Glee

Eine Serie, die gerade in den USA zu Tode gehypt wird. Ich habe sie bereits zweimal angefangen, und spätestens nach drei Folgen (manchmal auch schon nach drei Minuten) bekomme ich Kopfschmerzen und fühle mich, als hätte mich jemand mit Zuckersirup übergossen.

Glee spielt an einer High School, und der Glee-Club ist eine Versammlung von lauter Außenseiterklischees, die gerne singen. Wir finden die dicke Schwarze, den überkandidelten Schwulen, den bebrillten Rollstuhlfahrer, die schlaue Asiatin, die karrieregeile Nervensäge, die auf dem Gang dauernd Slushees ins Gesicht kriegt – und nach ein paar Anstrengungen auch noch ein, zwei tumbe Footballspieler und ein, zwei ebenso tumbe Cheerleader. In der Serie geht es offiziell darum, sich zu akzeptieren, wie man ist und die ganzen High-School-Penner Penner sein zu lassen, aber in Wirklichkeit geht es darum, irgendwie zwei bis drei Popsongs als klebriges Arrangement in 40 Minuten unterzubringen, ohne die Story völlig versanden zu lassen. Es gibt wohltuende Ausnahmen – die Szene auf dem Footballfield mit Beyoncés Single Ladies ist fantastisch, und wenn Kristin Chenoweth als alkoholisierter High-School-Dropout Maybe this time aus Cabaret anstimmt, ist das ziemlich toll –, aber meistens ist es fiese Mainstreamgrütze, die durch den Chorsatz noch mainstreamgrütziger wird.

Wie schon angedeutet: Die Charaktere haben ihren Namen nicht verdient. Weder der Glee-Club noch der Rest der Bande, bestehend aus dem ewig bemühten und sturzlangweiligen Lehrer, seiner blonden, halbtags arbeitenden und deswegen total gestressten Frau, die das Riesenhaus und ein Baby will, dem piepsigen, großäugigen Love-Interest, die immer in fürchterlich niedlichen Kleidchen und Blüschen rumläuft … ja, ich weiß, es ist eine Musical-Serie, und Musicals zeichnen sich nicht gerade durch ausgewogene Storylines aus, aber was Glee abzieht, ist auf 40 Minuten einfach nur anstrengend. Ich glaube, im Sitcomformat hätte mir das Ding weitaus besser gefallen.

Einzige Lichtblicke, die mich dazu bringen, doch noch immer eine Folge mehr zu gucken und auf Besserung zu hoffen: Jane Lynch als toughe Sportlehrerin, die in jeder Episode die besten Sätze hat – “You think that’s hard? Try waterboarding, that’s hard!” –, und Chris Colfer als Kurt, der unter seiner ganzen Tuckigkeit noch am ehesten als echte Figur und nicht als Abziehbild rüberkommt. Außerdem: Ab und zu blitzt dann doch ein sehr hübscher, schräger Dialog durch das ganze belanglose Gesabbel.

Aber, dickes Aber: Die Storylines sind noch schlimmer als die Figuren. Ich will jetzt nicht zu viel verraten, aber die ganze Ich-bin-schwanger-Geschichte hat eine noch niedrigere Niveauhöhe als jede Vorabendsoap. Und wenn der Glee-Club mit einem Taubstummen-Chor John Lennons Imagine singt (sowieso einer der totgesungensten Songs aller Zeiten), dann ist das nicht inspirierend, sondern ganz, ganz schleimig.

Glee ist in den USA so erfolgreich, dass die Popstars angeblich Schlange stehen, um mitspielen zu dürfen. Für mich immer das untrüglichste Zeichen dafür, dass die Serie schon dem Tode geweiht bzw. über den Hai gesprungen ist. Denn wenn die Gastauftritte wichtiger werden als die Story, die ihren Namen ja eh nicht verdient hat, weiß ich auch nicht mehr, warum ich den Quatsch gucken sollte.

Käsekuchen

Ich mach das übrigens nicht mit Absicht, ausgerechnet Montag morgens, wenn ihr im Büro dieses Blog anklickt, Rezepte zu veröffentlichen, die den Arbeitstag noch länger werden lassen. Ich meine, ich muss da ja auch durch.

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Die neue Kuchenform sollte standesgemäß eingeweiht werden. Deswegen habe ich mich für einen Käsekuchen entschieden, den ich schon mal gebacken hatte, von dem ich also wusste, dass ich ihn einigermaßen hinkriege. Mit dem Teig für Boden und Rand hatte ich ein paar Probleme, aber ich war guten Mutes, sie dieses Mal souverän hinter mir zu lassen. Nun ja.

Das Rezept stammt aus dem einzigen Backbuch, das ich besitze und zwar seit 1993: Backen – Die neue große Schule. Heute heißt es nur noch „die große Schule“, und es ist das Pendant zum Löffel-Kochbuch, das wohl auch die meisten im Schrank stehen haben. Was ich bisher immer überlesen habe: Martina Meuth gehörte zur Redaktion. Kann also nicht ganz so schlecht sein, das Buch.

Springform, 26 cm. Für den Teig

50 g Zucker
100 g kalte Butter
150 g Mehl und
1 Eigelb

zu einem Mürbeteig verarbeiten. Heißt: Mehl und Zucker auf der Arbeitsfläche zu einem Hügelchen zusammenschieben, in die Mitte eine Mulde bohren, da das Eigelb hineingleiten lassen und die Bröckchen kalte Butter lustig auf dem Berg verteilen. Mit einem großen Messer alles schnell durchhacken, bis sich die Zutaten verbinden (klappt bei mir nicht.) Mit kalten Händen alles möglichst schnell zu einem Teig kneten (das klappt), eine Kugel formen und sie in Frischhaltefolie eingepackt für circa eine halbe Stunde im Kühlschrank ruhen lassen.

Ich habe die Kugel 42 Minuten ruhen lassen, weil ich da noch so eine Serienfolge auf Platte hatte mit ein paar Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer einsamen Insel, aber das Ergebnis war nicht anders als beim letzten Mal: Ich – kann – diesen – Teig – nicht – ausrollen. Ich kann allerdings Einzelteile von ihm ausrollen, diese dann von meinem extrem bemehlten Nudelholz abklauben und die tolle neue Kuchenform eben mit einem Frankensteinteig versehen anstatt mit einer einzigen schicken Teigplatte. Das Buch gibt den lustigen Tipp: „Reste zu einer Rolle formen und damit den Rand auskleiden.“ Watt ham wa jelacht*.

Wenn die Kuchenform ihr Teigkleid hat (auch wenn’s nach Patchwork aussieht), alles mit Backpapier abdecken und einen Berg trockene Hülsenfrüchte darauf verteilen. Bei 220° zehn bis 15 Minuten blindbacken.

In der Zeit kann man sich dem schmeckigen Teil zuwenden: der Füllung.

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500 g Quark (ich hab Magerquark genommen)
150 g Zucker
1 Pck. Vanillezucker
Zitronenabrieb von einer Zitrone
1 gehäufter EL Mehl
1 gehäufter EL Speisestärke
7 Eigelb

Alle Zutaten vermischen. Dann aus

7 Eiweiß Eischnee schlagen und
50 g Zucker unterrühren.

50 g Butter schmelzen.

Eischnee und Butter vorsichtig unter die Quarkmasse heben und auf dem vorgebackenen Boden verteilen. Im auf 180° vorgeheizten Backofen circa 40 Minuten backen.

Das Buch gibt noch den tollen Tipp, wie man es hinkriegt, dass der Kuchen am Rand nicht höher ist als in der Mitte. Nach der Hälfte der Backzeit den Kuchen aus dem Ofen nehmen und mit einem spitzen Messer zwischen dem Teigrand und der Füllungsmasse entlangfahren. Den Kuchen fünf Minuten ruhen lassen und fertig backen.

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Hab ich ignoriert. Sieht auch so toll aus – und schmeckt noch viel toller. Sehr fluffig, ein Hauch zitronig, und selbst die Mürbeteigfitzelei lohnt sich. Und: Aus der neuen Form ließ sich der Kuchen wirklich besser lösen als aus Mamas altem Blechhaufen.

Ich nehme trotzdem ein bisschen wehmütig von ihm Abschied.

Johannes hat einen Tipp, wie das mit dem Teig doch klappen könnte – danke für den Hinweis: „Man formt eine Rolle aus dem Teig, Durchmesser vielleicht 5cm. Die Rolle dann in den Kühlschrank. Wenn man den Boden belegen will, rollt man den Teig nicht aus, sondern schneidet Scheiben von der Rolle ab, in der Stärke, in der man den Boden gerne haben will, also so 3–5mm dick. Die legt man dann aneinander, drückt die Lücken zu, das geht ganz einfach, und hat dann einen gleichmäßigen Boden. Blindbacken etc. wie gehabt.“

Einfaches Weißbrot

Freitag nölte mich die Avocado aus der Speisekammer an, gefälligst gegessen werden zu wollen. Im Brotkorb lag nur noch Graubrot, und ich wollte zur Pseudoguacamole aber dringend Weißbrot essen. Und weil ich zu faul war, mal eben welches zu kaufen (Arbeitsaufwand zehn Minuten), habe ich lieber die Foodblogsuche genutzt und ein Brot gebacken (mit Ruhe- und Backzeiten Arbeitsaufwand drei Stunden). Viel toller. Viel leckerer.

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Das Rezept stammt von Küchenlatein (Blog, Twitter) und ist wirklich sehr einfach.

Aus

400 g Weizenmehl Type 550
1 TL Trockenhefe
1 TL Salz und
300 ml warmem Wasser

einen klebrigen Teig kneten. Zehn Minuten zugedeckt an einem warmen Ort ruhen lassen.

Früher, als ich noch in Wohnungen gewohnt habe, in denen das Bad eine Heizung hatte, war das mein warmer Ort, weil ich den kleinen Raum sehr schnell sehr warm bekommen habe. In unserer derzeitigen Wohnung hat das Bad keine Heizung – und ich fasse es bis heute nicht, dass mir das bei der Besichtigung nicht aufgefallen ist –, weswegen mein warmer Ort für Hefeteigkugeln mein Ofen ist. Hilft ja nix.

Nach der Ruhezeit den Teig auf einer eingeölten Arbeitsfläche zehn Sekunden lang kneten und weitere zehn Minuten ruhen lassen.

Laut Küchenlatein kann man dabei einmal Happy Birthday singen, was ich natürlich sofort ausprobiert und zeitgestoppt habe. Klappt hervorragend, und es macht Spaß, seinem Brot ein Lied zu seiner Geburt vorzusingen. Auch wenn es gleichzeitig ein Totengesang ist, denn das kleine Brot kann von zwei Leuten bequem an ein, zwei Abenden verzehrt werden.

Dieses „Zehn Sekunden kneten, zehn Minuten ruhen“ insgesamt dreimal machen. Dann den Teig nochmal 45 Minuten abgedeckt in einer Schüssel ruhen lassen.

Danach einen kleinen Laib formen und ihn im Gärkörbchen nochmal 45 Minuten ruhen lassen. Ich habe immer noch kein Gärkörbchen, eine mit Backpapier ausgelegte Kastenform tut’s auch.

Nach dieser letzten Ruhezeit den Laib auf ein mit Backpapier belegtes Blech umsiedeln, die Oberfläche bemehlen und tief einschneiden. Und jetzt kann das kleine Brot endlich gebacken werden: im auf 220° vorgeheizten Ofen für circa 35 Minuten. Küchenlatein hat dazu einen Backstein verwendet; hab ich auch nicht, schmeckt trotzdem. Das Brot hat eine sehr feste und knusprig-krümelige Kruste, ist innen wunderbar fluffig und besonders ofenwarm sehr, sehr lecker.

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Sie haben Post

Erst habe ich einen Abend lang gequengelt, dass DHL mal wieder nicht geklingelt hat und ein Paket jetzt nebenan in einem Laden liegt, dessen Öffnungszeiten (10–18 Uhr) nicht so ganz kompatibel mit meinen Arbeits- und Heimkommzeiten sind. Dann habe ich gequengelt, dass ich deswegen meine Mittagspause opfern muss, um das Paket aus diesem Laden abzuholen, denn ich bin ein netter Mensch, der seine Post nicht gerne tagelang in anderer Leute Läden rumliegen lässt, womöglich noch übers Wochenende. Dann habe ich gequengelt, dass ich dafür ein Taxi zahlen muss, denn per Bus schaffe ich das nicht, nach Hause und dann wieder in die Agentur und das alles irgendwie pünktlich, denn ich bin eine nette Arbeitnehmerin, die gerne rechtzeitig wieder am Platz ist.

Also kam ich quengelig im Laden an, quengelte schon etwas weniger, als ich sah, dass es kein Werbescheiß à la „lustige“ und „total spannende“ und „noch nie dagewesene“ Blogschnitzeljagden war, sondern ein Amazonpaket, huschte in die Wohnung, öffnete das Päckchen – und entschuldigte mich im Nachhinein beim Universum fürs Quengeln.

Im Paket war das hier, ich nehme an, als Reaktion auf diesen Blogeintrag. Mit einer Nachricht von Dirk-Eckart Meyer aus dem Due Baristi, einem Café, von dem auch Herr Paul schon geschwärmt hat.

„Hallo Anke, das hier ist meine Lieblingsform, mit der die Kuchen wirklich gelingen. (…)“

Und da war ich dann doch sehr gerührt.

Blogs sind so toll. Dass diese kleinen Racker mich auch wirklich immer und immer wieder überraschen können. Und die Menschen, die sie lesen oder schreiben. Vielen, vielen Dank.

Tagebuch 07.05.2010

Vor ein paar Tagen festgestellt: Mein neuer Zahnarzt hantiert nicht nur mit chemiegefüllten Spritzen und Bohrern und Zeug, sondern praktiziert auch Kinesiologie und Homöopathie. Ich bin gerade sehr froh darüber, keine Kommentare zu haben, in denen die unvermeidliche „Scharlatane! versus Aber bei mir hat’s gewirkt“-Streiterei ausbrechen könnte, aber ich persönlich gehe ganz gerne zu Ärzt_innen, die über ihren schulmedizinischen Tellerrand weggucken. (Und entscheide mich beim Zahnarzt dann für die volle Dröhnung Betäubung plus die schnuffige Arnika-Bepuschelung.)

Je öfter ich in Bioläden einkaufe, desto weniger verstehe ich diese Fleischersatzprodukte. Wenn ihr Fleisch essen wollt, esst Fleisch. Wenn ihr keins essen wollt, esst keins. Aber „Chikin Nuggets“ aus Tofu sind ja wohl völliger Kappes.

Lunch aka quick’n dirty Resteverwertung: Ciabatta, Salami (AUS FLEISCH!), Cherrytomaten und Gouda plus Gurke und irgendein Weichkäse.

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Links vom 06.05.2010

Ich hätte da ein paar Modeblogs mit dicken Frauen im Angebot, die ich neuerdings sehr gerne lese. Zum Einstieg empfehle ich You can’t bully me out of my skinny jeans.

Definatalie

30 dresses in 30 days

Kylanita

Le blog de Big Beauty

Tourner la mèche …

Fatshionable

Free your mind (and your fat ass will follow)

Ich habe zwei Fotos von mir in der wunderbaren Facebook-Gruppe „How to look like your shirt print“ hochgeladen (1, 2). Das mag für viele von euch jetzt nicht so die Heldentat sein, aber für mich war es ein ziemlich großer Schritt. Der ziemlich gute Laune gemacht hat.

Ich bin dick. Und das ändert sich auch nicht mehr. Ich habe durch mein Foodcoaching zwar (zum hundertsten Mal) gelernt, wie ich wohl abnehmen könnte, aber das wusste ich auch schon vorher. Ich habe die Weight Watchers hinter mir, die ominöse Max-Planck-Diät, bei der man sich wochenlang von Steak und saurer Sahne und Orangensaft ernährt, ich habe Kalorien gezählt und Fett, habe Kohlsuppen gegessen, Gemüsebrühen, überteuerte Pülverchen und Trennkost, habe vegetarisch gelebt, weil ich gehofft hatte, dass das was bringt, habe angefangen zu rauchen, weil das ja angeblich den Hunger bekämpft, kurz, ich habe 25 Jahre lang einen Kampf gegen mich und meinen Körper geführt, weil ich fett war. Bin. Bleiben werde. Und das ist schließlich das Schlimmste, was man sich selber antun kann. Könnte man ja ändern. Man müsste ja nur weniger essen und sich mehr bewegen und schon ist man schlank und glücklich. Lustig, dass „schlank“ immer gleichgesetzt wird mit „glücklich“. Lustig auch, dass uns Dicken immer und überall eingeredet wird, wir seien so dermaßen unliebenswert und unsexy, dass sich niemand mit uns abgeben könnte. Wenn diese Scheißtheorie stimmt, müssten alle dünnen Menschen in tollen Beziehungen leben und wir Dicken würden einsam und alleine sterben, um von Ameisen aufgefressen zu werden, in unseren anonymen 1-Zimmer-Wohnungen, die wir mit niemandem teilen, weil wir hässlich und doof sind. Merkt ihr was?

Es gab bei der BBC mal eine faszinierende Sendung, bei der zehn schlanke Menschen an einem Versuch teilgenommen haben. Sie mussten vier Wochen lang täglich 10.000 Kalorien zu sich nehmen (googelt bitte selber, wieviele BigMacs das sind. Ne Menge.), durften keinen Sport mehr treiben und wurden danach wieder gewogen. Einige haben richtig schön zugelegt, andere hingegen sind trotz dieser Mast kaum ein oder zwei Kilo schwerer gewesen. Jeder Mensch ist eben anders. Jeder Mensch verarbeitet Nahrung anders. Deswegen kennt auch jeder einen schlanken Freund oder eine schlanke Freundin, die täglich eine Sahnetorte essen kann, ohne zuzunehmen, während andere nur an ein Bild einer Sahnetorte denken müssen, und schon sind fünf Kilo auf den Rippen.

Und genauso ist es mit dem Abnehmen. Ja, ich kenne immerhin einen Menschen, der mal 15 Kilo abgenommen hat und bei dem sie auch seit 20 Jahren nicht wiedergekommen sind. Ich kenne allerdings auch mindestens zehn Leute, die sich seit Jahren mit der einen oder anderen Methode quälen, ein bisschen dünner zu werden und stattdessen immer mehr in die Breite gehen. Oder die ihr Leben lang ihr Essen rationieren und/oder jeden Tag Sport treiben müssen, um nicht wieder zuzunehmen. Das mag für einige okay sein, für mich klingt das nach einem Scheißleben. Jedenfalls scheißiger als dick zu sein.

Ich habe durch das Foodcoaching etwas viel wichtiges gelernt als abzunehmen: Essen zu genießen.

Essen war für mich immer das Böse, das Verbotene, eine Sünde (dieses verfickte Scheißdreckswort will ich nie wieder im Zusammenhang mit Essen hören). Essen war immer etwas, was sein musste, was ich aber nie wollte. Schokolade war böse, weil sie dick macht und dick war ich ja schon, und ohgottjetztessichschonwiederschokolade, ohgott ich werde noch fetter ohgott keiner hat mich lieb ohgott dagegen hilft nur Schokolade, die hat mich lieb. Und so weiter. Ganz vereinfacht gesagt. Mein Kopf ist noch etwas komplizierter gestrickt, aber Essen war nie einfach. Oder genussvoll. In wenigen Momenten, ja. Wenn ich es zelebriert habe. Wenn ich das Gefühl hatte, mir etwas Gutes tun zu wollen. Aber diese Momente waren selten, denn ich habe es ja nicht verdient, dass ich mir etwas Gutes tue, denn ich bin schließlich fett und damit doof und undiszipliniert und scheiße.

Inzwischen ist Essen ein täglicher Genuss geworden. Ich habe bis heute keine Ahnung, was Lu mit mir gemacht hat außer mich an die Hand zu nehmen und mir zu sagen: „Du darfst alles essen, was du willst.“ Weil nämlich alles schmeckt und alles gut tut, vor allem mir. Und seitdem zelebriere ich Essen so gut wie jeden Abend und genieße und freue mich darüber. Und ich habe kein Gramm abgenommen, obwohl ich gesünder esse und bewusster und mich einen Hauch mehr bewege. Und wisst ihr was? Es ist egal. Weil es mir so wichtig geworden ist, nicht mehr gegen meinen Stoffwechsel, meine Eigenarten und meinen Hunger anzugehen, sondern stattdessen mich zu mögen, mich um mich zu kümmern, mich nicht mehr zu verstecken, obwohl ich doch dick bin und damit ganz schlimm für anderer Leute Augen.

Ich habe wunderbare Gelegenheiten ausgelassen wie zum Beispiel einen Bericht im ZDF über die Tagebuchhölzer meines Opas, weil ich dick bin und nicht vor eine Kamera wollte, um Hasspost zu bekommen. Ich habe jahrelang Einladungen zu Bloggertreffen abgelehnt, weil mich da ja jemand sehen könnte, der bisher durch mein Blog eine gute Meinung von mir hatte – die sich natürlich sofort ändert, wenn er oder sie mich sieht. Ich habe so viele Dinge nicht gemacht, die ich hätte machen können – nicht, weil mich mein Dicksein daran gehindert hat, sondern das soziale Stigma, das Dicksein mit sich bringt, die ganzen Vorurteile und Arschlochbemerkungen, die ich nach 40 Jahren brav verinnerlicht habe.

Aber die sind auf einmal nicht mehr so wichtig.

Ich habe meinen Kleidungsstil verändert, von den sackartigen Hosen und Jungsshirts zur taillierten Jacke und den Ohrringen. Ich schminke mich wieder jeden Tag und ich freue mich darauf, unter Menschen zu gehen bzw. Menschen zu mir einzuladen. Weil ich mich endlich, endlich, endlich in meinem Körper wohlfühle. Oder zumindest Frieden mit ihm geschlossen habe. Ich bekämpfe ihn nicht mehr, ich beschimpfe ihn nicht mehr, ich hasse ihn nicht mehr. Ich kümmere mich um ihn und füttere ihn mit gutem Zeug. Und Schokolade, denn das ist auch gutes Zeug.

Und dieses neue Körpergefühl hat dazu geführt, dass ich dieses Jahr auf die re:publica gefahren bin, von der ich wusste, dass mich dort viele Leute sehen, die nur mein winziges Profilfoto auf Twitter kennen, auf dem ich irgendwie dünner aussehe als ich bin. Aber zum ersten Mal seit Jahren habe ich keine Angst mehr davor, unter Leute zu gehen, weil ich fett bin, weil ich weiß, dass es okay ist. Ich bin okay. Mein Körper ist okay. Und wer meinen Körper nicht okay findet, kann mir egal sein. Diese Souveränität klappt zwar noch nicht immer, aber es reicht, um alberne Fotos für eine Facebookgruppe zu machen, auf denen man mein Doppelkinn sieht. Weil es zu mir gehört. Weil ich das bin. Weil ich okay bin.

Um bei diesem Satz: „Weil ich okay bin“ anzukommen, habe ich 30 Jahre gebraucht. Und deswegen fühlen sich die Facebookfotos für mich wie eine Heldentat an.

Wer mehr über Fat Acceptance lesen will, kann das zum Beispiel bei Kate Harding tun, einem meiner liebsten FA-Blogs.

Tagebuch 04.05.2010

Hier müsst ihr euch einen total euphorischen Bericht aus der O2-World (formerly known as Color Line Arena) vorstellen, wo ich Eishockey geguckt habe, das deutsche Nationalteam gegen das kanadische. Allerdings sind mir mein Rücken und ein paar Spritzen beim Zahnarzt dazwischengekommen, weswegen mein Abend darin bestand, dösig auf dem Macbook amerikanische TV-Serien zu gucken und dabei zwei Liter Darjeeling mit Milch und Zucker zu trinken. Also fast so aufregend wie Eishockey.

(Immerhin ging’s in der Serie um Football.)

Tagebuchlinks 03.05.2010

Der Herr Ramses101 war Segeln und verknüpft sein Seemansgarn (ich bin sehr stolz auf diese Formulierung da eben) mit lustigen Überlegungen zu Werbung und dem Bindestrich:

„Loslassen ist eigentlich gar nicht so angesagt, wenn man auf der Kogge eine Strippe in der Hand hat. Im schlimmsten Fall folgt dann nämlich das Tauende den Gesetzen der Physik und ist weg. Und mit weg meine ich weg. Nicht wie der Kuli im Büro („Ah, da isser ja wieder“) oder die Freundin („Pfff, mir doch egal, endlich wieder Zeit für mich“), sondern eher wie in der Architektur („Tragende Wand? Hm, jetzt, wo Sie es sagen …“). Um das Tauende bei gesetztem Segel wiederzubekommen, müsste man das Segel raffen und (mutmaße ich, es ist ja nicht wirklich passiert) die Rah dumpen, also schräg zum Mast stellen. Die entscheidenden Taue hängen schließlich logischer- und blöderweise am unerreichbaren Ende der Rah.

Das ist genau so anstrengend, wie es sich anhört und deshalb neigt man als Koggenneuling dazu, alles irgendwo festzubinden. Am besten noch mit einem verzweifelten Knoten, der mit viel gutem Willen als “Zwei halbe Schläge” durchgeht. Wenn Sie damals ™ als Kinder im Garten Cowboy und Indianer gespielt haben, dann kennen Sie den Knoten. Der hieß da einfach „Doppelknoten“ und war relativ final. Und wenn Sie sich jetzt daran erinnern, wie friemelig das war, einen Doppelknoten bei dem Kollegen am Marterpfahl zu lösen, dann stellen Sie sich das mal vor mit einem zentimeterdicken Tau, das von einem im Wind stehenden Riesensegel gestrafft wird und jetzt (gemeint ist: JETZT!!!!) los muss.“

“101.
Smile, straighten your cuffs and punch him in the face.”

What would Don Draper do? Via einem Interview mit Vincent Kartheiser im Guardian via den Fug Girls, die auf das Interview mit folgenden Worten gelinkt haben: This interview with Vincent “Pete ‘Weasel’ Campbell” Kartheiser is one of those ones where you read it and you think, “Dude, this was more psychologically revealing than you and your publicist may have wanted it to be.”

“If you have friends of the indecisive sort, …learn how to play 5-3-1. It’s a trick to settle the “where do you want to eat?” — “I don’t care, where do you want to eat?” game. One partner names 5 places, the other eliminates two of those choices, and the first one eliminates the remaining two. It’s decision making in turns, and it works just as well as anything else.”

Relationship Hacks, via misscaro.

Mokka-Crème-Brûlée

mokkacremebrulee

Mal wieder zahnkompatible Resteverwertung betrieben (faule Ausrede, um Süßkram zu machen statt ne Karottensuppe zu kochen): Mokka-Crème-Brûlée. Ich habe noch nie Crème Brûlée gemacht, daher wusste ich nicht so recht, was von den Mengenangaben zu halten ist. Das Rezept meiner Kollegin, die mir auch die Förmchen und den tollen Brenner geliehen hat, wollte einen Liter Sahne haben, was für mich gleichbedeutend ist mit ca. 70 Portionen Nachtisch. Aus den 200 ml Sahne, die wir im Kühlschrank hatten, konnte man immerhin fünf flache Schälchen befüllen. Zwei für den Kerl, zwei für mich und eine für die Köchin. Passt.

200 ml Sahne mit
1 Espresso und
1 kleinen Handvoll Kaffeebohnen

erwärmen. Nicht kochen. In einer Schüssel

3 Eigelb mit
70 g Zucker verquirlen, bis sich der Zucker gelöst hat.

Die Kaffeebohnen entfernen, die warme Kaffeesahne unter die Eimasse rühren. Ich Hallodri habe dazu meinen Mixer benutzt, mit dem ich auch den Zucker totgequirlt hatte, was dazu geführt hat, dass sich ein lustiges Schaumwölkchen auf der Masse gebildet hat. Das habe ich natürlich auch gnadenlos mit in die Förmchen gefüllt – und es ist dann auch brav gestockt. Sieht nicht unbedingt toll aus. Also bitte vorsichtig unterrühren und keinen Schaum produzieren.

Die Masse in so viele flache Förmchen füllen wie eben da sind. Bei 110° in einer guten halben Stunde im Ofen stocken lassen. Ich habe mir den Firlefanz mit Wasserbad und so gespart; hat auch so funktioniert. Laut Kollegin kommt auch noch der Abrieb einer Zitrone in die Masse, aber die hatte ich nicht. (Orangen und Limetten hätte ich gehabt, aber die wollte ich da nicht reinreiben.)

Eine Nacht auskühlen lassen, mit Zucker bestreuen und schöööön mit dem Brenner aus dem Baumarkt abfackeln. Alleine für den Spaß muss ich mir jetzt auch Förmchen und Flämmchen kaufen.

Tagebuch 02.05.2010

Die Punkte „Ich darf wieder Milchprodukte essen“ und „Wir haben aber NE MENGE Frischkäse im Haus“ und „So richtig was Festes kann ich auch noch nicht knabbern“ zu einer Jogurt-Frischkäse-Blaubeertorte verbunden.

Klingt toll, war aber nur zu 95% ein Erfolg. Der Biskuit – lecker. Die Frischkäse-Jogurt-Mischung – och jo. Die Blaubeeren aus dem Glas, von Mama liebevoll eingekocht – gehen ja immer. Aber: Nach dem Festwerden im Kühlschrank habe ich den Springformring von der Torte genommen und festgestellt, dass sich der Rand der Torte gräulich verfärbt hat. Der Rest war logischerweise schön bläulichviolett, aber der Rand fies grau – und seltsam gerochen hat er auch.

Die Springform ist mindestens von Mama, eventuell sogar von Oma, hat also garantiert so um die 30 Jahre auf dem Buckel. Deswegen frage ich mich, ob das Metall mit irgendwas in der Torte wild reagiert hat, um diesen ekligen Rand zu schaffen. Beim Abwaschen des Rings ist mir der Geruch noch unangenehmer aufgefallen, aber ich wüsste nicht, was von den Zutaten mit dem Ring nicht klarkommen sollte. Da war ja kein Plutonium drin, sondern nur normales Zeug. Hm.

(Edit: Meine Twitter-Timeline tippt auf böses Aluminium. Wo sind meine Chemiebücher, wenn ich sie mal brauche?)

Endlich mit dem Kriegsklotz begonnen. Allein der erste Band wiegt bereits 1.132 Gramm (Krieg und Frieden war leichter!), weswegen ich so lange gezögert habe, mit ihm anzufangen. Denn bei dem Gewicht schleppe ich ihn ungerne im Rucksack zur Arbeit, um im Bus und in der Mittagspause was zu lesen zu haben. Gleichzeitig hasse ich es aber auch, zwei Bücher gleichzeitig zu lesen, eins tagsüber und eins abends, weil ich abends doch eher dösig im Kopf bin und gerade noch zu einer Partie Sudoku auf dem iPhone fähig. Wenn überhaupt. Aber die Civil-War-Bücher lächeln mich seit meinem Geburtstag an, und jetzt werden sie eben gelesen. Und nach den ersten 100 Seiten weiß ich auch, warum sie solche Klassiker sind.

Tagebuch 01.05.2010

Keine Gäste gehabt. Keine Ravioli geschnitten, kein Lamm gebraten, kein Sorbet in die Eismaschine gefüllt, keinen Wein getrunken. Stattdessen weiches Weißbrot mit Marmelade gegessen und Tee gekocht und mich trotz Zahnschmerzen (bzw. Wundschmerzen) über sechs Tore in Hannover gefreut. Und, ich traue es mich ja kaum zuzugeben, langsam angefangen, Bayern München zu bewundern.

Meine Twitter-Timeline-Lieblinge im April 2010

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Tagebuch 29.04.2010

Ein paar Links, die mir gestern über den Weg gelaufen sind:

As Lost Ends, Creators Explain How They Did It, What’s Going On (via Lus Gezwitscher)

The Revolution Will Be Commercialized – How Sarah Palin Has Become a Singular National Industry

“On Friday morning, July 3, Palin called her cameraman to her house in Wasilla and asked him to be on hand to record a prepared speech. Around noon, in front of a throng of national reporters, she announced that she was stepping down as governor. To many, it seemed a mysterious move, defying the logic of a potential presidential candidate, and possibly reflecting some hidden scandal—but in fact the choice may have been as easy as balancing a checkbook.

Less than a year later, Sarah Palin is a singular national industry. She didn’t invent her new role out of whole cloth. Other politicians have cashed out, used the revolving door, doing well in business after doing good in public service. Entertainment figures like Arnold Schwarzenegger, Jesse Ventura, and even Ronald Reagan have worked the opposite angle, leveraging their celebrity to make their way in politics. And family dramas have been a staple of politics from the Kennedys—or the Tudors—on down. But no one else has rolled politics and entertainment into the same scintillating, infuriating, spectacularly lucrative package the way Palin has or marketed herself over multiple platforms with the sophistication and sheer ambitiousness that Palin has shown, all while maintaining a viable presence as a prospective presidential candidate in 2012.”

The Quiet Revolution – über die Veränderung unser Hörgewohnheiten durch Walkman und iPod (via Kikis Gezwitscher)

“The Walkman offered listeners something far more powerful than free music. It gave them control: control of what was heard; control of when it was heard; control of where it was heard; control, ultimately, of the listener’s environment. Consciously or not, that’s what the record industry was really fighting in 1984, and what they’re fighting even more fiercely today. Not loss of revenue. Loss of control.”

– die Diplomarbeit Kulinarische Momentaufnahmen über Foodblogs, unter anderem mit der Vorspeisenplatte

Was haben wir früher nur ohne Twitter gemacht? (via cartoonists Gezwitscher)

Bücher 2010 – April

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Martina Meuth/Bernd Neuner-Duttenhofer – Wo die glücklichen Hühner wohnen

Die beiden Verfassenden kochen seit gefühlten Jahrzehnten in den öffentlich-rechtlichen Programmen rum; ich persönlich habe ihnen des Öfteren in diversen Servicezeiten zugeguckt und mich immer sehr puschelig-aufgehoben bei ihnen gefühlt. Auch wenn sie mir manchmal zu viel darauf rumreiten, dass, ein erdachtes Beispiel, der Speck eines bestimmten Schweins von der Schwäbischen Alb der einzig wahre ist und alle anderen total doofe Loser sind, kommt bei ihnen doch immer der Wunsch nach wirklich gutem Essen rüber. Sei es ein schlichter Salat als Vorspeise oder der extrem aufwendige Braten, der 24 Stunden im Rohr vor sich hinschmurgelt. Das Buch liest sich dann auch genauso: Die beiden erzählen sehr persönlich von gutem Essen, respektvollem Zubereiten, guten Zutaten, woran man sie erkennt und warum das so wichtig ist, und sie bieten netterweise gleich dutzende von Webadressen an, bei denen man sich auch als Städter eindecken kann. Manchmal klingt zwar auch hier das arg Missionarische durch, aber ich habe das Buch wirklich sehr gerne gelesen und fühle mich ganz schlicht in meinem Vorhaben bestätigt, weiterhin auf gute Qualität zu achten. Zum Beispiel nicht nur möglichst oft, sondern möglichst immer Biofleisch zu essen, am besten vom Metzer um die Ecke und nur in Notfällen aus dem Supermarkt. Oder eben gar nicht.

Rachel Polonsky – Molotov’s Magic Lantern: A Journey in Russian History

Ich habe das Buch nach ungefähr 250 Seiten etwas zwiegespalten weggelegt. Die Grundidee finde ich sehr clever und charmant: Polonsky darf sich nach dem Tod von Wjatscheslaw Molotow durch seine Bibliothek wühlen und verknüpft die Bücher, die sie findet, mit Geschichten über die russische Geschichte und Kultur. Hört sich toll an, hat mich aber andauernd beim Lesen einschlafen lassen. Ich kann nicht mal genau sagen, was ich an ihrem Stil jetzt so unfassbar schnarchig fand, aber ich habe mich wirklich bei fast jedem Absatz dabei erwischt, irgendwann nicht mehr mitzulesen, sondern nur noch mit den Augen den Buchstaben zu folgen, während mein Kopf ganz woanders war. Vielleicht weiß ich einfach viel zu wenig über Russland bzw. die untergegangene Sowjetunion, um die vielen, vielen Geschichten, Geschichtchen und Anekdoten zu würdigen; vielleicht haben mich die ganzen Namen schwindelig gemacht, keine Ahnung. Ich würde euch das Buch sehr gerne empfehlen, weil ich es sehr schlau fand und sehr durchdacht, aber wie gesagt: Ich habe es einfach nicht über mich gebracht, es wirklich gerne zu lesen.

Anne Enright – The Gathering

Enright beschreibt aus der Perspektive einer Tochter eine gesamte dysfunktionale Familie, die nach dem Selbstmord eines Sohns zur Beerdigung zusammenkommt. Dabei verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit, Wahrheit und Fiktion. Die Tochter ersinnt parallele Biografien, überlegt, wie ihre Großeltern sich kennengelernt haben mögen und was ihr Bruder im Moment seines Selbstmords gedacht haben könnte. Ich habe fast jeden Satz des Buchs als sehr sezierend empfunden; nicht nur als beschreibend, sondern als tiefergehend, wühlend, nie mit dem Oberflächlichen zufrieden seiend. Das macht The Gathering nicht unbedingt zu einem Gute-Laune-Buch, aber zu einem, das einen sehr unmittelbar an vielen Emotionen und Beobachtungen teilhaben lässt und danach fies an einem kleben bleibt.

Ulrich Drees – Das Spiel des Asen

Frau Ninifaye legte mir dieses Buch ans Herz bzw. schickte es mir gleich mit der Post. Da kann ich ja nicht nein sagen, obwohl mir Fantasy nicht gaaaanz so gut gefällt. Dementsprechend hat mir Das Spiel des Asen denn auch nicht gaaaanz so gut gefallen. Was genau passiert, setzt sich erst nach ungefähr 100 Buchseiten aus vielen, vielen Bruchstücken und Andeutungen zusammen – und sobald das passiert ist, verliert das Buch leider etwas von seinem Schwung, dem ich zunächst fies erlegen war. Asen liest sich ein bisschen wie Eschbach, der einen ja auch immer von hier nach dort und durch fünf Jahrhunderte gleichzeitig jagt. Die Passagen haben mir auch gut gefallen, und ich mag es, nicht alles auf dem Silbertablett serviert zu bekommen, sondern mir selber einen Kopf darüber machen zu müssen, wer zum Henker die Asen überhaupt sind. Kurz gesagt, geht es in Asen um ein altes Ritual, das ein christlicher Geheimbund durchführt. Ganz kurz gesagt. Dummerweise bevölkern noch viele, viele weitere Charaktere als nur die Mitglieder des Geheimbunds das Buch, und ehrlich gesagt hätte ich auf einige von ihnen gerne verzichtet, weil sie die Story nicht wirklich voranbringen oder nur kurz auftauchen, um sofort auf die eine oder andere blutige Weise wieder zu verschwinden. Auch ein Punkt, mit dem ich gehadert habe: zu viel Blut. Aber das ist persönlicher Geschmack. Mir waren die Figuren meist nicht gut genug ausformuliert, so dass ich mit wenigen wirklich mitfiebern konnte. Selbst die Hauptperson bleibt ziemlich diffus, und bei einem Genre, das logischerweise gerne diffus bleibt (ich erfinde mir mal eben einen Zauberer, der irgendwas Tolles kann), wäre es schön gewesen, wenigstens eine Figur zu haben, bei der ich weiß, woran ich bin. Aber trotz allem Genöle habe ich das Buch in zwei Tagen verschlungen, denn es ist netterweise ziemlich spannend. Und diffus. Aber spannend. (Fantasy, doo. Wir werden keine Freunde mehr.)

Garth Ennis/Darick Robertson – The Boys, Vol. 1: The Name of the Game

Hm. Nun ja. Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse, wenn ich mir Bücher von Garth Ennis wünsche, aber irgendwie war seine Preacher-Reihe charmanter als The Boys. Und von den Zeichungen war ich auch nicht so hundertpro angetan, obwohl ich Darick Robertson von Transmetropolitan mag; hier aber sieht alles fies nach Airbrush aus und nicht mehr nach Handwerk. Die Story hat eine hübsche Grundidee: mehrere Banden von Superhelden benehmen sich hinter den Kulissen alles andere als super, weswegen The Boys ihnen ein bisschen auf die Finger hauen wollen. Oder anders: ihnen die Seele aus dem Leib prügeln wollen. Hier hat mich das Blut seltsamerweise nicht ganz so gestört, wahrscheinlich weil es fies überzeichnet war (im wahrsten Sinne des Wortes). Stattdessen habe ich hier wieder an den Frauenfiguren was zu nölen. Erstmal gibt’s (wie immer) viel zu wenige von ihnen, zweitens beschränken sie sich, jedenfalls in Volume 1, noch ziemlich auf Sexgespielin oder stumme Mörderin. Gerade die zweite Dame hat nicht mal einen Namen, sondern ist nur The Female. Soll vielleicht toll sein, finde ich aber ziemlich beknackt. Und mitreden kann sie auch nicht, weil sie, wie gesagt, nicht redet. Hm. Mich interessiert zwar, wie die Geschichte weitergeht, aber ehrlich gesagt reicht es mir, wenn ich’s in der Wikipedia nachlese.