Nachtrag: Tagebuch Freitag, 9. November 2018 – Bruegel, Spitzmaus, Merchandise

Wir logierten in Wien für ein paar Tage im gleichen Hotel wie vor gut zwei Jahren, als die Albertina mich eingeladen hatte. Ich hatte mir gemerkt, dass es recht zentral lag, man zu Fuß zu den wichtigen Museen kommt und dass das Frühstücksbuffett keinen Wunsch offen ließ. Ich hatte allerdings vergessen, wie warm die Bettdecken sind und dass es in einem sehr alten Bauwerk nie Steckdosen am Nachttisch gibt. Da ich Matschbirne aber mein iPhone-Ladedings eh vergessen hatte, brauchten wir nur die eine (!) Steckdose, die am Schreibtisch frei war. Für weitere Stecker wie zum Beispiel fürs Macbook stöpselte ich die Schreibtisch- oder die Stehlampe am anderen Ende des Zimmers aus. F. bestaunte die Deckenhöhe und bedauerte, sein Lasermessgerät nicht mitgebracht zu haben. So mussten wir schätzen und einigten uns auf „auf jeden Fall höher als vier Meter“.

Im Kunsthistorischen Museum läuft noch bis Januar eine Bruegel-Ausstellung, die anscheinend eine kleine Sensation ist, ich zitiere aus dem Link:

„Because Bruegel was only in his forties at the time of his death, there are only about 40 paintings, 60 drawings, and 80 prints known to be by his hand. His works on panel are the most rare and the most celebrated, so museums lucky enough to own one are loathe to part with them. […]

Believe it or not, this is the first time a museum has managed to organize a monographic exhibition of the Dutch artist—and the show also marks the 450th anniversary of the Old Master’s death! It’s not that no one has tried, either: A half century ago, a planned exhibition marking 400 years since Bruegel’s death was cancelled when the necessary loans could not be secured. […]

Remarkably, the Kunsthistorisches has brought together almost three quarters of the artist’s extant works, with about 90 in total spanning the full length of his career. Some of the pieces on loan for the occasion have never left their home institutions, so it’s easy to understand why no one has been able to pull off a major Bruegel show before.“

Ich hatte beim letzten Besuch die drei Bruegels bestaunt, die an den Wänden hingen, durfte aber am vergangenen Freitag feststellen, dass das KHM noch deutlich mehr als die drei in seinem Besitz hat; der zitierte Artikel nennt zwölf Bilder von Pieter Bruegel dem Älteren, womit das KHM die meisten Ölbilder dieses Malers weltweit besitzt. Vor einem stand ich ewig, nachdem ich ebenso ewig warten musste, bis ich endlich in der ersten Reihe angekommen war. Die Ausstellung hat festgelegte Einlasszeiten, damit es nicht so irre überlaufen ist, aber es ist natürlich trotzdem sehr voll. Und es passiert das, was bei allen Blockbustern passiert: Man steht hinter Leuten, die gleichzeitig dem Audioguide zuhören und versuchen, ein sinnloses Foto vom Bild zu machen. Ich möchte ihnen immer zuraunen, dass die Dinger 400 Jahre alt und damit total gemeinfrei sind und dass man alle Werke per Google vermutlich in deutlich besserer Qualität findet als sie das wackelige Digifoto hergibt, das sie gerade versuchen zu machen. Mein liebster Hasskunde, der sich auch genau vor dem Bild befand, das ich so lange bestaunte, guckte sich das Werk nicht mal an, sondern hörte dem Audioguide zu, während er sich im ganzen Raum umschaute und in der ersten Reihe mit dem Rücken zum Bild stand.

Aber irgendwann war der Typ dann weg und auch der alte Rollstuhlfahrer, der einem einfach über die Füße fuhr, um nach vorne zu kommen, war weitergezogen, und ich stand endlich mittig vor der Kreuztragung Christi (1564), die ich seit Minuten von der rechten Seite aus schräg bewundert hatte. Dort war mir die trauernde Maria als erstes aufgefallen, ich bestaunte die Kleidermassen der Dame im roten Umhang, wunderte mich über den Tierschädel, dachte dann aber, ach, beim Bruegel liegt ja immer viel rum, und guckte dann erst weiter. Als nächstes fiel mir die Windmühle in der Bildmitte auf, die sinnlos auf einer schmalen Felsnadel hockte, und zu der mein Blick immer wieder zurückging, weil es so irrwitzig aussah. Erst dann fiel mir der kreuztragende Christus inmitten einer Menschenmenge auf. Ich hatte den Bildtitel nicht lesen können und kannte das Bild auch nicht, daher wusste ich überhaupt nicht, auf was ich schaue, aber jetzt ahnte ich, worum es ging, nachdem ich zunächst davon ausgegangen war, dass ich eine Szene betrachte, die nach der Kreuzigung stattfand, daher die trauernde Maria. Wie ich nachher aus dem Katalog erfuhr, trauerte die Mutter aber schon während des Kreuzwegs: „[A]ußerbiblische Quellen“ berichten, dass Maria „beim Anblick ihres Sohnens bewusstlos geworden“ sei. (Quelle: Bruegel – Die Hand des Meisters. Kunsthistorisches Museum Wien, Oktober 2018 bis Januar 2019, Brügge 2018, S. 197.)

Ich begann den Rest des Bildes nach Hinweisen abzusuchen: Ah, da rechts sind die aufgerichteten Kreuze, ganz hinten im Bild steht auch noch ein Galgen, und was sind diese Räder auf Stangen? Sind das auch Folterinstrumente? (Natürlich.) Ich verlor mich wie immer bei Bruegel in den vielen Details, der dunstigen Stadt, den Menschen, die Jesus begleiten, verspotten oder ihm helfen, bewunderte die Pflanzen im Vordergrund und die Wolken im Hintergrund und konnte mich überhaupt nicht von diesem Bild trennen. Das KHM instagrammte eine Raumansicht und die vermittelt ganz gut, warum ich mich nicht davon trennen konnte. Das dunkle Raumlicht ließ das Bild geradezu strahlen.

Neben mir war übrigens der einzige Mensch in der ganzen Ausstellung, der genauso still vor dem Bild stand wie ich. Keine Ahnung, ob der Herr vom Fach war oder einfach ein Riesen-Bruegel-Fan, aber er schaute einfach nur, minutenlang, konzentriert, ging vermutlich wie ich das Bild mit den Augen in Abschnitten ab, beugte sich leicht vor, um genauer hinschauen zu können. So ungefähr gucke ich auch, wenn mir ein Bild gefällt bzw. es mich interessiert. Wenn ich auch vermutlich in den nächsten Jahren alles vergessen werde, was ich im Studium gelernt habe – wie man guckt, merke ich mir, denn das mache ich inzwischen automatisch. Das hört sich vielleicht blöd an, aber manchmal ist man ja gerne überfordert, gerade bei so detailreichen Bildern wie die von Bruegel.

Also fängt man einfach in einer Ecke an zu gucken und beschreibt sich ganz simpel selbst, was man sieht. So wie ich hier eben mit der trauernden Frau in der unteren Ecke angefangen habe. Das weiß ich inzwischen, dass das Maria ist, aber selbst wenn man das nicht weiß, kann man damit weiterstöbern: Warum weint die Frau? Was könnte passiert sein? Sehe ich das irgendwo im Bild? So kann man übrigens auch abstrakte Bilder anschauen: einfach in irgendeiner Ecke anfangen. Linien folgen, Formen oder Farben suchen, was auch immer. Ich brauche immer irgendetwas zum Festhalten; bei gegenständlicher Darstellung sind das gerne Personen, bei abstrakten Bildern ein Detail, von dem ich mich weiter vorwage.

Zurück zum Bruegel. Ich kann euch gar nicht alle Bilder aufzählen, die mich so begeistert haben. Es war großartig, beide Darstellungen des Turmbau zu Babel in einem Raum zu sehen; den Wiener Turm kannte ich ja bereits vom letzten Besuch, den Rotterdamer nur von Bildern. Alleine für den lohnt sich die Ausstellung. Er ist im Original deutlich bedrohlicher und düsterer als in den lustig-bunten Abbildungen. Und wie einem der Katalog verrät und was mir wirklich nicht aufgefallen ist: Er ist komplett von Menschenhand gebaut, während der Wiener Turm aus einem riesigen Felsen herausgeschlagen wird. So oberflächlich kann ich nämlich auch gucken, dass mir ein derartig wichtiges und eigentlich offensichtliches Detail entgeht.

Bei einigen Bildern konnte ich an Dinge anlegen, die ich im Lieblingsmuseum, dem Prado, gelernt hatte. Bei der Anbetung der Könige (1564) entdeckte ich nämlich Kleidungsdetails am schwarzen König, die ich schon bei einer Bosch-Darstellung in Madrid gesehen hatte. Auch bei der Dulle Griet findet man diverse Bosch-Zitate. Die Anbetung der Könige fand ich auch noch aus anderen Gründen spannend: Die Könige sehen alle ziemlich runtergerockt aus anstatt majestätisch, und im Hintergrund stehen nicht die üblichen Bauern oder Hirten, sondern Soldaten mit Lanzen und Hellebarden. Der Katalog fasst das Gefühl gut zusammen, was man vor diesem Bild hat: „In ihrer Gesamtheit verleihen all diese Details dem Werk etwas zutiefst Verstörendes, ein bis dato in der niederländischen Kunst bei der Darstellung der Anbetung der Könige nicht gekanntes Gefühl von Bedrohung.“ (Kat. Ausst. Wien 2018, S. 191.)

Direkt neben dieser Darstellung hing übrigens eine weitere, Die Anbetung der drei Könige im Schnee (1563, nicht 1567, wie die Wikipedia behauptet; das Bild wurde von Bruegel datiert, was aber, laut Katalog, erst vor Kurzem entziffert wurde). Wieder war die Szene nach Flandern verlegt worden, und auch hier musste man die titelgebenden Menschen erstmal suchen. Sie kauern sich links unten an den Bildrand und sind kaum zu sehen durch die dicken Schneeflocken. Der kleine Ausstellungsführer, den ich im obenstehenden Tweet erwähnte, meint, dieses Bild könne eine der ersten Darstellungen von fallendem Schnee gewesen sein.

Etwas ganz Besonderes waren die vier Tafeln zu den Jahreszeiten. Der einzige gesicherte Gemäldezyklus Bruegels entstand 1565 und besteht aus sechs Bildern (darunter Vorfrühling, Frühling, Frühsommer und Hochsommer). Der Frühling ist seit längerer Zeit verschollen und wir wissen nicht, was abgebildet war. Im Katalog lernte ich, dass dieser Zyklus vermutlich mal ein größeres Zimmer geziert hatte – allerdings nur für fünf Jahre, dann wurde er schon wieder auseinandergerissen. Wir sehen diese Bilder zum ersten Mal seit 350 Jahren im Zusammenhang, wie die Website erklärt.

Ein bisschen stinkig bin ich auf die Alte Pinakothek, denn die hat das bekannte Schlaraffenland nicht für die Ausstellung rausgerückt, dabei hätte es so schön in den letzten Saal gepasst, wo auch die Bauernhochzeit hängt. Und: der Bauerntanz, den ich noch nicht kannte und den ich großartig fand. Die Bewegungungen des Paares vorne rechts, das flatternde Kleid der Frau, der Gesichtsausdruck der beiden! Die Kinder vorne links, die trinkenden Menschen. Es sieht auf den ersten Blick – gerade im viel zu dunklen Link – alles sehr grobschlächtig aus, aber wenn man länger hinschaut, fällt einem die schlichte Freude auf, die das Bild trägt. Ich fand es generell spannend, dass Bruegel diesen einfachen Darstellungen ein ordentliches Großformat gönnte; der Bauerntanz ist 114 x 164 cm groß. Dass ein einfaches Volksvergnügen im gleichen Format dargestellt wird wie die Anbetung des Jesuskinds, fand ich bemerkenswert.

An den Grafiken und Stichen bin ich eher vorbeigegangen, ich wollte nur die Gemälde sehen, Druckgrafik ist so gar nicht meins. Ja, ich habe bestimmt was versäumt, aber ich kann eh nie alles gucken, also gucke ich das, was ich wirklich anschauen möchte und nicht das, was ich irgendwie anschauen sollte, weil es halt da ist. Und genau das habe ich dann auch gemacht. Man kommt mit einem sehr satten, zufriedenen Gefühl wieder aus den vielen Räumen – und landet natürlich sofort im Museumsshop, den ich dort noch eilig durchschritt. Unten im regulären Shop war ich länger, ich komme gleich darauf zurück.

Denn wir hatten ja noch eine Ausstellung vor uns. Die war eher ein Goodie, weil die Eintrittskarte fürs ganze Haus galt und nicht nur für den Blockbuster. Nach Bruegel gingen wir relativ zügig durch den Rest des Museums, das ich ja schon kannte, aber hey, gerade Lorenzo Lotto kann man sich ja immer angucken. Dann schritten wir die breite Prachttreppe hinab zu Spitzmaus Mummy in a Coffin and Other Treasures, eine kleine Ausstellung, die von Wes Anderson und seiner Partnerin, der Autorin und Illustratorin Juman Malouf, kuratiert wurde.

Mir war das Ding von Anfang an egal, weil mir auch die meisten Filme Andersons egal sind – der einzige, den ich durchgehalten habe, war Grand Budapest Hotel. Das Publikum war ein sehr anderes als das bei Bruegel – deutlich jünger, mehr Wollmützen – und ich ahne, dass auch das ein Grund dafür gewesen war, den beiden die Schlüssel für die Depots in die Hände zu drücken. Das macht das Endergebnis aber nicht besser.

Anderson und Malouf haben meiner Meinung nach rein auf Ästhetik hin kuratiert. Sie werfen wild Objekte aus allen Sammlungen des KHM sowie des Naturhistorischen Museum durcheinander und nichts ist beschriftet. Die acht Räume haben meist ein leicht erkennbares Thema (Kinder als Erwachsene; Tierdarstellungen; Menschenfiguren; die Farbe Grün usw.), sind aber in sich eine sinnlose Wunderkammer. Nein, nicht mal das: Die Wunderkammern des Barock – mit einem Bild einer solchen beginnt die Ausstellung – hatten als Ziel einen Erkenntnisgewinn und waren zudem meist thematisch geordnet bzw. beschränkten sich in Bereichen auf Exponate eines Typs; sie warfen nicht wild bildende Kunst, Kunsthandwerk, ausgestopfte Tiere und Kleidungsstücke durcheinander. Genau das machen Anderson und Malouf und verlieren damit jeden Kontext, den die ausgestellten Dinge haben. Die Ausstellung wird dadurch total beliebig und verkommt zur reinen Oberfläche. Das ist alles hübsch, was da rumsteht und das ist auch ebenso hübsch kombiniert und ergibt ein schönes Gesamtbild, aber eben nichts weiter als das. Es kommt keinerlei Spannung auf, es gibt keine Brüche, es macht nichts neugierig. Man läuft mit einem Folder durch die Gegend, auf dem die einzelnen Exponate immerhin namentlich genannt werden (plus Herkunft und Alter), aber nach dreimaligem Nachschauen hatte ich schon keine Lust mehr. Man konnte nirgends weiterdenken, weil alles so hübsch zusammengesetzt wurde und irgendwie fertig aussah. Man konnte sich an nichts reiben, nichts hinterfragen, man stand rum und fand’s niedlich, aber den Effekt kriegt man auch mit einem Teddybär und einem warmen Kakao hin. Die Ausstellung könnt ihr euch meiner Meinung nach getrost schenken.

Die NYT fand’s auch doof, aber im Artikel könnt ihr ein paar Bilder sehen. Und wenn ihr euch bis morgen geduldet, wo (hoffentlich) ein Blogeintrag zu einer anderen Ausstellung kommt, die ebenso wild durcheinanderwürfelt, aber so, dass man was davon hat, werdet ihr Andersons und Maloufs Versuch noch alberner finden.

Eher unbeeindruckt verließen wir die Ausstellung, die keine war, und gingen zum Museumsshop. Nach längerem Nachdenken wollte ich nämlich doch den Bruegel-Katalog erstehen, den ich oben nicht gekauft hatte. Im Shop stellte ich fest, dass die Merchandise-Menschen wirklich ganze Arbeit geleistet und so ziemlich alles mit Wimmelbildern oder ähnlichem bedruckt oder ausgestattet hatten, was nicht weglaufen konnte. Manchmal war das ziemlich klasse: So gab es Servietten, auf denen der Bildausschnitt aus der Bauernhochzeit abgedruckt war, in dem zwei Männer die vielen Suppenschüsseln tragen. Leider zu klein, sonst hätte ich sie gekauft, einfach weil es so clever war: eine Schneekugel, in der ein Bilddetail aus Jäger im Schnee den Unter- und Hintergrund bildete. Die üblichen Bleistifte, Taschen, Tassen, Kissenhüllen. Und dann etwas, bei dem mir fast ein Entsetzensschrei entfuhr: zwei Bruegel-Bären, die mit Motiven Jäger im Schnee und Kinderspiele bedruckt waren.


Mal abgesehen davon, dass die Bären bescheuert aussehen, weil es scheint, als hätte man einfach eine Farbwalze über sie rollen lassen, ohne darauf zu achten, wo jetzt Farbe oder Motiv landen – der Bär ist der gleiche, den ich als Van-Gogh-Bär im Schlafzimmer sitzen habe! (Hier das zweite Bild von oben.) Mein toller Mandelblütenbär ist nur ein variables Massenprodukt! Waaaahh!

Ich musste mich einen halben Tag lang beruhigen und viel Backhendl essen und Bier trinken, aber jetzt im Nachhinein bedauere ich es, nicht doch einen Bären mitgenommen zu haben. Ich könnte eine Sammlung von Museumsbärchen starten, die mit völlig beliebigen Werken bedruckt sind. Und dann kommt irgendwann ein lustiger Regisseur und stellt sie in neue Zusammenhänge. Okay, vielleicht nicht.

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Was schön war, Donnerstag, 8. November 2018 – Konstantin Filippou

Wir sind gerade in Wien und ich bin schreibfaul, wie schon seit ein paar Tagen. Aber ich kann euch natürlich nicht verschweigen, wie herrlich man bei Konstantin Filippou essen kann.

Das Lokal ist recht klein, nur um die 20 Plätze, und wir waren gestern um 19.30 Uhr auch schon fast die letzten; ein Vierertisch kam noch nach uns, und zwei Plätze an einer Art Theke, die einigen Köch*innen direkt bei der Arbeit zuschauen konnten, wurden auch noch besetzt. Wir waren dann allerdings die letzten, und während ich alte Kellnerin irgendwann drängelte, schien das Personal deutlich entspannter zu sein. Allerdings wurde neben uns schon abgeräumt und man konnte auch sehen, dass die Küche ihre Arbeit eingestellt hatte, was das einzige war, was mich ein winziges bisschen gestört hat gestern. Ich will nicht sehen, dass alle Feierabend machen wollen. Wobei wir schon kurz nach 22 Uhr gingen und damit noch locker in den Öffnungszeiten waren. Trotzdem.

Beim Menü war ich vorher zugegebenermaßen etwas misstraurisch: Es war alles, bis aufs Dessert, mit Fisch, kein klassischer Aufbau mit Fisch- und Fleischgängen und der Schokobombe zum Schluss, aber um die Pointe schon mal vorwegzunehmen: Ich habe mich selten so gut unterhalten gefühlt in einem Sterne-Restaurant. Damit meine ich nicht, dass die Kellner*innen Konfetti geschmissen haben, sondern: Das Essen war fein, aber trotzdem spannend, die Weine dazu eigenwillig, aber hervorragend abgestimmt, und alles zusammen ergab ganz schlicht einen wirklich schönen Abend. Dass es in Sternerestaurants längst nicht mehr so förmlich zugeht wie früher, dürfte sich allmählich rumgesprochen haben, aber ich hatte das Gefühl, dass es eben immer noch gewisse Standards gibt, an denen man sich langhangelt (wie den klassischen Menüaufbau). Das kann man anscheinend heute auch knicken und ich persönlich fand das sehr gut. Aber das wusste ich eben erst, nachdem ich dort essen war.

Was gleichzeitig fies und gut war: Das Lokal ist recht dunkel. Schwarze Möbel, schwarzer Teppich (schwarze Klos, wie ich irgendwann grinsend feststellte), graue Wände und nur punktuelle Beleuchtung. Gut, weil: schöne Atmo, fies, weil: keine vernünftigen Fressfotos möglich. Das ist jetzt doof für euch, weil ihr mir einfach glauben müsste, dass alles, wirklich alles toll aussah und (bis auf einen Gang) noch toller schmeckte, aber nach einem Foto habe ich es sofort gelassen, noch ein weiteres zu machen, das war alles eher mies ausgeleuchtete, kontrastarme Grütze.

Die Grüße aus der Küche waren zunächst Bonito mit kleinen Kohlrabikügelchen und knackigen Röstbröseln drauf, danach kam ein winziger Pie (ungefähr so groß wie ein Reese’s Peanut Butter Cup), der mit einem Schaum bedeckt war. Wir wurden angewiesen, alles auf einmal zu essen, weil der Inhalt flüssig war: heißer Dotter, frisch und würzig, nicht ganz so würzig wie der Bonito, herrlich. Danach gab’s noch ein Stückchen Sardine unter kalter, fermentierter gelber Rübe, die so wunderschön schuppenförmig aufgeschichtet war, dass ich sie kaum essen wollte. Also für fünf Sekunden.

Erster Gang: Artischockenblättchen, die eingerollt den Rand einer runden Form bildeten, darin weiche Miesmuschel, knuspriger Roggen und deftiges Txogitxu. Ich bewunderte wie immer die viele Filigranarbeit, die in der Sterneküche zum Einsatz kommt. (Die Artischockenblättchen!)

Beim zweiten Gang musste ich etwas kämpfen: Die Website sagt „Enten Royale, Rote Garnele, Backerbsen“, ich dachte an Muschelschleim, der mir die feste Garnele etwas ruinierte. So ganz der Fischesser bin ich immer noch nicht, weswegen ich halt etwas misstrauisch war, wie ich schon sagte.

Aber egal, denn dann kam der Gang des Abends und von mir aus hätten wir hier Schluss machen können (dann hätte ich aber noch viel versäumt): Brandade aus Amurkarpfen und Kaviar vom Saibling. Anders ausgedrückt: ein hohes Schälchen, auf dessen Boden sich die weißgelbliche, cremig-feste Brandade befand, darauf eine Nocke aus Kaviar. Mehr nicht. Reichte aber. Der Gang wurde uns serviert mit der Anmerkung, dass er der Signature Dish des Hauses war, und nach einem Bissen wusste ich auch, warum. Es hört sich total bescheuert an, aber dieser Gang hat nicht nur hervorragend geschmeckt (ach was), sondern irre gute Laune gemacht. Der Kaviar platzte im Mund nicht nur einfach auf, wie er das halt macht, sondern er kitzelte im wahrsten Sinne des Wortes den Gaumen – ich musste dauernd grinsen, als ob mich wirklich jemand kitzelt! Es schmeckte so unglaublich ausbalanciert, fein, stimmig, herzhaft, nicht deftig, gleichzeitig frisch und modern und total traditionell – ein kleines Wunderwerk. Ich war kurz davor, mit dem Finger das Schälchen auszukratzen, so ungern wollte ich es wieder hergeben. Und dazu gab es den Wein des Abends, obwohl es kaum möglich ist, hier einen besonders hervorzuheben, denn jeder einzelne konnte überraschen. Aber der Sol von Michael Gindl, ein natural wine, war der Kracher. Überhaupt hatten wir derartig viele nicht-klassische Weine – ich glaube, wir hatten nur Bio-Weine, aber das muss ich nochmal nachgoogeln. Ich bin gerade zu satt und müde dafür. Wir konnten uns übrigens zwischen einer Weinbegleitung nur aus Österreich oder aus ganz Europa entschieden, und wir nahmen die aus Österreich.

Wir sprachen danach noch lange über diesen Signature Dish, denn er verkörperte für uns die Faszination von hoher Küche: Es braucht keine 50 Zutaten, um einen Gang zu produzieren, der einen umhaut bzw. einen starken und langanhaltenden Eindruck hinterlässt. Man muss es sich nur gönnen können, eben nicht zum Schnitzelmann um die Ecke zu gehen. Mir ist klar – das schreibe ich quasi dauernd bei den Sterneberichten –, dass diese Art Küche nicht für alle erschwinglich ist, was verdammt schade ist. Denn ich glaube, es würde weniger Vorurteile über sie geben, wenn man auch ein Einsteigermenü präsentieren würde. Und ich glaube, es würden mehr Menschen feststellen können, wie toll Essen sein kann. Das musste ich ja auch erst lernen, und es gibt wirklich nichts, was mein Leben mehr verbessert hat als zu wissen, wie glücklich Essen machen kann. Denn das war genau das Gefühl, mit dem wir irgendwann den Laden verließen: Wir waren glücklich.

Aber noch waren wir hungrig. Beim vierten Gang – Lachsforelle mit Senfgürkchen und Dillsauce – war letztere begeisternd mit ihrer vollmundigen Frische. Und ich fand den Teller toll: eine runde Holzscheibe, aus der ein Rechteck gesägt war, in dem sich die Speisen befanden.

Der fünfte Gang war der einzige, von dem ich etwas enttäuscht war: irre viele Zutaten, der Kellner brauchte gefühlt zwei Minuten, bis er alle aufgezählt bzw. uns gesagt hatte, wo sich jetzt was in welcher Konsistenz auf dem Teller befand (Neusiedlersee Zander, Haselnuss, Pilz, Trüffel, Mark), aber geschmeckt hat’s nur nach Pilz. Dafür war der sechste Gang (Unagi, Ibéricoschweinsauce, Senf, Fenchel) wieder herrlich würzig, ohne sich in den Vordergrund zu drängeln. Auch darüber waren wir uns einig: Es stimmte einfach alles am Menü, es war ein guter Flow, zwischendurch ein etwas höheres Hoch als sonst, aber man hatte nie das Gefühl, irgendwie aus einer roten Linie rausgeworfen zu werden. Mein zweitliebster Gang kam zum Schluss: Kroatischer Langostino, Kalbszunge, Cochayuyo-Seetang, Zitrus. Oder anders: ein Langostino, der im Mund dahinschmolz, mit einer Kalbszungenwürze, die stützte, aber nicht überhand nahm. Und die kleinen Zitrusspitzen, die den Mund aufweckten, ließen mich wieder dümmlich-glücklich vor mich hingrinsen, weil sie gute Laune machten, wo ich sie gar nicht erwartet hatte.

Danach gönnten wir uns jeweils fünf Stückchen Käse vom Käsewagen, der schon den ganzen Abend verführerisch an uns vorbeirollte, und dazu einen Pseudo-Sherry (war ein Wein). Das erste von drei Desserts kam ohne Weinbegleitung, aber knackte wieder schön vor sich hin, wie so viele der Gänge. Und: Mich konnte hier der Teller sehr glücklich machen. Oberflächlich gesehen lag eine Schicht gepuffter Wildreis auf dem Teller, aber darunter verbargen sich im Teller drei Mulden, die mit Mascarponecreme und Johannisbeeren gefüllt waren. Dazu Salzmandeleis. Because they can.

Zum vorletzten Dessert gab’s dann ein Getränk, von dem F. seitdem nicht mehr aufhört zu schwärmen: Apfelbier. Ich war mehr vom Dessert verzückt, denn Meerretticheis kannte ich noch nicht, und ich bewunderte die hauchdünne Schokoscheibe, die alles abdeckte. Zum Schluss noch irgendwas Jogurtiges mit Estragongelee, was mir sehr gefiel, weil es eben nicht die Schokobombe war, die einen erledigte, sondern einen fast erfrischt vor die Tür kugelte. (Okay, ein paar Pralinen gab’s noch.) Espresso für mich, Schnaps für F., dann drückte uns der Sommelier (?) noch die von ihm schnell handgeschriebene Weinliste in die Hand, um die ich gebeten hatte, damit ich mir vom dem Orange Wine und vom Wein, der den ersten Gang begleitete, jeweils eine Kiste kaufen konnte. Und dann schlenderten F. und ich äußerst zufrieden wieder ins Hotel, weil wir einen sehr runden, sehr schönen, sehr unaufgeregten und gleichzeitig sehr spannenden Abend hatten. Und sehr satt geworden waren.

Tagebuch Montag, 5. November 2018 – Kleinkramtag

Gearbeitet, Steuer gemacht, staubgesaugt, an ausgewählten Stellen der Wohnung Staub gewischt, keine Lust auf weitere Putzarbeit gehabt, auf Feedback gewartet, gelesen. Eigentlich wollte ich auch mal wieder in meine Diss-Dokumente gucken, aber das verschiebe ich aus Gründen auf nächste Woche. Wein für die nächste Fehlfarben-Ausgabe bestellt.

Einen Artikel über Adam Driver in der Timeline gehabt, nur überflogen, aber dafür ewig das Foto angestarrt.

Die neue Folge Outlander gesehen (Start der vierten Staffel) und schon genervt gewesen: Können die beiden nicht mal eine Staffel lang einfach nur glücklich sein, uns hübsch anzusehende Sexszenen spendieren, ein Häuschen bauen und sich meinetwegen einen Hund anschaffen? Dieser ständige seelische Ausnahmezustand ist mir gerade zu anstrengend. Gilt auch für dich, This is Us: Stop trying so hard to make us cry.

The importance of stupidity in scientific research

Die Pointe dieses Essays von 2008 hatte mir F. im Laufe meines Studiums mehrfach eingebleut, weil ich sie immer wieder gerne vergessen habe – und sie auch immer wieder vergesse, wenn ich in Archiven verzweifle: „If you know what you’re doing more than half of the time, it’s not research.“ Der Meteorologe Paul Williams twitterte den Link gestern mit dem Satz: „I show this brilliant essay to all my new PhD students. It contains some excellent advice on how to handle – and even learn to love – the feeling of being constantly immersed in the unknown.“

Der Essay erwähnt, dass man sich als Studi während des BA oder MA meist halbwegs sicher fühlt – man lernt ja brav für die Tests und Klausuren, also weiß man Zeug. Erst bei den längeren Arbeiten fällt einem manchmal auf, welche Lücken man noch hat – und wie irrwitzig und unüberwindlich groß diese Lücken sind. Der Essay sagt aber auch: Genau so ist das richtig.

„My Ph.D. project was somewhat interdisciplinary and, for a while, whenever I ran into a problem, I pestered the faculty in my department who were experts in the various disciplines that I needed. I remember the day when Henry Taube (who won the Nobel Prize two years later) told me he didn’t know how to solve the problem I was having in his area. I was a third-year graduate student and I figured that Taube knew about 1000 times more than I did (conservative estimate). If he didn’t have the answer, nobody did.

That’s when it hit me: nobody did. That’s why it was a research problem. And being my research problem, it was up to me to solve. Once I faced that fact, I solved the problem in a couple of days. (It wasn’t really very hard; I just had to try a few things.) The crucial lesson was that the scope of things I didn’t know wasn’t merely vast; it was, for all practical purposes, infinite. That realization, instead of being discouraging, was liberating. If our ignorance is infinite, the only possible course of action is to muddle through as best we can. […]

One of the beautiful things about science is that it allows us to bumble along, getting it wrong time after time, and feel perfectly fine as long as we learn something each time. No doubt, this can be difficult for students who are accustomed to getting the answers right. No doubt, reasonable levels of confidence and emotional resilience help, but I think scientific education might do more to ease what is a very big transition: from learning what other people once discovered to making your own discoveries. The more comfortable we become with being stupid, the deeper we will wade into the unknown and the more likely we are to make big discoveries.“

Das sicherste Kernkraftwerk der Welt

Die FAZ schrieb gestern über das einzige Atomkraftwerk Österreichs, das nie ans Netz ging und das heute Strom durch Solarpanels erzeugt. Fand ich äußerst interessant zu lesen. Ich vertwitterte gestern die abfotografierte Zeitungsseite, @berlinschochise machte mich auf die Online-Version aufmerksam, die ich nicht gefunden hatte.

„In der Schaltzentrale, die mit ihren Kontrollpulten, Wählscheibentelefonen und Röhrenmonitoren aussieht wie ein Technikmuseum, liegen bis heute die handschriftlichen Protokollbücher aus dieser Zeit aus. „Werkzeug und Schlüsselkasten übernommen“, steht in diesen Zeugnissen der Monotonie, oder: „Rundgang durchgeführt“. Die gut bezahlte Langeweile hatte ihren Preis. Insgesamt sind in Österreichs größte Industrieruine 14 Milliarden Schilling geflossen, etwa eine Milliarde Euro.

Nach dem endgültigen Aus diente „Zwentendorf“ zunächst als Ersatzteillager für Siedewasserreaktoren im Ausland. Ein Investor wollte später in dem fensterlosen Gemäuer mit seinen 1000 Räumen ein Abenteuerland einrichten, ein anderer einen „Friedhof für Senkrechtbestattungen“. Am treffsichersten zeigte sich der Künstler Friedensreich Hundertwasser. Er schlug ein „Museum der fehlgeleiteten Technologien“ vor. Doch alle Vorstöße scheiterten.

Die EVN macht heute das Beste aus dem Fiasko und vermietet die Anlage. Im Kraftwerksinneren finden Betriebsfeiern, Konzerte, Modenschauen oder Messen statt. Die Turbinenhalle ist so groß, dass Autohersteller ihre neuesten Modelle umherfahren lassen. Auch als Filmkulisse haben der kirchenhohe Reaktor und das Gewirr aus Gängen, Hallen, Stiegen und Rohrleitungen schon gedient, etwa für den Katastrophenfilm „Restrisiko“ oder für die Kinoromanze „Grand Central“.

Tagebuch Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 – Grrrr und Hach

Sehr lange am Samstag geschlafen bzw. gedöst; lag vermutlich daran, dass ich nicht alleine im Bett war, das ist immer schön, zu zweit ewig rumzugammeln. Dafür war der Vormittag dann plötzlich schon fast um, ich hetzte noch zum Einkaufen, und dann musste ich mich schon in die Stadionklamotten werfen, um den Zug um 13.30 nach Augsburg zu kriegen.

Der FCA spielte gegen den Aufsteiger aus Nürnberg, und obwohl ich überhaupt nichts gegen die Stadt habe (Kunstarchiv! Fahrerlose U-Bahnen! Rostbratwürstchen!), ist mir der Fußballverein fürchterlich unsympathisch, keine Ahnung, warum. Einen Vorgeschmack auf die volle Fankurve bekamen wir schon an der Tramhaltestelle, wo die ersten Ultras rumnervten. Wir verzogen uns und warteten auf eine der nächsten Trams, die eher mit grünweißrot gekleideten Menschen besetzt war. Vor dem Spiel war ich super entspannt, ach, der Aufsteiger, ach, der olle Glubb, und nach wenigen Minuten schoss Herr Finnbogason auch das eins zu null. Die erste Halbzeit gehörte dem FCA und ich war weiterhin entspannt – bis nach der Halbzeitpause alles anders wurde. Die Nürnberger hatten sich daran erinnert, wie man Fußball spielt, der FCA hatte das anscheinend vergessen, und trotz eines wunderschönen Freistoßtores von Schmid ging die Partie 2:2 unentschieden aus und fühlte sich wie eine Niederlage an. Extrem pampig latschten wir zur Tram zurück und ich quengelte innerlich noch eine Stunde vor mich hin.

Zurück in München war dann auch das angepeilte Lokal total überfüllt, aber in der Alternativ-Location war noch genau ein Tisch für uns frei. Wir ließen uns pakistanische Köstlichkeiten statt Schnitzel servieren und waren wieder besser gelaunt. Noch ein Einschlafbierchen und wieder gemeinsam ins Bettchen. Das ist auch immer schön.

(Ja, ich weiß, ich klinge wie ein Teenager, der noch nie einen Freund hatte. Ich mag das aber ganz gern, mich wieder so albern verknallt zu fühlen.)

Sonntag wollte ich nicht ganz so lange rumgammeln und begann schon mal mit Saturday Night Live, während F. noch selig schlummerte. Nutellatoast und Assamtee, dann wollte ich eigentlich lesen, aber dann doch irgendwie lieber hirntot vor einer Serie rumgammeln. Ich entschied mich für die neue Amazon-Prime-Produktion mit Julia Roberts, Homecoming, von deren zehn Folgen ich gestern sieben schaffte – und mich spätestens seit dem Abspann der ersten Folge fragte, ob das Produktionsteam mich verarschen will. Jede Folge dauert ungefähr 21 Minuten, wonach noch drei Minuten DRAMATISCHER ABSPANN folgen. Die Schauspieler*innen sind top, die Ausstattung auch, aber die Story ist so albern auf zehn Folgen MIT DRAMATISCHEM ABSPANN gestreckt und die ständig unheilvoll dräuende Musik von einem miesen Agentenfilm von 1956 geklaut, dass ich nur noch mit den Augen rolle. Fieserweise will ich aber wissen, wie es ausgeht, also muss ich noch drei weitere Folgen mit den Augen rollen.

Netterweise hatte ich abends ein wunderbares Kontrastprogramm: Im Gasteig führten der Monteverdi Choir und das Orchestre Révolutionnaire et Romantique unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner Verdis Requiem auf.

Ich kenne mich mit Requiems null aus, ich weiß nicht, ob die immer der gleichen Struktur folgen (Verdis Requiem folgt, soweit ich der katholischen Begleitung glauben darf, einer Messe), ich hatte daher nichts, woran ich mich festhalten konnte so wie in den üblichen Sinfonien oder Klavierkonzerten, wo man schön im Kopf die Sätze abhaken oder Variationen zählen kann. Hier ließ ich mich einfach überrollen, und Kinders, wenn irgendetwas einen überrollen kann, dann das Dies Irae, was in dieser Aufnahme bei 08.43 losfeuert. In der Philharmonie mit ihrem verschachtelten Zuschauer- und Bühnenraum traten dafür noch vier zusätzliche Musiker*innen rechts und links auf eine Art Balkon, so dass wir altertümliche Posaunen (?) in Stereo hören konnten. In solchen Momenten fühle ich mich auch immer wie ein Teenager, der noch nie in einem klassischen Konzert war und erwischte mich dabei, grinsend und/oder mit offenem Mund dazusitzen. Posaunen in Stereo hatte ich aber wirklich noch nie!

Ich war ansonsten wie immer in der Klassik damit beschäftigt, mir die Klamotten der Damen genauer anzuschauen. Bei den Herren in ihren Pinguin-Outfits ist ja nie was zu holen, aber hier war immerhin ein Man Bun bei den Bratschen und ein schöner Hipster-Vollbart bei den Celli zu bewundern. Mein Liebling war eine Dame in der ersten Geige, die Hosen trug (immer ein Pluspunkt bei mir), dazu ein recht legeres Oberteil, und mit ihren kecken Ponyfransen und vor allem den 10-Zentimeter-Killerheels hätte sie auch super in eine Rockerkneipe hinter die Theke gepasst.

Die Solist*innen waren dem Anlass entsprechend auch in schwarz gewandet, die Sopranistin mit ein bisschen Glitzer am Ohr und Gürtel. Ich musste verwundert an mir feststellen, dass ich irgendwie über Tenöre weg bin. Jahrelang war das meine liebste Lage bei den Jungs, und gestern dachte ich nur beim ersten Einsatz des Herrn, pfft, Show-Off; guckt mal, wie hoch ich singen kann. Ein echter Kerl singt Bass! Total unfair, weiß ich auch, aber der Bass gestern war auch richtig schmelzig, nicht so brummig. (Meine Klassik-Adjektive sind auch noch Teenager.)

Aber irgendwann vergaß ich Klamotten und die innere, über Tenöre naserümpfende Rentnerin und hörte einfach nur noch zu, weil es so wunderschön war. Zwischendurch krachte das Thema (das ist vermutlich der falsche Begriff) vom Dies Irae noch zweimal rein, wenn ich richtig aufgepasst habe, und gerade, als ich dachte, so, jetzt bin ich drin, war das Requiem vorbei. F. holte unsere Jacken, ich wartete mit seinem Mütterchen in der Lobby, bevor wir dann noch einen kleinen Cocktail zu uns nahmen. Die 85 Minuten in der Philharmonie haben das ganze Wochenende rausgerissen. Und ich will dringend wieder Gesangsunterricht haben.

Tagebuch Freitag, 2. November 2018 – Unfreiwilliger Brückentag

Ewig über Euphemismen für die Menstruation nachgedacht, um den Blogeintrag zu beginnen, dann gedacht, fuck it, wir bluten halt, und manchmal strengt das an, manchmal tut es weh, manchmal merkt man’s kaum, bei mir war’s gestern allgemeine Matschigkeit, aber netterweise hatte ich rein gar nichts zu tun und blieb daher gnadenlos den ganzen Tag mit einer Wärmflasche, Schokolebkuchen und zwei Kannen Tee auf dem Sofa. Dazu gab’s die neuen Folgen von Grey’s Anatomy, The Good Place, Will & Grace (da waren die ersten drei Folgen der Neuauflage richtig gut und seitdem ist es Müll, aber ich gucke es weiter) sowie Mom.

Zwischendurch wollte ein Kunde was, aber nur kurz.

Dann las ich Zeitung, dann das Internet, dann mein Buch, dann guckte ich Futurama, das in Bezug auf weibliche Personen und deren Ansprache doch äußerst schlecht gealtert ist (oder noch nie gut war), schlief zwischendurch bei einer Folge ein, guckte die Folge nochmal, schlief wieder ein, aß zwei Nutellabrote und wartete auf F. Wein getrunken, gemeinsam weitergeschlafen.

(Zwischendurch mal den Tampon gewechselt.)

Tagebuch Donnerstag, 1. November 2018 – Feiertag

Mittwoch abend gemeinsam eingeschlafen, endlich mal wieder.

Morgens keine FAZ auf Papier gelesen, denn wegen Allerheiligen wurde sie hier in Bayern nicht geliefert. Stattdessen bekam ich aber netterweise per Mail einen Code zum Download des ePaper bzw. der digitalen Ausgabe. Also las ich die auf dem iPhone, während F. noch ein bisschen länger döste, und weiß nun wieder, warum ich das Ding auf Papier haben will: Ich mag den schnellen Überblick über eine ganze Seite und dann das gezielte Eintauchen in einen Artikel anstatt am Smartphone ewig rumzuscrollen und auf Teaser zu klicken.

Frühstück im Café Puck. Ich wollte gleichzeitig etwas Süßes und etwas Herzhaftes und am besten noch etwas Frisches, wofür ein American Breakfast mit Pancakes, Rührei und Würstchen sowie einem Berg Obst am Tellerrand genau das richtige war. Dazu Milchkaffee und Apfelschorle. Danach war ich den ganzen Tag satt. (Okay, ein paar Spekulatius und Lebkuchenherzen haben noch reingepasst. Und die übliche Kanne Tee.)


Wir sind uns einig, dass das ein umetikettierter Osterhase ist, oder? Netter Versuch, Lindt.

Mittags eine Mail von einem Designbüro in Hamburg bekommen, mit dem ich gerade auf einem Kunden zusammenarbeite, der in Nordrhein-Westfalen sitzt. Kunde und ich hatten also eigentlich Feiertag, aber anscheinend waren doch alle am Rechner. Mail beantwortet.

In den letzten zwei Wochen haben mich gleich mehrere Leute auf meine Diss angesprochen. Bis vor Kurzem saß ich in einem fiesen Motivationsloch, vor allem, seit die Erben von Grossberg es abgelehnt hatten, mich in seinen Nachlass gucken zu lassen. Ich habe dann zwar das, was ich schon über Protzen herausgefunden hatte, in einen anderen Kontext gedengelt und auch schon eine Mail an meinen Doktorvater geschickt, aber das war Ende Juli. Seitdem hatte ich den Umzug und die Arbeit für Geld im Kopf und war nebenbei schlicht bockig. An schlechten Tagen denke ich, dass die Diss total egal ist, weil ich weiß, dass ich beruflich nichts mehr mit ihr anfangen werde können. Dann denke ich so selbstsabotierende Dinge wie, ach, rumliegen und Serien gucken ist ja auch super anstatt im ZI zu sitzen und über Zeug zu brüten, das eh niemand interessiert.

Als aber nun in den letzten Wochen Leute nachfragten und ich erklären musste, wo es denn hingehen soll, merkte ich, dass die Bockigkeit weg war. Stattdessen hatte ich wieder Lust, über das Thema zu sprechen und freute mich auch, darüber sprechen zu können. Wenn Leute nachfragen, ist das immer ein gutes Zeichen; also wenn nach der höflichen Einstiegsfrage noch weitere kommen, die zeigen, dass da wirklich jemand wissen will, was ich so mache. Das hat mich gefreut und auch beruhigt, dass ich anscheinend wieder Lust auf das Thema habe.

Die verdammten Instagram-Videos aus dem Prado haben unter anderem dafür gesorgt, dass ich mit Babbel Spanisch lerne (oder es wenigstens versuche). Duolingo macht mich wahnsinnig mit seinen komplett quatschigen Sätzen, das hatte ich mal für Französisch, habe es aber schnell gelassen. Keine Ahnung, ob die anfängliche Faszination lange hält, aber ich habe mir ein Drei-Monats-Abo von Babbel gegönnt und klicke abends meist eine Lektion durch und wiederhole ein bisschen. Ich merke aber jetzt schon, dass ich dringend eine Grammatik brauche, und ich hätte auch gern ein Übungsbuch. Ich lerne wirklich besser mit Vokabelkarten und Lückentexten auf Papier, obwohl Babbel das echt schon gut macht. Empfehlungen werden gerne entgegengenommen.

Und guckt euch die Live-Videos vom Prado an, solange sie noch da sind! So gut wie jeden Morgen stellt ein Kurator ein Werk vor und erzählt einfach zehn Minuten lang was. Man sieht nichts außer den Raum, in dem das Bild oder die Skulptur steht, geht dann näher ran und hört jemandem zu, der Spanisch spricht. Mehr kann ich nicht sagen, außer dass das bei mir anscheinend gereicht hat, spanische Vokabeln lernen zu wollen. Verdammtes Social-Media-Gedöns!

(<3 Prado!)

A Hundred Years After the Armistice

Der New Yorker empfiehlt Bücher zum Ende des Ersten Weltkriegs – oder rät von ihnen ab. Ich fand den Artikel auch deshalb gut, weil er Kriegsende sowie Nachkriegs- bzw. Zwischenkriegszeit kurz abbildet.

„But can we really say that the war was won? If ever there was a conflict that both sides lost, this was it. For one thing, it didn’t have to happen. There were rivalries among Europe’s major powers, but in June, 1914, they were getting along amicably. None openly claimed part of another’s territory. Germany was Britain’s largest trading partner. The royal families of Britain, Germany, and Russia were closely related, and King George V and his cousins Kaiser Wilhelm II and Tsar Nicholas II had all recently been together for the wedding of Wilhelm’s daughter in Berlin. And yet by early August of that year, after the epic chain of blunders, accusations, and ultimatums that followed the assassination of the Austrian archduke Franz Ferdinand, at Sarajevo, the entire continent was in flames.

The war took a staggering toll: more than nine million men killed in combat, and another twenty-one million wounded, many of them left without arms, legs, noses, genitals. Millions of civilians also died. And the long-range consequences were worse still: in Germany, the conflict left a simmering bitterness that Hitler brilliantly manipulated. It is impossible to imagine the Second World War happening without the toxic legacy of the First.

Traditionally, the Treaty of Versailles, signed in June of 1919, has been blamed for the war’s disastrous aftereffects. Schoolbooks tell us that Germany was humiliated: forced to give up territory, pay huge reparations, and admit guilt for starting the war. Hitler did indeed thunder a great deal about Versailles. But, two years after the treaty was signed, the amount of reparations was significantly but quietly reduced. The territory that Germany lost contained only about ten per cent of its people, many of whom were not ethnic Germans. Despite its flaws, the treaty was far less harsh than many imposed on other nations that had been defeated in war. The problem was something else: when the war came to an end, at the eleventh hour of the eleventh day of the eleventh month of 1918, few Germans considered themselves defeated. The resentment that led to a new cataclysm two decades later was really forged by the Armistice.“

Tagebuch Mittwoch, 31. Oktober 2018 – Zeichnen

F. kam von einem Kurzurlaub wieder und ich wollte ihm einen kleinen Willkommensgruß in gezeichneter Form auf den Esstisch legen. Bei den ersten Skizzen merkte ich, dass ich quasi alles verlernt hatte, was ich mir in Volkshochschulkursen, im Kunstunterricht und beim Telefondoodeln angeeignet hatte (man telefoniert ja nicht mehr an einem Telefon mit Schnur!). Deswegen googelte ich nach einer Vorlage, die wenigstens in der Form dem Bild entsprach, das ich im Kopf hatte. Das zeichnete ich dann mit Bleistift und viel künstlerischer Freiheit ab, zog die richtigen Linien mit einem schwarzen Stift nach, radierte den Bleistift weg, nachdem ich zehn Minuten lang mein Radiergummi gesucht hatte, und konnte dann zu F. fahren, um die Karte (und Schokolade) abzulegen.

Gearbeitet.

Den Geschirrspüler eingeräumt und mich darüber gefreut, einen Geschirrspüler zu haben. Überhaupt freue ich mich so ziemlich täglich über irgendwas in der Wohnung und denke dauernd, ach, was geht’s mir gold. (Nicht an die Miete denken. Nicht an die Miete denken. Nicht an die Miete denken.)

Weiter Feuchtwangers Exil gelesen, nachdem die FAZ durch war. Dabei kurz die Luft scharf eingezogen, als ich auf einen Satz stieß, der beschreibt, wie ein Nazi-Funktionär den Roman eines vertriebenen Schriftstellers liest, der sich am NS-System abarbeitet: „Eigentlich, dachte er, müßten uns diese emigrierten Schriftsteller dankbar sein, daß wir ihnen so großartige Stoffe liefern.“ (Berlin 2012, S. 89.)

Exil ist bisher das Buch in der Wartesaal-Trilogie, was am allerwenigsten Spaß macht. Aber Feuchtwanger! So toll, diese Sprache!

Eine Spur mehr zu laut wäre noch besser gewesen

Der Film Bohemian Rhapsody (Trailer) kommt in der Kritik nicht besonders gut weg. Dietmar Dath to the rescue!

„Wie lange ist es her, dass so verklemmt wie im aktuellen Gerede über „Bohemian Rhapsody“ an der Inszeniertheit und freimütigen Plattheit eines Films herumgebeckmessert wurde, der nichts weiter zu sein und zu können behauptet als die offiziell abgesegnete Selbstbeweihräucherung samt Erinnerungsarbeit einer Rockgruppe?

Sieht man sich audiovisuelle Original-Dokumentaraufnahmen von Queen an (am besten die allerbeste, aufgenommen in Montreal 1981), erfährt man Mercury als einen, der besser konnte, was er tat, als andere, weil er mehr Spaß dran hatte als alle, und umgekehrt – ein funkensprühender Regelkreis der legitimen Selbstverehrung, der nur von außen zerstört werden konnte (und auch wurde, von einem saudummen Virus). Der Titel seiner edelsten Arie lautet „Somebody to Love“, was bei einem berufsmäßigen Narzissten etwas ganz anderes bedeutet, als wenn die Nummer „Somebody to be Loved by“ hieße: Geliebtwerden oder nicht, das war nie sein Problem, auch wenn er die Stimmen der Sehnsucht, des Defizits, der Verlassenheit ebenso sicher aus sich sprechen lassen konnte wie die der Lust. Der Mann, dessen selbst ausgesuchter Nachname „Quecksilber“ war, konnte jubeln und klagen wie keiner, das teilt der Film treu mit, auch wenn die Gitarrenspuren, die ihn dabei unterstützen, hier und da ein bisschen lauter hätten sein dürfen (wir Altfans sind schwerhörig, erfahrungsdumm und leicht zu beeindrucken, aber nach den ersten Takten von „Keep yourself alive“ hat „Bohemian Rhapsody“ uns in der Tasche). […]

Pathos als Euphorie, Euphorie als Pathos, „Don’t Stop Me Now“ und „Who Wants to Live Forever“ – man könnte eine ganze Pop-Anthropologie aus Queen-Songtiteln bauen, und sie wäre nicht dümmer als irgendwas, was in akademischen Fächern vom Menschen jeden Tag an allen Unis so zusammengeforscht wird. Ein Kritiker der mangelnden Bereitschaft des Feuilletons, sich für Kitsch zu begeistern, meinte neulich, das Schlimme daran sei eine „ elitäre Kunstauffassung“. Darauf kommen nur Leute, die auf Privatschulen waren – Feuilletonismus im schlechten Sinn ist doch gar nicht elitär, Freddie Mercury war viel elitärer (macht nur mal die Augen auf und schaut euch diese Präsentation an, demokratisch geht anders). Das Allerelitärste ist (im Guten wie, manchmal, wie jetzt in Brasilien, im Bösen) sowieso das Allerpopulärste, nämlich die Stimme, die sich an die Masse wendet, indem sie allen Einzelnen darin suggeriert, man unterhalte sich von Meisterschaft zu Empfänglichkeit, von oben nach unten. Autorität muss ein bisschen rätselhaft sein, um zu funktionieren – keine Sau weiß, worum es im Song „Bohemian Rhapsody“ überhaupt geht, was Galileo, Scaramouche und Figaro darin zu suchen haben, aber als der Plattenfirmenidiot sich genau darüber beschwert, reagiert Freddie Mercury, der bis in die Titel letzter Werke („Innuendo“!) wusste, dass das Unverständliche das Allgemeingültige sein kann, mit der berechtigten Arroganz des Götterlieblings.“

PS: Ich mochte den Musikschnitt im Teaser-Trailer sehr.

Ach, hier, komm.

Tagebuch Dienstag, 30. Oktober 2018 – Wuseln

Gestern war Feedbacktag für mehrere Kunden, so dass ich dauernd zwischen Jobs hin- und hersprang, weil alle JETZT SOFORT noch Änderungen haben wollten. Ich lasse Texte ja gerne eine Nacht liegen, weil sie am nächsten Tag immer anders klingen und einem immer noch irgendetwas auffällt, was man verbessern könnte, aber wir haben ja alle keine Zeit. Zwischen den Jobs kam ich nicht so richtig dazu, etwas anderes zu machen, weil mein Mailfach dauernd rumpingte. Die Zeitung las ich quasi bis abends zum Fußballspiel in Etappen anstatt in einem Rutsch in der Mittagspause, denn auch in der schrieb ich an Dingen.

Deswegen verschob ich auch gleich Einkaufen und Altpapier wegbringen und so auf heute und den letzten noch fälligen Ikeabesuch auf irgendwann. Für den muss ich auch in den – Schockschwerenot – zweiten Ikea in München, von dem ich nicht mal weiß, wie ich zu ihm hinkomme. Ich hatte mir außer für die Küche die schlichtestmöglichen Lampenschienen für die Zimmerdecken ausgesucht, die ich finden konnte, weil ich Deckenlicht fürchterlich finde. In meinen Zimmer stehen immer fünf bis zehn andere Lichtquellen, von Steh- zu Tischlampen bis Lichterketten und Teelichtern, damit ich bloß nicht das bescheuerte Licht von oben anmachen muss. In meiner oberen Wohnung hingen ernsthaft sechs Jahre lang die nackten Glühbirnen an der Decke, weil ich sie eh nie anschaltete, außer im Bad und im Flur, und da war das Licht so hell und unabgeschirmt prima.

Hier unten möchte ich jetzt aber doch mal wieder was Vernünftiges, und so suchte ich nach Lampen, die quasi gar nicht auffallen. Der oben verlinkte Viererspot hängt schon im Arbeitszimmer und schmeißt prima Licht, wenn ich ihn denn anmache (zwei Stehlampen und eine Tischlampe machen ihren Job auch super), und für Flur (bisher nur eine Birne, ich möchte aber an zwei Stellen Licht), Schlafzimmer (drei Tischlampen, reichen locker) und Bibliothek (drei Stehlampen, reichen noch lockerer) möchte ich diese Lampe als unauffällige Zweierschiene haben. Die suchte ich bei Ikea-Brunnthal aber bei meinem letzten Großeinkauf vergeblich, bis mir eine nette Mitarbeiterin sagte, dass sie die nur in Ikea-Eching hätten. Oder online halt. Aber da ich ja jetzt Platz für theoretisch VIEL MEHR WEIHNACHTSDEKO habe als vorher, kann ich ja nochmal unauffällig im anderen Ikea einkaufen gehen. (Ich dekoriere für kein Fest außer Weihnachten, aber da darf es gerne total aus dem Ruder laufen.)

Die Gehirnkapazität, die nicht für Texten und Zeitunglesen drauf ging, war damit beschäftigt zu überlegen, ob ich zum Fußball nach Augsburg fahren sollte. Gestern spielte der FCA gegen Mainz im DFB-Pokal und der Anstoß war um fucking 20.45 Uhr. Wenn es ein Ligaspiel gewesen wäre, hätte ich nicht nachdenken müssen, denn das wäre brav nach 90 Minuten plus Halb- und Nachspielzeit gegen 22.45 zu Ende gewesen, was mir genug Zeit gegeben hätte für Fußweg zur Tram und Tramfahrt zum Bahnhof, wo um 23.45 der letzte Regionalzug nach München fuhr, den ich mit dem kostengünstigen Bayernticket hätte nehmen können. Im DFB-Pokal besteht aber die Möglichkeit zu Verlängerung und eventuell sogar noch Elfmeterschießen, und auch wenn es nur in die Verlängerung ginge, müsste ich vor Spielende gehen, um den Zug noch zu kriegen. Oder ich nehme den ICE um 00.21, der dann aber teurer ist, und ich wäre noch später im Bett.

Ich konnte mich den ganzen Tag nicht so recht entscheiden, wollte eigentlich gerne wieder ins Stadion, vor allem alleine, weil ich es ganz nett finde, nicht immer in Gesellschaft sein zu müssen. Um halb sieben sagte mein Bauch dann sehr nölig Nein, und ich quengelte bis zur 87. Minute des Spiels über die Anstoßzeit und außerdem über das Spiel, bei dem Augsburg hinten lag – bis eben zur 87. Minute, als Gregoritsch den Ausgleich schoss und es in die Verlängerung ging, während der ich hätte gehen müssen. So war ich endlich entspannt, der FCA gewann das Ding sogar noch, ich war ein bisschen traurig, nicht dabeigewesen zu sein, aber gleichzeitig sehr dankbar dafür, dass mein Bett nur 90 Sekunden entfernt war und nicht 90 Minuten, ich Schönwetterfan.

(Ja, mir ist das durchaus klar, dass es eine gewisse Unstimmigkeit gibt zwischen „Ich werfe sinnlos viel Geld für Weihnachtsdeko raus“ und „Ich quengele über 30 Euro mehr für einen Zug“. Aber: Weihnachten macht glücklich. Zugfahren nur so bedingt. Vor allem morgens um eins.)

Tagebuch Montag, 29. Oktober 2018 – Aufräumen

Bis in den frühen Nachmittag saß ich in eigener Sache am Schreibtisch. Zunächst ordnete ich Blogeinträge der Excel-Tabelle der VG Wort zu, was ich in diesem Jahr erstmals mache. Wenn sich das nicht halbwegs auszahlt, lasse ich das wieder, aber ich wollte es wenigstens mal ausprobieren, wenn ich hier schon so gut wie jeden Tag etwas publiziere.

Danach aktualisierte ich meine Favorite-Entries-Liste, die vermutlich niemand außer mir jemals anklickt, aber ich finde das als Rückblick ganz schön. Gestern morgen war der Stand „September 2017“, jetzt ist er „Oktober 2018“.

Weiter in der Wohnung rumgeräumt, zu F. gefahren, um ihm Zeug wieder vorbeizubringen, das er mir netterweise vor Wochen für den Umzug geliehen hatte (ausklappbare Plastikkörbe, Rollbrett, Zeug halt). Seine Werkzeuge behalte ich vorerst noch, die sind viel toller als meine.

Auf dem Rückweg knurrend die FAZ gekauft, denn die fehlte im Briefkasten. Manchmal glaube ich, dass mir die jemand klaut; neulich ging ich zum Walken frühmorgens vor die Tür und sah die Zeitung im Briefkasten, aber als ich wiederkam, war sie weg. Ich bin kurz davor, einen Zettel an den Briefkasten zu kleben: „He, wenn du über genug Geld für eine gute Wohnung in der Maxvorstadt verfügst, hast du auch noch 3 Euro für ne Zeitung übrig, Pappkopf.“

Danach endlich gekocht, weil mir der Magen schon zu den Knien rausknurrte. Mal wieder den schnellen Currybierteig zusammengerührt und ihn um Blumenkohl geschlotzt. Hervorragendes Comfort Food.

Deutlich weniger von meinen Kunden gehört als mir lieb ist, aber okay.

Dummerweise vor ein paar Tagen die Originalfassung von Futurama bei Amazon Prime entdeckt. Jetzt komme ich nie wieder vom Laptop weg. Ich habe damals, glaube ich, nach der vierten Staffel aufgehört, die Serie zu schauen, da besteht DRINGEND Handlungsbedarf.

Irrwitzig früh ins Bett, aber dort noch auf Twitter rumgelungert und einen wunderschönen Thread gefunden. Halbwegs mit der Welt versöhnt eingeschlafen.


(via @ineshaeufler)

Tagebuch Sonntag, 28. Oktober 2018 – „Ex Libris“

Gestern war für mich seit ewigen Zeiten mal wieder Kinotag. Um kurz nach 11 Uhr saß ich in den City-Kinos und schaute mir Ex Libris an, einen Dokumentarfilm über die New York Public Library (Trailer). Das Ding dauert fiese dreieinhalb Stunden, aber ich fand, das war gut verbrachte Zeit.

Bei mir hatte der Film von vornherein gewonnen, weil ich ein Fan von Bibliotheken bin. Ich kenne allerdings nur die alte Gemeindebibliothek, die ich als Kind leergelesen habe, und seit ein paar Jahren die vielen Unibibliotheken bzw. die Stabi, in denen ich zu wissenschaftlichen Zwecken sitze. Was die NYPL leistet, hat mich sehr oft überrascht. Ich wusste nicht, dass es dort Jobmessen gibt, Tanzstunden, Lesezirkel, Poetry Slams und Konzerte. Der Film kommt ohne jeden Kommentar aus, er zeigt einfach nur die überbordende Vielfalt, die die Bibliothek und ihre vielen Zweigstellen anbieten – und vor allem die Menschen, die all das benutzen. Im Trailer wird es angesprochen: „Viele Menschen glauben, Bibliotheken seien nur Lagerräume für Bücher.“ Das sind sie anscheinend nicht, obwohl ich schon sehr darüber gestolpert bin, dass man extrem selten Menschen Bücher lesen sieht, womit ich gerechnet hatte. Stattdessen sitzen Menschen vor Laptops, Tablets und Smartphones, vor Mikrofiche-Geräten, in Archiven, blättern Bilderberge durch oder digitalisieren Landkarten.

Ich gebe zu, beim fünften Schnitt zu einem der gefühlt dauernd stattfindenden Staff Meetings wurde ich ein bisschen ungeduldig, aber selbst die hatten natürlich immer eine Art Pointe für mich als Zuschauerin. Mal ging es schlicht um Budgetfragen, dann um den Umgang mit Obdachlosen, die schließlich auch zur community gehören und für die sei eine Bibliothek nun mal da, es ging um Lizenzen für eBooks, weil dort die Nachfrage viel höher sei als nach Papierbüchern und generell um die Digitalisierung. Es wurden auch einige Projekte angesprochen, die sich intern dafür einsetzten, Frauen oder Minderheiten zu fördern, wenn ich mir das richtig gemerkt habe. Das Fiese: Der Film wurde bereits 2015 gedreht, bevor er ab 2017 auf Festivals und ab 2018 auch in den Kinos gezeigt wurde. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie es dem Budget, das teilweise auch aus Bundesmitteln kommt, und diesen speziellen Projekten jetzt wohl geht, seitdem jemand Präsident ist, der gefühlt nicht mal den Teleprompter lesen kann – oder will. Einmal wurde ein Projekt der First Lady erwähnt, das sich mit mental health befasste – das dürfte jetzt vermutlich auch Geschichte sein.

Für mich spannend war die Kooperation mit der Gemeinde, um die ich mir noch nie Gedanken gemacht hatte. Es wurden Pakete für Lehrer*innen erwähnt, die von den Bibliotheken auf den Unterricht zugeschnitten wurden, so dass Kinder und Eltern damit arbeiten können (die Lehrer*innen sowieso). In einem Stadtteil wurden auf einmal viel mehr Mathebücher ausgeliehen als in anderen Teilen, weswegen jetzt überlegt wurde, aktiv auf Schulen zuzugehen, um zusammenzuarbeiten.

Generell fand ich es interessant zu sehen, welche Angebote da waren, die eher Lebenshilfe waren als Hilfe bei der Suche nach einem bestimmten Medium oder einer Information. Die Jobmesse hatte ich angesprochen, aber es gab auch Ausschnitte von Vorträgen über Hilfe für behinderte Menschen, besonders bei der Wohnungssuche. Es wurde Unterricht in Braille-Schreiben und -Lesen gezeigt. Menschen, die sich um fremdsprachige Besucher*innen kümmerten und teilweise Dinge wie USB-Sticks erklärten, während nebenan jemand einer Ahnenforscherin Anknüpfungspunkte zur Datenbank von Ellis Island vorschlägt. Es war schön zu sehen, wie nah hochspezialisiertes, akademisches Arbeiten am kindlichen Lesen- und Schreibenlernen ist, wo ein Mädchen mit einer Betreuerin an einem Lückentext überlegt, ob man nun Steine oder Fische in einer Tierhandlung kauft; beides findet in der gleichen Institution statt.

Im Abspann versuchte ich noch Namen zu entziffern, aber es gelang mir nicht bei allen. Einige Prominente bei Podiumsdiskussionen hatte ich erkannt, zum Beispiel Elvis Costello oder Te-Nehisi Coates, aber auch Patti Smith, die über Jean Genet sprach, bei dem ich sofort an Anselm Kiefer denken musste, der sich in einigen seiner Werke auf Genet bezieht, und schon fiel Kiefers Name, und nach dem Film musste ich dringend googeln, was Patti Smith 2015 für ein Buch geschrieben hat (M Train). Außerdem stellten zwei Akademiker Thesen oder Bücher vor, deren Namen ich in der IMDB nicht finden konnte, deren Bücher ich aber sofort lesen wollte. In einem Gespräch ging es um den Sklavenhandel im Senegal, in den auch der Klerus verwickelt wurde, der bisher von Sklavenhändlern verschont geblieben war. Google findet zwar nicht direkt ein Buch dazu, aber, noch besser, die Aufzeichnung des Gesprächs in der NYPL mit dem Historiker Rudolph Ware. Toll. Ein weiterer ungenannter Herr stellte ein Buch vor, in dem die Geschichte von Delis aufgearbeitet wurde und was diese für die jüdische Gemeinde von New York bedeutet haben. Immerhin das konnte ich herausfinden: Pastrami on Rye: An Overstuffed History of the Jewish Deli von Ted Merwin.

Das Rumgoogeln war zwar lehrreich, aber das wäre mein einziger Kritikpunkt am Film: Manchmal hätten ein paar Einblendungen ganz gut getan. An der Länge des Films kann ich leider nicht rummeckern, denn mir fällt keine einzige Szene ein, die ich hätte weglassen wollen. Ex Libris ist ein Hauch education porn und man klopft sich als Bildungsbürger vielleicht ein bisschen zu sehr auf die Schulter, aber ich fand den Film wirklich sehenswert. Vielleicht gerade für Leute, die sonst nicht in Bibliotheken rumsitzen. Guckt mal, was die alles können!

Wer keine Zeit für den Film hat, liest vielleicht einfach diesen Artikel: To Restore Civil Society, Start With the Library.

„Libraries are being disparaged and neglected at precisely the moment when they are most valued and necessary. Why the disconnect? In part it’s because the founding principle of the public library — that all people deserve free, open access to our shared culture and heritage — is out of sync with the market logic that dominates our world. But it’s also because so few influential people understand the expansive role that libraries play in modern communities.

Libraries are an example of what I call “social infrastructure”: the physical spaces and organizations that shape the way people interact. Libraries don’t just provide free access to books and other cultural materials, they also offer things like companionship for older adults, de facto child care for busy parents, language instruction for immigrants and welcoming public spaces for the poor, the homeless and young people.

I recently spent a year doing ethnographic research in libraries in New York City. Again and again, I was reminded how essential libraries are, not only for a neighborhood’s vitality but also for helping to address all manner of personal problems.“

(via Bingereader)

Tagebuch Samstag, 27. Oktober 2018 – Sofatag

Morgens wie üblich Durchzug produziert, alle Fenster aufgerissen, außer die im Bad, denn da duschte ich schließlich, während die restliche Wohnung plötzlich kalt wurde. Danach die Bialetti auf den Herd gestellt, Kaffee bzw. Pseudo-Espresso gekocht, Milch in eine große Tasse gegossen, Kaffee drauf, mit ihr auf den morgendlichen Rausguck- und Ruheplatz auf dem Sofa im Arbeitszimmer gegangen und in Ruhe rausgeguckt. Dabei erfreut festgestellt, dass meine uralten Hannover-Gardinen am Balkonfenster genau das taten, weswegen ich sie aufgehängt hatte: Sie wehten ein bisschen im Wind. Sie sind eigentlich 50 Zentimeter zu lang, aber ich habe sie nie gekürzt, weswegen der untere Teil am Boden schleift, aber bei Luftzug weht deswegen nicht die ganze Gardine zwei Meter weit ins Zimmer, sie bläht sich einfach nur ein bisschen, wird aber am Boden quasi festgehalten, und ich sehe diesem Spiel sehr gerne zu. Das war schön.

Was auch schön war: Regen! Endlich wieder Regen. Mit Regengeräusch aufwachen, durch den Regen zum Supermarkt spazieren und den Tropfen auf dem Regenschirm zuhören, nach Hause kommen und von drinnen dem Regen zugucken. Dabei literweise schwarzen Tee mit Milch und Kluntjes trinken. You can take the girl out of Norddeutschland, but you can’t take Norddeutschland out of the girl.

Ich habe meine Umzugskiste voller Geschirr ausgeräumt, die die letzten drei Jahre in meiner Abstellkammer gestanden hat, weil ich in meinen Schränken kein Platz fürs Omas Goldrandgeschirr hatte. Ich hatte mir irgendwann angewöhnt, zwei Teller draußen stehen zu lassen, damit ich sie griffbereit habe und benutzen kann (im Link bis zu „Für gut“ scrollen), denn was bringt mir mein schönes Geschirr, wenn ich es für irgendwelche Gelegenheiten aufspare, die nie kommen. Aber das restliche Geschirr blieb in einem Umzugskarton in der Abstellkammer. Jetzt habe ich wieder Platz, es irgendwo hinzuräumen und seit ein paar Tagen auch ein Regal dafür. Ich weiß zwar, dass ich es irre oft abstauben werde müssen, aber ich mag es nicht mehr in der Kiste lassen, ich möchte es wieder sehen, denn es macht mir Freude, es zu sehen. Also packte ich die noch im Umzugspapier von vor drei Jahren eingewickelten Teller, Schüsseln und Platten aus, räumte sie ins Regal – und stellte fest, dass am Boden der Kiste noch eine flache Silberkiste lag. Die hatte ich völlig vergessen. Ich hatte wohl irgendwann mal eine der beiden Silberkisten rausgeräumt, weil in der das „Grundbesteck“ liegt, und diese hatte ich dann griffbereit im Regal in der Abstellkammer liegen gelassen. Die zweite Kiste mit den Fischmessern, den Vorlegegabeln und den großen Löffeln hatte ich aber anscheinend am Boden der Umzugskiste vergessen. Das war ein bisschen wie Weihnachten, sie zu finden.

Und gucken Sie mal, was in der Kiste noch drin war.

Den Rest des Tages habe ich gnadenlos in der Bibliothek auf dem Sofa verbracht. Zuerst Zeitung gelesen (hier ein kleiner Ausschnitt, den ich sehr schön fand), dann zugeguckt, wie Augsburg so gerade in Hannover gewinnen konnte, dann die letzten beiden Folgen Wanderlust auf Netflix geschaut und sehr gemocht, und schließlich die Nase in Feuchtwangers Exil gesteckt. Hach, der Feuchtwanger! Ich mag seinen Stil so gerne.

„Sie hängte den Hörer ein und schaute, von ihrem Bett aus, hinüber zum Schreibtisch, wo Fritzchens Bild stand. Sie war zufrieden mit sich, daß sie das Bild Tag und Nacht dort stehen hatte. Fritzchen hatte reizvolle Augen. Manchmal hatte er einen treuen Hundeblick, manchmal schaute er wild verzweifelt, aber es waren geniale Augen. Niemand begriff, warum sie, die Tochter reicher, angesehener, „arischer“ Eltern, den unscheinbaren, jüdischen Journalisten geheiratet hatte, der bei all seiner Brillanz recht anrüchig war. Sie wußte gut, warum, nur selten begriff sie es selber nicht, und auch dann spürte sie Hochachtung vor sich, daß sie es getan hatte.

Wenn sie an die Zeit bei ihren Eltern zurückdenkt, dann sind diese Pariser Jahre [im Exil] trotz ihrer kleinen Sorgen noch immer ein erfüllter Wunschtraum. Sie wurde, seinerzeit, von ihren reichen Eltern verwöhnt, konnte haben, was sie wollte, flirtete, ritt, chauffierte, spielte Tennis, plapperte französisch, englisch, italienisch, reise, hörte ausgefallene Vorlesungen. Aber was für bürgerlich stickige Luft hatte bei dem allen dieses Kaufmannshaus angefüllt, wie kontrolliert war sie gewesen, von wie vielen Konventionen umgeben, von wie vielen Vorurteilen. Aus purer Opposition mußte man in einem solchen Hause highbrow werden; schon der Widerspruchsgeist, der jedem halbwegs persönlichen Menschen eingeboren ist, mußte es einem als höchstes Ziel erscheinen lassen, den Bürger zu verblüffen. Der Tag, an dem sie sich entschlossen, Benjamins Frau zu werden, war ein großer Tag gewesen, der größte ihres Lebens; niemals sonst war sie sich so geistig vorgekommen, so vorurteilsfrei, so originell.

Noch heute kostete sie den Vorgang aus, der sie veranlaßt hatte, ihn zu heiraten. Die Sentimentalität und Zähigkeit, mit welcher dieser Mensch mit dem anziehend häßlichen Gesicht sie belagert hatte, seine zynischen, leidenschaftlichen, maßlosen Schmeicheleien hatten auf sie, die Zwanzigjährige, Eindruck gemacht und sie hatte bald beschlossen, mit ihm zu schlafen. Da aber, als sie das erstemal in seine Wohnung kam, hatte sich der „Vorgang“ ereignet. Es war eine sonderbare Wohnung gewesen, gemischt aus Dürftigkeit und ungeschickt arrangiertem Prunk, neben einem mehr als armseligen Badezimmer stand unter einer geschmacklosen Ampel ein üppiges Bett, sie hatte geduldet, daß Friedrich Benjamin sie halb auszog, und wartete nun gierig, höchst willig auf das, was kommen werde. Er aber hatte mit einemmal brüsk, unvermutet von ihr abgelassen. Seine Passion, hatte er ihr erklärt, sei stark und ehrlich, sie aber scheine nur Appetit darauf zu haben, ein- oder zweimal mit ihm zu schlafen. Er fürchte, er dürfe bei ihr auf nichts weiter rechnen als auf Lust und Neugier; das aber habe er oft genug gehabt, das reize ihn nicht mehr. Dieses Argument hatte Eindruck auf sie gemacht, der ganze, freche Mensch hatte Eindruck auf sie gemacht, er imponierte ihr noch heute. Sie hielt es heute noch für die beste, klügste Tat ihres Lebens, daß sie die maßlose Dummheit begangen hatte, ihn zu heiraten.“

Lion Feuchtwanger: Exil, Berlin 2012 (Text von 1940), S. 53/54.

Tagebuch Freitag, 26. Oktober 2018 – Südlicht

Ein neues Feature in meinem Badezimmer habe ich erst gestern entdeckt. Die Handtuchstange, an der mein großes Badetuch hängt, befindet sich über der Heizung. Da ich vorgestern abend vor den Temperaturen eingeknickt bin und die Heizung angeschaltet habe, um morgens in einem warmen Bad zu duschen, durfte ich gestern feststellen, dass ich jetzt ein warmes Badetuch habe! Scheiß auf die doppelt so hohe Miete – ich habe ein warmes Badetuch.

Morgens zu F. gefahren, um mich von ihm zu verabschieden; der Mann ist für ein paar Tage weg. Gefühlt ist er das dauernd, und als mir völlig aus dem Nichts die Tränen bei der Abschiedsumarmung kamen, war ich wieder dankbar, nicht vor ein paar Jahrzehnten gelebt zu haben, wo man als Frau brav zu Hause blieb, während Männe die Welt erobert. Ich wäre ja dauernd verzweifelt. (Und vermutlich schnell Alkoholikerin geworden, ich Weichei.)

Auf dem Nachhauseweg Croissants fürs späte Frühstück geholt. Jeder Tag mit Croissants ist ein guter.

Vom Nilgiritee mal wieder temporär auf Assam umgeschwenkt. Den trinke ich mit Milch und Kandis statt pur wie Nilgiri. Deswegen gesellten sich gestern zu meiner Arbeitszimmerteekanne und -tasse auch das Milchkännchen (zu geizig für Sahne) und die Zuckerdose mit den Kandisbrocken. Die holte ich mit einem Teelöffel heraus und fragte mich – wie garantiert viele alkoholisierte Stepford Wives vor ein paar Jahrzehnten –, wo eigentlich meine Zuckerzange ist. Vermutlich bei meinen Eltern auf dem Dachboden, wo ALLES ist, was ich nicht wiederfinde.

Wenn ihr die Antworten zu diesem Tweet lest, wisst ihr, warum ich die Hamburger Damen so vermisse. (Und ihr wisst dann auch, wie wir nach zwei Flaschen Wein klingen.)

Ortheils Berlinreise ausgelesen und Feuchtwangers Exil angefangen (Erfolg und Die Geschwister Oppermann habe ich schon durch, dies ist das letzte Buch der Wartesaal-Trilogie). Die Berlinreise empfehle ich euch uneingeschränkt, aber ich empfehle ja alles von Ortheil uneingeschränkt. Da bin ich gnadenloses Fangirl.

Die Möbel, die ich vorgestern aufgestellt und gestern begutachtet habe, wieder umgestellt. Das dauert anscheinend noch ein bisschen, bis ich mal sage, so, jetzt isses gut hier. Dabei mal wieder Dinge weggeschmissen anstatt sie umzuräumen. Die Lohnsteuerkarte von 2010 brauche ich als jemand, die seit 2008 selbständig ist, nicht mehr, oder? WARUM HAB ICH DIE DANN NOCH? UND WARUM NICHT MEINE ZUCKERZANGE?

Aber es fühlt sich schon fast so an, als ob alles hier gut ist, was vor allem am Licht liegt. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich es sechs Jahre oben ohne Südlicht ausgehalten habe. Ich mochte das sehr gerne, dass in die kleine Wohnung nie direkte Sonne kam, weil es sonst im Sommer noch wärmer gewesen wäre als es eh schon war, aber meine Güte, ist das im Arbeitszimmer und in der Küche und im Bad eine herrliche Stimmung, wenn da ab dem frühen Nachmittag das Südlicht reinfällt. Deswegen stehen auch immer alle meine Türen offen, damit der Flur noch was davon abkriegt und das Schlafzimmer und die Bibliothek es wenigstens sehen können, die Armen.

Tagebuch Donnerstag, 25. Oktober 2018 – Eher ja

Vormittags hatte sich F. angekündigt, um mir noch bei ein paar Wohnungsdetails zu helfen. Ich hatte den armen Mann vollgejammert, dass die Wände meines Schlafzimmers aus Granit bestünden, jedenfalls konnte ich kein anständig tiefes Loch bohren, um meine Gardinenstangen anzudübeln. Das war einer der Gründe, warum mich der Mittwoch spontan und langanhaltend überforderte: Irgendwie funktionierte nichts, was ich mir vorgenommen hatte, die neuen Möbel sahen im Raum teilweise nicht so gut aus wie erwartet, die Pappverpackungen von drei Regalen standen im Flur rum, den ich seit fünf Wochen nicht leerbekomme, und Mittwoch war dann irgendwie alles ein bisschen zu viel. Es fühlte sich an wie ein Riesenberg, der nicht kleiner wird, und in ganz fiesen Minuten dachte ich so lustige Dinge wie: „Ich stecke jetzt irre viel Geld in eine Wohnung, aus der ich in drei Monaten ausziehen muss, weil mich niemand mehr bucht und ich kein Geld mehr verdiene.“ Und dann musste ich gedanklich in Papiertüten atmen bzw. Schokolade essen (für mein Seelenleben ist das dasselbe).

Aber gestern war Unterstützung da, und zu zweit geht Zeug wegschaffen besser. Wir begannen mit der Gardinenstange im Schlafzimmer, wobei mich F. fragte, wieso ich nicht zu seiner Hilti gegriffen hätte, wenn meine Bosch mit der Wand nicht klarkommt. Darauf hatte ich keine gute Antwort außer „Ich habe großen Respekt vor der Hilti“, woraufhin F. mir das Ding in die Hand drückte, ich auf die Leiter kletterte – und natürlich der Bohrer wie durch Butter in die Wand glitt. Ich hätte mir eine Menge Seelenfirlefanz ersparen können, wenn ich einfach die Bohrmaschine gewechselt hätte. Wieder was gelernt. Bohrmaschinen statt Schokolade. Andererseits wäre meine Gardinenstange dann garantiert nicht so perfekt gerade wie sie jetzt ist, denn ich neige beim Heimwerkern grundsätzlich zum „Das passt schon irgendwie“ aka „Da gewöhnt man sich dran“.

Auch die Gardinenstange im Arbeitszimmer wurde angebracht. Nachmittags bügelte ich dann Kürzungsbänder auf die zu langen Gardinen im Schlafzimmer, zog diese abends erstmals zu und fühlte mich gleich wie in einem Hotelzimmer. Was nett ist; ich schlafe gerne in Hotelzimmern. Im Arbeitszimmer hängte ich Gardinen auf, die ich letztmals vor 19 Jahren in Hannover abgenommen hatte (damals im Schlafzimmer) und die ich seitdem sinnlos von einer Wohnung zur anderen getragen habe, weil ich sie so schön finde, sie aber seitdem nirgends hingepasst haben. Es sind ganz schlichte, dünne, weiße Flattergardinen von Ikea (natürlich), die alles Licht reinlassen, aber von draußen kann man, solange im Zimmer kein Licht brennt, nicht reingucken. Also genau das, was ich fürs Arbeitszimmer haben wollte, denn die letzten Wochen konnte man mir von den Nachbarbalkonen ganz prima beim Tippen und Teetrinken zuschauen.

Aber vor diese Glückseligkeit hatte der Heimwerkerteufel noch zwei Lampen gesetzt. Nach den erfolgreich angedübelten Gardinenstangen machte sich F. an die Arbeitszimmerdeckenlampe. Da meine Monsterstehschreibtischlampe (ich erwähnte sie bereits) gerade nicht finanzierbar ist, hatte ich mich für eine simple Lichtschiene entschieden. Meine Vormieterin hatte ihre Lampe anscheinend aus der Decke gerissen, denn die noch hervorstehenden Kabel waren arg kurz und eine Lüsterklemme gab es auch nicht. Weswegen ich in den letzten Wochen immer brav aufgepasst habe, wenn ich lange oder hohe Gegenstände in der Gegend rumschwenkte, um bloß nicht an die offenen Kabel an der Decke zu kommen. Bei Strom bin ich vermutlich extrem übervorsichtig; bevor ich Kabel anfasse, schaue ich ungefähr achtzigmal mit dem Phasenprüfer, ob auch ja kein Strom fließt und gucke fünfmal nach, ob die Sicherung auch wirklich draußen ist. Gestern stieg aber F. freiwillig auf die Leiter, weil die Lampe zu schwer für eine Person alleine war, um sie vernünftig anzubauen. Wir bohrten erstmal nur Löcher und schraubten die Lüsterklemme der Küchenlampe im Arbeitszimmer an, die danach noch drankommen sollte, hatten nach den Gardinenstangen aber allmählich Hunger und gingen erstmal frühstücken bzw. mittagessen.

Danach wollte F. eigentlich noch wohin, aber vorher könne man ja noch schnell die beiden Lampen … äh. Ja. Ich glaube, der Mann kam erst gegen 16 Uhr bei mir weg, weil sich beide Lampen als zickiger herausstellten als gedacht. Wir hatten auf dem Rückweg vom Lunch zwar beim Suckfüll noch Lüsterklemmen, Dübel und zwei Meter Kabel besorgt, aber es war alles ein Schmerz im Arsch, und ich bewundere seit gestern die stoische Ruhe von F., während ich zwischendurch den ernsthaften Vorschlag machte, einfach eine neue Lampe zu kaufen, verdammte Axt.

Bei Suckfüll erstand ich auch einen Hammer. Mein Hammer hat mal meinem Opa gehört und bei meinem Auszug von zuhause bestückte mein Papa meine Werkzeugkiste damit. Seitdem weiß ich, dass man wackelige Hammerköpfe wieder festkriegt, indem man den Stiel fest auf irgendwas draufklopft, aber nach 30 Jahren wird das Ding nicht mehr besser. Daher kaufte ich einen neuen Hammer, werde den alten aber vermutlich einfach weiter in der Kiste liegen lassen.

Während F. auf der Leiter vor sich hinfluchte und ich nichts tun konnte als eiskaltes Spezi anzureichen bzw. kurz Wundversorgung zu machen, weil der Cutter doch recht scharf war, mit dem F. Kabel von der Umhüllung befreite, klingelte auch noch ein Handwerker, den mir die Verwaltung bestellt hatte. Ich wusste beim Telefonat gar nicht, was genau der Mann machen sollte, aber seit gestern habe ich vor der Balkontür jetzt eine Holzschwelle statt einer gammeligen Plastikschiene, die mir nicht mal groß aufgefallen war, bis der Mann sie herausriss. (Ich sag ja: „Da gewöhnt man sich dran.“)

Nachdem beide Fleißbienchen weg waren, saugte ich die ganze Wohnung durch und gefühlt 20 Kabelenden und 200 Gramm Holzstaub ein. Der Schreiner hatte aber brav nach Kehrblech und Handfeger gefragt, die ich seit meinem großen Baumarktkauf für die Farbeimer auch besitze. Und ich fand sie sogar! Aber innerlich jammerte ich dabei wieder, genau wie Mittwoch. Ich habe für diese Wohnung so vieles neu gekauft, was ich schon mal besessen hatte (Badezimmerschrank, anständige Teleskopstange zum Streichen, Handfeger, Besen, Schrubber undundund). Das hatte ich alles in Hamburg zurückgelassen, weil ich keinen Platz mehr dafür hatte bzw. weil ich wusste, es ist billiger, es neu zu kaufen, als es jetzt erst auf den Dachboden meiner Eltern zu schleppen und dann irgendwann wieder zu mir. Trotzdem nagt das alles manchmal noch an mir, dieses „Da war ich schon, das hatte ich alles“ und jetzt fange ich wieder neu an. Aber ich ahne langsam, dass das der Witz am Leben ist. Man fängt halt immer irgendwas oder irgendwo wieder neu an.

Abends saß ich dann auch einfach nur still in der Küche, freute mich über mein neues, warmes Schnuffellicht über dem Esstisch, schälte ein Dutzend Mandarinen und guckte in der Gegend herum. Das war schön.

‘Salt, Fat, Acid, Heat’ Changes the Rules for Who Gets to Eat on TV

Ich habe noch nicht alle Folgen von Salt, Fat, Acid, Heat gesehen, aber schon bei der ersten dachte ich genau das, was Jenny G. Zhang für Eater so eloquent formuliert hat: Da sagt eine Frau, dass sie bitte noch mehr essen möchte und macht das dann auch. Das ist radikal.

„Eating as a woman is fraught. Given that more than half of American women have unhealthy relationships with food or their bodies, it’s small wonder that dining in public is a mental tightrope walk of weighing indulgence versus restraint, portion sizes versus the eventual, inevitable hunger — all while being acutely aware of how any given choice may be read by dining companions and passersby alike. A salad? She’s dieting. A dessert all for herself? She’s not watching her figure.

Now imagine that amplified on screen, for the mass consumption of thousands and millions of viewers. If eating as a woman is fraught, doing so as a woman on TV is even more so. Food TV most often functions as an escape from reality, transporting the audience to faraway lands or alternate realities in which every bite is creamy, fatty, decadent, transcendent, glorious. But for many viewers, the existence of that fantasy is propped up by an underlying tension: the tangled relationship between food, weight, and self worth. If we had the means to eat like a king, if we had the metabolism — without fear of judgment or the sheer physicality of bodies — would we not just live every day like an episode of Diners, Drive-ins and Dives?

To confront that unspoken tension is to ruin the fantasy, as Great British Baking Show fans discovered with the latest iteration of the beloved baking competition series. “It’s not worth the calories,” judge Prue Leith has taken to declaring as her ultimate critique of cakes, pastries, and other desserts that don’t make the cut. It’s proven to be an inflammatory catchphrase, not least because it ruins the escapist joy of a show like GBBS: It poisons the fantasy with the nagging reminder that, in the real world, calories are the enemy because of the virtue we assign to thinness, and entire lives are reoriented around the axis of consuming as little of them as possible.

What would Leith call the generous way Nosrat eats on Salt, Fat, Acid, Heat? “Guilty pleasures,” perhaps, that infuriating phrase that denotes performative guilt and pleasure. We know we’re not supposed to enjoy too much butter in our pasta, according to societal conventions, so we must loudly confess our sin to absolve ourselves for eating it. What is radical, then, is to watch Nosrat, a woman of color who is neither a Giada nor an Ina, eat on camera with no reservations, and to do so without any mention of calories or guilty pleasures. She makes no apologies for occupying space and for consuming, even requesting more.“

Tagebuch Mittwoch, 24. Oktober 2018 – Eher nö

Doofer Tag, aus verschiedenen Gründen. Mag ich nicht aufschreiben. Aber hey, zwei Regale zusammengebaut und ein bisschen Geld verdient.

Tagebuch Dienstag, 23. Oktober 2018 – Basteltag

Jetzt, wo ich hier schon fast fünf Wochen wohne (wo-hoo!), werden die Baustellen nach und nach kleiner. Dank F.s scharfem Verstand konnte der eine Wandschrank so organisiert werden, dass ich an immerhin das meiste rankomme, ohne schreien zu müssen. Der zweite war noch work in progress. Ich hatte in ihn erstmal alles Zeug geworfen, das nicht im Weg rumliegen sollte, aber noch einen festen Platz braucht, unter anderem meine Putzkiste, die beim besten Willen nicht mehr in den ersten Schrank passte, obwohl sie thematisch dort angedockt wäre, wo auch Wäscheständer, Bügelbrett, Besen und Kehrblech stehen. (Don’t judge.) Dieser zweite Schrank musste also erstmal leer werden, und dazu brauchte ich einen neuen Schrank, nämlich einen schmalen, hohen fürs Bad, denn bis jetzt waren Handtücher und Badutensilien der Hauptinhalt.

Ich dachte lange, vermutlich zu lange darüber nach, ob ich jetzt wieder online bei Ikea bestellen oder hinfahren und es mir liefern lassen sollte. Online-Vorteile: bis auf Annahme der Lieferung kein echter Aufwand. Nachteil: dauert zehn Tage. Hinfahren-Vorteile: alles am gleichen Tag da. Nachteil: Man muss die fies schweren Pakete aus den Regalen ziehen und steht ewig an der Kasse. Da mir die Putzkiste aber seit Wochen auf den Zeiger geht, entschied ich mich für Hinfahren und Paketezerren.

Noch ein Wort zu Ikea: Mir ist erst bei diesem Umzug aufgefallen, dass ich seit 30 Jahren in Ikeamöbeln wohne. Bis auf wenige Ausnahmen (Omas Schrank und Esstisch, derzeit leider noch bei meinen Eltern; Designerlampen, ebenfalls dort; Riesencouch und Schlafsofa; hervorragender Schreibtischstuhl) stammt meine komplette Einrichtung vom Schweden. Und so hübsch ich Biedermeierstühlchen oder Bauhausmöbel finde – ich will nicht mit ihnen wohnen. Ich mag anscheinend seit mehreren Jahrzehnten den schlichten Stil, den Ikea anbietet, auch wenn ich damit so dermaßen im Mainstream liege wie es mainstreamiger nicht mehr geht. Passt schon.

Am Hauptbahnhof konnte ich einem asiatischen Geschäftsmann den Weg zur Flughafen-S-Bahn weisen („right track, wrong train“), wartete dann gefühlt 20 Minuten auf meine eigene S-Bahn, weil es wieder irgendeinen Knoten beim MVV gab, aber ich hatte ja ein Buch dabei und keine Eile. In der Bahn setzten sich nach wenigen Stationen ein kleiner Junge mit seiner Mutter und (vermutlich) Oma auf den gegenüberliegenden Vierersitz. Der Junge saß am Fenster und blubberte vor sich hin, bis er auf einmal richtig laut wurde: „Mamaaa, guck maaaal!“ Die Mutter schaute hinaus und meinte wissend-andächtig: „Ein Kran!“ Und der kleine Junge, noch andächtiger, als hätte er die Pyramiden oder die Chinesische Mauer entdeckt: „Ein Kraaaaan.“

Den Rest der Fahrt versuchte ich mit Kinderaugen zu sehen und bestaunte (stumm) eine Altmetalldeponie, Fußgängerbrücken über Gleisen und ein riesiges violettes Blumenfeld.

Bei Ikea arbeitete ich dann brav meinen langen Einkaufszettel ab, von Großkram zu Kleinkram, und der einzige Ausrutscher (KEINE SERVIETTEN! KEINE KERZEN!) war eine zweite Garnitur meiner Lieblingsbettwäsche.

An der Kasse stellte ich mich zielstrebig hinter eine Dame, die, wie auch immer, zwei Einkaufswagen voller Zeug erstand. Ich konnte leider nicht gucken, wie sie die beiden Wägen gleichzeitig schieben konnte, denn dann war die flinke Kassendame schon bei mir und meinem Wägelchen. Den Badschrank, der einer der Gründe für meine Fahrt hierher gewesen war, musste ich in der SB-Halle bestellen und konnte ihn nach der Kasse abholen. Bzw. erstmal wartete ich wieder, aber ich hatte ja ein Buch dabei und keine Eile. Als ich auch den Schrank auf dem Wagen hatte, rollte ich zur Speditionskasse und bat um Lieferung zu mir. Dass der Kram noch am selben Tag ankommt, war mir klar, aber der freundliche Herr an der Kasse meinte: „Die Jungs sind gerade beim Beladen und können dann sofort zu Ihnen.“ Ich meinte, mit Bus und S-Bahn bräuchte ich mindestens eine Stunde bis Zuhause, worauf er meinte, der LKW auch. Die Jungs würden sich vorher per Handy melden, das ginge schon.

Und so hatte ich auf einmal keine Zeit mehr, aber die Öffi-Göttinnen hatten nach dem Schluckauf heute morgen wieder alles im Griff: Der Bus fuhr bei Ikea vor, als ich gerade zwei Minuten gewartet hatte, auf die S-Bahn wartete ich dann nochmal drei Minuten, und für die letzten drei Stationen U-Bahn vier. Fußweg nach Hause nochmal drei, und gerade als ich zuhause ankam, klingelte das Handy. Ich konnte bis zum Eintreffen der Jungs noch Kartoffeln, Zwiebeln und Paprika fürs Mittagessen vorbereiten, die Lieferung war in fünf Minuten bei mir oben, und nach einer ordentlichen Stärkung begann ich mit dem ersten Schrank. Für den brauchte ich dann doch etwas länger als geplant; ich hatte gehofft, noch etwas mehr wegarbeiten zu können, aber gut, immerhin einer von dreien. Ich rollerte ihn mit dem Rollbrett von F., mit dem ich seit Wochen gut gelaunt Dinge durch die Gegend schiebe, weil das so viel Spaß macht, vom Arbeitszimmer ins Bad, stellte ihn auf, wischte ihn kurz ab, wunderte mich wie bei vielen Ikeamöbeln, dass sie in einem Zimmer perfekt stehen und im nächsten wackeln, legte etwas unter das eine Schrankbeinchen, damit er nicht mehr wackelte, räumte Zeug aus dem Wandschrank in ihn – und als gloriosen Tagesabschluss die Putzkiste in den nun deutlich geleerten Wandschrank.

Ich wollte mich dann darüber freuen, wie ereignis- und arbeitsreich mein Tag gewesen war, bis mir einfiel, dass ich nur Geld ausgegeben und keins verdient hatte, was mich manchmal immer noch beunruhigt, aber zwei Kundenmails machten das ein bisschen wieder wett.

Mit Belohnungsspezi auf der Couch Bayern in Athen zugeguckt, aber schon fast weggedämmert. Mit Buch ins Bett und sofort eingeschlafen.