American Gangster

Hach, schönes Ding. Manchmal gibt es ja Filme, die keine so wahnsinnig tolle Geschichte erzählen oder keine, die man nicht schon mal gesehen hätte, die aber trotzdem fesseln, unterhalten, Spaß machen und sogar Bewunderung hervorrufen. American Gangster ist einer von diesen Filmen.

Die Story: Denzel Washington (der sich gleich fünf Sekunden nach der Aufblende mittels Benzin und Feuerzeug als „der Böse“ zu erkennen gibt) spielt einen Drogenboss in New York 1968, der das Monopol der italienischen Mafia bricht, indem er Heroin direkt und ohne Mittelsmänner aus Vietnam schmuggelt – in den Särgen getöteter Soldaten. Sobald die Polizei mitbekommt, dass es ihn gibt, interessiert sie sich gleich in zweifacher Weise für ihn: Die einen wollen Prozente von seinen Geschäften abbekommen, und eine kleine Task Force will ihn stattdessen zur Strecke bringen. Einer der Männer der Task Force (gespielt von Russell Crowe) hat sich schon intern bei der damals fast vollständig bestechlichen Polizei unbeliebt gemacht, weil er eine Million Dollar als Beweismittel dokumentiert hat anstatt sich erstmal anständig zu bedienen.

In American Gangster treffen so zwei absolut unterschiedliche Lebenseinstellungen aufeinander, ohne dass sich die beiden Hauptakteure wirklich begegnen. Erst fünf Minuten vor Schluss dürfen sich Crowe und Washington die Leinwand teilen. Davor sehen wir ihnen gespannt bei der Arbeit zu. Beide sind gewissenhaft, direkt, haben Familie – vor allem der Hintergrund hat den Film so gut gemacht. Die Ausstattung ist hervorragend, selbst das Erzähltempo fühlt sich an wie vor 40 Jahren. American Gangster verzichtet auf die heute üblichen Blitzkriegcuts und wagt es stattdessen, eine Geschichte in der ihr zustehenden Ausführlichkeit zu erzählen, ohne Abkürzungen zu nehmen. Und nebenbei kann man zwei wunderbaren Darstellern bei einem sehr eindringlichen, aber nie aufgesetzten Spiel zuschauen.

La Môme

Biopic über Edith Piaf mit der gerade Oscar-prämierten Marion Cotillard in der Hauptrolle. La Môme (La Vie En Rose) erzählt das Leben des Spatz’ von Paris nicht linear, sondern springt ständig hin und her – vom Zusammenbruch auf der Bühne zum Bordell ihrer Großmutter, wo sie einige Jahre als Kind verbrachte, vom Dinner mit ihrem Geliebten zur Diva kurz vor ihrem Tod.

Das macht den Film einerseits sehr spannend, weil man viele Dinge besser einordnen kann, wenn man weiß, wo sie hinführen. Das macht ihn aber gleichzeitig etwas unbefriedigend, weil manche Geschichten nicht zuende erzählt werden; manche Figuren verschwinden einfach oder sind plötzlich da, ohne dass man weiß warum. Einige Dinge, wie der Tod der einzigen Tochter, werden irgendwie gehetzt abgehandelt, als ob man sicher gehen wollte, das Wichtigste drin zu haben, egal, ob es zum Rest des Films passt oder nicht.

Trotzdem hat mir La Môme gut gefallen. Zum einen wegen der wirklich fantastischen Cotillard, der man bei jedem Wort und jeder Geste anmerkt, dass sie gerade ihr ganzes Herz hineinlegt. Zum anderen natürlich wegen der chansons, von denen viele im Hintergrund „versendet“ werden, ohne dass es wie Verschwendung aussieht. Auch wenn zum Schluss der große Heuler Non, je ne regrette rien wirklich zum extrem schamlosen tear jerker aufgebaut wird. Hat bei mir natürlich Eins A geklappt. Rotz und Wasser.

Eastern Promises

In Eastern Promises (Tödliche Versprechen) treffen zwei Welten aufeinander: die der russischen Mafia in London und die einer Hebamme, der eine hochschwangere 14-Jährige unter den Händen verblutet. Ihr Kind überlebt, und die Hebamme (Naomi Watts) sucht nun den Vater. Das Mädchen hat ein Tagebuch auf russisch geschrieben, in dem eine Karte eines russischen Restaurants liegt. Naomi geht in dieses Restaurant – und ist mittendrin in einer Geschichte von sich bekämpfenden Banden, eines Vater-Sohn-Konflikts und, wie fast immer bei David-Cronenberg-Filmen, einer Menge Blut.

Der Film erzählt seine Geschichte sehr gradlinig, zeigt sehr viel, deutet aber genauso viel an, was unter der Oberfläche brodelt. Armin Mueller-Stahl als Familienoberhaupt, Vincent Cassel als sein Sohn und Viggo Mortensen als Fahrer und Mann für alles kämpfen sich erfolgreich durch viele russische Dialogzeilen und zeichnen ein sehr abstoßendes Bild einer Familie, die vordergründig gutes Essen und Geigenmusik liebt und im Hinterzimmer kleine Mädchen verkauft.

Die Spannung und Emotionalität bezieht der Film aus den unterschiedlichen Lebensentwürfen, die mal freiwillig, mal absolut unfreiwillig entstehen, und dass die beiden nur eine Straße oder eine Tür voneinander getrennt sind. Zusätzlich schleppen Mortensen und Cassel beide ein Geheimnis mit sich herum und man wartet die ganze Zeit darauf, dass es hervorbricht, sich seinen Weg bahnt, um den Film in eine andere Richtung zu lenken.

The Brave One

Schwierig. The Brave One (Die Fremde in dir) handelt von Erica (Jodie Foster), die bei einem Überfall schwer verletzt wird, während ihr Freund stirbt. Nach monatelanger Zurückgezogenheit traut sie sich wieder auf die Straße – aber ihr erster Weg führt in einen Waffenladen, um sich eine Pistole zu kaufen. Angeblich um sich sicher zu fühlen, was ja gerne ein Trugschluss ist.

Es kommt, wie es kommen muss: Das erste Mal schießt sie zur Selbstverteidigung, das zweite und dritte Mal legt sie es darauf an, jemanden zu erschießen und schließlich mordet sie bewusst aus dem irrigen Gefühl heraus, die Person habe es verdient zu sterben.

The Brave One rührt an ganz fiese archaische Gefühle. Vom Kopf her musste ich mir die ganze Zeit sagen, nein, das ist böse, was die gute Frau Foster da anstellt, aber der Bauch grummelte hörbar dagegen: Wenn mir jemand sagt „Have you ever been fucked by a knife?“, würde ich ihm auch gerne was verdammt Schmerzhaftes zufügen wollen. Das „Dumme“ ist auch, dass Foster recht selten als verrückter Racheengel rüberkommt, die jetzt die Stadt in Grund und Asche ballern will. Dann könnte man sich prima auf dem moralisch-gefestigten hohen Ross bewegen und sagen, nein, nein, Jodie, das überlass doch bitte dem Staat, sich um die bösen Jungs zu kümmern. Aber sie erscheint eben meistens wie eine Frau, die etwas Schreckliches erlebt hat und nun schlicht etwas dagegen tut. Dass unser Rechtssystem so nicht funktioniert, wird einem im Laufe des Films klarer und klarer; anfangs habe ich persönlich schon manchmal ganz, ganz leise gedacht: Richtig so. Nur um mir dann sofort zu sagen, nein, nicht richtig so. Aber irgendwie dann eben doch. Schwierig.

Wenn alle Mitlesenden aus deutschsprachigen Werbeagenturen bitte mal hier klicken würden? Ganz lieb, danke. (Keks?)

Die letzte Franzackigstunde vor den Osterferien („Osterferien? Warum zum Teufel achten wir denn auf Osterferien? Sind wir zwölf?“) war doof, weil die Kursteilnehmerin, die mich sowieso am meisten nervt, weil sie die ganze Zeit quatscht, nicht müde wurde, über mein iPhone zu lästern („Spielzeug!“ – „Das ist kein Spielzeug, das ist mein Handy.“ – „Natürlich ist das Spielzeug.“ usw.). Außerdem habe ich keinen Unterschied zwischen dem Laut gehört, den man macht, wenn man orange ausspricht und dem, den man macht, wenn man Jean ausspricht. Dsch. Sch. Who cares. Hauptsache, ich weiß, wie’s klingen muss, mir doch egal, wie die Lautschrift aussieht.

Aber: Bei einem Text konnte ich total den Checker machen, weil darin das Wort marché aux puces vorkommt (Flohmarkt). Und ich wusste es, weil ich ein Blog lese, das la puce heißt und bei dem ich im „About“ mal nachgeguckt und es mir anscheinend gemerkt habe, was es bedeutet.

Was haben wir bloß ohne Weblogs gemacht?

(erweiterbar auf: Google, Internet, Telefon, Video 2000, Supermärkte, das Feuer, das Rad.)

Dietmar Gottschall, Fotografien 1965–1980.

„Bild für Bild: Wie ein junger Münchner aus 10 000 Fotos das Leben seines Vaters rekonstruiert. Jahrelang schlummert das Erbe von Juri Gottschalls Vater in unscheinbaren Pappkartons auf dem Speicher – ein vergessener Schatz. Als der Wirtschaftsjournalist vor zehn Jahren stirbt, hinterlässt er seinem Sohn über 10.000 Negative von Schwarz-Weiß-Fotografien. Der 28-jährige Münchner hat sie wiederentdeckt und nun eine Internetseite eingerichtet, auf der er die Bilder seines Vaters zeigt.“ (jetzt.de)

(via Saxanas Notizen)

Der neue Hase heißt

(Lache seit fünf Minuten. Kann nicht mehr aufhören.)

Edit, eine Stunde später: Klicke immer noch bei Flix rum. Muss sofort alle Bücher kaufen. Verdammtes Internet.

The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford

Endlich mal ein Filmtitel, der schon genau vorweg nimmt, wie der Film ist: elaboriert, stimmungsvoll – und wahnsinnig lang. The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford (Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford) erzählt die Geschichte von … äh … genau. Aber eben nicht nur von der Ermordung, sondern auch, wie sich die Charaktere kennenlernen, wie sie einen Zug überfallen, wie die Bande von James sich zerstreut, wie sich ihre Wege wieder kreuzen, wie sie essen, trinken, reden, sich die Stiefel ausziehen und bedeutungsvoll in Kornfeldern rumsitzen.

Es fällt mir schwer, einen Film nur deswegen nicht zu mögen, weil er für meinen Geschmack eine Stunde zu lang war, denn alles andere fand ich großartig. Brad Pitt als Jesse James schafft die Wandlung vom vorsichtigen zum paranoiden Gangster sehr subtil, und Casey Affleck als Robert Ford kreiert ein sehr eigenes Bild eines Mannes, den wir eigentlich nicht mögen, dann aber irgendwie verstehen können und ihn deswegen noch weniger mögen.

Auch die Nebenrollen sind hervorragend besetzt: Sam Rockwell als Fords Bruder Charley, Sam Shepard als Jesses Bruder Frank und (ein bisschen verschenkt, weil sehr wenig zu sehen) Mary-Louise Parker als Jesses Ehefrau. Im Zusammenspiel mit einer sehr behutsamen Kameraführung, einer stimmigen Ausstattung und einer eigenwillig passenden Musik ergibt sich ein fast epischer Film, dessen Bilder über die sehr zähe Handlung hinwegtrösten.

Aber am besten haben mir persönlich die Dialoge gefallen und der Off-Sprecher: Sehr gestelzte Sätze habe ich zu hören bekommen, sehr ausgefeilt, sie klangen, als ob sie kein Komma dem Zufall überlassen hätten. Sie haben für mich den Film gut gemacht. Aber trotzdem hätten mir anderthalb Stunden schöne Bilder und schöne Sätze auch gereicht.

Things We Lost in the Fire

Halle Berry spielt eine Frau, die ihren Mann Brian (David Duchovny) verliert. Am Tag seiner Beerdigung fällt ihr ein, dass sie vergessen hat, seinen besten Freund Jerry (Benicio Del Toro) dazu einzuladen; wohl auch aus dem Grund, dass sie nie so recht etwas mit ihm anfangen konnte, denn er ist heroinabhängig, mal mehr, mal weniger drauf, und ihr Ehemann war sein bester Freund. Nach der Beerdigung lädt sie Jerry ein, in der ausgebauten Garage zu wohnen – angeblich aus Geldnot, in Wirklichkeit weiß sie nicht, warum.

Things We Lost in the Fire erzählt die Geschichte von Trauer und Sucht und wie man mit diesen beiden Dingen umgeht. Die Grundidee „One day at a time“ ist ja ganz nett, aber natürlich nicht so leicht gesagt wie getan. So fallen beide in alte Muster zurück, raffen sich wieder auf, fallen wieder.

Der Film bemüht sich, uns für die Figuren einzunehmen und manchmal klappt das auch ganz gut. Meistens hatte ich allerdings das Gefühl, ihnen viel zu nahe zu kommen und sie in einer sehr schwierigen Lebenssituation zu stören. Ich fand es teilweise wirklich unangenehm, ihnen zuzusehen, weil ich sie einfach gerne in Ruhe gelassen hätte in ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung.

Things zeigt menschliche Grenzsitationen, hält aber nicht immer die Distanz, die ich mir gewünscht hätte. So habe ich vieles als sehr platt und aufgesetzt empfunden, was garantiert nicht so gemeint war, und bin deshalb nicht ganz so beeindruckt von dem Film gewesen, wie ich es gerne gewesen wäre.

Atonement

Wunderschöner Film, der einen zuerst in Sicherheit wiegt, indem er eine idyllische englische Landschaft in den 30-er Jahren zeigt, mit einer hinreißenden Keira Knightley, die bitte nie wieder etwas anderes als ihr grünes Kleid tragen möge, einer stupsnasigen kleinen Schwester und einem verschmitzt lächelnden James McAvoy, an den beide Mädchen ihr Herz verschenkt haben. Nach einer halben Stunde Atonement (Abbitte) wollte ich mein Wohnzimmer mit Blümchentapeten ausstatten und nur noch Tee trinken.

Aber dann zerreißt die Kuscheligkeit, und aus den Luxusproblemchen werden echte: Schwesterlein Briony beschuldigt Robbie (McAvoy) einer Vergewaltigung, der Krieg mit dem deutschen Reich bricht aus, und plötzlich fühlt sich Atonement ganz, ganz anders an. Rauer, dreckiger, atemloser. Robbie hat Cecilia (Kneightley) längst seine Liebe gestanden, aber die beiden werden durch den Krieg auseinandergerissen, dessen Bilder so gar nichts mehr mit Blümchentapeten zu tun haben. Besonders eine lange Einstellung, in der Robbie am Strand von Dünkirchen auf tausender seiner Landsleute trifft, die gerade einen Angriff überstanden haben, hat mich sehr beeindruckt: Man hat das Gefühl, ein riesiges altes Schlachtenpanorama anzugucken, bei dem man immer mehr Details entdeckt, je länger man draufschaut. Aber auch hier bleibt die Menschlichkeit spürbar, die mich im ersten Teil so umpuschelt hat – und gerade als ich mich mit dieser Geschichte angefreundet hatte, bricht der Film zum zweiten Mal und überrascht mit einem herzzerreißenden Finale.

Atonement ist episch gefilmt, ohne schwülstig zu wirken; die ganzen Close-Ups wirken wie Gemälde, ohne dabei altbacken zu sein; die Musik ist ein wundervoller Teppich, und die Story nimmt einen mit auf eine Reise durch alle Gefühlslagen. Große Empfehlung. Hach.

Michael Clayton

Michael Clayton erzählt die Geschichte von eben diesem Michael, der in einer Anwaltsfirma der Junge für die Drecksarbeit ist. Eigentlich wird nie richtig klar, was der Mann so macht, und genauso fusselig fühlt sich auch der ganze Film an.

Es geht um eine Firma, die Dreck am Stecken hat und sich einer Sammelklage gegenüber sieht, und es geht um einen weiteren Anwalt (Tom Wilkinson), der ein guter Freund von Clayton (George Clooney) ist und anscheinend auf „die gute Seite“ wechseln will. Dazwischen wuseln noch Claytons Boss (Sidney Pollack) und eine Dame (Tilda Swinton) der beklagten Firma durch die Handlung – und das Dumme an der Handlung ist, dass es wahnsinnig lange dauert, bis mal ein bisschen Zug in das Ganze kommt. Und sobald der Film einen erwischt hat, ist er auch schon vorbei. So ging es mir jedenfalls: Die ganze Zeit hab ich gedacht, ja, nette Exposition – und nu? und plötzlich fing der Abspann an.

Und das Ende ist dann auch der Rede nicht wert, weil man es schon tausendmal gesehen hat. Gut, man kann George Clooney zwei Stunden beim Stirnrunzeln zugucken und Tom Wilkinson und Tilda Swinton sieht man ja auch immer gerne, aber trotzdem habe ich mich nach dem Film gefragt: Das ist alles? Echt? Pffft.

Gestern wurde die Ausstellung „Absolut privat?! Vom Tagebuch zum Weblog“ in Frankfurter Museum für Kommunikation eröffnet. Einige Blogger haben schon darauf hingewiesen (z.B. Kid37, Herr Paulsen, Andrea Diener). Von mir stehen zwei Zitate im Kalender, den Paulsen und Kid fotografiert haben. Einziger Schönheitsfehler: Die Autorenübersicht hat mich zwei Jahre älter gemacht als ich bin. Egal.

In der Ausstellung finden sich auch die hier schon öfter erwähnten Holzklötze meines Opas, ich glaube in Zusammenhang mit meinem diesbezüglichen Weblogeintrag. Hier sind die schon mal vorab zu sehen; im Original sind sie bestimmt noch toller. Was ich damit sagen will: angucken.

(Weblog zur Ausstellung)

Herr Niggemeier hat ein neues, wunderbares Feature in seinem Blog, das ihm Felix gebastelt hat: ein Tool, mit dem man die Kommentare ausschalten kann. Oder, wie Felix es ausdrückt: Kommentare grönern kann. I’m lovin’ it. Jetzt entgehen mir natürlich die vielen Kommentarperlen bei Stefan, die üblicherweise so seine Artikel verschandeln:

5. Seh ich genauso.
17. Versteh ich nicht.
28. Hallo Stefan, im ersten Satz fehlt ein Komma.
44. Du bist ein Arschloch.
52. Ich hab mir jetzt nicht die ganzen Kommentare durchgelesen, aber …
64. Ich hab mir jetzt nicht den Artikel richtig durchgelesen, aber …
81. Ich will ja nicht nörgeln, aber da fehlt immer noch ein Komma.
98. Habt ihr nichts besseres zu tun? In Afrika sterben Kinder.
105. Nazi!
106. Selber!
107. Du aber immer einer mehr!
120. Worum geht’s?
166. Hey, Niggemeier: KOMMA!
193. Wer das liest, ist doof.

(ad infinitum)

Edit, 9. März.: Hallo, liebe Niggemeier-Leser. Warum ich keine Kommentare mehr habe (ja, ich hatte mal welche), steht hier.


© Paramount Vantage/Miramax

There Will Be Blood (USA 2007, 158 min)

Darsteller: Daniel Day-Lewis, Paul Dano, Dillon Freasier, Ciarán Hinds
Musik: Jonny Greenwood
Kamera: Robert Elswit
Drehbuch: Paul Thomas Anderson, nach dem Roman Oil! von Upton Sinclair
Regie: Paul Thomas Anderson

Trailer

Offizielle Seite

Ich kann Daniel Day-Lewis nicht ertragen. Bis auf wenige Ausnahmen spielt er für mich jedesmal völlig überzogen und so theatralisch, als wäre ein Kino eben kein Kino, sondern der Hamburger Fischmarkt, wo man mit Gebrüll seine Ware unters Volk schreien muss. Wahrscheinlich hat deshalb There Will Be Blood bei mir so gar nicht funktioniert.

Der Film erzählt die Geschichte von Daniel Plainview (talking name galore), der durch harte Arbeit seine erste Ölquelle entdeckt, ausbeutet und zu bescheidenem Reichtum gelangt. Eines Tages kommt ein junger Mann zu ihm, der ihm für 500 Dollar erzählt, wo es weiteres Öl gibt. Plainview rückt mit Sack und Pack an, kauft das Land relativ billig – unter der Voraussetzung, bei Erfolg eine großzügige Summe an die örtliche Kirche zu stiften – und fängt an zu bohren. Mit dabei ist der kleine H.W., der Sohn eines Mitstreiters von Plainview, der bei der ersten Quelle ums Leben gekommen ist. H.W. lebt im Glauben auf, Plainview sei sein Vater.

Als die neue Quelle anfängt zu sprudeln, wird H.W. verletzt und verliert sein Gehör. Plainview, der sich bis jetzt eh nicht als großartiger Sympathieträger hervorgetan hat, verstößt den Kleinen. Und damit nicht genug: Er bringt auch noch die Kirche gegen sich auf, vor allem Eli, den strenggläubigen Pastor, der ihn zum Glauben bekehren will, aber stattdessen von Plainview in eine Ölpfütze geprügelt wird mit der Ansage, die Kirche habe hier nichts mehr zu melden.

Elis Rache wird kommen, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich mich schon geistig von Blood verabschiedet. Ich hatte mich bis dahin bemüht, den Film zu mögen – und er hat durchaus gute Seiten. Die Bilder sind hervorragend: weite Panoramen, die Ehrfurcht für das Land und die Leistung der Menschen ertrotzen, die dem Boden etwas abgewinnen. Und danaben die vielen ausgezehrten Gesichter, die einer John-Steinbeck-Geschichte entsprungen scheinen. Und auch wenn einige Details nach Kulisse und Schminke aussehen, waren die Bilder großartig. Ein schickes Tableau nach dem nächsten.

Ich habe mich manchmal wirklich in die Zeit versetzt gefühlt, in der der Film spielt. Licht und Schatten waren sehr hart gesetzt, die Bilder schienen manchmal schneller zu laufen, so wie man es von alten Wochenschauen gewohnt ist. Die Aufstellungen der Figuren in den einzelnen Szenen war jedesmal perfekt komponiert; selbst die Wolken sahen teilweise so aus, als hätte sie jemand genau an diese Stelle des Himmels beordert.

Und natürlich machen die Themen des Films ein Riesenfass auf. Der Wunsch, vielleicht schon die Gier nach Macht. Der Wille zum absoluten Erfolg, egal was dafür auf der Strecke bleiben muss. Und als Kontrast dazu die staubigen Gläubigen in ihrer Holzkirche, der magere Pastor, dessen Glaube geradezu aus ihm herausleuchtet, der aber auch nicht von weltlichen Wünschen frei ist. Alles Themen, die sicher noch Relevanz haben, die aber leider so altbacken inszeniert wurden, dass hier das Gefühl, im letzten Jahrhundert zu sein, genau in die falsche Richtung führte.

Der Kampf zwischen dem Pastor und Plainview war so dermaßen moralgetränkt, dass ich ihn einfach nicht ernstnehmen konnte. Und dass jeder auf seine ganz eigene Probe gestellt wird – was verkaufe ich von meiner Seele, um an mein Ziel zu gelangen –, klingt theoretisch toll, sah aber in der Umsetzung eher nach Jahrmarkt aus. Da kam dann wieder mein Day-Lewis-Problem. Vielleicht sollte seine Darstellung so kasperletheatermäßig sein, keine Ahnung. Vielleicht muss ein Ölbaron in spe sich wie ein Staubsaugervertreter anhören, ich weiß es nicht. Ich persönlich wollte ihm aber nach fünf Minuten nicht mehr zuhören, wie er sein brummiges Timbre wirken lässt, wie er Geräusche macht wie ein geistig zurückgebliebener Cowboy und wie er jeden einzelnen seiner verdammten Sätze theatralisch aufpoliert, als wäre er auf der Schauspielschule und müsste den gerührten Müttern im Publikum zeigen, dass er ne echt gute Ausbildung hatte. Und als er in der großen, dramatischen Schlussszene auch noch anfängt, Speichelfäden zu ziehen, musste ich an die eine Friends-Folge denken, wo Gary Oldman Joey eben diesen Tipp gibt: Große Schauspieler spucken! Die Folge hat Day-Lewis wahrscheinlich auch gesehen.

Mein Problem mit There Will Be Blood war, dass sich die Geschichte auf dem Papier allgemeingültig anhört, zeitlos und faszinierend, weil sie Grundthemen der Menschheit anreißt, sie mich aber in der Umsetzung überhaupt nicht überzeugt hat, weil sie statisch wirkte und wie aus einem Lehrfilm für die Oberstufe. Der Film brüllt einem von der ersten Sekunde „ICH BIN GROSS ICH BIN EIN EPOS ICH BIN WAHNSINNIG WICHTIG“ ins Gesicht. Und bei sowas denke ich sofort, nee, komm erst mal runter, erzähl mir erstmal, was du kannst. Und da klaffte dann eben eine Riesenlücke zwischen Anspruch und Können. Leider. Denn bis jetzt hat mir jeder Film von Paul Thomas Anderson gefallen, und ich bin auch davon ausgegangen, dass mir Blood gefallen wird. Vielleicht dreht einer den Film ja mal nach – mit einem anderen Hauptdarsteller. Dann reden wir nochmal drüber.