Links von Samstag, 27. März 2021

Murnau liegt bei Mexiko

Das Lenbachhaus hat seine Sammlung des Blauen Reiters umgestaltet und dafür den gesamten zweiten Stock freigeräumt, was mich etwas stoßatmen lässt. Hauptsache, die Neue Sachlichkeit ist noch da, wenn ich irgendwann mal gucken komme (Post-Impfung). Die genauere Beschreibung steht im Artikel, ich copypaste hier den Einstieg, weil ich genau diesen Ansatz – lokale Kunst ist auch immer globale Kunst – sehr spannend finde. Gerade in der Zeit des Internets, in der man sich buchstäblich die ganze Welt an den Schreibtisch oder ins Atelier holen kann.

„Wie umfassend das Konzept des Münchner Lenbachhauses tatsächlich ist, wird man vollständig erst im Herbst wissen. Dann nämlich, wenn auch der zweite Teil der “Gruppendynamik” mit dem Schwerpunkt “Kollektive der Moderne” zu sehen sein wird. Im direkten Vergleich mit anderen Künstlerkollektiven soll sich zeigen, wie zukunftsweisend die zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierten Ideen des Blauen Reiters waren. Doch jetzt schon zeichnet sich ab: Das Lenbachhaus hat für dieses Projekt tief gegraben – in der eigenen wie in anderen Sammlungen.

Die Doppelausstellung bildet den Abschluss der über vier Jahre von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Reihe “Museum Global”, bei der Museen in Deutschland ihre Sammlungen im Kontext außereuropäischer Kunstproduktion beleuchteten. Den Anfang hatte im November 2017 das Museum für moderne Kunst Frankfurt gemacht, das seine Werke zusammen mit lateinamerikanischer Kunst “A Tale of Two Worlds” erzählen ließ. Es folgte die Berliner Nationalgalerie, die sich mit der Ausstellung “Hello World” der Frage stellte, wie die eigene Sammlung heute aussehen würde, hätte ein global orientiertes Kunstverständnis ihren Aufbau geprägt. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen schließlich kontrastierte in der Ausstellung “Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne” ihre westlich geprägte Sammlung mit Kunstwerken aus den Ländern Süd- und Mittelamerikas, Asiens und Afrikas. Und nun also ist das Münchner Lenbachhaus mit seiner zweiteiligen “Gruppendynamik”-Schau dran.“

How Art Historian Aby Warburg Changed the Way We See

Apropos global: Art Review erläutert Warburgs Mnemosyne-Bilderatlas, der in Berlin zu sehen ist – und online, yay! Quasi Erster-Semester-Bachelor-Inhalt, da durften wir alle durch.

„Your first impression on encountering this reconstruction of German art-historian Aby Warburg’s most celebrated work is that it looks like a primitive, pinboard version of a Google image search. Or the evidence board in some 1970s crime movie. Yet to many, Warburg’s Bilderatlas (picture atlas), begun in the final years of his life and incomplete at his death, in 1929, represents the origins of modern (Western) art history, when disciplines such as iconography, sociology, ethnography and psychology were introduced into a history of Western art that had until then been dominated by aesthetics alone; to others it presages contemporary image-culture; while to others still it really is symptomatic of Warburg’s ‘crimes’. For Warburg himself it was part of ‘a laboratory of the study of civilization’. As long as you accept, according to a map that opens the presentation, that civilisation is the property of a geography that stretches from Bagdad to Coruña and from Hamburg to Aswan. Prepared according to Warburg’s instructions, it’s titled ‘The Road Map to Cultural Exchange Routes’.“

Die Zukunft des kunsthistorischen Publizierens

Ein neuer Sammelband, der auch online zu lesen ist. Da wühle ich mich heute durch.

„Quasi als experimenteller Selbstversuch wird bei unserem Tagungsband, der auf der von der DFG-geförderten Open-Access-Publikationsplattform arthistoricum.net – ART-Books erscheint, dem PDF-E-Book und der Druckausgabe (Print-on-Demand) nicht nur eine XML-basierte HTML-Version zur Seite gestellt, sondern als viertes Ausgabeformat ein maschinell lesbares und mit Normdatentagging angereichertes XML zum Download angeboten.“

(Zitat aus der Einführung.)

Louvre probes its collection for Nazi and colonial loot in massive provenance research project

Die gute Nachricht: Der Louvre hat seit Kurzem fast seine gesamte Sammlung online, noch ein yay. Die schlechte: darunter sind auch noch einige Stücke, deren Herkunft problematisch oder ungeklärt ist.

„More than 1,700 works that were recovered in Germany after the Second World War but have never been returned to the descendants of their rightful owners are listed under the category of Musées Nationaux Récupération (MNR). The works do not belong to the French state but are managed by the Louvre and entrusted to French national museums for safekeeping. The new collection website says the Louvre “is committed to carrying out research to find their rightful owners or beneficiaries”. In late 2017, the museum opened two galleries of MNR paintings to encourage heirs to come forward.

In addition, the Louvre has so far checked some two-thirds of the 13,943 works it acquired between 1933 and 1945 for problematic provenance, Martinez said during a preliminary appraisal of the research earlier this month. He anticipates that the museum will add the findings from this initiative to the new digital collection catalogue at a future date. The website “is evolving and putting it online is only a first step”, he tells The Art Newspaper.“

Wir mäandern um die Sammeltasse

Ich erwähnte vor einigen Wochen, dass ich mal wieder Geschirr aus der alten Heimat in den Süden geschleppt habe. Dieses Mal: Sammeltassen. Und weil ich mich neugierig ein bisschen für diese seltsamen Teile interessierte, reiche ich meine bescheidene Recherche hier an euch weiter. Bescheiden, weil ich gerade nicht in der Bibliothek sitzen möchte und nur weniges zum Ausleihen bzw. online gefunden habe. Im ZI hätte ich mich jetzt stundenlang in die Porzellanherstellung im 19. Jahrhundert vertieft, aber das muss leider ausfallen.

Die Wikipedia ist ziemlich weit vorne mit ihrem Eintrag, aus dem ich mal zitiere:

„Die Tradition der Sammeltasse geht zurück auf die Zeit des Biedermeier. Im frühen 19. Jahrhundert wurde Porzellan preiswerter, und es entwickelte sich in bürgerlichen Kreisen der Brauch, Tassen zu sammeln oder zu besonderen Anlässen zu verschenken, auch als Freundschaftsgabe und oft mit namentlicher Widmung. Als Souvenir waren Sammeltassen wie sonstiger Nippes aus Porzellan bereits im 19. Jahrhundert weit verbreitet. […] Auf die zunehmende Lust am Sammeln von Geschirr reagierten die Hersteller mit immer umfangreicheren Modellpaletten. Die Porzellanmanufaktur Fürstenberg entwickelte zum Beispiel im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts über einhundert verschiedene Tassenformen und entsprechend viele Dekore. 1860 umfasste der lieferbare Bestand 91 Modelle, und 1926 wurden rund 200 zum Teil hochwertig dekorierte Sammeltassen und die um 1900 aufgekommenen kleineren Mokkatassen angeboten.

Die Blütezeit der Sammeltassen im 20. Jahrhundert währte bis in die 1930er Jahre. Nach wie vor wurden sie nur bei besonderen Gelegenheiten benutzt und waren beliebte Geschenke für die Aussteuer oder zum Geburtstag. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die Tradition noch für zwei Jahrzehnte fort, bis sie in den 1970er Jahren schließlich endgültig an Bedeutung verlor. Für ältere Stücke entwickelte sich dann in den 1990er Jahren ein Sammlermarkt. Zugleich kreierten Künstler neue, dem Zeitgeschmack in Form und Dekor angepasste Einzelgedeck-Kollektionen, deren Erfolg aber nicht zuletzt von dem Verlangen junger Käufer nach spülmaschinenfestem Gebrauchsgeschirr bestimmt wird.“

In den wenigen Literaturangaben dort findet sich ein Katalog zur Kunst des Biedermeier, der netterweise bei mir zuhause im Regal steht. Den hatte ich noch vor dem Studium erworben, weil ich das Titelbild so mochte und weil ich vermutlich gerade aus der Hamburger Kunsthalle gekommen war, deren Sammlung zum 19. Jahrhundert ich sehr mag, allen voran natürlich Herrn Leibl, ich weiß, ihr könnt das nicht mehr hören, aber ich nutze jede Gelegenheit, das Gemälde der drei Frauen in der Kirche zu verlinken weil toll.

Zurück zu den Sammeltassen. Im Katalog gibt es ein Kapitel zur Kunst des Biedermeier, wo neben Gemälden, Skulpturen und Architektur auch über das Kunstgewerbe gesprochen wird, also über Möbel, Glas und Porzellan. Ich lernte, dass die europäischen Porzellanmanufakturen zur Zeit des Wiener Kongresses und danach Blütezeiten erlebten. Fürstenhöfe orderten „umfangreiche prunkvolle Services“, auf denen Ereignisse und Orte im Leben des damit zu Ehrenden abgebildet waren.

„In Bayern wurde die Manufaktur aufgewertet, indem man die Malerei von der Produktion trennte. Während letztere in Nymphenburg verlieb, wurde die Malerei nach München verlegt. In der räumlichen Nähe der Gemäldegalerie und der Akademie der bildenden Künste wurde sie in den Rang einer ‚Kunstanstalt‘ erhoben. Alle Löhne der Maler wurden erhöht, ein Generaldirektor ernannt.“ [1]

Die Blüte war nur von kurzer Dauer, die Aufträge von oben konnten die Manufakturen finanziell nicht über Wasser halten. Man verlegte sich auf günstiger zu produzierendes Steingut, das im späten 18. Jahrhundert erfunden worden war. Erst in den 1830er-Jahren erfolgten größere, betriebswirtschaftliche Umgestaltungen in diversen Manufakturen.

„Einzelne Erfindungen, größere und kleinere Verbesserungen im Produktionsablauf gab es aber immerhin schon im Biedermeier. So wurde in Meißen beispielsweise 1817 der Etagenofen eingeführt, wordurch die Produktion allmählich vervierfacht, Personal- und Heizkosten eingespart werden konnten. Im selben Jahr hat dort Gottlob Kühn das Chromoxydgrün als neue Unterglasurfarbe entwickelt, offenbar gleichzeitig mit Georg Frick in Berlin. Ein wichtiger Schritt hin zu billiger Produktion war zehn Jahre später Kühns Erfindung des Glanzgoldes, das nicht nur kostbares Material einsparte, da es nicht poliert werden musste. Es ist dies der erste aus merkantilen Gründen bewusst herbeigeführe Qualitätsverlust.“ [2]

Der Aufsatz erwähnt, dass zu den damals produzierten Kaffeegeschirren eine Kaffee- und eine Teekanne gehörten, ein Milchkännchen, eine Zuckerschale sowie Tassen mit Untertassen. Kuchenteller gehörten noch nicht dazu, sie wurden erst im 20. Jahrhundert Standard, als die Sammeltassen nicht nur ein Geschenk, sondern wirklich ein Gebrauchsgegenstand wurden. Als Dekor setzte sich, gerade für die günstigere Massenware, hauptsächlich die Blumenmalerei durch. Bei den hochwertigeren Geschenktassen des 19. Jahrhunderts gab es mehrere Ausfertigungen:

„Ganz besonders verbreitet waren bei den Geschenktassen Landschaftsdarstellungen oder Städteansichten, die dann zumeist die vordere Hälfte der Tasse vollständig bedeckten. Berühmte Baudenkmäler waren beliebt, auch Innenansichten. Ein großer Teil der Erinnerungstassen enstand aber durch unmittelbaren Auftrag, wobei Porträts, das eigene Wohnhaus oder gar das Wohnzimmer Thema der Darstellung sein konnten, oder auch Blumen so angeordnet wurden, dass die Anfangsbuchstaben ihrer Namen einen bestimmten Text ergaben.“ [3]

Müßig zu sagen, ich erwähne es trotzdem: Alleine dass ein Wohnzimmer zur Verfügung stand, weist den zu Beschenkenden als Teil des Bürgertums aus. Er oder sie scheint in einem Haushalt zu wohnen, der es sich leisten kann, mehrere Zimmer zu haben, darunter das repräsentative Wohnzimmer. Ich verweise auf eine alte Hausarbeit von mir, wo es auch nebenbei um Wohnkultur bzw. das Wohnzimmer geht, hier die S. 16/17.

Die Wikipedia erwähnt, dass die Sammeltasse bis in die 1930er-Jahre hinein beliebt war. Ich gehe davon aus, dass sie weiterhin Teil der bürgerlichen Selbstinszenierung war; viele Arbeiterfamilien hatten weder das Geld noch den Raum, um sich dieses dekorative Geschirr anzuschaffen. Gerade Arbeiter bzw. Handwerker in Städten zogen oft um, arbeiteten von zuhause oder vermieteten Schlafstellen ihrer engen Wohnungen unter, um überleben zu können. Nur die unteren Beamten- und Angestelltenschichten oder Arbeiter mit wenigen Kindern hatten die finanziellen Möglichkeiten, größere Wohnungen zu bewohnen.

„So heißt es in einem Bericht über die kleinbürgerliche Behaglichkeit eines Münchner Graveurs aus dem Jahre 1907/08, der eine Ehefrau und drei Kinder zu versorgen hatte: ‚Die dreiräumige Wohnung ist in dem ersten Stockwerk eines Rückgebäudes gelegen und mit eigenem Vorplatz und Abort für sich abgeschlossen. Die Wohnstube hat 3,30 mal 5 Meter Bodenfläche und, ähnlich den anderen Räumen, 2,75 Meter Höhe. Sie hat zwei mit hellen Gardinen versehene Fenster nach verschiedenen Seiten und ist mit hübschen, gut erhaltenen Möbeln ausgestattet. In der Mitte der Stube steht ein Sofa mit einem Tische, an der Seite ein Bett. Drei Schränke verteilen sich auf die Wände, eine Nähmaschine, einige Stühle und mancherlei Bilder und Nippsachen vervollständigen das Bild. Die gut gelüftete, aber etwas feuchte Schlafstube ist nur 3 mal 4,30 Meter und einfenstrig. Sie ist mit zwei großen Betten und einem Kinderbett, einem Kinderwagen und dem sonst höchst selten vorhandenen Waschtisch reichlich ausgefüllt. Hiernach ist in dieser Wohnung für jedes Familienmitglied ein besonderes Bett vorhanden, was hervorgehoben zu werden verdient. Der dritte Raum ist die Küche von 2,70 mal 3,25 Meter Größe. Hier nimmt die Familie auch ihre Mahlzeiten ein. Das ganze Hauswesen macht den Eindruck einer guten Führung und kleinbürgerlichen Behaglichkeit.‘“ [4]

Bürgerliche Familien verfügten über fünf bis acht Zimmer, die teilweise eher repräsentativen Charakter hatten. Ich las vor kurzem Gabriele Tergits Effingers auch im Hinblick auf derartige Schilderungen sehr fasziniert durch: Sie gibt gerade am Anfang des Buchs, das Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts stattfindet, Beschreibungen von Möbeln, Räumen, Kleidung und Salons viel Raum. Der Erste Weltkrieg zerstörte tradierte Gesellschaftsmodelle, auch durch die folgende Inflation. Ebenfalls bei den Effingers las ich, dass nun auch viele bürgerliche Familien Zimmer untervermieteten, um finanziell über die Runden zu kommen.

In der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre entstanden vielerorts bezahlbare Wohnungen für Arbeiter, während gleichzeitig die vielzimmerigen Häuser des Bürgertums blieben oder wieder nur von einer Familie bewohnt wurden. Ebenso herrschte ein Nebeneinander von unterschiedlichem Design und Gestaltung, elitärer Ästhetik und Massenkultur. In der Alltagsgestaltung, also auch bei Geschirr, setzte sich eine moderne Formensprache durch, die auch unter den Nationalsozialisten nicht rückgängig gemacht wurde. Ich habe in den letzten Jahren diverse Bände an Kunstzeitschriften durchgeblättert und fand auch das Konsumgüterdesign stets spannend. Neben den ollen altdeutschen Schrankwänden gab es durchaus schlicht gestaltetes Geschirr, bei dem ich nicht hätte sagen können, dass es 1938 entworfen wurde, wenn ich es nicht gewusst hätte. Auch in den diversen Jahrgängen von technischen Zeitschriften, die ich für die Diss las, fielen mir oft modern gestaltete Anzeigen auf, aus denen ich leider keinen Twitter-Thread gemacht habe (1, 2, 3, 4).

Der Genuss von Kaffee war inzwischen auch nicht mehr den bürgerlichen Salons vorbehalten; in einer Schilderung aus der Zwischenkriegszeit, Anfang der 1930er-Jahre, findet sich die Erwähnung von Kaffee oder sogar Kuchen als etwas Besonderes, das neben der notwendigen Kalorienaufnahme zelebriert wurde. [5] Ob dafür auch besonderes Geschirr benutzt wurde, habe ich bei meinen, wie erwähnt, recht oberflächlichen Recherchen nicht herausfinden können, aber ich fand es spannend zu lesen, dass selbst in Notzeiten die knappen Finanzmittel auch für etwas nicht Überlebenswichtiges genutzt wurden. Dabei wandelten sich die Einkäufer: Vor dem Ersten Weltkrieg gaben Arbeiterhaushalte für Genussmittel wie Alkohol, Kaffee, Tee, Tabak und Süßwaren mehr aus als die bürgerlichen; nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sich dieses Verhalten um. [6]

Der Zweite Weltkrieg sowie die Erfahrungen des Nationalsozialismus veränderten die Gesellschaft erneut, der Wunsch, zu einer wie auch immer gearteten Normalität zurückzukehren, sorgte vermutlich auch dafür, dass die 1950er-Jahre im Rückblick wie eine Rückkehr zum Puppenstubenwohnen wirken. Wenn ich die Forschung halbwegs richtig im Blick habe, geht man heute davon aus, dass das sogenannte Wirtschaftswunder erst am Ende des Jahrzehnts spürbar war, davor herrschten die Erfahrungen von Mangel, Hunger und Einschränkungen vor.

Im eben schon zitierten Buch Vom kleinen Wohlstand. Eine Konsumgeschichte der fünfziger Jahre werden Haushaltsbücher seit Ende der 1940er-Jahre ausgewertet. Im Juli 1949 kam die vierköpfige Familie Z. auf 500 DM Monatsverdienst, in den 200 DM Weihnachsgeld einflossen; in normalen Monaten reichte das Geld anscheinend kaum aus, es wurde Geld von Eltern und Schwiegereltern geborgt. Im Haushaltsbuch wurden die üblichen Ausgaben notiert. Zum Tanz in den Mai 1950 gönnte man sich drei Glas Bier, zehn Zigaretten, Bonbons, Eintritt und Garderobe für insgesamt 5,30 DM. Im September 1949 erhielt Herr Z. zum 25. Geburtstag „zwanzig Zigaretten und zwei Paar Socken, Frau Z. vierzehn Tage später eine Sammeltasse, der Sohn zum vierten Geburtstag 1950 ein selbstgebautes Dreirad und zwei Paar Kniestrümpfe.“ [7] Eine Dissertation, die ich sehr gerne gelesen habe, beschreibt das Alltags- und das Sonntagsgeschirr, das im Laufe der 1950er-Jahre in vielen Haushalten angeschafft wurde. Dort wird der Preis einer Sammeltasse zweiter Wahl – also Tasse, Untertasse und nun auch Kuchenteller – mit 1,50 DM angegeben, beim Kaufhaus Hertie, „um 1955“. [8]

Hier trifft der Begriff der Sammeltasse, also eines zu sammelnden Sets, wieder zu: Wo im 19. Jahrhundert Erinnerungsstücke gesammelt wurden, dienen die günstigen Tassen nun schlicht dazu, ein Service zu vervollständigen. In der eben zitierten Diss berichten viele Frauen davon, ihr Geschirr stückweise eingekauft zu haben; gerade Mädchen wurde spätestens ab der Konfirmation Hausrat für die Aussteuer geschenkt. Das kenne ich auch noch von mir: Meine Schwester und ich durften uns ein Muster für Silberbesteck aussuchen, das wir nach und nach von allen Verwandten geschenkt bekamen. Ich erzählte das schon einmal im Blog: Wir konnten uns auf kein Muster einigen und entschieden uns für das, das bereits unsere Mutter besaß. Was sie und ihre Mutter sehr freute, denn letztere besaß dasselbe.

Ein Telefonat mit einer Zeitzeugin – aka dem Mütterchen – später kann ich diese Zeilen tippen: Meine Omi, also die Mutter meiner Mutter, kam mit ihrer Schwester und den ingesamt drei Kindern als Flüchtling aus dem ehemaligen Ostpreußen über die DDR in die Bundesrepublik. Ab 1951 arbeitete Omi als Haushälterin bei einer etwas begüterten Familie; meine Mutter erinnerte sich daran, dass sie neben dem Gehalt auch des Öfteren praktische Gegenstände geschenkt bekam, „denn wir hatten ja nur die Dinge, die wir am Leib trugen, als wir ankamen.“ Ab und zu erhielt Omi auch Geschenke, die „nur für sie“ bestimmt waren – schöne Dinge, die nicht alltags benutzt wurden. Das Silber, dessen Muster anscheinend drei Generationen gefällt, war ein Geschenk der Arbeitgeberin, die Omi davon sechs Gabeln und sechs Löffel schenkte, meine Mutter tippte auf 1956. Sie selbst begann 1958, das Silber zu sammeln; sie war 18 und brauchte eine Aussteuer. Weil sie immer noch sehr beengt lebten, riet meine Omi ihr dazu, eher Besteck als Tischwäsche zu sammeln, schlicht aus dem Grund, weil es weniger Platz wegnahm. Meine Mutter war damals schon berufstätig und investierte nun also in Besteck. Von wem welche Sammeltasse war, die nun bei mir ist, wusste sie allerdings nicht mehr. Sie beschrieb es genau so, wie ich es auch in den Büchern gelesen hatte: Die Tassen waren ein beliebtes Mitbringsel, solange man noch kein vollständiges, zueinander passendes Service hatte, denn durch ihre Einzigartigkeit konnte man sie wild durcheinander aufdecken.

Unser Silber wird übrigens weiter lustig ergänzt, meine Fischbestecke sind aus dem Interweb, die hatte niemand in der Familie im erbbaren Bestand. Im Zuge des Musteraussuchens lernte ich den Begriff der „Nachkaufgarantie“, der mich seitdem fasziniert, der für mein Silber aber leider nicht mehr gegeben ist, daher Ebay.

In einem weiteren Buch fand ich die Sammeltasse in einer Beschreibung zu Kaffeegenuss in den 1950er-Jahren, der noch nicht alltäglich war. Die Beschreibung des Mahlens, des Aufdeckens der guten Tischdecke und der Benutzung der Sammeltasse statt der alltäglichen zeigt hier, dass die Sammeltasse auch mehr sein konnte als das ständig genutzte Geschirr. So kenne ich es auch von zuhause: Die Sammeltassen standen im Esszimmer- und nicht im Küchenschrank und wurden, wenn überhaupt, nur Sonntags oder mit Gästen genutzt.

„In der so genannten ‚schlechten Zeit‘, als es fast überall nur Ersatzkaffee gab, Muckefuck genannt, hat meine Tante Lene arg gelitten. Sie trank leidenschaftlich gern Kaffee – echten Bohnenkaffee –, doch der war nach dem Krieg nur sehr schwer zu bekommen. Tante Lene tauschte daher so manches gute Stück aus ihrem Wäscheschrank gegen eine kleine Tüte ‚richtigen‘ Kaffee ein. Wenn sie diesen Kaffee dann aufbrühte, war es wie ein Ritual. Immer wieder roch sie kurz mal in die Tüte. Sie glich in dem Moment einem leidenschaftlichen Raucher beim Inhalieren. Vorsichtig nahm sie dann eine ganze Bohne in den Mund und zerkaute sie […]. Dann holte sie die hölzerne Kaffeemühle aus dem Regal und schüttete so viel Kaffee hinein, dass dieser für zwei Tassen reichte. Noch immer auf der Bohne kauend, klemmte sie die Mühle, auf einem Stuhle sitzend, zwischen ihre Beine und fing langsam an zu mahlen. Während dieser Zeit summte auf dem Herd schon der Wasserkessel. Das Kaffeemehl kam nun in eine kleine Kanne, und aus der Mühle wurde mit einem Pinsel jedes verborgene Stäubchen herausgeholt. Das sprudelnd kochende Wasser goss Tante Lene schließlich über den gemahlenen Kaffee. Der Duft, der daraufhin durch den Raum zog, machte sie fast – heute würde man sagen: high. Wie immer, hatte sie eine schöne Tischdecke aufgelegt. Nun holte sie eine ihrer Sammeltassen aus dem Schrank. Dann endlich wurde der gebrühte Kaffee durch ein Sieb gegossen, und nun hatte sie ‚Genuss pur‘ – zwei Tassen voll! Am Tag darauf wurde das Kaffeemehl von ihr noch einmal aufgebrüht. Ein drittes und schließlich ein viertes Mal kochte sie den Kaffeesatz in einem kleinen Topf auf. Dann kam keine Decke mehr auf den Tisch, und das nun nur noch leicht gefärbte Wasser wurde aus einer einfachen Tasse getrunken.“ [9]

In anderen Zeitzeugen-Interviews werden die Muster der Tassen beschrieben, weswegen ich oben die Blumen und den Goldrand erwähnte. Alltagsgeschirr war meist schlicht, sowohl in Form als auch in Farbigkeit oder Verzierungen. Beim Sonntagsgeschirr wurde allerdings Wert auf Dekor gelegt, das nicht als modisch angesehen wurde, sondern allein durch das Material der Goldauflage einen „beständigen und dauerhaften Wert“ symbolisierte. Im eben zitierten Text wird gerade das Gold bei Sammeltassen erwähnt, das diesem eher preiswerten Stück einen imaginierten Wert einschrieb. [10]

Seit den 1970er-Jahren ist der Kaffee in Westdeutschland ein Alltagsgetränk, Jugendliche und junge Erwachsene konnten dem Getränk allerdings lange Zeit nichts abgewinnen, erst Ende der 1980er-Jahre wandte sich die Werbung dieser Zielgruppe zu. Ich erinnere mich vage an Werbespots für irgendeinen schwarz verpackten Kaffee, dessen Name mir nicht mehr einfällt. Twitter sei Dank, Jacobs Swing hieß das Zeug, hier ein schlimmer Artikel von 1987 dazu. Da Kaffee keine Besonderheit mehr war, war auch kein besonderes Geschirr mehr nötig. Über den Niedergang der Sammeltasse konnte ich nicht wirklich etwas finden, obwohl mir Google Scholar einen kleinen Snippet anzeigt, laut dem angeblich schon in den 1970er-Jahren Jugendliche den Kram ihrer Eltern schnafte fanden und ironisch benutzten. Hm. Spannender fand ich den Hinweis auf die neuen Sammeltassen, die keine sind: Gerade in den 80er-Jahren begannen Jugendliche und junge Erwachsene, auch hier eher wieder Mädchen, Gläserserien von Leonardo oder Ritzenhoff zu sammeln. Auch die Swatch wurde von vornherein als Sammelobjekt aufgelegt, das durch seinen eher günstigen Preis dazu verführt, mehrere Modelle zu besitzen. [11] Und moderne Espresso-Marken bieten ganz selbstverständlich auch Geschirr an: Das hat dann zwar keine Blumen mehr oder Goldrand, wird aber vermutlich auch nur zum Zweck des Kaffeetrinkens benutzt.

Auch beim Googeln entdeckt: ein Buch über Altenpflege, in dem Techniken beschrieben werden, wie man ältere Menschen geistig aktivieren kann. Darin findet sich eine stichwortartige Liste von Fragen, mit denen das Gedächtnis angestupst werden soll: Wann haben Sie Sammeltassen bekommen? Wie sahen sie aus? Welche Muster waren abgebildet? Kennen Sie noch den Hersteller? Und abschließend soll eine Kaffeetafel gedeckt werden, um auch andere Sinne anzusprechen.

Ich persönlich fand die Sammeltassen jahrelang albern, aber jetzt gerade mag ich sie gern. Im Gegensatz zu meinen Eltern stehen sie bei mir wild gemischt: ein Teil liegt in den Ikea-Körben, in denen der Großteil meines Sonntagsgeschirr liegt – das von Oma mit dem Goldrand –, ein Teil steht in der Küche und wird täglich benutzt, übrigens genau wie mein Silber („Für gut“). Nur für die Saucieren und riesigen Platten habe ich alltags eher wenig Verwendung, die kommen aber in der Spargelzeit auf den Alltagstisch. Momentan wechsele ich beim täglichen Teetrinken zwischen einer blau- und einer gelbgeblümten Sammeltasse hin und her, Kaffee habe ich allerdings noch nicht aus ihnen getrunken. Aber vielleicht mache ich das mal, wenn wir uns alle wieder besuchen können: Ich backe wild Kuchen und lade so viele Menschen ein, wie ich unterschiedliche Tassen habe. Auf Spotify wird die Playlist „Wirtschaftswunder“ gebastelt und dann lassen wir es uns gut gehen. Mit Goldrand.

Nachtrag: Die Kunsthistorikerin und Kunstsachverständige Diana Lamprecht bloggte vor Kurzem über bayerisches Nachkriegsporzellan, danke für den Hinweis per Twitter.

[1] Himmelheber, Georg: „Kunst des Biedermeier“, in: Kat. Ausst. Kunst des Biedermeier 1815–1835, Bayerisches Nationalmuseum 1988/89, München 1988, S. 20–52, hier S. 46.
[2] Ebd., S. 46/47.
[3] Ebd., S. 49.
[4] Saul, Klaus u. a. (Hrsg.): Arbeiterfamilien im Kaiserreich. Materialien zur Sozialgeschichte in Deutschland 1871–1914, Düsseldorf 1982, S. 88/89, zitiert bei Von Saldern, Adelheid: „Schlafgänger, gute Stube und Frankfurter Küche. Wohnkulturen zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik“, in: Indes. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 9 (2020), S. 27–38, hier S. 31.
[5] Wildt, Michael: Vom kleinen Wohlstand. Eine Konsumgeschichte der fünfziger Jahre, Frankfurt am Main 1996, S. 19.
[6] Ebd., S. 22.
[7] Ebd., S. 42/43.
[8] Günter, Bettina: Blumenbank und Sammeltassen. Wohnalltag im Wirtschaftswunder zwischen Sparsamkeit und ungeahnten Konsummöglichkeiten, Berlin 2002, S. 283.
[9] Sigmund, Monika: Genuss als Politikum. Kaffeekonsum in beiden deutschen Staaten, Berlin/München/Boston 2015, S. 31.
[10] Günter 2002, S. 297/298.
[11] Mohr, Ernst: Die Produktion der Konsumgesellschaft. Eine kulturökonomische Grundlegung der feinen Unterschiede, Bielefeld 2020, S. 277/278.

Dienstag, 23. März 2021 – Grünes Curry

Gefühlt war gestern einer der „Getting things done“-Tage, das tat zur Abwechslung ganz gut. Damit meine ich nicht die Dokumente auf meinem Laptop, bei denen man nie sieht, dass man etwas geschafft hat, man weiß es nur, weil man acht Stunden an ihnen rumgepuschelt hat. Ich meine Dinge wie Altglas wegzubringen oder ähnliches.

Ich koche im Moment meist nichts bloggenswertes, weil es grundsätzliche Dinge sind, mal ein Sandwich, die übliche Gemüse-mit-irgendwas-Pfanne, der Kram halt, den ich koche, wenn was weg muss, was dauernd ist. Auch aus Infektionsschutzgründen versage ich mir den Asialaden recht oft, weil ich mich in ihm immer noch nicht gut genug auskenne, um blind mein Körbchen zu befüllen, wie ich das im Edeka nebenan mache, um so schnell wie möglich wieder draußen zu sein. Aber gestern wollte ich dann doch mal wieder hin. Ich redete mir ein, dass ich dringend das grüne Curry aus dem wunderbaren Hot Thai Kitchen von Pailin Chongchitnant nachkochen müsse, wo ich das rote und das schlammfarbene schon bewältigt hatte (und nicht verbloggt habe, wie ich gerade irritiert feststelle). Ich notierte alles, was ich nicht im Haus hatte – Zitronengras, Galangal, Thai-Basilikum und vor allem grüne Chilies. Korianderwurzeln waren noch vom letzten Besuch im Kühlschrank, Shrimp Paste, Palmzucker, Fischsauce, Schalotten und Knoblauch sind immer da, wobei die Fischsauce zur Neige ging.

Aber zunächst sortierte ich das Altglas und bekam sieben grüne Flaschen in den Rucksack, wie praktisch, dass die meisten Weinflaschen grün sind. Dann verpackte ich endlich ein paar Klamotten für den Altkleidercontainer. Mehrere Blusen, zwei Röcke und ein Pulli waren schon in einem Extrakarton vor zweieinhalb Jahren mit mir umgezogen, vor zwei Wochen hatte ich alles nochmal gewaschen und gebügelt und jetzt wollte ich sie endlich wegbringen. Was sind schon 30 Monate unter Freunden. Ich legte die Kleidung in eine Mülltüte, verpackte diese in meine übliche Einkaufstasche, setzte die FFP2-Maske für den Gang durch das Treppenhaus auf und schlenderte zum Altglascontainer. Danach ging’s zum Kleidungscontainer, und der liegt quasi auf direktem Wege zum Asialaden, weswegen ich überhaupt auf die Idee kam, noch einen Abstecher dorthin zu machen.

Alle Zutaten bis auf Thai-Limettenblätter bekommen, schade, aber dann reibe ich eben die Schale einer Bio-Limette ins Curry. Außerdem musste ich dringend Majo nachkaufen und wenn ich schon mal da bin, gibt es auch immer eine Tüte indischen Knabberkram.

Ich war eine gute Stunde damit beschäftigt, die ganzen Zutaten kleinzuschneiden und schließlich zu zermörsern, wobei mir wieder auffiel, was ein echt gutes Geburtstagsgeschenk gewesen wäre: endlich einen größeren Mörser. Meiner hat lausige 11 Zentimeter Durchmesser, ich könnte aber mindestens das anderthalbfache vertragen (siehe die Curryvideos von Chongchitnant). Ich mag den kleinen Racker trotzdem sehr gerne, denn ich kaufte ihn im Zuge des Foodcoachings 2009, das heißt, er war so ziemlich eines der ersten Küchengeräte, mit denen ich meine Ernährung umgestellt habe – von Fertigkram und Nudeln zu ALLEM, WAS DIE WELT HERGIBT. Hach! Ich habe mein erstes Pesto in ihm hingematscht, für diverse Ottolenghi-Gerichte kiloweise Gewürze zermörsert und neuerdings ist dauernd Fischsauce und Palmzucker in ihm, aber: Er ist für Currypasten wirklich zu klein. Seufz. Wenn ich alles halbwegs zu einer Paste bekommen habe, hebe ich die Hälfte davon raus und mache aus dem Rest eine richtige Paste, wonach die zweite Hälfte drankommt, und zum Schluss werfe ich wieder alles zusammen. Auf die Yogamatte musste ich gestern nicht, der längere Spaziergang und vor allem das Arm-Workout am Mörser haben gereicht.

15 Chilis, die aber gut von der ungewohnt süßen Kokosmmilch eingefangen wurden. Ja, das war scharf, aber gleichzeitig ziemlich okay, wie ich überrascht feststellte. Ich trinke trotzdem immer Milch zum Curry, sonst halte ich das nicht aus.

In der Washington Post war am Wochenende mal wieder ein Rezept, das mit einem ewig langen Text eingeleitet wurde (möglicherweise hinter der Paywall). Das mag ich in Kochblogs genauso wenig: zeilenweise Geschwafel und 15 Fotos vom fertigen Rezept aus drei Perspektiven, wo ich doch nur wissen will, ob ich alles für dieses Rezept im Haus habe und wie lange es dauert.

Der Text gefiel mir aber ausnahmsweise, denn er war lustig und erwischte mich bei einer Fähigkeit, die ich gerne vergesse, wenn ich koche: Intuition durch Erfahrung. Der Text beginnt so:

„One of the greatest things about having children is that they come out of the womb knowing literally nothing, which means, for a little while at least, they believe you’re the world’s foremost expert on literally everything.

Though I’m perpetually screaming internally over the fact that I have no idea what I’m doing when it comes to parenting, it feels good to be heralded as a genius in the sciences (gravity is magic), the arts (da Vinci was a time traveler), and 18th-century German philosophy (God is a 100-foot tall-robot).

But, eventually, the children get older. They learn to read, they learn to reason, they learn to Google. The cracks in the literacy long con begin to show, and by the time middle school rolls around, those cracks have become craters your kids will gladly lob grenades made of logic and algebra into. While I may no longer be their go-to when it comes to chemistry or Kierkegaard, I have realized there are areas where I am not merely proficient but masterful. For example, I can fold fitted bedsheets. I can fix a leaky faucet. Last year, I kept a basil plant alive for 10 whole months. And, I can cook. Damn well, I may add.“

Es geht im Text um Key Lime Pie, für den man unter anderem Cracker zermahlen und mit Butter wieder zu einem Teig verbindet, um ihn in eine Form zu pressen.

„Though I’ve had plenty of experiences in the kitchen, this existential epiphany was recently cemented when my 13-year-old son asked me to teach him to make key lime pie. Now as far as pies go, key lime is quite possibly the easiest one to execute in the whole dang taxonomy: You make a graham cracker crust, you do a little stirring, you toss it in the oven, bada bing bada boom you got pie. It’s so simple that I didn’t think there was anything about key lime pie that could qualify as a teachable moment. Then, I let a middle-schooler loose in the kitchen. I will never underestimate key lime pie, and its ability to break a person, ever again.“

Die Autorin beschreibt, wie ihr Kind damit Schwierigkeiten hatte, die richtige Teigkonsistenz zu finden oder mit einem Schneebesen eine Masse zu vermischen. Sie erinnert sich daran, wie es ihr als Anfängerin ähnlich erging: Wie muss sich der Teig anfühlen, um richtig zu sein, wie presse ich ihn in die Form – eher locker, eher Beton? – und wie bewege ich mein Handgelenk, um dieses komische Silberding in meiner Hand zu einer vernünftigen Bewegung zu kriegen?

Ich mochte den Text sehr, das Rezept war mir schon egal, weil es mich daran erinnerte, dass auch ich inzwischen diese Erfahrung habe, ohne es wirklich mitzukriegen. Das merke ich am meisten, wenn ich einen Hefeteig zubereite. Bei anderen Kuchenteigen verlasse ich mich meist auf die Rezepte und gucke, was dabei rauskommt. Bei Hefe weiß ich aber genau, wie er sich anfühlen muss (beim Hefezopf arbeite ich immer nach Gefühl), wie er aussehen muss (beim Pizzateig will ich eine ganz bestimmte Konsistenz, die anders ist als beim Zopf), wie er sich ausrollen lassen muss (bei Croissants eh das Wichtigste). Auch bei Saucen gucke ich inzwischen eher, bevor ich koste, ich weiß durch einen Blick und nicht durch das, was auf dem Löffel ist, ob sie noch einkochen müssen oder nicht (meistens). Ich weiß halbwegs, wie man ein Messer hält und damit umgeht, ich weiß, wie man Kräuter hackt und Zwiebeln schneidet, ich kann einen Kuchen im Ofen anschauen und weiß, dass er noch nicht durch ist (ebenfalls meistens). Und wenn ich mir Videos anschaue, in denen Köchinnen Thai-Currys zubereiten, weiß ich auch, was ich alles noch nicht kann, weswegen Videos super sind. Und Kochbücher, die mir sagen, wie Dinge aussehen oder sich anfühlen müssen, damit ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Oder Kochblogs, die nicht nur Fotos vom fertigen Produkt zeigen, sondern auch den Zwischenschritten – wie sieht ein Teig aus, wenn er vom Löffel fließt? Wie stückig ist stückig? Diese Fotos spare ich mir immer, weil ich alleine vor mich hinkoche und niemanden habe, der meine Hand beim Rühren aufnimmt, und ich außerdem alle Konzentration für den Koch- oder Backvorgang brauche, gerade jetzt im Corona-Matschbirnen-Zustand. Aber ich bin dankbar für alle, die mir das anbieten können, damit ich hier locker vor mich hinplaudern kann, Kirschkuchen, kein Ding, hier Teig, da Streusel, zack, fertig. Bis ich das hingekriegt habe, musste ich auch erstmal zehn halbgare Kuchen produzieren und ich koche immer noch Rezepte nach, die so gar nicht klappen, oder lasse Milchreis anbrennen (das war eine Lektion in Demut) und werfe Pfannkuchen aus der Pfanne (okay, das war Übermut).

Ich merke beim Kochen, genau wie in so ziemlich allen anderen Lebensbereichen auch, was ich mir beim Weintrinken irgendwann mal gemerkt habe: If you want to develop a palate, develop a palate. Wenn du irgendwas können möchtest, dann mach’s einfach dauernd. Trink mehr Wein, guck mehr Kunst, schlag mehr Mayonnaise auf, und irgendwann wendest du Pfannkuchen in der Luft, ohne dir vorher selbst Mut zusprechen zu müssen. Bada bing bada boom.

Samstag bis Montag, 20. bis 22. März 2021 – „Tauben im Gras“

Wir begannen den Samstag mit ewig langem Rumlungern im Bett, ich bloggte ein bisschen, der Herr schlief noch mal ein, irgendwann war es Mittag und wir erledigten den Rest Champagner, F. mit dem restlichen Brot vom Vorabend, ich briet mir Rösti und hektisches Spiegelei. Einen Tag später ergoogelte ich den Champagner aus Langeweile und stieß auf schreckliche Beschreibungen: „Seine mundwässernd saline Ader schmiegt sich um den schlanken Säurenerv und verleiht ihm im Verbund mit der feinen Phenolik seine griffig animierende Haptik, die seine Trinkgeschwindigkeit immens beschleunigt.“ (Einfach selbst googeln.) Außerdem wurden auf der Website als begleitende Speisen „Ravioli mit jungem Spinat in Muskatbutter und Bröseln, Miesmuscheln mit Pommes Frites oder frittierte Hühnerflügel mit rot fermentiertem Tofu“ angegeben. Hase – nichts gegen rot fermentierten Tofu, was auch immer das ist, aber ernsthaft: Champagner schmeckt mit allem, sogar mit leicht angebranntem Rösti.

Ich las weiter in Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ und beendete es am Sonntag. Ich weiß, ich komme 70 Jahre zu spät mit dieser Empfehlung, aber: Empfehlung. München wird nicht wörtlich als Ort der Handlung genannt, aber das erwähnte Bräuhaus sowie das Amerikahaus, das sich in einem Führerbau befindet, weist dann doch sehr deutlich auf diese Stadt hin. Auch deshalb las ich das Buch sehr gespannt, begeistert und gleichzeitig äußerst irritiert in einem Zug durch. Gespannt, weil ich mir nicht vorher von der Wikipedia alles habe erzählen lassen, begeistert, weil ich den gehetzten, modernen Stil, der an einen „Stream of Consciousness“ erinnert, sehr mochte – und irritiert, weil das N-Wort in mehreren Facetten auf gefühlt jeder dritten Seite vorkommt. Dazu sind die Beschreibungen gerade der Frauenfiguren grundsätzlich unsympathisch, die Männer kommen etwas besser weg, der Erzähler erinnerte mich ab und zu an einen blöden neidischen Nervkerl, der es Frauen grundsätzlich übel nimmt, wenn sie die männlichen Genies beim Denken stören. Oder generell andere Lebensentwürfe haben als die Herren. Ich habe von dem Buch viel über die Nachkriegszeit mitgenommen, mich über diverse Formulierungen gefreut und fand das sehr gut investierte Zeit.

Bei Booklooker bestellte ich gleich mal für einen Euro den letzten Teil der „Trilogie des Scheiterns“, „Das Treibhaus“ von Koeppen hatte ich bereits gelesen. Die „Tauben“ waren sogar umsonst, die hatte ich 2019 in einer Bücherkiste am Straßenrand gefunden.

Sonntag begann ich das nächste Buch, zu dem ich noch nicht viel sagen kann. Es liest sich auf jeden Fall sehr anders als das von 1951. Leider keine passende Sammeltasse zum Titel im Bestand.

Kuchen gebacken, das scheint momentan meine Hauptbeschäftigung zu sein, wenn ich nichts mit mir anzufangen weiß, bis die Impfung irgendwann kommt. Es wurde ein Kuchen aus Ottolenghis „Simple“, der eigentlich mit Zitrone, Mandeln und Blaubeeren gemacht wird, aber mit Himbeeren auch prima schmeckt. Keine Lust, das Rezept zu verbloggen, steht bestimmt schon irgendwo in diesem Interweb.

Erneut einen Versuch gestartet, Fleischersatz für Burger zu basteln. Dieses Mal testete ich ein Rezept von Smitten Kitchen, das mit Mohrrüben und weißen Bohnen arbeitete. Wie praktisch, wenn man wirklich alle Zutaten im Haus hat plus selbst gebackene Burger Buns, die flugs auftauen. Schmeckte gut – aber nicht wie ein Burger. Ich gebe das jetzt auf und esse weiter Rindfleisch. Außer jemand kennt ein Ersatzprodukt, das wie Rindfleisch schmeckt? Würde ich kaufen wollen.

Länger mit Schwester, Schwager und Mutter telefoniert, das scheint auch ein neuer Dauerzustand zu werden. Hasse das Virus noch mehr als eh schon, weil es mich daran hindert, mich einfach in den Zug zu setzen und anderen Menschen Arbeit abzunehmen, jetzt wo ich gerade nicht so irre eingespannt bin. Vielleicht bin ich übervorsichtig oder schlicht ein Schisser, andere Leute fahren ja auch Zug, aber ich habe wirklich Angst vor dieser Krankheit und will sie so gar nicht bekommen.

Gestern war wieder Schreibtischtag, allerdings wenig erfolgreich. Sehr müde und genervt von allem gewesen. Immerhin zum Sport aufgerafft, das tat gut.

Alles ist gerade ein großes Meh. Aber immerhin lese ich privat wieder mehr als in den Jahren zuvor, wo kunsthistorische Fachliteratur den Hauptteil meiner Zeit verschlang. Das ist schön.

Brownie-Shortbread mit Meersalz

Das Rezept aus der NYT möchte zartbittere Schokolade, aber ich hatte gerade blonde da, mit der ich schon länger backen wollte. Das klappt hier ganz hervorragend: Der tief-schokoladige Brownie hat im Abgang eine deutlich vernehmbare Karamellnote. Dafür ist er nicht ganz so bitter, wie das Originalrezept behauptet. Muss ich wohl nochmal backen, um das rauszufinden. Aber für die nächsten Wochen reicht diese Portion.

Meine Backform ist ca. 22 mal 30 cm breit und lang; aus dem Riesenkeks, der aus den unten stehenden Zutaten rauskommt, kann man mindestens 28 Brownies schneiden, vermutlich mehr. Jedes Stück ist äußerst reichhaltig, aber so soll’s ja auch sein.

Den Backofen auf 180° Ober- und Unterhitze vorheizen. Die Backform fetten und auf jeden Fall mit Backpapier auslegen, das über die Seitenränder hängt, sonst bekommt man den Schlotz nur sehr unelegant aus der Form.

Den Shortbreadteig kann man per Hand kneten (meine Methode) oder im Zerkleinerer zusammenfügen. Ihr braucht dazu:
340 g kalte Butter, in Würfel geschnitten,
385 g Mehl, Type 405,
150 g Kristallzucker und
1 1/2 TL Salz.

Alles zu einem Teig verarbeiten, in die Backform drücken, halbwegs glätten, gründlich mit einer Gabel überall einstechen und für 30 bis 35 Minuten backen. Die Oberfläche darf ruhig etwas dunkler werden. Das habe ich mich nicht ganz getraut, weswegen mein Shortbread so aussieht, als sei es nicht durch. Ist es aber, nur nicht ganz so knusprig wie es sein könnte.

Die Form aus dem Ofen nehmen, die Temperatur auf 190° erhöhen. Während das Shortbread bäckt, kann man schon den Brownieteig zubereiten.

Im Wasserbad
225 g Butter mit
80 g zartbitterer Schokolade schmelzen (bei mir, wie erwähnt, blonde Schokolade).

In einer Schüssel
265 g braunen Zucker (bei mir 250) mit
200 g Kristallzucker (bei mir 150, ich ahne, dass es 100 auch tun) und
45 g entöltem Kakaopulver vermischen.

In einer weiteren Schüssel
190 g Mehl, Type 405, mit
1/2 TL Salz mischen.

Die Schokobutter nun zur Zuckerschüssel geben und alles gründlich verrühren (bei mir mit dem Schneebesen, Mixer tut’s vermutlich auch). Danach Mehl und Salz dazugeben. Ganz zum Schluss noch
3 Eier untermixen. Wer Lust hat, gibt noch 90 g Nüsse dazu, ich lasse die weg.

Den Brownieteig auf das noch warme Shortbread geben und mit
ordentlich Meersalz in Flocken bestreuen. Ich war etwas zu zaghaft, aber das Backwerk verträgt wirklich ordentlich Salz. Für 23 bis 28 Minuten backen; darauf achten, die Form nicht zu lange im Ofen zu lassen – wenn die Oberfläche festgeworden ist, sollte alles aus dem Ofen. Darauf weisen auch mehrere Kommentator:innen beim Originalrezept hin, also habe ich mich brav daran gehalten.

Dringend auskühlen lassen, sonst läuft euch die Schokolade entgegen. Auch am Backtag selbst ist die Mitte zwischen durchgebackener Oberfläche und knusprigem Shortbread noch arg flüssig, erst am zweiten Tag kann man alles auf einen Teller drapieren, ohne dass die Mitte ausläuft. Aber dann! Dann schmeckt das alles unglaublich gut und trotz des Bergs an Zucker nicht zu süß.

Freitag, 19. März 2021 – Geburtstagsmenü

F. hatte uns wieder eine Kochbox zur Date Night angeschleppt, dieses Mal nicht vom Broeding, sondern eine vom Sparkling Bistro, das einen Stern sein eigen nennt und diese Box nur einmal anbot und nicht jede Woche. Nach fünf Gängen, Brot vorneweg und Pralinen hinterher bedauere ich das sehr, dass ich das nicht öfter zuhause genießen kann, aber das Bistro hat sich ganz nach vorne auf die Liste von Restaurants geschoben, in die wir frisch geimpft gehen werden.

Was mir besonders gefiel: Ich musste selbst ein bisschen arbeiten. Meistens nur Dinge wie Plastiktüten aus Wasserbädern holen, Teller vorwärmen oder Brokkoli kurz anbraten, aber zum Schluss formte ich erstmals Topfenknödel, was nach einer Flasche Weißwein, einem Glas Champagner und einem Hauch Rotwein schon eine bemerkenswerte Leistung war. Ich fühlte mich total professionell, Einzelteile aus Gläsern und Plastikboxen zu ordnen, fertigzustellen und schließlich nach Anleitung auf Tellern zu drapieren. Ich hoffe, ich habe es halbwegs manierlich hinbekommen, ich neige beim Alltagskochen ja sehr dazu, Dinge einfach neben- und übereinander in tiefe Teller zu schaufeln und von da in meinen Mund. Anrichten ist eher nicht so meins, aber hier durfte ich mit meiner Palette rumspielen, die ich gerade zum Einstreichen meiner kleinen Sahne-Geburtstagstorte benutzt hatte, Cracker keck schräg auflegen und dramatisch Sauce auf Essen tropfen, was F. dann festhielt. Dementsprechend sind fast alle untenstehenden Fotos von ihm, nur ein paar sind von mir: Ich habe in den letzten Wochen ein bisschen geübt, mit der Spiegelreflex manuell scharfzustellen und mich auf irgendwas auf dem Tisch zu konzentrieren, aber so richtige Atmo haben meine Bilder immer noch nicht. Das merkte ich vor allem beim Himbeer-Marmorkuchen, wo ich Spiegelreflex- und iPhone-Fotos im Blogeintrag mischte, weil viele Bilder nicht so wurden wie ich sie gerne gehabt hätte.

F. holte die Box im Bistro ab und erwähnte, dass es ein Geburtstagsmenü sei, woraufhin die freundlichen Menschen ihm noch einen halben Liter Champagner mitgaben, „aufs Haus“. Dankeschön!

Bitte beachten Sie die Osterdeko im Hintergrund, die zu schweben scheint. Wegen des grünen und des pinkfarbenen Eis war der Tisch ebenfalls in rosa und hellgrün gehalten.

Ich klebte erstmal die vierseitigen Menüanweisungen an meine Küchenschränke, damit ich nicht dauernd blättern musste. Gleichzeitig wurde ein Brot aufgebacken, natürlich vom Brantner, von wem auch sonst. Endlich kam ich in den Genuss des hervorragenden Walnuss-Sesambrots, das es nur am Donnerstag gibt und das ich noch nie bekommen hatte, wenn ich spontan vorbeigeradelt war. Inzwischen sind die Produkte dort so gefragt, dass eine Vorbestellung ratsam ist, für die ich immer zu faul bin.

Für den ersten Gang gab ich ein Stück rote Bete in die Mitte eines tiefen Tellers, bröselte dann gehackte Haselnüsse darüber, die mich schon andufteten, als ich die Tüte mit ihnen öffnete. Darauf platzierte ich drei kleine geräucherte Stücke vom Saibling – und legte danach mit angehaltenem Atem eine kleine Decke aus Betesaft-Gelee über alles. Das wollte ich schon immer mal machen! Am Tisch beträufelte ich alles mit Betesud und vergaß dabei auch die weiße Tischdecke nicht. Knurr. Wenn ich kleckere, dann wenigstens richtig.

Der zweite Gang war schneller zusammengebaut: ein bisschen Kapaunleber auf den Teller, Apfelmarmelade darüber und als Abschluss einen Cracker. Den hätte ich vermutlich in kleinere Stücke brechen sollten, aber so ist es total dramatisch.

Wir blieben weiterhin beim Weißwein. F. hatte im Bistro nach einer Weinempfehlung gefragt, ihm wurde ein Chardonnay nahegelegt, den er aber nicht im Keller hatte. „Geht auch Furmint?“ Freude beim Bistro, dass jemand Furmint zuhause hat, „ja, der ist auch super.“ Stimmt, der passte gut.

Die Zwiebel mit Käsebouillon war quasi Zwiebelsuppe, nur andersrum, also großartig. Ich wärmte die Zwiebeln im Ofen auf, die Bouillon im Topf, aus dem Wasserbad holte ich außerdem Pumpernickelcreme, die als erstes auf den Teller kam. Darauf gab’s wieder was als Crunch, hier Pumpernickelbrösel, dann die Zwiebeln, und dann durfte ich wieder träufeln.

Der Hauptgang kam fast komplett aus dem Wasserbad, sehr praktisch. Normalerweise bin ich kein Trüffelfan, hier fand ich ihn aber angenehm, weil nicht zu stark und im Vordergrund. Die Kalbsbacke war der Star, das Selleriepüree schmolz im Mund, die Brokkolistengel waren herrlich bissfest. Wir schwelgten und hatten inzwischen den Rotwein geöffnet, den wir auch schon am Heiligabend getrunken hatten.

Dann rollte ich Topfenknödel, ließ ihn garziehen, wälzte ihn in Butterbröseln und legte ihn auf Marillenkompott. Als einzige nicht mitgegebene Zutat wurde nach Puderzucker verlangt, den ich natürlich im Haus hatte. Der Rotwein passte gar nicht mehr, wir wollten aber auch keinen Süßwein öffnen, also kippte ich den Portwein in Gläser, mit dem ich sonst koche. War erstaunlich gut, sollte ich vielleicht nicht so unbedacht in Saucen schütten.

Zum Abschluss gab’s Kürbiskernpralinen, ich kredenzte mir einen Espresso, wir verzichteten auf Schnaps, sondern öffneten stattdessen die zweite Flasche Champagner, die F. mitgebracht hatte. Mit der hatten wir eigentlich den Abend beginnen wollen, aber wenn man schon ein Fläschchen geschenkt kriegt, trinkt man natürlich erstmal das.

Den Marguet hatten wir als Rosé im Tantris getrunken, aber der weiße war noch toller. Neuer Lieblingschampagner, sehr fein, nicht zu hefig, viel Birne drin, tolles Zeug. Danach waren wir sehr glücklich und zufrieden und kugelten ins Bett. Okay, zunächst räumte ich den Geschirrspüler ein und wusch all das Zeug ab, das nicht in eben dieses technische Wunderwerk darf, dusseliger Goldrand, aber dann kugelten wir ins Bett. Das war ein wunderschöner Abend, der sehr gut tat nach den letzten Dreckstagen.

Donnerstag, 18. März 2021 – Geweint

Nachrichten aus der alten Heimat, zwei Stunden wütend gewesen, dann traurig, ist jetzt egal, betreffende Tweets gelöscht, wieder abgeregt und resigniert.

Ich finalisierte das überarbeitete Abbildungsverzeichnis der Dissertation, dessen Inhalt und Reihenfolge sich natürlich nach den Umstellungen im Text ebenfalls geändert hat. Immerhin hier konnte ich dramatisch kürzen und verzichte auf über 50 Bilder, die in der eingereichten Diss noch zu sehen waren. Mein Fokus liegt nun deutlicher auf der NS-Zeit und deswegen bilde ich gerade aus der Nachkriegszeit deutlich weniger ab. Mitten in diese Arbeit kamen die Nachrichten, und nach kurzem sinnlosen Anbrüllen meiner Wände klickte ich den Mix der Woche auf Spotify an, der mir passenderweise lauter 80er-Jahre-Pop anbot, was ich fast komplett mitsingen konnte. Aus dem Brüllen wurde daher Singen, mit externen Lautsprechern statt der kleinen schraddeligen Macbook-Tröten, erstmals auch richtig laut, genau wie mein Gesang, scheiß darauf, ob die Nachbarn das hören, das war nötig. Ich hatte ganz vergessen, wie laut ich werden kann, wenn ich mich lasse, und das tat sehr gut. Wenn ich auch wütend nicht wirklich vernünftig singen kann, aber ich versuchte, das zu kanalisieren, sang gegen meine Hand auf dem Bauch anstatt gegen die Wände und musste mich daher auf etwas konzentrieren anstatt nur zu brüllen.

Danach war klassische Musik mein Fallschirm und mein Rettungsboot (SCNR). Dvořáks 4. Satz des All-time-Klassikers „Aus der neuen Welt“ brachte mich dann zum Heulen, weil gerade da die ersten (und letzten) Töne geradezu körperlich spürbar sind, auch bei nicht ganz aufgedrehten Lautsprechern. Zum ersten Mal vermisste ich Musik von einer Bühne herunter so sehr, dass ich zu weinen begann. Meine Nerven erinnern mich an überspannte Berichte aus dem 19. Jahrhundert, und wenn ich eine Perlenkette und Riechsalz gehabt hätte, ich hätte sie benutzt. So heulte ich sinnlos in der Gegend rum und war danach ähnlich erschöpft wie am Mittwoch.

So langsam geht mir doch meine Kraft aus, wie ich irritiert feststellen muss. Als Mensch, der gerne alleine ist und seine Ruhe hat, dachte ich, ich könnte mir dem ganzen Irrsinn da draußen ganz okay umgehen, ich muss ihn ja nicht an mich ranlassen, ich kann ja zuhause bleiben und die Tür schließen und von hier arbeiten und denken. Das geht jetzt anscheinend nicht mehr ganz so halbwegs reibungslos wie im letzten Jahr. Ich habe für mich noch keine Lösung gefunden, ich sitze das aus, was bleibt mir übrig.

Re: klassische Musik. Hier ist ein hervorragender Twitter-Thread mit vielen Beispielen: „Lots of us learned classical music from watching old cartoons, so I’m going to identify the pieces that frequently popped up.“ (Via @ineshaeufler)

Die Calder-Foundation hat ihre Website überarbeitet und stellt nun viele, viele Fotos der Werke von Alexander Calder online. Meine liebste Unterkategorie: Schmuck.

Alexander Calder: Harps and Heart (um 1937), Messing, ca 100 cm, Schmuckelemente ca. 16 x 10 cm, Calder Foundation New York. Bildquelle: Calder Foundation.

Mittwoch, 17. März 2021 – Müde

Gemeinsam aufgewacht, das war wie ein kleiner Geburtstagsnachschlag aka schön.

Ich musste Bücher in die Stabi zurücktragen, drei waren gestern fällig, zwei hätte ich noch bis nächste Woche behalten können, aber meh, ich mache mal ne Pause von Fachliteratur zur NS-Zeit (und lese lieber Romane über Rassismus oder die Nachkriegszeit, super Plan). Das Fahrrad war frisch aufgepumpt, ich machte mich zur launigen Ausfahrt fertig, als es wüst zu schneien begann. Ich überlegte: doch den Bus nehmen, acht Kilo Bücher über der Schulter tragen, mit Maske unter (sehr wenigen) Menschen sitzen und auf dem Weg von der Haltestelle zur Bibliothek eingeschneit werden, wenn auch nur wenig? Oder: Mich aufs Fahrrad setzen, vermutlich sehr nass werden, aber dafür ohne Maske und in eigenem Tempo und alleine durch frische Luft radeln? Okay, die Entscheidung war doch einfacher als gedacht.

Nass an der Stabi angekommen, beschaute ich mir das neue Eintrittsballett. Es wurde seit Beginn der Öffnungen, also schon im letzten Jahr, immer gezählt, wieviele Menschlein sich in der Rückgabe- und Ausleihhalle aufhalten dürfen, das war so geblieben. Auch die Bodenmarkierungen schienen sich nicht geändert zu haben. Ich hatte aber um kurz vor 11 anscheinend einen Slot erwischt, an dem viele ihre Bücher zurückgeben wollten, daher musste ich mich erstmal in eine Schlange in der Eingangshalle stellen, die von einem pflichtbewussten Mitarbeiter ständig durchgezählt wurde. Der Herr ging ab und zu nach hinten in die Ausleihhalle und zählte auch da, um sicher zu sein, dass nur 15 Leute hier unten zugange waren. Das beruhigte mich, auch wenn ich wusste, dass ich mit gleichzeitiger Rückgabe und neuer Ausleihe die Schlange in der Eingangshalle etwas verlangsamen würde.

Für die Rückgabe muss man Jacke und Taschen nicht abgeben, aber für die neue Ausleihe muss alles ins Schließfach, worin man theoretisch Bücher schmuggeln könnte. Ich hatte mich nach Monaten gerade noch mühsam daran erinnern können, eine Münze fürs Schließfach mitzunehmen, ich Profi. Da ich inzwischen die dritte Ausleihkarte für die Stabi habe und erst einmal mit der neuen Nummer ausgeliehen hatte, musste ich erstmal mein Regal suchen und dann die Stelle im Regal, wo meine Bücher sein könnten. Das ging dann aber doch alles sehr schnell, ich seufzte innerlich die ganze Zeit und wollte ins ZI und in Bücherbergen wühlen, aber mei, das muss jetzt warten, bis ich geimpft bin, fertig, aus.

Mit zwei neuen Büchern im Arm (ich nehme Bücher immer IN den Arm, anstand sie mir unter einen zu klemmen) ging ich zum Schließfach zurück, um Rucksack und Jacke herauszuholen, als fast direkt neben mir ein Kerl an sein Schließfach wollte, wofür er theoretisch hätte warten können, um Abstand zu halten, was er natürlich nicht tat, und da war der kleine schöne Bibliotheksmoment wieder im Arsch. Ich werde zum Profi-Misanthropen, je länger diese Scheiße dauert.

Auf dem Rad ging’s dann wieder, weil ich halt auf einem Fahrrad fuhr, was immer toll ist, selbst wenn es nur 500 Meter sind, es ist herrlich. Ich wurde weiter nass, aber das war egal, immerhin war mir nicht kalt, weil ich unter dem Hoodie (keine Winterjacke diese Saison angezogen und jetzt fange ich nicht mehr damit an) den dicken Stadionpulli trug. Kam der auch mal an die frische Luft, das nutzlose Ding.

Ich radelte an der Lieblingsbäckerei vorbei, aus der F. mittwochs immer seine Bestellung holt, rief ihn an, ob der schon dagewesen wäre, ich sei gerade da, aber der Mann hatte sein geliebtes französisches Landbrot bereits zuhause, ich war zu spät. Das hätten wir schlauer timen können, aber unsere Gehirne gehen immer mehr in den Pandemiemodus. (Bin ich froh, dass die Diss abgegeben ist.)

Zuhause schlüpfte ich in trockene Klamotten und vertiefte mich gleich in eins der ausgeliehenen Bücher – und nickte fast ein. Ich zog vom Sofa an den Schreibtisch – und schlief auch dort fast ein. Ich ignorierte alles, was ich für gestern auf meiner To-do-Liste hatte und verdöste quasi den ganzen Nachmittag. Seit Dezember hatte ich an der Diss-Überarbeitung gesessen, dann kam die Woche im Norden, dann musste der Geburtstag irgendwie rumgebracht werden – und jetzt konnte ich schlafen. Was ich dann auch ausgiebig tat.

Dafür war ich abends natürlich wach und las bis 2 Uhr morgens, aber das ist jetzt alles egal.

Gestern war St. Patricks Day, mir egal, aber diesen Post der Bayerischen Schlösserverwaltung fand ich gut.

Montag/Dienstag, 15./16. März 2021 – Zweiter Pandemiegeburtstag

Der Montag fing eigentlich gut an: Ich raffte mich zum Wohnungsputz auf und sah, danach am Schreibtisch sitzend, erfreut, dass ich neue Dinge auf der Seite für die Impfanmeldung in Bayern anklicken konnte, die mich in Priogruppe 2 brachten, wo ich hingehöre. Ich setzte ein Schreiben auf, ging zum Briefkasten und hatte das Gefühl, irgendwie aktiv geworden zu sein, selbst etwas machen zu können. Ab da ging der Tag leider den Bach runter.

Zunächst bekam ich mit, dass es dem Mütterchen nicht so gut ging, dann, dass sich das Schwesterherz ähnlich fühlte, alles war auf einmal wieder anstrengend und doof, und dann kam die Nachricht rein, dass die Impfungen mit Astra-Zeneca ausgesetzt werden, gerade jetzt, wo die Infiziertenzahlen wieder nach oben gehen und die ganze Impfkampagne eh nur schleppend läuft. Natürlich ist es richtig, dass man sich seltsame Häufungen von Krankheits- oder sogar Todesfällen anschaut, aber soweit ich das überblicke, ist das Risiko, bei Corona eine Thrombose zu entwickeln, deutlich höher als das bei der Impfung. Ich habe aber natürlich nicht wirklich eine Ahnung, nur mal wieder, erneut, dauernd das Gefühl, wieder machtlos geworden zu sein. Und da erwischte mich dann erstmals der Pandemie-Heulflash. Wegen Stress oder Überforderung nah am Wasser zu sein – geschenkt. Aber Montag ergriff mich eine dicke Dosis Hoffnungs- und Mutlosigkeit und ich wollte mir ein Mental Health Year nehmen und einfach unter die Bettdecke kriechen.

Aus der üblichen Frustpizza wurde immerhin eine Portion Frusttofu mit Frustgemüse und ordentlich Thai-Würze drüber, was der Kühlschrank gerade so hergab. Das tat gut und machte die Welt wenigstens ein winziges bisschen besser. Limette, Fischsauce, Koriander, Chili, Knoblauch, Palmzucker, ihr gewinnt gerade sehr.

Die kurzfristig bessere Laune nutzte ich, um mein vom Doktorvater abgenicktes Diss-Dokument an den Wunschverlag zu schicken. 1.050.000 Zeichen und ungefähr 130 Abbildungen aka laut meiner Prüfungsordnung acht bis zehn Masterarbeiten. Demnächst hoffentlich in Ihrer Bibliothek.

Gestern beging ich den zweiten Pandemiegeburtstag. Ich zitiere meinen Blogeintrag vom letzten Jahr:

„Als ersten Gratulanten hatte ich morgens Papa am Ohr; er rief aus seinem Hirn die üblichen Floskeln für Geburtstage ab, die er in seinem Leben schon tausendmal verwendet hatte („Ehrentag“, „gutes Wetter“, „hab einen schönen Tag“, „Gesundheit ist das Wichtigste“) und fragte mich viermal, wie es mir geht, weil er vergessen hatte, dass er mich das schon dreimal gefragt hatte. Er beendete das Gespräch mit der Floskel, mit der er schon vor dem Schlaganfall unsere Gespräche beendete: „Ich geb dir mal Mama.““

Als ersten Gratulanten hatte ich morgens Papa am Ohr; er konnte keine Floskeln mehr abrufen, die man ihm nicht einsoufflierte. Ich hörte Mama aus dem Hintergrund einsagen: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburstag!“ Und dann ihn: „Ja, Glückwunsch zum Geburtstag.“ Stille. Ich: „Vielen Dank! Das freut mich, dass du anrufst. Geht es dir gut?“ „Ja, mir geht es gut.“ Stille. Mütterchen aus dem Hintergrund: „Geht’s dir auch gut?“ Papa: „Geht’s dir auch gut?“ Und so weiter. Alles im Falsett. Ich sagte ihm vor, was er mir sagen sollte, damit Mama das nicht machen musste, und bat ihn dann, mir Mama zu geben. Wenigstens das geht noch.

Danach wurde ein spontaner Tortenbeschluss gefasst, ich brauchte Zucker und Ablenkung und buk eine kleine Schwarzwälder Kirschtorte.

Während der Biskuit buk und danach die erste Sahneschicht im Kühlschrank festwurde, sah ich die neue Folge „Kitchen Impossible“, wo Sven Elverfeld ebenfalls Schwarzwälder Kirsch buk, was ich sehr lustig fand. Das wusste ich wirklich nicht, bevor ich mich für ein Rezept entschieden hatte; ich backe die Torte einfach gerne, weil Schokolade, Kirsch und Sahne halt immer funktionieren. Der Biskuit ging gestern nicht ganz so auf wie gewünscht, daher gab’s nur zwei Böden statt drei. Den untersten tränkte ich mit Kirschwasser und gab dann mit Stärke gebundene Kirschen darüber, die leicht mit Zimt und Zucker eingekocht worden waren. Darüber gab’s eine kleine Sahneschicht mit ein paar Schokostreuseln. Auf den zweiten Boden strich ich Kirschkonfitüre und klappte den dann so auf den ersten, dass die Konfitüre auf der Sahne über den Kirschen zu liegen kam. Danach wurde ordentlich Sahne auf die Außenhülle gespachelt und dann durfte er erstmal auskühlen.

Die komische Tortenplatte ist natürlich von meiner Mutter und die einzige, die ich besitze, die sich dreht. Mit der kann ich am besten Torten mit Sahne oder Buttercreme einstreichen, daher ist die bei Torten gesetzt, obwohl ich sie nicht übermäßig hübsch finde. Der Teller ist ebenfalls aus dem Norden und den mag ich.

Abends kam F. vorbei; im letzten Jahr hatte ich den Geburtstag ganz alleine verbracht, da war das Virus noch neu und wir dachten alle, wir sind im Frühjahr 2021 längst geimpft und gehen wieder ins Stadion. Ich mag gerade mal wieder nicht mehr darüber nachdenken, ich esse Käse und Torte und gehe auf die Yogamatte und nicht in die Bibliothek, bin traurig und ängstlich und entnervt und wütend und will immer noch unter die Bettdecke.

Behind the Scenes at a Five-Star Hotel

Stadtgeschichte, verknüpft mit Biografischem, gerne gelesen. Also bis auf die Details von verschuldeten oder gestorbenen Menschen.

„About eighty weddings took place at the Pierre in 2019. A certain subset of wealthy New Yorkers have attended numerous events at the hotel, and couples who’ve been married there have tried to transform the Grand Ballroom in ways that guaranteed that their wedding would not be forgotten. Sometimes, floral decorators have used netting to suspend thousands of flowers from the ceiling, so that guests felt as though they were standing beneath a garden. One decorator adorned the room with ten thousand peonies. There have been quite a few weddings with a winter-wonderland theme—at one, decorators used drapery to create the illusion of icicles hanging from above, rolled out a white carpet, and set up a snow machine. Jay Laut, a banquet captain at the Pierre, told me, “Sometimes we would just talk among ourselves and say, ‘Oh, my God, what a party they had!’ ”

To some of the staff, the wedding on March 7, 2020, stood out because it was a “second-generation wedding”—the bride’s mother had also been married at the hotel, three decades earlier. Seventy-eight employees worked the event, including thirty-two banquet servers, who performed their usual ballet of speed-walking into the ballroom while balancing a tray of plates on one palm. The role of banquet servers can be intensely demanding: they present multicourse meals, often on a razor-tight schedule, providing, as the hotel promises, “flawless five-star service.” “It’s a very stressful job,” Laut said. “We have to live up to the name of the Pierre.” During the busy seasons at the hotel—the spring and the fall, leading up to the holidays—banquet servers might have to work double and triple shifts. The March 7th wedding was the last large social event held at the Pierre. […]

Three months earlier, at the end of 2019, New York City had reached a record number of visitors for a single year: almost sixty-seven million. Its hotels had about a ninety-per-cent occupancy rate, the highest in the country. But in a matter of days covid-19 had put the entire industry in peril. When the pandemic began, there were about seven hundred hotels in the city, employing some fifty-five thousand people. A union called the Hotel Trades Council represents most of these workers, including those at the Pierre. On March 19th, the union’s president at the time, Peter Ward, appeared on the local news station NY1. “By this time next week, ninety-five per cent of the hotel industry is likely to be laid off,” he said. Ward’s grim prediction proved largely correct.“

Wir setzen die Reihe „Teetassen passend zur derzeitigen Lektüre“ locker fort.

Freitag bis Sonntag, 12. bis 14. März 2021 – Paul, Baldwin, Wenzel

Für die freitägliche Date Night griff ich endlich mal zu Stevan Pauls japanischem Kochbuch, das schon viel zu lange hier nur durchgeblättert, aber nicht nachgekocht wird. Lustigerweise kochte Juliane von „Schöner Tag noch“ genau dasselbe Rezept nach, das ich auch zubereitete, aber sie konnte das auch fotografisch belegen. Das hätte ich auch gekonnt, wollte ich aber nicht, weil ich totaler Honk die Nudeln als letztes in die Schüssel mit Ramen gab anstatt den ganzen hübschen Kleinkram wie ein halbiertes Ei, Möhrenstreifen, Mais, Tofuwürfel und Frühlingszwiebeln, weswegen der Teller fürchterlich aussah. Diese geistigen Aussetzer passieren quasi immer, wenn F. am Tisch sitzt; ich bin so daran gewöhnt, nur für mich und Insta zu kochen, das dauernd was schiefgeht, wenn noch jemand anders einen Teller haben will.

Daher muss das Interweb jetzt auf ein Foto bei gelblichem Küchenlicht verzichten, aber ich hatte immerhin einen schönen Freitag. Zeitgleich mit dem bereits verbloggten Himbeer-Marmorkuchen (da füge ich gleich noch kleine Edits ein, weil ich den Kuchen gestern gleich nochmal buk, aufgepasst!) kochte ich zunächst eine Gemüsesuppe, die dann ewig abkühlen musste. Gleichzeitig setzte ich ein Dashi an, wobei das nur ein halbes Dashi war: auf die Kombu-Alge hatte ich verzichtet (Schilddrüse, Jod, blablabla), daher war das eigentlich nur heißes Wasser mit Bonitoflocken, in das irgendwann noch ein Haufen Ingwer, Sake und Miso-Paste durften. Beides zusammen ergab mit den oben erwähnten Toppings ein ganz herrliches Essen, das ich mit frischem Koriander etwas ruinierte; ich dachte, Koriander passt zu allem, aber nein.

Gemeinsam eingeschlafen, beide erschöpft von der Woche, der Pandemie, Sie wissen schon, Sie kennen das.

Samstag konnte ich mich nicht zum Putzen aufraffen, egal, Pandemie, das ist jetzt meine Go-to-Ausrede. Stattdessen gab’s Himbeerkuchen, ich schwitzte wie noch nie auf der Yogamatte, fand es aber masochistischerweise total super, las ein weiteres Buch quer, das die Staatsbibliothek diese Woche zurückhaben möchte und schaute abends endlich „I am not your negro“, was null gute Laune machte. Soll der Film vermutlich auch nicht.

Die Bibliotheken, auch mein geliebtes ZI, haben seit letzter Woche in München wieder geöffnet, und ich könnte mir auch endlich ein Ticket fürs Lenbachhaus gönnen, um mal wieder in der Neuen Sachlichkeit rumzuhängen, oder für die Pinakothek der Moderne, um bei Herrn Protzen vorbeizuschauen und ihm zu erzählen, dass er als mittelbegabter Maler und NS-Profiteur jetzt ne fertige Diss hat, aber das verkneife ich mir alles, auch wenn’s weh tut. Die Inzidenzzahlen sind jetzt wieder da, wo sie Oktober waren; wo München im Februar mal kurz unter 30 war, sind wir jetzt wieder knapp unter 70, und ich ahne, dass das launig weiter nach oben gehen wird, bis ich mich nicht mehr in Züge traue, um im April das Mütterchen zu unterstützen. Danke, Öffnungspolitik, du bist so toll. Ich weiß, dass ich aus einer sehr privilegierten Perspektive argumentiere, ich muss hier nicht drei Kleinkinder bespaßen oder mich mit anderen Leuten um Ruhe in der Wohnung streiten, aber so ganz langsam fühle ich mich von diesem Land, in das ich trotz allem Gemeckere immer ein absolutes Grundvertrauen hatte, im Stich gelassen. An die Bevölkerung zu appellieren, doch bitte diszipliniert zu bleiben, aber gleichzeitig schulpflichtige Kinder in den Präsenzunterricht zu zerren und alle Gartencenter (und Bibliotheken) wieder zu öffnen, in der bescheuerten Hoffnung, niemand würde diese Angebote wahrnehmen, wenn man nur lange genug „bitte“ sagt, ist einfach irrsinnig und es macht mich sehr wütend und gleichzeitig kraft- und mutlos.

Deswegen war Sonntag auch Sofatag angesagt. Ich buk nebenbei den Himbeerkuchen noch einmal, um ein paar Dinge anzutesten, und las Olivia Wenzels „1000 serpentinen angst“, von dem ich auf 54 books das erste Mal etwas gehört hatte. Die Site besprach das Buch anhand einer weiteren Besprechung im Literaturclub, was mich schlicht neugierig machte. Dort wurde das Buch der Schwarzen Autorin anscheinend aus eher ignoranter Perspektive rezensiert, was zu solchen Absurditäten wie den folgenden endete:

„Im Literaturclub versucht die Gastgeberin Nicola Steiner, Philipp Tingler dann doch noch von der Legitimität Wenzels Erzählweise zu überzeugen. Es sei auf eine Art sperrig, auf eine andere aber auch sehr verspielt und spreche junge Frauen zwischen 20 und 30 sicher an. „Ist das jetzt meine Schuld, dass ich keine junge Frau zwischen 20 und 30 bin“, fragt Tingler. Nicht jedes Buch spreche Leser gleichermaßen an, entgegnet Steiner und Heidenreich bekundet am Bildschirm ihre Zustimmung. Steiner sagt:

„Ich kann mir vorstellen, dass junge Frauen das jetzt entdecken können und mit dieser Art der Literatur auch etwas Universales entdecken können, nämlich diese Ausgrenzung und Schablonen-Denken. Wir haben das ja auch – man wird festgelegt auf etwas, da ist man die Blondine oder der Bodybuilder und man versucht zwischendurch, diese Etiketten von sich zu werfen und zu sagen: ich bin ganz viele und ganz viele kaleidoskopmäßig.“

Im Folgenden greift Tingler seinen seltsamen Universalismusanspruch an die Literatur noch einmal auf. „Universalismus in der Literatur ist ein Aspekt, eine Kohorte von Frauen zwischen 20 und 30 ist ein anderer Aspekt“, so Tingler. „Warum bin ich nicht mitgemeint in diesem Buch?“ Reina Gehrig versucht dagegen zu halten, meint, dass das Buch nicht nur für Frauen zwischen 20 und 30 interessant sei. Ihr Einwand wird von Heidenreich auf dem Monitor abgeschnitten, die das bunte Cover des Buches vor die Kamera hält und in die Runde fragt, ob das Buch nicht „absurd hässlich“ sei. Ohne Umschlag sei es noch viel hässlicher, ergänzt Tingler.“

Ich finde das gelbe Schutzcover okay und das grell pinkfarbene Buch darunter sogar ziemlich super, das ist natürlich im Bezug auf den Inhalt total egal, aber ich kombinierte es trotzdem mit gelber Teetasse und gelbem Lesezeichen.

Ich muss gestehen, dass ich auch etwas mit dem Buch fremdelte, was aber nicht am Inhalt, sondern der Erzählweise lag. Zunächst liest es sich wie ein Dialog, bei dem wir erst herausfinden müssen, wer überhaupt spricht. Kaum hat man sich das irgendwie zurechtgelegt, wechselt das Buch in längere Beschreibungen von Fotos, die Heidenreich laut Eigenaussage quälend gelangweilt hätten; ich empfand sie als willkommene sprachliche Ruheinseln inmitten der vielen gesprochenen Sätze (und sie erinnerten mich natürlich an gewohnte kunsthistorische Bildbeschreibungen). Dann kommen wieder Dialoge, aber die Sprechenden scheinen ihre Plätze gewechselt zu haben; wo zunächst die Ich-Erzählerin gefragt wird, wo sie denn jetzt sei, fragt sie plötzlich selbst: „Wo bin ich jetzt?“ Dieses Dialogische, was eher an Skripte oder Theaterstücke erinnert, ließ mich zunächst etwas angestrengt zurück, weil ich mich auf einen klassischen Roman eingestellt hatte, aber es liest sich alles sehr schnell und unwiderstehlich weg, dass es mir nach wenigen Seiten kaum noch auffiel, eben keinen klassischen Roman zu lesen.

Ich mochte, dass man sich die Geschichte oft selbst zusammenstückeln muss, die mir aus Halbsätzen und Fotobeschreibungen angeboten wird, ich mochte die Perspektivwechsel und das Hin- und Herspringen in der Zeit, man wird als Leserin selten für dumm gehalten. Nur manchmal schleichen sich Absätze in die unterschiedlichen Textformen, die ein bisschen wie ein Wikipedia-Artikel klingen, mit denen der Leserin Rassismus beigebracht werden soll. Die haben genervt und ich weiß auch nicht, warum Wenzel sie einfügte, denn ihre Dialoge und Schilderungen von erfahrenem Wissen sind weitaus eindringlicher als angelesenes. Das Buch geht clever auf innere Kritik ein, indem es die bis zum Schluss nicht aufgelösten Dialogpartner Sätze sagen lässt wie „Immer wieder diese Geschichten, in denen dir fast etwas passiert, aber letztlich doch nicht“, was völlig verkennt, dass ein Leben in konstanter Erwartung von Gefahr ein ständiges Passieren ist. Auch ein launiges „Du sitzt am Ufer, die Sonne scheint, keine Nazis in Sicht. Was genau ist dein Problem?“ fassen gut zusammen, wie wenig ich als weißer Mensch die Situation von Schwarzen Menschen nachvollziehen kann. Insofern sind Sätze wie oben – „Warum bin ich nicht mitgemeint?“ – von so dusseliger Egozentrik, das man sich fragt, wie oft marginalisierte Menschen ihre Geschichte eigentlich noch erzählen müssen: Du bist nicht mitgemeint, weil es dir nie so ergehen wird wie der Erzählerin. Aus dem simplen Grund, dass du weiß bist. Setz dich hin und hör zu. Oder lies das Buch nochmal. Auch wenn du dich nicht für Hautfarben interessierst; vielleicht magst du ja ein cleveres Buch über Angststörungen, Selbsterkenntnis ohne Esoterik, DDR-Geschichte, Liebe und Freundschaft lesen. Das ist es nämlich auch.

Himbeer-Marmorkuchen

Das Rezept bei La Paticesse klang so verführerisch simpel, Himbeer statt Schokolade, total logisch, macht dann aber erstaunlicherweise einen Hauch mehr Arbeit. Hat sich aber gelohnt.

Meine kleine Kastenform ist 20 cm lang, die passte perfekt. La Paticesse bäckt auf 18 Zentimeter.

175 g Himbeeren, TK oder frisch, bei mir TK, mit
15 g Zucker und
1 EL Wasser erhitzen und durch ein Sieb streichen, um die Kerne zu entfernen. Das durchgestrichene Püree auf 60 g einkochen und leicht abkühlen lassen.

Das Entfernen der Kerne ist mir nicht vollständig gelungen, aber es ist auch nicht dringend nötig. Beim zweiten Backen habe ich gleich nur 60 g TK-Himbeeren genommen und sie mit einer Gabel zerdrückt; das sah im fertigen Kuchen ähnlich hübsch aus wie das Püree beim ersten Versuch, nur einen Hauch weniger farbintensiv.

100 g Butter schmelzen und leicht abkühlen lassen.

Die Kastenform buttern und mit Backpapier auslegen, den Ofen auf 170° Umluft (!) vorheizen. Bei Ober- und Unterhitze wurde ich auf 180° gehen.

In Schüssel 1
110 g Zucker mit
1 Prise Salz und
2 Eiern weißlich-cremig aufschlagen, bis sich der Zucker aufgelöst hat.
100 g Mehl, Type 405,
25 g gemahlene Mandeln und
4 g Backpulver durchsieben und dazugeben.
65 g Crème fraîche unterrühren, danach
50 g der flüssigen Butter.

Jetzt fast dasselbe nochmal. In Schüssel 2
110 g Zucker mit
1 Prise Salz und
2 Eiern weißlich-cremig aufschlagen, bis sich der Zucker aufgelöst hat.
100 g Mehl, Type 405,
25 g gemahlene Mandeln und
4 g Backpulver durchsieben und dazugeben.
Neu: das Himbeerpüree unterrühren, wer mag, gibt noch
1 EL Rosenwasser dazu (habe ich weggelassen) und zum Schluss erneut
50 g der flüssigen Butter.

Nun die Hälfte des hellen Teigs in die Form füllen, danach den kompletten Himbeerteig, dann den Rest des hellen. Die Teige sind recht flüssig und verbinden sich daher fast von alleine, kein Rumstochern mit Gabeln mehr nötig, um das Marmormuster hinzukriegen.

Im vorgeheizten Ofen für 10 Minuten backen, dann – das kannte ich noch nicht bei Kastenkuchen – ein Messer in flüssige Butter tauchen und damit einmal längs durch den Kuchen gehen. Ich behaupte, das gute Ding ging dadurch gleichmäßiger auf als meine bisherigen Kuchen. Weitere 35 bis 40 Minuten backen, bei mir hat das Backwerk fast eine Stunde gebraucht. Auf jeden Fall Stäbchenprobe machen.

50 g Himbeer-Konfitüre mit
1 TL Wasser erhitzen (Mikrowelle reicht, wenn man eine hat).
Den noch warmen Kuchen vorsichtig aus der Backform heben; Backpapier nehme ich sonst bei Kastenkuchen nie, hier war es sehr hilfreich. Den Kuchen sehr dünn mit der erhitzten Konfitüre bepinseln und vollständig auskühlen lassen.

Danach
Eine gute Handvoll frische Himbeeren putzen und bereit legen.
160 g weiße Kuvertüre im Wasserbad schmelzen,
40 g weiße Kuvertüre einrühren, so dass die Temperatur auf 29 bis 30 Grad fällt. Das habe ich nicht gemessen, lippenwarm ist eine gute Richtschnur, aber eigentlich sieht man ganz gut, wie zähflüssig die Schokolade sein muss, um nicht kläglich am Kuchen herunterzulaufen. Mit eben dieser leicht zähen Kuvertüre den Kuchen übergießen und sofort mit den Himbeeren bestücken. Erneut vollständig auskühlen lassen. Beim zweiten Backen versuchte ich zarbittere Kuvertüre; das könnt ihr getrost bleibenlassen, weiße Kuvertüre rockt hier eindeutig mehr.

Ich mochte die Konsistenz sehr gerne, der Kuchen ist eher leicht und fluffig, wo ich sonst eher Brocken backe. Und hübsch ist er! Ich war ganz verliebt und habe mich kaum getraut, ihn anzuschneiden. Tipp: Er ist am zweiten Tag meiner Meinung nach besser als am ersten, die Frucht kommt besser durch und er ist etwas fester geworden. Gleich mal damit gefrühstückt.

Donnerstag, 11. März 2021 – Accepted with minor revisions

Fürchterlich schlecht geschlafen, ich lag bis vier mehr oder weniger wach. Ich weiß nicht, ob es am bevorstehenden Gespräch mit dem Doktorvater lag, dem ich das stark überarbeitete Diss-Dokument geschickt hatte, oder daran, dass ich nach fast zwei Wochen Quasi-Abstinenz unbedingt zwei Liter Tee trinken musste, die letzte Tasse dann auch locker um 21 Uhr abends, ich Hirn.

Das Gespräch war dann äußerst erfreulich, auch die zweite Herausgeberin nach dem Herrn Erstprüfer ist dafür, mich in der gemeinsamen Reihe zu verlegen; fehlt nur noch der Verlag, aber da der ja mein Geld kriegt und nicht umgekehrt wie in der Belletristik bzw. Populärwissenschaft, wüsste ich nicht, was er dagegen haben sollte. (Knurr.)

Die Mitherausgeberin hatte allerdings ein paar Anmerkungen, die Papa und mir völlig durchgerutscht waren, Betriebsblindheit irgendwann, bei mir inzwischen eh, ich habe überhaupt keinen Abstand mehr zu meinem Text, obwohl ich bei der Überarbeitung genau darauf noch einmal geachtet hatte. Aber ausgerechnet im Inhaltsverzeichnis, also der Visitenkarte des ganzen Dings, nutzte ich einige Begrifflichkeiten, an die ich dringend noch einmal ran muss. Generelle Mitteilung war auch, und darüber musste ich als Immer-auch-noch-Werberin innerlich sehr lachen: „Das klingt noch wie eine Diss – das darf mehr wie ein Buch klingen.“ Anders formuliert: mehr werbischer werden, damit jemand das Buch lesen will. Das kriege ich hin.

Wir sprachen auch über die Inanspruchnahme meiner Arbeit durch eher unangenehme Zeitgenoss:innen bzw. auf die aller, die sich mit dem Thema NS beschäftigen. Dadurch, dass ich eine lange Arbeit über Protzen veröffentlichen werde, in der auch Abbildungen enthalten sind, hole ich diese Werke in den Diskurs, aus dem sie bisher ausgeschlossen waren. Ich zeige diese Werke zwar in einem streng wissenschaftlichen Kontext und mache auch im Text meinen kritischen Zugriff sehr deutlich, aber auch das wird mich vermutlich nicht davor bewahren, dass irgendwelche rechtsdenkenden Menschen jetzt schönes neues Bildmaterial haben, das sie unwissenschaftlich und unkritisch nutzen könnten. Oder die Autobahn selbst, die manchmal von einer bemerkenswerten Geschichtsblindheit überfallen wird.

Auch deswegen sollte ich im Inhaltsverzeichnis noch einmal sehr genau schauen, ob dieser kritische Zugriff nicht noch deutlicher formuliert werden könnte. Die Kapitelüberschrift „Gemälde aus den besetzten Ostgebieten“ kann man mit sehr viel geistiger Verrenkung auch im Sinne von „Guck mal, der Osten gehört jetzt uns, hier sind hübsche Abbildungen“ lesen anstatt in meinem Sinne von „Abbildungen aus den besetzten Ostgebieten machten Protzen zum wissentlichen Akteur eines unmenschlichen Systems“.

In den nächsten Tagen gehe ich an diese Baustelle also noch einmal ran, dann kriegt der Verlag Post und dann darf ich mich um 130 Abbildungen kümmern, von denen ich diverse einkaufen muss. Seufz.

Spotify spülte mir gestern KT Tunstall in den Mix der Woche. Die Songzeile „There is paradise / In the loneliness / But I’m counting on you coming by“ fand ich zu COVID-Zeiten sehr passend.

Der Account Midwest Modern (gefunden über, ich glaube, @LangeAlexandra) erfreute mich gestern mit hübschem Geschirr.

Montag bis Mittwoch, 8. bis 10. März 2021 – Gute Laune, schlechte Laune

Ich bin nach der Woche im Norden meist erstmal erledigt und will nur rumliegen, das habe ich am Wochenende auch großflächig gemacht, neben dem Tartebacken. Außerdem stellte ich überrascht fest, dass die Knieschmerzen fast weg sind, wenn ich im Vierfüßlerstand auf der Yogamatte bin oder Ausfallschritte mache. Hat das ewige schmerzhafte Treppensteigen der letzten Woche vielleicht doch einen guten Nebeneffekt gehabt. Fight fire with fire!

Montagabend genoss ich einen Vortrag von Henrike Naumann, deren Arbeiten ich seit längerem verfolge. Als F. und ich das letzte Mal in Wien waren, unserer zweiten Heimat, irgendwann ziehen wir da hin, es hilft ja nichts, sahen wir ein Ausstellungsplakat am Bahnhof, woraufhin wir dann gleich nach dem Kofferauspacken ins Museum gingen. Und die Ausstellung im Haus der Kunst nahmen wir auch noch mit, bevor alles geschlossen wurde.

Naumann sprach per Zoom im Kunstverein Hannover, nicht nur über die Installationen zu Reichsbürgern und ähnlichen, die ich kannte, sondern auch zu Hannover-zentrierten wie „Mensch. Natur. Twipsy“ (2019), für die sie ins Originalkostüm von Twipsy schlüpfen durfte. Alle Hannoveraner:innen kennen Twipsy und wissen, dass „Mensch. Natur. Technik“ das Motto der Expo 2000 in Hannover war. Ich erinnere mich noch lebhaft an die unwürdigen Diskussionen, dass Kraftwerk (KRAFTWERK!) Geld für den Jingle zur Ausstellung haben wollte, diese unverschämten Wegelagerer. Beim Wiederanschauen: Ich mag das wabernde Logo der Expo immer noch.

Naumann sprach über ihre ortsinspirierten Installationen, über die Materialien und die Rechercheprozesse. Normalerweise will ich gar nicht wissen, was Künstler:innen zu ihren Werken sagen, das ist ja mein Job, mir darüber Gedanken zu machen, aber ich hörte sehr fasziniert zu. Auch weil sie fast nebenbei den Effekt von bildender Kunst erklärte, ohne es zu wollen: Sie wurde gefragt, ob sie Worte oder Bilder der Neuen Rechten gefährlicher fände – siehe den dusseligen Schamanen beim Sturm aufs Kapitol, der jetzt schon eine gewisse ikonische Wirkung hat –, und in der mäandernden Antwort meinte sie, dass man bei Texten immer so viel erklären müsse, während Bilder, Objekte, Installationen bei jedem andere Reaktionen hervorriefen, jeder empfände diese Dinge anders. Anders formuliert: Bilder wirkten stärker, weil sie assoziativer sind. Tach, Kunst.

Das erinnerte mich an mein Lieblingszitat von Gerhard Richter, der in den 60ern, wenn ich mich richtig erinnere, mal meinte, er könne nur mit Malerei ausdrücken, was er zu sagen hätte; wenn er es mit Worten könne, würde er schreiben. Das habe ich gerne im Hinterkopf, wenn ich in meinen Bildbeschreibungen zu blumig, zu persönlich oder zu weit weg von allem werde und mich ermahnen muss, schlicht aufs Bild zu schauen und nicht schon rumzuinterpretieren. Das ist erst der zweite Schritt.

Seit ein paar Tagen weiß ich, dass ich Prio 2 bei den Impfungen bin, aber das kann ich leider nirgends auf der bayerischen Seite anklicken, auf der man sich anmelden soll. Laut der bin ich nämlich Prio 3, wie das in einer älteren Verordnung festgelegt wurde. Die Nummer beim Imfpzentrum, die ich mich gestern traute anzurufen, fragt per Menü erstmal ein paar Dinge ab, bevor sie einen weiterverbindet, nämlich ob ich über 80 bin und Pflegepersonal etc., und weil ich das wahrheitsgemäß verneinte, flog ich aus der Leitung: „Sie sind noch nicht dran, bitte informieren Sie sich in den Medien, wann Ihre Gruppe geimpft wird.“ Hmpf. Die bundesweite Nummer will ich nicht wählen, weil die vermutlich irre oft von anderen gewählt wird, die noch nicht wissen, wo ihr Impfzentrum ist. Überhaupt will ich mich nicht vordrängeln oder ähnliches, aber wenn ich Prio 2 bin, würde ich auch gerne früher rankommen. Ich nehme auch AstraZeneca. Ich nehme Sputnik, wenn’s sein muss!

Launig textete ich F., dass meine Hausärztin mich vermutlich eher impfen würde als das Impfzentrum, aber dann kam gestern die Nachricht, dass man darüber wohl nochmal nachdenken müsse, Anfang April ist ja auch echt überstürzt, Mitte des Monats reicht auch, die zwei Wochen mehr machen uswusf. Ich mag nicht mehr. Ich will nicht mehr auf gute Nachrichten hoffen, ich lese jetzt einfach ein halbes Jahr keine Nachrichten mehr, warte ergeben darauf, dass mein Handy pingt und mir einen Impftermin nennt, von mir aus mit Sägespänen, ich kann dieses Gefühl nicht mehr ertragen, dass unser aller Gesundheit an Bürokratie, Dokumentationswahn und Logistik hängt.

Vorgestern schrieb mich eine Neu-Doktorandin meines Doktorvaters an (der Herr verknüpft uns gerne alle miteinander). Sie arbeitet zu einem weiteren Künstler aus dem Münchner Raum, über den es kaum bis gar keine Literatur gibt, und wie es der Zufall will, hat der Mann auch mindestens eine Autobahn gemalt. Dazu wusste die Dame nichts, kein Wunder, es gibt ja auch keine Literatur zu diesen Bildern, BIS JETZT, MUHARHAR!, also fragte sie mich und ich konnte sehr viel schreiben. Das hat mich gefreut zu merken, dass ich doch ein, zwei Dinge rausfinden konnte in den letzten Jahren.

Apropos: Heute abend um 18 Uhr gibt es einen Online-Vortrag von dem Herrn, der mein Kontakt in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen war, wann immer ich eine wilde Frage zu Protzens Werken im Haus hatte. Gramlich stellt sein Buch Begehrt, beschwiegen, belastend. Die Kunst der NS-Elite, die Alliierten und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (1943–2020) vor, und aus berufener Quelle wurde mir gesagt, dass auch ein Werk von Protzen auf einer Powerpoint-Folie zu sehen sein wird, ich tippe natürlich auf die Donaubrücke bei Leipheim, weil die von einem NS-Funktionär gekauft wurde und 1953 als sogenannte Überweisung aus Staatsbesitz im Depot der Pinakotheken landete. Schalten Sie ein, schauen Sie Autobahnen! Oder wenigstens eine.

Für das bzw. die Foto/s der Schokoladentarte probierte ich tagelang mit den neuen, alten Tellern rum, die ich aus dem Norden mitgeschleppt hatte. Ich habe keine Ahnung, warum ich, die gerne so schlicht wie möglich wohnt, auf einmal überkandidelte Blümchenteller mit Goldrand mag, aber egal, dann ist das jetzt so, dann verbiedermeiere ich jetzt halt. Auf simples Skandinavisches gucke ich seit 30 Jahren, vielleicht ist jetzt die Zeit für Schnörkel gekommen. (ORNAMENT UND VERBRECHEN!)

Daher esse ich seit Tagen mein Käsebrot von bunten Tellerchen, und gestern trug ich erstmals eine der alten Tassen an den Schreibtisch.

Das ist, wie ich merkte, eine Rechtshänderinnentasse. Wenn man sie mit links greift, sieht man keine Blume, sondern nur weiß. Gemein!

Schokoladentarte

Ich teste anscheinend gerade alle Mürbeteige dieser Welt an. Dieser hier – zusammen mit dem Schokoschlotz oben drauf – stammt aus Die neue bayerische Küche von Florian Lechner. Mir gefiel daran das deutliche Zitronenaroma, das bei der Menge an Schokolade dringend nötig ist. Außerdem ließ er sich ausnehmend gut verarbeiten und war nicht so eine rissige Diva, was Mürbeteige beim Tarteformauskleiden ja gerne mal sind. Ein netter Teig.

Aus der untenstehenden Menge ist bei mir eine 28-cm-Form entspannt voll geworden plus zwei kleine Tarteletteförmchen. Ich bin immer zu faul zum Umrechnen; wenn ihr keine kleinen Förmchen habt, backt einfach ein paar Kekse aus dem Rest. Oder macht vom ganzen Rezept inklusive Füllung nur drei Viertel, das müsste auch halbwegs hinkommen.

360 g Mehl, Type 405, mit
120 g Puderzucker,
20 g Speisestärke,
15 g Vanillezucker und
der abgeriebenen Schale einer Biozitrone vermischen. Im Rezept stand was von 2 EL, ich rieb zu enthusiastisch, ließ es dabei und fand es super.

Aus den trockenen Zutaten einen kleinen Berg bauen, in der Mitte eine Mulde formen, darin
30 g Eigelb geben, das waren bei mir zwei kleine Eier.
220 g kalte Butter in Würfeln auf dem Berg verteilen und dann alles mit einem großen Messer grob hacken, bis sich alles verbindet und man einen glatten Teig kneten kann. Man kann auch alles in den Zerkleinerer werfen, aber ich habe gehackt. Mürbeteig ist bei mir Tagesform.

Den Teig zu einer dicken Scheibe formen, diese in Klarsichtfolie wickeln und für mindestens 30 Minuten im Kühlschrank parken. Danach zwischen zwei Lagen Folie oder Backpapier ausrollen, ich nehme immer die Folie, in die der Teig eingewickelt war plus eine Lage Backpapier oben drauf.

Die Tarteform buttern und mit
2–3 EL braunem Zucker bestreuen. Form mit dem ausgerollten Teig auskleiden, den Teig etwas andrücken, mit einer Gabel ordentlich einstechen und erneut zehn Minuten kühlstellen. Danach im auf 170° Ober- und Unterhitze vorgeheizten Ofen für etwa 20 Minuten backen. Der Rand sollte goldig-braun sein, die Mitte soll durchgebacken aussehen.

Mir ging der Boden etwas zu stark auf, weswegen ich nach der Hälfte der Zeit die Form mit Backpapier ausgelegt und meine Blindbackkugeln darauf verteilt habe. Im Buch steht nichts vom Blindbacken, aber ich meine, bei Tartes ist das gesetzt. Ich erinnere daran, vor allem alle Leute, die per Google hier vorbeischauen, dass ich keine Foodbloggerin bin, diese Rezepte sind meine Gedächtnisstütze für die nächsten Versuche. Wenn ich nett bin, editiere ich dann den Text. Wenn ich faul bin, dann nicht, was mich im letzten Jahr beim Stollenbacken, das ich jahrelang nicht gemacht hatte, etwas in den Hintern biss, aber ich schweife ab.

Den gebackenen Boden auskühlen lassen.

In einer Schüssel im Wasserbad
250 g Zartbitter-Kuvertüre und
200 g Butter schmelzen.

In einer weiteren Schüssel
80 g Mehl mit
6 g Backpulver und
20 g dunklem Kakaopulver mischen.

4 Eier mit
100 g Vanillezucker schaumig aufschlagen. In diese Masse nun nach und nach die Mehlmischung geben. Zum Schluss die Kuvertüre-Butter-Mischung geben und alles noch einmal gründlich durchrühren. Auf den Mürbeteigboden geben, glattstreichen und im auf 175° Ober- und Unterhitze vorgeheizten Ofen für etwa zehn Minuten backen. Vollständig auskühlen lassen, erst dann anschneiden, ja, das tut weh, ich weiß.

Zum Servieren kann man das Prachstück erneut mit dunklem Kakao und/oder Puderzucker bestreuen. Die Tarte ist, wer hätte es gedacht, irre süß und verträgt sich daher hervorragend mit säuerlichem Obst. Ich bin immer Team Himbeer.

Donnerstag bis Sonntag, 4. bis 7. März 2021 – Kulenty, Kracht, Suk

Die Tage im Norden sind immer anstrengend und sie sind vor allem auf immer neue Art anstrengend, weil ich vorher nie weiß, wie es Papa geht. Ich war im November nach meiner Verteidigung und vor der zweiten Welle da, danach blieb ich lieber zuhause, wobei das eine gute Vorbereitung war, denn alle Kontakte, die ich mir in den letzten drei Monaten verkniffen hatte, bekam ich jetzt in einer Woche: mehrere Pflegende, Physio- und Ergotherapeut:in, Hauswirtschaftshilfe, Putzfrau, ein winziger Einkauf, Nachbar, Schwester und Mütterchen, die sich natürlich alle Termine in diese Woche gelegt hatte, so dass ich indirekt noch drei Ärztewartezimmer mitbekam. Ich trug den ganzen Tag Maske, außer beim gemeinsamen Essen, weswegen der Rest der Zeit vermutlich egal oder Placebo war.

Papa findet immer schwerer Worte, er spricht kaum noch aus eigenem Antrieb, nur wenn man ihn etwas fragt, und dann muss man meist soufflieren, weil er nicht mehr weiß, was er antworten soll. Ich weiß nicht, ob das an den neuen Medikamenten liegt; vor wenigen Wochen konnte er gar nichts mehr sagen, woraufhin die damals ausprobierten Tabletten sofort abgesetzt wurden. Es ist also wieder besser geworden, aber trotzdem deutlich schlechter als es im November war. Er spricht fast nur noch im Falsett, warum auch immer, wiederholt fiepsend Phrasen, schreit laut auf, als ob er Schmerzen hätte, wenn ihm Dinge herunterfallen. Er erkennt mich noch, auch mit Maske, er stiert aber sehr oft einfach vor sich hin, schaut einen nicht mehr an, wenn man mit ihm spricht, er lächelt nicht mehr so oft, die alten Kalauer klappen noch, aber so langsam verschwindet mein Vater, wie ich ihn kannte, vor meinen Augen.

Auf der Zugrückfahrt hörte ich die 23. Episode des Beethoven-Podcasts und dementsprechend die 23. Klaviersonate, die „Appassionata“. Das war schön, aber ich muss nach Tagen im Norden immer aufpassen, im Zug nicht zu heulen, weil dann alles hochkommt. War dieses Mal egal, dann heule ich halt im Zug, sieht eh keiner, war netterweise recht leer.

Gabriel Yoran schreibt einen Newsletter, in dem er Klassikstücke vorstellt. Gleich das erste war ein Volltreffer: Hanna KulentysConcerto Rosso“ (2017), zu dem Yoran meinte, es klinge wie Minimalismus auf Speed, was genau die Art von Musik ist, die ich dringend hören wollte. Da hüpfen ein paar Geigen in der Gegend rum und plötzlich kommt die Streichergang aus der Nachbarschaft und die beiden beefen miteinander, aber zum Schluss gibt’s ein Bierchen beim Sonnenuntergang.

Das gefiel mir so gut, dass ich auf Spotify einfach noch ein Stück von Kulenty hörte, zu dem ich entgeistert twitterte: „Jetzt höre ich schon freiwillig Cembalo! Ich mag gar kein Cembalo!“ Nerviges Plinkerding, aber „GG Concerto“ ist fast genauso toll wie „Concerto Rosso“, weil das Cembalo hier den totalen Punk macht.

Zuhause erwarteten mich ein Buchgeschenk und Schokolade und abends F., endlich wieder gemeinsam einschlafen. Sonntag konnte ich mich dann ein paar Stunden „Eurotrash“ von Kracht widmen, denn länger braucht man nicht für das schnelle Buch, wie immer. Ich mochte es sehr, das überrascht jetzt vermutlich niemanden, aber ich mochte es jetzt gerade besonders, weil es Dinge verband, die eh gerade in meiner Wahrnehmung herumwabern bzw. mit denen ich mich beschäftige: Nazischeiß und Familie.

„Eurotrash“ erzählt von einer Reise durch die Schweiz, die ein Autor namens Christian Kracht mit seiner Mutter unternimmt, die eigentlich glaube, man würde nach Afrika fliegen. Deswegen wird ordentlich Bargeld in einer Plastiktüte von der Bank geholt, man schnappt sich ein Taxi und fährt durch die Gegend, Kracht immer bemüht, die Fassung zu wahren, während die laut Kracht geisteskranke Mutter ungeniert Wodka säuft, Pillen schluckt und bündelweise Geld verschenkt. Trotz der schlichten Handlung und der zunächst groben Schilderung gerade der Mutter ist das Buch überraschend zärtlich, weniger oberflächlich als andere Krachts, auch wenn unter dieser Oberfläche natürlich viel mitschwingt.

Dieses Mitschwingen wird hier deutlicher: Kracht wirft mit Namen, Jahreszahlen und Chiffren nur so um sich und entblößt die NS-Vergangenheit seiner fiktiven Familie mit übergroßer Geste. Opa war Untersturmführer der SS, da nimmt es der Erzähler schon ganz genau, und ließ sich gerne von isländischen Arierinnen sadomasochistisch quälen, auch der Patenonkel war dieser Spielart zugeneigt und verbarg hinter einem „unbezahlbaren Gobelin“, auch hier immer schön auf die Details achten, ein geheimes Zimmer, „ganz genau wie beim Vater meiner Mutter, nur in viel prächtigeren Ausführungen, Dildos aus Gold etwa, Kettenkaskaden, schöne Gasmasken und schwarze, augenlose Kapuzen aus Samt und Stahl.“ SS, Gasmasken, Stahl, ist klar, später fallen mitten in irgendwelchen Absätze noch Begriffe wie Eichenlaub, Osten und Gutshof. Die Eltern besaßen expressionistische Kunst, Kracht lässt gerne Maler- und Werknamen fallen, erinnert so auch an Kunstraub und NS-Kunstpolitik, erwähnt Ralph Giardono, Axel Springer und Heinz Rühmann, die man als Codes lesen kann für „Vergangenheitsbewältigung und Scham“, „Wiederaufbau und Antikommunismus“ und „Wir machen einfach so weiter wie vorher, weil Filme ja keine Nazis waren“. Es liest sich distanziert (auch der fiktive Kracht ist Schweizer) und gleichzeitig intim, wie Familiengeschichten nun mal so sind, und über allem liegt das Verzweifeln an Deutschland genau wie an der Schweiz; wo hier alles nationalsozialistisch und geil ist und durch „das große, jahrzehntelange, jahrhundertelange Schweigen, das eingefressene, eingefräste, verbohrte, verbiesterte Schweigen“ nicht vom Fleck kommt, genau wie die eigene Familie, die auch großflächig schweigt, ist dort alles zu teuer, trübe, kalt, protestantisch und schrecklich. „Und das Essen in der Schweiz, das immer viel besser schmeckte als anderswo, es war von Kindersklaven mit irgendwelchen Drogen versehen von der Firma Nestlé, damit die Menschen es gerne aßen und auch spurten und gute Schweizer blieben.“

Man mag einige biografische Details ernster nehmen als andere, wenn der fiktive Kracht seine Mutter einen Missbrauch erleben lässt, der dem echten Kracht angetan wurde, man kann aber auch diese Sätze in die Reihe der vielen anderen stellen, die die Leserin bewusst in die Irre führen wollen, was bei Kracht dann so klingt: „Na jedenfalls, und jetzt komme ich drauf, waren die Figur oder dessen Monologe, denn Dialoge kamen in dem Buch ja gar nicht vor, so glaubhaft, daß die Leser von Faserland dachten, das sei tatsächlich ich, der da so schrieb.“ Und nur zwei Seiten später, als er erzählt, dass sein Großvater „nach der Zeit im Entnazifizierungslager seine Kenntnisse aus der Reichspropagandaleitung direkt bei der Werbeagentur Lintas anwenden durfte“ und sich dort die Produktnamen Badedas und Duschdas ausgedacht hätte: „Es war kaum zu glauben eigentlich, wenn man einmal wirklich darüber nachdachte.“

(Bei Lintas muss ich immer an den alten Hamburger Großkotzwerberwitz denken, wenn eine Idee nur so mittel war, dann sagte der CD, nicht die CD, nein, meist der: „Du, bei Lintas würden die sich das auf den Flur hängen.“)

Ich fand die vielen Anspielungen charmant und anstrengend gleichzeitig, weil man sich nie sicher sein kann, was ernst gemeint ist, was wirklich eine Botschaft transportiert und was nur hübsches Wortgeklingel ist. Aber so schreibt Kracht immer und ich lese es gern.

„Erzähl mir doch etwas.“
„Wahrheit oder Fiktion?“
„Das ist mir egal. Entscheide Du.“

Abends im Bad blieb ich bei Josef SuksSerenade für Streicher Es-Dur, op. 6“ hängen, die gerade im Deutschlandfunk lief. Das Adagio kannte ich sogar, das kam in der langen Liste von „Year of Wonder“ vor und gefällt mir sehr gut. Die Playlist gibt es auf Spotify, aber netterweise auch auf YouTube.