Eventuell thailändische Panang-Currypaste

Ich koche jetzt seit gut zehn Jahren. Davor konnte ich Bratkartoffeln und Spaghetti, inzwischen ist das Repertoire etwas größer und vielfältiger geworden. Relativ früh auf meiner Entdeckungsreise stieß ich auf Ottolenghi und war daher lange der Meinung, seine Küche – also die Ecke Libanon und Israel – wäre genau meine. Mit asiatischer Küche – um mal einen ganzen Kontinent unfair in einen, haha, Topf zu werfen – fremdelte ich etwas, keine Ahnung warum. Meine Eindrücke waren: alles zu scharf und viel zu kompliziert. Obwohl ich bei meiner einzigen Asienreise nach China Ende der 1990er-Jahre alles fantastisch fand, was ich aß. Komischerweise dauerte es bis zur diesjährigen Masterchef-Australia-Staffel, bis mich ein Gericht dazu verführte, lustige Zutaten zu kaufen, die ich bisher noch nie verwendet hatte. Seitdem werfe ich dauernd Chili-Öl in Dinge und möchte ganz dringend weitere unbekannte oder von mir bisher wenig genutzte Lebensmittel kaufen, vor allem weil meine Küche auf einmal ganz anders duftet als bei Ottolenghi-Rezepten (oder Bratkartoffeln. Nichts gegen Bratkartoffeln!). Und als letzte oder vorletzte Woche ein Curry hergestellt wurde, wollte ich auf einmal eine Paste selbst zubereiten anstatt wie sonst das Supermarkt-Gläschen aufzuschrauben. Ich ahne, dass diese Fertigpasten jetzt für mich Geschichte sind, auch wenn ich nicht alle untenstehenden Zutaten bekommen habe. Das war schon unverarbeitet im Zerkleinerer alles so frisch und aromatisch, dass ich es eigentlich nur riechen und bewundern wollte. Ist dann aber doch in der Pfanne gelandet. Memo to me: brauche jetzt einen Wok.

Das Rezept ist wie erwähnt von Masterchef Australia (Seite vermutlich nur per VPN erreichbar). Der kochende Herr warf Aubergine und Kürbis in den Topf, bei mir waren es Tofu, Bohnen, Brokkoli und Zucchini.

Für zwei gute Portionen

8 lange rote Chilischoten, grob gehackt,
2 Birds-Eye-Chilis,
1/2 TL gemahlenen Kreuzkümmel,
1 TL gemahlenen Koriander,
1 Stange Zitronengras, grob gehackt,
1 daumengroßes Stück Ingwer, grob gehackt,
die Schale einer Thailimette (bei mir eine gewöhnliche Limette),
2 Thailimettenblätter, fein gehackt (hatte ich nicht),
3 Korianderwurzeln (bei mir 5 Stengel Koriander mit allem),
5 geschälte Knoblauchzehen,
3 Schalotten, grob gehackt,
1/4 Cup Erdnüsse (eine Kinderhand voll) und
4 EL Rapsöl (bei mir Erdnuss) in einen Zerkleinerer geben und alles zu einer Paste hacken. Bei mir war dazu auch noch ein Pürierstab nötig. Ideal wäre ein Mörser, aber meiner ist zu klein für den Berg Zeug. Memo to me: brauche größeren Mörser.

In einem Wok oder einer tiefen Pfanne
1 EL neutrales Öl erwärmen und die Paste bei mittlerer Hitze anbräunen. Im Original heißt es „caramelize, but not burn“, hm, und es wurden 10 bis 12 Minuten erwähnt. Damit kann ich was anfangen. Das duftet übrigens alles ganz hervorragend beim nicht-burnen.

Wenn eure Paste euch richtig vorkommt, das Gemüse dazuwerfen, möglichst nach Garpunkt sortiert. Ich hatte die Bohnen schon halb vorgekocht, der Rest war roh. Alles rein damit, umrühren, damit alles was abkriegt und nun
400 ml Kokosmilch dazugeben. Einmal aufkochen, dann simmern lassen, bis euch die Konsistenz gefällt und das Gemüse durch ist. Mit
1 TL Tamarindenpaste,
1 EL Fischsauce und
1 TL braunem Zucker abschmecken. Mit ordentlich
Thai-Basilikum (bei mir Koriander) servieren.

Dazu gab’s mir bei noch Zitronengras-Reis: Eine Stange Zitronengras mit in den Reistopf geben, normal kochen, fertig ist der Duftreis. Das ganze ist, würde ich als Neu-Asiatisch-Kochende, eher europäisch-scharf. Man merkt die Schärfe eher hinten im Rachen als gleich vorne auf den Lippen, wo alles harmlos-süßlich daherkommt. Aber ich fand sie sehr angenehm.

Tagebuch Donnerstag, 18. Juni 2020 – Weil ich’s kann

Von 8 Uhr morgens bis 19.30 Uhr abends am Schreibtisch gesessen, nichts gekocht außer zwei Kannen Tee, durchgetippt und korrigiert. Die Feedback-Mail meines Doktorvaters hatte mir einen kleinen Curveball geschmissen, denn eine seiner Anmerkungen war sinngemäß: Sie haben da „akribisch“ (Zitat) Archiv- und Quellenarbeit betrieben – wieso sollte man das für diesen Maler tun? Was ist der Grund für die Beschäftigung mit ihm? Und ehrlich gesagt fiel mir tagelang dazu nichts ein außer: weil ich’s kann. Ich kann mich nach fast drei Jahren nicht mehr wirklich daran erinnern, warum genau mich dieses eine Werk von diesem einen Maler, über den es keine Forschung gibt, so interessiert hat außer: Über den gibt’s keine Forschung.

Also wurde aus „[Dokumentname] final“ doch noch „[Dokumentname] final 2“, verdammte Axt, weil ich beim Schreiben ein paar Gedanken einfließen ließ. Um halb acht brauchte ich aber dringend Balkonsalat und Käsebrot, und während ich das bei zwei Folgen „Dead to me“ verspeiste, fielen mir noch weitere Dinge ein, und ich ging um 20.30 Uhr wieder an den Rechner. Dann war ich halbwegs zufrieden, aber seit gestern nagt an mir das Gefühl, den 300 Seiten starken Mittelteil durch ein halbgares Fazit-Kapitel zu ruinieren.

Ich lasse das mal übers Wochenende liegen.

Tagebuch Montag bis Mittwoch, 15. bis 17. Juni 2020 – Endspurt durch die Archive

München. Regen. Die Frisur hält … wenn man eine Regenjacke mit Kapuze hat. Mit dem Fahrrad ins ZI gerollt, dort die vorletzten fünf Kilo Bücher an den Platz geschleppt, Fußnoten korrigiert, Dinge nachgeschaut.

Mittags in der Zwangspause, damit lustig desinfiziert werden konnte, in die Stabi geradelt, wo mittags nicht lustig desinfiziert wird, ordentlich nass geworden, aber in anderthalb Stunden wieder getrocknet. Riesige Zeitschriftenbände mit dem Wägelchen durch den halbleeren, weil halb gesperrten Lesesaal gerollt, Dinge nachgeschaut. Dann mit einer Filmrolle in der Hand zum Raum gegangen, wo sonst die Filme angeschaut werden konnten, um festzustellen: Da geht nichts mehr. Momentan nur noch beim externen Anbieter für Kopien und Scans und Zeug möglich, derzeit in der Halle draußen. Hm. Dort bekam ich Einmalhandschuhe, um das Gerät zu bedienen, was sogar elektrisch die Filmrolle vorspulte, was mich freute, denn ich weiß nie, wie das mechanisch funktioniert und mache mich bei Filmen immer zum Deppen in der Bibliothek. Nachgeschaut, was ich wissen wollte, Film abgegeben, trocken aufs Rad gesetzt und am ZI wieder nass angekommen.

Dort die letzten fünf Kilo Bücher an den Platz geschleppt, Fußnoten korrigiert, Dinge nachgeschaut. Alles, was ich im ZI noch auf Papier nachgucken wollte, ist abgearbeitet, genau wie die Stabi. Nun nutzte ich den tollen Datenbankzugang zu Artprice, um Verkaufspreise für Werke meiner ganzen Autobahnmaler nachzuschauen, falls sie heute überhaupt noch gehandelt werden. Das war spannend.

Völlig ausgehungert um kurz nach 16 Uhr viel Zeug in Pfannen und Töpfe geworfen und auf dem Sofa genossen. Den Rest des Tages den Kopf ausgemacht, da ging auch nicht mehr viel, und ich musste eh früh ins Bett.

Dienstag verließ mein Zug – MEIN ZUG! – um 7.17 Uhr München in Richtung Nürnberg, wo ich ein letztes Mal in den Nachlass gucken wollte. Ein bisschen wehmütig war ich, ein bisschen vorfreudig – und als das Wägelchen vor mir stand und eine neue Liste vor mir lag, die ich noch nicht kannte, ein bisschen panisch. Denn, wer hätte es ahnen können: Das Kunstarchiv hatte in der Zeit zwischen meinem letzten Besuch (irgendwann im Sommer 2019) und jetzt den bisher ungeordneten Nachlass einen Hauch geordnet. Deswegen gab es jetzt ein Findmittel aka zwei Seiten mit Karton- bzw. Mappennummern und Signaturen. Woraufhin ich dachte, ich müsste 300 Seiten Fußnoten ändern, weil meine Quellenangaben nun nicht mehr stimmen.

Ich sah allerdings freudig nach ein bisschen hektisch Rumatmen, dass meine von mir liebevoll händisch auf die Kartons gemalten Nummern übernommen wurden. Das hatte ich vor zwei Jahren erledigt, um für mich eine Liste zu erstellen, was überhaupt alles in den Kartons drin ist. Teilweise waren diese Nummern jetzt noch in Signaturen unterteilt worden, das hielt sich aber alles in Grenzen.

Ich war also zuerst damit beschäftigt, traurig zu sein, dann panisch – und als ich dann alles, was ich fotografieren wollte, weil es beim ersten Mal nicht so gut geworden war und mein Doktorvater ja was erkennen soll im Abbildungsverzeichnis, fotografiert hatte, war ich wieder traurig. Irgendwie war ich erleichtert, dass ich durch war, aber gleichzeitig war das der größte Abschied. Ich habe zwar nur viermal durch den ganzen Berg gewühlt, aber vor allem im letzten Jahr halt sehr gründlich. Das war irgendwie „meins“, und jetzt, wo der Kram Signaturen hat und schicke Fotomappen, wo letztes Mal alles ungeordnet rumlag, fühlte sich das an, als wollte mir jemand mein Spielzeug wegnehmen. Oder als ob jemand in mein Revier eingedrungen ist, in dem doch bisher nur ich rumlief. Ganz seltsames Gefühl.

Den Rest des Tages war ich dann auch eher komisch drauf, schon auf der Rückfahrt las ich nicht und hörte keine Musik, sondern starrte nur aus dem Fenster und versuchte, flach zu atmen, weil Zug und Menschen. Abends brav die Corona-App geladen, aber weiterhin traurig gewesen. Jetzt ist es wirklich nicht mehr mein Spielzeug, jetzt gehört der Nachlass wieder allen, und sobald die Diss veröffentlich ist (nächstes Jahr?), habe ich alles aus der Hand gegeben, woran ich seit Jahren so emsig rumzuppele.

Gestern war dann wieder Fahrradfahren angesagt bei anständigen Temperaturen (fuffzehn Grad, genau meins) und keinem Regen. Auf mich wartete ebenfalls zum letzten Mal das Archiv des Deutschen Museums, wo ich nach dem ersten Besuch doch noch ein paar Signaturen einsehen wollte, kann ja nicht schaden. Ich fand nur sehr wenig, aber: Ich hatte auf einmal beim Blättern ein Schreiben von August Horch in der Hand. Das war für mich, die jahrelang Audi-Kataloge geschrieben hat, durchaus etwas Besonderes. Ich kann gar nicht beschreiben, warum eigentlich – es war ein bisschen so, als ob man einen Star trifft, den man ewig angehimmelt hat und über den man eigentlich längst weg ist, aber dann steht er plötzlich beim Bäcker vor dir und du merkst, da ist doch noch viel Zuneigung.

Den Rest des Tages (das ist meine Standardformulierung für diesen Blogeintrag) saß ich am heimischen Schreibtisch, korrigierte die Jahre 1940 bis 1942 und war’s zufrieden. Nicht mehr so traurig wie Dienstag, nur weiterhin komisch.

Vor mir liegt noch einmal die Bibliothek des Deutschen Museums, einmal das Depot der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (TOTAL AUFGEREGT!), einmal die Bibliothek in der Neuen Pinakothek (KENN ICH AUCH NOCH NICHT) und ein allerletztes Mal Stadtarchiv. Dann hätte ich gerne noch einen gültigen Personalausweis, den ich kopieren kann, denn das hätte das Prüfungsamt gerne, dann melde ich mich bis spätetens nächsten Donnerstag zur Abgabe der Diss an, schreibe sie hoffentlich bis Ende Juni fertig und das war’s dann. Werde wohl noch zwei Wochen komisch drauf sein.

Was schön war, Sonntag, 14. Juni 2020 – Repeat und geh weg

Korrektur gelesen, Tee getrunken, Käse gegessen. Lesen Sie einfach den Samstag-Eintrag nochmal, da steht alles drin. Nur dass ich gestern die Jahre 1938 und 1939 finalisierte (finalisierte, haha) und wir in der Küche essen mussten, weil Regen. Außerdem erstes Feedback auf Probeseiten und Inhaltsverzeichnis vom Doktorvater erhalten: „Das macht einen wirklich sehr soliden Eindruck.“ Ich klopfe mir mal kurz selbst auf die Schulter.

Außerdem hat er mich auf fehlende Punkte am Ende zweier Fußnoten aufmerksam gemacht, die ich, Schande! auch beim letzten Korrekturgang übersehen hatte. Ich sag doch, dem Mann entgeht nix.

Gestern erstmals nach dem Neustart der Bundesliga das Spiel nach 20 Minuten abgebrochen. Als Stream, der mir irgendwie vor die Füße fiel, erwischte ich BT Sport. Diese Irren entblödeten sich nicht, künstlichen Publikumston aus der Konserve über das Spiel zu legen, das deutlich sichtbar vor leeren Rängen stattfand. Die spanische Liga blendet sogar digitales Publikum ein, damit sich ja auch alles so anfühlt wie immer. Was es aber nun mal nicht tut, und deswegen finde ich diese Maßnahme nicht nur peinlich, sondern ich fühle mich als jemand, der normalerweise alle zwei Wochen im Stadion ist und persönlich für einen Hauch Support sorgt, total verarscht. Wenn die Ligen glauben, ganz auf das nervige Publikum verzichten zu können, dann muss ich euch mein Geld auch nicht mehr geben.

So weit ist es noch nicht, ich hoffe, dass wir vielleicht 2022 wieder live zuschauen können, aber die gestrige Übertragung hat mich doch etwas verstört. Da sitzt anscheinend wirklich jemand live und betätigt wie Stefan Raab Knöpfchen mit der richtigen Atmo. Es gab Pfiffe bei Fouls, als Augsburg das einzige Tor gelang, hörte ich die Anfeuerungsrufe, die ich aus der Kurve in der WWK-Arena kenne, und als konstanter Dauerton waren irgendwelche unidentifizierbaren Gesänge zu hören. Als ein Augsburger fies mit einem Mainzer zusammenstieß und letzter behandelt werden musste, wurde der Ton kurz ausgedreht, aber als die Sanis den Spieler dann vom Feld trugen, erklang wirklich Applaus aus der Dose, wie im Stadion auch. Das ist clever, aber ich fand es total abstoßend, schaltete ab und wollte auch keinen neuen Stream suchen.

Mies geschlafen; geträumt, jemand anders hätte die Werke schon längst gefunden, auf deren Fund ich so stolz bin und ich mache mich jetzt in der Diss total zum Affen, so nach dem Motto, kennen wir doch längst, leg dich wieder hin. Kurz-vor-Abgabe-Panik, irgendwas richtig Wichtiges übersehen zu haben.

Was schön war, Samstag, 13. Juni 2020 – Gerne gelesen

Um Punkt 8 eingekaufen gewesen, dann Tee gekocht und an den Schreibtisch gegangen. Mal langsam anfangen, irgendwann halt frühstücken.

Sieben Stunden lang das 50-seitige Kapitel zu 1936 korrigiert, das ist das längste in der Arbeit. Literaturangaben überprüft, alle Fußnoten nochmal angeguckt, noch ein paar Bilder eingefügt (das war so klar), dementsprechend das Abbildungsverzeichnis nochmal angefasst, das eigentlich seit zwei Wochen in Stein gemeißelt ist und an dem ich seit zwei Wochen immer wieder rumfummele, alles nochmal mit dem strengen Blick der Lektorin gelesen: „Brauche ich diesen Satz wirklich? Kann ich das Zitat kürzen? Ist dieser ganze Absatz zielführend für mein Forschungsanliegen? Na gut, dann lass das so.“ Sehr wenig korrigiert, noch ein paar Geistesblitze eingefügt, die ich mir neuerdings beim Einschlafen per Handymail schicke, sehr zufrieden gewesen.

Um 15 Uhr eine Packung Ramen in scharf zubereitet und mich dazu beglückwünscht, das günstige Fertigzeug gekauft zu haben. Während das Wasser kochte und danach die Nudeln drei Minuten badeten, bastelte ich Möhrenstreifen, briet ein Ei, hackte eine Frühlingszwiebel, schnitt ein bisschen Zucchini in Viertelscheibchen, schraubte das Glas mit den Bambussprossen auf und öffnete mein selbstgemachtes Chili-Öl, das ich seit meiner Dan-Dan-Sucht immer parat habe. Ich warf alles zusammen und hatte eine Riesenschüssel hervorragendes Frühstück.

Drei Stunden lang das Kapitel zu 1937 korrigiert, siehe oben, aber keine Bilder mehr eingefügt, wo-hoo! Feierabend um 19 Uhr, F. Bescheid gesagt, dass ich jetzt Feierabend mache, woraufhin der Mann drei Kilo Käse vorbeibrachte und ich ein bisschen Quittengelee dazulegte. Nächstes Mal schneide ich das appetitlich klein, aber mein Kopf war gestern zu erledigt für alles.

Wir öffneten einen kleinen Champagner weil warum nicht und genossen den sehr warmen Sommerabend, der für München vorerst der letzte sein wird, die ganze nächste Woche wird das vermutlich nix mit Balkon. Daher mussten wir irgendwann auch noch einen Rotwein aufmachen, es hilft ja nichts.

Die sechs Sorten Bergkäse (plus ein Pfund der besten Butter, die ich je aß) hatte F. am Freitag aus Kempten angeschleppt, und wenn ihr da wohnt, dann geht doch dringend mal bei Jamei vorbei und kauft auch drei Kilo. Wir kannten den Käse aus unserem Lieblingsrestaurant, dem Broeding, und neuerdings wird er auch im 3-Sterne-Atelier serviert, wie Jan Hartwig auf Insta erzählte. Und wenn ihr nicht in Kempten, aber in Freiburg, Münster, Murnau oder Hamburg wohnt, dann könnt ihr dieses herrliche Zeug auch bei euch vor Ort erwerben. Macht das mal. Lohnt sich wirklich. Meine persönlichen Lieblinge sind der Jamai (15 Monate) und der Bergmatt (18 Monate). Außer Konkurrenz: Mängisch (30 Monate). Das nächste Mal testen wir den Emmentaler.

Gemeinsam eingeschlafen. Ganz hervorragender Tag.

Was schön war, Montag bis Freitag, 8. bis 12. Juni 2020 – Besser als Sex

Am Montag saß ich erstmals im Archiv des Deutschen Museums. Sonst gehe ich da nur in die Bibliothek, biege also am Eingang morgenmüde und vorfreudig gleich hinter dem Eingang nach rechts ab (nach Anmelden, Zeug wegschließen, Maskensitz überprüfen, nochmal die Händchen desinfizieren, Sie wissen schon). Dieses Mal wurde ich vom Pförtnerhäuschen abgeholt, weil ich nicht wusste, wo es langging. Die zwei Treppen nach oben hätte ich vermutlich auch alleine gefunden, aber hey, Service! Das ging auch gleich so weiter: Wo man sonst einfach mit den Akten allein gelassen wird, bekam ich hier eine kleine Einführung – nur mit Bleistift schreiben – „Ich hole Ihnen mal einen“ –, die Ordnung der Dokumente nicht verändern, auch wenn sie gut gemeint ist, die Lose-Blatt-Sammlungen möglichst wieder bündig in die Schachtel legen etc. Kenne ich alles, mache ich auch immer (bloß den Bleistift vergesse ich immer und notiere, wenn es sein muss, dann mit meinem fiesem Tintenroller möglichst weit weg vom Tisch in mein Notizbuch, SORRY! und gucke danach auch, ob kein Schmodder an meinen Händen ist), aber anscheinend sehe ich mit meiner hellblauen Blümchenmaske so aus, als wüsste ich nicht, wie man sich im Archiv zu verhalten hat. Egal, Service! Aber das tollste waren die kleinen Papierstreifen, die mir überreicht wurden, auf denen man sich die Signatur notieren kann, wenn man Dokumente fotografiert, die man hier netterweise fotografieren durfte. Wie toll! Sonst habe ich dafür immer mein Notizbuch geschreddert oder halt alles gleich in die Fußnoten getippt in der Hoffnung, nichts zu vergessen, aber das ist doch mal eine clevere Idee. Top Archiv, gerne wieder.

Und nebenbei viel gefunden, wenn auch nicht alles, aber die Diss ist wirklich lang genug.

Der Weg morgens in Richtung Museum war beim Radeln schon schön, zurück ist es noch schöner, weil es da direkt an der Isar ein bisschen bergab geht. Mein Rad hat nur acht Gänge und ich hätte gerne elf gehabt. Herrlich!

Montag nachmittag war dann nicht ganz so herrlich, da kam ein kleines Hindernis auf dem Weg zum Diss Bliss, aber das habe ich inzwischen veratmet. Abends gemeinsam eingeschlafen und dabei gemerkt, dass wir beide unseren fünfjährigen Jahrestag verpennt haben.

Dienstag musste ich weiterhin Dinge veratmen und dabei Kuchen backen. Merke: Wenn du irgendwas mit „torched meringue“ machen willst, guck vorher, ob deine Torch noch funktioniert bzw. du eine Ersatzpatrone im Haus hast. Aber die Meringue war eh nicht glossy wie geplant sondern eher brockig, passte also alles in seiner Nicht-Funktion. Lemon Curd und Biskuit waren aber gut.

Mittwoch nichts mehr veratmet, sondern ins Bällebad geradelt. Im ZI meine vierseitige To-Do-Liste weiter abgearbeitet, die Stand gestern abend nur noch gut zwei Seiten umfasst. Das war ein sehr anderes Arbeiten als ich es jahrelang gewöhnt war. Anstatt mir gemütlich acht Kilo Bücher an den Platz zu holen und entspannt zu lesen, rannte ich hier mit meiner ausgedruckten Liste, auf der die Signaturen stehen, durchs Haus, sammelte, rief die betreffende Seite im Dokument auf, korrigierte, nahm das nächste Buch, arbeitete den Stapel ab und rannte wieder los, um einen neuen Stapel zu holen. Meistens geht es nur um Flüchtigkeitsfehler wie fehlende Seitenzahlen oder eine Schreibweise überprüfen oder irgendeinen komischen Bezug in einem Zitat checken, das ich beim Korrigieren seltsam gekürzt und damit gefühlt sinnentstellend umformuliert habe. Richtig lesen muss ich nichts mehr oder nur wenig, das kommt nächste und übernächste Woche als quasi finaler Schritt.

In der Zwangsmittagspause zu Suckfüll gefahren, dem besten Laden aller Zeiten, weil der einfach alles hat. Meine auf der Fensterbank gezogenen Tomaten brauchten größere Töpfe und langsam auch mal längere Stangen als meine Essstäbchen, an die ich sie anbinden könnte. Normalerweise fahre ich für sowas ins Gartencenter, aber ich will gerade keine Öffis nutzen. Also Suckfüll. Von dort erstand ich drei Kunststofftöpfe, die bequem auf den Gepäckträger passten und drei Bambusstangen, die ich gnadenlos einen Meter oben aus meinem Rucksack gucken ließ. Damit fühlte ich mich wie eine amerikanische Ur-Einwohnerin mit Pfeilköcher und Bogen auf dem Rücken. Vielleicht sollte ich mal Bogenschießen ausprobieren. Für eine hibbelige Brillenträgerin bestimmt genau die richtige Sportart.

Donnerstag war in Bayern mal wieder Feiertag, daher saß ich den ganzen Tag am Schreibtisch und begann die jetzt aber wirklich letzte Korrekturschleife. Alles bis 1933 ist jetzt fertig, final, da fehlt nix mehr, das lass ich jetzt so.

Abends hatte ich einen Tweet in meiner Timeline, der meinen Geisteszustand gerade sehr gut beschreibt:

Ich denke zwar, meist beim Einschlafen, dass ich gerade erst an der Oberfläche meines Stoffs kratze und eigentlich noch ein Jahr daran weiterschreiben sollte, aber jetzt, beim vierten Korrekturgang und nach ungefähr anderthalb Jahren Durchschreiben dachte ich nach dem Lesen der Einleitung zu NS-Kunst, den Autobahnen und der Autobahnmalerei: Das ist gut. Das ist wirklich gut. Das hatte ich zu Uni-Zeiten selten.

Gestern wieder Bällebad, Liste abarbeiten, den Doktorvater auf der Treppe der Bibliothek getroffen, der natürlich ins Büro wollte – „Heute ist mein letzter Urlaubstag“ – ach, Vati –, den Rest des Tages am heimischen Schreibtisch weitergearbeitet, mich bis Ende 1935 durchgekämpft und auch da gedacht: Das ist gut.

Feierabend auf dem Balkon und lauter neue Follower auf Instagram, weil Herr @nilzenburger ihnen in einer seiner Storys gesagt hatte, wenn man mich liest, möchte man wieder studieren.

Möchte ich auch, Hase. Möchte ich auch.

Was schön war, Montag, 8. Juni 2020 – Archiv des Deutschen Museums

Dazu könnte ich jetzt schön was erzählen, weil’s schön war im schönen Archiv mit schönen Schriftstücken, aber ich habe da aus totaler Verpeiltheit ein kleines Böckchen in der Diss geschossen, auf das ich ja schon die ganze Zeit warte. Das lief alles zu reibungslos. Deswegen brauche ich meinen Kopf mal kurz für was anderes als fürs Bloggen. (Alles gut.)

Was schön war, Sonntag, 7. Juni 2020 – Menschen und Maschinen

An der Diss gesessen (bald haben wir das Thema alle hinter uns, wo-hoo!). Fußball geguckt bzw. eine Halbzeit nur damit beschäftigt gewesen, einen Stream zu finden (kein Sky, kein Prime, ich hab nix mehr) und mich trotzdem über das Spiel aufgeregt. Was mache ich hier eigentlich. Aber es gab ja noch die letzten zwei Folgen von „The Circle“, die mir aber etwas zu langatmig waren, und dann fing ich die neue Staffel von „Queer Eye“ an und das war schön. (Okay, Netflix hab ich noch.)

Zum Mittag den restlichen Tofu mit Gemüse und der Sesamsauce und dem Chili-Öl von vorgestern aufgewärmt und aus dem restlichen Teig neue Nudeln geschnitzt. Zum Abendessen dann die Reste der aufgewärmten Reste kalt gegessen. Hervorragende Mahlzeitenplanung.

Eine schöne Mail eines hilfreichen Menschen bekommen, mit F. per DM kommuniziert, auf Twitter gemerkt, dass man nicht alleine ist.

Ich liebe meine Geschirrspülmaschine.

Was schön war, Samstag, 6. Juni 2020 – Wieder im Flow

Keine Atempause, die Diss wird jetzt gemacht, es geht voran!

(Sorry.)

Ich weiß, dass die Kapitel von 1933 bis 1937 die längsten und detailreichsten sind, deswegen dauerte das Freitag auch so irre lange, sich da durchzukämpfen und auf meiner To-Do-Liste zu notieren, was noch to do ist. Es überraschte mich aber doch, wie schnell dann gestern 1938 bis letzter Satz der Arbeit gingen. Da ist wirklich nicht mehr so irre viel zu tun, yay! Die Arbeitsbröckchen verteilen sich auf das Kunstarchiv in Nürnberg (bisher einen Tag gebucht, ich ahne, dass ich noch einen weiteren brauchen werde), das ZI (da rechne ich optimistisch mit drei bis vier Tagen), ein paar Bücher gibt’s nur in der Stabi, dann muss ich nochmal in die Bibliothek des Deutschen Museums und für einen winzigen Kapitelabschnitt ins Archiv desselben, und da bin ich morgen, Vorfreude! Und dann ist das Ding durch. Ich gucke gerade selbst erstaunt, während ich den Satz tippe.

Fürs Mittagsmüsli (nur Cold Brew gefrühstückt) wollte ich mir einen Apfel schälen, dont @ me, und stellte verwirrt fest, dass mein Sparschäler nicht neben den anderen kleinen Messern in seinem Glas stand. Zufällig in ein anderes Behältnis nebenan gerutscht? Nope. Im Geschirrspüler vergessen? Nope. Hm. Wann habe ich den denn das letzte Mal benutzt? Ach, vor ein paar Tagen zum Kartoffelschälen. Und die Schalen habe ich dann in den Müll geworfen, den ich vorgestern zu faul war runterzubringen. … … Ein erneuter Beleg, dass Faulheit super ist, denn mein Sparschäler lag in der Mülltüte. Keine weiteren Kommentare über den Duft, den ich dafür in Kauf nahm, dieses 2-Euro-Gerät wiederzukriegen.

Wie ich auf Twitter lernte, sind Sparschäler die Dinge, die mit am meisten weggeschmissen werden, weswegen sie aus eher günstigen Materialien gefertigt werden. Manchmal ist die Welt doch ein bisschen schlau.

So schön im Flow gewesen, dass mir Fußball egal war.

Abends nach nur einer Woche erneut Dan-Dan-Nudeln gemacht, weil so gut! SO GUT! Dieses Mal mit Tofu statt mit Hack. War auch gut, die Sauce kleistert eh alles zu, aber ich gebe zu, Hackfleisch esse ich schon sehr gern. Das Gemüse war gestern nur roh, einfach hauchdünn gehobelte Zucchini- und Möhrenscheibchen plus ein paar Paprikastreifen und ordentlich Koriander. Was ich beim nun dritten Zubereiten der Nudeln gelernt habe: Die können vor dem Wasserbad ruhig zusammenkleben, die entknäulen sich sofort, sobald sie im Topf landen. Hallo, italienische Eierdiven. Mal ein Beispiel daran nehmen.

Den Feierabend mit drei Folgen von „The Circle“ genossen, einer Netflix-Sendung, in der ein paar Leute in einem Wohnblock eine Woche (?) zusammenleben, sich aber nur über ein Social-Media-System namens „The Circle“ kennenlernen. Aka über Praktikanten, die ihre Spracheingaben abtippen und statt kiki immer keykey schreiben. Ich war fest davon überzeugt, die Sendung total albern zu finden, bin jetzt aber doch sehr fasziniert davon. Alleine für den Satz „So Adam who is really married cat-lover Alex is going on a romantic first date with Rebecca who is really a guy named Seaburn posing as his girlfriend“ hat es sich gelohnt. Als kleiner Lerneffekt nebenbei, obwohl wir Interwebfredels das ja eigentlich wissen: Auch Beziehungen über einen Bildschirm sind Beziehungen.

Lache seit vorgestern über diesen Tweet because it’s true. Ich höre DLF immer im Bad und meist erst ab 22 Uhr irgendwann, wenn ich mich fürs Bett fertigmache, aber wenn ich mal vorher reinklicke, habe ich auch gerne ein Fragezeichen im Gesicht.

Tagebuch Freitag, 5. Juni 2020 – Nicht im Flow

War ja klar: Einen Tag läuft’s, am nächsten ist mein Kopf im Eichhörnchenmodus. Den Vormittag zwang ich mich, am Schreibtisch zu bleiben, statt spätem Mittagessen putze ich meine Wohnung, dann ist das auch erledigt, danach hielt die Selbstdisziplin noch für ein paar Stündchen, aber wo ich sonst immer brav bis zum Kapitelende schreibe, korrigiere oder rumfummele, hatte ich dieses Mal wirklich, wirklich keine Lust mehr auf diese. verdammten. Autobahnen. Der Punkt ist anscheinend überschritten, an dem ich gerührt auf mein Werk schaue und es liebevoll in die Welt entlassen möchte – jetzt geht’s mir nur noch auf die Nerven, und ich will, dass es endlich auszieht, alles besenrein aufräumt und den Müll mit runternimmt.

Aber vorher muss ich noch ein paar zusätzliche Abbildungenngrpmpffft. Der nächste Bachelor wird in Geschichte gemacht, da saßen die Leute größtenteils ohne Powerpoint vorne und lasen dem Kurs ihr Referat vom Blatt vor. Alles ohne Bilder. Das wird super.

Aber: Meine Damen und Herren, ich habe geerntet. Nicht nur so lausige Kräuter, nein, ich habe gestern den ersten Salat aus dem Balkonkasten gepflückt. Und mit einem Hauch Olivenöl, Zitronensaft und Salz war es natürlich der beste Salat der Welt.

Ich habe Nahrungsmittel entstehen lassen! ICH BIN GOTT!

Gott, die neidisch auf die ganzen Gartenfotos in ihrer Timeline guckt, wo Leute faustgroße Radieschen ziehen und so was. Nächstes Jahr.

Was schön war, Donnerstag, 4. Juni – Im Flow

Morgens wieder ein Stündchen vor dem Wecker aufgewacht und mal was richtig Gutes getan: spazierengegangen. Dabei lief ich mir ernsthaft eine Blase in den Schuhen, in denen ich seit Monaten rumlaufe, was mir sehr klar macht: weniger radfahren, mehr gehen. Oder generell öfter die Schuhe anziehen und durch die Gegend laufen. Ich bin in den letzten Wochen anscheinend doch zu sehr mit Stühlen am eigenen Schreibtisch, in Bibliotheken oder Archiven verwachsen.

Müsli mit Obst, O-Saft, keine Lust auf Kaffee gehabt, den Tag ungeplant früh mit der neuen Masterchef-Australia-Folge begonnen.

Den Rest des Tages komplett am Schreibtisch verbracht, so ungefähr elf Stunden. Ein-, zweimal machte ich Pause mit der Teetasse auf dem Sofa und daddelte eine Runde Candy Crush, aber ansonsten tippte ich durch, sortierte neue Abbildungen ein, überprüfte Fußnoten und legte mir die hoffentlich finale To-Do-Liste an von Dingen, die ich nicht zuhause abarbeiten kann. Bisher markierte ich Baustellen in der Diss neongelb, damit ich wusste, dass dort noch etwas zu tun ist, aber jetzt versammelte ich alle diese angemerkten Stellen und notierte sie mit Seitenzahlen, damit ich einen Überblick darüber habe, wo ich noch hinmuss und wofür. Was sich gleich erledigen ließ, erledigte ich, und so bin ich jetzt schon wieder im Jahr 1933 angekommen. Hello again. (Reicht jetzt langsam.)

Gegen 18.30 Uhr näherte ich mich dem Hungertod, klappte den Rechner zu und ging in die Küche, wo noch ein paar Pandanblätter auf mich warteten und Kokosmilch und ein Gemüseberg. Ich fühlte mich schon bei der ersten Benutzung der Blätter für Nasi Lemak wie der totale Profi, und das war gestern auch so. Ich verknotete zwei Blätter, gab Reis und Kokosmilch zu ihnen in den Topf, warf großzügig Salz hinzu und eine Schalotte. Während der Reis vor sich hindämpfte, briet ich in einer Pfanne in ordentlich Chili-Öl hauchdünn gehobelte Möhren und Zucchini, dazu Paprikastreifen und Brokkoliröschen an und gab zum Schluss noch eine Handvoll Erdnüsse über alles. Das hat so viel Freude gemacht, meine Hände mit Lebensmitteln zu beschäftigen und noch stundenlang diesen wundervollen, floralen Duft in der Küche zu haben. Okay, in der halben Wohnung, ich habe die Küchentür bewusst offengelassen. Hätte ich auch nicht gedacht, dass mich Chili und Grünzeug mal so glücklich machen könnten.

Zum Tagesausklang noch mit Hamburch telefoniert, ganz altmodisch. Wir sprachen darüber, dass uns die derzeitige Nicht-Normalität auf den Zeiger geht, aber was wirklich fehlt, ist körperliche Nähe. Ich wohne zwar nicht mit F. zusammen, aber nach fünf Wochen bewusstem Abstandhalten konnte ich ihn wieder umarmen und ich habe ein bisschen geweint, als ich das endlich wieder konnte, weil es mir so gefehlt hat. Darüber vergesse ich gerne, dass es mir als Single gerade vermutlich weitaus weniger gut gehen würde.

Ich erinnerte mich an einen sehr flüchtigen Gedanken, den ich so Mitte April gehabt haben muss. Ich bin gerne alleine und halte in der U-Bahn schon immer Abstand, aber zur Hochzeit der Pandemie erwischte mich ganz kurz der Wunsch, in einer überfüllten Bahn zu stehen, um andere Menschen zu spüren. Neben dem neu erwachten Bewusstsein dafür, wie wichtig mir Kochen und Essen ist und dass es mich durch miese Tage rettet, auch wenn ich wahrscheinlich zwei Kilo zugenommen haben könnte, keine Ahnung, passt noch alles, ist auch sehr egal, ist mein größter Lerneffekt der Pandemie, dass ich doch nicht ganz so der Einzelgänger bin, für den ich mich hielt. Vielleicht war es auch nur das erzwungene Alleinsein, also das Fehlen der eigenen Entscheidungsmöglichkeit, aber ich bin ein bisschen mehr mit Menschen versöhnt worden. (Diesen verdammten Virenschleudern!) ((Mein Gehirn arbeitet noch.))

Ich lese gerade ein Buch, das schon viel zu lange hier herumliegt: Wieder im Rampenlicht: Jüdische Rückkehrer in deutschen Theatern nach 1945 von Anat Feinberg. Dabei stolperte ich gleich im ersten Kapitel über einen Namen, den ich bei der Arbeit im Hauptstaatsarchiv mehrfach gelesen hatte: Dieter Sattler. Der Mann versuchte, zwischen Protzen und Constantin Gerhardinger zu vermitteln, die nach 1945 beide die Münchner Künstlergenossenschaft neu begründet hatten; ein Zivilgericht sprach 1952 Gerhardinger die Organisation zu.

„Nur vier Monate nach Kriegsende erschien in der deutschsprachigen Wochenzeitung Aufbau in New York ein Aufruf an die emigrierten Theaterleute“, wieder nach Deutschland zu kommen. Ein größerer Teil der Kulturschaffenden remigrierte in die damalige sowjetische Besatzungszone, aus der sich offensiv um die Emigrant*innen bemüht wurde.

„Einen vergleichbaren Appell an Bühnenkünstler gab es weder in Westberlin noch in den anderen, von den westlichen Alliierten kontrollierten Zonen Deutschlands. Umso erwähnenswerter ist die Aufforderung zur Rückkehr aus der Feder des bayerischen Staatssekretärs für Schöne Künste, Dr. Dieter Sattler, einer der wenigen Westdeutschen in politischer Funktion, der den Emigranten eine große Bedeutung beim Aufbau des zerstörten Landes zumaß. In seinem Entwurf über ‚Das andere Deutschland‘ (1947) schlug Sattler für den geistigen Wiederaufbau eine ‚Vortragsreihe prominenter deutscher Emigranten‘ sowie ‚Konzerte und Vorstellungen‘ vor. Neben bekannten Schriftstellern und Musikern nannte er die Theaterkünstler [Else] Bassermann, [Fritz] Kortner, [Elisabeth] Bergner und Ernst Deutsch. Ohne ‚unsere Verbannten‘, die man bereits 1945 gebraucht hätte, sei ‚das „andere Deutschland“ ein Torso‘, behauptete Sattler. Dabei fällt auf, dass im damaligen kulturpolitischen Diskurs immer dieselben Namen genannt wurden: ‚die Elite‘, so die Historikerin Marita Krauss; ‚die Reklame-Juden‘, in den Worten des Emigranten Walter Wicclair.“

(Feinberg, Anat: Wieder im Rampenlicht: Jüdische Rückkehrer in deutschen Theatern nach 1945, Göttingen 2018, S. 21/22.)

Was schön war, Mittwoch, 3. Juni 2020 – Korrekturgang 4 (?)

Schreibtischtag. Erfolgreich, konzentriert, Zeug geschafft, mehrere Geistesblitze eingearbeitet, ansonsten korrigiert und ergänzt, mal wieder am Ende vom Dokument angekommen.

Schon im letzten Sommer hatte ich auf meinen Balkontisch einen kleinen Teller steht, in den ich ein paar Steine legte und Wasser goss, damit durstige Insekten einen Thekenbesuch machen konnten. Ich habe da nie ein Viech gesehen, aber in diesem Jahr sah ich schon mehrfach – Wespen. Ausgerechnet. Was ist mit fluffigen Bienen und Hummeln? Nein, Wespen. Noch lasse ich den Teller stehen, aber wenn die Jungs noch ihre Kumpels anschleppen, mache ich den Laden wieder dicht.

F. so: „Jetzt wo wir nicht im Biergarten sind, stören Wespen gar nicht so.“

Einen Platz im Kunstarchiv in Nürnberg zugeteilt bekommen, das seit vorgestern und nur eingeschränkt wieder geöffnet ist. Aber einmal muss ich noch durch den Nachlass wühlen, vermutlich reicht dafür ein Tag gar nicht, aber mehr gibt’s erstmal nicht.

Pfannkuchen aus Sauerteigresten, Chiliquark dazu. Der übliche Berg an Schokomüsli mit einem Pfund Obst drauf. Ostfriesentee und eine Tüte Tropifrutti, bei der WIE IMMER zu wenige Bananen enthalten waren.

Die guten Dinge an Corona: Einige von uns hatten viel Zeit.

How Crowdsourcing Aided a Push to Preserve the Histories of Nazi Victims

„While the coronavirus pandemic has painfully upended lives and businesses around the world, the lockdowns it caused are providing a unique boost for one group’s effort to help heal a generations-old wound: Nazi atrocities.

As the virus prompted lockdowns across Europe, the director of the Arolsen Archives — the world’s largest devoted to the victims of Nazi persecution — joined millions of others working remotely from home and spending lots more time in front of her computer.

“We thought, ‘Here’s an opportunity,’” said the director, Floriane Azoulay.

Two months later, the archive’s “Every Name Counts” project has attracted thousands of online volunteers to work as amateur archivists, indexing names from the archive’s enormous collection of papers. To date, they have added over 120,000 names, birth dates and prisoner numbers in the database.“

Abends im Bad wieder am Deutschlandfunk hängengeblieben, wo es um eine neue CD mit Werken von Aaron Copland ging (Sendung nicht direkt verlinkbar, das waren so ungefähr die letzten 20 Minuten). Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn spielt auf „Father Copland“ unter anderem auch Appalachian Spring, aber nicht in der Orchesterversion, sondern für ein kleineres Ensemble. Ich fand die kurze Zeit mit Copland sehr schön, den Herrn kannte ich durch die hervorragenden Klassik-Playlists von Gabriel Yoran. Gelernt: Die Musik des linksgerichteten Copland wurde für mehrere republikanische Werbespots als Inspiration genutzt. Mehr dazu (schöne Links!) beim Musikkritiker des New Yorker, Alex Ross.

Das war’s. Guter Tag. Ich mag konzentriertes Arbeiten, und ich mag schöne Tagesausklänge.

Was schön war, Dienstag, 2. Juni 2020 – Frisch gezapftes Bier

Lange vor dem Weckerklingeln aufgewacht und die nächtliche Timeline nachgelesen. Dabei über ein Foto von Arlene Mejorado auf dem Instagram-Account der US-Vogue gestolpert:

Ich kann mich bis jetzt nicht entscheiden, ob ich das Bild – von diesem Account – großartig oder fürchterlich finde. Das Foto an sich beschäftigt mich und ich bin immer noch dabei, meine Gedanken zu sortieren, das wird also jetzt keine gründliche Bildanalyse.

Die Rückansicht der Protestierenden ist spannend, man erkennt keine Gesichter, sie müssten eine Masse sein, aber ein Mensch sticht heraus. Die Pose mit der erhobenen Faust assoziiert sofort die Black-Power-Bewegung, der nackte Oberkörper mit der Aufschrift erinnerte mich schmerzlich an Fotos von Sklaven, auf deren Rücken Narben von Peitschenhieben zu sehen sind. Hier ist die Rückenhaut vermutlich von eher freundlich gesinnten Menschen mit etwas versehen worden, die glatte, unzerstörte Haut mit dem Slogan darauf hat also eine ganz andere Wirkung als die Sklavenfotos – Stichwort „empowerment“ –, wobei auch letztere, siehe Link, als Botschaft dienten. Trotz der historischen Assoziationen ist das Bild eindeutig aus der Jetztzeit: Mit dem erhobenen Handy wird gefilmt oder instagrammt, an den Ohren des zentralen Mannes sind die Bänder eines Mundschutzes zu erkennen.

Was mich seit gestern fragend auf das Bild starren lässt, ist das Outfit des Mannes: Wenn er nicht gerade auf einer Protestkundgebung wäre, könnte er auch in einem Video einer Klamottenfirma agieren oder für Accessoires wie Rucksäcke werben. Deswegen weiß ich immer noch nicht, ob ich diesen Post großartig finde – weil total on brand – oder fürchterlich – weil total on brand.

Aber immerhin konnte mein Kopf mal wieder über etwas anderes nachdenken als über Autobahnen.

Den Vormittag verbrachte ich im Staatsarchiv und lernte, ohne es zu wollen, dass der Verband der Mineralwasserfabrikanten es 1944 total doof fand, dass die Staatsbrauerei Weihenstephan jetzt auch noch Blubber macht, wo kommen wir denn da hin. „Für die Zeit nach dem Krieg muß jedoch darauf bestanden werden, daß die Brauerei den Handel mit Limonaden einstellt.“

Und ich fand auch ein paar schöne Dinge zu Herrn Protzen und zu seinen Kollegen, von denen viele noch meinten, die zeitgenössische Kunst bestände aus „extremen Experimenten“ oder sei „abnorm“. Einer tat sich 1955 mit einem ganz besonders beknackten Zitat hervor: In einem Schreiben, in dem der bayerische Staat um finanzielle Unterstützung gebeten wird, erwähnte Franz Siegele, dass man sich die Picasso-Ausstellung im Haus der Kunst „unbedingt“ ansehen werde – „nicht der Qualität wegen sondern um zu sehen, was hinter dem Rummel um diesen Maler steckt.“ Auf der Schau hing übrigens auch die Guernica, wenn wir schon von abnorm reden, gell, deutsche Luftwaffe?

Nach Hause geradelt, Croissants zum Mittagessen, danach gut gelaunt am Schreibtisch weitergearbeitet.

Abends hatten F. und ich ein Date, so draußen, unter Menschen, IN EINEM LOKAL! Das hatten wir seit März nicht mehr gemacht und deswegen hielten hier gleich zwei Leute das erste frisch gezapfte Bier seit Monaten bildlich fest. Es war herrlich.

Wir durften nur zwei Stunden bleiben, aber das war in Ordnung. Außerdem trafen wir den charmanten @manumelm, der im gleichen Lokal einen Tisch reserviert hatte. Dieses Dorf! Ich war für zwei Sekunden pissig, dass der Herr auf dem Bürgersteig stehen blieb anstatt an den Tisch zu kommen, aber dann fiel es mir noch ein: Wir müssen ja Abstand halten. Ich vergesse das so gerne, weil ich so gut wie nie unter Menschen komme außer im Supermarkt. Ich bleibe weiterhin so gut es geht zuhause und gehe fast ausschließlich in Gebäude, in denen Menschen die Klappe halten und möglichst weit von mir entfernt an Einzeltischen sitzen und arbeiten.

Nach Schnitzel und Bier (ein Fest!) saßen F. und ich noch Stunden auf meinem Balkon und freuten uns über Schnitzel, Bier, Balkon, Zufallstreffen, nette Gespräche und dass es sich mal für zwei Stunden normal angefühlt hat. Bis auf die maskierte Kellnerin und dass man Namen und Telefonnummer am Tisch ausfüllen musste. Und weil wir den Tisch schon um 18 Uhr reserviert hatten, waren wir sogar noch vor Mitternacht im Bett, aber es fühlte sich an, als hätten wir die halbe Nacht durchgequatscht.

Guter Tag.

Was schön war, Montag, 1. Juni 2020 – 17 Seiten

Ausgeschlafen. Müsli mit Pfirsich, Erdbeeren und Weintrauben. Die neue Folge Masterchef Australia angeschaut, bei der ich zum Schuss fies heulen musste, denn es ist schon schlimm genug, wenn Kandidat*innen, die ich mag, rausfliegen, aber dass sie nun von niemandem mehr umarmt werden, sondern einfach so gehen müssen, bricht einem wirklich das Herz. (Einem = mir.)

Tee gekocht und an den Schreibtisch gesetzt. Die Jahre von 1945 bis 1956 umgebaut und dabei einen neuen Anhang finalisiert. Auf 17 Seiten habe ich jetzt einen guten Überblick über alle Werke, die von Protzen jemals ausgestellt wurden, zu Lebzeiten und posthum. Jetzt muss man keine 300 Seiten mehr lesen, um zu sehen, dass das Gemälde, das heute als sein bekanntestes gilt, gerade einmal 1940 in München zu sehen war und dann in Depots vergammelte, bis es die Ausstellungsmacher der Bundesrepublik wieder ans Licht zerrten und ihm den Untertitel „SO SEHEN AUTOBAHNBILDER AUS, MEINE DAMEN UND HERREN, SCHLIMM, GANZ SCHLIMM“ verliehen. I beg to differ, aber nicht mehr so energisch wie vor drei Jahren, als ich mit der Diss anfing.

Um einen Platz im Lesesaal des Archivs des Deutschen Museums gebeten. Online einen Platz im Lesesaal der Stabi gebucht, der allen Ernstes erst am 15. Juni sein wird, vorher war schon alles dicht. Gut, dass ich aus der Bibliothek nicht mehr viel brauche. Bei F. beklagt, der mir per DM einen Clip schickte mit der Ansage: „For all the other Stabi users who are not you.“ (Der Herr ist ein bisschen voreingenommen, aber ich bin natürlich total seiner Meinung.)

Und dann war der Tag schon rum. Das geht am Schreibtisch ja immer sehr schnell. Irgendwann ein Käsebrot gegessen, Kuchen von vorgestern, der aber anscheinend wirklich nur für den Backtag zum genussvollen Verzehr geeignet ist, abends nochmal Müsli mit Obst, weil lecker. Ruhiger und gleichzeitig emsiger Tag. Die USA weitgehend ignoriert, weil ich sonst irre werde an der Menschheit. Meine Twitter-Nutzung zum achttausendsten Mal hinterfragt, da komme ich auch nie zu einem wirklichen Endergebnis.

Was schön war, Sonntag, 31. Mai 2020 – Ruhe

Ausgeschlafen. Bei offenem Fenster schlafen können, ein bisschen wegen Feiertag, ein bisschen immer noch wegen Corona, es sind bei mir vor der Haustür weiterhin merklich weniger Autos unterwegs. Aber schon wieder mehr als noch vor einem Monat. Das hätte von mir aus nicht sein müssen, aber nun gut.

Gut in der Diss vorangekommen, der Rückbau ist vollzogen, das Inhaltsverzeichnis wird weiterhin angepasst, und bis jetzt (1945) fühlt sich das sehr gut an und liest sich auch so.

Auch die Zweitprüferin hat ihr Okay gegeben, ich plane also jetzt einen Endspurt bis Anfang August, denn dann muss der Stapel in dreifacher Ausführung im Prüfungsamt sein, nachdem ich mich Ende Juni zur Abgabe anmelden werde. Vielleicht hat das Amt bis August auch wieder geöffnet und ich kann persönlich vorbeischauen, ansonsten wird das ein sehr schweres Paket. (Fiel mir gestern im Halbschlaf ein: Haben Copyshops wieder geöffnet?)

Mit Mama telefoniert. Und ein paar Sätze mit Papa, aber er hat mich nicht gut verstanden und mir frohe Weihnachten gewünscht.

Weiterhin Reste der Dan-Dan-Nudeln verspeist, jetzt ist der Berg erledigt. Das war so gut, das möchte ich eigentlich sofort wieder essen.

Stattdessen Kladdkaka gebacken – das Rezept war super, die Backzeit eindeutig zu kurz. Ganz so matschig wollte ich das Innenleben dann doch nicht haben. Falls ihr es nachbackt, und hej, ihr habt vermutlich alles dafür im Haus, lasst das Ding einfach 25 bis 30 Minuten im Ofen.

F. war unterwegs und hatte seinen Schlüssel vergessen, er mailte mich an, dass er seinen Ersatzschlüssel von mir holt. Ich freute mich vor, als die nächste DM kam: Sein Nachbar habe den Schlüssel außen an seiner Wohnungstür bemerkt und ihn angerufen, er käme daher nicht bei mir vorbei. Abends vielleicht? Ich freute mich erneut vor, war dann aber so in der Diss versunken, dass ich ihm schrieb, ich würde gerne noch weitertippen. Als ich mich erst um 21.30 Uhr wieder meldete, hatte der Herr verständlicherweise nicht mehr so recht Lust, noch vor die Tür zu gehen. Dreimal vorgefreut, immerhin nur einmal selbst verkackt.

Aber: Wir haben eine Reservierung! in unserer Lieblingskneipe! morgen abend! WIR GEHEN AUS! Das fühlt sich noch sehr irre an. Wir sitzen natürlich draußen – Innenräume meide ich weiterhin, wenn sie keine Bibliothek oder kein Archiv sind –, und wir haben den Platz erstmal nur für zwei Stunden, aber: WIR GEHEN AUS! SO NORMAL SO!


Igor Levit sprach mit der NYT über seinen Vexation-Marathon. Das blöde Stück hatte ich gestern den halben Tag noch im Ohr.

„There were moments of anger, there were moments of fear, sadness, devastation. But these were touchable moments for me more than anything psychological. In the middle, I looked at where I was and thought: There are still 590 to go, what the heck? It took me about half an hour to get through that, but it was really the only moment where I thought, not that I wasn’t going to make it, but that I was annoyed.“