Was schön war, Samstag, 7. September 2019 – Kolloquium, Tag 2

Um kurz nach 9 wieder im kunsthistorischen Institut gewesen, dem kleinen Winzladen. Normalerweise hätten wir im größeren von zwei Räumen arbeiten sollen, wie auch schon Freitag, aber es gab Probleme mit dem Institutsrechner (ach was), weswegen wir in den zweiten, kleineren Raum auswichen, was mir persönlich sehr gut gefiel. Der größere Raum ist ein doofer Schlauch, der kleinere, quadratische hingegen perfekt für unser Grüppchen aus knapp 15 Leute. Man sitzt beim Referat nicht so irre alleine da vorne wie im großen Raum, weil dort niemand in der ersten Reihe von zehn sitzen will, während es im kleinen gerade mal Platz für vier bis fünf Reihen gibt, je nachdem wie fies man die Stühle gruppiert. Und auch wenn die Luft schneller stickig wird – ich habe mich im kleinen Raum immer wohler gefühlt. So auch gestern.

Wieder fünf spannende Vorträge gehört, zu allen eine Stunde diskutiert. Zwischendurch leerte ich meine Thermoskanne mit meinem geliebten Bünting-Tee, während der Rest sich mit Kaffee und Teilchen vom Bäcker versorgte. Vorgestern hatte ich ein Sandwich dabei, was auch bitter nötig war, gestern trug ich den Jogurt wieder ungegessen nach Hause; das Frühstück aus Rührei, Bacon, Tomatensalat und Brot war anscheinend sehr sättigend gewesen.

Ich war immer noch emotional verkatert vom Abend vorher; das „Fuck“ aus dem gestrigen Blogeintrag hätte fast zu dusseligen Übersprungshandlungen geführt. Ich war sehr traurig, aber zehn Minuten mit lauter Wuselnasen, die über NS-Kunst reden, machten mir sofort wieder gute Laune. Und dann kam irgendwann eine Mail, die ich in einer Pause zwischen zwei Vorträgen las, die genau das war, was ich gestern hören musste. Ich konnte mich gar nicht so gut bedanken, wie ich es gerne getan hätte, mir fehlten irgendwie noch die Worte. Aber ich las sie gestern ungefähr 20 Mal und werde sie mir vermutlich demnächst ausgedruckt irgendwo hinlegen, damit ich sie noch 20 Mal lesen kann, wenn mein Hirn wieder „Fuck“ sagt und traurig wird.

(People. The best!)

Eine Kommilitonin kam aus Frankreich und referierte auf Englisch, und ich hatte einen instantanen Akzent-Crush bei jedem deutschen Begriff, der sich in ihren Vortrag mischte. Bei jeder Aussprache von „monuments men“ musste ich grinsen, und bei jeder Erwähnung von Rose Valland war ich sehr verliebt. Und nebenbei lernte ich, wie Frankreich mit Kollaborateur*innen im Kunstbetrieb umgegangen ist: gefühlt etwas rigoroser als wir. Je suis Jack’s total lack of surprise.

Auch das war wieder anstrengend: Wir wissen alle um die Kontinuitäten, die nicht vorhandene Stunde Null, aber wenn man es mal wieder so geballt hören muss, nervt es doch sehr. Namen, die gestern fielen und die ich euch einfach mal weiterreiche zur Eigenlektüre: Bruno Lohse, Alois Miedl, Pieter Menten.

Zum Abschluss, nach allen Vorträgen und Diskussionen, standen wir noch ein bisschen zusammen, brachten uns auf den neuesten Stand, was Beruf und Zeug anging und kamen irgendwie auf die dümmsten Sprüche, die wir uns hatten anhören müssen, wenn man sein Forschungsgebiet erwähnt. Auf meiner persönlichen Hitliste der Sätze waren: „Gefallen dir diese Bilder?“ (immer mit der Implikation, man wäre doof, wenn’s so wäre oder aber, dass einem die gar nicht gefallen dürften), „Hat das familiäre Gründe?“ (weil wir ja alle nur Großmütterchens Sammlung beschützen wollen) oder, der war mir neu: „Bitte doch mal die AfD um ein Stipendium, haha“. Eine Mitpromovierende meinte auch: „Zunächst finden alle das Thema irgendwie eklig und denken, man wäre komisch, weil man sich damit freiwillig befasst, dann wollen alle die Bilder aus der Zeit sehen, und dann sind alle enttäuscht, wenn es nur Blumenstillleben sind.“

Ich sprach noch mit einer Kommilitonin, die mit mir im Rosenheim-Seminar gesessen hatte und die es als Provenienzforscherin an ein nettes Museum geschafft hat. Zu ihr meinte ich, du hast’s gut, dich finden bestimmt alle toll, du machst ja was Anständiges, woraufhin sie sagte: „Nee, ganz im Gegenteil: Die Museen hassen mich, weil ich ihre Sammlung überprüfe, der Kunsthandel hasst mich, weil ich auf lückenlosen Provenienzen bestehe, Erben hassen mich, wenn ich sie frage, wo genau an der Ostsee der Opa denn 1942 dieses Werk „erworben“ hat, und eigentlich telefoniert man den ganzen Tag mit Amtsgerichten.“ Wieder was gelernt.

Um 16 Uhr zuhause gewesen, den warmen Jogurt gegessen und dann direkt auf dem Sofa bei einer Serienfolge weggenickt. Abends mit F. ein bisschen zu viel Riesling getrunken und das komplette Kolloquium nacherzählt. Gemeinsam eingeschlafen.

Was superschön und dann superscheiße war, Freitag, 6. September 2019 – Doktorandenkolloquium, Tag 1

Gestern war der erste Tag des Doktorandenkolloquiums. Ich wartete vormittags noch auf Kundenfeedback, das erwartungsgemäß nicht kam, dann ging ich noch einmal durch mein kurzes Referat und machte mich um 14 Uhr ins kunsthistorische Institut auf.

Ich war in den letzten Monaten jedesmal so glücklich, wenn ich im Archiv sitzen konnte, wenn ich in der Bibliothek in den Bücherbergen versank, wenn ich am Schreibtisch an der Diss weitertippte und beim Korrigieren merkte, das wird gut oder wenigstens sehr ordentlich. In diesen Momenten vergaß ich immer gern, dass der ganze Kram Eskapismus ist und ich in Wirklichkeit ja einen Beruf habe und eine Miete, die irgendwie bezahlt werden will und ich außerdem keine 25 mehr bin.

Und dann saß ich im Kolloquium inmitten von lauter schlauen Menschen, die sich mit sehr ähnlichen Themen wie dem meinen befassen und die daher wissen, wie sich die Beschäftigung mit dieser angeblichen Schmuddelecke der Kunstgeschichte anfühlt. Die wissen, wie dünn das Eis ist, wenn man sich mit Täter- anstatt mit Opferbiografien befasst, die die moralischen Untiefen kennen und die verkopfte Emotionalität, weil man dem eigenen Forschungsobjekt dauernd eine reinhauen will. Die wissen, wie anstrengend die Ambivalenz des Ganzen ist und die einen deswegen gut auffangen. Gestern wurde bei einem Vortrag der Begriff „Safe Space“ in der Diskussion benutzt – „euch darf ich das sagen, oder? Das geht hier, oder?“ –, weil eine junge Wissenschaftlerin ernsthaft von irgendeinem 80-jährigen Nachkommen verklagt wurde – wegen einer Erwähnung in einer Bachelorarbeit.

Jede*r, der*die forscht, egal, ob geistes- oder naturwissenschaftlich, weiß: Wir ordnen ständig Dinge ein, wir vergleichen, wir gleichen ab. Um eine Frage zu beantworten, guckt man sich auch gerne Antworten auf Fragen an, die in der Nachbarschaft rumliegen, um eine Art Basis zu schaffen, auf der man sich bewegt. Und genau die fehlt uns allen, weil die Historiker*innen sich nicht für Kunst als Medium oder Artefakt interessiert haben und die Kunstgeschichte sich jahrzehntelang auf der bequemen Idee ausgeruht hat, die systemkonformen Künstler*innen des NS seien nicht wichtig, weswegen man sie ignorierte. Inzwischen hat sich das immerhin ansatzweise geändert, aber wir betreiben jetzt gerade Grundlagenforschung, die eigentlich vor 70 Jahren schon hätte erledigt werden müssen. Uns fehlt diese Basis, uns fehlen Netzwerke und die Antworten aus der Nachbarschaft, weil wir jetzt erst Fragen dahingehend stellen. Auch deswegen war es für mich äußerst hilfreich, Feedback auf meine These zu bekommen und ein paar Anregungen, wie man sie vielleicht besser einordnen könnte, ehe ich mich verrenne.

Wir haben viel erfahren, viel gelacht, viel diskutiert, viele Visitenkarten ausgetauscht. Ich habe die Aussicht auf einen Archivbestand, von dem ich dachte, dass er nicht existiere. Und ich habe den Verfasser des Wikipedia-Eintrags zu Protzen kennengelernt, weil auch er bei meinem Doktorvater promoviert, und mich natürlich lautstark über seine Formulierung „zu Recht vergessener Künstler“ aufgedotzt. Er meinte, er sei schon sehr darauf gespannt, wie ich den Eintrag ändern werde.

So saß ich sieben Stunden lang in einer kleinen Blase der gelehrten Glückseligkeit und staunte und überlegte und notierte und lernte und kam mit einem völligen Überschwang an Hibbeligkeit und Tatendrang wieder nach Hause, als ob ich ein Kilo Zucker durch die Nase gezogen hätte, und wenn ich joggen könnte, wäre ich noch ein paar Kilometer durch die Nacht gelaufen, weil sich alles SO GROSSARTIG anfühlte.

Und zwei Stunden später wurde mir wieder zum tausendsten Mal klar, dass die Menschen im Kolloquium alle entweder in Museen oder Archiven arbeiten oder noch jung genug sind, um das zu tun. Während ich am Montag wieder am Schreibtisch sitze, um mir Adjektive für Produkte auszudenken, die niemand braucht.

Fuck.

Was schön war, Mittwoch, 4. September 2019 – Lost and found

Morgens von einer DM erfreut worden, die unser Podcast-Mitstreiter Florian uns schickte: Der Artikel über den Fehlfarben-Podcast war endlich in der Süddeutschen. Auf den hatten wir zugegebenermaßen dann doch gespannter als gedacht gewartet. Gleich mal verlinkt, sowohl im Blog als auch auf Twitter.

Texte an den Kunden geschickt. Da ich weiß, dass die Feedbackschleifen dort etwas, äh, unkonventionell ausfallen, konnte ich mich den Rest des Tages wieder auf die Diss konzentrieren bzw. auf den Vortrag, den ich am morgigen Freitag auf dem Doktoranden-Kolloquium halten werde.

Mein Doktorvater lädt in Halbjahresabstand seine Schäfchen ins kunsthistorische Institut der Uni, dessen unbequeme Stühle mit den albernen, winzigen Hochklapptischen an der Lehne ich nie vermisse. (GEBT MIR ANSTÄNDIGE TISCHE ZUM ARBEITEN!) Wer möchte, stellt seine Diss bzw. seinen derzeitigen Arbeitsstand in einer Viertelstunde vor, dann diskutieren wir lustig eine weitere Dreiviertelstunde, dann rennt der Doktorvater zum Rauchen nach draußen und wir trinken alle Kaffee. Wir befassen uns alle mit Themen, die sich in der Ecke Kunst im NS und/oder Provenienzforschung bewegen, weswegen man herrlicherweise einen gewissen Kenntnisstand voraussetzen kann.

Ich war in den letzten Tagen trotzdem etwas verwirrt, was ich denn nun eigentlich genau vortragen wollte und bewegte mich, wie immer, zwischen den Polen „Ich hab gar nichts zu sagen“ und „Ich könnte ein zweistündiges Impulsreferat halten, ohne auch nur einen Spickzettel zu nutzen“. F., der alte Wissenschaftler, konnte ebenfalls wie immer beruhigen: „Über dein Thema weiß keiner mehr als du. Außer der Doktorvater.“ Aber der weiß ja eh alles, glaube ich immer, weswegen mich ein Kommentar in unserem letzten Gespräch sehr gefreut hat. Er wies mich auf ein Detail hin, das ich schon kannte, von dem ich aber ausnahmsweise gedacht hatte, er kannte es noch nicht, weswegen ich nur halb scherzhaft rumwimmerte: „Verdammt, und ich dachte, ich könnte Sie mal mit etwas überraschen.“ Woraufhin er meinte: „Frau Gröner, Sie überraschen mich doch dauernd mit Zeug. Sie wühlen immer sehr gründlich.“ (Errötende Doktorandin, Stimme eine Oktave höher, schnell wieder in die Bibliothek, wo ich zwischen Bücherbergen in Sicherheit bin.)

So bastelte ich seit ein paar Tagen an meinen Folien, war irgendwie gnatschig, weil mir nichts so recht gut vorkam und verfiel gestern zum wiederholten Male auf meine beliebte Taktik: Erzähl dir das Referat selber. (Too much information: Meistens mache ich das auf dem Klo, da ist es sonst arg langweilig.) Ich blubberte mich also selbst mit Infos zu Protzen und den Autobahnen zu, bis mir, wie immer, wie immer, wie immer, einen Struktur in den unbedeckten Schoß fiel, die ich dann sofort umsetzte.

Danach hätte ich theoretisch an der Diss weiterarbeiten können, aber da ich mich ja kenne und mir dann wieder tausend Sachen eingefallen wären, die ich auch noch in die 15 Minuten Vortragszeit reindengeln hätte wollen, ging ich lieber einkaufen. Ich erstand mein Lieblingsbrot und die gedruckte SZ, schnitt den Artikel über den Fehlfarbenpod aus, schrieb einen Brief an die Eltern, legte den Artikel bei und packte alles in einen guten, altmodischen Briefumschlag. Nebenbei erledigte ich die Steuer, ist das auch für diesen Monat weg, Briefumschlag an die Steuerberaterin, fertig.

Und da immer noch viel Tag übrig war, setzte ich meinen „Lost“-Rewatch fort, bei dem ich inzwischen in der letzten Staffel angekommen bin. Die war besser als ich sie in Erinnerung hatte, aber ich kann mich partout nicht mehr an das Ende des Endes erinnern. Die Pointe der Serie weiß ich noch, den Rest habe ich schon komplett verdrängt.

Abends nochmal über die Folien und das Stichwort-Skript rübergeguckt, mit beidem zufrieden gewesen.

Es wäre noch mal Biergartenwetter gewesen, aber F. hatte keine Zeit und mit jemandem anders wollte ich nicht weg. Also guckte ich versonnen von drinnen auf meine wunderschönen Balkonblumen, bedauerte den gefühlt irrwitzig frühen Sonnenuntergang und war vermutlich zum ersten Mal in meinem Leben ein bisschen traurig darüber, dass der Sommer jetzt anscheinend vorbei ist.

Der Fehlfarbenpodcast in der „Süddeutschen“

Heute verlinke ich mal faul auf die SZ, denn in der Serie „Kulturpodcasts aus München“ wird in der Mittwochsausgabe über your truly berichtet. Wenn auch mit kleinen Macken – wie die Journalistin auf „WG-Küche“ gekommen in, in der wir angeblich über unsere Museumsbesuche reden, weiß ich nicht.

Den besten Satz hat Flo von sich gegeben:

„‚Einen Podcast zu machen, ist ein bisschen wie sich zum Joggen verabreden.‘ Alleine mache man es eben nicht, aber wenn die Verpflichtung durch andere dabei ist, dann schon. Seit Sommer 2014 sind so schon 22 Folgen zusammengekommen, die mehr oder weniger regelmäßig einmal im Monat erscheinen.“

Das merke ich, wenn ich alleine durch Ausstellungen gehe, da gucke ich doch gerne mal etwas unaufmerksamer als wenn ich weiß, dass ich danach 90 Minuten darüber sprechen muss und mir eventuell noch Menschen zuhören. Aber genau das ist ja der Spaß an der Sache: So bin ich durchaus schon in Ausstellungen gewesen, die ich mir alleine vermutlich nicht angeschaut hätte.

Auch den Rausschmeißer nicke ich ab:

„‚Uns geht es darum, die Kunst von ihrem Sockel zu holen. Man muss keine Scheu vor dem Museumsbesuch haben, weil man glaubt, Kunst vielleicht nicht richtig zu verstehen. Das ist Quatsch, Kunst ist für alle da‘, sagt Anke Gröner. Da trifft es sich ganz gut, dass sich keiner der drei hauptberuflich mit Kunst beschäftigt. Zugegeben, Gröner hat in den vergangenen Jahren Kunstgeschichte studiert, arbeitet aber als Werbetexterin. Felix Mendoza kommt aus der Physik, sein Interesse für Kunst und Kultur hat er von zuhause mitbekommen. Und Florian Fitz? Der ist eigentlich Jurist, macht aber nebenher Musik und fotografiert mit Leidenschaft.

Wahrscheinlich ist es genau dieser autodidaktische Zugang zur Kunst, der ‚Fehlfarben‘ eben nicht nur wie einen weiteren Podcast zur Hochkultur Münchens wirken lässt. Die drei verschiedenen Perspektiven von Gröner, Mendoza und Fitz sind so nahbar und wenig abgehoben, trotzdem absolut informativ, dass alle Kunstinteressierten oder die, die es werden wollen, gerne zuhören.“

Den ganzen Artikel mit dem Titel „Kulturverkostung“ findet ihr hier, die anderen Folgen muss man sich leider selbst zusammensuchen. Hey, SZ, eine Linkliste wäre top! Andererseits: Ich selber pflege auch keine. Unsere letzte Folge findet ihr in meinem Blog hier, ansonsten stehen die Podcasts (mit deutlich kürzerem Text als bei mir) auf unserer Website.

Tagebuch Montag, 2. September 2019 – Zähflüssig

Ewig nicht aus dem Bett gekommen; endlich hat Home Office mal Vorteile, denn ohne Arbeitsweg habe ich trotzdem pünktlich um 9 Uhr am Schreibtisch gesessen, was der übliche Beginn meiner Bürozeit ist, wenn auch latent angematscht.

Für Geld gearbeitet, was fürs Blog nur in den seltensten Fällen etwas hergibt.

In der Mittagspause kleine Nettigkeiten für F. kreiert bzw. gekauft, die auf seinem Wohnzimmertisch lagen, als er gestern zu nachtschlafender Zeit wieder heimkam.

Das Buch „Wehvolles Erbe“. Richard Wagner in Deutschland. Hitler, Knappertsbusch, Mann beendet bzw. im letzten Kapitel zugeklappt und nicht ganz ausgelesen ins Regal gestellt. Das Werk befasst sich mit der Musik bzw. den Schriften Wagners im Leben Hitlers, Thomas Manns und des Dirigenten Hans Knappertsbusch.

Der Hitler-Teil war mir latent retrospektiv konstruiert, da zuckte ich des Öfteren zusammen und dachte, das klingt jetzt aber eher nach Wunschdenken als nach historisch belegbarem Fakt. Im Knappertsbusch-Teil arbeitete sich Verfasser Vaget eher an Mann und seinem Essay „Leiden und Größe Richard Wagners“ ab, gegen das Knappertsbusch dann eine üble Protestnote verfasste (unter „Reaktionen“ im Link eben). Den Teil fand ich am spannendsten, auch weil er die Kunststadt München in den 1930er Jahren gut erfasste. München nannte sich damals nicht nur „Hauptstadt der Bewegung“, was mir im Stadtarchiv dauernd wieder auffällt, weil das Briefpapier des Oberbürgermeistern eben nicht die Überzeile „Der Oberbürgermeister Münchens“ trägt, sondern „Der Oberbürgermeister der Hauptstadt der Bewegung“. München nannte sich außerdem „Stadt der Deutschen Kunst“ und „Wagnerstadt“, und alles zusammen ergab eine sehr eklige Gemengelage. Daher: Dieses Kapitel war mein liebstes, auch wenn mir die Zeit nach 1945 zu knapp erfasst wurde.

Beim Mann-Teil kam dann leider der Literaturwissenschaftler Vaget zu sehr durch; wie Mann sich literarisch an Wagner anlehnt, war mir eher egal, ich wollte was Historisches. Daher: nicht ganz durchgelesen, trotzdem eine halbgare Empfehlung. (Zu wenige Fußnoten! Dass ich das mal sagen würde.)

Was schön war, Samstag, 31. August/ Sonntag, 1. September 2019 – Wochenende

Eigentlich wollte ich arbeiten. Eigentlich wollte ich an der Diss sitzen. Aber ganz eigentlich wollte ich Wochenende haben. Also habe ich das gemacht.

Am Samstag ausgeschlafen und erst gegen 9 Uhr oder so noch schnell den letzten Schatten auf dem Balkon für einen Flat White erwischt. Mein gegossenes Muster sah wahlweise aus wie ein Phallus oder ein Stinkefinger, weswegen ich einfach einen Blob Milchschaum darübergoss.

Samstag vormittag stand ich in der Badewanne, um F.s Roomba schadenfroh am verwinkelten 3-Quadratmeter-Bad scheitern zu sehen. Einfach selbst durchzusaugen wäre garantiert schneller gegangen, aber weitaus weniger unterhaltsam gewesen.

Dann holte ich die Zeitung und vergaß natürlich den Müllsack, den ich mit nach unten nehmen wollte, denn danach plante ich, die Wohnung für 48 Stunden nicht mehr zu verlassen. Der Müll steht hier immer noch.

Gelesen, Serien geguckt. Ich hänge vermutlich zum letzten Mal bei How I Met Your Mother rum; den Dickenhass konnte ich noch nie leiden, aber nach ein paar Jahren #MeToo kann man auch diese ganzen widerlichen Aufreißstrategien von Barney nicht mehr ertragen. Blöderweise mag ich Ted sehr gerne und himmele ewig seine braunen Kuschelaugen an. Schlimm.

Nicht mal Lust gehabt, zum Bäcker zu gehen oder selbst zu backen. Wie gut, dass ich seit kurzem einen Kühlschrank mit drei geräumigen Gefrierfächern mein eigen nenne. Ein halbes selbstgebackenes Fladenbrot aufgetaut und mit frischer Knoblauchmajo, eingelegten Gurken, der lustigen Baconmarmelade und einer Scheibe Riesentomate genossen.

Abends mit eBook auf den Balkon gesetzt. Alleine, mit Wein, neben mir die Lichterkette, vor mir ein paar Kerzen, die mir dann aber ernsthaft zu hell waren. Das iPad-Leuchten reichte mir. Dann guckte ich einfach nur noch so ins dunkle Blau.

Sonntagmorgen war ich schon um 6 wach, ging ins Bad und hatte für fünf Minuten total tolle Pläne: mal wieder walken gehen! Ne längere Runde Fahrradfahren, damit ich demnächst mit dem Rad zum Bayerncampus fahren kann und nicht immer den abends oder am Wochenende nur noch spärlich fahrenden Bus nehmen muss! Bei Sonnenaufgang Kaffee trinken!

Daraus wurde dann: wieder ins Bett gehen und von F.s DM um kurz vor 10 wach werden. Alles richtig gemacht.

Restlicher Tag wie oben, minus Roomba, plus ein Ottolenghi-Rezept, der das ganze mit Haselnüssen gemacht hat: gegrillte Zucchini (bei mir in der Grillpfanne) mit Basilikum (VOM BALKON! IN ZWEI FARBEN!), geröstete Walnüsse, bisschen Balsamico, bisschen Walnussöl, Parmesan. Tolles Zeug.

Nachmittags Augsburg in Bremen verlieren gesehen. Rumgejammert, aber die zweite Halbzeit war großartig. Gute Mannschaftsleistung, einfach immer wieder anlaufen, fuck it, so will ich das sehen. Fox Sports kommentierte schon fast gerührt von „the brave Augsburg ten“. (Gelbrote Karte in der ersten Halbzeit.)

Abends vor den grauenhaften Landtagswahlergebnissen an den Schreibtisch geflohen und doch noch ein bisschen gearbeitet. Dabei sehr laut Dvořák gehört. Half ein bisschen.

Denn das war die dicke „Was nicht schön war“-Insel am Wochenende: Die AfD wurde sowohl in Brandenburg als auch in Sachsen zweitstärkste Kraft. Was die genauen Wahlergebnisse mir immerhin zeigen konnten: Das liebevolle Bepuscheln der ostdeutschen Lebensleistung können wir als Beschwichtigungsstrategie jetzt auch lassen. In beiden Ländern stimmten 31 Prozent der Wähler*innen zwischen 30 und 44 für die Neofaschisten, also Menschen, die zur Zeit des Mauerfalls höchstens vierzehn Jahre alt gewesen sind und damit die DDR eher weniger bewusst mitbekommen haben. Ich gestehe ihnen gerne zu, dass das Erwachsenwerden schwieriger war, weil die Vorbilder fehlten – wie sollten Eltern und Verwandte Tipps geben, die sie selbst nie gebraucht hatten –, aber dass diese Wähler*innen der Braunkohle nachtrauerten oder den heimeligen LPGs kann ich mir nicht vorstellen.

In Brandenburg waren diese 31 Prozent die größte Wähler*innenmenge für die AfD; in Sachsen darf sich die Generation, die 1989 auf die Straße gegangen ist, um für Demokratie zu kämpfen, diese Ehrennadel mit Eichenlaub und Schwertern anheften, denn dort stimmten 32 Prozent der Wähler*innen zwischen 45 und 59 dafür, die Demokratie wieder abzuschaffen.

Mir fällt dazu keine schlaue Analyse ein, wie gefühlt den meisten Profis aus der Soziologie, Psychologie und Politik auch nicht mehr. Was ich alles in den letzten Wochen für Stücke gelesen habe, immer im Hinterkopf die Hoffnung: Das müssen die doch selbst sehen, dass sie menschenverachtenden Dreck wählen. Seit gestern weiß ich immerhin: Ja, das tun sie. Die AfD wurde in Sachsen nicht als Protestpartei gewählt – wie in Brandenburg –, sondern genau wegen ihrer politischen Inhalte. Der braune Untergrund ist keiner mehr.

Was schön war, Freitag, 30. August 2019 – Stabitag

Vormittags Stabi, nachmittags für Geld gearbeitet, früher Feierabend, letzter Probeburger (ich kann kein Fleisch mehr sehen), viel gelesen (FAZ, Spiegel), bisschen Serien geguckt, früh ins Bett.

In der Stabi die Ausgabe einer Zeitschrift gefunden, die ich gesucht hatte. Und nebenbei mal wieder auf Herrn Grossberg gestoßen, der nämlich auch Autobahnen gemalt hat. Die zugegebenermaßen etwas anders aussahen als das, was die meisten Autobahnmaler*innen so fabriziert haben. Deswegen wollte ich ja eine Diss über ihn schreiben. Aber nun ja.

Carl Grossberg: Autobahnzubringerbrücke Krefeld-Uerdingen im Bau, 1935, Verbleib laut der neuesten Diss über ihn (1990, wimmer) Privatbesitz Hannover. Scan aus: Westermanns Monatshefte 951 (November 1935), S. 205.

Wolf Panizza: Überführung bei Neubiberg, 1935, Verbleib weiß ich momentan nicht, scheint in keinem Museumsdepot zu liegen. Scan aus: Westermanns Monatshefte 955 (März 1936), S. 11.

Was schön war, Donnerstag, 29. August 2019 – Lesen, schreiben, finden, Bierchen

Den Vormittag mit meiner vielfältigen Lektüre zu den Reichsautobahnen zugebracht. Mit der neuen Diss-Struktur immer noch zufrieden gewesen. Beim Lesen allerdings sehr müde geworden, ein kurzes Nickerchen auf dem Sofa eingeschoben.

Zeitung gelesen und dabei müde geworden. Nickerchen verkniffen. Innerhalb von zwei Tagen die Fruchtfliegenfamilie ausgerottet, die es sich in meiner Küche gemütlich machen wollte. Nicht mit mir, Scheißviecher. (Opas Schnapsglas, bisschen Zucker, bisschen dunkler Balsamico, Wasser, Spülmittel.)

Nachmittags im Stadtarchiv gewesen und nach 500 Fotos endlich eins gefunden, auf dem die Fresken immerhin mit viel gutem Willen schemenhaft zu erkennen sind. Durfte man natürlich nicht mit dem Handy fotografieren, ich bekomme jetzt für zehn Euro eine CD zugeschickt mit einem Scan. Innerliche Beckerfaust. Nach dem Archivbesuch sehr müde gewesen. Kleines Nickerchen auf dem heimischen Sofa eingeschoben.

Um 18 Uhr Fünf-Minuten-Besuch bekommen, der F.s Bayerndauerkarte fürs morgige Spiel abholte. Sehr müde geworden, Nickerchen verkniffen. Hellwach geworden, als eine Paypal-Spende eintraf, die mir einen großen Teil des Zugticketpreises nach Hamburg abnehmen wird. Sehr erfreute Dankeschön-Mail geschrieben.

Um 20 Uhr zu einer Verabredung aufgebrochen. Eigentlich wollten wir über die neue Diss-Struktur reden, aber das Problem hatte ich ja schon selbst gelöst. Gestern merkte ich aber, als ich die ersten Folien fürs Doktorandenkolloquium bastelte, das nächstes Wochenende stattfindet, dass ich mir durch diese Struktur natürlich – NATÜRLICH – auf anderen Baustellen Probleme bereite. Die konnten wir dann gestern nach einer kleinen einstündigen Einführung in NS-Kunst und das Werk von Protzen aber lösen. Zumindest habe ich einen Vorschlag mitgenommen, der mir bis jetzt ganz gut vorkommt, ich werde das umsetzen, denn ich merke ja immer erst beim Schreiben, ob Dinge funktionieren oder nicht.

Den Rest des Abends mit netten Gesprächen und zwei kleinen Kaltgetränken verbracht, bis ich um 00.26 Uhr in die U-Bahn stieg. Den ganzen Abend hellwach gewesen, zuhause aber sofort in Tiefschlaf gefallen und bewusst für heute morgen keinen Wecker gestellt. Erfrischt, gut gelaunt und motiviert aufgewacht. Vorfreude auf Nickerchen heute abend beim Fuppes.

1000 Fragen, 301 bis 320

(Ich zitiere Christian: „Die Fragen stammen ursprünglich aus dem Flow-Magazin, Johanna von pink-e-pank.de hat daraus eine persönliche Blog-Challenge gemacht, und Beyhan von my-herzblut.com hat das PDF erstellt.“)

301. Worin bist du ein Naturtalent?

Essen.

302. Welche Person um dich herum hat sich in letzter Zeit zum Positiven verändert?

Ich habe nicht viele Personen um mich herum und die, die ich habe, sind alle super, geh weg, Fragebogen.

303. In welcher Situation warst du unfair?

Gerade eben zum armen Fragebogen. Der macht doch auch nur seinen Job.

304. Fühlst du dich fit?

Den Umständen entsprechend halbwegs, ja. War jedenfalls schon mal schlechter. (Ja, war auch schon mal besser, aber da war ich 12.)

305. Sind deine finanziellen Angelegenheiten gut geregelt?

Ich habe keine Schulden, das Finanzamt hat eine Einzugsermächtigung, ich erledige meine Steuer gewissenhaft, und über die Rente denke ich nicht nach. Also ja, alles top. Hrm.

306. Von welchem Buch warst du enttäuscht?

Von vielen. Inzwischen lege ich alles weg, worauf ich keine Lust mehr habe. Meine Zeit wird knapper.

307. Welchen Grund hatte dein letzter Umzug?

Mehr Platz haben wollen!

308. Neigst du zum Schwarz-Weiß-Denken?

Wenn es um Lakritze geht, ja. (TOD DER LAKRITZE!) Bei sämtlichen anderen Süßigkeiten bin ich für alles offen.

309. Was fühlst du, wenn du verliebt bist?

Verliebtheit? (Heute ist echt nicht dein Tag, Fragebogen.)

310. Gehört es zum geselligen Beisammensein, viel zu essen und zu trinken?

Nein, ich kann das auch prima alleine.

311. Welche Dinge stehen noch auf deiner To-do-Liste?

Ich copypaste mal die erste Seite meines To-Do-Dokuments im Dissertations-Ordner, das insgesamt drei hat:

– Barbara Volkmann: Zwischen Wiederstand und Anpassung, 1980, 162/163
– Kat Ausst. Realismus, Berlin 1981, Staatliche Kunsthalle Berlin, 384.

– 0907/SD Kleine 35
Käpplinger, Judith: Die Reichsautobahn in Südbayern : eine Ausstellung des Staatsarchivs München ; 3. März – 30. April 2012, München 2012
Ludwigstr 14, Bib für bayerische Landesgeschichte

– BZI: BH 1502/190 (Freihand-Bestand)
Nationalsozialistische Gemeinschaft Kraft durch Freude, Amt Feierabend. Der Arbeiter und die bildende Kunst. System und Aufgabe der Kunstausstellungen in den Betrieben

– Rüdiger, Wilhelm: Kunst und Technik, München 1941 (Forschungsstand)
– Kat. Ausst. Kunst und Technik, Berlin 1939 und Dortmund 1942
– Kat. Ausst. Deutsches Volk, deutsche Arbeit, Berlin 1934
– Kat. Auss. Lob der Arbeit, Berlin 1936
– Kat. Ausst. Volk der Arbeit, Gelsenkirchen 1941
– Kat. Ausst. Eisen und Stahl, 1952, Düsseldorf

– Kameradschaft der Künstler, München e.V.
Term: 1938 – 1948
: BayHStA, MK 51588
Bund Deutscher Gebrauchsgrafiker e.V., München
Term: 1947 – 1971
: BayHStA, MK 51598
Künstlerbund “Isar” e.V., München
Term: 1951
: BayHStA, MK 51612

DE-1992-ZA-09138 Kunst – Neue Münchner Künstlergenossenschaft (Akt) (Neugründung nach 1945?)

– Ausstellung Münchner Künstler im November? 1942 in Köln, ab 2.11. im Kunstverein Köln (kein Katalog im ZI)
– Nachlass Peter Trumm (Rezensionen für Zeitungen)
https://www.literaturportal-bayern.de/nachlaesse?task=lpbestate.default&id=67

– BZI: BH 1502/1022
Potter, Pamela Maxine: Art of Suppression. Confronting the Nazi Past in Histories of the Visual and Performing Arts, Oakland (Kalif.) 2016.

– Archiv im Deutschen Museum
http://www.deutsches-museum.de/archiv/bestaende/institutionenarchive/
verzeichnis/milch-und-fettwirtschaft/ (1935–1943)

– Bundesarchiv: NS 51/40 Einladungen zu Veranstaltungen der NSDAP und ihrer Formationen sowie anderen Einrichtungen des öffentlichen Lebens (Handakte des Stellvertreters des Chefs der Kanzlei des Führers, Albert Bormann) (1933)

312. Hegst du oft Zweifel?

Ja.

313. Womit bist du unzufrieden?

MIT DER GESAMTSITUATION! (Sorry. Steilvorlage.)

Momentan bin ich mit Dingen unzufrieden, die nicht ins Blog gehören.

314. Mit welchem Gefühl besteigst du ein Flugzeug?

Hoffentlich ein freier Mittelplatz.

315. Gilt für dich die Redensart „Eine Hand wäscht die andere“?

Für mich gilt die Redensart „Ich möchte einfach nur hier sitzen.“

316. Bist du schon mal schikaniert worden?

Bestimmt. Verdrängt.

317. Wie spontan bist du?

Eher weniger. Ich neige zu Listen und Frühbuchungen.

318. Unterstützt du bestimmte Menschen bedingungslos?

Ich hoffe doch.

319. In welcher Angelegenheit hast du Schuldgefühle?

Gehört auch nicht ins Blog.

320. Wie viele Jahre schon dauert deine längste Freundschaft?

35 Jahre.

Tagebuch Mittwoch, 28. August 2019 – Nicht so richtig

Nicht so richtig in den Diss-Modus gekommen, neue Struktur gefällt, aber jetzt muss ich dringend an ein Kapitel ran, an das ich noch gar nicht ranwollte. Unkonzentriert gelesen, mal wieder die lange Bibliografie durchgesehen, ein Buch antiquarisch bestellt, in dem ich garantiert 70 Post-its hinterlassen werde anstatt brav nur im ZI darin zu lesen.

Nicht so richtig in den Job gekommen, kurzes Briefing-Gespräch gehabt, bisschen vorgearbeitet, genauso unkonzentriert gewesen wie bei der Diss.

Aber: Zusage von Blohm + Voss für die Akteneinsicht. Gebe jetzt Geld aus, das ich noch nicht verdient habe, um nach Hamburg zu fahren und dort in Akten zu wühlen, in denen garantiert nicht das steht, was ich mir erhoffe. #mimimi

Gestern morgen freute ich mich noch über den frisch aufgeladenen Roomba und setzte ihn zunächst in der Küche aus, wo ich am meisten Dreck produziere. Nach nicht mal einer halben Stunde ertönte ein trauriges Piepsen und das Kommando: „Please charge Roomba.“ Ich stöpselte das altersschwache Gerät wieder an die Ladestation – und stellte überrascht fest, dass er nach einer halben Stunde wieder grün blinkte. Nun ließ ich ihn im Schlafzimmer fahren – und musste ihn nach 20 Minuten wieder laden. Dieses Spiel spielten wir den ganzen Tag: laden, saugen, laden, saugen, mal den Staubbehälter leeren, laden, saugen. Das Arbeitszimmer war auch irgendwann sauber, und zum Schluss kam die Bibliothek, wo mir beim traurigen Piepsen das erste Roomba’sche Gesetz wieder einfiel, das ich schon vergessen hatte: Wenn der Akku alle ist, ist die Putzhilfe grundsätzlich unter der hintersten Ecke des Ecksofas, an die ich nur mit meinem Golfschläger rankomme. Mein Golfbag ist nicht in München, und seit gestern weiß ich: Mein Regenschirm funktioniert auch, um den kleinen Racker zu mir zu ziehen.

Mittags (und abends) am Burger weitergebastelt, den F. nächste Woche vorgesetzt bekommt. Bis dahin habe ich mich an Burgern so dermaßen überfressen, dass ich ihm vermutlich nur zusehen werde, während ich einen kleinen grünen Salat esse. Die gin-pickled cucumbers, die ich gestern im Blog erwähnte, sind der Kracher! Bitte alle sofort ein paar Gläser dafür sterilisieren. Sie passen leider nicht so ganz zum Whisky Patty, um den ich eigentlich den ganzen Burger herumgebaut habe. Ich werde mich wohl entscheiden müssen für Gin oder Whisky, und ich muss gestehen, die Gurken sind schon großartig, während Hack und Whisky eine etwas gewöhnungsbedürftige Kombi ist. Wobei ich zugegebenermaßen auch nur den günstigen Irish Whisky zum Marinieren genommen habe und keine 80-Euro-Flasche, die eventuell etwas Raucharoma mitbrächte.

Mich darüber gefreut, dass die Pinakotheken unseren letzten Podcast weiterempfohlen haben. Wer mich fünf Minuten über mein Diss-Thema bzw. Kunst im NS monologisieren hören will, kann das ab 1h23 tun.

Hämisch gegrinst darüber, dass sich Salvini vermutlich selbst aus der Regierung gekegelt hat, der Trottel. Entsetzt darüber gewesen, dass Johnson noch leichtsinniger und bescheuerter ist als ich dachte. Bei Trump, der den nächsten G7-Gipfel ernsthaft in einem seiner privaten Resorts ausrichten will, nur noch müde gemurmelt, was ich seit Monaten murmele: „Impeach the motherfucker already.“ Bin kurz davor, einfach unter die Bettdecke zu kriechen und abzuwarten, bis das Patriarchat sich endlich erledigt hat und wir vor exzentrischen man babies unsere Ruhe haben.

Und gleichzeitig lief das Boot mit Greta Thunberg an Bord in Manhattan ein. Ich stehe der Mystifizierung der jungen Frau zwar auch etwas skeptisch gegenüber, halte aber so ziemlich alles, was sie tut, für weitaus sinnvoller als das, was die drei eben genannten Herren so produzieren.

Was schön war, Dienstag, 27. August 2019 – Getting shit done, aber irgendwie anderen, als ich geplant hatte

Ein paar Jahre Protzen habe ich noch vor mir, bevor ich wieder ins ZI oder die Bibliothek oder mal wieder nach Nürnberg muss, um Nachschub an Quellenmaterial zu sammeln. Daher war gestern eigentlich wieder Schreibtischtag daheim angesagt. Was sich Montag aber schon abzeichnete, erwischte mich dann Dienstag endgültig: Die Struktur, mit der ich in der Diss arbeite, bröckelte mir beim wichtigsten Kapitel, dem Autobahnkapitel, unter den Tippfingern weg. Nachdem ich zum zwanzigsten Mal „vgl. Abschnitt x in Kapitel x“ getippt hatte, weil ich das, was ich eigentlich sagen will, für eine andere Stelle geplant hatte, dachte ich, nee, das kann’s nicht sein. Da müssen wir nochmal grundsätzlich ran.

Netterweise lenkte mich mein Mütterchen mit einem Telefonat ab, dann musste ich einkaufen, und weil es eh schon Mittags war, ließ ich die Diss liegen und erledigte andere Dinge.

Zum Beispiel mal den Staubraugerroboter auspacken und aufladen, den mir Herr F. vorbeigebracht hatte. So einen kleinen Racker hatten Kai und ich in Hamburg auch schon, für meine 1-Zimmer-Wohnung in meiner Münchner Anfangszeit wäre er aber dann doch eher albern gewesen, aber jetzt, mit etwas mehr Platz, hätte ich nichts gegen eine gewisse Grundsauberkeit, bevor ich nochmal mit dem anständigen Sauger rübergehe. Ich habe im Moment aber keine Lust, Geld für sowas auszugeben. Wie praktisch, dass F. seinen Roomba gerade nicht so dringend braucht und er deswegen bei mir fremdarbeiten darf. Ich suchte mir also eine möglichst unauffällige Stelle als seine neue Homebase und lud ihn auf. Heute darf er dann rumfahren und ich werde vermutlich in bittersüßen Erinnerungen schwelgen.

Dann bastelte ich ein paar Burgerbeläge. Ich hatte F. zum Geburtstag einen Burger kreiiert, der hoffentlich genau seinen geschmacklichen – und alkoholischen – Vorlieben entspricht. Zumindest theoretisch, denn man kommt ja zu nix. Da der Mann aber gerade mal wieder ein paar Tage aus sportlichen Gründen unterwegs ist, habe ich jetzt Zeit, die Einzelteile vorzubereiten und probezuessen und endlich den faulen Gutschein einzulösen.

Ich hobelte Gurken und Schalotten, kochte Essig mit Chili, Limette und Wacholderbeeren auf und fertigte daraus Gin-pickled cucumbers. Die habe ich noch nicht probieren können, weil sie mindestens einen Tag lang durchziehen sollten, aber ich bin mir sicher, die sind super. Dann schwitzte ich Fett aus Bacon und vermischte ihn mit einer Menge interessant klingender Zutaten wie Zwiebeln, Tabasco, Cayennepfeffer, Balsamico-Essig und braunem Zucker. Das schmeckte frisch aus der Pfanne so, dass ich kaum das Gläschen Whisky Bacon Jam füllen wollte. Hätte ich doch gleich die im Rezept angegebene Menge gemacht, ich Idiot. Was soll bei Bacon schon schief gehen?

Abends buk ich dann auch noch Burger Buns, die mir Herrn Hirngabel empfohlen hatte, meine Twitter-Anlaufstation für alles fiese Essen ohne viel Gemüse drin. (Ich tue dem Herrn vermutlich unrecht, aber was der alles schon frittiert hat, ist wirklich bemerkenswert.) Die kann ich hiermit dringend weiterempfehlen: fluffig, gleichzeitig bissfest und sie zerfetzen nicht unter den Händen, wenn man reinbeißt.

Und weil ich eh schon mit Hefeteig rumbastelte, setzte ich gleich mal einen Brötchenteig an, der über Nacht im Kühlschrank ruht. Die Brötchen backen gerade, kann ich noch nicht beurteilen. Sehen aber schon sehr gut aus.

Zwischendrin las ich Zeitung, erledigte Orgakram, holte mir vom Schwesterchen ein Update aus der alten Heimat, nach dem ich meine Mutter nicht fragen wollte, und schon war der Tag irgendwie rum. Ich bereitete am Schreibtisch den heutigen Tag vor – immer abends brav aufräumen, die alte Clean-Desk-Policy von Springer & Jacoby geht nicht mehr raus –, und als ich so meine Dateien aufräumte, dachte ich über einen Tipp nach, den ich per Twitter zur Diss-Struktur bekommen hatte. Den wandte ich an, vermutlich weil ich beim gin-picklen und bacon-jamming doch drüber nachgedacht hatte … und plötzlich war da eine neue Struktur, die mir sehr logisch vorkam. Ein Teil des Tipps war, seine Entscheidung auch schriftlich zu begründen, nicht einfach machen, sondern logisch darlegen, warum das die richtige Entscheidung ist. Auch das erledigte ich noch, und heute morgen liest sich das noch genauso gut wie gestern abend.

Jemand anders hatte mir ein persönliches Gespräch zur Problemlösung am Donnerstag angeboten. Das werde ich weiterhin wahrnehmen – hey, jede Gelegenheit, über meinen Diss zu reden, ist eine gute –, aber ich glaube, wir können den Abend entspannt mit Kaltgetränken bestreiten und weniger mit Nazikram. Immer eine gute Alternative.

Was schön war, Montag, 26. August 2019 – Schreibtischtag

Neun Stunden an der Diss gepuschelt, brav wieder am roten Faden lang, keine Umwege mehr auf Nebenschauplätze gemacht, nein, nein. Aber: von einer Blogleserin noch einen Tipp für einen dieser Schauplätze bekommen und dem werde ich noch nachgehen. Gestern aber nicht, gestern ging’s schön ordentlich geradeaus. Ich bin dann jetzt bei 130 Seiten, und das Autobahnkapitel, um das sich ja eigentlich alles dreht, ist immer noch nur ein Fragment.

Mittags Reis mit Gemüse und viel zu wenig Ketjap Manis. Ich liebe das Zeug, aber das scheint irgendwie in der Flasche verdunstet zu sein. Gleich mal den Einkaufszettel aktualisiert. (Ich schreibe Zettel per Hand und nicht per App.)

Zum Essen die neue Folge von The Affair geguckt. Ich hoffe, ich spoilere nicht, wenn ich ausplaudere, dass am Ende der letzten Staffel eine der Hauptfiguren verabschiedet wurde. Ich bin nur dankbar, dass es nicht Helen war, denn über die Frau würde ich gerne nach dem Ende von Affair eine eigene Serie sehen.

Nebenbei ist der Titelsong von Fiona Apple eins der besten Intros, die ich kenne. Den skippe ich nie vor.

Die Akten von Blohm + Voss liegen im öffentlich zugänglichen Hamburger Staatsarchiv, aber man braucht eine Erlaubnis der Firma, in sie reingucken zu können. Hm. Brav angefragt. Das ist nur ein kleiner Nebenschauplatz, der war okay, die eine Mail habe ich mir gegönnt. In der Archivsuche gehe ich gerne über die Tektonik anstatt direkt nach meinen Begriff zu suchen, weil ich es spannend finde zu gucken, was neben den Akten rumliegt, die mich eigentlich interessieren. So habe ich um die Erlaubnis für zwei Akte gebeten, die ich brauche, und für einen, den ich überhaupt nicht brauche, aber ich finde, wenn da etwas rumliegt, das „Frauen im Flugzeugbau 1944–45“ heißt, dann muss ich da reingucken. Mal sehen, ob ich darf.

Abends Waffeln mit Nektarinenkompott, das ich statt mit Wasser mit Scheurebe gekocht habe. Dazu regennasse Minze vom Balkon.

The Internet Is Rotting⁠—Let’s Embrace It

Nicht funktionierende Links können ein Segen sein, und Facebooks „On this day“ ist grauenhaft. Noch ein Grund mehr, warum ich den Laden nicht mehr betrete – als ich in der Trennungsphase meiner letzten Beziehung war, habe ich gefühlt dauernd angeblich happy memories in die Timeline gespült bekommen.

Ich traue mich nur nicht, meinen Account zu löschen, weil ich Angst um meinen Candy-Crush-Score habe.

„Humans are accustomed to a world in which forgetting is the norm, and remembering is the exception.

This isn’t necessarily a bug in human evolution. The mind forgets what is no longer relevant to our present. Human memory is constantly reconstructed—it isn’t preserved in pristine condition, but becomes altered over time, helping people overcome cognitive dissonances. For example, people may see an awful past as rosier than it was, or devalue memories of past conflict with a person with whom they are close in the present.

Forgetting also helps humans to focus on current issues and to plan for the future. Research shows that those who are too tethered to their past find it difficult to live and act in the present. Forgetting creates space for something new, enabling people to go beyond what they already know.“

(via @Hystri_cidae)

Was schön war, Freitag bis Sonntag, 23. bis 25. August 2019 – Fußball, Stadionwurst, ins Grüne gucken

Meinen Freitagsspaziergang durch Ramersdorf hatte ich bereits verbloggt, aber meine Abendgestaltung bewusst rausgelassen, weil die thematisch viel besser zum Samstag passte, denn: Ich konnte auf zwei Plätzen die Bundesliga-Heimspielsaison eröffnen.

Freitag abend ging ich zu den FC Bayern Frauen auf den Campus, dem seelenlosesten Stadion aller Stadien, das nicht mal eins ist, sondern ein Trainingsgelände, aber da spielen die Frauen nun einmal. Ab und zu dürfen sie ins Grünwalder, und gerade Freitag wäre das eine schöne Gelegenheit gewesen, denn der 1. FFC Frankfurt ist kein kleiner Gegner. Aber gut, dann eben der olle Campus.

An der Kasse bat ich dieses Mal nicht um das übliche Tagesticket, sondern um eine Dauerkarte. Meine erste eigene Dauerkarte! Die vom FC Augsburg gehört zwar im Prinzip mir, weil ich sie bezahle, aber da steht nicht mein Name drauf, sondern der eines Herren, der sie noch nicht ganz hergeben möchte, was völlig in Ordnung ist. Auf meiner ersten eigenen Dauerkarte steht nun leider aber auch nicht mein Name, sondern gar keiner. Wie F. nach meinem Gejammer anmerkte: „Irgendwas ist ja immer.“

Schönes Spiel, 3:0, unscharfes Bild, sorry.

Am Samstag ging’s dann zu den Herren, die ebenfalls ihren zweiten Bundesligaspieltag hatten bzw. ihr erstes Heimspiel. Wir eröffneten die Saison traditionsgemäß mit dem FCA-Knacker in der Laugensemmel, der besten Stadionwurst aller Zeiten. Bzw. F. besorgte schon das Essen, während ich noch draußen am völlig unterbesetzten Fraueneingang stand, herrgottnochmal.

Der FCA hat in der ersten Liga noch nie sein erstes Heimspiel gewinnen können, und, total supi, die Serie hielt. Knurr. Gegen das mir ja eigentlich sehr sympathische Union Berlin kamen die Jungs nicht über ein lausiges 1:1 hinaus, und ich war verstimmt, wie so oft nach FCA-Spielen. Und ebenfalls wie so oft fragte ich mich auf dem deprimierten Weg vom Stadion zur Tram, wieso ich mir den Quatsch antue, wieso ich soviel Zeit und Fahrtkosten und Genervtheit mitnehme, wo ich auch einfach zuhause auf dem Sofa Fußball ignorieren könnte.

Weil die wenigen Siege, die dieser anstrengende Verein mit seinem mittelmäßigen Fußball einfährt, großartiger sind als das achte Zweizunull von Bayern hintereinander. Das 2:1 gegen Dortmund in der letzten Saison machte die zehn Grottenkicks davor vergessen, und genau für dieses eine Spiel guckt man sich halt zehn beschissene an.

Ja, bescheuert, ich weiß. Ich freu mich trotzdem schon aufs nächste Heimspiel.

Etwas andere Kulisse. 27.000 in Augsburg bei einem eher schlechten Spiel, 800 in München bei richtig gutem Fußball. Deprimierend.

Den Abend verbrachten F. und ich im Stammlokal und trösteten uns mit Augustiner, wovon wir auch noch ein letztes auf meinem Balkon einnahmen. Uns war aufgefallen, dass wir in diesem Sommer sehr selten im Biergarten oder auf unseren Balkonen rumgehangen hatten – es war meist schlicht zu heiß gewesen. Ich bügele dann mal die Fleecedeckchen für den Frühherbst auf, damit wir es im Oktober schön gemütlich haben da draußen.

Der Sonntag begann etwas sehr spontan für mich Langschläferin mit einer Einladung an den Frühstückstisch von F.s Eltern, wo wir noch Semmeln bekamen, während die anderen schon fast beim Mittagessen waren. F. und ich waren zu satt fürs Risotto, der Herr versuchte, seinen Neffen zum Einschlafen zu bewegen, während ich meist nur stumm ins Grüne guckte, also den Garten der Eltern. Gartenneid. Auch eine sehr neue Emotion für mich.

Aber meine Balkonblumen machen auch glücklich. Wenn Sie mal die frisch gepflanzten Petunien mit der Gardine vergleichen wollen, die hier in nicht mal drei Monaten rangezüchtet wurde? Wie rette ich die denn bloß über den Winter? Ich kann doch meine Babys nicht einfach erfrieren lassen? Hilfe!

Abends ein Tomatenrisotto, weil die olle New York Times derzeit sehr genau weiß, was sie mir in die Timeline spülen muss. Natürlich nicht ans Rezept gehalten, sondern einfach Tomaten unter mein normales Rezept gemischt, das gar keins ist, sondern nur bedeutet: Zwiebel, Knoblauch, Weißwein, Risottoreis, Hühnerbrühe und Parmesan aus dem Handgelenk in den Topf werfen. Jetzt auch: Tomaten. Sehr gut!

Was schön war, Donnerstag/Freitag, 22./23. August 2019 – Rumgucken in Ramersdorf

Donnerstag saß ich mal wieder im Stadtarchiv, wohin ich mir weitere Akten zur Mustersiedlung Ramersdorf hatte ausheben lassen, weil ich immer noch nach einem anderen Beleg für Protzens Fresken als nur seine eigenen Fotos im Nachlass suche (denn wir wissen ja: zwei Quellen sind besser als eine). Der Aufsatz, den er für den Baumeister im Dezember 1934 geschrieben hatte, war mit einem Fresko von Albert Burkart illustriert gewesen (ich schrieb darüber), daher gehe ich davon aus, dass sein Fresko zu dieser Zeit vielleicht noch nicht fertig gewesen war. Andererseits sehen seine Bilder jetzt nicht so aus, als hätte er im Novemberregen oder Dezemberschnee auf dem Gerüst gestanden.

Aus den Beständen des Archivs erhoffte ich mir Auftragsbestätigungen oder wenigstens fotografische Belege, dass seine Fresken in Ramersdorf zu sehen waren. Also blätterte ich 500 Fotos durch, die vermutlich kurz vor oder nach der Eröffnung der Siedlung gemacht wurden, also im Juni 1934. 500 Fotos – kein Fresko. Als gar keins, auch nicht das von Burkart, nur lauter weiße Wände. Hm. Da die Siedlungshäuser alle zum Verkauf standen, gehe ich jetzt davon aus, dass die Fresken Auftragsarbeiten von den neuen Besitzern waren. So irre, jetzt nachzugucken, wer die ersten Häuser gekauft hat und ob jemand davon mir in Protzens Umfeld schon mal aufgefallen ist, bin ich aber auch (noch) nicht.

Dann versank ich noch kurz in einem riesigen Konvolut, das ich mir auf Verdacht hatte ausheben lassen: Oberbürgermeister Fiehler wollte 1934 eine Broschüre „München baut auf“ veröffentlichen und bat daher diverse Ämter um Unterlagen, um zu belegen, wie erfolgreich die nationalsozialistische Politik gewesen war. Das Buch erschien 1937, ich habe noch nicht reingeguckt, aber über Ramersdorf dürfte nur eventuell was zu finden sein; in den Akten, die ich hatte, wurde es kaum erwähnt. Dafür verlor ich mich kurz und sinnlos, aber gut unterhalten, in der Wasserbewirtschaftung der Jahre 1933 und 1934. Wenn es da ist, les ich’s durch. (If you build it, they will come.)

Mein Mini-Sieg aus dieser Archivsitzung war also nur: Vermutlich sind die Fresken nach Juni 1934 und vor Dezember 1934 entstanden, aber das war’s dann auch mit meinen Erkenntnissen.

Gestern morgen musste ich zu meiner Hausärztin, bummelte danach wieder zum Sendlinger Tor, hatte laut Mailcheck auf dem iPhone jobmäßig nichts zu tun und dachte daher spontan, fährste doch einfach mal nach Ramersdorf raus. Sechs Stationen mit der U2 und eine kurze Busfahrt später stand ich an der Kirche, die mir schon von diversen Fotos bekannt war und deren Lage ich im Bezug zur Siedlung auch kannte. Weil ich aber ich bin, rannte ich trotzdem erstmal in die falsche Himmelsrichtung, bis ich bei Google Maps nachschaute.

Zehn Minuten später schlenderte ich durch Ramersdorf und guckte. Und guckte. Und guckte. Und wartete immer darauf, dass mich irgendjemand ansprechen würde, was mir denn einfiele, so offensiv über Zäune und durch Hecken durchzugucken. Die Bäume sind seit 1934 aber auch echt gewachsen, Natur, du Feind der Kunstgeschichte! Einige Häuser sahen sehr renoviert oder sogar nach Neubauten aus, obwohl das Ensemble insgesamt inzwischen unter Denkmalschutz steht, ich glaube, seit den 1970er Jahren schon. Aber vermutlich sind Protzens Fresken schon vorher überstrichen oder abgeschlagen worden oder unter Efeu verschwunden oder ich habe sie schlicht nicht entdecken können, weil sie nicht von der Straßenseite aus einsichtig sind. Im Nachlass sind keine Straßennamen angegeben, bei denen ich direkt hätte gucken können, also bummelte ich fast zwei Stunden durch die Siedlung. Irgendwann sprach mich wirklich jemand an, wen oder was ich denn suche, ich erklärte, der Herr wies mich auf zwei andere Fresken in seiner Straße hin, eins davon hatte ich auch schon fotografiert, man weiß ja nie, vielleicht war da mal ein Protzen drunter (Adresse unkenntlich gemacht), aber zuhause, nach der nochmaligen Durchsicht der Bilder, glaube ich, dass die Lage des Bildes nicht zu einem der Häuser passt, die mir bekannt sind.

Die Bilder, die ich ihm beschrieb, kannte der Herr auch nicht: „Ein Mann, eine Frau, ein dickes Kind, ein frisch gepflanztes Apfelbäumchen? Ein Heuwagen? Skifahrende Menschen? Ein Paar, das Äpfel erntet? Nein? Hmpf.“

So bummelte ich sinnlos weiter, fand die Siedlung aber überraschend angenehm als Wohnviertel – und grinste innerlich über die vielen angebauten Garagen. Darüber gab es auch Schriftwechsel im Stadtarchiv: Bei der Anlage der Siedlung war, soweit ich mich erinnere, nur eine Art Sammel-Carport vorgesehen, einfach weil noch nicht so viele Menschen ein Kraftfahrzeug besaßen. Das änderte sich recht schnell, auch durch Entwicklungen wie den KdF-Wagen, so dass auch in Ramersdorf Menschen plötzlich Garagen wollten. Zunächst wurden diese Bauanfragen alle negativ beschieden – „das Ensemble! die armen Architekten!“ –, aber irgendwann durfte dann doch ein bisschen gebaut werden. Es gibt immer noch Häuser, die keine Garagen habe, zum Beispiel die Reihenhäuser, aber die freistehenden Einfamilienhäuser sind vielfach auch deshalb nicht mehr gut von der Straße aus einzusehen, weil, genau, eine blöde Garage vor ihnen steht. Garage, du Feind der Kunstgeschichte!

Ein einziges Haus fiel aus der gut gepflegten Ecke Münchens raus, das sah so aus, als gammelte es seit zehn Jahren unbewohnt vor sich hin. Oder als ob jemand darin da seit zehn Jahren vor sich hingammelt OMG. Das wunderte mich schon, dass es noch vor sich hinrottende Immobilien gibt in einer Stadt, in der gefühlt jeder eine Wohnung sucht. Ich würde das nehmen! Eine Busstation und sechs mit der U2 bis zur Innenstadt – count me in!

Kurz vor Schluss fand ich immerhin noch ein Fresko, das ich kannte, nämlich genau das von Burkart, mit dem Protzens Baumeister-Artikel bebildert gewesen war, seufz. Das war die beste Perspektive, die ich finden konnte:

Und so sah das 1934 aus (Screenshot aus dem Baumeister 12 (1934), Beilage, S. B 157):

Nix gefunden also. Aber immerhin an der frischen Luft gewesen, wie meine Oma immer so schön sagte. Ein bisschen nölig wieder nach Hause gefahren. Ich lege Ramersdorf jetzt vorerst zu den Akten. Und irgendwann werfe ich jedem Einwohner der Siedlung einen Brief in den Kasten: „KENNEN SIE DIESES HAUS? HABEN SIE DIESES BILD SCHON MAL GESEHEN? RUFEN SIE MICH AN!“

Nektarinentarte mit brauner Butter

Ich habe mein Cup-Maß eingeweiht, das seit Jahren in meiner Schublade rumliegt und dem ich nie traue. Aber gestern hatte ich keine Lust zum Umrechnen und habe Mehl in Cups gefüllt. Für diesen Blogeintrag gibt’s daher ausnahmsweise eine doppelte Maßeinheit, denn spätestens bei der Butter habe ich wieder umgerechnet. Im Endeffekt ist es eh egal, denn: Das ist eine ziemlich gute Tarte, wenn ich das mal sagen darf. Danke, NYT Cooking, für eure irrwitzig verführerischen Bilder in euren Rezepten, die ihr fieserweise auch noch twittert, weswegen ich direkt vom Stadtarchiv zum Nektarinenkauf eilte.

Für eine normale Tarteform, weiß der Geier, wie groß die sind. Ich habe meine 26-cm-Springform genommen, weil ich bei meinen Tarte- bzw. Pieformen nie ein Stück heile herausbekomme. Okay, vielleicht das allerletzte.

Den Ofen auf 190 Grad vorheizen.

1 Eigelb mit
3 EL kaltem Wasser verquirlen.

1,5 Cups (360 g) Mehl, Type 405, mit
1/2 TL Salz,
2 EL Kristallzucker,
dem verquirlten Ei und
120 g kalter Butter in kleinen Stückchen im Foodprozessor zu einem krümeligen Teig vermischen. Oder wie ich es mache: trockene Zutaten auf die Arbeitsfläche, Butterbröckchen dazugeben, das Ei obendrüber und dann möglichst schnell mit einem großen Messer zusammenhacken. Wenn sich alles irgendwie verbunden hat, schnell mit kühlen Händen zu einem Teig kneten. Nicht zu lange bearbeiten.

Den Teig ausrollen oder irgendwie in die Form kriegen und plattdrücken (meine Methode). Einen kleinen Rand basteln. Den Teig mit Backpapier abdecken, mit Blindbackzeug beschweren, was immer ihr dazu halt nehmt, und im vorgeheizten Ofen für 12 Minuten backen.

45 g Butter bei niedriger Hitze schmelzen und blubbern lassen, bis sie bräunt und sich ein dunkler Bodensatz absetzt. Beiseite stellen.

1 Kilo Nektarinen (oder Pflaumen oder Pfirsiche oder was auch immer) entsteinen und achteln, bei kleinen Früchten reicht vierteln. Bei mir waren es Nektarinen, die ich geachtelt habe, und es waren vermutlich auch nur 800 Gramm an Früchten, die ich in die Form bekommen habe.

Nach der Blindbackzeit Papier und Gewicht entfernen und den Teig für weitere 8 bis 10 Minuten backen, bis der Teig leicht gebräunt ist. Die Kommentator*innen bei der NYT verzichten gerne auf den Blindbackschritt, weil man in den nun schon leicht festen Teig die Früchte nicht mehr richtig reindrücken kann. Das ist mir auch aufgefallen, aber es hat mich nicht gestört. Wer also mutig ist, verzichtet aufs Vorbacken und wirft gleich das Obst auf den Boden.

Den gebackenen Boden mit
3 EL Marmelade bestreichen, bei mir war das bittere Orangenmarmelade, was ich ziemlich klasse fand zu den süßen Nektarinen. Im Originalrezept wird Johannisbeergelee vorgeschlagen, das hatte ich nicht, aber ich meine auch, dass die Süße von Teig und Früchten ein kleines Gegengewicht vertragen kann.

Nach dem Bestreichen den Boden mit den Früchten belegen, von außen nach innen, am besten so, dass die Fruchtstücke eher stehen als liegen. Kommt bei meinen Bildern nicht ganz so rüber, aber das sieht schon ziemlich dramatisch aus, wenn es aus dem Ofen kommt. Die ausgelegten Früchte abschließend mit der braunen Butter bestreichen, schön den Bodensatz mitnehmen, da ist der Geschmack, noch zwei EL Zucker drüberstreuen und dann für weitere 40 bis 45 Minuten backen. Die NYT hätte dafür gerne 200 Grad statt wie bisher 190, hab ich gemacht, dann färben sich einige Früchte an den hochstehenden Enden schwarz, was ich auch sehr dramatisch fand.

Aus dem Ofen nehmen, etwas abkühlen lassen und dann mit Sahne oder Crème fraîche servieren. Normalerweise mache ich sowas bei Obstkuchen immer – was Sahniges dazu –, aber diese Tarte fand ich perfekt so, wie sie aus dem Ofen kam.