Tagebuch Dienstag, 10. März 2020 – Ein Sandkasten voller Nazis

(Der Titel stammt von F.)

Gestern verbrachte ich den Großteil des Tages im Hauptstaatsarchiv, wo ich mich recht lange durch Akten von 1947 bis 1952 kämpfte. In dieser Zeit gab es zwei Ausgaben der Münchner Künstlergenossenschaft, ich erwähnte es bereits mal; eine davon wurde von Protzen mitbegründet, aber im Endeffekt bekam sein Gegenspieler Constantin Gerhardinger in einem Zivilprozess das Recht zugesprochen, sich als legitimer Nachfolger der 1868 gegründeten Organisation zu fühlen, die 1938 zwangsweise in der Kameradschaft der Künstler Münchens aufgegangen war. Dann aber doch nicht so richtig, denn das war die Begründung des Gerichts, wenn ich das Urteil richtig verstanden habe: Die Auflösung 1938 war nicht rechtens, deswegen war auch eine Neugründung nach 1945 hinfällig. Und weil Gerhardinger den Laden als Verein mit dem alten Namen hatte eintragen lassen, durfte er seinen Sandkasten behalten.

Was mich an der ganzen Chose so irre gemacht hat, war der ewigseitige Schriftverkehr zwischen Anwälten, Beteiligten, dem bayerischen Ministerium für Unterricht und Kultus sowie launige Pressemitteilungen von beiden Seiten, die jeweils die andere Gruppierung als den aber echt jetzt mal noch schlimmeren Nazihaufen bezeichneten. Beide der Herren haben auf den GDK ausgestellt, Gerhardinger hat lustigerweise weitaus mehr daran verdient als Protzen (99.000 RM im Vergleich zu ca. 30.000), aber er konnte in einem Flugblatt das Killerargument bringen, dass Protzen „im nationalsozialistischen Brockhaus-Lexikon als ‚Maler der Autostrassen‘ namentlich aufgeführt ist, während der Name unseres Präsidenten Gerhardinger in einem Lexikon des Dritten Reiches nicht erscheint.“ (BayHStA MK 51591: Flugblatt der MKG (Gerhardinger), 24.10.1952.) Das muss ich, ehrlich gesagt, nachprüfen. War für das Urteil auch egal, das fiel bereits im Januar 1952, aber die Herren mussten sich noch weiter kabbeln. Und während ich so im Archiv saß und zwei Meter neben mir eine Dame sich nicht mal die Mühe gab, in Armbeuge oder von mir aus auch Hand zu husten und mir so dauernd meine eigene Sterblichkeit vor Augen führte, las ich diesen Kindergarten nach und dachte, Jungs, damit habt ihr Jahre eures Lebens vergeudet und heute kennt euch kein Mensch mehr. (Total deep, ich weiß.)

Beim Feierabendmachen an den Schließfächern den Doktorvater getroffen und ihn nach dem Kolloquium nächste Woche gefragt. Stand jetzt findet es statt, E-Mail kommt noch. Sollte allmählich mal mit meiner Powerpoint anfangen, um meinen Peers was Hübsches erzählen zu können.

Zu genervt von Zeug gewesen, um anständig zu kochen, wurden Fertigpommes und ne Schüssel Salat. Die neue Folge „Better Call Saul“ genossen wie jede Folge dieser Serie. Vor allem das Auftauchen einer Figur in der letzten Woche hat mich sehr glücklich gemacht, von der konnte man in „Breaking Bad“ gar nicht so recht Abschied nehmen. (Ich hoffe, das ist jetzt echt nicht gespoilert.)

Von Twitter gleichzeitig gut informiert und in noch mehr Panik versetzt worden. Ich mache im Prinzip das, was ich jede Grippesaison mache, nämlich mit Handschuhen im Bus stehen oder gleich Fahrrad zu fahren, aber das fühlt sich gerade als nicht ausreichend an. Und ausgerechnet im letzten Herbst habe ich natürlich die jährliche Grippe-Impfung verschnarcht, weil Papa, Job und Diss mich anderweitig im Kopf beschäftigt hatten. Fuck.

Tagebuch Montag, 9. März 2020 – Heroisch

Viel zu früh wachgewesen (Archivvorfreude), gemütlich ins Hauptstaatsarchiv geradelt und dort vom freundlichen Pförtner, der gerade noch vor der Tür war, darauf hingewiesen worden, dass der Laden heute erst um 10 öffne und nicht um 8.30 Uhr. Am Samstag war ja der Tag der Archive, und da müsste jetzt wohl noch etwas aufgeräumt werden. Also ging ich nach nebenan in die Stabi und arbeitete dort.

Nachmittags guckte ich Tim Mälzer im Kampf mit Jan Hartwig zu, den bzw. dessen Atelier F. neuerdings so schätzt. Ich folge dem Herren auch auf Instagram und habe mich dort sogar einmal zu einem Kommentar hinreißen lassen, weil der Teller so hübsch aussah.

Abends verzichtete ich nölig aufs Fahrrad und begab mich in U- und S-Bahn, wo ich alles nur mit Handschuhen berührte, um zum Gasteig zu kommen. Dort warteten neben netter Begleitung die Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons auf mich, um mir die ersten drei Beethoven-Sinfonien vorzuspielen. Die übliche S-Bahn-Kapelle an der Haltestelle gab zur Einstimmung „Bella Ciao“, was ich noch ewig im Ohr hatte. Außerdem staunte ich über den Ständer mit Desinfektionsmittel, der im Foyer stand und auch noch eine Etage drüber (und vermutlich noch an weiteren Standorten im Haus). Der wurde auch brav benutzt, denn ich gebe zu, allmählich mache ich mir doch ein bisschen Sorgen. Dass ich mit Asthmavorerkrankung vorsichtig sein soll, ist mir klar, gestern lernte ich aber im Podcast, dass auch Menschen mit höherem Körperfettanteil eine Risikogruppe sind. Mist, ich hatte immer gedacht, wenn alles den Bach runter geht, habe ich wenigstens noch ein paar körperliche Reserven. Deswegen war ich auch nicht ganz so glücklich daüber, als Teile der gestrigen Begleitung locker meinten, sie kämen gerade aus Südtirol. Da aber beides Ärzt*innen sind, hoffe ich, dass sie mehr wissen als ich, die schienen jedenfalls nicht so irre besorgt zu sein. Wir unterhielten uns auch darüber, dass wir vermutlich Samstag nicht in Augsburg im Stadion sein werden, und F. bangte den ganzen Abend, ob die nächsten drei Abende mit den restlichen sechs Sinfonien überhaupt stattfänden. Stand jetzt scheinen sie stattzufinden. Leider ohne mich, ich hatte nur für gestern eine Karte.

Anfangs dachte ich auch, meh, vier Tage voller Beethoven, wird das nicht langweilig, aber nachdem die letzten Töne der 3. Sinfonie verklungen waren, wollte ich sofort die 4. hören. Muss ich das halt mit einem Glas Sekt auf dem Sofa machen, während F. das Live-Erlebnis genießen darf.

Ich glaube, die 1. und 2. Sinfonie hatte ich noch nie gehört. Während der 1. dachte ich die ganze Zeit, wann kommt denn jetzt eigentlich Beethoven, das hörte sich noch ein bisschen danach an, als ob Haydn ihm die ganze Zeit über die Schulter geguckt und gesagt hätte, nee, Junge, das schreibst du jetzt noch ein bisschen ordentlicher runter, gell? Gelernt: Der dritte Satz müsste der kürzeste sein, den ich je gehört habe. (Keine vier Minuten.)

Die 2. Sinfonie war dann schon eher das, was man erwartet, wenn man „Beethoven“ denkt. Spätestens im 2. Satz saß ich wieder mit offenem Mund da, weil schön. Trotzdem blieb auch hier noch Zeit, sich im Orchester umzugucken, was ich generell gerne bei klassischen Konzerten mache.

Bei den wenigen Damen (verdammter Jungsclub Wiener Phil) hatte ich bei ihrem Gang zu ihren Plätzen gemerkt, dass auch sie wie die Herren über einen Dresscode verfügen, schlichter schwarzer Hosenanzug. Bei den Schuhen gab es anscheinend nur zwei Wahlmöglichkeiten: entweder die gleichen flachen Lacktreter wie die Jungs oder Acht-Zentimeter-Stilettos. Das war wahrscheinlich der unbequeme Ausgleich dafür, dass die Herren in Fliege, Frack und Weste oder Kummerbund, wenn ich das richtig gesehen habe, rumsitzen müssen. Das stelle ich mir als Geiger oder Bratschist ja doch etwas nervig vor, diese blöde Fliege tragen zu müssen, aber was weiß denn ich. Ich starrte jedenfalls dauernd einer Dame in der 1. Geige auf die Füße; ich kann auf solchen Schühchen nicht mal stehen geschweige denn irre teure Instrumente über glatte Bühnenböden transportieren.

Ansonsten war ich mit den Jungs am Kontrabass beschäftigt. Da saßen zwei in der ersten Reihe, die beide Vollbart trugen. Der blonde Herr hätte auch preußischer Rittmeister werden können, aber einer der netten, der seine Töchter mehr lernen lässt als Klavier und Aquarellmalen; vermutlich dürften sie sogar Hosen tragen und Mädchen küssen. Der Herr neben ihm hatte eine Haartolle wie Till Lindemann, etwas kürzer, die er gerne mit eleganter Geste aus dem Gesicht strich, wenn er gerade nichts zu tun hatte, und danach machte er diese eine Handbewegung, um die ich Bartträger sehr beneide: mit Daumen und Zeigefinger gleichzeitig an beiden Seiten des Gesichts herunterstreichen, um sich unten am Kinn wiederzutreffen. Der Herr hatte seinen Bass auch fast vor sich liegen anstatt aufrecht hinter ihm zu stehen oder zu sitzen, weswegen er beim Seitenumblättern einen Riesenschritt nach vorne machen musste. Soviel zur 2. Sinfonie. Ähem.

Nach der Pause (Schnittchen, Roséschampus) gab’s die 3. Sinfonie. Die „Eroica“ kannte ich natürlich, und schon nach den ersten 40 Takten hatte ich das Gefühl, ah, jetzt isses Beethoven. Was ich so an ihm mag, ist, dass ich eben keine Zeit mehr für die Herren am Bass hatte, sondern dass die Musik mich dauernd vorne auf der Sesselkante hält. Bei den ersten beide Sinfonien konnte man noch entspannt rumsitzen und sich berieseln lassen, aber jetzt kam ständig was, was Aufpassen erforderte. Gerade war das Motiv da, ach schön, oh, geht schon weiter, aha, jetzt wird’s langsamer, okay then, Bartschnuffi angucken, oh wait, und jetzt piano, ach nee, doch schon wieder laut, wir waren doch gerade da und jetzt sind wir schon wieder ganz woanders und trotzdem hält alles zusammen und lässt mich atemlos werden. Im zweiten Satz flossen dann für mich etwas überraschend ein paar Tränchen, aber mei, ich bin halt auch ein leichtes Opfer.

Sehr viel Applaus und sehr viel Bedauern bei mir, die restlichen Sinfonien nicht auch live hören zu können. Zu teuer. Geht grad nicht. Vielleicht mache ich heute abend einfach YouTube an, da kann ich bestimmt auch in irgendein Orchester gucken.

Tagebuch Sonntag, 8. März 2020 – Schreibtischtag

Den ganzen Tag am Schlussteil der Diss gesessen. Zwischendurch Fußball und Saturday Night Live geguckt, Reste des samstäglichen Abendbrots vertilgt, diverse Mails an diverse Archive geschrieben, in denen ich noch rumwühlen will und schon war der Tag rum. Die Zielgerade der kompletten ersten Textfassung bis auf die geplant dreiseitige Einleitung ist da vorne, hinter diesem kleinen Hügel. Mal sehen, ob ich sie noch diese Woche erreiche.

Augsburg spielte in München, aber ich hatte mich nicht um eine Karte bemüht. Momentan reizen mich Veranstaltungen mit 75.000 Menschen um mich herum eher nicht so, aber ich ahne, dass meine Chance ähnlich groß ist, mich mit COVID-19 anzustecken, indem ich mit dem Bus ins Archiv fahre oder zwischen jugendlich-leichtsinnigen-sich-unsterblich-fühlenden Studis im Historicum sitze. Trotzdem gut, dass ich zuhause auf dem Sofa war, sonst hätte ich mich noch mehr aufgeregt. Während des Spiels kamen die üblichen „Scheiß-DFB“-Wechselgesänge zwischen den beiden Fankurven wie in so ziemlich jedem Stadion. Sobald sie beendet sind, wird geklatscht und weiter geht’s. Das Operettenpublikum in der Arena entschied sich lieber dafür, ein bisschen zu pfeifen. Und wie üblich war der halbe Unterrang in der 75. Minute schon leer, weil es wichtiger ist, zu den ersten 300 Autos zu gehören, die im Stau am Parkhausausgang stehen als zu gucken, ob aus dem wackeligen 1:0 der Heimmannschaft noch ein Unentschieden wird. (Wurde es leider nicht. Schwein gehabt, Pappnasen.)

Letzten Samstag hatte sich Kai Dittmann als Kommentator völlig vorausgabt, indem er die Fanproteste in einen Topf mit gewissen „dunklen Zeiten“ geworfen hatte; dieses Mal kommentierte Wolff Fuss und war deutlich sachlicher. Die vielen Banner der Südkurve wurden, wenn ich richtig hingeguckt habe, nicht eingeblendet, aber Fuss berichtete von ihrem Vorhandensein und auch ihren Inhalten und meinte, das müsse der Verein aushalten, dass nicht alle glücklich sind über Deals mit fucking Katar, und dass es schon arg albern ist, dass sich die Spieler auf dem Rasen hinter das lächerliche „Rot gegen Rassismus“-Plakat stellen, während Tönnies weiter schön bei Schalke Geld verdient. Überrascht war ich außerdem von der CSU-Bürgermeister-Kandidatin Frank, die vor dem Spiel ein Interview gab. Sie stehe angeblich seit 25 Jahren mit einer Dauerkarte in der Südkurve und sie habe sich sehr über die einseitige Berichterstattung über angeblich hasserfüllte Fans der letzten Woche geärgert. Ich werde sie trotzdem nicht wählen, aber: well played.

Und jetzt höre ich die heutige Ausgabe vom wohltuend sachlichen Podcast mit Christian Drosten, dem Leiter der Virologie in der Berliner Charité und empfehle den Beitrag von Lars Fischer, warum Corona dann doch eine andere Hausnummer ist als Grippe.

Tagebuch Freitag/Samstag, 6./7. März 2020 – Rausgekehrt und heimgekommen

Freitag früh radelte ich ins Hauptstaatsarchiv, wo ich laut Mail auf diverse Akten aus dem Haus der Deutschen Kunst hoffen konnte; die ebenfalls vorbestellten aus dem Kultusministerium erwartete ich erst am Dienstag. Es kam genau anders herum und mir wurden Akten von nach 1945 in die Hand gedrückt, was mir aber auch recht war, mir ist in Archiven ja immer alles recht. Ich wühlte mich durch den Künstlerbund Isar, in dem Protzen Mitglied war und der sich nun neu gründen wollte (den gibt’s, glaube ich, nicht mehr), den Berufsverband Bildender Künstler, in dessen Akten ich viel über Wünsche von Künstlern 1948 erfuhr (Kohlen, Gips, Eisen, Werkzeuge und bittschön endlich den Telefonanschluss!) sowie die Kameradschaft der Künstler Münchens, zu der sich 1938 zwangweise alle Künstlervereinigungen zusammenschließen mussten. Das war eher persönliche Neugier als diss-relevant und so vertiefte ich mich in diverse Schreiben, als plötzlich die Ansage kam: „Bitte zum Schluss kommen, wir schließen gleich.“ Und ich noch so, mich können die nicht meinen, ich bin ja erst seit fünf Minuten (aka drei Stunden) hier. Ich war allerdings doch gemeint, denn der Lesesaal schließt freitags um 12, was ich total vergessen hatte. So wurde ich fies aus meiner Arbeit gerissen und stand danach völlig hilflos-verloren vor der Tür, umklammerte wimmernd meinen Laptop und wusste gar nicht, wohin mit mir. (Darstellung fürs Blog dramatisiert.)

Im Kopf waren noch Historicum und eventuell Stabi, bei der ich aber ahnte, dass die vorbestellten Dinge noch nicht da waren, und aufs Historicum hatte ich mittags keine Lust, weil da vermutlich eh alle Tische noch von der Vormittagsschicht belegt waren.

Also fuhr ich nach Hause, warf Spinat in die Pfanne, gönnte mir einen Mittagswein und läutete das Wochenende ein.

Ich hatte die letzten beiden Tage doofe Rückenschmerzen gehabt, was zunächst den Griff zur Wärmflasche und dann den zur Zyklus-App erzeugte. 16 Tage? Hm. Vielleicht doch wirklich Rücken und nicht nur mies ausstrahlender Uterus? Ab Donnerstab abend wusste ich aber: Uterus. Nach zwei herrlichen Zyklen von je 80 Tagen jetzt dann eben einen kürzeren. Das nervte zwar, beruhigte mich aber wieder, denn bei Rücken bin ich recht schnell panisch, denn er ist so ziemlich der einzige Körperteil, auf den ich wirklich aufpasse. Sobald ich aber weiß, es sind nur die Tage, geht’s mir besser. Dementsprechend holte mich Freitag dann auch die ebenfalls übliche Matschigkeit ein, die ich morgens noch mit Kaffee und Dusche und Archivvorfreude bekämpft hatte, der ich aber nun weinselig nachgeben konnte, weswegen ich den Nachmittag so ziemlich komplett mit der Wärmflasche auf dem Sofa verdöste.

Den Arbeitsnachmittag holte ich dann am Samstagvormittag nach, wo ich um fünf nach neun zur Öffnung der Bib im Historicum stand und mir ein paar Bücher an den Platz trug.

Wenn ich Punkt 9 dagewesen wäre, hätte ich vielleicht noch den Platz ganz vorne an der Fensterfront gekriegt, so saß ich drei Reihen dahinter und hatte ebenfalls einen schönen Ausblick und meine Ruhe.

Ich las viel über die direkte Nachkriegszeit und die Zeit bis zur Währungsreform. Mir fiel beim chronologischen Aufschreiben von Protzens Werken und den wenigen noch erhaltenen Einkunftsauskünften auf, dass ich schlicht nicht wusste, ob die ganzen schönen Reichsmärker, die er für seine Autobahnbilder bekommen hatte, überhaupt noch etwas wert waren und wenn ja, wieviel. Und zu welchem Kurs wurde eigentlich umgetauscht? Und durfte er alles umtauschen? Von den großen Fischen wie Hoffmann und Speer wusste ich, dass ihr Vermögen eingezogen worden war, bei meinem Maler war ich mir recht sicher, dass er ein kleiner Fisch war, aber belegen kann ich es, wie so oft, nicht.

In einem Buch blieb ich recht lange und fand diesen hervorragend formulierten Satz: „Wohl in kaum einem anderen Verwaltungsbereich standen die Amerikaner vor einem so deutlichen Dilemma zwischen Entnazifizierungszielen und den Zwängen einer raschen Krisenbewältigung wie in der Ernährungsbürokratie.“ (Quelle: Erker, Paul: „Ernährungskrise und Nachkriegsgesellschaft. Bauern und Arbeiterschaft in Bayern 1943–1953“, Stuttgart 1990, S. 38.) Ich habe nicht viel notiert, auch nicht fürs Blog, daher fasse ich aus dem Gedächnis zusammen: Lebensmittelkarten gab es seit 1938 (1939?), den Schwarzmarkt bereits seit 1942. Trotzdem verschlechterte sich die Lage der Bevölkerung, was die Versorgung mit Lebensmitteln anging, nach dem Kriegsende weiter. Die amerikanische Militärregierung übernahm daher fast komplett die Organisationsstruktur des Reichsnährstands, entfernte wenige Beamte oder offensichtliche Parteikader, ließ die meisten aber gewähren, damit die Leute was zu beißen hatten. Sie erkannten recht früh, dass man von einer Demokratie eher überzeugt ist, wenn der Bauch voll ist; am „Hungerwinter“ 1947/1948 konnten sie aber auch nichts ändern, wobei der vornehmlich das Ruhrgebiet betraf. (Totaler geistiger Schlenker, aber: Im Hungerwinter hatten die Menschen so um die 1000 Kalorien an Nahrung zum Verbrauch. Nur so als Gedanke, wenn euch die Influencerinnen mal wieder erzählen, wie locker und gut gelaunt man bei einer 1000-Kalorien-Diät drauf ist. Knurr.)

Das war schön, mal wieder bei den Historikerinnen zu sitzen. Auch hier hatte ich nach getaner Arbeit das Gefühl, huch, das ging viel zu schnell, ich bin doch erst vor fünf Minuten gekommen. (Aka drei Stunden.)

Geradelt, eingekauft, gelesen, Bürokram gemacht, zwei Folgen The Chef Show gesehen und mich a) über den Espresso einer Leserin gefreut, der seit gestern in meiner Mühle ist und b) über diesen Insta-Post.

Wird für zukünftige Bewerbungsschreiben vorgemerkt.

Abends endlich mal wieder mit F. gemeinsam gegessen und einen schönen Blaufränkisch genossen. Die scharfen Peperoni waren dazu eher eine dusselige Idee, wie wir beide feststellten. Ich musste sie trotzdem zwanghaft essen, waren lecker.

Ein doppeltes Dankeschön …

… an Jürgen, der mich mit zwei Büchern überraschte – und zwei Mails, in denen er sich auf meine Diss freut. Hey, ich mich auch!

Im Päckchen lag zunächst weiter leben: Eine Jugend von Ruth Klüger. Von der Dame hatte ich schon Frauen lesen anders gelesen, aber ich meine, ich bin durch die neulich schon und hiermit erneut empfohlene Sendung vom Deutschlandfunk über die Gedenkstätte Auschwitz wieder auf sie aufmerksam geworden.

Das zweite Buch war Der Osten von Andrzej Stasiuk, dessen Werk mir in Wien zuerst begegnete. (Der Urlaub Ende 2018 war toll, von dem zehre ich intellektuell immer noch.) Ich hatte danach noch Dojczland von ihm gelesen, was mir auch gefallen hatte.

Thematisch dichtes Paket, würde ich sagen. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut. Auch über die hervorragend gewählte Postkarte von Lotte Laserstein dazu.

Tagebuch Donnerstag, 5. März 2020 – Archiv und Bib, sorry, aufregender wird’s hier nicht mehr

Archiv war schon Mittwoch. Ich eruierte mit Google Maps und dem Raumfinder der TU, wo sich wohl das Architekturmuseum befinden könnte, erwischte in der Realität dann auch den richtigen Eingang am richtigen Gebäude – und irrte trotzdem fünf Minuten rum, bis mich die Archivarin ansprach, ob ich vielleicht ins Museum wolle. „Ich sag dauernd, wir brauchen hier ein Schild, das findet niemand!“ Ich möchte ergänzen: Drinnen wäre ein Schild „Ausgang“ auch super, diese schweren Holztüren sehen alle gleich aus.

Der Aufenthalt im Museum war leider auch nicht erfolgreicher. Der schriftliche Nachlass von Theo Lechner bestand aus zehn kopierten Seiten, die sich hauptsächlich um seine Berufung zum Prof 1940, wenn ich mir das richtig gemerkt habe, drehten. Immerhin eine Seite guckte ich länger an, denn da stand eine Art Lebenslauf mit den ganzen Projekten, die er betreute, und da schaute ich einfach, ob eins dabei war, bei dem ich auch Protzen verorten konnte. War’s nicht.

Die Archivarin gab mir noch den Tipp, es im TU-Archiv zu versuchen, aber die bewahren eher Personalakten auf, die brauche ich nicht. Und dann streckte sie mir zum Abschied die Hand entgegen und ich dachte erstmals in meinem Leben, oh Gott, Händeschütteln, dieser Leichtsinn!

So sieht’s aus, wenn man den Ausgang gefunden hat und auf dem Weg zum endgültigen Ausgang ist.

Abends sahen F. und ich uns nach gefühlt TAUSEND JAHREN endlich wieder; während ich in Berlin gewesen war, war er in London, dann war ich gefühlt erkältet, dann er, aber jetzt waren wir endlich wieder am selben Ort und trauten uns dazu auch noch in die gegenseitige Nähe. Das war schön.

Gestern war dann mal wieder ZI-Tag angesagt. Ich erwähnte vermutlich vor zwei Jahren mal meine ToDo-Liste, auf der ich notierte, was ich alles noch erledigen musste. Die ist inzwischen einer anderen ToDo-Liste gewichen, auf der ich nach Orten sortierte, was noch getan werden muss. Also was im ZI, was in der Stabi, was in welchem Archiv. Und die wird auch irgendwie nicht kürzer. Irgendwo hat mein Plan einen Haken.

Jedenfalls saß ich gestern von 9 bis 16 Uhr im Lesesaal, in den ich erstmal aus diversen Stockwerken Bücher und Zeitschriften schleppte. Ich behaupte, fünf Jahrgänge „Kunst dem Volk“ wiegen soviel wie eine Getränkekiste, Mistzeug. Immerhin ein prima Symbolbild für Nazischeiße gefunden.

(Josef Thorak. Bildquelle: „Kunst dem Volk“ Jan/Feb 1939, S. 27.)

Ich fand noch andere schöne Dinge, aber irgendwann verrannte ich mich mal wieder und fühlte mich irgendwann wie dieses gif, nach dem ich gestern abend auf Twitter fragte, wo es denn eigentlich herkäme:

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(Kommt aus It’s Always Sunny in Philadelphia, und jetzt muss ich die Serie wohl doch mal gucken.)

Jedenfalls spürte ich weiterhin der sinnlosen Frage nach, wen Protzen wohl kannte, damit er seinen ersten Autobahnjob antreten konnte, und verlor mich total in Ozeandampfern der Norddeutschen Lloyd, der Münchner Gobelin-Manufaktur, den Vereinigten Werkstätten und Fritz August Breuhaus de Groot. Versteht ihr alles, wenn ihr die Diss lest.

Halb verhungert, aber glücklich im Regen nach Hause geradelt, weil radeln und nach Hause. Dort gelernt: Auch wenn man sehr hungrig ist, nimmt man einen Löffel, um die letzten Maiskörner aus der Dose in die Salatschüssel zu kriegen und nicht die Finger. #aua #pflaster Auch gelernt: einhändig Rösti wenden ist sehr doof, wenn die andere Hand gerade damit beschäftigt ist, einen blutenden Zeigefinger hochzuhalten. War trotzdem lecker.

Tagebuch Mittwoch, 4. März 2020 – Omis Geburtstag

Meine Omi wäre gestern 100 Jahre alt geworden.

Das Foto ist von 1960, ich sah es in einem der Alben, die ich beim letzten Elternbesuch durchgeblättert hatte. Weil ein Foto von Omi auf Twitter mal so nette Kommentare zu ihrem Kleid erhalten hatte, fiel mir bei diesem Bild auf: Ich glaube, ich habe meine beiden Großmütter nie in Hosen gesehen. Auch nicht auf dem Fahrrad, bei der Gartenarbeit oder auf der Baustelle des Hauses meiner Eltern.

Direkt vor dieser Seite hatte meine Mutter, die im ehemaligen Ostpreußen geboren wurde, 1958 Aufnahmen aus dem Lager Friedland eingeklebt und mit einer Bildunterschrift versehen, über die ich stolperte: „Heimkehrerzug aus den zur Zeit unter polnischer Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten.“ Dass die Warschauer Verträge auch ein paar Jahrzehnte Entstehungszeit hinter sich hatten, war nicht mehr auf meinem Radar.

Wieder nur lausig mit dem iPhone abfotografiert. Ich muss beim nächsten Mal ein paar Alben auf den Scanner legen, hilft ja nichts. Viel zu spannend, um es im Wohnzimmerschrank verstauben zu lassen.

(Ich bloggte schon einmal über meine Großeltern.)

Tagebuch Dienstag, 3. März 2020 – Rumgraben

An der Diss gesessen, am Schlussteil gearbeitet, am Hauptteil weiter rumgegraben. Jetzt wo ich einmal durch das komplette Werkverzeichnis durch bin, alles eingeordnet habe, die für mich wichtigen Werke in einen Kontext gesetzt habe und um sie herum noch ein bisschen Zusatzinfo verfasst habe – alleine die wichtige Ausstellung „Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst“ hat 26 Seiten und dabei habe ich mich noch recht kurz gefasst –, kommt jetzt das Finetuning. Über 100 Werke im Verzeichnis sind als verkauft annotiert worden. Denen werde ich nicht komplett hinterherspüren, aber wo die 29 Bilder zur Reichsautobahn gelandet sind, würde ich doch gerne wissen. Momentan kann ich leider nur 13 wirklich sicher verorten, bei mindestens fünf gehe ich davon aus, dass sie zerstört wurden. Wo der Rest ist: keine Ahnung. Deswegen googelte und suchte ich gestern mal wieder, was ich schon öfter getan habe und schrieb ein paar Mails an Menschen, die vielleicht mehr wissen. Und das war dann schon mein ganzer langer Tag.

The Haunted California Idyll of German Writers in Exile

In diesem Artikel des New Yorker verbergen sich ungefähr fünf Bücher, in die ich jetzt dringend mal reingucken möchte. Es geht um die Künstler, Schriftsteller, Schauspieler etc. (m/w/d), die vor den Nationalsozialisten nach Kalifornien flohen und dort eine nicht immer unproblematische Gemeinschaft bildeten. Der Artikel ist auch als halbstündige Hörfassung auf der Site verlinkt.

„Nevertheless, even the most resourceful of the émigrés faced psychological turmoil. Whatever their opinion of L.A., they could not escape the universal condition of the refugee, in which images of the lost homeland intrude on any attempt to begin anew. They felt an excruciating dissonance between their idyllic circumstances and the horrors that were unfolding in Europe. Furthermore, they saw the all too familiar forces of intolerance and indifference lurking beneath America’s shining façades. To revisit exile literature against the trajectory of early-twentieth-century politics makes one wonder: What would it be like to flee one’s native country in terror or disgust, and start over in an unknown land? […]

At first, many of the exiles fled to France. Few of them believed that Hitler’s reign would last long, and a trip across the ocean seemed excessive. […] When, in 1940, Germany invaded France, Feuchtwanger was in dire danger of being captured by the Gestapo. His wife, Marta, helped arrange an elaborate escape, which required him to don a woman’s coat and shawl. That September, a motley group that included Franz Werfel, Alma Mahler, Heinrich Mann and his wife, Nelly, and Thomas Mann’s son Golo hiked across the Pyrenees, from France into Spain. Mahler carried a large bag containing several of her first husband’s manuscripts and the original score of Anton Bruckner’s Third Symphony. […]

Such doleful tales raise the question of why so many writers fled to L.A. Why not go to New York, where exiled visual artists gathered in droves? Ehrhard Bahr answers that the “lack of a cultural infrastructure” in L.A. was attractive: it allowed refugees to reconstitute the ideals of the Weimar Republic instead of competing with an extant literary scene. In addition, film work was an undeniable draw. Brecht’s anti-Hollywood invective hides the fact that he worked industriously to find a place as a screenwriter, and co-wrote Fritz Lang’s “Hangmen Also Die!” Even Thomas Mann flirted with Hollywood; there was talk of a film adaptation of “The Magic Mountain,” with Montgomery Clift as Hans Castorp and Greta Garbo as Clavdia Chauchat. […]

Franz Waxman fell into a career as a Hollywood composer after striking up a conversation with the director James Whale in Viertel’s living room. Brecht and Charles Laughton first met there. To be sure, not all of Viertel’s mediations panned out. She facilitated a legendarily unsuccessful meeting between Schoenberg and the studio head Irving Thalberg, who was seeking a composer for an adaptation of Pearl Buck’s “The Good Earth.” As Viertel relates in her memoir, Schoenberg told Thalberg that he would need complete creative control, and that the actors would have to conform to pitches and rhythms specified in his score.

That story is often cited for comic effect, to illustrate the irreconcilability of European values with those of Hollywood. When Thalberg complimented Schoenberg on his “lovely music”—one of the composer’s less challenging scores had recently been played on the radio—Schoenberg snapped, “I don’t write lovely music.”“

Tagebuch Montag, 2. März 2020 – Magic Monday

Morgens wieder fit gefühlt nach quasi zwei Tagen Rumdösen und Ausruhen, das war schön. Dann mit dem Rad zur Post gefahren, das war auch schön. Dort eine Zahlungserinnerung an einen Kunden per Einschreiben geschickt, das war nicht so schön. Das ist mir in zwölf Jahren Selbständigkeit auch noch nicht passiert, dass ich so ewig meinem Geld hinterherrennen muss. Aber da ich die Rechnung schon Anfang Dezember losgeschickt habe, würde ich jetzt doch ganz gerne allmählich bezahlt werden.

Tee gekocht, in die Thermoskanne umgefüllt und an den Schreibtisch gesetzt. Mir blutet zwar immer ein bisschen das Herz, Omis Teetasse und Sahnekännchen und Kandisdose neben zu mir haben und dann die olle Thermoskanne, aber die hält den Tee dann doch besser und unbitterer warm als Omis Teekanne auf einem Stövchen.

Dann gnadenlos bis ungefähr 19 Uhr ohne Pause durchgearbeitet. Wobei ich um halb vier den ersten Meilenstein auf Twitter verkünden konnte: Ich beendete die erste Textfassung des zweiten Teils meiner dreiteiligen Diss. Also den Teil, der am Ende vermutlich ungefähr 4/5 der Gesamttextmenge ausmachen wird. Erste Textfassung heißt, jetzt kommen noch die üblichen Gröner’schen 38 Korrekturschleifen, aber ich möchte das doch nochmal festhalten: Erste Textfassung des Brockens steht. Alle 570 Einträge im Werkverzeichnis angeguckt und in einen Kontext gesetzt, alle noch vorhandenen Fotos der insgesamt 678 Werke des Künstlers betrachtet, teilweise beschrieben, ebenfalls Kontext geschaffen. Sehr, sehr, sehr, sehr viele Ortsnamen gegoogelt, die unter Protzens Landschaftsbildern stehen, die ich alle nicht kannte und bei denen ich nie wusste, sind die jetzt in Österreich oder dem heutigen Polen? Ach, Italien. Ja gut dann. Dazu 1000 Ausstellungsrezensionen gelesen und teilweise zitiert, zwei wichtige Ausstellungen zum Thema Autobahnmalerei meiner Meinung nach sehr ordentlich nachvollzogen, erläutert, den Forschungsstand da deutlich erweitert und noch viel mehr Kram erledigt, der mir jetzt schon gar nicht mehr einfällt, weil er 250 Seiten her ist.

Während ich die externe Festplatte zur Sicherung anschloss, schwankte ich gefühlsmäßig zwischen „FUCK YEAH“ und „OMG was mach ich denn jetzt“, bis mir die 38 Korrekturschleifen einfielen. Puh, noch was zu tun.

Und weil ich gerade so schön im Flow war, begann ich gleich mit der ersten Schleife. Als ich dann um 19 Uhr das nächste Back-up machte, war ich noch zufriedener als ein paar Stunden vorher. Der erste Teil steht bis auf die Einleitung, also: Einleitung (kommt zum Schluss), Forschungsstand (NS-Kunst, Protzen, Autobahnmalerei), Quellen und als Abschluss des ersten Teils und Überleitung in den Hauptteil „10 Dinge, die Sie schon immer über die Reichsautobahn wissen wollten.“ Dann kommt der dicke Teil, den ich gestern vorerst abschließen konnte – und dann der dritte Teil, mit dem ich gestern morgen noch sehr gehadert hatte. In den mussten noch mehrere Dinge rein, bei denen ich selbst noch nicht wusste, wie genau und warum überhaupt, und dann gab es da einen Textteil, den ich ernsthaft schon vorne im Forschungsstand hatte, dann in den Quellen, dann in der theoretischen Einleitung und jetzt ist er ganz hinten und da bleibt er vermutlich auch, denn auch das fiel mir gestern ein: wie ich um den herum sinnvoll den Schluss aufbauen kann. Gleich mal stichwortartig notiert, aber damit fange ich dann erst heute an.

Jetzt glaube ich endgültig daran, dass das Ding fertig wird. Endlich getraut, das Titelblatt des Ganzen anzulegen: „‚Ziehet die Bahn durch deutsches Land.‘ Gemälde zur Reichsautobahn von Carl Theodor Protzen (1887–1956) im Kontext seines Gesamtwerks. Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie an der Ludwig-Maximilians‐Universität München.“ Vorgelegt von DEM KLEINEN SECHZEHNTSEMESTER!

Den Rest des Tages eigentlich nur noch debil, aber sehr zufrieden vor mich hingeatmet. Und Salat gegessen. Und Ben & Jerry’s Peanut Butter Cups.

Tagebuch Sonntag, 1. März 2020 – Matschtag

Vormittags ging’s mir gut, ich setzte mich frohgemut an die Diss – aber je länger der Tag dauerte, desto matschiger und kurzatmiger wurde ich wieder. Ab aufs Sofa zum Rumdösen, von da fast übergangslos einfach ins Bett gegangen.

Tagebuch Samstag, 29. Februar 2020 – Fiebermessen

Wie meinte Leo Fischer es auf Twitter so schön: „Genau was jetzt gefehlt hat: ein Extra-Tag 2020.“

Ich traue es mich ja kaum zu sagen, aber seit Freitag morgen fühlte ich mich etwas angeschlagen, eine kleine Erkältung schien in mir rumzuwabern. ODER ETWA NICHT? Ich mache zwar auch die ganze Zeit Corona-Witze, aber ich muss zugeben, gestern dann doch das Fieberthermometer gezückt zu haben. Wenn ich dem 40 Jahre alten Quecksilberding trauen kann: kein Fieber. Wohl brav uninfiziert. (Memo to me: endlich mal ein neues Thermometer kaufen. Vielleicht nicht gerade jetzt, wo alle durchdrehen.)

Morgens eingekauft, dann in warme Decken gehüllt, viel Tee getrunken, viel Obst gegessen und ansonsten den Tag komplett auf dem Sofa verdöst. Augsburg hatte gestern Heimspiel, aber für einen Stadionbesuch fühlte ich mich nicht kräftig genug, also sah ich die 2:3-Niederlage auf dem Laptop. Hat auch gereicht.

Außerdem bekam ich durch Twitter das lächerliche Spiel zwischen Bayern und Hoffenheim mit, das vermutlich inzwischen auch Menschen erreicht hat, denen Fußball total egal ist. Eine gute Einordnung zur Vorgeschichte der Kritik von Fans an Dietmar Hopp und umgekehrt bietet Andrej Reisin in seinem Thread.

Den zitiert auch die Wortpiratin in ihrem Blogeintrag: Spielunterbrechung: Mit zweierlei Maß.

„Spielabbruch? Wegen wiederholter Beleidigungen gegen den Hoffenheimer Mäzen? Interessanter Schachzug in Zeiten, in denen antiziganistische, antisemitische, rassistische und ableistische Entgleisungen in Stadien wieder zugenommen haben und achselzuckend hingenommen werden. Sexismus hat ja schon in der Vergangenheit nie wirklich irgendjemanden gestört, geschweige denn zum Handeln gebracht.

Da muss man gar nicht so weit gehen und die Würdigung des verstorbenen Nazis Tommy Haller im Heimstadion des Chemnitzer FC auszupacken, die als eine gefährliche politische Positionierung der Kurve und von Teilen des Vereins gewertet werden muss (klick), die der Verband eigentlich an Ort und Stelle hätte sanktionieren müssen. Man muss sich auch nicht in die Niederungen der Ligen begeben und zum wiederholten Male die Partie zwischen dem SV Babelsberg und Energie Cottbus ausgraben, bei der Beschimpfungen wie „Zecken, Zigeuner und Juden“ oder der Hitlergruß nicht zu einem Spielabbruch führten (klick).

Man kann es sich viel einfacher machen und beispielsweise auf das Pokalspiel zwischen Hertha BSC und Schalke 04 in diesem Monat schauen, bei dem Herthas Jordan Torunarigha von den Rängen rassistisch beleidigt wurde (klick). Konsequenzen gab es keine, obwohl der Schiedsrichter Harm Osmers darüber informiert wurde, dass Torunarigha Affenlaute von den Rängen gehört hatte. Oder wie war es vor zwei Jahren, als Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus von Fans deutlich vernehmbar als Hure beschimpft wurde (klick)? Natürlich gab es im Nachhinein Entschuldigungen, das Spiel lief zuvor aber davon unbeeindruckt weiter.“

Zwischen den Nachmittagsspielen und dem Aktuellen Sportstudio, das ich ungefähr 20 Minuten durchhielt, bevor ich mit Dingen werfen wollte, sah ich die erste Folge von Queen Sono, der ersten afrikanischen Serie, die für Netflix produziert wurde. Das war ein für mich recht ungewohntes Sehvergnügen, angefangen von den sehr wenigen Weißen im Bild, zweitens wegen der Schauplätze, zum Beispiel Südafrika, und drittens wegen der unterschiedlichen Sprachen, in denen konversiert wurde, zum Beispiel isiZulu, was einem die Untertitel netterweise mitteilen. Die Handlung selbst hat mich nicht umgehauen, aber ich werde die Serie weiterschauen, weil es mir genauso ging wie die Review der NY Times andeutet: „That “Queen Sono” is unremarkable as an action and crime drama doesn’t cancel the excitement of seeing something new (if it’s indeed new to you).“

Am 20. September 1944 erklärte die NY Times ihren Leser*innen, was Pizza ist. Hier ein pdf des Original-Artikels, leider nur für Abonnent*innen lesbar. Via @smittenkitchen, die diesen Tweet retweetet hat, in dem sich auch ein für alle lesbarer Screenshot befindet.

Und wieder ab unter die Decken. Fühle mich aber etwas besser. War vielleicht einfach nur eine anstrengende Woche.

Tagebuch Freitag, 28. Februar 2020 – Reisetag (total doppelbödige Überschrift, merkt ihr im vorletzten Absatz)

Ich war bereits am Donnerstag mit allen Akten durch. Mist, doch zu wenige bestellt. Wie man’s macht, mache ich’s verkehrt – im Kunstarchiv Nürnberg hatte ich letztes Mal nicht alles geschafft, im Hauptstaatsarchiv München dauerte auch alles länger als gedacht, im Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg brauchte ich für zwei Ordner zwei Tage, aber jetzt, im ehrwürdig runtergerockten Bundesarchiv war ich am Donnerstagnachmittag mit meinen 26 Archiveinheiten durch. Wenn man online ordert, soll man fünf Tage Vorlaufzeit einkalkulieren, daher ahnte ich, dass eine spontane Nachbestellung eher aussichtslos wäre, aber die freundliche Auskunft sagte mir, och, wenn man schon hier vor Ort ist, dann geht das auch innerhalb eines Tages, das wäre dann aber erst Freitag ab 14 Uhr da. Da das Archiv Freitags aber schon um 16 Uhr schließt, dachte ich mir, nee, das ist albern und verzichtete.

Also spazierte ich ein letztes Mal zurück ins Hotel und überlegte die ganze Zeit: Freitag noch Sightseeing machen oder wenigstens ein bisschen Kunst gucken und den gebuchten Flug um 20 Uhr zurück nach München? Flug umbuchen? Lieber einfach in den nächsten Zug steigen? Aber ich habe ja noch eine Nacht im Hotel, die bezahlt ist? Alles sehr kompliziert.

Im Hotel angekommen war dann gar nichts mehr kompliziert. Ich wollte nach Hause, aber nicht für irre viel Geld mehr als ich eh schon in dieser Woche (immerhin sinnvoll) ausgegeben habe, und ich wollte nichts mehr angucken, sondern nur noch den Kopf ausmachen. Ich ahne, dass die Tränchen am Donnerstag ein dezenter Hinweis darauf gewesen sein könnten, dass ich mal eine Pause brauche von det Janze. Also entschieden: ab ins Bett, Netflix and Chill, und dann Freitag möglichst früh wieder nach Hause. Den Flug umzubuchen wäre lächerlich teuer gewesen, also ließ ich den einfach verfallen und buchte mir eine Zugfahrt nach 9 Uhr morgens, damit ich mit dem Köfferchen nicht in den Berufsverkehr musste, da stehen Leute bestimmt total drauf, die schnell ins Büro müssen, wenn ich da im Weg rumirre.

Gebucht, einen entspannten Abend mit ein paar Serienfolgen verbracht, fürs Abendbrot ein letztes Mal bei REWE an der Salatbar bedient, weil das so einen schönen Agenturflashback gab. Bei der letzten Buchung, die ich vor Ort in einer Agentur bestritten habe, war ich nicht in meiner Stadt und konnte daher nichts für die Mittagspause vorkochen oder mitbringen. Also ging es in den Supermarkt. Ich mag die Salatbar wirklich, aber ich habe belustigt festgestellt, dass ich für die Mengen, die ich hungrig in Berlin vertilgte, in Hamburg das Doppelte bezahlt hätte. Ich wohne echt immer in den falschen Städten.

Am letzten Morgen gab es keine Buletten mehr in der Rühreiwarmhaltekiste des Frühstücksbuffets. Berlin machte mir den Abschied leichter. (Okay, es gab ganz hervorragendes Zucchini-Paprika-Gemüse.) Ich twitterte diesen Umstand und meinte auch, dass ich ab heute wieder Frikadellen sagen würde, woraufhin mir noch das Wort „Fleischpflanzerl“ angereicht wurde, das ich schon wieder verdrängt hatte. Ich weigere mich, dieses Wort zu benutzen, weil es so bescheuert ist. Und weil ich bescheuert klinge, wenn ich versuche, es auszusprechen. Als Hannoveranerin mache ich mich mit jedem Dialekt zum Affen, aber mit Bairisch ganz besonders. Frikadellen for life!

Auf Anhieb den Weg zum Südkreuz gefunden, nicht verirrt, ein bisschen am Bahnhof rumgefroren, weil ich sehr viel Puffer eingeplant hatte und eh nutzloserweise ab 4.30 Uhr wach war. Klappte nicht ganz so gut mit dem Kopfausmachen.

Leider war im Zug kein Platz mehr im Ruheabteil freigewesen, und ich stellte in gut vier Stunden zwischen Südkreuz und München interessiert fest, dass Kinder mit iPads und Kopfhörern super umgehen können, während Erwachsene echt dringend und echt laut die ganze Zeit quatschen müssen oder nicht wissen, wie sie ihr Handy stumm schalten können. Ich dankte dem Herrgott erneut für meine Noise-Cancelling-Dinger, war aber etwas missmutig ob des Sitzplatzes. Der Wagen war schon ziemlich ausreserviert gewesen, als ich das Ticket gebucht hatte, daher nahm ich den letzten einzelnen Sitz, der noch da war (ja, 1. Klasse. Alles über zwei Stunden ist 1. Klasse). Der war, wie ich befürchtet hatte, einer dieser Mistsitze, bei denen man nur ein Stück Plastikwand anguckt und kein Fenster neben sich hat. Aus den schmalen Streifen links und rechts vom Plastik konnte ich aber immerhin zwischen Erfurt und Bamberg den total verschneiten Thüringer Wald genießen, falls das noch der Thüringer Wald war. Jedenfalls waren da viele Nadelbäume mit unberührtem Schnee drauf, perfekt wie ein Architekturmodell. Das war schön.

Außerdem saß ich ganz vorne im Zug, hatte es also in München nicht mehr weit bis zur U-Bahn. Und ich hatte wieder Gelegenheit, eine neue Folge vom Podcast „32 x Beethoven“ mit Igor Levit zu hören. Da kamen sogar kurz mal die Walküren vorbei (bei 00.19 min, macht aber im Gesamtzusammenhang mehr Spaß). Das war auch schön.

Zuhause taute ich mir eine Tüte Franzbrötchen vom letzten Wochenende auf und freute mich über einen Brief des Stadtarchivs Leipzig, das mir für 20 Euro verraten hatte, wohin die eine Schwester Protzens irgendwann mal gezogen ist. Ich konnte sie in Leipziger Adressbüchern nur bis Ende der 1940 Jahre finden, und jetzt weiß ich auch warum: weil sie 1938 geheiratet und einen neuen Namen hatte. Ich nehme an, in Kriegszeiten und während der Umbrüche nach 1945 war nicht so recht Zeit für eine ordnungsgemäße Ummeldung, weswegen ich sie noch länger unter ihrem Namen gefunden hatte. 1968 übersiedelte sie mit ihrem Mann in den Westen. Seit 1964 durften Rentner*innen in der DDR für vier Wochen im Jahr Verwandte in der Bundesrepublik besuchen. Wenn ich dieser Statistik trauen kann, wurden in diesem Jahr überdurchschnittlich viele Ausreiseanträge genehmigt; die Zahl ging aber wieder zurück. Vielleicht dachte sich das Ehepaar 1968, dass die Tür sich wieder schließen würde. Christa Protzen war zu dieser Zeit 70 Jahre alt, vielleicht gab auch das den Ausschlag. Sie zogen allerdings nicht nach München; Protzen und seine Ehefrau waren zu dieser Zeit bereits verstorben. Protzens jüngere Schwester verstarb bereits 1959, auch sie hatte ich irgendwann nicht mehr gefunden, wobei sie in Leipzig geblieben war. Noch ein Stückchen deutsche Geschichte, auf das ich anhand dieses Malers gestoßen werde.

Das war eine gute Woche. Viel gelesen, viel gelernt, nicht ganz so viel im Diss-Dokument bzw. den vielen Einzelkapiteln Dinge notiert wie ich gehofft hatte, aber ich weiß ja inzwischen, auch von den Mit-Doktorand*innen, dass wir alle quasi Lückentexte produzieren. Gefühlt steht auf jeder zweiten Seite bei mir „vermutlich“, „wahrscheinlich“, „es besteht die Möglichkeit“, weil mir schlicht die Quellen fehlen. Aber da die auch allen anderen fehlen, lesen sich alle Biografien über NS-Künstler, die nicht die ganz großen Fische waren, so oder ähnlich.

Tagebuch Donnerstag, 27. Februar 2020 – Bundestränchen

Am vorletzten Tag meines Bundesarchiv-Aufenthalts wartete der Feind: die Mikroformate. So war es mir jedenfalls auf der Bestellbestätigung vom Archiv mitgeteilt worden, nicht alles, was ich haben wollte, gab es auf schönem, übersichtlichen Papier.

Todesmutig stapfte ich in den Ausgaberaum, wo mir sechs Umschläge mit Mikrofiches in die Hand gedrückt wurden. Interessiert stellte ich fest, dass die Lesegeräte nicht ganz so altmodisch waren wie die, die ich aus der Münchner Stabi kenne, wo man eines der Plastikblättchen auf die dafür vorgesehene Glasplatte legt, sie unter das Objektiv (?) schiebt und hofft, dass man alles richtig herum reingedengelt hat. Das war’s. Hier war das Lesegerät digital, das heißt, man konnte per Mausklick die Ansicht ändern, wenn man das Blatt, wie erwartet, verkehrt eingelegt hatte. Außerdem konnte man an Kontrast und Helligkeit rumspielen, zoomen (okay, das geht analog auch) und ich meine auch ausdrucken. Und: Man liest nicht die ganze Zeit weißen Text auf schwarzem Grund, was ich hasse, sondern schwarz auf weiß. Wie eingescannte Blätter halt.

Das wäre alles total toll, wenn es das Leseerlebnis verbessern würde. Schwarz auf weiß ist prima, danke, meine Augen haben sich sehr gefreut. Aber: Vieles war schlicht nicht lesbar, weil die Schrift zu hell war. Das war mir schon bei vielen Akten in den letzten Tagen aufgefallen, dass keine Originale erhalten waren, sondern der vierte Durchschlag des Originals. Auf Papier ging das noch, als Scan/Foto war es teilweise komplett unbenutzbar. Aber hey, es waren ja nur die Akten der Reichskanzlei, da stand bestimmt nichts wichtiges drin.

Ich fand immerhin das meiste von dem, was ich zu finden gehofft hatte, anderes fand ich nicht mal ansatzweise und ich weiß jetzt auch nicht mehr, wo ich noch danach suchen könnte. Bleibt das halt eine Lücke in der Diss. Die werde nur ich sehen, aber ich werde mich die nächsten 20 Jahre darüber ärgern, keine Quelle dafür gefunden zu haben.

Ich stolperte außerdem über einen Fall, von dem ich im Rosenheim-Seminar schon mal gehört hatte; das fand ich sehr spannend, den Sachverhalt anhand der Originalquellen nachvollziehen zu können.

Und dann stolperte ich noch über die ersten Entwürfe zur staatlich legitimierten „Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“, also dem Raubzug durch deutsche Museen der heute so genannten Klassischen Moderne. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet gewesen; ich hatte mich doch gerade nur durch Briefwechsel von einzelnen Künstlern oder Künstlergruppen gewühlt, die irgendwelche Nachlässe, Werke oder Kompositionen dem „verehrten Führer und Reichskanzler“ überlassen wollten, woraufhin die Kanzlei meist sehr höflich formulierte, dass Herr Hitler gerade echt was Besseres zu tun hätte. Allerdings nicht immer: Gerade die Münchner Künstler konnten sehr häufig auf persönliche Unterstützung oder finanzielle Hilfen hoffen. Auch deswegen wollte ich in diesen Beständen rumwühlen; die Sekundärliteratur war da gerne etwas blumig-vage geblieben, aber jetzt konnte ich einzelne Schreiben zitieren und Vorgänge nachvollziehen. Und so war ich im Kopf bei Bettelbriefen und Huldsbezeugungen und dann kamen auf dem Monitor plötzlich die ersten Unterlagen darüber, wie man am besten deutsche Kunst einzieht, aber die Ausländer nicht verprellt, die diesen Kram ja so mögen. Es fiel auch der Begriff „nicht unbeachtliche Vermögensobjekte“; den Deppen war durchaus klar, was sie da an den Wänden hatten, sie wollten es bloß nicht anschauen oder sich damit auseinandersetzen, dass es mehr als ihre beschissen eng gefasste Weltsicht gibt, sondern lieber banalste Genreszenen aus dem 19. Jahrhundert wieder aufleben lassen, weil’s da ja so schön war.

Zuerst war ich pissig und dann sehr nah am Wasser, was mich selbst überraschte. Ich weiß ja so gaaanz langsam, mit was ich mich da seit Jahren befasse, aber manchmal überwältigt es mich dann doch noch. Diese Engstirnigkeit, dieser Hass, dieser Wille zur Macht auf der einen und zur Vernichtung auf der anderen Seite. Die Sprache, das Bürokratische, die ständig neuen Regeln, die gefühlt willkürlich gemacht wurden, weil sie es konnten. Manchmal ist es zu viel und dann heult man kurz im Bundesarchiv. Weil es eben nicht nur um ein paar bunte Bilder ging. Ich bin nicht hart genug für die Kunstgeschichte.

Tagebuch Mittwoch, 26. Februar 2020 – Fundsachen

Archivtag, alles toll für mich, weniger toll für euch, weil ihr euch vermutlich weniger über Halbsätze in Briefen freuen könnt wie ich, die sich über jeden Fitzel freut, den sie zu bestimmten Sachverhalten findet.

So war ich gestern glücklich über einen kleinen Fund, für den ich 19 Aktenpakete hatte durchblättern müssen, aber im 20. war er dann. Ich kann jetzt ungefähr sagen, wieviel Protzen für sein erstes Werk zu den Reichsautobahnen an Geld bekommen hat, was für mich ein wichtiges Indiz dafür ist, dass er einen finanziellen Ansporn hatte, mit dem Thema weiterzumachen. Und zwar keinen ganz kleinen. Anhand der verzeichneten Einkünfte in Werkverzeichnis und Spruchkammerbogen (letzte Quelle ist natürlich mit Vorsicht zu genießen) kann ich seine Einkommensverhältnisse immerhin annähernd erkennen, und da war diese Summe nicht ganz unwichtig. Sie versteckte sich in einem Brief des Ausstellungsleiters Theo Lechner von 1934, der sich bei Eduard Schönleben, die rechte Hand von Fritz Todt, über einen Berliner Grafiker beschwerte, der seiner Meinung nach viel zu viel abrechnen wollte – im Gegensatz zu seinen braven Münchner Kollegen. „Meine Meinung von dem Berliner Geist und dem Berliner Tempo ist neu bestätigt worden.“ (BArch R/4601/1306)

Und wie gestern ist eben beim Aufschreiben fürs Blog was Nettes passiert: Ich guckte nach Herrn Lechner im Interweb und weiß nun, dass sein Nachlass in der TU München liegt. Ich mache gerade geistig einen Termin aus. Ich wusste bis eben nicht, dass da NOCH EINE STELLE ist, an der ich rumwühlen kann. Harhar.

Außerdem freute ich mich über einen kurzen Schriftwechsel über ein anzukaufendes Werk für die Autobahnraststätte in Mährisch Trübau (Moravská Třebová); darin fanden sich Vergleiche zu anderen Malern – wenn Ingenieure über Kunst reden -, berechtigtes Gemeckere über die zu hohen GDK-Preise und, für mich nebenbei interessant, die Bezeichung „Beauftragter für die Durchgangsautobahn“, was den Stellenwert des heutigen Tschechien im Gesamtraumplan der Nationalsozialisten recht deutlich macht.

Daran muss ich mich manchmal selbst erinnern, in welchen Dokumenten ich hier rumwühle. Das ist zwar alles spannend und für mich aufregend und es fühlt sich wie ein sinnvoller Tag an, den ich damit verbringe, aber manchmal muss ich mir selbst deutlich klarmachen, dass auch eine so schicke Ausstellung wie „Die Straße“ eben nicht nur darüber informieren wollte, wie toll deutsche Baumaschinen sind, sondern auch, wie ideologisch selbst Dinge wie die Darstellung einer Landstraße aufgeladen werden kann („Die Straße frei den braunen Bataillonen“). Gestern stieß ich auf einen Schriftwechsel, in dem jemand der Baubehörde einen Bildhauer empfahl, dessen Arbeit aber überhaupt nicht auf Zustimmung stieß. Da hieß es sinngemäß, dass diese Kunst nicht „deutsch“ genug aussehe und dass man den Mann vielleicht mal nach Russland empfehlen sollte. Und schon wird aus dem gespannten, gut gelaunten Archivlesen die Erinnerung an alles, was dieses Regime angerichtet hat.

Auch deswegen war ich, Achtung, Themawechsel, auch so auf Hunters pissig: weil es der Serie nicht gereicht hat, den Holocaust in seiner Grausamkeit darzustellen, nein, sie haben sich total unterhaltsame Gewalttaten ausgedacht, damit es noch fürchterlicher wird. (Habe mich auf sehr seltsame Weise verstanden gefühlt, weil die Gedenkstätte Auschwitz das ähnlich sieht.)

Jeden Abend beim letzten Händewaschen im Archiv denke ich naiverweise, dass es so schön wäre, den ganzen Nazidreck da draußen genauso abspülen zu können wie ich gerade den Staub der Dokumente, die ich stundenlang in den Händen hatte.

Tagebuch Dienstag, 25. Februar 2020 – Babykram

Vor dem Wecker wachgewesen, die Archivvorfreude, Sie wissen schon.

Das erste Mal dem Hotelfrühstück begegnet. Rührei war da, wenn auch mit Feta drin (WARUM), es gab frische Tomaten, Gurken und Paprika, aber weil das hier nur 3 Sterne sind und nicht 4, musste man sich das selber kleinsäbeln. Kann ich. Kaffee war okay, Brotauswahl gut, bergeweise Müsli und Obst, ich war zufrieden und satt. Wo ich zuhause nur einen Flat White trinke, frühstücke ich auswärts immer anständig, weil ich dafür mittags sehr wenig und abends auch nicht irre viel esse. Zuhause kann ich ja theoretisch stundenlang kochen, wenn es mir beliebt. Hotelzimmer haben dooferweise immer noch keine Mikrowellen oder Puppenherde oder sowas.

Beim Bäcker ein Käsebrötchen gekauft, in den Rucksack gepackt, wo schon ein Liter Wasser und ein Apfel lagen. Gab’s später zum Mittach.

Im Archiv acht Stunden durchgearbeitet mit zehn Minuten Brötchen-Apfel-Unterbrechung. Ich wühlte weiterhin in den Beständen der Reichsautobahndirektion bzw. den vielen Akten zur Ausstellung „Die Straße“ von 1934. Für diese Ausstellung malte Protzen mit sieben anderen Malern acht Gemälde, die in der sogenannten Ehrenhalle am Beginn der Ausstellung gezeigt wurden, hier ein Blick in diese Halle.

Bildquelle: Das deutsche Malerblatt 21 (1934), S. 373.

Ihr erkennt in der Mitte das Münchner Kindle (Tippfehler, lass ich so) über den Türen; daneben hingen noch diverse andere Stadtwappen oder Pseudowappen mit Sehenswürdigkeiten. Ich habe ein Schreiben eines Verwaltungsbeamten aus Kassel gefunden, der freundlich anmerkte, dass das abgebildete Wahrzeichen nicht so dringend als Wahrzeichen wahrgenommen werde, eher was anderes, hier ist das Beispiel, ob man das für die Neuauflage der Ausstellung in Berlin 1935 vielleicht verbessern könne, hier ist unser Geld. (Kann mich nicht daran erinnern, was es war, Kassel ist mir gerade wurst, sorry, Kassel, aber anscheinend habe ich mir den Sachverhalt doch halbwegs gemerkt.)

Und jetzt beim Schreiben dieses Blogeintrags ist was Tolles passiert. Ich googelte – anscheinend zum ersten Mal – „straße münchen 1934 ausstellung“ oder so ähnlich, damit ihr wisst, wovon ich rede, und stieß auf diese Seite des Deutschen Museums, das ab 1938 eine Autobahnschau hatte. Und wenn ihr mal im zweiten Bild die riesige Landkarte mit den Brücken anguckt, dann freut euch einfach für mich mit, denn genau davon liegt im Nachlass Protzens ein Foto und ich wusste nie, für was oder wann er diese Arbeit ausgeführt hat. Ha! Bloggen! So super!

Das Archiv des Deutschen Museums steht auch noch auf meiner Liste; vermutlich finde ich da Unterlagen zu dieser Arbeit, aber wenn nicht, habe ich jetzt schon einen Beleg. Yay!

Ich weiß nicht mehr, was ich eigentlich über meinen Archivtag schreiben wollte, aber das ist jetzt auch egal. Ich hatte wie immer viel Spaß und verspürte danach diese angenehme Matschigkeit im Kopf, wenn man viel gelesen, viel gelernt und viel notiert hatte.

Von meinen angefragten 25 Archiveinheiten habe ich jetzt zehn durch, ich hoffe, ich schaffe alles bis Freitag.

Oh, mir ist doch noch was eingefallen vom Archivtag, das ich ausplaudern kann, denn ich habe die Heuer-Ampel kennengelernt. Was man halt so mitkriegt, wenn man sich durch Aktenberge zur Vorbereitung für eine Straßenbau-Ausstellung wühlt.

Abends totalen Schmacht auf Salat gehabt, aber keine Lust, irgendwo hinzugehen. Ich meinte, bei Aldi gestern welchen gesehen zu haben, aber mir fiel ein, dass ich meine üblichen Reiseutensilien Gabel und Löffel zuhause vergessen hatte. Da ich aber WIRKLICH Schmacht auf Salat hatte, ging ich vor dem Supermarkt noch schnell bei dm rein und besitze jetzt ein formschönes Babybesteck mit Dinosauriern drauf. Während ich blogge, esse ich damit übrigens Möhrensalat.

Abends beim Chelsea-Bayern-Spiel schon in der ersten Halbzeit weggenickt, aber noch rechtzeitig zu den drei Toren wieder aufgewacht. Dann aber ohne Buch ins Bett.

Haben alle in meiner Blogblase schon empfohlen, ich jetzt auch: Auf der Suche nach dem Winter aka Andrea Diener war für die FAZ in Sibieren. Hier mein Lieblingsabsatz:

„Galina kochte uns den unvermeidlichen Omul, den endemischen Baikalfisch, den man hier in allen Aggregatszuständen bekommt: Als Suppe, als Fischfrikadelle, geräuchert, gefüllt, gegrillt, mit und ohne Haut. Dazu schenkte sie uns Schnaps aus einer Teekanne in kleine Gläser mit Stiel und Goldrand. Wir waren sauber, es war warm, wir waren satt und hatten diverse Schnäpse intus, die wir, immer gerne genommen, auf die deutsch-russische Druschba tranken, die Völkerfreundschaft, dann tranken wir, inspiriert von den werktätigen Sowjetfrauen im Fernsehen, auf die Liebe, auf den Baikal und was uns sonst noch einfiel. Glücklich und zufrieden wankten wir nach solchen Abenden mit unseren Handtüchern und Seifendosen die Straße zurück in unser Haus und fielen um. Russische Wellness ist nicht sehr glamourös, aber sie wirkt.“