Montag, 5. Januar 2026 – Gräber

F. nahm mich auf den Nordfriedhof mit, auf dem seine Großeltern bestattet sind. Wir spazierten auf dem ruhigen Areal herum, lasen Inschriften auf Steinen und Stelen und besprachen erstmals, wie unser Grabstein mal aussehen sollte. Das ist ja auch schön, dass man nach über zehn Jahren noch neue Themen findet.

Auf dem Geländeplan entdeckte ich eine Anmerkung, die ich noch nicht kannte: „Auf Münchner Friedhöfen befinden sich Gedenkgräber für die Opfer rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Attentate und Anschläge.“ Auf dem Nordfriedhof ist Guiliano Kollmann bestattet, der 2016 beim, Zitat Geländeplan, „rechtsterroristischen rassistischen Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum“ ermordet wurde. Die Lage des Grabs war als einziges im Plan vermerkt, wir gingen später zufällig daran vorbei. Ebenfalls beim Schlendern entdeckt: das Familiengrab der Defreggers, wo ich den Maler Franz kannte, oder die Gedenkstele von Ernst Mach, auf die mich F. hinwies.

Eigentlich waren wir auf der Suche nach einem anderen Grab, fanden es aber nicht. Auf dem Weg zum Ausgang entdeckte ich allerdings eine weitere Grabstätte, was den Kreis schön schloss in dieser Stadt, in der Rechtsextremismus leider zu lange und zu oft zuhause war und ist.

Paul Ludwig Troost (1878–1934) entwarf die NS-Parteibauten am Königsplatz, also zum einen den sogenannten „Führerbau“, in dem sich Hitlers Arbeitszimmer befand und 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet wurde. Heute ist dort die Musikhochschule untergebracht. Der zweite Bau ist das NS-Verwaltungsgebäude, das heute Haus der Kulturinstitute heißt; unter anderem befindet sich hier das Zentralinstitut für Kunstgeschichte mit seiner wunderbaren Bibliothek. Ich weiß immer, wo ich sitze, wenn ich über den NS forsche. Der dritte von Troost geplante Bau in München ist das Haus der (deutschen) Kunst.

Seine Frau Gerdy (1904–2003) übernahm nach Ludwigs frühen Tod sein Architekturbüro und auch Funktionen im NS-Staat. Sie gab 1938 das zweibändige Werk Das Bauen im Neuen Reich heraus, in dessen Neuauflage 1942 sie auch über die neuen Reichsautobahnen schrieb. Daher zitierte ich sie natürlich in meiner Diss. Eine Kostprobe von vielen, die belegen, dass die ollen Straßen nicht nur olle Straßen waren:

„Über Weichsel, Warthe und Rhein greifen die Reichsautobahnen hinüber in alte deutsche Kulturlandschaften, die von den Kriegsentscheidungen ins Reich zurückgeführt wurden. Der Gedanke, Tore nach Osten und Westen, Tore in die große deutsche Heimat öffnen, hat in den Entwürfen für die großen Strombrücken sinnvoll Gestalt gewonnen. Mit symbolischer Macht sprechen diese Brücken von der glückhaften Vollendung Deutschlands, dessen Lebensadern sie hinüberleiten in das heimgekehrte Land.“

(Quelle: Gerdy Troost: Das Bauen im Neuen Reich, 2 Bd., Bayreuth 1942, Bd. 2, S. 6.)