieder lange Autofahren.

9. Der beste Sex?

Mal wieder lange … Kann nicht klagen.

10. Die teuerste Anschaffung?

Schwanzmütze.

11. Das leckerste Essen?

Alles, was Lu uns zubereitet hat und alles, was wir danach alleine hingekriegt haben. (Lammkeule in Kräuterkruste! Rote Bete mit Ziegenkäse! Gemüse mit Gemüse! Selbstgemachte Nudeln! Unbekannte Fische! Das alles – und noch viel meeeeehr …)

12. Das beeindruckendste Buch?

Die gesamte Leseliste kommt am 1. Januar, und bei Durchscrollen muss ich sagen: Ich hab ne Menge schönes Zeug weggelesen, dieses Jahr. Daher ist mir die Auswahl alles andere als leicht gefallen.

Comics: Watchmen von Alan Moore/Dave Gibbons. Der Einstieg in eine neue Welt für mich. Runner-up(s): Ronin von Frank Miller/Lynn Varley, Elektra: Assassin von Frank Miller/Bill Sienkiewicz, Hector Umbra von Uli Oesterle, Asterios Polyp von David Mazzucchelli, Fun Home: A Family Tragicomic von Alison Bechdel.

Sachbuch: Battle Cry of Freedom, James McPherson. Runner-up: Slavery by another name, Douglas Blackmon.

Fiktion: Oben ist es still von Gerbrand Bakker/Andreas Ecke (Übers.). Runner-up: Cold Mountain von Charles Frazier.

Außer Konkurrenz: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

13. Der ergreifendste Film?

Uwe geht zu Fuß. Boy A. Milk. Frozen River. Alle auf DVD. Man on Wire. Wenigstens den im Kino.

14. Die beste CD?

Keine einzige gekauft. Liebste MP3-Downloads waren Pascal Finkenauers Unter Grund bzw. die Aufnahme von Vadim Repin mit dem Gewandhausorchester von Brahms’ Opus 77 und 102 (Links öffnen iTunes).

15. Das schönste Konzert?

Das hier. Waren nur zwei Minuten, werden mich aber noch lange begleiten.

16. Die meiste Zeit verbracht mit …?

… den verschiedensten Möglichkeiten, Rückenschmerzen zu entgehen. Nach knapp 20 Jahren Dauerschmerz (mit unglaublich tollen fünf schmerzfreien Jahren nach der Bandscheiben-OP 2001) hab ich aufgegeben. Golf deswegen übrigens auch. Ich geh jetzt abends einfach nicht mehr weg, wenn ich acht Stunden Agentur im Kreuz habe bzw. liege gerne mal unter dem Schreibtisch, wenn andere Zigarettenpause machen. (All your Agenturfußböden are belong to us!)

17. Die schönste Zeit verbracht mit …?

… dem Kerl. Gerne wieder. Super-Freund. Schneller Verstand.

18. Vorherrschendes Gefühl 2009?

Läuft.

19. 2009 zum ersten Mal getan?

Piraten gewählt. Eine Online-Petition unterzeichnet. Das Leitmedium Zeitung angezweifelt. Professionellen Journalismus angezweifelt. But on the happy side: Rote Bete gegessen. Pfifferlinge gegessen. Tofu gegessen. Tahin gegessen. Zehn Käsesorten, die ich nicht kannte, gegessen. Zehn Fischsorten, die ich nicht kannte, gegessen. Noch viel mehr Sachen gegessen, die ich nicht kannte und die mir jetzt entfallen sind, die ich aber wieder essen werde.

20. 2009 nach langer Zeit wieder getan?

Mich für Politik interessiert. Extrem von Politik genervt gewesen. Den Kapitalismus angezweifelt. Fleischkonsum angezweifelt. Unser Gesundheitssystem angezweifelt. But on the happy side: Nudeln selbstgemacht. Eis selbstgemacht. Mich über Essen gefreut anstatt es zu verteufeln. Auf einer Bühne gesessen und eigene Texte vorgelesen. In einem Comicladen gewesen.

21. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Trauerkarte schreiben. Zensursula. Rückenschmerzen.

22. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Meine Eltern davon, dass Zensursula eine gefährliche Uschi ist. (Meinen Rücken davon, dass ich ihn liebhabe und er MICH GEFÄLLIGST ZURÜCKLIEBHABEN SOLL, DER ARSCH!)

23. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Zeit (hoffe ich).

24. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Zeit (weiß ich).

25. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Wie sieht’s denn nächstes Jahr bei dir aus?“

26. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

„Ich hab dir ne Google-Wave-Einladung geschickt.“ (Ich nehme jedenfalls an, dass das der schönste war. Auf den hab ich eine ekstatische Reaktion gekriegt.)

27. 2009 war mit einem Wort …?

Kannmanmachen.

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08.12.2009

What do you do when nobody’s watching?

– bloggen. Siehe Header. Stimmt zwar nicht (hier guckt ja doch der/die eine oder andere vorbei), aber das blende ich beim Schreiben aus. Bei den guten Einträgen jedenfalls.

– heiraten. Im Kopf. Zurzeit Jeremy Piven.

– in der Nase bohren. Come on, you can tell me.

– mit mir selber französisch reden. Wird aber meistens englisch draus.

– “I sing the body electric” aus Fame vor mich hinsingen, bis mir einfällt, dass die Nachbarn alles hören.

– mein MacBook Pro umarmen.

– mit meinem Teddy reden und mich bei ihm entschuldigen, wenn er umgefallen ist und unbequem auf der Seite liegen musste.

– meine Hand küssen, wenn der Kerl nicht da ist.

– mir vorstellen, ich wäre dünner. Hätte keine Rückenschmerzen. Könnte wieder golfen. Würde total mondän in Paris wohnen, viel zu viel Geld haben und mit Jeremy Piven golfen, während ich dünn bin und keine Rückenschmerzen habe. Dann kommt der Kerl rein und macht nen Hitlerwitz und ich scheiß auf Jeremy Piven und aufs Dünnsein. Und muss nicht mehr meine Hand küssen.

(via Liz)

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23.11.2009

Der Comic und ich. Eine Annäherung.

Ich bin seit Monaten nicht mehr im Kino gewesen. Das mag damit zusammenhängen, dass es mir mehr und mehr auf den Zeiger geht, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein zu müssen, den ich mir auch noch mit anderen Menschen teilen muss, die womöglich Nachos mit Käseschleim essen und ihrem Nachbarn die Handlung erzählen, die sich gerade vor uns allen entfaltet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass ich gerade ein bisschen müde bin von all den Geschichten, die ich mir in den letzten Jahren und Jahrzehnten im Kino oder auf DVD angeschaut habe. Ich nehme an, man kommt irgendwann in ein Alter oder an einen Punkt, wo man das Gefühl hat, kenn ich schon, war ich schon, hatte ich schon. Vielleicht geht auch nur mir das gerade so. Aber seit einiger Zeit finde ich Fernsehserien deutlich unterhaltsamer als Filme, weil sie viel mehr Zeit für einen Spannungsbogen haben und eben nicht nach zwei Stunden alles aufgelöst haben müssen. Weil sie viel mehr mit ihren Figuren machen können.

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(„Transmetropolitan – Back on the Street“, Warren Ellis/Darick Robertson, Vertigo 1998, Seite 109)

Vielleicht ist das blöd, aber momentan kommen mir Filme wie Kurzgeschichten vor. Ich erinnere mich an meine Deutschlehrerin vor gefühlten 100 Jahren, die mal meinte, eine Kurzgeschichte zeichne sich dadurch aus, dass man quasi in die Handlung hineingeworfen werde. Ohne Vorbereitung oder 30 Seiten Exposition, es geht gleich los, es geht schnell wieder vorbei, und im besten Falle hallt das Geschriebene viel länger nach als man zum Lesen gebraucht hat. Gute Filme kriegen genau diesen Effekt bei mir auch immer noch hin, aber trotzdem – und das ist sicher ein hausgemachtes Problem – habe ich momentan sehr wenig Lust dazu, mir welche anzugucken, weil ich im Hinterkopf diesen kleinen nörgelnden Druck habe, der mir sagt: Schreib drüber. Füll das Blog mal wieder mehr.

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(„The Umbrella Academy – Apocalypse Suite“, Gerard Way/Gabriel Bá, Dark Horse Books 2008)

Filmegucken ist gerade eher Pflichtaufgabe. Und wenn ich den Nörgler im Hinterkopf knebele und mal nicht über einen Film schreibe (wie vor Wochen über Coraline), nörgelt sein Zwillingsbruder: pictures or it didn’t happen. Habe ich einen Film wirklich gewürdigt und verinnerlicht, wenn ich danach nicht mehr meine Gedanken darüber zu Papier bringe bzw. sie in eine Eingabemaske tippe?

Völliger Blödsinn, ich weiß. Trotzdem.

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(„Black Hole“, Charles Burns, Pantheon 2005)

Ich lese schon viel länger als dass ich Filme sehe. Und das macht mir immer noch Spaß, und da stört es mich auch überhaupt nicht, einen Eintrag im WordPress-Entwürfe-Ordner zu haben, den ich nach jedem Buch aktualisiere, um ihn am Monatsende online zu stellen. Über Bücher rede ich anscheinend noch gerne. Vielleicht weil ich da nicht das Gefühl habe, ach, das kennt ja eh jeder. Wer braucht schon die x-te Up-Kritik? Das hat mich zwar früher auch nicht davon abgehalten, die x-te Tw*l*ght-Kritik zu schreiben, aber jetzt gerade stört es mich.

Aber: Ich vermisse Bilder. Mir fehlen Bilder, auf die ich selber nie kommen würde und die mir dementsprechend lange im Gedächtnis bleiben, weil sie mich so beeindruckt haben. Manchmal kriegt das Fernsehen das natürlich auch hin; so bekomme ich heute noch Gänsehaut, wenn ich an Martin Sheen denke, der sich in The West Wing regennass zu Brothers in Arms die Fäuste in die Hosentasche steckt, während im Hintergrund das Sternenbanner weht (sieht besser aus als es geschrieben klingt, was genau mein Punkt ist: Manchmal sind Bilder eben doch toller als Text). Oder die letzten fünf Minuten von Six Feet Under. Oder das Ende der ersten Folge von The Shield, wo Michael Chiklis mit seiner Waffe die Gangart der gesamten Serie vorgibt. Oder, ja schon gut, der Heiratsantrag von Monica an Chandler aus Friends. Bilder eben, die mich ohne Vorwarnung erwischen und nicht wieder loslassen.

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(„Preacher – Gone to Texas“, Garth Ennis/Steve Dillon, DC Comics 1995, Seite 62)

Und da waren auf einmal die Comics. Voller Bilder, auf die ich nie kommen würde, in dutzend-, ach was, hundertfach verschiedenen Stilen. Dialoge, die aus Sitcoms stammen könnten, aus großen Dramen, aus Daily Soaps, aus Actionfilmen. Und: Ich kann sie lesen, wann immer ich will, und ich kann mich auf ihre Bilder einlassen, wann immer ich will.

Comics vereinen für mich derzeit das beste aus zwei Welten: das geschriebene Wort und überraschende Bilder. Zusammen ergeben diese Zutaten so unterschiedliche Geschichten, wie ich es mir nie hätte erträumen können. In der kurzen Zeit, in der ich mich mit diesem Medium beschäftige, habe ich Biografien gelesen, Superheldenfabeln, knuffige Cartoons, philosophische Abhandlungen, Entwürfe von fremden Welten, Wesen und Zeiten, Lustiges, Trauriges, Spannendes, Abstoßendes, aber immer Unterhaltendes. In meinem Regal steht Batman neben einer japanischen Familiengeschichte, ein Münchener Detektiv neben kurzen Skizzen aus dem wiedervereinten Deutschland, Akira neben Laika.

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(„Vertraute Fremde“, Jiro Taniguchi (Claudia Peter, Übers.), Carlsen 2007, Seite 121)

Die Vielfalt der Geschichten ist genauso überwältigend wie die im Kino oder in Büchern, die ohne Bilder auskommen. Und die Erzählweise ist genauso vielfältig: Mal muss man sich die Geschichte in der Bilderflut zusammensuchen, mal wird man schnurgerade ans Ziel geführt. Mal gefallen mir die Zeichnungen besser, mal die Dialoge. Jeder Comic ist anders – und zwar „anders“ anders als Filme sich voneinander unterscheiden oder Bücher. Ein Buch ist immer ein Buch – schwarze Buchstaben auf weißem Papier. Ein Film kann natürlich genauso quietschbunt sein wie ein Comic – und hat dazu noch die Möglichkeit, das gesprochene Wort zu nutzen oder Musik –, aber er gibt mir eben sein Tempo vor. Der Comic nicht. Das fällt auch unter „das beste aus zwei Welten“. Jedenfalls für mich, jetzt gerade.

Je mehr Comics ich lese, desto mehr fällt mir auf, wieviel Mühe es kostet, ein einziges Panel zu gestalten: Was genau sehe ich? Wie groß ist der Ausschnitt, den ich sehe? Wo steht die Sprechblase? Wie ist sie gestaltet? Ist die Schrift Teil des Bildes? Wenn ich mehrere Figuren sehe, wie stehen sie dann zueinander? Ist da vielleicht noch eine zweite Ebene versteckt, die ich erst dechiffrieren muss? Wie ist die Farbgestaltung?

Und dann geht es weiter: Aus einem Panel werden mehrere, die auf eine Seite passen. Müssen es Panel sein? Ist der Rahmen immer rechteckig? Was hat es zu bedeuten, wenn der gerade Rahmen mal nicht gerade ist? Und dann: das letzte Panel auf der Seite, der Moment, bevor ich umblättere, der so simpel für einen Spannungsbogen genutzt werden kann. In vielen Comics ist mir aufgefallen, dass eine neue Seite mich in eine neue Szenerie wirft oder das Vorhergegangene überraschend auflöst. Das Umblättern in Comics ist der manuelle Schnitt, den mir ein Film vorgibt. Und genau das macht dieses Medium für mich gerade so faszinierend: Es fühlt sich so an, als hätte ich die Chance, die Handlung mitzubestimmen. Oder wenigstens die Geschwindigkeit derselben.

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(„Hector Umbra“, Uli Oesterle, Carlsen 2009, Seite 26)

Ein Film zieht mich mit, ob ich will oder nicht. Ein Buch kann ich kurz zuklappen oder zurückblättern und nochmal nachlesen. Genau diese Möglichkeit gibt mir der Comic auch. Ich lese gerade die Preacher-Serie, die deutlich blutiger ist als alles, was ich vorher gelesen habe. Anfangs ging mir das ewige Waffenziehen auf die Nerven, und auch auf die teilweise recht deutliche „Wiedergabe“ eines durchschossenen Kopfes hätte ich verzichten können. Im Kino bleibt mir nichts anderes übrig, als schlechtgelaunt unter meine Jacke zu kriechen und zu warten, bis das Blutbad vorbei ist. Im Comic kann ich die Gewalt entzaubern bzw. mich ihr nähern, damit sie mir nicht zu nahe kommt. Ich kann mir die Bilder genauer anschauen, ich kann auf die Bildkomposition achten – ich hab ja alle Zeit der Welt –, ich kann intellektuell Abstand zum Gemetzel bekommen und so die Geschichte würdigen anstatt den Band als blöde Schlachteplatte abzutun.

Genau wie bei anderen Comics, in denen ich nicht der Gewalt wegen innehalte, sondern weil sie mir schöne Momente bescheren: ein besonderer Satz, ein gelungenes Bild. Ich kann mir gestatten, kurz mit dem Lesen aufzuhören, diesem Gefühl nachzuspüren, das der Comic in mir wachruft, es würdigen, mich darüber freuen, was auch immer, bevor ich wieder in die Geschichte tauche. Genau wie in Büchern – aber die haben leider keine Chance, mich visuell zu erwischen, wie es ein Comic eben kann.

(wird bei weiteren Erleuchtungen fortgesetzt)

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19.11.2009

Warum ich Weblogs so liebe, auch wenn sie inzwischen totaler Mainstream sind und jeder eins hat und ganz viele nur noch Businessquatsch publizieren und mir die vielen Geschichtenerzähler fehlen, aber das würde jetzt zu weit führen, also:

Ich habe ja schon öfter meine Liebe zu Herrn Flix und seinen Werken hier im Blog erwähnt. Das ist auch dem unglaublich netten Herrn Screwtape’s aufgefallen, der mir vor einigen Wochen eine Mail schrieb. Darin erzählte er mir, dass der Herr Flix in Kürze in Darmstadt signieren werde, er sowieso bei der Lesung sei und ob er mir vielleicht ein Autogramm mitbringen solle. Das sollte er NATÜRLICH, was für ein nettes Angebot!

In meiner Flix-Sammlung fehlen nur noch die Heldentage, der Rest steht bereits im Regal, weswegen Herr Screwtape’s gestern also zu Comiccosmos zog, mir das noch fehlende Buch kaufte, sich in die Signierschlange stellte, bewaffnet mit dem ausgedruckten Foto von meiner Arbeitsseite – und mir heute morgen, quasi als Vorgeschmack auf die Postsendung, folgende Bilder zuschickte:

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Wie großartig ist das denn, bitte? Ich freu mir jetzt den ganzen Tag nen Wolf. Und morgen auch noch. Und überhaupt.

(Lest mehr Weblogs. Und Flix.)

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03.11.2009

Sweet child of mine

Creezy fragt nach Erinnerungsstücken an die Kindheit (via Kaltmamsell). Achtung, Fotoqualität ist unterirdisch, weil ich die Wahl hatte zwischen „Blitzfotos nach Arbeitsende, meaning: wenn’s dunkel ist“ oder „Handyfotos ohne Blitz, morgens, Dämmerlicht, Esszimmerbeleuchtung“. Aber das kennt ihr ja.

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Das Nähkästchen meiner Oma. Das hat sie als junge Frau in ihrer Aussteuer gehabt; ich weiß leider nicht, ob ihre Mutter, also meine Urgroßmutter, ihr die Kiste gebastelt oder geschenkt hat, und ich kann sie leider nicht mehr fragen. Auf dem Deckel stehen die Initialien ihres Mädchennamens, F.S., und die Jahreszahl 1933. An einigen Stellen blättert die Holzarbeit schon ab; darunter kommt eine relativ schmucklose Kiste zum Vorschein.

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Das Nähkästchen war immer eins meiner Lieblingsspielzeuge, wenn ich mit meiner Schwester bei Oma und Opa war. Weiß der Himmel warum, denn Nähen fand ich schon immer eher anstrengend, und ich bin bis heute völlig unbegabt dazu, auch nur einen Knopf vernünftig anzunähen. Ich habe es aber geliebt, in dieser Kiste zu wühlen, weil sie mir wie eine Schatzkiste vorkam. Lauter verschiedene Knöpfe in allen Größen und Formen und aus vielen Materialien. Die Knöpfe liegen heute noch in der Kiste; ich habe nie einen einzigen davon benutzt, aber ich will sie auch nicht wegwerfen. Oma hat daraus meistens kleine Püppchen gemacht und sie auf dem Basar des DRK in Kaltenweide verkauft. Oder – ohne Knöpfe – diese fiesen Blumen aus Silberdraht und alten Perlonstrümpfen. Hört sich fürchterlich an, fand ich damals aber wunderschön.

Ich habe Oma immer bei irgendetwas, was für mich nach Arbeit aussieht, in Erinnerung: im Garten, entweder in den großen Gemüsebeeten oder zwischen den vielen, vielen Blumen. Beim Äpfelaufsammeln oder Unkrautjäten. Beim Abwaschen oder Kochen, beim Wäschewaschen oder eben abends in der Stube beim Nähen und Handarbeiten. Ich hoffe, dass ein paar der Dinge für sie Freizeit waren.

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Die grüne Schale, auch von meiner Oma. Darin lagen bei ihr immer kleine Garnknäuel, quasi die Reste der großen Knäuel. Heute wohnen dort meine Kinokarten. Die Schale stand in der braunen Schrankwand und war so ziemlich die einzige Dekoration. Obwohl sie ja einen Nutzen hatte, aber sie kam mir immer wie ein Schmuckstück vor.

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Die Kristallschale meines Opas (inmitten meines Sonntagsgeschirrs in Opas Schrank). Opa war gelernter Glasschleifer, und das ist eines der wenigen Stücke, die er behalten hat. Die Schale stand jahrelang bei meinen Großeltern im Schrank, wo ich sie durch eine Glasscheibe hindurch bewundern konnte; später dann bei meinen Eltern, bis ich sie mir vor einigen Monaten mitgenommen habe. Neulich habe ich zum ersten Mal Sahne daraus serviert und musste mich vor den Gästen ein bisschen zusammenreißen, um nicht zu heulen. Mein Vater hat noch eine größere Obstschale von Opa zuhause, aber die hat er nicht rausgerückt. Zu Recht.

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Mein Silberbesteck. Darüber hatte ich schon einmal geschrieben; mit diesem Besteck, das auch meine Omi und meine Mutter haben (und natürlich auch meine Schwester) bin ich großgeworden. Es ist eins der wenigen Dinge, die mich schon mein ganzes Leben begleitet.

Die Nähkiste meiner Oma ist jetzt meine Nähkiste, aber ich muss netterweise nicht so oft an sie ran (eher für Fäden zum Kohlrouladenbinden als zum Nähen), daher ist sie eher ein „Ausstellungsstück“, genau wie die beiden Schalen. Das Silber aber benutze ich, wann immer Gäste da sind – selbst wenn es, wie neulich, nur schnöden Lauchkuchen gegeben hat statt des geplanten 3-Gänge-Menüs.

(Außer Konkurrenz: natürlich Teddy. Der Altmeister der Kindheitserinnerungen.)

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27.10.2009

schwanzmuetze

Ich besitze sein Samstag ein neues MacBook Pro. Und ich habe blöderweise den Kerl den Namen aussuchen lassen.

(I love Schwanzmütze.)

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22.10.2009

Proust lesen

„Ein Gefühl der Müdigkeit und des Grauens befiel mich bei dem Gedanken, daß diese ganze so lange Zeit nicht nur ohne Unterbrechung von mir gelebt, gedacht und wie ein körperliches Sekret abgelagert worden war und daß sie mein Leben, daß sie ich selbst war, sondern daß ich sie auch noch jede Minute bei mir festhalten mußte, daß sie mich, der ich auf ihrem schwindelnden Gipfel hockte und mich nicht rühren konnte, ohne sie ins Gleiten zu bringen, gewissermaßen trug. Das Datum, zu dem ich das Geräusch des Glöckchens an der Gartenpforte in Combray gehört hatte, jenen Klang, der jetzt so fern und dennoch in mich eingebettet war, bildete einen Markstein in dieser unendlichen Weite, von deren Vorhandensein in mir ich nichts ahnte. Es schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte.“

(Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 7: Die wiedergefundene Zeit, Suhrkamp 3647, 2002, Seite 526/527, Übersetzung von Eva Rechel-Mertens)

„J’éprouvais un sentiment de fatigue profonde à sentir que tout ce temps si long non seulement avait sans une interruption été vécu, pensé, sécrété par moi, qu’il était ma vie, qu’il était moi-même, mais encore que j’avais à toute minute à le maintenir attaché à moi, qu’il me supportait, que j’étais juché à son sommet vertigineux, que je ne pouvais me mouvoir, sans le déplacer avec moi. La date à laquelle j’entendais le bruit de la sonnette du jardin de Combray si distant et pourtant intérieur, était un point de repère dans cette dimension énorme que je ne savais pas avoir. J’avais le vertige de voir au-dessous de moi et en moi pourtant comme si j’avais des lieues de hauteur, tant d’années.“

(Marcel Proust, À la recherche du temps perdu 7: Le temps retrouvé, Quelle 1, 2)

Das ist nicht der Schluss des Werks, aber es fehlen nur noch wenige Zeilen, und dann taucht das Wort Ende auf. Und ich konnte es kaum glauben, als ich dieses Wort sah, dass ich das Buch jetzt aus der Hand legen sollte, denn schließlich hatte ich seit Monaten ständig „einen Proust“ im Rucksack, neben dem Bett, auf dem Sofa liegen. Die Wiedergefundene Zeit zuzuklappen, hat sich ein bisschen wie Abschied nehmen angefühlt – von jemandem, der irgendwie immer da war, ohne dass man es groß bemerkt hätte. Erst jetzt, als er gehen will, fällt auf, wie sehr er fehlen wird.

Laut meines Eintrags im ersten Band – In Swanns Welt, heute mit Unterwegs zu Swann übersetzt – habe ich das blaue Suhrkampbändchen 1992 gekauft. Ich erinnere mich, dass ich damals zu Schmorl & v. Seefeld in Hannover gegangen bin, weil ich irgendwo aufgeschnappt hatte, dass die Verlorene Zeit ein Jahrhundertwerk sei, das man gelesen haben musste. Also habe ich danach gefragt, worauf die Verkäuferin zurückfragte: „Welcher Band denn?“ Bis dahin wusste ich nicht mal, dass das Buch mehrere Bände hätte, also nahm ich klugerweise den ersten, fing an zu lesen – und war relativ schnell gelangweilt. Die langen Sätze haben mich nicht unbedingt überfordert, aber damals war ich eher dabei, amerikanische Gegenwartsliteratur zu entdecken, die eindeutig schneller zum Punkt kam. Also wanderte der Band ins Regal, zog von der Wedemark nach Hannover und von dort nach Hamburg, von Altona nach Eimsbüttel nach Hoheluft, und irgendwann im letzten Jahr habe ich ihn wieder aus dem Regal gezogen, warum, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht war die Zeit einfach reif für die Zeit.

Der erste Band hat mich begeistert; ich weiß, dass ich des Öfteren beim Lesen das Buch mal kurz umarmt habe, weil es mich so umfangen hat. Da konnte der Kerl lästern wie er wollte; ich hatte stets ein glückliches Grinsen im Gesicht, wenn ich mit dem kleinen Marcel durch Combray stapfte oder mit ihm verständnislos dem liebeskranken Swann folgte.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Band lag eine längere Pause, wenn ich meinem eigenen Blog glauben darf: Erst im Mai diesen Jahres habe ich Im Schatten junger Mädchenblüte erwähnt. (Ich bin gerade selber etwas überrascht – das heißt ja, dass man das ganze Ding in gut einem halben Jahr durchlesen kann. Los, macht!) Ich weiß, dass ich im letzten Jahr, als ich in Berlin gebucht war, meine Schwierigkeiten mit Proust hatte. Für Zugfahrten nach langen Arbeitswochen oder morgens um 7 war er nicht ganz so geeignet; außerdem musste ich dringend das Comicregal vom Kerl leerlesen. Aber mit der Mädchenblüte fing der Sog an, den das Werk langsam, aber zwingend entwickelt. Es geht gar nicht so sehr um die Handlung; man muss nicht dringend wissen, wer jetzt mit wem und wieso (denn mehr passiert eigentlich nicht), aber die vielen Figuren wachsen einem mehr ans Herz als man mitkriegt. Ich habe es immer daran gemerkt, dass ich, wenn sich ein Band dem Ende näherte, sofort bei Amazon einkaufen gehen musste. Ich habe nie mehr als den jeweils nächsten Band bestellt, ich glaube, ich habe mir selbst nicht zugetraut, das ganze Ding durchzulesen. Auch weil es eigentlich völlig dem widerspricht, was ich sonst gerne lese.

Die oben angesprochene amerikanische Literatur liegt mir immer noch, die Comics sind ganz neu, und meine Güte gibt es davon VIELE, die noch gelesen werden wollen, ich habe immer noch Bücher hier liegen, die ich zum Geburtstag im März bekommen habe und auf die ich sehr neugierig bin, aber irgendwann hatte Proust mich im Griff. Irgendwann war der Punkt erreicht, den man vom langen Gehen oder von fiesen Radtouren kennt: das Wissen, dass der Rückweg jetzt länger wäre als die Strecke, die man noch vor sich hat. Aufgeben gilt nicht. Bei der Verlorenen Zeit war irgendwann das Gefühl da, jetzt hab ich’s bis hier geschafft, jetzt lese ich’s durch.

Ja, es gab durchaus Stellen und Seiten und viele Seiten hintereinander, bei denen ich sehr versucht war, mal querzulesen. Ja, es gab Momente, in denen ich überhaupt keine Lust auf den nächsten Salon hatte. Aber über die Stellen kommt man weg, und dann kommt wieder eine Landschaftsbeschreibung, die mich gerührt hat, ein Psychogramm, das mich seitenlang faszinieren konnte, eine Pastiche, die ich genossen habe, auch wenn ich von denjenigen, die Proust nachahmt, nichts gelesen hatte.

Und dann der Anhang. Die Übersetzung der sieben Suhrkamp-Taschenbücher, die ich habe, stammt von Eva Rechel-Mertens, die sie bereits in den 50er Jahren verfasst hat. Für eine neue Werksausgabe wurde ihre Übersetzung von Luzius Keller revidiert; der letzte Band dieser Ausgabe (Die wiedergefundene Zeit) erschien 2002 im Rahmen der Frankfurter Ausgabe. Luzius Keller erklärt im Anhang nicht nur die vielen Figuren, die von Proust so nebenbei erwähnt werden, die teilweise real, teilweise fiktiv sind; er schafft es viel mehr, die Recherche zu erden. Die vielen Hintergrundinfos machen das Werk fassbarer, ohne eine Interpretation vorwegzunehmen. Es bleibt immer noch genug Raum für den Leser, sich selber mit dem Geschriebenen auseinanderzusetzen, aber man fühlt sich in diesem Wust von Menschen und Orten nicht ganz so alleingelassen.

Als ich den letzten Band zugeklappt habe, war ich mal wieder sehr dankbar, wie immer nach einem guten Buch oder Film, nach einem warmen Abend mit Freunden oder einer perfekten Mahlzeit allein. Dankbar für diese vielen Augenblicke, in denen ich eine ganz besondere Schönheit genießen durfte, die nicht alltäglich ist, weil sie schlicht in keinen Alltag passt. Die Recherche spielt in einer ganz bestimmten Zeit, aber in ihren guten Momenten ist sie zeitlos; ich war seitenlang davon fasziniert, wie modern das Buch trotz seines anstrengenden Satzbaus ist. Das Werk nimmt einen mit in eine versunkene Welt, eine Welt der Salons, in denen man Nichtigkeiten austauschte und sich wochenlang Gedanken darüber machen konnte, wer jetzt was zu wem im welchem Tonfall gesagt hatte und was das wohl bedeutete. Es ist ein Einblick in eine Kultur, die mir völlig fremd ist, aber wie bei der Tante Jolesch ist es eine Kultur, die mir jetzt fehlt, obwohl ich sie nie kennengelernt habe.

Ich bin ein kleines bisschen stolz darauf, dieses Werk bezwungen zu haben. Der Kerl hat mich mal mittendrin gefragt, was ich davon hätte, dieses Konvolut durchzulesen. Ich hatte damals keine Antwort darauf, denn was hat man schon generell davon, ein Buch durchzulesen außer: Es ist nicht so langweilig im Bus. Ich habe immer noch keine ausformulierte Antwort, aber ich glaube, das Gefühl der Dankbarkeit ist eine. Es ist ein bisschen Demut dabei, denn die Recherche macht einen irgendwann ehrfürchtig durch ihren Stil, ihre Gedankengänge, die über 1.000 Seiten hinweggetragen werden, ihre Präzision, mit der genealogische Linien wiedergegeben werden. Es ist auch Freude dabei; Freude, ein Meisterwerk schätzen zu können, es lesen zu dürfen, die Zeit zu haben, es lesen zu können. Es war eine kleine Übung in Disziplin und gleichzeitig eine große Belohnung.

PS: Das Lied, das ich vorgestern gepostet habe – Warmer Climate von Snow Patrol – war mein persönlicher Abschied von der Recherche. Die letzte Songzeile hat mein Grundgefühl sehr gut zusammengefasst: “And I’m so glad that this has taken me so long / ‘Cause it’s the journey that made me so strong”. Vielleicht ist es profan, einen Popsong mit Proust in Verbindung zu bringen, aber ein Großteil des Werkes beschäftigt sich mit bildender Kunst, Literatur und Musik und wie sie individuell erlebt werden. Daher glaube ich, dass es Proust gefallen haben könnte.

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06.10.2009

Nachträglich zum Weltlehrertag

… den ich mal kurzerhand in Weltlehrer- und lehrerinnentag umtaufe.

Ich hatte in meiner 14jährigen Schulzeit ein paar Lehrkräfte (ha, geht auch ohne Geschlechtsspezifikation), die mich sehr beeinflusst haben bzw. denen ich einiges zu verdanken habe. Ihr auch?

Frau Mitschke hat mich in Deutsch und Kunst unterrichtet, 5. und 6. Klasse, wenn ich mich richtig erinnere. In Deutsch hat sie mir eine unschätzbare Eselsbrücke mit auf den Lebensweg als schreibender Mensch gegeben, die leider mit der Rechtschreibreform den Bach runtergegangen ist: „Es gibt im Deutschen kein einziges Wort, das auf -ss endet.“ Wäre ja auch zu einfach gewesen.

Außerdem hat sie uns im Kunstunterricht den gesamten Krabat vorgelesen, was ich sehr gerne gemocht habe. In meiner Erinnerung stand auf ihrem Schreibtisch ein Teelicht, aber ich glaube, das ist atmosphärisches Wunschdenken.

Und sogar nachmittags habe ich sie freiwillig gesehen, denn sie hat die Theater-AG geleitet, und ich habe ein Jahr lang versucht zu zeigen, dass ich schauspielern kann. Dass ich es nicht konnte, wurde mir leider ziemlich schnell klar, und bis heute erschauere ich beim Gedanken an unsere Aufführung am Schuljahresende: einige Szenen aus Bertolt Brechts Furcht und Elend des Dritten Reiches. Ich war damals noch normalgewichtig, hatte aber trotzdem die Rolle der „dicken Köchin“, was mich natürlich wochenlang in Sinnkrisen gestürzt hat. Und den dramatischen Schluss habe ich so verkackt, dass einige im Publikum gelacht habe. Bei Brecht. Bei Nazikram. Von da an war mir klar, dass das Bühnenleben locker auf mich verzichten kann. Trotzdem hat mir die Theater-AG sehr viel bedeutet, weil wir sehr spannende Übungen gemacht haben, um warm zu werden, wir haben improvisiert, wir haben Bühnenbild und Kostüme erstellt, und wir waren einfach eine gute Gruppe. Auch wenn einige von ihnen das Schauspielern lieber lassen sollten *hust*. Und: Ich weiß jetzt, dass man aus weißen Hemden mit schwarzem Tee SA-Hemden machen kann. Und dass man ne Menge seltsamer Devotionalien auf dem hannöverschen Flohmarkt kriegt. (Koppelschlösser, anyone?)

Mein erster Lateinlehrer war Herr Zorn. Herr Zorn war einer von den Lehrern, die mit einer naturgegebenen Autorität ausgestattet waren. Oder kann man Autorität lernen? Er kam in den Raum, und auf einmal war Ruhe, alle saßen aufmerksam auf ihren Plätzen und los ging’s mit dem lustigen Konjugieren. (Watt hamwa jelacht.) Ich habe Herrn Zorn als jemanden in Erinnerung, der mich mit seinem Wissen unfassbar beeindruckt hat. Er hat nicht nur Latein unterrichtet, sondern auch Französisch (er war natürlich meine erste Wahl, als ich Französisch als dritte Fremdsprache gewählt hatte – nur um alles wieder zu vergessen), Erdkunde, Geschichte, Altgriechisch (auch das habe ich mir einige nullte Stunden lang angetan), und er hat nachmittags eine Italienisch-AG angeboten. Von ihm habe ich den Aussprachetipp, im Italienischen das böse R wie ein D auszusprechen, damit es von der Zunge rollt. Ich kann es bis heute bei vielen Worten überhaupt nicht – ich kann ja auch kein Italienisch –, aber wenn ich statt grazie gdazie sage, klingt das ganz okay.

In der Oberstufe habe ich mein Herz endgültig an ihn verloren, denn in der 11. Klasse haben wir Ovids Metamorphosen übersetzt – und zwar in Versform. Im Lateinunterricht macht man ja nix anderes als zu übersetzen, aber die ursprüngliche Form des Originaltexts ging so ziemlich immer verloren. Diesmal nicht – diesmal haben wir erst übersetzt und es dann schöngetextet. Ich glaube, das war einer der wenigen Augenblicke in meiner Schullaufbahn, in denen ich geahnt habe, dass Sprache etwas ist, mit dem ich mich auch zukünftig beschäftigen möchte. Und so streng Herr Zorn war, so gerne hat er auch gelobt. Insbesondere die schönen Versformen von Frau Gröner.

Eine andere Lehrerin, der ich es zu verdanken habe, Sprache zu lieben, war – meine Chemielehrerin Frau Brackhan. Chemie hat mein damaliges Hirn komplett überfordert, genau wie Physik. Heute ärgere ich mich über mich selbst und dass ich es nicht wenigstens mal versucht habe; den verdammten Zitronensäurezyklus habe ich mir fürs vierte Abiprüfungsfach Biologie schließlich auch irgendwie reinzimmern können. In der Mittelstufe war mir das aber noch egal, ich war mit der Pubertät beschäftigt, und eines meiner Weltschmerzventile war Schreiben. Kein Tagebuch, sondern „Romane“, die hoffentlich noch irgendwo in einer Kiste bei mir rumliegen, auch wenn ich sie nie wieder lesen will. Und da ich zuhause in meinem Zimmer lieber gelesen habe, blieb „natürlich“ nur die Schule, um zu schreiben. Ich habe die gesamten Chemiestunden der neunten Klasse damit verbracht, meine Romane zu schreiben. Frau Brackhan hatte ziemlich schnell mitgekriegt, dass mit mir nix anzufangen war, hat mich aber einfach machen lassen. Schließlich habe ich niemanden gestört. Zweimal pro Jahr hat sie mich zu sich gerufen, mir gesagt, was in der nächsten Stunde drankäme und dass ich darüber bitte Bescheid zu wissen habe. Dann wurde ich aufgerufen, wusste brav meine auswendig gelernte Seite aus dem Chemiebuch und habe dafür eine 4 als mündliche Leistung bestätigt bekommen. In den Klausuren hat’s auch immer für eine 4 gereicht, und damit war die Zeugnisnote gerettet. Am letzten Tag vor den Sommerferien durfte ich aus meine Oeuvre vorlesen – und ich hoffe, alle meine damaligen Mitschüler und Mitschülerinnen haben das bis heute vergessen.

Ja, ich weiß, der Lehrauftrag ist in diesen Stunden böse auf der Strecke geblieben. Ich war Frau Brackhan aber schlicht für ihren Realismus dankbar: Chemie war und ist mir egal. Und ich glaube auch nicht, dass man jeden Quatsch in einen Schüler oder in eine Schülerin reinprügeln muss. Die Grundlagen habe ich mitgekriegt, ich kenne das Zeichen für Säure und kann brav davor zurückschrecken, ich weiß, dass ich mir keine Laugen ins Auge kippen sollte, und ich kann sogar noch ein paar Kästchen aus dem Periodensystem aufsagen (NEON IST EIN EDELGAS). Reicht. Mir sind solche Lehrkräfte weitaus lieber als die Fachnazis, die Leuten eine 6 geben und damit ein Jahr wiederholen lassen, weil diese gerade nicht alle Flüsse Afrikas parat haben und auch keinen Sinn darin sehen, sie zu lernen. (Alle Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums Mellendorf wissen, von welchem Lehrer ich spreche.)

Zurück zu den Guten: Mein Liebling, wenn es um faire Lehrkräfte geht, war mein Mathelehrer Herr Oetter. Ich hatte ihn bereits in der Mittelstufe, wo es noch um nachvollziehbaren Kram wie Bruch- und Prozentrechnen ging – war mir zwar auch nie wirklich Spaß gemacht hat, was ich aber verstanden habe. Auch weil Herr Oetter jemand war, der Dinge nicht nur einmal, sondern zweimal, fünfmal und für Frau Gröner auch achtzehnmal erklärt hat. Daher habe ich ihn in der Oberstufe dankbar gewählt, denn trotz meiner guten Noten in Deutsch, Englisch, Geschichte und dem ganzen WICHTIGEN KRAM waren meine Leistungen in Bio und Mathe eher unterirdisch (Chemie und Physik waren natürlich längst abgewählt). Dieses Mal gab’s keine Bruchrechnung, sondern Kurvendiskussion und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Was mir dieser Kurvenquatsch sagen sollte, habe ich bis heute nicht verstanden, und ich habe selten so einen Widerwillen gegen einen Lehrstoff gehabt wie gegen diesen Unsinn. Trotzdem habe ich mich bemüht, wohl eher weil ich musste als weil ich wollte. Und Herr Oetter hat genau das gewürdigt. In den meisten Klausuren habe ich mit Ach und Krach und viel gutem Willen vier bis fünf Punkte geschafft, aber manchmal hat es nicht mal dafür gereicht. Daher ahnte ich eine sehr üble Zeugnisnote, die meine Versetzung hätte gefährden können – und wurde völlig überrascht. Denn da ich mich im Unterricht beteiligt hatte – wenn auch eher durch die millionste Nachfrage als durch Lösungsvorschläge („Wendepunkt? 17? a = x Quadrat? WTF?“) – und immer, ja, immer meine Hausaufgaben gemacht hatte, die Herr Oetter am Anfang jeder Stunde kontrollierte, hat der gute, edle Mann, dem ich beinahe meinen Erstgeborenen versprochen hätte, mir allen Ernstes im Zeugnis 9 Punkte gegeben. Die Versetzung war gerettet und das Abi damit auch.

Eine kleine Ehrenerwähnung kriegen natürlich sämtliche Deutsch- und Englischmenschen, bei denen ich immer eine gute Zeit hatte. Genau wie unser langhaariger Musiklehrer, der mit dem gleichen Enthusiasmus die Dead Kennedys, die West Wide Story und Zar und Zimmermann aufgelegt hat.

Über die Riege an Pappnasen breite ich den Mantel des angenervten Vergessens. Aber selbst ihnen rechne ich irgendwie an, dass sie versucht haben, mir was beizubringen. Ich möchte den Job nicht haben.

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16.09.2009

Vom Snoodie zum Foodie

Bisher war für mich beim Einkaufen immer wichtig: Wie gut kann man da parken bzw. wie nah ist die nächste Bushaltestelle. Deswegen habe ich jahrelang in einem Riesensupermarkt eingekauft, der alles hatte und dazu prima Öffnungszeiten und selten ein volles Parkdeck.

Seit ich ein bisschen darauf achte, was ich so in mich hineinwerfe, habe ich festgestellt, wie unglaublich mies das Gemüse schmeckt, das ich in eben diesem Supermarkt jahrelang klaglos gekauft habe (wenn ich denn mal Gemüse gekauft habe). Dass die blassen Gewächshaustomaten nicht gegen die knubbeligen knallroten vom Markt anstinken können, war mir schon klar, aber inzwischen schmecke ich Unterschiede bei Bohnen, bei Paprika und vor allem bei Möhren. Die kaufe ich schon länger in Bioqualität bzw. die aus dem Supermarkt, auf denen Bio steht. Nur um jetzt allmählich zu merken: Da geht auch noch was in Richtung guter Geschmack.

isebeute

Es sind gerade einmal vier Wochen, in denen ich bewusst esse – und ich ahne, dass ich aus dieser leckeren Falle nicht mehr rauskomme. Vor einigen Tagen hatte ich meinen Magen frühzeitig auf frische Nudeln mit selbstgemachtem Pesto zu Mittag eingestellt, nur um dann zur Mittagszeit zu merken: nicht mehr genügend Mehl im Haus. Und anstatt nun die geschätzten fünf Kilo Fertignudeln anzubrechen, die natürlich noch bei uns in der Speisekammer liegen, bin ich zum Supermarkt gegangen (gegangen!), um mir Mehl nachzukaufen. Denn wenn ich schon das Pesto selbstmache, sollen die Nudeln dagegen nicht abstinken. Anderes Beispiel: Letzten Freitag gab’s bei uns Fisch (auch so eine tolle neue Sache). Da der Kerl keinen Alkohol trinkt, ich aber inzwischen seeeehr auf den Geschmack gekommen bin, zu jedem Abendessen ein Glas Wein zu trinken, habe ich über das passende Getränk zum Fisch nachgedacht. Im Kühlschrank stand schon ein offener Riesling, von dem ich aber wusste, dass er zarten Fisch einfach plattmacht. Also habe ich eine Flasche meines geliebten Muscadet gekauft, von dem ich wusste, dass er gut mit Meeresbewohnern klarkommt – und habe nun zwei offene Flaschen bei mir rumstehen, einfach weil ich keinen okayen Wein trinken wollte, sondern einen passenden.

Das Biogemüse aus dem Supermarkt finde ich inzwischen eher naja, weil ich weiß, wie gut zum Beispiel die Tomaten vom Marktstand oder vom Türken um die Ecke schmecken können. Ich weiß inzwischen, dass eigentlich alles mit frischen Kräutern noch besser schmeckt. Ich traue mich, an alles Pfeffer zu geben, vor dem ich vorher einen Heidenrespekt hatte, von dem ich jetzt aber weiß, wie herrlich er Geschmäcker hervorkitzelt, wenn man ihm die Chance dazu gibt. Ich frage an der Käsetheke nach mir unbekannten Sorten, um etwas Neues auszuprobieren. Ich dränge mich freiwillig durch Menschenmassen auf Märkten, und der Kerl steht klaglos in Schlangen in Metzgereien, anstatt bequem mit dem Auto zum leeren Supermarkt zu fahren und belanglose Nahrungsmittel zu kriegen. Ich backe Brot selber, ich benutze meine Nudelmaschine wieder, und gestern habe ich auch die Eismaschine mal wieder angeworfen, um aus frischen Himbeeren, Jogurt und Ahornsirup Fruchteis herzustellen. Ich gewöhne mich sogar langsam an Espresso ohne Zucker, um auch hier den unverfälschten Geschmack kennenzulernen, der mir bei allen anderen Lebensmitteln inzwischen so wichtig geworden ist.

nudeln

Und: Der Kerl und ich schaffen es nach über fünf Jahren Beziehungszeit endlich, regelmäßig gemeinsam am Abendbrottisch zu essen, trotz weiterhin unterschiedlicher Tagesabläufe. Aber das ist uns inzwischen wichtiger geworden als bequem vor dem Rechner oder dem DVD-Player Zeug in uns reinzuwerfen: gemeinsam entscheiden, was man kocht, eventuell gemeinsam einkaufen oder kochen, je nachdem wer Zeit hat, und dann eine Stunde damit zuzubringen, ein frisches, leckeres Essen zu genießen. Plus Wein und Käse und Obst zum Nachttisch (gerne auch in Eis- oder Kompottform) und Espresso und eventuell Grappa für die Dame des Hauses.

Nebenbei: Ich habe seit Wochen kein Perfektes Dinner mehr gesehen.

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06.09.2009

Statusmeldung

Heute vor zwei Wochen ist Lu vorbeigekommen, um des Kerls und meine Essgewohnheiten ein wenig umzukrempeln. Seit 14 Tagen esse ich so gut und gesund wie schon lange nicht mehr – und achte nicht die Bohne auf solche Lustigkeiten wie Fette oder Zucker. Einzige Regel: abends keine Kohlenhydrate und etwas mehr Bewegung. Was bei mir hieß, statt drei Stationen mit dem Bus zu fahren, einfach mal zu Fuß gehen. Mehr nicht. Erstmal. Was das Essen angeht, ist Jamie Oliver mein neuer Freund, dessen Kochbücher mit Post-its gespickt sind, die wir jetzt abarbeiten. Genauer gesagt, haben wir die letzten Tage geschlemmt. Wir hatten Chili con Carne mit Rinderhack statt des fettfreien Tatars, wir haben Mohrrüben in Butter geschwenkt statt sie in Brühe zu kochen, wir haben so ziemlich in alles üppig das gute Olivenöl reingehauen, wir dippen weiterhin gerne Gemüse in hochprozentige Fetacremes, wir gönnen uns abends ein paar Stückchen Käse nach dem Essen, wir hatten Lachs mit Speck, Radicchio, Pinienkernen und Balsamico (Jamie!) und mit Parmesan überbackenen Blumenkohl (Reste!), wir hatten Sonnenblumenbrot zum Frühstück und selbstgemachte Nudeln zum Mittag, wir haben gefühlt zehn Kilo Tomaten, Paprika, Pastinaken, Spinat, Zwiebeln, Knoblauch, Gurken, Weintrauben, Erdbeeren, Nektarinen und Äpfel vernichtet, wir beschließen jedes Abendessen mit einem Espresso mit Zucker anstatt mit Süßstoff drin und drei Amarettinis (Völlerei!), und ich habe zu jedem Abendessen ein Glas Wein gehabt. Keine einzige Kalorie gezählt, auf nichts geachtet außer: Es soll schmecken und es soll gesund sein.

Ergebnis nach 14 Tagen: 4,7 Kilo weniger auf der Waage. Unfassbar. Essen, du alte Nase, vielleicht bist du ja doch nicht so doof wie ich immer dachte.

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29.08.2009

Gut Essen, Tag 5 – das nachdenkliche Finale

Lu kennt mich seit Jahren. Sie kennt meine Essgewohnheiten seit Jahren. Und sie kennt mein Gefühl, dass Essen mein Feind ist, mit dem ich manchmal Waffenstillstand schließe, den ich aber eher bekämpfe, indem ich ihn totesse. Meistens erwischt es die Soldaten aus Schokolade, Chips und Fertigfrass, die kann man schnell erledigen, ohne sich Gedanken um sie machen zu müssen. Den Rest der Armee, die Jungs mit den Vitaminen und Nährstoffen, die so lecker in den Märkten rumliegen, die tun mir nicht weh, die kommen mir gar nicht erst ins Haus, die bleiben schön auf Distanz.

Ich will jetzt gar nicht zu sehr in die Tiefe meiner Essbehinderung gehen, aber ich habe schon mit mir gerungen, als Lus Angebot kam, mich und den Kerl mal ein paar Tage zu begleiten. Um mir die Angst vor dem Feind zu nehmen und mir vielleicht sogar zu zeigen, dass das alles ganz friedliche Kerle sind, mit denen man prima um die Häuser ziehen kann. Mein erster Gedanke war, och nee, ich mach lieber weiter kiloweise Schokolade platt. Ich kann mich seltsamerweise nicht an den zweiten Gedanken erinnern, nur dass ich schnell getippt habe: „Ja, klar, komm vorbei, du bist hiermit gebucht“ und dann auf „Absenden“ geklickt habe, bevor mein Gehirn meine Finger eingeholt hat.

In den zwei Wochen, die zwischen der Mail und Lus Ankunft lagen, habe ich extra viel Energie darauf verschwendet, die Armeen aus Gummibärchen (Entschuldigung) und Ben & Jerry’s und Lindt zu verkloppen, denn ich wusste, bald darf ich das nicht mehr. Überraschung: Ich darf das immer noch. Aber nach ein paar Tagen gutem Essen ist wenigstens der Wunsch da, ihnen mal ne lange, lange Pause zu gönnen.

Ich habe nicht nur mit Lus Angebot gerungen, sondern auch mit der Frage, ob ich darüber bloggen sollte. In den letzten Jahren ist dieses Blog immer weniger privat geworden, weil es einfach zu viele Menschen gibt, die zu viel Zeit für bescheuerte Mails haben. Deswegen sind auch die Kommentare zu, und ich gebe nicht mehr ganz so viel von mir preis. Sicher immer noch genug, um ne prima Angriffsfläche zu bieten für diejenigen, die eine suchen, aber weniger als früher.

Essen ist für mich etwas sehr Privates, weil ich es nie als etwas Normales empfunden habe. Ich habe nie gelernt, normal zu essen, auch wenn sich meine Familie damit genug Mühe gegeben hat. Anfangs wollte ich nicht, und irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich habe kein Maß mehr gekannt, kein Gefühl mehr für mich und meinen Körper gehabt, habe mich zu dick gefühlt, als ich normalgewichtig war und normal, als ich schon längst alle Normen hinter mir gelassen habe.

Auch über mein Übergewicht schreibe ich sehr selten, denn das ist die simpelste Angriffsfläche von allen. Als ich es doch einmal getan habe, kamen sehr, sehr viele Mails – und keine einzige davon enthielt ein Schimpfwort. Was mich sehr gefreut hat und, das muss ich zugeben, auch freudig überrascht. Deswegen habe ich euch an meinen letzten Tagen teilhaben lassen. Einfach weil ich hoffe, dass es auch diesmal vielleicht ein paar Leute gibt, die sich etwas weniger alleine und doof und überfordert fühlen.

Ich weiß, dass mein Generve mit dem Futter nicht nach vier Tagen erledigt ist, dafür habe ich schon zu viele vergebliche Versuche hinter mir. Aber ich habe das Gefühl, dass ich diesmal weitaus mehr Input und Hilfestellung bekommen habe als sonst. Durch einen ganz einfachen und doch so schwierigen „Trick“: Ich habe gelernt, Freude am Essen zu empfinden. Ich habe gelernt, wie einfach ich glücklich zu machen bin, indem ich etwas Gutes kaufe, es ohne viel Firlefanz und 28 Zutaten zubereite und dann: esse. Genieße. In mich reinhorche, was ich gerade alles schmecke und rieche, wie es sich auf der Zunge anfühlt und wie lange ich danach satt bin.

Einige Mails sind schon angekommen, einige Blogs haben die Reihe verlinkt, und auch auf Twitter kamen ein paar Anmerkungen. Die beste Reaktion kam allerdings von Paulsens Schwester. Lu, Paulsen, seine Frau und ich saßen gestern in einem sehr netten Weinlokal zusammen, um die Woche ausklingen zu lassen, als Paulsens Telefon klingelte: „Schwester! Ich sitze hier mit Anke und Lu.“ Kleine Pause, dann fing er an zu lachen und meinte zu uns: „Meine Schwester meinte, wie lustig, ich hab gerade vor zehn Minuten Ankes Blog gelesen, die Story mit der Weinprobe. Ich wollte mir grad ne Runde Wein kaufen gehen.“

In diesem Sinne: geht essen. Und genießt es. Ich lerne das gerade.

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28.08.2009

Gut Essen, Tag 4 – die 62%-Hormonsause

Heute ist Verkostungstag: erst Fisch, dann Wein.

Ich weiß nicht, ob es an meinem Sternzeichen liegt (ratet), aber ich habe mich noch nie wirklich an Fisch rangetraut. Seelachsfilet aus der Tiefkühltruhe, Schlemmerfilet Bordelaise, Fischmac bei McDonald’s und ein- oder zweimal Pangasiusfilet, weil ich das öfter im Perfekten Dinner gesehen habe – everything I ever needed to know in life I learned from watching TV. Not. – das war bisher meine kulinarische Reise in die Ozeane. Das sollte sich jetzt ändern, denn trotz Schwellenangst wurden der Kerl und ich ins Euro Vita geprügelt, einem netten Fischhändler um die Ecke. Im Laden lagen nicht nur diverse Fische auf Eis, es gab auch Salate, eine üppige Kästetheke und ne Menge Italozeug zum Einkaufen.

Erster Eindruck: Es riecht nicht nach Fisch. Gute Sache. Zweiter Eindruck: Lu erklärt wieder ne Viertelstunde anderer Leute Produkte, die drei freundlichen Mitarbeiter lassen sie gewähren, fragen ab und zu, ob sie was für uns tun können und lassen uns dann wieder in Ruhe. Der Kerl und ich gucken uns Fische an: wie sie uns gefallen, welche uns sympathisch sind, welche so aussehen, als würden wir sie gerne essen. Ich finde Fische wunderschön und gucke daher etwas unentschlossen. Trotzdem haben der Kerl und ich uns für die nächste Zeit eine Forelle vorgenommen (seine Wahl) oder einen Loup de Mer (meine). Für heute sollen es eher kleine Häppchen werden, damit wir uns einfach mal durch verschiedene frische Fische durchprobieren. Wir lassen Lu aussuchen, und die netten Menschen hinter der Theke packen uns Seelachsfilet ein, Lachssteak, Pangasiusfilet, Seeteufel und Viktoriabarsch. Dazu noch ein Stück geräucherten Aal und eine politisch völlig unkorrekte Schillerlocke. Im Kühlschrank zuhause liegt bereits geräucherter Lachs aus dem Supermarkt.

Zuhause nähern wir uns mal wieder dem Produkt. Zuerst riechen: Seelachsflet riecht für mich nach Nordsee-Filiale, Lachs metallisch-fein, Pangasius nach einer sehr zarten Meeresbrise, Viktoriabarsch nach Sylter Gischt und der Seeteufel nach einem souveränen Kerl, der kurz durch Salz gewatet ist.

Der Kerl und ich nehmen am Tisch Platz, während Lu eine Runde Frontcooking macht: „Nur Olivenöl und Salz, damit ihr erst den unverfälschten Geschmack kennenlernt. Zitrone und Gewürze rüberhauen kann man immer noch.“ Lu schwenkt den Fisch in der Pfanne, während der Kerl hinter ihrem Rücken rumkaspert. „Frau Lehrerin, Frau Lehrerin, Kerl macht obszöne Gesten!“ Ah, the apple of my eye.

Ich habe während des Verkostens einen Merkzettel neben mir liegen gehabt, den ich auch später bei der Weinprobe vollgeschrieben habe. Ich will mir einfach merken, was ich alles esse, wie der erste Eindruck war und ob ich das nochmal haben will. Vorweg: Ich würde alles nochmal essen, was wir von Neptun geschenkt bekommen haben, denn es hat alles geschmeckt. Hätte ich nicht gedacht. Vor allem vom Aal nicht, denn natürlich habe ich Die Blechtrommel gesehen.

Aber zuerst wurde mal der erste Wein entkorkt. Die vielen Post-Its im Weinbuch hat Lu geordnet, mir ein bisschen was zu meinen offensichtlichen Vorlieben erzählt, und daraufhin haben wir uns ein paar Weine ausgesucht, die wir dann im Basic und im Lieblings-Spar eingekauft haben. Es war nicht nötig, zu einem Weinhändler zu gehen, denn wir wussten, was wir haben wollten. Und wenn ich demnächst mal zum Profi gehe, habe ich eine prima Grundausstattung an Geschmäckern und Noten, mit denen der Händler was anfangen kann.

Zum Fisch gab es meinen bisherigen Lieblingswein, der einzige, dessen Namen ich mir irgendwann mal gemerkt hatte: Muscadet.

(Französischer Muscadet von Michel Armand, Val de Loire, 2007, 12%)

Das Verkosten geht so: Erstmal einschenken. (Ach was.) Dann das Glas gegen etwas Weißes halten, um die Farbe zu beurteilen. Dann die Beschaffenheit des Weines zur Kenntnis nehmen: klar, trüb, moussierend … Dann die erste Nase. Wein noch nicht schwenken, Nase reinhalten und ersten Einruck mitnehmen. Der Muscadet roch für mich nach Atlantikbrise. Dann kommt die zweite Nase: den Wein schwenken und nochmal riechen. Auf einmal war ein Hauch von Zitrone zu spüren. Und dann geht der Spaß los: einen Schluck nehmen, ihn im Mund verteilen und von außen ein bisschen Luft einsaugen. Da wir seit Montag jeden Abend Wein getrunken haben, kann ich inzwischen Luft in den Mund holen, ohne zu sabbern, worauf ich sehr stolz bin. Die Geräusche sind zwar alles andere als damenhaft, aber das Luftreinholen ist kein doofes Schischi, sondern verändert den Geschmack wirklich. Aus dem Zitronenhauch wurde eine schöne, saftiggelbe Zitrone, die aber nur ganz kurz im Mund blieb, um dann mit der Brise im Rachen zu verschwinden. Keine Sekunde später war alles weg, wie bei Ebbe das Meer.

Zum Fisch passt der Muscadet angeblich hervorragend. Ich sag da mal „ja“ zu, weil ich mich in der nächsten Zeit erstmal mehr auf das Meeresgetier konzentriert habe und weniger auf den Wein. Das Pangasiusfilet hatte einen sehr unaufdringlichen, sanften Geschmack mit einer winzigen Eiernote, die aber verflog, sobald Zitronensaft dazu kam. Der Seelachs schmeckte fischiger, hatte eine mir zu weiche Konsistenz und war von allen Fischen, die wir probiert haben, der banalste. Das Lachssteak hat mich umgehauen. Ich hatte einen Heidenrespekt vor den Gräten, die aber netterweise so riesig sind, dass ich sie vorher gesehen habe. Und dann kam ein ganz anderer Geschmack als der Lachs, den ich von Sushi kannte. Fantastisch. Der Seeteufel hat mir noch besser gefallen; er war sehr markant, ohne anstrengend zu sein.

Den Viktoriabarsch bereitete Lu mit unserem selbst hergestellten Würzsalz zu, während nebenbei eine Runde mediterranes Gemüse mit Rosmarin und Meersalz zu einem Ratatouille einköchelte. Wir waren aber alle nach dem Fisch schon so satt, dass das Gemüse erst morgen mittag zum Einsatz kommt. Den Barsch mochte ich auch, aber ich glaube, ich würde am ehesten den Seeteufel und das Lachssteak nochmal essen wollen.

An den geräucherten Fisch habe ich mich zunächst nicht rangetraut, obwohl das Raucharoma natürlich toll riecht. Aber nachdem Lu und der Kerl die Haut vom Aal abgezogen und das weiße, weiche Fleisch auf ein Stück Graubrot gelegt hatten, wollte ich auch probieren – und war angenehm überrascht. Würzig, fettig, aber nicht zu fettig, rauchig, lecker. Die Schillerlocke hatte einen etwas edleren Geschmack als der Aal, war aber noch fetter. Die werden wir sowieso nicht mehr kaufen, denn der Dornhai soll gefälligst seine Bauchlappen behalten. Der Supermarkt-Räucherlachs war okay, stank aber nach dem ganzen Frischfisch total ab.

(Einschub-Edit: Jörg weist mich daraufhin, dass man bitte nicht jeden Fisch kaufen sollte.)

Für den Kerl war der Abend beendet, für Lu und mich fing er an. Denn jetzt kamen die restlichen zwei Weißweine und ein roter, zu mehr waren wir dann doch nicht mehr fähig. Wir haben alle Weine mit jeweils Parmesan, Scamorza und Ziegenkäse probiert, dazu ein bisschen von dem mediterranen Gemüse. In die Mitte vom Tisch kam der Spucknapf (vulgo: meine liebste Kuchenrührschüssel), den wir aber nur dazu benutzt haben, die Restweine zu verklappen. Wenn man mehrere Weißweine hintereinander verkostet, muss man übrigens nicht dauernd ein neues Glas nehmen. Man kippt den alten Wein weg, gießt ein bisschen vom neuen ein, schwenkt das schwungvoll durch und kippt das dann auch weg. Jetzt ist eher der neue Wein im Glas. Da ging der Muscadet hin. Enter the Riesling.

(Deutscher Riesling vom Weingut Hammel & Cie, Pfalz, 2008, 12%)

Ein goldgelber Wein, klar. Erste Nase sagt Mango, Lus erste Nase sagt Birne. Zweite Nase bleibt bei Mango (Weinbuch sagt Aprikose). Beim Verkosten kommt ganz hinten im Rachen noch ein Stück Banane dazu. Und außerdem ein seliges Lächeln, denn meine Fresse ist dieser Wein großartig. Er bleibt für mehrere Sekunden im Mund, auch wenn der Schluck längst im Magen ist.

Mit Ziegenkäse: Die beiden umarmen sich hemmungslos. Man möchte ihnen zurufen, sich schnell ein Hotelzimmer zu nehmen und viele Kinder zu zeugen.

Mit Parmesan: Der Wein erschlägt den Käse, und die Memme wehrt sich nicht mal. Langweilig.

Mit Scamorza: Der Wein holt das Raucharoma des Käses so sehr in den Mund, dass es sich anfühlt, als würde man einen Kamin auslecken. Sehr unangenehm. Nicht nachmachen.

Mit Bündnerfleisch: Der Wein schleppt mit aller Kraft das Salzfass aus dem Keller. Die Mango hat keine Chance. Auch nicht so toll.

Mit Ratatouille: angenehm unaufgeregt. Allerdings schon fast so unaufgeregt wie Steuererklärung machen.

Mir blutet das Herz, den Rest in den Napf zu schütten, denn den Wein werde ich mir auf alle Fälle nochmal holen. Er ist sehr fruchtig, sehr vollmundig und steht anscheinend auf Ziegen.

(Portugiesischer Vinho Verde von Aveleda, Peñafiel, 2008, 10%)

Nächster Kandidat: ein Vinho Verde.

Ein äußerst junger Wein, sehr hell, fast silbern im Glas, er moussiert leicht. Erste Nase sagt: Wasser. Zweite Nase sagt: Wasser mit nem bisschen Himmel drüber. Erst im Mund entfaltet sich ein hauchfeines Aroma, eine ganz kleine Zitrone, eine Dame, die sich nicht so breit macht wie der Riesling.

Mit Ziegenkäse: wie beim ersten Date. Man guckt sich an, schleicht umeinander rum, verspricht sich gegenseitig „Ich meld mich“ und vergisst im Weggehen schon, wie der andere ausgesehen hat.

Mit Weintraube: Die süße grüne Traube gewinnt das Duell haushoch, aber der Wein perlt mutig dagegen an. Jedenfalls mehr als vorher.

Mit Parmesan: sehr angenehm. Der Käse schmeckt salziger, der Wein fruchtiger.

Mit Scamorza: geht genauso wenig wie mit Riesling. Schmeckt nur nach Rauch, und aus der Zitrone wird wieder Wasser. Ohne Himmel drüber.

Mit Ratatouille: angenehm, aber langweilig. Lieber ne Folge Lost gucken.

Wir sind inzwischen pappsatt, aber absolut nicht betrunken. Ich finde es unglaublich faszinierend, konzentriert an Wein heranzugehen anstatt ihn einfach wegzusüppeln. Und es geht wirklich: Schon nach ein paar Tagen fängt man an, Aromen wahrzunehmen, die vorher nicht da waren bzw. wo man vorher nur gesagt hat „schwerer Weißer“ oder „fruchtiger Roter“. Und man kann es auf einmal in Worte fassen, die über „lecker“ hinausgehen. Außerdem bekommt man auf einmal einen Heidenrespekt vor dem Produkt, das offensichtlich so viele Facetten hat, die man ihm aber erstmal entlocken muss. (Wer f*cken will, muss freundlich sein.)

(Italienischer Primitivo von Botter, Apulien, 2007, 13%)

Auf zum letzten Wein: ein Primitivo. Eigentlich wollten wir auch noch einen kalifornischen Zinfandel verkosten, denn die beiden Weine teilen sich die gleiche Rebsorte, heißen nur anders und kommen aus verschiedenen Teilen der Welt, aber unsere Nasen sind schon ziemlich durch. Und ich kann allmählich keinen Scamorza mehr sehen, obwohl ich den gestern so toll fand.

Erste Nase sagt: Mon-Cheri-Kirschen, die schon lange im Keller liegen. Zweite Nase sagt: Wow, da sind durchs Schwenken mal eben zehn Prozent mehr Alkohol dazugekommen. Der Wein ist tiefrot, schon fast braunrot, und ich kann nicht durch ihn hindurchsehen.

Mit Scamorza: Der Käse raucht Signore Primitivo die Hütte voll, woraufhin ihm dieser in die Stiefel pinkelt. Geht gar nicht und macht schlechte Laune.

Mit Parmesan: sehr lustig – wenn man erst den Wein trinkt und dann den Parmesan isst, knacken auf einmal die Salzkristalle im Käse, der nussige Geschmack tritt zutage, großartig. Wenn man allerdings erst den Käse isst und dann den Wein trinkt, haut ihm dieser die Hucke blau. Guck, da liegt der kleine Käse. Er war mal lecker.

Mit Ziegenkäse: Die Ziege wehrt sich lange und hartnäckig, aber spätestens im Rachen wird sie plattgemacht. Auch sie hat keine Chance gegen den Primitivo.

Eigentlich sollte die Ziege der Höhepunkt sein. Aber Lu hatte noch einen Schatz parat: dunkle Schokolade mit 62% Kakaogehalt und – Fleur de Sel. Ich gucke skeptisch, mache ja aber gerade alles, was Lu sagt, nehme also ein Stück Schokolade und lasse es auf der Zunge zergehen. Ganz. Langsam. Zuerst schmecke ich Kakao, tiefen, dunkelbraunen, gutschweren Kakao. Und dann plötzlich eine salzige Spitze, die aber nicht alles versalzt, sondern sich mit dem Kakao verbindet und mit ihm zusammen ein fantastisches Aroma im Mund ergibt, rund, voll, als ob man eine ganze Sommernacht auf dem Balkon gesessen und alle Probleme dieser Welt gelöst hat. Ich greife zum Rotweinglas und nehme einen Schluck Primitivo, während die Schokolade weiter mit den Salzkristallen vor sich hinschmilzt. Der Rotwein umarmt die Schokolade, die Salze tanzen auf der Zunge, und meine Hormone feiern auf einmal im ganzen Körper eine Riesenparty. Hallo, Singles dieser Welt: Ihr braucht keine Männer, keine Frauen und keine wasauchimmer. Ihr braucht nur diese Schokolade und einen guten Rotwein. Ganz, ganz ehrlich.

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27.08.2009

Gut essen, Tag 3 – der Käseigel ohne Igel

Nie wieder Bionade. Denn ich weiß jetzt, wie man Ingwerlimonade herstellt.

Unser Tagesausflug heute ging ins Mercado in Altona. Lu hatte mich gefragt, ob ich Läden habe, die mich inspirieren, auch wenn ich meist nur nichtskaufend durch die Gegend irre. Also Orte, an denen ich Essen optisch und olfaktorisch toll dargeboten kriege. Meine Antwort: Mercado. Mal abgesehen davon, dass ich dort immer im Bodyshop für Nachschub an Bodylotions und Shampoos sorge oder im Buchladen nur mal rumgucke und nie was kaufe *hust*, mag ich das Mercado, weil da nicht nur mein Lieblingsblumenladen ist, sondern weil es dort immer unglaublich gut riecht und alles wahnwitzig lecker aussieht. So bummelten wir (ICH BIN WIRKLICH EIN BUMMLER! ES GEHT NICHT MEHR WEG!) zunächst zur Käsetheke, um zu gucken, dann zum Bioladen, um zu gucken, zum Türken, um zu gucken, zum Italiener, um zu gucken, zum Gemüsestand, um zu gucken, zum Weinhändler, um zu gucken und zum Blumenstand, um zu gucken. Gekauft haben wir überall was, bis auf den armen Blumenstand, obwohl ich dort am liebsten zugeschlagen hätte. Aber in unserer Küche steht ja bereits ein Armvoll Sommerblumen, daher habe ich die übliche „Was Buntes mit viel Rot für um die 20 Euro“-Ansage auf nächste Woche verschoben.

Einkaufen geht zurzeit so: Lu fragt mich, was ich mag, was ich mir vorstellen könnte zu probieren, welche Geschmacksrichtungen mir liegen und erzählt mir dann, was es da noch außerhalb meines schmalen Esshorizonts gibt. Im Mercado haben wir vor so ziemlich jedem Stand rumgelungert und Lu hat mir die komplette Auslage erklärt: welches Lebensmittel ist gut, welches weniger. Wobei „gut“ nicht bedeutet „keine Kalorien“, sondern „gut für mich, gut für meinen Körper, gut für meine Seele“. Und „weniger gut“ bedeutet nicht „niemals essen“, sondern „in Maßen ist alles gut“. Die Verkäufer an den Ständen haben sich sicherlich gewundert, warum da eine Frau eine andere eine Viertelstunde lang bequatscht und auf die Waren deutet, weswegen ich gerade das Gefühl habe, ich müsste ein Schild um den Hals hängen haben: „Ich lerne gerade essen. Bitte haben Sie etwas Geduld, während mein Coach mir Ihre Produkte erklärt. Wir melden uns schon, wenn wir wirklich etwas kaufen wollen. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und guten Appetit.“

In unseren Tüten landeten Paprika, Gurken, Tomaten, ein Topf Rosmarin, ein Topf Basilikum, theoretisch ein Topf Schnittlauch und Petersilie, wenn wir uns eine Liste gemacht hätten, aber nein, ich sollte mich ja inspirieren lassen, das hab ich jetzt davon, KEINEN SCHNITTLAUCH UND KEINE PETERSILIE, aber dafür dreierlei Oliven, Schafskäse, Ziegenkäse, Parmesan, Scamorza, Feta mit roten Zwiebeln, Feta mit Paprika, Feta mit Jogurt und Basilikum, Milch, Rotwein, Cidre (pour le Kerl), Bündnerfleisch, ein leeres Portemonnaie und ein Zentner Vorfreude.

Aber bevor wir diese ganzen Schätze in ein Abendessen verwandelt haben, gab’s erstmal Mittag. Dafür habe ich zum ersten Mal den Mörser benutzt, und zwar, um aus Olivenöl, Basilikumblättern, Meersalz, buntem Pfeffer, Parmesan, Knoblauch und Pinienkernen das leckerste Pesto der Welt zuzubereiten. Ich habe den Teller ausgeleckt, so großartig war das Pesto. Was ich so spannend fand: Ich konnte jede einzelne Komponente rausschmecken und gleichzeitig das Gesamtwerk genießen. Unser bisheriges Fertigpesto hat mir auch geschmeckt, aber da hätte ich beim besten Willen nicht sagen können, was drin ist. (Und wenn man auf die Packung guckt und sieht, was drin ist, will man auch gar nicht mehr die Einzelteile schmecken.)

Zum Nachtisch gab’s frische Ananas, für die ich den Zitronenmelissetopf geplündert habe. Die Kombination von süßestem Ananas und spritzig-zitronigem Grünzeug ist umwerfend. (Ich brauche neue Fressadjektive. Ich kann nur Autoadjektive.)

Nachdem ich schwungvoll das Fertigpesto aus dem Kühlschrank in den Mülleimer umgesiedelt hatte, haben wir dieses Thema noch vertieft: in unserer Speisekammer. Der Kerl und ich wohnen seit knapp drei Jahren zusammen, aber wir haben es nie geschafft, unsere Vorräte zu vereinheitlichen. Das liegt zum Teil an unseren kruden und sehr voneinander abweichenden Essvorlieben, das liegt aber auch daran, dass wir manchmal beknackterweise an unseren „eigenen“ Sachen hängen. So stehen bei uns zwei Sets Geschirr im Schrank, weil ich meins lieber mag und der Kerl seins, wir haben zwei Sorten Besteck, und irgendwie haben sich im Laufe der Zeit zwei Lager in der Speisekammer gebildet. Ihre Stunde hatte gestern geschlagen, denn nun ist alles fein säuberlich sortiert in „Geht immer“ (Hülsenfrüchte, Obst, Gemüse), „Geht nur, wenn’s schnell gehen, aber immer noch gesund sein soll“ (Gemüse im Glas), „Geht bitte nicht abends und generell eher in Maßen“ (Nudeln, Kartoffeln, Reis, Brot) und „Geht ausnahmsweise, ehe wir verhungern, uns gegenseitig essen oder einen Kiosk überfallen“ (Schokolade, Fertigprodukte). Dazu noch ein paar Gewürze, eine Ecke für Wein und genug Platz für kistenweise Wasser. Die böse Coke und Sprite Zero stehen jetzt im Flur und werden demnächst von unserem Getränkelieferanten gegen Wasserkisten getauscht.

Nach einer Runde Wii Sports (I rule!) hat Lu aus unserer Fensterbank einen Kräutergarten gemacht. Da stehen jetzt Rosmarin, Liebstöckel, Basilikum, Oregano, Salbei und Zitronenmelisse. Und demnächst noch Schnittlauch und Petersilie. Dafür musste mein wild wuchernder Kaktus, den mir der Kerl zu irgendeinem Valentinstag geschenkt hat (he, Kaktus ist besser als Slime. Ja, das hat er mir auch schon geschenkt), umziehen, denn für ihn war einfach kein Platz mehr. Didier (he, Kakteen haben auch ein Recht auf Namen. Ja, er ist nach Didier Drogba benannt) wohnt jetzt im Schlafzimmer.

Abends gab’s dann für Kerl und mich die Riesenprobierplatte (siehe unten; auf dem Foto fehlen die drei Feta-Cremes und kurz angebratene, gelbe Zucchini), während Lu sich mal von uns Freizeit gönnte. Unsere Anweisung: Zeit nehmen, alles alleine probieren, alles in allen Kombinationen probieren, mal nen Schluck Wein oder Cidre dazu, dann wieder Wasser, Wein mit allen Kombinationen probieren und vor allem: genießen. Hat wunderbar funktioniert. Käse und Wein geht ja immer, sowohl der 30 Monate gereifte Parmesan als auch der rauchige, milchige Scamorza haben aus dem Erdbeerrosé einen Wilderdbeerbusch gemacht. Der Ziegenkäse hat die Paprika mehr veredelt als die Tomaten, die gelben Zucchini haben einen Hauch von Hühnchennachgeschmack, die grünen Oliven haben im Vergleich zu den schwarzen fast industriell geschmeckt. Auf meinem Teller vermischten sich Feta mit Olivenöl und unserem selbstgemachten Rosmarinsalz, die Kräuter der schwarzen Oliven mit dem Innenleben einer aufgeschnittenen Strauchtomate. Ich habe mich wie im Urlaub gefühlt, nur dass unser Buffett drei Millionen weniger Kalorien hatte und nach Mittelmeer duftete ohne nach Hund zu stinken.

Und jetzt sitze ich gerade satt und zufrieden auf dem Sofa und klebe massenweise Post-Its in Lus Weinbuch, weil ich mal durchgucken sollte, welche Aromen mir denn gefallen könnten. Morgen steht die Weinprobe an. Und die Mutprobe: der Fischhändler.

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26.08.2009

Gut Essen, Tag 2 – das Erdbeerhuhn

Bisher bin ich Wochenmärkten stets großräumig ausgewichen. Erstens mag ich keine Menschenmengen und zweitens keine, die sich nur im Schritttempo fortbewegen. Ich bin eher der Listeneinkäufer; ich überlege mir vorher, was ich essen will, überschlage im Kopf, was noch zuhause ist (oder was weg muss) und schreibe mir dann auf, was ich noch brauche. Mit dem Zettel bewaffnet gehe ich in den nächstgelegenen Supermarkt und kaufe relativ stur nur den Kram, den ich mir notiert habe. Ich kenne es überhaupt nicht, mich von Obst- und Gemüseauslagen inspirieren zu lassen. Auch deshalb, weil ich nicht wüsste, was ich mit dem ganzen Kram anfangen sollte, aber eher, weil ich Esstrottel mich wohler fühle, kontrolliert eine Liste abzuarbeiten.

Über den Schatten musste ich jetzt aber springen, denn Lu zerrte mich gnadenlos in Richtung Isemarkt. Schon im Bus bemerkte ich ein erhöhtes Menschenaufkommen, von denen die meisten auch mit Körben und Taschen bewaffnet waren. Ich hatte aber keine lange Zeit zu jammern, denn schon vom ersten Stand an habe ich nur noch geguckt, gestaunt, gerochen – und GEBUMMELT. ICH BIN EIN BUMMLER GEWORDEN. Gut, die Gemüsestände sahen für mich auf den ersten Blick nicht anders aus als der Türke um die Ecke, aber Lu sorgte dafür, dass ich nicht ganz so saumselig durch die Gegend schlich, sondern bewusst Ausschau hielt. Nach verschiedenen Tomaten, die der Kerl so gerne isst, nach Angeboten, die vielleicht inspirieren, nach Gemüse, das ich noch nie probiert habe, es aber gerne mal machen würde, nach den Weinbergpfirsichen (die Nektarinen sind, wie ich jetzt weiß – „Ich will die ohne Haare“), die mir gestern so gut geschmeckt hatten. „Merk dir mal, wie viel die hier für ein Kilo haben wollen.“ Ich habe ehrlich gesagt noch nie auf Preise von Lebensmitteln geachtet (musste ich netterweise noch nie), habe aber ziemlich schnell daran Gefallen gefunden, von einem Stand zum nächsten zu gehen und vor mich hinzumurmeln: „5,40? Da geht noch was.“

Beim schönsten Tomatenstand haben wir fünf verschiedene Sorten erstanden und von der Verkäuferin den Tipp bekommen, beim Draußensitzen eine Zitrone mit Nelken zu spicken, das hielte die Wespen ab. Beim hamburgisch gefärbten Italiener haben wir die Nektarinen gekauft, die der Mann auf Anhieb aufs Gramm genau abgewogen hat. Trinkgeld galore. Am Fischstand (noch ein unbeschriebenes Blatt bis auf Fischstäbchen, Pangasiusfilet und Fischmac) habe ich gelernt, wie man frischen Fisch erkennt: Augen sollten klar sein, die Kiemen rosig, beim Druck mit dem Finger sollte das Fleisch wieder in die Ausgangsposition zurückkehren, und nicht zuletzt sollte es nicht so fies nach Fisch riechen. Ist mir sehr recht.

Eine Verkäuferin hatte statt eines meterbreiten Standes nur einen kleinen Tisch vor sich, auf dem sie zwei Sorten Olivenöl aus dem italienischen Familienbetrieb verkaufte. Ich habe zum ersten Mal auf einem Markt etwas probiert, nämlich Öl mit einem kleinen Weißbrotstückchen. Und ich habe zum ersten Mal gemerkt, wie unterschiedlich Öl schmecken kann. Ich entschied mich für die mildere Variante, die nicht ganz so scharf hinten im Rachen war, wir kauften noch zwei frisch geschlachtete Hühnchen, und so bepackt traten wir den Rückweg zur Homebase an – nur um zehn Minuten später wieder aufzubrechen. Diesmal in die Innenstadt, um uns einen Mörser zu kaufen.

Nachdem auch das erledigt war, kam wieder ein bisschen Theorie. Was machen Kohlehydrate, wieviel Eiweiß sollte ich essen, wieviele Mahlzeiten am Tag … und wann ich denn Zeit hätte, mal wieder vernünftig Sport zu machen. Nachdem wir auch das festgelegt hatten, erklärte ich Lu die Wii Fit, deren Aerobic-Stepprogramm jetzt zu meinem persönlichen Sportplan gehört. Zur Strafe habe ich Lu dafür im Tennis vermöbelt. Außerdem haben wir festgestellt, dass das Wii-Board eine fiese Stasikonsole ist. „Hallo Lu. Findest du, dass sich Anke verändert hat? Ist sie a) schlanker, b) dicker, c) gleichgeblieben …“ d) … keine Ahnung, ich war mit Aufplustern beschäftigt: „Was bilden sich dieses Board denn da bitte ein?!?“

Der Tag war fast schon rum, als wir endlich Zeit für das Abendessen hatten. Die zwei Hühnchen wurden aus der Folie gewickelt, ich entfernte das Gummi, das sie zusammenhielt und hatte das gleiche Gefühl wie gestern beim Lamm: Ich sehe das Tier und nicht mehr nur ein Stück Fleisch und ich kann mal kurz danke sagen. Jetzt weiß ich auch, warum eine Hühnerbrust so aussieht wie sie aussieht, weil ich jetzt weiß, wo sie sitzt. (Lus Mantra: Nähe zum Produkt. Nähe zum Produkt.) Die Vögel landen zum Anbraten in heißem Öl, werden mit Milch übergossen, eine Handvoll Salbeiblätter, abgeriebene Zitronenschale und gefühlte 20 Knoblauchzehen dazu, Deckel drauf, ab in den Ofen mit Omas Schmortopf.

Während das Huhn gar wird und mal wieder herrlichster Duft durch unsere Wohnung zieht, mixe ich aus verschiedensten Salzen und Kräutern eine Würzmischung, die in den nächsten Tagen auf irgendeinem Fisch landen soll. Dann verkosten Lu und ich mehrere Öle, darunter auch das neu erstandene; ein bisschen pur auf eine Untertasse gießen, dran riechen, kurz nippen und dann mit gespitztem Mund Luft reinsaugen, so dass sich alles verteilt und auch der Rachen noch was mitkriegt. Ich schmecke pures Olivenöl und finde es großartig, sich so ausführlich und liebevoll mit Essen zu beschäftigen – und kann es kaum fassen, welche Schätze ich in meiner Küche habe.

Der Kerl ist inzwischen auch zuhause und darf den Mörser einweihen; er produziert aus Meersalz und kleingeschnittenem Rosmarin ein Rosmarinsalz (ach was), das wir noch durch ein Sieb streichen, um es feiner und haltbarer zu machen. Währenddessen waschen wir noch eine Runde Kopfsalat und vermischen ihn mit ein bisschen Rucola und Radicchio. Das Dressing besteht aus Zitronensaft, einer Zwiebel, ein paar gelben Tomätchen aus Lus Garten, Olivenöl und – Ahornsirup. Den habe ich bisher nur über Pfannkuchen gekippt, lerne aber jetzt, dass er großartig mit Zitrone zusammenpasst. Trotzdem werden Salat und ich wahrscheinlich wirklich keine Freunde mehr, denn trotz der veschiedenen Geschmäcker, die mir grün und nussig und fein-bitter entgegenkommen, habe ich das Gefühl, einen Haufen Taschentücher zu essen. Ich vermisse Gurken, Tomaten und Paprika. Und überraschenderweise keine Schokolade.

Das Hähnchen ist gar, Lu zerteilt das erste, ich gucke zu und zerteile dann mit Omas Geflügelschere knackend das zweite. Das Fleisch ist buttrigzart, die Haut knusprig, und es duftet himmlisch. Zum Essen gibt es heute einen Tempranillo Rosé, der in seiner roten Form laut Weinbuch nach Brombeeren, Tabak und Schokolade schmecken soll. Ich schnuppere, finde keine Brombeere, kann aber auch nicht sagen, was es sonst sein soll, bis Lu meint: „Himbeere.“ Logisch. Himbeere. Klar. Ich finde es sehr spannend, Gerüche oder Geschmäcker in der Nase oder im Mund zu haben, sie zu kennen – und doch nicht benennen zu können. Lu vergleicht es mit dem Erlernen einer Fremdsprache, ich fühle mich an den Gesangsunterricht erinnert, wo ich mit meinen Händen einen imaginären Raum über mir beschrieben habe, um höher singen zu können. Einfach eine neue Art, sich mit etwas auseinanderzusetzen, eine Art, die ich noch lernen muss. Im Mund verwandelt sich die Himbeere in eine reife Erdbeere und erinnert an dicke Bowlegläser auf einer Terrasse mit bunten Lichtern. Das zarte Huhn macht die Erdbeere im Mund noch größer, das Zitronendressing bringt sie zum Hüpfen. Ich sitze wie gestern bräsig-beseelt am Tisch und freue mich auf morgen. Da gehen wir Käse kaufen. Und Wein. Und irgendwann diese Woche Fisch. Und dann krieg ich einen Crashkurs in Weinkunde. Und wir organisieren die Speisekammer um. Und irgendwann lese ich mal wieder ein Buch.

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25.08.2009

Gut Essen, Tag 1 (und ein halber Tag 0)

Sonntag Mittag. Ich stehe im Stau am Dammtor und hoffe, trotzdem noch rechtzeitig zum Bahnhof zu kommen, um Frau Lu abzuholen, die sich ein paar Tage beim Kerl und mir einnisten wird. Nicht nur, weil’s nett ist, sondern auch, weil wir ihr Geld dafür zahlen, damit sie uns ein bisschen besseres Essen beibringt. Wir sind sehr gespannt, haben brav eine Woche Ernährungstagebuch geführt und werden das wahrscheinlich im Laufe der Woche um die Ohren gehauen bekommen.

Sonntag Nachmittag. Erst bin ich dran, dann der Kerl. Ich werde nicht nur nach Größe und Gewicht gefragt, sondern auch nach Gewohnheiten, Bewegung, Vorlieben bei Essen, was mag ich gar nicht, woran könnte ich mich ranessen usw. Lu will uns nämlich – das war unser Wunsch – nicht nur vernünftiges Essen beibringen, sondern auch vielfältiges. Wir haben beide unsere fünf Grundrezepte, die wir seit 20 Jahren kochen, weil sie uns schmecken, trauen uns aber recht selten an Neues ran. Wenn ich ein neues Kochbuch kaufe, machen wir meist ein Rezept daraus und das war’s. Mal schmeichelt sich dieses Rezept an unsere fünf Grundrezepte ran und wird ein neuer Freund (wie bei Tim Mälzers Kartoffel-Gurken-Salat mit einem Dressing aus Weißweinessig, Schalotten und körnigem Senf), meist prügeln aber unsere fünf Grundrezepte den Fremdling mit Mistgabeln vom Hof (wie beim grandiosen Experiment Jakobsmuscheln, die ich ausprobieren wollte, weil die das dauernd im Perfekten Dinner essen).

Ich fühle mich manchmal wie ein Essenspraktikant, weil ich nicht wirklich viel nutze von dem, was mir so in Supermärkten entgegenlächelt. Dem Kerl geht’s ähnlich, und daher dachten wir uns: Fragen wir doch mal wen, der sich mit sowas auskennt, damit aus den Praktis endlich Junioren werden.

Tag 1. Montag. Der Kerl eilt ins Büro, ich habe mir die Woche freigenommen. Erster Tagesordnungspunkt: Küchencheck. Lu guckt sich unsere Vorräte an und reicht einige Gewürzdosen an mich weiter, damit ich sie verklappe. Wie immer bei den kleinen Rackern tummeln sich da einige, die schon lange ihr Lebensende erreicht haben. Genau wie in unserer kleinen Speisekammer, wo ein paar Dosen ins Nirvana einziehen dürfen. Hält sich aber alles in Grenzen.

Dann geht’s ans Eingemachte: Fertigsuppen müssen nicht sein, Fertigbrühen schon gar nicht. Unsere geliebten Maggigläschen, mit denen wir gerne Kartoffeln oder Nudeln kochen, kommen weg und werden am Nachmittag durch ihre Biokumpels ersetzt, die mit weitaus weniger Chemie auskommen. Einige Sachen stehen bei uns nur noch rum, weil wir zu bräsig sind, sie wegzuschmeißen. „Seit wann hast du keinen Kakao mehr getrunken?“ — „Ein Jahr …?“ — „Nesquik kommt weg.“

Und dann kam mein persönliches Highlight des Tages. Beziehungsweise das erste: eine kleine Neuorganisation der Küche. Kennt wahrscheinlich auch jeder: Man zieht ein, organisiert das alles halbwegs durch, aber ein paar Ecken bleiben dann doch Baustellen. Bei uns ist es das Altpapier, was da lagert, wo man bequem rankommt, wo man aber auch gerne dazu neigt, es zu einem Berg werden zu lassen, weil man es prima ignorieren kann. Außerdem ist unsere Arbeitsplatte zu vollgestellt mit Zeug, bei dem ich nicht weiß, wo es besser hinpassen könnte. Durch Wegschmeißen von Dosen und Nesquik ist schon ein bisschen mehr Platz in den Regalen und Schränken geworden, und außerdem tummelt sich bei uns noch mein altes Ikea-Fernsehrolltischchen, das ich nicht wegschmeißen wollte, zu dem mir aber auch nicht Besseres eingefallen ist, als es in einer Ecke als Staubfänger und Ablageplatz für Grütz stehenzulassen. Aus ihm wird nun ein schicker Küchenrollwagen, auf dem sich Arbeitsutensilien und Gewürze stapeln, die man am Herd braucht. Denn da steht es jetzt. Und in seiner bisherigen Ecke lagert nun das Altpapier. Ich stehe fünf Minuten wie ein Idiot in der Küche und frage mich, warum ich da nicht selber draufgekommen bin. Lu tröstet mich mit dem üblichen Wald vor lauter Bäumen, aber ich habe das Gefühl, dass das Fangorn mit Mammutbäumen ist. Es kann so einfach sein.

Ohne zu sehr mit Details zu langweilen: Nach zwei Stunden ist unsere Küche besser organisiert, heller und bietet mehr Arbeitsfläche. Ich fange schon fast an zu heulen, aber es wird noch besser. Denn jetzt gehen wir einkaufen.

Wir treffen uns mit dem Kerl bei basic, das wir seit Jahren Basitsch aussprechen und das auch nicht mehr ändern werden. Geplant ist für heute abend ein Milchhühnchen. Ich habe bisher nur ein paar Weihnachtsgänse zubereitet, aber noch nie einen ganzen Vogel für alltags. basic nimmt es bei Fleisch von den Lebenden, und Lu entscheidet sich, das Huhn doch lieber von Wiesenhof und im Supermarkt zu kaufen. Wir lungern eine gute Dreiviertelstunde im Bioladen rum, lernen, dass Mangold quietschbunte Stängel hat (ich wähle den gelben und lasse die pinkfarbenen liegen) und wie gut frischer Ingwer riecht, wenn man ein Eckchen abbricht. Ich lasse mich bequatschen, doch einen Blattsalat mitzunehmen, den ich immer als toplangweilig of the langweilig empfunden habe. Lu behauptet, wenn man ein bisschen Rucola runtermischt, schmeckt das gleich ganz anders. Wir schnuppern an Broten, lassen uns Brotaufstriche erklären und den Vorteil von Biomilch: „Wenn du Muttermilch trinken würdest, dann doch auch lieber von einer Nichtraucherin, die sich gesund ernährt, oder?“ Ich möchte jetzt gar keine Milch mehr trinken, woraufhin Lu noch zwei Weine einpackt.

Nächste Station: Budni, die eine Alnatura-Ecke haben, die deutlich günstiger ist als Basitsch. Hier werden dann die Biobrühen gekauft, eine Menge Gewürze, Couscous für den Kerl, Dinkelnudeln für mich, Tomatensaucen und Frischkäse.

Schließlich unser Lieblingsspar, der nach der Umbenennung der Kette ein Edeka ist, aber für uns immer „unser Osterstraßen-Spar“ bleiben wird. Dort reiben wir an Liebstöckel und entdecken, dass es Kräuter gibt, die wie Maggi riechen, an Zitronenmelisse, die ich am liebsten sofort aufessen würde, so frisch duftet das Grünzeug, an Salbei, Majoran, Thymian und Oregano. Unser Einkaufswagen ist eine grüne Hölle. Das geplante Hühnchen wird zur Lammhaxe, als Beilage gibt es zum bereits erstandenen Mangold (den ich haben wollte, weil Herr Alphonso alle fünf Minuten seine Tarte erwähnt) Mohrrüben. Schwer bepackt treten Kerl und Lu den Rückweg an, während ich, ganz grande dame, mit Sonnenbrille lässig noch ein Körbchen Erdbeeren und einen Riesenstrauß bunter Blumen erstehe.

Der Kerl staunt über die neue Küche, wir packen aus und verstauen und können es kaum erwarten, die ganzen Schätze in eine Mahlzeit zu verwandeln. Ich schneide eine rote und eine Speisezwiebel klein, der Kerl eine gelbe Paprika, die in unserer Kammer lag, Lu wirft die Zwiebeln, frischen Knoblauch, zwei Lorbeerblätter und einen Zweig Rosmarin in einen Topf mit heißem Olivenöl. Darauf kommen die zwei Lammhaxen und die Lammschulter, ein ordentlicher Schuss Tempranillo, ein paar Kirschtomaten, köcheln lassen. Lu und ich testen den Wein; ich kann nur sagen „lecker“, während Lu mir geschmacksmäßig auf die Sprünge hilft: „Ganz dunkle, saftige Kirschen.“ Genau das habe ich natürlich gemeint und nehme noch einen Schluck.

Nach einer Stunde Pause Rumgeköchele geht es weiter. Ich wasche Mangold, Kerl schneidet Mohrrüben, Lu fischt das Lamm aus dem Topf und legt die drei Teile auf einen Teller. Das Fleisch hat sich zurückgezogen, die Beinknochen sind nun zur Hälfte sichtbar, genau wie die fünf Rippchen des Lamms. Lu schabt das Fleisch mühelos von den Knochen und rührt es wieder in den Topf, aus dem es seit einer Stunde unglaublich lecker duftet. Ich sehe zum ersten Mal bewusst die kleinen, dünnen Rippen, die mal ein Lämmchen getragen haben und habe das Bedürfnis, kurz „Danke, kleines Lamm“ sagen zu wollen. Dieses Gefühl hatte ich noch nie, denn bisher waren der Kerl und ich eher Filet- und Geflügelbrustkäufer, die kaum noch zeigen, dass sie mal Teil eines Lebewesens waren. Ich mache innerlich eine Notiz an das Lamm und gucke dann Lu zu, wie sie Mohrrüben mit einem Hauch Rosmarin in der Pfanne anbrät und mit Weißwein und Wasser ablöscht. Der Mangold wird kurz blanchiert, das Couscous ist auch innerhalb von wenigen Minuten fertig, ich decke den Tisch, und endlich gibt es was zu essen. Der Kerl trinkt Wasser, Lu und ich den Weißwein, der schon in die Möhrenpfanne gekommen ist, ein Pinot Bianco aus dem Friaul.

Während des Kochens haben der Kerl und ich dauernd probiert und wurden gefragt, ob noch was fehle und wenn ja, was. Ich finde alles lecker, Lu pfeffert beim Fleisch nochmal nach, und der Kerl stößt eine Diskussion darüber an, was eigentlich an Gewürzen wozu passt (Lu: „Reinwerfen und gucken“). Ich probiere zum ersten Mal Mangold und muss an Erde denken und Grünkohl. Die Möhren waren mir in der Pfanne einen Hauch zu rosmarinlastig – ich mag den Geschmack von Mohrrüben sehr gerne, da muss von mir aus gar nichts mehr dran –, stelle aber fest, dass sie im Zusammenspiel mit dem Lamm und der Sauce genau richtig sind. Ich spreche innerlich ein kleines Gebet für das Lamm und koste den Wein nacheinander mit den verschiedenen Komponenten auf dem Teller. Der Wein ist fruchtig, aber nicht süß. Zum Nachtisch teilen wir uns einen Bergpfirsich mit ganz weißem Fleisch, der so lecker ist, dass ich nöle, warum wir davon nur einen gekauft haben. Auf einmal schmeckt der Wein herber, aber immer noch köstlich. Anders köstlich. Lu holt ihr Weinbuch und schenkt mir ein kopiertes „Geschmacksrad“, auf dem ich blutiger Anfänger wenigstens ein paar Vokabeln stehen habe, die Wein beschreiben. Trotz des Rades kann ich nicht sagen, ob der Wein jetzt eher in Richtung Mango oder Zitrone neigt, aber inzwischen schmeckt eh alles nach Rosmarin. Ich fühle mich satt und glücklich und reich beschenkt.

Und morgen kaufen wir einen Mörser.

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14.08.2009

Ach, wenn’s doch jetzt etwas kühler wäre … und dann mit einer Decke und frischen Büchern aufs Sofa … oh, Moment.

Der Schweinehund und Gabi, die Giraffe, freuen sich über meinen neuen Quilt, unter dem sie auch mal kuscheln dürfen. Nachts, wenn ich schlafe und nicht mitbekomme, was sie so treiben.

Die Geschichte zum Quilt habe ich hier schon mal erwähnt, und die Fotos bei Ringelmiez (bitte folgen Sie den Links) sind auch etwas aufschlussreicher als meine. Und wenn Sie bei der Entstehungsgeschichte schon denken, meine Fresse, sieht das nach Arbeit aus, kann ich inzwischen sagen: der fertige Quilt erst recht. Ich traue mich kaum, ihn achtlos aufs Sofa zu werfen, was ich sonst mit meiner Decke tue, wenn ich mal vom Sofa runter will (kommt nicht oft vor), weil er eben nach Handarbeit aussieht und nicht nach Chinaproduktion.

Ich bin in jedes einzelne Stoffgeviert verknallt – natürlich besonders in die Teddybären –, und ich habe gestern eine wahrscheinlich zu lange Zeit damit verbracht, mit Augen und Fingern den geschwungenen Quiltnähten zu folgen, um zu gucken, ob da irgendein Muster verborgen ist. Ich hab keins gefunden, aber ich weiß jetzt, wo die Bundeslade liegt und wer JFK erschossen hat.

Auf dem obenstehenden Bild sieht man die einzelnen Nähte etwas besser, hoffe ich. Ich hatte mich ja schon nach Ringelmiez’ Fotos in die einzelnen Stoffquadrate verknallt, aber jetzt, wo ich sie vor der Nase habe, kann ich mich gar nicht entscheiden, welches mir am besten gefällt. Heute morgen ist es das braunrotgepunktete, gestern abend war es irgendeins mit den Libellen, morgen finde ich wahrscheinlich wieder das rote mit dem weißen Wellenmuster am schönsten.

Nachdem ich den Quilt lange genug bewundert hatte, hab ich mein zweites Päckchen von gestern aufgemacht. Das kam von Amazon (hab ich doch gewusst) und hat mir den vorletzten Band der Recherche geliefert. Unter anderem *hust*. Den habe ich auf die vier ausgelesenen und den fünften, der gerade in Arbeit ist – siehe Lesezeichen –, gelegt, um den netten Beigaben, die im Quiltpaket waren, einen würdigen Rahmen zu verleihen. Denn der Quilt war nicht nur in einen Wäschesack gehüllt, sondern es lag auch noch eine Tafel leckerste Schokolade dabei, eine Postkarte mit persönlicher Nachricht, und an der baumelte eine Eule, für die ich jetzt noch einen schönen Platz finden muss. Ich habe sie probeweise Gabi um die Hals gehängt, aber leider hat die Frotteegiraffe einen ziemlich miserablen Schwerpunkt, weswegen sie mit Athena nicht viel anfangen kann. Ich suche weiter.

Und irgendwann erzähle ich mal, warum ich Stofftieren keine vernünftigen Namen geben kann.

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16.07.2009

Send your name to Mars. Via Nerdcore.

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14.07.2009

Saturday Night Nervscheiß

Seit letztem Montag beherrscht mich mein Magen-Darm-Trakt. Ich erspare euch die Details, möchte aber sagen, dass ich fast immer und bei fast allen Gebrechen meines Körpers nach 40 Lebensjahren inzwischen der Meinung bin: Das regelt sich von alleine. Ausnahme sind Zahnschmerzen, da bin ich innerhalb von fünf Minuten beim Arzt. Alles andere geht auch so wieder weg. Notfalls helfe ich mit Pfefferminztee, Zwieback, Schlafen und Rumnölen nach. So habe ich auch die letzte Woche verbracht, bis sich Samstag nachmittag mein Bauch zu den Blödmännern Magen und Darm gesellte und plötzlich fies geschmerzt hat. Und da half dann irgendwie gar nichts mehr, weder Wärme noch Rumlaufen noch Stillliegen noch Rumnölen. Nach drei Stunden habe ich den Kerl angejammert, mich bitte in die Notaufnahme zu begleiten, weil mein Kreislauf inzwischen so weit im Keller war, dass ich kaum noch die Treppe zum Taxi runtergekommen bin.

In der Notaufnahme stellten wir uns hinter einige lustig gewandete Gesellen in die Schlange am Empfangstresen. Der Schlagermove war in der Stadt und damit ne Menge viel zu gut gelaunter Leute mit viel zu viel Bier im Blut. Nach zehn Minuten Rumstehen und Bauchfesthalten und Frieren (Fiebermessen ergab 35,4°) waren wir dran, ich erzählte, wie’s mir so ginge, bekam zu hören „Das kann heute dauern“, nickte ergebenst und begab mich an Kerls Arm ins Wartezimmer. Keine zehn Minuten später wurde ich aufgerufen und schlurfte ins Untersuchungszimmer, wo ein Arzthelfer sich erzählen ließ, was ich so hätte und das in eine Mozilla-Eingabemaske tippte, wie mir der Kerl später berichtete, der einen besseren Blick auf den Monitor hatte, während eine freundliche Arzthelferin Blutdruck maß, mir zehn Elektroden irgendwohin klebte und dann eine Viertelstunde lang versuchte, mir Blut abzunehmen.

Dass ich anscheinend unsichtbare Venen habe, weiß ich schon länger. Ich schwärme heute noch von einer Spezialpraxis, die nur Blutuntersuchungen macht und daher Leute an den Nadeln sitzen hat, die schon alle Arme dieser Welt gesehen haben. Die Dame damals hatte ungelogen einmal auf meinen Arm getippt, die Nadel reingestochen, ohne dass ich es groß gemerkt habe und innerhalb von einer Minute fünf Ampullen voll. Sie war fast beleidigt, als ich – ich gucke beim Blutabnehmen nie hin – fragte, ob sie schon angefangen habe. Die andere Seite des Spektrums war der Arzt in der Reha, in der ich nach meiner Bandscheiben-OP war, der es zehn Minuten lang in jedem Arm probierte, dann noch in beiden Handrücken und mir schließlich eine Nadel seitlich am Handgelenk reinrammte, während ich damit beschäftigt war, nicht vor Kreislaufschwäche vom Stuhl zu rutschen, denn das ganze war morgens, ich war nüchtern und inzwischen so sturmreif gepiekt, dass ich kurz davor war, mich zu übergeben.

So schlimm war es diesmal nicht; die Nadel war relativ schnell drin, auch wenn das Auf-den-Arm-Klopfen, um die Venen hervorzulocken, und das Faustmachen nicht so richtig angeschlagen hatten. Diesmal waren dann nicht meine Adern zickig, sondern mein Blut, das sich nur tröpfchenweise in die Ampulle „ergoss“. Nach fünf Minuten suchte der Arzthelfer mal meinen anderen Arm ab, während die Arzthelferin sich mit meinem Handrücken beschäftigte. Das Stechen war dann auch eher ein Bohren, ich klapperte inzwischen mit den Zähnen, was aber alles prima von den Bauchschmerzen ablenkte, und schließlich hatte ich zwei Kanülen drin, aus denen endlich genug Blut fürs Labor raustropfte.

Eine gute halbe Stunde nach unserer Ankunft saßen wir also wieder im Wartezimmer, und ich dachte noch naiv, wenn’s in dem Tempo weitergeht, ist ja alles halb so wild. Neben uns saß ein ganz in Weiß gekleideter Typ, der auch schon eine Kanüle im Arm mit sich rumtrug und ansonsten Notizen auf alten Moleskine-Blättern machte, die er in der Hosentasche mit sich führte. Drei türkische Kinder spielten auf dem Fußboden, der große Bruder passte auf.

Stunde 2. Die Mutter der Kinder kommt aus der Untersuchung wieder und legt ihren Arm seltsam verrenkt neben sich auf den Stuhl. Sie verabschiedet ihre Kinder, die fröhlich das Krankenhaus verlassen, während sie hierbleibt. Ganz in Weiß geht zu einer Untersuchung und kommt kurz darauf wieder zurück, äußerlich unverändert. Er schreibt weiter auf seinen losen Blättern rum. Ein älterer Mann mit Regenschirm kommt rein, nimmt sich nichts zu lesen, sondern guckt nur. Draußen am Tresen sammeln sich die nächsten Schlagerfredels und verstreuen Kunstblumen im Eingangsbereich. Die Krankenwagen kommen ohne Blaulicht und schieben Leute auf Tragen an uns vorbei. Verbundene Füße, Köpfe und Hände.

Stunde 3. Zwei Frauen in meinem Alter mit Gucci-Täschchen machen es sich bequem. Ich habe keine Ahnung, was ihnen fehlt. Überhaupt sehen alle im Wartezimmer nicht so aus, als hätten sie irgendwas. Meine Bauchschmerzen sind inzwischen netterweise schwächer geworden (wie immer, wenn man beim Arzt ist), mein Kreislauf hat sich etwas stabilisiert und ich lese Proust. Zwei Polizisten führen ein hysterisches Mädchen mit Handy am Ohr zum Tresen und raunzen „Jetzt ist aber Schluss mit Telefonieren, wir sind hier im Krankenhaus.“ Das Mädchen muss anscheinend eine Urinprobe abgeben; jedenfalls geht sie aufs Klo, das vom Warteraum abgeht. Die beiden Gucci-Tanten bekommen Zuwachs, ein Freund von ihnen leistet ihnen beim Warten Gesellschaft. Zusammen erkunden sie den Heißgetränkeautomaten und stellen fest, dass es Vanillemilch gibt. Ich verkneife mir seit Stunden einen Gang zum Klo, weil ich ja denke, dass ich jederzeit dran sein müsste. Der ältere Herr mit dem Regenschirm verschwindet mit einem Arzt, Ganz in Weiß guckt in der Gegend rum. Nach einiger Zeit fällt den Polizisten auf, dass Handy-Mandy immer noch nicht wieder vom Klo zurück ist. Zusammen mit einer Schwester stürmen sie die Toilette, wo das Mädchen entspannt telefoniert anstatt zu pinkeln.

Stunde 4. Ich kann mich nicht mehr auf Proust konzentrieren und daddele am iPhone rum. Der Kerl sitzt neben mir und macht das gleiche mit seinem iPhone. Draußen rollen wieder blutende Schlagerdeppen an uns vorbei. Ganz in Weiß und Regenschirm haben sich angefreundet und tauschen Erzählungen hinter den Kulissen aus. Ganz in Weiß muss Montag auf Geschäftsreise und wollte vorher nur mal seine Blutwerte durchchecken lassen. Da habe er sich ja nen Supertag für ausgesucht. Regenschirm rückt nicht so recht raus, was er eigentlich hat, sagt aber immer jaja, und die beiden verabreden sich schon mal fürs Frühstück im Erikas Eck. Die türkische Mutter wird von einem Arzt abgeholt und darf endlich gehen. Dem Begleiter von Gucci-Täschchen wird es langweilig, und er setzt sich nach draußen ins Auto, wo es bequemer wäre als hier drinnen. Kerl und ich überlegen, an welchen Tagen man nicht in Hamburg in eine Notaufnahme gehen sollte: „Schlagermove … Hafengeburtstag … Welt-Astra-Tag … Harley Days … CyClassics … Hanse-Marathon … CSD … 1. Mai … Grand Prix d’Eurovision … wenn Pauli spielt … wenn der HSV spielt …“

Stunde 5. Ein Arzthelfer fragt mich, ob mich schon ein Arzt gesehen habe. Ich verneine und glaube, gleich dranzukommen. Ein Krankenwagen bringt ein heulendes Mädchen rein, das verzweifelt ihre Mutter auf dem Handy anfleht, schnell in die Notaufnahme zu kommen. Keine 20 Minuten später sind Mama und ein Kerl da. Der Kerl trägt ein Shirt mit der Aufschrift „Der frühe Vogel kann mich mal“ und scheint sich nicht sonderlich dafür zu interessieren, dass Stieftöchterchen (?) fast einen Nervenzusammenbruch hat. Mama tröstet leise, Wurm holt sich nen Kaffee. Oder eine Vanillemilch. Gucci-Täschchen und Freundin werden allmählich nölig, dass alles so lange dauert. „Ich meine, ich muss Montag zur Arbeit, wie stellen die sich das denn vor?“ Sie sucht einen Arzt, um sich zu beschweren. Der Begleiter scheint im Auto eingeschlafen zu sein. Ganz in Weiß und Regenschirm werden von verschiedenen Ärzten abgeholt, verschwinden, kommen wieder, setzen sich und plaudern weiter.

Stunde 6. Die ersten lauteren Besoffskis rollen festgeschnallt auf Tragen an uns vorbei. Ein Mädchen ist nicht zu erkennen hinter ihren Haaren, ihre Freundin hält ihre Hand. Einige der Leute, die vor Stunden an uns vorbeikamen, rollen oder humpeln jetzt wieder raus. Bis zu drei Krankenwagen gleichzeitig stehen immer an der Tür. Eine Schwester kommt rein und fragt, ob hier jemand einen silbernen Volvo führe, der würde gleich abgeschleppt. Gucci hat einen Arzt gefunden und berichtet stolz ihrer Freundin, dass sie gleich dran sei. Sie habe gedroht, sonst zu gehen, ohne irgendwas zu unterschreiben. „Die können mich doch nicht zwingen, hierzubleiben. Und überhaupt: gegen ärztlichen Rat. Ich hab doch noch gar keinen Arzt gesehen!“ Mama und das heulende Mädchen werden nach hinten gebeten, von wo sie sichtlich erleichtert wieder auftauchen. Zwei Schlagerdeppen, die ihren Freund mit Kopfverband abholen, machen Erinnerungsfotos vor dem Empfangstresen. Ich gehe endlich aufs Klo und teste dann den Wasserspender an. Zimmerwarm, kalt, mit Sprudel und ohne. Toll.

Stunde 7. Ein Arzt kommt auf uns zu: „Ich suche eine Frau Gröner?“ Kerl bringt mich zum Untersuchungsraum, wo ich all das nochmal erzähle, was ich vor sieben Stunden schon mal erzählt habe. Inzwischen geht’s mir deutlich besser, ohne dass ich irgendwas bekommen hätte. Der Arzt ist nett und geduldig, gibt mir zwei Tabletten, rät zu den frei verkäuflichen Medikamenten und meinte, ich müsse nochmal kurz ins Wartezimmer, bevor es den Entlassungsbrief gebe, er habe noch eine Patientin. Ich gehe raus und Gucci scharrt schon mit den Hufen. Ganz in Weiß und Regenschirm rauchen vor der Tür, bekommen ihre Entlassungsbriefe und gehen gemeinsam. Wir sind alleine im Wartezimmer.

Stunde 8. Gucci kriegt ihren Entlassungsbrief vor mir. Der Kerl schläft allmählich ein und ich schicke ihn nach Hause, weil ich noch auf jemanden warte, der mir meine blöde Kanüle aus dem Handrücken zieht. Ich bekomme meinen Entlassungsbrief und die Ansage, es käme gleich jemand, um mich zu entnadeln. Ich mache es mir im Eingangsbereich bequem, wo niemand mehr an mir vorbeirollt. Kein Krankenwagen ist mehr zu sehen. Ich warte 20 Minuten, bis ich mich traue, doch mal am Empfang nachzufragen, ob sich jemand um mich kümmern könnte. „Ach, wir dachten, Sie warten auf Ihren Freund.“ Zwei Minuten später habe ich ein blutiges Pflaster auf der Hand und gucke draußen an der Bushaltestelle dem Sonnenaufgang zu.

Sonntag. Kerl holt mir Medikamente aus der Apotheke plus lustiges Pulver für eine Glucoselösung, weil ich das selbstgebraute Zeug (ein Liter Wasser, einen Löffel Salz, drei Löffel Zucker) einfach nicht runterkriege. Die Apotheke hat ihm ein pinkfarbenes Pulver mitgegeben, das großartig und wie Kabafit Erdbeer schmeckt. Mir geht’s seit einer Woche zum ersten Mal wieder halbwegs gut. Ein bisschen müde vielleicht. Und nen riesigen blauen Fleck in der Armbeuge habe ich auch. Aber immerhin knapp 100 Seiten Proust geschafft.

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29.06.2009

Die Unterhaltungsindustrie in den Zeiten der Cholera

Konstantin Klein stellt einen wichtigen Antrag zur Geschäftsordnung: Als Mitglied der Piratenpartei möchte er, dass sich diese endlich einen Kopf darum macht, wie man Künstler vernünftig entlohnen kann, sieht aber auch schon einen Flügelkampf zwischen Bezahlern und Downloadern.

Ich habe bei der Europawahl mein Kreuz bei den Piraten gemacht, obwohl mir genau dieser Punkt – die Künstlervergütung und das Urheberrecht – in ihrem noch unvollständigen und konstant in Arbeit befindlichen Parteiprogramm auch noch Kopfschmerzen bereitet.

Im Folgenden möchte ich ein paar Gedanken zur Zukunft von Büchern, Musik und Filmen zusammenfassen, mit denen ich mich in den letzten Tagen und Wochen beschäftigt habe. Eine finale Lösung für alle Probleme dieser Welt habe ich nicht, aber vielleicht ein paar Ansätze. Ein Punkt ist mir allerdings klargeworden: Das Urheberrecht muss sich anpassen, zum Beispiel in Richtung Creative Commons. Jeder, der möchte, darf seine Werke unter dieser Lizenz veröffentlichen, muss es aber nicht. Das käme einer Entmündigung gleich. Und: Kunst muss genauso bezahlt werden wie andere Arbeit. Jeder, der eine Leistung erbringt, sollte dafür entlohnt werden, ganz klar. Ob diese Leistung jetzt ist, mir morgens die Mülltonnen zu entleeren oder einen Song zu schreiben, für den ich Geld bezahle, ist völlig egal. Arbeit muss sich wieder lohnen. (Guck mal, ein parteiübergreifend funktionierender Satz!)

1. Bücher

Fangen wir mit dem Medium an, das mir am meisten am Herzen liegt: Bücher. Ich behaupte, dass sich hier, trotz der Online-Verfügbarkeit von Hörbüchern, am wenigsten ändern wird. Das gedruckte Buch wird sich nicht so schnell von eBooks verdrängen lassen und zwar aus fürchterlich unlogischen Gründen. Ich behaupte, dass Leute, die viel und gerne und freiwillig lesen, das immer noch lieber auf Papier tun als mit einem Laptop oder einem Kindle auf dem Schoß. Das Gefühl, Seiten umzublättern, die Möglichkeit, schöne Sätze unterstreichen zu können (ja, ich glaube zu wissen, dass das beim Kindle auch geht) und nicht zuletzt die Haptik und der Geruch eines Buches sind ziemlich unschlagbare Gründe. Ich weiß, dass die eReader immer besser werden, dass das Lesen auf ihnen immer angenehmer wird, aber ich glaube trotzdem – und ich kann es leider nicht anders als mit dem Gefühl, ein Buch in der Hand zu haben, begründen –, dass meine MitstreiterInnen und ich weiterhin unsere Urlaubskoffer mit fünf Wälzern zustopfen werden anstatt mit einem schlanken eReader. Daher glaube ich, dass sich der Buchhandel am wenigsten Sorgen machen muss. Wir werden euch weiterhin die Regale leerkaufen – was bedeutet, dass sich auch Autoren noch nicht so große Sorgen machen müssen.

Hörbücher sind da schon ein anderer Schnack. Da sie viel leichter online zur Verfügung gestellt werden können als ihre gedruckten Kumpels, sind sie natürlich auch leichter mal eben so mitzunehmen. Wobei dieses „Mal eben so mitnehmen“ genau der Punkt ist, an dem ich der Musik- und Filmindustrie und jetzt eben auch den Verlagen, die Hörbücher produzieren, energisch widersprechen möchte: Niemand klaut, weil ihm nichts besseres einfällt. Wenn die Möglichkeit da ist, Autoren/Produzenten/Komponisten Geld zukommen zu lassen, wird diese Möglichkeit durchaus wahrgenommen. Und damit komme ich zu:

2. Musik

In den US-Amazon-Charts 2008 ist das Album Ghosts I-IV der Nine Inch Nails auf Platz 1 gelandet. Allein in der ersten Woche hat es 1,6 Millionen Dollar „eingespielt“. Das Besondere: Das Album wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlich und konnte daher umsonst und legal von diversen Filesharing-Seites heruntergeladen werden. Trotzdem scheint es noch genug Fans zu geben, die Geld dafür bezahlen möchten, obwohl sie nicht müssten. Und das ist genau der Punkt, den die Unterhaltungsindustrie (der Name allein schon!) nicht versteht: dass Musikhörer, Filmliebhaber und Leser den Menschen, die ihre Unterhaltung produzieren, durchaus entlohnen wollen:

“NIN fans could have gone to any file sharing network to download the entire CC-BY-NC-SA album legally. Many did, and thousands will continue to do so. So why would fans bother buying files that were identical to the ones on the file sharing networks? One explanation is the convenience and ease of use of NIN and Amazon’s MP3 stores. But another is that fans understood that purchasing MP3s would directly support the music and career of a musician they liked.

The next time someone tries to convince you that releasing music under CC will cannibalize digital sales, remember that Ghosts I-IV broke that rule, and point them here.”

Was mir bei der ganzen Download-Diskussion so übel aufstößt, ist das ewige Gejammer, dass früher alles besser war. Da musste man als Musikliebhaber eben in einen Laden gehen, sich eine Vinylscheibe oder eine CD mit viel Plastik drumrum kaufen und wieder nach Hause gehen. Dass auch damals schon diese Platte oder CD für Freunde beliebig oft kopiert wurde, sei es auf Kassette oder auf gebrannter CD, scheint nicht so wild gewesen zu sein. Genau wie die Tatsache, dass ich persönlich – und damit bin ich sicher nicht alleine – noch eine Riesenkiste an Tapes in meiner Wohnung lagere, auf denen nichts anderes ist als Musik, die ich aus dem Radio mitgeschnitten habe. Ich besitze tausende von Liedern, für die ich nichts bezahlt habe (Rundfunkgebühr mal außen vor). Und unglaublicherweise bin ich trotzdem – obwohl ich alles umsonst haben konnte – in einen Laden gegangen, um mir CDs zu kaufen. Zum Beispiel von den Künstlern, von denen ich einen Song im Radio gehört habe, der mir so gut gefallen hat, dass ich die ganze CD haben wollte.

Ich glaube, dass man es uns als Konsumenten so einfach wie möglich machen muss – und netterweise ist das in diesen bösen, digitalen Zeiten auch problemlos möglich. Ich verstehe nicht, warum man auf alten Vertriebswegen beharrt, wenn die neuen viel unkomplizierter sind. Was spricht gegen iTunes oder Amazon? Vielleicht ihre Monopolstellung. Also her mit neuen, legalen, kostenpflichtigen und fair bepreisten Downloadmöglichkeiten, die eine noch größere Bandbreite haben als die jetzigen, eher auf den Mainstream ausgelegten Portale.

Ich träume von einer Site mit klassischer Musik – vielleicht mit einem angelagerten Forum, in dem sich Fans austauschen und auf besondere Stücke hinweisen können. Daran könnte man gleich noch eine Konzertkartenbörse anschließen. Man könnte bei jeder Suche nach einem Interpreten auch dessen Webseite auflisten, auf der zusätzliche Informationen zum MP3 stehen – vielleicht sogar Videos vom Einspielen oder Konzertausschnitte. Man könnte eine lokale Suchfunktion anbieten über Händler, die die CD im Regal stehen haben, wenn es eben doch nicht nur ein MP3 sein soll, sondern das „große Paket“ mit Booklet und allem. (Wenn Ikea es hinkriegt, alle seine Märkte zu vernetzen, um dem Onlinekunden zu zeigen, ob Billy in Buche in seinem nächstgelegenen Ikea vorrätig ist, sollten das andere auch hinkriegen. Stichwort RFID.)

Es gibt so viele neue, spannende und vor allem lohnende Möglichkeiten, Musikkonsumenten dazu zu kriegen, Musik zu kaufen – warum wird das „neue“ Medium Internet nicht genutzt anstatt es zu verdammen? Derartige Portale würden auch für Jazz funktionieren, für Schlager, für Independent, für Musik, die bisher nur in kleinen Stückzahlen aufgelegt werden konnte, weil die Künstler es sich einfach nicht leisten konnten, CDs zu pressen, diese ausliefern zu lassen und darauf hoffen mussten, dass irgendein Laden sie verkauft.

Stichwort Eigenverlag. Jeder Künstler kann sich heute eine Webseite bauen und dort seine Musik direkt zum Download anbieten. Radiohead haben es erfolgreich vorgemacht – warum machen das nicht mehr Bands? Ich muss gestehen, ich habe keine tiefen Einblicke in das Musikgeschäft und sehe das alles nur aus Konsumentensicht. Aber ich glaube, dass es für Künstler genauso lohnend sein kann, seine Musik selbst anzubieten als wenn es über einen Musikverlag geht. Vielleicht sogar noch lohnender, weil der ganze Wasserkopf wegfällt.

Ich habe eine Zahl im Hinterkopf, dass der Künstler von jeder verkauften CD zehn Prozent des Erlöses bekommt, der Rest geht an das Label, aber ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob das stimmt. Daher möchte ich mich etwas zurückhalten, was die Entlohnung von Musikern angeht. Aber soweit ich weiß, kommt der Großteil der Einnahmen eher aus Konzerten und anderen Auftritten – und die werden durch die Onlineverkäufe bzw. die illegalen Downloads nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil, auf sie könnte besonders hingewiesen werden bzw. der Kartenverkauf könnte vereinfacht werden, wie ich ein paar Zeilen weiter oben geschrieben habe.

(Weitere Erlösmodelle hier.)

3. Filme

Hier gilt das gleiche wie bei Musik: Macht es mir einfach, und ich bezahle euch gerne. Stempelt mich von vornherein zum Kriminellen, dann bin ich brastig und komme euch mit sehr wenig Mitleid entgegen. Das Gefühl habe ich jedenfalls immer, wenn ich eine legal ausgeliehene DVD angucken möchte und mir erstmal einen dramatischen Raubkopierspot angucken muss, den ich nicht vorskippen kann.

Was mir bei der heutigen Filmindustrie nicht in den Kopf will, ist dieses altmodische Modell, Filme erst ins Kino zu bringen, ein paar Monate später auch in die im Ausland, wiederum ein paar Monate später gibt es die DVD, und irgendwann kommt der Film mit Werbung durchsetzt und ohne Abspann im Fernsehen. Das ist ungefähr genauso schwachsinnig, als wenn Madonna ihr neues Album in den USA im Januar rausbringt und in Deutschland erst im Mai. Wenn Musik weltweit halbwegs gleichzeitig zu haben ist, warum dann nicht auch Filme? Oder TV-Serien? Warum verspielt die Industrie bergeweise Einspielgelder anstatt sich den Hype eines neuen Films zunutze zu machen? Siehe Matrix Reloaded: beknackter Film, aber weltweit am gleichen Tag gestartet, um weltweit Leute ins Kino zu kriegen (und die Tauschbörsen – und wahrscheinlich Filmkritiker und Mundpropaganda – auszutricksen).

Was die Filmindustrie immer beklagt: Leute gehen nicht mehr ins Kino, weil sie den Film vorher schon aus dem Internet gezogen haben. Ich behaupte, Leute, die einen Film im Kino sehen wollen, gehen nicht nur da hin, weil sie einen Film sehen möchten, sondern weil sie das Erlebnis Kino schätzen. Das heißt im Idealfall große Leinwand, Kracherton, bequeme Sitze und gute Freunde um einen herum, mit denen man nach dem Kino, liebe Kinder, den Film ausgiebig besprechen kann.

Ein heruntergeladener Film ist ein ganz anderes Erlebnis, genau wie eine DVD: Die wird zuhause geguckt, eher alleine und zu nicht festgelegten Zeiten. Beide Arten, einen Film zu genießen, haben ihre Berechtigung. Und deswegen würde ich mir von der Filmindustrie wünschen, auch beide Arten wahrzunehmen. Was spricht dagegen, einen Film ins Kino zu bringen und ihn zeitgleich zum Download anzubieten? Steven Soderbergh hat es ganz ähnlich vorgemacht: Sein Film Bubble erschien gleichzeitig im Kino und im Fernsehen, und ein paar Tage später gab es auch gleich die DVD.

Das Jammern der Kinoindustrie erinnert mich ein bisschen an die Zeit, als das Fernsehen immer allgegenwärtiger wurde. Natürlich sind einige Kinos dabei auf der Strecke geblieben, aber es gibt immer noch genug Leute, die ins Kino gehen. Ich meine, dass sich Filme geändert haben, seit sie mehr um ihre Zuschauer kämpfen mussten. Kino ist ein jüngeres Medium geworden; ins Kino geht man am liebsten in fiese Blockbuster mit grellen Explosionen, die im Fernsehen weitaus weniger Spaß machen. Ich glaube, dass Filme, die nicht unbedingt so viel Platz und Lautstärke brauchen, auch prima zuhause aufgehoben sind. Was für mich bedeutet: jeder Film sollte das Medium bekommen, das zu ihm passt – und ich als Konsument kann mir aussuchen, wie ich meinen Film sehen möchte. Reicht mir der pure Film, ohne DVD-Hülle und Beileger, kann ich ihn mir herunterladen. Natürlich am Starttag des Films. Möchte ich ihn in Gesellschaft genießen, gehe ich ins Kino. Und lege ich Wert auf Bonusmaterial, Behind-the-Scenes-Infos und verschiedene Sprachfassungen, greife ich zur DVD, die ebenfalls zeitgleich mit dem Film in den Handel kommt. Wenn ich alle diese Möglichkeiten habe, wird meiner Meinung nach der illegale Download stark zurückgehen, einfach weil es nicht mehr nötig ist, sich einen Film online zu ziehen, um nicht drei Monate warten zu müssen, bis er endlich in Deutschland erscheint.

4. Vergütung und Urheberrecht

Ich hoffe, dass ich mit den obenstehenden Zeilen begründen konnte, warum ich daran glaube, dass Menschen durchaus bereit sind, für Kunst bzw. Unterhaltung zu bezahlen. Und wenn wir das tun anstatt uns die Festplatte mit illegalen Downloads zuzuknallen, die wir eh nie konsumieren, können Künstler auch davon leben. So wie bisher auch. Glaube ich, ich bin kein Künstler. Ich trete alle meine Rechte an meinen Werbetexten an Agenturen und Kunden ab. Womit wir bei den Rechten wären. Wie schon gesagt, ich denke, das Urheberrecht muss sich den neuen Möglichkeiten anpassen. Ich glaube nicht, dass es heute möglich ist, ein Copyright auf so lange Zeit auszudehnen wie vor dem Internetzeitalter. 75 Jahre bei Büchern? Keine Chance. Aber wie es aussehen könnte, weiß ich leider auch nicht. Das ist ein Punkt, bei dem ich überhaupt keine Idee habe. Ich hoffe mal ganz naiv, dass sich diese Frage relativieren wird, je einfacher es dem Konsumenten gemacht wird, urheberrechtlich geschützte Werke legal zu erwerben. Aber da kann ich natürlich auch total daneben liegen.

5. Anmerkung

Dieser Eintrag wäre einer der wenigen, bei dem ich wünschte, ich hätte Kommentare. Dieses Bloglayout ist dafür leider nicht eingerichtet, aber wenn ihr mich auf komplette Irrtümer hinweisen oder etwas Ergänzendes beisteuern wollte, dann bitte per Mail an mich (mail ‘dings’ ankegroener ‘dings’ de). Ich füge eure Anmerkungen gerne an diesen Text an. Auch weil ich selber mit mir ringe, in welche Richtung dieser ganze Themenkomplex führen wird. (Und ob ich Pirat werden soll oder nicht. Bisschen zu wenig Östrogen da in dem Laden.)

Edit, weil auf Twitter mal kurz genöckelt wurde: Ja, das liegt am Layout, dass ich gerade keine Kommentare zulassen kann. Als mich mein persönlicher Style-Sheet-Servant beim Layoutumbauen gefragt hatte, ob ich ein Kommentarfeld gestaltet haben möchte, hab ich „Nein“ gesagt, weil ich eben keine Kommentare haben wollte. Und auch kein ewiges „Comments Off“ unter den Einträgen wie bisher im roten Layout. Deswegen kann ich in der WordPress-Eingabemaske jetzt „Allow Comments“ so oft anklicken, wie ich will – wenn kein Kommentarfeld definiert wurde, kommt da auch nix. Und im Moment hat Herr Fischer was Besseres zu tun als überfallartige Wünsche von mir zu erfüllen. Zu Recht :-)

Kommentare:

Christian: „Was viele Leute gerne vergessen, ist dass Dinge wie Patente, Urheberrechte, exkl. Verwertungsrechte etcpp. ja keine “natürlichen” Eigentumsrechte wie Grundbesitz oder ein Auto sind.

Sondern es sind von der Gesellschaft gewährte Ausnahmeregelungen um Forschung und Kultur zu fördern. Wer Geld und Zeit investiert um etwas zu erfinden, soll davon auch profitieren dürfen. Wer sich künstlerisch betätigt, soll davon leben dürfen.

Das hat auch lange Zeit gut so funktioniert, allerdings sind diese Ausnahmeregelungen über die letzten 50 Jahre immer weiter ausgedehnt worden, und viele denken mittlerweile, dass es natürliche Besitzrechte sind, anstatt besondere Privilegien. Im Endeffekt fördern diese Regelungen nur noch bedingt Forschung und Kultur, sondern stehen dem eigentlichen Ziel fast schon im Weg.

Unsere Gegenwartskultur besteht zu einem großen Teil aus Zitaten, den berühmt/berüchtigten Mash-ups, technische Innovationen beruhen häufig auf den Vorleistungen anderer, und über die Probleme die wir als Gesellschaft mit der Pharmaforschung haben will ich gar nicht anfangen
zu reden.

DAS sind die Gründe, warum wir Patent- und Urheberrecht reformieren müssen, nicht damit jemand das neue DSDS-Album kostenlos herunterladen kann. “Raubkopiererei” ist eigentlich nur ein Nebenschauplatz… ;)“

Daniel: „NIN wird zu Recht sehr häufig als Beispiel genutzt um aufzuzeigen, dass es auch möglich ist auf eine “freiere” Weise Musik zu vertreiben und dabei erfolgreich zu sein. Allerdings hat sich NIN natürlich über die althergebrachte Unterhaltungsindustrie, welche meiner Meinung nach eigentlich eher eine “Vertriebsindustrie” ist (war?), bereits eine entsprechende Fanbase aufgebaut und daher ist es wahrscheinlich etwas leichter Geld z.B. über diverse “Special Editions” eines neuen Albums zu verdienen.

Jonathan Coulton dagegen ist bisher komplett ohne Label ausgekommen und trotzdem für seine Verhältnisse erfolgreich. Zwar ist er kein Multi-Millilonär-Rockstar – aber er kann von seiner Musik leben und verdient mittlerweile mehr als in seinem Programmierer-Job, den er für die Musik aufgegeben hat. Er macht im Grunde genau die Dinge, die du in deinem Eintrag angesprochen hast. Man kann die meisten Tracks kostenlos über seine Webseite downloaden oder aber auch direkt dort kaufen. Ein Großteil seines Einkommens kommt soweit ich weiss allerdings aus Konzerten und Merchandising.

Ich bin selber zwar kein großer JC Fan – habe vielleicht zwei oder drei Songs von ihm gekauft – und JC bedient natürlich häufig eine Computer-Geek Nische, welche gerade über das Internet gut zu erreichen ist, was es für ihn anfangs sicherlich leichter gemacht hat eine Fanbase aufzubauen. Trotzdem ist er wahrscheinlich eins der besten Beispiele, dass es auch ohne Major Label und die Unterhaltungindustrie möglich ist sich als Künster zu etablieren.“

Tilla hat mich auf ihren eigenen Blogeintrag hingewiesen, in dem sie sich als Fotografin mit dem Urheber- und Verwertungsgesetz befasst. In ihrem Artikel sind zwei Blogeinträge der Musikerin Karan verlinkt (eins, zwei).

Joël: „Zum Thema Klassik: www.deutschegrammophon.com hat in meinen Augen durchaus Potential, vor allem weil sie ihre Musik auch verlustfrei anbieten. Aber das Forum usw. fehlt leider.

Ein wenig Schade finde ich, dass du gar nichts zur Kulturflatrate gesagt hast. Ich denke, dass ein gut überlegtes und ausgereiftes Modell, das eben nicht von der U-Industrie diktiert wurde, durchaus Potential hätte. Eine Kulturflatrate heißt ja nicht, dass aufgehört wird, Musik/Filme zu kaufen, wie du es beschreibst, aber es könnte die (meiner Meinung nach) unausweichlichen Downloads zumindest entschädigen. (Wenn du heute eine CD brennst, wird das ja dadurch entschädigt, dass du eine kleine “Brennflatrate” auf deinem Rohling bezahlst) Ich denke, dass es vor allem wichtig wäre, wenn eingesehen würde, dass Downloads nicht unbedingt schlecht snd, sondern mehr eine Art Werbung. Denn ohne Downloadmöglichkeit hätte ich viele Bands nie kennengelernt, für die ich gerne Geld bezahlt habe.

Zum “Radiohead-Modell”: Für kleine/unbekannte Bands ist das wohl ziemlich schwierig, vor allem weil Studioaufnahmen sehr teuer sind. Also, da spielt man schon mal ein Jahr auf allen möglichen Konzerten, um die Bandkasse aufzufüllen, damit man ein Album aufnehmen und 500 CDs pressen kann, mit deren Verkauf man dann eine weitere Pressung finanziert, usw. Übrigens haben die Einstürzenden Neubauten auch drei Alben mit Finanzierung ihrer Fans herausgebracht, die beim Einspielen und Produzieren per Webcam zusehen durfen, auf spezielle Konzerte konnten, usw.

Was Bücher angeht: Vielleicht wird es da ja auch bald mehere Preisklassen geben. Digital als Ersatz zum Taschenbuch und hochwertige Editionen fürs Bücherregal und für die Haptik. In dem Buch ist ein Downloadcode für den Text, damit man ihn digital hat und bspw. seine Lieblingszitate an Freunde verschicken kann.

Meiner Meinung nach sind Downloads halt nicht zu stoppen und es wäre Unsinn, irgendwie künstlich zu versuchen das zu unterbinden, deshalb muss es eine Gebühr wie auf CD-Rohlingen und Fotokopierpapier auf dem Internetanschluss geben. Zusätzlich halt die ganzen schlauen Sachen, die du vorgeschlagen hast, damit ich mir nichts illegal runterladen “muss”/will.

Ein wichtiger Punkt, den berufstätige, erwachsene Menschen oft schnell vergessen: Jugendliche haben oft keine Kreditkarte. Es muss also auch Bezahlmöglichkeiten jenseits von Visa geben. Oder halt Modelle wie die “Prepaid-Visa”, die man vor dem Einkaufen aufladen kann. Und das gilt nicht nur für Film und Musik, sondern auch z.B. für Leihfahrräder (z.B. in Luxemburg-Stadt) ;-)“

Anke: Mit der Kulturflatrate stehe ich (noch) etwas auf Kriegsfuß, weil mir das zu sehr nach einem Riesentopf aussieht, aus dem dann alle Künstler (wer definiert, wer Künstler ist?) einen bestimmten Betrag ausgezahlt bekommen. Fühlt sich für mich genauso unausgegoren an wie der Gesundheitsfond, aber ich muss mich da noch etwas schlauer machen.

David: „Ich finde, du hast Recht. Gerade bei Musik ist es wirklich so, dass ein einfach gehaltener und fair bepreister Download viel attraktiver ist, als die Musikindustrie glaubt. Vor allem die Möglichkeit, nur ein oder zwei Lieder zu kaufen (vielen Menschen gefallen nur Einzelstücke, aber oftmals kein ganzes Album) macht die Sache interessant.

Auch mit den Filmen dürftest du Recht haben. Ich habe zu Hause zwar einen Beamer und eine Dobly-Digital-Anlage, mit dem Erfolg, dass ich bei 3,9m Bilddiagonale quasi Heimkino habe, aber das Kinoerlebnis kann es nicht ersetzen. Gerade, wo jetzt 3D-Filme kommen, die eine Technik voraussetzen, die zu Hause nicht zu machen ist (wenn man nicht sehr viel Geld investieren möchte. Eine dafür erforderliche Siberbeschichtete Leinwand kostet meines Wissens über 700 Euro pro Quadratmeter. Von Brillen und Lichtpolarisationsfiltern oder Doppelprojektoren mal abgesehen…) Wenn die Filme wirklich wie von dir vorgeschlagen Zeitgleich in Fernsehen, Download, Kino und auf DVD erhältlich wären, könnte ich mir sogar vorstellen, mehrere der Vertriebswege zu wählen, wenn mir der Film gefällt. Zuerst würde ich die Billigvariante Download nehmen. Wenn ich den Film dann gut finde, würde ich ihn vielleicht sogar auf DVD nochmals kaufen, um Hintergrundinfos und eine schöne Hülle für’s Regal zu haben.

Bei Büchern muss selbst ich als technikverliebter Digitalmensch mit Affinität zu Gadgets und Geräten dir Recht geben. Es geht nichts über ein echtes, analoges Papierbuch. Die eBook-Reader sind vielleicht als Ergänzung ganz nett oder wegen der Durchsuchbarkeit prima für Nachschlagewerke und Sachbücher geeignet. Aber das richtige Lesevergenügen eines Romans, Thrillers oder Krimis setzt ein echtes Buch und einen bequemen Sessel oder ein Bett voraus. oder einen Stuhl in der Sonne.“

Sven: „Vielen Dank für diesen wichtigen und richtigen Beitrag.

Gerade bei Serien hätte ich längst kein schlechtes Gewissen mehr, die einzelnen Folgen einige Stunden nach Ausstrahlung in den USA direkt aus dem Netz zu beziehen – leider nicht legal. Aber ich komme mir einfach lächerlich vor, die bereits im Netz zur Verfügung stehenden Vertriebswege zu nutzen.

Für die fünfte Staffel von Scrubs in der deutschen Fassung bezahle ich bei iTunes 51 Euro für circa 8 Stunden Unterhaltung, obwohl die Folgen meist bereits drei Jahre alt sind und damals umsonst im Fernsehen und im Netz ausgestrahlt wurden. Bei Amazon.de bezahle ich 25 Euro, bekomme mehr Leistung, muss aber noch länger warten, weil die DVD nicht direkt erscheint und auch noch versendet werden muss. Noch billiger und frühzeitiger erhalte ich die Serie unverständlicherweise, wenn ich sie mir aus GB oder den USA importieren lasse.

Letztendlich könnte ich aber alles umgehen indem ich sie mir direkt lade. Wohnt man in den USA, hat man das nicht nötig, weil die Folgen direkt nach oder während Ausstrahlung legal auf der Seite live gestreamt, als permanentes Stream-Video oder sogar zum Download angeboten werden. Ich kann auf diesen völlig vernünftigen Service nur nicht zugreifen, weil mein Rechner in Deutschland steht. (Ich könnte schon, nur würde ich mich damit wieder strafbar machen. Es kostet mich keine fünf Minuten, dem Netz vorzugaukeln, mein Rechner stünde in den USA.)

Das ist mir unverständlich und insbesondere bei Serien macht es mich sogar wütend. Vor allem, wenn man dann mitbekommt, dass gute Serien wie zB Chuck evtl keine dritte Staffel erhalten, weil die Einnahmen nicht stimmen. Natürlich nicht, weil man den Markt überhaupt nicht abdeckt. Wären die Folgen direkt nach Ausstrahlung für einen Euro im Netz gelandet, hätte man vermutlich im europäischen Raum mehr Geld eingenommen als die einzelnen Sender hier für die Lizenz zu bezahlen bereit waren.

Warum kooperiert man nicht mit Dienstleistern wie Rapidshare etc. Die Serien, Filme, Musik landet eh dort, warum wird das nicht zum eigenen Vorteil genutzt?
Es ist mir ein Rätsel…

(Von Software fang ich gar nicht erst an. Ich weiß nicht, welche Mehrleistung MS Office und Adobe Photoshop CS4 gegenüber OpenOffice und GIMP bringen, aber auch hier erscheinen mir die Preise unverhältnismäßig. Bei Videospielen weiß ich, dass die kostenfreien und von von Fans programmierten Zusatzkarten und -pakete oftmals den gleichen Spielspaß, mehr Originalität und Story und vor allem Fehlerfreiheit bringen.)

Anke: Der Piratenkauz hat ein paar lesenswerte Überlegungen zur Kulturflatrate.

Stephanie: „ich bin keine Technikversteherin, aber wieso sollen Hörbücher »viel leichter online zur Verfügung gestellt werden können« als gedruckte Bücher? Eine Textdatei ist nicht wirklich ein Problem, es gibt, soweit ich informiert bin, zurzeit 2 oder 3 verschiedene PDF-Formate im deutschen E-Book-Handel, und die Druckvorlagen für Papierbücher (die berühmten »Fahnen«) sind auch ein PDF, das man, wie es ist, ins Netz stellen könnte.

Dein Argument, Anke, dass früher die verliehenen Bücher, die im Radio mitgeschnittenen Kassetten, usw. »auch nicht so wild« gewesen seien, verkennt einen quantitativen Unterschied: die Anzahl der möglichen Kopien in einer bestimmten Zeit. Angenommen, du kaufst einen Roman, er gefällt Dir, Dir fallen eine Hand voll Leute ein, von denen Du sicher bist, dass er ihnen auch gefällt: Hallo Susi, das hab ich grad gelesen, super, musst du auch lesen, hier, leih ich Dir aus. Wenn du diesen Vorgang hochrechnest, bist du noch Lichtjahre von der Anzahl der möglichen unbezahlten Kopien entfernt, die die digitale Form im Netz mit sich bringt.

Dass Leute für files bezahlen, die sie auch umsonst haben könnten, ist schön, aber ganz sicher nicht als Standard anzunehmen und als Modell untauglich. Sollen KünstlerInnen vom guten Willen der KonsumentInnen leben? Wollen wir das dann bitte auch im Supermarkt einführen, dass man an der Kasse frei entscheiden kann, ob man bezahlen will oder nicht: Hallo, Tach, den Käs nehm ich so mit, für das Brötchen geb ich einen Groschen.

In der BRD, und sehr wahrscheinlich auch anderswo, können die allerallerallermeisten KünstlerInnen überhaupt gar nicht von ihren Werken leben. Das Geschrei um die Entlohnung geistigen Eigentums betrifft in der Hauptsache diejenigen, die es gar nicht nötig hätten, und außerdem, wenn nicht vor allem, deren mitprofitierende Vermittler: die Großen unter den Verlagen, Labels, Galerien, Film-Verleihern, usw … aber das ist genau die Minderheit, die den Markt (noch) kontrolliert.

Beispiel: ich habe gerade meinen ersten Roman veröffentlicht. Drei Jahre dran gearbeitet, kleiner, feiner Verlag, minimaler Vertrieb, so gut wie kein Werbeetat, 1000er Auflage, das Buch kostet im Handel 17,90€. Für jedes verkaufte Exemplar bekomme ich 1,30€, und das ist ein anständiger Vertrag, viele sind mit noch weniger dabei. Ich geh da nicht mal plusminusnull raus, und man weiß auch gar nicht, ob sich die Auflage überhaupt verkaufen wird. Meine geistige Arbeit ist ganz sicher nicht angemessen bezahlt, nicht mal im aller entferntesten. Diese Umstände sind ziemlich normal. Hätte ich den Roman digital und im Eigenverlag herausgebracht, dann hätte das nichts anderes bedeutet als: »der Roman ist so schlecht, dass kein richtiger Verlag ihn machen wollte.« Das scheint in der Musik anders zu sein, in der Literatur ist es so. (Ausnahme: man ist bereits literatur-amtlich als QualitätsschriftstellerIn anerkannt. Siehe Elfriede Jelineks Privatroman).

Ich finde es wünschenswert, dass diejenigen, die meinen Roman lesen möchten, dies unentgeltlich tun können, und ich möchte auch gerne selbst Kultur und Information konsumieren, ohne dafür zu bezahlen. Und man muss die Dinge dann auch zuende denken: ein kostenloses Dach über dem Kopf müsste in solchen klimatischen Zonen ein Grundrecht sein, in denen es nachts zu kalt ist, um draußen zu schlafen, Musik zu machen, zu schreiben, einander zu lieben:

Die Häuser denen, die drin wohnen,
die Romane denen, die sie lesen möchten,
die Songs denen, die sie hören möchten.
Jep, da bin ich dabei, und zwar in dieser Reihenfolge.

Wo ich nicht dabei bin: ThePirateBay bietet einen Anonymisierungsdienst an (siehe auch hier), der Sicherheit bei der Umgehung des copyrights bietet, und für den man 5,-€ pro Monat bezahlen muss, denn der Anonymisierungsdienst ist das geistige Eigentum der Piraten, die auch von was leben müssen und nichts zu verschenken haben, welch letzteres nach Piratenansicht offenbar die Aufgabe von KünstlerInnen ist . Fuck ‘em, diese elenden Schnorrer. Ok, ok, TPB sind nicht die Piratenpartei, aber beide sind Anti-copyrighters, und ich habe bislang keine Distanzierung der Partei in dieser Sache gefunden (bitte korrigieren, falls es doch eine gibt). Wenn der Kampf gegen das copyright so aussieht, dass am Ende halt nicht mehr die traditionellen Vermittler, sondern jetzt eben die neuen Vermittler, die die Piraten ja sind, dass jetzt eben die neuen anstelle der alten kassieren, na dann frohes neues!“

Don Alphonso: „Ich schreibe gerade wöchentlich eine kurze Empfehlung für meist Alte Musik, und bei den Labeln, die sich damit auseinandersetzen, ist das Problem der Downloads schlichtweg nicht existent. Die Musik wendet sich an Audiophile, für die der Preis der CD relativ gesehen keine Rolle spielt; allein meine Boxen kosteten einst 8.000 Euro, und das ist in diesem Bereich eher untere Mittelklasse. Zudem geht es in diesem Bereich um ein Hörerlebnis, das man verlustfrei geniessen möchte, womit mp3 irrelevant wird. Obwohl ich früher beim Radio ein Verfechter von Downloads war, lasse ich heute keine Kopien dieser CDs zu. Es ist Kunst, und die soll man auch angemessen entlohnen. Diese Haltung ist in diesen Kreisen üblich, was die Hersteller davon abhält, irgendwelche dummen Urheberrechte extrem anzuziehen. Es gibt keinen Kopierschutz, man kann alles im Internet in guter Qualität vorhören. Bei Popmusik würde ich immer noch sagen: Keinen Cent für die major Labels! Wenn die anfangen würden, wieder echte Musik und kein schnelles Kommerzprodukt zu machen, hätten sie auch weniger Probleme.“

Michael: „Gleich eine kleine Korrektur: Für Kopien von Radio/Schallplatte auf Kassette hast Du bereits Gema-Gebühren bezahlt, die beim Verkauf erhoben wurden. Mittlerweile werden auch auf andere Geräte bzw. Medien Gebühren erhoben(Glaube ich zumisdest nach einer kurzen Suche im Netz).

Mein Problem mit legalen und kostenlosen Downloads ist, daß man vermutlich früher oder später “die Hosen runterlassen muß” (Kommt natürlich auf den Anbieter an). Damit wären wir dann bei der Kulturflatrate: CDs, Fernseher, ipod usw. werden alle ein bißchen teurer. Dafür hätte ich dann die Möglichkeit, mich bei Musik und Filmen zu bedienen wie ich möchte. Bücher sind auch für mich ein anderes Thema – s.u.

Musiker und Filmschaffende hätten nach meiner Vorstellung die Möglichkeit, entweder dann der Gema beizutreten, die die Einnahmen verwaltet und verwaltet (Die Gema viel transparenter und “benutzerfreundlicher” werden) oder das Werk unter CC-Lizenz oder einer ähnlichen zu veröffentlichen oder den Verkauf komplett selbst organisieren.

Zu Büchern: @Stephanie Der Unterschied zwischen gedruckten und Hörbüchern ist, daß letztere nur digital vorhanden sind – man drückt einfach auf einen Knopf und es geht los. Herkömmliche Bücher muß man immer noch ausdrucken. Ich glaube übrigens auch, daß sich Kindle & Co. nur für Nachschlagewerke oder technische Texte, die schnell veralten, durchsetzen werden.

Kleiner Exkurs zur GEZ:

Warum keine Rundfunksteuer (Jeder Haushalt bezahlt z. B. 10 €). Ich meine, es ist idiotisch zu glauben, jemand der 1.000 €/Monat verdient, bezahlt GEZ-Gebühren, wenn er es vermeiden kann. Die BBC in England hat ein ähnliches Finanzierungsmodell. Ich schaue zwar nicht immer die Phoenix-Runde oder Panorama, aber ich möchte die Möglichkeit haben und jeder andere soll sie auch haben.“

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26.06.2009

Warum ich mich über Bronze so freue wie andere über Gold

Ich mache jetzt seit fast zehn Jahren Werbung, und gestern habe ich meinen ersten Löwen in Cannes gewonnen. Einen bronzenen Löwen, um genauer zu sein (Every story has a beginning). Jetzt könnte man meinen, dass das nach zehn Jahren ganz schön arm ist und ein dritter Platz ja nun auch nicht so ein Bringer. Das meine ich aber nicht, und das liegt daran, dass ich kein klassischer Werber bin, sondern eine Katalogtante.

Die klassischen Werbedisziplinen sind – obwohl das Internet immer wichtiger wird – Film, Funk und Print. Also Spots, egal ob Kino oder Fernsehen, Radiowerbung und die schönen bunten Anzeigen, die unsere Printerzeugnisse bezahlbar machen. Die nicht-klassischen Disziplinen sind unter anderem Produktliteratur (Werberdeutsch für Kataloge), Direktmarketing (Postwurfsendungen in hübsch), POS-Kram (Point of Sale; alles, was euch im Supermarkt oder im Elektronikfachhandel den Weg versperrt oder den Blick auf sich zieht) und und und. Die coolen Werber machen klassische Werbung, weil man dann rumerzählen kann, hachja, der neue Mercedes-Spot ist von mir, ohguckmal, da hängt mein Lucky-Strike-Plakat. Die uncoolen Werber machen den Rest, mit dem man ü-ber-haupt nicht angeben kann. Ich bin total uncool und liebe Kataloge. Am meisten die für schöne Autos. Guckst du hier.

Als ich Ende 1999 meinen Copytest ausgefüllt hatte, um meinem besten Freund (Texter) zu beweisen, dass ich auch toll schreiben kann, wollte ich Filme machen, Funkis im Studio überwachen und Anzeigen kloppen. Das habe ich auch als Praktikant und Juniortexterin gemacht. Und dann kam der erste Katalog. Den mochte ich eigentlich gar nicht schreiben, aber meine damalige Agentur war noch recht überschaubar besetzt, so dass alle auf dem großen Kunden mit den vier Ringen gearbeitet haben, ob sie nun wollten oder nicht. Also ich auch. Und sobald ich angefangen hatte, über 60 Seiten nachzudenken anstatt wie bisher über eine, habe ich gemerkt, dass mir das viel mehr Spaß macht als der ganze Klassikkram.

Vielleicht auch, weil mir die Produktion eines Katalogs mehr Spaß macht als „mal eben“ (alle Werber wissen, warum da Anführungszeichen stehen) eine Anzeige zu gestalten. Eine Anzeige muss oft von heute auf morgen fertig sein. Ein Autokatalog dauert ungefähr von fünf Monaten aufwärts bis zu einem Jahr.

Als erstes kommt natürlich das Briefing: Was ist das für ein Auto; ist das eher das Massenmodell des Konzerns oder die absolute Edelkarosse, die an die Scheichs geht; was kann es, was andere nicht können; wer ist die Zielgruppe; wie lautet die Produktbotschaft – also nicht „Freude am Fahren“ oder „Vorsprung durch Technik“ oder „Lu-lu-luuu“, sondern der Satz, der dieses ganz bestimmte Auto charakterisiert – usw. Aus diesen Infos zimmert man sich ein paar Konzepte, die man dem Kunden vorlegt. Also zum Beispiel ein grafisches Konzept, das dieses Auto besonders gut in Szene setzt. Eine Headlinemechanik, die alles zusammenhält. Eine Botschaft, die auf jeder Seite belegt werden kann, sei es im Bild oder im Text. Alles hat einen großen Gedanken, den man über 60 bis 120 Katalogseiten spielen kann. Wie so oft bei Werbung ist von diesem großen Gedanken manchmal nicht mehr viel übrig, wenn die Marketingleitung, die Ingenieure und die Juristen rübergeguckt haben, aber im Idealfall sollte man diese Botschaft auch als werbeunkundiger Leser und Autokäufer dechiffrieren können.

Hat sich der Kunde für ein Konzept entschieden, geht’s an die Umsetzung. Welche Inhalte kommen auf welche Seiten – der Aufriss entsteht. Und ändert sich zehnmal. Das Fotoshooting beginnt; immer gerne in exotischen Locations, damit der Art Direktor auch was davon hat – was manchmal eher nervig ist, weil fast immer die Geheimhaltung gilt und man das Shootingfahrzeug zwischen den Aufnahmen stets abdecken muss, bevor ein naseweiser Blogger das Teil mit dem Handy knipst. Viele Firmen arbeiten daher nur noch mit CGI, das heißt, die Autos werden komplett am Rechner gebaut, und man fotografiert „nur“ noch die Location. Während die Arter also Kokosnüsse knacken, setze ich mich mit den technischen Infos hin, die je nach Firma zwischen 30 und 200 Seiten lang sind, überlege mir, welche tollen Features ich wo und wie beschreibe und wie ich das ganze so formuliere, dass es kein Technikgewäsch wird, sondern ein hoffentlich emotionaler und gut lesbarer Text – in dem natürlich der Konzeptgedanke wiederzufinden sein soll. Die erste Textfassung geht an den Kunden, meist während die Arter noch an den Layouts basteln oder auf dem Shooting sind, dann kriege ich Korrekturen, während meine Kollegen die ersten Fotos mit dem speziellen Look überziehen, auf den man sich geeinigt hat, und irgendwann werfen wir dann Bilder und Texte zusammen, korrigieren das ganze drei- bis dreißigmal, nach durchschnittlich sieben bis acht Monaten liegt ein gedruckter Katalog vor mir, und ich blättere stolz „mein“ Werk durch.

Lustigerweise gibt es nicht viele Texter in den großen Agenturen, die freiwillig Kataloge schreiben. Und zwar weil viele Texter lieber ausdenken – also konzipieren – als schreiben. Einer meiner Textgötter, Hartwig Keuntje, Mitinhaber von Philipp und Keuntje, hat uns Textern immer gesagt: Wer schreiben will, muss erstmal lesen – und uns dann Robert Musil und Konsorten ans Herz gelegt anstatt 39,90. Viele Texter können grandiose Headlines schreiben, scheitern aber, wenn es um zehn zusammenhängende Sätze geht. Und da kommen dann Leute wie ich ins Spiel: Leute, die lieber zehn Sätze schreiben als einen.

Soweit alles super. Wenn da nicht diese Werberpreise wären, nach denen sich ein bisschen der eigene Marktwert berechnet. Ich würde den ganzen Wettbewerben wie ADC, Cannes, Clio und Konsorten nicht so wahnsinnig viel Gewicht beimessen, aber gerade als Junior sieht das schon toll in der Mappe aus, wenn man ein bisschen Bling vorweisen kann. Als Senior ist es irgendwann egal, dann kennen dich eh alle und wollen dich haben, weil sich inzwischen rumgesprochen hat, dass du einen guten Job machst. Aber auch wenn mir das so ging und geht, hadere ich manchmal damit, dass ich als Katalogmensch viel geringere Chancen auf Edelmetall habe als die Klassikleute. Denn auf den Festivals werden eben eher die klassischen Disziplinen ausgezeichnet, weil schnöde Verkaufsliteratur nicht so oft durch Riesenideen bestechen kann. Die muss eben eher informativ als kreativ sein, und damit ist man im Prinzip raus.

Natürlich hat auch Literatur eine Chance, aber dann eher in den Kategorien Design oder Direktmarketing. Die gefühlten 20 Autokataloge, die ich in den letzten Jahren konzipiert und geschrieben habe, haben so gut wie nichts abgeräumt bzw. wurden nicht mal eingereicht, weil jede Agentur weiß, dass damit eher wenig zu gewinnen ist.

Daher habe ich eher Chancen, mit Projekten zu punkten, die nicht ganz so auf Verkoofe einzahlen, aber eben auch keine Klassik sind. Die meisten meiner Awards habe ich mit einem Mailing für Lamborghini gewonnen, in dem der damals neue Murciélago vorgestellt wurde. Lamborghini braucht natürlich eigentlich gar keine Werbung, der Name ist schon Werbung genug, aber es ist ein extrem dankbarer Kunde, weil die zu kommunizierende Botschaft sehr spitz (Hast du Geld, kaufst du dieses Auto) und die Zielgruppe extrem überschaubar ist und man auch mal ein bisschen Kohle in die Hand nehmen darf. Deswegen sind die Werbemittel für Lamborghini auch fast immer wahnwitzig hochwertig produziert, was auf Festivals grundsätzlich mehr Eindruck macht als ein „gewöhnlicher“ Autokatalog.

Der andere Schwung meiner Medaillen ging an das Audi-Markenbuch, in dem wir uns der Marke mal etwas weniger verkäuferisch genähert haben: Wir haben ein Puzzle anfertigen lassen, mit dem eine Studie visualisiert wurde (aus der Studie ist inzwischen der Audi A5 geworden), wir haben technische Features neu in Szene gesetzt, und ich habe eine Ode an das ® geschrieben, das an vielen Audi-Patenten klebt, wie zum Beispiel am quattro®-Antrieb oder bei TDI®. Und diese Ode haben wir dann in Photoshop auf ein Leinentuch gestickt, das man sich an die Wand hängen könnte.

Und vor einiger Zeit hatte ich eine nette, kleine Idee, die sich mit ersten Sätzen aus Büchern befasst. (Wir erinnern uns: Wer schreiben will, muss erstmal lesen.) Daraus ist ein Recruiting-Tool für Roland Berger in der Agentur gürtlerbachmann geworden – „Jede Geschichte hat einen Anfang“, dann kommt pro Seite ein großartiger Romananfang, der erste Satz im Grundgesetz, eine Comicsprechblase oder der erste Satz eines Theaterstücks, und der Abbinder lautet „Machen Sie Ihren Anfang bei uns“ mit der Aufforderung, sich zu bewerben. Das Büchlein ist an potenzielle Arbeitnehmer verschickt worden und hatte meines Wissens einen sehr guten Rücklauf. Und was noch besser ist: Es gewinnt gerade auf so ziemlich jedem Wettbewerb irgendwas. Gold war noch nicht dabei, aber ich freue mich wie gesagt über alles – einfach, weil ich mich freue, überhaupt mal wieder bei Wettbewerben dabeizusein. Und deswegen bin ich auf meinen ersten Cannes-Löwen in Bronze sehr, sehr stolz und freue mich schon auf den Augenblick, wenn ich ihn irgendwo bei uns im Bad platzieren kann.

(Die Klassikwerber hätten statt dieser 100 Zeilen nur geschrieben: Bronze in Cannes. Ich geh jetzt feiern.)

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18.06.2009

Der letzte Tag

Thomas Knüwer im gestrigen Handelsblatt über das Gesetzesvorhaben zu Internetsperren, das heute voraussichtlich vom Bundestag durchgewinkt wird:

„Für jene, die sich nicht mit dem Thema beschäftigt haben, ist es schwer zu glauben: Morgen wird der Bundestag mit den Stimmen von CDU und SPD ein Gesetz verabschieden, das die Gewaltenteilung zwischen Judikative, Exekutive und Legislative aufhebt. Jene Gewaltenteilung, die in Art. 20 des Grundgesetzes festgeschrieben ist.

Im scheinbaren Kampf gegen Kinderpornografie werden künftig die Ermittler der Landeskriminalämter entscheiden, was ungesetzlich ist und was nicht – ganz ohne Richterspruch. Sie werden eine Liste von Internetseiten erstellen, die gesperrt werden. Diese Liste wird nicht öffentlich zugänglich sein, die Betreiber der betroffenen Seiten werden nicht informiert. Wer diese Seiten besucht, gleichgültig ob absichtlich oder zufällig, dessen Daten werden protokolliert – ohne sein Wissen.

Es ist ein Dammbruch für die Demokratie (…)“

Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben als politischer Mensch in Deutschland fassungslos. Dass Politiker manchmal Gesetze beschließen, die ich nicht gutheiße – wie Hartz IV – oder Dinge tun und lassen, die ich nicht nachvollziehen kann – wie vor gefühlten 100 Jahren die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen auf bundesrepublikanischem Boden, gegen die ich damals auf die Straße gegangen bin – geschenkt. Jeder von uns lebt in seiner eigenen Blase, hat eigene Ansprüche oder Moralvorstellungen, kein Politiker und keine Partei kann es mir immer und zu allen Anlässen recht machen. Aber bis jetzt hatte ich bei allem immer das Gefühl, dass es in Deutschland eine funktionierende Oppostion gibt, eine oder mehrere Parteien, die aufstehen, wenn etwas schiefläuft, die laut werden, wenn die Regierung es sich zu bequem machen will. Und ich wusste immer, es gibt eine Gewaltenteilung. Selbst wenn die Regierung Gesetze beschließt, gibt es Institutionen, die sie wieder zu Fall bringen können, wenn sie rechtswidrig sind.

Seit Dienstag, seit sich die Große Koalition, die ich mit meiner Stimme für die SPD auch noch ermöglicht habe, gemeinsam auf einen Gesetzesentwurf geeinigt hat, der die Gewaltenteilung faktisch aushebelt und meiner Meinung nach eindeutig gegen das Grundgesetz verstößt (Artikel 5.1: „Eine Zensur findet nicht statt.“), seit diesem Tag bin ich fassungslos. Ich fühle mich zum ersten Mal in meinem Heimatland nicht mehr so frei wie noch am Tag zuvor. Ich habe das bedrückende Gefühl, dass die Regierung meines Landes, meine Regierung, die ich gewählt habe, ihren Bürgern nicht mehr vertrauen will, mir nicht mehr vertrauen will und glaubt, mir vorschreiben zu müssen, welche Webseiten ich besuchen darf und welche nicht. Denn mehr ist dieses Gesetz nicht: Es ist eine Einschränkung meiner freien Wahl, wohin ich mich im Netz bewege. Das digitale Äquivalent dazu, mir zu verbieten, bestimmte Bücher zu kaufen, Lieder zu singen, Gedanken zu teilen. Das ist Zensur, das ist ein Eingriff in meine Grundrechte. Zum ersten Mal sehe ich meinen Staat, den ich bei all seinen Macken bisher immer als zutiefst demokratisch empfunden habe, mit sehr misstrauischen Augen an.

Ich kann es nicht fassen, dass eine Partei, die sich ein soziales Gewissen auf die Fahnen schreibt, sich von einer anderen Partei, die angeblich christliche Werte vertritt, so dermaßen um den Finger wickeln lässt, dass sie ihre eigenen Prinzipien verrät. Prinzipien wie „eine freie (…) Gesellschaft“ und die „Selbstbestimmung aller Menschen“. Ich kann es nicht fassen, dass anscheinend alle Bundesminister ihren Amtseid vergessen haben, in dem es unter anderem heißt: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen (…), das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen (…) werde.“ Ich kann es nicht fassen, dass es anscheinend genügend Abgeordnete gibt, die das Internet als rechtsfreien Raum wahrnehmen, ohne auch nur fünf Minuten damit zuzubringen, diese Sichtweise zu überprüfen. Ich kann es nicht fassen, dass 130.000 Stimmen einfach ignoriert werden. Und ich kann es nicht fassen, dass meine demokratische Regierung aller Voraussicht nach ein Gesetz beschließen wird, das der erste mögliche Schritt in eine Diktatur sein kann – und dass jeder, der diesen Gedanken ausspricht, als hysterischer Angsthase oder wahlweise als krimineller Pädophiler hingestellt wird.

Heute wird der letzte Tag sein, an dem ich an die freiheitliche Grundordnung, mit der ich aufgewachsen bin, glauben kann. Und es gibt weniges, was mich so sehr erschreckt wie dieser Gedanke.

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17.06.2009

Für Emilia zum fünften Geburtstag

Liebe Emilia,

heute wirst du fünf Jahre alt. Ich glaube, in deinen fünf Jahren bist du schon fast so viel rumgekommen wie ich mit meinen … 29. (Diesen Witz wirst du in 24 Jahren ganz fürchterlich finden.) Im letzten Jahr wart ihr mal wieder auf Sylt und auf Mallorca, von wo du Plastikseeigel mitgebracht hast, die leuchten und Krach machen. Jedenfalls wenn ich sie in die Hände kriege, denn nichts macht mehr Spaß als Kinderspielzeug, das Krach macht. Deswegen wirft deine Mutter auch manchmal so halbböse Blicke ins Kinderzimmer, wenn ich da bin. Oder ins Wohnzimmer, wo ich dich und Lotta mit Kissen bewerfe, die nicht zum Werfen gemacht sind. Überhaupt scheine ich die Wirkung eines Zuckershakes zu haben, denn ihr seid immer lauter, wenn ich da bin als wenn ich nicht da bin. Aber das kann Einbildung sein. ich werde jedenfalls demnächst immer Kissen von zuhause mitbringen, mit denen ich euch bewerfen kann. Die liegen bei mir ja eh nur gelangweilt rum und würden bestimmt gerne geworfen werden.

Wenn du mir nicht gerade dein neues Spielzeug zeigst, bastelst du sehr gerne. Eins deiner ersten Werke, das ich bewundern durfte, war ein Fernglas, das du kongenial aus einer leeren Klopapierrolle und buntem Papier gefertigt hast. Natürlich konnte ich prima weit damit gucken. Und ich wette, Lotta hatte an deinem Geburtstagsgeschenk für sie genauso viel Freude. Für sie hast du aus einem Eierkarton und einem Stück Schnur mit einer Perle daran einen Fernseher gebastelt. Schnur und Perle sind natürlich ein Stecker, denn ohne Stecker kein Strom und kein Sandmännchen. Außerdem hast du Lotta eins deiner Pixibücher geschenkt, das du doppelt hast – und du hast es sogar mit eigens bemaltem Papier selbst eingewickelt. Ich war sehr beeindruckt, denn ich bin völlig unbegabt zum Geschenkeeinwickeln. Das lasse ich dich in Zukunft machen. Wenn du Lust dazu hast.

Wozu du Lust hast, kannst du inzwischen schon prima sagen. Im Kindergarten weißt du, wo’s langgeht und was dir gefällt und was nicht. Und das kriegt deine Umgebung schon mit. Auch beim Essen: Von den Fischstäbchen magst du zum Beispiel nur den „Knusperfisch“. Richtig so, Fisch ohne Knusper ist ja auch langweilig. Bei Smarties magst du die „Gummismarties“ lieber als die mit Schokolade. Darüber könnten wir vielleicht nochmal diskutieren.

Wobei ich ahne, dass ich dir philosophisch total unterlegen wäre. Vor einigen Monaten haben dein Papa und ich Lotta und dich ins Auto gepackt und sind in einen Wildpark in Hamburg gefahren. Dein Papa saß am Steuer, und als ich auf den Beifahrersitz kletterte, hast du vom Rücksitz aus gesagt: „Da sitzt Papa.“ Heute mal nicht, heute musste Papa fahren, was er nicht oft und nicht gerne macht. Deswegen hast du auch auf der Elbchaussee, als Papa mal ein bisschen schneller als 50 gefahren ist, gefragt, ob hier eine Autobahn sei. Ich möchte ja nicht meckern, aber ich ahne, dass du, wenn du den Führerschein machst, einer von diesen nervigen Beifahrern wirst, die dauernd Kommentare zum Fahrstil machen. Da könnten wir eventuell aneinandergeraten, denn ich kann genau wie du sagen, was mir gefällt und was nicht. Aber da sprechen wir später nochmal drüber.

Netterweise waren das nicht deine einzigen Bemerkungen vom Rücksitz, denn als wir zum Wildpark einbogen, hast du in einem Atemzug zwei Fragen gestellt, die mich davon überzeugt haben, dir geistig vielleicht doch unterlegen zu sein: „Wieso biegen wir links ab? Woher kommt die Welt?“

Darauf hatten wir gerade keine Antwort, also haben wir uns darauf beschränkt, dir und Lotta lange Grashalme in die Hände zu drücken, damit ihr die Rehe und Hirsche füttern könnt. Du hast die Halme am ausgestreckten Arm durch den Zaun gesteckt und sie sofort fallengelassen, sobald ein Reh sie im Maul hatte. Auch bei Hunden wahrst du gerne einen Sicherheitsabstand und bist nicht so ganz von ihnen begeistert.

Ein Tier gibt es allerdings, das du sehr gerne magst – zum Schrecken von Mama und Papa, die gerade erst verdaut haben, dass du Rosa toll findest: Pferde. Pferde sind großartig, und du hast überhaupt keine Angst vor ihnen. Mit deiner besten Freundin Cleo, ihren Eltern und deinen Großeltern bist du sogar schon mehrmals reiten gewesen. Du durftest longieren und hattest anscheinend viel zu viel Spaß, denn deine Eltern fürchten sich seitdem jeden Tag vor deinem Wunsch, ein Pony haben zu wollen. Pssst: Ich habe ungefähr anderthalb Regalmeter Pferdebücher! Wenn du irgendwann lesen kannst, bringe ich dir die alle mit. Und da du sogar schon deinen Namen schreiben kannst, darfst du den in alle „meine“ Bücher vorne reinschreiben.

Immerhin hast du einen halbwegs anständigen Ersatz für Pferde: ein Fahrrad. Das hast du im letzten Jahr zu Weihnachten bekommen und es auch gleich nackt im Wohnzimmer ausprobiert. Außerdem teilen sich Lotta und du ein Rollbrett, auf dem die eine von euch sitzt und die andere zieht – während euch Mama mit wachem Auge beobachtet, um euch davor zu bewahren, Treppenstufen oder euren an manchen Stellen abschüssigen Garten herunterzufahren.

Du magst die Natur sehr gerne. So hast du im Kindergarten „Springbüsche“ kennengelernt, deren Bohnen aufplatzen, wenn man sie anfasst. Und direkt vor eurem Haus wachsen weiße Knallerbsen, auf die man prima drauftreten kann, wie Lotta und du mir ausdauernd gezeigt haben. Ich durfte natürlich auch ein paar kaputtmachen, denn wie gesagt: Krachmachen ist prima. Aber auch die Stille in der Natur hat es dir angetan. So wolltest du im Wildpark gerne auf einen Baum klettern, wobei dir Papa geholfen hat, während Lotta und ich es uns auf einem unteren Ast bequem gemacht haben. Du hast weiter oben gesessen, während dein Papa dich am Rücken gestützt hat, und hast dir den Wald angeguckt. Und die Blumen, den Himmel und das viele Grün. Als ein kleiner Junge mit seinem Vater kam, der lieber auf dem Ast rumschaukeln wollte, bist du wieder runtergeklettert, um anschließend vom Klettergerüst deine Welt um dich herum in Ruhe anzuschauen.

Liebe Emilia, ich wünsche dir weiterhin einen weiten Blick über Wälder und Bäume und Blumen, eine feine Beobachtungsgabe für deine Mitmenschen, die Fähigkeit, diese Beobachtungen in kluge Worte zu fassen und ein schnelles Rollbrett, das dich überall hinbringt, wohin du möchtest. Oder ein Fahrrad. Oder ein Pferd. Und ganz vielleicht ein Auto, auf dessen Beifahrersitz ich sitze und dich frage, ob du inzwischen weißt, woher die Welt kommt.

Alles Liebe von deiner Patentante
Anke

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05.06.2009

How Twitter Changed the Way I Live

Via so ziemlich allen Leuten, denen ich folge: How Twitter Will Change the Way We Live. Gut, die Headline finde ich ein bisschen zu hoch aufgehängt, aber der Artikel spricht genau die Dinge an, die Twitter für mich inzwischen unverzichtbar gemacht haben – was ich selbst nicht geglaubt hätte, bevor ich mich angemeldet habe. Das Stichwort social warmth hat es mir besonders angetan:

“And yet as millions of devotees have discovered, Twitter turns out to have unsuspected depth. In part this is because hearing about what your friends had for breakfast is actually more interesting than it sounds. The technology writer Clive Thompson calls this “ambient awareness”: by following these quick, abbreviated status reports from members of your extended social network, you get a strangely satisfying glimpse of their daily routines. We don’t think it at all moronic to start a phone call with a friend by asking how her day is going. Twitter gives you the same information without your even having to ask.”

Neben dem Status, wann wer aufsteht, sich einen Kaffee holt und wieder am Rechner sitzt, finde ich die Gruppenausflüge, wie ich sie nenne, am spannendsten. Steven Johnson, der Autor des Artikels, beschreibt das so:

“In the past month, Twitter has added a search box that gives you a real-time view onto the chatter of just about any topic imaginable. You can see conversations people are having about a presidential debate or the American Idol finale or Tiger Woods — or a conference in New York City on education reform. For as long as we’ve had the Internet in our homes, critics have bemoaned the demise of shared national experiences, like moon landings and “Who Shot J.R.” cliff hangers — the folkloric American living room, all of us signing off in unison with Walter Cronkite, shattered into a million isolation booths. But watch a live mass-media event with Twitter open on your laptop and you’ll see that the futurists had it wrong. We still have national events, but now when we have them, we’re actually having a genuine, public conversation with a group that extends far beyond our nuclear family and our next-door neighbors. Some of that conversation is juvenile, of course, just as it was in our living room when we heckled Richard Nixon’s Checkers speech. But some of it is moving, witty, observant, subversive.

Skeptics might wonder just how much subversion and wit is conveyable via 140-character updates. But in recent months Twitter users have begun to find a route around that limitation by employing Twitter as a pointing device instead of a communications channel: sharing links to longer articles, discussions, posts, videos — anything that lives behind a URL. Websites that once saw their traffic dominated by Google search queries are seeing a growing number of new visitors coming from “passed links” at social networks like Twitter and Facebook. This is what the naysayers fail to understand: it’s just as easy to use Twitter to spread the word about a brilliant 10,000-word New Yorker article as it is to spread the word about your Lucky Charms habit.”

Die Nacht, in der Obama zum Präsidenten gewählt wurde, habe ich in Berlin verbracht. Zu der Zeit war ich dort gebucht und saß morgens um zwei mutterseelenalleine auf einem Sofa, das nicht meins war – und habe mich trotzdem nicht alleine gefühlt. Denn um mich herum twitterten so viele Leute aus der ganzen Welt Wahlergebnisse, Statistiken und interessante Links, dass ich mich gefühlt habe wie im Wahllokal. Und es kam mir nicht einmal komisch vor, denn durch mein Bloggen habe ich mich schon längst daran gewöhnt, dass Menschen, die ich nur digital kenne, manchmal genauso wichtig und echt für mich sind wie die, denen ich persönlich gegenübersitze. Ich empfinde eine @-Botschaft via Twitter als genau die gleiche Konversation wie die face to face. Ich bleibe inzwischen mit vielen Menschen eher per Mail in Kontakt als per Telefon und habe nicht das Gefühl, eine Gesprächsebene verloren zu haben.

Ein weiterer Gruppenausflug war der Grand Prix, bei dem ich twitternd mit dem Rest der Welt über manche Kostüme gelästert habe. Und ich freue mich jetzt schon auf die Fußballweltmeisterschaft, wo bei jedem Tor Millionen von gleichlautenden Tweets bei mir aufschlagen und ich das Gefühl haben werde, mitten im Stadion zu sein.

Und, ich gebe es ja zu, ich liebe es, Promis zu folgen. Nicht vielen, und einige habe ich auch schon längst wieder entfolgt, aber ich mag diese seltsame Mischung in meiner Timeline, die aus Freunden, Bekannten und völlig Fremden besteht und eben Promis, die man glaubt zu kennen, weil man ihre Filme oder TV-Shows gesehen hat.

“The average Twitter profile seems to be somewhere in the dozens: a collage of friends, colleagues and a handful of celebrities. The mix creates a media experience quite unlike anything that has come before it, strangely intimate and at the same time celebrity-obsessed. You glance at your Twitter feed over that first cup of coffee, and in a few seconds you find out that your nephew got into med school and Shaquille O’Neal just finished a cardio workout in Phoenix. (…)

And because, on Twitter at least, some of those people happen to be celebrities, the Twitter platform is likely to expand that strangely delusional relationship that we have to fame. When Oprah tweets a question about getting ticks off her dog, as she did recently, anyone can send an @ reply to her, and in that exchange, there is the semblance of a normal, everyday conversation between equals. But of course, Oprah has more than a million followers, and that isolated query probably elicited thousands of responses. Who knows what small fraction of her @ replies she has time to read? But from the fan’s perspective, it feels refreshingly intimate: “As I was explaining to Oprah last night, when she asked about dog ticks …”

Ich bin durch Twitter auf so viele spannende Webinhalte aufmerksam geworden, die mir entgangen wären, wären sie „nur“ durch Weblogs propagiert worden. Bei Blogs lese ich immer noch lieber diejenigen, die mir Geschichten erzählen anstatt mich mit Links vollzuballern. Bei Twitter habe ich komischerweise nichts dagegen, dauernd auf Links zu klicken – jedenfalls auf die, die mich erahnen lassen, was sich dahinter verbirgt. Alleine ein Bruchteil aller #Zensursula-Links hat mich politisch mehr motiviert als ich es seit Jahren war. Und auch wenn der Flashmob zum Grundgesetzlesen vielleicht nicht der Reißer war, den man sich erhofft hatte, so hatte ich das zum ersten Mal seit Langem wieder das Gefühl, mich engagiert zu haben, etwas gemacht zu haben, etwas, was wichtig war. Genau wie das Unterzeichnen und Verlinken der ePetition gegen die Internetsperren – die sich sicherlich auch und gerade durch Twitter so rasend schnell verbreitet hat.

Das ganze Gequengele, Twitter verbreite nur Banalitäten und Nichtigkeiten, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich glaube, die Quengler folgen einfach den falschen Leuten. Oder sie haben keine Lust dazu, sich schon wieder mit einer neuen Technik auseinanderzusetzen, die mal wieder einen Status Quo ändert, zum Beispiel den der Regenbogenpresse, die kaum noch Klatsch veröffentlichen kann, ohne dass die betreffenden Promis kurz und trocken twittern: „Alles erstunken und erlogen.“ Oder den der Politiker, die sich bisher recht sicher waren, dass ihr Wahlvolk sich nur alle vier Jahre mal äußert und dann auch bitte nur per Stimmzettel. Oder ganz einfach den von dir und mir und Hinz und Kunz, die sich plötzlich permanent in einer Konversation befinden und in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

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02.06.2009

Zu dem Marmeladeeintrag kommt übrigens ne Menge Post in dem Tenor: „Ich musste sofort Aprikosenmarmelade kaufen.“ Wenn euch das recht ist, drucke ich mir alle diese Mails aus und halte sie dem nächsten Kunden unter die Nase, der meine Longcopyanzeigen nicht haben will, weil ja Bilder viel toller sind und keiner was lesen will und Worte auch nicht so töfte verkaufen wie Fotos. Wirklich? WIRKLICH?

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28.05.2009

Lady Marmalade

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag schlug um 1.55 Uhr eine eher unfreundlich formulierte Lesermail bei mir auf, die sich klangvoll über meine Kritik zu 300 aufregte und nicht umhin kam, bei all dem Schaumspucken über spartanische Erziehung und Wahrheitsgehalt der Story arg persönlich zu werden. Ich empfinde die Kritik gar nicht als so fiesen Verriss, aber vielleicht hat hansgeorg51 keine Medikamente mehr im Haus oder im normalen Leben genauso viel Schwierigkeiten mit Distanzwahrung wie in Elektropost. Egal. Jedenfalls hat mich sein sicherlich mühevoll komponiertes Oeuvre zu folgendem Tweet hingerissen:

Und genau das mach ich jetzt. Arschloch hansgeorg51, this is for you:

belFruit 75% Frucht

In belFruit 75% Frucht geht es um eine Aprikose. Oder besser gesagt: um viele von ihnen. Wie sie sich zusammenfinden, eine Gemeinschaft bilden und schließlich ihre gewonnene Stärke ausspielen: mehr Frucht als Zucker. Im Gegensatz zu anderen Marmeladen vom gleichen Regisseur liegt hier der Fokus ganz klar auf den Hauptdarstellern, den Aprikosen. Gut, die Nebenfiguren Zucker, Pektin und Citronensäure dürfen auch mitspielen, aber sie halten sich über die gesamten 320 Gramm eher im Hintergrund. Denn wie der Titel schon sagt: 75 Prozent, baby. Endlich mal eine gelungene Charakterdefinition, endlich mal eine Hauptfigur, die hält, was uns das Filmplakat verspricht.

Die Story selbst ist relativ schlicht: pflücken, verarbeiten, abfüllen, gegessen werden. Wobei wir nur den letzten Teil wirklich zu sehen bekommen; der Rest erscheint in gelblichen, teils grobstückigen Bildern nur als Andeutung. Das reicht aber auch völlig, denn sonst wäre die Marmelade viel zu ausufernd geworden. So beschränkt sie sich auf genau die richtige Dauer und zieht einen so über ihre gesamte Länge in ihren Bann.

Ein bisschen was zu nörgeln habe ich allerdings trotzdem. Die Dialoge sind mir zu schlicht gehalten, ja man hört außer dem schluppigen Schlotzgeräusch beim Rauslöffeln nur noch ein zartes Pfllllptt beim Brotaufstrich – ansonsten schweigt belFruit 75% Frucht über die gesamte Filmlänge. Und auch beim Titel möchte ich den Übersetzern wie so oft eine reinhauen, denn zu der Unterzeile „Viel Frucht“ eine weitere Unterzeile namens „Feel good“ hinzuzufügen, ist ein bisschen sehr viel des Guten. Mal abgesehen davon, dass ja schon der Titel aus zwei Teilen besteht, die man vielleicht auch etwas weniger posh hätte formulieren können.

Dafür haben die Setdesigner gute Arbeit geleistet. Das Glas ist feingeschwungen, aber nicht zickig, und das lustige Alumützchen auf dem Schraubverschluss sorgt für die dringend nötige Prise Humor in einem Film, der sonst in Gefahr geraten wäre, zu süßlich daherzukommen. Wer also ein entspanntes Frühstück ohne viel Kopfschmerzen genießen will, dem kann ich belFruit 75% Frucht wirklich ans Herz legen.

PS: Und der Soundtrack ist natürlich auch toll.

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26.05.2009

Happy Meal

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11.05.2009

Icke: „Durch das ganze Comicgelese hab ich vergessen, was auf den letzten 300 Seiten Proust passiert ist!“

Kerl: „Wahrscheinlich gar nichts.“

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10.05.2009

Die erste Massenmail meines Lebens

Ich habe heute zum ersten Mal das Feld „Blindkopie“ meines Mailprogramms genutzt und vielen Leute in meinem Adressbuch eine Mail geschrieben. Der Betreff: Petition gegen Internetsperren. Beim Text habe ich mich von Tobias inspirieren lassen bzw. ihn zitiert. Wer möchte, darf diesen Text gerne übernehmen und weiterverbreiten. Als Mailtext einfach so, als Zitat in Blogs etc. bitte mit Quellenangabe.

Ihr Lieben,

normalerweise verschicke ich keine Massenmails – ehrlich gesagt, ist das hier meine erste –, aber diesmal muss ich eine Ausnahme machen, weil mir das Thema sehr am Herzen liegt. In der Online-Welt von Blogs und Twitter ist es seit Tagen Gesprächsthema, und es wird Zeit, dass es in die „Offline-Welt“ schwappt.

Aktuell ist ein Gesetz im parlamentarischen Abstimmungsprozess, das angeblich die Kinderpornografie im Internet eindämmen soll. Natürlich muss Kinderpornografie bekämpft werden, keine Frage. Allerdings wird das Gesetz bei differenzierter Betrachtung diesem Anspruch nicht einmal im Ansatz gerecht – ganz im Gegenteil: Ich betrachte es als Eingriff in meine Grundrechte. Daher diese Mail.

Das Gesetz sieht vor, Seiten mit (angeblich – darauf komme ich noch) kinderpornografischen Inhalten ein Stoppschild vorzuschalten, das Besucher, die zufällig auf diese Seiten stoßen, davon abhält, sie zu betrachten. Die Kipo-Seite selbst bleibt brav da, wo sie ist.

Welche Seiten das Stoppschild vorgeschaltet bekommen und damit für „normale“ User nicht mehr angezeigt werden, überlegt sich das BKA und erstellt Sperrlisten. Diese Listen sind nicht öffentlich einsehbar, weder von Richtern, Staatsanwälten, Journalisten oder interessierten Bürgern. Sie unterliegen keiner parlamentarischen oder juristischen Kontrolle.

Zusätzlich wird von jedem User, der auf dieser Stoppseite landet, die IP-Adresse protokolliert, die ebenfalls dem BKA vorgelegt wird. Im Klartext: Jeder, der auf einen ihm unbekannten Link klickt und zufällig auf dem Stoppschild landet, ist per se ein verdächtiger Pädokrimineller.

Dieses Vorgehen deckt sich in keinster Weise mit meinem Demokratieverständnis und dem Prinzip der Gewaltenteilung. Versteht mich nicht falsch: Ich halte die Bundesrepublik für einen zutiefst demokratischen Staat. Aber dieses Gesetz ist für mich der Anfang von Zensur – die willkürliche und unkontrollierte Sperrung von Seiten, deren Inhalte der Regierung nicht passen.

Und es werden bereits Stimmen von anderer Seite laut, die Internetseiten sperren lassen möchten, weil ihnen der Inhalt nicht gefällt; dabei sind zum Beispiel die Musikrechtevertreter, die Peer-to-Peer-Seiten sperren lassen möchten oder die Lottogemeinschaften, die gegen Glücksspiel im Internet vorgehen wollen. Mit dem Sperren von Seiten ist der erste Schritt in die Zensur eines freien Mediums gegeben, der ich von Anfang an etwas gegensetzen möchte.

Zu diesem Zweck gibt es eine ePetition beim Deutschen Bundestag, die ich bereits unterschrieben habe – und mit mir über 60.000 Menschen in der letzten Woche (die Petition ist erst seit Montag online). Ich bitte euch hiermit um einen kritischen Blick auf diese Problematik und würde mich freuen, wenn ihr die Petition ebenfalls unterstützt. Ihr findet sie hier.

Einen guten Einstieg in die Diskussion hat die Zeitschrift c’t verfasst.

Noch mehr Hintergrundwissen beim Blog netzpolitik, vor allem mit einem Blick auf den Wahrheitsgehalt der Kinderpornografie-Fallzahlen, die die Bundesregierung gerne bemüht, um ihr Anliegen zu pushen.

Eine Auseinandersetzung mit der Gesetzesvorlage bei Spiegel Online.

Beim Blogger und Journalisten Don Dahlmann, der die Argumente der Unterzeichner der Petition kurz zusammenfasst.

Beim Blogger Jens Scholz, der deutlich macht, dass es hier wirklich um Zensur geht und nicht um eine kleine Netzgemeinschaft, die gerne weiter umsonst Musik tauschen will und diese Pfründe bedroht sieht.

Bei der Bloggerin Serotonic, die auch noch einen Schwung weiterer Links bereithält.

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit – und eventuell sogar für eure Unterschrift. Wenn euch das Thema genauso betrifft wie mich, dürft ihr diese Mail und/oder die Links natürlich sehr gerne weiterleiten.

Liebe Grüße und nochmals Entschuldigung für die Massenansprache,
Anke

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06.05.2009

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben

Ungefähr fünf Minuten, nachdem der Kerl und icke ein Paar geworden waren, fing ich an, seine riesige Comicsammlung zu bewundern. Allerdings nur als unglaublich attraktives Accessoire für meine eigene Bücherwand, die man ja beide irgendwann mal zusammenschmeißen könnte. Im Klartext: Die Menge an Gedrucktem in meiner unserer Wohnung würde sich schlagartig vervielfachen!

Lesen wollte ich diesen Kinderkam allerdings nicht, auch wenn der Kerl jahrelang versucht hat, mich davon zu überzeugen, mir immer wieder Perlen ans Herz gelegt hat, mir erklärt hat, warum dieser Band jetzt so toll ist und was das Besondere ist und was ihn von allen anderen Batmans unterscheidet und warum dieser Franzose so einen irren Stil hat und dass dieser Japaner mal … ich hab dann immer brav drei Seiten gelesen und mir die ganze Zeit gedacht, wieso müssen da so viele hektische Bilder sein – das kann man doch auch alles hübsch mit Buchstaben ausformulieren. Und dann auf die Verfilmung warten, wo man Bilder schön passiv konsumieren kann.

Und dann kam der Watchmen-Trailer, der mir ausgerechnet im Sony-Center, also auf großer Leinwand und mit fettem Sound, um die Ohren gehauen wurde. Ich weiß bis heute nicht warum, aber bei dem Trailer dachte ich, da würde ich jetzt wirklich gerne mal die Vorlage lesen. Hab ich gemacht. Fand ich grandios. Und wie ich schon in der längeren „Fand ich grandios“-Fassung geschrieben habe: Ich habe zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass diese Geschichte eben nicht hübsch mit Buchstaben ausformuliert besser gewesen wäre. Zum ersten Mal habe ich einen Comic gelesen und mich aufgeführt, wie ich mich beim Filmegucken aufführe, wenn mich Bilder in ihren Bann ziehen: Ich sitze mit offenem Mund da, halte den Atem an und will ganz dringend wissen, wie’s weitergeht. Der Kerl macht seit Jahren einen Sport daraus, mich dabei zu erwischen, wie ich völlig abwesend und eben mit offenem Mund (DAS MUSS SO!) auf dem Sofa hocke, vor einer DVD oder mit einem Buch, um dann schlechte Witze zu reißen, die mich wieder in die Realität holen, die doofe.

Im Moment hat der Mann viel zu tun, denn ich bin dem Medium Comic inzwischen rettungslos verfallen. Was auch daran liegt, dass so viele dicke, bunte Bände direkt vor meiner Nase stehen und ich zwischen dutzenden von Batmans, Iron Mans, Spider-Mans, Supermans, Daredevils und meinem neuen Liebling Catwoman wählen kann. Und noch vielen anderen Figuren, aber ich ackere mich erstmal durch die Heldenriege.

Ich lerne allmählich die verschiedenen Zeichenstile zu würdigen, ich fange an, bestimmte Texter lieber zu mögen als andere, ich beginne, die ganzen Zusammenhänge der vielen, vielen Figuren zu verstehen, ich habe ganz langsam einen winzigen Überblick über die lange Tradition der Charaktere. Und ich komme langsam auf den Geschmack, immer wieder neue Facetten der gleichen Personen erzählt zu bekommen. Denn das war bis jetzt meist der Punkt, den ich nicht verstanden habe: Wenn man die Story von Batman kennt, wieso muss man sich davon dutzende Versionen ausdenken oder lesen? Aber schon nach dem vierten Batman stellt sich diese Frage gar nicht mehr, weil es viel zu spannend ist, eine weitere Geschichte erzählt zu bekommen – aber eben aus einer anderen Perspektive, in einem anderen Stil, einem anderen Tonfall, mit einem neuen, ungewöhnlichen Fokus und einer ganz eigenen Atmosphäre.

Aber je mehr Comics ich lese, desto weniger verstehe ich ihre Verfilmungen. Dass man ein „klassisches“ Buch, also die Dinger mit den Buchstaben ohne Bilder, verfilmt, kann ich nachvollziehen. Aber wieso nimmt man einen Comic, der ja schon Bilder liefert, und interpretiert diese nochmal neu? Ich ahne allmählich, warum so viele Comicfans Verfilmungen grottig finden: weil die Figuren noch weniger mit dem Ausgangsmaterial zu tun haben als Buchverfilmungen. Schon bei denen stören sich viele Leser daran, dass die Schauspieler nicht dem Bild entsprechen, das man sich beim Lesen im Kopf zurechtgelegt hat. Und bei einem Comic gibt es ja schon ein Bild, da ist die Übereinstimmung noch schwerer hinzukriegen.

Natürlich gilt auch hier: Jedes Medium hat eine andere Art des Erzählens, und ohne Kino wüsste ich bis heute nicht, wer Frank Miller ist und was Kryptonit anrichten kann. Manche Comicverfilmungen sind sicherlich miese Coverversionen, während andere aus den unbewegten Bildern fantastische bewegte machen können. Aber ich glaube, mir wird es in Zukunft schwerer fallen, Comicverfilmungen zu gucken, weil ich jetzt weiß, wie großartig die Vorlagen sein können. Mist.

Edit: Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich durchaus schon ante Kerl Comics gelesen habe: Bei mir im Regal stehen alle Tim & Struppis, ne Menge Asterix, das Gesamtwerk von Calvin & Hobbes, anspruchsvolles Zeug wie Art Spiegelman oder Chris Ware und die ersten acht Bände von Akira, von denen ich mir die letzten zwölf nicht mehr leisten konnte, damals, im Studium. Könnte ich allmählich mal vervollständigen, die Sammlung. Aber die klassischen amerikanischen Comics haben mich früher einfach nicht interessiert.

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30.03.2009

„Er hat mir um kurz nach 11 ne SMS geschickt mit dem Text: ‘Es ist jetzt übrigens kurz nach 11.’ Und ich denk noch, ach wie nett, ein Hinweis auf die Sommerzeit, dreh mich um und schlaf weiter.“

File under: Warum unser Meeting gestern um 11 ausgefallen ist.

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16.03.2009

40

<10. Detlev und Christiane wohnen nebenan, und genau wie ihre Eltern mit meinen Eltern befreundet sind, bin ich mit ihnen befreundet. Wir gehen alle in eine Klasse. Ich lerne lesen. Hanni und Nanni, Dolly, Putzi, Bummi, Burg Schreckenstein. Ich esse gerne das weiße Fleisch vom Sonntagshühnchen, Erbsen aus der Dose und Apfelmus. Meine Omi hat eine kleine Truhe voller Schokolade, an die darf ich ran, wenn ich nachmittags bei ihr bin, wenn Mama arbeiten geht. Ich habe gefühlt eine Million Stofftiere, und Teddy schläft immer neben mir. Meine kleine Schwester ist da, ohne dass es mich stört oder mich freut. Sie ist halt da. Eines Tages gehe ich nach der Schule mit zu Nicole, deren Mutter ich vorlüge, dass meine Omi Bescheid weiß. Als ich Stunden später nach Hause komme, versohlt mir Omi mit einem Kochlöffel den Hintern. Ich lerne fahrradfahren und rollschuhlaufen. Ich klettere gerne auf die Trauerweide hinten im Garten, weil man mich dann nicht mehr sehen kann. Mein Lieblingsbaum ist die Birke neben der Trauerweide, aber auf die kann man nicht klettern. Ich lerne Akkordeonspielen, gehe zur musikalischen Früherziehung und zum Aquarellmalen. Auf meinem „Schreibtisch“, ein alter Terrassentisch, liegt eine Rolle Tapete, die ich vollmalen darf, bis Papa die Rolle ein Stück weiterzieht, damit ich weitermalen kann. Ich breche mir den kleinen Finger der linken Hand beim Ballspielen, und schaue völlig fasziniert der Röntgenaufnahme meiner Hand zu. Selbst als die Betäubungsspritze sich der Hand nähert, bestaune ich weiter meine Knochen. Auf dem Weg zur Schule laufe ich einmal bei Rot über die Ampel, und ein LKW kann gerade noch bremsen. Ich weiß nicht mehr, ob ich schon irgendwas werden wollte.

<20. Ich komme aufs Gymnasium. Ich lerne Latein statt Französisch. Ich bin weiterhin mit Christiane befreundet. Ich lerne Anja kennen und bin eifersüchtig, wenn Anja mehr mit Christiane unternimmt als mit mir. Ich sage ihr das, was sie nicht versteht. Sie schenkt mir ihren Teddybär, und ich habe wegen ihr Liebeskummer, auch wenn ich das noch nicht so bezeichnen kann. Meine Mutter setzt mich mit 12 das erste Mal auf Diät. Ich beginne, mich an meine Lebensabschnitte in Gewicht zu erinnern anstatt in Jahreszahlen oder Ereignissen. Ich werde Dritte bei den Kreismeisterschaften im Judo und höre kurz vor der Grüngurtprüfung mit dem Sport auf, weil ich unseren neuen Gruppenleiter nicht mag. Ich werde 1,67 groß und wiege 56 Kilo. Ich lerne, dass es Jungs gibt, mit denen man einfach befreundet sein kann und dass es welche gibt, mit denen ich irgendwelche Sachen machen möchte, über die mich die BRAVO informiert. Meine Omi hat weiterhin ihre Schokoladentruhe, und sie kauft mir die BRAVO und MAD-Hefte. Ich trage weiße Adidas-Turnschuhe und habe einen grünen Benetton-Beutel. Ich trage außerdem die Klamotten meiner älteren Cousine auf und finde es fürchterlich. Ich bin verliebt in Carsten, Thomas, Markus, Dominik und Peter. Meine Schwester hat eher einen Freund als ich, und ich bin neidisch und traurig. Ich kriege mit 13 das erste Mal meine Tage. Meine erste Zigarette ist eine Camel ohne Filter. Als ich 16 bin, bekomme ich im Monat 13,50 Mark Taschengeld, was nicht mal für eine LP reicht. Omi versorgt mich mit Pink Floyd und den Stray Cats. Mit 17 lerne ich einen Jungen kennen, den ich mich nur traue anzusprechen, weil er dicker ist als ich, obwohl ich überhaupt nicht dick bin. Auf einer Party knutschen wir zu Shine on you crazy diamond 14 Minuten lang und sind danach neun Jahre zusammen. Er bringt mir Lungenzüge bei und ich rauche Benson & Hedges. Ich bemale meine Federmäppchen im Unterricht, bekomme Einsen in Deutsch und Englisch und Fünfen in Biologie und Physik. Die Chemiestunden verbringe ich damit, meine ersten drei Romane zu schreiben (Ponyhof, Jugendgang, große Liebe). Ich arbeite bei zwei Schülerzeitungen mit, werde Klassensprecherin und Schülersprecherin. Für den Filmclub der Schule mache ich einen Filmvorführerschein für 8- und 16-Millimeter-Projektoren. Ich wiederhole die 9. Klasse, sprühe mir jeden Morgen eine halbe Dose Haarlack in die Haare und lasse mir die Nase piercen, weil der Basser von Kajagoogoo auch einen Nasenring hat. Ich höre mit Akkordeon auf und fange mit Geigenunterricht an. Ich zeichne nicht mehr auf Tapeten, sondern auf stapelweise altem Geschäftspapier, das Papa aus dem Büro mitbringt. Ich zeichne Millionen von Menschen in seltsamen Klamotten. Ich stelle mir vor, Sängerin in einer Band zu sein. Ich erfinde meine Band, gebe den Jungs Namen und Eigenschaften, denke mir ihre Biografien aus, zeichne sie und verliebe mich in drei von den sechsen. Ich schreibe Songs in schlechtem Englisch, glaube daran, dass der dritte Weltkrieg vor der Tür steht, streiche mein Zimmer schwarz und spanne blaue Wollfäden durch den Raum, so dass sich alle bücken müssen, die in mein Zimmer möchten. Ich mache den Führerschein und kaufe mir eine grüne Ente. Mama will mir für jedes Kilo, das ich abnehme, 100 Mark zum Führerschein spendieren. Ich nehme kein einziges Gramm ab und wiege beim Abitur 69 Kilo. Ich will Modedesignerin werden.

<30. Ich lerne, dass man ein Schneiderpraktikum machen muss, wenn man Modedesign studieren will. Ich will nicht um 7 in einer Schneiderei sein, mache aber trotzdem meine Mappen zur Bewerbung an den Hochschulen fertig. In Hamburg und Bremen werde ich abgelehnt, in Hannover fragt man mich, ob ich nicht lieber Industriedesign studieren will und lehnt mich dann ab. Ich jobbe bei McDonald’s und höre irgendwelchen Halbwüchsigen zu, wie sie meine Figur mit der großen Mülltüte vergleichen, die ich gerade zum Shredder bringe. Ich immatrikuliere mich in Bremen für Deutsch und Geschichte für das höhere Lehramt und mache im ersten Semester ein Schulpraktikum in einer 7. Klasse, die sich überraschenderweise nicht für den Zauberlehrling interessiert. Ich bleibe immatrikuliert, gehe aber nicht mehr zur Uni, sondern verbringe die Tage essenderweise vor dem Fernseher und nehme in einem Jahr 25 Kilo zu. Die Mauer fällt. Meine Oma stirbt an Krebs. Meine Omi stirbt an Krebs. Mein Opa stirbt bei einem Autounfall. Ich bin meinem Freund dreimal untreu. Ich bin eifersüchtig auf eine Schulkameradin, mit der er viel Zeit verbringt und verbiete ihm, sie zu sehen. Er bricht den Kontakt zu ihr ab. Sie schreibt mir einen wütenden Brief, in dem sie mir meine Unsicherheit an den Kopf wirft und mir sagt, dass sie nichts von ihm will. Ich rufe sie an und lade sie zum Geburtstag meines Freundes ein. Wir sind zehn Jahre lang unzertrennlich. Ich reise nach Ägypten, China, Israel und in die USA. Ich fahre drei verschiedene Fiat Unos. Ich exmatrikuliere mich in Bremen und schreibe mich in Hannover für Geschichte und Germanistik ein. Ich halte es bei den Germanisten zwei Semester aus und wechsele zu Anglistik. Ich belege am liebsten Seminare zu Frauenthemen und die, in denen Filme geguckt werden. Ich bin insgesamt 24 Semester immatrikuliert, von denen ich gefühlt in fünf wirklich studiert habe. Ich kaufe einen PC. Ich arbeite bei drei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen. Ich fange an, im Kino zu jobben. Ich beginne mit dem Kartenabreißen und ende als Theaterleiterassistentin. Ich arbeite ohne Vorführerschein an 35-Millimeter-Projektoren. Ich bin verliebt in Dirk und Martin. Mein Freund studiert in Leipzig, und ich hasse unsere Wochenendbeziehung. Als ich 26 bin, trennen wir uns im Guten. Eine Woche später hat er eine neue Freundin. Ich fange an, Wodka zu trinken und Sekt und Martini. Ich rauche Marlboro und nehme 15 Kilo ab. Ich ziehe von zuhause aus und lasse mir von meinen Eltern eine Eigentumswohnung kaufen, die ich komplett zumülle. Ich bewerbe mich bei den Filmhochschulen in München, Ludwigsburg und Berlin für den Studiengang Drehbuch. Ich werde in Berlin zur Prüfung eingeladen, die ich knapp verhaue. Ich lerne Karl kennen und verliebe mich in ihn. Ich verliebe mich auch in Kai, Matthias, Volker, Martin und Jochen. Ich lasse mir den Oberarm tätowieren und die Zunge piercen. Ich färbe meine Haare blau und gehe kellnern, nachdem mich alle Filmhochschulen abgelehnt haben. Ich mache den Motorradführerschein und kaufe mir eine 500er Virago. Ich merke, dass ich Kinder nicht leiden kann. Ich entdecke das Internet und verliebe mich in Devin aus South Carolina, mit dem ich monatelang E-Mail-Kontakt habe. Wir telefonieren, tauschen Bilder aus und treffen uns schließlich in Budapest, wo wir uns abgrundtief fürchterlich finden, aber prima Sex haben. Karl sagt „You’re only fat because it pisses off your Mum.“ Ich trinke viel zu viel Wein und werde immer trauriger. Ich beschimpfe meine Freunde, die Partner haben, dass mir ihr Pärchenscheiß auf den Sack geht. Meine Freunde waschen mir den Kopf und schleifen mich zur Therapie. Der Therapeut hat ein Ledersofa und redet lieber über sich als über mich. Ich lasse mir die Unterlippe piercen, das Dekollete und die Augenbraue. Ich entrümpele meine Wohnung und schleppe 30 Müllsäcke auf die Deponie. Papa fällt meine Birke im Garten. Ich ziehe nach Hamburg und mache ein Textpraktikum in einer Werbeagentur. Karl stirbt bei einem Autounfall.

<40. Ich bin Juniortexterin in einer Werbeagentur. Eines Tages gehe ich aus einem Meeting aufs Klo und kann eine halbe Stunde nicht mehr aufhören zu weinen. Ich mache einen Termin bei der Therapeutin, an deren Praxisschild ich jeden Morgen auf dem Weg zur U-Bahn vorbeilaufe. In der Therapie treffe ich meine imaginäre Band von früher wieder und fühle mich sicher. Ich stelle meine Ernährung um und fange an Sport zu treiben. Meine jahrelangen Rückenschmerzen werden immer schlimmer. Eines Tages ist mein linkes Bein nicht mehr da, und ich muss operiert werden. Danach funktioniert mein rechter Fuß nicht mehr, und ich habe viel Gefühl in der unteren Körperregion verloren. Ich bin Texterin in einer anderen Agentur, und auf der Fahrt zur Weihnachtsfeier, während um mich herum alle Spaß haben, fange ich an zu heulen. Ich besuche meine Therapeutin ein zweites Mal. Ich fange an zu bloggen. Ich nehme 25 Kilo ab und wieder zu. Ich bin verliebt in Alexander, Gerhard und Tobias. Ich weiß, dass ich nie wieder eine Beziehung haben werde und arrangiere mich damit. Sobald ich mich damit arrangiert habe, lerne ich den Kerl kennen. Ich fahre einen BMW. Ich entferne alle Piercings außer dem Nasenring und lasse meinen Nacken tätowieren. Ich verkaufe mein Motorrad. Ich entwickle mich zum Partyraucher, und drei Schachteln Zigaretten halten ein ganzes Jahr, weil ich nie auf Partys gehe. Ich gucke Filme und Serien nur noch im Original. Ich spiele kein Instrument mehr. Ich beginne dreimal damit, Französisch zu lernen. Ich zeichne nicht mehr. Ich bin Texterin. Ich bin Seniortexterin. Ich bin Head of Copy. Ich mache mich selbständig. Ich bin dick und ahne, dass ich das auch bleiben werde. Ich werde Patentante der ersten Tochter meines ersten Freundes. Ich habe in allen Lebensbereichen das Entrümpeln beibehalten. Ich bin gern zuhause. Ich kaufe zwei Macs, einen iPod und ein iPhone. Ich verreise gerne. Ich rege mich über laute Nachbarn auf. Ich trenne keinen Müll. Ich fahre nicht mehr schwarz. Ich bin wieder in die Kirche eingetreten, aus der ich mit 18 ausgetreten bin. Mein Blog war in einem Museum zu sehen, und Texte von mir sind in einem Buch veröffentlich worden (kein Ponyhof, keine Jugendgang, ein bisschen große Liebe). Ich denke oft an die Filmhochschulen und an Karl. Ich habe Christiane neulich bei unserer Silbernen Konfirmation wiedergesehen und mich mit dem Satz „Wir sehen uns in 25 Jahren“ verabschiedet.

<50 Seit heute in Arbeit.

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02.03.2009

Watchmen (Comic)

Wann immer eine Comicverfilmung ins Kino kommt, gilt meine erste Frage dem comicsammelnden Kerl: „Hast du den?“ und meist zieht der gute Mann dann sofort den passenden Band aus dem Regal, gibt ihn mir mit wissendem, bedauerndem Gesichtsausdruck, ich vertiefe mich für zehn Seiten in die Superheldengeschichte und gebe ihm das Buch dann zurück mit der Bemerkung: „Nervt. Guck ich lieber als Film.“ Bei den Watchmen* war das zum ersten Mal anders, denn diese graphic novel hat mich absolut begeistert. Gut, man muss natürlich auch hier einfach hinnehmen, dass es Männer und Frauen gibt, sie sich verkleiden und die Unterwelt aufmischen, seltsame Namen haben und Dinge können, die Normalos nicht können. Das Besondere an Watchmen ist aber, dass es recht wenig um die Heldentaten der vielköpfigen Wächter-Schar geht, sondern eher: Was machen sie, nachdem sie das Kostüm an den Nagel gehängt haben? In welcher Welt leben sie bzw. wie finden sie sich in einem alternativen Amerika zurecht, das uns Autor Alan Moore hier auftischt, in dem Nixon seine dritte fünfte Amtszeit hat und man sich an der Schwelle eines Atomkriegs mit der UdSSR befindet?

Der Comic beginnt damit, dass einer von ihnen ermordet aufgefunden wird. Andere Wächter machen sich auf die Suche nach dem Mörder, und der Weg zum Täter führt über zwölf Bände, die ich innerhalb von zwei Tagen verschlungen habe. Die Geschichte mäandert durch Zeiten, Orte und Erzählebenen; es gibt Panels, die sehr filmisch sind, es gibt Einschübe, die ganz ohne Bilder auskommen und Bilder, die ohne Worte auskommen. Die Charaktere haben sehr dichte Hintergrundgeschichten, und immer wenn ich geglaubt habe, dass ich einen von ihnen kenne, erwartete mich auf der nächsten Seite eine neue Facette.

Watchmen erzählt nicht nur eine brillante Geschichte; was mich so fasziniert hat, war die Art und Weise, wie sie mir erzählt wird. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass diese Geschichte als Comic erzählt werden muss, dass sie als gewöhnlicher Roman längst nicht die Kraft entwickelt hätte, die sie hat. Da gibt es einen roten Faden, an dem man sich entlanghangelt, aber es gibt außerdem eine Figur im Comic, die einen anderen Comic liest, was man erst nach drei oder vier Bänden als grandiosen Subtext dechiffriert. Alle Hauptfiguren hängen miteinander zusammen und zwar mehr und tiefergehender als nur durch ihre gemeinsame „Arbeit“. Und selbst die Nebenfiguren, die mal in einem Panel am Anfang aufgetaucht sind, kehren zum Schluss zum großen, bösen Finale wieder zurück, und die Geschichte hat nicht nur einen atemberaubenden Anfang, sondern auch ein ebensolches Ende.

Ich habe Die Wächter auf Deutsch gelesen, weil sie eben in meiner Reichweite waren, werde mir aber auf jeden Fall noch das englische Original zulegen, denn manchmal fand ich die Texte dann doch etwas steif und ungelenk; keine Ahnung, ob das auf Englisch auch so ist. Und natürlich hab ich an den Frauenfiguren was zu nöckeln („Vielleicht war ich ein bisschen selbst schuld an meiner Vergewaltigung“ – GEHT’S NOCH?), aber das lasse ich jetzt mal. Watchmen ist als Comic eine absolute Empfehlung, auch für Leute, die (wie ich) sonst mit diesem Medium nicht so viel anfangen können.

Zur Einstimmung auf den Film, der am Donnerstag in Deutschland startet, läuft bei mir seit gestern ein Video von YouTube in der Endlosschleife. Bitte in HD genießen. Ich lasse mal den creator des Videos zu Wort kommen:

“A video compilation of the current clips from Watchmen. This video has the clips ordered in timeline of the actual story, so for those who have not read Watchmen yet, possible spoiler alert.“

Angucken.

* Vorsicht, der Link geht zur Wikipedia und verrät den gesamten Inhalt (nur falls den außer mir noch jemand nicht kannte). Und hier ist auch endlich Platz für den Fakt, dass Watchmen als einziger Comic auf der Liste der 100 besten englischsprachigen Romane seit 1923 vom Time-Magazin zu finden ist.

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20.02.2009

Have I told you lately that I love you

What are your middle names?

Bei mir hat’s nur zu Vor- und Nachname gereicht, und der Kerl heißt Kerl.

How long have you been together?

Fünf Jahre und ein paar Tage.

How long did you know each other before you started dating?

Wir kannten uns per Mail ein geschätztes halbes Jahr, bevor wir uns das erste Mal begegnet sind. Also so mit face time und so Zeug.

Who asked whom out?

Der Kerl hat mich gefragt, ob wir nicht mal zusammen ins Kino gehen wollen. Was so ziemlich die einzige Frage ist, die ich immer mit „JALOGISCHWANN?“ beantworte. Hat er gut gemacht.

How old are each of you?

Ich nähere mich zielstrebig der großen 4, der Kerl hat sie schon hinter sich.

Whose siblings do you see the most?

Meine, weil der Kerl keine hat. Der Arme. Meine Schwester findet mein Herzblatt übrigens sehr lustig. Was, glaube ich, ein Kompliment ist. Ich find ihn ja auch lustig.

Which situation is the hardest on you as a couple?

Alltagsquatsch. Wenn die Arbeitszeiten zu lang werden und wir uns nur noch zufällig und mit gehetztem Gesichtsausdruck in der Küche begegnen. Wenn der eine schon schläft, während der andere noch was machen muss. Das Gefühl, keine Zeit füreinander zu haben, obwohl man zusammen wohnt. Aber ich nehme an, da sind wir leider keine Ausnahme.

Did you go to the same school?

Nein. Der Kerl ist gar nicht zur Schule gegangen, weil er bereits mit acht Jahren seine erste Sinfonie komponiert hatte und von Papa durch ganz Europa geschleift wurde.

Are you from the same home town?

Nein. Ich bin in Hannover geboren, und der Kerl stammt aus San Francisco und hat vor nicht allzu langer Zeit in der Garage eines Freundes eine kleine Computerfirma gegründet.

Who is smarter?

Der Kerl kann das Periodensystem auswendig, ich alle Kiefer-Sutherland-Filme. Beantwortet das die Frage?

Who is the most sensitive?

Icke. Wenn man dem Kerl auf die Brust klopft, klingt das metallisch.

Where do you eat out most as a couple?

Wir mögen kleine, verranzte Lokale, weil wir uns da nicht aufdotzen müssen. Der Chines’ gegenüber bzw. ein paar Bushaltestellen weg und ein kleiner Italiener in Hamburgs Mitte haben es uns angetan.

Where is the furthest you two have traveled together as a couple?

Paris. Aber da geht noch was. Amerika ist in vager Planung.

Who has the craziest exes?

Wir haben beide nicht viele Exes, und deswegen waren da wahrscheinlich auch nur nette Leute bei.

Who has the worst temper?

Kommt drauf an. Ich explodiere gerne gleich und bin nach fünf Minuten fertig mit Rumzicken. Der Kerl braucht dagegen fünf Wochen, um auf 180 zu kommen. Wegen Zeug, das fünf Wochen her ist.

Who does the cooking?

Da wir sehr unterschiedliche Tagesabläufe haben (als U-Boot-Kapitän hat der Kerl es nicht leicht), essen wir leider recht selten zusammen. Wenn das passiert, koche meistens ich. Obwohl der Kerl das genauso gut kann.

Who is the neat-freak?

That would be me. Was nicht heißt, dass der Kerl nicht neat ist. Aber er ist eben kein freak.

Who is more stubborn?

Der Kerl. Und wenn er das liest, kommt sofort: „Bin ich nicht.“ (Bist du wohl. – „Bin ich nicht.“)

Who hogs the bed?

Hätte ich nicht gedacht, aber wir können uns sehr zivilisiert das Bett teilen. Der Kerl erzählt zwar gerne die INFAME LÜGENGESCHICHTE, dass ich ihn manchmal im Schlaf trete, aber das ist natürlich völliger Blödsinn.

Who wakes up earlier?

Der Kerl. Und während ich morgens gerne ne Stunde rumdölmere und frühstücke und das Bad blockiere, ist der Mann innerhalb von gefühlten zehn Sekunden zur Tür raus. Als Geheimdienstmitarbeiter muss man eben schnell sein.

Where was your first date?

Im Kino. (28. September, Blogeintrag am 29. War ja klar.)

Who is more jealous?

An der Frage habe ich etwas länger geknabbert, denn: Ich weiß es nicht. Wir hatten bis jetzt noch keinen Grund, eifersüchtig zu sein. Seit fünf Jahren läuft das einfach irgendwie. Schön.

How long did it take to get serious?

Fünf Dates. Beim sechsten haben wir uns dann … äh … stürmisch entschlossen, jetzt ganz dringend ein Paar sein zu wollen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

Who eats more?

Ich. Ich wiege ja auch mehr.

Who does the laundry?

Wir beide. Wer zuerst am Wäschekorb vorbeikommt, schmeißt das Zeug in die Maschine. Und wenn alles auf dem Wäscheständer hängt, komme ich nochmal vorbei und hänge es anders hin because YOU DON’T KNOW THE SYSTEM!

Who’s better with the computer?

Der Kerl. Aber wenn’s um die Steuerung der Espressomaschine geht, bin ich besser.

Who drives when you are together?

Ich. Weil der Kerl keinen Führerschein hat bzw. haben will. Dass die ihn überhaupt ans Steuer vom Space Shuttle lassen. Unfassbar.

(via dooce)

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02.02.2009

Spaß haben mit dem eigenen Archiv.

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29.01.2009

Putzhilfe mit Rädern unten dran

Vor Kurzem gab’s ein grandioses Geschenk des Hausherren: einen sauberen Fußboden. Da wir beide zu paranoid für eine menschliche Putzhilfe sind („Jemand in unsere Wohnung lassen? Geht’s noch?“) und wir ebenfalls beide keine Lust zum Staubsaugen haben, hat sich der schlaue Kerl mal im Internet umgeguckt – und wurde fündig. Bei iRobot, einer Firma, die wir nicht nur wegen des Namens lieben, sondern wegen ihres Produkts: dem Roomba.

Der Roomba ist ein kleiner, runder Roboter, der nichts anderes macht als staubzusaugen. Er läuft auf kleinen Legorädern durch die Gegend, saust unterm Sofa durch und wuselt sich so von Zimmer zu Zimmer. Er erkennt Hindernisse, die vor ihm auftauchen und bremst vorsichtig ab. Meistens jedenfalls. Manchmal glaube ich, er ist geistig kurz woanders und denkt an die Robotertante aus der Saturn-Werbung, denn dann rumpelt er so richtig schön an Tischbeine ran. Da er aber aus knuffigem Weichplastik besteht, hinterlässt er immerhin keine Kratzer. Man kann ihn auf der Stelle saugen lassen; dann dreht er sich im Kreis und fährt schließlich in immer größeren Kreisen weiter, bis er lustig piepsend verkündet: reicht jetzt, ist sauber. Das ist es zwar manchmal dann doch noch nicht, aber blöderweise habe ich mich auf Anhieb in das kleine Monster verliebt und verzeihe ihm, wenn er in fiesen Ecken oder vor kleinen Stufen den Staub anhäuft anstatt ihn wegzusaugen.

In manche Ecken unserer verschachtelten Altbauwohnung kommt er eh nicht hin, da müssen wir wohl oder übel noch selber saugen. Aber das dauert dann eben nur zehn Minuten und keine Stunde. Außerdem ist es herrlich entspannend, dem kleinen Plastiktrottel schadenfroh dabei zuzugucken, wie er versucht, unter dem Esstisch mit den vier Stühlen durchzukommen, wo sich ihm insgesamt 20 Holzbeine in den Weg stellen. Das ist dann auch der einzige echte Nachteil von Robotron, wie wir ihn getauft haben: Man muss seine Wohnung vor dem Saugen robotersicher machen. Heißt: die Möbel so hinstellen, dass er überall rankommt – was okay ist, weil bis auf den Esstisch eh alles recht weitläufig steht. Heißt aber auch: das fitzeldünne Wii-Kabel nicht auf dem Boden liegen lassen, denn das wickelt sich ruckzuck um seine Rädchen, er fährt nur noch im Kreis und wickelt sich und das Kabel dabei um das Bein vom Schreibtisch, um dann schließlich die komplette Wii vom Tisch runterzureißen, weil das Kabel irgendwann ein Ende hat. Hab ich einmal hingekriegt; seitdem räume ich alles weg, an was der Depp hängenbleiben könnte.

Man entdeckt allerdings immer wieder neues Zeug, mit dem er Blödsinn macht, weswegen ich ihn wahrscheinlich so knuffig finde. Es ist, als ob man einem Kleinkind dabei zuguckt, seine Welt zu entdecken. Okay, einem brummenden Kleinkind auf Rädern, aber egal. Jedenfalls hat Robotron es geschafft, meine Bodenlampe zum Leuchten zu bringen, indem er über den auf dem Boden liegenden Schalter gefahren ist. Und er kann im Vorbeifahren meinen Ventilator einschalten, der auch auf dem Boden steht. Wenn so was passiert, grinse ich mütterlich und schubse den kleinen Idioten in eine andere Richtung, wo er klaglos weiter vor sich hinbrummt.

Seit gestern liebe ich ihn noch mehr. Das Haus, in dem sich unsere Wohnung befindet, ist in den 20er Jahren erbaut und der Holzfußboden seitdem weißdergeier wie oft abgeschliffen worden. Jedenfalls befindet sich zwischen dem Fußboden und den hölzernen Fenster- und Türeinfassungen ein fast zentimetergroßer Spalt. Robotron arbeitet unter anderem mit einem rotierenden Bürstchen, mit dem er an Kanten langfährt und sich so quasi den Staub vor die eigene Nase schleudert. Und gestern schleuderte er im Schlafzimmer noch etwas anderes unter dem Türrahmen hervor: einen ziemlich rostigen Reichspfennig von 1921. Meine erste Reaktion: Oh, toll, Historie! Meine zweite: HIER WURDE SEIT 1921 NICHT MEHR GESAUGT!

PS: Roomba ist auch für Tierfreunde geeignet.

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22.01.2009

Mach’s jut, Balin

Was ich nicht vermissen werde:

– die doofe Wochenendbeziehung. Ich bin doch verpuschelter als ich dachte.

– die zwei Haushalte. Ich wusste nie, was ich wo im Kühlschrank hatte, und ich hab alles doppelt, was man so für Schönheitspflege und persönliche Hygiene braucht, damit ich nicht dauernd alles hin- und herschleppen musste. Wenn jetzt das Klimakterium über mich hereinbricht, bin ich total gearscht. Tamponvorräte bis 2012. Mindestens.

– dass ich am Wochenende Zeit mit dem Kerl nachholen „musste“ und deshalb meine Videothek sträflichst vernachlässigt habe. Ab jetzt gibt’s wieder den traditionellen Samstags-Trip (edit: Je länger ich auf dieses Wort gucke, desto mehr bin ich der Meinung, dass da ein Bindestrich rein sollte), von dem ich mit mindestens vier bis fünf Filmen oder einer Serienstaffel aufs Sofa zurückkehre. Hach. Heißt auch: wieder mehr Filmcontent fürs Blog.

– den Dreck. Da hilft auch kein aalglatter Potsdamer Platz und keine glitzernde Friedrichstraße – Berlin ist dreckig und runtergekommen und verranzt. Hat seinen Charme, würde mich aber nach längerer Zeit garantiert wahnsinnig machen.

– die ständige Frage, ob ich anders bin, wenn ich woanders bin. Bin ich nicht. Egal wohin ich gehe, ich nehme mich und meine Macken und Marotten und Müdigkeiten mit.

– eine Wohnung, in der nur ich wohne.

– die Sehnsucht nach einer Fahrt in der U3 am erleuchteten Hafen lang. Die Sehnsucht nach einem Elbspaziergang im Sommer. Die Sehnsucht nach der Binnenalster. Hab ich jetzt alles wieder.

Was ich vermissen werde:

– die Tram. Ja, ich weiß, Hamburg hat dafür die lustigen Hafenfähren, aber die Tram ist toll. Und gelb. Und sie bimmelt, wenn sie über den Alexanderplatz fährt.

– den Fernsehturm. Weiß nicht warum. Ich war nicht oben, ich wollte auch gar nicht nach oben, und beim Festival of Lights war er auch eher hässlich à la Großraumdisse angeleuchtet, aber immer wenn ich ihn gesehen habe, dachte ich, ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin. (Den Song hab ich seltsamerweise nicht einmal in der ganzen Zeit vom iPhone gespielt bekommen. Blödes patriotisches Teil.)

– Starbucks und Balzac in unmittelbarer Agenturnähe. Heißt: Wenn ich morgens lieber ne halbe Stunde länger im Bett bleiben wollte anstatt mir Kaffee zu kochen und Obst für die Cornflakes zu schneiden und in Ruhe zu frühstücken, wusste ich, ich hab zwei wunderbare Alternativen. Für *hust* quasi das gleiche Geld wie Obst und Cornflakes.

– zwei dicke Opernhäuser. Vorher noch laut drüber gelästert, keine Stadt brauche zwei Opernhäuser, aber hier dann schön großkotzig im einen Spielplan nachgeguckt, was läuft, um dann ins andere Haus zu gehen. Schnafte.

– den Berliner Dialekt. Als gebürtige Hannoveranerin bin ich ja eher eine Freundin des Hochdeutschen, aber Balinerisch mag ick, wa?

– das Brandenburger Tor, das Regierungsviertel, selbst das hässliche Bundeskanzleramt. Fühlt sich einfach beeindruckend an, in der Hauptstadt rumzulaufen. Vielleicht hab ich auch nur zu oft West Wing geguckt, um mich von Gebäuden und Lokalitäten beeindrucken zu lassen.

– die ganzen Namen der S-Bahn-Haltestellen. Die kennt man irgendwie, selbst wenn man nicht in Berlin wohnt. Aus Linie 1. Aus diversen Filmen. Aus der Geschichtsunterricht. Übt alles auf mich eine seltsame Melancholie aus. Wahrscheinlich wegen des Geschichtsunterrichts.

– das Gefühl jeden Morgen, nicht zur Arbeit zu fahren, sondern etwas Besonderes zu erleben. Einfach weil’s eine fremde Stadt ist, die ich mir jede Minute anders angeguckt habe als „meine Stadt“ zuhause. Ständige Urlaubsaufmerksamkeit. Natürlich nur, wenn ich nicht auf dem Sofa vor den DVDs im Macbook eingeschlafen bin.

– die Millionen OVs im Sony Center. Auch wenn ich sie nie wirklich ausgenutzt habe, ich blöder, müder, fauler Idiot.

– meine Mittagsdates mit Ix und dem Nuf. Die netteste Konstante aller Zeiten.

– eine Wohnung, in der nur ich wohne.

– das Gefühl, nie underdressed zu sein, nie zu ungekämmt, nie irgendwie nicht richtig. Das Gefühl, hier hinpassen zu können, weil hier jeder hinpasst. Come as you are.

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10.01.2009

Berlin ist ein ganzganzganz winziges bisschen, kaum spürbar, ich will’s auch gar nicht laut sagen, meine zweite Heimat geworden. Das kommt wahrscheinlich automatisch, wenn man hier monatelang rumläuft und arbeitet und einen normalen Tagesablauf hat und sich in Hamburg am Wochenende eher wie auf der Durchreise fühlt. Ich hatte trotzdem überhaupt nicht damit gerechnet, weil Berlin seit knapp zehn Jahren eine Stadt ist, mit der ich erstmal Schmerz verbinde. Denn in Berlin habe ich Karl kennengelernt, wir haben eine sehr intensive Woche zusammen verbracht, während ich (leider vergeblich) versucht habe, die Prüfung an der dffb zu bestehen, um Drehbuch studieren zu können.

Ein Teil der Prüfung war es, einen dreiminütigen Super-8-Film zu drehen. Aus, soweit ich mich erinnere, fünfzehn Titelvorschlägen habe ich mich für „Rund um die Gedächtniskirche“ entschieden. Denn als es darum ging, sich für ein Thema zu entscheiden, kannte ich noch niemanden in der Stadt und hatte daher weder Schauspieler noch Kulissen, mit denen ich etwas hätte machen können, was zum Titel „Vorfreude“ (weiß ich nicht mehr, ob es wirklich so einen Titel gab, aber die Richtung stimmt) gepasst hätte. Also hatte ich nur die Wahl zwischen „Am Alexanderplatz“ und eben der Gedächtniskirche. Ich kannte beide Orte von der obligatorischen Berlin-Klassenfahrt und verband mit der Kirche „eindrucksvoll“ und mit dem Alexanderplatz „hässlich, leer, Zwangsumtausch“. Daher war die Wahl einfach.

Ich trieb mich einen Tag lang an der Kirche herum, guckte mir Perspektiven an, die ganzen Läden, die vielen Touristen, die Ruine, den Neubau. Eigentlich wollte ich nur ein Stimmungsbild aufnehmen, aber dann traf ich Karl. Und hatte damit immerhin eine Person, die ich vor der Kamera rumlaufen lassen konnte. Also hat Karl für mich einen Touristen gemimt, der in verschiedene Läden geht und sich fiese Souvenirs kauft, zu McDonald’s, mit den Straßenmusikanten tanzt … die kleine Idee am Film: die Kamera war ebenfalls ein Akteur, und ich reichte Karl mit deutlich sichtbarer Hand Geld oder bewegte die Kamera wie beim Kopfschütteln, wenn das Berlin-Souvenir besonders hässlich war. Klingt heute total banal, schien damals aber ne gute Idee zu sein, wenn ich mich an die Reaktionen meiner Mitbewerber erinnere, als wir alle zusammen alle Filme geguckt haben. (Und ich ärgere mich immer noch, dass ich nicht mal früher als Anfang diesen Monats bei der dffb angerufen habe, um mal nachzufragen, ob es diesen Film noch gibt. Es gibt ihn nicht mehr.)

Ende 1999 ist Karl bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich war seitdem nur dreimal in Berlin, was größtenteils nicht wirklich Spaß gemacht hat. Ich verbinde mit der Stadt einfach einen mir sehr wichtigen Menschen, und immer, wenn ich in Berlin bin, merke ich doppelt so stark, dass er nicht mehr da ist. Es ist jetzt über zehn Jahre her, dass ich Karl das letzte Mal gesehen habe, und es tut nicht mehr ganz so weh. Der Schmerz ist einem tiefen Bedauern gewichen, dass er nicht mehr mitgekriegt hat, wie sehr ich mich verändert habe, meiner Meinung nach zum Guten. Ich hätte ihm gerne gezeigt, dass ich stark sein kann und nicht immer so fürchterlich nah am Wasser, so entscheidungsunfreudig, so traurig, so einsam. Ich hätte ihm gerne erzählt, dass ich einen Beruf gefunden habe, der mich ausfüllt und mir Selbstvertrauen gibt. Ich hätte ihm gerne eine aufgeräumte Wohnung präsentiert, mein Patenkind und die vielen Städte in Deutschland, die er nicht mehr besuchen konnte. Und ich wäre gerne mit ihm zur Gedächtniskirche gegangen, das gute alte „Weißt du noch“-Spiel spielen.

Ich war vor einigen Wochen da. Ich bin nicht nur daran vorbeigefahren, sondern bin hingegangen, habe mir Zeit genommen, um mehrere Male um das Gebäude rumzulaufen. Habe die Läden gesucht, die wir damals gefilmt haben. Und habe erschreckt festgestellt, dass der Kloß im Hals anscheinend immer da ist, wenn ich diese Kirche sehe oder sogar vor ihr stehe.

Die Kirche war geöffnet, und ich bin kurz in den Andachtsraum gegangen, um ein Gebet für Karl zu sprechen und ein bisschen Kraft für den Rückweg zu schöpfen. Hat nicht ganz geklappt. Ich habe es gerade noch geschafft, meine Mütze vom Kopf zu nehmen und mich zu setzen, bevor ich angefangen habe zu weinen. Anscheinend ist an bestimmten Orten das Bedauern nicht genug. Hier ist es wieder Schmerz, der völlig vergessen hat, dass er schon zehn Jahre alt ist.

Berlin ist meine zweite Heimat. Und ich zähle die Stunden, bis ich von hier weg kann.

Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 – 02.12.1999

Happy birthday, love. Wish you were here.

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02.01.2009

Vorsätze 2009: Vergiss nicht, was dich glücklich macht. Sei gut zu dir. Sei gut zu anderen. Mach die Augen auf. Hör genauer hin. Hör genauer in dich rein. Lass es zu. Lass los. Geh weiter. Träum weiter.

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01.01.2009

(2007, 2006, 2005, 2004, 2003 (1. Januar), 2002 (1. Januar))

Mal wieder ein maues Jahr. Ich hatte überlegt, die ganzen DVD-Cover zu fotografieren, die ich aus der Videothek hole, aber selbst das hätte es 2008 nicht mehr rausgerissen, weil ich auf diese Lieblingswochenendbeschäftigung ein halbes Jahr verzichtet habe, um mich am Wochenende lieber mit dem Kerl zu beschäftigen. Daher ein Vorsatz für 2009: wieder mehr Filme angucken.

(Die ziemlich unleserliche Karte nach Tropic Thunder ist das Baader-Meinhof-Kompott.)