Freitag, 6. Februar 2026 – Knoten und Quatschi

Ich musste mir irgendwann im Laufe meines Kleidungslebens eingestehen, dass ich mit Ketten meist seltsam und mit Tüchern um den Hals immer beknackt aussehe. Einige wenige Stücke trage ich, aber auch nur, wenn ich der Meinung bin, es ist irgendwie okay. Was keine gute Idee ist, wie ich inzwischen gelernt habe, wenn irgendwas nur irgendwie okay ist. Entweder es gefällt mir oder nicht, das kriege ich bei Essen oder Kunst doch auch hin. Nur bei Kleidung ist es oft ein Hingewürge und an-sich-Rumzupfen den ganzen Tag. Deswegen mag ich ja meine Büro-Uniform, ich schrieb darüber.

Durch gewisse Umstände habe ich mich in den letzten Monaten mehr mit Kleidung beschäftigt als vorher und auch mit der rigorosen Frage: Was gefällt mir denn eigentlich an mir? Und so entdeckte ich neue Farben und Formen, die ich bisher als „kann ich nicht tragen“ abgetan hatte, was ja meist bedeutet „das sagt irgendwer anders, dass ich das nicht tragen kann“. Was sage ich denn aber eigentlich?

Neulich erwarb ich eine Bluse, die einen Stoffgürtel hat; ich probierte sie an und warf dabei die lange Textilbahn einfach um den Hals, damit sie mir nicht im Weg ist, wenn ich gucke, ob ich die Bluse (wie die letzten 30 Jahre) über den Hosenbund lappen lasse oder (wie ganz selten neuerdings, weil es immer noch mit „kann ich nicht tragen“ verbunden ist) total mutig in den Bund stecke, so dass mein Bauch sichtbarer ist. Und als ich mich im Spiegel dabei anschaute, mich mit der Bluse zu beschäftigen, sah ich, dass der Gürtel, den ich locker verknotet hatte, wie eine Krawatte aussah. Und dass mir Krawatten ganz außerordentlich gut an mir gefallen.

Seitdem erwarb ich eine Nadelstreifenweste und schließlich auch eine Krawatte. Zur grauen Weste trug ich dazu eine meiner geliebten hellblauen Tunikas, die hinten unter der Weste hervorschaut, aber vorne im Bund steckt. Wie wir alle aus Queer Eye gelernt haben: the French tuck. Dazu plante ich eine total auffällige Krawatte, weil wenn schon, denn schon, ich dachte an pink oder mindestens rosé, womöglich gelb oder orange? Farben, die mir angeblich überhaupt nicht stehen, die ich aber total mag? Einfach mal gucken.

Das zuerst angesteuerte Geschäft hatte nur eine kleine Auswahl, von denen mich auch keine so richtig ansprach. Eher klassisch Businesskasper, aber das wollte ich ja nicht, auch wenn hellblau und grauer Nadelstreifen sehr in diese Richtung gehen. Ich ging also zum nächsten, dieses Mal reinen Herrenmodengeschäft, aber auf dem Weg dorthin kam ich an der guten, alten Galeria Kaufhof vorbei und dachte, ach, verschaffst du dir doch einfach mal einen kleinen Überblick, die Masse dürfte ja hier sein, die Klasse kaufe ich woanders. (Ich Großkotz.)

Ich musste erstmal schauen, auf welchem Stockwerk überhaupt die Herrenabteilung ist, dort hatte ich noch nie was erworben, aber bei den ganzen Gürteln, die dort hingen, werde ich vermutlich nochmal vorbeischauen. So ein Gürtel aus schlichtem Leder mit schlichter Schnalle, ohne Strass und Scheiß und femininen Formen in der Metallgestaltung, geh weg, das wär’s doch mal. Ich besitze genau einen Gürtel, der so aussieht und mir passt. Soviel zur Wichtigkeit, die Kleidung in meinem Alltag einnimmt. Ich hätte nie mit dem Handtaschenkaufen anfangen sollen, da bricht gerade richtig was durch.

Dafür, dass ich die gestern getragene Handtasche aus dem oberen Preissegment dann auch einfach auf dem Boden abstellen wollte, als ich der äußerst freundlichen Verkäuferin mein Outfit unter der Winterjacke zeigen wollte, bekam ich auch einen kleinen Rüffel: „Nicht die gute Tasche auf den Boden stellen. Da ist es doch staubig.“ Sprach’s und wies auf den Glastisch mit der Krawattenbox, wo ich mich niemals getraut hätte, einfach was hinzustellen.

Ich schilderte der Dame meinen Einkaufsplan mit der quietschbunten Krawatte – und sie zog eine aus der Box, die genau das Gegenteil davon war. Sie war dezent hellblau und grün mit einem floralen Muster bestickt, floral ist immer gut, aber die Farben kamen mir doch sehr brav vor. Ich besah mich im Spiegel und fand sie sehr schön, aber eben: zu brav. Ich besah mich danach noch mit wenigen weiteren, bunteren Exemplaren, aber erst, als die Verkäuferin mir erneut die grünblaue hinhielt und meinte, diese sähe so gut zu meiner schönen Haut (aww) und den blauen Augen aus, merkte ich, dass ich mich nie ganz angesehen hatte, sondern nur auf den Oberkörper geschaut hatte, auf grau, hellblau, blaugrün. Erst als ich mich ganz ansah, merkte ich, wie stimmig und gut das alles war. Nicht wenn schon, denn schon, sondern abgerundet und gut, und daher ist es dann auch diese Krawatte geworden.

Die YouTube-Universität hat mir dann gestern endlich beigebracht, einen Windsor zu binden. Ich wäre dann ausgehfein. Oder bürofein. Oder konzertfein. Krawatten sind super.

Die innere Stimme, die immer „Nein“ oder „Lieber nicht“ oder „SO WILLST DU VOR DIE TÜR GEHEN?“ quengelt, nenne ich seit gestern Quatschi. So nannte sie ein Coach in einem Interview mit der SZ (evtl Bezahlschranke?), von dem ich nicht alles zitierenswert oder nachvollziehbar oder für mich stimmig finde, aber Quatschi fand ich gut.

„Quatschi ist ein Gewohnheitstier, was auch okay ist für das Überleben – keine Experimente! Sag lieber Nein, es könnte böse enden! Es geht um Harmonie – und das ist ja völlig okay, ich verbiete niemandem, keine Experimente zu wagen. Ich will nur, dass er sich bewusst wird, was es ihn kostet. Viele beschweren sich, dass sie nichts erleben. Das ist so, weil sie im Bann ihres neuronalen Gitterbettes hängenbleiben, im Bann von Quatschi. […]

Bestimmte moralische Normen sind wichtig, aber Quatschi ist eben auch ein Freudeverhinderer. Ein Satz, den ich mir von Picasso geborgt habe, lautet: »Sich geborgen fühlen in der Ungewissheit.« Das ist das Gegenteil vom Quatschi-Diktat. […] Loslassen bedeutet, das Gehirn auf neue Gewohnheiten zu trainieren. Eine alte Gewohnheit durch eine neue zu ersetzen, in kleinen Schritten. Man ersetzt das automatische Festhalten an Gewohnheiten, hält aber selbstbestimmt an moralischen Normen fest.“