Was schön war, Freitag, 10. Dezember 2021 – Router und Räucherlachs

Gestern kam nicht nur meine Biokiste an die Tür (Gelbe Beete! Violette Kartoffeln! Grüner Salat!), sondern auch ein Päckchen der Telekom, in dem sich mein neuer Router befand. Hier ein kleiner Verpackungsvergleich, 2012 vs. 2021.

Ich erinnere mich, wie ich mit dem ersten Router in meiner ersten Münchner Wohnung gefühlt eine Stunde fluchend auf dem Flurfußboden saß (das Internet kam früher als meine Möbel) und ich mit miesem Handyempfang versuchte, das Ding anzuschließen. Gestern stöpselte ich den alten Router ab, den neuen an, ließ ihn fünf Minuten alleine vor sich hinblinken, und dann hatte ich schnelleres Internet. Am Festnetztelefon reichte eine Taste, dann hatte auch das Ding verstanden, wo sein Anschluss war. Das Aufwendigste war, dem Handy klarzumachen, wo sein Glück herkommt, dazu musste ich eine 16-stellige Zahl copypasten, die ich per QR-Code vom Gerät gescannt hatte, fertig. Grundbedürfnisse wie Internet so einfach und problemlos hinzukriegen, macht mich verlässlich glücklich.

Mein altes iPhone konnte noch kein 5G, aber das neue. Das blinkte kurz in der oberen rechten Bildschirmecke auf, bevor das W-LAN da war. Das musste ich natürlich F. mitteilen, der total Bescheid wusste.

Plan morgens um 8: Nach der Arbeit machste Sport.
Plan gegen 14 Uhr, als ich eigentlich fertig war: Nach der Arbeit bäckste Zimtschnecken.
War auch gut.

F. kam abends vorbei und brachte den traditionellen heißgeräucherten Lachs mit, den seine Familie seit Ewigkeiten bei einem Bekannten aus Norwegen ordert; wir verspeisen den immer irgendwann im Dezember, wenn das Paket ankommt. Zum Nachtisch Butterplätzchen, die überraschend gut zu Rosé-Champagner passen.

Beim Eintragabspeichern fast gequietscht: OMG ist das Internet jetzt flink! Hach! Jetzt muss ich nur noch rausfinden, wieso meine gestochen scharfen Fotos so matschig aussehen.

Was schön war, Donnerstag, 9. Dezember 2021 – Vorlesung und Walnussschaum

Im letzten Semester folgte ich per Zoom Michael Wildts Vorlesung an der Humbold-Universität über den Holocaust. Danke, du Scheißvirus, denn auch in diesem Semester findet die Vorlesung online statt: „13 Bücher, die das Bild von Nationalsozialismus und Holocaust geprägt haben.“ Die erste Sitzung hatte ich verpasst, in der von letzter Woche ging es um die Erinnerungen von Albert Speer, die keine waren, sondern hervorragend fabrizierte Fiktion. Was ich unter anderem mitnahm: Das Buch erschien 1969, und es führte in diesem Jahr und 1970 die Spiegel-Bestseller-Liste an. Wildt: „Wenn Sie mal im Bücherschrank Ihrer Großeltern schauen, gerade wenn diese eher bürgerlich sind, werden Sie es vermutlich finden.“ Ich erinnerte mich daran, wie uralt ich bin, denn ich musste nur im Schrank meiner Eltern schauen bzw. ich wusste, dass es dort war, denn von dort habe ich es schon vor Monaten mitgenommen (2. Auflage, 1969). Jetzt wohnt es neben der Biografie von Magnus Brechtken, die Wildt sehr empfahl – sinngemäß: „Damit sollte sich das falsche Bild Speers endgültig erledigt haben.“ Zweiter Buchtipp von ihm: Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik von Isabell Trommer, das ich schon in der Hand hatte; ich zitierte es in der Masterarbeit, in der es auch um die Nichtaufarbeitung der NS-Zeit in der jungen Bundesrepublik ging.

Gestern ging es um drei weitere Bücher, von denen mir wenigstens zwei bekannt waren. Zunächst besprach Wildt Ordinary Men. Reserve Police Battalion 101 and the Final Solution in Poland (1993) von Christopher Browning, der die massenhafte Beteiligung der Deutschen am Holocaust mit Gruppenzwang erklärte (sehr verkürzt formuliert). Daniel Goldhagen nutzte dasselbe Quellenmaterial, allerdings eher auszugsweise, und nannte den historisch gewachsenen Antisemitismus im Deutschen Reich als Grund. Sein Buch Hitler’s Willing Executioners (1996) war in Deutschland ein Beststeller, wurde aber von der Wissenschaft einhellig abgelehnt; die Diskussion ist im Wikipedia-Link zu Goldhagen gut nachvollzogen. Das dritte Buch war mir neu: Stefan Kühls Ganz normale Organisationen (2014) nutzt erneut dieselben Quellen, verfolgt nun aber einen soziologischen und keinen historischen Ansatz. Hier ein Ausschnitt aus der Rezension (2016) von hsozkult:

„Kühls neuerliche Beschäftigung mit dem Reserve-Polizeibataillon 101 schließt eine Lücke, die frühere Interpreten aufgrund ihrer primär an der Persönlichkeit der Täter interessierten Herangehensweise gelassen haben. Ausgehend von der Einsicht, „dass mehr als 99 Prozent aller Tötungen von Juden durch Mitglieder staatlicher Gewaltorganisationen durchgeführt wurden“ (S. 22), nimmt Kühl einen systematischen organisations-soziologischen Blickwinkel ein. Dabei stützt er sich auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns, und zwar jenen Theoriebaustein, der sich mit sozialen Systemen vom Typ „Organisation“ befasst. […] „Die ganz normalen deutschen Männer haben […] erst im Rahmen von Organisationsmitgliedschaften die Bereitschaft entwickelt, einem in vielen Fällen vorhandenen latenten Antisemitismus auch eine konkrete Beteiligung an Deportationen, Ghettoräumungen und Massenerschießungen folgen zu lassen.“ (S. 33f.) Demnach war die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Organisation, hier zum Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101, eine notwendige Bedingung, damit „ganz normale Männer“ am NS-Massenmord mitwirkten; sie mussten nur die entsprechenden Befehle akzeptieren. Kühls soziologischer Ansatz besteht darin, diesen Sachverhalt mittels eines Parameters zu analysieren, den er an anderer Stelle „Folgebereitschaft in Organisationen“ nennt.“

Das Buch wartet schon in der Stabi auf mich. Falls Sie Donnerstags zwischen 10.15 und 11.45 Uhr Zeit haben, schauen Sie doch mal per Zoom in der Vorlesung vorbei, lohnt sich.

Have You Considered Accountancy?

Gerne gelesen: die Rezension zu How to Start Writing (and When to Stop): Advice for Writers von Wisława Szymborska, herausgegeben und aus dem Polnischen ins Englische übersetzt von Clare Cavanagh, in der Literary Review. Die polnische Autorin Szymborska erhielt 1996 den Nobelpreis für Literatur, aber, viel spannender: Sie führte von den 1960er bis in die 1980er Jahre eine Kolumne, in der sich Autoren und Schriftstellerinnen ratsuchend an sie wandten. Zum allergrößten Teil riet sie den Fragenden, ihre Arbeit zu vernichten und lieber etwas anderes zu machen. Diese Kolumnen sind nun im Buch versammelt.

„Inverting the old cliché, Christopher Hitchens said, ‘Everyone has a book in them and that, in most cases, is where it should stay.’ The journalist and satirist Karl Kraus agreed: journalists, especially, should never write novels. This was self-satire, partly. Yet there are writers who can barely go to the shops without publishing a voluminous account immediately afterwards. At the other end of this unscientific spectrum are writers who destroy their work, either because they think it’s rubbish (Joyce, Stevenson, etc) or because they’ve become recently convinced it was written by the Devil (Gogol). Some people doubt themselves far too much, others not remotely enough. […]

Szymborska is such an ironic writer that I began to wonder if there ever were any actual submissions, if the columns were an extended literary joke. Perhaps I have been living in postmodernism for too long. Perhaps it doesn’t matter so much. The real interest lies in Szymborska’s writing on writing. Each column is a concise treatise. In one, she argues that language is ossified poetry and everything is metaphorical. In another, she proposes that literary realism as a set of conventions has nothing to do with reality at all. Society is in chaos, she adds:

„Generations no longer talk to each other. It’s a misfortune of our times … We can’t explain the causes or predict the results. One thing is certain: literature will be the poorer. Curiosity is the key to its existence … Your stories are cramped, stuffy, and simplistic. There is no window on the world, hence no chance it might be opened. This is bad. A snappy style won’t save you.“ […]

Most of Szymborska’s advice is like this: parodic and serious at the same time. The situation is tragicomic. Life is unfathomable, writing is a part of life, so how can we judge anything at all? Yet it’s hard to write a novel without some sort of basic belief in the novel. It’s like trying to make an omelette while disbelieving in the reality of eggs. In the end, Szymborska is so tough on her aspiring authors not because they care too much about writing but because she thinks they care too little. Her advice is monumentally sensible. Don’t be a narcissist. Work (much) harder. The best ‘writing utensil’ is a wastepaper basket. Life is short, yet ‘each detail takes time’. Don’t be a utopian. Keep away from the void for as long as you can. Who can argue with that?“

Der übliche Abendessenbericht: Es gab meine geliebten Ofenmöhren mit Walnussschaum. Hier das Rezept, hier die Instafotos von gestern. Es waren gerade zwei dicke Möhren, die ich in Backpapier mit Butter und Zitrone und Thymian verpackte, aber durch den Schaum, der bei mir eher wie eine Sauce Hollandaise wird, ist das ganze eine äußerst nahrhafte Mahlzeit. Übriggebliebene Sauce kann man auch prima als Dip nutzen (erledigt und pappsatt).

Was schön war, Mittwoch, 8. Dezember 2021 – Olaf Scholz und Amanda Gorman

Ich weiß noch nicht, ob das schön wird, aber es kann vermutlich nur besser werden. Daher habe ich interessiert der Vereidigung des Kanzlers und seines neuen Kabinetts auf Phoenix zugeschaut. Falls im Plenarsaal gerade Pause war, schaltete ich den Rechner auf stumm und tippte weiter kunsthistorisch vor mich hin.

Nebenbei: Das Interview mit Frau Weidel, das natürlich auch gemutet war, muss ich nicht auf Twitter sehen, auch nicht, wenn der Interviewer angeblich irgendwas toll entlarvt hat. Was soll man bei der AfD denn noch entlarven? Jede, die sie nicht wählt, weiß warum, jede, die sie wählt, weiß das auch. Einfach nicht mehr an die Mikrofone bitten, es wäre für mein Seelenheil besser.

Zwei meiner liebsten Menschen hadern gerade mit ihrem Seelenheil, mit beiden konnte ich gestern sprechen. Ich hoffe, es hat geholfen. Es sind anscheinend alle gerade wieder am Anschlag – auf der einen Seite Doom Scrolling, auf der anderen Fackelaufmärsche. Was zur Hölle?

Gerne gelesen: Dieser eine Tag. Der Blogeintrag von Herrn Buddenbohm beginnt so: „Am Montag nämlich, das wollte ich noch erzählen, hatte ich einen guten Tag.“

Meine Tage beginnen zumindest bis zum 24. Dezember auch gut, denn ich habe einen Maulwurfsadventskalender. Heute ist der kleine Racker besonders gut gelaunt (das Türchen neben der 10).

Ich witzelte neulich über die winzigen Kürbisse aus der Biokiste und meinte, die beiden reichen vermutlich für zwei Teller Suppe. Das war übertrieben: Es reichte nur für einen einzigen Teller, der aber immerhin bis zum Rand gefüllt war. Hier die Insta-Version, die natürlich nicht bis zum Rand gefüllt ist.

Nebenbei macht mich hübsch inszeniertes Essen gleichzeitig froh und panisch, weil ich sehe, wie mies mein Essen aussieht. Aber ich möchte auch nicht auf solche Fotos wie zum Beispiel von Herrn Paul in meiner Insta-Timeline verzichten.

Amanda Gorman hat für den New Yorker ein paar ihrer neuen Gedichte eingelesen. Eine Zeile aus „Ship’s Manifest“ wird möglicherweise mal ein Tattoo: „We are writing with vanishing meaning.“

„What we call occasional poetry — verse written for or about an event, often ceremonial — reminds us that all poems have occasions, or should. Good poems capture a moment and sustain it. In an era as urgent as ours, many poems strive for timelessness precisely by being timely. Poetry can preserve the fleeting present, encircle the past, and help envision alternative futures.

When Amanda Gorman read her poem “The Hill We Climb” at the 2021 U.S. Presidential Inauguration, she became both the inheritor of a long tradition and a herald of something new. Her verse, as vibrant and elegant as her yellow coat against the cold, illuminated the imagination as well as the occasion, confirming her as a worthy successor to several other Black women inaugural poets writing to and for an American ideal — a lineage traceable all the way back to Phillis Wheatley, who, at the dawn of the Republic, addressed a poem to then General George Washington. As Gorman acknowledged this country’s contested history, and its contemporary tumult, her invocation of the plural pronoun “we” reminded us that, for good or literal ill, our lives are connected. Hers was an invitation to move forward together.“

Was schön war, Dienstag, 7. Dezember 2022 – Neues Handy

Mein altes iPhone 6 (SECHS!) verschlechterte sich in den letzten Monaten dramatisch, weswegen ich ein bisschen rechnete, mir Tarife anschaute, nochmal rechnete und gestern in den Telekomshop vor Ort ging, wo ich einen Termin gebucht hatte, um mein neues Handy abzuholen, ein paar Verträge zu unterschreiben und gleich auch mal meinen Router erneuerte, der auch schon neun Jahre auf dem Buckel und ein im Vergleich zu dem hier möglichen eher langsames Interweb hat. Das war ein sehr angenehmes Einkaufs- und Beratungserlebnis, gleich mal fünf Sterne auf Google verliehen, worum mich der freundliche Verkäufer gebeten hatte. Einen magenta-farbenen Schokonikolaus gab’s auch noch, was will frau mehr.

Zuhause verbrachte ich staunend zehn Minuten, wo die meisten der Daten vom alten Handy drahtlos (aka per Zauberei) auf meinem neuen landeten, ohne dass ich viel machen musste. Danach verbrachte ich zwei Stunden damit, mich bei zahllosen Diensten wieder einzuloggen, die nicht automatisch mitkamen, was ich bei sensiblen Dingen wie ApplePay auch einsehe.

Die Kamera des iPhone 12 hat mich mehr beeindruckt als alles andere. Das erste spontane Bild landete auf Insta und bekam den Untertitel „Happy Place.“ Im schummerigen Kunstlicht sahen fünf meiner acht Bücherregale doch erstaunlich gut aus. Und es sieht aus, als ob ich in einer Turnhalle wohne; das tue ich nicht, ich sitze knappe zwei Meter vom Regal entfernt.

Weiter in der Feininger-Biografie gelesen und dabei Galka Scheyer kennengelernt, die mir bis dahin noch kein Begriff gewesen war. Sehr interessiert mehr über die Blaue Vier gelernt, immerhin das hatte ich schon mal gehört. Dabei wurde mir erneut klar, wie viel mehr ich noch von den Künstlern und Künstlerinnen wissen muss, die im „Dritten Reich“ als „entartet“ bezeichnet wurden. Ich weiß viel mehr über diese Seite, ich kenne Texte von Schultze-Naumburg und von Rosenberg, aber noch zu wenige von den Verfolgten.

Außerdem dachte ich, oh, das Buch könnte ich bei der Literatur zu Scheyer in der Wikipedia anlegen, aber da steht es natürlich schon.

Wo wir grad beim Thema sind: Die FAZ bespricht eine Ausstellung in Frankfurt sehr gut: Eine Stadt macht mit –Frankfurt und der NS. Die Ausstellung im Historischen Museum läuft noch bis September 2022.

„Das Historische Museum Frankfurt will mit einer großen Ausstellung diesen doppelten Mythos entkräften. Unter der Überschrift „Eine Stadt macht mit“ soll gezeigt werden, wie der Nationalsozialismus Frankfurt durchdrang. Entscheidend war das Verhalten der Stadtverwaltung, deren Mitarbeiter in überwältigender Mehrheit eifrig oder zumindest willig die Vorgaben der neuen Herrscher vollstreckten, mit besonders grauenhaften Folgen im Gesundheitsamt. Diesem Muster folgte nahezu das gesamte gesellschaftliche Leben, wie die Schau eindrücklich zeigt: eine Institution nach der anderen schaltete sich selbst gleich und huldigte fortan dem „Führerprinzip“.

Mit dieser These rennt die Ausstellung offene Türen ein, zumindest bei denjenigen, die die Ergebnisse der jüngeren historischen Forschung verfolgt haben. Zahlreiche Detailstudien zeigen, wie sich beispielsweise die Führung von Eintracht Frankfurt und das Präsidium der vornehmen Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft dem neuen Regime unterwarfen und jüdische Mitglieder entweder zum Rückzug nötigten oder kurzerhand rauswarfen. Auch hat sich gezeigt, dass es zwar vereinzelte Beispiele von Widerstand und – bis in die Gestapo hinein – von Hilfsbereitschaft gegenüber Verfolgten gab, Frankfurt jedoch keineswegs besonders viele Helden hervorgebracht hat.“

Wo wir leider immer noch beim Thema sind:

Lisa Eckhart und die Judenwitze

Die Jüdische Allgemeine ist allmählich fassungslos:

„Es ist etwas ins Rutschen geraten in der Bundesrepublik. Noch bis vor Kurzem wäre es undenkbar gewesen, dass auf der Bühne unter dem Deckmantel der Satire Judenwitze erzählt werden, ohne dass es einen öffentlichen Aufschrei gegeben hätte. Der Künstler wäre zur Persona non grata geworden – und zwar völlig zu Recht.

Die Kabarettistin Lisa Eckhart dagegen ist mit ebensolchen antisemitischen Pointen innerhalb kurzer Zeit zur erfolgreichsten deutschsprachigen Künstlerin ihres Genres aufgestiegen. Große Teile des deutschen Feuilletons feiern in irrwitzigen geistigen Verrenkungen mit Bezug auf die Meta-Ebene der Meta-Ebene Eckharts antisemitische Pointen als »hintergründig«, »große Kunst« und »mutige Abrechnung« mit dem von der linken Identitätspolitik dominierten Zeitgeist.

Und mehr noch: Die Kritiker von Eckhart – bei ihnen handelt es sich überwiegend um Juden – werden als »engstirnig« und »humorlos« abgekanzelt, wie jüngst in der »WELT«.

Eckharts Verteidiger sagen: Die Künstlerin werde missverstanden. Sie entlarve schonungslos die antisemitischen Einstellungen ihres Publikums. Sollte dies, das vermeintliche Spiegeln ihrer Zuschauer, tatsächlich Eckharts kabarettistisches Konzept sein, wäre dies ein weiterer Beleg für die Hoffnungslosigkeit des deutschen Humorbetriebs. Braucht es wirklich öffentlich aufgeführte Judenwitze, um auf das Problem des Judenhasses in diesem Land hinzuweisen?“

Gute Frage.

Ratatouille mit Fenchel, Koriander und Curry

Im Original wird das ganze „orientalisch gewürzt“ genannt, aber irgendwie stolpere ich über diese Bezeichnung. Ich fand das ganze überraschend rund und gleichzeitig frisch und mummelig warm.

Ich habe nicht ganz so viel Paprika verwendet wie im Original, stattdessen ein bisschen Zucchini hinzugefügt und die Mengen für mich angepasst. Ich hatte auch nur noch eine Tomate, daher sieht mein Endergebnis deutlich gelblicher aus als das rötliche Ratatouille bei Sevencooks. Was ich nicht geändert habe, sind die Mengen für die Paste aus zermörserten Gewürzen und Knoblauch. Hier stehen die Mengen für vier Personen.

300 g Tomaten einritzen, mit kochendem Wasser überbrühen und die Haut abziehen. Kerne und restliche Innereien entfernen und in einem Sieb abtropfen lassen, die Flüssigkeit brauchen wir noch.

1 Aubergine mit einem Sparschäler in Zentimeterabständen abschälen und in kleine Würfel schneiden. In wenig Öl knusprig-braun anbraten, mit Salz, Pfeffer und Currypulver würzen, auf Küchenpapier entfetten.

1 Fenchelknolle vom Grün befreien und in kleine Würfel schneiden, dazu noch
1 rote Paprika,
1 gelbe Paprika und
1 grüne Paprika fein würfeln. Kann beides in eine Schüssel, beiseite stellen.

1 Zwiebel, bei mir rot, fein würfeln.

In einer beschichteten Pfanne
1 TL Koriandersamen,
1/2 TL Kümmel und
1 TL Fenchelsamen anrösten, bis sie duften.
3 Knoblauchzehen fein hacken. Die gerösteten Gewürze und den Knoblauch mit
1 EL Olivenöl und
1 TL Kurkuma zu einer Paste zermörsern.

Jetzt bauen wir alles zusammen. In einer großen Pfanne mit Deckel (oder einem Topf) die Würzpaste in
4 EL Olivenöl anrösten, dann die Zwiebel darin glasig schwitzen. Fenchel und Paprika dazugeben und sanft anschwitzen. Nun die Auberginenwürfel, die Tomaten, den aufgefangenen Saft und
1 Lorbeerblatt dazugeben, den Deckel aufsetzen und alles für 15 Minuten schmoren. Bei Bedarf noch Gemüsebrühe oder Wasser dazugeben; ich habe ein bisschen Wasser dazugegeben.

Das Gemüse sollte noch etwas Biss haben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und mit frischem Koriander servieren.

Dazu passt Knoblauchbrot, bei mir waren es Brotscheibchen, die ich in Butter mit Currypulver geschwenkt habe.

Was schön war, Sonntag, 5. Dezember 2021 – Plätzchen und Fenchel

An meinem Laptop hängen abends immer nacheinander zwei externe Festplatten, um jeweils ein Backup zu ziehen. Das dauert normalerweise so zehn, zwanzig Minuten, dann sind beide durch, ich tippe ja nur vor mich hin und erstelle nicht jeden Tag Riesendateien. Vor wenigen Tagen verband ich erstmals eine der beiden Festplatten mit dem neuen Laptop – und hatte natürlich total vergessen, dass nun der komplette Rechner aufgespielt werden musste und nicht nur die fünf Dateien, die ich tagsüber in der Hand gehabt hatte. Die Platte rödelte von 21 Uhr bis ungefähr 14 Uhr am Folgetag vor sich hin. Mittendrin war mir aufgefallen, dass ich natürlich auch Daten manuell von ihr löschen könnte anstatt das alles Time Machine erledigen zu lassen. So brach ich mitten in der Nacht das Backup ab, löschte frohgemut die Jahre 2015 und 2016, startete ein neues Backup, während der Papierkorb sich immer weiter füllte, und wie eben erwähnt, war das tapfere Teil nach 17 Stunden fertig.

Am Samstagabend war nun die zweite Festplatte dran. Hier löschte ich total clever schon vorher so ziemlich alle Daten, damit Platz war, startete wieder um 21 Uhr das Backup – und stellte morgens fest, dass das Backup abgebrochen wurde. Ich löschte wieder, startete neu und erhielt nach ein paar Stunden wieder eine Fehlermeldung. Dieses Mal googelte ich, wie man eine Platte komplett neu aufsetzt, erledigte das, startete wieder ein Backup und hatte abends gegen 20 Uhr, also nach 23 Stunden, endlich meinen Rechner wieder.

Eigentlich hatte ich etwas arbeiten wollen, ich tippe aber ungern, während ein Backup läuft (keine Ahnung, ob das doof ist). Also las ich erst Zeitung, dann weiter in mehreren Büchern gleichzeitig, und dann war mir langweilig und ich fasste einen spontanten Plätzchenbackplan.

Es sind nur die simplen Mürbeteigkekse sowie meine geliebten Schokoladen-Orangen-Stäbchen geworden, deren Rezept ich kurz anpassen musste, um mich selbst daran zu erinnern, dass ich keine Stäbchen will, sondern platte Kekse. Ich backe die nur einmal im Jahr und anscheinend vergesse ich immer alles wieder.

Abends griff ich dann in die Biokiste bzw. ins Gemüsefach, wo fast alles aus der Kiste landet. Freitag hatte sie mich schon sehr zum Lachen gebracht, denn so sah es aus, als ich das abdeckende Papier zurückschlug:

Unter dem übermütigen Salatkopf lagen unter anderem Kürbisse, die mich ob ihrer Größe nochmal zum Lachen brachten. Das dürfte so für zwei Teller Suppe reichen.

Außerdem war Fenchel dabei, den ich niemals selbst bestellt hätte, weil ich alles, was anis-ig schmeckt, nicht mag: Pernod, Lakritze, Fenchel in Reinform, Fenchelsamen mag ich komischerweise sehr, hallo, Salsicchia, du leckeres Ding. Aber dieses Mal dachte ich, aha, da sind auch Orangen dabei, da drängt sich der klassische Fenchelsalat ja geradezu auf.

Also filetierte ich Orangen, hobelte Fenchel hauchdünn, röstete Walnüsse kurz an, schnitt eine halbe rote Zwiebel und mixte aus dem Saft, Walnussöl und ein bisschen Rotweinessig ein Dressing. Das ließ ich etwas durchziehen, und was soll ich sagen? Es war großartig. Nicht lakritzig-eklig, sondern frisch, knackig, süß und ein bisschen streng, aber genau so, dass es mir schmeckte. Biokiste for the win again!

Was schön war, Freitag/Samstag, 3./4. Dezember 2021 – Saltshaker und Polyphonie

Ich löse seit jetzt fast zwei Jahren täglich das Kreuzworträtsel der NYTimes. Am Anfang ging recht wenig, dann nur mit Autocheck, also der Funktion, die einem sofort anzeigt, ob ein Buchstabe richtig oder falsch ist. Inzwischen versuche ich immer, ohne Autocheck das Rätsel zu lösen, was in den meisten Fällen auch klappt. Irgendwann weiß man halt, welche Worte sehr oft vorkommen, weil sie so schöne viele Vokale haben (Aloe, Acai, Etta, Ado usw.), mit der amerikanischen Popkultur bin ich auch halbwegs genug vertraut, um Songzeilen oder Filmtitel hinzukriegen, und wenn ich irgendwen nicht kenne, wird er oder sie ergoogelt, da bin ich äußerst schmerzfrei.

Die Rätsel werden im Laufe der Woche immer schwieriger; die von Montag bis Mittwoch bekomme ich inzwischen fast immer hin und brauche dafür irgendwas zwischen zehn und 20 Minuten. Freitag und Samstag kommen in den Rätseln viele schlaue Vokabeln vor, für die ich meist Hilfe brauche, aber netterweise bietet die Times zu jedem Rätsel einen begleitenden Artikel an, wo „tricky clues“ aufgelöst werden und ein großes Forum debattiert, so dass man auch da ein, zwei Lösungen abgreifen kann. Ich fühle mich immer irre schlau, wenn ich alle „tricky clues“ wusste. Hier das Rätsel von diesem Montag, leider hinter der Paywall, hier die Kolumne dazu, die ohne Paywall zu lesen ist. Nur damit ihr wisst, wovon ich spreche.

Der Donnerstag ist meist eine Herausforderung, weil dort mit Rebussen gearbeitet wird. (Erstmal gegoogelt, ob es nicht doch Reben oder so heißt.) Man muss hier also damit rechnen, dass in einem Feld nicht nur ein Buchstabe untergebracht werden muss, sondern eventuell mehrere. Oder dass Worte ab einem Buchstaben nach oben oder unten in andere Felder übergehen. Oder dass irgendeine Abkürzung sich immer wiederholt. Rebusse sind grundsätzlich unterhaltsam, aber manchmal so beknackt umständlich, dass auch das eben erwähnte Forum 300 nölige Kommentare hinterlässt, was dieser Eierkopfquatsch denn sollte.

Am letzten Donnerstag war das Rebus aber toll, und ich habe es ohne Spicken verstanden. In einem Clue ist immer eine Art Auflösung versteckt, hier war es „One of a pair at the dinner table … or a hint to this puzzle’s theme.“ Lösung: Salt Shaker. Ich wusste also, dass irgendwo bei den Rebus-Lösungen Buchstaben durcheinander gewürfelt werden. Erste Idee: überall, wo SALT vorkommt, vielleicht wird es zu SLAT oder TALS oder was auch immer. Aber es war noch ein Eckchen komplizierter und gleichzeitig beglückender: Es ging um die Buchstaben NACL, die chemische Formel für Salz. Ein Hint war: „H. S. course that might have a unit on the Harlem Renaissance“, wo ich dringend „American Literature“ vermutete, aber hier waren nicht genügend Felder vorhanden. Es wurde gekreuzt von „Papal collection overseen by a bibliothecarius“, was natürlich nur die „Vatican Library“ sein konnte, aber auch das passt nicht. Erst als ich die Salz-Lösung (see what I did there) vor Augen hatte, guckte ich genauer: Die Buchstaben für SALT waren nicht da, aber eben die für NACL, geschüttelt zu CANL, das bei beiden vorkam. Das fand ich sehr clever und trotzdem lösbar.

F. und ich sprachen am Freitag bei der Date Night darüber, wie gut wir beide diese Idee fanden. Und heute im Sonntagspuzzle, das bei mir immer ewig dauert, weil es so groß ist, war wieder eine kleine Extrawurst versteckt. Dieses Mal nicht so kompliziert wie ein Rebus, der einem auch am Sonntag manchmal über den Weg läuft, aber hier gab es mehrere Lösungshinweise, die einem entgegenlachten: FLOOR FLOOR FLOOR. Oder wenige Zeilen darunter: GRIZZLY GRIZZLY GRIZZLY. Oder mein bisheriger Favorit: COMMERCIAL COMMERCIAL COMMERCIAL. Die Lösungen haben alle nichts miteinander zu tun, aber ich mag derartige optische Spielchen. (Lösungen: Neverending Story, Bears Repeating und Ad Infinitum.)

Ich lese weiterhin in der Martinů-Biografie, habe aber nebenbei nun einen Aufsatzband in der Hand, der für mich persönlich anscheinend sinnvoller ist, denn die biografischen Daten kann ich mir auch in der Wikipedia durchlesen, aber ich möchte ja mehr zu Martinůs Musik wissen. Gleich die Einleitung schubste mich in mehrere spannende Richtungen.

„Bohuslav Martinů wird oft ein naives unreflektiertes ‚Vorwärtskomponieren‘ im Sinne eines nicht näher definierten Neoklassizismus vorgeworfen. […] [Diese Anschauung] steht allerdings in einem eklatanten Widerspruch zu seinem eigenen kompositorischen Selbstverständnis, wie es sich sowohl in seinen Schriften als auch (und vor allem) in seinen Werken manifestiert. So zeigte sich Martinů spätestens seit Beginn seiner Pariser Zeit in den frühen 1920er Jahren offenkundig darum bemüht, seine Kompositionsästhetik wie auch seine technischen Mittel unablässig zu erweitern.“ (S. 13)

Der Aufsatz zitiert Texte von Martinů, in denen er Mitte der 20er Jahre zwei Ausdrücke benutzte, die für ihn den Neoklassizismus ausmachten: Disziplin und Beherrschung. Seinen eigenen Worten zufolge beginnt man als Komponist mit einer Phase der Experimente, durch die man nach und nach einen eigenen Stil entwickelt. Dieses Ankommen an einem Punkt muss zwangsläufig eine Gegenreaktion hervorrufen. Erst aus diesen beiden Phasen forme sich schließlich eine Synthese aus dem Alten und dem Neuen, was schlussendlich eine Vollendung bedeute. (S. 14) Zwei Texte Martinůs vom Anfang der 1940er Jahre sowie Mitte der 1950er Jahre lassen den Schluss zu, dass er selbst immer noch auf der Suche nach diese Synthese war. Im Text von 1941 benennt er einige seiner kompositorischen Stationen, die er ausprobiert habe: „Folkloretexte und volkstümliche Bräuche, Tänze, Legenden, Jahrmarktgeschichten und Kinderspiele, mittelalterliche Mirakelspiele, die tschechische Commedia dell’arte, Rundfunkopern (‚fast für Amateurenensemble komponiert‘) bis hin zur abendfüllenden Oper Juliette H.253 (1937) – einem ‚großen symphonischen Gedicht‘, in welchem er ‚den regionalen und folkloristischen Ausgangspunkt‘ verlässt.“ (S. 16) Anfang 1956 führte er in einem Gesucht an die Guggenheim Foundation seinen bisherigen Weg erneut auf und erwähnt hier einen „Plan“, dessen Beginn er auf 1926 datierte. „Diese beiden Texte lassen Martinůs scheinbar disparates Bühnenschaffen in einem ungewöhnlich planmäßigen Licht erscheinen und zeugen gemeinsam mit den betreffenden Werken von der gestaltenden Persönlichkeit eines Komponisten, der zwar allem gegenüber offen stand, sich jedoch nicht – wie oft kolportiert – primär durch äußere Umstände – seien es die verschiedenen Wirkungsorte oder die zahlreichen Kompositionsaufträge – lenken ließ.“ Ich kann nicht beurteilen, ob sich dieser Plan eher retrospektiv erschließt oder ob er wirklich vorhanden war; ich habe aus diesem Abschnitt mitgenommen, dass man durchaus Linien ziehen kann.

„Eine eigentliche Phase des Experimentierens kann bei Martinů erst nach seiner Übersiedlung nach Paris festgestellt werden. Er selbst stellte in seiner Autobiographie von 1941 fest, bis 1923 ‚nur aus seiner Begabung heraus komponiert‘ zu haben, ‚ohne durch bewusste und harte Arbeit etwas Neues hervorgebracht‘ zu haben. Seine Kompositionsversuche aus Prag und Polička lassen in der Tat keine systematische Entwicklung erkennen: Sie erscheinen vielmehr als unmittelbare Reaktionen auf das von Martinů erkundete Repertoire, das etwa im Fall französischer Werke sehr verspätet und oftmals erst zu einem Zeitpunkt nach Prag gelangte, als es – wie beispielsweise bei Debussys Pelléas et Mélisande – längst nicht mehr den aktuellen Stand repräsentierte. Werke deutscher und österreichischer Komponisten, allen voran der Komponisten der ‚Zweiten Wiener Schule‘, fanden zwar in der Regel viel schneller den Weg nach Prag, doch Martinů vermochte sich bei aller Wertschätzung für Schönberg nicht richtig dafür zu interessieren.“ (S. 19)

Direkt nach seiner Übersiedlung nach Paris erhielt Martinů privaten Kompositionsunterricht bei Albert Roussel. Dieser riet ihm angeblich, den Kontrapunkt in seinen Werken anzuwenden, womit sich Martinů selbst schon befasst hatte. „Von da an bildete die lineare Polyphonie eine Konstante in Martinůs Tonsprache vom Klavierkonzert Nr. 1 H. 149 (1925) und vor allem vom Streichquartett Nr. 2 H. 150 (1925) über die Concerto-Grosso-Trilogie von 1937–38 [hier H. 263 von 1937] bis zu seinen letzten großen Orchester- und Chorwerken.

Gleichzeitig mit der freien Polyphonie entdeckte Martinů die Dissonanz als zentrales Mittel der zeitgenössischen Musik. Zu verweisen ist dabei ebenfalls auf das Streichtrio Nr. 1, das die erste konsequente Dissonanzverwendung im Schaffen Martinůs darstellt. Eine ‚logische und überlegte‘ Dissonanz wird zu einem der wesentlichsten Elemente seiner Werke, wobei er sie äußerst differenziert einsetzt. Die Palette reicht vom Nebenprodukt einer strikt linearen Stimmführung (1920er Jahre) über form- und strukturbildende Funktionen (1930er Jahre) bis zur Klangfarbe und Klangfarbenpolyphonie (1940er und 50er Jahre).“ (S. 20/21)

Und da hatte ich schwarz auf weiß, warum ich an Martinů so hänge: Bei keinem anderen Komponisten spüre ich so stark das Sehnen und Drängen hin zu einer Auflösung, also aus einer Dissonanz in einen klaren Akkord. Eins der wenigen Dinge, die aus meinen lausigen zwei Semestern Musikwissenschaft hängengeblieben ist, ist, dass Tonfolgen immer irgendwo hin möchten, die wollen nicht sinnlos im Raum rumwabern, sondern haben ein Ziel. Das dauert manchmal fünf Stunden wie bei Wagner und manchmal nur drei Takte. Ich ahne, dass Musik daher so gut geeignet ist, Sehnsucht spürbar zu machen, den Wunsch, irgendwie anzukommen, einfach nur zu sein. (Ich möchte hier einfach nur sitzen.) Und wie eben erwähnt: Ich verspüre bei niemandem anders als bei Martinů dieses Sehnen in quasi jeder seiner Tonfolgen. Und bei keinem ist das Ankommen süßer und brutaler und beeindruckender. Mein Lieblingsbeispiel ist der zweite Satz im Cellokonzert Nr. 1 H. 196 (1930, 1955 überarbeitet). Das war auch gleichzeitig das erste Stück von Martinů, das ich jemals bewusst gehört habe.

(Zitate aus: Aleš Březina: „Von ‚Experimenten‘, ‚Synthesen‘ und ‚definitiven Werken‘“, in: Ders./Ivana Rentsch (Hrsg.): Kontinuität des Wandels. Bohuslav Martinů in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bern 2010, S. 13–38.

Ingwer-Tahini-Sauce

Das Rezept aus der NYT schlägt dazu noch Bok Choi und gedämpften Tofu vor; ich habe ihn stattdessen knusprig angebraten und anderes Gemüse verwendet, aber die Sauce möchte ich doch schnell notieren, die war genau meins.

In einer Schüssel

6 EL Tahini,
1/4 Cup (60 ml) Sojasauce,
3 EL destillierten Essig (zum Beispiel den philippinischen von Silver Swan),
1 TL geriebenen oder fein gehackten Ingwer und
1/4 TL (bei mir: 1/2) geriebenen oder fein gehackten Knoblauch gut vermischen, notfalls mit
Salz und Pfeffer nachwürzen.

Als Saucenspiegel nutzen oder über das fertig gegarte Gemüse geben, mit
weißem Sesam und
Koriander servieren.

Tagebuch Mittwoch/Donnerstag, 1./2. Dezember 2021 – Maulwurf und Schokolade

Der Mittwoch begann eher doof, weil ich die zweite und damit letzte Absage auf einen Druckkostenzuschuss erhielt. Bei beiden Stiftungen musste ich neben einem Probekapitel und lauter Zeug auch einen Lebenslauf einreichen, und ich ahne – oder ich rede mir ein –, dass beide Absagen damit zu tun haben, dass ich eben seit über 20 Jahren im Berufsleben stehe und man daher erwarten kann, dass ich einige Rücklagen habe, mit denen ich so nebenbei irgendwas zwischen 10.000 und 12.000 Euro bezahlen kann, denn darauf wird die Endabrechnung meines Buchs hinauslaufen. Im Gegensatz zur armen knapp 30-jährigen Doktorandin, die sich als Hiwi über Wasser hält und in einer WG wohnt. Das stimmt theoretisch auch, aber da ist so eine kleine Pandemie, die dafür gesorgt hat, dass ich anderthalb Jahre keine einzige Rechnung schreiben konnte. Insofern hätte ich das Geld ganz gut gebrauchen können. Aber gut. Haken dran und weiter in mich reinknurren, wie unhöflich die Wissenschaft zu mir ist, ihrem willigen Groupie.

Immerhin konnte F. zwei Zimt-Kardamom-Schnecken beim Lieblingsbäcker ergattern und gab mir liebevoll die größere ab. Ich glaube ja nie, dass mich jemand gern hat, aber wer freiwillig das größere Backwerk weiterreicht, ist mir vielleicht doch gewogen.

Ich benutze diese Teller aus dem Sammeltassenberg übrigens unironisch, ich mag den Kitsch ab und zu sehr gern.

Die zweite Tagesrettung waren meine beiden Adventskalender. Einer versorgt mich nun täglich mit einer Praline von Xocolat aus Wien, den ich herzlich vermisse, wie überhaupt die ganze Stadt. Und der zweite zeigt mir lauter Bilder vom kleinen Maulwurf, und damit beginnt ja jeder Tag gut.

Nebenbei würde ich gerne wissen, wer mal auf die Idee gekommt ist, dass pickelige Rauhfasertapete das Nonplusultra für Mietwohnungen ist und ihm oder ihr nachträglich auf die Nase hauen.

Ansonsten am kunstgeschichtlichen Job für meinen Ex-Doktorvater gearbeitet, viel Tee getrunken, viel Martinů gehört. Seine Biografie lässt mich zwar weiterhin am Stil verzweifeln, aber sie schubst mich immerhin in die Richtung von wegweisenden Stücken, und genau das wollte ich von ihr. Seit gestern in der Dauerschleife: das Doppelkonzert für zwei Streichorchester, Klavier und Pauken (1946). Beim Googeln danach über diesen Klassik-Hinweisdienst gestolpert, den ich noch nicht kannte. Gleich mal vertwittert und den Hinweis auf Themensortierung der ARD-Mediathek erhalten, kannte ich auch noch nicht.

Gestern ein Rezept der NYT etwas abgewandelt. Ein Sößchen aus Tahini, Sojasauce, Essig, Ingwer und Knoblauch war jetzt nichts Neues für mich, aber hier passten die Mengenverhältnisse haargenau zu meinem Geschmack. Statt Pak Choi gab’s bei mir Möhren und Zucchini und keinen gedämpften, sondern knusprig angebratenen Tofu.

Was schön war, Dienstag, 30. November 2021 – Fliegenpilzpflaster

Morgens einen Termin per Zoom mit dem Doktorvater gehabt, von dem ich gar nicht weiß, ob ich ihn noch so nennen sollte. Ex-Doktorvater? Er hat seinen Job ja erledigt. Er ist gerade Editor bei einem größeren Projekt, für das ich etwas beisteuern darf, was mich sehr freut. Unbezahlt natürlich. Wir forschen alle, weil wir so gute Menschen sind. Knurr.

Bei diesem ersten Zoom vom neuen Rechner gemerkt: Ich nehme für zukünftige digitale Meetings, bei denen man mich sieht, wieder den alten Rechner. Da waren alle Teilnehmenden pixelige Blobs und nicht diese superscharfen HD-People. Ich wollte mich die ganze Zeit schminken! Und den Bildhintergrund aufräumen.

Außerdem gemerkt: Die Kamera lässt sich nicht mehr so leicht mit einem länglichen Post-it abkleben, weil das Macbook diesen seltsamen Notch am oberen Bildschirm hat, von dem ich dachte, dass er mich wahnsinnig machen würde. Tut er nicht, aber er ist so schmal und klein, dass ich mein Post-it erstmal zurechtschneiden musste. Bei Netflix oder ähnlichem wird der ganze obere Bildrand dunkel, so dass diese seltsame Ausstülpung nicht mehr auffällt. Ja, darüber hatte ich im Vorfeld nachgedacht. Schließlich gucke ich die ganze Zeit dorthin.

Nach dem Zoom todesmutig (ich weiß gerade nicht, ob dieses Adjektiv geschmacklos ist) in die U-Bahn gestiegen, um zur Hausärztin zu fahren. Dort holte ich ein neues Rezept für die Dauermedikation ab und fragte mich zum wiederholten Male, ob man das nicht digital lösen könne anstatt alle drei Monate da auflaufen zu müssen, um einen Zettel abzuholen und eine Karte einlesen zu lassen. Aber wenn ich schon mal da war, fragte ich nach einer Grippeimpfung, die ich eigentlich vor drei Wochen hätte machen wollen, aber damals ergab sich unerwartet die Chance auf den Booster, den ich wichtiger fand.

Zuhause stellte ich fest, dass ich ein Kinderpflaster mit Fliegenpilzen auf die Einstichstelle bekommen hatte. Fand ich sehr gut.

Von der Ärztin mit der U-Bahn in die Nähe des Lieblingsbäckers gefahren und mein Lieblings-Körner-Ciabatta abgeholt. Zu Fuß durch Schneetreiben nach Hause spaziert. Vom Zoom und der Impfung (und der leeren U-Bahn) euphorisiert vergessen, das Rezept einzulösen, obwohl ich direkt an der Apotheke vorbeigekommen war.

Sehr gut: „Missbrauch des ‚Judensterns‘ kann jetzt verfolgt werden“. Das Landgericht Augsburg und das Bayerische Oberste Landesgericht sprachen ein Urteil, das hoffentlich auch in anderen Bundesländern Anwendung finden wird:

„Nicht nur auf Corona-Demonstrationen, auch im Netz ist dieses Motiv, versehen mit der Aufschrift “Ungeimpft”, immer wieder zu sehen, die Botschaft lautet: Ungeimpfte würden heute unterdrückt wie einst Juden durch die Nazis. […]

Strafrechtliche Folgen hatte das bislang nie. Verschiedene Amtsgerichte deutschlandweit entschieden: Das sei nicht als Verharmlosung des Holocaust strafbar. Denn nach dem Wortlaut des Strafgesetzbuchs ist ein Fall von Volksverhetzung erst dann gegeben, wenn sich die Verharmlosung auf Tötungen etwa in Konzentrationslagern bezieht. Die Gerichte differenzierten: Der gelbe Stern habe nicht der Tötung, sondern “nur” der Entrechtung der Juden gedient.

Eine Vorlage für die bayerische Justiz, um diese Rechtsprechung zu ändern, lieferte nun ausgerechnet ein AfD-Politiker. Auf dem Bundesparteitag der Rechtspopulisten im Messezentrum Augsburg am 30. Juni 2018 hatte der AfD-Kommunalpolitiker Rainer Lanzerath aus Nordrhein-Westfalen ein Plakat hochgehalten, das auf der einen Seite den “Judenstern” und den Text “1933 – 1945” zeigte, auf der anderen Seite das AfD-Logo und die Aufschrift “2013 – ?”. Ein Protest gegen die vermeintliche Unterdrückung der AfD. Das Amtsgericht Augsburg erließ einen Strafbefehl wegen Volksverhetzung.

Weil der AfD-Politiker Lanzerath die Geldstrafe nicht akzeptieren wollte und unter Berufung auf seine Meinungsfreiheit sämtliche Rechtsmittel ausschöpfte, konnte die Justiz in Bayern diese Frage nun bis in die letzte Instanz klären. Das Landgericht Augsburg und auch das Bayerische Oberste Landesgericht haben in diesem Verfahren erstmals festgehalten, ein “Judenstern” stehe sinnbildlich für den gesamten Holocaust.“

Abends verfolgte ich eine Diskussion des Leibniz-Zentrums für zeithistorische Forschung in Potsdam in der Reihe um die Hohenzollern; sie wurde aufgezeichnet und steht vermutlich demnächst online. Die ersten beiden Teile hatte ich nicht mitbekommen, die hole ich nach; die Videos sind im obigen Link zu finden.

Gestern schaute ich zu, weil unter anderem Stephan Malinowski dabei war, von dem ich sehr interessiert Vom König zum Führer: Deutscher Adel und Nationalsozialismus gelesen hatte. Sein neues Buch Die Hohenzollern und die Nazis: Geschichte einer Kollaboration wird sehr positiv rezensiert. Er wurde vorgestellt als der von den Hohenzollern am häufigsten verklagte Historiker.

Malinowski sprach auch mit eines der Schlusswörter. Es kam die Frage auf, warum man überhaupt über dieses Thema diskutieren müsse; er meinte sinngemäß, dass er die Debatte um das Kaiserreich und seine Verbindung mit dem Nationalsozialismus eher als politisch denn als historisch ansehe. Vor 15, 25 Jahren, als er Doktorand gewesen war, wurde anders über dieses Thema gesprochen. Heute hingegen überlappen sich „tagespolitische, geschichtspolitische und emotionalisierte Themen“, wie es Historiker Jörn Leonhard vor längerer Zeit im DLF formulierte. Was auch mit der AfD zu tun hat, die genau diese Schiene fährt. Das halte ich für einen wichtigen Hinweis: dass heute mit historischen Diskussionen Tagespolitik gemacht werden soll anstatt diese Diskussionen erst einmal in der Sphäre der Forschung zu belassen, bis ein Ergebnis feststeht.

Heute ist der erste Dezember.

Was schön war, Sonntag, 28. November 2021 – Erster Advent

Ich mag die Adventssonntage, dann ist meine Instagram-Timeline immer voller Kerzen. Meinen eigenen Kranz habe ich natürlich auch hergezeigt.

Zeitungen nachgelesen, die ich in der Woche nicht geschafft hatte. Mittagsschläfchen gehalten. In den fallenden Schnee geschaut und mich über meine Balkonbepflanzung gefreut. Ich hatte vor ein paar Wochen der ewigen Insta-Werbung von Plantbox nachgegeben und meine vertrockneten Kräuter gegen die vorgefertigte Bepflanzung namens Pink Berry eingetauscht. Sie gefällt mir außerordentlich gut, auch wenn ich mich beim Vermessen meines Balkonkastens verschätzt habe. „Ach, das wird schon passen“ – schreibt mir das irgendwann auf den Grabstein, unter dem meine krumme und schiefe Urne liegt.

(Hier müssen Sie sich drei verschiedene Fotos der Plantbox auf meinem Balkon vorstellen, die alle doof sind, weil auf dem neuen Mac der Uralt-Photoshop nicht mehr läuft und ich mich gerade mit Gimp anfreunde, aber noch fremdele. Deswegen steht dieser Eintrag auch erst jetzt hier und nicht schon vor einer Stunde.)

Nachmittags kam F. zum Adventskaffee bzw. Adventsostfriesentee vorbei, weil wir zweimal die Date Night nicht einhalten konnten. Es gab Marmorkuchen vom Samstag.

Weiter Dinge über Martinu gelesen, immer schön.

Abends Knoblauch-Chili-Nudeln à la Hot Thai Kitchen gemacht.

Auf dem Sofa eingeschlafen, ins Bett umgezogen. Sehr ruhiger Tag.

Was schön war, Samstag, 27. November 2021 – Brötchen und Bohuslav

Morgens beim Brantner: „Die Semmeln sind heute kleiner als sonst, ich pack dir einfach eine mehr ein, ja?“

Das neue MacBook überzeugt bisher auch durch seinen Ton, auf den ich gar nicht vorbereitet war. Nach neun Jahren Piepsigkeit aus den „Lautsprechern“ des MacBook Air erschrecke ich mich immer noch kurz, wenn gewohnte Serienintros plötzlich Bass, nee, BASS haben. Sehr schön.

Eine meiner sinnvollen Beschäftigungen während der ersten fünf Lockdownchens bzw. der Zeit der freiwilligen Kontaktreduktion war das Anschauen des gesamten Marvel-Universums auf Disney+. Gestern kam der neueste Film dazu: Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings. Hier ein schöner Twitter-Thread als eine Art Sekundärliteratur dazu. Für mich besonders spannend waren die Übersetzungen der chinesisch gesprochenen Dialoge, die ich natürlich nur als englische Untertitel hatte. Der Satz der Mutter, dass sie sehr stolz auf ihren Sohn sei, klang für mich völlig normal, aber anscheinend sagt die Dame eher, dass er der Stolz seiner Mutter sei. Nah dran, aber doch eine andere Implikation. Diese Antwort kam aus diesem Tweet, der als Antwort unter einem von Simu Liu auftauchte, dem Hauptdarsteller von Shang-Chi.

Abends las ich erneut die Biografie von Bohuslav Martinů von F. James Rybka, die ich vor längerer Zeit schon einmal aus der Stabi geholt, aber nicht beendet hatte; Kurzfassung: elend übel geschrieben. Dieses Mal sah ich knurrend über den Stil hinweg, weil ich von diesem Komponisten anscheinend nicht loskomme und mehr über ihn und seine Werkentwicklung wissen möchte.

Wir befinden uns in den 1920er Jahren, Martinů ist von Prag nach Paris umgezogen und komponiert sich etwas von seinen tschechischen Wurzeln weg. Ich las interessiert von einem Stück namens Halftime (1924), zu dem er von „excited spectators at a football match“ inspiriert worden war. „It is considered one of his pivotal works, unlike anything he had ever written before. This piece may be the first for his use of the piano obbligato, an instrumentation that became like his signature in many future compositions. In Halftime, honking horns, loudspeakers, whistles, and sirens pierce the nineteenth-century Romanticism in a grating way. In this work, the rhythm is liberated from the dictates of the bar line, and the brass and winds predominate, similar to Stravinsky yet with a distinctly different coloring.“

Zitat: F. James Rybka: Bohuslav Martinů. The Compulsion to Compose, Lanham/Maryland 2011, S. 48.

Was schön war, Freitag, 26. November 2021 – So weit die Füßchen tragen

Zu Schneefall aufgewacht. Nee, Moment, nochmal: ZU SCHNEEFALL AUFGEWACHT ACH WATT SCHÖN!

Kaffee gemacht und über den Balkon ins Weiße geschaut. Zum wiederholten Male gedacht, dass die Anschaffung der Espressomaschine eine meiner besseren Ideen war.

Den Vormittag verbrachte ich am Rechner, wo ich an meinen ersten Wikipedia-Einträgen arbeitete. Die existieren bisher nur als Word-Dokument und ich muss für beide (mehr sind es noch nicht) auch noch in eine Bibliothek, daher wird das noch dauern, bis sie mal online sind. Aber das hat Spaß gemacht, Kunstgeschichte und das Interweb zu verbinden. Und: Es ist gar nicht so einfach, einen Lexikonartikel zu formulieren. Wieder was gelernt.

Zu dieser Tätigkeit inspirierte mich ein Online-Seminar, das vor gut zwei Wochen stattgefunden hatte; wer ein paar Splitter nachvollziehen will, guckt sich den Hashtag #kuwiki2021 auf Twitter an. Ich scheue mich inzwischen sehr, von Dingen zu reden, die gut an der Corona-Pandemie sind, aber ich hoffe sehr, dass Online- oder Hybrid-Veranstaltungen weiterhin die Regel bleiben, auch wenn wir alle theoretisch wieder entspannt in Zügen oder Flugzeugen sitzen können. Die Möglichkeit, niedrigschwellig und kostengünstig an Veranstaltungen teilzunehmen, finde ich inzwischen sehr wichtig, auch wenn ich auf meiner ersten anständigen KG-Konferenz Anfang Oktober auch verstanden habe, wie wichtig es für das eigene Netzwerk sein kann, persönlich vor Ort zu sein.

Ein letztes Weihnachtsgeschenk kam gestern per DPD. Von mir aus können wir jetzt bis zum 24. Dezember vorspulen. Oder nee, eigentlich bis zum 24. Februar, wenn wir, laut Spahn, alle geimpft, genesen oder ähem sind und alles wieder supi ist.

Ich kann nicht mehr so richtig mit dieser Pandemie. Ich schreibe hier mal wieder bewusst gegen die Verzweiflung an. Auch auf Twitter erliege ich wieder dem Doom-Posting, ich muss dagegen ansteuern.

Die Biokiste ließ bis gegen 15 Uhr auf sich warten. Gleich nachdem ich den Salat in den Kühlschrank und das Obst in die dafür vorgesehene Silberschale auf dem Küchentisch verräumt hatte, machte ich mich zu Fuß auf den Weg in die Stabi. Dorthin radele ich normalerweise, aber bei den vollen Krankenhäusern habe ich ernsthaft Gedankengänge wie „Wenn ich jetzt auf schneenassem Laub stürze, kann sich niemand um meine gebrochene Schulter kümmern.“ Gleichzeitig denke ich: „Im Bus zur Bib sind bestimmt wieder Pimmelnasen.“ Also ging ich wenigstens den Hinweg, und das war sehr schön. Nicht so viele Leute unterwegs wie befürchtet, und ich kam gut und entspannt voran.

In der Stabi war ich vor drei? vier? Wochen das letzte Mal, um Bücher abzuholen. Damals (damals, ha!) galt noch 3G oder ähnlich, der Herr am Eingang guckte flüchtig auf meine Corona-App und winkte mich durch. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert: Gestern wurde mein Impfzertifikat gescannt und der Ausweis kontrolliert. Und das vom freundlichsten Menschen aller Zeiten, der sich sehr darüber freute, dass ich da war und mir eine gute Zeit wünschte. Die hätte ich auch gerne im Lesesaal verbracht, wenn da nicht dieses Virus wäre.

Das vermisse ich wirklich: spontan in eine Bibliothek zu fahren, um nur mal eben schnell was nachzugucken, und dann fünf Stunden versacken, weil um mich herum so viel spannende Dinge stehen. So nahm ich fünf dicke Bücher über den Nationalsozialismus mit nach Hause und derart schwer bepackt musste es dann eben der Bus sein, wo natürlich eine junge Dame gerade mit ihrer Mutter diskutierte, welche der teuren Winterjacken es denn sein sollte, und natürlich saß die Maske unterm Kind, weil sie auch noch zwischendurch trinken musste. Niemand im Bus hatte Lust auf Diskussionen, aber ich stieg trotzdem zwei Stationen zu früh aus, scheiß auf die schweren Bücher. Die gute Laune, die mir der Stabi-Einlass verschafft hatte, wollte ich mir nicht von Fräulein „Wolfskin sieht aber so billig aus“ verderben lassen.

Mein Weg führte mich an einem kleinen Blumenladen vorbei, und aus einer spontanen Laune erstand ich dort einen Adventskranz, der vor dem Geschäft stand. Dort bekam ich den Tipp, den Kranz bei Temperaturen leicht unter Null ruhig gut abgedeckt auf dem Balkon zu lagern, auch in den Wochen der Adventszeit. Und zwischendurch schön mit Wasser besprühen. Das wusstet ihr vermutlich alle schon, aber mir hatte das noch niemand gesagt. Auch darüber habe ich mich gefreut: Tipps für lau von Menschen, die Ahnung haben und ihr Wissen teilen wollen. Hier einen geistigen Schlenker zur Wikipedia schlagen.

Eine Avocado und eine Tomate aus der Kiste mit einer Schalotte und Koriander zu Guacamole verarbeitet, das gute Brantner-Brot in Knoblauchöl angeröstet, Postelein aus der Kiste mit dem letzten Rest Eichblatt und Radicchio von letzter Woche vermischt, Festessen. Danach die vorletzte Mandarine. Die können also auch schmecken! Was schön war, ist und vermutlich noch lange bleiben wird: Biokiste. Was die für einen Unterschied macht! Ich bin immer noch fassungslos, wie lange ich eher mieses Obst und Gemüse gegessen habe. Das hatte finanzielle Gründe, aber trotzdem. Ich habe ja auch keinen Wein für fünf Euro gekauft, weil der günstiger ist. Bei dem wusste ich, dass man für fünf Euro nur Schrott kriegt. Wieso glaubte ich dann, dass es bei Gemüse anders ist? (Pandemie Brain.)

Abends gab’s das BR-Benefizkonzert mit Mahlers 9. Sinfonie. Und danach schlug mir Spotify die Pianistin Di Xiao und ihr Album mit Werken weiblicher Komponisten vor; dabei lernte ich Cécile Chaminade, Mélanie Bonis, Maria Szymanowska und Cecilia McDowall kennen, immerhin Clara Schumann kannte ich.

Das war ein schöner Tagesabschluss. Leider keine Date Night, aus Gründen, wird heute hoffentlich nachgeholt.

Und dann beim, natürlich, Doom Scrollen im Bett noch mitbekommen, dass Stephen Sondheim gestorben ist. Das erste Lied, das ich in meiner ersten Gesangsstunde singen durfte, war „Send in the clowns“. Dafür habe ich mal den betreffenden Eintrag aus dem alten Blog ins CMS kopiert: 7. September 2004, Anke geht singen.

Tagebuch Mittwoch, 24. November 2021 – Neuer Rechner

Erster Blogeintrag vom neuen Macbook Pro. Das gute alte Macbook Air von 2012 wird langsam leergeräumt. Gestern brachte mir UPS das wagenkalte Paketchen, ich öffnete es, bewunderte das schicke Stück Technik, und ging dann erstmal zur Packstation, wo ein Adapter auf mich wartete, damit ich meine externe Festplatte mit USB-Anschluss auch an das schicke Stück Technik ohne USB-Anschluss andocken konnte. Das Migrieren ging problemlos, und nach fünf Stunden konnte ich erstmals vernünftig am neuen Rechner rumklicken.

Meine Mails waren nicht mitgekommen, die lud ich ordnerweise in die Dropbox hoch und wieder runter und musste sie notgedrungen alle nochmal anklicken bzw. über sie rüberscrollen bzw. sie überfliegen, um den „HEY, NEUE MAIL“-Punkt am jeweiligen Mailcluster wegzukriegen, der mich sonst wahnsinnig gemacht hätte. Es wird vermutlich eine Möglichkeit geben, alles als gelesen zu markieren, aber danach zu googeln, fiel mir eben erst beim Tippen ein. Und so überflog ich gestern nochmal mein gesamtes Studium plus die Zeit nach der Dissertationsabgabe und war danach etwas wehmütig. Mit dem Air gehen halt auch alle Hausarbeiten, die Bachelor- und die Masterarbeit und der Buchtext, den ihr euch nächstes Jahr aus der wissenschaftlichen Bibliothek eurer Wahl holen könnt.

Für eine Migrierungsfrage rief ich Kai an, den Ex-Kerl, und wir telefonierten ein bisschen. Das war schön.

Der neue Rechner heißt wie meine beiden Omas hießen, das ist auch schön. Mach’s gut, Gomez, du bist jetzt raus.

Tagebuch Montag, 22. November 2021 – Erholen von der Erholung

Ich brauche immer mindestens einen Tag, um mir den Norden aus den Knochen zu schlafen bzw. rauszukochen und der war gestern.

Blöderweise konnte ich nicht ausschlafen, da die gute Hausverwaltung mir für 8 Uhr morgens einen Monteur angekündigt hatte, der sich meines gerissenen Riemens der Außenjalousie annehmen wollte. Seit Beginn der Pandemie war praktisch nur F. mal länger in meinen heiligen Räumen, einmal, wenn ich mich richtig erinnere, unser Podcastmitstreiter, und irgendwann wurden mal die Heizkörper und Rauchmelder überprüft, aber das dauerte nur fünf Minuten. Gestern war der Herr aber eine gute Stunde beschäftigt – immerhin mit Maske reingekommen und danach sofort die Fenster aufgerissen, was natürlich auch damit zu tun hatte, dass er an den Außenrolladen ranwollte. Wie praktisch. Der Herr durfte auch meine Toilette benutzen, während ich ein Zimmer weiter weg am Rechner saß, die ganze Zeit mit FFP2-Maske. Sobald er gegangen war, setzte bei mir die totale Übersprungshandlung ein, ich riss alle Wohnungsfenster groß auf, die bisher gekippt waren, desinfizierte so ziemlich alles, was der Herr angefasst haben könnte und trug die Maske noch mindestens eine Stunde, also bis kurz vor dem Erfrierungstod. Ich kam mir völlig bescheuert vor, betrachte aber auch heute noch Tür- und Fenstergriffe misstrauisch und finde mich total überspannt. Danke, Corona, du verdammte Nervensäge. Als ob ich nicht schon anstrengend genug wäre.

Aber immerhin musste ich nicht vor die Tür, bis auf den kurzen Gang zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen. Denn: Meine freitägliche Biokiste war netterweise von meiner Nachbarin entgegengenommen worden. Ich hatte ihr als Dankeschön für das nutzlose Runterscheuchen vor dem Levit-Konzert zwei Äpfel aus meiner Kiste an die Tür gehängt. Die haben ihr so gut geschmeckt, dass sie seitdem auch Kisten-Abonnentin ist, und daher konnte meine Kiste einfach an sie geliefert werden, während ich noch im Norden war. Die stand dann Sonntag, als ich ankam, vor meiner Tür, und gestern wurden daraus ein paar Mohrrüben zu Ofenmohrrüben. Bei Masterchef hatte ich gerade ein kleines Kartoffeltörtchen gesehen, das wurde spontan nachgekocht: Einfach Kartoffelbrei mit Schalotten und wer mag noch einem Eigelb (bei mir ohne) in einen Servierring quetschen und in Butter braten. Bei mir lagen noch ein paar Thymianzweige und Knoblauchzehen in der Butter.

Beim Vorbereiten der Karotten freute ich mich über eine Idee, die ich vor wenigen Wochen gehabt hatte. Meine Gewürze liegen fürchterlich ungeordnet durcheinander in einer Kiste. Ich habe kein Regal oder eine große Schublade und fieserweise keinen Platz für irre kluge und ästhetisch ausgewogene Dosensammlungen, alles liegt halt in der Box, die ich komplett durchwühlen muss, um Chilipulver oder Zimt oder die vermutlich lose rumfliegenden Sternanisnupsis zu finden. Aber jetzt nicht mehr, denn ich habe die Gewürze neuerdings thematisch in kleineren Boxen versammelt und kann diese einzeln aus der großen Box heben. Und so brauchte ich nicht nach drei Döschen oder Gläschen zu suchen, sondern nur nach der orientalisch-indischen-Ottolenghi-Box, um mit einem Griff Koriander, Kreuzkümmel und Kurkuma zu haben. Es hätte auch die italienische-Kräuter-Box werden können oder die asiatisch-scharfe oder die süße mit Vanille, Zimt und eben den Sternchen. Das ist schön, wenn Zeugs funktioniert. Oma Gröner kauft jetzt weiterhin Mövenpickeis, nur um an die Boxen zu kommen. Ich werde wie meine Mutter enden, mit achthundert leeren Dosen in einem Kellerabteil.

Ach, und noch was hat funkioniert: Ich habe mich jahrelang nicht getraut, Omas Geschirr mit dem Goldrand in den Geschirrspüler zu stellen. Das 60er-Jahre-Geschirr, wie oben auf dem Foto zu sehen, ist mir aber schon diverse Mal in knuffig-szenigen Kneipen oder Bistros aufgefallen, und irgendwie glaube ich, dass kein Gastrobetrieb Geschirr verwenden würde, das nicht maschinell gespült werden kann. Also wagte ich gestern den Test und stellte den Teller, von Kartoffelkuchen und Möhren befreit, in den Geschirrspüler. Heute morgen konnte ich feststellen: Goldrand ist noch vollständig dran. Zweiter Gedanke: 20 Jahre nutzlos mit der Hand gespült, ich Honk. Aber Omis Blümchengeschirr kann bestimmt nicht in die Maschine! Jedenfalls probiere ich das nicht aus.