Ich wohne in Passau über einer Konditorei, was sonntags super ist, weil immer Kuchen in der Nähe ist. Sonst ist es eher anstrengend, weil ab 2 Uhr morgens gearbeitet wird: Die Backstube ist auch im Haus, und wenn im Sommer – oder wie ich es gerne nenne: ab März – die Fenster geöffnet sind, weil ich es sonst nicht in meiner Saunawohnung aushalte, habe ich ab 2 Uhr morgens Geräuschkulisse. Daran habe ich mich aber im Prinzip gewöhnt, genau wie an die Partypeople, die bis 2 Uhr morgens um die Häuser ziehen und dann den Geräuschestaffelstab an die Bäckerinnung übergeben. Irgendwann bin ich eben müde genug.
Was aber richtig fies ist: Ich habe derzeit auch noch Geruchskulisse. Jetzt gerade zur Faschingszeit wirbt der Laden mit „pfannengebackenen Krapfen”. Sobald ich die Fenster öffne: Duft. Sobald ich morgens in den Fahrstuhl steige: noch mehr Duft, denn aus der Backstube im ersten Stock werden die ganzen Köstlichkeiten ein Stockwerk runter in den Verkaufsraum gefahren. Zu Dutzenden. Zu Hunderten! Und ich stehe im pfannengebackenen Aroma und will die ganze Welt aufessen, obwohl ich gerade gefrühstückt habe.
Gut, dass der Laden nur dann geöffnet hat, wenn ich auf der Burg sitze. Ich bestünde sonst vermutlich inzwischen zu 80 Prozent aus Hefeteig. Mit Hagebuttenfüllung.
Vorgestern wartete im Archiv die dickste Spruchkammerakte, die ich je in der Hand hatte. Es ging um einen Hauptschuldigen, genauer gesagt, Max Moosbauer, Oberbürgermeister Passaus von 1933 bis 1945. Mehr hauptschuldig geht ja kaum. Aber wie so oft in den Verfahren wurde auch sein erstes Urteil abgemildert, er musste seine zehn Jahre Lagerhaft, zu denen er zunächst verurteilt wurde, nicht komplett absitzen.
Vorgestern hatte ich „nur” die erste Akte vor mir, also das erste Verfahren, noch nicht das Berufungsverfahren; die Akte liegt nämlich in München, während ich im Staatsarchiv Landshut war, wo sich die Akten der Spruchkammer Passau befinden. Aber auch diese Akte bestand schon aus fünf einzelnen Bergen an Papier, durch die ich mich wühlte, auf der Suche nach ganz bestimmten Informationen. Nebenbei fiel natürlich auch noch etwas anderes ab, was ich verwerten konnte, wie immer bei dieser Art Schriftstück, aber worüber ich seit der Lektüre nachdenke, ist das unterschiedliche Verhalten von Zeugen. Während 1946/47 noch genügend Menschen bereit waren, gegen Moosbauer auszusagen – auch schriftlich, die vielen Belege im der Akte zeigen es –, waren es 1949, als sein Berufungsverfahren eingeleitet wurde, weitaus weniger. Die öffentliche Meinung zu den Spruchkammern hatte sich geändert; soweit ich das ganz unwissenschaftlich beurteilen kann, wollten einfach alle nur noch ihre Ruhe haben, die NS-Zeit war ewig lange her, ist gut jetzt. Wenn ich mich an die Lektüre zur Diss erinnere, war 1948 das erste Mal davon die Rede, einen Schlussstrich zu ziehen.
Ich verlinkte oben den Wikipedia-Artikel, in dem Moosbauers angebliche SPD-Mitgliedschaft erwähnt wird; das „angeblich“ habe ich gestern selbst eingefügt. Die wird in der sehr wenigen Literatur, die es zu dem Mann gibt, erwähnt, aber ohne eine Quellenangabe. Ich konnte sie bisher noch nicht nachweisen, und ich glaube auch nicht, dass sie existiert.
In seinem ersten, 1946 ausgefüllten Spruchkammerbogen erwähnt Moosbauer diese Mitgliedschaft nicht,1 obwohl gerade der Spruchkammerbogen perfekt dazu geeignet gewesen wäre, um sich besser darzustellen, als man vielleicht war. Ich empfehle zu diesem Thema immer gerne folgendes Buch, das netterweise schon in der Wikipedia steht, sonst hätte ich es nachgetragen: Hanne Leßau: Entnazifizierungsgeschichten. Die Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit in der frühen Nachkriegszeit. Wallstein, Göttingen 2020, hier eine Rezension.
Erst 1948, in einem im Internierungslager Regensburg verfassten Lebenslauf, behauptete Moosbauer, kurz vor dem Ersten Weltkrieg in die Partei eingetreten zu sein.2 In einer weiteren Aussage einen Monat später nennt er die Zeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg.3 Ich stolpere nicht über die unterschiedlichen Zeiten; doofer Vergleich, aber: Auch ich war mal Mitglied einer Partei und könnte gerade noch das Jahrzehnt nennen, nicht das genaue Jahr meines Ein- oder Austritts. Ich stolpere aber darüber, dass ihm diese Mitgliedschaft erst 1948 ganz plötzlich eingefallen ist.
Nachdem ich partout keine Quelle finden konnte außer Selbstzeugnissen, fragte ich beim Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung nach, die mir aber auch nur das sagen konnte, was ich schon in der Literatur gelernt hatte: Es ist kaum möglich, eine SPD-Mitgliedschaft vor 1933 zweifelsfrei nachzuweisen, wenn es sich nicht gerade um bekannte Persönlichkeiten handelt. Viele, gerade kleinere Ortsvereine, vernichteten ihre Unterlagen zu Parteimitgliedern nach der Machtübernahme der NSDAP selbst, um die Genoss:innen nicht zu gefährden. Viele andere Unterlagen wurden vom NS-Regime vernichtet.
In der Literatur heißt es, Moosbauer seit bis 1923 SPD-Mitglied gewesen – das wäre gleichzeitig mit seiner Mitgliedschaft im Freikorps Oberland, was mir doch sehr unwahrscheinlich scheint. Die bestand seit eigener Aussage bereits seit 1922.4 Gerade gestern las ich in der von Moosbauer selbst verfassten Chronik der Passauer NSDAP (1933), dass er schon im Februar 1923 in die Partei eingetreten sein will.5 (Auch hier die etwas vage Formulierung, weil Selbstzeugnis.) Ich kann daher leider kein abschließendes Urteil fällen, aber ich neige sehr stark dazu, Moosbauer eine SPD-Mitgliedschaft abzusprechen.
Leider kann ich das alles nicht in der Wikipedia anlegen, denn die Wikipedia bildet veröffentlichte Literatur ab und soll kein Sammelbecken für Forschungsdesiderate sein. Meinen Abschlussbericht für mein Passauer Projekt reiche ich im Juli diesen Jahres ein, aber bis der veröffentlicht ist, wird noch eine gewisse Zeit vergehen; momentan ist noch nicht mal der Zwischenbericht online, den ich im letzten Juli eingereicht habe. Jetzt habe ich es immerhin schon mal hier öffentlich gemacht.
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Vielleicht ist Ihnen was aufgefallen: Ich habe jetzt Fußnoten im Blog! Gleich hier unten! Es ist so toll! Aber der Text hat jetzt so komische Zeilenabstände, daran knabbere ich noch. Ist es aber total wert!
Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241/14), 3877, Max Moosbauer 1/5: Military Government of Germany, Fragebogen, ausgefüllt am 19.10.1946. ↩︎
Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241/14), 3877, Max Moosbauer, 2/5: selbst verfasster Lebenslauf, 21.6.1948. ↩︎
Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241/14), 3877, Max Moosbauer, 3/5: Protokoll der öffentlichen Sitzung am 19. bis 23. Juli 1948. ↩︎
Bundesarchiv Berlin, R 9361-III/544057, Sammlung Berlin Document Center (BDC), Personenbezogene Unterlagen der SS und SA: Max Moosbauer, Fragebogen zur Ergänzung bzw. Berichtigung der Führerkartei und der Dienstaltersliste, 6.8.1937. ↩︎
Stadtarchiv Passau, C 197: Max Moosbauer: Die nationalsozialistische Bewegung in Passau 1920–1933, undatiert, S. 9. ↩︎
F. und ich feiern unseren Jahrestag traditionsgemäß im schönen Broeding, wo gefühlt jeder Besuch immer ein bisschen besser ist als der letzte. Gestern hatten wir uns im Vorfeld auf Furmint und Blaufränkisch als Weinbegleitung geeinigt und ließen uns dann vor Ort nach einem erneuten Blick in die Weinkarte beraten. Es wurden die beiden Schätzeken im Foto und beide waren großartig.
Beim Furmint schlug der Sommelier zwei Varianten des Homonna vor, eine eher mineralisch, eine eher cremige, und wir entschieden uns für die cremige. So war das gute Stück dann auch: schon die Nase floral-mineralisch, aber gleichzeitig weich, und am Gaumen wurde der Wein dann noch besser. Es gibt Flaschen, bei denen freut man sich auf jeden Schluck, und diese Vorfreude wird dann sogar eingelöst. So ein Wein war das. Er blieb die ganze Zeit lang weich, aber klar und kräftig, ohne zu viel und zu laut zu sein.
Der Blaufränkisch war von Moric, einem unserer liebsten Weingüter, wenn es um Blaufränkisch geht. Der erste Wein, dessen Rebe ich mir vor 100 Jahren mal gemerkt hatte, war ein Blaufränkisch, damals noch von Heinrich oder Kollwentz, über die mein Gaumen inzwischen meist hinausgewachsen ist. Ich trank jahrelang einfach jeden Blaufränkisch, der mich auf einer Weinkarte anlachte, aber dann kamen unsere ersten Ausflüge ins Burgund und schließlich ins Piemont, so dass der Blaufränkisch irgendwann nicht mehr ganz oben auf meiner Liste war. Gut, dass es Läden wie das Broeding oder das Waltz gibt, wo auch etwas ausgefallenere Weine dieser Rebsorte zu haben sind. So fingen wir langsam wieder an, Blaufränkisch zu trinken, dieses Mal eher aus der reifen Ecke. So einer war der gestrige Moric: Ihm fehlten quasi alle Charakterzüge, die ich vor 15 Jahren mit Blaufränkisch verbunden hatte und die ich nicht mehr ganz so mag: das Marmeladige, die relativ süße rote Frucht, das Satte. Der Neckenmarkt Alte Reben war trocken, aber nicht staubig, fruchtig, aber eben nicht wie eine Konfitüre, sondern quasi wie ein Hauch Aufstrich auf einem kühlen Teller, von dem man nur die Nase mitnimmt, aber nicht den Geschmack. Ich fand den Wein sehr komplex und spannend, hätte ihn blind aber vermutlich nie für einen Blaufränkisch gehalten.
Das Essen war, wie im Broeding gewohnt, sehr gut. Für mich war gleich der zweite Gang der Star des Abends: gegrillter Chicoree mit einer herrlichen Bitterkeit, die durch das Röstaroma aber gemildert wurde bzw. eine andere Nuance bekam. Darauf eine schlotzig-fette Lauchmayonnaise, mit Lauch kriegt man mich ja immer, ganz egal, in welcher Form, aber als Majo kannte ich ihn noch nicht, gleich schockverliebt. Dazu ein kühles Buttermilchsößchen mit Lauchöl, wenn ich mich richtig erinnere, und oben drüber wurde ein Käse gerieben, von dem ich Angst hatte, dass er alles zuballern würde, aber stattdessen war er – natürlich – eine cremig-kräftige Würze zum weichwarmen Bitterröstfett. Großartig.
Und dann mussten wir, latent angeheitert und sehr gut gelaunt, nach dem Festmahl nur zwei Minuten auf die Tram warten und die U-Bahn fuhr genau ein, als wir am Bahnsteig ankamen. Perfekter Abend, perfekter Abschluss.
Ich musste mir irgendwann im Laufe meines Kleidungslebens eingestehen, dass ich mit Ketten meist seltsam und mit Tüchern um den Hals immer beknackt aussehe. Einige wenige Stücke trage ich, aber auch nur, wenn ich der Meinung bin, es ist irgendwie okay. Was keine gute Idee ist, wie ich inzwischen gelernt habe, wenn irgendwas nur irgendwie okay ist. Entweder es gefällt mir oder nicht, das kriege ich bei Essen oder Kunst doch auch hin. Nur bei Kleidung ist es oft ein Hingewürge und an-sich-Rumzupfen den ganzen Tag. Deswegen mag ich ja meine Büro-Uniform, ich schrieb darüber.
Durch gewisse Umstände habe ich mich in den letzten Monaten mehr mit Kleidung beschäftigt als vorher und auch mit der rigorosen Frage: Was gefällt mir denn eigentlich an mir? Und so entdeckte ich neue Farben und Formen, die ich bisher als „kann ich nicht tragen“ abgetan hatte, was ja meist bedeutet „das sagt irgendwer anders, dass ich das nicht tragen kann“. Was sage ich denn aber eigentlich?
Neulich erwarb ich eine Bluse, die einen Stoffgürtel hat; ich probierte sie an und warf dabei die lange Textilbahn einfach um den Hals, damit sie mir nicht im Weg ist, wenn ich gucke, ob ich die Bluse (wie die letzten 30 Jahre) über den Hosenbund lappen lasse oder (wie ganz selten neuerdings, weil es immer noch mit „kann ich nicht tragen“ verbunden ist) total mutig in den Bund stecke, so dass mein Bauch sichtbarer ist. Und als ich mich im Spiegel dabei anschaute, mich mit der Bluse zu beschäftigen, sah ich, dass der Gürtel, den ich locker verknotet hatte, wie eine Krawatte aussah. Und dass mir Krawatten ganz außerordentlich gut an mir gefallen.
Seitdem erwarb ich eine Nadelstreifenweste und schließlich auch eine Krawatte. Zur grauen Weste trug ich dazu eine meiner geliebten hellblauen Tunikas, die hinten unter der Weste hervorschaut, aber vorne im Bund steckt. Wie wir alle aus Queer Eye gelernt haben: the French tuck. Dazu plante ich eine total auffällige Krawatte, weil wenn schon, denn schon, ich dachte an pink oder mindestens rosé, womöglich gelb oder orange? Farben, die mir angeblich überhaupt nicht stehen, die ich aber total mag? Einfach mal gucken.
Das zuerst angesteuerte Geschäft hatte nur eine kleine Auswahl, von denen mich auch keine so richtig ansprach. Eher klassisch Businesskasper, aber das wollte ich ja nicht, auch wenn hellblau und grauer Nadelstreifen sehr in diese Richtung gehen. Ich ging also zum nächsten, dieses Mal reinen Herrenmodengeschäft, aber auf dem Weg dorthin kam ich an der guten, alten Galeria Kaufhof vorbei und dachte, ach, verschaffst du dir doch einfach mal einen kleinen Überblick, die Masse dürfte ja hier sein, die Klasse kaufe ich woanders. (Ich Großkotz.)
Ich musste erstmal schauen, auf welchem Stockwerk überhaupt die Herrenabteilung ist, dort hatte ich noch nie was erworben, aber bei den ganzen Gürteln, die dort hingen, werde ich vermutlich nochmal vorbeischauen. So ein Gürtel aus schlichtem Leder mit schlichter Schnalle, ohne Strass und Scheiß und femininen Formen in der Metallgestaltung, geh weg, das wär’s doch mal. Ich besitze genau einen Gürtel, der so aussieht und mir passt. Soviel zur Wichtigkeit, die Kleidung in meinem Alltag einnimmt. Ich hätte nie mit dem Handtaschenkaufen anfangen sollen, da bricht gerade richtig was durch.
Dafür, dass ich die gestern getragene Handtasche aus dem oberen Preissegment dann auch einfach auf dem Boden abstellen wollte, als ich der äußerst freundlichen Verkäuferin mein Outfit unter der Winterjacke zeigen wollte, bekam ich auch einen kleinen Rüffel: „Nicht die gute Tasche auf den Boden stellen. Da ist es doch staubig.“ Sprach’s und wies auf den Glastisch mit der Krawattenbox, wo ich mich niemals getraut hätte, einfach was hinzustellen.
Ich schilderte der Dame meinen Einkaufsplan mit der quietschbunten Krawatte – und sie zog eine aus der Box, die genau das Gegenteil davon war. Sie war dezent hellblau und grün mit einem floralen Muster bestickt, floral ist immer gut, aber die Farben kamen mir doch sehr brav vor. Ich besah mich im Spiegel und fand sie sehr schön, aber eben: zu brav. Ich besah mich danach noch mit wenigen weiteren, bunteren Exemplaren, aber erst, als die Verkäuferin mir erneut die grünblaue hinhielt und meinte, diese sähe so gut zu meiner schönen Haut (aww) und den blauen Augen aus, merkte ich, dass ich mich nie ganz angesehen hatte, sondern nur auf den Oberkörper geschaut hatte, auf grau, hellblau, blaugrün. Erst als ich mich ganz ansah, merkte ich, wie stimmig und gut das alles war. Nicht wenn schon, denn schon, sondern abgerundet und gut, und daher ist es dann auch diese Krawatte geworden.
Die YouTube-Universität hat mir dann gestern endlich beigebracht, einen Windsor zu binden. Ich wäre dann ausgehfein. Oder bürofein. Oder konzertfein. Krawatten sind super.
Die innere Stimme, die immer „Nein“ oder „Lieber nicht“ oder „SO WILLST DU VOR DIE TÜR GEHEN?“ quengelt, nenne ich seit gestern Quatschi. So nannte sie ein Coach in einem Interview mit der SZ (evtl Bezahlschranke?), von dem ich nicht alles zitierenswert oder nachvollziehbar oder für mich stimmig finde, aber Quatschi fand ich gut.
„Quatschi ist ein Gewohnheitstier, was auch okay ist für das Überleben – keine Experimente! Sag lieber Nein, es könnte böse enden! Es geht um Harmonie – und das ist ja völlig okay, ich verbiete niemandem, keine Experimente zu wagen. Ich will nur, dass er sich bewusst wird, was es ihn kostet. Viele beschweren sich, dass sie nichts erleben. Das ist so, weil sie im Bann ihres neuronalen Gitterbettes hängenbleiben, im Bann von Quatschi. […]
Bestimmte moralische Normen sind wichtig, aber Quatschi ist eben auch ein Freudeverhinderer. Ein Satz, den ich mir von Picasso geborgt habe, lautet: »Sich geborgen fühlen in der Ungewissheit.« Das ist das Gegenteil vom Quatschi-Diktat. […] Loslassen bedeutet, das Gehirn auf neue Gewohnheiten zu trainieren. Eine alte Gewohnheit durch eine neue zu ersetzen, in kleinen Schritten. Man ersetzt das automatische Festhalten an Gewohnheiten, hält aber selbstbestimmt an moralischen Normen fest.“
In der Literatur fand ich eine Signatur, die mir lustige Dinge zum ehemaligen Ostmarkmuseum verriet, aber ich hatte keine Ahnung, um welchen Bestand es sich handelte oder wie alt er ist. Bei meiner derzeitigen Arbeit ist es aber nicht ganz unwichtig, ob eine Aussage oder eine Information von 1928 oder 1938 stammt, daher will ich das immer genau wissen, bevor ich es zitiere.
Also stöberte ich in der Findmitteldatenbank des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, fand die Signatur aber nicht und schrieb daher meine übliche Mail, dass ich folgende Bestände gerne einsehen würde [hier Signaturen einfügen] und zwar dann und dann, wer ich bin und warum ich das überhaupt möchte. Das Archiv wies mich darauf hin, dass ich eine der fünf Archivalien sogar online einsehen könne, das erledigte ich natürlich sofort. Die anderen drei legten sie raus, aber für die fünfte – die mit der seltsamen Signatur – verwiesen sie mich an die Kolleg:innen des Kriegsarchivs.
Dort war ich gestern als erstes und bekam ein schmales, gebundenes Bändchen vorgelegt, das laut Titel die Geschichte der Garnison Passaus zwischen 1933 und 1939 erzählte. Jetzt wusste ich immerhin schon mal, worum es ging. Aber: Es war nirgends ein Verfassername zu finden und auch beim Erstellungsdatum war ich unsicher: Klar, mindestens 1939, aber das war ein bisschen dünn. Irgendwann beim Lesen fand ich das Anfangsdatum des, Zitat, „Polenfeldzugs“, das mit dem 26. August 1939 angegeben wurde. Hm.
Also fragte ich den freundlichen Herrn, der mir beim Reinkommen erstmal den Benutzerausweis verlängert hatte, ob er mir sagen könne, von wem dieses Büchlein stammt und von wann. Seine Findmittel gaben auch nicht mehr her als die, die ich schon eingesehen hatte, aber wenn irgendwas digital nicht da ist, löst ja meist was Analoges das Rätsel. So auch hier: In den alten Findbüchern stand der Name des Verfassers, ein Generalmajor a. D. Der freundliche Herr hob mir auch einfach spontan noch weitere Archivalien aus, die aus den Handschriften des Majors stammen, und dort fand sich ein handgeschriebener Brief, der mir sagte, dass er von der Heeresstandortverwaltung am 2. Dezember 1941 „ersucht wurde“, diese Chronik zu schreiben und er sie am 20. Dezember abgegeben hätte (Respekt). Der Brief selbst war vom Juni 1942.
Damit konnte ich die Quelle vernünftig einordnen und sie nun auch zitieren. Erfolg!
Im Hauptstaatsarchiv selbst war dann nur so mittelprächtig was von dem da, was ich gesucht hatte, aber mei. Ich nehme, was ich kriegen (finden) kann.
. . .
Abendbrot war mein Lieblings-Brantner-Brot, das F. für mich besorgt hatte, bevor ich Mittwoch schön lässig nach München geshuttelt kam, zu kalt für den Arm aus dem Autofenster, aber das war vorgestern eine größtenteils angenehme Autobahnfahrt, mal wieder mit guter Musik statt Podcast.
Zum Brot gab’s Salami und einen Berg an Romana-Salat mit diesem Dressing (Geschenklink), das zufällig in meiner Timeline gelandet war und das ich sofort ausprobieren wollte. Es schmeckt null wie ein Sour-Cream-and-Onion-Dip, wie das Rezept behauptet, aber alles mit Schnittlauch und Knoblauch drin ist genau meins. (Ahornsirup statt Honig und nur die Hälfte der Menge, lasse ich nächstes Mal weg, Worcestersauce gleich weggelassen.)
Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal … äh … alt genug? Geistig abwesend genug? Keine Ahnung, was für ein Adjektiv noch passen könnte genug? wäre, um mich ernsthaft darauf zu freuen, mit meinem Auto in die Waschanlage zu fahren, dort einfach sitzenzubleiben, während es um mich herum schäumt und wachst und wedelt und bläst, und dann entspannt und im wohligen Gefühl, ein herrlich blitzblankes Auto unterm Hintern zu haben, nach Hause zu fahren. Beziehungsweise in die Parkgarage, ich wohne ja in der Altstadt, wo ich nirgends parken darf, völlig zu recht, dass man da überhaupt fahren darf, ist mir ja auch ein Rätsel. Egal. Mein Auto hat den harten Winter überstanden, das ganze fiese Salz, das schlimme Wetter, den Dreck der Vorausfahrenden und unseren verschneiten Parkplatz. Es sieht wieder wunderschön aus und ich freue mich jetzt schon darauf, es wieder dreckig zu fahren, um es dann wieder sauberwuscheln zu lassen.
(Holt mich hier raus! Steckt mich wieder in die Großstadt, wo ich U-Bahn-Ultra bin!)
Wenn ich sage, ich klettere ins Turmarchiv, dann meine ich das so. Es waren leider nur gefühlt zwei Grad da oben, weswegen ich nach nicht mal 15 Minuten ein paar Aktenordner unter den Arm klemmte, die ich eigentlich im Turm hatte durchsehen wollen, aber nun lieber ins warme Büro trug. Tragen musste.
Das sagt einem ja auch keiner vorher, dass Wissenschaft auch bedeuten kann: Schleppen Sie diese Akten und Ordner durch eine mittelalterliche Ritterburg.
Das Team vom Oberhausmuseum Passau (also auch ich) stellte im letzten September einen Stapel aus Kunsttransportkisten auf den zentralen Ludwigsplatz. Darauf bis November im Wechsel plakatiert: sechs Werke aus unserem Depot, von denen ich der Meinung bin, dass sie Raubkunst sind. Ein einleitendes Plakat, das immer zu sehen war, fragte provokant: „Gehört das Ihnen?“ und wies damit darauf hin, dass sich heute noch Raubkunst nicht nur in Museen, sondern auch an den Wohnzimmerwänden von Frau Hinz und Herrn Kunz befindet. Eine kurze Copy erklärte, dass auch das Oberhausmuseum Werke verwahrt, von denen wir nicht wissen, wem sie gehören. „Helfen Sie uns, diese Menschen zu finden!“
Ein QR-Code auf den Plakaten schubste interessierte Betrachter:innen auf unsere Website, wo alle Plakate und, viel wichtiger, alle Werke und Informationen zu ihnen zum Download bereitstehen. Die Idee dahinter: Schwarmintelligenz nutzen. Was ich nicht weiß, weiß vielleicht jemand anders?
Wir bekamen Hinweise auf zwei Künstler, von denen ich einen schon bestätigen kann, beim zweiten knabbere ich noch. Außerdem weiß jetzt ganz Passau, was Provenienzforschung ist, was ich für einen ebenso großen Erfolg halte.
Zur Aktion schrieb ich für die Passauer Neue Presse mehrere Artikel, die sich mit den plakatierten Werken befassten. Zusätzlich hoffte ich, damit auch generell über den NS-Kunstraub und seine Mechaniken zu informieren.
Netterweise darf ich diese Texte nun auch in meinem Blog veröffentlichen. Ich habe sie teilweise etwas gekürzt, damit ich mich nicht zu oft wiederhole. Die Links habe ich erstmals hinzugefügt, die waren nicht Teil der Ursprungstexte. (Die geschlechtergerechte Sprache auch nicht.) Please enjoy.
Teil 1: „Sitzende Diana und ihre Gefährtinnen“: Von Passau nach München und zurück
Anfang Mai 1945. Die US-Armee eroberte Passau und damit auch die Veste Oberhaus. Das damalige Ostmarkmuseum hatte seine wertvollsten Bestände bereits 1942 ins Kloster Vornbach ausgelagert, um sie vor möglichen Kriegsschäden zu schützen. Statt Bomben der Alliierten sorgten nun aber vor allem Passauer Bürger und Bürgerinnen dafür, dass die restlichen Bestände in Unordnung gerieten und sogar vielfach geplündert wurden. Vor allem Textilien und alltägliche Gegenstände wie Geschirr, Schnupftabakdosen, Bestecke und Pfeifen wurden geraubt. Im Stadtarchiv Passau wird die sogenannte Plünderungsliste von 1949 verwahrt, auf der knapp 600 Inventarnummern als nicht mehr vorhanden notiert sind.
Nach den Plünderungen musste aufgeräumt werden. Dabei fanden Mitarbeiter:innen Kunstwerke, die nicht zum Museumsbestand gehörten; die US-Soldaten hatten teilweise ihre Quartiere mit den Gemälden und Drucken geschmückt. Die Künstlerin Gretli Fuchs legte, möglicherweise schon 1945, spätestens aber im März 1946 eine erste Übersichtsliste an, auf der 74 Werke verzeichnet waren, deren Herkunft unbekannt war. Weitere Werke wurden nach und nach aufgefunden, die der Burgverwalter Wilhelm Ritzler stets an die Militärbehörden meldete. Im April 1946 besichtigte schließlich ein Leutnant der Militärregierung in Begleitung eines Experten (sehr wahrscheinlich Walter Boll) die inzwischen 82 aufgefundenen Werke. Beide gingen davon aus, dass es sich um Werke aus Frankreich und Belgien handelte, also sehr wahrscheinlich Raubkunst. Es wurde beschlossen, sie nach München an den sogenannten Central Collecting Point zu bringen.
Die Alliierten fanden nach ihrem Sieg über 1.400 Kunstdepots im ehemaligen Deutschen Reich, in denen fast vier Millionen Objekte eingelagert waren. Um diese Unmenge an Gegenständen wieder in die Ursprungslänger verteilen zu können, wurden in jeder Besatzungszone Collecting Points, also Kunstsammelstellen, eingerichtet; die größten lagen in München, Wiesbaden und Offenbach. Dort kamen lastwagenweise Kunstwerke aus den Depots an, die bereits ab dem späten Frühjahr 1945 wieder in die Herkunftsländer restituiert werden konnten.
Aus Passau gelangten im Oktober 1946 schließlich 89 Kunstwerke nach München. Jedes einzelne Werk wurde auf mehreren sogenannten Property Cards inventarisiert. Auf diesen Karten wurde das Objekt kurz beschrieben, falls erkennbar, wurden Maler oder Malerin genannt, und es wurden „identifying marks“, also besondere Merkmale, notiert. Diese sollten es leichter machen, die Eigentümer:innen zu identifizieren.
Das Gemälde „Sitzende Diana und ihre Gefährtinnen“ war den Kunsthistoriker:innen vor Ort anscheinend nicht bekannt. Auf den drei erhaltenen Property Cards wurde es auf die 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts oder aber das 19. Jahrhundert datiert. Die Signatur konnte niemand entziffern. Als einziges besonderes Merkmal wurde ein Stempel notiert, der von der Wiener Zentralstelle für Denkmalschutz stammte. Diese Stempel wurden zwischen 1934 und 1940 genutzt und dienten dazu, für die Ausfuhr genehmigte Kunst zu kennzeichnen. Dass es ausgeführt werden durfte, legt nahe, dass es sich eher nicht um jüdische Besitzer oder Besitzerinnen handelte, deren Eigentum zur illegalen Verwertung im Land verbleiben sollte.
Bis 1958 erhob niemand Anspruch auf dieses Werk, weswegen es schließlich mit 87 weiteren Werken wieder nach Passau zurückgeschickt wurde.
Teil 2: „Porträt eines Soldaten mit Mütze“: Unbekannter Mann aus unbekanntem Land
600.000 Kunstwerke. Das ist die geschätzte Anzahl von Gemälden, grafischen Arbeiten und Skulpturen, die der NS-Staat seinen Eigentümern raubte. Neben Kunstwerken stahlen die Nationalsozialisten unzählige Bücher, Akten und Schriftstücke aus Bibliotheken, Archiven, öffentlichen und Privatsammlungen in allen von Deutschland besetzten Gebieten. Vieles ist bis heute nicht zurückgegeben worden – unter anderem deshalb, weil die damaligen Eigentümer:innen nicht (mehr) bekannt sind.
1998 verpflichteten sich diverse Staaten und nicht-staatliche Organisationen auf einer Konferenz in Washington, NS-Raubgut aufzufinden. Diese Verpflichtung ist unter dem Begriff „Washingtoner Prinzipien“ bekannt geworden. In Deutschland verpflichteten sich die Bundesregierung, die Länder und kommunale Verbände 1999, in eigenen Beständen NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut (so die offizielle Bezeichnung) zu suchen und proaktiv an Erbberechtigte zurückzugeben.
Die Schwierigkeit dieser Forschung liegt darin, erst einmal in Museumssammlungen oder Bibliotheken diejenigen Objekte herauszufiltern, die womöglich nicht legal an die jeweiligen Häuser gekommen sind. Dafür engagiert man sogenannte Provenienzforschende, also Kunsthistoriker bzw. Kunsthistorikerinnen, die sich mit der Herkunft von Objekten befassen. „Provenienz“ bedeutet Herkunft. Sie durchsuchen hauseigene Inventare, gehen in örtlichen Archiven auf die Suche nach möglichen Unterlagen wie Rechnungen, Ankaufsanweisungen oder Korrespondenz, die sich mit den Objekten befassen, und überprüfen weitere Quellen wie Auktions- und Ausstellungskataloge, um den Weg eines Objekts ins Museumsdepot nachzuzeichnen.
80 Jahre nach Kriegsende existieren allerdings oftmals nicht mehr alle Schriftstücke, die zu einer exakten Provenienzbestimmung nötig sind. So geht es auch dem Oberhausmuseum mit der abgebildeten Zeichnung. Sie zeigt einen jungen Soldaten, sehr wahrscheinlich in einer Uniform des Ersten Weltkriegs. Vermutlich kämpfte der junge Mann für Österreich-Ungarn, aber die Uniform könnte auch eine französische sein. Das kleine Werk ist weder datiert noch signiert, und es befinden sich keine besonderen Merkmale auf ihm, die einen Hinweis auf die Identität des Abgebildeten oder den Künstler zulassen.
Die Zeichnung stammt aus einem Bestand von 89 Werken, von denen bisher nur vier den ehemaligen Eigentümer:innen zugeordnet werden konnten. Diese vier Werke wurden 1942 aus zwei unterschiedlichen kommerziellen Möbellagern in Paris gestohlen, wo ihre Besitzer:innen sie verwahrten. Daher liegt die Vermutung nahe, dass auch diese Zeichnung in Paris entwendet wurde. Können Sie den jungen Mann identifizieren?
Teil 3: „Landschaft mit Fabrik“: Geraubt aus einem Pariser Möbellager?
Das kleine Ölgemälde „Landschaft mit Fabrik“ ist ungerahmt. Es zeigt eine Landschaft, in deren Mitte sich eine Baumreihe durch das Bild zieht. Rechts unten verschließt ein Tor aus Latten einen hellen Weg, der zu einer Fabrik mit vier markanten Schornsteinen zu führen scheint. Das Bild ist nicht signiert, so dass es nicht möglich ist, durch die Suche nach dem Künstler oder der Künstlerin auf den Käufer zu schließen. Falls man wüsste, wo diese Fabrik steht, könnte man immerhin das Land einkreisen, in dem es vielleicht gemalt wurde. Frankreich? Die Niederlande?
Auf der Rückseite des Bilds finden sich Reste eines Stempels. 1946 wurde das Werk am sogenannten Central Collecting Point in München katalogisiert. Dort wurde notiert, dass sich ein Stempel von „G. Delaunay“ aus Paris auf der Rückseite befindet; er ist heute nicht mehr lesbar. Der Stempel weist vermutlich auf ein kommerzielles Möbellager („garde-meuble“) hin, in dem das Werk eingelagert wurde. Viele Menschen, die vor den Nationalsozialisten flüchten mussten, lagerten ihren Besitz ein, weil sie ihn meist nicht mitnehmen konnten. Von diesen Lagern existieren nur äußerst selten noch Unterlagen, die auf ehemalige Kund:innen hinweisen. Auch in diesem Falle war der Stempel eine Sackgasse.
Im Bundesarchiv Berlin sind Akten überliefert, in denen sich Anschreiben der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich finden, die den Dachverband der französischen Möbellager um Auskunft darüber bittet, ob die Lager jüdische Kunden hätten: Wenn ja, wo befände sich deren Eigentum? Viele Lagerbetreiber antworteten mehr oder weniger freiwillig, woraufhin deutsche Einheiten gezielt Lager ansteuerten. Die dort auch aufgefundenen Kunstgegenstände waren eigentlich nur eine Art Beifang: Es ging dem NS-Staat eher um Möbel, Textilien und Gebrauchsgegenstände für den Alltag. Denn während des Kriegs wurden viele Deutsche durch Bombenangriffe obdachlos oder verloren ihr Hab und Gut. Deutsche konnten daher verbilligt Möbel, Kleidung und Hausrat erwerben – der zuvor meist jüdischen Menschen vor allem aus Frankreich, den Niederlanden und Belgien geraubt wurde. Gerade in Norddeutschland wurden nachweislich sogenannte „Holland-Möbel“ öffentlich in Auktionen versteigert; die Kaufenden wussten durchaus, woher diese Güter stammten.
Teil 4: „Sitzende Dame mit drei Herren“: Wer ist diese Frau?
Im letzten Teil unserer Serie wurden die kommerziellen Möbellager in Paris beschrieben, aus denen vermutlich ein Großteil der 89 Werke gestohlen wurde, die 1945 nach der Eroberung der Veste Oberhaus aufgefunden wurden und die nicht zum Museumsbestand gehören. Ein kleiner Teil dieser Werke könnte aber auch aus Berlin nach Passau gelangt sein.
Im Bestand befinden sich vier Werke, bei denen eine Herkunft aus Berlin wahrscheinlich ist. Eine fotografische Reproduktion eines Raffael-Gemäldes wurde von der Photographischen Gesellschaft Berlin hergestellt, die zwischen 1862 und 1927 existierte. Sie gab als erste Firma Fotografien nach alten Gemälden heraus, die damit zum erschwinglichen Wandschmuck wurden. Diese Photogravüre – wir würden heute Kunstdruck dazu sagen – trägt keine Merkmale, an denen man ehemalige Eigentümer identifizieren könnte.
Zwei weitere Werke können durch die herstellenden Künstler nach Berlin verorten werden: Eins ist die „Dame im Oval“, die im nächsten Teil unserer Serie besprochen wird. Das zweite Gemälde ist ebenfalls ein Frauenporträt und stammt sehr wahrscheinlich von Werner Heidenreich, über den in kunsthistorischen Datenbanken kaum etwas zu finden ist. In Willy Oskar Dresslers „Kunsthandbuch“ von 1930, einem Lexikon der damaligen deutschen Künstler, ist er in der Rönnebergstraße in Berlin-Friedenau zu finden; das ist der derzeit einzig gesicherte Ort, der für Heidenreich belegbar ist; seine Lebensdaten sind unbekannt. Da so wenig über ihn bekannt ist, kann man davon ausgehen, dass sich sein Wirken wahrscheinlich auf Berlin beschränkt hat.
Das vierte Werk dieses Bestands ist die abgebildete Zeichnung von Theo Matejko. Matejko war ein vielbeschäftigter Zeichner und Illustrator im Berlin der 1920er Jahre. Er schuf diverse Filmplakate für die damalige Produktionsfirma Universum Film AG, besser bekannt als Ufa. Die Ufa war neben den Studios in Hollywood in den 1920er Jahren der weltgrößte Anbieter von Kinofilmen: Die Ufa drehte und produzierte Filme in eigenen Studios und zeigte sie in Kinos, die ebenfalls der AG gehörten bzw. verlieh sie an andere Kinobetriebe. Matejko war bei der „Berliner Illustrierten Zeitung“ als Zeichner beschäftigt und bebilderte zum Beispiel Fortsetzungsromane. Gleichzeitig entwarf er aber auch Werbematerial für Filme, zum Beispiel für „Dr. Mabuse“ (1921/22) oder „Die Nibelungen“ (1924) von Fritz Lang. Zur NS-Zeit stellte sich Matejko in den Dienst des Systems, indem er für die NS-Zeitschrift „Die Wehrmacht“ Illustrationen schuf. Er floh kurz vor Kriegsende aus Berlin und starb im September 1946 in Österreich.
Die Zeichnung von 1925 zeigt eine elegant gekleidete Dame mit auffälligem Schmuck, die entspannt in einem Sessel sitzt und mit zwei ihr zugewandten Herren plaudert, während ein dritter die Szene beobachtet. Matejko widmete das Bild vermutlich der abgebildeten Frau. Die Zeichnung trägt eine Widmung, von der allerdings der Name der Dame nicht lesbar ist: „Frau [unles.], der leider allzu tüchtigen Chefin der Ufa-Propaganda in Freundschaft gewidmet / Theo Matejko / 6.IX.1925“.
Recherchen zur damaligen Ufa brachten keine Erkenntnisse über die Identität der Abgebildeten. Daher fragt das Oberhausmuseum: Können Sie den Namen der Dame entziffern?
[Edit: Dieses Werk macht mich wahnsinnig. Der Name der Besitzerin steht verdammt nochmal drauf, und niemand kann ihn lesen. Ihr ahnt nicht, wieviele Dokumente, Literatur und Quellen zur Ufa ich inzwischen durchgelesen habe, nur um auf irgendeinen Namen zu stoßen, der vielleicht zu ihr passen könnte. Ergebnislos. Momentan ist meine Theorie, dass die Dame keine „Chefin“ war, das war 1925 für eine Frau vermutlich doch ungewöhnlich, sondern eher die Sekretärin des wirklichen Chefs, dessen Namen ich aber auch nicht rausbekommen habe. Das Blatt war vielleicht nur ein launiger Scherz, keine Ahnung. Wie gesagt, es macht mich irre. Bitte ergoogelt mir den Namen des Chefs der Ufa-Reklame 1925! Hello, Redditors, wo seid ihr? Hier ist das Bild in groß, Unterschrift nochmal extra.]
Teil 5: „Dame im Oval“: Jede Herkunftsrecherche beginnt mit dem Werk selbst
Schaut man sich in Museen die Gemälde und Grafiken an, die an den Wänden hängen, findet man oft Signaturen, also die Unterschriften der Künstler und Künstlerinnen. So auch auf dem hier abgebildeten Werk, sogar noch mit einer Zahl dahinter: „Schulz Bromberg 24“. Der Künstler heißt also Schulz-Bromberg und das Werk stammt von 1924? Das war jedenfalls die Vermutung der Kunsthistoriker:innen am Central Collecting Point in München, die das Werk 1946 katalogisierten, als es mit 88 weiteren aus Passau ankam. Einer der amerikanischen Wissenschaftler las die Signatur sogar als „School of Bromberg“, also Schule des Malers Bromberg, was ihm aber selbst als Irrtum auffiel; er strich seine dementsprechende Notiz auf der sogenannten Property Card, die heute im Bundesarchiv verwahrt wird, vermutlich eigenhändig durch.
Auf der Suche nach Künstlernamen konnte man jahrzehntelang das „Allgemeine Künstlerlexikon“ benutzen, das zwischen 1983 und 2023 veröffentlicht wurde. Es umfasst ganze 119 Bände, in denen man Maler, Grafikerinnen und Skulptierende vom Mittelalter bis zur Neuzeit findet. Das sogenannte AKL beruhte auf früheren Lexika, die von Ulrich Thieme und Felix Becker schon ab 1907 veröffentlicht wurden. Googelt man nach „Thieme Becker“, kann man die alten Bände komplett im Internet finden. Sie sind auch heute noch wichtige Forschungsinstrumente.
In der Provenienz-, also Herkunftsforschung greift man oft auf ältere Quellen zurück, denn dort findet man eher zeitgenössische Daten als in heutigen Veröffentlichungen. Aus dem Allgemeinen Künstlerlexikon ist inzwischen die digitale Datenbank „Artists of the World“ geworden, in der fast 1,3 Millionen Kunstschaffende versammelt sind. Aber: Dort findet sich kein Schulz-Bromberg. Eingetragen ist hingegen ein Karl Heinrich Schulz, der 1884 in Bromberg, dem heutigen Bydgoszcz in Polen, geboren wurde. Sein Todesdatum ist nicht bekannt. In einem Künstlexikon von 1930 wird Schulz ebenfalls erwähnt: Dort ist zu lesen, dass er zu dieser Zeit in Berlin-Lichterfelde in der Curtiusstraße wohnte. Im Thieme-Becker von 1936 ist er nicht mehr verzeichnet, was darauf hinweist, dass er entweder nicht mehr künstlerisch arbeitete oder in zu kleinem Umfang, um in ein so wichtiges Lexikon aufgenommen zu werden. Dass er aber immerhin 1930 in einem Überblickswerk verzeichnet wurde, lässt die Zahl als Jahreszahl (1924) sinnvoll erscheinen.
Mehr ist über diesen Künstler oder über dieses Werk nicht bekannt. Derzeit wird vermutet, dass die „Dame im Oval“ einem Berliner Sammler oder einer Sammlerin gehört haben könnte. Vielleicht sogar der Abgebildeten? Daher fragt das Oberhausmuseum: Kennen Sie diese Frau? Oder wissen Sie mehr über den Maler?
Teil 6: „Sitzende Dame bei der Toilette“: Ein kleines Werk, eine große Verpflichtung
Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Provenienzforschung“ oder „Restitution“ hören? Möglicherweise an wertvolle Gemälde, die von großen Museen an Erbberechtigte zurückgegeben oder von ihnen gegen viel Geld für das Haus angekauft werden. Es geht beim Thema Raubkunst aber nicht immer um millionenschwere Werke von weltbekannten Malern oder Malerinnen. Raubkunst kann auch ein Werk wie das hier abgebildete sein: Eine schlichte Zeichnung, etwas größer als das DIN-A2-Format, simples Papier, nicht grundiert oder ähnlich vorbereitet. Wir sehen eine junge Frau in der Rückansicht, die sich selbst in einem Handspiegel betrachtet. Sie sitzt auf einem gepolsterten Sessel. Sie ist modern frisiert und trägt einen auffälligen roten Lippenstift. An diesem Werk hat vermutlich niemand lange gearbeitet; möglicherweise entstand es bei einem launigen Abend, der dazu einlud, halbbekleidete Frauen zu zeichnen und diese Zeichnung dann an einen guten Freund zu verschenken. So steht es jedenfalls in der französischen Widmung: „Pour Armand Leon, en signe de bonne amitié“ (Für Armand Leon als Zeichen guter Freundschaft). Das Bild ist sogar signiert, aber: Die Unterschrift war bis vor Kurzem nicht zu entziffern. Durch die Aktion „Gehört das Ihnen?“, bei der ein Kistenstapel auf dem Ludwigsplatz zu sehen ist, der auf kritische Werke im Oberhaus hinweist, konnte der Künstler gefunden werden: Es ist der französische Maler und Illustrator André Dignimont (1891–1965).
Die Nationalsozialisten raubten nicht nur große und bekannte Sammlungen, zum Beispiel für das geplante „Führermuseum“ in Linz, sondern auch kommerzielle Lager oder Wohnungen von Menschen aus, die Deutschland verlassen mussten. Nach dem Einmarsch in Frankreich flohen auch hier viele Menschen und lagerten ihr Hab und Gut ein. So vermutlich auch Armand Leon. Sein ihm gewidmetes Werk wurde 1945 in Passau aufgefunden; bisher ist es nicht gelungen, ihn zu identifizieren.
Auch wenn das Bild keine Millionen kostet, hat dieses Werk einen persönlichen Wert. Armand Leon war es wichtig genug, um es aufzuheben oder sogar einzulagern. Es wurde ihm geraubt und wahrscheinlich von Frankreich nach Deutschland gebracht, wo es seit 1958 im Oberhausmuseum verwahrt wird. Provenienzforschung bedeutet nicht nur, Spuren zu suchen und Quellen einzusehen. Es heißt auch, sich immer wieder daran zu erinnern, dass im NS-Regime im großen Stil Unrecht begangen wurde. Falls das Werk an Erbberechtigte zurückgegeben werden könnte, wäre hier immerhin ein kleiner Ausgleich möglich.
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Das waren die sechs Artikel zu den Gemälden bzw. Zeichnungen. Der siebte Artikel befasste sich mit einem Silberbecher, ich schrieb bereits darüber.
Ihr dürft weiterhin gerne mithelfen, mögliche Spuren aufzudecken. Sämtliche Bilder sind hochauflösend auf unserer Website zu finden, zusammen mit den Datenblättern.
Neues Buch am Start und fast schon durch, liest sich sehr gut weg. Ich postete gestern den Anfang sowie zwei Buchseiten auf Bsky, die einen guten Eindruck von der Tonalität geben. Ich bin, wie gesagt, noch nicht durch, es fing harmlos an, las sich, wie sich Fiktion halt liest, aber es wird immer realer, je länger es dauert. Es ist 2020 erschienen, es stammt von einer US-amerikanischen Autorin. You do the math.
Hier das erste Zitat, was ich mit Bleistift markierte:
“Young person worry: What if nothing I do matters? Old person worry: What if everything I do does?”