Mittwoch, 21. April 2021 – Fernlernen

Ich versuche gerade, meinem Tag etwas mehr Struktur zu verleihen, indem ich Vorlesungen anschaue. Jedenfalls theoretisch und wenn ich es nicht vergesse, ähem.

Montag ist die Reihe „Zukunft der Kunstgeschichte“ der LMU gestartet, der Zugang ist für jede:n frei, alles findet per Zoom statt. Hier steht ein bisschen was zur Reihe und wie man sich anmeldet, hier ist das Programm.

Heute um 10.15 Uhr beginnt die zweite Sitzung der Vorlesung „Geschichte des Holocaust“ der Humbold-Universität Berlin. Dozent Michael Wildt twitterte die Ankündigung, zusammen mit dem Link zur Anmeldung. Die Vorlesung dauert 45 Minuten, danach folgen 45 Minuten Diskussion. Die Vorlesung kann danach als Video erneut abgerufen werden, die Diskussion nicht.

Schon mal für nächste Woche, 28.4., ab 13.30 Uhr, vormerken: Im ZI findet erneut das Kolloquium Provenienz- und Sammlungsforschung XII statt. Dieses Mal ist der Untertitel „Das Kriterium ‚Marktpreis‘ in der Handreichung und Quellen zum Kunsthandel im Nationalsozialismus“. Das war für mich immer interessant in der Diss: Welche Bilder von Protzen brachten ihm Geld ein, welche nicht? Überraschung (nicht): Die Autobahnbilder waren am teuersten, was ich mit als Grund dafür anführe, dass der Herr dieses Motiv noch weiter gemalt hatte, als die meisten anderen Künstler sich schon davon abgewandt hatten. Das Kolloquium findet per Zoom statt, die Zugangsdaten stehen im obigen Link.

Und jetzt radele ich in die Bibliothek, um mir ein paar Bücher abzuholen. Hoffe ich wenigstens, vielleicht kann ich auch nicht auf dem schmalen Sattel sitzen, habe es vorgestern mit den Beinübungen etwas übertrieben und ernsthaft Muskelkater im Po. Alles bekloppt.

PS: Das Mütterchen ist seit vorgestern zweit-, das Väterchen nun erstgeimpft. Das Aufatmen meinerseits müsste bis Hannover zu hören gewesen sein. Für die Impfung meines Vaters kam der Hausarzt vorbei, denn Vaddern ist eher immobil bzw. der Aufwand, ihn irgendwo hinzubekommen, ist immens, ohne einen KTW geht nichts. Daher klemmte sich der Hausarzt auf unserem Dorf die AstraZeneca-Dosis unter den Arm und impfte Papa zuhause. Danach musste er natürlich noch die geforderte Viertelstunde dableiben, um zu schauen, wie Papa alles verträgt. Das Mütterchen erzählte amüsiert, dass sie noch etwas geplaudert hätten, er aber quasi dauernd auf die Uhr geguckt hätte. Vielleicht hatte er noch ein paar Impfdosen in der Kühlbox.

@dieliebenessy schreibt in einem kurzen Thread über ihr derzeitiges Gefühl bei der Impfkampagne: „Die Hilflosigkeit, die Wut sind irrational, ich weiß das. Ich freue mich mit jedem über seine Impfung. Gleichzeitig bleibt das Gefühl, der einzige Depp zu sein, der irgendeine abseitige Restrierung oder Sonderaktion übersieht – oder der einfach im falschen Bundesland wohnt.“

Montag, 19. April 2021 – Languishing

Seit Tagen gucke ich beim Tippen des Datums in der Überschrift zur Sicherheit nochmal in den Kalender – sind das immer noch die Zehner? Ist nicht schon längst der 25. April oder so? Wieso dauert dieser Monat gefühlt so lange?

Um 6 wach gewesen, bis 8 im Bett rumgelungert, wann ich an den Schreibtisch gehe, ist gerade eher egal, was mich wahnsinnig macht, aber im Moment habe ich nicht die Energie, mir das irgendwie schön zu reden, doch bitte pünktlich um 9, wie sich’s gehört, mit dem ersten Kaffee und frisch geduscht, come on, es ist immer noch Pandemie, lass mich in Ruhe.

Sorgen um den Norden gemacht, doch überlegt, spontan in den Zug zu steigen, mir wurde das ausgeredet, weiter Sorgen gemacht.

Immerhin: Das Prüfungsamt der LMU schrieb, dass meine Abschlussdokumente nun fertig seien, bitte den Perso scannen und herschicken, dann kriege ich meine Promotionsurkunde per Einschreiben. Das ist einerseits toll, weil ich dachte, ich kriege die erst, wenn die Diss veröffentlicht ist, aber da habe ich wohl meine eigene Promotionsordnung nicht kapiert. Oder sie zu wuschig gelesen, es ist Pandemie, lass mich in Ruhe. Mich hat die Mail einerseits gefreut, yay, Doktor sein, ganz offiziell, und andererseits betrübt, nay, nicht nochmal in die Uni gehen und wenigstens einen einzigen letzten Kontakt mit einem Menschen haben, nachdem ich da gute acht Jahre zugebracht habe.

Für das traditionelle Foto am Speerträger (Abb.) gehe ich nochmal ins Hauptgebäude, das kann aber warten. Wer an der LMU promoviert, muss sich mit der Urkunde am Speerträger fotografieren lassen, this is the way.

Und auch der Verlag meldete sich: Jetzt weiß ich, in welchem Format bzw. in welcher Auflösung ich die Bilder abliefern muss. Dann beginne ich mal den wilden Schriftverkehr mit diversen Museen und Archiven, vor allem dem Kunstarchiv Nürnberg, der ungefähr so aussehen wird: „Heyyyy, Schnuffis, ich bräuchte ungefähr 80 Bilder aus vermutlich acht unterschiedlichen Kartons im unsortierten Künstlernachlass, in denen sie auch meist nicht vernünftig und übersichtlich geordnet sind, bis übermorgen und für lau, geht klar, oder? Na? Na? Bussi!“

Abends Apple Fritters gemacht, keine Lust auf Erwachsenenessen.

Ansonsten: weiterhin languishing. Allmählich etwas porös, aber das sind wir vermutlich alle.

There’s a Name for the Blah You’re Feeling: It’s Called Languishing

„It wasn’t burnout — we still had energy. It wasn’t depression — we didn’t feel hopeless. We just felt somewhat joyless and aimless. It turns out there’s a name for that: languishing. Languishing is a sense of stagnation and emptiness. It feels as if you’re muddling through your days, looking at your life through a foggy windshield. And it might be the dominant emotion of 2021.

As scientists and physicians work to treat and cure the physical symptoms of long-haul Covid, many people are struggling with the emotional long-haul of the pandemic. It hit some of us unprepared as the intense fear and grief of last year faded.

In the early, uncertain days of the pandemic, it’s likely that your brain’s threat detection system — called the amygdala — was on high alert for fight-or-flight. As you learned that masks helped protect us — but package-scrubbing didn’t — you probably developed routines that eased your sense of dread. But the pandemic has dragged on, and the acute state of anguish has given way to a chronic condition of languish.“

Die erste grüne Kanzlerkandidatin: „Sie will.“

Was schön war, Freitag bis Sonntag, 16. bis 18. April 2021 – Kochen und lesen und ein kleiner Button

Am Freitag lag ein Brief in meinem Briefkasten. (Ach was.) Kann sein, dass der schon ein paar Tage dort lag, ich gehe, wenn es sich einrichten lässt, nur einmal die Woche raus und gucke dementsprechend selten im Kästchen nach. Also: Am Freitag öffnete ich einen Brief, der von einem Button-Hersteller kam und musste sehr lachen:

Ich schrieb vor ein paar Tagen über die Frage, ob wir uns, wenn wir alle geimpft sind, in Cliquen zusammen tun, die unseren Impfstoff verdeutlichen, Selbstzitat: „The AZ Team, Comirnaty Ultras, Depeche Moderna? Und irgendwann Sigue Sigue Sputnik?“

Ich postete den Button auf Twitter und Insta. Auf Insta meinte jemand, sowas sollte man den Impfstofflieferungen beilegen und dann könnte man sich als frischer Impfling sowas anstecken, wie in den USA die „I voted“-Sticker. Auf Twitter wurde der Beitrag recht oft geherzt, es kam aber auch eine kleine Gegenrede von Herrn nobilor: „Ist zwar nur ein Button, aber ehrlich gesagt triggert mich das gerade etwas. Ich und viele andere müssen noch (vielleicht etliche) Monate warten. Pandemie geht nur mit Solidarität und Geduld. Das öffentliche Herausstellen des Impfstatus finde ich da nicht so passend.“

Ich antwortete: „Entschuldige bitte. Ich hatte nicht vor, den Button zu tragen, bevor wir alle halbwegs geschützt sind, aber ich habe nicht daran gedacht, dass alleine das Herzeigen hier auch schon nerven könnte. (Ich vergesse gerne, dass ich hier nicht nur mit drei Leuten rede.)“

nobilor: „Nein, ist alles gut. Ich rege mich darüber nicht ernsthaft auf. Es geht mir eher so um den allgemeinen Umgang miteinander, solange wir eine teilgeimpfte Bevölkerung sind. Darüber mache ich mir schon Gedanken.“

Icke: „Ich mir auch. Die Hälfte meiner Umgebung ist alt und Risikogruppe und damit immerhin teilgeimpft, die andere, wie du, weiß überhaupt nicht, wann sie dran ist. Die sind auch mürbe und schwanken zwischen Mitfreuen und Mutlosigkeit.“

Gerade in den letzten Tagen kamen in meiner Timeline mehrere Tweets mit Freude über das Geimpftsein oder einen Termin, gleichzeitig aber in fast derselben Frequenz Nachrichten von Menschen, die langsam verzweifeln, die weinen, die ängstlich sind. Und ich weiß, dass es mir vor zwei Wochen ähnlich ging; diese Perspektivlosigkeit auszuhalten ist schwierig. Wenn ich gewusst hätte, so, Gröner, im Mai bist du dran, dann wäre das zwar immer noch wahnsinnig weit in der Zukunft (gefühlt), aber ich hätte eine Zielmarke, auf die ich zulaufen könnte. Dieses unbestimmte „irgendwann im dritten Quartal, möglicherweise“ ist fürchterlich. Falls ich noch jemand anders mit dem Button getriggert haben sollte, bitte ich um Entschuldigung.

Der freundliche Schenker hat sich übrigens per DM zu erkennen gegeben, da hätte ich auch von selbst draufkommen können, von wem der war. Dankeschön!

Den halben Freitag verbrachte ich damit, Gemüse in sehr feine Streifen zu schneiden oder es zumindest zu versuchen. Ein Gemüse, das eigentlich ein Obst ist, war eine grüne Papaya, die ich freudig im Asiashop entdeckt hatte. Ich liebe diesen Laden so sehr und hoffe, sehr bald etwas entspannter in ihm wühlen zu können. Ich fand eher nebenbei die Silver-Swan-Sojasauce, die laut meines philippinischen Kochbuchs die haushaltsübliche ist, und besitze nun fünf Sojasaucen: aus Japan, China, Thailand (da auch noch die Variante mit Pilzen), Indonesien und eben von den Philippinen.

Eigentlich wollte ich mal keinen Kuchen backen, aber da war noch Ricotta, der wegmusste, und so bastelte ich einen Kuchen aus Ricotta, Olivenöl und Zitrone. Ich mag Kochen und Backen derzeit noch mehr als sonst, weil es so herrlich ablenkt. Gerade beim Juliennieren (gibt es das Wort?) kann ich mich auf nichts anderes konzentrieren als mein Messer und meine Finger. Ich glaube, ich schneide heute noch ein paar Knollen in Stifte.

Gestern und vorgestern bekam ich Nachrichten nur so halb mit, Kanzlerkandidaten, eine Kandidatin, Augsburg-Spiel, Super League, whatever, ich habe keine geistige Kapazität mehr für irgendwas. Es nordet gerade auch schön ein, was wirklich wichtig ist bzw. was nach der Pandemie (TM) noch meine Aufmerksamkeit verdient hat.

Samstag und Sonntag waren Lesetage. Und kaum lässt man sein Buch alleine, um sich Kaffee nachzuschenken, pfaut es rum.

Ich las Helga Schuberts Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten durch. Mit dem Buch hatte ich anfangs etwas gefremdelt; zwischen Geschichten, die mir viel über die Nachkriegszeit und/oder die DDR erzählten, mischten sich Vignetten über den Wald und den Altweibersommer, die mir herzlich egal waren. Die letzte Story im Buch ist der Text, für den Schubert den Bachmannpreis gewann, und aus ihr ergaben sich quasi alle anderen im Buch. Böse gesagt: Wenn man den Text kennt, muss man das Buch nicht mehr lesen. Freundlicher ausgedrückt: Viele Details aus dem Text haben wirklich eine eigene Geschichte verdient und sie nun bekommen.

Seit gestern, genauer gesagt, seit dem Frühstück mit Filterkaffee aus der Sammeltasse, lese ich Ilko-Sascha Kowalczuks Die Übernahme: Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass die Wiedervereinigung schon 30 Jahre her ist, mir sind die Umbruchmonate immer noch so präsent vor Augen. Andererseits hatte ich viele der Diskussionen schon wieder vergessen, die die Einheit begleiteten, und sie werden sehr gut les- und nachvollziehbar im Buch erläutert. Einiges wusste ich auch nicht oder nicht mehr, zum Beispiel wie heruntergewirtschaftet die DDR gewesen war.

„Heute neigen Wirtschaftshistoriker dazu, die DDR als Schwellenland einzustufen. Die Arbeitsproduktivität erreichte gegen Ende der achtziger Jahre nur noch rund ein Drittel von derjenigen der Bundesrepublik. Die internationale Verschuldung wuchs und führte die DDR an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. […] Wichtige Säulen wie Kommunikationsnetze, Verkehrswege oder Agrarwirtschaft wurden sträflich vernachlässigt. 18 Prozent des Straßennetzes galten als unbefahrbar, die Autobahnen waren in einem maroden Zustand. Das Eisenbahnnetz war veraltet, die Elektrifizierung kam kaum voran, und 17 Prozent des Streckennetzes konnten nur mit geringen Geschwindigkeiten befahren werden. Ein Fünftel des Gesamtnetzes galt als nicht befahrbar. Nur 16 Prozent aller privaten DDR-Haushalte verfügten 1988 über einen Telefonanschluss. […] Die Mikroelektronik erwies sich in der Rückschau geradezu als die größte Pleite. Die DDR hinkte dem internationalen Entwicklungsstand acht bis zehn Jahre hinterher, ihre Produktionseffizienz betrug zehn Prozent von der westlicher Firmen. Auch die Landwirtschaft war ein Sorgenkind der SED. Die Menschen wurden zwar satt, aber die Kosten dafür waren extrem. […] Mangel war ein Kennzeichen der Gesellschaft, eine alltägliche Erfahrung der Menschen.“ (S. 27)

Das Buch beschreibt ebenso gnadenlos, dass auch in der alten Bundesrepublik nicht alles funktionierte und wie der Einigungsprozess eher einer Übernahme glich. Die allerdings von einer großen Mehrheit der DDR-Bürger und -Bürgerinnen gewünscht war.

„Der Wahlkampf [zur Wahl im März 1990] war allein geprägt von der Frage, wie die deutsche Einheit gestaltet werden könnte [im Gegensatz zu Überlegungen, die DDR zu reformieren]. Die ‚Allianz für Deutschland‘ (CDU, Deutsche Soziale Union/DSU, Demokratischer Aufbruch/DA) stand für den schnellsten Weg zur Einheit. Ihre Formel lautete: ‚Sofortige Einführung der DM.‘ Mehr konnte niemand bieten. Damit waren Wahlversprechen verbunden wie die Umstellung der Löhne, Renten und vor allem Sparkonten im Verhältnis 1 DDR-Mark:1 DM, die unhaltbar waren. Heute nennt man sowas Populismus. […] Die ‚Allianz‘ erhielt 48% der Stimmen (CDU 40,8%, DUS 6,3%, DA 0,9%). Der prognostizierte Wahlsieger SPD lag bei knapp 22%. Die SED/PDS folgte mit 16,4%, fast 1,9 Millionen Erwachsene hatten sich für die Kommunisten und Postkommunisten entschieden. […] Die britische Premierministerin Margaret Thatcher gratulierte Kanzler Kohl zum Wahlsieg, was den Nagel auf den Kopf traf. Wolf Biermann schrieb 1991 nicht weniger treffend: ‚Ein Bundeskanzler der Westdeutschen, wie ihn die Ostdeutschen verdient haben.‘“ (S. 46/47)

Spannender noch als die Nacherzählung der damaligen Ereignisse ist das, was danach kam: die lange Übergangsphase zu den sprichwörtlichen „blühenden Landschaften“, die teilweise bis heute andauert. Das Buch beschäftigt sich nicht nur mit den wirtschaftlichen Ergebnissen bzw. den Folgen für kleine und große Betriebe sowie jede/n einzelne/n, wobei das der Teil ist, den ich teilweise fasziniert und gleichzeitig etwas verzweifelt las. „[…]Ostdeutschland [hat sich] in fast dreißig Jahren deutscher Einheit […] der westdeutschen Wirtschaftsleistung nur um ganze 22 Prozent angenähert.“ (S. 117) Was auch damit zu tun hat, dass kaum große Firmen sich dort ansiedelten und halbe Jahrgänge vor allem gut ausgebildeter Menschen, darunter mehrheitlich Frauen, in den Westen gingen. „2006 hattten unter den 500 größten deutschen Unternehmen nur sieben ihren Firmensitz im Osten.“ (S. 119) Beim Abschnitt „Demokratie ohne Demokraten“ bin ich noch nicht, genau wie bei den Teilen , die sich mit der „Entwertung ostdeutscher Kultur“ sowie der Vergangenheitsaufarbeitung befassen. Aber bisher ist das Werk eine klare Leseempfehlung.

Auf das Buch wurde ich übrigens durch eine alte Wrint-Folge (November 2019) aufmerksam, die auch sehr hörenswert ist.

Bistek Tagalog mit Atsara

Oder anders: Filipino Steak mit Zwiebeln und eingelegtem Gemüse. Die beiden Rezepte stammen aus dem Kochbuch I Am a Filipino And This Is How We Cook. Sie sind vermutlich mit die einfachsten im Buch und vor allem die mit den wenigsten Zutaten, für die man den Asiashop durchwühlen muss. Im ersten Bild steht eine Flasche Bananenketchup, das brauche ich für ein weiteres Rezept, aber immerhin das habe ich beim Wühlen gefunden. Kalamansisaft für das Steak leider nicht, aber Zitrone tut’s auch.

In der philippinischen Küche, soweit ich das bisher beurteilen kann, sind die sogenannten Adobos ein Grundbestandteil. Für sie wird Fleisch mit Essig und Gewürzen zubereitet und die Variationen sind endlos. Je nachdem auf welcher der 7000 Inseln man sich befindet, kommen noch Sojasauce und/oder Öl dazu, es gibt Varianten mit Kokosnussmilch, Zimt oder Nelken. „Adobos can also be dry or wet, or they can be salty or sweetish, and they can be made with pork, chicken, lamb, fish, shrimp, or even vegetables. In other words, adobo is as varied as the people of the Philippines.“ (S. 47) Über das „or even vegetables“ musste ich sehr grinsen: Das Kochbuch ist irre fleischhaltig.

Streng genommen ist Bistek Tagalok kein Adobo, weil es nicht mit Essig, sondern mit einer anderen Säure gekocht wird, hier Zitronensaft, aber: „It’s the technique that makes this a classic home-style Filipino dish.“ Und Tagalog ist eine der Hauptsprachen der Philippinen, aber das wusstet ihr ja.

Sorry für das komplett uninszenierte Fotos, ich wollte essen, nicht dokumentieren. Das Rezept ist für zwei Personen, wobei das Buch 4 Cups (800 g) Reis haben möchte, was ich sehr ignoriert habe. Das scheint aber landestypisch zu sein, wie F. gestern meinte, der philippinische Gene in sich trägt: „Immer viel zu viel Reis machen, man weiß ja nie.“

450 g Rib-Eye-Steak, gerne marmoriert, halbieren oder vom Fleischer schneiden lassen. Die beiden Stücke auf ungefähr einen halben Zentimeter plattieren. Dafür geht ein nicht mehr benutzter Tamper übrigens prima, wie ich gestern feststellte. Dann das Fleisch in mehrere handtellergroße Stücke reißen oder schneiden.

Das Fleisch mit 2 Knoblauchzehen einreiben.

2 ungefähr anderthalb Zentimeter dicke Scheiben aus einer großen Zwiebel schneiden und die einzelnen Lagen voneinander trennen. Oder mehrere kleine Zwiebeln in dicke Ringe schneiden. Hauptsache Zwiebeln.

Eine Marinade herstellen aus
60 ml Kalamansisaft (ersatzweise Zitrone),
60 ml Sojasauce (das Buch nennt die von Silver Swan eine der haushaltsüblichen),
60 ml Wasser,
1 TL Muscovado-Zucker (ersatzweise Rohrzucker) und
3 angedrückten Knoblauchzehen.

Fleisch und Zwiebeln für 30 Minuten bei Raumtemperatur in der Marinade baden lassen. Man kann auch alles für bis zu drei Stunden in den Kühlschrank stellen, nicht länger, sonst verändert sich die Struktur des Fleischs zu sehr. F. so: „Meine Tante macht die Marinade mit Sojasauce und Sprite.“ Ich habe eine Aufgabe für heute! Das scheint auch eine übliche Street-Food-Zubereitung zu sein.

Nach der Ruhezeit die Zwiebeln bei mittlerer Hitze in
Pflanzenöl, bei mir Sonnenblume, für ungefähr 2 Minuten anbraten. Sie sollten nicht bräunen, nur ihre Süße etwas an das Öl abgeben.

Zwiebeln aus der Pfanne nehmen, die Hitze stark erhöhen. Wenn das Öl raucht, die Fleischstücke in die Pfanne geben. Diese vorher etwas abtupfen, damit sie möglichst wenig Flüssigkeit mitbringen, denn wir wissen ja: Was feucht ist, wird nicht knusprig. Das Fleisch von jeder Seite ungefähr 3 bis 4 Minuten braten, das darf ruhig dunkel werden. Wir wollen das Fleisch durchgebraten, nicht medium.

Wenn das Fleisch durch ist, aus der Pfanne nehmen und auf einer Platte warmhalten. Nun noch einmal kurz die Zwiebeln in die Pfanne, jetzt dürfen sie etwas Farbe nehmen. Zwiebeln raus und aufs Fleisch legen. Nun die Marinade in die Pfanne geben, mit
1 EL kalter Butter und
1 TL Muscovadozucker aufmontieren. Mit einem Spatel den Pfannenboden freikratzen, die Sauce ganz kurz etwas einkochen lassen und dann über die Fleisch-Zwiebel-Platte geben.

Sofort mit
einem Berg Reis und
mindestens einer Zitrone, in Stücke geschnitten, servieren. Dringend Zitronensaft auf das Fleisch träufeln, bevor man es genießt. Das ist ziemlich super.

Atsara oder Atchara sind eingelegte Gemüsestreifen. Aus den unten angegebenen Mengen kommt der Inhalt von ungefähr 1-l-Glas raus. Ich habe das auf zwei Gläser aufgeteilt.

Zuerst müssen wir viel Gemüse in feine Streifen schneiden. Ich arbeite noch am „fein“.

1 grüne Papaya (2 cups, 340 g),
1 cup (170 g) Daikon (oder einen milden Rettich),
1 rote Paprika,
1 grüne Paprika (bei mir gelb),
2 große Mohrrüben.

Alles auf einem Backblech ausbreiten, mit
2 TL Salz bestreuen und für eine Stunde rumstehen lassen.

In der Zeit machen wir die Lake, in der wir das Gemüse pökeln. Dazu
480 ml weißen Branntweinessig (5%) mit
300 g Zucker aufkochen, bis sich der Zucker gelöst hat. Achtung, nicht das übliche Frucht- oder Weinessig nehmen, das einen Hauch höher konzentriert ist und vor allem Geschmack mitbringt. Im Buch heißt es „distilled white vinegar“, gibt’s in Literflaschen im Asiashop, es ist farb- und geschmacklos, nur sauer.

Die Hitze reduzieren,
1 EL frisch geriebenen Ingwer,
1 TL Salz,
1 Knoblauchzehe, fein gehackt,
1 kleine Bird’s-Eye-Chili, fein gehackt,
dazugeben und alles fünf Minuten simmern lassen, dann vom Herd nehmen. Wer es nicht ganz so scharf mag, wobei die Schärfe wirklich kaum spürbar ist, lässt die Chili weg. Oder: Wer es richtig scharf mag, erhöht die Chilimenge nach Belieben.

Die Gemüsesticks nun in einem Handtuch oder einer Menge Küchenpapier auspressen, um möglichst viel Flüssigkeit loszuwerden. In ausgekochte Gläser füllen. Wer mag, gibt noch insgesamt 35 g (1/4 cup) Rosinen dazu, das habe ich weggelassen.

Die Köstlichkeit kann sofort verspeist werden, richtig gut wird es aber erst nach 24 Stunden im Kühlschrank. Dort aufbewahrt hält es sich laut Buch für mehrere Wochen. Nutzt es als Beilage, als Sandwich- oder Burgerzutat oder einfach so.

Donnerstag, 15. April 2021 – Zeithorizont

Ich wühle mich erneut durch den Diss-Text, lieber noch ein letztes Mal drübergucken, bevor das Manuskript an den Verlag geht. Wobei ich da eh auf Ansage warte, in welchem Format und in welcher Auflösung der Verlag denn gerne meine 130 Abbildungen hätte – die meisten davon existieren bisher nur als Handyfotos von Dingen im Nachlass, Scans aus Bibliotheken oder launigen Blitzfotos der Autobahndirektion Südbayern. Einiges muss ich als anständiges, druckfähiges Material von Museen anfordern, was sicher Zeit und höchstwahrscheinlich Geld kosten wird, aber auch da kann ich noch nichts anfragen, ehe ich nicht weiß, was ich überhaupt brauche. Ich ahne auch, dass bei einigen Abbildungen Kosten und Aufwand den Nutzen übersteigen werden, weswegen ich die rausschmeißen werden muss, was bedeutet, dass ich den Text ändern werden muss uswusf.

Generelle Stimmung: sehr müde, sehr angestrengt. Mir ist vor einigen Tagen aufgefallen, warum ich das letzte Jahr halbwegs okay überstanden habe: weil ich immer Deadlines vor Augen hatte, die ich nicht reißen konnte. Abgabe der Diss, Verteidigung, überarbeitetes Dokument erneut an Doktorvater – bis Februar war ich schlicht gut beschäftigt. Seitdem sitze ich in fieser Wartestellung, auch was die weitere Lebensplanung angeht, und kann mich nun total darauf konzentrieren, was in der Pandemiebeschäftigung alles schief läuft. Meine Angst vor der Krankheit ist nicht kleiner geworden seit der Erstimpfung, womit ich eigentlich gerechnet hatte. Es ist eher das Gegenteil: Ich habe die erste Hürde genommen, und jetzt bleibe ich am besten regungslos hier sitzen und gehe überhaupt nicht mehr vor die Tür, bis auch die zweite hinter mir liegt. Vermutlich werde ich Baldrian für die erneute U-Bahn- und Busfahrt zum Impfzentrum brauchen, weil ich mir Menschen bis dahin endgültig abgewöhnt habe. Keine guten Aussichten.

Ich trage seit Monaten FFP2-Masken, wenn ich draußen rumlaufe, vermutlich bescheuert, aber ich fühle mich nackt und unsicher, wenn es eine andere Maske oder womöglich gar keine ist. Aufs Fahrrad traue ich mich ohne, weil ich da Abstand zu allen halten kann.

Worauf F. mich allerdings vor ein paar Tagen aufmerksam machte: Ich habe seit der Erstimpfung einen Zeithorizont. Wo sich für die viel zu vielen Ungeimpften (auch F.) das Jahr ewig und unüberschaubar in die Ferne streckt, kann ich sagen: Ab Anfang Juni, wenn mein Impfschutz komplett ist, kann ich wieder in die Bibliothek. Ich kann ins Museum (falls es geöffnet ist). Ich kann in Archive. Ich kann beruhigter Zug fahren. Ich kann in die ganzen Feinkostgeschäfte gehen, die ich mir gerade verkneife, weil ich nicht weiß, wie lange ich dort verweilen muss, während ich beim Edeka nebenan blind einkaufen kann und damit innerhalb von fünf Minuten wieder draußen bin. Ich kann dann auch ohne FFP2 spazierengehen und vielleicht wieder nur die Stoffmaske tragen. Auf Masken werde ich nicht verzichten, denn man sieht es mir ja nicht an, dass ich dann geimpft sein werde, und vielleicht begegnen mir Menschen, die ähnlich panisch sind wie ich, die kann ich dann dadurch beruhigen, dass ich eine Maske trage. Außerdem, ganz ehrlich und unter uns, inzwischen finde ich es angenehm, dass man mich nicht so sehr wahrnimmt und niemand einem ein „Lächel doch mal“ vor die Füße kotzen kann, weil man – Mann – es halt nicht sieht.

Gerade noch im Bett gelesen, bevor ich an den Schreibtisch kroch: A Kidnapping Gone Very Wrong. Die Story kannte ich noch nicht, und sie verbindet US-amerikanische Außenpolitik mit Einzelschicksalen. Fürchterlich, aber leider unwiderstehlich geschrieben. Ich möchte gar keinen Absatz herausreißen, so schön dicht ist das Ding formuliert.

Tagebuch Mittwoch, 14. April 2021 – Zoom, Buch, Telefon

Gestern war der 3. Internationale Tag der Provenienzforschung. Ich ignorierte den Rest der Welt und sah vormittags den Zoom-Präsentationen des Münchner Staatsarchivs sowie des Bayerischen Hauptstaatsarchivs zu. Die zwei weiteren Archive schenkte ich mir, weil ich beim Lieblingsbäcker vorbestellt und um 11 dann doch allmählich Hunger hatte. Eigentlich wollte ich auch aus der Buchhandlung meine zwei vorbestellten Bücher abholen, aber die war irritierenderweise noch geschlossen. Ich wartete ein paar Minuten und radelte dann ohne Bücher, aber immerhin mit Brötchen und Brot nach Hause.

Landbrot mit viel Kirschmarmelade, eine Runde Earl-Grey-Tee, dann war ich bereit für die nächste Sitzung. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen informierten über ihre Recherchen zum Fall Cornelius Gurlitt und über zwei Werke, die über dessen Vater Hildebrand Gurlitt in die Sammlung gekommen. Ich mochte die Art der Präsentation, weil ich gerne Quellen angucke, die hier gekonnt und spannend vorgestellt wurden.

Im Anschluss gab es eine Art „Frag die Expert:innen“, bei denen Chat-User:innen einige Kunsthistoriker:innen bzw. Kurator:innen fragen konnten, so wie gleich die erste Nutzerin: Sie wüsste von zwei Werken, die mal ihrer Großtante gehört hätten – wo fange ich überhaupt an? Für mich waren die Antworten aus dem Museum Fünf Kontinente am spannendsten, weil ich mich mit Provenienzen aus ehemaligen Kolonialgebieten eher selten beschäftige. Dort kam zum Beispiel die Frage auf, ob man eigene Bestandsbücher online stellen sollte, die teilweise rassistische Bezeichungen reproduzierten. Oder ob man Abbildungen von Objekten im Internet veröffentlichen und damit für alle sichtbar machen sollte, während die Objekte ursprünglich möglicherweise nur einem kleinen Kreis in bestimmten Kontexten zur Verfügung standen. Über solche Fragen denke ich in meiner Arbeit eher selten nach.

Zwischendurch pingte mein Handy und zeigte mir das schon verbloggte Buch in der Packstation an; nun war auch die Buchhandlung geöffnet, und ich kam glücklich mit drei Büchern wieder nach Hause.

In der vorletzten Sitzung des Tages sprach Sabine Brantl vom historischen Archiv im Haus der Kunst über die Großen Deutschen Kunstausstellungen und vor allem die Künstlerkartei, die ab 1938 geführt wurde (die erste GDK war schon 1937). In der Kartei wurde über jede:n Künstler:in, der oder die sich die Einreichungsunterlagen zur GDK für eine Reichsmark schicken ließ, eine Karte angelegt. Wurden wirklich Werke eingereicht, wurden die dort per Nummer vermerkt. Die Nummern korrespondieren mit den sogenannten Einreichungsbüchern, die im Hauptstaatsarchiv liegen, aber leider längst nicht vollständig sind. In diesen Büchern wurden Künstlernamen und Werktitel notiert und eben eine laufende Nummer vergeben. Außerdem wurde meist vermerkt, welche der Werke abgelehnt, angenommen oder für eine spätere Hängung vorgemerkt wurde. Die GDK wurden mit den Jahren immer länger, die GDK 1943 dauerte bis Februar 1944, teilweise wurde die Hälfte der Werke währenddessen ausgetauscht.

Auf den Karten wurden diese Nummern nochmal annotiert, wodurch ablesbar ist, welche Werke von den eingereichten angenommen, zurückgestellt oder verkauft wurden. Was ich noch nicht wusste: Auf wenigen Karten findet sich ein „E“ für „entartet“. Leider konnte keines dieser Werke als Abbildung präsentiert werden, weil zu ihnen die ausführlichen Einreichungsbücher fehlen, in denen ein Titel ersichtlich ist, nach dem man nun auf die Suche hätte gehen können. Von Protzen wurde 1940 ein Gemälde ausgesondert, das Hitler bei seinem Rundgang vor der Eröffnung als „modern“ bezeichnete; ich kann trotz Karte, Werkverzeichnis und Fotos in Alben im Nachlass nicht sagen, um welches Werk es sich gehandelt hat. (Raten könnte ich, aber das habe ich unterlassen.)

Protzens Karteikarte hatte ich von Frau Brantl im ersten Lockdown per Scan zugeschickt bekommen, weil ich natürlich nicht ins Haus durfte. Am Ende des Vortrags stellte sie noch drei Karten von Künstlerinnen vor, die erste war Henny Protzen-Kundmüller: „Von ihr ist Ihnen vielleicht eher der Ehemann bekannt, Carl Theodor Protzen, der mit Bildern zur Autobahn bekannt wurde, nach 1945 die Münchner Künstlergenossenschaft gründete und dann eher gegenstandslos malte.“ (Nein, nicht vollständig gegenstandslos.) „Soweit ich weiß, entsteht zu ihm auch gerade eine Arbeit.“ Da nutzte ich dann doch erstmals die Chatfunktion bei Zoom und ergänzte, dass meine Arbeit in diesem Jahr erscheinen wird und bedankte mich auch gleich für die Scans aus dem März 2020.

In der letzten Veranstaltung, die vom Bayerischen Nationalmuseum angeboten wurde, ging es um die sogenannte Silberabgabe 1938 bzw. die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens. Das Museum besitzt noch 112 Objekte aus dieser Aktion und war in den letzten Jahren sehr erfolgreich, was Restitutionen anging. Den Vortrag konnte ich leider nicht ganz verfolgen, weil das Mütterchen anrief.

Eigentlich hätte ich am Sonntag in den Norden fahren sollen. Deswegen hatte ich seit Tagen Bauchschmerzen, weil die Inzidenzzahlen gerade so irre ansteigen und wir quasi wieder da sind, wo wir um Weihnachten waren. Erinnert ihr euch, der Wellenbrecher-Lockdown? Bald sollten wir T-Shirts drucken, um uns an ihn zu erinnern. Hmpf.

Ich wollte nicht von mir aus absagen bzw. meine Mutter fragen, ob ich wirklich kommen muss und wie es ihr so geht, denn dann hätte sie sofort ihren Kriegskind-„Wir stellen uns da mal gar nicht an“-Modus aktiviert. Also sagte ich nichts, buchte meinen Zug und übte, zwei FFP2-Masken übereinander zu tragen. Gestern rief sie aber von sich aus an und meinte, die Zahlen würden ihr Sorgen machen; ihr ginge es gut und Papa auch. Der hat netterweise seit einigen Wochen für zwei Tage pro Woche einen Platz in der Tagespflege. Er wird morgens noch zuhause versorgt und dann abgeholt und verbringt den Tag bis in den Nachmittag in einer Gruppe. Neulich erzählte er, es sei ein Orchester dagewesen; meine Mutter fragte in der Gruppe nach: Da waren vier Bläser vorbeigekommen, die Volkslieder gespielt hatten. Ihm gefällt es anscheinend sehr gut, und meine Mutter kann immerhin ein bisschen Zeit für sich haben.

Ich fragte trotzdem lieber nochmal bei meiner Schwester nach, ob es Mama wirklich gut ginge, das wurde bejaht, bleib zuhause, komm, wenn du vollständig geimpft bist, mach ich.

Sehr erleichtert. Auch wenn ich es schade finde, dass ich jetzt nicht dabei sein kann, wenn Papa nächste Woche geimpft wird: Der Hausarzt hat endlich Stoff bekommen und kommt vorbei.

Den Abend verbrachte ich dann mit Florian Zinneckers Buch über Igor Levit: Hauskonzert; ein bisschen twitterte ich während des Lesens.

Ich ahne, dass das Buch, das Ende 2019 geplant wurde, anders hätte werden sollen, vermutlich eine Konzertreise um den halben Globus, durchsetzt mit den Diskussionen um Levits politisches Engagement und seine Online-Präsenz. Stattdessen ist es nun eher ein Dokument des Stillstands mit plötzlichen hektischen Ausbrüchen, so wie vermutlich einige von uns das letzte Jahr verbracht haben. Levits Biografie und musikalische Ausbildung wird halbwegs chronologisch erzählt, ist aber immer durchsetzt vom heutigen Levit, was ich sehr spannend fand. Zinnecker schreibt fast panisch darüber, dass Levit sich an seine Vergangenheit angeblich nicht erinnert und befragt daher die Mutter, was eine schöne Außensicht ist. Denn im Prinzip spricht Levit das halbe Buch, manchmal von Zinnecker paraphrasiert, aber sehr oft in eigenen Worten.

Trotzdem schafft das Buch eine gewisse Distanz, es ist kein langer Insta-Post, vielleicht weil eben der Autor ab und zu aus der Beobachterrolle tritt und ganz kurz Teil der Handlung (oder des erzählten Schreibprozesses) wird. Es waren mir allerdings deutlich zu viele Absätze im Text, man muss nicht aus jeder Zeile eine Pointe machen.

Echt nicht.

Aber natürlich erzeugt das einen gewissen Sog: Was kommt jetzt?

Und das klappt dann doch wieder ganz gut. Aus den vielen Absätzen und Splittern und Erinnerungen formt sich ein Bild von Levit und vor allem seiner Kunst, das offensichtlich eine Momentaufnahme sein möchte. Wenn Levit damit kokettiert, dass er sich an sein früheres Ich nicht erinnert, kann dieses Buch auch nichts anderes sein als die Abbildung eines Jetzt-Zustands. Es erzählt eher beiläufig von der Pandemie, viel mehr von den Anfeindungen, die Levit durch rechte Kreise erfährt, und vor allem vom Leben eines Pianisten, das sich, das lese ich jedenfalls raus, von dem anderer Pianisten unterscheidet. Es ist keine Biografie und kein endgültiges Urteil, und es hat mir genauso gut gefallen wie die Podcasts und natürlich vor allem die Hauskonzerte, in denen Levit so viel geteilt hat.

Leseempfehlung. Und vermutlich auch Hörempfehlung, denn jetzt muss ich viele erwähnte Stücke ergoogeln.

Ein verschwindendes Dankeschön …

… an ein:e unbekannte:n Leser:in, der oder die mich mit Brit Bennetts The Vanishing Half überraschte (auf deutsch Die verschwindende Hälfte). Ich weiß schon gar nicht mehr, ob ich in der Times oder der Post über das Buch gestolpert bin, aber die Grundidee gefiel mir: Zwei Schwarze Zwillingsschwestern trennen sich im Alter von 16 und treffen sich erst als Erwachsene wieder; die eine blieb im Süden der USA und wuchs als Schwarze auf, die andere galt in ihrer Welt als weiß. (Mal wieder über den Irrsinn der „one-drop rule“ nachgedacht.) Mehr kann ich noch nicht zum Buch sagen, außer: Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Links vom Mittwoch, 14. April 2021 – Tag der Provenienzforschung

Heute ist Tag der Provenienzforschung. Auf Twitter kann man sich die Angebote vieler Museen rauspicken, die kann ich hier kaum alle verlinken. Der Account des Arbeitskreises Provenienzforschung unter @AKprovenienz ist ein guter Start. Auf dem Blog des AK finden sich viele Veranstaltungen, natürlich in der Masse online, sehr praktisch für mich.

Mich interessieren für den Bereich des NS vor allem München und Bayern, daher ist die Website des Forschungsverbunds Provenienzforschung Bayern mein Ausgangspunkt. Hier findet sich als PDF das Programm für heute. Ich schaue mir um 10 die Vorstellung des Staatsarchivs München sowie des Bayerischen Hauptstaatsarchives an, in denen ich natürlich bereits diverse Stunden verbracht habe, aber mit sehr engem Fokus.

Um 13 Uhr stellen die Pinakotheken ihre Recherchen zum Fall Gurlitt vor, das dürfte der Vorgang sein, der den Begriff „Provenienz“ überhaupt erst in der Allgemeinheit bekannt gemacht hat.

Um 17 Uhr interessiert mich dann brennend die Künstlerkartei des Hauses der Deutschen Kunst – die konnte ich während des ersten Lockdowns nicht persönlich einsehen, wurde aber vorbildlich mit Scans und Infos per Mail versorgt (das steht auch ähnlich so in meiner Danksagung).

Auch andere Münchner Museen und Institutionen sind dabei, natürlich auch der Herr Doktorvater; klickt einfach mal das PDF durch, sind alles Zoom- bzw. Online-Angebote, teilweise auf YouTube oder Vimeo, die für eine bestimmte Zeit online stehen.

Montag, 12. April 2021 – Lesetag

Die Leseprobe auf der Seite des Hanser-Verlags hat mich fies angefixt. Mit dem Buch habe ich natürlich geliebäugelt, seit es in Vorschauen zu sehen gewesen war – ich lese den Autoren gern, mich interessiert die Hauptfigur –, aber so richtig dringend schien es mir nicht. Dann las ich die Leseprobe, und dann schickte ich eine Bestellmail an meine Buchhandlung. Fieses Ding.

Mir wurde gestern am späten Abend ein Link der Wolfseule in die Timeline gespült, den ich verzweifelt-fasziniert las: Warum Ludwig XIV so stank. Vielleicht lasst ihr den Text bis abends liegen und versaut euch nicht den Tag damit. Seine Ausdünstungen hatten jedenfalls nichts damit zu tun, dass er keine Lust dazu hatte, sich zu waschen.

Im Text wird Liselotte von der Pfalz erwähnt, die schlug ich gleich mal nach, um etwas mehr von ihr zu erfahren als das, was ich aus dem alten Film kenne.

Katia Kelm bloggt darüber, wie es sich als bildende Künstlerin im Lockdown anfühlt.

Emma Marris schreibt über Hochglanz-Naturdokus und vermisst Menschen und Städte. Oder wenigstens Jeeps auf Straßen, die das Team zum zu filmenden Tümpel bringen: The Nature You See in Documentaries Is Beautiful and False.

Gestern spülte ein Link ein paar Leser:innen zu meinen uralten Erinnerungen (2005) an das Hannoversche Filmfestspielhaus. Sie kamen von der Seite „Alle Kinos“, die mich durch Optik und Inhalt etwas wehmütig werden ließ. Hier heißt das Filmfestspielhaus noch City.

Ich las mir meinen eigenen Eintrag nochmal durch, der dem oben verlinkten vorangegangen war, und stolperte über das Wort „Filmvorführer“ ohne weibliche Endung. Ich schrieb über mich selbst und nannte mich Filmvorführer. Immer wieder schön zu sehen, dass man sich weiterentwickelt, alte Positionen überprüfen und notfalls ändern kann.

Freitag bis Sonntag, 9. bis 11. April 2021 – Kopf aus, Füße hoch

Ich habe mir drei Ruhetage gegönnt, keinen Sport gemacht, nichts Schlaues gelesen, ab und zu auf Twitter nachgeguckt, wie’s der Welt geht – aha, wie vor zehn Minuten auch, okay –, mich geärgert, so oft auf Twitter zu sein anstatt was Schlaues zu lesen. Momentan sorgen meine übergroße Enttäuschung und mein Ärger über eine nicht im Sinne der Wissenschaft und damit unser aller Gesundheit handelnde Politik und die achttausend Hot Takes zu diesem Thema in den sozialen Medien dafür, dass ich dauergenervt bin. Einem von beiden kann ich blöderweise nicht ausweichen, vor allem, wenn ich demnächst gerne mal wieder einen Zug in den Norden nehmen würde, möglichst angstfrei.

Weiterhin brav in der SafeVac-App eingetragen, dass es mir sehr gut geht. Die Frage lautet immer: „Haben Sie Beschwerden“, und bis auf den Zeitpunkt sechs Stunden nach der Impfung, wo die Einstichstelle etwas schmerzte, konnte ich immer „Nein“ anklicken. Die App fragt dann rottenmeiermäßig: „Sind Sie sicher?“ und ich will sie immer anschreien, ja, du Nervensäge, MIT GEHT’S GRAD SUPER VERDAMMTE AXT.

Ich hatte vor der Impfung schon Zeug ergoogelt, um mich über die Wirksamkeit von Comirnaty nach der ersten Dosis zu informieren, eben damit ich etwas beruhigter in Züge steigen kann, bevor ich die zweite Dosis bekomme. Das erledigte ich jetzt nochmal, weil ich bis zur Impfung Angst hatte, dass mir im Impfzentrum doch noch jemand sagt, nee, du bist doch noch nicht dran. Daher hatte ich meinen Termin auch vorher nicht vertwittert oder wild rumerzählt (nur meinen Peeps). Ich reiche mal weiter, was ich gefunden habe:

– Dezember 2020, NYT: „Pfizer’s Vaccine Offers Strong Protection After First Dose“. Dort steht, dass man ungefähr zehn Tage nach der ersten Spritze einen gewissen Schutz habe, egal wie alt man ist und wieviel man wiegt. Der Schutz wird hier mit 52% angegeben.

– 18.3.2021, NYT: Answers to All Your Questions About Getting Vaccinated for Covid-19. Sehr auf die USA bezogen, aber auch hier wieder ein paar Zahlen für mich, die ich auch anderswo fand: Voller Schutz (ca. 95%) zwei Wochen nach der zweiten Dosis, davor die eben schon erwähnten 52%. Hier steht auch was zu den anderen Impfstoffen.

– 23.2.2021: COVID-19: Analysing first vaccine effectiveness in the UK. Hier geht es auch um die Gefahr von Erkrankung bzw. Krankenhausaufenthalt: „When combining the lower risk of hospitalisation and deaths with our estimate for vaccine effectiveness against symptomatic disease, this suggest that a single dose of Pfizer-BioNTech vaccine is over 75% effective at preventing hospitalisation and death from COVID-19. […] These data show clear protection from the first dose, particularly against severe disease, supporting the decision to maximise the number of people vaccinated with a single dose.“ Am Anfang wurde Comirnaty im Abstand von drei Wochen gespritzt, inzwischen scheint das auf die längstmögliche Tageszahl von 42, also sechs Wochen, ausgedeht worden zu sein, um mehr Menschen erstzuimpfen und damit mehr Menschen wenigstens etwas zu schützen anstatt gar nicht. Klingt logisch für mich. Steht auch so auf der RKI-Website, Stand 1.4.2021.

1.4.2021, Pressemitteilung Biontech, in der erneut die Wirksamkeit bescheinigt wird. Hier steht allerdings nichts zur Effektivität nach nur einer Dosis.

Ich stolpere seit Wochen über den Impfstoffnamen Comirnaty. CORminaty wäre eindeutig einfacher auszusprechen, aber: ComiRNAty weist halbwegs elegant auf die Bausteine des Impfstoffs hin. Die Texterin freut sich, die Konsumentin stolpert weiterhin.

Seit auf Twitter netterweise immer mehr Menschen von ihren Impfungen berichten und auch gerne, welchen Impfstoff sie bekommen haben, frage ich mich, ob hier der gute, alte Geha-Pelikan-Krieg der Schulzeit wieder aufleben könnte. Tragen wir irgendwann Buttons oder kleben Sticker auf unsere Laptops, um uns einer Gruppe zugehörig zu fühlen? The AZ Team, Comirnaty Ultras, Depeche Moderna? Und irgendwann Sigue Sigue Sputnik?

Die Modernas sind natürlich die Lamys. Wie hießen Schulfüller in der DDR? (Edit: Die hießen Heiko.)

Ansonsten: angespargelt, Espresso-Hollandaise gemacht, aber ernsthaft 20 Sekunden vor dem Servieren noch verkackt wegen Stocken über zu warmem Wasserbad, sehr geärgert. Nicht so richtig Lust auf den Champagner der Date Night gehabt; auf Insta wies mich jemand darauf hin, dass man vielleicht nach der Impfung keinen Alkohol trinken sollte. Davon hat mir im Impfzentrum niemand was gesagt, und ich googele das jetzt auch nicht. Macht ihr das mal.

Erneut Himbeer-Marmorkuchen gebacken und innerhalb von drei Tagen verspeist. Ich hoffe, dieser Backwahn hört allmählich auf, denn am Freitag bekam ich das Verlagsangebot zur Veröffentlichung meiner Diss und kann mich jetzt um Bildrechte, Druckkostenzuschussstipendien und weiteren Firlefanz kümmern. Endlich wieder was zu tun.

Donnerstag, 8. April 2021 – Im Impfzentrum gewesen. Nicht geweint!

Ehrlich gesagt hatte ich damit gerechnet, dass ich weinen würde, denn sobald die E-Mail des Impfzentrums am vergangenen Donnerstag auf meinem Handy aufpoppte mit dem Hinweis, dass ich jetzt online einen Termin buchen könne, heulte ich schon los. Aber dann: Tränchen getrocknet, an den Rechner gesprintet, auf der Seite für die bayerischen Impfungen eingeloggt, alles bestätigt, was die Website bestätigt haben wollte, egal, komm, gib Termin, dann die riesige Schaltfläche „Nächstmöglicher Termin“ angeklickt, kurz gewartet, außer mir waren vermutlich noch tausende andere Menschen der Prio 2 an den Rechner gesprintet, aber da! Ein Termin! Mittwoch, 7. April. HABEN WOLLEN! KLICK! MEINS! Ich bekam eine Mail und eine SMS mit den zwei Terminen für Erst- und Zweitimpfung, und schon heulte ich wieder, weil sich dieser Termin wie das Licht am Ende des langen Tunnels anfühlte.

Aus Gründen, über die ich hier verschämt schweigen möchte, lehnte ich diesen Termin dann allen Ernstes am Ostersonntag ab, besann mich aber kurze Zeit später wieder und klickte erneut auf der Website herum. Dieses Mal dauerte es 90 Minuten und ungefähr 800 Refreshs der Seite, um einen neuen Termin zu bekommen, und der war dann gestern. Ich hätte diese Aktion vermutlich verschwiegen, denn sie ist mir und meinem hysterischen Hühnerhirn sehr peinlich, aber vielleicht hilft es dem einen oder der anderen da draußen zu wissen, dass man bei einem abgelehnten Termin nicht wieder nach ganz hinten in die Schlange rutscht. Man muss halt nur sehr … sehr … sehr oft die Seite neu laden.

Gestern machte ich mich um kurz nach 13 Uhr auf den Weg, um mit der U-Bahn zum Messegelände München zu fahren, wo mein für mich zuständiges Impfzentrum eingerichtet wurde. F.s Vater wurde netterweise am Dienstag geimpft, sein Mütterchen ist heute dran, und Vaddern berichtete Dienstag schon per Mail vom leider etwas vollen Shuttlebus, der einen von der U-Bahn-Station zur betreffenden Messehalle bringt. Seitdem schob ich Panik vor diesem Bus und vor der Halle sowieso.

Ich hatte in den vergangenen Tagen mal nachgezählt, mit wievielen Menschen ich in den letzten dreizehn Monaten Kontakt hatte, der über eine zufällige gemeinsame Busfahrt oder einen Supermarktbesuch hinausging, der also mindestens eine halbe Stunde dauerte; Bibliotheksbenutzer:innen nicht mitgerechnet. Es sind zwölf, inklusive Doktorvater. Und das Tantris im November, das ich im Nachhinein immer weniger nachvollziehen kann. Großes Glück gehabt. Je länger die Pandemie dauerte, je öfter ich vom vorhandenen Impfstoff las und hörte, der aber nie für mich da zu sein schien, desto panischer wurde ich, was Menschen angeht. In den letzten Wochen hätte ich ins Museum oder ins ZI gehen können, was ich aber nicht tat, weil ich es nicht noch auf den letzten Metern versauen wollte. Und nun warteten eine 20-minütige U-Bahn-Fahrt auf mich sowie der Shuttlebus. Ich war so angespannt, dass ich in der – netterweise nur mäßig besetzten – U-Bahn bei knapp über 0 Grad das Fensterlein kippte und nicht mal lesen konnte, so nervös starrte ich in der Gegend rum und atmete so flach wie möglich in meine Maske. Der Bus war dann gut gefüllt, Abstand war nicht möglich, aber ich würde ihn als halb besetzt bezeichnen. Und netterweise wussten alle, wohin wir wollten, hielten daher die acht Minuten Fahrtzeit die Klappe und bemühten sich, sich nicht unbedingt anzuatmen.

Schon in der U-Bahn-Haltestelle war der Weg zum Impfzentrum großflächig und alle fünf Meter erneut ausgeschildert, der Bus hielt direkt vor dem Eingang. Dort gab es vier Drehtüren, vor denen Freiwillige den Ankommenden zuriefen: „Erstimpfung hier lang, Zweitimpfung da vorne“, sehr praktisch. Direkt hinter den Drehtüren stand was zum Desinfizieren, darüber hing ein riesiges Schild, dass man den Perso bereithalten sollte, aber man hatte genug Zeit, ihn aus dem Portemonnaie zu zuppeln, denn erstmal wurde kontaktlos die Temperatur gemessen. Erst bei der zweiten Station möchte jemand den Ausweis sehen: Hat Frau Gröner denn wirklich einen Termin? Ja, sieht so aus, bitte geradeaus und dann nach links. Eigentlich rennt man die ganze Zeit an Absperrbändern und Freiwilligen entlang und achtet auf die Abstandsmarkierungen am Boden und das klappte alles hervorragend.

Im Vorfeld hatte ich gedacht, dass die Anmeldung der Flaschenhals sein würde, an dem sich alles staute, aber als ich in die große Halle trat, in der geschätzt 40, vermutlich noch mehr Anmeldeplätze in kleinen Häuschen warteten, zu denen man von erneut Absperrbändern und Freiwilligen gelotst wird, ahnte ich, dass dem nicht so sein würde. In amerikanischen Pathosfilmen wäre das die Aufnahme, wo die Kamera vom POV der Hauptperson aufzieht und den Blick auf eine immer größer und höher werdende Halle freigibt, dazu kraftspendende Musik mit vielen Bläsern in Dur. Ich gebe zu, ich war beeindruckt und hatte das Jurassic-Park-Theme im Kopf.

Man muss in Bayern und vermutlich auch in den anderen Bundesländern mehrere Dinge vorlegen: offensichtlich den Perso, sonst kommt man gar nicht rein. Die Krankenkassenkarte wollte niemand sehen. Was der freundliche Herr im Häuschen von mir haben wollte, was ich natürlich, NATÜRLICH, alles in einer Sichthülle, immer und immer wieder TEAM SICHTHÜLLE, dabei hatte, waren der Aufklärungsbogen, den man unterschreiben musste, sowie den Anamnesebogen mit der Einwilligungserklärung. Der Häuschenmann zeigte sich hocherfreut darüber, dass ich beides von der Website des RKI geladen hatte und nicht von der des bayerischen Gesundheitsministeriums, „denn beim RKI sind die Daten immer schön aktuell“. Das gebe ich euch hiermit weiter. Ich hatte außerdem noch eine Bescheinigung vom Arzt über meine Vorerkrankungen dabei, da wurde ein flüchtiger Blick drauf geworfen, „oh, ganz neu!“, dann bekam ich die beiden Bögen neu ausgedruckt nochmal (keine Ahnung warum), musste beide unterschreiben, aber nicht mehr ausfüllen, und der Herr malte einen Smiley auf die erste Seite: „Damit wissen meine Kollegen, dass Sie alle Dokumente dabei haben. Bitte zwischen den Häuschen durchgehen und nach rechts, da laufen Sie schon den nächsten Mitarbeitern in die Arme, die Ihnen sagen, wo’s weitergeht.“ Und so war es dann auch.

Hinter den Häuschen standen bergeweise Stehtische, an denen die Nichtmitglieder des TEAM SICHTHÜLLE ihre Bögen ausfüllten. Außerdem stehen gefühlt alle zehn Meter Desinfektionsspender, von denen ich einige benutzte, zum Beispiel jetzt, nachdem ich den Stift des freundlichen Häuschenmenschens in der Hand gehabt hatte. Es ging durch eine weitere Tür in eine weitere Halle, und hier trafen sich die beiden Schlangen aus der ersten Halle wieder: Die Menschen, die schon zum zweiten Mal hier waren, musste nicht noch einmal durch die Häuschenhalle, aber in der Impfhalle waren wir wieder alle vereint. Hier trennten sich die Schlangen in die Astra-Zeneca- und die Biontech-Schlange, bei den Zweitimpfungen las ich noch Moderna. Die AZ-Schlange war eindeutig kürzer, aber, sorry, Impfstoff, du bist bestimmt super, ich war unlogisch und egoistisch doch ganz froh, bei Biontech zu stehen. Was man voraussichtlich bekommt, steht auf dem Impfbogen mit den Terminen des Impfzentrums, den man auch mitbringen muss und den ich weiter in der Hand hielt.

Die Impfhalle war eindeutig voller als die Häuschenhalle, es hielten aber alle Abstand, und hier war der einzige Zeitpunkt, an dem ich wirklich mal ein paar Minuten warten musste. Die Impflinge wurden gefühlt schwallweise in die vielen Kabinen in mehreren Gängen gebeten, auch hier wieder Absperrbänder und Freiwillige, ich fühlte mich sehr umpuschelt. Als ich fast dran war, rief ein Mitarbeiter der Dame am Einlass zu den Impfkabinen zu: „Fünf!“ Und die Dame winkte dann die fünf nächsten durch, es war ein bisschen wie früher bei McDonald’s, wo man hinten am Grill dem Mensch vorne am Pass zuruft: „Auf zwölf?“ Was bedeutet: Auf wieviele von den zwölf Hamburgern auf dem Tablett vor mir hättest du gerne Käse für einen Cheeseburger, und vielleicht ruft der Pass dann „Auf fünf!“ und so marschierten wir fünf Impflinge mit Käse dem freundlichen Freiwilligen hinterher, der uns Vorhänge zu Kabinen aufzog, und dann saß ich in einer. In den letzten Monaten hatte mein störrischer Glaube an die deutsche Effizienz sehr gelitten; das Impfzentrum gab ihn mir höflich, freundlich und gut organisiert wieder.

Jacke aus, umgucken. Ich wartete immer noch auf die große Rührung, aber eigentlich war ich viel zu gespannt. Die fiese Nervosität aus der U-Bahn war weg, dafür war ich auch zu viel in Bewegung gewesen und hatte viele Schilder gelesen und mich großäugig umgeschaut und das ganze Impfballett sehr fasziniert beobachtet. Eine Ärztin setzte sich zu mir, nahm mir die Dokumente ab, wollte wissen, ob ich Fragen hätte, hatte ich nicht, dann fragte sie nach meinem Impfpass und klebte das Comirnaty-Schildchen ein. Sie sah meine Stempel der Grippeimpfungen und meinte, wenn ich die gut vertragen hätte, sollte die Covid-Impfung auch kein Problem sein. Bisher scheint das zu stimmen, die Einstichstelle ziepte gestern etwas, am frühen Abend wurde ich schlagartig müde und hatte gerade in den Schultern ein paar Schmerzen. Die erinnerten mich aber eher an das Gefühl, nachdem ich zu heftig an meinen Therabändern gezerrt habe, und nicht an eine Grippe. Ich ahne, dass einfach sehr viel Anspannung von mir abgefallen ist, und heute, nach acht Stunden tiefem Schlaf, fühle ich mich pudelwohl.

Den Impfbogen mit den beiden Terminen aus der Häuschenhalle ließ ich hier und bekam dafür einen neuen ausgedruckt, auf dem nur noch der zweite stand („Dokumentation Erstimpfung“). Den soll ich dann in sechs Wochen wieder mitbringen. Ich dachte kurz daran, dass neben den ganzen Aerosolen auch die Dämpfe von 1000 Laserdruckern hier rumwabern, aber das war mir dann doch eher egal und wir trugen ja alle Masken. Auf dem Bogen steht auch die Chargennummer meines Impfstoffs, die aufgezogene Spritze lag schon bereit, als ich die Kabine betreten hatte. Nun krempelte ich einen Ärmel hoch, als Rechtshänderin hätte ich die Nadel gerne in den linken Arm, auf dem seit über 25 Jahren eine blaue Sonne tätowiert vor sich hinleuchtet. Ärztin: „Ich stech nicht in die Sonne“, den Satz werde ich jetzt ewig mit mir rumtragen. Es piekste kurz und ich grinste sehr breit unter meiner Maske. Nicht geweint, ganz im Gegenteil. Ich durfte aus der Kabine gehen, „Alles Gute!“, dann bekam ich bei der nächsten Freiwilligen den Stempel in den Impfpass und erreichte damit die letzte Halle, in der man noch 15 Minuten rumsitzen sollte, falls es einem doch nicht gut ging. Ich war kurz erstaunt darüber, dass ich den Stempel nicht gleich in der Kabine bekommen hatte, aber so war die natürlich schon wieder frei für den nächsten Impfling.

In der letzten Halle standen dutzende von Stühlen in schönem Abstand, ich suchte mir einen freien, zückte das Handy, schickte erstmal F. ein Foto des Impfpasses und twitterte dann. Oder wollte es zumindest, aber mitten im Satz sprach mich der letzte Freiwillige des Tages an: Ob es mir gut gehen würde? Ich sei doch sehr rot im Gesicht. Ich lauschte erstaunt in mich hinein, meinte, dass es mir gut ginge, der Herr brachte mich aber trotzdem lieber zur Ecke mit dem Notarztzelt, wo ich erneut gefragt wurde, wie’s mir ginge und ich erneut sagte, mir geht’s prima. „Ich war fürchterlich nervös, ich habe heute mehr Kontakte in 30 Minuten als in den letzten 13 Monaten, ich trage eine nagelneue Maske mit sehr engen Bändern, ich wiege viel und es ist hier recht warm – ich ahne, dass ich eher deswegen rot im Gesicht bin. Ich fühle mich wirklich wohl.“ Alle waren zufrieden, ich sollte mich aber trotzdem bitte nochmal 15 Minuten ausruhen, klar, mache ich, schnell getwittert und dann das Handy weggesteckt und brav meditativ rumgesessen und sehr auf meinen Körper gehört. Der hatte aber nur Hunger und Durst und es war ihm wirklich zu warm.

Durch den Ausgang aus dieser Halle kam man direkt ins Freie, dort setzte ich die Maske ab und nahm einen großen Schluck aus der mitgebrachten Wasserflasche. Maske wieder auf, ab zum Bus, den Fußweg zur U-Bahn, den ich mir eigentlich vorgenommen hatte, ließ ich doch lieber bleiben, vielleicht war ich doch angeschlagenener als ich dachte. Also Bus, dann Bahn, dann die 300 Meter Fußweg nach Hause, alles gut.

Den Champagner zur Feier der Impfung gibt es erst heute abend während der Date Night; ich gönnte mir gestern kochfaul eine kleine Bringdienstpizza und verdöste quasi den Rest des Tages, weil auf einmal sehr viel Spannung von mir abgefallen war. Eins erledigte ich aber noch neben diesem Blogeintrag: die ersten Notizen in der SafeVac-App. Dort wird man direkt nach der Impfung, eine Stunde danach und dann nochmal nach sechs Stunden gefragt, wie’s einem denn so geht, und es folgen noch ein paar weitere Termine bis zur Zweitimpfung. Die ersten beiden konnte ich gestern nachtragen, das hatte ich nicht auf dem Schirm, dass man da sofort etwas anklicken muss.

Im Impfzentrum darf man übrigens nicht fotografieren, deswegen ist dieser Eintrag hier Bleiwüste, aber das ist echt egal, denn: erstgeimpft. Ich bin endlich erstgeimpft. Mir fielen schon in der U-Bahn ungefähr acht Gebirge vom Herzen, und jetzt als Mitglied der Comirnaty Ultras fühlt sich die Pandemie ein ganz winziges bisschen bezwingbarer an als noch gestern morgen. Wir enden erneut auf dem Jurassic-Park-Thema.

Mittwoch, 7. April 2021 – Nachdenken über die Pandemie

Im Atlantic schreibt Melissa Fay Greene über unsere Erinnerungen an die Pandemie und dass sie vielleicht etwas widerspiegeln, was gar nicht so war: You Won’t Remember the Pandemic the Way You Think You Will.

Ich fand den Artikel sehr spannend; er nutzt Covid als Ausgangspunkt und erklärt, wie unsere Erinnerungen sich entwickeln, verändern und festigen – bis sie gar nicht mehr unsere eigentlichen Erinnerungen sind und stattdessen gute Storys, die man am Lagerfeuer erzählen kann.

„The pandemic has not been a single, traumatic “flashbulb” event like the assassination of John F. Kennedy, the fiery disintegration of the space shuttle Challenger, or 9/11. Instead, it’s a life period in which everybody’s memories will be embedded, more like the Great Depression or World War II, or My High-School Years or When I Was Married to Barbara. Starting in March 2020, hundreds of millions of Americans began forming their own impressions of it. As psychologists and anthropologists who study memory will tell you, we tend to lay out our anecdotes almost like short stories or screenplays to give our lives meaning; our plots (do they have silver linings? hopeful endings?) can reveal something about how we handle setbacks.“

Greene zählt einige Momente auf, die als eine Art „flashbulb“ fungieren: als ihr Flug gestrichen wurde, als ein Basketballspiel nicht mehr stattfand, als Büros von jetzt auf gleich verlassen wurden. Mein Moment waren mehrere: als die letzten zwei der vier geplanten Konzerte der Wiener Philharmoniker ausfielen, die alle neun Beethoven-Sinfonien spielen wollten; F. hatte Karten für alle Abende, ich nur für den ersten, aber das war die erste Absage, die ich richtig mitbekam. Dann natürlich die plötzliche Schließung der Archive und Bibliotheken, in denen ich für die Diss arbeiten wollte. Und als Erinnerung, die mir sehr deutlich klar machte, wie ernst alles ist: dass beim ersten Lockdown ein Lautsprecherwagen durch München fuhr, der alle Einwohner:innen darauf aufmerksam machte, gefälligst zuhause zu bleiben, was auch alle taten. Dass es auf einmal keine Hefe mehr gab oder man auf Klopapier hoffte, ist in meinem Kopf schon eine lustige Anekdote geworden und fühlt sich nicht mehr so dramatisch an wie es sich im März 2020 angefühlt hatte, als ich erstmals über Warenströme und globalen Handel nachdachte.

Diese Momente scheinen wir alle gemeinsam zu haben:

„While reporting this story, I asked people via social media to tell me what had made the deepest impression on them so far about the pandemic and what they thought they’d remember. Memory experts then helped me assess the submissions—and what they indicate about how our minds work. Many replies to my prompts and to my follow-up questions began with the moment a person learned the college dorm was closing, the performances were suspended, the restaurant was shutting down. The psychology professor Henry L. Roediger III and the anthropology professor James Wertsch, scholars of collective memory at Washington University in St. Louis, introduced me to the “primacy effect,” one of the ways a memory gets “pinned” (as we say of tweets), to be easily retrievable. […] “I don’t think people will ever forget March of 2020 and how the world changed in the matter of a week or so,” Dan P. McAdams, a psychology professor at Northwestern University and an expert in narrative memory, told me. “I remember that week. I can tell you the days of the week.”“

Der Artikel beschreibt, dass die Zeit während der Pandemie – die immer noch nicht vorbei ist – sich anders in unserem Gedächtnis manifestieren wird als ihr Beginn, vermutlich ausgefranster, weniger spezifisch, eher als einzelne Momentaufnahmen. Ich musste daran denken, wie ich im ersten Lockdown an einem Sonntag durch München radelte – es war so gut wie kein Auto auf den Straßen, was nicht am Sonntag lag, die Strecke ist sonst belebt. Ich kann mich an die irritierende Ruhe erinnern, die über der Stadt lag, weil alle Bewegungen ausfielen und so gut wie niemand draußen war. Die Sonne schien, es war ein herrlicher Tag – aber es fühlte sich an, als ob ich eine der letzten zehn Menschen in der Stadt, im Land, auf der Welt war.

Ich hatte immerhin die Diss, an der ich mich festhalten konnte, ich musste kein Sprachprogramm beginnen oder ein Instrument lernen. Okay, der erste Sauerteig wurde, glaube ich, im April 2020 angesetzt. Ich kann mich noch an die Tage und Wochen erinnern, an denen ich mich durch meinen eigenen Text kämpfte, aber nicht mehr an genaue Änderungen und Formulierungen, Zeitpläne oder Korrekturgänge.

„“Most of our memories are in the form of generalities,” says Robyn Fivush, a psychology professor at Emory University. Because most of life is routine and recurring, she told me, you remember what life was like. “I might tell you about my memories of childhood: ‘One of the most important things to me was having Shabbat dinner every Friday night with my family.’ You might ask: ‘Tell me about one of those family dinners.’ I’d say: ‘Oh gosh, I don’t think I can.’ […]

Fivush is intrigued by which moments get tucked away in the slick curlicues of a person’s brain, and why those moments—rather than the tens of millions of others from a lifetime—are saved. We use our memory in part to create a continuous sense of self, she told me, “a ‘narrative identity’ through all of life’s ups and downs: I am a person whose life has meaning and purpose. I’m more than the subject of brute forces. There’s a Story of Me.” What we tend to remember most specifically are high moments and low moments, which become “episodes” in our memory, invested with meaning.“

Der Artikel nutzt ein Ehepaar als roten Faden und Sprungbrett für größere Einordnungen, das lasse ich hier weg; es lohnt sich aber sehr, den ganzen Artikel zu lesen.

„“Even as we experience an event,” Robyn Fivush has written, “we are already beginning to think about how to tell this event to another person at a later time.” In a 2008 paper for the academic journal Memory, she and a co-author elaborated on the ideas of the 20th-century French sociologist Maurice Halbwachs, who developed the concept of collective memory: “Even when experiencing events for the first time, the traveller has in mind the reactions of others, which colour both his perception of the event and his recollection of it.”“

According to Halbwachs, we begin composing our memories in anticipation of sharing them. I’ve caught myself doing this (and the more confusing or stressful the event, the more likely I am to start framing it before it’s over, picturing the friends and family I will entertain with my tale of woe and mishap). But I had no idea that everyone does it, nor did I know that retailing our memories into shareable stories is intrinsic to the art of remembering. “When something is going terribly wrong,” Fivush confirmed, “you’re already thinking, When this is all over, if it ends well, it’s going to be a great story. […]

Oder anders: Während ich einem Ereignis beiwohne, überlege ich schon, wie der Blogeintrag klingt. Ähem.

The work of Elizabeth Loftus, a cognitive psychologist at UC Irvine, and others has shown that, if we discuss a memory with listeners who remember it differently, we may unconsciously borrow a bit of their local color or scrap of dialogue for our own version. “Every time you bring a memory to mind, it’s activated, then reconsolidated,” Fivush told me. And we’re open to accepting other people’s interpretation of our own memories. “We need to make sense of things,” she continued. “During COVID, you call your friend to say, ‘I’m so lonely,’ and she says, ‘I know, but Zooming with your family helps, doesn’t it? I feel like I’m talking to my grown kids more than ever,’ and you immediately start to think about your situation differently. You’ll remember it differently.”

We don’t shelve a pristine first edition of an experience in a dust-free inner sanctum; we sloppily pass the memory around, inviting comment. The consolidated edition, with other people’s fingerprints all over it, is what we put on the shelf of long-term memory, unaware that we’ve done so.“

Den Aspekt fand ich spannend, auch weil ich an sehr gute Serien wie The Affair denken musste, wo dieselbe Story aus zwei Perspektiven erzählt wird. Gleichzeitig erinnerte ich mich an Momente, die ich notgedrungen alleine verbrachte, obwohl sie normalerweise eher in Gemeinschaft begangen werden. Meine Verteidigung zum Beispiel. Ich war nie als Zuhörerin bei einer, ich habe auch noch nie jemandem vor der Seminarraumtür zu einer erfolgreichen Verteidigung gratuliert, einen Doktorhut gebastelt oder dazu gemeinsam mit Sekt angestoßen. Aber ich weiß, dass das eigentlich der normale Ablauf ist, und als ich nach meiner Zoom-Verteidigung im November 2020 alleine vor meinem stummen Rechner war, habe ich angefangen zu weinen. Ich weiß im Nachhinein nicht mehr, ob es schlicht Erleichterung war, dass es vorbei ist, Angst vor dem, was jetzt noch kommt – was mach ich denn jetzt? jetzt hab ich nichts mehr zu tun, was mich ablenkt – oder schlicht Trauer darüber, einen so wichtigen biografischen Moment alleine erleben zu müssen, der nicht dazu gedacht ist, alleine erlebt zu werden. Vielleicht werde ich in den kommenden Jahren die Erinnerungen ändern, wenn mir andere von ihren Verteidigungen erzählen – also wenn wir irgendwann wieder in Cafés oder Biergärten sitzen, wo andere einem etwas erzählen können. Vielleicht werde ich aus der Trauer etwas anderes machen, vielleicht wird meine Verteidigung etwas positiv Besonderes. Ich kann es mir allerdings momentan nicht recht vorstellen.

Vielleicht erinnere ich mich aber auch jetzt schon falsch, wobei ich immerhin meinen Blogeintrag als Gedächtnisstütze habe.

„The founder of the field of cognitive psychology, Ulric Neisser, who died in 2012, was Fivush’s mentor and colleague at Emory. On January 29, 1986, he distributed a brief questionnaire to his Psych 101 undergrads, asking for details about how they’d learned—the previous day—about the cataclysmic failure of the Challenger. He collected answers from 106 students. In the fall of 1988, he tracked down 44 of the students and asked them to answer the same questions again. The results were striking: 25 percent of the subjects were wrong about everything, scoring zero. Half of the subjects scored two or less on a seven-point scale. Meanwhile, most of the students felt confident about their replies. “Our data leave no doubt that vivid and confident flashbulb recollections can be mistaken,” Neisser concluded. “When this happens, the original memories seem to have disappeared entirely; none of our retrieval cues enabled the subjects to recover them.”

In the process of remembering their Challenger stories, the Emory undergrads may have unwittingly borrowed parts of their friends’ narratives. One student wrote, in 1986, “I was in my religion class and some people walked in and started talking about [it].” Two and a half years later, the same student wrote: “When I first heard about the explosion I was sitting in my freshman dorm room with my roommate and we were watching TV.” […]

This plague year has left us feeling isolated. Each of us seems to dwell alone within a damp grotto of private thoughts. But we’re already engaged in the crowdsourcing project of organizing collective memories. […] In daily chitchat and in give-and-take on social media, we share with others how it started for us and how it’s going. We instinctively compare and match what we’ve got to what they’ve got, like the Emory undergrads settling on a blended version of How I Learned About the Challenger Disaster. Within each community, for years to come, stories will be passed around, tweaked, and polished until a small number of gems come to represent This is what it was like to live through the coronavirus pandemic. Narrative-memory experts call this “the social construction of autobiographical memory.”“

Der Artikel beschreibt im Folgenden die verschiedenen Story-Typen, die immer und immer wieder erzählt und variiert werden, und die sich auf sechs Typen eingrenzen lassen. Indem wir unsere eigenen Erinnerungen in die große Gemeinschaftserzählung einfügen, ändern wir möglicherweise Details an unseren eigenen Erzählungen und passen sie unbewusst an. Auch um unserer eigenen Geschichte einen Sinn zu geben, einen Zweck. War diese Pandemie zu etwas gut? Ja: [hier deine Erkenntnisse einsetzen]

„“I’m not convinced we store our memories as narratives,” Fivush told me. “The neurobiology and neurochemistry of memory suggest that our memories are stored in dynamic, fluid pieces. When we are in the process of reassembling a memory, we have these story shapes also stored and available to us.

“The particular form we give a memory depends on the context,” she said. “For example: When you’re telling a sad story, most Americans will demand a redemptive end. They’ll say, ‘But you learned something about yourself, didn’t you?’ […] Many folks, mid-pandemic, described still-unfolding situations. Fivush cautions that the final shape of a story we tell now might not be known yet. She categorizes narratives of events in progress simply as “unfinished.”“

So fühle ich mich derzeit: unfinished. Ich habe nun zwei Berufe, kann aber keinen gerade vernünftig ausüben. Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei, vielleicht nimmt sie gerade zu einer dritten Welle Anlauf. Es sind noch längst nicht genügend Menschen geimpft, und irgendwann bröckelt auch jede gute Laune mal. So ging es mir in den vergangenen Wochen: Nachdem das Diss-Dokument an den Verlag gegangen war (noch keine Reaktion), schaltete mein Gehirn gefühlt in den Leerlauf. Ich lese zwar momentan recht viel und auch gerne, ich backe aber auch viel zu viel, meine Gefrierfäche sind übervoll, ich esse zu viel und zu süß, ich kenne gerade kein Maß bei vielem, weil mir das Maß von außen, der Tagesablauf, der Job, das Ziel, verloren gegangen ist. (Frau Donnerhallen geht es ähnlich.)

Ich ahne, dass das tägliche Bloggen ein gutes Ersatz-Maß war, eine Aufgabe, die erledigt werden musste, und sei es, ein Kuchenrezept zu verbloggen. Ich möchte im Moment meine alten Einträge nicht erneut lesen, aber ich bin gespannt darauf, sie in fünf Jahre noch einmal komplett durchzuwühlen, um wenigstens meine Perspektive nachlesen zu können, wie es sich angefühlt hat, in einer Pandemie zu leben. Vermutlich werde ich einiges lesen, was nicht mehr zu dem passt, was sich inzwischen in meinem Gedächtnis manifestiert hat. Auch darauf bin ich gespannt.

Mandelkuchen mit Blaubeeren und Zitrone

Ein Rezept aus Ottolenghis Simple bzw. der NYTimes. Keine weitere Vorrede nötig.

Eine Kastenform von ca. 20 cm Länge fetten und mit Backpapier auslegen. Der Kuchen wird ein ziemlicher Brocken, das Papier hilft sehr, ihn heile aus der Form zu bekommen.

150 g weiche Butter mit
190 Zucker,
dem Mark von 1 Vanilleschote,
der abgeriebenen Schale von 1 Bio-Zitrone
sowie 1 EL Zitronensaft mehrere Minuten lang aufschlagen, bis die Masse hell und schaumig ist bzw. der Zucker sich aufgelöst hat. Im Buch wird nur nach 2 TL abgeriebener Schale verlangt, aber come on.

3 Eier, Größe M, nach und nach unterrühren.

90 g Mehl, Type 405, mit
110 g gemahlenen Mandeln und
1 guten Prise Salz mischen. Diese Masse in mehreren Gängen einarbeiten. Bei mir waren es je 100 Gramm Mehl und Mandeln, weil meine Mandeltüte nur 100 g fasste, auch hier wollen wir nicht päpstlicher werden als das Rezept es haben möchte.

Zum Schluss
150 g Blaubeeren vorsichtig unterheben und die Masse in die Form füllen. Im auf 180° Umluft vorgeheizten Ofen für 15 Minuten backen, dann weitere
50 g Blaubeeren auf der Oberfläche verteilen. Weitere 15 Minuten backen, dann notfalls mit Alufolie locker abdecken, damit der Kuchen nicht zu dunkel wird. Die gesamte Backzeit beträgt 55 bis 60 Minuten; vor dem Herausnehmen per Stäbchenprobe checken, ob der Kuchen durch ist.

Zehn Minuten in der Form auskühlen lassen, dann mit Hilfe des Backpapiers aus der Form heben und auf einem Gitter vollständig erkalten lassen. Den ausgekühlten Kuchen mit einem Guss bestreichen, der aus
70 g Puderzucker und
1 EL Zitronensaft besteht.

Ich habe frische Blaubeeren benutzt, das schien mir sicherer als TK-Ware. Ein Versuch mit TK-Himbeeren war nur so mittelprächtig okay, der Kuchen wird sehr feucht und war innen immer noch nicht durch, während er außen schon trocken wurde.

Röschenbrioche „Brioche bouclettes“

Ja, schon wieder ein Rezept von La Pâticesse, da müssen wir jetzt durch. Das ist genauso großartig wie die beiden Kastenkuchenrezepte. Ich habe zu dieser Köstlichkeit noch salzige Karamellcreme gemacht, ratet, von welcher Website, und die ist auch toll, aber leider bei mir äußerst unfotogen. Daher wird das nicht verbloggt, aber dafür sowas von das Rezept für die Röschenbrioche. Ausnahmsweise sogar mit Phasenfotos, denn die brauchte ich wirklich. Merke: Als Kunsthistorikerin komme ich mit visuellen Hilfen anscheinend besser klar als mit geschriebenen. Die Texterin in mir weint bittere Zähren.

Ihr braucht eine 24-Zentimeter-Springform (meine misst 26, ging auch) und etwas Zeit. Ansonsten ist das ein stinknormaler Hefeteig, aber viel hübscher.

350 g Mehl, Type 405, mit
10 g frischer Hefe, zerbröselt,
6 g Salz,
200 g Ei (das waren bei mir 4 Eier, Größe M),
1 Eigelb zu 20 g und
35 g Zucker auf niedriger Geschwindigkeit in ungefähr zehn Minuten geduldig zu einem Teig verkneten. Ich habe immer noch keine Küchenmaschine, der Mixer tut’s auch, auch wenn die Schultern danach weh tun. La Pâticesse fügt auch noch das Mark einer halben Vanilleschote hinzu, das habe ich weggelassen.

Wenn sich alles verbunden hat, nach und nach stückeweise
225 g zimmerwarme Butter einrühren. Das dauert nochmal so lange wie das erste Kneten; immer nur so viel Butter hinzugeben, wie der Teig aufnehmen kann.

Den sehr weichen Teig auf einer gut bemehlten Arbeitsfläche mit ebenfalls gut bemehlten Händen, auch zwischen den Fingern, zu einer Art Kugel formen und in einer leicht bemehlten Schüssel abgedeckt eine Stunde bei Zimmertemperatur gehen lassen. Zum Kugelformen bei weichen Teigen hatte die Verfasserin einen sehr guten Tipp, den ich nicht besser formulieren könnte, daher zitiere ich: „Die Finger geschlossen halten. Eure Hände sind kleine Schaufeln und keine Gabeln.“ Ein wunderbares Bild, das ich vermutlich nicht wieder vergesse.

Nach einer Stunde ist der Teig nicht wirklich viel aufgegangen, macht nichts. Er muss nun abgeschlagen werden: dazu den Brocken aus der Schüssel holen (Teigkarte hilft), und zwei-, dreimal kräftig auf die bemehlte Arbeitsfläche oder in die Schüssel werfen. Wieder zu einer Kugel formen, in die Schüssel damit, Schüssel abdecken und alles für eine Nacht im Kühlschrank parken. Mein Teig war vermutlich mindestens 14 Stunden drin, scheint ihm nicht geschadet zu haben.

Und so wundervoll sah er gestern morgen aus. Ich trug die Schüssel ernsthaft zu F. ans Bett, weil ich so schockverliebt in den Teig war. F. war eher indifferent, WAS STIMMT MIT DEM MANN NICHT?!?

Die Springform fetten und/oder mit Backpapier auslegen, bei mir hat fetten gereicht.

Den deutlich fester gewordenen Teig nun in drei Teilen nacheinander aus dem Kühlschrank holen. Er ist noch fieser als Mürbeteig, der bei Zimmertemperatur zu kleben beginnt, kein Wunder bei der Buttermenge. Daher: wirklich nur kleinere Mengen verarbeiten. (Ich ahne, dass dieser Teig nicht für Sommermonate in einer haushaltsüblichen Küche geeignet ist.)

Die Phasenfotos drüben sind eindeutig hübscher, klickt lieber dahin. Für alle Hiergebliebenen nun die Anleitung für die Röschen. Den Teig 1 bis 2 Millimeter dünn ausrollen (Arbeitsfläche bemehlen!), dann 7 bis 8 cm große Kreise ausstechen (Glas statt Ausstecher geht auch). Drei dieser Kreise leicht versetzt aufeinander legen und einrollen. Diese Rolle halbieren, die Hälften hochkant stellen – et voilà, Röschen.


Mit den Röschen von innen nach außen die Form befüllen. Ein bisschen Abstand schadet nicht, aber im Prinzip ist es egal. Meine Kreise und dementsprechend Rollen und Röschen sahen nach dem Bild nie wieder so gut aus, es war eher ein Massaker, aber: Das sieht man bei der fertigen Brioche netterweise nicht mehr. Die letzten Teigreste ließen sich partout nicht mehr rollen oder formen, die landeten einfach als kleine Klopse am Rand.

Die gefüllte Springform noch einmal abgedeckt 45 bis 60 Minuten bei Zimmertemperatur ruhen lassen. Mein Teig ging nicht mehr wirklich auf, aber dafür im Ofen.

Nach der Ruhezeit
1 Eigelb mit
1 TL Wasser verquirlen und die Röschen damit bestreichen. Das ganze im auf 180° Umluft vorgeheizten Ofen auf der mittleren Schiene für 30 bis 35 Minuten backen, notfalls nach der Hälfte der Backzeit mit Alufolie locker abdecken, damit die Brioche nicht zu dunkel wird. Habe ich erst nach zwei Dritteln der Backzeit gemacht.

Nach der Backzeit kurz auskühlen lassen, mit
1 EL Puderzucker bestreuen und dann lustig auseinanderpflücken.

Ich war von der Struktur des ganzen sehr fasziniert und wurde nicht müde, sie zu bewundern.

Ich würde beim nächsten Mal die Zuckermenge etwas erhöhen, ich hätte es gerne etwas süßer. Gestern half ich dem durch großzügigen Einsatz von Marmelade oder Karamellcreme ab, was ich sehr empfehlen kann.

Bonuspic als quasi-Tagebucheintrag: Hier steht die Brioche noch auf dem Holzbrett zum Auskühlen auf dem Boden der Springform. Im Vordergrund zwei Krustis und zwei Semmeln vom Brantner, falls wir verhungern sollten, daneben der Blaubeer-Zitronen-Kuchen von Ottolenghi, man weiß ja nie, und zum Dessert in Opas Kristallschale ein Berg von Ostereiern.

Und noch ein Bonuspic, für das ich eben erst per DM das Okay bekommen habe, daher als Edit. Ich knipste nach dem Tischabräumen mit dem iPhone wild rum und F. nur so seufzend: „Ich hol die Kamera.“ Bis auf die Phasenfotos, das drittletzte und das folgende sind die Bilder von ihm.

Es heißt übrigens Rös-chen und nicht Röschn.

Zitronenkuchen (nicht vegan)

Die Überschrift steht da, weil ich schon einen veganen in meiner Rezeptliste habe. Dieser hier stammt von meinem neuen Lieblingsblog zum Nachbacken, der Pâticesse. Sie hat noch mindestens einen weiteren Zitronenkuchen im Angebot, aber ich habe erstmal den etwas weniger herausfordernden gemacht. Der schmeckt genauso toll wie der Himbeer-Marmorkuchen von ihrer Site, und gerade jetzt geht eine Brioche vor sich hin, die hoffentlich auch toll werden wird. Klickt euch da drüben mal durch, wenn ihr es aushaltet.

Eine Kastenform (ca. 20 x 11 cm) fetten und mit Backpapier auslegen.

Einen Zitronensirup herstellen:
80 g Wasser mit
30 g frisch gepresstem Zitronensaft und
40 g Zucker aufkochen, kurz köcheln, dann komplett abkühlen lassen. Wer mag, gibt noch 2 Tropfen Bergamotte-Öl hinzu, ich habe das weggelassen.

90 g Butter schmelzen und leicht abkühlen lassen.

4 Bio-Zitronen abreiben, die Schale bereithalten.

In einer Schüssel
200 g Ei (ca. 4 Eier, Größe M) mit
270 g Zucker ein paar Minuten lang aufschlagen, bis ihr eine schöne, helle, wattige Masse habt und der Zucker sich aufgelöst hat.
115 g Crème fraîche,
215 g Mehl, Type 405,
5 g Backpulver,
1 g Salz sowie die abgeriebene Zitronenschale kurz unterrühren, bis sich alles verbunden hat. Danach die flüssige, aber nicht mehr heiße Butter ebenfalls kurz unterrühren.

Alles in die Kastenform füllen und im auf 180° Umluft vorgeheizten Ofen für 15 Minuten backen. Dann mit einem Messer, das in flüssige Butter getaucht wurde (ich reibe das Messer mit fester Butter ein, scheint auch zu funktionieren), einmal längs durch den Kuchen schneiden. Nicht so tief, wie ich das gemacht habe, ähem, sondern nur die Oberfläche; dadurch reißt der Kuchen nicht auf und bekommt einen hübscheren Buckel. Den Kuchen für mindestens weitere 35 Minuten backen, bei mir brauchte er etwas länger.

Nach der erfolgreichen Stäbchenprobe den Kuchen ein paar Minuten in der Form abkühlen lassen. Den noch warmen Kuchen mit dem abkühlten Sirup tränken und auskühlen lassen. Der Sirup ist nicht zwingend nötig, aber ich fand das ganz hervorragend. Hier war der zu tiefe Schnitt auch super, da passte nämlich mehr Sirup rein. Alles richtig gemacht.

Für den Guss
115 g Puderzucker mit
30 g frisch gepresstem Zitronensaft mischen und ihn mit einem Pinsel auf dem ausgekühlten Kuchen verteilen. Wer mag, streut noch ein paar Zesten oben drauf, das habe ich natürlich vergessen.