Tagebuch Montag, 28. Oktober 2019 – Weiterhin pissig, aber mit Gute-Laune-Inseln

An der Diss gesessen, wieder viele Texte aus der NS-Zeit gelesen, logischerweise schlechte Laune gehabt. Zum Spaß – haha – mal die ältere Höcke-Rede aus Dresden im Wortlaut gelesen. Das passte ganz gut zu den üblichen Reaktionen zur Thüringen-Wahl auf Twitter, in der Presse und auch in meinem Postfach, wo um Verständnis für ehemalige DDR-Bürger*innen geworben wurde. Das habe ich, keine Bange, und das habe ich auch oft genug geschrieben. Ich kann es mir nicht vorstellen wie es sich anfühlt, sein Land zu verlieren, das Staats- und Wertegebilde, in dem man sein Leben geplant hat, womöglich seine soziale Stellung oder wie es ist, sein Wissen plötzlich als veraltet oder gar falsch (dem neuen System nach) dargestellt zu bekommen. Ich ahne, wie frustrierend das ist und wie wütend es machen kann. Der Punkt ist aber: All das ist keine Entschuldigung dafür, Faschisten seine Stimme zu geben, Politiker*innen, die den demokratischen Staat und seine Werte abschaffen wollen.

Hier stand seit gestern abend eine lange Abhandlung über Höckes Rede, garniert mit einer paar Zitaten aus „Mein Kampf“, weil das alles so schön passte, aber das habe ich gelöscht. Ich habe keine Lust mehr auf den Scheiß, ich will den Rotz nicht mehr lesen. Guckt doch in eurer Bibliothek mal selbst rein.

Man muss den Mann oder die Partei auch nicht mehr entzaubern oder sie überführen, das wissen die AfD-Wähler*innen schon ganz gut, was sie will. Deswegen wählen sie die Partei ja. Vielleicht könnten wir uns endlich darauf einigen, dass die AfD nicht aus Protest gewählt wird, sondern weil sie ein rassistisches, misogynes, antidemokratisches Programm hat und es anscheinend genug Menschen gibt, die genau das super finden.

Der Kutter hatte dazu einen sehr guten Thread mit vielen Aspekten, von denen ich jeden einzelnen hätte retweeten wollen.

Gefreut habe ich mich über eine Paypal-Spende, die mit folgender Betreffzeile ankam: „Für Leberkässemmeln gegen Nazis.“ Das wollte ich eigentlich gleich in der Mittagspause in die Tat umsetzen, hatte dann aber doch mehr Lust auf Frühlingszwiebelfladen.

Abends die neue Staffel BoJack Horsemann geschaut. Die Szene, in der Todd einem Baby mit Sockenpuppen Brokeback Mountain vorspielt, hat meinen Tag gerettet. Genauso wie dieser Tweet und seine diversen Antworten. Die Welt könnte so nett sein.

Okay, bin immer noch pissig.

Tagebuch Sonntag, 27. Oktober 2019 – Bis 18 Uhr war’s ziemlich nett

Ausgeschlafen. Trotz Zeitumstellung viel zu lange, aber mei, war anscheinend nötig. Immer wenn mein Körper Dinge tut, über die ich die Stirn runzele, denke ich mir, passt schon, ich habe dich 25 Jahre lang mies behandelt und ständig beschimpft, da darfst du dann auch mal zickig oder müde sein. Mach nur. Wir sind ja jetzt Freundinnen, da geht das.

Kaffee übersprungen und gleich eine Kanne Tee gekocht, auf dem Sofa gelesen und gedaddelt.

Mittags die Jacke übers T-Shirt gezogen, um zum Ballabeni zu radeln, F. und ich wollten die Eisdielen-Saison für dieses Jahr beschließen. Draußen die Jacke sofort wieder ausgezogen, so warm war es. Mit Freude radgefahren, beim Ballabeni ein bisschen gewartet, bis F. kam, als ein Mann auf einem Hochrad auf der anderen Straßenseite vorbeifuhr. Ich twitterte, dass mein Zeitgefühl dadurch nachhaltig verwirrt wurde, und als Replys kamen die ganzen Witze über die falsch angegangene Zeitumstellung, die ich im Tweet hätte machen können. Ich so zu F.: „Ich bin nicht geeignet für Schmunzeltwitter!“ Er so: „Für Ausdenktwitter, meinst du.“ Touché.

Zwei Kugeln in der Knusperwaffel, Zitrone-Basilikum und Schokolade, sowie ein Probierlöffelchen Griechischer Jogurt. Ein würdiger Abschied.

Auf nach Nachhauseweg Kuchen vom Bäcker um die Ecke geholt. Bei meinen Eltern gab es jeden Nachmittag Kaffee und Kuchen, immer ungefähr zur gleichen Zeit, damit Papa eine Routine hat, und das fehlt mir komischerweise immer noch. Also gab es ein Stück Käse-Sahne und ein bisschen später noch ein Stück Himbeer, dazu die zweite Kanne Tee des Tages.

Der FC Augsburg war in Wolfsburg zu Gast, ich bibberte 90 Minuten lang mit und freute mich nach dem 0:0 erstens über den unerwarteten Punktgewinn und zweitens darüber, wieder eine unangenehme Mannschaft gesehen zu haben. Ich ahne, warum alle anderen den FCA so hassen – das sieht selten gut aus, was die Jungs da machen und lässt sich vermutlich auch nur eklig bespielen, aber mehr kann der FCA halt nicht, und wenn das für den Klassenerhalt nötig ist, dann macht das halt so.

Die Damen von Bayern haben hingegen teilweise wunderschöne Tore geschossen.

Um 18 Uhr war der gute Tag dann vorbei, denn dann kamen die ersten Hochrechnungen aus Thüringen. Ich muss gestehen, ich hatte ein bisschen auf einen Halle-Effekt gehofft – seht her, das passiert, wenn wir Hass und Hetze als normale politische Kommunikation durchgehen lassen. Und nebenbei Misogynie, 8chan und Antisemitismus, aber hey, nicht alles auf einmal, erstmal wieder die Nazis fragen, warum sie so schlechte Laune habe. Die Tweets gestern ähnelten denen nach den anderen Landtagswahlen, und normalerweise lasse ich Twitter an solchen Tagen aus, aber gestern war ich brastig und wütend und pissig und noch tausend andere Worte für GET YOUR FUCKING SHIT TOGETHER. Jemand twitterte, wir leben in einem der reichsten und sichersten Länder, was kann man denn noch tun, damit sich niemand abgehängt fühlt? Und obwohl ich den Tweet theoretisch richtig finde, ahne ich inzwischen immer mehr: Das Abgehängtsein ist nicht das Problem, die fehlende demokratische Auseinandersetzung ist es. Die ehemaligen DDR-Bürger*innen durften sie nie lernen, die Nachwendekinder hatten genug damit zu tun, überhaupt damit klarzukommen, dass niemand mehr aus dem eigenen Umfeld die Regeln kennt – diejenigen, die sie kennen, waren inzwischen im Westen –, und so ist es einfacher, sich in Verschwörungstheorien zu ergehen anstatt sich ernsthaft mit dem Scheiß auseinanderzusetzen, den Höcke und seine Truppen so von sich geben.

Ich wage inzwischen die Theorie, dass die fehlende Auseinandersetzung mit dem NS dazu geführt hat, dass dieser seine bescheuerte Faszination behalten konnte anstatt wie im Westen etwas weiträumiger entzaubert zu werden. Der angebliche „Schuldkult“ hat meiner Meinung nach nämlich durchaus funktioniert. Ja, hier wählen leider auch noch zuviele Menschen die Faschos, aber nicht in dem Ausmaß wie im Osten. Die DDR hat sich 1948 bequem auf die Aussage „Aber wir sind ein antifaschistischer Staat“ zurückgezogen, ohne das je in der Realität durchgeholt zu haben. Die Rechtsnachfolgerin des „Dritten Reichs“ war allein die Bundesrepublik. Weswegen übrigens auch die ganzen Nazischinken in westdeutschen bzw. Berliner Museumsdepots rumliegen, praktisch für mich. Alleine den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gehören über 900 Werke, das ist die größte zusammenhängende Sammlung an systemkonformer Kunst des NS.

Zurück zu Thüringen: Mir fällt nichts mehr ein. Und ich kann auch 24 Prozent Wählerstimmen für Faschisten nicht kleinreden, ganz egal, wie wenige Einwohner*innen das Land im Vergleich zu anderen Bundesländern hat. Ich bin weiterhin pissig.

Und weil ich mir gestern so richtig den Abend versauen wollte, habe ich mich noch an die Diss gesetzt und wieder in Originaltexten der Altfaschisten gelesen, denen die Neufaschisten nacheifern, diese beschissenen Arschlöcher.

Was schön war, Samstag, 26. Oktober 2019 – Schlafen und schaffen

Ausgeschlafen. Immer gut. Mit F. die Garderobenstange aufgehübscht. („Ach, lass uns das gleich machen.“) Einkaufen gewesen, danach Dinge verräumt, Pellkartoffeln aufgesetzt, Tee gekocht. FAZ, Spiegel, das Michelle-Obama-Buch zur Couch in der Bibliothek geschafft, den Tee aus Omis Service genossen, gelesen oder meine digitalen Zeitfresserchen bespielt. Um 15.30 Uhr das Bayern-Spiel angemacht und nach 20 Minuten eingeschlafen.

Beim Aufwachen voller Tatendrang gewesen und erstmal alle Fenster geputzt. Okay, fast alle: Für die drei Balkontüren war ich zu faul – aber da ist eh ein Balkon drüber, da regnet es ja quasi nie ran *hust* genau wie an das Fenster, neben dem Luise hängt, da ist meist die Außenjalousie runter, damit das Bild nicht so viel direktes Licht abkriegt. Putzaktion für beendet erklärt und aus den Pellkartoffeln Kartoffelsalat gemacht.

Danach wollte ich die neue Staffel BoJack Horseman gucken, merkte aber beim Rückblick auf die letzte Staffel, dass ich mich an nichts erinnern konnte; muss ich die wohl nochmal gucken, schlimm! Nach zwei Folgen wieder Tatendrang gespürt und mich an den Schreibtisch gesetzt, mit dem Ergebnis, dass der zweite meiner drei Teile des Autobahnkapitels jetzt auch fast fertig ist.

Sehr zufrieden eingeschlafen.

Demokratie in Amerika – Erosion oder Neubeginn?

Gerade eben halb im Bad gehört; wenn ich dusche, höre ich nichts, daher habe ich nur die Hälfte der Sendung mitbekommen. Das klang aber gut, daher hier Text und 30 Minuten Ton.

„Wer bei all dem an Wladimir Putin oder Recep Tayyib Erdoğan denkt, muss da ebenso an Donald Trump denken. Seine Wiederwahl ist sehr wohl möglich und hängt von drei Faktoren ab: ob die US-Wirtschaft weiter relativ rund läuft, ob ihm seine stärkste Bastion, die Evangelikalen, die Treue halten, und ob das Thema Immigration – und das meint die Sorge weißer US-Amerikaner vor dem Verlust ihrer demografischen Mehrheit und kulturellen Hegemonie – im Zentrum bleibt. Um das sicherzustellen, hat Trump die alte Kampagnen-Weisheit „Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!“ in „It’s the culture, stupid!“ umgewandelt und sich in Denken und Sprache weißen Suprematisten angenähert, Menschen also, die die Vormachtstellung der Anglo-Amerikaner mit aller Macht, notfalls mit Gewalt verteidigen wollen. Trumps verständnisvolle Reaktion auf den mörderischen Aufmarsch der Ultrarechten in Charlottesville 2017 war ein Beleg dafür. Das Massaker von El Paso die jüngste Episode, wie aus radikalen Worten Mordtaten werden.

Können wir in ein paar Jahren aber auch wieder Analysen der Gegentendenz lesen: Wie Autokratien sterben, oder besser: niedergerungen wurden? Welche horizontalen Gegenkräfte konfrontieren diese Vertikale der Macht? Wie resilient sind die Institutionen der Demokratie, wie resistent ist die Gesellschaft – und wie responsiv kann eine parlamentarische Opposition um die Wiedereroberung jener Wählerinnen und Wähler kämpfen, die zu den autoritären Herrschern übergelaufen sind? Grenzen und Chancen dieser Kehrtwende sollen nun am amerikanischen Beispiel aufgezeigt werden.“

Worte, die vergiften

Carolin Emcke über das als Kampfbegriff verwendete „politisch korrekt“ sowie das widerliche Wort „Gutmenschen“ und warum Sprache und Widerspruch wichtig sind.

„”Politisch korrekt” ist eine bloße Chiffre geworden, seiner eigenen wandelvollen Geschichte beraubt. Es ist gegenwärtig das wirkmächtigste Instrument der Diffamierung eines Gegenübers. Das Urteil, etwas oder jemand sei “politisch korrekt”, ist die Kurzformel, die signalisieren soll, mit den kritischen Einwänden einer anderen Person oder Position brauche man sich nicht auseinanderzusetzen, deren Zweifel, Hinweise, Gründe können missachtet werden, weil sie, nun, “politisch korrekt” seien. “Politisch korrekt” ist das Morsezeichen der Denkfaulen, mit dem sich reflexhaft alles abwehren lässt, was eingeübte Überzeugungen oder Habitus infrage stellen könnte.

Es ist ein geschickt arrangiertes Ensemble aus Worten und Motiven, die gemeinsam all jene diskreditieren wollen, die sich auf Menschen- und Bürgerrechte beziehen. Sie werden bespöttelt als “Moralisten” – als müsse sich rechtfertigen, wer das Grundgesetz für ein schützenswertes Gut hält. Diejenigen, die unter Religionsfreiheit nicht nur Respekt vor katholischer und protestantischer, sondern auch vor jüdischer oder muslimischer Frömmigkeit verstehen, die Armut nicht nur für ein Problem der Umverteilung, sondern auch der Anerkennung halten, diejenigen, die Stigmatisierung von bestimmten Körpern oder bestimmten Familien kritisieren, werden als “Gutmenschen” verhöhnt – als sei Zynismus neuerdings ein Ausweis der Kultiviertheit. […]

All die vollmundigen Erklärungen und Maßnahmen gegen rechtsradikale, völkische Fanatiker nützen nichts, wenn gleichzeitig all jene Bürgerinnen und Bürger herablassend bespöttelt werden, für die Respekt vor anderen keine elitäre Zumutung, sondern eine soziale Selbstverständlichkeit bedeutet. Es ist trostlos, dass das Plädoyer für universale Menschenrechte, für rechtsstaatliche Institutionen und politische Vernunft mittlerweile als radikale, randständige Position gilt.“

(via @giardino)

Cremige Polenta mit Pilzen

Überschrift gnadenlos von der NY Times geklaut, genau wie das herrliche Rezept.

Neulich habe ich eine Serie oder einen Film gesehen, ich weiß es schon gar nicht mehr, wo sich ein Mann in eine Frau verliebte, weil die so toll Polenta kochen konnte, und sie grinste und meinte nur, dabei könne man ja gar nichts falsch machen. Und ich so auf dem Sofa: OH FUCKING DOCH! Meine Polenta war bisher immer bröselig und doof, aber die hier hat funktioniert. Auf meiner Packung steht nämlich „doppelt so viel Wasser wie Polenta nehmen“, aber ich habe hier ungefähr das Vierfache an Flüssigkeit benutzt. Das muss einem ja auch erstmal jemand sagen, dass man Packungsanleitungen total ignorieren darf. (Ich erinnere mich oft ans Tantris, wo ich beim Lammgang fassungslos dachte, ach SO kann Polenta schmecken? An mein Herz, Maisgries!)

(Edit: Ein Leser wies mich darauf hin, dass diese Stelle aus Saša Stanišićs Buch Herkunft stammt, und das ist mir jetzt doch ein bisschen peinlich, dass mir das entfallen war.)

Ich hatte gestern keine getrockneten Pilze im Haus, und ich habe die Mengen aus dem Handgelenk geschüttelt. Hier kommen jetzt die aus der NY Times, bei denen gefühlt alle Kommentator*innen meinten, dass es viel zu viel Polenta für viel zu wenig Pilze sei. Daher: Macht doch bitte einfach so viel Polenta mit so vielen Pilzen, wie ihr wollt. Aber die Sauce, da solltet ihr euch halbwegs ans Rezept halten, denn die ist der Kracher.

Für vier bis sechs Personen, laut Times.

15 g getrocknete Steinpilze mit
120 ml kochendem Wasser überbrühen und 20 Minuten rumstehen lassen. Danach trockentupfen und grob hacken, das Pilzwasser aufheben.

475 ml Milch (2 cups) und
1070 ml Wasser (4 1/2 cups) zum Kochen bringen. Hier bin ich schon ausgestiegen: Bei mir waren es für eine Portion ca. 70 g Polenta auf ca. 350 ml Wasser-Milch-Gemisch.
1 TL Salz einrühren. Oder mehr, ganz wie’s euch schmeckt. Ich habe vorsichtig gesalzen, weil noch ne Menge salziger Kram kommt; hat gepasst.
280 g (1 3/4 cups) Polenta einrühren, am besten mit einem Schneebesen, damit nichts klumpt. Rühren, bis die Masse eindickt, die Hitze stark reduzieren und weitere 30, 40 Minuten kochen. So lange wie eure Polenta halt braucht. Ab und zu umrühren, notfalls Flüssigkeit nachgießen, damit alles schön umrührbar bleibt. Das war der entscheidende Tipp, damit meine Polenta endlich mal geklappt hat: Flüssigkeit nachgießen!
Wenn alles so ist, wie ihr das haben wollt, noch
4 EL Butter und
1 EL frisch geriebenen Parmesan einrühren. Warmhalten.

In einer Pfanne bei großer Hitze
2 EL Butter schmelzen und
1 Knoblauchzehe, fein gehackt, ziemlich kurz anbraten. Sie soll nicht braun werden, das dauert keine 30 Sekunden. Nun die Steinpilze dazugeben sowie
230 g frische Pilze, bei mir Champignons, in feine Scheiben geschnitten, und
1 TL frisch gezupfter Thymian. Alles für ein paar Minuten anbräunen lassen, dann mit ungefähr der Hälfte des Pilzwassers ablöschen und auf die Hälfte einkochen lassen. (Ich hatte kein Pilzwasser, bei mir war’s nur Wasser, Gemüsebrühe wollte ich nicht. Ging auch, wobei ich ahne, dass das Pilzwasser noch viel Geschmackstiefe mitbringt.)

Die Hitze runterschalten und
3 EL Butter in die Pfanne geben sowie
1 EL Sojasauce,
1 EL Olivenöl und
1 EL Sahne. Alles kurz eindicken lassen und vom Herd nehmen. Mit frischem schwarzem Pfeffer würzen. Polenta auf eventuell vorgewärmte Teller geben, Pilze darüber und sofort servieren. Das muss man mir ja nie sagen.

Ich fand den Schlotz herrlich cremig und überraschend vielschichtig, wo ich mich auf eine reine Umami-Bombe eingestellt hatte (Parmesan, Sojasauce). Genau die beiden Zutaten schmeckt man überhaupt nicht raus, es ist alles ein einziger weicher Genuss, bei dem ich schlicht nicht sagen konnte, was ich eigentlich gerade schmecke. Außer: lecker.

Was schön war, Donnerstag, 24. Oktober 2019 – Warten und räumen

Eigentlich hatte ich einen Telefontermin mit meiner Steuerberaterin, aber die Dame bzw. deren Anruf ließ auf sich warten, und so saß ich sinnierend auf dem Sofa, guckte mich um und dachte: Wäre schon schön, hier Gardinen zu haben.

Dazu muss man wissen, dass ich in den letzten beiden Tagen die achtteilige Serie Raumkünstler (Interior Design Masters) gesehen habe und mit sowas darf man mich ja nicht alleine lassen. Ich habe mir in den letzten Jahren so einen Hauch von Geschmack antrainiert, was Raumgestaltung angeht, indem ich auf Pinterest rumlungere, Einrichtungsblogs lese oder auf Instagram durch hunderte von Fotos oder Hashtags scrolle. Ich weiß immer noch nicht, wie Räume wirklich funktionieren, wie sie wohnlich werden und warum bei mir BoHo Chic immer nur wie unaufgeräumter Schraddel aussieht, aber ein paar Grundlagen habe ich kapiert. Behaupte ich jedenfalls. Für Dekoschnickschnack (aka „Rumsteherchen“) habe ich immer noch überhaupt kein Händchen, weswegen ich den klaren, minimalistischen skandinavischen Stil sehr gerne mag. Dachte ich jedenfalls.

Bis vor einem Jahr musste ich den Großteil meiner Habseligkeiten in eine 1-Zimmer-Wohnung quetschen. Seit letztem September habe ich etwas mehr Platz und habe es sehr genossen, wie wenig hier rumsteht und wie leer die Wände sind. Ruhig. Aufgeräumt. Oder neuerdings: ein bisschen zu nackt. Und so dachte ich über Gardinen nach, die bisher nur in Schlaf- und Arbeitszimmer hängen, aber nicht in der Bibliothek.

Ich erspare euch Details und Fotos, aber ich habe gestern drei Bücherregale aus- und umgeräumt, eins ist ins Arbeitszimmer gewandert, ein anderes von dort in die Bibliothek, dort verschob ich ein drittes und holte auch den gemütlichen Lesesessel rüber, der bisher im Arbeitszimmer eher ein Abstandshalter zu Luise war, damit ich nicht morgens schlaftrunken in sie reinrenne. (Sie ist wirklich ein Altbaugemälde und müsste viel höher hängen, aber nun gut.) Außerdem wurden ein paar Steh- und Tischlampen neu positioniert, ich wagte eine Art throw, aber keine Decke, sondern meine dicke Strickjacke, und holte einen Blumentopf vom Balkon nach drinnen, der angeblich auch als Zimmerpflanze funktioniert, wir werden sehen, ob die Werbung da recht hat. Ich zerrte Bilder aus den Schränken und hängte sie auf bzw. vorhandene um, tauschte endlich mal die zwei kaputten Glühbirnen aus, für die ich seit Wochen zu faul gewesen war, suchte immerhin zwei (ZWEI!) Bücher beim Umräumen aus, die jetzt in den Hausflohmarkt kommen, bastelte eine Garderobenstange an das bisher dort nur halbfunktional rumstehende Regal, stellte Vasen und Kerzen auf und fand das alles abends ganz wunderbar, als ich mit meinem inzwischen kalt gewordenen Tee auf dem Sofa saß.

Gardinen habe ich immer noch nicht, aber ich finde bestimmt noch mehr Serien, die mich anstupsen. Und meine Steuerberaterin ruft dann hoffentlich Montag an.

Tagebuch, Dienstag/Mittwoch, 22./23. Oktober 2019 – Schlechte Laune, gute Laune

Dienstag vormittag war Erledigungszeit: Buch aus der Stabi geholt, Buch abgegeben, einkaufen gewesen, Wohnung aufgehübscht, Quittengelee gekocht (leider nur halbfest geworden, meh, aber immerhin schmeckt’s), halbherzig an der Diss gepuschelt.

Abends ging es dann mit F. ins Amerikahaus, wo Khalil Gibran Muhammad den Vortrag „America’s Whiteness Problem and What to Do About it“ hielt. Der kam mal wieder sehr zeitgenau, denn gerade am Nachmittag hatte sich der Präsident nicht entblödet, sein anstehendes Impeachment-Verfahren ernsthaft als „lynching“ zu bezeichnen. Man glaubt ja immer, es geht keine Stufe mehr nach unten an Ignoranz, Geschmacklosigkeit und purer Böswilligkeit, aber ja, doch, geht.

Vor dem Vortrag schlenderten wir noch durch die Ausstellung „“Hope, Never Fear”: Michelle und Barack Obama zwischen Öffentlichkeit und Privatleben / Fotografien von Callie Shell“, bei der wir überlegt hatten, sie für einen Podcast anzuschauen. Gut, dass wir uns dagegen entschieden haben, denn die gab nicht genug her. War aber trotzdem eine fies sentimentale Reise in eine Zeit der Präsidentschaft, die gefühlt schon viel zu lange her war.

Ich fand es spannend, dass Muhammad durchaus Kritik an Obama übte; er erinnerte an die Ereignisse rund um Reverend Jeremy Wright, von dem sich Obama distanzierte – vielleicht distanzieren musste, um weiße Wähler*innen nicht zu verprellen. Er zitierte folgenden Ausspruch von Wright, den man auch durchaus so hätte stehen lassen können:

„And the United States of America government, when it came to treating her citizens of Indian descent fairly, she failed. She put them on reservations. When it came to treating her citizens of Japanese descent fairly, she failed. She put them in internment prison camps. When it came to treating her citizens of African descent fairly, America failed. She put them in chains, the government put them on slave quarters, put them on auction blocks, put them in cotton field, put them in inferior schools, put them in substandard housing, put them in scientific experiments, put them in the lowest paying jobs, put them outside the equal protection of the law, kept them out of their racist bastions of higher education and locked them into positions of hopelessness and helplessness. The government gives them the drugs, builds bigger prisons, passes a three-strike law and then wants us to sing “God Bless America”. No, no, no, not God Bless America. God damn America — that’s in the Bible — for killing innocent people. God damn America, for treating our citizens as less than human. God damn America, as long as she tries to act like she is God, and she is supreme. The United States government has failed the vast majority of her citizens of African descent.“

Der Vortrag im Ganzen war eine einzige deprimierende Anhäufung von Verfehlungen und widerlicher Politik, um Schwarze Menschen nie zu weißen aufschließen zu lassen. Ich hatte einiges schon im Buch von Ibram X. Kendi gelesen, aber die historische Abfolge wurde von Muhammad noch einmal kurz zusammengefasst, quasi unter dem Stichwort Aktion – Reaktion. Also: Auf das Ende der Sklaverei und die Reconstruction folgte als Reaktion die Gründung des Ku-Klux-Klan und Jim Crow. Auf die Great Migration folgten massenhaft Lynchmorde, auf die Black Panther eine intrigante Drogenpolitik, die vermehrt Schwarze in neue, große Gefängnisse brachte. Das folgende Zitat von John Ehrlichman, Berater unter Nixon, hat mich fertiggemacht:

“The Nixon campaign in 1968, and the Nixon White House after that, had two enemies: the antiwar left and black people. You understand what I’m saying? We knew we couldn’t make it illegal to be either against the war or black, but by getting the public to associate the hippies with marijuana and blacks with heroin, and then criminalizing both heavily, we could disrupt those communities. We could arrest their leaders, raid their homes, break up their meetings, and vilify them night after night on the evening news. Did we know we were lying about the drugs? Of course we did.”

Als Abschluss dieser ekligen Pendelbewegung natürlich: Auf Obama folgte Trump. Auch dass es nach der Reconstruction-Zeit, wo erstmals zwei Schwarze Senatoren wurde, bis 1967 dauerte, bis der nächste Schwarze dieses Amt innehatte, wusste ich nicht. Bis heute gab es lausige zehn Schwarze Senator*innen, einer davon war Barack Obama.

Muhammad verwies auch auf die Art und Weise, wie die Geschichte der Schwarzen in den USA gelehrt wird, zeigte den miserablen Stand der Bildung auf und erinnerte an Formulierungen in Schulbüchern wie „Blacks were deported to the Americas“. nicht: Weiße verschleppten Schwarze, folterten sie, beuteten sie aus. Immer schön im Passiv bleiben. Wobei mich das durchaus an deutsche Formulierungen erinnerte wie „Juden wurden deportiert“. Wer das genau tat, wird auch sehr oft hübsch verschwiegen.

F. und ich diskutierten noch lange und brauchten viel Käse und Wein und Quittenpaste dazu.

Gestern war ich wieder in der Stabi, dieses Mal aber fast den ganzen Tag im Lesesaal, wo ich mich durch neue Bücher und Zeitschriftenbände wühlte, um weiter an der Diss zu arbeiten. In den letzten Wochen hatte ich mich sehr auf die Aviso „Grille“ konzentriert – ich las viel über die deutsche Marine, wusste ich auch alles noch nicht, ich merke ja leider dauernd, dass ich gar nichts weiß, Klassiker des Studierendendaseins –, aber gestern fasste ich das Autobahnkapitel wieder an, das zwei Wochen Zeit zum Rumliegen hatte. Und was soll ich sagen: Das finde ich bisher ganz hervorragend. (Hat auch genug Arbeit gemacht.)

Als Rausschmeißer ein Foto, das ich gestern im National Geographic von 1937 gemacht habe, in dem ein langer Text über „Changing Berlin“ stand. Was für ein Bau! Wird aber anscheinend nicht wieder aufgebaut, danke für die Hinweise.

Chandler, Douglas: „Changing Berlin“, in: The National Geographic Magazine 2 (1937), S. 131– 170, hier S. 159.

Dulce de membrillo

Ich mag gerne Süßes zum kräftigen Käse, weswegen ich dieser Quittenpaste sehr verfallen bin. Ist ein bisschen zeitaufwendig, aber von den Zutaten her äußerst entspannt. Und lohnt sich.

Der Witz am Rezept ist, dass ihr die gekochten Quitten wiegen und dann die gleiche Menge an Zucker dazugeben müsst, daher ist es prima skalierbar, je nachdem, wieviele Quitten ihr gerade da habt. Bei mir waren es gestern gekochte knappe 800 g. Aber deswegen spare ich mir hier exakte Angaben, bei Nicky im Original sind es vier Quitten. Dabei kommt aber auf keinen Fall ein Backblech raus wie bei mir, da reicht auch eine größere Auflaufform. Also:

Quitten, Menge nach Lust und Laune, mit einem groben Tuch abreiben, um den putzigen Flaum zu entfernen. Waschen, schälen, vierteln, entkernen. Ich habe beim Googeln diverse Rezepte gefunden, die die Schale mitverwenden, ich habe das nicht gemacht. Scheint aber auch zu funktionieren – und macht deutlich weniger Arbeit mit diesen fiesen festen Früchten.

Die Quittenstücke in einen Topf geben, mit Wasser bedecken und geschlossen weich kochen. Das dauerte bei mir fast eine Stunde.

Das Wasser abgießen – das könnt ihr aufheben und Gelee daraus kochen. Die Quittenstücke zu feinem Püree verarbeiten, entweder mit einem Food Processor oder, wie ich es gemacht habe, mit dem guten alten Stabmixer. Das Püree wiegen und mit der gleichen Menge an Zucker wieder in einen Topf geben. Aufkochen, dabei ruhig öfter umrühren, und dann bei kleiner Hitze so lange weiterköcheln lassen, bis aus dem gelblichen Mus eine orangerote Paste geworden ist. Das waren bei mir fast anderthalb Stunden. Vorsicht beim Umrühren, es spritzt fies und heiß.

Ich habe leider nicht oft genug umgerührt, weswegen ich danach googeln musste, wie man einen total angebrannten Topfboden wieder sauber kriegt. Bonustipp: Einen Teil Essig mit drei Teilen Wasser mischen, so dass der Topfboden bedeckt ist, aufkochen und den Herd ausschalten. 15 Minuten rumstehen lassen, danach sollte sich alles gut reinigen lassen. Ich Vollprofi musste das zweimal machen mit längerer Einwirkzeit, so sehr habe ich meinen armen Topf beansprucht. Sieht aber jetzt wieder aus wie neu.

Die hoffentlich nicht angebrannte Paste auf ein Backblech oder in eine Form streichen, das/die mit Backpapier ausgelegt ist. Nun könnt ihr das Zeug eine Woche lufttrocknen oder bei 50 Grad in den Ofen stellen, dann dauert das nur eine gute Stunde. Ich habe es etwas zu dünn aufgestrichen, das darf ruhig doppelt so hoch sein für die Schickizität.

In Stücke schneiden und servieren. Angeblich ist es im Kühlschrank ewig haltbar, aber es schmeckt so gut, dass ich das vermutlich nicht ausprobieren werde.

Was schön war, Montag, 21. Oktober 2019 – Quitten und „Karl V.“

Eigentlich war nach einer Woche Diss-Zwangspause dringend die Stabi angesagt, aber Verwandte von F. hatten uns/mich mit einer kleinen Kiste Quitten beglückt, die mir F. vorgestern vorbeibrachte und die ich erstmal verarbeiten wollte. Nicht dass ich was gegen den herrlichen Duft in meiner Küche gehabt hätte, aber ich ahne, dass die sich nicht so irre lange bei Wohnungstemperaturen halten (mein Keller ist keine Option).

Ich habe noch nie Quitten zu irgendwas anderem verwandelt, aber für sowas wurde ja das Internet erfunden. In einer Insta-Story vom Ludwigshof sah ich einen Verweis auf das Blog von Delicious Days, wo es ein Rezept für „ginger and tea flavored quinces“ gab, die man zum Beispiel über Eis hauen könnte. Das klang gut, ich nutzte die Suche im Blog, um das Rezept zu finden – und stieß zusätzlich auf dieses hier für Dulce de membrillo – zu deutsch schnöde „Quittenbrot“, wie ich beim Googeln feststellte. Das kann man als Konfekt essen, aber noch besser zu Käse, und wenn ich irgendwas mag, dann Fruchtiges zu Käse.

Ich googelte noch weitere Rezepte, denn ich hatte 20 Quitten, ging dafür kurz einkaufen, und begann dann mit der Arbeit – die sich als deutlich anstrengender herausstellte als ich gedacht hatte. Quitten sind das totale Arschlochobst! Steinhart und bockig, wenn man sie schälen und entkernen will! Ich schnitt mich zusätzlich noch einmal kräftig in den linken Mittelfinger, den ich jetzt allen Quitten zeige! Einige der Früchte waren leider schon braun, daher wanderten sie trotz großzügigem Drumrumschneiden um die matschigen Stellen in den Eimer, und aus dem Rest machte ich dann doch keinen Kuchen mehr, sondern warf alles in den Topf zum Kochen, um danach die klebrige Paste aus ihnen zu machen, auf die ich es abgesehen hatte.

Die überzeugte mich dann aber restlos von den Mistdingern, und ich will nächstes Jahr wieder eine Kiste haben. Großartig, jedenfalls zu meinem Bergkäse. Heute wird Manchego gekauft und morgen dürfte das Backblech alle sein, so wie ich mich und meinen Käsehunger kenne.

Abends ging es dann in die Oper, ein bisschen der Zwölftonmusik von Karl V. lauschen.

Ich bin noch etwas überfordert von dem Ding, ich suche noch nach meiner inneren Rezensionsanke. Die Inszenierung war, wie von La Fura dels Baus zu erwarten, bunt und unterhaltsam und es gab immer was zu gucken und zu staunen – so saß ich spätestens dann mit offenem Mund im Parkett, als um uns rum die Artist*innen von der ersten bis zur letzten Reihe auf den Stuhllehnen durchs Publikum kletterten. Ich muss aber gestehen, dass ich mit der Zwölftontechnik etwas überfordert war. Zeitgenössische, atonale oder auch nur aus Geräuschen bestehende Musik macht mir deutlich weniger Probleme als dieses für mich gefühlte starre Korsett, bei dem ich mich musikalisch, ähem, doch manchmal etwas langweilte. Aber das mag ein Einsteigerinnenproblem sein, keine Ahnung. Ich werde da mal ein bisschen auf Spotify rumlungern, um mehr davon zu hören.

Wie gesagt, zum Staunen gab’s genug, und das war mein zweites Problem des Abends: Ich wusste manchmal gar nicht, wo ich noch hingucken sollte, um alles mitzubekommen, und ich war mir nicht sicher, was mir die vielen, vielen bunten Hintergründe sagen wollten außer „Wir sind viel und bunt“. Die Kostüme waren aber durchgehend toll, und auch viele der Requisiten brachten mich lange zum Nachdenken. Ebenfalls die Übertitel, die man netterweise bei den meisten Herren nicht brauchte, so klar sangen sie ihren Text. Die Oper von Ernst Krenek sollte 1934 in Wien uraufgeführt werden, es wurde dann 1938 in Prag, aber ich ahne, dass die damaligen Umstände auch für einige Textzeilen verantwortlich waren, die sich auf Deutschland beziehen. Manche Sätze fühlten sich irritierend bockig-zeitgenössisch an – sinngemäß „Wir wollen Deutsche und keine Weltbürger sein“ –, was den Abend noch anstrengender machte. Aber gut anstrengend!

Die Oper ging recht lange, F. und ich trennten uns in der U-Bahn-Station Marienplatz, ich fuhr nach Hause, räumte die großflächig verwüstete Küche auf, warf diverses in den Geschirrspüler und ging nach ein paar frustrierten Runden auf einem Hasslevel bei Candy Crush schlafen.

Was schön war, Sonntag, 20. Oktober 2019 – Eis und Wein

Nach einer Woche, die gefühlt nur aus Terminen und endlosen Meetings bestand (gefühlt!), wollte ich am Sonntag einfach gar nichts machen. Ich verzichtete auf die Bayern-Damen in ihrem Spiel gegen Potsdam, ich ging nicht auf die Paper Positions, ich lungerte nur auf dem Sofa herum und las und holte Serien der vergangenen Woche nach. Dazu Spekulatius und viel Tee. (BÜNTING!)

Nachmittags traf ich mich mit F., um die Eisdielensaison ausklingen zu lassen. Unser geliebter Ballabeni sollte eigentlich gestern für dieses Jahr schließen, aber es waren 22 Grad, die Schlange vor der Tür fast sommerlich lang – vielleicht können wir in dieser Woche noch einmal Eis essen gehen. Fürs Protokoll: Stracciatella und Mango-Maracuja mit einem Probierlöffelchen Apfel-Birne.

Gesättigt spazierten wir zur Alten Pinakothek, suchten uns eine schöne Parkbank und klönten, bis es dunkel wurde.

Den Abend verbrachten wir bei mir und leerten eine und dann unerwarteterweise noch eine zweite Flasche Rotwein. Das fiel uns auch erst gestern auf: wie selten wir das in diesem Jahr geschafft hatten, mal wieder einen langen, ausgedehnten Abend zu verbringen, mit guten Gesprächen und der Zeit und Muße, die Nase ins Weinglas zu stecken. Der Sommer war für uns beide auf unterschiedliche Weise sehr anstrengend gewesen und erst gestern merkten wir, dass diese nervige Grundspannung langsam nachließ.

Der erste Wein kam von meinem Lieblingsweingut Wechsler aus Rheinhessen; es gab einen unaufregenden, aber sehr angenehmen Spätburgunder. Die zweite Flasche war ein Wein vom Gut Eberbach-Schäfer, den ich für den Fehlfarbenpodcast zum Thema Lemberger mitgebracht hatte. Wir hörten die Weinbesprechung noch einmal nach und ich muss mich korrigieren: süß ja, aber spritig ist er nach einem Jahr Rumliegen nicht mehr. Ich fand ihn ganz ausgezeichnet.

Gemeinsam eingeschlafen.

Tagebuch, Sonntag, 13. bis Samstag, 19. Oktober 2019 – Pflegedienst

Auf der frühen Zugfahrt von München nach Hannover fast komplett im Halbschlaf unter den Noise-Cancelling-Kopfhörern verschwunden; diese Folge über Kunst in Ost- und Westdeutschland vom Monopol-Podcast gerne gehört, diese hier über DDR-Sprech vom Staatsbürgerkunde-Podcast nur so halb, weil mir das Gespräch fast durchgehend zu weit abschweifte. War vielleicht nicht die beste Reinkommerfolge, keine Ahnung. Hätte ich mir etwas konzentrierter aufs Thema gewünscht.

Papa hat mich die ganze Woche lang erkannt.

Ich bin seit Jahren kein Auto mehr gefahren. In dieser Woche war das ab und zu nötig weil Dorf und keine Öffis und kein passendes Fahrrad für mich und ich mies zu Fuß auf längeren Strecken mit schwerem Einkaufskorb. Die ersten 100 Meter im elterlichen Golf fragte ich mich hysterisch OMG WAS TUE ICH HIER, AUTOFAHREN WAAHH, aber dann war es, Achtung, Super-Kalauer, wie Fahrradfahren – das verlernt man anscheinend nicht. Ba-dumm-tsss. Schön den Arm aus dem Fenster hängengelassen bei Tempo 30 durchs Wohngebiet. Queen of the road!

Ich hatte allerdings überhaupt kein Gefühl für die gefahrene Geschwindigkeit, was natürlich auch am Auto gelegen haben könnte, das neuer ist als alle Karren, die ich jemals besessen habe. Ich wusste nie, ob ich 30 oder 50 fahre und musste alle 20 Sekunden auf den Tacho gucken. (Habe Rocky ein bisschen vermisst, den konnte ich ohne Tacho fahren. Brrmmbrrrm.)

Nach einem Einkaufstrip wollte ich vom Supermarktparkplatz runterfahren und wartete auf eine Lücke im Straßenverkehr. „Oh, ein blauer Karmann Ghia! … Oh, der sieht aus wie der von meiner Schwester! … Oh, das IST meine Schwester!“ Hektisch gewunken, weil ich die Hupe nicht instinktiv fand, Schwesterchen sah mich, winkte hektisch und breit grinsend zurück. Schwester im Dorf treffen habe ich auch seit 30 Jahren nicht mehr gemacht.

Meine Schwester liest mein Blog nicht, aber ich bin mir sicher, sie würde euch darauf hinweisen wollen, dass die Karre Gia ausgesprochen wird und nicht Dschia.

Das Frikadellenrezept von meiner Mama ist von meiner Omi und viel besser als meins. Wird in den eigenen Vorrat übernommen. Das Geheimnis: ZWEI Eier auf ein Pfund Thüringer Mett, nicht nur eins. So fluffig!

Die Abläufe mit den Pflegekräften haben sich automatisiert, alles geht deutlich besser und runder als beim ersten Mal, als ich da war, um meine Mutter zu unterstützen. Es ist trotzdem irre, wie fremdbestimmt man rumrennt. Keine einzige Buchseite gelesen, mal kurz in die Diss geguckt, aber nicht so wirklich, immerhin den Spiegel durchgekriegt, den ich auf der Zugfahrt begonnen hatte.

Fünfmal Hallo Niedersachsen gesehen und diverse Dokumentationen über den Norden, weil Papa das gerne sieht. Totales Heimweh bekommen. Ja, Laugenbrezn, ja, Leberkäs, aber: Wir haben trotzdem den schöneren Dialekt. Und die schöneren Fachwerkhäuser. Außerdem gelernt, dass die Profis einen A320 in 14 Minuten reinigen. Alter!

Jeden Morgen für Papa Thiele-Tee gekocht. Als beinharte Bünting-Trinkerin kann ich das natürlich nur als fiese Plörre bezeichnen. Der Riss geht durch die Familie! Habe trotzdem jeden Morgen zwei Tassen davon genossen. (Schöner taz-Artikel zum Ostfriesentee.)

Am dritten Tag Auto gefahren als hätte ich nie Pause gemacht. Das ist schon schön, dieses einsame Rumgurken. Zumindest auf dem Dorf. Autobahn muss ich nicht wieder haben, ICE ist netter. Fürs Protokoll: Beide Zugfahrten waren ereignislos und pünktlich.

Abends zum Runterkommen das tägliche 24-Stunden-Unbegrenztes-Internet-Paket meines Handyproviders zum Tethern genutzt und eine Serienfolge auf dem Laptop geguckt. Man kann also auch mit LTE-Geschwindigkeit streamen! Nein, meine Eltern haben immer noch kein Internet.

Meiner Mutter den Anfang unserer letzten Podcast-Folge auf dem Handy vorgespielt (ich hatte ihr den Artikel aus der SZ ausgeschnitten und zugeschickt). Ich rede wirklich zu schnell! Fällt mir beim Hören am Rechner nie auf, mit den miesen iPhone-Lautsprechern aber schon; da habe ich mich selbst manchmal nicht verstanden. Mist.

Der Dorf-Supermarkt hat Desinfektionstücher aus einem riesigen Spender für die Einkaufswagengriffe. Will ich auch in München haben! Erste Assoziation war natürlich nicht Grippe, sondern Schweinepest und Maul- und Klauenseuche. (Eben zuerst Mail- und Klauenseuche getippt.)

Musste mich immer zusammenreißen, nicht „Servus“ an der Supermarktkasse zu sagen. Das „Wiederschaun“ ist mir dann aber doch rausgerutscht. Bei Hallo Niedersachsen wird man mit „Moin und Guten Abend“ begrüßt and I think that’s beautiful.

Habe Papa zu einer Partie Bauernskat überreden können. Früher hat er fast wöchentlich mit meiner Schwester Preisskat gespielt. Er wusste noch, was Trumpf bedeutet und kannte die Farben, aber ich musste ihm quasi soufflieren, welche Karte er aufnehmen und wie herum er sie wieder ablegen muss. Aber als ich beim Zählen seiner Stiche „62“ sagte, wusste er, dass er gewonnen hatte. Ich habe mich quasi selbst geschlagen.

Nicht ganz so geschlaucht und geistig fertig gewesen wie beim ersten Mal, weil ich schon wusste, was mich ungefähr erwartet. Trotzdem war die Woche anstrengender als jeder Werbejob und jeder Archivtag, nach denen ich auch immer hirntot bin.

Werde jetzt öfter hochfahren, um meiner Mutter zu helfen.

Auf der Heimfahrt lauschte ich wieder der Jahresklassikliste und fand Danzón No. 2 von Arturo Márquez besonders spannend.

Und kaum bin ich nicht im Stadion, spielt Augsburg gegen Bayern unentschieden.

Nachtrag: Was schön war, 8./9. Oktober 2019 – Franzbrötchen und Staatsarchiv

Im Nachlass von Herrn Protzen befindet sich ein Brief, der mich darauf hinwies, dass zwei seiner Bilder 1935 an Bord der Aviso „Grille“ gelandet waren. Das Schiff wurde in Hamburg bei Blohm + Voss gebaut, deren alte Unterlagen inzwischen im Hamburger Staatsarchiv liegen. Ich besorgte mir eine Erlaubnis der Firma, ein bisschen in den 113 Regalmetern wühlen zu dürfen, suchte drei Stücke aus und bat das Staatsarchiv um Aushebung zum 8. Oktober.

Sorry, Greta, aber ich bin geflogen, die Zeit in Hamburg wäre sonst zu knapp geworden. (Aka ich wollte nicht um 4 Uhr morgens im Zug sitzen.) Ich landete pünktlich, stieg ausnahmsweise nicht aus der Flughafen-S-Bahn schon in Ohlsdorf um, sondern erst an der Wandsbeker Chaussee, um von dort ins Hotel zu kommen, und rollkofferte an die Rezeption. Mein Zimmer war natürlich noch nicht fertig, ich stellte das Köfferchen ab und nahm die U-Bahn wieder zurück in Richtung Staatsarchiv. Schon am U-Bahn-Bahnhof musste dringend das erste Franzbrötchen erworben werden, das ich im Rucksack, wo schon Rechner und Notizbuch lagen, zum Archiv transportierte. Natürlich hatte ich Profi einen Euro in der Hosentasche für zu erwartende Schließfächer, genau den brauchte ich auch, schloss alles ein, nahm ein paar Bissen Franzbrötchen OMG so gut und ging in den brav ausgeschilderten Lesesaal.

Am 7. Oktober hatte ich noch überlegt, rufste beim Archiv an und erinnerst nochmal an die Aushebung, dann dachte ich aber, nee, Quatsch, bis jetzt hatten alle Archive immer alles für dich da, wenn du vorher danach gefragt hast, lass es. Ich dann so am 8. Oktober im Lesesaal mein Sprüchlein aufgesagt, wer ich bin und dass hier was für mich liegt.

Archivmitarbeiter so: „Öhm.“
Ich so: *überschlägt im Geist Flug- und Hotelkosten, die eigentlich so gar nicht drin wären im Finanzplan* „Und nu?“
Archivmitarbeiter: „Ich hol mal ne Kollegin.“
Ich so: *klappt Rechner auf, sucht Bestätigungsmail vom Archiv, holt ausgedruckte, ich bin ja nicht doof, Erlaubnis von Blohm + Voss für die Akteneinsicht aus der Sichthülle, TEAM SICHTHÜLLE*
Archivmitarbeiterin: „Ich hab hier nichts im System … aber okay, Sie haben ja unsere Mail … hm … dann müssen die das halt jetzt ausheben.“

Ich sah mich schon eine längere Mittagspause mit Franzbrötchen und Frust in der Archivgarderobe zubringen, aber sie meinte, ich solle mir schon mal einen Platz suchen, sie würde mir die Akten dann bringen. Ich fand eine Steckdose, setzte mich an den ansprechend großen Tisch mit der Artemide Tolomeo drauf (Hamburg hat’s anscheinend), klappte den Rechner auf … und da war der Mitarbeiter mit den Akten. Yeah! So kann ich arbeiten. Die übliche Erklärung ausgefüllt und dann die Akten strategisch auf dem Tisch verteilt.

Das Goodie „Frauen im Flugzeugbau 1944“ legte ich nach ganz unten, das hatte ich mir aus purem Interesse ausheben lassen und nicht, weil ich es für die Diss brauche – es war halt da und klang spannend. Wozu sind Archive sonst da? Die „Regelung von Einzelfragen bei Marineaufträgen“ legte ich darauf, da wusste ich nicht, ob was für mich dabei war, das war ein Versuchsballon. Und direkt vor mir lagen nun zwei Stapel mit jeweils mindestens 500 Seiten Papier und Durchschlagpapier: „Bau der Aviso ‚Grille‘, 1934–1938, 2 Bände“.

Ich begann zu blättern und notierte quasi von Anfang an Zeug: Wie waren die Vertragsbestimmungen, wie groß war das Schiff überhaupt, wie ausgestattet, bis wann sollte was fertig werden und so weiter. Fand ich alles spannend, weil ich noch nie darüber nachgedacht hatte, wie man wohl ein Schiff baut. Ich merkte allerdings recht schnell, dass die vielen, vielen Seiten nicht chronologisch geordnet waren, weswegen ich aufhörte, Dinge zu notieren, weil die manchmal drei Seiten später wieder hinfällig waren – obwohl es schon lustig war zu lesen, wie die Marineleitung den Preis drücken konnte: „Naja, Sie haben ja auch schon angefangen, bauen Sie doch einfach zu diesem neuen Preis zuende, Bussi!“ So blätterte ich einfach. Und blätterte. Und blätterte some more. Und nach 400 Seiten stieß ich auf eine dreiseitige Verfügung, die mit „Ausstattung mit Bildern“ überschrieben war, grinste von einem Ohr zum anderen und machte die Beckerfaust. Wirklich. Ich ahne, dass Archivmitarbeiter*innen mich ziemlich seltsam finden, weil ich die quasi in jedem Archiv mache.

Ich erspare euch die für mich sehr aufschlussreichen Dinge, die ich in den drei Seiten fand und auch die, die ich im Schreiben zur Verfügung las und auch die, die ich noch einem weiteren Schreiben fand, das ernsthaft die allerletzten beiden Seiten des ersten Papierstapels waren. Die könnt ihr aber in aller Ausführlichkeit in der Diss lesen. Zwischen den ganzen Beckerfäusten tippte ich nämlich noch und machte um halb sechs Feierabend; den zweiten Stapel und den Rest wollte ich am nächsten Tag durchsehen.

Ab ins Hotel, Zimmer war fertig, kurz frischgemacht, sehr hirntot mit dem Mütterchen telefoniert, dann abgewürgt, weil ich los musste, die beiden Hamburger Lieblingsdamen treffen. Ich überlegte mir mit meinen 15 Jahren Hamburgleben eine Fahrtstrecke mit den Öffis zum Lokal, wo wir eine kleine Apfelschorle einnehmen wollten, dachte mir dann aber, ach guckste doch mal, ob die HVV-App eine andere Strecke vorschlägt. Schlug sie, und auch hier erspare ich euch Einzelheiten, aber ich habe mich ernsthaft in einer Stadt verlaufen, in der ich doch einige Zeit zugebracht habe und ich möchte nicht mehr darüber reden. (Weinende Lachsmileys in der WhatsApp-Gruppe der Damen, denen ich meine Verspätung ankündigte.)

Dann saßen wir zu dritt in einem sehr netten Laden, hatten gutes Essen, die Damen bestellten unter meinen Blicken voller Verachtung, und ich meine VOLLER VERACHTUNG, zwei KLEINE Helle, ich ein großes, später gab’s noch Cocktails, dann landeten wir auf der Couch einer der Damen und es gab Whisky, zwei von uns mussten am nächsten Morgen arbeiten, aber egal, so jung kommen wir nie wieder zusammen, schenk nochmal nach, büdde.

Das war schön. Das war richtig schön, scheiß auf Flug- und Hotelkosten. (In diesem Satz versteckt sich eine Moral fürs ganze Leben.)

Den Wecker am nächsten Morgen konnte ich gar nicht richtig hassen, weil ich mich so aufs Archiv freute. Köfferchen gepackt und im Hotel gelassen, gegenüber vom Hotel kurz die Apotheke für Kopfschmerztabletten aufgesucht (hier wäre noch eine Moral fürs Leben), an einer anderen U-Bahn-Station Franzbrötchen gekauft WEIL SIE HALT DA SIND, HIER SIND ÜBERALL FRANZBRÖTCHEN, DIE SCHMECKEN NIRGENDS SO GUT WIE HIER DON’T @ ME, Rucksack ins Schließfach, ab in den Lesesaal.

Ich blätterte den ganzen ersten Stapel nochmal durch und korrigierte ein paar flüchtige Formulierungen vom Vortag, dann blätterte ich den zweiten Stapel durch, aber in dem fand ich zu meinem Maler nichts mehr und auch nicht zu anderen. Dafür aber irre viele Rechnungen, die anscheinend noch auf den nicht eben günstigen Grundpreis des Schiffchens draufkamen. Der Grundpreis waren ungefähr sechs Autobahnkilometer, wie ich inzwischen durch ein anderes Kapitel in der Diss weiß. Die Rechnungen gingen um Spinde, Küchenausstattungen, Hoheitszeichen, die angebracht werden mussten, Hoheitszeichen, die noch vergoldet werden mussten, Abortpapier (500 Rollen zu 44 RM, Juli 1936) oder auch: „10 Stück Führerbilder in den Decks nach Angabe des Kommandos“, deren Anbringung mit 95,26 RM berechnet wurde. (Quelle: Staatsarchiv Hamburg, 621-1/72_884, Bau der Aviso Grille 1934–1938, 2 Bände, hier Bd. 2, Rechnung von Blohm & Voss an das Oberkommando der Kriegsmarine, 37 Seiten, hier S. 29, 31.5.1937. Auf meine Frage an den Lesesaaldienst, wie man das Staatsarchiv Hamburg denn abkürzen dürfe für die Quellenangaben, kam die sehr hanseatische Antwort: „Wir möchten eigentlich nicht, dass das Archiv abgekürzt wird.“)

Die anderen beiden Archivalien brachten mir nichts, auch nicht wirklich Unterhaltung, denn irgendwie machte es so gar keinen Spaß, über Frauenarbeit im November 1944 im ausgebombten Hamburg zu lesen. Um 16 Uhr war ich mit allem durch und vor allem sehr zufrieden über meine Ausbeute, klappte den Rechner zu und schaffte sogar noch ein Treffen mit Kai, dem Ex-Kerl, in Ohlsdorf. „Wir hätten auch das Café direkt über dem Krematorium nehmen können!“ (Nein, das ist nicht der Grund, warum er der Ex-Kerl ist. Eher der, warum er überhaupt der Kerl wurde.)

Ereignisloser, sehr leerer Flug zurück nach München – „Wir haben heute nur 50 Gäste an Bord, wir müssen Sie etwas umverteilen“ –, wie immer die nervige S-Bahn-Fahrt zurück, die fast genauso lang dauert wie der Flug von Hamburg aus, aber beides ist inzwischen dank der Noise-Cancelling-Kopfhörer deutlich besser erträglich.

Erst am Flughafen in Hamburg bekam ich den Terroranschlag in Halle mit und mir fiel nichts Sinnvolleres ein, als tröstende Musik zu twittern.

Fehlfarben 23: ZERO GRAVITY // Nachts. Zwischen Traum und Wirklichkeit

Dieses Mal ist mir mittendrin eingefallen, ein Foto zu machen, weil wir es vorher wieder vergessen hatten. Falls ihr also irgendwann ein Stühlerücken hört – das war ich.


Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 78 MB, 97 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.00:42. Blindverkostung Wein 1. Wir trinken aus mir inzwischen nicht mehr nachvollziehbaren Gründen deutschen Chardonnay.

00.03:22. Unsere erste Ausstellung: ZERO GRAVITY – Apollo 11 and the new notion of space in der Eres-Stiftung. Wir stellen mitten im Reden fest, dass wir viel zu viel quengeln, denn eigentlich mochten wir die Ausstellung. Von Felix gibt’s Interessantes zu Wernher von Braun, Flo entpuppt sich als totaler Mondfahrtfan und weist auf ein Interview mit Charles Moss Duke hin, und ich will schwebende Kissen von Warhol fürs Arbeitszimmer haben.

Drei Daumen hoch, und ihr könnt noch bis zum 1. Februar für lau in der Ausstellung vorbeischauen.

00.29:20. Blindverkostung Wein 2.

00.49:40. Blindverkostung Wein 3.

00.51:20: Die zweite Ausstellung: Nachts. Zwischen Traum und Wirklichkeit in der Sammlung Goetz im Haus der Kunst. Viele Videos, von denen wir einige erzählen und toll fanden, aber eigentlich hat nur jeder darauf gewartet, endlich über unseren totalen Liebling Hans op de Beeck sprechen zu können, in den wir uns schon 2014 verknallt hatten.

Ihr könnt euch The Thread aus der Ausstellung auf seiner Website anschauen, aber hey, geht doch einfach im Haus der Kunst vorbei und guckt es in groß in einem dunklen Raum. Dann habt ihr auch seinen Copyright-Rahmen nicht dauernd im Bild.

Auch für diese Ausstellung alle Daumen hoch. Läuft noch bis zum 6. Januar 2020 im ehemaligen Luftschutzbunker auf der Rückseite des Gebäudes und kostet nur fünf Euro.

01.31:30. Auflösung der Weine. Wir verzichten dieses Mal auf ein Ranking, denn irgendwie wollen wir alle nicht nochmal trinken. Sorry, Chardy!

Wein 1 von Felix: „Pastorenstück“ vom Weingut Metzger, Pfalz, 2018, 12,5%, bei wirwinzer.de für 7,95 Euro.

Wein 2 von mir: „Vom Korallenriff“ vom Weingut Hofmann, Rheinhessen, 2018, 13%, bei vinexus.de für 9,95 Euro.

Wein 3 von Flo: „Vom Kalkmergel“ vom Weingut Fogt, Rheinhessen, 2018, 13,5%, bei weinfreunde.de für 9,80 Euro.

Outtake nach der Aufnahme, wo wir trotzdem alle Flaschen leertrinken, aber mit Chips Krach machen können.

Was schön war, Montag, 7. Oktober 2019 – Flow

Nach gefühlt wochenlangem Rumhadern endlich den Teil des Autobahnkapitels beendet, der nie so recht zusammenkommen wollte. Das war der Teil, in dem ich alles aufschreiben wollte, was ich mir in den letzten zwei Jahren angelesen hatte, von dem ich also dachte, das weißt du alles, das kannst du an einem Nachmittag runterschreiben. Und genau in dem Augenblick, in dem ich anfange, Dinge runterzuschreiben, werden sie fusselig, unklar, halbgar und doof. Deswegen habe ich in den letzten Wochen gefühlt drei Sätze pro Tag produziert, wenn überhaupt. Aber gestern lief es endlich wieder, ich saß von morgens bis abends am Schreibtisch, nicht eingekauft, nicht mal die Zeitung hochgeholt, immerhin eine halbe Stunde Mittagspause bei der neuen Folge Bob’s Burgers gemacht, aber ansonsten konzentriert und zufrieden vor mich hingelesen und getippt.

Guter Tag, gerne wieder. Vielleicht dann ohne Det zuzustapeln.

Tagebuch Donnerstag, 3. Oktober 2019 – Levelkochen

Seit Tagen nicht mehr gebloggt, kein Mitteilungsbedürfnis gehabt. Fußball in Augsburg am Samstag, danach Wiesn, schöne Abende mit F., für Geld gearbeitet, an der Diss gesessen, Zeug gekocht. Wie immer halt.

Momentan beschäftigen mich Dinge, die nicht ins Blog gehören und sie nehmen mehr Platz in Anspruch als ich gedacht hatte. Daher wusele ich mich derzeit nur irgendwie durch den Tag, hoffe, dass die nächsten beiden Wochen schnell rumgehen und dass ich dann wieder in sturzlangweilige, ruhigere Gewässer komme. Ab und zu tauche ich auf, lungere auf Twitter rum und retweete fünf Minuten lang alles, poste Zeug auf Insta – oder ich stolpere über irgendwas auf YouTube. So wie gestern abend.

Keine Ahnung, wie ich dort hingekommen bin, aber ich sah eine Folge einer Videoreihe von Epicurious, die ich ab und zu schon gelesen habe, allerdings nicht regelmäßig. Daher ist die Reihe „4 Levels“ auch seit Monaten an mir vorbeigegangen. Spätestens heute sollte ich aber alle, leider nur 13 Folgen durchgeguckt haben.

Die Grundidee ist simpel: Drei Köch*innen auf drei Fähigkeitsstufen bereiten das gleiche Gericht zu, und zum Schluss erklärt eine Wissenschaftlerin – bei der ich nicht weiß, ob sie wirklich eine ist oder eine Schauspielerin –, warum beim Kochen was passiert, zum Beispiel, wieso das Omelett bei Köchin 3 fluffig wird oder das Hähnchen bei Koch 1 zäh. Die Sendungen dauern nur eine Viertelstunde, sind clever geschnitten und, deswegen mochte ich das gestern sehr, man lernt ernsthaft was dabei. Während ich bei Shows wie Masterchef oder meinem neuen Liebling The Chef Show auf Netflix meist nur mitsabbere und eher selten etwas nachkoche, sehe ich hier Dinge, die ich alle selbst schon einmal gemacht habe, und kann nun nachvollziehen, warum irgendwas gut oder nicht ganz so gut war.

Ich würde mich als Köchin zwischen Level 1 und 2 einordnen; ich mache durchaus schon Nudelteig selber und haue nicht auf alles Ketchup, aber meist folge ich blind Rezepten, ohne zu wissen warum. Gerade erst vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit einem Bekannten über dessen Pizzateig. Er meinte, der Teig würde nie in der Form bleiben, in die er ihn hochwerfend und rumzerrend geformt habe, er würde sich immer wieder zu sehr zusammenziehen. Und wir konnten nur wild rumraten, an was das gelegen haben könnte, ohne es wirklich zu wissen. Derzeit lenke ich mich mit zeitaufwendigen Versuchsreihen Bagelbacken vom Kopfkino ab, und auch dort weiß ich nicht wirklich, warum sich Dinge ändern, wenn ich Vorteige ansetze, Dinge länger oder kürzer gehen lasse, den Ofen auf volle Pulle heize oder nur einfach heiß. Mein Kochlevel ist „Ich probiere rum, bis es schmeckt, aber ich weiß nicht, warum es das im Endeffekt tut“. Daher fand ich die Videos, die ich gestern gesehen hatte, alle auf irgendeine Weise hilfreich.

So sah ich beim Fried Chicken, dass man es nicht unbedingt ewig in Buttermilch baden muss, weiß aber aus Erfahrung, dass das bisher mein bestes frittiertes Hühnchen war. Ich sah beim Thema Hamburger, wie das Rindfleisch ausgestattet sein sollte, um wirklich gut zu sein und ahne, dass ich wohl doch mal beim Metzger eine Spezialmischung frisch durchwolfen lassen sollte anstatt abgepacktes Zeug zu erstehen. Und bei der Folge zu Lasagne hatte ich dauernd Vinoroma im Ohr, die bei Carbonara-Sauce sehr streng mit den Zutaten ist (ich übersetze: KEINE VERDAMMTE SAHNE! KEINE ERBSEN! SEID IHR IRRE?), weswegen ich der zweiten Lasagne-Köchin innerlich zumurmelte: DAS IST KEINE LASAGNE, DAS IST IRGENDEIN NUDELAUFLAUF!

Was mir am besten gefallen hat, weil ich inzwischen weiß, dass es stimmt: Alle drei Köch*innen probieren nach dem Kochen ihre Gerichte – und allen schmeckt es. Ich weiß inzwischen, dass das vom Profi zubereitete Gericht eine andere Dimension hat als das des Hobbykochs, und dass eine erfahrene Laienköchin immer dazwischen liegt, aber ich weiß auch, dass mir selbstgekochtes Essen eigentlich immer irgendwie geschmeckt hat, einfach weil ich mir Mühe gegeben habe. Ich weiß inzwischen auch, dass Erfahrung dafür sorgt, dass Gerichte, die ich seit zehn Jahren koche, immer besser werden, und ich weiß auch, dass ich manchmal Anstupser von außen brauche wie Salz, Fett, Dings, damit ich endlich mal anständig Gewürze an alles werfe. Ich lerne immer noch jeden Tag dazu, und in Zeiten, in denen ich mal wieder mit vielem hadere, ist das eine wirklich tolle Sache, wenn deine Hefeteige (meistens) aufgehen, deine Carbonara schmeckt und du hervorragenden Espresso zubereiten kannst.

Bagels

Ich hatte eigentlich schon ein Bagelrezept in meiner langen Liste, aber das hat quasi nur einmal richtig funktioniert und seitdem habe ich meist fiese Klötze statt leckerem Gebäck produziert. Daher nahm ich mir am Sonntag Stevan Pauls Auf die Hand – Sandwiches, Burger & Toasts, Fingerfood & Abendbrote vor und probierte das dortige Rezept. Das Endprodukt war noch nicht so hübsch prall, wie ich es gerne habe, sondern eher flach und unförmig, aber es hat diese herrliche Zähigkeit, die ich bei Bagels so gerne mag. Ich arbeite noch an der Optik, reiche das Rezept aber schon mal weiter. Und irgendwann probiere ich mal das 24-Stunden-Rezept bei der Kaltmamsell, das klingt auch so, als würde es schmecken.

Für acht Bagels

1/2 Würfel Hefe (ca. 20 g) mit
250 ml lauwarmen Wasser und
1 EL Zucker anrühren.

450 g Mehl, Type 405, in eine Schüssel sieben und eine Mulde in der Mitte formen. Die Hefemischung vorsichtig hineingießen, ein bisschen Mehl von den Rändern in die Flüssigkeit schubsen und alles abgedeckt für eine halbe Stunde an einem warmen Ort gehen lassen. Ich nehme dazu immer mein Bett und hülle die Schüssel in meine Bettdecke. Seitdem ich das tue, behaupte ich, dass meine Hefeteige immer und perfekt aufgehen.

Den ausgeruhten Vorteig mit
2 EL Olivenöl und
Salz (im Buch steht keine Mengenangabe, ich habe einen halben Teelöffel genommen) mit dem Mixer oder der Küchenmaschine zu einem glatten Teig kneten. Er sollte nicht zu klebig sein und sich zu einer Kugel formen lassen. Diese in der Schüssel lassen und nochmal abgedeckt 30 Minuten gehen lassen. (Ab ins Bett, du glücklicher Teig.)

Den aufgegangenen Teig in acht Teile teilen, diese zu Kugeln formen und in die ein ca. zwei Zentimeter großes Loch bohren. Also mit dem Löffelstiel, unfeierlich mit dem Finger, was auch immer ihr tut. Bei mir sind die Löcher alle wieder kleiner geworden, aber hey, ich hab’s versucht.

Die so geformten Bagel auf ein Backblech legen und, genau, nochmal 30 Minuten abgedeckt gehen lassen. (Ja, ich lege auch Backbleche in mein Bett.)

Einen Topf mit Salzwasser zum Kochen bringen. Mein Topf war nur groß genug für jeweils einen Bagel, das hat prima funktioniert, ihr könnt natürlich auch einen Bottich nehmen, in den alle acht auf einmal passen. Die Bagels für jeweils 30 Sekunden von jeder Seite kochen und abtropfen lassen.

1 Eigelb mit
1 EL Sahne (bei mir Vollmilch) verquirlen, die Bagels damit bestreichen und noch mit
Sesam bewerfen.

Im auf 200 Grad vorgeheizten Ofen auf der 2. Schiene von unten für 25 Minuten backen.