Ein faustisches Dankeschön …

… an Sunni, die mich mit Thomas Manns Doktor Faustus überraschte. Auch hier eine Entschuldigung für die naheliegende Überschrift. Mann habe ich gefühlt seit 20 Jahren nicht mehr gelesen; während der Schulzeit habe ich (freiwillig) die Buddenbrooks (die ich dauernd Buddenbohms schreiben will, na danke auch) sowie den Zauberberg verschlungen und irgendwann den Tod in Venedig und Lotte in Weimar gelesen, aber nicht mehr verschlungen. Doktor Faustus begegnete mir während der ganzen Recherchen zur NS-Zeit in den letzten beiden Jahren immer wieder, und deswegen wollte ich ihn jetzt lesen. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Ein verzweifeltes Dankeschön …

… an Tamara, die mich mit Vladimir Nabokovs Verzweiflung überraschte (Übersetzung von Klaus Birkenhauer). Entschuldigung für die nicht besonders kreative Überschrift, aber die lag halt so schön nah. Muss ja auch mal sein. Das Buch befand sich schon recht lange auf meinem Wunschzettel; ich glaube, ich habe das in meiner Fassbinder-Phase da mal draufgepackt, denn das Werk wurde von ihm als Despair verfilmt. Schön, einen weiteren Klassiker im Regal zu haben, sowas entbindet mich immer davon, die zeitgenössische Literatur zu verfolgen, ich kann mich bequem auf den alten Kram zurückziehen. (Puh.) Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Tagebuch, Dienstag, 5. Dezember 2017 – Meh

Vormittags im ZI gesessen und für die Diss gelesen. Oder was mal eine Diss werden soll. Danach wollte ich eigentlich noch für den nächsten Einzelmeister etwas lesen und einen Tweet überprüfen, der am Weltaidstag durch meine Timeline geisterte; bei einigen Tweets stand noch dabei, dass Haring das Bild bewusst nicht beendete. Nach den Diss-Büchern und Aufsätzen war ich allerdings so frustriert, dass ich nichts weiteres mehr lesen wollte. Ich stellte alle Bücher bockig ins Ablageregal und wollte nach Hause unter die Decke.

Stattdessen radelte ich ein wenig durch die Gegend, war aber immer noch frustig. Ich holte ein Päckchen von der Post und ging einkaufen, konnte mich aber auch nicht zum Keksebacken aufraffen. Eigentlich konnte oder wollte ich mich zu gar nichts mehr aufraffen. Ich zündete die Adventskerze an, trank Tee, las die Zeitung und das Feuchtwangerbuch weiter und ignorierte die Kunstgeschichte weiträumig. Abends ignorierte ich außerdem das Bayernspiel. Dann schlief ich auch noch schlecht und war todmüde, als heute der Wecker um 6.15 Uhr klingelte, der mich eigentlich zum Laufen wecken sollte. Ich ignorierte ihn und bin jetzt genauso stinkig wie gestern. Das läuft ja super. (Ich geh gleich raus und stapfe sinnlos durch die Stadt, bevor ich mit Dingen werfe oder Tauben anschreie. Oder ich such mir wieder eine Festanstellung in der Werbung, da kann ich wenigstens Kollegen anschreien.)

Tagebuch, Montag, 4. Dezember 2017 – Nervkram

Den ganzen Tag genervt gewesen. Morgens von der NS-Literatur, durch die ich mich in der Stabi wühlte – ich kleiner Idiot hatte völlig vergessen, dass man sich, wenn man sich mit NS-Kunst beschäftigt, auch mit den schriftlichen Quellen dazu beschäftigen muss und die sind noch anstrengender als die Bilder und Skulpturen. Dazu las ich ein Sekundärwerk, das so von oben herab formliert war, dass ich vom Lesen noch schlechtere Laune bekam.

Im Abholfach der Stabi lag wieder kein Buch für mich, für dessen Abholung ich bereits letzte Woche die E-Mail bekommen hatte. Wenn die nachts bei mir landet, weiß ich natürlich inzwischen, dass das niemals heißt, das das Buch am nächsten Tag da ist. Ich lasse grundsätzlich mindestens einen Tag verstreichen, bis ich ins Abholfach gucke. Freitag war aber nichts da – und gestern immer noch nicht. Heute morgen kam dann allerdings ernsthaft die Erinnerungsmail, dass ich doch bitte endlich das bestellte Buch abholen sollte. Du mich auch.

Ich wechselte irgendwann in den Lesesaal der Unibibliothek, wo eine Fernleihe auf mich wartete, die ich leider nicht mit nach Hause nehmen durfte. Der UB-Lesesaal ist der schlimmste aller Lesesäle, ich vermeide den, wo es nur geht. Der Fahrstuhl ist quasi dauernd kaputt, es gibt viel zu wenige Schließfächer und noch weniger Sitzplätze, und die generelle Atmosphäre finde ich persönlich einfach ungastlich, ungemütlich und doof. Dann war das bestellte Buch auch nicht so ergiebig wie ich es gerne gehabt hätte, und so brummelte ich mich weiter durch den Tag.

Erstmal Mittag machen.

Etwas aufheitern konnte mich dann eine Dissertation von 1987, die ich mir bestellt und auch mit nach Hause nehmen durfte. Ich hätte vielleicht etwas genauer gucken sollen, in welchem Berlin sie damals veröffentlicht wurde. Andererseits habe ich den Begriff Stamokap seit dem Gemeinschaftskundeunterricht in der 11. Klasse nicht mehr verwendet und hatte so einen kleinen Schulzeitenflashback.

Dann haderte ich wieder mit dem Diss-Thema, von dem ich letzter Woche der Meinung war, das wäre gut und gestern, das wäre scheiße. Ein Gespräch mit F., der mich dringend in Richtung Betreuertermin schubste, half aber. Ich hoffe, der Termin hilft auch. Ich hab noch nie eine Diss geschrieben, ich übe das noch.

Was schön war, Sonntag, 3. Dezember 2017 – „Easy“

Den ganzen Tag vor Netflix gehangen und Easy geschaut. Danach hatte ich zwar einen fiesen Knoten im Kopf von First World Problems and how to discuss them to death, aber ich mochte die Serie trotzdem.

Die erste Adventskerze angezündet, mich über das Licht gefreut.

Abends Vashti Bunyan auf Spotify leergehört. Den wundervollen Train Song kannte ich schon, aber eine Easy-Folge endete mit ihrem Diamond Day, was ich aber erst rausbekam, als ich Shazam auf dem iPhone startete und es ans MacBook hielt, auf dem eine Serie gestreamt wurde. Über Technikquatsch gegrinst und mich gleichzeitig sehr reich gefühlt.

Was schön war, Freitag/Samstag, 1./2. Dezember – Neuzeug

Am Freitag saß ich zunächst im Kartenlesesaal der Stabi, um mal wieder ein paar NS-Quellen zu lesen. Dieses Mal musste ich auch nicht unterschreiben, dass ich den Kram zu wissenschaftlichen Zwecken lesen will/sollte/muss und nicht zur persönlichen Erbauung. Die beiden Bücher zum Thema Reichsautobahn standen für mich einfach so im Regal.

In einem Band quälte ich mich durch ideologisches Geseier von Herybert Menzel, von dem ich bis dahin noch nicht gehört hatte. Er kolportiert auch brav weiter die NS-Legende, dass die Reichsautobahnen auf einen Geistesblitz von Hitler während seiner Festungshaft zurückgehen. In der kritischen Edition zu Mein Kampf habe ich davon nichts finden können, totale Überraschung. Noch vor dem Frühstück in Mein Kampf zu lesen, macht übrigens nicht so recht Spaß. Schnell weiterbloggen.

Nach dem Kartenlesesaal ging ich noch schnell in den Allgemeinen Lesesaal und blätterte in Die Straße, musste aber mittendrin abbrechen, weil ich meinem Website-Beauftragten versprochen hatte, bis 13 Uhr wieder zuhause zu sein, damit der Mann in meinem Beisein die neue Site aufspielen konnte. Das tat er dann bis 15 Uhr, während ich ständig guckte, ob alles ging, alles Links funktionierten und überhaupt. Mehr kann ich ja nicht, was diese Site angeht, ich schreibe sie nur zu, und so soll das auch sein. In diesem Sinne: Falls euch irgendwas auffällt, irgendwelche Links ins Leere gehen – Mail oder Tweet an mich, bitte. Danke!

Den Rest des Nachmittags las ich weiter Zeug über die Autobahnen, bis ich abends zu F. aufbrach. Ich hatte mich schon den ganzen Tag auf ein Feierabendbierchen gefreut, das ich auch dementsprechend genoss. Danach lockte mich die Whisk(e)y-Sammlung des Herrn. Nachdem ich mir endlich mal gemerkt hatte, dass ich anscheinend lieber Highland-Whiskys als Islay-Whiskys trinke, wollte ich nach dem 15-jährigen Singleton aus der Destillerie von Glen Ord noch einen weiteren in dieser Richtung probieren. Es wurden dann drei, von denen ich mir den ersten gar nicht gemerkt habe, denn der war bemerkenswert charakterlos. Der zweite war ein 18-jähriger Clynelish Signatory Vintage, der von 1990 bis 2008 in einem Fass gelegen hatte und als Single-Cask-Abfüllung verkauft wurde (wir genossen die Flasche Nr. 178 aus dem Fass Nr. 3947). Der gefiel mir weitaus besser, genauso weich wie der Singleton, weniger vanillig, zwischendurch mal ein bisschen Lakritze, die aber netterweise schnell wieder weg war. Den konnte ich mit seinen 43 Prozent auch unverdünnt trinken. Als Abschluss kostete ich einen ebenso schmackhaften 20-jährigen Glentauchers und bewunderte zum wiederholten Male die verschiedenen Geschmäcker, die sich erst erschließen, wenn man sie vergleicht. (Ach was.) Damit meine ich: Früher war Whisky für mich einfach ein unfassbar scharfes Zeug, das nur nach Sprit schmeckt. Aber den kann man sich natürlich genauso erarbeiten wie Wein, zu dem ich früher gesagt hätte, jo, der ist rot, nech?

Die Nacht wurde, auch durch den Whisky, etwas länger als geplant, weswegen wir fies lange schliefen. Eigentlich wollte ich gestern groß einkaufen und die Adventsbäckerei beginnen, aber dann lungerte ich doch bloß auf der Couch rum, las, trank viel Tee und schaute begeistert dem FC Augsburg auf dem Laptop zu, wie der Mainz auswärts mit 3:1 schlug. Das war, zumindest in der ersten Halbzeit, ein richtig schönes Spiel, was man beim FCA ja eher selten zu sehen bekommt.

Immerhin beim Metzger war ich noch, wo sich vor mir folgender Dialog entspann, bevor ich mein Schweineschnitzel kaufen konnte, das ich mir heute zubereiten werde:

Im Städelmuseum ist neuerdings wieder das Schächer-Fragment zu bewundern. Die Restauratorin beschreibt ihre dreijährige Arbeit daran:

„Wie hochwertig und beeindruckend die Darstellung tatsächlich ist, konnten wir bis vor kurzem nur erahnen. Besonders die Wirkung des Pressbrokats war kaum mehr wahrnehmbar. Da hauchdünne Blattgoldauflagen extrem empfindlich sind und leicht beschädigt werden können, war zunächst völlig unklar, ob eine Restaurierung überhaupt möglich ist.

Mit dieser Frage begannen wir unsere Untersuchung. Schnell wurde uns bewusst, dass wir ein ganzheitliches Konzept brauchten, das alle Dimensionen des Kunstwerks einbezieht. Nicht nur eine authentische Ästhetik des originalen Materials, auch die ursprüngliche Funktion und Bedeutung des Altarwerks und seine bewegte Geschichte sollten wieder sichtbar werden. Drei Jahre dauerte am Ende dieser Prozess, bei dem wir die Goldoberfläche des Pressbrokats wieder zum Strahlen gebracht und sogar völlig verdeckte Bildteile wieder sichtbar gemacht haben.“

In Kairo wird ein neues Museum gebaut, unter anderem für die riesige Sammlung an Grabbeigaben des Tutanchamun, die im derzeitigen Museum nicht mal annähernd vollständig ausgestellt werden können. Man ist aber trotzdem recht lange damit beschäftigt. Ich war in den 1990er Jahren in Ägypten, und der Besuch im Kairoer Museum war für mich einer der Höhepunkte. Ich stand dann auch gleich zweimal in die im Artikel angesprochene Schlange an der Goldmaske. Und ich bewunderte einen riesigen Schrank voller Uschebtis, bei dem ich mir diesen Begriff dann auch für alle Ewigkeiten merkte.

„Im alten Archäologiemuseum nahe des Tahrir-Platzes in Kairos Zentrum fehlten nicht nur die Nähe zu den Pyramiden sondern vor allem der Platz. Der über hundert Jahre alte Bau wirkt selbst ein bisschen wie eine Antiquität, die an vielen Ecken eine verstaubte Rumpelkammer ist. Manchmal versperren Kisten den Besuchern den Weg, die aussehen, als hätte sie Tutanchamun-Ausgräber Howard Carter in den Zwanzigerjahren noch persönlich abgestellt.

Zudem laufen die Magazine am Tahrir schon seit Jahren über, Tausende Stücke können gar nicht gezeigt werden. Trotz dieser Probleme und obwohl Terrorgefahr und die politisch unsichere Lage seit der Revolution 2011 die Zahl der Touristen dramatisch hat schrumpfen lassen, quetschen sich immer noch jeden Tag viele Menschen am berühmtesten archäologischen Exponat der Welt vorbei, der Totenmaske des Tutanchamun. […]

Einige Exponate müssen allerdings erst noch restauriert werden – deshalb hat Mohamed Yosu gerade ziemlich viel zu tun. Er arbeitet am bereits eröffneten Conservation Center auf dem Gelände des neuen Museums. Hier werden in 17 Laboratorien und Werkstätten alle Altertümer konserviert und aufgearbeitet, die Archäologen irgendwo in Ägypten aus dem Boden holen. […]

Viele Arbeitsschritte in den Labors sind inzwischen Routine. Doch es gibt auch immer wieder Überraschungen. Als die Restauratoren die vielen Einzelteile einer Holzkommode zusammenpuzzeln wollten, stellten sie fest: Tatsächlich lassen sich aus den Holzteilen zwei baugleiche Möbelstücke herstellen. Dem umfangreichen Katalog der Tutanchamun-Sammlung musste eine weitere Exponatnummer hinzugefügt werden.“

Willkommen auf einer Unterseite

Hey! Schön, dass du den Weg von meiner neuen Homepage auf diese kleine, feine Unterseite gefunden hast. Ich führ dich mal ein bisschen rum. *geht um die Ecke, winkt*

Das hier ist jetzt die Homepage. Da sieht man hoffentlich schön schnell, wer ich so bin und was ich so kann aka wofür man mich buchen und bezahlen kann. *wartet* Wir gehen weiter …

Es gibt ein PDF, das einem schnell zeigt, wie und worüber ich alles schreiben kann. Ich darf vielleicht noch unbescheiden hinzufügen, dass ich über alles schreiben kann, wenn man mich vernünftig brieft. Noch mehr Texte von mir gibt es hier, unter anderem meine Museumstexte, auf die ich recht stolz bin. Vielleicht liest du dir die mal durch? Die sind meiner Meinung nach ziemlich gut geworden, auch wenn das Englisch nicht ganz so nach mir klingt. (Den Naga- und den NMAAHC-Text werde ich mal auf Deutsch online stellen, das sind meine beiden liebsten.)

*geht einen goldgepflasterten Gang entlang* Ich bekomme bekanntlich sehr gerne Bücher geschenkt. Meinen Wunschzettel bei Amazon findest du ab sofort hier und nicht mehr in der Seitenleiste vom Blog. (Die Seitenleiste habe ich entrümpeln lassen, da lag viel Zeug rum, das nicht mal ich noch lese.) Ich weise neben dem Wunschzettel vorsichtig auf die total praktische Möglichkeit hin, mir schnödes Geld zukommen zu lassen. Musst du nicht, das Blog hier bleibt weiterhin kostenlos und kriegt keine Paywall und ich will auch immer noch keine Werbung schalten. Aber so einen kleinen Trinkgeldtopf habe ich jetzt halt rumstehen. Für alle Fälle. *hustet und hält unauffällig die Hand auf*

Und das war’s schon. Das Blog, das du gerade liest, hat jetzt eine neue URL, da müsstest du deine Lesezeichen aktualisieren. Oder du kommst immer über die Homepage rein, sonst fühlt die sich total vernachlässigt. Du wirst das schon machen. Danke für deinen Besuch!

#weltaidstag

Was schön war, Donnerstag, 30. November 2017 – Cool Running

Laut Runtastic war ich am 30. Oktober zum letzten Mal laufen/walken. Ich habe ein paar Tage pausiert, dann war ich erkältet, dann habe ich mich davon erholt, dann war ich wieder erkältet, und auf einmal ist es fast Dezember, es sind es nur noch wenige Grad über Null in München und ich habe nichts anzuziehen. Also zum Walken.

Als ich im Februar mit dem Sport anfing, zog ich das an, was ich halt im Schrank hatte: eine weite Jogginghose, drei Shirts übereinander und mein uraltes Adidas-Hoodie, mit dem ich in Baumärkten einkaufen gehe oder Zeug schleppe, weil das Ding ruhig staubig oder dreckig werden kann. Ich stieg recht zügig auf enge Tights um und stellte fest, dass Funktionskleidung ja wirklich funktioniert und kein Marketinggag ist, um uns daran zu hindern, weiterhin in Baumwollshirts rumzulaufen. Es wurde außerdem schnell wärmer, so dass ich nicht mehr in Shirt und Hoodie gehen ging, sondern nur noch im Shirt oder mal mit einer leichten Regenjacke drüber. Aber so richtig kalt war es gefühlt noch nie, als ich draußen war. Jetzt ist es das aber, und dazu ist es auch noch dunkel. Also investierte ich ein bisschen Geld und kaufte mir erstens ein Stirnlämpchen, damit ich nicht über meine eigenen Füße stolpere, und ging dann wieder bei Nike in der Plus-Size-Ecke einkaufen.

Die anderen Sportartikelfirmen möchten mein Geld anscheinend nicht, denn sie produzieren gerne nur bis Größe 48, wenn überhaupt, und das ist zu klein für mich. Die Shops, in denen man sonst als dicke Frau Kleidung kauft, denkt bei Sportkleidung teilweise an weite Baumwollsäcke, formuliert Quatsch wie „Diese gemütliche Mode zum Walking und Wandern …“ und die Models sind dünner als bei Nike. (Rage-Emoji.) Ich hätte aber lieber was Schickes und, Entschuldigung für den Anglizismus, aber: Fierces, wenn ich schon um 6 Uhr morgens durch Kälte und Dunkelheit stapfe, ich Heldin.

Ich habe gestern diese Tights und dieses Oberteil eingeweiht und bin sehr zufrieden damit. Die Tights sitzen gefühlt noch enger als meine normalen, und ich bin mir nicht sicher, ob die es nicht auch getan hätten, aber ich möchte das nicht ausprobieren und dann womöglich frieren. Ich muss mich außerdem an den tieferen Bund gewöhnen; das mag ich an meinen gewohnten Tights sehr, dass ich sie mir quasi bis zu den Achseln hochziehen kann und immer schön warme Nieren habe. (Wenn ich irgendwas von Oma gelernt habe, dann: immer die Nieren warm halten. Und: „Kopf kalt, Füße warm, macht den besten Doktor arm.“ Und: viele Äpfel essen. Danke, Oma.)

Das Oberteil hat total professionell aussehende Daumenöffnungen, und man kann den unteren Teil der Ärmel wie einen Handschuh über die Hand klappen. Das habe ich zum Spaß ausprobiert, das funktioniert auch prima, aber von der Temperatur her habe ich es nicht gebraucht. Zu warmen Händen hat Oma auch nichts gesagt.

Das Oberteil ist außerdem irrwitzig dünn, und ich muss gestehen, ich habe ihm nicht so ganz über den Weg getraut und deswegen noch ein langes T-Shirt aus Baumwolle druntergezogen. Die ersten 20 Sekunden draußen bei zwei Grad waren dann auch eher doof und mein Hirn wimmerte was von „Wenn du jetzt umkehrst, ist deine Bettdecke sogar noch warm!“, aber meine Füße und mein Herz und sogar meine arme, alte Lunge wollten dringend weitermachen. Nebenbei: Mein Asthma wird besser, je regelmäßiger ich mich bewege. Wer hätte es gedacht.

Schon nach 200 Metern war die Kälte quasi weg und auf meiner zweiten Runde – ich laufe vier bis sechs Runden, je nachdem, wieviel Lust und Zeit ich habe – dachte ich, meine Güte, ist das gemütlich warm! Ich ahne, dass das Shirt unter dem Oberteil nicht nötig ist, aber: Das Oberteil sitzt zu locker für meine Nieren. Und wir haben ja gerade gelernt: IMMER DIE NIEREN WARM HALTEN. Also werde ich weiterhin ein Shirt drunterziehen, das ich mir in die weiten Bermudas stopfe, die ich noch über den Tights trage, denn erstere haben Taschen für Handy, Schlüssel, Taschentuch und, man weiß ja nie, Asthmaspray.

Das Lämpchen ist auch super, auch wenn ich beim ersten Einschalten fast einen Herzinfarkt bekommen hätte. Nicht der Helligkeit wegen, davor wurde ich auf Twitter gewarnt, sondern weil in meinem Lichtkegel ein weiterer Walker auftauchte, den ich vorher überhaupt nicht gesehen hatte und der sehr coole Reflektoren auf seiner sonst schwarzen Kleidung trug. Die leuchteten logischerweise auf und ich dachte an Tron und Daft Punk, was eigentlich super ist, aber ich erschreckte mich eben auch.

Auf der sehr spärlich besetzten Runde konnte ich noch weitere lustige Reflektoren sehen. Und obwohl Adidas keine Klamotten in meiner Größe hat, muss ich sie doch dafür bewundern, die drei Streifen schön groß und breit am Unterschenkel in reflektierender Farbe gestaltet zu haben. Prima Branding. Ich weiß gar nicht, ob mein winziger Nike-Swoosh reflektiert, aber er ist eh vorne auf den Tights. Die kleinen Punkte auf dem Rücken des Oberteils wären praktisch, wenn sie leuchteten, aber so irre sichtbar sind die auch nicht, weswegen ich gestern nach dem Laufen ein paar reflektierende Bänder für Handgelenk und Knöchel orderte, denn sonst sieht man mich in meinen schwarzen Klamotten wirklich überhaupt nicht. Das fand ich auch sehr interessant zu beobachten an Läufern, die an mir vorbeizogen: Zunächst sah ich sie schön im Lichtkegel meiner Lampe, dann nur noch die reflektierenden Stellen – und dann wurden sie komplett von der Dunkelheit verschluckt.

Auf den letzten beiden Runden konnte ich die Lampe sogar ausschalten; der Morgen graute so langsam, und die Straßenlaternen warfen genug Licht über die Friedhofsmauer. Für das eigene Sicherheitsgefühl ist das Lämpchen aber super, und es trägt sich auch sehr angenehm. Normalerweise laufe ich mit Basecap, aber die schien mir zu kalt zu sein. Gestern trug ich eine von diesen bequemen Wollmützen, die man sich schön über die Ohren ziehen kann, die ich mal als Werbegeschenk zu einem Pfund Tee bekommen hatte, und darüber die Stirnlampe. Außerdem lief ich gestern nach langer Pause mal wieder anstatt nur zu walken. Das war ein richtig toller Morgen, und ich war noch vor dem Sonnenaufgang unter der Dusche.

Ein fantasierendes Dankeschön …

… an Jakob, der mich mit Fantasyland. How America Went Haywire: A 500-Year History von Kurt Andersen überraschte. Dieser Absatz in der fast hoffnungslosen Rezension in der NYT sorgte dafür, dass ich das Buch lesen wollte:

„Fake news. Post-truth. Alternative facts. For Andersen, these are not momentary perversions but habits baked into our DNA, the ultimate expressions of attitudes “that have made America exceptional for its entire history.” The country’s initial devotion to religious and intellectual freedom, Andersen argues, has over the centuries morphed into a fierce entitlement to custom-made reality. So your right to believe in angels and your neighbor’s right to believe in U.F.O.s and Rachel Dolezal’s right to believe she is black lead naturally to our president’s right to insist that his crowds were bigger.“

Vielleicht ist das der Punkt, mit dem ich so hadere seit der Wahl Trumps. Ich hatte mich immer in Sicherheit gewogen, dass mindestens seit der Aufklärung der Intellekt, die Suche nach der Wahrheit, nach objektiven Fakten, die Oberhand behält über Glauben, krude Theorien und Quatsch. Dass auch die Wissenschaft noch vor nicht allzu langer Zeit behauptete, Frauen seien wegen ihrer Gebärmutter dümmer als Kerle, nahm ich zwar als Warnung, dass auch die Wissenschaft sich gerne von Vorurteilen leiten lässt, dachte aber weiterhin, wir als Menschheit sind auf einem guten Weg, wir wollen alle klüger werden und gemeinsam besser leben.

Ja, naiv, ich weiß.

Mich macht es nervös, dass es anscheinend auch in der Bundesrepublik Menschen gibt, die wirren Facebook-Posts mehr Vertrauen schenken als der Tagesschau oder der Süddeutschen Zeitung. Mich macht es generell nervös, dass viele Menschen geschichtsvergessen sind, Impfungen verteufeln und nicht neben Leuten mit anderer Hautfarbe als ihrer eigenen wohnen möchten. Jeder von uns schleppt ein Päckchen Vorurteile und Ängste mit sich rum, ich auch, natürlich, aber ich versuche wenigstens, mir ihrer bewusst zu sein und gegen sie anzudenken. Andere wählen halt lieber die Nasen, die die wirren Facebook-Posts schreiben, was mich wahnsinnig macht.

Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, dieses Buch zu lesen, fällt mir gerade auf. Vielleicht macht es mich noch wahnsinniger, wir werden sehen. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut. (Echt jetzt!)

Was schön war, Dienstag, 28. November 2017 – After-Work-Konzert

Sätze, die ich schon immer sagen wollte: „Ich kenn die Querflöte.“ Heißt in diesem Fall: Ich kenne die Dame, die bei den Münchner Symphonikern die erste Querflöte spielt, und zwar von unserem guten alten Fußballstammtisch. (Die Dame ist Stuttgart-Fan, aber das lasse ich ihr durchgehen.) Auf jeden Fall fragte eben diese Dame vor ein paar Tagen, ob ich Lust auf ein After-Work-Konzert hätte, es gebe Musik aus den 1920er Jahren und ein paar Geschichten drumherum, und viel kosten täte es auch nicht. Alles gute Argumente. Und so saß ich gestern in charmanter Begleitung (und mit noch drei weiteren Fußballfans) im Technikum und lauschte und guckte und trank Weißwein, den man netterweise mit in den Saal nehmen konnte.

Das erste Stück war dann auch gleich „die Querflöte“, ein bisschen seltsam platziert auf der Empore hinter dem Publikum, aber egal. Syrinx für Flöte solo von Debussy hat mir gut gefallen, auf Spotify scheint es mir etwas schneller gespielt zu sein als das, was ich gestern hörte.

Dann erzählte die Intendantin der Münchner Symphoniker etwas über Debussy und Ravel, von dem das nächste Stück war. Ich habe mir immerhin gemerkt, dass die beiden sich eigentlich mochten, es dann aber doofe Gerüchte gab (FAKE NEWS! SAD!) und die beleidigten Leberwürste danach nie wieder miteinander gesprochen haben. (Jungs.) Die zeitgenössische Kritik fand die Sonate für Violine und Cello eher so meh und sprach von einem Massaker; heute wird es eher als poetisch wahrgenommen. Ich konnte, ehrlich gesagt, beide Meinungen nachvollziehen. Mir gefiel es sehr gut, aber bei dem ganzen Pizzicato und den Wurfbögen im vierten Satz musste ich an Psycho denken und damit eben auch an ein Massaker. (Ich hoffe, der Begriff „Wurfbogen“ stimmt, meine Geigenspielzeit ist über 20 Jahre her.) Wir hörten den ersten Satz, Allegro, und den vierten, Vif.

Das dritte Stück war das Trio für Flöte, Bratsche und Cello op. 40 von Albert Roussel. Von dem Mann hatte ich noch nie gehört, aber das werde ich jetzt nachholen. Auch dieses Stück gefiel mir sehr gut, aber am schönsten für mich war der Gesichtsausdruck der Cellistin, die so wunderbar konzentriert aussah, dass ich mehr schmachtete als zuhörte. Von den Geschichten zwischendurch habe ich mir gemerkt, dass Roussel Lehrer von unter anderem Erik Satie und Edgard Varèse war, der als Pionier der elektronischen Musik gilt.

Die zweite Hälfte des Konzerts fand ich dann nicht mehr ganz so spannend, die drei Stücke klangen für mich eindeutig gefälliger und die Zwischeninfos immer mehr nach „Was sagt denn die Wikipedia zu den 1920er Jahren?“ Wir hörten den Danse von Debussy, bearbeitet von Ravel, das ging anscheinend noch, die Pastorale d’été von Arthur Honegger, bei der sämtliche Sissi-Filme vor meinem inneren Auge durchliefen, und zum Schluss das nicht enden wollende Le bœuf sur le toit von Darius Milhaud. Dabei unterhielt mich immerhin die Bratschistin, die ich schon im Trio im ersten Teil gehört hatte, denn immer wenn das schnelle, gut gelaunte Thema anklang, lächelte sie. Ich weiß nicht, ob da in den Proben was Lustiges passiert ist oder sie sich, wie ich, einfach immer wieder über dieses Thema freute, aber ich fand das sehr nett, ihr beim Lächeln zuzusehen.

Nach dem Konzert gab’s noch ein Bierchen und dann fiel ich sehr musikgesättigt ins Bett. Memo to me: öfter in Konzerte gehen.

Was schön war, Montag, 27. November 2017 – Rumwühlen

Ich justiere immer noch mein Dissertationsthema nach und wühle dementsprechend auf verschiedenen Baustellen rum, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. Gestern bildete ich mich über die Reichsautobahn weiter und bestellte bergeweise Originalquellen in die Lesesäle der Stabi. Mal sehen, ob ich im Handschriftenlesesaal missbilligende Blicke abkriege so wie vor längerer Zeit mal im Lesesaal „Musik, Karten und Bilder“, wo ich sogar einen Zettel unterschreiben musste, dass ich den NS-Kram nur zu wissenschaftlichen Zwecken anschauen möchte. Wozu denn sonst? Die Neonazis lesen das alte Zeug doch eh nicht.

Außerdem habe ich mal bei uns im ZI im Regal nachgeschaut, von wann denn nun der erste Ausstellungskatalog aus London ist, der sich im Regal befindet. Im Blogeintrag vor ein paar Tagen mutmaßte ich, dass er aus der Jahrhundertwende stammen könnte. Da lag ich 40 Jahre daneben: Wir haben zwar einen Nachdruck eines Katalogs von 1851, aber den lasse ich nicht gelten. Der wirklich erste Originalkatalog, der nicht in den Rara-Beständen, sondern frei zugänglich im Regal steht, stammt von 1862. Ich habe überrascht festgestellt, dass sich in ihm aber noch keine Abbildungen befinden, erst recht keine fotografischen; Zeitungen in der Zeit hatten meist nur Grafiken, wenn überhaupt. Und auch keine großen Überschriften. Der erste Katalog mit Abbildungen – schwarzweiße Fotos von Gemälden – stammt von 1897. Ich habe einfach mal mitten in den schmalen Band fotografiert – und gleich einen Klassiker von Philip Burne-Jones erwischt.



Mich hat die Darstellung etwas erstaunt – in meinem visuellen Gedächtnis sind Vampire männlich und vergehen sich an ahnungslosen jungen Frauen, was ich auch immer als dusselige Metapher auf die bürgerliche Sexualmoral des ausgehenden 19. Jahrhunderts interpretiert habe. Hier haben wir einen weiblichen Vampir, mit dem ich noch gar nichts anfangen kann. Memo to me: Heute im ZI NICHT NACH VAMPIREN GUCKEN! Schön weiter an der Reichsautobahn arbeiten.

Die FAZ hat ausführlich aufgeschrieben, dass die FDP doof ist: Woran ist Jamaika wirklich gescheitert?

Das hatte ich vor ein paar Tagen schon getwittert, aber wenn ihr ein bisschen Zeit und Muße für die Guernica habt: Die Reina Sofia hat ein wirklich tolles Online-Special mit bergeweise Dokumenten und Quellen veröffentlicht: Rethinking Guernica.

Ich musste natürlich daran denken, wie es mir vor diesem Bild ging.

Abends brachte mich mein Instagram-Stream sehr zum Lachen:

Tagebuch, Sonntag, 26. November 2017 – Lesetag

Ich lese gerade Die Feuchtwangers: Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis im deutsch-jüdischen Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts von Heike Specht (Amazon-Partnerlink geht zur Kindle-Version, das Buch gibt es aber auch als Hardcover). Es ist nicht nur sehr lesbar geschrieben, sondern zeigte mir persönlich auch eine neue Facette meines liebsten München-Features auf, nämlich dem Mitbringen von Speisen in die Biergärten.

Das Kapitel, aus dem ich zitiere, behandelt das orthodoxe Leben der Feuchtwanger-Familie im katholischen München, was, jedenfalls im späten 19. Jahrhundert, anscheinend besser funktionierte als jüdisches Leben im protestantischen Norden. Dort wurde von Juden eher erwartet, dass sie sich an das bürgerliche Deutsche Reich anpassten, während es in den katholischen Landesteilen auf mehr Verständnis stieß, offen religiös zu sein bzw. seine Frömmigkeit zu praktizieren; genau das taten die Katholiken mit ihren Wallfahrten, Feiertagen, Heiligenverehrungen und Gebräuchen nämlich auch. (S. 127/128.)

„Die Atmosphäre in der bayerischen Residenzstadt begünstigte zweifellos die Existenzmöglichkeit einer solchen kleinen jüdisch-orthodoxen Welt mitten in München. […] Die Münchner Juden teilten die Liebe der sie umgebenden Gesellschaft zum bayerischen Bier. Die bierlose Woche während des Pessach-Festes war für zahllose fromme Juden eine wahre Kasteiung. Mosche Feuchtwanger erinnert sich, dass sich sein Vater jedes Jahr nach Ende der Pessach-Woche schnurstracks in sein Lieblingslokal „Neptun“ begeben habe, wo er nach einwöchiger Abstinenz Bier und Breze umso mehr genoss. Das Oktoberfest fiel häuftig mit den hohen jüdischen Feiertagen zusammen, und nicht selten endete das Fasten am Versöhnungstag bei einer Maß im Festzelt auf der Theresienwiese. Nathan Drori, der seine Ferien öfter im Hause Angelos in München verbrachte, erinnert sich daran, dass das Dienstmädchen nach der obligatorischen Suppe bei jedem Mittagessen ins benachbarte Wirtshaus gehen musste, um für den Großvater ein frischgezapftes Bier zu holen. Außerdem kehrte der Großvater nach seinen täglichen Synagogen-Besuchen regelmäßig auf eine oder zwei Maß ins Hofbräuhaus ein. Am Schabbat-Nachmittag traf sich dort oft die ganze Familie zum Kaffeetrinken. Dabei legte man großen Wert darauf, dass der Kaffee nicht extra gemacht wurde, da das Kochen von Tee oder Kaffee am Schabbat nach orthodoxer Auslegung der Religionsgesetze nicht zulässig ist. War der Kaffee aber schon einmal da, so trank man ihn gerne und offenbar ohne größere Gewissensbisse. Da auch der Umgang mit Geld am Schabbat verboten ist, ließen die Feuchtwangers regelmäßig anschreiben und beglichen die Rechnung an einem Werktag. Die Tatsache, dass sie den Samstagnachmittag im Hofbräuhaus verbrachten, dabei aber streng auf die Gebote der Schabbat-Ruhe achteten, macht die von den Feuchtwangers praktizierte Kombination von beharrlichem Festhalten an jüdischer Observanz und Flexibilität gegenüber der Umgebung besonders deutlich. Mitten in einer nicht-jüdischen, bayerischen Welt, die man bis zu einem gewissen Grad als seine eigene betrachtete, war man bewusster Jude.

Lion Feuchtwanger betonte, dass seine Familie ‚Deutsch mit dem gleichen breiten, kräftigen bayerischen Akzent‘ sprach ‚wie alle anderen‘ und dass man am Leben teilnahm, soweit das die jüdischen Bräuche zuließen. Einige Rituale des bayerischen Lebens kamen den gesetzestreuen Juden sehr entgegen. Beispielsweise war die in Bayern weit verbreitete Gepflogenheit, die Biergärten zu besuchen, gerade bei den frommen Juden der Residenzstadt überaus beliebt. Man konnte zum einen die Natur genießen, zum anderen aber auch teilhaben an einem sehr volkstümlichen Zusammentreffen und Zusammensitzen mit Münchnern aus allen Kreisen der Bevölkerung. Der Vorteil an dieser Art der Geselligkeit lag für die observanten Juden, die sich an die jüdischen Speisegesetze hielten, darin, dass es in Biergärten durchaus üblich war, das Essen von zuhause mitzubringen. So nahm man einfach seine koscheren Speisen mit in den Biergarten, denn ‚es kam auf den Konsum des Bieres an, nicht auf das Essen.‘

Bei aller Heimatliebe waren die bayerischen Juden aber keineswegs von antisemitischer Diskriminierung und Vorurteilen gefeit. Martin Feuchtwanger berichtet in seinen Erinnerungen von einem hässlichen Zwischenfall, der sich während des Oktoberfestes zugetragen hat. Als kleiner Bub wurde er von seinem Onkel Louis zusammen mit den Geschwistern, Vettern und Cousinen auf diese urmünchnerische Festlichkeit mitgenommen. Die Gruppe von Kindern war aufgeregt und überwältigt von Riesenrad, Luftschaukeln, Schaubuden und den Verkaufsständen mit Süßigkeiten. Bester Stimmung begab man sich in ein Bierzelt.

‚Auch Onkel Louis war lustig, sang und schwang den Bierkrug. Da kam ein junger, besoffener Mensch auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und rief: „Bist auch hier, alter Jud mit der krummen Nas, komm her, Prosit!“ Der Onkel verfärbte sich, er war tief erschrocken, dass selbst der Besoffene nüchtern wurde und stotterte: „Was hast denn? Ich hab dir doch nichts getan!“

Zwar mischten sich die Umsitzenden ein und schalten den Betrunkenen für die ‚bodenlose Gemeinheit‘, ‚einen Jud zu beschimpfen auf der Oktoberwiese‘, aber Louis und die Kinder brachen bald darauf verstört auf.“

Heike Specht, Die Feuchtwangers: Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis im deutsch-jüdischen Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 2006, S. 130–132.

Tagebuch, Samstag, 25. November 2017 – Drei verschissene Punkte und ein enges Höschen

Am Nachmittag stand wieder ein Heimspiel in Augsburg auf dem Programm, dieses Mal gegen Wolfsburg. Ich freute mich auf den Herrn Gomez, der in der letzten Saison leider verletzt gewesen war. Während des Spiels hatte ich dann aber doch keine Augen für ihn, sondern sah entsetzt das bisher mieseste Spiel meiner Stadionkarriere im Fuggerstädtchen. F. meinte zwar, direkt nach dem Aufstieg in die erste Liga hätte der FCA ähnlichen Rotz gespielt, aber ja, das war schon ziemlich schlecht.

Es waren lausige vier Grad und es sollte regnen, was mich wieder den ganzen Vormittag mit der Frage hadern ließ, was ich bloß anziehen sollte. Vier Schichten Shirts plus mein schnuffiges Hoodie plus Regenjacke? Das ist zwar viel Stoff, aber gegen vier Grad dann doch gefühlt recht wenig. Die richtig, RICHTIG dicke Winterjacke, mit der ich schon bei minus 10 Grad im Volksparkstadion gesessen und nicht die Bohne gefroren habe, weil das Ding schlicht richtig gut warm und winddicht und wasserabweisend ist? Klingt alles toll, ich weiß aber auch, dass ich in ihr beim Fußmarsch zum Stadion fast den Hitzetod sterbe, weil sie den Körper quasi vakuumiert. Ich entschied mich für den Mittelweg: meine lange schwarze, recht schwere Wolljacke, die auch schön warm hält und mit der man auch durch Regen kommt, solange es keine Sturzbäche sind.

Blieb noch die Frage für den Unterleib: Hose (ach was), aber: noch was drunter und wenn ja, was? Ich hatte vor ewigen Zeiten in der Allianz-Arena mal eine Baumwollleggings drunter, die ich sonst im Sommer unter langen Röcken trage. Die ist zwar hautfreundlich, aber so richtig warm hält sie nicht, und wie das halt so ist mit billigen Leggings, rutschen sie auch gerne mal in der Gegend rum.

Ich entschied mich spontan für meine Lauftights, die ich noch nie zu anderen Zwecken als zum Walken/Joggen getragen hatte. Sie passten – natürlich, weil hauchdünn – ganz hervorragend unter die Jeans und wie es sich für Funktionskleidung gehört, blieben sie auch genau da, wo ich sie beim Anziehen hingezuppelt hatte.

Das Ensemble vervollständigten meine Wollhandschuhe und der FCA-Schal, den ich seit unserem nervigen Zusammentreffen mit doofen 1860-Fans lieber in der Tasche trage, bis wir aus München raus sind. Eine Mütze brauchte ich nicht, meine Wolljacke hat eine Kapuze. Dazu erstmals die dicken Winterstiefel statt der leichten Sneakers. Was tut man nicht alles für Fuppes. Daran dachte ich beim hundertsten Fehlpass während des Spiels: Wieso bin ich nicht auf dem Sofa unter meiner Kuscheldecke geblieben?

In der ersten Halbzeit rannten die Augsburger zwar brav gegen alles an, verhedderten sich aber dauernd in den gefühlt acht Viererketten der Wolfsburger. Die igelten sich irgendwo zwischen Mittelkreis und Strafraumgrenze ein und Augsburg fiel nicht genug ein, um anständig zum Tor zu kommen. Ein paar Chancen gab’s, die großflächig vergeben wurden, dann schoss Wolfsburg einmal aufs Tor – und der Ball glitschte unserem Torwart durch die Hände ins Netz. Ich wollte in der Halbzeitpause gerne in die Kabine gehen und jeden einzelnen liebevoll mit „IHR SPIELT ALLE SCHEISSE UND ES IST KALT“ anbrüllen, aber ich glaube, der Trainer hat ungefähr dasselbe gesagt. In der zweiten Halbzeit lief es zunächst besser, der Ausgleich fiel irgendwann, dann kamen wieder Szenen, bei denen die ganze Tribüne kollektiv stöhnte – da laufen vier Augsburger mit dem Ball auf einen armen Verteidiger zu, man hätte sich so schön den Ball hin- und herschieben können, bis das Tor halt leer ist, aber nein, man spielt lieber den tausendsten Fehlpass, der Torwart kann abwehren, und ab diesem Zeitpunkt saß ich nur noch ergeben da und dachte daran, dass meine Füße allmählich kalt wurden. Ansonsten war meine Kleidungsauswahl perfekt, alles war halbwegs warm bzw. erträglich. Schließlich fiel sogar der Siegtreffer, worüber man sich hätte eigentlich irre freuen müssen, aber irgendwie waren alle eher genervt von diesem planlosen Gehacke da unten, dass man ein bisschen klatschte und dann die Minuten bis zum Abpfiff zählte.

Beim Rausgehen zückten natürlich alle die Handys, um zu gucken, wie der Rest der Liga so gespielt hat, und als man sah, dass Dortmund noch eine fucking Vierzunull-Führung hergeschenkt hatte, war man doch wieder recht versöhnt mit den eigenen Jungs.



Die Choreo zum zehnjährigen Bestehen der Legio Augusta, einem der größeren Fanclubs, wenn ich F. richtig verstanden habe. Die abgeklebten Werbeplätze waren in der Halbzeit wieder frei, und ich habe mich gefragt, wie man das mit den Sponsoren abspricht.

Abendessen: weiße Bohnen und Cherrytomaten auf Knoblauchbaguette mit ordentlich Rosmarinöl. Genau das Richtige zum Aufwärmen und blitzschnell fertig.

Die Lauftights habe ich danach den ganzen Abend nicht mehr ausgezogen. Normalerweise laufe ich zuhause in irgendwelchen bequemen Stoffhosen rum, aber nachdem ich die Jeans ausgezogen hatte, fand ich es total überflüssig, eine bequeme Hose gegen eine andere auszutauschen. Und als ich nach dem Bayernspiel gegen 21 Uhr zu F. ging, um mit ihm den restlichen Abend zu verbringen, trug ich sie wieder unter der Jeans, einfach weil sie so herrlich angenehm sind.

Als ich mich nachmittags fürs Stadion anzog, twitterte ich, gerade in die Tights geschlüpft, dass ich eben genau dieses Kleidungsstück trug. Dann zog ich mich weiter an und begann mit den Stiefeln – bis mir einfiel, dass ich über die Tights noch eine Jeans anziehen sollte. Ich bin inzwischen so daran gewöhnt, in den Dingern aus der Wohnungstür zu gehen, dass ich mich wirklich selbst daran erinnern musste, dass da heute ausnahmsweise noch eine Lage drüberkommt.

Tagebuch, Freitag, 24. November 2017 – Raus aus dem Sumpf

Ich hatte mir eigentlich beim letzten Durchhänger gemerkt: Wenn’s dir nicht gut geht, geh in eine Bibliothek. Seit vorgestern weiß ich: Noch besser geht’s mir, wenn ich dorthin nicht gehe – also: in die U-Bahn steige –, sondern radele.

Eigentlich war ich immer noch brummig und mundfaul und überhaupt irgendwie stinkig auf alles, aber schon nach wenigen Metern auf meinem wunderbaren Fahrrad gingen meine Mundwinkel von ganz alleine nach oben. Ich vergesse das anscheinend auch immer wieder, wie ich auch mehrfach vergessen habe, wie gut mir Bibliotheken tun: wie gut mir Bewegung tut, vor allem das Radeln. Durch die blöde Erkältung bin ich seit über zwei Wochen morgens nicht mehr unterwegs gewesen, und anscheinend fehlt mir das inzwischen. (Na toll.)

Am Anfang des Studiums habe ich mir ein Post-it an die Wohnungstür geklebt, auf dem NETZTEIL stand, weil ich es des Öfteren geschafft hatte, hoch motiviert in der Bib aufzulaufen, nur um dort festzustellen, dass ich mein Netzteil für das Macbook vergessen hatte. Mein Akku reichte damals für ungefähr eine Stunde, aber damit kann man ja in einer Bibliothek nichts anfangen. Das Post-it brauchte ich recht schnell nicht mehr; irgendwann schleifen sich halt auch die Studi-Sachen ein, die man immer dabei haben sollte: Studiausweis (für einige Bibliothekspforten als Eintrittskarte und eh fürs Semesterticket), Kopier- bzw. Scannerkarten (eine für Uni-Institute, eine für die Stabi, inzwischen auch noch eine fürs ZI), Notizbuch und Stift, Wasserflasche, durchsichtige Plastiktüte, damit man Zeug in die Bibliotheken schleppen kann (inzwischen netterweise fast überall Tragekörbe vorhanden), 1- und 2-Euro-Münzen fürs Schließfach (in jeder Bib unterschiedlich – für neue Erstis der Hinweis: die kunsthistorische Bibliothek will 2 Euro und nein, es kann nie jemand wechseln) und eben Laptop und NETZTEIL.

Vor ein paar Monaten habe ich ein neues Post-it an die Tür geklebt: MÜLL. Mein Spatzenhirn vergisst neuerdings immer, den Müll runterzubringen, wenn ich eh nach unten muss. Manchmal tagelang, bis schließlich zwei Mülltüten in der Küche stehen und sich über mich lustig machen. (Nein, das stinkt nicht, das sieht nur doof aus.)

Vielleicht hänge ich noch ein neues daneben: BÜCHER UND BEWEGUNG. Dann sollte das eventuell endlich mal bei mir ankommen.

Dieser Tweet vom Donnerstag ist vielleicht etwas missverständlich, wie mir erst im Nachhinein auffiel. Ab da, wo mein Notizbuch liegt, stehen sechs Regale zu einem Meter mit jeweils sechs Böden, in denen ausschließlich Ausstellungskataloge von Londoner Museen stehen. Auf diesem Stockwerk stehen alle Ausstellungskataloge nach Orten geordnet, und London dürfte die größte Ecke sein. Ich habe leider nicht geguckt, von wann der erste Katalog ist – sie sind nach Jahren geordnet –, aber das dürfte um die Jahrhundertwende sein oder kurz danach. Wir haben das schon sehr gut im ZI.

Die SZ hatte neulich eine kleine Bildergalerie: Acht Münchner Bibliotheken, die Sie gesehen haben sollten. Darin kommt das ZI nicht vor, vermutlich, weil halt nicht jeder rein darf, sondern nur Kunsthistoriker*innen. Genau das richtige studiert.

Danke für eure Mails zu meinem etwas hilflosen Eintrag vom Mittwoch, in dem ich unter anderem beklagte, dass das Jahr so irre schnell vergangen ist. Einen Satz fand ich diesbezüglich sehr schön: „Wenn Du möchtest, dass die Zeit langsamer vergeht, musst Du es Dir langweilig machen. (Könnte vielleicht schwierig werden …) Wer lauter tolle, spannende Sachen macht, dem vergeht die Zeit im Flug. ;-)“ Das war nett, mal von außen darauf hingewiesen zu werden, dass man tolle, spannende Sachen macht. Das vergesse ich gerne. Aber ich vergesse ja auch Netzteile und Müll.