Liz und Frank (oder sein Doppelgänger) sind in Taiwan.
Oh, Dummy hat ein Blog. Völlig an mir vorbeigegangen. (Via Rebellmarkt)
Klanghölzchen
Der Heliumkiffer hat mich erwischt:
1. Nenne einen Song, dessen Text dich ganz besonders berührt und begründe.
Das dürfte Billy Joels Got to begin again sein, das ich gerne vor mich hersinge, wenn der Tag scheiße ist und ich mir selber einreden will, nein, muss, dass der morgige besser wird. Ich hab noch ein paar andere Lieder, die ich alleine auf dem Klo vor mich hinsumme, um nicht heulen zu müssen, aber diesen Song singe ich am häufigsten.
„Well, it’s been quite a while since I lifted my head
And I’m sure the light will hurt my eyes
I see the way that I’ve been spendin’ my days
And reality has caught my by surprise
I was dreamin’ of tomorrow, so I sacrificed today,
And it sure was a grand waste of time
And despite all the truth that’s been thrown in my face
I just can’t get you out of my mind
But I’ve got to begin again
Though I don’t know how to start
Yes, I’ve got to begin again, and it’s hard“
2. Nenne einen Song, dessen Musik dich ganz besonders berührt und begründe.
Das ist jeder, der gerade bei mir auf Heavy Rotation läuft. Also jeden Tag ein anderer. Allerdings gibt es Lieder, die ich seit 20 Jahren mit mir rumschleppe, weil sie eben die ersten waren, die mir wichtig waren. Das sind natürlich fiese 80er-Jahre-Heuler von Duran Duran und Nik Kershaw, von denen ich heute noch jede Zeile mitsingen kann. Rio von Duran Duran z.B. kann ich heute noch komplett durchhören, ohne sie doof zu finden. Und ich muss auch leider sagen, dass meine grafischen Vorlieben sich bis heute an diesem Cover orientieren.
3. Welchen Song hättest du gerne geschrieben und warum?
Yesterday. Oder White Christmas. Oder Happy Birthday. Tantiemen einsacken und sich zur Ruhe setzen.
4. Nenne fünf Songs für dein Lebens-Best-of.
– Se a vida é von den Pet Shop Boys. Lief in der Lufthansa-Musikberieselung auf Dauerloop, als ich das erste Mal aus den USA zurückkam. (Prä-iPod-Ära, kein Walkman dabei.) Seitdem verbinde ich dieses Lied mit Karl.
– Losing my religion von REM. Haben wir eine Zeitlang jeden Abend im Kino gehört, wenn wir während der letzten Vorstellung die Abrechnung gemacht haben. Draußen war es längst dunkel, wir waren nur noch zu zweit, alles war ruhig, alles lief … Zigarette, Füße aufs Geländer der Treppe, die nach unten in den größten Saal führte, Bierchen und den Radiorecorder an.
– Feierabend von Peter Alexander. War der Rausschmeißer in der Kneipe, in der ich so um die drei Jahre gekellnert habe. Wir hatten als einer der wenigen Läden in Hannover jeden Tag bis fünf Uhr morgens auf, und spätestens ab 4.30 Uhr musste man etwas rabiater werden, um die letzten Leute vor die Tür zu kehren. Ab zehn vor 5 lief Feierabend in voller Lautstärke.
– Siegfried von Richard Wagner. Meine erste Oper. Hab ich mit zehn Jahren in Hannover gesehen, zusammen mit meiner Mutter. Mein Vater hatte sich wohlweislich zurückgehalten, und meine Schwester wollte auch nicht mit. Ich fand’s dagegen toll und hab mich sehr wichtig gefühlt mit meinem schwarzen Samtrock und der weißen Rüschenbluse. Meine Mutter hat mir einen Opernführer geschenkt und das Reclamheft mit dem Libretto. Und nach der Oper sind wir noch ins Mövenpick gegangen, um ein Rieseneis zu essen. Das ist dann auch unsere Operntradition geworden: erst zu Wagner, dann was auf die Hüften.
– Weißt du, wieviel Sternlein stehen von Wilhelm Hey (wusste ich bis gestern auch noch nicht, von wem dieses Lied eigentlich ist). Meine Mutter hat meiner Schwester und mir immer ein Gute-Nacht-Lied vorgesungen. Ich hatte die Sternlein, und meine Schwester Der Mond ist aufgegangen.
5. Und zum Schluss: Welche Platte beschützt du wie deinen Augapfel?
Ehrlich gesagt habe ich zu meinen Platten und CDs ein eher pragmatisches Verhältnis. Damals, als ich sie gekauft habe, waren sie wahnsinnig wichtig, aber inzwischen schleppe ich sie nur noch von Wohnung zu Wohnung und stelle sie ungeordnet (ja, wirklich! Ich! UNGEORDNET! … Na gut, Soundtracks und Klassik stehen etwas abseits) ins Regal, weil ich sie kaum noch höre. Die Schallplatten überhaupt nicht mehr, obwohl ich auch meinen Plattenspieler noch von Wohnung zu Wohnung schleppe. Die einzige Scheibe, auf die ich etwas mehr aufpasse, ist Those lazy hazy crazy days of summer von Nat King Cole, weil die meinem Vater gehört hat. Und weil das Cover so schön altmodisch ist, dass ich die Platte eine Zeitlang an der Wand hängen gehabt habe, zusammen mit der Cupid & Psyche von Scritti Politti, weil’s farblich so gut passte.
Queen und Schokolade. Was will ich mehr. (YouTube-Direktlecker)
Und hier nochmal der ebenso geniale Vorgänger:
As-tu déjà aimé? aus dem Film Les chansons d’amour. Via Malorama, der es von arktis.antville hat, der einen schönen Kommentar zum Film aufgeschrieben hat: „der film ist wirklich sehr schön, auch wenn es ein, zwei lieder gibt, die langweilig sind. und er ist unglaublich pariserisch… ich habe ihn lustigerweise in einem kino gesehen, in das eine der hauptfiguren zu beginn des films auch geht. seltsamer effekt, im kino zu sitzen und das kino zu sehen, in dem man sitzt.“
TSCHILP
Mich fragt zwar keiner, aber ich antworte trotzdem:
ankegroener, twittert seit Oktober 2007, Bio: besser als Chemie, Location: Hamburg, Web: ja gerne, Following 98, Followers 294 316 327, Updates 1.061
CemB: Was ist eigentlich der Spaß an Twitter für dich?
Fremden Leuten bei ihren Essgewohnheiten zugucken. Ernsthaft. Ich behaupte, ich koche anders, seit ich lese, was andere so essen. Und trinken. Jedesmal wenn ich mir einen Kaffee mache, muss ich an Twitter denken, weil jeder ständig über Kaffee twittert. Und: Ich finde es völlig belanglos, dass Lumma dauernd twittert, dass er jetzt boardet oder bei Starbucks ist. Aber gleichzeitig bin ich inzwischen davon überzeugt, dass die Welt aufhören würde zu existieren, wenn Lumma nicht mehr boarden würde oder bei Starbucks wäre.
CemB: Worüber twitterst du? Was twitterst du? Zu welchen Zeiten twitterst du?
Ich twittere grundsätzlich über das, was ich gerade mache. Kann eine DVD sein, die ich gerade gucke, ein Lied, das ich im Ohr habe, eine Zustandsbeschreibung oder eben der Klassiker: Mach mir jetzt nen Kaffee. Sätze, die ich irgendwo mithöre. Infos, die ich aufschnappe und die ich mal eben rausblase, ohne sie für einen Blogeintrag feinzuschleifen.
Ich twittere, so lange ich am Rechner bin. Also nicht während Big Brother oder American Idol. Sonst immer.
CemB: Hat Twitter deine Kommunikationsgewohnheiten verändert? Dein Leben bereichert?
Mein Leben bereichert auf jeden Fall, weil man, auch wenn sich das wieder nerdig und sozial inkompetent anhört, immer jemanden um sich rum hat, selbst wenn man alleine auf der Couch liegt. Für mich ist Twitter inzwischen zu einem ständigen Hintergrundrauschen geworden, dem ich zuhören kann, wenn ich will, aber auch ignorieren kann, wenn’s grad stört. Aber ich weiß, es ist immer jemand da. Und das fühlt sich für mich sehr kuschelig und beruhigend an.
Ich habe festgestellt, dass ich auch bei Twitter eher „persönlich Schreibenden“ folge. Die ganzen Technikkonversationen, die mich in Blogs schon nicht interessieren, interessieren auch bei Twitter nicht.
Meine Kommunikationsgewohnheiten hat es weniger verändert, weil ich „wirkliche“ Konversationen eher per Mail oder, wenn’s sein muss, per Telefon führe. Twitter ist für mich eher ein kleiner Marktplatz, wo man mal kurz auftaucht, was sagt und wieder geht. Gespräche über Twitter finde ich sehr nervig. Eine Frage/Antwort/ah, danke-Konversation ist okay, aber sobald irgendwer chattet, geht’s mir auf die Nerven. Deswegen sind auch schon einige Leute bei mir aus meinem Twitterversum geflogen, weil mir das zuviel wurde.
CemB: Nutzt du es für dein Networking? Wie drückt sich das für dich aus?
Ich nutze gar nichts für mein Networking, weil ich keins betreibe.
CemB: Hast du durch Twitter neue Themen und Leute kennengelernt? Neue Impulse und Anregungen bekommen?
Auf jeden Fall. Ich lese ein paar Blogs mehr von Leuten, die mir gefolgt sind und die ich darüber erst kennengelernt habe. Und die meisten Links, die in Blogs auftauchen, habe ich inzwischen schon einen Tag vorher auf Twitter gesehen. Und eine Woche später auf SpOn.
Ich lese Twitterzeug von Leuten, deren Blogs ich grottenlangweilig finde. Ich lese Blogs von Leuten, deren Getwitter mich nervt. Und ich möchte ganz zusammenhangslos auf arghs Gezwitscher hinweisen, das alleine Twitter eine Daseinsberechtigung verleiht.
CemB: Nutzt du Twitter auch beruflich?
Wenn ich konzentriert an einem Text sitze, ignoriere ich Twitter. Ich kann beim Schreiben auch keine Musik hören, und wenn’s richtig hart auf hart kommt, mach ich auch das Mailprogramm zu, damit da nix nervt. Wenn ich eher entspannt vor mich hinschreibe (ja, da gibt es Abstufungen), gönne ich mir alle halbe Stunde mal einen Blick, lese nach und schreibe dann weiter. Wenn ich allerdings „nur“ rumspinne oder nach Ideen suche, lese ich bewusst jeden Quatsch, weil jeder Quatsch inspirieren kann.
Ich habe erst einmal eine berufliche Frage gestellt, als mir partout nichts mehr einfiel. Da kamen dann auch reichlich Antworten, die ich nutzen konnte.
CemB: Wie gehst du mit Followern um?
Ich gucke mir jeden Follower an und entscheide relativ spontan, ob ich ihm oder ihr auch folgen will. Wenn das Gezwitscher nur aus @-Posts besteht, folge ich so gut wie nie.
Leute, die schon 2000 anderen Leuten folge, blocke ich grundsätzlich, weil ich keine Ahnung hab, was ich da in der Liste soll. Und einmal wollte mir jemand folgen, der schon 100 anderen gefolgt ist – nur Frauen. Der wurde auch sehr, sehr schnell geblockt.
Ich finde es immer sehr spooky, wenn Leute nur mir folgen. Die gucke ich mir ein paar Tage an, und wenn ich weiterhin die einzige Person bin, der gefolgt wird, wird der auch geblockt, weil sich das nach Stalking anfühlt. Ich wünschte, ich könnte auch im Blog sehen, wer mir folgt und notfalls Leute kicken.
Selber folge ich knapp 100 Leuten. Es waren mal mehr, aber das hat mich wahnsinnig gemacht, weil ich gar nicht mehr nachkam mit Lesen. Wenn ich jemandem folge, dann will ich das auch lesen. Wenn ich merke, ich krieg nichts mehr mit, müssen ein paar Leute leider gehen. Und: Jeder, der nur „New blog post“ twittert mit Link zum eigenen Blog, fliegt sowieso. Dafür gibt’s RSS. Deswegen ist z.B. auch Jojo aus meiner Liste geflogen, dessen Blog ich liebe, aber dessen Tweets für mich völlig nutzlos sind.
CemB: Welche Twitter-Clients nutzt du? Twitterst du auch mobil?
Ich nutze Twitterific, allerdings noch eine alte Version, weil die keine Werbeeinblendungen hat. Außerdem habe ich den Zwitschersound deaktiviert, weil ich mich irgendwann mal sehr erschreckt habe, als ich auf dem MacBook eine DVD geguckt habe und mittendrin das fiese TSCHILP! ertönte.
Mobil twittere ich eher selten, meist aus Langeweile, wenn ich auf den Bus warte oder weil ich mal wieder am iPhone rumspielen will. (Ja, das macht immer noch Spaß.)
CemB: Siehst du Wechselwirkungen zwischen Blogs und Twitter? Oder mit anderen Plattformen?
Ich habe bei mir gemerkt, dass ich inzwischen viele Sätze zwitschere anstatt sie zu bloggen. Nicht alle, aber viele. Manche Links schleudere ich auch bei Twitter raus anstatt sie für einen Blogeintrag aufzuhübschen. Andere Links, die vielleicht einer Erklärung bedürfen, „verschwende“ ich aber nicht bei Twitter, sondern schreibe da lieber noch was zu und blogge es dann.
Andere Plattformen nutze ich kaum, weder Fotos noch Filme. Daher sind mir da Wechselwirkungen wurst.
CemB: Was kommt nach Twitter?
Keine Ahnung. Ich laufe ja heute noch durchs Internet wie eine Sechsjährige und rufe dauernd, oh guck mal, was hier GEHT! ALLES BUNT!
Ich bin von jedem technischen Fortschritt völlig überwältigt und find’s toll, dass irgendjemand diese irrsinnige Idee hatte. Gleichzeitig mache ich mir selbst aber so überhaupt keinen Kopf drum. Dafür gibt’s ja irgendjemand anders.
2008 in Büchern (Januar – März)
Harlan Coben – Tell No One
Ach naja, Thriller halt. Witwer kriegt E-Mails von seiner toten Ehefrau, die ihn bittet, niemandem davon zu erzählen. Nee, klar. Zum Schnellweglesen auf Zugfahrten. Zum Schnellweglesen auf Zugfahrten aber recht gut.
Johannes Willms – Gebrauchsanweisung für Frankreich
So sehr mir der plaudrig-süffisante Tonfall von Wickert bei seinen Frankreichbüchern auf den Zeiger ging – die vor sich hergetragene Intellektualität von Willms ist noch nerviger. Eindeutig informativer als Wickert, aber eben auch anstrengender. Streberbuch.
Joachim Fest – Hitler. Eine Biografie
Ich kann nicht behaupten, dass es Spaß macht, eine Biografie über Hitler zu lesen, aber ich war sehr vom Fest’schen Stil fasziniert, der die immer seltsamer werdende Geisteshaltung des Gröfaz sehr nachfühlbar beschreibt. Viele Adjektive, die ich nicht vermutet habe und sehr viel Inhalt, den ich noch nicht kannte – und ich behaupte von mir, recht gut über 33–45 Bescheid zu wissen. Absolut lesenswert. Hat mich allerdings einige Monate gekostet, denn nach jeweils ein, zwei Kapiteln musste ich dringend irgendwas lesen, was bessere Laune macht.
Andreas Eschbach – Der letzte seiner Art
Typischer Eschbach. Riesenidee mit belanglosem Ende; diesmal geht’s um einen bionischen Kerl, dessen High-Tech-Innenleben allmählich versagt. Liest sich zackig weg und hinterlässt keinen schweren Kopp.
Frank Schätzing – Der Schwarm
Knapp 1000 Seiten im oder am oder auf dem Meer, dessen Bewohner auf einmal nicht mehr nett zu den Menschen sind. Zeitweilig wollte ich nicht mehr in die Badewanne, weil Wasser plötzlich eine böse Bedrohung war. Sehr spannend geschrieben, aber mit den letzten 50 teils zu langen, teils zu verquasten Seiten hat der gute Schätzing das Finale fies versaut. Hieß für mich: das Ende querlesen und das Buch ein winziges bisschen nölig ins Regal stellen.
Michael Jürgs – Der Fall Romy Schneider
Arg bemühte Mischung aus Kriminalfall bzw. journalistischer Recherche und einer klassischen Biografie. Die ist dazu auch noch superschnarchig und banal geschrieben. Klingt nach einer schlechten Serie im Stern, um die eine affige Handlung rumgestrickt wurde.
Brigitte Hamann – Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth
Gut zu lesende Biografie von Winifred Wagner, Ehefrau von Siegfried Wagner, „des Meisters Sohn“. Das Buch versucht neutral zu bleiben und Winifred weder als unverbesserliche Nazi hinzustellen noch als aufrechte Widerstandskämpferin. Es macht sehr gut den seltsamen Widerspruch deutlich, den Winifred verkörperte: Einerseits hat sie bis zu ihrem Tod 1980 gerne über ihre Freundschaft zu Hitler gesprochen, andererseits hat sie während des Dritten Reichs vielen Menschen geholfen, die sonst dem System zum Opfer gefallen wären. Leider fehlen dem Buch wichtige Details, weil die Familie Wagner bis heute die Briefe zwischen Winifred und Siegfried nicht zu Forschungszwecken freigibt. Trotzdem sehr lesenswert.
Annie Leibovitz – A Photographer’s Life
Gewagte Mischung aus den üblichen Hochglanz-Leibovitzen mit sehr intimen, privaten Bildern: ihre Eltern, Geschwister, Nichten, Neffen … und natürlich ihre Lebensgefährten Susan Sontag, die sie bis zu ihrem Tod begleitete. Auch mit der Kamera. So ein bisschen mehr Text hätte ich mir doch gewünscht, aber natürlich sagen die Bilder schon so gut wie alles.
Flix – Held
Sehr schöner Comic. ’nuff said. (der-flix.de)
Das Rheingold
Letzten Mittwoch hatte ich das Glück, Das Rheingold in der Oper in Hamburg zu sehen. Per glücklichem Klick im Online-Bestellformular hatte ich eine der letzten Karten abgekriegt und saß nun dumm grinsend und voller Vorfreude, wie immer bei Wagner, in der 19. Reihe an der Seite, von wo man aber immer noch einen guten Blick auf die Bühne hatte. Und sogar auf die Obertitel. Ich wusste gar nicht, dass die Oper mit Obertiteln gespielt wurde (ist das jetzt immer so in Hamburg?), hatte aber so gar nichts dagegen, denn auch wenn ich das Rheingold schon, weiß nicht, fünf- oder sechsmal gesehen habe und mir auch jedesmal vorher das Libretto durchlese, hab ich doch zwei Stunden später wieder vergessen, was genau die Damen und Herren Götter da vorne singen. Und mal ehrlich: verstehen kann man sie auch nicht.
Die Ouvertüre kostete wieder ein kleines Tränchen, dann öffnete sich der Vorhang und das Rheinbett war – ein Bett. Und die drei Rheintöchter mit den gerne veralberten Namen Woglinde, Wellgunde und Floßhilde (wer darüber keine Witze macht, sollte über gar nichts Witze machen) waren drei züchtig bekleidete Pyjamamädels, die eine neckische Kissenschlacht veranstalteten. Machen wir Mädels ja sowieso immer, sobald die Kerle weg sind: Kissenschlachten. Ich fand’s ziemlich charmant und war vor allem dankbar, dass ich endlich mal eine Rheingold-Inszenierung gesehen habe, in der die Damen nicht mit Silikon-, Stahl- oder sonstigen falschen Brüsten rumlaufen mussten, die auch gerne auf Kommando beim „Titelsong“ („Rheingold! Rheingold! Leuchtende Lust“) per Gruppenexhibitionismus entblößt wurden. Ernsthaft. Das erste Mal Rheingold ohne nutzlos nackte Oberweite. Schon gewonnen.
Die erste Szene war rum, der glitschige Alberich hatte das Gold geklaut, der Vorhang senkte sich, das Orchester spielte weiter … und hörte plötzlich auf. Was es nicht tun sollte. Und bevor man sich noch großartig überlegen konnte, was los war, kam auch schon eine Stimme über die Lautsprecher, dass man kleine technische Probleme mit der Bühne und dem nächsten Bild habe, dass es aber gleich weitergehe. Woraufhin einige ernsthaft den Saal verlassen haben, weil: Das kann dauern und ich war ja erst vor 35 Minuten das letzte Mal auf dem Klo. Ich hoffe, die Nasen sind nicht wieder reingekommen, denn bereits nach wenigen Augenblicken setzte das Orchester wieder ein und der Vorhang öffnete sich zum zweiten Bild.
Im zweiten Bild treten zum ersten Mal die Riesen Fafner und Fasolt auf, die den Göttern um Wotan die Burg Walhall gebaut haben und nun ihren Lohn abholen wollen. Auf die Riesen freue ich mich bei jeder Inszenierung, genau wie auf den Drachen im Siegfried, weil ich jedesmal gespannt bin, was sich die Regisseure einfallen lassen, um bloß keine Riesen oder Drachen auf die Bühne bringen zu müssen. Manchmal tun sie’s doch: In Hannover habe ich mal einen Drachen gesehen, der eine große silberne Kugel war, aus der oben der Sänger halb rausguckte. Hinter der Kugel waren lauter dicke Ringe, ähnlich wie massive Rhönräder. Alles lief auf Rädern bzw. in der Kugel und den einzelnen Ringen, die Schwanzglieder des Drachen waren, versteckten sich arme Praktikanten, die die Teile blind bewegt haben. Und als der Drache von Siegfried erschlagen wurde, rissen die Ringe von der Kugel ab und verstreuten sich über die ganze Bühne. Fand ich nicht so doof.
Als Riesen kenne ich die üblichen Stelzenläufer und das Spiel mit langen Schatten, die die normalgroßen Sänger immerhin per Licht zu Riesen machen. Clevere Hamburger Lösung: Die Burg und das Land um die Burg sahen wie eine Eisenbahnminiatur aus, über die die Sänger bei ihrem ersten Auftritt in schweren Schritten rübergestapft sind, immer schön im Takt zu ihrem Leitmotiv. Danach waren sie zwar genauso groß wie ihre Mitspieler, aber der erste Eindruck war perfekt, und man hat sie ganz einfach als Riesen akzeptiert. Gekleidet waren sie wie fies-klischeeige südländische Türsteher, komplett mit Goldkettchen und Vokuhila. Da passte dann auch, dass sie ihren Lohn in silbernen Koffern gekriegt haben.
Der Rest der Götterschar war mal wieder in Alltagsklamotten gewandet; passte zur Eisenbahnminiatur, hat mich jetzt aber auch nicht umgehauen. Ich muss bei solchen Kostümen immer an Loriot und seine Kritik an Wotan mit der Aktentasche denken. Der Hamburger Wotan war dann auch der am wenigsten göttliche, den ich je gesehen habe, denn er hatte sogar Ärmelschoner. Ihn fand ich sowieso sehr blass, während der Rest seiner Schar deutlich kraftvoller um ihn herumwitzelte. Überhaupt war der generelle Tonfall eher spöttisch, was okay ist, denn schließlich stellen sich alle im Rheingold nicht gerade schlau an: Wotan verspielt fast die Göttin der ewigen Jugend an die Türsteher, die blöden Rheintöchter lassen sich das Gold unterm Hintern wegklauen, der Dieb des Goldes ist zu dumm, es zu behalten, und überhaupt wundert man sich nach dem Rheingold, ob die Herrscher und Herrscherinnen über das Universum sich wenigstens die Schuhe selber zubinden können.
Was sie alles können und vermögen, sehen wir dann in der Walküre, dem Siegfried und natürlich der Götterdämmerung, die bis Ende 2010 in Hamburg auf die Bühne gebracht werden sollen. Und nächste Spielzeit bin ich klüger und sorge schon früher für eine Karte, denn wenn das Rheingold – das zickigste Stück im Ring – schon so gut war, bin ich sehr gespannt auf den Rest.
Nachtrag zur Teddybärenwoche: Gestern hatte ich ein sehr schönes Päckchen im Briefkasten. Darin das Buch Anna & Elvis von Richard Kähler, das von zwei Teddybären handelt, die sich im Urlaub kennenlernen. Das ganze ist total niedlich und gleichzeitig schön schräg, weil man doch eher selten Teddybären bei ihren ersten sexuellen Annäherungsversuchen zuschaut. Kann ich uneingeschränkt weiterempfehlen und mich hiermit nochmals beim freundlichen Spender (der gleichzeitig der Verfasser des Buchs ist) bedanken. Auch für das sehr nette Anschreiben und die Widmung in einer grandiosen Handschrift, auf die ich ewig neidisch sein werde.
PS: Die Teddys im Buch sind übrigens von Beate Bera, auf deren Seite Herr Svensson vielleicht fündig wird, falls sein Tiger mal … aber darüber wollen wir gar nicht nachdenken.
Die Washington Post hat für ihre wunderbare Geschichte über Joshua Bell, die ich hier erwähnt habe, einen Pulitzer-Preis gewonnen.
(Danke an Jürgen für den Hinweis.)
Brokeback Luftkampf
Ab Donnerstag läuft Der Rote Baron im Kino. Anscheinend gibt es mehrere Plakate zum Film; ich bin gestern jedenfalls an einem vorbeigefahren, auf dem die Köpfe von Til Schweiger und Joseph Fiennes zu sehen waren, zusammen mit der Tagline „Sein größter Sieg war ihre Liebe“. Ich hatte mich schon gefreut, ganz neue Details aus dem Leben des von Richthofen zu erfahren, aber natürlich war’s doch ne Frau, in der er sich verliebt und blablabla. Schade. Für zwei Sekunden war ich doch versucht, mir den Kram anzugucken.
Ich lass mir jetzt in meinem Lieblingspapierladen in Ottensen ein paar neue Vokabelkarten schnitzen pour des mots français. (Ich hab’s noch nicht so mit dem Herrn Plural und diesen seltsamen Unzählbaren, daher ist der Satz vielleicht falsch. Hinweise werden gerne entgegengenommen.) Währenddessen dürft ihr Vanessa Paradis mit L’incendie lauschen.
Charlton Heston, 04.10.1924–05.04.2008
