Tagebuch Dienstag, 19. September 2023 – 500 miles

Okay, es waren nur 500 Kilometer, aber ein Lied namens „500 kilometers“ kenne ich halt nicht.

Ich hatte einen Termin, der gute 250 Kilometer von München weg war, und aus Gründen (zweimal umsteigen, wenige Verbindungen, zu wichtiger Termin) buchte ich nach Ewigkeiten mal wieder einen Mietwagen anstatt mich gemütlich in den Zug zu setzen.

Ich bestellte das Fahrzeugmodell, das das Mütterchen fährt, denn so, dachte ich, wüsste ich immerhin halbwegs, wie die Karre funktioniert. Aber weil man ja weiß, dass das Leben kein Wunschkonzert ist, guckte ich ernsthaft am Vorabend ein paar YouTube-Videos über Navigationssysteme der verschiedenen Hersteller – wie gehen die an, wo ist das Radio, muss man den Autoschlüssel irgendwo einstecken oder liegt der nur rum; halt den ganzen modernen Schnickschnack, von dem ich keine Ahnung habe. Wir erinnern uns: Das neueste Auto, das ich je selbst besessen habe, war ungefähr Baujahr 1992, weiß ich nicht mehr genau, und mein letztes, das ich immer noch vermisse, war sogar noch älter.

Es kam wie erwartet: „Mein“ Wagen war nicht da und so erhielt ich einen, dessen Marke ich nicht mal kannte. Ich bin noch weiter raus aus der ganzen Autogeschichte als mir bisher bewusst war. Vom letzten Mal Mietwagen hatte ich mir immerhin gemerkt, dass das Navi erst funktioniert, wenn ich nicht mehr in der Parkgarage stehe. Also ließ ich die gefühlt riesige Karre todesmutig an, erschrak ob es äußerst hässlichen Displays (Star Trek für Arme in der chinesischen Fake-Version), erklomm die Auffahrt zur Ausfahrt sehr entspannt (ich hatte neben den YouTube-Videos auch „Anfahren am Berg Automatik“ ergoogelt, weil ich wusste, dass mein Zielgebiet quasi nur aus Hügeln besteht) und fuhr draußen sofort wieder rechts ran, um das Navi anzuwerfen.

Es kannte natürlich die Adresse nicht, aber ich wusste eine, die reichen würde, um in die Nähe zu kommen. Das Radio fand ich eher durch Raten und wildes Rumtippen und weil die Göttinnen nett sind, war schon eine 80er-Jahre-Station eingestellt, die mir die Fahrt versüßen würde. Beim Losfahren merkte ich dann, dass das Navi englisch mit mir sprach, aber das war okay, ich hatte keine Lust, mich in die Tiefen der Bedienung zu stürzen, um auf Deutsch umzustellen.

Ich war nervöser wegen der Fahrt als wegen des Termins an sich, weil ich schlicht schon ewig nicht mehr lange Strecken gefahren bin. Aber das ging alles wunderbar, das Körpergedächtnis wusste noch, wie sich eine Autobahn anfühlt, und ich behaupte, die Leute rasen nicht mehr so wie früher. Ja, es gab die wenigen Fahrzeuge, die sehr plötzlich sehr nahe hinter mir waren, aber ansonsten zuckelte ich mit 120 bis 130 vor mich hin und alle anderen taten das auch. Geht doch. Tempolimit jetzt, hallo FDP, es scheinen nicht viele Menschen etwas dagegen zu haben.

Mir fiel auch wieder auf, wie wenig moderne Autos mir als Fahrerin übermitteln, wie schnell ich gerade bin, ich musste dauernd auf den Tacho gucken. Für mich fühlten sich 80 und 120 nicht großartig anders an, was mich etwas unruhig machte. Das ist zwar nett, wie wenig man Geschwindigkeit spürt, aber eben auch sehr verführerisch und gefährlich. (Oma Gröner möchte wieder in ihren ICE, wo sie bewundernd auf die Anzeige „300 km/h“ guckt.)

Die Autofahrt hatte noch andere Vorteile neben der kürzeren Fahrtzeit verglichen mit ICE, Regio und Bus, die meine Alternative gewesen wären, sowie der Flexibilität: Ich konnte mich auf nichts anderes konzentrieren als die Fahrt (und die Texte der 80er-Songs, die ich mitsang). Daher war ich halbwegs entspannt beim Termin, aber abends dann auch komplett platt. Nach Zugfahrten bin ich nicht so matschig, wobei mich da allerdings die anderen Menschen im Waggon stressen könnten. Private Salonwagen jetzt, hallo FDP, das müsste doch genau euer Ding sein.

(Sie dürfen gerne Daumen drücken für das Ergebnis des Termins.)

Tagebuch Samstag, 16. September 2023 – Editiert

Bov Bjergs „Der Vorweiner“ durchgelesen und gemocht. (Perlentaucher-Rezensionen)

Mich vor der Arbeit gedrückt und einen Hauch in der Wikipedia editiert. Der Eintrag zu Ignacio Zuloaga müsste mal komplett überarbeitet bzw. übersichtlicher werden, meiner bescheidenen Meinung nach. Mache ich, wenn ich mich vor größeren Aufgaben drücken will.

Bei Überarbeitungen und Neuanlagen von kunsthistorischen Themen hilft das Kuwiki-Handbuch.

F. per DM durch Wiener Ausstellungen begleitet – und abends dann bei der Rückfahrt nach München, die von Oktoberfestbesucher*innen unfreiwillig verlängert wurde; er hing zeitweilig in Rosenheim fest, weil der Münchner Hauptbahnhof komplett gesperrt war, Personen im Gleis, wer kennt es nicht.

Äußerst kochfaul gewesen, Pizza bestellt, musste auch mal wieder sein.

Tagebuch Freitag, 15. September 2023 – Wegzehrung

Schwesterchen und Schwager haben sich gestern wieder auf den Heimweg gemacht. Morgens waren sie noch bei mir, um erstens sich selbst und dann ihre Thermobecher mit meinem herrlichen Espresso plus Milchschaum aufzufüllen. Doch alles richtig gemacht mit der Reparatur (aka Entkalkung) meiner Siebträgermaschine.

Gelesen, geschrieben, gelernt.

Eben rief das Schwesterchen an und hatte eine Frage zu den Arolsen Archives. Ich hatte den beiden von #EveryNameCounts erzählt, und seitdem geben sie auch Namen in die Datenbanken ein. Auch eine Methode, irgendetwas, verdammt nochmal, irgendetwas gegen die Normalisierung des Faschismus zu tun, die gerade umgeht.

Ein fatales Signal

Ein Kommentar von Sabine Henkel:

„Natürlich kann keine Partei in keinem Parlament verhindern, dass die AfD einem eigenen Vorhaben zustimmt. Aber es sehenden Auges und bewusst in Kauf zu nehmen, dass nur mit Rechtsextremen eine Mehrheit zustande kommt – das ist erbärmlich, und es ist angesichts der deutschen Geschichte unverzeihlich.“

Auf Keeping Memories den Maler Richard Grune kennengelernt, der 1934 wegen des Paragrafen 175 verurteilt und inhaftiert wurde – und 1948 in der Bundesrepublik nochmal, wegen desselben Vergehens, das ja nicht mal eines ist. Deshalb wurde er auch nicht als Opfer des NS anerkannt. Seine Ausstellung 1948 in Kiel mit Zeichnungen aus dem KZ Flossenbürg wurde von Unbekannten zerstört.

Dieses Land macht mich an manchen Tagen einfach nur fertig.

Tagebuch Donnerstag, 14. September 2023 – Zuloaga

Auf der Suche nach zwei wissenschaftlichen Büchern überraschend bei der Stadtbibliothek gelandet. Die Unibib hatte sie nämlich nicht, bei der Stabi dauert alles viel zu lange, aber die gute, alte Stadtbibliothek lieferte mir die beiden Bände innerhalb von 20 Stunden an die Ausleihstelle bei mir um die Ecke. Toll. Da kann ich also noch mehr leihen als nur Romane und Comics.

Abends eine hervorragende Kuratorenführung durch „Mythos Spanien. Ignacio Zuloaga“ in der Kunsthalle erhalten. Ein Werk kannte ich sogar schon aus der Reina Sofia und habe mich sehr gefreut, es wiederzusehen.

Die Ausstellung lege ich euch hiermit schon mal ans Herz und werde vermutlich noch ausführlicher darüber bloggen, aber jetzt bin ich gerade mit anderen Dingen beschäftigt. Zum Beispiel zwei Bücher aus der Stadtbibliothek zu lesen.

Gerade noch schnell F. einen Ausschnitt aus der Biografie Zuloagas im Katalog per Foto geschickt:

„1938: Zuloaga wird der Gran Premio Mussolini der Biennale von Venedig verliehen.
1939: Francisco Franco schenkt Adolf Hitler drei Gemälde Zuloagas zum Dank für die Unterstützung durch die Legion Condor.“

F. so: „Mussolini, Franco und Schicklgruber in zwei Zeilen? Faschismus-Triple!“

Mich interessiert jetzt natürlich eher, was für Gemälde das waren und wo sie heute sind. Muss ich den Katalog halt auch noch speedlesen.

Tagebuch Mittwoch, 13. September 2023 – Gedenkstätte

Wenn Schwester und Schwager schon mit dem Auto in der Stadt sind, kann man sie gleich kapern, damit sie einen zu einer KZ-Gedenkstätte fahren. Das kostete nämlich mindestens eine Stunde weniger Fahrtzeit, und ich konnte schön hinten rumsitzen, Erdnüsse knabbern und aus dem Fenster gucken.

Den Besuch der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg kann ich hiermit empfehlen. Mir hat die Ausstellung sehr gefallen, sofern einem Ausstellungen in ehemaligen Konzentrationslagern gefallen können. Die Texte waren ausführlich genug, schwafeln dich aber nicht zu. Der Rundgang ist chronologisch aufgebaut und handelt gleichzeitig unterschiedliche Themen ab, das fand ich sehr clever gelöst. Mich haben besonders die vielen Quellen interessiert, die integriert wurden: Es gab viele Briefe zu lesen und Fotos anzuschauen, die meinen Wissensstand zu diesem Thema sehr erweitert haben.

Und natürlich ahnte ich, dass auch ein Gemälde zu sehen war, nämlich von Erich Mercker, dessen Wiki-Eintrag ich dringend überarbeiten muss, denn der Mann hat in meiner Diss ein kurzes Kapitel bekommen. Er ist mir nicht nur dadurch bekannt, dass er Autobahnen malte wie Protzen, sondern auch die Granitsteinbrüche in Flossenbürg. Ich kannte nur diese eine Ausführung des Motivs, das 2017 auf der Ausstellung „Kunst und Politik im Nationalsozialismus“ in Regensburg hing, aber in der Gedenkstätte hängt noch ein zweites Werk mit dem gleichen Inhalt, das ich noch nicht kannte. Auch dort sind natürlich keine Arbeiter in gestreiften Häftlingsanzügen zu sehen, was die wahren Arbeitsbedingungen verfälscht.

Abends mit F., Schwester und Schwager im Obacht abgestiegen, den Tag bei Hellem verdaut und Doppelkopf gespielt. Verloren.

Tagebuch Dienstag, 12. September 2023 – Dips

Den halben Tag in der Küche verbracht, um das gemeinsame Abendessen mit Schwester und Schwager vorzubereiten. F. war anderweitig vergeben, also ließen wir uns ohne ihn Salate, Dips und Brantner-Brot schmecken. Und so halbwegs die Brezn, die, ich mag es kaum sagen, nicht ganz so meins sind. Alles, was Brantner sonst im Shop hat, ist großartig, aber bei den Brezn bin ich anscheinend innere Schwäbin – ich mag die eher weich und weniger knusprig, was hier anscheinend angesagt ist. Doch noch nicht ganz assimiliert.

Tagebuch Montag, 11. September 2023 – Backhendl und Karfiol

Abends mit F. Schwester und Schwager ins charmante Waltz ausgeführt, wo man uns auch schon kannte und sich mit uns darüber freute, dass noch ein paar Lafarges auf der Karte waren, die wir noch nicht ausgetrunken hatten. Geplant waren zwei Flaschen Wein, es wurden dann drei, wir genossen Rehbratwurst, Krauthäuptl, Backhendl und Karfiol, und ausnahmsweise fuhr auch mal die U2. F. und ich waren erst zweimal im Waltz gewesen und an beiden Abenden hatte die MVG gestreikt, weswegen wir ein Taxi nahmen anstatt uns ohne umzusteigen von mir zum Lokal chauffieren zu lassen. Aber gestern dann endlich!

Erneut ein netter Abend. Die Woche geht vermutlich auch so weiter. Hach!

Photo ban lifted on Picasso’s Guernica after 30 years

Man darf jetzt Selfies vor der „Guernica“ machen. Darauf hätte ich verzichten können, aber ich kann jedes Museum verstehen, dass einsieht, dass heute halt alle Fotos machen wollen, weil halt alle Fotos machen können.

(via @musermeku)

Mir hat das Anschauen gereicht, ich hätte kein Foto machen wollen.

A Sacred Task

2021 veröffentliche „Elle“ Berichte von Fotografinnen und Journalistinnen, die 9/11 erlebt hatten.

„Ruth Fremson, New York Times staff photographer: It just was this whoosh of grit and dust. I opened my eyes, and it felt like somebody was grating sandpaper across them. Instead of crashing, things started landing softly all around us—thud, thud, thud—because of all the dust. As things settled, we made our way to a deli. We started helping ourselves to the water in the deli case and just spitting out mouthfuls of mud. I started taking pictures of the people who were stumbling in. When I made my way back outside, one of the firemen said to me, “I wouldn’t go too far. The other one might come down, too.” All I saw through this white haze was this one tower shining in the sun. […]

Amna Nawaz, PBS NewsHour chief correspondent: I was the only Muslim in the newsroom, and I had a lot of older, white colleagues asking me all kinds of questions about my faith, like: What does this word mean? Were you ever taught about jihad? Does the Quran really say this? There was such a lack of understanding, and that led to suspicion and scrutiny and animosity. I saw how necessary it was for someone like me to be in this conversation. My parents are originally from Pakistan. We spent a lot of time there growing up, so I’m deeply connected to the region. We had a meeting in the newsroom at one point where people were casually talking about war and dropping bombs and casualty numbers. I thought, that’s my family over there. I was so upset, I had to leave the meeting. Ted Koppel called me into his office later that day and asked if I was okay. I just started to cry. I was so scared and upset, and I didn’t know what was going on. All I kept thinking was, I can’t believe I’m crying in front of Ted Koppel.“

Gestern landete ein Tweet in meiner Mastodon-Timeline, den ich nicht ganz abnicke, aber zwei Sätze daraus auf jeden Fall. Bitte nie vergessen.

„When you study the Holocaust on an academic level, you learn two things: First, yes, however bad you thought the Nazis were, they were worse. And second, they were totally average, ordinary people.“

Tagebuch Sonntag, 10. September 2023 – Biergarten

Der erste Biergartenbesuch im Jahr 2023 und das auch gleich mit Besuch aus dem Norden; Schwesterchen und Schwager sind in der Stadt. Das war schön.

Tagebuch Samstag, 9. September 2023 – Taschenkontrolle

Gestern saß ich in gleich doppelter charmanter Begleitung schon wieder in der Isarphilharmonie. Ich konnte mich allerdings nicht sofort auf Beethoven und Brahms konzentrieren, denn der Einlass hatte mich etwas mehr verstört als ich dachte.

Igor Levit war zu Gast, gemeinsam mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Lahav Shani, der ab 2026 die Münchner Philharmoniker übernehmen wird. Das Konzert begann etwas unüblich erst um 20.30 Uhr – nach Sonnenuntergang halt, es war noch Sabbat. Es fielen einem schon ein paar kräftig gebaute Herren mit Ohrstöpseln auf, die vor allem neben, wenn wir richtig geguckt hatten, der neuen Generalkonsulin des Staats Israel ein paar Reihen vor uns Platz nahmen.

Am Eingang zum Gebäude wurde ich freundlich gefragt, ob man mal in mein Handtäschchen gucken dürfe. Das kannte ich von einem klassischen Konzert noch nicht. Aus Fußballstadien, logisch, und leider auch aus Jüdischen Museen oder beim Besuch von Synagogen, wo man durch einen Metalldetektor geht, seinen Rucksack durchleuchten lässt und den auch nochmal inspizieren lassen muss. Der St.-Jakobsplatz hier in München ist mit versenkbaren Pollern gesichert, damit kein Fahrzeug ans Museum oder die Synagoge fahren kann. Es kotzt mich so an, dass diese Mittel anscheinend notwendig sind, und es hat mich doch mehr beunruhigt als ich gedacht hatte. Die ersten fünf Minuten Beethoven waren jedenfalls verschenkt, aber als Levit zum ersten Mal die Tasten berührte, war alles wieder in Ordnung. Ich habe keine Ahnung, was seine Spielweise so besonders macht, aber mich hat er immer sofort in der Tasche.

Bei der Zugabe war ich mir nicht sicher: Beethoven? Brahms? Hatte er nicht gerade auf Insta mal wieder Brahms gespielt? Ein Zuschauer, der zur Pause hinter mir entlangging, verriet seiner Begleitung, dass es der zweite Satz der Pathétique gewesen war. Danke, unbekannter Wissender.

Nach der Pause plüschten die ersten beiden Sätze von Brahms’ 1. Sinfonie ebenfalls ein bisschen an mir vorbei, aber der dritte Satz hatte mich dann, und spätestens im vierten wollte ich, dass das Konzert noch ein bisschen länger dauern könnte. Dauerte es auch, weil es noch einen Mendelssohn als Zugabe gab und danach noch eine Runde lustiges Pizzicato des Orchesters, womit man sehr beschwingt und gut gelaunt aus dem Saal ging – und mir erst dann wieder die blöde Taschenkontrolle einfiel. Well played (haha).

Im vierten Satz kam plötzlich ein Motiv, das ich kannte und seitdem war mein Kopf ein bisschen zu sehr damit beschäftigt, sich zu fragen, aus welcher Fernsehsendung ich dieses Stückchen Melodie wohl kennen könnte. Google half in der U-Bahn nach dem Konzert: Es ist die Titelmusik des Hamburg-Journals. Wie passend. (Brahms Erste war das erste Stück, das in der Elbphilharmonie aufgeführt wurde. Hier das Motiv des vierten Satzes.)

In den ersten Sätzen, die, wie erwähnt, etwas an mir vorbeigingen, dachte ich über einen kleinen Absacker nach dem Konzert nach. Das Lokal direkt an der Isarphilharmonie würde überlaufen sein, alles auf dem Weg zur U-Bahn sprach mich auch nicht an, aber: Wir sitzen ja eh in der U3, von wo man entspannt in die U6 umsteigen kann, und die fährt einen bis fast vor die Tür des Tantris. Die dortige Bar hat bis 2 Uhr geöffnet. F. war leicht zu überzeugen, wir fuhren, traten ein, wurden begrüßt wie alte Freunde – „Sie waren jetzt aber schon mindestens ein halbes Jahr nicht mehr hier!“ –, was stimmte, denn im Februar hatten wir es uns hier zum letzten Mal gut gehen lassen. „Ich erinnere mich: Sie waren im DNA und wollten eigentlich schon gehen, sind dann aber doch noch auf einen Drink geblieben.“ Ich meine, es waren zwei, und auch gestern sollte es nur einer werden, aber es wurden drei. Und noch ein halbes Gläschen Chardonnay, der vermutlich gestern im Tantris in der Weinbegleitung des Menüs gewesen war. Denn der Sommelier kam kurz vorbei, begrüßte uns und brachte dann einfach was an den Tisch: „Mal sehen, ob euch das Spaß macht.“ Es ist nach Tohru anscheinend jetzt auch im Tantris so weit, dass wir geduzt werden und hier noch ein Gläschen und dort noch ein Gläschen angereicht bekommen, die nicht auf der Rechnung auftauchen.

Wir waren die letzten Gäste – „Keine Eile!“ –, ich gönnte mir ein Taxi, während F. noch einen Bus fand, der ihn nach Hause brachte, und ich war wieder halbwegs mit der Welt versöhnt. Es könnte alles so schön sein. Herrliche Musik, nette Menschen, ein freundlicher Umgang miteinander. Und stattdessen muss man über Attentate nachdenken, wenn man Beethoven hören möchte, der von einem Orchester aus Israel gespielt wird. Erneut: Es kotzt mich so an. Cocktails helfen zeitweilig, aber das scheint mir auch keine optimale Lösung zu sein.

Igor Levit: „Wo sind die Demos gegen Faschisten?“

Aus dem Merkur:

„Ich habe mich in den letzten Jahren immer wieder öffentlich zu politischen und gesellschaftlichen Fragen geäußert und mich klar positioniert. Gegen Menschenhass und deren Verursacher. Und was ist die Realität heute? 21 Prozent der Deutschen wollen Faschisten wählen. Also müssen wir irgendetwas falsch gemacht haben. Wir haben zu viele Menschen ganz offensichtlich nicht erreicht. Ich stimme mit dem Salzburger Festspielintendanten Markus Hinterhäuser vollkommen überein, der vor „Empörungsritualen“ warnt. Die Auseinandersetzung zum Beispiel mit der AfD muss eine andere werden. Wenn Sie so wollen, eine erwachsenere. Abgesehen davon setzt ein fataler Gewöhnungsprozess ein. Nach der Bundestagswahl 2017, als die AfD über 13 Prozent bekam, stand ich auf dem Berliner Alexanderplatz und habe mitgerufen „Wir sind die 87 Prozent“. Heute sind wir laut Umfragen die 79 Prozent. Gibt es überhaupt eine Demo dagegen, dass 21 Prozent der Deutschen Faschisten wählen wollen? In Israel zum Beispiel stehen Hunderttausende wöchentlich auf der Straße und demonstrieren für Rechtsstaat und Demokratie – das wären in Deutschland umgerechnet über zwei Millionen. Wo sind sie? Deshalb habe ich immer weniger Lust darüber zu reden, ob wir Künstler, wie Sie es hier formulieren „die Klappe aufmachen müssen“ – in einem Land, das in seinem Phlegma so viel toleriert.“

Tagebuch Freitag, 8. September 2023 – Burgunder

F. und ich haben unterschiedliche Lieblingsrestaurants in München: F. liebt Tohru, ich liebe das Alois, und wir lieben beide das Tantris DNA. Dort hat leider die Küchenchefin Virginie Protat schon vor ein paar Monaten ihre Messer gepackt und ist wieder nach Frankreich gegangen. Und nun verlässt auch Max Natmessnig München und das Alois; er zieht nach New York, wo er mit Marco Prins den legenden Chef’s Table at Brooklyn Fare übernimmt, wo er bereits – mit Prins – als Souschef gearbeitet hat. Er war nicht mal ein ganzes Jahr in München, was F. und ich wissen, weil wir quasi direkt nach der Wieder-Eröffnung des Alois unter Natmessnig im November 2022 dort gegessen haben. Ich war so davon begeistert, dass mich F. zu meinem Geburtstag im März genau dorthin ausführte. Und weil wir davon nochmal begeistert waren, reservierten wir ein drittes Mal in zehn Monaten, noch bevor wir wussten, dass es das letzte Mal unter diesem Küchenchef sein würde.

Gestern gönnten wir uns zwei Flaschen Wein statt der glasweisen Weinbegleitung, wie neulich bei Tohru auch schon, wir sind jetzt fit genug für Weinkarten (okay, eher F. als ich). Nakamura hatten wir beim Gespräch in der Küche vor dem Menübeginn angefleht, nicht auch noch aus München wegzugehen, sonst müssten wir uns nicht nur zwei, sondern drei neue Lieblingsrestaurants suchen. Es klang so, als würde er bleiben.

Der Abend gestern war genauso perfekt wie die anderen beiden. Ich wimmerte das letzte Drittel des Menüs dauernd vor Abschiedsschmerz, aber Burgunder und Cognac halfen. Der Guide Michelin hat einen Gang, den wir gestern genossen, als einen von fünf genannt, die man sich aus dem Jahr 2023 merken sollte. Ich fand ihn wie ich Donnerstag schon Mahler fand: Ich hatte keine Ahnung, was das Ding von mir will, aber ich lasse mich gerne überall hin mitnehmen. Diese angenehme Überforderung durch Texturen, Geschmäcker und 15 Ebenen, die sich auf vier Bissen drängen, werde ich fürchterlich vermissen.

F. so: „Dann müssen wir halt nach New York.“ Ja gut dann.

Tagebuch Donnerstag, 7. September 2023 – Glocken

Wir saßen gestern abend in der Isarphilharmonie und hörten Mahlers 2. Sinfonie. Ich kannte das Stück noch nicht – und wurde völlig von ihm überrumpelt. Das Ding dauert 90 Minuten, hat fünf Sätze, wird ohne Pause gespielt (perfekt, Pausen nerven), und ich war keine Sekunde abgelenkt. Das ist mir in klassischen Konzerten vermutlich noch nie passiert. So sehr ich diese Art Musik liebe – irgendwann schweife ich dann doch mal ab, denke ans Essen oder das Universum oder mir fällt auf, dass die Hüsterchen im Saal wieder zunehmen, aber gestern war mein Kopf so gut wie ausnahmslos vorne auf der Bühne, wo ein riesiges Orchester, ein ebenso riesiger Chor und zwei Solistinnen alles zwischen Pianissimo und Fortissimo von sich gaben.

Es gab acht Kontrabässe, zwei Harfen, die vier (?) Percussionisten waren deutlich sichtbar beschäftigt, mir ist die Pikkoloflöte noch nie so oft aufgefallen, zwischendurch mussten zwei Bläser mal hinter die Bühne fürs Fernorchester, dann kamen zwei Schlagzeuger für einen schönen Trommelwirbel auf die Bühne, der Chor erhob sich nach Stimmen getrennt und natürlich gab es neben einem riesigen Gong auch Glocken, warum auch nicht, GLOCKEN, WIR HABEN GLOCKEN! Die Wall of Sound ist ein Kindergarten dagegen.

Das Ding ist eine einzige Wundertüte, bei der ich nie wusste, wo es hinging, und ich habe mich gerne in alle Richtungen mitnehmen lassen. Falls dieses Zauberwerk mal in eurer Nähe aufgeführt wird – geht ruhig mal hin. Wer dazu keine Gelegenheit hat, mag vielleicht dem Symphonieorchester und dem Chor des Bayerischen Rundfunks unter Zubin Mehta zuhören.

Tagebuch Mittwoch, 6. September 2023 – Lesen und schreiben

Klingt nach einem interessanten Buch für mich: „Historische Grundlagen der mobilen Gesellschaft. Technologien der Verkehrslenkung und drahtloser Information auf Straßen und Wasserwegen in Europa.“ Rezension bei hsozkult:

„Mit solchen Beiträgen zeigt der Band, was eine moderne, Infrastrukturen untersuchende Technikgeschichte zu leisten vermag. Sie kann verdeutlichen, wie Ordnungsdenken, Konsumgewohnheiten, gesellschaftlicher Handlungsdruck und staatliche Innovationsimpulse technische Entwicklungen beförderten. Sie belegt aber zugleich, wie Entscheidungen und Handlungen von technischen Voraussetzungen abhängen und welche Potentiale technische Entwicklungen (etwa der Durchbruch zum digital geprägten Rundfunk) freisetzen können. Hier spielten – wie erwähnt – der Staat und die Automobilunternehmen eine wichtige Rolle, aber auch, wie die Autoren ebenfalls immer wieder hervorheben, Zulieferer wie Bosch und Radiogeräte-Hersteller wie Blaupunkt, die die Möglichkeiten technischen Handelns in einem komplexen Netzwerk konfigurierten. Lernprozesse in der von Technik und Automobilität geprägten westlichen Industriemoderne der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verliefen offenbar in komplizierten Mischungsverhältnissen. Sie prägten Lebensvollzüge und Alltag zunehmend und vielleicht ähnlich stark wie einige hochpolitische Debatten, die oft eher im Mittelpunkt zeitgeschichtlicher Betrachtungen stehen. So ist dies ein nützlicher und stellenweise faszinierender Sammelband nicht nur für Mobilitätshistoriker:innen.“

Zwischendurch mal wieder ein paar Namen bei #EveryNameCounts abgeschrieben. Und dabei auch gleich mal nach Ernst Wiechert gesucht, von dem ich ja gerade einiges lese.

Umsonst zum Download: Henning Borggräfe, Christian Höschler, Isabel Panek (Hrsg.): „Tracing and Documenting Nazi Victims Past and Present“, 2020.

Tagebuch Dienstag, 5. September 2023 – Kalk

Ich so gestern im Blog: „Bei meiner Espressomaschine hat’s leider nicht geklappt, die muss jetzt doch in die Reparatur.“

Meine geliebte Bezzera fing vor Monaten an, keinen schönen Espresso mehr zu produzieren, sondern sauren Schleim. Oder heiße Luft. Auf jeden Fall kam das Wasser nicht mehr dort an, wo es hingehörte. Ich reinigte die Siebe und die Brühgruppe fünfmal, obwohl ich das brav regelmäßig tue – nichts. Ich schraubte auseinander, was ich mich auseinanderzuschrauben traute, reinigte – nichts. Dann war ich bockig, ließ die Maschine rumstehen und holte die Nespresso wieder aus dem Keller.

Vor einigen Wochen war die Vermissung groß genug, um mich um die Reparatur zu kümmern. Die Vorstellung, meine zehn Kilo schwere Maschine durch die Gegend zu schleppen, hatte bei über 30 Grad Außentemperatur aber so gar keine Chance, in die Realität umgesetzt zu werden, weswegen das Maschinchen erst einmal weiter tatenlos bei mir rumstand.

Vor einigen Tagen holte ich aber endlich mal die Originalverpackung aus dem Keller, putzte meinen kleinen/schweren Liebling, stellte ihn in seinen Karton und rief gestern den Dealer an, um einen Reparaturtermin zu vereinbaren. Ich schilderte das Problem, woraufhin der freundliche Herr am Telefon meinte: „Haben Sie es denn schon mal mit Entkalken versucht?“ Ich so: „Äh.“

Ich verwende in der Bezzera kein Leitungswasser, weil das in München quasi nur aus Kalk besteht, sondern schütte teures Volvic in den Tank. Daher habe ich noch nie ans Entkalken gedacht, denn Volvic ist ja quasi kalkfrei. Aber eben nur quasi, und nach fünf Jahren hatte sich da wohl doch eventuell etwas festgesetzt. Ich fuhr also statt mit dem schweren Karton und einem Taxi per U-Bahn zum Laden, erstand für 10 Euro Entkalker, war dann zwei Stunden lang mit schrittweisem Wasserablassen beschäftigt – und dann produzierte mein Herzblatt wieder Espresso, wie er sich gehörte. Naja, fast, die Bohnen in der Mühle schmeckten nach Monaten nicht mehr ganz taufrisch, weswegen ich die heute morgen ersetzte. Aber dann saß ich wieder auf dem Balkon und freute mich darüber, mein Morgenritual wiedergewonnen zu haben. Ja, Nespresso geht schneller, und ja, schmeckt auch, aber ich mag diesen kleinen Aufwand des Mahlens, Milchaufschäumens und halt des Espressobezugs sehr gern.

(Entkalken! Ich Depp.)

Tagebuch Montag, 4. September 2023 – Zusage

Schreibtischtag, Sekundärliteratur, in der eigenen Stoffsammlung rumgewühlt.

Mittags Sticky Rice mit Mango. Sehr gut. Natürlich nach „Immer schon vegan“, bitte kaufen Sie dieses Buch und alle anderen Bücher von Katharina Seiser auch.

Nachmittags dann eine frohe Kunde: Ich habe einen Platz in der Fortbildung Provenienzforschung der FU Berlin erhalten. An vier Terminen lerne ich noch mehr über dieses Gebiet, was mich sehr freut. Und: Ich komme mal wieder nach Berlin und Dresden, da war ich ja auch schon viel zu lange nicht mehr.

Hunderttausende Entnazifizierungsakten aus dem Landesarchiv NRW online

(via @Cartoonist@mastodon.social, der es natürlich von Klaus Graf hat.)

Ich lese derzeit Steffen MausLütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ (2019) und poste dauernd seitenweise Inhalte daraus auf Mastodon. Rpunkt machte mich gestern darauf aufmerksam, dass es das Buch auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung gibt. Mein Leseexemplar ist aus der Münchner Stadtbibliothek, aber die 4,50 Euro bei der BPB habe ich gestern gern investiert. Ähem. Und gleich noch weitere 50 Euro dazu, es gibt da ja doch einiges, was mich interessiert.

Meine übliche Taktik bei Elektrogeräten – ausschalten, putzen, warten – hat beim Geschirrspüler funktioniert. Läuft hoffentlich wieder – jedenfalls ist die Fehlermeldung weg. Bei meiner Espressomaschine hat’s leider nicht geklappt, die muss jetzt doch in die Reparatur.

Tagebuch Sonntag, 3. September 2023 – Sonntag halt

Ewig im Bett rumgelungert, gekuschelt, Wäsche gemacht, Kuchen gebacken, gelesen, auf dem Balkon gesessen, Blumen gegossen, Serien geguckt, Kuchen gegessen, nochmal gelesen und dann war der Tag schon rum. Das einzige, was kurz vor dem Schlafengehen genervt hat, war eine Fehlermeldung am Geschirrspüler (AM GESCHIRRSPÜLER, WARUM, WARUM AUSGERECHNET DU, GELIEBTES DING), die auch heute morgen nicht verschwunden ist. Das Internet bietet mir lustige Selbstbastelanleitungen, die ich gleich sein lasse, ich bastele nicht, ich lasse basteln, dafür gibt es Profis. Aber vorerst mache ich einfach mal alles sauber, was geht, lasse die Maschine ein paar Tage lang offen rumstehen und auslüften, und wenn dann die Fehlermeldung immer noch da ist, wird die Fachkraft angerufen. Bis dahin spüle ich wieder von Hand und werde mir das als Entschleunigung, mehr Nähe zum Produkt, meditative Beschäftigung, erdet total, schönreden.