Balut im Kontext

Vor einigen Wochen verlinkte ich einen Artikel aus dem New Yorker, der sich mit dem Museum of Disgusting Food in Malmö befasste. Die Autorin wies darauf hin, dass für den einen etwas eine Delikatesse ist und für die andere schlimmes Zeug – weil wir alle andere Geschmäcker haben und vor allen Dingen in unterschiedlichen Kulturräumen aufwachsen. Für sie als Chinesin war vieles der westlichen Küche unverständlich, an das sie sich erst heranessen musste. Daher wäre die Bezeichung „disgusting food“ mindestens unsensibel gegenüber Esskulturen der nicht-westlichen Welt, wobei das Museum durchaus auch Dinge wie Sauerkraut und Lakritz präsentiert.

Sie erwähnt, dass dem Museumsdirektor nur von einer Spezialität schlecht geworden sei: balut. „Ahrens found plenty of the foods unpleasant, but he got sick only after tasting balut, a Filipino egg-fetus snack that is eaten straight from the shell—feathers, beak, blood, and all.“

Klingt erstmal fürchterlich, würde ich auch nicht dringend probieren wollen. Aber dann las ich in einem meiner neuen Bücher über philippinische Esskultur einen etwas längeren Absatz über diese Eier – und verstand auf einmal, warum sie gut und wichtig und auch durchaus ein angenehmes Esserlebnis sein können. Daher die Überschrift: Wie immer ist der Kontext wichtig. Und dass die philippinische Variante meist nicht „beak, feathers, blood, and all“ enthält.

„[…] Balut is sold all the time and everywhere – on streets, at stalls, outside movie houses, outside nightclubs and discos, in markets; by vendors walking, sitting, or squatting; at midnight and early dawn, at breakfast, lunch, merienda, and dinner time. My first introduction to the sounds of Manila as a student was being wakened by the early morning vendor calling “Baluu-u-u-ut” along Mayhaligue Street in Sta. Cruz.

Balut is fertilized duck egg, boiled, and eaten by cracking the wide end, making a hole, sprinkling a little salt, sipping the broth, and then cracking the whole open to savor the red yolk and the tiny chick inside. The perfect balut, to the Filipino, is 17 days old, at which stage the chick is still wrapped in white (balut sa puti), and does not show beak or feathers (Vietnamese and Chinese like their balut older, the chick larger). A Pateros balut-maker explains that the best specimens are sold to his special customers, who become connoisseurs and will have nothing older or younger than perfection. (In the U.S. it is usually sold at 16 days, so as to be less threatening to those unused to this cultural experience.) Older specimen (the balut continues to grow until boiled) are sold to ambulant nighttime vendors, whose customers are not so particular or steady, and the 19-day holdovers (chicks almost ready to hatch) are sold only by bus terminal vendors, who will never see their customers again, will not hear recriminations, or form friendhips with them.

Balut is popularly believed to be an aphrodisiac, or at least to have invigorating powers, and so is sold even in the late evening and early mornings. It is always carried around in padded baskets, so that the eggs are kept warm, and the seller supplies rock salt as well in little twists of paper, and chili-flavored vinegar, if desired.

Some years back, one vendor in Cubao startet to sell fried balut. These were cracked eggs, which couldn’t be sold as balut, since the broth had seeped out. She peeled them, rolled them in flour, fried them in her cart and seved them in bowls with a little salt, vinegar, and chili. Now the fried balut or penoy (the unfertilized egg) are the current fad: rolled in orange-colored batter, fried, and sold all over Cubao; eaten from the little bowls, while standing up and finetuning the flavor to one’s taste by adding condiments.

Somewhat related to balut is the day-old chick. Poultries only keep female chicks to grow into fryers; male chicks used to be dumped into the sea – until someone fried them whole, into what is sometimes called “super-chicks” or “Day-O“. These too are sold in streets and carts – and at beer places, as pulutan.

Balut is, as poet Tom Agulto says, deeply embedded in Philippine food culture. It is practical, inexpensive, nutritious, and available in all seasons. Prices change only slightly accoding to place and time. “One can call it“, he believes, “the national street food of the Philippines.”“

Doreen G. Fernandez: Tikim. Essays on Philippine Food and Culture, Erstausgabe Mandaluyong City 1994, hier die Neuauflage von 2020, S. 12/13. Ich schrieb schon kurz über das Buch.

Das Kapitel zu Balut steht im Buch im Überkapitel „Food and Flavors“. Darin wird auch etwas zur Restaurantkultur – oder der damals, Anfang der 1990er Jahre noch fehlenden gesagt. Ich ahne, dass sich das inzwischen geändert hat, aber zur Einordnung fand ich es interessant: Die Restaurantkultur begann gerade erst, sich zu etablieren, und die ökonomischen Bedingungen ließen für viele Menschen neben Street Food gar keine andere Möglichkeit zu, zu fertigen Mahlzeiten zu kommen: „Street Food is for workers or passersby who cannot afford restaurants, or to go home to eat. It is for the traveller, the wanderer, the worker who keeps odd hours or has no food waiting at home; for schoolchildren who only have 15-minute-class breaks; for the husband or wife who does not want to go home empty-handed, or has no time to create home-cooked meals.“ (S. 13)

Man kann darüber diskutieren, ob man für diese Zeitpunkte unbedingt angebrütete Küken frittieren muss, aber mir kam die Speise nach der Lektüre dieser Zeilen nicht mehr ganz so seltsam vor.

Das Museum hat inzwischen eine Dependance in Berlin eröffnet. Dort werden die Exponate immerhin in der Berichterstattung etwas eingeordnet, wie ich in der FAZ erfreut feststellen konnte:

„Man gerät bei Speis und Trank schnell in kulturchauvinistische Abgründe. Als im Frühjahr 2020 SARS-CoV-2 nach Europa kam, hörte man in dem angewiderten Ton, in dem über den chinesischen Wildtiermarkt gesprochen wurde, von dem das Virus womöglich stammt, neben berechtigter Kritik auch das Klischee von der unzivilisierten chinesischen Esskultur. [Museumsdirektor] Völker erklärt das mit der emotionalen Bindung von Essen an die soziale Zugehörigkeit: „Der Geschmack ist das Erste, was uns ein Heimatgefühl gibt, sozusagen mit der Muttermilch.“ Und wo Heimat eine Rolle spielt, lauert bekanntlich die Herabwürdigung anderer. Die Philosophin Martha Nussbaum beschreibt den Ekel etwa als historisch-politisches Werkzeug zur Unterdrückung sozialer Gruppen wie Juden, Frauen und Homosexueller.

Zu Völkers Arbeit als Museumsdirektor gehört ausdrücklich die Vermeidung von Völkerkunde qua Kulinarik. Anders als das Pendant in Malmö habe er auf jegliche „Ethno-Anmutung“ verzichtet. In der schwedischen Ausgabe laufe der Besucher über einen nachempfundenen chinesischen Markt, „und bei den Fröschen“, so Völker, stehe eine Puppe „mit Anden-Mütze und Panflöte im Anschlag. So was wollten wir unbedingt raus lassen. Am Ende muss das Produkt zählen, ohne dass man die Assoziation ermöglicht: Ach, guck mal, da in den Anden. Oder: Hier bei den Chinesen, da gibt es das, und das essen die jeden Tag. Weil das so auch gar nicht ist.““

Und der Tagesspiegel erwähnt, dass auch in Westeuropa durchaus seltsames Zeug verzehrt wird:

„Ein mit blauen Schimmeladern deftig durchzogener Roquefort oder eine glitschige rohe Auster mögen den frankophilen Gourmet erfreuen, andere wenden sich bei dem Anblick womöglich mit Schaudern ab. Was ekelerregend ist, liegt oft im Auge und in der Nase des Betrachters, und der ist in seiner Kultur verfangen. […]

Man muss gar nicht unbedingt weit reisen, um gewöhnungsbedürftige Speisen zu erleben. Gleich neben dem sardischen Pecorino-Käse-Laib, in dem fröhlich die Maden herumwimmeln, gibt es den Milbenkäse aus Sachsen-Anhalt zu sehen, der inzwischen ebenfalls als hochpreisiger Leckerbissen gehandelt wird.“

Tagebuch KW 27 – Dazwischenwoche

Wenn man sein eigenes Diss-Dokument seit April nicht mehr in großen Brocken oder gar ganz durchgelesen hat, liest sich das an manchen Stellen wirklich nochmal überraschend. Und gut. Ich bin zufrieden mit dem Ding. Ich weiß leider, was ich alles rausgestrichen habe, sonst wäre das Buch 800 Seiten dick geworden und das braucht kein Mensch, aber so ein bisschen trauere ich doch ein paar Darlings hinterher, die aus Platzgründen sterben mussten.

Ausgelesen: Wolfgang Rupperts Der moderne Künstler. Zur Sozial- und Kulturgeschichte der kreativen Individualität in der kulturellen Moderne im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2000. War als Hintergrund für die Kunststadt München – so nannte sich das Örtchen hier seit Mitte des 19. Jahrhunderts – und damit auch für meinen Künstler ziemlich ergiebig. Ich fand die Außensicht auf die Stadt spannend, also die Wahrnehmung anderer, so zum Beispiel die von Lovis Corinth, der die Münchner Akademie als die „in Deutschland am berühmtesten“ bezeichnete und 1880 aus Königsberg wechselte. Dass die Akademie nach dem Ersten Weltkrieg beharrlich Dinge wie den Blauen Reiter ignorierte und bis auf einen Lehrer arg konservativ blieb, war dann wieder für mich wichtig, weil Protzen von 1920 bis 1925 hier studierte. Trotzdem stelle ich die These auf, dass die Außenwirkung der Stadt möglicherweise Einfluss auf seine Entscheidung gehabt haben könnte, aus Paris, wo er seit 1908 gelebt hatte, und der folgenden Zivilgefangenschaft auf Korsika zwischen 1914 und 1918 nicht nach Leipzig zu seiner Familie zurückzukehren, sondern sich eine neue Heimat zu suchen.

Münchens Ruf und der im Vergleich zu anderen Städten hohe Künstleranteil hatte auch Einfluss auf die Wohnkultur: Gerade in den bürgerlichen Mietshäusern in Schwabing wurden von vornherein große Atelierräume mit üppiger Fensterfront nach Norden eingeplant. Und so ziemlich jede dritte Kneipe in Schwabing bzw. der Maxvorstadt hat auf seiner Karte launige Anekdoten von Künstlerfesten oder Stammpublikum. („Thomas Mann hat hier seine Spiegeleier gegessen.“ Erfundenes Zitat, ich war zu lange nicht mehr irgendwo ein Bier trinken.)

Nebenbei lernte ich auch viel über Künstlervillen (hier vor Ort Villa Stuck oder das Lenbachhaus), Atelierausstattung sowie den Künstlerhabitus. Der Malerkittel, den ich zum Beispiel von einem Porträt Leo von Weldens kenne (S. 26), oder Handwerkszeug wie der Malstock auf diesem bekannten Gemälde von Georg Friedrich Kersting, das Caspar David Friedrich zeigt, waren eine Zeitlang gerade keine Abbildung wert. Ende des 19. Jahrhunderts malten sich Maler „in den gängigen bürgerlichen Kleidercodes und symbolisierten somit primär eine sozialgeschichtliche Verortung zwischen Bürgertum und kleinbürgerlichen Schichten.“ Aber: „[A]ndere Zeichen wurden zu Chiffren für den Künstlerhabitus. Durch Richard Wagner gewann das Tragen des Samtbaretts und einer Samtjacke den Codewert des Künstlers in einer die Sparten überwölbenden populären Bedeutung. Aus der Zeit um 1890 wird von einer Mode berichtet, nach der sich ‚der heutige Maler‘ mit einer ‚manirierten‘ Samtjacke kleidet. Als weitere Distinktionszeichen dienten eine besondere ‚Krawatte‘ oder die lange ‚Künstlermähne‘.“ (S. 313) In der Fußnote steht noch mehr zur Mähne: „Lange Haare waren im 19. Jahrhundert als ein Zeichen des Freiheitswillens aufgeladen. So gehörten sie bereits neben Freischarenmantel und schwarzroter Mütze um 1819 zur sogenannten Nationaltracht. In der Revolutionsbewegung um 1848/49 galten sie ebenfalls als Muster der kollektiven Verständigung über Zuordnungen.“

Ebenfalls durchgelesen: Kristine Bilkaus Die Glücklichen. Och jo. Konnte man machen, ich werde mich aber in vier Wochen schon nicht mehr an die Story eines gutbürgerlichen Paars erinnern, die beide arbeitslos werden und nun der vielleicht-bald-schon-nicht-mehr städtischen Altbauwohnung hinterhertrauern. Außerdem gemerkt: Das Wort „Reiswaffeln“ ist für mich Chiffre für Prenzlau-Eppendorf-Bogenhausen, wenn es um die Fütterung des Nachwuchses geht. Isst die irgendjemand wirklich gern? Sind die das Äquivalent zum Zwieback, an dem meine Generation rumlutschte?

Ebenfalls durchgelesen: Siegfried LenzDer Überläufer. Hier fand ich die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte spannender als das Buch, in dem es genau eine weibliche Figur gibt, die mal was Längeres sagen darf, nämlich die der Partisanin, die mit dem deutschen Soldaten schläft, der ihren Bruder erschossen hat und ja, genauso habe ich auch geguckt. Alter! Dass sie nebenbei durch schlanke Beine, eichhörnchenbraunes Haar und dem „herausfordernden Profil ihrer Brüste“ charakterisiert wird, hat mir das Buch noch madiger gemacht. Ab der Hälfte habe ich es quergelesen, weil mich Männer im Krieg und danach Männer in der SBZ nicht ganz so interessierten wie ich dachte, auch wenn ich Lenz’ Stil sehr mag. Aber für die Entstehungsgeschichte, die ich im Nachwort kennenlernte, hat es sich dann doch gelohnt (mehr im obigen FAZ-Link): Das Buch sollte in den 1950er-Jahren als Fortsetzungsroman erscheinen – aber dann doch nicht, weil das Thema Überläufertum nicht ganz so en vogue war in einem Land, das gerade aggressiv damit beschäftigt war zu verdrängen, was zwischen 1933 und 1945 so passierte bzw. sich davon zu überreden, dass die Wehrmacht doch eigentlich voller netter Jungs gewesen war. Also erschien das Buch erst jetzt vor wenigen Jahren, ist aber eigentlich Lenz’ zweiter Roman.

Sehr viele Dinge mit Fischsauce gegessen, viel Chili in alles geworfen. Als die Textarbeit erledigt war, habe ich mich weiter durch das Marvel Cinematic Universe gearbeitet, um anständig auf Loki vorbereitet zu sein.

Endlich mal beim Brantner Croissants erwischt. Die kann man nämlich nicht vorbestellen, sondern muss hoffen, rechtzeitig im Laden zu sein, bevor sie weggekauft sind. Wie erwartet, sind sie so großartig wie alles andere von dort. Das wird mein Ruin werden.

Heute geht es wieder in den Norden. Ich bin nicht mehr ganz so angespannt wie beim letzten Mal, weil ich jetzt das Ende sehen kann; vor der letzten Fahrt wusste ich, ich habe nur eine gute Woche Pause dazwischen und dann geht alles wieder von vorne los, aber wenn ich jetzt wiederkomme, darf ich erstmal länger zuhause bleiben. Dass man sich mal so auf seinen Schreibtisch freuen kann, um dann in Ruhe die letzten Handgriffe für die Diss-Veröffentlichung zu erledigen.

In den letzten Tagen haben Schwester und Schwager übernommen, die im selben Dorf wie meine Eltern wohnen, weswegen sie etwas mehr ins Haus schleppen konnten als ich, die immer nur ihre Lieblingsmesser mitnimmt, um nicht wahnsinnig zu werden. Sie trugen unter anderem ihr gesamtes Bettzeug rüber, und, und das fand ich sehr schön, auch Klopapier. Mein Mütterchen kauft seit den schlimmen 80er Jahren, als es die ersten Bioläden bei uns auf dem Dorf gab und damit fürchterliches Brot und „Schokolade“ aus Johannisbrotbaummehl und stinkende Kernseife, auch recyceltes Klopapier. Innerlich denke ich immer, wenn ich es benutze, „Sind wir hier in der Zone?“ und schäme mich dann brav dafür, aber dieses Mal habe ich mir ausbedungen: weiches, weißes Klopapier von den fiesen Supermärkten oder no deal. Also bekam ich mein geliebtes dreilagiges Edekapapier, weswegen ich sehr grinsen musste, als meine Schwester ihr vierlagiges von Rossmann anschleppte.

Ich kaufte auch Seife im Spender, den man mit dem Ellenbogen bedienen kann, wenn man von draußen kommt, sowie Spülschwämme, weil ich nicht gerne mit Spülbürsten arbeite. Mal sehen, was Schwester und Schwager noch alles geändert haben; die freuten sich jedenfalls sehr über die Schwämme.

Dann wollen wir mal wieder. Mein Koffer besteht zur Hälfte aus Büchern, die ich erst lesen wollte, wenn der Disstext fertig ist. Zum ersten Mal seit Jahren schleppe ich gerade kein Buch mit mir rum, was direkt mit dem NS zu tun hat. Endlich Muße und den Kopf für den Wagnerschinken, auf den ich mich seit Monaten freue. Nein, das hat nichts mit dem NS zu tun! … Okay, ein bisschen.

Tagebuch KW 26 – Vom Norden in den Süden

Ich war über eine Woche im Norden, wo ich meine Mutter antrieb, ihre Koffer für die Reha zu packen, wofür sie sechs Monate Zeit hatte, aber mei, dann machen wir das halt am Tag der Abreise. Schwester und Schwager luden schließlich vier halbvoll gepackte Koffer und ein sehr schlecht gelauntes Mütterchen ein und brachten sie persönlich nach Sachsen. Ich hatte erwartet, enterbt zu werden, aber Schwesterchen meinte, das ging nach wenigen Kilometern wieder. Gut, dass ich sehr viel Schokolade und Kekse eingepackt hatte.

Dann genoss ich eine Fahrt im mütterlichen Auto zum Dorfsupermarkt; ich hatte sie tagelang daran erinnert, mir die Fahrzeugpapiere da zu lassen, legst du mir die Fahrzeugpapiere raus, denkst du bitte an die Fahrzeugpapiere. Ratet, was ich im Rucksack nach München getragen habe. Gut, dass Schwester und Schwager eigene Autos haben. Ich schreibe mir jetzt ein Post-it, mit dem ich mich selbst für den nächsten Termin daran erinnere, die Fahrzeugpapiere rauszulegen, denkst du bitte an die Fahrzeugpapiere, um sie dieses Mal da zu lassen, wo sie hingehören.

Im Supermarkt warteten alle brav, bis andere ihre Einkaufswägen hatten, ließen einander vor, winkten sich gegenseitig in Parklücken; eine Mitarbeiterin mit einem Riesentrolley ließ mich vor: „Kunde hat immer Vorfahrt.“ Der Nachbar kam schon wenige Stunden nach Abreise des Mütterchens rüber, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist und kümmerte sich um Rasenmähen und Sprenger; das Ehepaar, von dem Mama einmal in der Woche Eier holt, was ich schmählich vergaß, richtete meiner Schwester aus, dass das doch überhaupt kein Problem sei. Das Dorf war sehr gut zu mir. Vielleicht war das Dorf schon immer gut zu mir, aber ich habe es nicht mitbekommen, weil ich bloß schnell in die Stadt wollte.

Sich alleine um jemanden mit Pflegegrad 5 zu kümmern, ist deutlich anstrengender als wenn das Mütterchen als Puffer dazwischen ist. Ich habe jeden zweiten Tag geweint und die Wände angebrüllt, aber sonst ging’s. Es war zu 90 Prozent fürchterlich und ich möchte das nie wieder machen müssen. Ich dachte, ich wäre vorbereitet, weil ich es ja schon mehrfach (zu zweit) mitgemacht hatte, aber einen Scheiß war ich.

Nach den wenigen Mund-Nase-Schutzen, die ich aus Stoff im letzten Jahr hingestümpert hatte, habe ich kaum noch genäht. Ein bisschen ist aber doch hängengeblieben, wie ich freudig feststellte: Ich konnte einige von Papas Shirts ausbessern. Ich ahne aber, dass die Arbeit nicht lange halten wird, denn wie ich inzwischen weiß, sind die Kräfte, die auf ein Stoffstück einwirken, das dir jemand anders anzieht, sehr andere als die beim Selbsteinkleiden.

Immerhin konnte ich wochentags tagsüber ein bisschen arbeiten, weil Vaddern dann in der Tagespflege ist. Der allerletzte Korrekturgang für meinen Diss-Text steht an, ich bin seit gestern zur Hälfte durch. Die Bilder, die mir vorliegen, sind bearbeitet und haben finale Namen, die sich der Verlag gewünscht hat und die mich irre machen (allesineinemwort). Die Bilder, die mir noch nicht vorliegen, machen mich weiterhin nervös, aber es ist alles bestellt und kommt hoffentlich irgendwann. Die darf ich auch nachreichen, die müssen nicht mit dem textdissfinal.docx am 29. Juli zum Verlag. Und dann kann ich Protzen endlich loslassen.

Wie ich gestern beim Textvergleich festgestellt habe, habe ich mir eine Fußnote in der Wikipedia verdient. Ja, ich zitiere die Wikipedia in der Diss, fight me. (Bite me.)

Ich habe beim gemeinsamen Fernsehen mit Papa viel kennengelernt, zum Beispiel durch „Terra X“ die Botanistin Jeanne Baret. Die Sendung ordnet immerhin halbwegs den westlichen Blick auf Tahiti ein, nicht vom Vorschaubild auf der ZDF-Seite abschrecken lassen.

Außerdem werde ich nie wieder (oder nur in begründeten Ausnahmefällen) über Fußballkommentatoren lästern. Das Spiel Deutschland-England sahen wir auch gemeinsam, aber ohne Ton, von dem war Papa genervt. Also erzählte ich ihm die ganze Zeit über, was passiert, was gar nicht so einfach ist, wenn man von nur acht der elf deutschen Spieler die Vereinszugehörigkeit und keinen Deut mehr weiß und von den Engländern noch weniger. Meist beschränkte ich mich darauf, „Der spielt bei Bayern“ zu sagen oder ihm zu erklären, was die Firmen herstellen, deren Namen er von den Banden ablas. (Danke, Google.) Dass die Deutschen „die Schwarzen“ waren, musste ich fünfmal in einer Halbzeit sagen, dann kam die Abendpflege und er verschlief den Schluss. Er fragte am nächsten Tag auch nicht nach, wie das Spiel ausgegangen war, weil er schon vergessen hatte, dass wir es angesehen haben.

Ich habe Papa jeden Morgen vor der Pflege geweckt, damit er nicht aus dem Tiefschlaf gerissen wird, habe ihm zu trinken gegeben, gelüftet, nochmal geguckt, ob alle Klamotten für ihn rausgelegt sind – das hatte ich einmal vergessen, jetzt hängt ein Post-it an seiner Zimmertür. Da hat man schon eine zehnseitige Liste mit Dingen, die gemacht werden müssen, und vergisst doch was, komisch.

Nachdem er wach war, ging ich immer in die Küche, ließ dort das Licht ausgeschaltet, öffnete die Terrassentür weit und kochte Kaffee. Der Rechner stand immer brav auf dem Tisch, ein Buch daneben, ich hätte theoretisch arbeiten können, während Papa nebenan für den Tag fertig gemacht wird. Stattdessen habe ich immer eine Stunde lang mit dem Kaffee in der Hand stumm und still über die Terrasse und den Rasen auf die Nachbargrundstücke geguckt, über die Rosenbüsche und Kirschbäume und Kastanien bis zu den Riesenbäumen da hinten, von denen ich keine Ahnung habe, was sie sind. Das war die beste Zeit des Tages, kurz nach Sonnenaufgang, es war noch alles ruhig, ich hatte Kaffee und guckte ins Grüne.

Abends gegen 20.30 Uhr, wenn Papa im Bett war, habe ich das gleiche gemacht, nur mit Sekt. Jeden Abend ein Glas und damit ins Grüne gucken. Das war schön. Und der Moment, auf den ich mich 14 Stunden lang gefreut habe.

Sag mir, was in deinem Einkaufskörbchen liegt, und ich sage dir, in welcher Stadt du gerade bist.

Am Mittwochnachmittag war ich wieder in München, Donnerstag genoss ich Udon-Nudeln und Tofu, Freitagabend gab’s Adobo für F. und mich, genauer gesagt, Adobo Manok at Baboy, also mit Huhn und Schwein, und als Nachtisch wollte ich eigentlich Ube-Eis machen, aber mein Stamm-Asiamarkt hat diese Yams-Art nie, wie ich jetzt weiß, nein, leider auch nicht in irgendeiner tiefgefrorenen oder eingekochten Variante. Stattdessen wurden mir Eddoes empfohlen, die ich genau so verarbeitete wie ich es mit Ube gemacht hätte: Abschrubben, vierteln, ein halbes Stündchen dämpfen. Das Fruchtfleisch aus der Schale kratzen und zu Püree stampfen (dann hat man halaya). Mit Kokosmilch und Kondensmilch köcheln lassen, dabei rühren, bis es eindickt. Ich hatte übersehen, dass die Rührzeit im philippinischen Kochbuch mit „20 bis 30 Minuten“ angegeben wurde; also hörte ich nebenbei eine Vorlesung per Macbook und rührte und rührte und rührte.

Ich wartete die ganze Zeit darauf, dass sich alles leicht violett einfärben würde; die Dame im Asiamarkt hatte mir neben den Knollen noch fertige Süßigkeiten daraus gezeigt, die fliederfarben waren. Es blieb aber alles beige, auch nachdem ich aus der nach 25 Minuten Rühren enstandenen Paste eine Eismasse gemacht hatte; dazu Eier und Zucker aufschlagen, mit warmer Milch aufrühren, alles zusammen erhitzen, bis es eindickt, dann mit Sahne und eben dem Püree verbinden, stundenlang in den Kühlschrank stellen, dann in die Eismaschine. Das freute mich sehr, dass ich die mal wieder verwenden konnte; die stand jahrelang rum, zum Schluss in einer Hamburger Umzugskiste auf dem Dachboden meiner Eltern, bis ich sie im letzten Jahr in einer blauen Ikeatasche nach München trug. Läuft wie am ersten Tag.

Das Eis färbte ich schließlich mit Speisefarbe ein, damit F. raten konnte, was es (theoretisch) war. Gut war’s.

Vor dem Einkauf ging ich mit den Ausdrucken aus dem Impfzentrum und dem Perso in eine Apotheke und muss nun nicht mehr meinen Impfpass mit mir rumtragen, ich bin jetzt zertifiziert geimpft und habe die Corona-App damit (hoffentlich) durchgespielt.

Am Donnerstag war ich nach sieben Monaten wieder im ZI OMG SIEBEN MONATE? und arbeitete die letzten gelb markierten Stellen im Dokument ab. Das war noch schöner als mit Sekt auf der Terrasse zu sitzen.

Noch sieben herrliche Tage im Süden und viel herrliche Schreibtischarbeit, bevor ich wieder in den Norden muss. Ich werde jetzt viel Zeug mit Fischsauce, Limetten und Chili essen und schlafe jetzt schon schlecht, weil ich weiß, dass es nochmal fürchterlich werden wird.

Bitte keine Ratschläge, es ist alles schon anstrengend genug.

Mama noch so zum Abschied, bevor Schwester und Schwager sie und vier Koffer in die Reha fuhren: „Frier noch Rhabarber ein!“ Weil das das Wichtigste ist. Okay. Ich griff zum großen Küchenmesser, schnitt Rhabarber ab, dann in mundgerechte Stücke, fror ein – und wunderte mich dann: Wieso haben die Stangen, die ich im Supermarkt kaufe, unten so eine abgeflachte Stelle? Das erklärte mir das Mütterchen, als sie einen Tag später anrief. („Nein, ich melde mich nicht dauernd, ich will mich ja erholen.“) „Du musst die nicht abschneiden – wenn die reif sind, kann man die rausziehen.“ Falls ich als Kind jemals was in diesem Garten gelernt habe, habe ich anscheinend in den Stadtjahren alles wieder vergessen. Mit dem neuen Wissen ausgestattet ging ich erneut ans Beet, zog professionell Rhabarber aus der Erde und buk Papa und mir einen schönen Streuselkuchen.

Jetzt wo das Mütterchen weg ist und mir das Haus gehört, habe ich erstmal Dinge eingeführt, die genau drei Wochen halten werden: Gewaschen wird morgens, dann muss man nämlich nicht bis 23 Uhr wachbleiben, um auf das Ende der Maschine zu warten. Der Geschirrspüler läuft nachts, dann kann ich ihn morgens ausräumen, so wie ich das zuhause auch mache. Es gibt jetzt ein Raumspray, das zwar nur wenig ausrichtet, aber immerhin das. Und hier stehen jetzt Schokomüsli und Kaffee mit Koffein rum und heute gibt es frischen Brokkoli und keinen aus der Gefriere.

Der Lieblingsjob hier ist immer noch, das Vogelbad auf der Terasse mit frischem Wasser zu befüllen. Jetzt gerade veranstalten drei Kohlmeisen eine Poolparty, und ich gucke ewig gerne zu.

Vorgestern und gestern abend saß ich nach Feierabend (20.30 Uhr) mit einem Glas Sekt auf der Terrasse und guckte nur stumpf ins Grüne. Ich verstehe nun Eltern mit Kleinkindern, die um 21 Uhr ins Bett fallen. Ich hatte mich sehr auf das Spiel zwischen Italien und Österreich gefreut, bin aber schon in der ersten Halbzeit weggenickt. Aber das Ins-Grüne-Gucken davor war sehr schön. Verdammt, verstehe nun auch Leute mit Garten!

Ich lese gerade ein Buch von Wolfgang Ruppert, sollte eigentlich nur ein bisschen Hintergrund zur Kunststadt München werden, aber jetzt haben sich doch ein paar Fußnoten in die Diss gemogelt, wie konnte das nur passieren. Gestern musste ich über einen Satz sehr lachen, und deswegen musste ich mal wieder was abtippen.

In diesem Kapitel geht es um den Wandel in der Wahrnehmung von Künstlern (und ein paar wenigen Künstlerinnen) im 19. Jahrhundert. Den ollen Geniebegriff schleppen wir ja seit Vasari und der Renaissance mit uns rum, aber Künstler waren stets gleichzeitig auch irgendwie Handwerker oder Ingenieure (siehe Leonardo). Im 19. Jahrhundert wurden Künstler, zumindest in Deutschland, als beseelter Gegenpol zur kühlen Wissenschaft rezipiert. Künstler galten nun als Menschen mit besonderer Begabung und einer „individuellen Wahrnehmungskompetenz“ (S. 275), Künstler wurden zu Bindegliedern zwischen Publikum und Werk, ihre Bilder, Texte und Kompositionen wurden durch die Gefühle des Publikums „verstanden“. Kunst und Musik ersetzten teilweise Religion und Mystizität – hier notierte ich mir „Wagner?“ an den Rand, um dann zwei Seiten später genau davon zu lesen: „Diese ‚Kunstreligion‘ verdichtete sich in der zweiten Jahrhunderthälfte in exemplarischer Weise in der charismatischen Person Richard Wagners. (S. 284)

Zur Einweihung des Bayreuther Festspielhauses 1876 trafen sich einige Künstler: „Hans Markart aus Wien, Franz Lenbach, Franz Defregger, Friedrich August Kaulbach und der Architekt Franz Seitz aus München sowie Adolph Menzel, Paul Meyerheim, Paul Lindau und Anton von Werner aus Berlin.“ Gerade Menzel ist mir seit Längerem ein Begriff, weil sein Werk „Eisenwalzwerk“ eine sehr bekannte Industriedarstellung ist, die auch im NS gerne als beispielhaft hochgehalten wurde.

Von Werner beschrieb seine Bayreuth-Eindrücke, und darüber musste ich wie erwähnt sehr lachen.

„Das Publikum, das nach Bayreuth gewallfahrt kam, war so entgegenkommend, begeistert und opferfreudig, wie es sich kein Autor besser wünschen kann, aber des Meisters Hofstaat und seine Anhänger schienen nach mehr als Anerkennung und Bewunderung für den Meister und sein Werk zu heischen: Anbetung, Vergötterung, und das ist nicht jedermanns Sache. Wenn man etwa behauptete, man habe Verständnis für Wagners Musik, so liefe man Gefahr, Unannehmlichkeiten zu erleben, denn des Meisters Werk sollte man nicht verstehen, man sollte daran glauben, und als bei den monotonen Rezitativen oder geringeren nicht enden wollenden Gesprächen des Wanderers gar H. von Angeli halblaut rief: ‚Der Menzel schläft schon!‘, sah ich mich, da unsere Künstlerecke doch eine verschwindende Minorität bildete und sich ein nicht misszuverstehendes entrüstetes Zischen vernehmen ließ, vorsichtig in dem dunklen Raume nach dem nächsten Ausgang um. Eine Art kriecherische Stimmung lag in der Luft, und eines Morgens bekräftigte ein junger Wagnerschwärmer seinen Glauben an den Meister bei Angermann am Biertisch auf offener Straße durch einen wohlgeführten Schlag mit einem Maßkrug auf die Nase seines weniger glaubensstarken Gegners.“ (S. 285)

„Der Menzel schläft schon!“ drucke ich mir aufs T-Shirt.

Wolfgang Ruppert: Der moderne Künstler. Zur Sozial- und Kulturgeschichte der kreativen Individualität in der kulturellen Moderne im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2000.

Tagebuch, Mittwoch bis Sonntag, 16. bis 20. Juni 2021 – Warm, dunkel, still

Viel Fußball geguckt. Viel Fußball nebenbei laufenlassen, weil der Ventilator so laut war, und trübe an die Decke geschaut.

Viel Bachmannpreis geguckt. Für diesen Text habe ich meine Publikumspreisstimme abgegeben und zwar für diese Sätze, die ich auch nach drei Tagen noch im Ohr und im Bauch hatte:

„Ich lege meine Lippen an ihre, meine Unterlippe an ihre Unterlippe und meine Oberlippe an ihre Oberlippe. Und dann küsse ich alle Rillen ihres Körpers. Ich küsse ihr die Rillen weg, gehe die Abdrücke entlang mit meinem Mund, bis sie alle verschwunden sind. Der Abdruck der Tasche an der Schulter, die Abdrücke der Socken an den Waden, der Abdruck der Schwimmbrille um die Augen, der Abdruck vom Hosenbund, vom Büstenhalterverschluss, Unterhosenbund, Armbanduhr, Ehering. Ich küsse alle Rillen weg und die Frau, die zu schimmern beginnt.“

Julia Weber: „Ruth“ (2021).

Man merkt ja erst, wie sehr man Fischsauce und Chilis mag, wenn man sie nicht essen kann, weil sie im Haushalt meiner Eltern halt nicht vorkommen. Ich kann vier Tage lang hintereinander Bánh Mì essen. Ein Hoch auf Eiskaffee.

„I wrote mostly about men. I hadn’t interviewed a lot of women. Whenever I did, the stories were always about the struggle to be the kind of woman who got interviewed – the writers who were counted out, the politicians who were mistaken for secretaries, the actresses who were told they were too fat and tall and short and skinny and ugly and pretty. It was all the same story, which is not to say it wasn’t important. But it was boring. The first time I interviewed a man, I understood we were talking about something more like the soul.

The men hadn’t had any external troubles. They didn’t have a fear that they didn’t belong. They hadn’t had any obstacles. They were born knowing they belonged, and they were reassured at every turn just in case they’d forgotten. But they were still creative and still people, and so they reached for problems out of an artistic sense of yearning. Their problems weren’t real. They had no identity struggle, no illness, no money fears. Instead, they had found the true stuff of their souls – of all of our souls – the wound lying beneath all the survivalism and circumstance.“

Taffy Brodesser-Akner: „Fleishman Is in Trouble“, London 2019, S. 235.

Die Texte vom Bachmannpreis nachgelesen. „Fleishman“ angefangen und ausgelesen. Wenig gesprochen.

Nach Monaten wieder in einem Museum gewesen, allerdings nicht zum Angucken, sondern zum Arbeiten. Ein klimatisierter Raum, aber ich habe nicht die Bilder gefunden, für die ich gekommen war. Vielleicht finden sie sich nächste Woche, da muss dann F. alleine mit der Kamera hin.

Ab morgen wieder keine Fischsauce mehr.

„Es ist mir nicht gelungen, die Ansichtskarten, die ich in Gmunden gekauft hatte, von Gmunden aus an Freunde zu verschicken, ich habe sie vielmehr nach meiner Abreise aus Gmunden mit nach Hause genommen, ich habe versucht, die Karten auf welchen 1 Teilprospekt von Gmunden (Rosetten) abgebildet war, von Wien aus an die Freunde abzuschicken aber ich war dazu auszerstande, ich fand es sinnlos, leere Ansichtskarten (mit dem Stempeldruck einer Rosette) zu verschicken, ich konnte nicht Grüsze von einem Ort aufschreiben den ich längst verlassen hatte, es war 1 grosze Inbrunst, sage ich zu Ely, die Ansicht von Gmunden war abstrakt, sage ich, aber die abstrakte Ansicht von Gmunden entzückte mein Gemüt wie es der tatsächliche Anblick dieser Stadt nicht vermocht hatte“

Friederike Mayröcker: „ich sitze nur GRAUSAM da“, Berlin 2012, S. 34.

Bánh Mì mit Champignonpastete

Ja, das Brötchen sollte weiß, weich und fluffig sein, aber ich hatte Lust auf ein Körnerbrot. Geht auch. Ich gebe aber zu, dass helles Brot besser passt, wie ich gestern bei einer zweiten Mahlzeit feststellen musste. Die habe ich aber nicht fotografiert, ich wollte bloß noch mehr davon essen, weil toll. Das Rezept stammt von einem Kandidaten der derzeitigen Masterchef-Australia-Staffel und ist vermutlich nur mit VPN lesbar, wenn ihr nicht gerade in Melbourne seid.

Rezeptautor Tommy Pham nutzte Rindfleisch, ich habe Schweinefilet genommen, ging auch. Von den untenstehenden Zutaten sollte man sechs Sandwiches belegen können.

Erstmal ein bisschen Gemüse blitzeinlegen. In einer Schüssel

1/4 cup Zucker,
1/4 cup warmes Wasser,
1/4 cup Essig (bei mir Essigessenz, hatte ich noch von einem philippinischen Rezept da),
1/4 cup Reisweinessig sowie
eine dicke Prise Salz mischen.
1 Mohrrübe sowie
1/4 Daikon, beide in Juliennes oder feine Scheiben geschnitten, für 30 Minuten einlegen. Daikon hatte ich nicht, ich habe ein paar Gurkenscheiben genommen.

Nun die Champignon-Pastete machen. Ich kenne Bánh Mì nur mit Hühnerleberpastete, aber die Pilze gefielen mir gut, wenn sie auch nicht ganz so geschmacksintensiv wie Fleisch waren. Das hier ist ein eher zurückhaltendes Bánh Mì.

1/2 Zwiebel, in Ringe geschnitten, und
4 Knoblauchzehen, geschält und angedrückt, in
2 TL Pflanzenöl glasig braten.
500 g braune Champignons, halbiert (bei mir in Scheiben geschnitten), dazugeben und in ca. 15 Minuten goldbraun bis dunkelbraun braten. Fünf Minuten abkühlen lassen, dann in einen Mixer geben und stückchenweise
250 g kalte Butter einarbeiten, so dass eine Paste entsteht. Mit
1 TL schwarzem Pfeffer und
2–3 TL Fischsauce abschmecken.

Jetzt kommt die Zwiebelmajo. Dafür
75 g Schalotten, in feine Ringe oder Stücke geschnitten, in
1 EL Sonnenblumenöl leicht andünsten. Abkühlen lassen.
In einen hohen Mixbecher
1 Ei und
1 Eigelb geben, mit
1/2 TL Salz würzen und vorsichtig mit
3/4 cup Sonnenblumenöl auffüllen. Ein paar Minuten stehen lassen, damit das Öl sich setzen kann. Passt gut, dass auch die Schalotten noch auskühlen müssen. Nach der entsprechenden Zeit einen Mixstab auf die Eigelbe setzen und pürieren. Sobald sich eine dicke Emulsion gebildet hat, den Stab langsam nach oben ziehen, bis alles eine Masse ergibt. Die Schalotten unterrühren.

Nun zum Fleisch. Erstmal die Marinade erstellen. In einem Mixer
3 Stangen Zitronengras, nur der weiße Teil, grob gehackt, mit
1 1/2 EL geröstetem Sesamöl,
3 EL Sonnenblumenöl und
1 TL Salz zu einer Paste mixen.
250 g Rindfleisch im Stück mit der Paste bestreichen und für 10 Minuten ruhen lassen. Danach scharf in Pflanzenöl anbraten, so durch, wie man es mag. Das Stück aus der Pfanne nehmen und für 20 Minuten in den Tiefkühler legen, damit man es danach besser schneiden kann. Ich habe diese Schritte sehr abgekürzt und mein Fleisch nur in Sesamöl angebraten, war auch gut.

Einen Dip brauchen wir auch noch, hier den vietnamesischen Klassiker Nuoc Cham. Kann man weglassen, aber ich liebe das Zeug, ich dippe da quasi alles rein, was nicht weglaufen kann.
In einer Schüssel
1–3 EL Zucker mit
3 EL Fischsauce,
3 EL Wasser,
2 EL Limettensaft,
2 Bird’s-Eye-Chilis, gehackt, und
1 Knoblauchzehe in Stücken oder Scheiben mischen.

Wenn alles fertig ist, zusammenbauen: Das Sandwichbrötchen halbieren, erst die Majo drauf, dann die Pastete, dann das Fleisch, das ihr in 3 Millimeter dünne Scheiben schneiden solltet – also nicht solche Brocken wie ich –, zum Schluss das eingelegte Gemüse obendrauf. Ordentlich Koriander dazu, wer mag, noch eine Chili sowie Frühlingszwiebeln (hatte ich nicht) und dann viel Spaß damit. Viele Servietten bereitlegen und am besten gleich zwei Portionen für jede:n einplanen.

Was schön war, Samstag bis Dienstag, 12. bis 15. Juni 2021 – Frauenabend, Fuppes, Frischluft

Fußball ist gerade nicht nur für mich, sondern auch für Papa super, danke, EURO 2020 aka 2021. Er ist abends inzwischen sehr schnell müde, und seit er in der Tagespflege ist, wo er vermutlich in einer höheren Frequenz angequatscht wird als zuhause, mag er die üblichen Lokalprogramme im Fernsehen nicht mehr so gerne sehen. Sonst liefen immer das Rote Sofa, Hallo Niedersachsen und dann die Tagesschau, bevor wir irgendeine Naturdoku suchten (danke, Öffentlich-Rechtliche, ihr habt immer irgendwo Landschaften oder Viehzeug). Momentan nervt ihn das aber, weil halt viel geredet wird.

Was ihn nicht nervt, ist Fußball. Keine Ahnung, ob es das monotone Bild ist – bunte Männchen auf grün – oder der monotone Ton – alle Kommentatoren dieser Welt, hier bewusst nicht gegendert –, aber bei Fußball ist er ruhig, guckt konzentriert und fiepst nicht tic-artig rum oder zuppelt an Dingen. Er versteht nicht mehr, wenn ein Tor fällt oder was generell passiert, aber Fußball, genauer gesagt, das 18-Uhr-Spiel, haben wir in den letzten Tagen gut zusammen schauen können. Normalerweise mache ich den Fernseher aus, wenn die Pflegenden kommen, aber vorgestern abend meinte der Pfleger launig, ich solle das ruhig laufenlassen.

Am Sonntagabend kam das Schwesterchen noch vorbei, wollte eigentlich nur ein Stündchen bleiben und blieb dann drei. Papa schlief schon, während wir drei Frauen der Familie auf der Terrasse saßen, ein Sektchen tranken, Erdnüsse knabberten und miteinander plauderten, während der Rasensprenger alles unter Wasser setzte. Erstmals seit Monaten alle maskenlos.

Auf dem Dachboden meiner Eltern stehen noch ein paar perfekt beschriftete Umzugskisten aus Hamburg, für die ich in München keinen Platz mehr hatte. Aus einer von ihnen konnte ich meinen Ventilator ziehen und musste so im Kinderzimmer nicht ersticken.





Das mit der Sektflasche ist kein Witz. Mama kann die nicht öffnen. Papa hat immer gesagt, Mama würde in einem vollen Weinkeller verdursten.

Tagebuch, Donnerstag/Freitag, 10./11. Juni 2021 – Im Norden

Donnerstag gefühlt den ganzen Tag Zug gefahren. Auf der Strecke München – Hannover wird anscheinend irgendwo gebuddelt, jedenfalls musste ich in Nürnberg umsteigen und zuckelte dann zwischen Fulda und Göttingen über jede Gießkanne unter schmählicher Auslassung von Kassel-Wilhelmshöhe. Das war das erste Mal, dass ich beim Einsteigen in einen Zug nochmal nach der Anzeige außen am Bahnsteig guckte und auf die im Zug – ein Wagen der 1. Klasse war komplett leer, im zweiten saßen zwei Damen. Zu denen setzte ich mich nach dem doppelten Anzeigencheck gut gelaunt und belegte total dreist einen Zweiersitz mit mir und meinem Koffer, wo ich sonst immer brav nur einen Einer buche. So konnte ich zwar nicht den Comfort-Check-in nutzen, aber das war’s wert.

In fünfeinhalb Stunden statt guten vier kann man dann auch deutlich mehr lesen. Oder dösen. Oder sich doch allmählich langweilen, aber dann auf Google die Strecke mitverfolgen. Das ist also Bebra. Kannte ich auch noch nicht.

Was ich schon auf der Zugfahrt nach Nürnberg am Dienstag feststellte: Durchgeimpft fährt es sich wieder deutlich entspannter Bahn. Wo ich mir in einem Jahr eine vermutlich überzogene Angst vor Menschen antrainiert hatte, gerne vom Bürgersteig auf den Radweg oder sogar die Straße auswich, wenn mir jemand entgegenkam, trotz beidseitiger korrekter Maskenbenutzung, war ich nun gefühlt fast wieder normal entspannt in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Ich hatte mich schon gefragt, ob sich der Zustand wieder einstellt, dass man eben einfach damit klarkommt, in einer Stadt auf viele Menschen zu treffen und in Zügen und U-Bahnen auch und das halt aushält. Ich wage zu behaupten: Ja, das stellt sich wieder ein.

Eine von den beiden Damen hustete eine Zeitlang sehr vernehmlich, und wo ich mich vor einem halben Jahr noch in einen anderen Waggon gesetzt hätte, guckte ich jetzt nur kurz hoch, ob’s ihr gut ging. Das tat auch die andere Dame und ich hörte: „Ich bin geimpft, ich hab mich verschluckt und der Husten liegt auch an den Herztabletten, verdammte Scheiße.“

Es wird.

Das Väterlein ist seit ein paar Wochen tagsüber von Montag bis Freitag in der Tagespflege, was meine Mutter sehr erleichtert. Er wird gegen 8 abgeholt und kommt gegen 16 Uhr wieder. In der Gruppe wird gemeinsam die Zeitung gelesen, er wird mit Frühstück, Mittag sowie Kaffee und Kuchen versorgt, sie machen Gymnastik (so gut das eben geht), er bekommt seine Physio dort, demnächst kommt ein Streichelzoo vorbei, wie ich gestern erfuhr, und er hält Mittagsschlaf. Dazu wird er aus dem Rollstuhl gehoben, was gut ist, weil er sonst zu lange in ihm sitzen würde. Er versteht nicht mehr, dass er eine theoretisch funktionierende linke Körperhälfte hat, weswegen er gerne schief im Stuhl hängt, wenn man ihm nicht hilft, es zu korrigieren.

Laut Eigenaussage gefällt es ihm sehr gut da, und er mag das Essen, vermutlich auch weil es irre viel davon gibt, wie ich von meinen Besuchen im November weiß. Er ist meist mehr erschöpft als sonst, logisch, aufrecht sitzen kostet mehr Kraft als im Bett zu liegen, das heißt, er schläft abends schneller und besser ein. Auch das hilft meiner Mutter sehr. Das soll jetzt nicht frohlockend klingen, yay, mein Vater ist erschöpft, aber es fühlt sich alters- und zustandsgerechter ein, früher müde zu werden und nicht erst ein Schlafmittel zu brauchen, weil er den ganzen Tag fast nichts machen konnte, was ihn anstrengt.

Ich bin mal wieder da, um das Mütterchen zu entlasten – und um noch 1000 Kleinigkeiten zu erfahren, die ich in wenigen Wochen brauchen werde, denn da fährt sie in die Reha und meine Schwester und ich sind dann zuständig. Eigentlich war die Reha schon für Januar genehmigt worden, aber vor ihrer Impfung wollte sie logischerweise nirgends hin, und wir wollten sie auch nirgends hinlassen.

Ich mache derzeit weiter die Dinge, die ich schon bei den letzten Aufenthalten gelernt habe, auch wenn der Tagesablauf nun wochentags etwas anders ist. Vieles hat aber weiter meine Mutter erledigt und daher renne ich gerade mit meinem Uni-Moleskine und gezücktem Stift neben ihr her, schreibe auf, was sie macht und notiere Dinge wie: Wo ist der Briefkastenschlüssel, wie heißt der Urologe und wo steht seine Telefonnummer, wen rufe ich an, wenn Pflegeprodukt XY fehlt, wann werden hier die Mülltonnen abgeholt und so weiter und so fort.

Große Vorfreude auf drei Wochen im alten Kinderzimmer *hust*. Passt schon. Es ist für einen guten Zweck.

Außerdem weiß ich jetzt, dass Waschmittel hier sehr lange hält.

Gestern konnte ich meine Mutter erstmals richtig vom Internet überzeugen. Das ist hier nämlich immer noch nicht vorhanden, ich blogge über einen mit dem iPhone erstellten Hotspot und muss vorher die Ecken im Haus suchen, wo LTE ist. Sie telefonierte mit der fünften Ansprechperson, es ging um einen Transport von Vaddern (lange Geschichte), und dann fragte die Dame am Telefon, ob Mama ihr die Genehmigung der Kasse vielleicht einfach fotografieren und mailen könne? Also unterbrach ich kurz den Livestream aus Kassel (Aufzeichnung), wo mein Doktorvater gerade ein paar provokante Thesen zu Werner Haftmann verteidigte, ließ mir von der Dame ihre Mailadresse buchstabieren, fotografierte zwei Seiten, mailte sie rüber und berichtete dem Mütterchen von der Antwort der Dame. Ich glaube, so langsam kann ich sie davon überzeugen, dass gerade E-Mail eine wirklich tolle Sache ist.

Über den Tag mehrere Dinge im Geiste abgehakt unter „kann ich verbloggen“, aber dann lief Türkei-Italien und ich habe alles vergessen. Donnerstag morgen noch über die EM gemeckert, jetzt wieder froh, Fußball mit Zuschauer:innen gucken zu können. Wie gesagt: Es wird.

Was schön (und traurig) war, Dienstag, 8. Juni 2021 – Abschied von Kalle und ein großartiges Buch über Essen

Ich erwähnte es bereits: Impfschutz komplett, die Bilderbeschaffung für den Diss-Druck liegt in den letzten Zügen, nur ein Berg Abbildungen fehlte noch und den musste ich selber ranholen. Die wenigsten Abbildungen habe ich aus Museen, dazu kommen ein paar aus Büchern und Zeitschriften gescannte Bilder, aber der Großteil liegt als Fotografie im Nachlass von Protzen im Kunstarchiv in Nürnberg. Von diesen Fotos brauchte ich nun druckfähige Scans. Eigentlich kein Problem, aber: Die Fotos sind auf diverse Kartons verteilt, haben keine Signatur oder ein anderes eindeutiges Identifizierungsmerkmal, und daher setzte ich mich, natürlich nach vorheriger Anmeldung, gestern erstmals nach Februar wieder in einen ICE, fuhr ins schöne Nemberch, spazierte den einen Kilometer vom Bahnhof ins Germanische Nationalmuseum, schloss wie immer mein Zeug im Untergeschoss ein und ging in den Lesesaal, wo ich mich, ebenfalls wie immer, erstmal an die Dame der grafischen Sammlung und nicht vom Archiv wandte, um mein Begehr vorzutragen, weil die halt näher an der Tür sitzt. Sie zeigte nur auf die Dame neben sich und meinte: „Sie waren doch schon mal hier.“ Ja, sorry. Ich bin von Abschiedsschmerz zerrissen. Aber sie hat ja recht. Es stehen sogar Schilder vor den beiden, damit man nicht die falsche belästigt.

Ich bekam den Vervielfältigungsauftrag ausgehändigt, den ich ausfüllte, genau wie den üblichen Benutzerantrag, und dann zückte ich meine liebevoll gebastelte Liste mit 58 Bildtiteln und clevererweise eingefügten Abbildungen in mieser Anke-Qualität, die ich im Laufe der letzten vier Jahre mit iPhone und/oder wackeliger Kamera erstellt hatte. Zu jedem Bildtitel hatte ich Kartonnummer und Signatur des Fotoalbums/des Umschlags/des irgendwas notiert und arbeitete mich nun durch mein eigenes Dokument. Nur sechs der 58 Abbildungen musste ich suchen, da wusste ich selbst nur grob, wo sie waren, weil ich es bräsigerweise nicht vernünftig notiert hatte. Die fand ich aber auch schneller als erwartet, legte auf jedes Bild einen Marker auf Papier, hakte es auf meiner Liste ab, blätterte dann einfach nochmal Zeug durch, wenn man schon mal da ist, und war nach nicht mal zwei Stunden fertig.

Ich gab meine Bilderliste einfach mit ab, damit auch stets klar ist, was ich haben will, das freute die für mich zuständige Dame. Dann fragte ich, ob ich den üblichen Scan-Preis von 20 Euro pro Archivstück zahlen müsste oder, wie in den Geschäftsbedingungen notiert, nur zehn, weil wissenschaftliches Werk? Antwort: nur zehn. Puh. Dann erkundigte ich mich nach den Reproduktionsgebühren, bei denen ich letzte Woche einen kleinen Herzinfarkt bekommen hatte, denn angeblich schlägt da jedes Archivstück mit mindestens 40 Euro zu Buche. Auch hier zählt wieder, dass ich ein wissenschaftliches Werk veröffentliche und keine launige Massenware, daher: null Reproduktionsgebühr. Aus dem Herzinfarkt wurde ein sehr großer Stein, der mir vom Herzen rollte. Die Bilder sind immer noch teuer genug, manche Museen nehmen gerne einen Fuffi pro Stück, bei einem Bild weiß ich schon, dass es als Titel gleich 100 kostet, und genau eins von denen wird vermutlich auch der Titel werden, insofern habe ich mich sehr über einige Spenden in den letzten Tagen gefreut, die bei mir ankamen. Werden alle einem sehr sinnvollen Zweck zugeführt.

Ich hatte alles besprochen, durchgeguckt und markiert. Ein letzter Blick auf die 15 Kisten Nachlass, dann verließ ich den Lesesaal und fing ernsthaft auf dem Weg zum Schließfach an, ein winziges bisschen zu weinen. Gut, dass ich eine Maske trug. Weniger gut: eine feuchte Maske nervt total. Den Weg zum Bahnhof legte ich ohne zurück, dann setzte ich am Gebäudeeingang die feuchte Maske auf, entschied mich um, warf sie weg und zückte eine neue aus dem Rucksack.

Der Zug nach München war dann auch extra nett zu mir und hielt nicht in Ingolstadt, der Nervensäge, weswegen ich schon zur Mittagszeit wieder zuhause war. Dort korrigierte ich die Dinge, die ich im Archiv noch hektisch ins Textdokument eingefügt hatte – irgendwas findet man ja immer noch, was man jahrelang nicht gesehen hat –, und damit ist meine Zeit mit dem Nachlass jetzt zuende. Fieps.

Auf Hin- und Rückfahrt las ich in einem Buch, das mir F.s Vater zur Promotion geschenkt hatte: Tikim: Essays on Philippine Food and Culture von Doreen G. Fernandez, eigentlich von 1994, 2019 neu aufgelegt. Im Vorwort von Aileen Suzara fand ich diesen schönen Gedanken zu Essen aus verschiedenen Kulturräumen:

„What happens when immigrants (and the next generations) adapt traditional cooking to a new home? As I write this, a new wave of Filipino American chefs is in the midst of a culinary revival. The mainstream U.S. media is now casting (positive) attention on the foods of a majority-minority community long “hidden” in plain sight. Some chefs emulate family recipes, while others blend influences even as they bend traditions. All are cooking within a new context, with different ingredients and audiences. Yet we cannot forget that young chefs now in the spotlight stand on the shoulders of earlier generations, who struggled with economic and racially discriminatory barriers yet inscribed their mark onto the food world. I wonder how Doreen—no purist—would have regarded this newest chapter in Filipino food and identity formation. “Food, like language, is a living culture,” she wrote. “The old ways are tested and true, the new ways are not necessarily betrayals, if they are appropriate and result in good food.”“

Filipino-Americans sind die zweitgrößte Gruppe von asiatisch-stämmigen Einwanderern bzw. ihren Nachkommen in den USA, weswegen sich dort philippinisches Essen in einigen Gegenden langsam durchsetzt – allerdings an die neue Umgebung angepasst. Zwei Schwestern von F.s Vater leben heute in Los Angeles; im letzten Familiennewsletter wurde ich erstmals erwähnt, was mich sehr gefreut hat:

„Anke likes to cook, and she recently had the good idea of buying a cookbook for Filipino food (by a Fil-Am author) and has tried out “Bistek Tagalog” and “Kare-kare”. Felix said that both meals were very good, capturing what he remembers from his visits and of course, the very good cuisine he enjoyed during his [Familienname] visits. So we are all looking forward to enjoying Filipino cooking on a larger scale after the pandemic.“

Aww! Und OMG der Erwartungsdruck!

Suzara weiter:

Tikim invites us along a lifelong journey of reconnecting to cherished foods. And in light of today’s rapidly changing world, it is a call to action. We live in a time of narrowing biodiversity and an industrialized sameness, when both species and traditions are vulnerable to disappearance. We live in an era when the climate and global food system is fractured and hurting, and immense structural changes are needed. “And how much of our history, and our beings, would be lost when these flavors vanish in the mists of the past?” Doreen asks us. It’s not enough to simply hope these traditions survive into the future. Just like in generations past, we all have a role to play.“

Im ihrem eigenen Vorwort (nicht komplett online) schreibt Fernandez, wie sie sich Mahlzeiten nähert, über die sie schreiben möchte. Es geht um mehr als darum, Synonyme für „schmackhaft“ zu finden.

„[T]he experience of food is ephemeral. What one puts into the mouth is the end result of a process that starts with the sea, the soil, animal life. In the act of cooking, we make statements about ourselves – about our understanding of relationships between ingredients; about our perception of taste and appropriateness. In the act of eating, we ingest the environment, but we do not stop at that, for we Filipinos make eating the occasion for ritual – and ritual the occasion for eating. We build ceremony around it; we create celebration. […] Eating is not just ingestion. Eating is the occasion for the rites and rituals of our lives. […] Eating is language that speaks of the nuances of what we are. Eating is making alive the various and variegated conjugations of our lives. […]

Writing about food should not be left to newspaper food columnists, or to restaurant reporters. It should be taken from us by historians of the culture, by dramatists and essayists, by novelists, and especially by poets. For it is an act of understanding, an extension of experience. If one can savor the word, then one can swallow the world.“

Diese schönen Sätze gebe ich euch mal für den Tag mit.

Was schön war, die ersten Junitage 2021

Eine gute Nachrichta aus dem Lenbachhaus – ich warte da noch auf einige Bilder, die erst fotografiert werden müssen und hatte damit gerechnet, die nicht mehr vor meiner Abgabe-Deadline zu bekommen, aber das scheint jetzt doch zu klappen.

Generell sind jetzt endlich alle Abbildungen klar, bestellt oder sogar schon bei mir eingetroffen, ebenso die Genehmigungen von zum Beispiel der VG BildKunst. So ganz allmählich füllen sich die leeren Stellen in meinem Abbildungsverzeichnis, das ich ebenso wie den Text für den Druck noch einmal überarbeitet habe.

Nicht ganz so schön: die ganzen Kosten, die auf mich zukommen. Ich dachte in den letzten Tagen mal wieder über Crowdfunding nach, auch weil mir das auf Twitter nahegelegt wurde, als ich mich zu einem kurzen Rant hatten hinreißen lassen, aber: nein. Möchte ich nicht. Ich habe keine Begründung außer: möchte ich nicht. Ich pumpe gerade Freunde (aka F) und Verwandte (aka das Mütterchen) an und komme damit besser klar.

Aus Gründen habe ich erstmals mit dem Ikea-Chat kommuniziert. Ich hatte eine Frage, aber keine Lust, die Hotline anzurufen. Daher klickte ich ins Chat-Fenster, berichtete kurz, worum es mir ging, und nach nicht einmal zehn Sekunden meldete sich „Monika“, die nach einer kleinen Nachfrage alles beantworten konnte; eindeutig per Copypaste, aber wurst, die Info hatte ich auf der Website nicht gefunden. Ich überlege seitdem, ob Monika KI war oder wirklich ein Mensch. Solche Fragen hatte ich vor 20 Jahre noch nicht.

Seit vorgestern ist mein Impfschutz komplett. Seitdem ich den Tag wusste, steht die Buchung im Kunstarchiv Nürnberg am kommenden Dienstag, wo ich ein allerallerletztes Mal im Nachlass Protzens wühlen werde und vor allen Dingen die letzten ca. 50 Abbildungen in Auftrag geben werde.

Gestern war aber trotzdem der Feiertag, denn da saß ich zum ersten Mal seit September, wenn ich mich richtig erinnere, wieder in einer Bibliothek, genauer gesagt, der im Deutschen Museum. Ich hätte gerne ein Pikkolöchen geöffnet oder Konfetti geworfen, ahne aber, dass das in Lesesälen nicht so gut ankommt.

Außerdem hätte ich gerne mal andere Bücher in Empfang genommen als „Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst“, was in zehn Zentimeter großen Buchstaben auf dem Einband steht. Ich behaupte, ich habe kurz eine hochgezogene Augenbraue des Bibliotheksangestellten gesehen. Zu Recht, Hase, zu Recht.

Ebenso schön wie wieder in einer Bib zu sitzen: dorthin zu radeln. Die Stadt war Freitagmorgen noch sehr leer, das Wetter genau meins, und ich habe jeden Meter geliebt.

War ganz und gar nicht schön, aber wie jeden Donnerstag sehr lehrreich: die Vorlesung von Michael Wildt an der Berliner Humboldt-Uni über den Holocaust, die per Zoom stattfindet.

So doof das gefühlt für alle ist, dass wir uns nicht mehr persönlich sehen, sondern nur noch per Bildschirm: Ich finde das großartig, Lehrveranstaltungen oder Konferenzen vom Schreibtisch oder sogar vom Sofa aus verfolgen zu können anstatt mich in Züge setzen zu müssen.

Die Vorlesung von Herrn Wildt gucke ich vernünftig gekleidet am Schreibtisch. Fühlt sich respektvoller an als im Schlafanzug auf dem Sofa.

Wir hatten am Donnerstag Feiertag, weswegen F. nicht nur gestern abend zu üblichen Date Night rumkam, sondern auch am Mittwochabend. Es gab unseren geliebten Allgäuer Käse, den ich jetzt gefühlt auch schon seit Monaten nicht mehr hatte (ich übertreibe vermutlich), und wir konnten gemeinsam den Tag beginnen. So wie theoretisch auch jetzt, aber ich tippe und der Herr döst noch. Das ist auch schön.

Links von Mittwoch, 2. Juni 2021

Monopol-Podcast „Kunst und Leben“: Die Documenta, die „Stunde Null“ und die Schatten der NS-Zeit

Habe ich noch nicht gehört, klingt aber hörenswert. Vermutlich werde ich nicht viel Neues erfahren, weil ich über kaum ein Thema in den letzten Jahren mehr gelesen habte, aber ich reiche das gerne an euch weiter. Wer keine Lust hat, den Podcast zu hören, kann sich schnell man die verlinkte Website durchlesen, da werden die ganzen Themen nämlich angerissen.

„Die erste Documenta gilt als Gründungsmanifest einer neuen demokratischen Moderne in Westdeutschland und spiegelt auf vielfältige Art die Geschichte der Bundesrepublik. Doch der Mythos von der “Stunde Null” in der Nachkriegskunst wird zunehmend hinterfragt. Neuere Forschungen haben enthüllt, dass es mehr Kontinuitäten mit der NS-Zeit gibt als bisher angenommen. So waren wichtige Ausstellungsmacher um den Documenta-Gründer Arnold Bode NSDAP-Mitglieder, allen voran der Kunsthistoriker und spätere Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin Werner Haftmann, der die ersten drei Ausgaben der Weltkunstschau maßgeblich prägte – und der nach neuen Erkenntnissen wohl auch SA-Mann war.“

The pandemic is getting worse, even when it seems like it’s getting better

Oder wie (wer?) mal sagte: Nobody is safe until everybody is safe.

„A majority of Americans have received at least one dose of a coronavirus vaccine, and daily new infections and deaths are at their lowest levels in almost a year. The pandemic is slowly receding from the daily lives of many Americans as businesses open up and local authorities ease restrictions. Britain, which on Tuesday reported no new coronavirus-related deaths for the first time since March 2020, can also see the sunlit uplands of a post-pandemic future.

“Covid-19 won’t end with a bang or a parade,” wrote Devi Sridhar, chair of global public health at the University of Edinburgh. “Throughout history, pandemics have ended when the disease ceases to dominate daily life and retreats into the background like other health challenges.”

But the pandemic is hardly in retreat elsewhere. The emergence of more virulent variants of the virus in countries like Brazil and India and the slowness of vaccination efforts in many places outside the West have contributed to deadly new waves. Coronavirus case counts worldwide are already higher in 2021 than they were in 2020. The death toll almost certainly will be. […]

Public health advocates and international organizations recognize the main problem: The global gap in vaccinations. In the United States, there’s already discussion of booster shots for the general public, while front-line medical workers in some developing countries have yet to even receive a first dose of a vaccine. In a joint statement, the heads of the International Monetary Fund, the World Bank, the World Trade Organization and the World Health Organization laid out a $50 billion plan for collective action that would accelerate vaccine distribution to poor and middle-income countries and expand and diversify production capacity throughout the world.“

Materialized Histories

Eins meiner neuen Lieblingsblogs: frei lesbare Texte zu historischen Gegenständen. Auf deutsch, trotz des Titels. Einfach mal durchklicken.

Ich lernte zum Beispiel, dass vor der Weimarer Republik Reisepässe auf Männer ausgestellt wurden, in denen Ehefrauen als „Begleitung“ geführt wurden: „Der Pass meiner Großmutter.“

„Dass ein Pass für zwei Personen ausgestellt wurde, ein «Familienpass», wie es die Passverordnung vorsah, ist aus heutiger Sicht auffallend. Das Nebeneinander der Passfotos aber auch das Nebeneinander der Personenbeschreibung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es kein Pass für zwei gleichberechtigte Personen war. Der Pass führt den Ehemann als «Passinhaber» auf, die Ehefrau als seine «Begleitung».

Die Weimarer Verfassung hatte in Art. 109 festgehalten: «Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.» Ein Meilenstein in der Geschichte der Gleichberechtigung! Auch wenn die Reichweite des Begriffes der «staatsbürgerlichen Rechte» unklar blieb, das allgemeine Wahlrecht war damit eingeführt. Zu diesem Zeitpunkt hatten in Europa nur in den skandinavischen Ländern Frauen das Wahlrecht. Nicht nur staatsbürgerliche Rechte standen jetzt auch Frauen zu, auch die Ehe – so Art. 119 der Verfassung – «beruht auf der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter». Dieser bahnbrechende Grundsatz aber widersprach dem weiterhin geltenden Privatrecht. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) hiess es nämlich: «Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu.»

Der Wortlaut des Passes folgt also der patriarchalen Geschlechternorm des BGB und nicht der Verfassung. Er zementierte den abhängigen Status der Ehefrau, verweist aber noch auf weitere Ungleichheiten. Die Ehefrau führte gemäss BGB (§1355) nach der Heirat den Namen des Ehemannes. Auch liess der Pass nur Raum für die Eintragung einer Staatsangehörigkeit, da die Staatsangehörigkeit des Mannes auch die seiner Ehefrau bestimmte. So war im Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz (RuStAG) von 1913 verankert: «Durch die Eheschließung mit einem Deutschen erwirbt die Frau die Staatsangehörigkeit des Mannes» (§6), und «durch Eheschließung mit dem Angehörigen eines anderen Bundesstaats oder mit einem Ausländer» verliert «eine Deutsche» ihre Staatsangehörigkeit (§17, 6)»“

Liebster Tweet gestern:

Liebster Reply:

Gelesen im April und Mai 2021

Wolfgang Koeppen – Tod in Rom

Ein eher unangenehmes Leseerlebnis, aber nach 50 Seiten ahnte ich, dass das genau so sein soll. Kaum sympathische Figuren, eine eher resignierte Abhandlung der nicht durchtrennten Linien zwischen NS und Bundesrepublik. Genauso lesenswert wie die anderen beiden Romane Koeppens, wenn es mir auch inzwischen sehr schwer fällt, die ständige Misogynie des Verfassers auszuhalten.

Florian Zinnecker/Igor Levit – Hauskonzert

Sehr vergnügliche Lektüre, hat man in drei Stunden durch, ich erwähnte es kurz (letzte Absätze).

Helga Schubert – Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten

Kann man machen, muss man aber nicht, ich erwähnte es. Dort steht auch gleich etwas zum nächsten Buch, das man ganz dringend machen sollte:

Ilko-Sascha Kowalczuk – Die Übernahme

Äußerst aufschlussreich und lesenswert. Hier erwähnte ich eine Rezension sowie den Hinweis auf die günstige Ausgabe der BPB.

Victor Klemperer – LTI. Notizbuch eines Philologen

Natürlich lesenswert. Macht allerdings überhaupt keinen Spaß und hat bei mir auch recht lange gedauert. Das Buch ist netterweise als Essaysammlung aufgebaut, so dass man es zwischendurch auch mal weglegen kann. Erwähnenswert ist der sehr ordentliche Endnotenapparat, zumindest in meiner Ausgabe.

Gisela Kraft – Rundgesang am Neujahrsmorgen

Nach einem Drittel quergelesen; fing gut und sprachspielerisch an, ging mir dann genau deshalb schnell auf die Nerven. Hab schon wieder vergessen, worum es ging.

Brit Bennett – The Vanishing Half

Die Geschichte von zwei Schwarzen Schwestern, von denen eine sich als weiß ausgibt, hat mir sehr gefallen. In zwei Tagen verschlungen.

Hans Fallada – Kleiner Mann, was nun?

Ganz große Empfehlung. Ist jetzt nicht gerade ein neues Buch, aber genau deshalb. Hat mich erstmal verstummen lassen.

Maren Gottschalk – Wie schwer ein Menschenleben wiegt. Sophie Scholl. Eine Biografie

Nach dem seltsamen Insta-Account, der so tut, als ließe er uns an Scholls letzten Monaten teilhaben, wollte ich doch mal etwas mehr wissen als das Heldinnenbild, das ich seit Schulzeiten mit mir herumtrage und nie hinterfragt habe. Gottschalk durfte mit dem Nachlass arbeiten, zitiert aber häufiger aus dem Briefwechsel zwischen Fritz Hartnagel und Scholl, der mir zwar viel über die Beziehung der beiden verrät, mir aber dann doch eher egal war. Ansonsten: ordentlich gearbeitet, manchmal ein bisschen zu viel retrospektives Rumgeraune, gut lesbar geschrieben. Ich hätte gerne mehr über Hans Scholls Weg in den Widerstand erfahren sowie über die Flugblätter, ahne aber, dass sich die internen Diskussionen über deren Inhalte nicht weiter nachverfolgen lassen als Gottschalk das gemacht hat. Ansonsten verweist sie auf Hans Günter Hockerts Aufsatz „Die Weiße Rose im Widerstand. Gesicherte Deutungen – strittige Fragen“ von 2011 (Heft 5/2011). Man kann die Flugblätter natürlich auch alle online lesen.

Yaa Gyasi – Homegoing

An einem Tag verschlungen. Auch hier geht es wieder um zwei Schwestern, die allerdings erst spät voneinander erfahren. Das Buch erzählt von ihren Nachfahren, die sich teilweise am afrikanischen Sklavenhandel beteiligt haben, teilweise unter ihm litten, und verknüpft sieben Generationen mit Leichtigkeit. Einziger winziger Meckerpunkt wären die Klischees über die Schwarze Bevölkerung der USA in der Neuzeit, aber vielleicht fielen sie mir nur auf, weil ich sie besser kenne als Klischees über die Einwohner von Ghana.

Nicht im Bild, weil ich es schon wieder in die Bibliothek getragen habe: Theresa Sepp – Ernst Buchner (1892–1962): Meister der Adaption von Kunst und Politik. Ich erwähnte vermutlich öfter, wie gelungen ich diese Diss fand.

Ebenfalls nicht im Bild, weil als eBook gelesen: Nicole Diekmann – Die Shitstorm-Republik: Wie Hass im Netz entsteht und was wir dagegen tun können. Lesenswert geschrieben, alles brav belegt, mit für mich interessanten Zahlen unterfüttert („Lediglich fünf Prozent der Deutschen nutzen Twitter [2020] wöchentlich“, während Facebook 2019 satte 32 Millionen Nutzer hatte) und sogar mit einem hoffnungsvollen Ausblick. Bei mir persönlich blieb allerdings hängen, mich eher von Twitter entfernen zu wollen. Mein Facebook-Account existiert schon länger nicht mehr, und wenn ich nicht so gerne Torten und Blümchen angucken würde, wäre ich auch nicht mehr auf Insta, aber da schaffe ich den Absprung noch nicht. Clubhouse habe ich nach zwei Tagen deinstalliert, gibt’s das noch?

The one where the friends I never had were there again

(Der Blogpost enthält ein paar Spoiler der Reunion-Folge, die vorgestern in den USA ausgestrahlt wurde.)

Ich weiß nicht mehr, wann ich angefangen habe, „Friends“ zu schauen. Die Wikipedia verrät mir, dass die Serie ab August 1996 in Deutschland lief, in den USA war sie im September 1994 gestartet. Ende 1999 zog ich von Hannover nach Hamburg und entdeckte eine Videothek um die Ecke. Dort versorgte ich mich von nun an an jeden Freitagabend mit einem Riesenstapel DVDs, gerne mal eine komplette Serienstaffel, guckte sie am Wochenende durch und schrieb kurze Filmkritiken, aus denen dann 2002 ein Blog wurde, nämlich dieses hier.

Ich lieh mir „Friends“ nur aus Neugier aus, ich kannte ja die Folgen, war aber sofort begeistert: Phoebe, die ich auf Deutsch stets als totale Nervensäge empfunden hatte, war auf einmal lustig! Bisher waren die Comics mit Calvin und Hobbes meine Quelle für tolle englische Vokabeln gewesen, ab jetzt lernte ich die Pointen von Chandler auswendig. (Could I BE any more mainstream?) Die „Friends“-DVDs waren mit die ersten originalsprachlichen, die ich käuflich erwarb, damals noch von Amazon UK, wo sie gefühlt irre teuer waren, egal. Ich las damals schon in diesem neuen crazy Internet, was in den Staffeln passierte, denn ich konnte die DVDs natürlich erst nach Ende der kompletten Staffel kaufen und war so immer ein Jahr hinter den Ausstrahlungen hinterher. Ich ahne, dass es auch damals schon möglich gewesen wäre, an aktuelle Folgen zu kommen, aber damit kannte ich mich nicht aus. Ich las, wartete ein Jahr, gab viel Geld aus und guckte dann eine komplette Staffel nach. Gerne mehrmals, denn jetzt besaß ich sie ja und musste sie nicht wieder in die Videothek tragen.

(Hier bitte ein Foto der runtergerockten Verpackungen vorstellen; die DVDs liegen, natürlich, bei meinen Eltern auf dem Dachboden in einer Hamburger Umzugskiste. Bevor ich mit Kai in Hamburg zusammenzog, warf ich alle meine Videokassetten weg, beim Auszug und Umzug nach München dann nochmal einen Berg DVDs, aber die „Friends“ sind noch da.)

Wenn ich mir einen neuen Rechner kaufe, überspiele ich meist den kompletten Inhalt des alten auf den neuen, denn jetzt habe ich irre viel Platz. So liegt auch auf diesem Macbook ein Dokument, das ich auf meinem allerersten iBook getippt habe, Ende 2001, es heißt Hospital Diary. Im Oktober 2001 wurde ich an der Bandscheibe operiert, allerdings nur so halb erfolgreich. Nach vier Wochen Krankenhaus kamen fünf Wochen Reha, die Daten hatte ich gar nicht mehr im Kopf, die stehen aber so im Hospital Diary, das ich gestern nach Jahren erstmals wieder las. Ich hatte natürlich das iBook im Krankenhaus – um Musik zu hören und zu schreiben und um DVDs zu gucken. Die einzige Serie, die ich mir mitbringen ließ: ihr ahnt es. Die einzige Serie, von der alle bis dahin erschienenen sechs Staffeln mit in die Reha-Tasche kam: genau. Aus dem Hospital Diary wurde kein Reha-Diary, alles, was ich dort tat, war gehen und pinkeln zu lernen und „Friends“ zu gucken; wenn ich mich richtig erinnere, guckte ich alle sechs Staffeln mehrere Male und es wurde nicht langweilig.

Inzwischen ist „Friends“ ein Phänomen: Durch Streaming-Services wird die Serie von einer neuen Generation entdeckt – die allerdings auf Dinge aufmerksam macht, die mir damals nicht aufgefallen waren, weil ich mich schlicht nicht mit ihnen beschäftigt hatte. Ein Beispiel: Alle sechs Hauptdarsteller:innen sind weiß, was bei heutigen Castings vermutlich nicht mehr so locker durchgehen würde. Generell finden sich auch in den Nebenrollen kaum People of Color, es fällt sehr auf, wenn es einmal nicht so ist. Dieses Problem war mir schlicht nicht bewusst, weil ich meine Hautfarbe noch nie hinterfragen musste bzw. weil mir damals noch nicht klar war, dass sie mir Vorteile einbrachte.

Was mir allerdings auffiel, war natürlich „fat Monica“. Dass Dicksein in Filmen oder im Fernsehen etwas irre lustiges ist, dass dicke Menschen lächerlich sind, hatte ich schon gelernt und hinterfragte auch das nicht. Gleichzeitig sah ich hier eine dicke Frau, die tanzt und isst und der es offensichtlich gut geht – bis die Show es dadurch ruinierte, dass sie sich nach 20 Sekunden körperlicher Betätigung schnappatmend setzen muss. Meine Gefühle für „fat Monica“ ähnelten denen, die ich mir selbst gegenüber hatte: Ich bin doch eigentlich okay, aber dann doch nicht, aber dann doch. Das ganze löste sich erst auf, als ich fast 40 war, und wenn ich einen miesen Tag habe, weine ich über die ganzen guten Tage, die ich mir 40 Jahre lang selbst versaut habe, weil ich dachte, ich wäre nicht gut so, wie ich bin. Ich hinterfragte viel zu spät die Idee, dass ich erst glücklich sein kann, wenn ich dünn bin, was offensichtlich Blödsinn ist. Insofern spiegelten die Szenen, in denen „fat Monica“ eine punch-line ist, meine eigenen Empfindungen, lösten sie aber nicht auf oder machten sie besser. Das fiel mir aber erst auf, als ich mit mir selbst im Reinen war.

Ich sah die Serie über die letzten 20 Jahre mehrfach, ich weiß nicht, wie oft, vermutlich auch durch die Verbundenheit, die ich während der Reha mit ihr entwickelt hatte – sie war immer irgendwie Teil meiner Heilung. Durch die Streams oder generell den dunklen Ecken des Interwebs kann ich jede Folge jederzeit ansehen, und in Zeiten, in denen mich die Realität überfordert, mache ich genau das. Nach „Friends“ gab es einen „How I Met Your Mother“-Rewatch, der ähnlich schlecht gealtert ist (alles, was Barney sagt), danach die „Gilmore Girls“ (auch bei ihnen kann man sehr viel hinterfragen, aber Rory aka Bookbag rettet zumindest in den ersten Staffeln viel) und dann guckte ich erneut „Friends“, obwohl ich inzwischen wirklich jeden Gag kommen sehe, weil ich ihn schon so oft gesehen habe. Es ist trotzdem immer noch lustig, und die unlustigen Sachen werden vorgeskippt.

Ich wusste nicht genau, was ich von der Reunion der Darsteller:innen halten sollte. Im Trailer war James Corden zu sehen, und ich befürchtete eine ähnlich banale Episode wie die zum Ende der Serie, in der Conan die Interviews führte (müsste auf Youtube sein). Netterweise ist die Talkshow nur ein kleiner Teil der Episode, wenn er auch einige für mich interessante Dinge zutage förderte. Zum Beispiel die Antwort Lisa Kudrows auf die Frage, ob man nicht vielleicht doch noch weitere Folgen drehen …? Sie sagte sehr klar, nein danke, alle Figuren hätten ein gutes Serienende bekommen, und irgendwann müsse man erwachsen werden.

Das war genau das Gefühl, mit dem ich die Show sah. Sie war teilweise unangenehm, weil sie zum Beispiel Matthew Perry verdächtig oft nicht im Bild hatte. Er erzählte, wie er panische Angst davor gehabt hatte, keine Lacher zu bekommen bei seinen Witzen, was seiner Alkohol- und Tablettensucht, wenn ich den Tabloids glauben darf, noch eine Ebene verleiht, die mir bislang nicht so klar war. Immer vorausgesetzt, dass der Mann die Wahrheit sagte und nicht das, was eine schlaue PR-Beraterin ihm aufgetragen hatte, weil sehr deutlich zu sehen ist, dass er von allen sechs am dramatischsten gealtert ist. Auch die plötzliche Offenbarung, dass Aniston und Schwimmer angeblich in der ersten Staffel ineinander verknallt waren und diese Gefühle in Ross und Rachel kanalisiert hatten, kam mir beim zweiten Sehen eher quatschig und inszeniert vor, damit die Reunion noch ein paar andere Schlagzeilen produziert als „OMG they are OLD!“

Die wohlfühlige Inszenierung des Ganzen ließ mich außerdem sehr vergessen, dass alles natürlich kalkuliert und kein launiger Dienst an den Fans war; soweit ich weiß, sollte das Special eigentlich als Promo dienen für den neuen Ausstrahlungsort in den USA, wo „Friends“ (gerade) nicht auf Netflix läuft. Und gut bezahlt wurden alle auch, aber das nehme ich ihnen nicht übel; der Bedarf scheint da zu sein, also vergoldet das ruhig.

Trotzdem haben einige Segmente mich sehr berührt, und damit sind wir wieder beim Erwachsenwerden. Ich mochte es, den Darsteller:innen zuzuhören, wie sie ohne Moderation in den nachgebauten Sets sitzen und Erinnerungen austauschen. In diesen Momenten fühlte es sich nicht inszeniert an, sondern so, als ob die „Friends“, die mit mir in der Reha waren und mir die Welt erträglicher machten, nochmal kurz in meinem Wohnzimmer waren. Ihnen zuzuhören, wie sie die Zeit vor 17 Jahren erlebt hatten, ließ auch mich nachdenken. Das mag eine Binsenweisheit sein, aber mal wieder zu merken, wie sehr man sich verändert, wie man sich weiterentwickelt hat und wie weit man gekommen ist in dieser Zeit, war schön für mich. Und gleichzeitig traurig, weil in der Zeit auch einiges auf der Strecke geblieben ist.

Es ist im Moment nicht alles einfach, es ist sogar vieles schwierig, aber trotzdem hat es mich gefreut zu sehen, was aus diesen Menschen, deren inszenierte Freundschaft mir lange sehr viel bedeutet hat, geworden ist. Dass es natürlich irgendwo ein Job war. Dass dieser vorbei ist. Dass man andere Dinge mit anderen Menschen macht, weil man das halt macht nach 17 Jahren. Dass es trotzdem in Ordnung und gut und vielleicht sogar heilsam ist, die Vergangenheit zu besuchen, so wie ich mich meist gerne an die alten Zeiten im Kino oder in der Kneipe erinnere, mehr als an die ersten beiden Werbeagenturen, in denen ich gearbeitet habe. Es ist aber genauso in Ordnung, die Vergangeheit ruhen zu lassen bzw. sich von ihr zu verabschieden. Das muss kein TV-Special sein. Man kann auch einfach ein Buch zuklappen, eine Nummer aus dem Handy löschen, einen neuen Job suchen oder ein Blog ausfaden lassen, weil Dinge auserzählt sind. Und in 17 Jahren wühlt man in einer Kiste und findet alte Postkarten. Oder erinnert sich an diese eine Wohnung, in der man. Oder an diesen alten Job, bei dem man. Man hält kurz inne, denkt nach und macht dann mit dem normalen Tagwerk weiter. Die DVDs sind noch da, der Streaming-Service ist bezahlt. Aber vielleicht habe ich gestern ein Kapitel abgeschlossen, von dem ich gar nicht wusste, dass es noch ein Ende brauchte. Oder um es mit Rachel zu sagen: „Now I have closure.“

Tagebuch Freitag/Samstag, 21./22. Mai 2021 – Impfreaktion und ESC

Der Freitagvormittag war in Ordnung, erst am frühen Nachmittag merkte ich, dass meine latenten Kopfschmerzen eher unlatent und anstrengend wurden. Mir war etwas übel und ich war sehr müde, also legte ich mich ins Bett mit dem Gedanken, na, so ein, zwei Stündchen ausruhen und dann gucken wir mal. Daraus wurden dann acht, ich wachte davon auf, dass mir sehr kalt war und ich einen Hauch Gliederschmerzen hatte. Ich würde es nicht als Schüttelfrost bezeichnen, mir ging es auch immer noch deutlich besser als bei einer anständigen Erkältung, aber ich fühlte mich nicht gesund. Also blieb ich im Bett, stellte den Wecker im Handy aus und schlief und schlief und schlief.

Seit Samstag mittag würde ich mich als gesund bezeichnen. Das war also die berüchtigte Nebenwirkung der zweiten Comirnatry-Dosis: nervig, aber im Vergleich zu einer Corona-Infektion eher pillepalle. Jetzt ist es Sonntagmittag und ich fühle mich sehr wohl.

Gebacken, gekocht, gelesen, abends nur mal kurz eben in den ESC reingeschaltet – und dann euphorisiert, begeistert und beglückt die ganzen vier Stunden dabei geblieben. Mit ganz Twitter eine Party gefeiert und so gute Laune gehabt wie schon lange nicht mehr. Das war schön.

Generell etwas blogmüde gerade, aber ich weiß natürlich, dass sich das ändert, sobald ich diese Sätze getippt habe.