Fehlfarben 20 – Am I What You’re Looking For? // Little Boy’s Luminous Legacies

Letztes Mal zwei Ausstellungen in Versalien, dieses Mal zwei mit englischen Titeln. Wir geben uns echt Mühe für sowas. (Nein, tun wir nicht.)

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00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.01:10. Blindverkostung des ersten Weins. Wir trinken heute Rotweine aus Israel.

00.02:50. Die erste Ausstellung sind Fotografien, die im Amerikahaus München zu sehen sind. Endia Beal, Fotografin und Dozentin, inszeniert junge schwarze Frauen in ihrem Zuhause, aber vor einer Fototapete eines Büros (angeblich eine Aufnahme eines Büros, in dem sie selbst gearbeitet hat). Sie befragt die Frauen, die sich in selbstgewählten Outfits präsentieren, die sie als bürotauglich ansehen, zu ihrer Stellung im corporate America – was sie sich vorstellen oder wie sie es bereits erlebt haben. Am I What You’re Looking For?

Ich mochte an der Ausstellung, dass schwarze Frauen eine Stimme bekommen. Ich mochte auch die Grundidee, aber die einzelnen Aussagen haben mich teilweise fertiggemacht. Bei vielen Frauen ist zu lesen, dass sie sich der Hindernisse bewusst sind, die auf sie warten, aber damit muss man eben fertigwerden. Ich ahne, dass weiße Männer nicht unbedingt so in ihren ersten Job nach der Uni reingehen.

Neben den Fotos standen nur die Namen der Frauen, ihr Alter und eben ihr Statement. Eine Frau meinte, sie müsse sich halt den Normen anpassen, die von ihr erwartet werden. Klar, jede*r von uns passt sich im beruflichen Umfeld an (leider, will ich mir selbst auch des Öfteren zubrüllen). Aber die porträtierten Frauen sehen sich deutlich mehr angeblichen Normen – also Standards, die nicht von ihnen gesetzt wurden – gegenüber: Sie müssen zunächst den Normen entsprechen, die an sie als Frau gestellt werden, die von vornherein bescheuert sind. Ich musste an die ganzen Karriereratgeber denken, die Frauen eintrichtern: Um in einer Männerwelt voranzukommen, musst du dich wie ein Mann verhalten (Stichworte keine betont weibliche Kleidung, aber auch nicht wie ein Kerl, fester Händedruck, aber bloß nicht zu fest, in Meetings das Wort ergreifen, aber dann bitte nicht so bossy. Ihr wisst, was ich meine). Die zweite Norm ist generell die der Berufswelt, wozu eine Dame schlau meinte: “Dressing like a Republican isn’t going to make me something I’m not.” Aber gerade im Büro lauern die fiesen Kleiderfallen, über die jede Zeitung im Sommer atemlos berichten kann: Wieviel Bein ist noch bürotauglich? Wie tief darf der Ausschnitt sein? Darf man überhaupt etwas tragen, was einen Ausschnitt hat? Die Jungs werfen sich in einen Anzug und sind fein raus. Als Frau ist man im Zweireiher allerdings ein Mannweib oder, noch schlimmer, eine Karrierefrau, was auch immer das sein soll. Und die dritte Norm, die die Damen berücksichtigen, ist eine Untergruppe der Kategorie Frau, denn als nicht-weiße Frau gelten nochmal andere Spielregeln für dich, siehe natural hair. Ich persönlich wurde immer wahnsinniger vor den Bildern, weil ich bei fast allen dachte, wie haltet ihr das bloß aus. Ich bin schon gestresst von dem ganzen Anpassungsfirlefanz, aber wegen meiner Hautfarbe oder meiner Haartracht hat mich noch niemand angemault.

Einige Frauen sagten, ihnen seien die Hürden zu hoch, sie hätten sich bewusst gegen eine Karriere im corporate America entschieden. Andere wiesen darauf hin, dass viele Firmen eine neue Einstellungspolitik hätten, in der bevorzugt Minderheiten eingestellt wurden – der Bedarf für Vielfalt sei also offensichtlich da. Eine Frau erzählte, sie wäre bewusst zum marketing to minorities ausgewählt worden, was die Situation extrem bescheuert auf die Spitze treibt.

Viele Statements erinnerten mich schmerzlich an meine eigenen Zwanziger, in denen ich auch frohgemut dachte, Männer und Frauen sind gleichberechtigt, wir haben alle die gleichen Chancen, wenn ich gut genug bin, klappt das alles. Nur um dann – natürlich – zu merken, dass man manchmal nicht dagegen ankommt, wenn der weniger begabte Art Director befördert wird, weil er mit dem Chef gerne ein Bierchen trinkt, und nicht die Frau, die bis Mitternacht in der Agentur sitzt, um ihren Job nicht nur gut, sondern exzellent zu machen. (Ob das so sinnvoll ist, spielt hier keine Rolle.) Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir meine derzeitige Karrierestufe reicht, dass ich keine Kreativdirektorin werden will, sondern nur irgendwo in der Ecke sitzen und schreiben möchte, aber ich habe ernsthaft deswegen ein schlechtes Gewissen. Hätte ich den Schritt nicht wegen der Vorbildfunktion eifriger verfolgen müssen? Denn wie eine Dame in der Ausstellung so schön sagte: “Not a lot of people in power look like me.” Wir brauchen Vorbilder, wir brauchen Vorreiterinnen. Aber das wissen wir ja alle.

Auch das hat mich ein bisschen deprimiert: die hoffnungsvollen Statements, die noch an die eigene Stärke glauben, an den Bonus, den die eigenen Individualität der Firma bringen wird. Ich würde die Frauen gerne in 20 Jahren noch einmal vor die Businesstapete stellen und fragen, wie’s ihnen jetzt geht. Ich hoffe, besser als ich erwarte.

Fazit der ersten Ausstellung: natürlich eine Anguckempfehlung. Läuft noch bis zum 2. Juni, der Eintritt ist frei. Wir erwähnen im Gespräch einen VICE-Artikel über das Projekt (2016, nicht 2013, wie ich anfangs rumplappere) sowie meine Rezension zu Ibram X. Kendis Stamped from the Beginning.

00.48:00. Der zweite Wein.

00.50:35. Die zweite Ausstellung: Little Boy’s Luminous Legacies läuft in der Lothringer 13 und beschäftigt sich, der Titel lässt es erahnen, mit dem Atomzeitalter.

Wir erwähnten die Postwar-Ausstellung im Haus der Kunst, die eine für uns zunächst überraschende, aber dann sehr sinnvolle Zeiteinteilung schuf: Dort wurde mit der Stunde Null nicht der Sieg über den Faschismus bzw. Hitler-Deutschland bezeichnet, sondern der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki. Damit begann eine neue Zeitrechnung. Die Exponate dort waren ungleich stärker, was mir persönlich die Ausstellung in der Lothringer 13 etwas verleidete; sie kam mir etwas zahn- und ziellos vor, und ich weiß immer noch nicht so recht, was ich von ihr halten soll.

Wir sprachen längst nicht über alle Kunstwerke; mir hat ein Werk von Henrik Plenge Jakobsen am besten gefallen: „Manhattan Engineering District“, wo ein Diaprojektor 80 Bilder an die Wand warf, die im Laufe des Manhattan Projects entstanden waren. Sie haben keinen Zusammenhang und kein Narrativ, zeigen Menschen, Gebäude, Fahrzeuge, technische Apparaturen, die für mich auch für die Ostereierproduktion hätten sein können (der Physiker am Tisch verneinte). Ich mochte genau diese Zusammenhangslosigkeit, das Zufällige, Unscheinbare, das nur dadurch eine Bedeutung bekommt, weil man weiß, was das Manhattan-Projekt war.

Von Jakobsen war noch ein zweites Werk in der Ausstellung. In einer Vitrine lag ein Stück Trinitit, ein künstliches Glas, das beim Trinity Test im Juli 1945 durch die große Hitze entstand. Neben dem kleinen Klumpen lag strahlendes Uranit, und auf beide war ein Geigerzähler gerichtet, der an einen Laptop angeschlossen war, auf dessen Bildschirm anscheinend Strahlung angezeigt wurde, ich konnte mit den Maßeinheiten oder der Tabelle, die dort sichtbar war, nichts anfangen. Aber es war das einzige Ausstellungsstück, das mir sehr deutlich vor Augen führte, dass diese Strahlung da ist. Um mich herum waren Foto- und Filmprojekte, die sich mit Fukushima beschäftigten, die aber für mich so aussahen wie kleine Störungen in der Matrix, nichts Aufregendes. Der sich bewegende Graph auf dem Bildschirm hat mich eher überzeugt. Wir sprachen in der Aufnahme auch über die bewussten Euphemismen wie „Kernkraft“ statt „Atomkraft“, weil’s halt ungefährlicher klingt.

Fazit: auch hier drei Daumen nach oben, von mir eher nach der Diskussion entstanden. Als ich aus der Ausstellung rauskam, war ich nicht so überzeugt, nach unserem Gespräch schon. Ihr habt noch bis zum 9. Juni, mal selbst zu gucken, wie’s euch geht.

01.17:00. Der dritte Wein.

01.45:10. Wir lösen die Weine auf: Nummer 1 hat uns allen am besten geschmeckt, aber wir würden alle drei wieder kaufen.

Wein 1: Hommage 2016 von der Yaffo Winery, Cuvée aus Merlot und Syrah, 13,5%, koscher, für 24 Euro beim Partnerweingut Schaetzle. (Auf der isrealischen Website steht, dass der Wein zu 10% aus Merlot besteht, auf meiner Flasche stehen 40.)

Wein 2: Mount Hermon Red von der Golan Heights Winery, 2017, Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc, Petit Verdot und Malbec, 14%, koscher, für 11 Euro bei Karstadt.

Wein 3: Judean Hills von Tzora Wineyards, 2015, Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Syrah, Petit Verdot und Merlot, 13,5%, koscher, für 35 Euro bei Lobenbergs gute Weine.

1000 Fragen, 221 bis 240

(Ich paraphrasiere Christian: „Die Fragen stammen ursprünglich aus dem Flow-Magazin, Johanna von pink-e-pank.de hat daraus eine persönliche Blog-Challenge gemacht, und Beyhan von my-herzblut.com hat das PDF erstellt.“)

221. Gibt es Freundschaft auf den ersten Blick?

Ich glaube, es gibt Sympathie auf den ersten Blick, aber für Freundschaft oder sogar Liebe braucht es mehr als einmal rübergucken.

222. Gönnst du dir selbst regelmäßig eine Pause?

Ja. Immer. Das modische Wort „Self-Care“ habe ich ziemlich verinnerlicht.

223. Bist du jemals verliebt gewesen, ohne es zu wollen?

Ja. Das war eher scheiße. Aber auch toll, weil es ja schön ist, jemanden so irre gern zu haben. Aber dann doch eher wieder scheiße.

224. Steckst du Menschen in Schubladen?

Spontane Antwort: garantiert. Nach ein bisschen Nachdenken: weiß ich gar nicht. Ich teile Menschen ein in Freunde, Bekannte, Kolleginnen. Aber danach? Vermutlich stecke ich fremde Menschen oder neue Bekanntschaften irgendwo hin, aber mir fallen gerade keine Kategorien neben dem Level an Sympathie ein.

225. Welches Geräusch magst du?

Zusammenklirrende Eiswürfel im Getränk. Wind, der den Baum vor meinem Schlafzimmer verwuschelt. Das Entkorken von Wein. Das Umblättern von Buchseiten oder mein ewiges Rumgespiele an ihnen (auch ein Grund dafür, warum ich nicht einfach auf meinem Handy lese, wenn ich ins Stadion fahre). Biergarten-Atmo. Alles, was mit Wasser zu tun hat, vor allem Regen, auch wenn ich reingerate. Kirchenlieder. Meine nackten Füße auf dem Holzfußboden. Die ersten Takte jeder Ouvertüre. Die MacBook-Tastatur. Den Atem von F. Stille.

226. Wann warst du am glücklichsten?

Wieso „warst“?

227. Mit wem bist du gern zusammen?

Mit mir.

228. Willst du immer alles erklären?

Ich glaube, ich will eher immer alles erklärt bekommen.

229. Wann hast du zuletzt deine Angst überwunden?

Ich kann mich gerade an nichts erinnern. Wenn ich vor irgendwas wirklich Angst habe, mache ich es nicht, für blöde Mutproben bin ich zu alt. Wenn mir irgendwas unangenehm ist, aber halt sein muss, bin ich hoffentlich groß genug dafür, es frauhaft zu ertragen (Zahnarzt, Smalltalk, endlose Meetings).

230. Was war deine größte Jugendsünde?

Senfgelber Strickpulli zu grauer Kunstlederhose. Vermutlich noch Glitzerstulpen.

231. Was willst du einfach nicht einsehen?

Warum Finger- und Fußnägel wachsen. Die schneide ich doch immer wieder ab! Jetzt bleibt doch mal kurz!

232. Welche Anekdote über dich hörst du noch häufig?

Da fällt mir keine ein.

233. Welchen Tag in deinem Leben würdest du gern noch einmal erleben?

Ich erlebe lieber noch ein paar neue.

234. Hättest du lieber mehr Zeit oder mehr Geld?

Zeit schaufele ich mir frei. Also Geld. Ja, Geld hätte ich gerne viel mehr. Hallo, Penthouse in München, ich zahl dich in bar!

235. Würdest du gern in die Zukunft schauen können?

Nein. Wenn ich wüsste, was alles passiert, würde ich mich vermutlich um nichts mehr bemühen, nichts Neues mehr anfangen, ich weiß ja schon, was kommt.

236. Kannst du gut deine Grenzen definieren?

Ich arbeite immer noch daran. Manchmal geht’s: Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, Partys abzusagen, gerne per DM oder Mail. Manchmal geht’s nicht: Direkter persönlicher Konfrontation weiche ich immer noch größtenteils aus. Aber mein Neinsageimpuls wird immer besser!

237. Bist du jemals in eine gefährliche Situation geraten?

Im Straßenverkehr vermutlich dauernd. Einer der Gründe, warum ich kein Motorrad mehr fahre. Irgendwann ist mir klar geworden, wie bescheuert diese Art der Fortbewegung ist, so als knautschzonenfreies Wesen ohne Anschnallgurt.

238. Hast du einen Tick?

Ich erledige Dinge gerne nach bestimmten Regeln (Monica: „YOU DON’T KNOW THE SYSTEM!“), aber Tick? Ich achte jedenfalls nicht darauf, mit welchem Fuß ich aufstehe oder dass erst alle roten M&Ms gegessen werden müssen oder sowas.

239. Ist Glück ein Ziel oder eine Momentaufnahme?

Schöne Frage.

Ich habe recht lange bei den täglichen Blogeinträgen die Überschrift „Was schön war“ gehabt, um mich selbst daran zu erinnern, wie oft es mir am Tag eigentlich gut geht, auch wenn meine Gesamtverfassung gefühlt eher mau war. Zu merken, wie glücklich mich Kleinigkeiten machen, hat sehr geholfen – und mir auch klargemacht, wie wenig es manchmal braucht, damit ich völlig erfüllt und zufrieden bin. Eine Glühbirne über dem Kopf in der Vorlesung. Ein perfektes Zitat in einem Aufsatz. Spaghetti Carbonara. Erdbeeren! Mich in meine Bettdecke einkuscheln. Ein richtig gutes Ende einer Serienfolge. Oder einfach nur langsam mit dem Fahrrad unter grünem Blätterdach zur Uni zu rollen. Das macht mich verlässlich glücklich, obwohl es nur kurze Momente sind.

Trotzdem habe ich irgendwo „Glück“ als Ziel im Hinterkopf, wenn ich über den Rest meines Lebens nachdenke. Ganz oben auf der Liste steht Gesundheit, aber dann kommen Dinge, die mich heute schon glücklich machen und die ich daher gerne behalten würde: eine schöne Wohnung, möglichst bezahlbar. Freunde, eine gute Beziehung, the interwebs. Lesen und schreiben können. Geistig klar zu bleiben. (Oder zu werden, höre ich aus den hinteren Reihen. Ich sehe euch!) Ein selbstbestimmtes Leben führen, so lange es irgendwie geht. Kurz gesagt: Das Leben, das ich jetzt führe, hätte ich gerne noch 40 Jahre lang. Alle Momentaufnahmen sind also irgendwie auch ein Ziel.

240. Mit wem würdest du deine letzten Minuten verbringen wollen?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Mit dem Lebensgefährten vermutlich. Sollte zu dem Zeitpunkt keiner da sein, mit meinem Kuschelteddy und viel Schokolade.

Tagebuch Montag/Dienstag, 29./30. April 2019 – Texterflöz

Meine Kontakterin und ich raten weiterhin, was die Kundin wohl lesen möchte, ich texte, sie korrigiert, ich texte um, wir schicken es rüber, und im Prinzip kommt als Feedback: „Ja, so, aber anders.“ Davon machen wir heute einen Tag Pause und ich bin sehr gespannt auf morgen.

Seit Montag kann mich aber eigentlich eh nichts erschüttern, denn die neue, die elfte Staffel der tollsten Kochshow der Welt begann: Masterchef Australia. Schon bei der ersten Folge lachte und weinte ich wieder, was man halt so bei Kochsendungen macht, und fand alles ganz großartig. Wie immer halt. Bis auf die letzte Staffel, da war mir das Finale egal.

Der Guardian weiß es auch: Move over, Bake Off! Why MasterChef Australia is TV’s best cookery show. Der Artikel beschreibt, dass man natürlich weiß, eine Reality-Soap zu gucken, die perfekt geschnitten ist und darauf abzielt, Emotionen aus dir rauszukitzeln. Aber was die Show so besonders macht, gerade im Unterschied zur amerikanischen, kanadischen, britischen oder (fuck off) der deutschen Version: die vielfältige Küche. (Mehr als die fünf Versionen kenne ich nicht.) Der Artikel beschreibt die letzte Staffel, aber das passt auf alle. Ja, ich habe nachträglich alle gesehen, obwohl ich mit der achten angefangen habe.

Ich hatte dazu auch mal einen ewig langen Artikel im Blog von jemandem anders, der auch sämtliche Staffeln nachgeguckt und über die Unterschiede gebloggt hatte, aber ich finde den selbst nicht mehr. Dafür habe ich meine eigene Liebeserklärung von 2016 wiedergefunden. Aber jetzt darf der Guardian was sagen:

„Australia was the first country to turbocharge the MasterChef format. Over seven months of filming, 24 finalists are hothoused, living together, cooking together every day, and facing challenges up to and including replicating Michelin-starred dishes, that are purpose made to push them over the edge. There are times when it feels like you’re watching some sort of shamanic initiation, as keen amateurs are broken down to the point of dissolution of ego, only to be rebuilt as superhuman cooks. And it reaps rewards: it has consistently been one of the most-watched shows on Australian TV, and not just its winners but more and more of the finalists each season instantly become part of the Australian culinary establishment. […]

[T]here’s an unmistakeable Aussie camaraderie, a give-a-bloke-a-fair go attitude among the contestants and judges that pulls the rug out from the cynical viewer again and again. And actually, you don’t get that much back story. Most of the emotional tug is from the relationships and the growing personalities that you see developing in front of you on screen, episode by episode. […]

But all of this would just be theatre if it weren’t for the substance of the show – the cooking. And that is where its Australianness comes into its own, because what we see is not the inward-looking, protectionist country of Malcolm Turnbull and Tony Abbott, but an immigrant nation, a part of the Asia-Pacific region, where people’s stories are told through food.

This season’s stars include a burly, bear-like Indian-Singaporean prison officer, a fearsomely high-camp Vietnamese EDM DJ born in a refugee camp, an almost impossibly lovable young Mauritian boxer, an effervescent Italian nonna, and on it goes. And through them you can learn more about the multiple strands and fusions of cuisine that run through that whole corner of the globe. There are guest spots too, from Nigella Lawson, Heston Blumenthal, Gordon Ramsay, Prince Charles – and some of them are fun – but they pale in comparison to the real reasons for watching MasterChef Australia, the real reasons you will laugh, cry and salivate: the people, their lives, and their food.“

Ich hoffe, dass ich niemanden spoilere – das letzte Finale war im Juli –, daher: Der erwähnte „burly, bear-like Indian-Singaporean prison officer“ hat das Ganze dann gewonnen. Der Mann heißt Sashi Cheliah.

Was außerdem den Montag schön gemacht hat: der Herr F. ist wieder im Land. Und wie immer, wenn er aus dem Ausland kommt, kriege ich die obligatorische Flughafen-Toblerone. Dieses Mal vom Münchner Flughafen, denn die kannten wir beide noch nicht.

Ich finde die Idee mit dem dreieckigen Lebkuchenherz großartig! Wir ignorieren mal die dusselige Carmen-Bluse und das Hängerkleid des Rotkäppchens oder was auch immer diese Dame darstellen soll.

„Waschen Sie sich die Hände, dann dürfen Sie auch mal zupfen!“

Eine schönes Interview mit der Harfenistin Silke Aichhorn – was wiegt so ein Ding überhaupt, können das auch Männer spielen und mögen Sie lieber Hochzeiten oder Beerdigungen?

„Wie berühmt sind Sie?

Unter den Solistinnen gehöre ich sicher zu den bekanntesten in Europa. Aber das ist wie bei Profi-Ruderern: Die kennt auch kaum einer. […]

Warum spielen Sie nicht in einem Orchester?

Ich habe viel in Orchestern gespielt, auch an großen Häusern. Aber ehrlich: Mich macht das nicht glücklich, ich bin kein guter Teamplayer, sondern ein typischer Freiberufler. Als Orchester-Harfe muss man unglaublich viel Geduld und super Nerven haben. Man hat in vielen Werken sehr wenig zu spielen, sitzt und sitzt und sitzt, dann spielt man ein paar Töne, dann sitzt man wieder eine halbe Stunde. Das ist wie in der Registratur in einem Amt, da kommt auch alle halbe Tage mal was rein, und dann ist wieder Ruhe. Ich kann so nicht arbeiten, bewundere aber die Menschen, die das gerne und gut machen.

Die Pauke hat auch nicht so viel zu tun.

Aber sie gehört wenigstens zur coolen Schlagwerkgruppe. Die Harfe hingegen ist meistens alleine, man muss alle Entscheidungen selbständig treffen. Oft wird man dann auch noch vom Dirigenten im Stich gelassen. Wenn zum Beispiel die Geigen 17 Takte Pause haben, bekommen sie natürlich ihren Einsatz. Wenn aber die Harfe 358 Takte Pause hat, kann sie sich selbst zusammensuchen, wann sie wieder dran ist. Dann macht sie einmal drrrt, und alle sagen, huch, Harfe ist auch dabei. […]

Sie spielen neben ihren vielen Konzerten und kabarettistischen Lesungen auch bei Hochzeiten und Beerdigungen. Was ist Ihnen lieber?

Unbedingt Beerdigungen. Die Harfe ist in solchen Momenten wunderbar für die Seele. Viele sagen mir danach, danke, ich hätte Ihnen gerne noch Stunden zugehört, nach Tagen konnte ich wieder einmal durchschnaufen. Das kann die Harfe wie kein anderes Instrument: Ruhe reinbringen in den Wahnsinn der Welt. Bei Hochzeiten ist das ganz anders: Mittlerweile machen sich viele Brautpaare so einen Druck, dass der schönste Tag des Lebens auch ultraperfekt sein muss. Wenn man dann als Harfenistin erst mal 50 Wochen lang in E-Mails Musikvorschläge und -wünsche diskutieren muss, wird mir das definitiv zu viel. So viel Bohei – und dann lassen sie sich oft gleich wieder scheiden.“

A symbol of slavery — and survival

Gerade hatte ich das Datum selbst bei der Rezension des Kendi-Buchs über die Geschichte des Rassismus erwähnt: Im August 1619 landete das erste europäische Sklavenschiff in Nordamerika. Ich hatte gar nicht überrissen, dass das jetzt genau 400 Jahre werden. Vor zwei Jahren wurde daher in Jamestown ein archäologisches Programm gestartet, das mehr über die ersten Sklaven herausfinden möchte. Vor allem über eine: Angela, die vermutlich erste Afrikanerin, die in die späteren Vereinigten Staaten verschleppt wurde und die wir nur noch unter ihrem neuen Namen kennen.

„She is listed in the 1624 and 1625 census as living in the household of Capt. William Pierce, first as “Angelo a Negar” and then as “Angela Negro woman in by Treasurer.” By then, she had survived two other harrowing events: a Powhatan Indian attack in 1622 that left 347 colonists dead and the famine that followed.

Yet little is known about her beyond those facts.

“It is presumed she was youngish — maybe in her early 20s,” said Cassandra Newby-Alexander, a history professor at Norfolk State University and co-author of “Black America Series: Portsmouth, Virginia.” “Angela was her Anglicized name. We don’t know what her original name was.”

“If they find the remains, we can know how old she was when she arrived,” Newby-Alexander said. “Did she have children? What did she die of? We will know more about this person, and we can reclaim her humanity.”“

Zitronenschnecken mit Frischkäseglasur

Ich werde mit Zimtschnecken nie so recht glücklich, weil mir die immer zu trocken sind. Die Zitronenschnecken kamen mir deutlich weniger trocken vor – keine Ahnung, ob es an der doppelten Menge Butter lag oder an der dreifachen Menge Ei. Mir gefiel der Teig jedenfalls deutlich besser als mein Standardrezept für Zimtschnecken. Vielleicht gebe ich diesem Teig mit Zimt noch eine Chance.

In der New York Times heißen die Dinger übrigens Lemon Sweet Rolls With Cream Cheese Icing und damit ist dann auch alles gesagt.

Für 12 Schnecken.

240 ml Buttermilch lauwarm erwärmen. Darin
1 EL Zucker und
7 g Trockenhefe (ein Tütchen) verrühren und ein paar Minuten quellen lassen.

In einer großen Schüssel
100 g weiche Butter mit
3 EL Zucker,
1 TL Salz,
1/2 TL gemahlenem Kardamom und
dem Abrieb einer Bio-Zitrone verrühren. Im Originalrezept sind es 110 g Butter und 1 EL Zitronenschale, aber das war mir zu albern. Zitronenschale kann man nie genug in Dingen haben. Im Nachhinein glaube ich, auch die Kardamommenge kann man verdoppeln.

Langsam die Buttermilch-Hefe-Mischung dazugeben sowie
3 Eier, leicht verquirlt.

Wenn ihr bis hierhin mit dem Mixer gearbeitet habt, dann jetzt von den Rührstäben auf die Teighaken wechseln. Was man in einer Küchenmaschine macht, keine Ahnung, hab ich nicht.

500 g Mehl, Type 405, in die Schüssel geben und fünf Minuten rühren. Der Teig bleibt recht klebrig und löst sich auch nicht vollständig von der Schüssel (aber fast). Falls er euch wirklich zu flüssig vorkommt, bis zu 70 g Mehl dazugeben. Bei mir dürften das frei Schnauze 30 bis 40 g gewesen sein.

Den Teig in eine saubere, leicht geölte Schüssel umsiedeln und abgedeckt an einem warmen Ort gehen lassen, bis er sich verdoppelt hat. (Stündchen oder mehr.) Die NYT schlägt vor, den Teig alternativ bis zu 24 Stunden lang im Kühlschrank gehen zu lassen. Die (dort immer verlässlichen) Kommentator*innen haben beide Varianten ausprobiert und schmecken angeblich keinen Unterschied.

Für die Füllung
200 g Zucker (bei mir 150 g) mit
1/4 TL gemahlenem Kardamom,
einer Prise Salz und nochmal
dem Abrieb einer Bio-Zitrone mischen. Auch hier steht im Originalrezept was von einem Esslöffel, was mir auch hier egal war.

Eine Backform, im Original 9 x 13 inch, fetten und mit Backpapier auslegen. Bei mir hat fetten gereicht.

Den Teig auf circa 30 mal 40 Zentimeter ausrollen. Darauf
85 g sehr weiche Butter verteilen und dann die Zitronen-Zucker-Mischung halbwegs gleichmäßig darüberstreuen. Den Teig fest zu einer Rolle aufrollen und ihn mit einem gezackten Messer oder Zahnseide in zwölf Teile teilen. Diese in die Form legen, die Form wieder abdecken und eine weitere Stunde gehen lassen oder bis die Teile die ganze Form ausfüllen. Wieder ein Stündchen, bei mir waren es fast zwei. Auch hier kann man sich für die Gehzeit im Kühlschrank entscheiden, zum Beispiel abends reinstellen und morgens zum Frühstück nur noch aufbacken.

Die Schnecken nach der Gehzeit im auf 180° C vorgeheizten Ofen für 30 bis 35 Minuten backen, bis sie goldbraun sind. Achtung: Sie sollten wirklich goldbraun sein, sonst neigen sie dazu, innen nicht ganz durch zu sein. Am besten gnadenlos die 35 Minuten drinlassen, gerne noch ein paar mehr, und ab dem gewünschten Bräunungszustand alles locker mit Alufolie abdecken. Dürfen gerne dunkler werden als bei mir oben auf dem Bild (das ich dringend ersetzen sollte).

In der Zeit den Guss herstellen. Dazu
170 g Frischkäse mit
120 g Puderzucker und
1 bis 2 EL Zitronensaft vermischen. Der Guss sollte recht fest, aber streichbar sein. Das habe ich nicht hinbekommen, ich habe im Überschwang zuviel Zitronensaft dazugegeben, weswegen ich nur klecksen, aber nicht streichen konnte. War auch okay. Aber vielleicht fangt ihr erstmal mit wenig Zitronensaft an und justiert notfalls nach.

Nach der Backzeit die Schnecken aus dem Ofen nehmen und nur wenige Minuten abkühlen lassen; noch warm die Glasur aufstreichen oder verteilen und ebenfalls noch warm genießen. Wie ich seit gestern weiß, schmecken die Schnecken aber auch kalt und nach einem Tag Rumstehen, sie sind dann aber natürlich nicht mehr ganz so fluffig.

Wie erwähnt, war ich mit dem Teig sehr zufrieden, aber hätte gerne fünfmal soviel Zitronengeschmack gehabt. Durch die Reduzierung der Zuckermenge war das Gebäck aber angenehm unsüß, schon fast neutral hefezopfig. Das Icing ruiniert das natürlich gleich wieder, und auch das hätte ich gerne deutlich saurer gehabt. Trotzdem: gutes Ding, mache ich wieder. Vielleicht noch eine Zitrone abreiben und in den Guss mischen!

Tagebuch Freitag bis Sonntag, 26. bis 28. April 2019 – Traurig, aber mit Hefeteig

Freitag mittag erwartete ich endlich Feedback auf meine Texte von vor Ostern, weswegen ich die ganze Woche so halb auf Standby rumgewurstelt hatte – keine Archivzeit ausgemacht, zwar am Schreibtisch gearbeitet, aber auch immer nur stundenweise, irgendwie stets auf Abruf. Das war eher unbefriedigend. Das Feedback war dann die Ankündigung fürs Feedback für Montag vormittag und zwar auch erst, als ich schon im Zug nach Augsburg saß. Dafür kann meine Kontaktperson natürlich nichts, dass die Kundin so lange braucht, aber am Freitagabend kam mir die ganze Woche sehr rausgeschmissen vor. Ich war eh angeknockt wegen der Zahnschmerzen, die mal mehr, mal weniger spürbar waren, missgelaunt war ich auch, weil ich seit zwei Wochen nichts Vernünftiges essen kann und sprechen anscheinend auch nicht unbedingt gut ist, weswegen ich fast das ganze Wochenende lang latent traurig war und hier mal kurz Ruhe einkehrte. Denn wenn irgendwas auf mein Gemüt schlägt, dann die Tatsache, nicht essen und nicht sprechen zu können, meine zwei privaten Hauptbeschäftigungen.

Der Freitagvormittag war aber schön, denn den verbrachte ich endlich mal wieder im Historicum bzw. in dessen Bibliothek, in der ich nun seit geschätzt drei Semestern nicht mehr war. Ich erwähnte es bereits: Durch die Lektüre der Speer-Biografie wurde ich in die Richtung von Goebbels’ Tagebüchern geschubst. Ich bestellte zwei der, keine Ahnung, 20 Bände in der Stabi vor, und erst danach fiel mir die Historicumsbibliothek ein, wo sie garantiert frei zugänglich im Regal stehen. Standen sie natürlich, also fuhr ich hin und stellte als eine Änderung mit dem neuen Plastikstudiausweis fest: Man muss ihn nicht mehr an der Pforte abgeben wie früher, wo man im Austausch dafür ein Nümmerchen bekommen hatte, damit die Pforte einen Überblick darüber hat, wieviele Menschen schon im Gebäude sind und ab wann sie die ganzen BWLer und Medizinerinnen abweisen darf, die gefälligst in ihren eigenen Bibliotheken lernen sollen. Ich durfte meinen Ausweis behalten und bekam statt der Nummer eine Parkscheibe, die ich schon aus der kunsthistorischen Bibliothek kenne: Damit markiert man seinen Platz, wenn man kurz Mittag macht, und wenn man einen Platz sucht und eine abgelaufene Parkscheibe findet, darf man sich dort hinsetzen. Musste ich noch nie, ich fange immer morgens an, arbeite, bis ich nicht mehr denken kann und gehe dann nach Hause, soweit es der Brotberuf erlaubt.

Da ich aber auf Feedback mittags wartete, hatte ich nur wenige Stunden. Die reichten aber auch, um bei den Tagebüchern schlechte Laune zu kriegen. Mein Sprachgefühl war nach der Lektüre für den Rest des Tages jedenfalls im Eimer. Konnte nur noch Telegrammstil schreiben. (Beispiel-Tweets.)

Zuhause wartete ich sinnlos, bis ich mich fürs Stadion feinmachen musste. Es war zu kalt für Hoodie und Trikot, aber zu warm für die dicke Winterwolljacke. Ich kombinierte total clever mein Hoodie mit einer Regenjacke darüber, die tollerweise eine irre große Innentasche hatte: Statt des schmalen Taschenbuchs fanden darin 900 Seiten Speer Platz. Auf die Thermotights unter der Jeans verzichtete ich, und das war der einzige Fehler: kalte Knie, wie immer. Rest war aber warm genug.

Ich fuhr ausnahmsweise alleine in Stadion, der Herr F. war letzte Woche unterwegs, was ich aber ganz nett finde, alleine zum Fuppes. Ich kann in meinem eigenen Tempo gehen und muss mich nicht dauernd innerlich dafür entschuldigen, langsamer zu sein als die anderen, ich kann die ganze Zeit lesen und muss im Zug nicht reden, ich kann einfach stumm alleine vor mich hinpuscheln. Mir fehlte allerdings ein Schluck Spezi auf der Hinfahrt; F. hat immer eine Weg-Spezi dabei. Eine ganze will ich nie trinken, aber ich vermisse inzwischen ernsthaft ein, zwei Schlückchen Spezi auf dem Weg nach Augschburg.

Es waren kaum Leverkusen-Fans unterwegs, auf der Hinfahrt sah ich keinen einzigen, aber bei einem Spiel am Freitagabend kann ich das sehr verstehen. Die Fahrt zum Stadion sowie der Fußweg waren ereignislos, der Einlass auch – ich hatte keine scheiß Handtasche dabei, konnte daher in die schnellen Schlangen, wo mein Buch zwar wieder eine hochgezogene Augenbraue verursachte, aber anstandslos durchgewunken wurde. Statt der üblichen Stadionwurst gab’s eine Portion Pommes, die ich als kaufreundlich empfand.

Als Nebenmann hatte ich dieses Mal einen Herrn in ungefähr meinem Alter, der 90 Minuten lang halblaut die Kurvengesänge mitsang und dauernd klatschte. Auf der anderen Seite, auf F.s Platz, saß die Ehefrau des Herren, der rechts von F. sitzt. Sie war erst das zweite Mal im Stadion dabei und fand alles toll. Bis auf das Endergebnis von 1:4, nehme ich an.

Das Spiel war fürchterlich, was aber nicht unbedingt daran lag, dass Augsburg so scheiße war, sondern Leverkusen so gut. Der FCA hat noch nie gegen LEV gewonnen, soweit ich weiß, und ich ahne langsam warum. Die SZ fasst gut zusammen:

„Augsburg ging früh in Führung, durch einen Kopfball von Kevin Danso nach einem Eckball in der 12. Minute. Doch schon bald darauf musste man an einen berühmten Dialog aus Tarantinos Pulp Fiction denken, obwohl es darin nicht um Fußball, sondern um die Bedeutung von Fußmassagen geht: “Es ist nicht dieselbe Liga, es ist noch nicht mal derselbe verdammte Sport”, sagt Samuel L. Jackson als Jules Winnfield zu John Travolta als Vincent Vega. Und war es wirklich derselbe Sport, den Augsburg und Leverkusen ausübten?

“Sie haben uns sehr früh unter Druck gesetzt, sehr gut unter Druck gesetzt”, sagte Augsburgs Torwart Gregor Kobel, “eine herausragende Truppe”, das müsse man einfach mal anerkennen. In Zahlen hatte Bayer 04 am Ende exakt 578 Pässe mehr gespielt als Augsburg, 91 Prozent der insgesamt 867 Pässe zum Mitspieler gebracht und 74 Prozent Ballbesitz gehabt. Der FCA kam manchmal gefühlte Minuten nicht an den Ball, Bayer 04 verteilte sich kurze Pässe spielend über das ganze Feld. Augsburgs Trainer Schmidt lobte: “champions-league-mäßig”.“

Ich kann Fußball immer noch nicht analytisch gucken, ganz egal, wieviele Taktikbücher ich noch lese (hier mein Favorit). Ich habe es mir zwar inzwischen angewöhnt, nicht mehr nur auf den Ball zu gucken, sondern das gesamte Feld zu erfassen, aber bei diesem Spiel ist mir vermutlich das gleiche passiert wie der Augsburger Verteidigung: Ich dachte mehrfach: „Huch, wo kommen denn da auf einmal drei Leverkusener her?“ Eben war der Strafraum noch leer, jetzt war der Gegner mit gefühlt 20 Mann da und das Spiel hätte locker noch schlimmer ausfallen können. Ich quengelte innerlich des Öfteren, wo denn die gerühmte Zweikampfstärke der Augsburger bliebe, aber die Jungs kamen gar nicht in diese Zweikämpfe, weil der Ball so schnell wieder weg war. Das war ein sehr ungewohntes Spiel, und ich musste irgendwann schlicht zugeben, dass am Freitag gegen diese Truppe nichts, absolut nichts auszurichten war.

Deswegen überlegte ich auch, etwas früher zu gehen, um den Zug um 22.45 nach München zu kriegen. Aber mir wurde von allen Fußballmenschen dieser Welt in den letzten Jahren eingebleut, dass man das nicht macht, man bleibt bis zum Ende, fertig, aus. Also blieb ich bis zum Ende, verpasste den Zug um fünf Minuten, fuhr daher bis zum Hauptbahnhof weiter und las noch ein Stündchen, bis ich um 23.41 endlich im warmen Regionalzug saß. Gegen ein Uhr war ich leicht verfroren und sehr müde wieder zuhause, fiel sofort ins Bett – und wurde um 3 mit Zahnschmerzen wach. Ich – habe – keine – Lust – mehr.

Ach, was mir während des Spiels noch auffiel: Erstmals – jedenfalls habe ich es zum ersten Mal mitgekriegt – wurde auf der Leinwand eingeblendet, wenn der Video-Schiedsrichter sich meldete. Sonst hatte man als Stadiongänger einfach immer die Arschkarte: Man sah, dass der Schiri die Hand am Ohr hatte, wusste aber nie, über welche Entscheidung gerade in Köln nachgedacht wurde. Dieses Mal wurde eingeblendet, worum es ging, und auch wie die Entscheidung ausfiel. Zwar erst, nachdem der Schiedsrichter schon angezeigt hatte, wie’s weitergeht, aber immerhin. Gute Sache.

Samstag morgen musste ich Zeug erledigen, was nicht ganz planmäßig klappte, ich war mal wieder genervt, ich hatte Zahnschmerzen, der Job ging mir auf den Keks, ich vermisste die Archivarbeit, die ich theoretisch die ganze Woche lang entspannt hätte machen können, ich war also innerlich ein unbefriedigtes Quengelkind und musste dazu auch noch durch die ganzen Tourist*innen navigieren, die gefühlt alle auf einmal am Samstag in der Stadt waren. Wie gut, dass hier überall Kirchen rumstehen, in denen man sich kurz eine Auszeit nehmen kann. Ich ging wie schon so oft in St. Michael, setzte mich in eine Bank und guckte auf den Hochaltar. Das Praktische an katholischen Kirchen ist ja, dass in ihnen SO VIEL ZEUG ist, dass der Kopf total beschäftigt wird und die innere Quengelnase nicht mehr zu Wort kommt. Ich blieb bestimmt 20 Minuten einfach nur sitzen und versuchte, an nichts anderes zu denken als „alles so schön gold hier“.

Dann setzte sich ein Touristenpärchen direkt hinter mich und probierte Tastentöne aus und ich flüchtete, immerhin halbwegs ausgequengelt. Meine Münze in der riesigen Spendendose machte irre viel Krach.

Den Rest des Wochenendes verbrachte ich quasi regungslos auf der Couch, sah Serien, las, schlief natürlich bei der Samstagskonferenz ein, wie sich’s gehört und war traurig über die gefühlt vertane Woche. Erst Sonntag nachmittag kam ich ein bisschen aus meinem Loch raus, denn ein neues Rezept für Zitronenschnecken mit Frischkäseglasur entpuppte sich als sehr schmackhaft. Noch nicht perfekt, aber schon sehr gut.

Und noch eine weitere Sache erfreute mich sehr, und es freut mich, dass sie auch auf Twitter so wohlwollend angenommen wurde: Eine Bibliothekarin des Deutschen Museums hatte hier im Blog gelesen, dass ich dort demnächst mal vorbeikommen wollte und bot mir einen Blick hinter die Kulissen an. Darauf bin ich schon sehr gespannt. Danke für das Angebot! Büchermenschen saving the day again!

Tagebuch Donnerstag, 25. April 2019 – Kein Beckmann für Gröner

Eigentlich wollte ich um 12 Uhr mal wieder in einem Hörsaal sitzen und mir eine Vorlesung zu Max Beckmann anhören – endlich eine Vorlesung, die die Zeit behandelt, in der ich mich mit der Diss bewege. Aber weil ich gestern im Blog so gequengelt habe, hat das Universum anscheinend zugehört und mir einen Zahnarzttermin genau zu dem Zeitpunkt verschafft, an dem ich vorhatte, die ganzen Senioren um mich herum zu ignorieren und mich auf Unikram zu freuen.

So saß ich stattdessen mal wieder im Zahnarztstuhl, stellte aber befriedigt fest, dass die Schiene jetzt passte und war erstmal glücklich. Durch das Rumdrücken und Zähneklappern, um zu gucken, ob an der Schiene noch was abgeschliffen werden muss, hatte ich aber danach wieder den ganzen Tag Schmerzen, und allmählich weiß ich auch nicht mehr, was ich noch machen soll. Der Zahn ist, wie bereits erwähnt, eh nur noch eine Ruine ohne Nerven und irgendwas, und eine ewig nicht abklingende Entzündung ist laut dem neuesten Röntgenbild auch so gut wie weg, daher weiß ich wirklich nicht, was da überhaupt noch weh tut.

Mir fiel erst gestern auf, dass das der gleiche Zahn ist, für den ich das einzige Mal in meinem Leben in eine nächtliche Zahnarztnotfallsprechstunde gefahren bin; der tat ewig weh und nachts dann so sehr, dass wirklich nichts mehr ging, so dass ich mir morgens um 3 die dickste Spritze ever habe geben lassen, so dass ich wenigstens ein bisschen und ohne weiterzuweinen schlafen konnte. Um 7 Uhr morgens stand ich dann bei meinem Hamburger Zahnarzt auf der Matte, der netterweise so früh Sprechstunde hatte, wo sich erstmal das Model am Empfang darüber beschwerte, dass ich keinen Termin hätte, aber ich war zu kaputtgeschossen, um Dinge nach ihr zu werfen. Der Zahn wurde aufgebohrt, der Nerv vernichtet, die Krone erneuert, die schon drüber war, und seitdem gibt er Ruhe.

Mein zweiter Zahnarzt in Hamburg stellte irgendwann eine Entzündung an den Wurzelenden fest, die noch da waren, er überwies mich zu einem Spezialisten, der sich angeblich damit auskannte, feinst verfieselte Wurzeln auszuputzen, damit da keine Entzündungsherde mehr drin sein könnten, ich lag knapp zwei Stunden mit dem Kopf nach unten bei miesester Musik und spürte dem eifrigen Herrn dabei zu, wie er sich darüber beschwerte, wie verfieselt meine Zahnwurzeln wären. Nach zwei Stunden gab er auf und meinte, der Zahn müsse raus, Zurücküberweisung zum Zahnarzt.

Aber da war ich dann bockig. Der Zahn tat nicht weh, überhaupt nicht, mit der damals neuen Schiene schon gar nicht – der wird nicht gezogen, basta. Mein Zahnarzt war nicht glücklich, meinte, man müsse die Entzündung beobachten, toll wäre das nicht, aber wenn ich nicht wollte, dann eben nicht. Ich wollte nicht, wir beobachteten, die Entzündung war jahrelang da (ich höre das medizinische Fachpersonal wimmern, das hier mitliest, keine Bange), ich zog nach München, vergaß drei Jahre lang, zum Zahnarzt zu gehen, mein schönes Bonusheft wurde wieder auf Null gestellt, dann suchte ich vor zwei Jahren, als sich mein Leben so langsam wieder beruhigte, den Arzt in meiner Nachbarschaft auf, an dessen Praxisschild ich beim Einkaufen immer vorbeikam, der Mann putzte ohne großes Tamtam die Wurzeln aus, füllte den Zahn auf, und seit dem Röntgenbild von vor zwei Wochen weiß ich, dass die Entzündung weg ist. Iss das, Hamburch!

Aber jetzt zickt halt irgendwas an dem toten Stumpf doch rum. Ich hoffe, meine schöne Schiene kriegt das wieder hin. Und wenn nicht, ist seine Stunde anscheinend doch mal gekommen. Seufz.

Bei einem Spontantermin muss man natürlich etwas im Wartezimmer rumsitzen, aber das war mir sehr recht, denn die Albert-Speer-Biografie von Magnus Brechtken liest sich ganz herrlich weg und aus den Fußnoten habe ich mir, wie immer, schon mehrere Bücher rausgesucht, die vielleicht für die Diss interessant wären. Speer hatte Anfang der 30er Kontakt mit Paul Ludwig Troost, den ich natürlich als Architekt des Hauses der Kunst kenne sowie der NS-Bauten am Königsplatz; in einer von denen befindet sich heute das ZI. Aber auf die Idee, eine Troost-Biografie anzulesen, um zu gucken, ob da vielleicht auch Protzen auftaucht, ist mir bisher noch nicht eingefallen; aus einem privaten Fotoalbum im Nachlass kenne ich Fotos, die Protzen bei der Grundsteinlegung des Hauses der Kunst 1933 gemacht hatte. Und vielleicht ist auch in den Goebbels-Tagebüchern, die Brechtken viel zu Rate zieht, was zum Autobahnbau zu finden.

Eine Formulierung, im Zitat von mir gefettet, kannte ich noch nicht, habe sie aber auf Anhieb als sehr passend gesehen:

„Wie so viele Nationalsozialisten, die Hitlers Kanzlerschaft euphorisch begrüßten, begann Speer seine Rolle im neuen Regime seit dem Januar 1933 rasch zu etablieren. […] sein Aufstieg war kein Selbstläufer. […] Dabei fällt auf, dass er in den ersten zwei Jahren primär als Agent in eigener Sache handelte, um sich zunächst einmal durchzusetzen. Zugleich verstand er sich als Teil der neuen Macht, die sich legitimiert sah, den Staat und dessen Mittel an sich zu reißen. Er agierte dabei wie ein expansiver Unternehmer, eroberte sich einen Marktanteil und sicherte sein eigenes Herrschaftsgebiet.

‚Leute wie Speer oder Heydrich akzeptierten nicht die Grenzen, die ihnen die Wirklichkeit setzte‘, hat Michael Wildt zu Recht betont, ‚sondern wollten sie mit noch radikaleren Mitteln durchbrechen, um ihre Ziele zu erreichen.‘ Speer war ein Prototyp dieser ‚Generation des Unbedingten‘, die im Nationalsozialismus hinter der Fassade uniformierter Bürgerlichkeit und akademischer Fachlichkeit ihre sozialdarwinistischen, Gefühle demonstrativ ablehnenden Einstellungen auslebte. Aufstiegswille, Machtbewusstsein und Bereicherungsabsicht liefen bei ihr regelmäßig ineins. Dass sich dies mit der nationalsozialistischen Rassenkampfideologie verband, ist kein Zufall, sondern entsprang einem Lebenskalkül.“

Magnus Brechtken: Albert Speer: Eine deutsche Karriere, München 2017, S. 45.

Da kann man jetzt durchaus Parallelen zu einer neueren Partei ziehen, aber das überlasse ich euch.

Als Stadionbuch ist Speer leider zu dick, das passt in keine Jackentasche. Da steckt stattdessen momentan ein Buch von Ruth Klüger, aus dem ich auch noch ein Zitat habe. Es geht um „Frauenromane“ des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts und ich musste sofort an Fontane denken, auch wenn der nicht in diese Kategorie fällt:

„Die Traditionsgebundenheit dieser Literatur ist dermaßen stark, dass sie überhaupt nur solche Leser ansprechen kann, die sich mit dem Status quo abfinden müssen oder glauben, es zu müssen. Sie trägt zur Anpassungsfähigkeit der Minderberechtigten bei, und nur in diesem Sinne handelt es sich um ‚Frauen‘-Romane. Denn ein vorurteilsloser Beobachter könnte doch wohl erwarten, dass diese Bücher das weibliche Leben mit liebevoller Sorgfalt und realistischen Einzelheiten beschreiben. Davon kann aber gar keine Rede sein. Vom Alltagsleben der Frauen wird nur sehr beschränkt gehandelt; Küche und Kinderzimmer, wo ja die Mehrzahl der Frauen ihre Lebensarbeit verrichten, sind nur selten der Schauplatz der Ereignisse. Schwangerschaften werden idealisiert oder ausgelassen; Kinder kommen in höchstens zwei Sätzen zur Welt, von denen anderthalb von der Aufregung des Vaters, ein weiterer halber von der Blässe der Mutter berichten. Einmal zur Welt gekommen, brauchen diese Wesen offenbar keine Windeln; denn die eigentliche Mühe der Kinderpflege wird ausgeklammert, während Männerarbeit stets betont wird. Menstruiert wird nie, nicht einmal andeutungsweise.“

Der Aufsatz ist bereits von 1974, heute dürfte das jede*r klar sein, aber ich mochte die Formulierung gerade zur Geburt so gern.

Ruth Klüger: Frauen lesen anders: Essays, München 2016, Erstauflage 1996, S. 12.

Tagebuch Dienstag/Mittwoch, 23./24. April 2019 – Zahnarzt und Autobahnen

Vor den Osterfeiertagen hatte ich einer Kundin noch Texte rübergeschoben, aber nicht wirklich mit Feedback gerechnet. Das blieb auch bis gestern abend aus, wie ich dann erfuhr, kommt es heute. Auch gut, denn so konnte ich weiter an der Diss sitzen.

Zwischendurch musste ich mal wieder zum Zahnarzt. Meine schöne Knirschschiene hatte ich vor jetzt fast zwei Wochen beim morgendlichen Abspülen angebrochen, sie musste also repariert werden. Ich schlief einige Nächte ohne Schiene, bevor ich einen Termin hatte, und als ich ihn hatte, hatte ich außerdem Zahnschmerzen – weil ich jetzt nachts auf einem blöden Backenzahn rumkaue, weswegen ich die Schiene habe, clever, gell? Die Reparatur war nicht bis Ostern fertig, bis dahin bekam ich zur Überbrückung ein lustiges Ding namens Aqualizer, das theoretisch eine gute Idee ist, von dem ich aber nach zwei Nächten noch mehr Zahnschmerzen bekam, keine Ahnung warum. Vorgestern wachte ich um 5 Uhr morgens mit größeren Schmerzen auf als ich sie die ganze letzte Woche über gehabt hatte, war fast genervt genug, um in die Notaufnahme zu fahren, warf aber lieber erstmal ein Kilo Ibuprofen ein – und schlief dann einfach ohne irgendwas zwischen den Zähnen wieder ein. Und, ta-daa: Ich erwachte erstmals seit zehn Tagen ohne Schmerzen. Außerdem war ja nachmittags mein Termin, an dem ich die reparierte Schiene wiederbekommen sollte, alles war gut.

Bis auf die Tatsache, dass die Schiene nicht passte, warum auch immer. Das zahnärztliche Rumdrücken machte den Backenzahn wieder zickig, weswegen ich seit vorgestern wieder mehr Schmerztabletten nehme. Dieses Mal soll die Reparatur bis zum 7. Mai dauern, und als ich das hörte, meckerte ich zum ersten Mal den armen Empfang an, der natürlich nichts dafür kann, dass mein Arzt nächste Woche im Urlaub ist und der Zahntechniker angeblich gerade alleine. Bis dahin bin ich vermutlich schmerzmittelabhängig und habe keinen Backenzahn mehr. Die Praxis wollte mich zurückrufen, um mir einen hoffentlich früheren Termin zu nennen, aber noch weiß ich nichts, und ich bin extrem pissig. Und habe Schmerzen. Super Kombi.

Deswegen war es immerhin nett, dass ich mich mit Autobahnmalerei ablenken konnte und nicht mit Werbetexten. So richtig konzentrieren konnte ich mich aber nicht und ich verlor mich, wie immer, in irgendwelchen Fußnoten, deren Quelle mir schon mehrfach aufgefallen war, die aber alle nur mit einem Halbsatz zitieren und mich interessiert jetzt dringend die andere Hälfte vom Satz. Dass es Zeitschriften gab wie Die Tonindustrie-Zeitung, die nichts mit Musik, sondern mit Baustoffen zu tun hat, fand ich dann aber wieder lustig. Hoffentlich ignoriert mich die Unibibliothek Frankfurt, die ich um einen Scan gebeten habe, nicht so sehr wie mein Zahnarzt.

Eine weitere Zeitung fand ich ebenfalls nicht in der Stabi in München, die natürlich immer mein erster Anlaufpunkt ist, aber dafür an der Technischen Uni – und in der Bibliothek des Deutschen Museums. Ich denke, ich werde letztere mal aufsuchen, in der war ich noch nie. Dort ins Archiv muss ich eh, weil Protzen einige Gemälde für das Museum anfertigte, aber erstmal will ich diese eine blöde Quelle im Original lesen. UND MEINE SCHIENE WIEDERHABEN!

The Politicians who love “Ulysses”

Der New Yorker über drei Demokraten, die dieses Buch anscheinend gelesen haben und wie sie das in ihre Reden und Interviews einbauen.

„You can tell that the race for the 2020 Democratic Presidential nomination is getting serious because the candidates are talking about . . . James Joyce. Pete Buttigieg and Beto O’Rourke have gone out of their way, in interviews and public events, to embrace the Irish master; Joe Biden has been name-dropping and crypto-quoting him for years. As a Joyce scholar, I have a Google alert for the author, and the notifications typically skew plagiaristic (offering term papers on, say, Joyce’s story “Araby”). But, during the past few weeks, I have been inundated with stories from Vulture, the Irish Times, the Washington Post, Vogue, and Esquire discussing the candidates’ positions on “Ulysses” and “Finnegans Wake.”“

Diesen Absatz fand ich sehr schön:

„In the current political environment, name-checking the writing of James Joyce may not seem like the canniest move. It’s a dog whistle, meant to appeal to refined impulses, to élite rather than populist sympathies. How shall we put it? Joyce is a snob whistle. “Ulysses” in particular, and Joyce more broadly, have long served this function in American culture. Four years before “Ulysses” was available in the United States, The New Yorker ran a cartoon by Helen Hokinson that depicted a society matron furtively trying to obtain a copy of the famously smutty novel in Paris: “Avez-vous ‘Ulysses’?” Soon after the novel arrived Stateside, in 1934, Vanity Fair published a parody of Joyce fandom, titled “The People’s Joyce,” that promised “six socially correct remarks about James Joyce to make to your partner at a formal dinner.” The piece exploits the reader’s anxiety over not being able to master “Ulysses,” while suggesting that mastering that anxiety, rather than the novel, is all that is really necessary.“

1000 Fragen, 201 bis 220

(Ich paraphrasiere Christian: „Die Fragen stammen ursprünglich aus dem Flow-Magazin, Johanna von pink-e-pank.de hat daraus eine persönliche Blog-Challenge gemacht, und Beyhan von my-herzblut.com hat das PDF erstellt.“)

201. Wie gut kennst du deine Nachbarn?

Über mir wohnt ein Pärchen, das nie Krach macht und zweimal im Jahr Familienbesuch hat. Das weiß ich, weil sie vorher neben mir gewohnt haben. Jetzt kriege ich nichts mehr von ihnen mit.

Ihnen gegenüber wohnt die einzige Nachbarin, mit der ich wirklich Kontakt habe. Sie hat mir beim Umzug geholfen und war gerade vor ein paar Tagen auf einen Espresso bei mir am Küchentisch. Außerdem gehörten ihr die ganzen tollen Bücher, die ich in den letzten Wochen im Hausflohmarkt gefunden habe, was ich aber nicht wusste.

Unter mir wohnt eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die morgens zeternd zur Kita geschleift werden, wo sie sich anscheinend nie wirklich austoben können. Von 17 bis 19 Uhr hört es sich nämlich an, als ob sie die elterliche Wohnung auf Holzclogs mit einem Baseballschläger in Kleinholz verwandeln. Dann ist anscheinend Bettzeit, ich höre sie manchmal im Bad bei der gut gelaunten Abendtoilette, und dann bauen die Eltern vermutlich die Möbel wieder auf, lautlos.

Neben mir wohnt eine junge Dame, die gerne singt. Ich versuche seit Jahren (ich habe sie auch schon gehört, als ich noch über ihr wohnte) ein Lied zu erkennen, aber es ist mir erst einmal, vor Kurzem, gelungen – allerdings nicht an der Melodie, sondern am Text, den ich verstanden habe. Es war Taylor Swift. Sie scheint über Kopfhörer Musik zu hören, und manchmal begleitet sie sich auch an der Gitarre. Das scheinen eigene Lieder zu sein, und da weiß sie auch deutlich besser, was sie singen kann und was sie lieber lassen sollte.

Im Stockwerk schräg über mir wohnt ein älteres Ehepaar; die Frau redet immer mit mir, wenn wir zufällig den gleichen Fahrstuhl erwischen, aber sie spricht ein so dickes Bairisch, das ich sie quasi nie verstehe und immer nur freundlich „Ach was?“ sage.

Zwei Stockwerke unter mir wohnt das Hausmeisterehepaar. Der Herr benutzt ein Putzmittel im Treppenhaus, das wie das gute, alte Apfelshampoo aus den 80er Jahren duftet, und ich entschuldige mich immer, wenn ich über die frisch gewischten Treppenstufen gehen muss.

Den Rest kenne ich nur, wenn sie mal ein Päckchen für mich angenommen haben, was weder in die Packstation oder an einen anderen Abholpunkt ging.

202. Hast du oft Glück?

Ich habe noch nie richtig Geld im Lotto gewonnen, aber ich freue mich immer, wenn die U-Bahnen gerade einfahren, wenn ich ankomme. Da dauernd welche kommen, weiß ich nie, wann genau sie abfahren, ich gehe einfach irgendwann von zuhause los, in höchstens zehn Minuten fährt immer irgendwas. Ich müsste ab heute mal darauf achten, aber ich würde sagen, in 50 Prozent aller Fälle, an denen ich am Bahnsteig stehe, muss ich weniger als fünf Minuten warten, was ich als „Glück gehabt, richtig losgegangen“ bezeichen würde. Ich beantworte die Frage daher einfach mal mit Ja.

203. Von welcher Freundin unterscheidest du dich am meisten?

Hä? Quatschfrage. Körperlich unterscheide ich mich von allen, hilft das?

204. Was machst du anders als deine Eltern?

Ich habe keine Kinder, ich will kein eigenes Haus auf dem Dorf haben, ich fahre kein Auto mehr, ich klebe keine Analogfotos ein (ich mache ja kaum digitale). Ich bin inzwischen aber neidisch auf ihren Garten und die Obstbäume, die mir jahrzehntelang egal waren.

205. Was gibt dir neue Energie?

Spannende Lektüre, ein neues Projekt, ganz egal ob beruflich oder privat, ein neues Kochrezept, das ausprobiert werden will. Unterhaltungen mit F. Wenn ich mich mal aufraffe, Sport. Aber die kurze Fahrradfahrt zur Uni oder ins ZI auch! Eiskalte Spezi.

206. Warst du in der Pubertät glücklich?

War irgendjemand in der Pubertät glücklich? Ich glaube, ich fand es vor allem anstrengend, aber ich kann ich nicht mehr an so irre viel erinnern.

207. Wann hast du zuletzt eine Nacht durchgemacht?

Als ich noch gekellnert habe, hatte ich morgens um 7 Feierabend, gilt das? Aber da habe ich dann halt bis Mittags geschlafen. Ich glaube, ich habe einmal in der Werbeagentur als unwissende Juniorette ähnlich lange gearbeitet, musste aber um 9 wieder am Schreibtisch sein. Das dürfte der Tag gewesen sein, an dem ich innerlich beschlossen habe, meinen Job bis 18 Uhr durchzuziehen und dann verdammt nochmal gefälligst nach Hause zu gehen. Hat aber erst nach dem Juniorenstatus geklappt, als ich soviel Standing in der Agentur hatte, es mir leisten zu können, nach Hause zu gehen ohne Deppensprüche wie „Na, halben Tag freigenommen?“ abzukriegen.

Ich hoffe, diese Arbeitsweise hat sich inzwischen in Agenturen erledigt. Und überall sonst bitte auch.

208. Womit beschäftigst du dich am liebsten in deinen Tagträumen?

Wohlhabend sein, ein riesiges Penthouse einrichten, Jobs machen, die ich im Leben nie machen werde (alle erfolgreich natürlich). Inzwischen bin ich auch in meinen Tagträumen weiter dick, das war ich früher nie. Da hatte ich gerade die eine erfolgreiche Diät hinter mir und war nun mühelos schlank. Inzwischen baue ich Hinweise auf Fat Acceptance in meine Oscar-Dankesreden ein.

209. Blickst du oft um?

Ich verstehe das als: Blickst du zurück, nicht metaphorisch, sondern im Straßenverkehr. Dann: ja, natürlich, du etwa nicht, Fragebogen? Gerade zu Fuß glotze ich die ganze Zeit in der Gegend rum, Architektur angucken oder Blümchen am Wegesrand.

210. Was wissen die meisten Menschen nicht über dich?

Eine Menge. Lauter Sachen, die nicht ins Blog gehören, ta-daa.

211. Worüber hast du mit deinem Partner immer wieder Streit?

Wir streiten überraschend selten, wir sind beide große Konsenspuschel. Wenn mal irgendwas nagt, wird das zivilisiert besprochen. Nicht zusammenzuwohnen hilft dabei übrigens ungemein; man kann erstmal in Ruhe einen halben Tag ausstinken.

212. Worauf freust du dich jeden Tag?

Morgens die Balkontür aufreißen zu können (Durchzug!). Die alberne bunte Lichtdusche, die mir die Vormieterin dagelassen hat; macht echt immer noch gute Laune. Der morgendliche Flat White. Gutes Brot. Schreiben, immer wieder, egal was. Zeit auf dem Sofa (hab ich immer). Die Guten-Morgen- und Gute-Nacht-DM von F.

213. Welche Freundschaft von früher fehlt dir?

Keine. Jede Freundschaft hat seine Zeit. Es gibt Menschen, bei denen ich nicht mehr nachvollziehen kann, warum ich so viel Zeit mit ihnen verbracht habe – sie fehlen mir auf einmal überhaupt nicht mehr. Das bedauere ich in einigen Fällen im Kopf, aber für den Bauch ist alles in Ordnung. Dann passt das so für mich.

Wobei: Karl. Den habe ich ja nicht gehen lassen, der wurde mir weggenommen. An ihn denke ich noch manchmal. Vielleicht zu selten.

214. Wie gehst du mit Stress um?

Durcharbeiten, durchhalten, aushalten. Danach viel Schokolade und/oder viel Schlaf.

215. Gibst du dich gelegentlich anders, als du in Wirklichkeit bist?

Ich renne in der Öffentlichkeit nicht im Schlafanzug rum, dem einzig wahren Kleidungsstück, meinst du sowas?

216. In welchem Punkten gleichst du deinem Vater?

Mir fallen als erstes körperliche Merkmale ein. Die Fähigkeit, schlimme Reime auf Familienfeiern zu machen, habe ich von ihm (und sehr schnell abgelegt). Ansonsten haben wir nicht viel gemeinsam, fällt mir nach längerem Nachdenken ein.

217. Kann man Glück erzwingen?

Man könnte sich mal merken, wann die U-Bahnen fahren.

218. Welcher Streittyp bist du?

Der „Why can’t we all just get along“-Typ. Wenn das nicht funktioniert, bin ich, glaube ich, viel zu schnell persönlich und immer zu emotional.

219. Bist du morgens gleich nach dem Aufwachen richtig munter?

Seit ich mir das Snoozen abgewöhnt habe, ja.

220. Wie klingt dein Lachen?

Kristallklar perlend, sympathisch weiblich, und dabei werfe ich meine langen blonden Haare verspielt in den schlanken Nacken. Ein glutäugiger Herr reicht mir einen Champagnercocktail, während wir den Sonnenuntergang an der französischen Atlantikküste von unserem Penthousebalkon … (fade out)

Tagebuch Montag, 22. April 2019 – Lesetag: „Stamped from the Beginning“

Im Februar war der Verfasser von Stamped from the Beginning: The Definitive History of Racist Ideas in America, Ibram X. Kendi, in München, um über sein Buch zu sprechen, ich schrieb darüber. Im März begann ich, es endlich zu lesen, und es hat doch etwas gedauert, sich durchzukämpfen.

Stamped ist ein fast atemloser Abriss über die Entstehung rassistischer Ideen und ihrer Verbreitung hauptsächlich in den USA. Atemlos, weil der Herr über 400 Jahre Geschichte auf 500 Seiten unterbringen und sich daher sehr oft sehr kurz fassen muss. Es bleibt Kendi kaum etwas anderes übrig, als vieles nur anzureißen, aber er schafft es immer, die grundsätzlichen Themen und Problematiken aufzubereiten, um eine Entwicklung aufzuzeigen. Oder eben auch keine: Rassistisches Gedankengut ist da und will anscheinend auch nicht weggehen, ganz egal, welche Strategien schwarze Menschen (und ihre Allys) dagegen entwickeln.

Das Buch nutzt die Biografien von fünf Menschen als Gerüst, um daran die sich verändernde Gesellschaft wiederzugeben, in der sich die fünf bewegen. Wir beginnen mit dem Puritaner Cotton Maher, in dessen Kapitel die Ursprünge rassistischen Gedankenguts erläutert werde und wie sie von Europa, wo Portugal im 15. Jahrhundert Afrikaner*innen verschleppte, in die USA gelangten. Auch der Begriff der „Rasse“, auf Menschen angewandt, scheint im 15. Jahrhundert entstanden zu sein. Das erste Sklavenschiff aus Afrika, das Nordamerika erreichte, sollte eigentlich in den Süden des Kontinents fahren, legte aber zwischen Juli und August 1619 in Virginia an. Das Kapitel beschäftigt sich hauptsächlich mit den damals immer neuen Theorien, wie man die Minderwertigkeit schwarzer Menschen „belegen“ kann, was mein Verständnis von vielen weißen Denkern um eine Facette erweitertern konnte. Dass gerade die Aufklärung nicht immer dem entsprach, was ich in der Schule gelernt hatte, wurde hier noch einmal bestätigt: Im Bezug auf Frauen hatte ich das schon in der Uni mitbekommen, das auf einmal wilde Gedankengebäude errichtet wurden, um klarzumachen, dass die Weibsbilder eher doof sind und des schlauen Hausherrn bedürfen, nachdem sie es jahrhundertelang trotz ihrer angeblichen Minderwertigkeit aber anscheinend irgendwie geschafft hatten, Haushalte zu führen, den Überblick über Finanzen zu behalten, medizinisches Wissen zu erwerben und so weiter und so fort, bitte lesen Sie andere Bücher zu diesem Thema. Die Aufklärung war aber auch groß darin, schwarze Menschen auf diverse Stufen unterhalb der weißen zu stellen. (Ich schrieb schon einmal über die Idee des polygenism.)

Damit beginnt das zweite Kapitel, das sich an der Biografie Thomas Jeffersons anlehnt, der in der hauptsächlich von ihm verfassten Unabhängigkeitserklärung nicht auf die Idee kommt, dass sein schöner Satz „all men are created equal“ auch für Schwarze gilt. Und für Frauen, aber ich lasse dieses Fass jetzt mal stehen, ich krieg schon wieder schlechte Laune – was übrigens die Grundemotion ist, mit der man dieses Buch durcharbeitet. Dass Jefferson mehrere Kinder mit einer seiner Sklavinnen, Sally Hemings, hatte, ist inzwischen auch nichts Neues mehr.

In diesem Kapitel war für mich die Überlegung der sogenannten uplift suasion spannend, also die Idee, dass Schwarze Weiße davon überzeugen müssten, eigentlich ganz okay zu sein. Die Idee, möglichst nett zum Unterdrücker zu sein, um ihm klarzumachen, dass man selbst kein Untermensch ist, zieht sich bis heute auch auf anderen Ebenen durch, und sie funktioniert nie. Frauen werden Maskulisten nicht überzeugen, Geflüchtete keine AfD-Wähler, Dicke keine Slimfastfans. Ja, dünnes Eis, ich weiß. Ich habe mich aber so oft an die eigene Nase gefasst, weil ich mich daran erinnert habe, wie sehr ich versucht habe und es teilweise immer noch versuche, Menschen davon zu überzeugen, dass ich als dicke Frau genauso viel wert bin wie ein schlanker Mann. Wenn man das liest, merkt man, wie bescheuert dieser Gedankengang ist. Ich muss niemanden von meinem Wert überzeugen, der ist inhärent. In jedem Menschen, immer, überall. Trotzdem war die „uplift suaison“ eine Taktik, um Weißen klarzumachen, dass Schwarze nicht dumm, faul und wasweißichnoch sind. Das zieht sich auch ins nächste Kapitel, wo William Lloyd Garrison die Hauptfigur ist.

Garrison war einer der ersten aktiven Abolitionisten, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzten. Er war aber auch einer der von Kendi sogenannten assimilationists. Kendi unterscheidet konsequent durch das ganze Buch hindurch, was ich sehr hilfreich fand, zwischen Rassisten, assimilationists und anti-racists. Garrison glaubte, wie viele seiner Zeit, dass die Sklaverei schwarze Menschen derart beschädigt habe, dass sie nun Hilfe bräuchten, zu den Weißen aufzuschließen. Nett gemeint, aber: rassistisch, denn das bedeutet, dass er Schwarze als minderwertiger ansieht als Weiße. Social Uplift war eine Strategie, die vor allem nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs und dem (angeblichen) Ende der Sklaverei verfolgt wurde. Zum ersten Mal wurde von Schwarzen verlangt, sich doch nun bitte weiß zu verhalten, aber gleichzeitig wurde ihnen vorgeworfen, eben das nicht zu schaffen, was auf persönliches Versagen zurückgeführt wurde und nicht auf die Umstände, die bis heute dafür sorgen, dass Weiße und Schwarze nicht die gleichen Voraussetzungen haben. Mitte der 1990er Jahre waren 40 Prozent der Insassen von Todeszellen schwarz, obwohl sie nur 10 bis 14 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Ungefähr zur gleichen Zeit besaßen Schwarze ein Prozent (!) des US-amerikanischen Gesamtvermögens. 1865 waren es 0,5 Prozent. 2012 stellte eine Studie fest, dass weiße Jugendliche dreimal so oft zu Drogen griffen als Schwarze, diese aber weitaus öfter dafür festgenommen wurden. (Für weitere Zahlen verlinke ich mal wieder auf Ta-Nehisi Coates ausgezeichnetes Essay The Case for Reparations von 2014.) Ich habe übrigens auch gelernt, dass das good hair, das ich nur von Beyoncé kannte (“Becky with the good hair”, Lemonade) schon ein Begriff des 19. Jahrhunderts war, wo teilweise Schwarzen unterstellt wurde, gar keine Haare auf dem Kopf zu haben, sondern Wolle. Wie Schafe.

Zurück zu der Dreiteilung von assimilationists, racists und anti-racists. Ich finde die Stelle im Buch leider nicht wieder, sie kommt im letzten Kapitel, als es um Reagans war on drugs und die perfide Fantasiegestalt der welfare queen geht, aber sinngemäß kann man es so erklären: Rassisten glauben, es ist irgendwas nicht in Ordnung mit Schwarzen. Anti-Rassisten sagen, es ist alles in Ordnung, es gibt bei Schwarzen genau wie bei Weißen diverse Charaktere, ein Verbrecher steht nicht für alle anderen seiner Hautfarbe, genausowenig wie ein Genie. Assimilationisten glauben, im Prinzip ist alles in Ordnung mit Schwarzen, aber sie könnten sich ja schon ein bisschen zusammenreißen und anstrengen, dann würde es ihnen besser gehen. Ich hoffe, das ist nicht zu flapsig wiedergegeben.

Kendi nennt auch den Protagonisten des vierten Kapitels, W. E. B. Dubois, einen assimilationist, denn auch er ist anfangs noch von uplift suaison überzeugt, bis ihm im Laufe seines langen Lebens allmählich klar wird, dass Schwarze sich noch so viel anstrengen können wie sie möchten – für Rassisten werden sie nie gleichwertig werden. Angela Davis, die Hauptfigur des letzten Kapitels, hat sich von dieser Vorstellung auch schon verabschiedet. Ihr Kapitel war für mich fast am aufschlussreichsten, weil es in die Jetzt-Zeit hineinreicht und Menschen auftauchen, die mir durch Medien oder ihre Werke schon begegnet sind (Spike Lee, The Cosby Show, Set If Off, Barack Obama). Auf einmal las sich das Buch nicht mehr wie ein Geschichtsbuch, sondern wie ein Kommentar zur Lage der Nation. Allerdings kein besonders optimistischer.

Was mir am Buch sehr gefallen hat, war die Inklusion von anderen Denkweisen, die sich mit Diskriminierung befassen. Intersektionalität ist bei Kendi von Anfang an dabei, es geht ihm nie ausschließlich um große Männer und ihre Politik, sondern auch um die besondere Rolle, die Frauen in der Rassismusfrage hatten und haben (wird spätestens bei der Diskussion der Black Power bzw. Black Panther sichtbar). Er bezieht außerdem Latina/os mit ein (seine Schreibweise) und ist sich sehr darüber bewusst, dass eine Person immer vieles in sich vereint.

Außerdem zitiert Kendi aus vermutlich allen wichtigen Texten zu diesem Thema. Alleine für die Leseliste, die man sich im Laufe der Kapitel zusammenstellen kann, lohnt sich das Buch. Ein befreundeter Historiker, dessen Gebiet die USA im 19. Jahrhundert sind, meinte, er habe nicht viel Neues gelesen, aber für mich waren doch noch viele Ebenen zu entdecken, vieles neu zu überdenken und eigene Vorurteile überhaupt erstmal festzustellen. Das Buch ist unter dem Titel Gebrandmarkt: Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika inzwischen auch auf Deutsch erschienen, zur Übersetzung kann ich allerdings nichts sagen. Wenn ihr euch den oben verlinkten Facebook-Vortrag mal anschaut: So wie der Mann spricht, schreibt er auch. Größtes Kompliment, das ich verleihen kann.

Große, anstrengende, aber wie ich finde, äußerst sinnvolle Leseempfehlung, gerade weil es in der Universalität der Rassismusdefinition eben nicht nur auf die USA begrenzt ist, sondern auf andere Länder übertragbar ist.

Besprechung in der Washington Post: The Racism of Good Intentions.

Rezensionsübersicht der deutschen Ausgabe beim Perlentaucher.

Tagebuch Sonntag, 21. April 2019 – Barfußtag und Champions League

Halbwegs schmerzfrei aufgewacht, yay. Der zickende Zahn kann inzwischen auch heiß und kalt wieder ab, das heißt, meine neue Bohnensorte musste in Flat-White-Form nicht lauwarm werden. Tolles Zeug, das mir Kai da in seinem Riesenbohnengeburtstagspaket aus Hamburg angeschleppt hat – Empfehlung! Passt auch gerade hervorragend in die Jahreszeit.

Samstags-FAZ nachgeholt, im Internet rumgehangen, mir neue (alte) Serientipps geholt, aber dann doch keine Lust darauf gehabt. Gelesen.

Um kurz nach vier allmählich stadionfein gemacht; praktisch, dass das Täschchen noch vom Augsburg-Spiel gepackt war. Die Bayern-Damen spielten ihr Champions-League-Halbfinalhinspiel gegen den FC Barcelona aus und F. hatte uns Karten besorgt. Angeblich war das Spiel ausverkauft (2500 Plätze), aber so richtig dicht sah der FC-Bayern-Campus nicht aus. Barcelona hat übrigens schon über 10.000 Karten für das Rückspiel am nächsten Sonntag verkauft, und gerade erst letzten Monat haben die Damen von Barca und Athlético Madrid einen Rekord für Zuschauer*innen aufgestellt: über 60.000. Davon sind wir hier leider noch sehr weit entfernt, darüber steht auch was im verlinkten Artikel.

Das Spiel war etwas zäh und manchmal arg fahrig, aber immerhin spannend, leider mit dem besseren Ende für Barcelona, das sich mit 1:0 durchsetzen konnte. Kann man sich hier nochmal in Gänze anschauen; das Rückspiel wird soweit ich weiß, auch von Bayern TV bzw. Sport 1 übertragen. (28. April, 12 Uhr.)

Ich habe auch brav bei der belanglosen Agentur-Choreo mitgemacht (ein Block weiß, ein Block rot, ein Block weiß …). Es hilft ja nichts, bei so wenigen Zuschauer*innen wollte ich nicht die Spielverderberin machen. Wenn in der Allianz-Arena Pappen ausliegen, ignoriere ich die immer, Augsburg macht so einen Kasperkram netterweise eh nicht.

Es ist erst mein drittes Spiel bei den Damen und ich stolpere immer noch über den Unterschied im Publikum. Es ist weitaus weniger engagiert, was aber vielleicht schlicht die fehlende Masse liegt, in der man aufgehen kann. Viel mehr Kinder, was mich freut, viel mehr Mädchen und Frauen, was mich noch mehr freut. Aber eben auch Leute, die sonst nicht zum Fußball gehen, glaube ich jedenfalls: Neben mir saß eine ältere Dame, die ernsthaft bei jedem Ballverlust, bei jedem Fehlpass und bei jedem Trikotzupfer „Ups!“ quietschte, weil das für sie anscheinend alles irre überraschend kam, und sobald sich Barcelona dem bayerischen Tor näherte, singsangte sie panisch „NeinneinneinneinNEIN!“. Wobei mir letzteres durchaus bei den Herren auch mal rausrutscht, allerdings eher am Laptop und nicht im Stadion.


(Leider arg unfreundlicher Sonnenstand fürs Stadionfoto. Frau Gröner hat übrigens endlich verstanden, wie Sonnencreme funktioniert und hat auch nach zwei Spielen bzw. drei Halbzeiten in praller Sonne keinen Sonnenbrand! Bist ne alte Kuh, lernst immer noch dazu!)

Hoffentlich letzter oder vorletzter Suppentag, ich habe nicht mehr viel Gemüse da. Gestern gab’s Tomatensuppe, die aber eher nach Nudelsauce geschmeckt hat, weswegen ich Schmacht auf Nudeln hatte, mich aber noch nicht getraut habe. Ich glaube, ich schwenke heute auf Grießbrei als Krankenkost um.

Bis zum Zeitpunkt, als ich mir die Stadionsneakers anzog, lief ich den ganzen Tag barfuß rum, was ich sehr liebe. Erster Tag im Jahr, an dem das ging.

Tagebuch Samstag, 20. April 2019 – Fast stummes Fuppesgucken

Seit Donnerstagabend habe ich fast komplett die Klappe gehalten, weil ich das Gefühl hatte, dem doofen Zahn täte es gut, wenn mein Mund so wenig tut wie möglich. Eigentlich wollte ich am Donnerstag in „Das Leben des Brian“ sitzen und so in den Karfreitag reinkommen, aber schon beim Vorfilmgetränk merkte ich, das geht heute nicht. Die Portion Pommes, die ich mir zur Apfelschorle bestellt hatte, war vermutlich auch eher eine doofe Idee, aber ich hatte den ganzen Tag nur ein paar Schokoostereier gegessen und war hungrig. Trotzdem haben die fünf Sätze, die ich mit der Tischgesellschaft gewechselt habe, plus die Pommes meinen Zahn wieder dazu gebracht, äußerst unangenehm rumzuzicken, weswegen ich lieber nach Hause ging und Schmerztabletten nachlegte.

Den Freitag verbrachte ich dann stumm auf dem Sofa und bereitete mir abends, wie gestern geschrieben, ein Spargelcremesüppchen zu, das ich erstmal lauwarm werden lassen musste, denn auch heiß und kalt findet meine Zahnruine gerade doof.

Samstag morgen wachte ich wieder mit Schmerzen auf und war nicht nur genervt, sondern auch ein bisschen ängstlich davor, ins Stadion zu gehen. Ein Fußballspiel in Augsburg dauert mit An- und Rückreise nach München immer so um die sechs Stunden, und obwohl ich die Hosentaschen voller Ibu hatte, war ich mir nicht sicher, ob das eine gute Idee sei, hinzufahren. Meine Mitfahrenden versicherten mir aber, ich könne ruhig stumm mit der Nase im Buch neben ihnen sitzen, und es war halt auch ein Spiel, das ich dringend sehen wollte, nämlich gegen den direkten Konkurrenten aus Stuttgart, der gestern auf dem Relegationsplatz 16 stand, dann kam Schalke, dann Augsburg auf 14. Ich war auch nicht die einzige, die auf dieses Spiel gespannt war: Wo die Arena in Augschburg sonst eher nur gegen Bayern und Dortmund ausverkauft ist, war auch dieses Spiel dicht. F. berichtete mit gespielter Entrüstung über die Kartenanfragen, die er seit dem Frankfurt-Spiel am letzten Sonntag bekommen hatte: „Wo wart ihr alle im Februar, als der Verein beschissen gespielt hat und wir gefroren haben, na, NA?!?“

Gestern hatte neben Augsburg auch der FC Bayern ein Heimspiel; während ich im FCA-Trikot am Hauptbahnhof die Rolltreppe hochkam, fuhrend dutzende von Menschen in Bayern-Trikots in die andere Richtung. Unser Zug hatte dann unerwartet Verspätung; wir kamen noch rechtzeitig am Stadion an, aber ich verpasste den Kaschperl und hörte mir daher erst für diesen Blogeintrag an, dass die gute Holznase auf einen 3:0-Heimsieg getippt hatte. Im Stadion wäre mir das ungehörig optimistisch vorgekommen, ich hatte mich auf einen dreckigen Abstiegskampf eingestellt und hoffte auf ein 1:0.

Durch die Verspätung gab’s auch für F. keine traditionelle Stadionwurst, bei der ich per DM gescherzt hatte, dass er mir die halt vorkauen müsste. Ich schaffte es immerhin noch, auf dem Klo Sonnencreme nachzulegen und eine Ibu reinzuwerfen, und dann ging’s mir eigentlich recht gut. Die Stadionhymne sang ich nicht mit, während der Kids Club seine Runde drehte, ich brüllte keine Mannschaftsaufstellung mit, und erst gestern merkte ich, wie sehr mir das fehlt. Man hat als Zuschauerin ja doch recht wenig zu tun bei einem Spiel, und jetzt konnte ich nicht mal das erledigen. Okay, den Teil in der Hymne nach „Denn wir sind Augsburger“, bei dem man sich zum Gästeblock wendet und in deren Richtung „und ihr nicht!“ brüllt, habe ich mir nicht nehmen lassen. Tat auch gar nicht weh!

Der Dauerkarten-Sitzplatz links neben mir ist anscheinend inzwischen in den freien Verkauf gegangen. F. meinte, zunächst hätte dort ein junges Pärchen gesessen, dann wäre sie schwanger geworden, dann sei er irgendwann mit einem Kumpel gekommen, dann alleine, und seit ich ins Stadion gehe, sitzt dort vermutlich der Opa, jedenfalls hat er immer ein Kleinkind dabei, auf dessen Süßigkeiten ich immer neidisch war. Den habe ich aber schon länger nicht mehr gesehen, meist blieb der Platz im Dauerkartenblock leer, aber seit ein paar Spielen habe ich jedesmal einen anderen Nachbarn. Gestern war es ein kleiner, älterer Mann, der auch brav „Servus“ sagte, als er sich an uns vorbeidrängelte, um zum Sitz zu kommen. Ich grüßte zurück, setzte mich und machte mich darauf gefasst, 90 Minuten lang rumzusitzen und vielleicht einmal jubeln zu können.

Inzwischen wisst ihr ja alle, wie das Spiel ausgegangen ist, daher wisst ihr natürlich auch, dass aus dem Plan nichts wurde und der Kasper ernsthaft zu niedrig getippt hatte. Die Stuttgarter hatten sogar eine schicke Choreo mit den Gästeblock gebracht, aber die half auch nicht. Stuttgart war komplett hilflos und irgendwann sah es fast wie Arbeitsverweigerung aus (meinte auch die Süddeutsche). Die Augsburger Zweikampfstärke war kaum nötig, weil es kaum Zweikämpfe gab, die Jungs marschierten einfach durch die ungeordneten Reihen, selbst die meisten Pässe kamen an, und schon zur Halbzeit stand es unglaubliche 3:0. Ich klatschte jedesmal mit dem Herrn neben mir ab, während wir immer ungläubiger zuguckten, und nach der Halbzeitpause meinte ich so launig, so gut wie das heute läuft, wird das noch ein 6:0, haha. Haha INfuckingDEED!


(Da könnte ich zufällig bei der Entstehung des 4:0 ans obligatorische Stadionfoto gedacht haben.)

Der Spielstand wird in Augsburg nicht nur mit Zahlen auf der elektronischen Anzeige eingeblendet, sondern bei einem Heimtor kommt der Stadionsprecher: „Der Wagner Josef zeigt uns, wie’s steht …“ und dann kommt der übliche Wechselgesang mit dem Publikum: „Augsburg? EINS! [Auswärtsmannschaft?] NUUUULL!“ Dazu gibt’s einen kleinen Videoschnipsel mit eben diesem Josef Wagner, der beim FCA jahrzehntelang händisch die Anzeigentafel an der ehemaligen Spielstätte, der Rosenau, bediente, hier sein Nachruf von 2014. Es wird also keine Zahl eingeblendet, sondern ein Clip, der Wagner zeigt, wie er die 1 oder die 2 oder die bisher höchste Zahl in der Bundesliga, die 4, aufhängte. Und als es plötzlich zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte 6:0 stand, rutschte dem Stadionsprecher das raus: „Der Wagner Josef zeigt uns, wie’s steht … haben wir die Zahl überhaupt?“ Hatten sie. Sehr gelacht.

Der Herr und ich umarmten uns noch jubeltrunkend zum Abschied und er meinte: „Auf dem Platz funktioniert’s, den nehm ich jetzt öfter!“ Immer gern.

So ganz stumm konnte ich bei einem 6:0 dann doch nicht bleiben, wenigstens den Namen des Herrn, dessen Trikot ich trug, brüllte ich zweimal nach seinen Toren mit. Ich war auch nicht die einzige, die eher ruhig blieb: Die Gästefans hatten nach der desolaten Leistung von Stuttgart schon in der Halbzeit die Nase voll, die Kurve war nur noch halbgefüllt, und auch die danebenliegenden Sitzplätze waren fast leer. Dass die Mannschaft nach dem Spiel überhaupt noch in die Kurve ging, hätte ich nicht gedacht. Nebenbei: Weil es so früh 3:0 stand, konnte ich ab und zu mal den Blick von den Augsburgern wenden und ein bisschen wehmütig Schnuckigucken, denn bei Stuttgart spielt ja der Herr Gomez seine vermutlich letzte oder vorletzte Saison. Ich muss gestehen, ich gucke ihm immer noch gerne zu, ich mag seine körperliche Schwere und Präsenz im Vergleich zu den ganzen hibbeligen, leichtfüßigen Youngstern, aber genau das dürfte so langsam seinen Abschied einläuten.

Nach dem Spiel wurde Marco Richter, ebenfalls zweifacher Torschütze, auf den Zaun gerufen und hatte anscheinend zum ersten Mal das Megaphon in der Hand, so ganz flott ging der Wechselgesang noch nicht, aber egal, gute Laune allenthalben, ebenso gute Laune auf der Rückfahrt, ich las wieder stumm vor mich hin, die anderen beiden aber auch, und als wir wieder am Hauptbahnhof in München waren und zur U-Bahn gingen, kamen uns mehrere Bayernfans entgegen, deren Mannschaft auch gewonnen hatte, und meinten grinsend zu uns: „Da kommen die Matchwinner!“ Das war nett. Der FCB musste bis zur 75. Minute bis zum 1:0 warten, weswegen die Sitznachbarin von F., der ja auch eine FCB-Dauerkarte hat, ihm in der Halbzeit eine SMS geschickt hatte: „Du kommst jetzt sofort aus Augsburg nach Fröttmaning und bringst die Tore mit!“

Eigentlich wollten F. und ich gestern abend ein winziges Festmahl zu uns nehmen und mir ging es auch etwas besser – F. so: „Adrenalin hilft ja bekanntlich auch gegen Zahnschmerzen“ –, aber ich war brav, ging stumm und allein nach Hause und kochte mir ein kleines Lauch-Kartoffelsüppchen, das ich – natürlich – lauwarm verspeiste und mir dabei sehr alt vorkam. Ich guckte noch „Alle Spiele, alle Tore“ sowie das „Aktuelle Sportstudio“, um die Tore nochmal zu sehen und das war schon sehr schön.

Mit Buch ins Bett, und heute tut der Zahn auch wirklich weniger weh! Danke, Augsburg. Im wahrsten Sinne des Wortes well played.

Tagebuch Donnerstag/Freitag, 18./19. April 2019 – *grmpf*

Zahnschmerzen am sogenannten „austherapierten“ Zahn machen mich seit Tagen etwas mürbe. Im Kühlschrank liegt Spargel, den ich nicht essen kann, weil’s danach weh tut, ich müsste heute ins Stadion, wobei ich nicht sicher bin, dass es eine gute Idee ist, weil der Zahn nach Gesprächen auch weh tut – im Moment habe ich das Gefühl, dass die einzig schmerzfreien Haltungen spazierengehen, rumstehen oder auf dem Sofa mit Buch oder Laptop sind. Stumm und hungrig.

Spargelcremesuppe ging aber. Dafür habe ich die aufgehobenen Spargelenden und -schalen vom Dienstag auf- bzw. ausgekocht und die Flüssigkeit dann auf eine schöne Mehlschwitze gegossen. Sahne rein, Muskat, Zitrone, Salz und ein bisschen Pfeffer. War nicht ganz so geschmacksintensiv wie gehofft, aber gut. Und tat vor allem nicht weh.

„Stop squinting to read the scanned pages of the Mueller report — here’s a version that you can actually read on your phone.“

(Video ist auf Englisch. Hier mein Eindruck, als ich eins meiner Lieblingswerke zum ersten Mal im Original sehen konnte.)

Tagebuch Dienstag/Mittwoch, 16./17. April 2019 – Lilazeug

Am Dienstag spontan angespargelt, weil ich ein bisschen gute Laune gebrauchen konnte.

Mittwoch morgen vor dem Zahnarzttermin außer dem üblichen Flat White noch nichts gegessen gehabt. Weil ich eine Spritze erwartete (die nicht kam), die ich ungern auf quasi nüchternen Magen bekomme, wollte ich noch flugs was essen. Es wurde trockenes Weißbrot, in die Reste der herrlichen Hollandaise gestippt, die inzwischen auch brav dickflüssiger war als auf dem Bild.

Am Dienstag einen langen Blogeintrag geschrieben, der, wie ich seit gestern weiß, noch länger hätte werden können. Ich bin inzwischen gleichermaßen fasziniert wie auch entsetzt darüber, welche seltsamen Takes man noch aus einer brennenden Kirche spinnen kann. Nicht nur in den durchgeknallten Sozialen Medien, sondern auch in den altehrwürdigen Zeitungs- und Medienhäusern. Ich möchte mich nicht mehr mit ihnen befassen. (Aber: Gute Nachrichten aus Louisiana!)

Mich weiterhin mit dem Furor der gesamten Kunstgeschichte aufgeregt, wenn wieder irgendwer von den „Zwillingstürmen“ der Notre-Dame quatscht, weil’s so schön in die Untergangstimmung passt. Because falsch.

Wissenschaftlich fundiert meckern ist das beste Meckern.

Seit meinem Umzug wohne ich nicht mehr nur an der Straßenseite, sondern auch an der Hofseite des Hauses. Den Hof kannte ich nur als Fußgängerin im Erdgeschoss, wenn ich zum Fahrstuhl, Fahrradkeller oder zu den Müllcontainern wollte. Der Fahrstuhl ist außen an das 50er-Jahre-Gebäude rangedengelt, wofür ich leider keinen kunsthistorischen Begriff kenne, aber in 100 Jahren hat sich garantiert jemand einen ausgedacht. Der Fahrstuhl wie auch die eine Hälfte der Balkons zum Hof ist mit irgendwelchem Grünzeug bewachsen, das sich vermutlich recht hoch rankt, ich habe da von unten im Erdgeschoss nie hingeschaut. Jetzt habe ich das Zeug aber vor meinem Küchenfenster (netterweise nicht am Balkon) und stelle seit einigen Tagen fest, dass das gar kein Grünzeug ist, sondern teilweise Lilazeug.

An der Diss weitergeschrieben, bis ich wieder für Geld was texten musste, dann wieder Diss. Leider ist der derzeitige Job mehr so auf Zuruf, weswegen ich keine Archivzeiten planen kann. Daher sitze ich ausschließlich am eigenen Schreibtisch und arbeite auf, was ich an bisherigen Unterlagen schon auswerten kann. Momentan arbeite ich wieder am biografischen Kapitel und bin immerhin schon beim ersten beschreibbaren Kunstwerk angekommen, einer Mappensammlung von Lithografien über Protzens Gefangenschaft auf Korsika während des Ersten Weltkriegs, die er 1920 herausgab. Ich habe hier auch noch ein paar Bücher, die ich dringend exzerpieren sollte, es ist also noch Nachschub da. Aber ich würde wirklich gerne mal wieder ins Archiv.

Den Abend mit F. verbracht, Manchester City gegen Tottenham laufen lassen, Nougat-Ostereier gegessen. Im Bett nebeneinander gelegen, beide mit Klassikern der Literaturgeschichte vor der Nase. Twitter lieber bewusst ignoriert.

„Die genervte Kunsthistorikerin auf 2, bitte!“

Ich fasse mal meine Twitter-Timeline der letzten beiden Tage zusammen.

1. „Wieso trauert ihr um so eine blöde Kirche, aber nicht um die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken/in Mosambik an Cholera sterben/irgendein anderer Whataboutism?“

Auf die Idee muss man auch erst einmal kommen, da eine Verbindung zu ziehen. Als ich diesen faulen Gedankengang bereits am Montagabend zum ersten Mal las, hielt ich das für den üblichen Twitter-Bodensatz, aber der kam auch den gestrigen Tag über noch öfter als mir lieb war.

Okay. Zum Mitschreiben. Die Anteilnahme daran, dass ein Kulturgut verloren ist, hat rein gar nichts mit dem Entsetzen darüber zu tun, dass Menschen verzweifelt genug sind, in fiese Nussschalen zu klettern, um nach Europa zu kommen. Ich kann beides gleich in meinem Herzen bewegen und dazu auch noch darüber traurig sein, dass mein Lieblingspulli einen Hollandaise-Fleck abgekriegt hat. Ich persönlich bin durchaus in der Lage, verschiedene Dinge schlimm, fürchterlich, unerträglich oder doof zu finden. Ich meine aber, dass sie alle nichts miteinander zu tun haben. Wir alle haben mehr als eine Ebene, Dinge zu empfinden. Und vielleicht ist für meinen Nachbarn ein Saucenfleck viel schlimmer als Epidemien oder brennende Gebäude. Das ist sein Ding, nicht meins. Also lass mich so traurig sein wie ich möchte. Ich habe durchaus noch Zeit und Emotionen, um auch den Rest der Welt schlimm zu finden, keine Bange. Jetzt gerade bin ich wegen einer alten Kirche traurig.

2. „Ja, über die französische (wahlweise europäische, wahlweise weiße) Hochkultur weinen, aber was ist mit den ganzen Gebäuden, die in der Kolonialzeit abgefackelt wurden und für die keine Millionäre mal eben das Scheckbuch zücken?“

Genau der gleiche Gedankengang: andere Ebene. Es ist wichtig, auf die geraubten Kunstgegenstände in den ehemaligen europäischen Kolonien hinzuweisen, so weit ich weiß, macht meine Timeline das eh dauernd, und ich auch gerne mal. Ich glaube aber, dass man auch durchaus um verlorene Kulturgüter einer ehemaligen Kolonialmacht trauern darf. Ich muss gestehen, dass ich mich in der Baugeschichte gotischer Kathedralen nicht gut genug auskenne, aber soweit ich weiß, waren dort freiwillige Handwerker, bezahlte Gesellen oder ortsansässige (weiße, wenn wir schon darauf rumreiten) Frondienstler am Werk und keine von anderen Kontinenten verschleppte Sklaven. Und die Reliquien scheinen keine Raubkunst zu sein – im Gegensatz zum Dreikönigsschrein im Kölner Dom, der von Barbarossa mitgenommen wurde. (Korrektur: nur die Reliquien wurden geklaut, nicht der Schrein selbst, danke, Uehmche.) Nebenbei: Wie ich gestern im Radio hörte, hat der Dom in Kölle keinen hölzernen Dachstuhl. Gut zu wissen.

Was mich an den bürgerlichen Scheckbüchern so fasziniert, ist quasi die Wiederholung der mittelalterlichen Baugeschichte. Auch damals waren die Kathedralen, im Gegensatz zur kleinen Dorfkirche, ein Zeichen erstarkter Bürgerlichkeit, zumindest ab dem 14. Jahrhundert in Frankreich und Italien. Zunächst waren Kathedralen ein sichtbares, machtvolles Zeichen der französischen Könige, also dem Staat. Genau dort, wo Notre-Dame steht, auf der Île-de-France plus Nachbarschaft wie St. Denis, erfanden französische Bauherren

„mit dem Strebewerk das entscheidend Neue: die Zusammenordnung von Gliederbau und Rippengewölbe. Im gleichen Maß, in dem vom Pariser Raum aus die Vereinheitlichung des Reiches und der Einfluss der Krone fortschreiten kann, kann sich auch die sakrale Gotik über ganz Frankreich verbreiten. Im Zuge dieser zeitlich-räumlichen Analogie wird die Kathedrale zu einer sichtbaren Legitimation eines königlichen Herrschaftsanspruchs, der über den Ahnherrn Karl den Großen bis auf die römischen Kaiser zurückgeführt wird. Es ist derselbe Anspruch, der ehedem die Idee des deutschen Kaisertums begründete und sich in den Kaiserdomen legitimierte. Im 13. Jahrhundert machen die Königsgalerie an der Fassade und die Bestimmung der Kathedrale als Krönungsort (Reims) und Grablege (St. Denis) diese Beziehungen vor aller Welt deutlich.

Mit dem Aufstieg des Bürgertums im 14. und 15. Jahrhundert bildet sich eine neue Gesellschaftsschicht mit Standes- und Selbstbewusstsein heraus. Sie errichtet ihre Kathedralen nicht mehr als Frondienst, sondern in freier Zusammenarbeit und mit neuen Absichten: als Wahrzeichen der Stadt, als Versammlungsraum der Gemeinde, aber auch als Ort, an dem sich der Bürgerstolz der Zünfte im Reichtum der Ausstattung und die elitäre Distinktion der Begüterten in den Privatkapellen bezeugen. Zugleich treten Baumeister, Künstler und Bürger aus der Anonymität des frühen Mittelalters heraus und verschaffen ihrer persönlichen Endlichkeit in Stifterbildnissen und Inschriften Dauer.“*

Schon spannend, dass es auch jetzt wieder (reiche, elitäre) Bürger sind, die sich mit Spenden vermutlich wenigstens eine kleine Plakette im Inneren des Gotteshauses verdienen. Und dass Macron als Präsident (also als Vertreter des Staates) gerade von innenpolitischen Spannungen ablenken kann, indem er an die Nation appelliert, sich erstmal um ein Wahrzeichen des Landes zu kümmern, dessen Strahl- und Anziehungskraft Priorität hat vor Benzinsteuern, diesem kleinlichen Kram. Falls Macrons Plan funktioniert, die Kirche wirklich wie gestern angekündigt innerhalb von fünf Jahren wieder herzustellen, ist ihm vermutlich, gerade im Bezug auf seinen Platz in der Geschichte, mehr als nur eine Plakette sicher.

Nochmal zurück zur Kolonialzeit bzw. zu kulturhistorisch wichtigen Bauten oder Gegenständen im Rest der Welt: Ich kann mich noch gut an die fassungslosen Tagesschau-Berichte zu den Buddha-Statuen von Bamiyan oder Palmyra erinnern, wo eben diese Güter planvoll vernichtet wurden. Oder auf persönlicher Ebene meine Angst um das Ägyptische Museum, als die Unruhen in Kairo ausbrachen mit Erinnerungen an die geplünderten Museen im Irak. Auch hier gilt: Mein Herz hat für vieles Platz. Aber eben auch für Notre-Dame.

3. „Jetzt ist alles dahin, das kommt nie wieder, das Neuaufgebaute ist nicht das gleiche.“

Stimmt. Andererseits baut die Menschheit seit sehr langer Zeit immer wieder neues Zeug über altes drüber. Unter vielen gotischen Kirchen lag eine romanische, die vergrößert und umgebaut wurde, unter vielen Renaissancebauten etwas Gotisches – oder was ganz anderes: Baugeschichte Petersdom, anyone? Das mussten wir alles im Studium auswendig lernen. Viele christliche Kirchen in Rom haben Säulen der antiken römischen Bauwerke wiederverwendet (Spolien), was eine kleine architekturhistorische Rache für die ganzen römischen Tempel war, die über angeblich heidnische Bauwerke rübergeklotzt wurden.

Nach Kriegen (oder Bränden) wurde so aufgebaut, wie es halt ging. Was wir heute als irre alte Notre Dame kennen, ist größtenteils nicht irre alt. Insofern: Wir bauen das wieder auf, merkt in 50 Jahren eh keiner mehr. Oder denkt hier in München jemand im super-fake-barocken Alten Peter daran, dass der eigentlich herrlich romanisch war, aber im Prinzip in der Fassung von nach 1945 hier steht?

Trotzdem darf man über die alten Bauteile weinen, ja meiner Meinung nach muss man das sogar. Denn auch wenn man alte Dachstühle durch neue ersetzen kann: Was unwiederbringlich verloren ist, ist das Material. Man konnte es datieren, teilweise lokalisieren, also feststellen, wo die Eichen gefällt wurden, mit denen gebaut wurde, man konnte anhand von Schlagspuren Werkzeuge rekonstruieren, Baugeschichte erfahren, die anders nicht überliefert war. Das ist, zumindest was den Dachstuhl angeht, alles verloren. Aber: Es ist, danke Wissenschaft, immerhin dokumentiert. Notre Dame wurde in den letzten Jahren, soweit ich weiß, komplett digital vermessen. Und dazu ist es als meistbesuchtes Baudenkmal Frankreichs von Millionen Tourist*innen fotografiert worden. Hat Instagram doch mal was Gutes. (Gotik-Influencer! Das wär’s!)

Daher bin ich auch immer noch wimmerig, was jetzt aus den Fensterrosen geworden ist. Klar kann man die neu basteln, es ist nur Glas und Blei. Aber zu wissen, dass da eventuell etwas verloren gegangen ist, das teilweise die Französische Revolution, zwei Weltkriege und alle Touristenhorden dieser Welt überstanden hat, macht mich halt traurig. Genau wie es mich traurig machen würde, wenn Raffaels Sixtinische Madonna in Flammen aufginge, auch wenn wir die kleinen Putten auf fünf Milliarden Kaffeetassen abgebildet haben.

4. Aber meine Timeline hat auch nette Menschen.

Jemand twitterte, dass man nicht vergessen dürfe, dass kulturelle Bauten die Verkörperung von menschlicher Kreativität sind. Es sind eben nicht nur alte Steine, sondern das Vermächtnis von teilweise hunderten von Jahren menschlicher Schöpfungskraft. (Kathedralen hatten teilweise arg lange Bauzeiten.)

Und vermutlich weil ich gestern sehr schlecht gelaunt war, konnte mich dieser Tweet, der die Gleichförmigkeit urbaner Zentren anprangert, sehr amüsieren:

* Dafür habe ich doch noch mal den Klotz aus dem Regal geholt: Wilfried Koch: Baustilkunde. Das Standardwerk zur europäischen Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart, München 1994, S. 149.

Tagebuch Montag, 15. April 2019 – Notre Dame

Gut gearbeitet, gutes Feedbackgespräch gehabt, Paket aus der Packstation geholt, neues Buch gekauft, gelesen, mich an ein altes Passfoto erinnert, als ich mich nachmittags im Spiegel sah, mich über vieles gefreut, abends mit meiner Mutter telefoniert, aufgelegt, eine DM von F. bekommen: „Notre Dame!“ Ich so: „Häh?“ Und ab da war alles andere egal.

Ich habe den Brand daher nicht von Anfang an verfolgt, den Einsturz des Vierungsturms sah ich in den folgenden Stunden nur noch gefühlt hundertmal als Aufzeichnung und schloss irgendwann die Augen. Sobald ich die ersten Livebilder auf CBS entdeckte hatte (YouTube), begann ich zu weinen, keine Ahnung, warum mich das so mitnahm. Als F. spätabends zum Trösten vorbeikam, jammerte ich noch sinnlos: „Dabei ist das nicht mal meine Lieblingskirche!“ Aber zu sehen, wie dieses jahrhundertealte Kunstwerk in gefühlt Minutenschnelle verbrennt, hat mich ziemlich fassungslos gemacht.

Ich verfolgte die Bilder ungefähr zwei Stunden lang, verabschiedete mich im Geist und sehr traurig von den schönsten Fensterrosen, die ich je gesehen hatte, zitterte dann, als die ersten Flammen an der Westfassade zu sehen waren, konnte aber auch sehen, dass wenigstens die irgendwann in den Griff bekommen wurden. Sehr erschlagen, nur vom Ins-Internet-Starren und irgendwann dann von den üblichen Arschlochtweets, ging ich ins Bett und postete das letzte Bild, das ich im Januar 2016 von der Kirche gemacht hatte, auf Instagram.

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