Tagebuch Mittwoch, 2. Januar 2019 – Total produktiv so früh im Jahr schon

Eigentlich dürfen wir hier in Bayern ja noch bis zum 6. Januar rumliegen … oder hab ich das falsch verstanden? Meine norddeutschen Gene stellten aber trotzdem brav den Wecker und so stand ich ebenso brav auf und machte mich bürofein, wie sich’s an einem Arbeitstag gehört. Der erste Espresso des Jahres war übrigens perfekt, genau wie der Milchschaum. Mein persönliches Jahresorakel hat schon gewonnen.

Eine Hamburger Agentur hatte mich im Dezember für Januar angefragt, konnte mir aber noch nicht sagen, für welchen Umfang und ab wann genau. Ich rechnete nicht ernsthaft mit einem Job, aber um 9.20 Uhr schlug die erste Arbeitsmail auf und ich hatte zu tun. Also alles richtig gemacht mit Wecker und bürofein aufbrezeln.

In der Mittagspause erledigte ich Bank- und Steuerkram und brachte Post weg, danach spazierte ich zum Allesvorrätigladen in der Türkenstraße. Ich verbinde neuerdings wieder etwas regelmäßiger Bewegung mit Besorgungen, weil ich seit Monaten morgens um 6 zum Walken nicht aus dem Bett will. So kann ich zwar nicht arg zackig gehen, weil ich meine normalen Klamotten nicht so anschwitzen will wie mein Sportoutfit, aber ich vergammele immerhin nicht komplett auf dem Sofa.

Im Allesvorrätigladen erstand ich eine ordentliche Gartenschere, um aus meinem Weihnachtsbaum Kleinholz zu machen. In Hamburg holt die gute, alte Straßenreinigung alle Weihnachtsbäume ab, die zu großen Haufen geschichtet an so ziemlich jeder Straße im Januar rumliegen. Das vermisse ich ehrlich gesagt immer noch etwas: das Werfen des Tannenbaums aus dem zweiten Stock nach unten. Das übernahm zwar stets Kai, während ich unten aufpasste, dass Fußgänger oder Radfahrerinnen keine Nadelbäume auf den Kopf kriegen, aber ich mochte dieses leicht anarchische Ritual so gerne. Anstatt das Treppenhaus vollzunadeln – ab über die Balkonbrüstung.

Hier in München holt niemand was ab, sondern man muss sein Bäumchen zu irgendwelchen Sammelstellen schleppen oder fahren. Dazu hatte ich noch nie Lust, aber ich kenne netterweise jemanden, dessen Eltern einen Kamin haben und der so unglaublich nett ist, meine blaue Ikeatüte voller Tannenbaumeinzelteile dorthin zu fahren. Ich muss aus dem Baum halt nur Kleinholz machen. Da ich bisher immer winzige Bäume hatte, klappte das ganz gut, bis auf den Stamm. Dafür leiht mir der unglaubliche nette Mann auch immer seine Gartenschere, aber jetzt ist er gerade nicht da und ich komme nicht an sein Kellerabteil ran, in dem die Schere liegt. Aber da ich ja jetzt einen benutzbaren Balkon habe, auf dem in meinem Kopf schon eine Tomatenplantage entstanden ist und Blümchen wachsen und alle Kräuter, deren Namen ich buchstabieren kann, brauche ich garantiert auch selbst eine Gartenschere. Und jetzt habe ich eine.

Auf dem Rückweg nach Hause kaufte ich Müsli, einen Granatapfel und eine Zeitung. Mein FAZ-Abo ging Ende Dezember zu Ende, aber jetzt will ich natürlich doch wieder eine Zeitung lesen, war ja klar. Ich erstand die Süddeutsche, kann aber noch kein vernünftiges Urteil fällen. Liest sich noch sehr ungewohnt – und bis auf die Seite 3 im Vergleich zur FAZ deutlich fluffiger. Hm.

Zuhause war noch kein Feedback auf meine vormittägliche Arbeit gekommen, also begann ich damit, den Baum abzuschmücken, legte Kugeln zurück in ihre Plastikdosen und wickelte Lichterketten auf. Danach griff ich zum neu erstandenen Werkzeug und machte mich zufrieden über das Bäumchen her. Der große Sofahocker, der für den Baum ins Arbeitszimmer umziehen musste, steht jetzt wieder in der Bibliothek und eine große blaue Tüte mit 300 Ästchen steht im Flur. Weihnachten 2018 ist abgewickelt.

Immer noch kein Feedback. Deswegen konnte ich mich meiner neuen Jahresbeschäftigung hingeben: Musik hören. Ich hatte vor Kurzem ein Buch geschenkt bekommen, in dem für jeden Tag des Jahres ein Stück klassische Musik vorgeschlagen wird; netterweise hat die Verfasserin auch gleich die passende Spotify-Playlist angelegt. Am ersten Januar lauschte ich schon dem Sanctus aus Bachs Messe in h-moll, BWV 232. Dabei beließ ich es natürlich nicht, sondern hörte gleich noch ein bisschen mehr aus der Messe. Ich muss allerdings zugeben, dass Bach mir in Mengen latent auf die Nerven geht. Ich liebe seine Präzision, und in kleinen Dosen höre ich ihn sehr gerne. Aber ich habe bis heute noch nie das Weihnachtsoratorium am Stück gehört, weil ich irgendwann irre werde an dieser Präzision. Das Sanctus war allerdings ein herrlicher Jahresauftakt. Hier mein Tweet mit dem kompletten Buchtext dazu; ich werde nicht alles vertwittern, ich ahne, dass die Autorin das nicht so toll finden würde.

Gestern gab’s dann zwei perlige Minuten Chopin, genauer gesagt, seine Etüde in C-Dur, Op. 10; das ist gleich das erste Stück im folgenden Video. Da das ganze Opus No. 10 nicht mal eine halbe Stunde dauert, hörte ich es komplett; die über anderthalb Stunden Bach habe ich nicht geschafft. Da jemand auf YouTube so nett war, die Noten zum Chopin abzubilden, ist meine Lust, Klavierspielen zu lernen, allerdings gleich gen Null gegangen. Wer soll denn das lesen? Ich frage mich bis heute, wie ich es auf dem Akkordeon geschafft habe, meine beiden Hände unabhängig voneinander spielen zu lassen und wie schlau mein Kopf mal war, die Noten in Bewegungen umzusetzen. Auch beim Geigespielen sahen die Notenblätter deutlich aufgeräumter aus. Hier habe ich meist die linke Hand mitgelesen, die rechte hat mich schon beim Hingucken überfordert; spätestens beim achten Stück hatte sich das aber auch erledigt. Vielleicht doch lieber die Triangel lernen? Oder ein Klanghölzchen?

Aber: Die 9! Hört euch die 9 an! Die 12 war übrigens das einzige Stück aus den Etüden, das ich vorher kannte. Aber das Buch hatte schon am zweiten Tag gewonnen: will mehr Chopin hören. Und mehr von Aschkenasi, der im Video spielt.

Immer noch kein Feedback, inzwischen war es 16 Uhr geworden, ich holte das Bügelbrett aus dem Wandschrank und bügelte die frisch gewaschene Tischdecke und die beiden Stoffservietten, die wir Silvester benutzt hatten. Dazu noch meine Alltagstischdecke aus der Küche, die gleich mit in der Maschine gelandet war. Keine Ahnung, warum ich auf einmal Tischdecken mag. Ich werde dieses seltsame Verhalten weiter beobachten.

Als sich die Agentur bis 18 Uhr nicht mehr gemeldet hatte, kochte ich die Reste vom Silvestermenü auf: ein Ochsenbäckchen in Soße erwärmen, drei, vier Scheibchen Serviettenknödel in Butter anbraten und auf dem Teller ebenfalls ordentlich mit Soße übergießen. Zum Nachtisch das letzte Nougatparfait mit den letzten Gewürzmandarinen. Danach landete viel Geschirr zum bereits vorhandenen im Geschirrspüler, an dessen Vorhandensein ich mich irrwitzig schnell gewöhnt habe. Wenn ich alleine für mich Kleinkram koche, wasche ich immer noch per Hand ab, aber gerade für etwas aufwendigere Menüs oder beim Backen weiß ich es inzwischen sehr zu schätzen, dutzende von Schüsseln nicht abspülen zu müssen. An mein Herz, kleiner Kasten!

Zwei Serienfolgen und dann mit Stefan Zweigs Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers ins Bett, das ich seit Tagen mit Genuss lese.

Nougatparfait mit Gewürzmandarinen

Zwei Rezepte aus der Winterkochschule von Richard Rauch und Katharina Seiser. Das Buch gefällt mir bisher sehr gut wie alle, die ich von Seiser kenne: übersichtlich, gut nachzukochen, schöne Fotos und: Lesebändchen! Am wichtigsten: Bis jetzt hat mir auch so ziemlich alles geschmeckt.

Für vier Personen.

Für das Nougatparfait

1 Blatt weiße Gelatine in kaltem Wasser einweichen.

75 g hellen Nougat über dem Wasserbad schmelzen.

180 g Sahne schlagen. Mir ist neulich erst aufgefallen, dass Sahne auf dem Becher in Gramm angegeben wird und nicht in Millilitern. Der Naturwissenschaftler F. hat versucht, es mir zu erklären, aber *Jeopardy-Melodie und ein Bild von Homer Simpson, in dessen Kopf ein Bär Fahrrad fährt*.

1 Ei,
1 Eigelb und
25 g Zucker über dem Wasserbad schaumig aufschlagen, bis sich das Volumen der Masse ungefähr verdoppelt hat. Das geht mit dem Schneebesen in wenigen Minuten.

4 cl Crème de Cacao sowie
5 g dunkles Kakaopulver in die Ei-Zuckermasse rühren. Die Gelatine ausdrücken und ebenfalls dazugeben, genau wie den Nougat. Kräftig durchrühren. Zum Schluss die Sahne nach und nach mit dem Schneebesen unterheben. In Förmchen füllen, zum Beispiel diese hier, total unaufgeforderte Werbung, das ist die größere Halbkugel im Bild. Alles für mindestens 6 bis 8 Stunden gefrieren.

Für die Gewürzmandarinen

1 kg Mandarinen auspressen; wir brauchen 400 ml Saft. Dazu hat bei mir wirklich genau ein Kilonetz gereicht (waren allerdings Clementinen).

6 zusätzliche, besonders hübsche Mandarinen vorsichtig schälen, so dass die Früchte ganz bleiben, und das weiße Fitzelzeug entfernen. Ich habe sie trotzdem halbiert, damit ich auch das Zeug innen wegbekomme. Dann die Früchte horizontal durchschneiden, damit sie beim Servieren schön auf dem Teller liegen bleiben und nicht wegkullern. Behutsam in ein Glas mit großer Öffnung schichten. Ich erwähne die große Öffnung, weil ich Honk dachte, ach, von der Menge her müsste ja dieses alte, hohe Glas gehen, in dem früher Sauerkirschen waren, und dann stand ich da mit mandarinennassen Händen und konnte mir nicht mal vor die eigene Stirn hauen.

Von
1 Bio-Orange und
1 Bio-Mandarine Zesten abschneiden. Ich habe die Mandarine weggelassen, weil ich keine unbehandelte gefunden habe. Wer keinen Zestenreißer hat, schält die Früchte dünn bzw. entfernt notfalls noch das weiße Innere an der Schale und schneidet diese in dünne Streifen.

Jetzt kommt das leckere Sößchen, in dem die Mandarinen baden; das schmeckt auch prima zu Pfannkuchen, wenn man die Früchte schon weggefuttert hat. Oder über Jogurt. Bin kurz davor gewesen, es pur zu trinken.

In einem breiten Topf
130 g Zucker mit
4 EL Wasser benetzen und ohne umzurühren aufkochen, bis alles hellbraun karamellisiert ist. Mit
100 ml Weißwein ablöschen. Das Buch schlägt zum Beispiel Grünen Veltliner vor, bei mir war’s Riesling. Alles fünf Minuten köcheln lassen.

1 Vanilleschote weich massieren und auskratzen, Schote aufheben. Schote und Mark kommen nach der Kochzeit in den Karamelltopf, genau wie der Mandarinensaft und die Zesten sowie
1 Sternanis,
1 Zimtstange und
4 Nelken. Etwa zehn Minuten kochen lassen, dann mit
2 cl Orangenlikör abschmecken und komplett mit allen Gewürzen und der Schote ins Mandarinenglas gießen. Mindestens einen Tag im Kühlschrank marinieren lassen.

Die Mandarinen halten sich drei bis vier Tage im Kühlschrank. Wenn man sie im Ofen bei 90 Grad Umluft für eine Stunde gart, bis zu drei Monaten. Aber bei mir haben sie nicht mal vier Tage ausgehalten, weil lecker.

Was schön war, Samstag bis Montag, 29. bis 31. Dezember 2018 – Rumkochen

Ein Weihnachtsgeschenk für F. war ein Buch gewesen, ein zweites ein Gutschein für ein gemeinsames Silvestermenü, stilecht auf einer Postkarte, auf der das Schlaraffenland von Bruegel abgebildet war; für diese Karte war ich extra noch in die Alte Pinakothek gefahren, um sie dort im Shop zu kaufen. Ich hatte vier Gänge geplant und begann bereits Samstag damit, die ersten Gänge vorzubereiten, Fleisch vorzubestellen und Dinge einzukaufen.

Samstag fertigte ich den Nachtisch an, den ich auch als Rezept verbloggen werde, denn er ist so schmackhaft, dass ich mich seit drei Tagen von ihm ernähre (bei Desserts mache ich selbstverständlich keine Mengen für zwei, sondern für zehn Personen, ist klar). Generell stand bei mir der Tag im Zeichen des Nachdenkens über Essen, was sich dann am Sonntag in meinem traditionellen Futterrückblick niederschlug.

Sonntag bereitete ich die Suppe vor, die es als zweite Hauptspeise geben sollte, und lungerte ansonsten den ganzen Tag rum, las und guckte Serien in Masse weg.

Und gestern war dann der große Tag. Ich stand mit Ladenöffnung um 9 am Kaufhof am Marienplatz, der eine meiner Meinung nach ordentliche Nahrungs- und Genussmittelabteilung hat. Dort kaufte ich Jakobsmuscheln und die noch fehlenden Kräuter. Außerdem entdeckte ich eine kleine Flasche Roséchampagner und damit war auch der Aperitif klar. Dann ging ich zum Metzger und holte das vorbestellte Fleisch ab. Ich war sowohl über Menge (sehr wenig) als auch Preis (noch weniger) erstaunt, weswegen ich die Menge erhöhte und mich zu meinem Entschluss beglückwünschte, ab 2019 nur noch bio einzukaufen, wenn es um Fleisch und Aufschnitt geht; letzteren will ich eh einschränken. Auf Pastrami werde ich niemals verzichten, und die wird vermutlich auch nicht bio sein können hier in der Gegend (aber hey, koscher!), aber bei Salami kriege ich das wohl hin. Mehr Aufschnitt esse ich eh nicht. Okay, Speck für die Carbonara. Auch das geht bio, sage ich mal so frohgemut.

Damit hatte ich alles erledigt, was noch zu erledigen war. Die beiden letzten Nächte hatte ich sehr schlecht geschlafen, weil mein Hirn meinte, mir morgens um vier mitteilen zu müssen, BLOSS NICHT DEN KORIANDER ZU VERGESSEN, der Nervklumpen. Ich konnte ihm zwar tausendmal sagen: ICH HABE EINEN RIESIGEN EINKAUFSZETTEL, aber das war ihm egal.

Erster Tagesordnungspunkt: die Chips zur Suppe herstellen. Dazu hobelte ich Topinamburen hauchdünn und fritterte sie. Falls sie nicht knusprig geworden wären, hätte ich sie im Ofen noch nachtrocknen lassen. Genau deswegen begann ich nicht mit dem Schmorbraten, der stundenlang den Ofen belegen würde. Die Chips waren aber nett zu mir und knusperten direkt nach dem Frittieren lecker rum, so dass ich sie in eine luftdichte Dose füllte und mich an den Braten machte.

Fleisch anbraten, Gemüse anrösten, ne Runde Rotwein, ne Runde Portwein, Fleisch wieder dazu, ab in den Ofen und nach drei Stunden mal wieder reingucken. Währendessen Serviettenknödel machen: Brot fein schneiden, Kräuter hacken, Schalotten andünsten, Butter und Eier dazu, den Fluff in Frischhaltefolie und dann in Alufolie wickeln und warten, bis in meinem riesigen Topf das Wasser heiß genug geworden ist, um die Knödel hineinzulegen.

Dann deckte ich den Tisch, polierte die Gläser nochmal nach, las „Krieg und Frieden“ durch, solange die Sauce zum Braten eindickte, erledigte die letzten möglichen Handgriffe für die Vorspeise, denn die war superfrisch, hatte noch Zeit für eine Serienfolge und Frischmachen, und dann stand schon F. vor der Tür. Das hatte alles doch länger gedauert als gedacht, weil ich nur neue Rezepte benutzte und deswegen die Handgriffe noch nicht so draufhatte. Außerdem ist meine Küche auch nach drei Monaten noch nicht so vertraut, dass ich nicht des Öfteren den falschen Schrank öffne, um einen Topf zu finden oder ein bestimmtes Kochutensil. Ich finde meinen Zestenreißer nicht mehr. Und, wie ich beim Schreiben der Menükarte für F. feststellte, auch mein Tintenfässchen ist irgendwie weg. Oder es läuft seit Monaten irgendwo aus. Das merke ich dann vermutlich beim Auszug.

Erstmal Stöffchen. Ich liebe Roséchampagner, Marke ist wurscht, Hauptsache rosé, Hauptsache Schampus. Legt mir davon eine Flasche mit in den Sarg, wenn es dereinst soweit ist.

Die erste Vorspeise hatte ich mir von Arthurs Tochters Weihnachtsmenü geliehen: Ceviche von der Jakobsmuschel mit Avocado und Grapefruit. Die Muschel wird durch die Säure im Saft „gekocht“, weswegen ich das erst anrichtete, als der Gast schon da war. Schmeckte herrlich, gerne wieder.

Die zweite Vorspeise kommt aus einem tollen Kochbuch, der Winterkochschule von Richard Rauch und der Frau Esskultur. Das sollte eigentlich ein Schaumsüppchen aus Topinambur werden, aber ich fand das auch ohne Aufschäumen sehr gut, herzhaft, trotzdem fein, ausgewogen, und an den Chips dazu mit dem extra angefertigten Würzsalz werde ich heute noch knabbern.

Der Hauptgang kam wieder von Arthurs Tochter und war ebenfalls toll, wie überhaupt alles toll war, ich war sehr zufrieden mit den Rezepten und meiner Umsetzung. Es gab quasi Wirtshauskost, aber ich wollte mal einen etwas preiswerteten Schnitt vom Rind haben und nicht immer die Filets oder ähnliches. Also: Ochsenbäckchen mit Serviettenknödeln.

Vor dem Nachtisch tischte ich vier Käsesorten auf, damit der gute Rotwein nicht so alleine war. F. hatte eine schöne Flasche aus Australien dabei, die ihm ein Freund mal geschenkt hatte. Der Spinifex La Maline (2010) beschäftigte uns über eine Stunde, so sehr wollten wir ihn genießen. Zur Jakobsmuschel und der Suppe gab’s einen Turonia Albariño (2017), den wir schon mal im Podcast getrunken hatten und der uns beiden sehr gut schmeckt.

Auf das Dessert müsst ihr noch etwas warten, jedenfalls auf das Bild davon. Das hatte ich gestern vormittag schon mal hübsch angerichtet und bei halbwegs okayem Tageslicht fotografiert. Gestern abend nach Champagner, Rot- und Weißwein war ich ästhetisch nicht mehr ganz beisammen, weswegen ich mir und euch ein Foto erspare. Aber das Wasser müsste euch trotzdem im Mund zusammenlaufen, denn es gab Nougatparfait mit Gewürzmandarinen. Noch ein Rezept aus dem Winterkochbuch und seit gestern (okay, vorgestern, ich musste ja Sonntag schon kosten, ob es was geworden war, ist klar) ganz weit oben auf meiner Lieblingsdessertliste.

Für den Jahreswechsel öffnete ich meine allerallerletzte Flasche Le 7; langjährige Mitleser*innen wissen, was das bedeutet. Das Ende einer Ära. Wir stießen auf meinem neuen Balkon an, bestaunten die doch gute Aussicht, prosteten Menschen auf den Nachbarbalkonen zu und ich freute mich über die herzförmige Wunderkerze von F.

Euch allen ein gutes neues Jahr. Möge es voller Glück, Gesundheit, Erfolgen und gutem Essen sein.


2018 revisited

(2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003.)

1. Der hirnrissigste Plan?

Den Nachlass eines Malers in die eigene Dissertation einzuplanen, ohne vorher mal die Erben zu fragen, ob die mich da reingucken lassen.

2. Die gefährlichste Unternehmung?

Für meine Handgelenke: Ikeamöbel ohne Akkuschrauber aufbauen.

3. Die teuerste Anschaffung?

Ich wäre froh, wenn es bei den sehr glücklich machenden Noise-Cancelling-Kopfhörern für 250 Euro geblieben wäre, aber nein, Frau Kaffeetante musste sich auch noch eine Espressomaschine für 1000 Euro kaufen. Die macht zwar auch sehr glücklich, aber hätte ich gewusst, dass ich drei Wochen nach ihrem Kauf eine neue Wohnung mit höherer Miete haben würde, hätte ich sie mir verkniffen.

4. Das leckerste Essen?

Im Juli war ich im dringend nötigen Spontanurlaub in Lindau im wunderbaren Villino, im November konnte mich dann Konstantin Filippou in Wien sehr erfreuen. Und jedes Caesar Dressing mit selbstgerührter Majo gehört auf diese Liste.

5. Das beeindruckendste Buch?

Comic: Shit is real von Aisha Franz. Runner-up: Ein Sommer am See von Mariko und Jillian Tamaki; darüber habe ich hier kurz geschrieben.

Sachbuch: Ganz vorne liegt Philipp Bloms Die zerrissenen Jahre, weil ich sehr viel davon mitgenommen habe und es dauernd im Blog zitieren kann. Direkt danach kommt Petra Terhoevens Die Rote Armee Fraktion: Eine Geschichte terroristischer Gewalt, die ich im Blog nicht besprochen, aber mit großem Gewinn gelesen habe. Und einen Ehrenplatz gibt’s für Salz, Fett, Säure, Hitze von Samin Nosrat, weil ich endlich wieder mit viel Lust und Vergnügen und Neugier und Tatendrang am Herd stehe.

Fiktion: Da gab es dieses Jahr einen klaren Sieger, weil es ein völlig neues Leseerlebnis war: der Ulysses von James Joyce. Über den Tweet des James Joyce Centre aus Dublin freue ich mich immer noch. Und über diesen einer Joyce-Doktorandin, der ich seitdem folge.

Deutlich bekannteres Leseerlebnis, aber Feuchtwanger geht ja immer: Exil hat mich fertiggemacht. Auch kein Spaß, aber wichtig: Menschen im Krieg von Andreas Latzko. Ich habe bestimmt auch zeitgenössische Fiktion gelesen, aber da war anscheinend nichts Überwältigendes dabei. Die Klassiker wissen schon, warum sie Klassiker sind.

6. Der ergreifendste Film?

Ich war nur einmal im Kino und habe Ex Libris gesehen und gemocht. Dafür war ich öfter im Theater, wo mir besonders Alles klappt und Philipp Lahm gefallen haben. Bonuspunkt für den Räuber Hotzenplotz in der Augsburger Puppenkiste!

7. Die beste CD? Der beste Download?

Ha, kurz vor Jahresende wirklich mal wieder eine CD gekauft bzw. sogar gleich zwei, und zwar von Bohuslav Martinů. Die waren dann wohl auch die besten.

Runtergeladen habe ich keine MP3-Sammlung, aber dafür versacke ich dank Amazons Prime Video, das ich als Studi für ein Jahr gratis bekommen habe, nicht mehr ausschließlich vor Netflix. Slow clap.

8. Das schönste Konzert?

Da kann ich mich nicht entscheiden. Die 100 Metronome im Januar waren toll, genau wie Sol Gabetta im März (daher die Begeisterung für Martinů) und die Nachtmusik der Moderne mit Helmut Lachenmann erst vor wenigen Wochen im Dezember. Hat alles meinen Horizont sehr erweitern können.

9. Die tollste Ausstellung?

Auch gut für den Horizont (und die Diss, falls ich jemals an ihr weiterarbeiten sollte): die Neuhängung der Kunst aus den 1930er Jahren in der Moritzburg in Halle. Sehr gefreut habe ich mich über Basquiat in der Schirn in Frankfurt, weil ich mir erst durch diese Retrospektive sein Schaffen und seine Bedeutung etwas klarer wurden, genau der gleiche Effekt wie vor ein paar Tagen bei Jörg Immendorff in München. Die Videoausstellung Generations – Künstlerinnen im Dialog im Haus der Kunst hat mir gezeigt, dass ich anscheinend doch mit Videos klarkomme, um die ich mich sonst gerne drücke. Und die Bruegel-Ausstellung in Wien war schlicht einmalig. Das werde ich so nie wieder sehen können.

10. Die meiste Zeit verbracht mit …?

Darüber zu staunen, dass dieses Werbeding, von dem ich quasi fünf Jahre Pause gemacht habe, nach kurzem Anlaufstottern wieder ziemlich gut läuft – und vor allem auch wieder richtig Spaß macht.

11. Die schönste Zeit verbracht mit …?

Die neue Wohnung schönzupuscheln, jedenfalls gefühlt. Das hat mich die Monate seit September doch mehr in Beschlag genommen als ich dachte. Aber jetzt ist alles wunderhübsch.

So ziemlich jede Zeit mit F. ist die schönste. Und die alleine auf dem Sofa mit dem Laptop oder in der Bibliothek mit den Büchern auch.

Ich habe mich außerdem darüber gefreut, dass meine Eltern mich mal hier unten besucht haben, und habe auch dabei viel gelernt.

12. Vorherrschendes Gefühl 2018?

Geht doch.

13. 2018 zum ersten Mal getan?

Im Burgtheater Wien gewesen. In Halle gewesen. F. die Wedemark gezeigt. Alleine in einem Sternerestaurant gegessen. Eine Wohnung mit einem benutzbaren Balkon besessen. Ein Special-Interest-Haushaltsgerät gekauft, das mehr gekostet hat als die meisten meiner Autos, siehe oben. Die Augsburger Puppenkiste besucht. Die Fuggerei besichtigt. In Hamburg an der Texterschmiede gelehrt. An einem Doktorandenseminar teilgenommen. Wildschwein gegessen. Eine Fußballdauerkarte besessen. Okay, immer noch keine mit meinem Namen drauf, aber im Gegensatz zur letzten Spielzeit, wo ich sie nur halb hatte, gehört sie mir gerade für die ganze Saison.

14. 2018 nach langer Zeit wieder getan?

Regelmäßig mit Werbung Geld verdient. Wieder im eigenen Bett geschlafen und nicht auf einem Bettsofa. Ein eigenes Arbeitszimmer gehabt; das ist wirklich lange her, dass ich schon mal eins hatte, ich glaube, so um die 20 Jahre. Im Sprengel-Museum und den Herrenhäuser Gärten in Hannover gewesen. Durch die wiedereröffnete Hamburger Kunsthalle gesprintet. In einem Planetarium gestaunt. Den (fast) kompletten Ring gesehen; beim Siegfried war ich leider krank.

Zählt Wahldienst nach einem Jahr? Zählt in Wien gewesen zu sein nach zweieinhalb Jahren? Ein Umzug nach drei? Wann ja, dann das auch.

15. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Alte Dämonen. Die AfD in allen Länderparlamenten. Die Absage der Grossberg-Erben.

16. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

So schnell renne ich nicht weg.

17. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Nicht wegzurennen.

18. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Ungefähr 800 Flughafentoblerones und geduldiges Lampenandübeln.

19. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Weil du da bist.“

Runner-up: „Brauchst du Hilfe beim Umzug?“

20. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

„Ich hol dich nicht vom Flughafen ab.“

21. 2018 war mit einem Wort …?

Gut.

What Anke Ate in 2018

(2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010)

Mein Foodcoaching war 2009, ich ruiniere mir hier also gerade selber einen schönen Jubiläumseintrag fürs nächste Jahr. Aber ich möchte einen einzigen Neujahrsvorsatz fassen, der sich in den letzten Wochen immer mehr manifestiert hat: Ich möchte Kochen ein weiteres Mal neu lernen.

2009 habe ich quasi essen neu gelernt: weg von dem kalorienreduzierten Fertigmüll, der nach nichts schmeckt, ran an den eigenen Herd, um überhaupt mal rauszufinden, was mir eigentlich schmeckt außer Schokolade. Ich betrachte diese Phase als äußerst erfolgreich, aber noch lange nicht abgeschlossen. Ich habe mich mit großer Begeisterung auf Kochbücher und Kochblogs gestürzt, habe versucht nachzukochen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Daraus ist ein kleiner Grundstock an Rezepten geworden, die ich inzwischen selber hinbekomme, manche auch aus dem Handgelenk, bei anderen lese ich immer wieder nach – auch deswegen verblogge ich Rezepte. Das hier ist meine Sammlung an Dingen, die ich mag.

Mir fiel aber immer öfter auf, dass ich weiterhin nur nachkoche – im Sinne von: Ich befolge Rezepte, weiß aber gar nicht warum. Daher ist das jetzt mein erster Schritt vor dem zweiten, den ich schon gemacht habe: Ich möchte die Basics lernen. Das heißt zum Beispiel, mal zu lernen, wie man einen Fisch filetiert, um nicht wie gestern zum hundertsten Mal an der Fischtheke zu stehen und irgendein Filet zu kaufen, sondern einen ganzen Fisch, dessen Teile werde ich dann verwerten und aus dem Rest wird ein Fond gekocht. Das habe ich nämlich auch bis heute nicht gemacht, nicht mal aus Gemüse, was allen Kochblogs zufolge echt nicht so schwierig sein sollte.

Generell werde ich weiterhin wenig Fleisch und Fisch essen, ich möchte aber nicht ganz darauf verzichten. Und auf Milchprodukte schon gar nicht. Ich will aber selber schweren Herzens von meinem bequem zu erreichenden Metzger nebenan Abschied nehmen und zum Biometzger gehen, der mir vermutlich eher sagen kann, wo die hoffentlich glückliche Kuh gelebt hat und wo sie möglichst schonend geschlachtet wurde, bevor aus ihr mein Bratenstück wurde. Neulich lästerte ich über den Menschen, der mir eventuell die Zeitung klaut, dass, wer sich die Miete hier leisten kann, sich auch die FAZ kaufen könne. Das gilt auch für mich: Ich kann mir das teure Fleisch leisten. Und wenn es mir zu teuer ist, dann esse ich es eben nicht. Das ist der einzige Zwang, den ich mir beim Essen wieder auferlegen will. Allen anderen Zwängen und Vorschriften, was meine Ernährung angeht, habe ich 2009 abgesagt, und es hat mein Leben wie keine andere Entscheidung sehr zum Positiven verändert.

Und jetzt schmökere ich weiter in meinem neuen Kochbuch, aus dem ich mir gleich drei Dinge fürs Silvestermenü ausgesucht habe. Die Vorbereitungen gestern haben mir schon viel Freude gemacht, und ich weiß, dass ich mich mit der gleichen Freude immer wieder an den Herd stellen werde. Ich kann der Frau Lu gar nicht oft genug dafür danken, was sie alles in einer Woche im August 2009 in mir angestoßen hat.
























Was schön war, Freitag, 28. Dezember 2018 – Compact-Disc-Kauf

Die Besatzung des Fehlfarben-Podcasts plus eine Begleitperson war im Haus der Kunst verabredet, um sich pflichtschuldig die Retrospektive von Jörg Immendorff anzuschauen. Wir hatten nicht über die Ausstellung podcasten wollen, aber jetzt, nachdem wir sie gesehen haben, ärgerten wir uns doch ein bisschen darüber – da hätte man schön Gesprächsstoff gehabt. Komisch, dass sich Immendorff so nach Pflicht im Vorfeld angefühlt hatte – so fühlt sich die Ausstellung nämlich überhaupt nicht an. Sie ist zwar, logisch, wir haben ja keine 80 Räume zur Verfügung, ein arg konzentrierter Ritt durch sein Schaffen, aber zeigt, soweit ich das beurteilen kann, aus jeder Schaffensphase Werke, die eben diese Zeit gut verdeutlichen.

Ich fand es spannend, seine politischen Werke im Kontext zu sehen – also nicht nur ein Werk, sondern mehrere, die seine Position zeigen. Überhaupt fand ich es schön, einen Künstler mit einer Position zu sehen, einem selbstgestellten politischen Auftrag, halt mehr als hübsche Wanddekoration. Und wie er sich immer und immer wieder an der deutschen Geschichte, an der deutschen Teilung, an sich selbst als Deutscher als Teil dieser Geschichte abarbeitet. F. konnte sich im Vergleich wieder herrlich über Meese aufregen, der unserer Meinung nur so tut, als hätte er eine Position. Gut, dass wir über den auch nicht podcasten, das würde drei Stunden dauern und Florian und ich kämen nie zu Wort.

Immendorffs Spätwerk kannte ich noch nicht, ich hatte irgendwann in den 1970er und 1980er Jahren im Kopf mit ihm aufgehört, daher fand ich die Räume besonders spannend. Hier waren auch noch mehr Bezüge zur Kunstgeschichte zu sehen, von denen ich leider kaum welche entziffern konnte. Das tat ich dann im Museumsshop, wo ein Großteil seines Gesamtwerks schon als Buch verlegt und mit anständigen Informationen versehen war. Ich habe aber sonst sehr gerne nach Referenzen, auch auf eigenen Werke, gesucht und sie gefunden. Ich glaube, da werde ich nochmal reingehen. Solltet ihr auch, läuft noch bis zum 27. Januar.

(Ohne Titel, 2006.)

Bei strahlendem Sonnenschein spazierten F. und ich dann in Richtung Falkenturmstraße, wo ich ein kleines Geschäft für klassische Musik aufsuchen wollte. Ich erwähnte schon diverse Male, dass ich Bohuslav Martinů seit Monaten hinterherhöre, aber immer nur das, was bei Spotify rumliegt. Jetzt wollte ich mich dem Mann aber doch mal systematisch nähern. Dafür brauchte ich CDs, und die wollte ich nicht bei Amazon bestellen, sondern im Fachhandel erwerben, wo mir vielleicht jemand mit Ahnung eine Aufnahme empfehlen konnte. Das tat dann gestern der Besitzers eines winzigen und vollgestopften Lädchens namens Zauberflöte. Zunächst beglückwünschte er mich dazu, Martinů für mich entdeckt zu haben, „den sollten viel mehr Menschen kennen.“ Ich geb euch das mal weiter, vielleicht ein Neujahrsvorsatz?

Ich bat um eine Aufnahme seiner Sinfonien und bekam eine CD empfohlen, die bei Amazon so halbhalb besprochen worden war. Ich kann das noch überhaupt nicht beurteilen, aber die eine Rezension konnte gut zusammenfassen, was mich an Martinů so fasziniert: „the sense of gentle wonder or rapture“. Genauso hört sich seine Musik an! Sie lässt mich staunen und zerrt gleichzeitig süß-schmerzend an meinem kleinen, leicht zu beeindruckenen Herzen. Ich mag es, dass sich seine Melodien immer so anhören, als wollten sie irgendwo hin – und wenn sie dann ankommen, gerne mit breiten Dur-Akkorden, die nicht aufhören möchten, fühlt es sich so an, als hätte auch ich irgendein Ziel erreicht, das perfekte Soufflé gebacken, einen Marathonlauf absolviert, den Weltfrieden gerettet, obwohl ich ja nur stumm rumsitze und mir vermutlich mal wieder der Mund offensteht.

Dann erzählte mir der Inhaber noch von Martinůs Opern – die wollte ich mir aber lieber noch aufheben – und seinen Streichquartetten, da hätte er gerade eine Aufnahme eines tschechischen Quartetts da, dann schwärmte er davon, ich hatte im Kopf eh schon das Geld gezückt, das tat ich dann auch mit den Händen und ging mit zwei CDs nach Hause. Ich weiß nicht, wann ich die letzte CD gekauft habe, muss schon Jahre her sein, seit ich nur noch streame und vor allem meine Anlage in Kisten verpackt bei meinen Eltern steht.

Der Laden gibt auch einen Newsletter heraus, den man sich ausgedruckt mitnehmen konnte, da werde ich mich dringend auf den Mail-Verteiler setzen lassen. Gestern schmökerte ich durch den Ausdruck und hätte am liebsten gleich noch mehr altmodische Silberscheiben gekauft, so schön lasen sich die ganzen Empfehlungen. Ehrlich gesagt hatte der Laden schon in dem Moment gewonnen, als ich eintrat, denn der Lohengrin lief und zwar nicht in Zimmerlautstärke, sondern äußerst wahrnehmbar. Herrlich.

Danach ließ ich mich von Öffis zu einigen weiteren Läden chauffieren, um Einzelteile für mein Silvestermenü einzukaufen, das ich F. vorsetze. Ich kann deswegen nicht in Details gehen, der Gast liest mit.

Wir verbrachten den Abend gemeinsam und spielten die Kunst-Ausgabe von Anno Domini fast durch, wobei das hier meine Lieblingskarte war:

Das Lösungsjahr ist übrigens „um 980“.

Was schön war, Donnerstag, 27. Dezember 2018 – Zwillinge

Das tapfere Vorhaben war: endlich mal wieder gründlich putzen, worauf ich vor den Feiertagen überhaupt keine Lust gehabt hatte. Einkaufen gehen. Frisches Brot holen. So wichtige Dinge halt. Geworden ist es dann: immerhin Wäsche gewaschen. Ansonsten habe ich den Tag auf dem Sofa verbracht, gelesen, Serien geschaut, zwischendurch Pfannkuchen gemacht und viel Tee getrunken. Nachmittags kam F. vorbei und brachte Früchtekuchen seiner Mutter mit, der mit vielen Walnüssen aus dem eigenen Garten mehr wie fruchtiger Nusskuchen schmeckte, also gut. Auch dazu noch eine Kanne Tee. Außerdem bekam ich noch ein Weihnachtsgeschenk:

Mein Van-Gogh-Bär hat seinen lange verschollenen, zweieiigen Zwillingsbruder, den Bruegel-Bär aus Wien, wieder in seine kurzen Ärmchen schließen können! It’s a Christmas miracle!

Und weil ich keine Lust gehabt hatte, vor die Tür zu gehen, aß ich abends Salami und Käse einfach ohne Brot.

German Post-War Modern

Ein Tumblr mit alten Bildern: „Im Fokus steht die Architektur der Nachkriegsmoderne in Deutschland, seinen Nachbarländern und der Welt.“ Mein geliebter Sep Ruf ist natürlich auch dabei. Ich war mir peinlicherweise nicht sicher, ob das Gebäude der Bayerischen Vereinsbank überhaupt noch steht; beim Googeln stieß ich auf diese Seite, die – leider recht kurz – über abgerissene oder sanierte Gebäude Buch führt. Jetzt weiß ich: Gebäude steht noch.

(via Musermeku)

35 years ago, Isaac Asimov was asked by the Star to predict the world of 2019. Here is what he wrote

Das ist teilweise erstaunlich hellsichtig, was Asimov da schrieb, und teilweise macht es sehr traurig. Er konzentriert sich auf die seiner Meinung nach drei wichtigsten Themen: Erstens den Atomkrieg, von dem er 1983 schlicht hoffte, dass er nicht stattfinden würde, weil das in diesem Jahr nicht so sicher schien, Menschen in meinem Alter werden sich erinnern. Zweitens die vermehrte Nutzung von Computern (ziemlich recht gehabt) und Robotern (nicht ganz so recht gehabt):

„The immediate effect of intensifying computerization will be, of course, to change utterly our work habits. This has happened before.

Before the Industrial Revolution, the vast majority of humanity was engaged in agriculture and indirectly allied professions. After industrialization, the shift from the farm to the factory was rapid and painful. With computerization the new shift from the factory to something new will be still more rapid and in consequence, still more painful.

It is not that computerization is going to mean fewer jobs as a whole, for technological advance has always, in the past, created more jobs than it has destroyed, and there is no reason to think that won’t be true now, too.

However, the jobs created are not identical with the jobs that have been destroyed, and in similar cases in the past the change has never been so radical.“

Drittens die Nutzung des Weltraums, die 2019 leider noch lange nicht so weit ist wie er sich das ausmalte:

„By 2019, we will be back on the moon in force. There will be on it not Americans only, but an international force of some size; and not to collect moon rocks only, but to establish a mining station that will process moon soil and take it to places in space where it can be smelted into metals, ceramics. glass and concrete — construction materials for the large structures that will be put in orbit about the Earth.

One such structure which very conceivably, might be completed by 2019 would be the prototype of a solar power station, outfitted to collect solar energy, convert it to microwaves and beam it to Earth.

It would be the first of a girdle of such devices fitted about Earth’s equatorial plane. It would the beginning of the time when a major part of Earth’s energy will come from the sun under conditions that will make it not the property of any one nation, but of the globe generally.“

Und dann glaubte der Mann noch an die menschliche Vernunft, was seinen Lebensraum angeht. Haha. Netter Versuch.

„The consequences of human irresponsibility in terms of waste and pollution will become more apparent and unbearable with time and again, attempts to deal with this will become more strenuous. It is to be hoped that by 2019, advances in technology will place tools in our hands that will help accelerate the process whereby the deterioration of the environment will be reversed. […]

In short, there will be increasing co-operation among nations and among groups within nations, not out of any sudden growth of idealism or decency but out of a cold-blooded realization that anything less than that will mean destruction for all.

By 2019, then, it may well be that the nations will be getting along well enough to allow the planet to live under the faint semblance of a world government by co-operation, even though no one may admit its existence.“

(via @elfengleich)

Was schön war, Montag, 24. bis Mittwoch, 26. Dezember 2018 – Weihnachten (ach was)

Den Sonntag, 23. Dezember, mit dem grauenhaften Spiel in Augsburg und der Niederlage in der letzten Minute lasse ich einfach mal weg. Immerhin gab’s abends noch Geschenkeaustausch zwischen F. und mir. Very happy!

Montag am späten Vormittag in der S-Bahn zum Flughafen gesessen. Lufthansa war günstiger als die Deutsche Bahn, daher gönnte ich mir den zweiten innerdeutschen Flug in diesem Jahr. Der erste war im Januar gewesen, und mit dieser CO2-Bilanz kann ich als autofreier Mensch leben.

In der S-Bahn glotzte ich möglichst unauffällig die zwei Herren an, die mir gegenüber saßen. Beide schienen asiatische Wurzeln zu haben, kannten sich nicht, saßen nur zufällig nebeneinander, aber ich mochte an beiden so viele kleine Details, dass ich hoffentlich nicht zu aufdringlich geschaut habe. Der eine Herr hatte schon leicht ergraute Haare, eine runde Brille mit sehr dicken Bügeln, was sehr gut zusammenpasste. Unter seiner schwarzen Hose zeichneten sich kräftige Oberschenkel ab, die deutlich nach Muskeln und nicht nach Fett aussahen (nicht, dass letzteres nicht auch völlig okay gewesen wäre). Vielleicht ist er ein leidenschaftlicher Fußballspieler. Der zweite Herr trug einen hellbraunen Wollmantel über schmalen schwarzen Hosen und einem schwarzen Pullover; seine halblangen Haare fielen ihm dauernd in die Stirn, was ich gut beobachten konnte, weil er meist die Augen geschlossen hatte, als er seinem Handy per In-Ears lauschte.

Ich vermisste an mir mal wieder die Fähigkeit, schlichte Klamotten so zu kombinieren, dass sie effektvoll aussahen und nicht nur langweilig – oder generell die Fähigkeit, Kleidung für mich auszusuchen, die etwas über mich aussagt anstatt dass sie einfach nur halbwegs passt. Dafür muss ich als dicker Mensch ja schon dankbar sein, weswegen ich mir mehr gar nicht zutraue. An den meisten Tagen im Jahr ist mir Kleidung egal, weil ich für sie einfach kein Händchen habe, an manchen finde ich es schade, dass eben das so ist. Aber so wichtig, dass ich mir dabei Hilfe holen möchte, ist es dann auch wieder nicht.

Ein pünktlicher Flug nach Hannover. Der Kapitän ließ den Kindern an Bord ausrichten, dass das Christkind erst abends käme, wenn es dunkel ist, was niedersächsische Kinder vermutlich eher verwirrt hat, denn bei uns bringt der Weihnachtsmann den Krempel und nicht das Christkind. Schwesterchen und Schwager holten mich und mein bewusst sparsam gepacktes Köfferchen ab, wir tranken bei ihnen noch zwei Kannen grünen Tee, bevor sie mich zu meinen Eltern fuhren. Dort gab es die ersten Kekse von gefühlt zwei Kilo, die ich in den letzten Tagen zu mir genommen habe, und alles war gut.

Mein pragmatischer Papa hatte den Baum geschmückt, der ein Ast einer riesigen Weißtanne war, die im Niemandsland zwischen unserem und dem Nachbarsgrundstück wächst, weswegen sich die Gröners und die Nachbarn den teilen.

Um 18 Uhr ging’s in die Kirche, wo mich der glockenhelle Sopran meiner Schwester überraschte, die sonst immer eine Oktave tiefer bei den Liedern mitbrummt.

Für ein Tomatensüppchen, das ich am Mittwoch zum Mittagessen kochen sollte, hatte meine Mutter Gin besorgt. Gin? Wir haben doch nie Gin im Haus! Und dann natürlich kein Tonic Water. Und auf dem Dorf keine Tanke, bei der man eben mal vorbeikann. Großstadtvermissung! Aber wozu habe ich das Internet? Gefragt, was ich aus Gin und nix mixen kann und viele gute Tipps gekommen. Es ist dann die Kreation Gin, Ananassaft (siehe einen Absatz weiter unten), Triple Sec und Mineralwasser geworden, und aus Verbundenheit zu meinen ostpreußischen Vorfahren habe ich den Drink „The Schlubberche“ getauft. Ostpreußen, Ananas, das drängt sich ja geradezu auf.

Keiner hatte Lust auf ein großes Festmahl gehabt, ich auch nicht, also hatte der kochbegeisterte Schwager Toast Hawaii vorbereitet – natürlich nicht einfach nur Kochschinken und Gouda, sondern drei verschiedene Schinkenarten plus drei verschiedene Käsesorten. Ich hatte nachmittags schon den Tipp für Estragonsenf weitergegeben, und so fand sich auf einigen Toasts auch ein bisschen Senf. Bitte mal merken: Wacholderschinken mit Gruyère! Der Knaller! Zugegebenermaßen ohne Ananas noch besser.

Als Nachtisch gab’s den traditionellen Nachtisch, mit dem meine Schwester und ich großgeworden sind: Milchreis auf Schälchen verteilt, in zwei Schälchen am Tisch verstecken sich jeweils eine Haselnuss und eine Mandel, und wer eine von beiden findet, bekommt ein kleines Geschenk. In diesem Jahr waren Mama und Papa die glücklichen Gewinner. Neulich las ich irgendwo, dass man als Erwachsene bitte aufhören sollte, die Eltern mit derartigen Kosenamen zu bezeichnen, das mache man doch nur als Kind. Sehe ich ganz anders. Meine Mutter bleibt immer meine Mama, außer wenn es im Blogeintrag zuviele Wortwiederholungen gibt, und ich werde auch als fast 50-Jährige nicht anfangen, zu meinem Papa „Vater, gibt’s du mir bitte mal die Butter?“ zu sagen.

Nach dem Essen brachte ich das Gespräch unvorsichtigerweise auf meine Diss und die Malerei zur Reichsautobahn, woraufhin Mama einfiel, dass es in der Wedemark auch noch Reste von Brücken gibt, aus denen nie eine Straße geworden war, was dazu führte, dass die ganze Familie um Landkarten der Umgebung rumsaß, man Artikel aus Lokalblättchen vorlas und ich ein Spontanreferat über die künstlerische Begleitung des Propagandaprojekts in Form von Gemälden, Romanen und Filmen sowie die regional unterschiedlichen Bauweisen von Brücken und Raststätten hielt.

Kurze Bescherung, wir schenken uns seit Jahren nichts bzw. immer das gleiche. Dieses Mal hatte ich immerhin eine kleine Überraschung dabei, denn F. hatte mir Pralinen aus einem Kaffeehaus in Augsburg mitgegeben, in dem wir im Oktober alle gemeinsam gewesen waren, worüber sich alle sehr freuten. Mir hatte er vorher schon eine kleine Auswahl an Nougats mitgebracht, und seitdem ich die genossen habe, will ich den Onlineshop leerkaufen. So gut!

Danach standesgemäßes stundenlanges Doppelkopfspielen mit Sektbegleitung. Ich habe haushoch verloren.

Am Dienstag literweise gemeinsamer Tee mit den Eltern, ewig den Vögeln vor dem Küchenfenster zugeguckt, die sich in ihrem Bad vergnügten oder die Meisenknödel leerfutterten. Rumgelungert, angenehme Gespräche geführt, dem im 15-Minuten-Abstand folgenden Dialog meiner Eltern zugehört – „Legst du bitte noch was aufs Feuer?“ „Hab ich grad.“ –, Nachmittagsschläfchen gemacht im alten Kinderzimmer, mich über meine eigene Wohnung gefreut, abends zum Schwesterchen spaziert und dort Salat, Wildschweinbraten und natürlich Welfenspeise vorgesetzt bekommen. Wildschwein war der Wunsch meiner Mama, ich wollte das noch nie essen und weiß jetzt auch, dass einmal reicht. Aber die Preiselbeeren waren super.

Standesgemäßes stundenlanges Doppelkopfspielen mit Sektbegleitung. Ich war bis zum letzten Spiel Vorletzte, aber dann hat Papa mich noch überholt.

Mittwoch die alten Bilder im Bettkasten durchgewühlt, weil ich wusste, dass da das alte Foto meiner Oma gerahmt lag. Das hatte ich in Hannover in meiner Wohnung in der Küche hängen gehabt, beim Umzug nach Hamburg kam es dann wieder zu meinen Eltern und da lag es jetzt 20 Jahre. Gestern wickelte ich es dick in die FAZ ein, die ich aus München hergeschleppt hatte (ich wusste gar nicht, dass am 24. noch eine Zeitung kommt), verstaute es zwischen zwei Lagen Klamotten im Koffer, darauf kamen acht Kilo Kekse und Süßigkeiten und noch vier Süßweingläser, ca. Jahrhundertwende, die meine Mutter loswerden wollte. Ich hatte noch keine Süßweingläser, ich nahm die mal fürsorglich unter meine Fittiche. Danke FAZ, danke Klamotten, alles heile in München angekommen.

Das Bild ist von 1935. Ja, wir können über Motiv und Bildauffassung reden. Für mich ist es zuerst ein Foto meiner Oma und dann erst ein kunsthistorisches Zeugnis seiner Zeit. Aber ja, wir können über Motiv und Bildauffassung reden.

Dann wühlte ich mich durch Mamas Rezeptbox, in der sich Zeitungsausschnitte aus 40 Jahren wiederfinden mit Rezepten, die sie nie gekocht hat. Aber auch selbstgetippte oder beschriftete Karteikarten. Ich ärgere mich seit Jahren, dass ich die Rezepte von Omi nicht mehr erfragen kann, also bat ich um alles, was vielleicht noch da war. Ich fand immerhin den Biskuitteig und die Buttercreme, woraus ich Omis Frankfurter Kranz nachbauen kann. Und diese Karte mit ihrer Handschrift, von Mama mit halbwegs korrekten Mengen- und Zeitangaben ergänzt, denn Omi kochte eben aus dem Handgelenk. Auf Instagram haben andere Anmerkungen ihrer Großmütter angelegt.

Ich habe keine Ahnung, was eine Trappertorte ist und Google weiß es auch nicht. Ich werde das einfach mal backen.

Pünktlicher Flug nach Hause. Wie auch auf dem Hinflug war der bewusst gebuchte Platz in der letzten Reihe eine gute Wahl, denn ich hatte beide Male zwei freie Sitze neben mir. Auf dem Weg nach Hannover war ich noch mit Philipp Bloms Der taumelnde Kontinent: Europa 1900–1914 beschäftigt, seinem Vorgängerwerk zu Die zerrissenen Jahre: 1918–1938; letzteres habe ich im Blog schon mehrfach empfohlen und es wird euch auch im Jahresrückblick wieder begegnen. Der Kontinent eher nicht, das war noch nicht so schön geschlossen wie der Nachfolger. Es war mir zuviel Klein-Klein, jedes Kapitel franste völlig aus, auch wenn Blom es auf der jeweils letzten Seite wieder zusammenfasste, aber ich habe mir weitaus weniger gemerkt oder merken wollen als bei Jahre. Trotzdem gern gelesen.

Auf dem Rückflug las ich bereits mein Weihnachtsgeschenk an mich und an F.: Stefan Zweigs Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, das 1942 posthum erschienen ist. Aus diesem Buch hatten wir bei der Diskussion im Burgtheater im November einen kleinen Ausschnitt gehört, und seitdem wollte ich es lesen. Schon das Vorwort beschreibt in wenigen Sätzen sehr deutlich, worum es geht:

„Ich bin aufgewachsen in Wien, der zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen von Lesern sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum zweitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkrieg.“

(Hoch die Republik!)

Ich las also, bis ich mein Getränk und meinen Snack hatte, dann stöpselte ich die geliebten Noise-Cancelling-Kopfhörer ein (totale Empfehlung – und gerade über 100 Euro günstiger als im Februar, als ich sie gekauft habe, na danke auch) und hörte Klassik, was mit normalen Kopfhörern im Flugzeug nie möglich gewesen war, zu laut alles.

Seit ich im März Sol Gabetta ein Cellokonzert von Bohuslav Martinů habe spielen hören, habe ich den Mann dauernd auf den Ohren. Den Namen kannte ich vorher nicht, aber er ist seit Monaten die Go-to-Playlist, wenn ich Klassik hören will. So auch gestern. Ich guckte dem dramatischen Sonnenuntergang zu, den ich niemals vernünftig fotografieren könnte. Kurz vor München ging das Flugzeug dann in eine satte Kurve, und genau in dem Moment, in dem die Tragfläche wieder parallel zum Horizont stand, erklang ein majestätischer Dur-Akkord im zweiten Satz und das war wieder einer dieser Momente, wo man total pathetisch denkt, wie großartig doch alles sein kann. (War’s halt.)

In der S-Bahn gab’s dieses Mal nichts zu gucken, aber dafür auf Instagram. Ich liebe solche Clashes. Die untere Welle ist bekanntlich die von Hokusai.

Ich hörte Spotify, weil ich wieder Internet hatte, und freute mich auf zuhause. Dort packte ich meinen Koffer aus, brauchte gefühlt 20 Minuten, um das ganze Zuckerzeug wegzuräumen, freute mich über Omas Bild und stellte es erstmal auf den Fußboden im Flur, wo es bald neben Leo von Welden hängen wird. Dann kochte ich mir Tee in Omis Teekanne, dachte über Familie nach und wie nett die letzten Tage waren und wie froh ich bin, dass unser Verhältnis inzwischen gut ist und nicht nur irgendwie auszuhalten, wickelte mich in meine Kuscheldecke, vermisste F., las, trank Tee, klickte im Internet rum und war’s zufrieden.

„In jener Zeit erließ Kaiser Augustus den Befehl an alle Bewohner seines Weltreichs, sich in Steuerlisten eintragen zu lassen. Es war das erste Mal, dass solch eine Erhebung durchgeführt wurde; damals war Quirinius Gouverneur von Syrien. So ging jeder in die Stadt, aus der er stammte, um sich dort eintragen zu lassen.

Auch Josef machte sich auf den Weg. Er gehörte zum Haus und zur Nachkommenschaft Davids und begab sich deshalb von seinem Wohnort Nazaret in Galiläa hinauf nach Betlehem in Judäa, der Stadt Davids, um sich dort zusammen mit Maria, seiner Verlobten, eintragen zu lassen. Maria war schwanger. Während sie nun in Betlehem waren, kam für Maria die Zeit der Entbindung. Sie brachte ihr erstes Kind, einen Sohn, zur Welt, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe; denn sie hatten keinen Platz in der Unterkunft bekommen.

In der Umgebung von Betlehem waren Hirten, die mit ihrer Herde draußen auf dem Feld lebten. Als sie in jener Nacht bei ihren Tieren Wache hielten, stand auf einmal ein Engel des Herrn vor ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umgab sie mit ihrem Glanz. Sie erschraken sehr, aber der Engel sagte zu ihnen: „Ihr braucht euch nicht zu fürchten! Ich bringe euch eine gute Nachricht, über die im ganzen Volk große Freude herrschen wird. Heute ist euch in der Stadt Davids ein Retter geboren worden; es ist der Messias, der Herr. An folgendem Zeichen werdet ihr das Kind erkennen: Es ist in Windeln gewickelt und liegt in einer Futterkrippe.“ Mit einem Mal waren bei dem Engel große Scharen des himmlischen Heeres; sie priesen Gott und riefen: „Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht.“

(Neue Genfer Übersetzung)

Ich wünsche euch allen ein friedliches, fröhliches, besinnliches, schönes, gesegnetes Weihnachtsfest. Danke fürs Lesen.

Tagebuch, Samstag, 22. Dezember 2018 – Ferienbeginn

Das fiel mir erst gestern auf, als der Tag schon fast rum war und ich mich fragte, was ich eigentlich den ganzen Tag gemacht hatte statt zu putzen und mich mal wieder um die Diss zu kümmern, jetzt wo gerade kein Job drängelt: Ich habe Ferien. Oder Urlaub, wie wir Erwachsenen sagen.

Seit dem Umzug im September war gefühlt dauernd irgendetwas, angefangen von Wohnungzeug bis zu Jobs und Dingen, die ich anderweitig beruflich erledigen musste. Die Diss liegt seit Monaten brach, muss wohl auch mal sein, aber ich hatte immer das Gefühl, das muss ich noch und das muss ich noch und das da hinten muss ich auch noch. Gestern nicht. Gestern musste ich gar nichts.

Seit den Anfängen als Textpraktikantin 1999 ist in mir verankert, dass zwischen den Jahren die Agentur dicht ist und ich deswegen nichts zu tun habe. Selbst zu Studienzeiten, wo Ende Januar die Klausuren auf mich warteten, war die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr meist die totale Nichtstunzeit. Und jetzt, wo der Heilige Abend auf einen Montag fällt, scheint auch das Wochenende vor Weihnachten schon in diese Zeit zu gehören. Ich habe nur gelesen und Tee getrunken, die Konferenz stumm mitlaufen lassen, die letzten zehn Minuten geguckt und mich über Düsseldorf aufgeregt, dann wieder gelesen, zwischendurch ein bisschen Ofengemüse gegessen, dann eine Folge House angefangen, dann kam F. vorbei, ich durfte netterweise die Folge zuende sehen, und dann ging’s schon ins Bett. Ich habe jetzt Ferien.

Life Begins at Baron

Das klingt wie ein Buch, das ich gerne lesen würde: Proust’s Duchess: How Three Celebrated Women Captured the Imagination of Fin-de-Siecle Paris von Caroline Weber. Aus der Rezension des Weekly Standard:

„The three women at the center of Weber’s study—the Mesdames Greffulhe, Straus, and Chevigné—all married badly. Élisabeth Greffulhe, easily the most beautiful of the three, married a brute, a wealthy, deeply philistine man thought to have had affairs with no fewer than 300 women while remaining jealous of his wife and who saw no breach in etiquette in bringing some of these mistresses to dine at his wife’s table. Geneviève Straus, Jewish, of Sephardic lineage, was born a Halévy; her father was a composer famous in his day; and after her first husband, Georges Bizet, the composer of Carmen, died at 36, she married a well-to-do bore, a Rothschild lawyer named Émile Straus. (Famous for her witticisms, when asked why she married the dullard Straus, she replied, “It was the only way I could get rid of him.”) Laure de Chevigné, born a Sade, of the Marquis de Sade Sades, was the least physically attractive of the three women, but hers was the most secure pedigree. Her husband, thought to be homosexual, was among those aristocrats in the retinue gathered around Henri d’Artois, putatively Henry V, last Bourbon pretender to the throne of France, then living in exile in Austria.

These three women operated in a society that Lord Lytton called “brilliantly superficial.” It was a society where, in Maupassant’s words, “laughter is never genuine,” one in which intelligence was not valued, striving was thought vulgar, and the only ignorance that counted was ignorance of dress, pronunciation, and the pecking order. This society in the middle of Paris, as Princesse Marthe Bibesco notes in her novel Égalité, “formed a world as distant from ordinary people on the streets as the moon is from the earth.”“

Sagen, was ist

Der Spiegel hat seine Titelgeschichte über sich selbst als kostenloses PDF veröffentlicht.

For the First Time in More Than 20 Years, Copyrighted Works Will Enter the Public Domain

Ab dem 1. Januar 2019 dürfen wir alle lustig unter anderem Robert Frosts vermutlich bekanntestes Gedicht remixen. Das hätten wir eigentlich schon vor 20 Jahren machen dürfen, aber dann kam Micky Maus.

„“Whose woods these are, I think I”—whoa! We can’t quote any more of Robert Frost’s “Stopping by Woods on a Snowy Evening,” because it is still under copyright as this magazine goes to press. But come January 1, 2019, we, you, and everyone in America will be able to quote it at length on any platform. […]

We can blame Mickey Mouse for the long wait. In 1998, Disney was one of the loudest in a choir of corporate voices advocating for longer copyright protections. At the time, all works published before January 1, 1978, were entitled to copyright protection for 75 years; all author’s works published on or after that date were under copyright for the lifetime of the creator, plus 50 years. Steamboat Willie, featuring Mickey Mouse’s first appearance on screen, in 1928, was set to enter the public domain in 2004. At the urging of Disney and others, Congress passed the Sonny Bono Copyright Term Extension Act, named for the late singer, songwriter and California representative, adding 20 years to the copyright term. Mickey would be protected until 2024—and no copyrighted work would enter the public domain again until 2019, creating a bizarre 20-year hiatus between the release of works from 1922 and those from 1923.

This hole in history was accidental, but it occurred at a remarkable moment. The novelist Willa Cather called 1922 the year “the world broke in two,” the start of a great literary, artistic and cultural upheaval. In 1922, Ulysses by James Joyce and T.S. Eliot’s “The Waste Land” were published, and the Harlem Renaissance blossomed with the arrival of Claude McKay’s poetry in Harlem Shadows. For two decades those works have been in the public domain, enabling artists, critics and others to burnish that notable year to a high gloss in our historical memory. In comparison, 1923 can feel dull.“

(via @dvg)

Und ich gucke seit Tagen Bao und freue mich über die Schönheit der dargestellten Speisen sowie darüber, wie verbindend Essen sein kann. (Wie kann ich auf Twitter eingebettete Filmchen selbst einbetten?)

Ein jahrelanges Dankeschön …

… an Rina, die mich mit Year of Wonder: Classical Music for Every Day von Clemency Burton-Hill überraschte. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf dieses Buch gekommen bin – vermutlich über irgendeinen weiterführenden Link, auf den ich durch die Klassik-Artikelreihe beim Krautreporter stieß. Von dort als komplett lesbares Weihnachtsgeschenk von mir für euch: „Welche Playlists, Podcasts und Webseiten mir helfen, mehr über Klassik zu lernen“. Wobei „lernen“ hier eher heißen sollte: Wo kann ich etwas geordneter an Klassik rangehen als bei Spotify.

Jetzt aber zum Buch, auf das ich mich sehr freue: Es gibt für jeden Tag im Jahr (auch für Schaltjahre, das habe ich sofort nachgeguckt) einen Hinweis auf ein Stück klassische Musik – einen Satz eines längeren Stücks, eine Arie oder ein Lied, nicht nur von Komponist*innen, die schon längst unter der Erde sind, sondern auch von lebenden. Die Einführung in das jeweilige Stück ist mal musikhistorisch, mal sehr persönlich, manchmal ist es auch schlicht Schwärmerei der Autorin, was ich völlig in Ordnung finde. Ihr Schreibstil ist nämlich manchmal alles andere als klassisch, zum Beispiel, wenn sie über Beethovens Streichquartett Nr. 13 schreibt, das sich auf der Golden Record der Voyager befindet: „I sure hope the aliens have a decent record player.“

Sie schreibt allerdings auch so, hier über die Toccata arpeggiata von Giovanni Girolamo Kapsberger:

„I’m a big believer that music is music.
This sounds blindingly obvious, but by this I mean that, just as all human beings are created from the same essential building blocks, so is every piece of music that has ever been or ever will yet be written.
This is worth pointing out because so often people feel that so-called “classical” music is something “other”; something they need to “know” something about before they can let themselves enjoy it. It’s not – it all comes from the same source. And when I chance upon a piece like this one, this hypnotic little charmer from the very earliest years of the seventeenth century, it makes me very happy, for in it I can hear so much of that will manifest in later centuries in all sorts of music. It’s like a little wink across the centuries from Kapsberger – a composer largely unknown outside of niche lute circles – that reminds me how intimately we are all connected, whether we realize it or not.“

Ich bin sehr gespannt darauf, jetzt ein ganzes Jahr lang quasi ein Adventskalendertürchen aufmachen zu können und jeden Tag ein Stück für mich vermutlich größtenteils neue Musik zu hören (zum Beispiel über die von Burton-Hill erstellte Spotify-Playlist). Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Tagebuch Donnerstag, 20. Dezember 2018 – Überraschungspost

Den Vormittag über das Internet leergelesen, zum Beispiel den folgenden Text aus The Nation, via der gestrigen Kulturrundschau „Efeu“ des Perlentaucher.

The Struggle to Resolve

Das Brooklyn Museum zeigt die Ausstellung „Soul of a Nation: Art in the Age of Black Power“ mit Werken von fast ausschließlich schwarzen Künstler*innen. Der Essay in The Nation beginnt mit einem Klassiker der Kunstgeschichte, dem Aufsatz von Linda Nochlin von 1971, in dem sie fragte: Why have there been no great woman artists? Sie beschreibt die diskriminierenden Umstände, die Frauen daran gehindert haben, ähnlich viel und gut zu produzieren wie Männer, denen zum Beispiel der Zugang zu Akademien offenstand oder die Möglichkeit, vor nackten Modellen zu zeichnen, was für Weibsbilder natürlich mal gar nicht ging.

Der Essay leitet über auf einen offenen Brief des afro-amerikanischen Künstlers Benny Andrews, der diesen Umstand auf schwarze Künstler*innen bezogen wenige Monate später ähnlich klar und wissend formulierte, Hervorhebung von mir:

„What I think most of us know and are hesitant to admit is the fact that in the graphic arts, painting and sculpture, the discrimination against Black people has proven to have pretty much guaranteed that we have not really created anything in a way that makes any of us truly creative. I do not know of anyone Black that as a painter or sculptor is truly creative like say Andy Warhol, Stella, Eakins, [de] Kooning or anyone that we can identify.“

Genau dieser Umstand wird gerne ignoriert: dass Diskriminierung, wenn sie so flächendeckend betrieben wird wie die gegen Frauen, andere Hautfarben als weiß, Behinderungen etc., garantiert, dass diesen Menschen keine gleiche Teilhabe zukommen kann, so sehr sie sich auch anstrengen. Ausnahmen gibt es immer, klar, aber bis wirkliche Gleichberechtigung herrscht – falls das überhaupt jemals zugelassen werden wird –, wird die Kunstwelt weiter weiße Männer bevorzugen, weil sie sichtbarer sind und mehr produieren konnten (sehr vereinfacht formuliert). Ich finde es wichtig, darauf immer wieder hinzuweisen. Auch weil die Vorbildfunktion so wichtig ist – wir brauchen weibliche, queere, nicht-weiße, behinderte Künstler*innen, damit andere in der gleichen Position Vorbilder haben. Hervorhebung von mir:

„Andrews was painfully aware that there were structural impediments not only to the proper recognition of his achievement but to that achievement as such. […] But he also understood that such creativity has never simply been the product of what Nochlin mocked as “an atemporal and mysterious power somehow embedded in the person of the Great Artist.” It is sometimes nurtured, sometimes stymied, always channeled by history and social conditions. And it cannot exist without the unrelenting efforts of a multitude of practitioners producing what Andrews calls “just good and everyday art work.” Artists are made by other artists — by the effects they have on each other, whether through emulation, rivalry, or antagonism—so that the collective mass of respectable efforts enables a few to reach the stars.“

Während ich so das Internet leerlas, klingelte es an der Tür, mehrfach, wie die Post das gerne macht, um darauf hinzuweisen, ja, ich will wirklich zu dir und nicht nur Prospekte ins Treppenhaus werfen. Ich öffnete, bekam ein Paket, das ich nicht bestellt hatte, und durfte mich dann sehr freuen:

Das vertwitterte ich auch sofort: dass ich erst vorgestern darüber gebloggt hatte, dass Spirou in Berlin von Flix in München fast überall ausgeliehen war (da, wo es vorhanden gewesen wäre, war mir der Weg zu weit) und dass ich deshalb andere Comics ausgeliehen hatte. Anscheinend hat das jemand gelesen und sofort auf den Bestellbutton bei Amazon geklickt. Das Paket war leider anonym, deswegen kann ich mich hier nur bei Unbekannt bedanken, aber das mit immer noch vor Freude leuchtenden Öhrchen.

Natürlich begann ich sofort zu lesen – und vertwitterte auch das (der Tweet oben ist der Anfang eines Threads).

Mit dem Sandmännchen kriegt man mich ja immer. Ich erkannte außerdem Lolek und Bolek, den kleinen Maulwurf natürlich und dann dachte ich nicht richtig nach und twitterte was von Schnatterinchen. Das ist aber gar nicht zu sehen, sondern Herr Fuchs und Frau Elster.

Aber Schnatterinchen taucht dann doch noch auf – zusammen mit dem Leipziger Messemännchen, wie ich erfuhr. Den Herren kannte ich vorher noch nicht. Im Panel links daneben sehen wir den kleinen Mirco Watzke aus Mawils Kinderland – das Bild hat, glaube ich, jeder vertwittert, der Spirou schon gelesen hatte.

Über dieses Bild musste ich eher auf der Meta-Ebene lachen. („Und Fritze Hitler hieß er ja wohl nich.“)

Eine Plenzdorf-Referenz?

Nach einer guten Stunde war ich mit dem Band durch. Ich vertwitterte nicht alle Anspielungen oder Sätze/Bilder, die mir besonders gefielen, dann wäre ich aus dem Posten gar nicht mehr rausgekommen. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, und beim zweiten Durchlesen werde ich noch mehr Kleinkram dechiffrieren, da bin ich mir sicher. Nochmal vielen Dank für das Geschenk, von wem auch immer es kam. Ich habe mich sehr gefreut.

Abends in charmanter Gesellschaft im Irmi Tatar gegessen und, wie ich heute morgen merke, das gewisse eine Helle zuviel getrunken. Einziger Kritikpunkt am sonst guten Essen: Warum das Eigelb „halbgegart“ sein sollte (bei mir war’s fast durch) und nicht flüssig, damit man es schön unters Fleisch ziehen kann, habe ich nicht verstanden. Auf jeden Fall ein sehr netter Laden, den ich vorher noch nicht kannte.

Tagebuch Mittwoch, 19. Dezember 2018 – Sinnieren über den „Spiegel“

Die Tücken des täglichen Bloggens, bei dem man immer das Datum vom gestrigen Tag angibt und das mich in den vergangenen Jahren gefühlt über tausendmal aus dem getippten „gestern“ – wenn ich einen Eintrag am Abend des betreffenden Tags vorschreibe – ein „vorgestern“ hat machen lassen, haben auch Vorteile: Ich habe erst gestern (gestern!) gemerkt, dass ich irgendwann im Dezember angefangen habe, das Datum des Blogeintrags, aber nicht das tagesaktuelle an meinem Adventskalender zu öffnen. Weswegen ich gestern (gestern!) zwei Türen leerfuttern konnte.

Den ganzen Tag vor Büchern oder Amazon Primes Videothek rumgehangen; ich bin im House-Rewatch in der sechsten Staffel angekommen. Hat sich gut gehalten, die Serie, ich stolpere aber, wie schon zur Erstausstrahlung, sehr über die vielen, höflich ausgedrückt, politisch unkorrekten Äußerungen der Hauptfigur, die mir damals schon als unangenehm aufstießen und die ich heute als schlicht arschig und betriebsblind empfinde.

Nach 100 Keksdekoriervideos in meiner Facebook-Timeline habe auch ich endlich das Rezept für Royal Icing ergoogelt (ein Eiweiß auf 250 Gramm Puderzucker), anstatt wie sonst üblich einfach aus Zitronensaft und Puderzucker nach Augenmaß Zuckerguss anzurühren. In den Videos kam es mir so vor, als ob die feine Umrisslinie arg schwierig werden würde, das Ausfüllen („flooding“) mit flüssigerem Guss aber babyeinfach.

Nun ja.

Weihnachten, die Freddy-Krüger-Edition.

Was mich den ganzen Tag im Hinterkopf beschäftigte, war die Story im Spiegel, der einen Journalisten entlassen musste, nachdem ein Kollege den Rest der Redaktion darauf aufmerksam gemacht hatte, dass viele Details an dessen Reportagen nicht stimmen bzw. einige vielleicht sogar komplett erfunden worden waren.

Der Redakteur Ullrich Fichtner berichtet in einer langen Reportage – äh, was? – über den Fall:

„An “Jaegers Grenze” wird [der später entlassene Claas] Relotius scheitern. Es ist der eine gefälschte Text zu viel, weil er diesmal einen Co-Autor hat, der seinen “Quatsch” nicht mitmacht, der Alarm schlägt und bald Fakten gegen die Fiktionen sammelt. Juan Moreno ist dieser Co-Autor, seit 2007 als Reporter für den SPIEGEL in aller Welt unterwegs. Im Streit mit und über Relotius riskiert Moreno seinen eigenen Job, zwischenzeitlich recherchiert er dem Kollegen, verzweifelt, auf eigene Kosten hinterher. Drei, vier Wochen lang geht Moreno durch die Hölle, weil Kolleginnen und Vorgesetzte in Hamburg seine Vorwürfe anfangs gar nicht glauben können. Relotius? Ein Fälscher? Der bescheidene Claas? Ausgerechnet?

Es wird im SPIEGEL noch Ende November, Anfang Dezember für möglich gehalten, dass Moreno in diesem Spiel der eigentliche Halunke ist und Relotius das Opfer einer üblen Verleumdung. Geschickt pariert Relotius alle Angriffe, alle gut recherchierten Beweise Morenos. Immer wieder findet er Mittel, Zweifel zu säen, Vorwürfe plausibel zu entkräften, die Wahrheit mit allen Mitteln zu seinen Gunsten zu verdrehen. Bis es irgendwann doch nicht mehr geht. Bis er endgültig nicht mehr schlafen kann, gejagt von der Angst vor Entdeckung. Relotius bricht ein, vergangene Woche, als ihn seine Vorgesetzte Özlem Gezer, Vizechefin des SPIEGEL-Gesellschaftsressorts, zur Rede stellt und ihm auf den Kopf zusagt, dass sie ihm nicht mehr glaubt. Am Donnerstag dann setzt er sich hin mit seinen Ressortleitern, mit einem Chefredakteur, und macht reinen Tisch, oder jedenfalls das, was er dafür hält.“

Das Stück ist sehr lesenswert, weil es recht genau berichtet, was passiert ist. Es macht mich aber trotzdem fassungslos, dass der Spiegel in genau dem gleichen Stil mit Relotius abrechnet, anders kann man das nicht nennen, der dazu geführt hat, dass letzterer munter fabulieren konnte. Das sah meine Timeline gestern ähnlich; die Kulturwissenschaftlerin Hanna Engelmeier schrieb:

„Ein wenig eigentümlich kommt mir vor, daß Fichtner hier diesen Fall als Anlaß nimmt, selbst eine “verdammt gute Geschichte” zu schreiben. Vielleicht hätte eine nüchterne Mitteilung mit den wichtigsten Details auch gereicht. Diese Dauerverwertung ist doch Kern des Problems.“

Der Spiegel hat, ganz internetkompatibel, auch noch eine kurze FAQ online gestellt, falls man sich die Reportage eben nicht durchlesen möchte.

Stefan Niggemeier, der selbst kurz beim Spiegel gearbeitet hat, nahm Fichtners Reportage auseinander. Leider nur hinter einer Paywall, aber schon die Einleitung ist lesenswert, weil sie verdeutlich, dass das Problem hausgemacht ist:

„Als ich für den „Spiegel“ gearbeitet habe, vor sechs, sieben Jahren, hatte das Gesellschaftsressort den Ruf, es im Zweifel nicht zu übertreiben mit der Wahrheitsliebe. Gemeint waren damit sicher keine Fälschungen und Erfindungen, aber Verdichtungen, Zuspitzungen, kreative Freiheiten. Die Unterstellung lautete: Das wichtigste Ziel sei es, die bestmögliche, dichteste, begeisterndste Geschichte zu erzählen, nicht unbedingt die genaueste.

Da war etwa ein Artikel über ein Stadion in Kabul, in dem Ende der neunziger Jahre die Taliban Menschen hinrichteten, und 2012 wieder Fußballspiele stattfanden. Ein Artikel, der den ganzen Wandel des Landes in einen einzigen Ort zu konzentrieren schien.

Die Geschichte hatte den kleinen Haken, dass es sich nicht um dasselbe Feld handelt. Der Ort der Hinrichtungen und der Ort des Fußballspiels sind nicht weit voneinander entfernt und gehören zum selben Komplex. Aber es ist nicht derselbe Platz.

Das wäre ein unwichtiges Detail, wenn der Text nicht genau dieses unwichtige Detail explizit zum zentralen Punkt der Geschichte gemacht hätte, der sie ganz besonders aufregend macht:

„Dasselbe Stadion, dasselbe Feld, gedacht für dasselbe Spiel. Damals Tod, heute unbändiges Leben.“

Blöd, wenn eine Leserin merkt, dass das nicht stimmt. Aber auch dank solcher Verdichtungen werden aus Reportagen im besten Fall Preisreportagen.“

Dazu passend der Tweet der Journalistin Andrea Diener (von ihrem anonymen Account (?), daher kein Link), die gestern auf das alte Zitat von Hans Magnus Enzensberger verwies, nach dem der Spiegel kein Nachrichtenmagazin sei, wie es im hauseigenen Untertitel heißt, sondern ein Story-Magazin:

„Während die Nachricht im allgemeinen für Unterhaltungszwecke ungeeignet und kein Genuß-, sondern ein Orientierungsmittel ist, stellt die Story ganz andere Bedingungen: Sie muß Anfang und Ende haben, sie bedarf einer Handlung und vor allem eines Helden.” Und: “Die Story ist eine degenerierte epische Form; sie fingiert Handlung, Zusammenhang ästhetische Kontinuität. Dementsprechend muss sich ihr Verfasser als Erzähler aufführen, als allgegenwärtiger Dämon, dem nichts verborgen bleibt und der jederzeit, wie nur ein Cervantes ins Herz des Don Quijote, ins Herz seiner Helden blicken kann.”

Genau dieses Storytelling hat mich jahrelang fasziniert. Ich habe den Spiegel in den 80ern und Anfang der 90er Jahre regelmäßig, so ziemlich wöchentlich gelesen. Die Jahrgänge 1989/90 standen ewig in Pappschubern auf dem Dachboden meiner Eltern und durften nicht weggeschmissen werden wegen des historischen Inhalts. Inzwischen weiß ich erstens, dass ich das alles auch in einer Bibliothek nachlesen kann und zweitens, dass auch der Spiegel nur mit Wasser kocht. Als ich Anfang der 2000er Jahre für eine Story über die damals noch neuen Weblogs angefragt wurde, lehnte ich ab, weil ich keine Lust hatte, in genau dieser Erzählweise verwurstet zu werden. Ich unterstellte auch gleich eine gewisse Agenda („diese seltsamen Exhibitionisten im Interweb“) und lehnte mit dieser Unterstellung meine Teilnahme ab. Die damalige Autorin meinte zwar, das seien Vorurteile, aber die erschienene Geschichte hat mich sehr bestätigt. Wir sind hier alle irre und breiten das auch noch groß aus, alles ganz schlimm.

Es war für mich ein einschneidendes Erlebnis zu merken, dass auch der heilige Spiegel von Menschen geschrieben wird, die von ihren Themen manchmal keine Ahnung haben, aber immer eine Agenda. Wenn’s normal läuft, kommen dann Artikel dabei heraus, die sich auch so lesen, wenn’s schlecht läuft, sowas wie die Reportagen von Relotius – dessen Name mir bis gestern übrigens kein Begriff war, weil ich den Spiegel eben nicht mehr lese außer wenn mich Geschichten anspringen wie das Interview mit Okwui Enwezor. Seit einer unglaublich miesen, vorurteilsbelastenen Story über das Dicksein fasse ich auch die Zeit nicht mehr an, well done, dünne Menschen, die Dicke doof finden.

Generell hadere ich seit Jahren mit wöchentlichen Magazinen, die ich ebenso jahrelang genau deswegen gelesen habe: weil sie wöchentlich und damit mit etwas Abstand zum Geschehen erschienen und mir so die Möglichkeit einer Einordnung bieten konnten. Inzwischen bin ich mit einer aktuelleren Tageszeitung besser bedient, auch wenn die natürlich genauso eine Agenda hat; nicht umsonst lesen sich die FAZ und die taz zum gleichen Sachverhalt sehr unterschiedlich. Genau deswegen musste jetzt auch mein FAZ-Abo dran glauben – nach über einem Jahr konservativem Politikteil muss ich mein Hirn mal wieder mit Seife auswaschen und werde auf die Süddeutsche umschwenken, die ich nie durchlesen werde, weil sie viel zu dick ist.

Auf die Beschleunigung im Nachrichtenwesen wies vor Kurzem die sehr gute Doku zur New York Times hin, wo der Chefredakteur sinngemäß meinte: Wenn früher am Vormittag etwas passiert sei, wussten alle, dass man darüber morgen etwas in der Zeitung lesen wird. Heute klickt man sofort ins Internet und erwartet alle 20 Minuten ein Update.

Ich ahne, dass nicht nur die Spiegel-Kultur des Geschichtenerzählens, sondern auch unser Hunger nach immer neuen Geschichten dazu beigetragen hat, dass Dinge verkürzt oder verfälscht werden. Es ärgert mich, dass es Leser*innen sein müssen, die das aufklären, weil es ihnen halt auffällt. Eine der Storys von Relotius über eine Trump-wählende Kleinstadt in den USA widerlegten zwei Bewohner dieser Stadt selbst, angefangen beim Ortsschild am Eingang, das der Reporter schon falsch beschrieb, bis hin zu seltsamen Details, die niemand braucht:

„Perhaps the oddest fiction in a list of many is Relotius’ depiction of Bremseth as someone who “would like to marry soon…but he has not yet been in a serious relationship with a woman. He has also never been to the ocean.”

We can attest that Bremseth has indeed been to the ocean, by his account, “many times” and is currently happily involved in a multi-year, cohabitational relationship with a woman named Amber. In fact, here’s a picture of the two of them in front of, all things, an ocean.“

Stefan Niggemeier verlinkte heute morgen auf den Text „Die Verniedlichung der Welt“ von Claudius Seidl von 2010 über die hübschen Reportagen, die gerne Literatur wären, was auch ein Teil des Problems ist – Journalist*innen, die gerne etwas anderes wären. Auch in Werbeagenturen laufen viele Texter*innen rum, die glauben, dass in ihnen der große Roman des 21. Jahrhunderts schlummert, und ebenso viele Grafiker*innen, die meinen, sie seien Picasso. Vielleicht sollte einfach jede*r wieder seinen Job machen.

„”Eine schöne Geschichte”, so muss man sich das wohl vorstellen, sagt ein Juror zum anderen, wenn sie diese Reportage aus der “Zeit” preisen, über den Serienkiller und den Kommissar, dem der Killer all seine Verbrechen gesteht, die Reportage also, welche im Winter den sogenannten Reporterpreis gewann – und offenbar mag sich keiner eingestehen, dass eine Ästhetik, die alles erklären, begründen, einsortieren kann, eine Ästhetik, die also zugleich alles Unverstandene und Unversöhnte, alles Unerklärliche und Unsagbare ausschließt, eine Ästhetik, in der wirklich jedes Phänomen den Begriff findet, der wie ein Deckel darauf passt, dass so etwas die Ästhetik von bemalten Tellern und selbstgetöpfertem Regalschmuck ist.

So harmlos.

Toll geschrieben, denkt man sich, wenn man das Kanzlerinnenporträt aus dem “Spiegel” liest, das am Freitagabend für den Kisch-Preis nominiert war, und es liest sich ja sehr flüssig bis zu dem Moment, in dem es dem Leser auffällt, dass der Autor sich die Freiheit nimmt, in nahezu jeden Kopf, der im Weg herumsteht, hineinzukriechen und von dort drinnen zu berichten, wie es sich so denkt und fühlt in diesem Kopf. Das, ein äußerst populäres Verfahren in der Preisträger- und Nominiertenprosa der vergangenen fünf, sechs Jahre, sieht auf den ersten Blick so aus wie echte Literatur. Und ist noch nicht einmal seriöser Journalismus. Wenn schon die Schlagzeile “Regierung will Steuern senken” ungenau ist, weil wir Journalisten nicht wissen können, was die Regierung wirklich will; wir wissen nur, was sie sagt, dass sie wolle – dann ist die Behauptung, einer wisse, was ein anderer denke, ein Bluff und eine Hochstapelei. Und wenn es Literatur wäre, dann wäre es trivial. Richtige Literatur versagt es sich, die Gedanken sämtlicher Figuren zu lesen.

Und genau das ist das Problem mit den Preisträgerreportagen: Sie wollen Literatur sein, sie weigern sich aber, das Kleingedruckte zur Kenntnis zu nehmen. Keine Selbstreflexion, kein Bewusstsein davon, dass es jenseits der Sätze das Unsagbare geben könnte, jenseits der Psychologie das Unerklärte. Eine Geschichte hat einen Anfang, und am Schluss laufen alle Stränge des Erzählens wieder zusammen. Ein Abgrund heißt Abgrund, und wer hineinschaut, sieht, wie das Schicksal mit Playmobilfiguren spielt. So ein Preisträgertext geht mit dem Serienkiller zum Kaffeetrinken und mit der Kanzlerin zum Schwimmen im See, und Gedanken, die man lesen kann, tun keinem richtig weh.

Aber weh tun soll es auch nicht. Hauptsache, die Leser gucken betroffen. Oder wenigstens die Juroren von Reportagepreisen.“

Tagebuch Dienstag, 18. Dezember 2018 – Bake the pain away

Füchterlich geschlafen. Mehrfach aus einem unangenehmen Alptraum aufgewacht, der gefühlt sofort wieder einsetzte, als ich wieder eingeschlafen war.

Eigentlich wartete ich seit Montag auf eine Ansage, wie es mit einer Broschüre weitergehen soll, die noch in diesem Jahr gedruckt werden möchte, aber es kam nichts. So saß ich Dienstag morgen zwar brav pünktlich am Schreibtisch, hatte aber nichts zu tun, weswegen ich meinen alljährlichen Jahresrückblickseintrag überarbeitete. Der liegt spätestens ab Mai in meinen Entwürfen und wird das Jahr über ergänzt, ehe ich wieder alles vergesse.

Die Frage nach dem meiner Meinung nach besten Buch des Jahres habe ich vor einigen Jahren unterteilt in Fiktion, Sachbuch und Comic. Für die ersten beiden Kategorien stehen die Sieger schon fest, außer ich finde jetzt noch was völlig Irres, aber mir fiel zum wiederholten Mal unangenehm auf, dass ich in diesem Jahr keinen einzigen Comic gelesen hatte. Spirou in Berlin von Flix liegt zwar auf der Wunschliste, aber irgendwie wollte ich ihn noch nicht kaufen. Gestern fiel mir dann allerdings total schlau ein: Hey, du hast fünf Bibliotheksausweise in deinem Portemonnaie – vielleicht leihst du dir mal wieder was, du Hirn?

Spirou ist in den Zweigstellen der Münchner Stadtbibliothek so gut wie überall ausgeliehen (well done, Munich!), aber ich kannte das große Graphic-Novel-Regal in der Filiale am Gasteig ja, wo immer was steht, was ich noch nicht kenne. U-Bahn zum Bahnhof, Umstieg in die S-Bahn, zwei Rolltreppen rauf, Jacke an der Garderobe abgegeben – ich vergesse immer, ob man für die Schließfächer innen Geld braucht oder nicht, vermutlich, egal, man darf sogar Jacke und Rucksack mit reinnehmen, jedenfalls war das die letzten Male so. Das könnte sich aber geändert haben, denn anscheinend war ich recht lange nicht in der Stadtbibliothek, wie ich beim Ausleihvorgang feststellte, als ich angezeigt bekam, dass mein Benutzerausweis abgelaufen war. Schockschwerenot! Zum Serviceschalter gegangen, zehn Euro bezahlt (ich bekomme auch als Doktorandin noch Studierendenermäßigung, wie man mir freundlich mitteilte) und dann wieder mit dem Ausweis an die Selbstausleihterminals. Von denen bin ich immer wieder beeindruckt, weil sie totale Zauberei sind. Oder mit RFID-Chips arbeiten, was wahrscheinlicher ist. Man hält den Ausweis an den Bildschirm, und sobald man erkannt ist, verbucht das System selbständig alles, was auf dem Tisch vor dem Bildschirm rumliegt. Man muss es nicht mal an irgendwelche Lesegeräte halten, nur ablegen und wie durch Zauberhand (ich bleibe bei dieser Interpretation) erscheinen die Titel auf dem Screen, die man jetzt froh und glücklich nach Hause tragen und für vier Wochen behalten darf.

Ich las gestern schon Ein Sommer am See von Mariko und Jillian Tamaki (Tina Hohl, Übers.), der mir sehr gut gefiel. Ich mochte die Coming-of-age-Geschichte der zwei weiblichen Hauptdarstellerinnen, die im Alter ein paar Jahre auseinanderliegen und so schön den Sprung von der Kindlichkeit zur Teenagerin verdeutlichen, sowohl vom Tonfall als auch von den Zeichnungen her sehr. Auch die Übersetzung ist mir sehr positiv aufgefallen.

Der zweite Comic konnte mich überraschen, wobei ich mich fragte, warum er das konnte: Es geht um eine ältere Dame aus Israel, die nach über 60 Jahren wieder in ihr altes Heimatland Polen zurückreist, um ein Erbe anzutreten, das ihr wegen der NS-Zeit verwehrt geblieben war. Oder auch nicht, das erfährt man im Laufe der Story. Ich habe bisher nur über Reparationsforderungen an Deutschland nachgedacht, aber noch nie an die an andere Länder. Wieder was gelernt. Das Erbe wurde von Rutu Modon geschrieben und gezeichnet (Gundula Schiffer, Übers.), wobei mir die Story besser gefiel als ihre Bebilderung.

Und zack, gleich zwei Anwärter auf die Lücke im Fragebogen erlesen.

Auch nachmittags kam keine Arbeit auf den Tisch, weswegen ich eine Runde aka fünf Bleche Kekse buk. Das übliche Mürbeteigrezept, was immer funktioniert. Gestern anscheinend besonders gut, denn mir schmeckten die Plätzchen (Feingeist F. besteht auf dem Wort „Plätzchen“ für Kekse) auch ohne jede Deko aus Zuckerguss oder Schokolade, wie ich nach fünf dekorierten feststellte.

Mit der zweiten Kanne Tee des Tages aufs Sofa gegangen und weitergelesen, dazu noch ofenwarme Kekse geknabbert.

Abends kam dann F. mit der rituellen Lieferung an heißgeräuchertem Lachs vorbei. Das essen wir seit drei Jahren in der Weihnachtszeit, weil F. einen super Lieferanten hat, der nicht massenhaft produziert, weswegen ich mich immer sehr freue, mitessen zu können. Der Lachs ist recht fest und gut, aber nicht übermäßig gewürzt, zerfällt beim Anschneiden und schmeckt mit Kartoffelgratin fast noch besser als ohne. Da ich gestern trotz einem Kilo verzehrten Keksen noch hungrig war, fiel mir das obligatorische Foto erst beim Essen ein. Dass ich einen dunkleren Teller hätte verwenden sollen, damit das Gelb und das Pink der Speisen besser rauskommt, erst beim Abwaschen.

Das Augsburg-Spiel lief nebenbei auf dem Laptop, aber wir konnten uns trotzdem standesgemäß über alles aufregen. Immerhin einen Punkt aus Berlin mitgenommen, der im Abstiegskampf nicht unwillkommen ist.

Und endlich mal ergoogelt, was überhaupt „heiß geräuchert“ bedeutet.

Gemeinsam eingeschlafen, durch äußerst unangenehme Regelschmerzen wieder wach geworden (also eine von uns beiden). Der Scheiß könnte auch allmählich mal vorbeisein. Je älter ich werde, desto schmerzhafter wird dieses dusselige Rumgeblute. Mit Wärmflasche auf dem Bauch wieder eingeschlafen.

Tagebuch Montag, 17. Dezember 2018 – Kann weg

Den Vormittag über Zeug erledigt (Brot kaufen, Geschenkpapier kaufen, Geschenke einpacken, Geschenke dekorativ unter den Weihnachtsbaum legen, auch wenn sie nicht für mich sind, sieht aber hübsch aus), über Mittag gearbeitet (und mich gefragt, wann in der Agentur, die mich anrief, wohl Mittagspause gemacht wird – anscheinend nicht um 13.30 Uhr), nachmittags dann versumpft. Traurig gewesen, aus Gründen und aus Nicht-Gründen, dann Schrott gegessen, obwohl ich weiß, dass ich dann noch trauriger werde, war gestern egal, erst abends wurde ich dann wütend auf mich, was meistens reicht, damit ich keinen Schrott mehr esse, aber da ging’s mir körperlich schon schlecht genug, also ab ins Bett, den Tag in die Tonne kloppen und sich sicher sein, dass mich heute Essen wieder glücklich machen wird, das anstrengende Ding, das.

Schön, dass ich im vergangenen Jahr nicht so viele solcher Tage hatte. Das zu merken, war dann doch okay.