Mein Fahrrad heißt Grane

Der Nordbayerische Kurier bat mich vor einiger Zeit um einen Artikel für ihren Festspielkurier, der zu den Wagner-Festspielen in Bayreuth erschienen ist. Ich sagte natürlich sofort zu, schrieb, las dann später meinen Artikel auf einer Doppelseite und twitterte freudig darüber – und jetzt ist die Sperrfrist rum und ihr könnt meinen Beitrag zum Heft auch hier lesen.

Wer auch den Rest des Festspielkuriers genießen möchte, was ich euch natürlich wärmstens an Herz lege, kann ihn hier für 9,50 Euro bestellen – auch als eBook. Dort versteckt sich in der Vorschau ein etwas ausführlicheres Inhaltsverzeichnis. Ihr sollt ja nicht die Katze im Sack kaufen.

Aber meinen Artikel kriegt ihr jetzt für lau.

Mein Fahrrad heißt Grane

Meine Eltern nahmen mich zum ersten Mal mit in die Oper, als ich ungefähr zehn Jahre alt war. Meine Schwester war acht und gelangweilt, mein Vater saß pflichtschuldig daneben, meine Mutter machte wie immer in der Oper gerne die Augen zu und genoss nur die Musik, aber ich sah völlig fasziniert nach vorne, wo ein großer, blonder Mann nur für mich sang. Er stand vor einem durchsichtigen Vorhang, auf den gelbgrünes Flimmern projiziert wurde, und ich verstand erst viel später, dass das ein Wald sein sollte. Wie der Mann hieß, wusste ich – Siegfried –, denn die ganze Oper hieß so. Von da an war ich überzeugt, dass alle Siegfrieds groß und blond seien. Der Irrtum klärte sich schon in der zweiten Siegfried-Aufführung meines Lebens auf, wo ich einen kleinen, knubbeligen Siegfried vor mir hatte, was mich etwas enttäuschte. Aber etwas anderes enttäuschte mich niemals: die Musik von Richard Wagner.

Wenn ich gefragt werde, was meine Lieblingsoper von Wagner ist, sage ich meistens: „Die, aus der ich gerade rauskomme.“ Ich höre seit über 30 Jahren seine Musik und ich merke, dass sie sich immer wieder ändert, immer wieder neu für mich ist und ich mich immer wieder neu in sie verlieben kann. Als Jugendliche mochte ich den Fliegenden Holländer am liebsten mit seiner offensiven Suche nach Liebe und Zugehörigkeit. In meinen 20ern, die ich im Nachhinein als ein Rumstochern im Nebel nach einer Richtung in meinem Leben empfinde, war es die Götterdämmerung, die mir Halt versprach: Alles zerfällt, aber alles kommt wieder. In meinen 30ern, in denen ich endlich erwachsen wurde – oder das, was man dafür hält: fester Job, feste Beziehung, jetzt läuft’s irgendwie –, war es der Tannhäuser, der passte, weil er so strebsam und ordentlich war. Und jetzt, in meinen 40ern, in denen ich wieder angefangen habe zu studieren, in zwei Städten wohne und mich noch mal neu orientiere, spricht Die Walküre am meisten zu mir mit ihrer ganzen Herzensverwirrung, ihrem Feuer und ihrer Leidenschaft. Mal sehen, wann ich alt genug bin, um Tristan und Isolde meine Lieblingsoper zu nennen, denn die schüchtert mich in ihrer Kompromisslosigkeit seit Jahrzehnten ein.

Über Wagner-Inszenierungen kann man wahrscheinlich regalweise Dissertationen schreiben. Ich muss zugeben, dass ich eher selten in andere Opern gehe, deswegen weiß ich nicht, ob man sich da auch so irrwitzig Mühe gibt, dauernd etwas Neues in die Handlung zu interpretieren, um eben dieses Neue bebildern zu können. Manchmal geht das fürchterlich daneben – ich erinnere mich an eine Berliner Aufführung des Holländers, wo wir zum Schluss Nutten und Koks auf dem Fußboden eines Trading Floors hatten –, manchmal klinke ich mich irgendwann aus, weil ich keine Ahnung mehr habe, was ich gerade sehe – ich denke vor allem an Schlingelsiefs Parsifal in Bayreuth –, aber manchmal erwischt mich eine Aufführung so sehr, dass ich ein paar Minuten brauche, bis ich klatschen kann. Wieder der Parsifal in Bayreuth, dieses Mal von Stefan Herheim, 2011. Ich habe noch nie vorher und leider auch seitdem nie wieder eine Aufführung gesehen, die mich so atemlos, so fassungslos und so verzaubert zurückgelassen hat. Bei der Ouvertüre jeder Oper verdrücke ich still ein paar Tränen, weil es mich jedesmal anrührt, in einem Opernhaus zu sitzen und diese einzigartige Kunst genießen zu dürfen. Bei diesem Parsifal weinte ich auch zum Schluss. Und diese Aufführung hallt immer noch in mir nach.

In meinen 20ern wurde ich von einem Freund gefragt, was mir an Wagner so gefalle. Ich wedelte begeistert mit den Armen, sprach von großen Weltentwürfen in Verbindung mit kleinen, intimen Szenen voller Menschlichkeit, schwärmte von der unendlichen Melodie und wie Wagner die Opernwelt revolutioniert habe, kurz, gab das totale Fangirl – und das anscheinend so überzeugend, dass der junge Mann, der mich gefragt hatte, mich gerne einmal begleiten wollen würde, wenn das alles so toll sei. Ich freute mich über eine Begleitung – Wagner war in meinem Freundeskreis eher weniger en vogue, weswegen ich meist alleine oder mit meinem Mütterchen in der Oper saß – und sagte zu, ihm Bescheid zu geben, wenn ich das nächste Mal zu Herrn Wagner wollte.

Das war bereits wenige Wochen später, als die Niedersächsische Staatsoper in Hannover den kompletten Ring aufführte. Ich erwähnte, dass Das Rheingold nicht unbedingt ein guter Reinkommer für einen Novizen sei, vor allem, wenn man weder ein Werk Wagners noch jemals irgendeine andere Oper gesehen hatte. Der junge Mann ließ sich aber nicht davon abbringen, mich begleiten zu wollen; ich kaufte also zwei Karten und beschwor ihn, sich wenigstens vorher den Inhalt durchzulesen. Damals gab es noch keine Übertitel und selbst heute, wo so ziemlich jedes Opernhaus sie hat, behaupte ich, dass sie einen nicht viel weiterbringen, wenn man überhaupt nicht weiß, worum es geht. Aber auch hier hatte der junge Mann eine eigene Meinung: Er wolle alles, O-Ton, unvoreingenommen auf sich wirken lassen. Ich wedelte wieder mit den Armen, dieses Mal weniger begeistert, sondern verzweifelt, denn ich wollte so gern, dass es dem Herrn gefiel, was bei Rheingold schon schwierig genug ist und wenn man dann nicht weiß, was passiert, noch schwieriger. Mein letzter Versuch, ihn vom Besuch abzubringen, war der Hinweis, dass die Oper keine Pause hätte, woraufhin er leichtsinnig meinte, ach, zweieinhalb Stunden, das ginge ja.

Man ahnt, wie der Abend verlaufen ist. Der Herr begann nach gefühlt 20 Minuten unbehaglich im Sitz hin- und herzurutschen, wagte es aber immerhin nicht, mich zwischendurch nach Plotpoints auszufragen (was ich mir auch böse verbeten hätte), nach ungefähr 40 Minuten war er gebrochen und saß nur noch ergeben neben mir und wartete darauf, dass alles da vorne zuende ging. Nach der Vorstellung brachte er den Satz, der ihn mir sehr unsympathisch machte: „Ich fühle mich wie vergewaltigt“, und wir haben heute keinen Kontakt mehr. Ich glaube auch nicht, dass er Wagner noch eine zweite Chance gegeben hat. Ein weiterer Versuch mit einem anderen Freund verlief ähnlich – der Herr war zwar nicht ganz so erschlagen, wollte aber nach der Walküre auch nichts mehr mit Wagner zu tun haben. (Aber immerhin mit mir, wir sind heute noch befreundet.)

Ganz anders erging es mir vor wenigen Jahren mit einer Freundin, die ich immerhin davon überzeugen konnte, es vielleicht erst einmal mit ein bisschen konzertantem Wagner zu versuchen. Wir hörten in der Hamburger Laeiszhalle zunächst Strawinsky und dann das Finale der Götterdämmerung mit der großen Arie der Brünnhilde. Und wo ich ängstlich auf eine herumrutschende und ungeduldige Freundin vorbereitet war, bekam ich: eine Freundin, die sich langsam vorbeugte, um ja nichts zu verpassen und die beim Schlussapplaus diesen ganz besonderen Gesichtsausdruck hatte, dieses „Sowas habe ich noch nie gehört und ich frage mich gerade, warum zum Teufel nicht?“ Sie war zunächst stiller als sonst, hatte leuchtende Augen, musste sich erst einmal sortieren, aber dann schwappte sie über mit Fragen zur Götterdämmerung, zur Sängerin, die wir gerade gesehen hatten (Deborah Voigt) und wann ich bitte Zeit hätte, mit ihr mal eine ganze Oper zu sehen. Das taten wir wenige Wochen später mit der kompletten Götterdämmerung in Hamburg, wo nicht mal die olle Sozialtristesse-Inszenierung uns den Abend verderben konnte, und seitdem ist sie meine treue Begleiterin.

Mein Fahrrad heißt Grane. Jedenfalls das, das in München steht. Ich wohne zurzeit sowohl in der bayerischen Landeshauptstadt als auch in Hamburg, wo ich ein weiteres Fahrrad besitze, das noch keinen Namen hat. Ich hätte allerdings eben jenes Grane taufen sollen, denn das Fahrradfahren in beiden Städten fühlt sich sehr unterschiedlich an. In München fahren alle brav, wie sie sollen, in Hamburg fahren alle, wie sie gerade Lust haben. Weswegen ich in München deutlich entspannter unterwegs bin, weil ich nicht damit rechnen muss, Geisterfahrer in meiner Spur zu haben oder Fußgänger oder irgendwen anders, der das Konzept „Radweg“ nicht verstanden hat. Ich höre beim Radeln keine Musik, aber in München habe ich meist das freundlich-gemütliche „Sommer in der Stadt“ von der Spider Murphy Gang im Kopf, wenn ich locker-flauschig dahinradele, ohne mir über irgendetwas Sorgen zu machen.

In Hamburg läuft in meinem Kopf stattdessen der Walkürenritt.

ESA: European Space Awesomeness

Am 6. August 2014 erreichte Rosetta endlich den Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, nachdem die tapfere Sonde zehn Jahre lang unterwegs gewesen war. Die Annäherung an den Kometen wurde live von der ESA gestreamt, ich lag im Bettchen, hatte Semesterferien, guckte gebannt auf mein Macbook, twitterte und ließ hemmungslos das Space-Fangirl raushängen. Das bekam Andreas Schepers mit, der die PR für die ESA macht – wir folgen uns schon länger auf Twitter –, der daraufhin ein, zwei mir schon lange bekannte Damen und mich einlud, doch einfach mal in Darmstadt rumzukommen und sich den Laden anzugucken. Also ESA. Die europäische Weltraumorganisation. Angucken. Mal so.

Nachdem ich aufgehört hatte zu hyperventilieren, sagte ich kreischend zu (danke, Twitter, dass du ein schriftliches Medium bist), buchte Züge und Hotel und freute mich wochenlang vor. Dienstag war es dann so weit.

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Herr Schepers war noch im Meeting, aber dafür holte uns Flugdynamik-Ingenieur Rainer Kresken von der Pforte ab, an der wir immer noch unsere Ausweise anhimmelten. Da es Mittagszeit war, ging’s erstmal in die Kantine. Ich erwartete mindestens sternförmige Fischstäbchen oder Ananasscheiben, die um Kiwis gewickelt waren (Saturn, you know), aber nix. (Erstmal quengeln.) Dafür sah ein Drittel der Belegschaft aus wie Sheldon Cooper. Auf meine Frage, wie es mit dem Frauenanteil aussehe, der in der Kantine jetzt nicht so irre hoch war (zehn, fünfzehn Prozent?), meinte Kresken, der sei leider recht gering, und die meisten Ingenieurinnen und Wissenschaftlerinnen der ESA seien auch nicht aus Deutschland. Wir sinnierten darüber, warum das so sei, dachten darüber nach, dass Italien und Spanien, was die Emanzipation angeht, in den 70ern quasi einen Sprung aus dem Mittelalter in die Moderne gemacht hatten, während das bei uns eher schleichend voranging, und dass die südeuropäischen Damen anscheinend eher vom Crashkurs „Everything you can do, I can do better“ profitiert haben als wir im Norden. Hm.

Dann schlenderten wir ein bisschen durch die kleine ESA-Stadt, die zwar wie ein Gewerbegebiet aussieht, aber natürlich tausendmal cooler ist, und kamen an diesem Ding vorbei:

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(Foto: Andrea Diener – hier ihr ganzes Flickr-Set vom ESA-Besuch.)

Das ist ein Modell von ERS-2, dem Nachfolger von ERS-1 (ach was), die beide Erdbeobachtungen betrieben haben. Das heißt, sie beobachteten zum Beispiel Wellenbewegungen oder Eisvorkommen. Ich zitiere die Wikipedia for more amazing stuff:

„Nach dem Start von ERS-2 konnten die SAR-Sensoren von ERS-1 und ERS-2 in sehr kurzen Zeitabständen (in der Regel einem Tag) dieselbe Erdoberfläche erfassen und diese Daten für Interferometrie benutzt werden. Dabei führen die leicht verschiedenen Orbits der zwei Satelliten (in der Regel wenige 100 Meter) zu leicht unterschiedlichen „Blickwinkeln“ desselben Gebietes der Erdoberfläche. Durch rechnerische Kombination der zwei Aufnahmen konnten somit entweder digitale Höhenmodelle der Erdoberfläche erstellt werden oder auch kleine Bewegungen der Erdoberfläche zwischen den zwei Aufnahmen auf etwa einen Zentimeter genau erfasst und sichtbar gemacht werden (differentielle Radar-Interferometrie, DInSAR).

So lieferten die Satelliten Daten über Veränderungen der Erdoberfläche vor oder nach einem Vulkanausbruch oder über Verschiebungen der Erdoberfläche durch Erdbeben. Die Expansion einer Lavakammer des Ätna oder die Vorhersage der Schlammlawine eines Vulkans in Island waren weitere Beispiele.“

Die beiden ERSis sind nicht mehr aktiv. Ihr Arbeitsplatz war in circa 800 bis 900 Kilometer Höhe über der Erde, wo sich die meisten Satelliten rumtreiben. Also auch die mit militärischen Zielen, von denen keiner wissen soll, wo sie sind, aber es gibt inzwischen nicht nur Train- und Planespotter, sondern auch Menschen, die Raketentarts genauer angucken und aus den offiziellen Daten und dem, was sie beobachten, schließen können, was da oben so rumfliegt.

ERS-1 und ERS–2 sind nur noch Weltraumschrott – oder im offiziellen Slang „Raumfahrtrückstände“ (ich bin sehr in dieses Wort verliebt). Wenn man lange genug wartet, nähern sie sich irgendwann der Erdatmosphäre und verglühen. Die chinesische Weltraumagentur CNSA hat vor kurzem einfach mal einen ihrer Satelliten mit einer Rakete beschossen, um zu gucken, was so passiert, wenn man keine Lust mehr hat zu warten. Den Satelliten hat es zerlegt und wir haben jetzt noch mehr Raumfahrtrückstände da oben. Aber eben auch die Gewissheit, dass man feindliche Satelliten, wenn’s nötig ist, außer Gefecht setzen kann. Ich weiß immer noch nicht, wie ich das finde.

Das erinnerte uns sofort an Gravity, wo dieser blöde Schrott dafür sorgt, dass George Clooney sterben muss, und Kresken meinte, den Film fänden hier alle super. Klar müsse man bei vielen Dingen alle Augen zudrücken („… was bei einem 3D-Film ganz schön doof ist“), aber das sei tolles Kino. Das hat mich etwas überrascht; ich dachte, wenn man wirklich weiß, was da oben abgeht, könnte man sich das nicht angucken, aber nein, ganz im Gegenteil.

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(Foto: Andrea Diener)

Der nächste Stopp war vor einem Gebäude, durch dessen Fenster wir gucken konnten, wo ein weiteres Modell auf uns wartete – und zwar eins von Rosetta. Das ist komplett baugleich bis auf die rechts und links angebrachten Solarsegel, die jeweils 16 Meter lang sind, und dafür ist der Raum zu klein. Rosetta ist ordentlich groß, wenn sie ein Würfel statt einer Tonne wäre, hätte sie eine Kantenlänge von ungefähr zwei Metern. Das Modell wird dazu genutzt, Befehle auszuprobieren, bevor sie an die echte Rosetta geschickt werden, oder Gegenmaßnahmen zu testen, falls wirklich mal etwas schiefläuft. Quasi wie bei Apollo 13, wo die Jungs auf der Erde Sauerstofffilter nachbauen mussten aus Zeug, das die Jungs oben in der Raumkapsel zur Verfügung haben.

Nebenbei: Ich hoffe, ich habe mir alles richtig gemerkt, ich hatte nichts zum Mitschreiben dabei, weil ich nur gucken und staunen wollte, aber im Nachhinein ärgert mich das doch etwas, dass ich nur aus der Erinnerung zitieren kann – und das vor allem wahrscheinlich so unwissenschaftlich wie nix Gutes. Hey, ich studiere KUNSTGESCHICHTE! Wenn’s um eine Bildanalyse von 67P geht – ruft mich an! Wenn’s um physikalischen Kram geht – Bahnhof mit sieben Siegeln. Rainer, wenn hier kompletter Quatsch steht, melde dich bitte.

Nach dem Rosetta-Modell ging’s in ein Gebäude, wo wir ehrfürchtig vor einem Kontrollraum rumlungerten und den Ingenieuren durch die Glasscheibe bei der Arbeit zuguckten. In diesem Fall arbeiteten sie an der Rosetta-Mission, aber ich muss gestehen, ich habe vergessen, woran genau. Der Komet 67P, dem sich Rosetta gerade nähert, ist übrigens nicht grau, wie wir ihn aus den ganzen Aufnahmen kennen, sondern pechschwarz. Aber so ein schwarzer Komet im schwarzen All sähe halt doof aus in den Pressebildern.

Kresken erklärte uns, warum der Komet so wichtig für die Forschung ist. Kometen sind generell „Bauschutt“ des Universums Sonnensystems (Edit-Tweet 1 und 2). Beim Big Bang flog viel Zeug rum, und Kometen tragen quasi den Bauplan des Universums in sich: Ihre stoffliche Zusammensetzung kann uns viel über die Entstehung des Weltalls verraten – vor allem, wenn sie noch Wasser enthalten. Das Problem bei Kometen: Es gibt periodische und aperiodische. Die periodischen haben eine feste Umlaufbahn um die Sonne, wir wissen, wo sie wann sind – aber durch ihre Nähe zur Sonne geht gerne mal das ganze schöne Wasser verloren, das uns so interessiert. Die aperiodischen Kometen kommen nur einmal bei uns im Sonnensystem vorbei, wir beobachten sie, wenn wir Glück haben, und schon sind sie wieder weg. Aber dafür haben sie all das gute Zeug an Bord, das wir erforschen wollen. Das Tolle an 67P: Er vereint quasi das Beste aus beiden Welten in sich. Laut Wikipedia war er ein langperiodischer Komet – hatte also eigentlich eine feste, wenn auch eeeewig lange Umlaufbahn um die Sonne –, wurde aber von einem Gravitationsfeld gestört und so zu einem kurzperiodischen, den wir verfolgen können. Und: Wir gehen davon aus, dass er noch Wasser bzw. Eis mit sich führt. Deswegen ist Rosetta so wichtig – und ihr Gepäck Philae noch mehr: Wenn Philae im November wie geplant über dem Kometen (der übrigens 800 Millionen Kilometer von uns weg ist, so von wegen „kurz“) abgeworfen wird, soll der Lander erstmals auf einem Kometen Messungen vornehmen.

Hier bitte mal kurz anerkennend in Richtung Darmstadt nicken.

Beim Thema Big Bang kam das Stichwort Kreationismus auf und um was für irrwitzige wissenschaftliche Erkenntnisse sich die Menschen bringen, die daran glauben. Trotzdem fragte ich nach: Besteht nicht doch irgendwo eine winzige Möglichkeit, dass das Universum geschaffen wurde anstatt einfach so zu beginnen? Kresken meinte, es sei durchaus möglich, Gottesglauben und die Wissenschaft miteinander zu vereinbaren – bei der ESA gäbe es auch genügend gläubige Menschen –, aber man könnte schlicht erklären, wie das Universum entstanden sei und müsse nicht mehr an irgendwas glauben. Interessanterweise besitzt ausgerechnet der Vatikan die größte Meteoritensammlung der Welt und beteiligt (?) sich an einem der großen Teleskope. Vielleicht sucht der Vatikan nach etwas anderem als die ESA, aber das ist nur meine Theorie.

Kresken und Schepers, der inzwischen zu uns gestoßen war, erzählten quer durch die Bank von ESA-Projekten, über die Zusammenarbeit mit der NASA, führten uns von einem Raum mit Glasscheiben, an denen coole Titel dranstanden („flight dynamics room“, „estrack control centre“, zum nächsten, wir guckten und staunten und fragten und kriegten alles beantwortet.

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(Foto: Andrea Diener. Das niedliche Pappmodell an der Wand ist XMM.)

Dann durften wir endlich mal in einem Raum rein: in den Kontrollraum für XMM und INTEGRAL, zwei Satelliten, die Gamma- und Röntgenstrahlung im Weltall erforschen. XMM war eigentlich nur für fünf Jahre ausgelegt und kreist inzwischen seit 15 um uns rum, INTEGRAL immerhin seit zwölf. Eine Ingenieurin erklärte uns mit leuchtenden Augen, was genau sie da oben machen – und vor allem, was hier unten im Kontrollraum passiert. Die Satelliten senden pausenlos Telemetrie nach unten, und im Kontrollraum werden alle ankommenden Daten überwacht. Falls mal etwas unplanmäßiges passiert – das heißt, auf einem der gefühlt 20 Monitore leuchtet irgendwas nicht mehr grün, sondern rot und außerdem gibt’s ein akustisches Signal –, gibt es Handbücher (ja, genau wie in Gravity), in denen steht, welcher Befehl nach oben gesendet werden muss, um den Fehler zu beheben. Die Systeme laufen übrigens auf einem ESA-eigenen Betriebssystem, die Anwendungen sind Linux. „Aber für Twitter darf man auch Windows benutzen.“ (Edit: genau andersrum, siehe die Tweets 1 und 2 von @hessi.)

Kresken erzählte, dass sie XMM das Spritsparen beigebracht hätten: Jetzt verbraucht er nur noch ein Schnapsglas Hydrazin alle zwei Tage. Hydrazin wird auf der Erde für so gut wie nichts genutzt, was ich wieder irrwitzig fand: Da entwickelt man ein Gerät, das nur im Weltall funktioniert und betankt es mit etwas, das ebenfalls (fast) nur im Weltall Anwendung findet. (Edit: Das mit dem „so gut wie nichts“ scheine ich mir falsch gemerkt zu haben.)

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Zum Abschluss gingen wir in ein weiteres Gebäude („mit dem langsamsten Fahrstuhl Westeuropas“), um ohne Vorwarnung vor dem Rosetta-Kontrollraum zu stehen. Kresken meinte launig, er suche mal Andrea, was Schepers relativ fassungslos zurückließ. Er hatte aber kaum Zeit, sich zu wundern, als plötzlich Rosettas Flight Director Andrea Accomazzo vor uns stand, der uns zwischen Tür und Angel mit lebhaften Gesten die nächsten Flugmanöver von Rosetta erklärte, die bis November bis auf weniger als 20 Kilometer (!) an den Kometen herangeführt werden soll, um den kleinen Philae abzuwerfen. Accomazzo beschrieb, wie Rosetta sich in Dreiecksbewegungen 67P nähere, der die Sonne umkreise und sich dazu noch unregelmäßig um sich selbst drehe und das bei einer irrwitzigen Geschwindigkeit (was ich bei den ganzen schönen Moodfilmchen gerne vergesse). Ich hatte sehr große Augen und konnte es kaum glauben, dass der Leiter der zurzeit wichtigsten ESA-Mission mit uns drei Noobs spricht. Wir bedankten uns euphorisch und kletterten wieder in den Fahrstuhl, wo Schepers immer noch fassungslos war: „Der wissenschaftliche Redakteur von [total wichtiges Printprodukt] wartet seit zehn Tagen auf ein Interview … wie hast du Andrea zu fassen gekriegt?“ „Ich hab ihn heute morgen angerufen, ob er nachher ne Viertelstunde Zeit hat.“ Ich war noch mehr verliebt und hätte mir vielleicht doch Körperteile signieren lassen sollen. Robbie Williams ist ja nix gegen die ganzen Jungs und Mädels da in Darmstadt.

Und das war’s dann schon. Eigentlich hatten wir uns für knapp zwei Stündchen verabredet, im Endeffekt waren es über drei, wenn ich richtig auf die Uhr geguckt habe, und ich war platt und gleichzeitig sehr begeistert. Auf Twitter quietschte ich den ganzen Abend lang rum, summte Space Oddity vor mich hin („… and the stars look very different today“) und fand es im Nachhinein doch sehr schade, damals in Physik so komplett desinteressiert gewesen zu sein.

Aber dafür interessierten und interessieren mich andere Dinge, und so guckte ich mir einen Tag später im Städelmuseum die Flémaller Tafeln an (1, 2, 3) und empfand so ziemlich das gleiche, was ich 24 Stunden vorher in Darmstadt empfunden hatte: große Begeisterung und tiefe Bewunderung für eine Leistung, die mir gerade präsentiert wird und die ich niemals auch nur in Ansätzen erbringen könnte. Aber: Die mittelalterliche Malerei mit ihrer christlichen Ikonografie hat mir ganz persönlich dann doch noch etwas mitgeben können, was selbst die ESA nicht hinkriegt: das Gefühl von Aufgehobensein. Der Weltraum ist für mich irrwitzig spannend, aber gleichzeitig zutiefst unheimlich in seiner Unermesslichkeit, die ich in meinem Kopf schlicht nicht erfassen kann. Ich weiß, dass Einrichtungen wie ESA und NASA und wie sie alle heißen, genau diese Unsicherheit abbauen mit ihren Forschungsmissionen und -ergebnissen, mit Zahlenreihen, Berichten und Beweisen. Jede Art von Wissenschaft soll Bestätigung bringen, wo wir herkommen, wohin wir gehen und wie wir uns auf dem Weg verhalten. Aber ich ganz persönlich kann mir immer noch eher einen göttlichen Funken vorstellen als Materie, die aus Nichts entsteht.

Wobei: Vielleicht sind die beiden Theorien gar nicht so weit auseinander.

(Ich bin jetzt selbst ein bisschen überrascht über das Ende. Wenn ich über Dinge schreibe, die ich erlebt habe oder darüber, wie’s mir gerade mit etwas geht – also Einträge, die kein Argument machen wollen, denn bei denen weiß ich natürlich von Anfang an, wie das Ende aussehen soll –, lasse ich meine Finger einfach lostippen, denn die wissen meist am besten, wo sie hinwollen. Ich hatte nicht geplant, einen Eintrag über eine wissenschaftliche Einrichtung mit einer theologischen Frage zu beenden, aber jetzt, wo sie da steht, lasse ich das so. Passt schon.)

Fehlfarben. Ein Kulturpodcast

Die Herren @munifornication, @probek, @sammykuffour und icke haben gestern abend bei vier Flaschen Weißwein unseren ersten Kulturpodcast aufgenommen, den ihr hier anhören könnt (78 Minuten). Wir haben gemeinsam die Ausstellung von Regina Schmeken „Unter Spielern – Die Nationalmannschaft“ besucht, die noch bis zum 14. September in der Villa Stuck in München läuft und darüber gesprochen. Außerdem haben wir vier Rieslinge genossen oder bemängelt.

Der Name ist natürlich eine Reminiszenz an den von uns verehrten Fehlpass-Podcast. Ich glaube, Felix ist auf unseren Namen gekommen, der auch sofort und ohne jeden Gegenvorschlag einstimmig abgenickt wurde. Wir haben auch einen Twitter-Account, aber der ist noch ziemlich unbespielt.

Unsere (nicht öffentliche) Nullnummer ist nach dem gemeinsamen Besuch des Cremaster-Cycles von Matthew Barney entstanden, bei der wir erst mal ausprobiert haben, ob wir uns genug zu sagen haben, was wir, totale Überraschung, mit „ja“ beantworten konnten. Auch die Idee, nebenbei verschiedene Weine zu testen und kurz über sie zu sprechen, ist an den drei Abenden entstanden.

Was wir bei der Erstausgabe gemerkt haben und beim nächsten Mal besser machen wollen: Wir schenken gleich alle vier Weine ein und probieren alles gleichzeitig. Gestern haben wir das lustig durch den Podcast verteilt, hatten aber nicht wirklich die Möglichkeit zum direkten Vergleich, weswegen gerade Frau Mäkelnase Gröner ihre Meinung von „hopp“ zu „topp“ bei Wein Nummer 1 am Ende des Abends geändert hat.

Außerdem wollen wir weniger durcheinander reden.

Was ich persönlich versuchen werde besser zu machen: LAAAANGSAAAMEEER ZUUU SPREEEECHEEEEN. Das versuche ich zwar seitdem ich sprechen kann, aber ich geb mir einfach noch ne Chance. Bei Referaten an der Uni habe ich gerne ein „Langsam!“-Post-it vor mir liegen. Es hilft aber meistens nicht. Außerdem klinge ich in meinem Kopf beim bewussten Langsamsprechen so, als würde Dory Whale sprechen.

Genug geredet. Wir hatten sehr viel Spaß, und ihr dürft jetzt zuhören.

Die vier verkosteten Weine:

Wein 1: Dr. Loosen, Wehlener Sonnenuhr Riesling 2012, 12,5%, 16 Euro.

Wein 2: Württembergische Weingärtner-Zentralgenossenschaft, Riesling, auf der Flasche steht ernsthaft kein Jahrgang, 11,5%, 4 Euro.

Wein 3: Van Volxem, Saar Riesling 2012, 12%, 12 Euro.

Wein 4: Edeka Biowein, Riesling 2013, 11,5%, 4 Euro.

Kunst gucken

Ich gehe nicht gerne zu zweit oder in Gruppen in Museen, ich bin gerne alleine mit Bildern und Skulpturen. Ich kann in meinem eigenen Tempo durch die Räume wandern, ohne immer im Hinterkopf zu haben, dass jemand auf mich wartet oder mir jemand hinterherbummelt, womöglich schon schlecht gelaunt, dass es so schnell oder so langsam geht. Ich lasse mich auch nur ungern aus meinem eigenen Fluss herausziehen, in den ich inzwischen falle, sobald ich in einem Museum umherlaufe; ich mag es nicht, wenn mich jemand am Ärmel zupft und mir etwas bestimmt ganz Großartiges zeigen will, ich mag jetzt nicht, ich möchte jetzt genau hier, an diesem Punkt sein und das Bild anschauen, das vor mir hängt und nicht das, was du mir zeigen willst, du wirbelst meinen Fluss auf und das nervt.

Ich höre keine Audioguides mehr. Wo ich früher wissen wollte, was mir KuratorInnen oder ExpertInnen zu den Werken zu erzählen haben, gucke ich jetzt einfach selbst. Mir entgehen bestimmt viele Anspielungen und Hinweise, aber dafür sehe ich Dinge, die mich ansprechen, die etwas von mir wollen und mir etwas sagen, denn nur deswegen sehe ich sie. So werden aus irgendwelchen Bildern meine Bilder, sie tauchen aus der Masse auf, die an den Wänden hängt und bleiben bei mir.

Ich gucke inzwischen selektiv. Ich weiß, dass die Durchschnittsverweildauer vor einem Bild sieben Sekunden ist. Ich weiß auch, dass ich nicht alles angucken kann, was in einem Museum hängt, genauso wie ich nicht alles lesen kann, was in einer Buchhandlung steht. Ich bleibe nicht mehr pflichtschuldig vor Werken stehen, von denen ich weiß, dass die Kunstgeschichte sie großartig findet; wenn sie mir egal sind, sind sie mir egal und ich gehe weiter. Ich laufe in der Alten Pinakothek immer am da Vinci vorbei, weil er mir egal ist, und starre dafür auf die Bilder, die traurig oben in zweiter Reihe hängen, weil sie nicht so wichtig sind, wichtig für wen, ich mag die gerne, ich sehe sie gerne, ich gucke zu ihnen hoch und habe den da Vinci schon wieder vergessen.

Ich höre den Menschen zu, wenn sie über moderne Kunst lästern und kann sie verstehen und gleichzeitig nicht. Dass in der Pinakothek der Moderne Zeitgenössisches hängt und steht und liegt und leuchtet und flimmert und flüstert, sollte man eigentlich wissen, bevor man Eintritt bezahlt. Es ist völlig in Ordnung, sich lieber die Alten Meister anzuschauen, geh einfach rüber zu ihnen, sind nur 100 Meter, die Fußböden knarzen so schön und die Bilder hängen teilweise sogar in zwei Reihen. Aber wenn du hier in der Moderne bist, dann guck doch einfach mal. Bleib stehen und guck. Länger als sieben Sekunden. Hör auf, mit deiner Begleitung verschiedene Level des Unverständnisses auszutauschen und guck. Wenn Kunst dich aufregt oder verstört oder dich zum Lachen bringt, ist das ein gutes Zeichen, dass du diesem Gefühl mal nachspüren solltest anstatt es mit „Versteh ich nicht“ abzuwürgen. Wenn ein Werk nichts mit dir macht, geh weiter.

Ich stehe in der Hamburger Kunsthalle und vermisse die Münchner Pinakotheken. Ich stehe in den Pinakotheken und vermisse die Berliner Gemäldegalerie. Irgendwo hängt immer das Bild, das ich jetzt gerade sehen möchte, und nie bin ich da. Ich schlendere durch Museen und taumele innerlich zwischen Pflichtbewusstsein und purer Freude. Ich weiß, dass ich das alles kennen müsste, was vor mir hängt, ich müsste es inzwischen im Schlaf datieren und Bezüge herstellen und Biografien und Besonderheiten runterbeten können. Manchmal kann ich das, manchmal zwinge ich mich zur Konzentration, aber manchmal bummele ich auch nur einfach, wie andere Leute das mit Schaufenstern machen. Ich gucke, genieße, freue mich, kann atmen und den Kopf ausmachen, obwohl er gerade im Museum die ganze Zeit an sein müsste.

Ich kann vor einem Werk, auf dem quasi nichts zu sehen ist, zehn Minuten stehenbleiben. Das erste Mal ist mir das bei Mondrian im Bucerius-Kunstforum passiert, das nächste Mal vor einem Twombly im Museum Brandhorst. Twombly ist meistens nicht so meins, aber eines der vielen mit „untitled“ bezeichneten Bilder hat mich dann doch gekriegt. Ich guckte zehn Minuten lang auf einen bläulichen Hintergrund, auf dem dünne, zittrige, weiße Linien in mehreren Reihen sanft abwärts liefen, ich stand da und guckte, mal gesellte sich jemand zu mir, mal mehrere, man guckte, wie ich guckte, denn anscheinend gab’s da was zu sehen, oh, Linien, hm, gut, ich geh dann doch mal weiter, ich nicht, ich stand vor dem namenlosen Twombly und verstand zum ersten Mal, was es bedeutet, in einem Werk zu versinken. Weil es gerade passte, zum Tag, zum Moment, zu mir. Untitled. Passt ja auch auf alles, den Tag, den Moment, mich.

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Robin Williams, Oscar-Winning Actor, Dies at 63 in Suspected Suicide

„Mr. Williams was an admitted abuser of cocaine — which he also referred to as “Peruvian marching power” and “the devil’s dandruff” — in the 1970s and ‘80s, and addressed his drug habit in his comedy act. “What a wonderful drug,” he said in a sardonic routine from “Live at the Met.” “Anything that makes you paranoid and impotent, give me more of that.”

In 2006, he checked himself into the Hazelden center in Springbrook, Ore., to be treated for an addiction to alcohol, having fallen off the wagon after some 20 years of sobriety.

He later explained in an interview with ABC’s Diane Sawyer that this addiction had not been “caused by anything, it’s just there.”

“It waits,” Mr. Williams continued. “It lays in wait for the time when you think, ‘It’s fine now, I’m O.K.’ Then, the next thing you know, it’s not O.K. Then you realize, ‘Where am I? I didn’t realize I was in Cleveland.’“

Im Artikel der NYT wird auch von Williams’ Depressionen gesprochen, die vermutlich zu seinem Selbstmord geführt haben.

Mich erschreckt diese Krankheit immer wieder, sie schreckt mich auf, mir geht es ähnlich wie in dem Zitat oben „It’s fine now, I’m O.K.’ Then, the next thing you know, it’s not O.K.“

Ich habe gerade mein eigenes Blog durchsucht, um einen uralten Eintrag von mir zu verlinken, und beim Stichwort „Depression“ kommen dann solche Ergebnisse:

– der Spiegel-Mitarbeiter, der über die Krankheit schreibt

– ein Interview mit Sebastian Deisler

– ein Blogeintrag eines Pastors, der mit den Dämonen kämpft

– und dann eben mein Eintrag von 2002, der an guten Tagen klingt, als hätte ihn jemand anders geschrieben.

Ich hatte das Glück, FreundInnen, KollegInnen und ÄrztInnen zu haben, die sich um mich kümmerten, die mich an die Hand nahmen, die mich nicht aus den Augen ließen, bis es mir wieder gut ging. Ich ahne, dass Herr Williams das auch hatte, und trotzdem war die Krankheit irgendwann stärker als alle anderen, als alle guten Vorsätze, als Liebe, Vertrauen, Können, Hoffnung.

Immer, wenn meine Tage schlechter werden, versuche ich mich an eben der Hoffnung festzuhalten. An der Hoffnung, dass alles gut wird, je mehr Tage man hinter sich gebracht hat, denn wenn man genügend Wissen und Weisheit angesammelt hat, kann einen die Krankheit nicht mehr erwischen. Denn dann weiß man ja: Mir ging es schon einmal so mies, aber es ist mir irgendwann wieder besser gegangen. Ich komme da wieder raus, denn ich bin da schon mal wieder rausgekommen.

Daran halte ich mich seit Jahren fest, und es ist das einzige, an dem ich mich verlässlich festhalten konnte. Bis heute.

Die Depression ist eine Lügnerin. Glaub ihr kein Wort.

Weltkriegstagebücher

Das erste Tagebuch eines Urgroßvaters, das jetzt genau 100 Jahre später als Blog veröffentlich wird, war auf meinem Radar Vierzehnachtzehn, über dessen Twitteraccount ich stolperte und auf dem das steht:

„Kriegstagebuch eines Fußartilleristen 1914-1918. Geschrieben von Ernst Pauleit, betrieben von seinem Urenkel @hdsjulian

Hier der Eintrag vom 2. August 1914:

„Leisnig, 2.August 1914

Mein guter Ernst!

Wohl wissen wir nicht, ob Dich unsere Zeilen noch erreichen. Trotzdem kann ich es nicht unterlassen, Dir noch einmal zu schreiben. Schneller, als wir gedacht, haben sich unsere Befürchtungen erfüllt und nun ist ja auch wohl kein Zurück mehr.

Dass es uns wehe tut, von dir nicht persönlich Abschied nehmen zu können, kannst Du Dir denken. Doch will ich Dir das Herz nicht schwer machen. Mutig wollen wir der Zukunft entgegensehen. Gott behüte Dich, mein lieber Junge, auf allen Wegen.

Um uns sorge Dich nicht – und was das Geschick auch bringen mag, denke stets, dass Du uns nur Freude gemacht hast in Deinem jungen Leben und dass unsere heißen Wünsche für Dein Wohlergehen Dich überall hin begleiten.

Wenn irgend möglich, so schreibe uns einige Zeilen, damit wir wenigstens wissen, wo Du bist und wie es Dir geht. Nochmals meine innigsten Segenswünsche. Bleibe brav und halte dich tapfer.

Deine Mutter.“

Das Weblog von Fridolin Mayer aus Tannheim bei Villingen ist kein reines Tagebuch, sondern wird von Artikeln über das Projekt unterstützt. Außerdem gibt’s Fotos, Karten und Fußnoten, was ich sehr gerne mag. Mayer war freiwilliger Feldgeistlicher im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1917. Auch hier gibt es einen Twitteraccount.

Hier ein Ausschnitt des Eintrags vom 3. August 1914:

„In Markelfingen hält der Fuhrmann und ich gebe ihm und den Soldaten Geld zu einem guten Schoppen und eile nach Radolfzell. Zum Telegraphieren an Jauch[1] keine Möglichkeit, erreiche gerade noch den Schnellzug nach Donaueschingen. Darin auch ein Amerikaner, der heim will über Holland via Köln. In Donaueschingen treffe ich Ernst Hottinger – unseligen Andenkens von Brombach her. Er ist Ersatzreservist beim Train. Die Züge fahren so regelmäßig und pünktlich wie schon lange nicht mehr. Kurz vor Abfahrt steigt Domkapitular Schenk[2] ein, und aus seinen Reden und Benehmen merke ich gleich, daß er wirklich ernst krank ist im Kopf. In den Ortschaften steigen die einrückenden Landwehrmänner ein.– es ist schon der zweite Mobilmachungstag. Tränen von Frauen, viel Lebewohl sagen und Begeisterung, daß es eine helle Freude ist. In Bachheim ist das ganze Dorf mit der Militärvereinsfahne hinter der Perronsperre versammelt. Auch in Neustadt großer Betrieb. In Freiburg kommt gerade ein 113er aus der Konviktskirche. Ich merke ihm an, daß er reden will; wollen Sie beichten? Ja, und schon sitze ich mit meinem nassen Hemd – es ist heiß – im Beichtstuhl. Nach diesem kommt einer in Zivil, dann Ablösung durch den Konviktsdirektor. Am Abend großes Aufgebot von Schwarzen in der Artilleriekaserne zum Beichthören, aber der Sturm mißlingt, da nichts vorbereitet, war nichts zu machen. Kein Platz. Unverrichteter Sache heim ins Bett mit schweren Gedanken.“

Und dann lässt noch die geschätzte Frau Percanta ihren Urgroßvater Curt, Hauptmann im Königlich-Sächsischen Leibgrenadierregiment Nr. 100 in Dresden, zu Wort kommen, wie sie hier in einem Blogeintrag beschreibt. Sein Tagebuch findet man unter Fürchten lernen. Hier der Eintrag vom 8. August:

„Marburg 8. VIII.
7°° Vorm. Reizendes Lahntal. Stimmung der Mannschaft ausgezeichnet.
Anschrift an den Wagen:
Die Russen sind alle Verbrecher,
Ihr Herz ist ein schwarzes Loch,
Die Franzosen sind auch nicht besser,
Aber Dresche kriegen sie doch!


Wetzlar, Weilburg, Selters, Fachingen, Nassau. Hier Nachricht, dass in Coblenz die ersten gefangenen Franzosen sind. Fahrt im Tale immer schöner. Verteilung von Pastillen. Grosser Jubel.
4° Nachm. Rheinübergang. Ein herrlicher erhebender Eindruck. Brücke besetzt M.G. 4²° Abfahrt Richtung Trier. Halt, müssen warten bis I./181 weg ist. Fahrt an der Mosel, hohe Felsenhänge mit Wein bepflanzt. Cochem, Tunnel 9 Minuten Fahrt. Sturm auf Lüttich soll 5000 Mann gekostet haben. Feind 10000?“

Safranreis mit Zimtspinat

Seit der Kerl und ich letzten Sonntag bei unserem neuen Lieblings … äh … Mittelmeeranrainerrestaurant waren – dem Mansaaf –, wo wir großartige Mezze aßen, will ich was mit Spinat machen. Eben warf ich dementsprechend Zeug und Gewürze zusammen und ta-daa: schmeckte total anders als die Mezze, war aber sehr warm und weichwürzig und schnuffig. Merke ich mir für lange Winterabende.

safranreis_spinat

Für eine Person. In einem Topf mit Deckel
1 kleine Zwiebel, fein gehackt, in
Olivenöl bei mittlerer Hitze glasig braten.
1/2 Tasse Basmatireis (oder wieviel Reis ihr eben sonst so esst) dazugeben, mit
1/4 TL gemahlenem Koriander und
1 paar Fäden Safran würzen, alles kurz anbraten,
1 Tasse Gemüsebrühe (oder wieviel Brühe ihr eben sonst so für Reis braucht) dazugeben, aufkochen, Herdplatte ausschalten und den Reis im geschlossenen Topf fertigziehen lassen. Ab und zu mal umrühren, kennt ihr ja alles.

In einer Pfanne
1 TL Butter zerlassen und
125 g TK-Blattspinat (frischer geht natürlich auch, den hatte ich aber nicht) bei mittlerer Hitze kurz durchschwenken. Mit
1 ordentlichen Prise Zimt und
wenig Salz würzen.

Den Spinat vorsichtig unter den Reis heben und wer mag, hackt noch schnell ein paar Mandeln und streut die drüber, dann hat man wenigstens ein bisschen was zum Kauen.

In meinem Reis und dementsprechend auf dem Foto sind noch Vermicelli bzw. the closest thing to them, nämlich schwäbische Eiernudeln, die ich eigentlich auch der Knackigkeit wegen kurz vor Ende der Garzeit in den Reis geben wollte. Ich habe sie aber viel zu früh reingeworfen, so dass sie weich wurden. Schmeckte auch, müsst ihr aber nicht nachmachen.

Links vom 3. August 2014

Mutterreisen und Rollentausch

Stepanini, deren Blog und Instagram-Feed ich sehr mag, schreibt über eine Reise, die sie mit ihrer Mutter nach Irland unternommen hat. Und vor allem, warum.

„Es gibt kaum einen Menschen, der mich mit ein paar Fragen so schnell und leicht zur Weißglut treiben kann und an den ich doch gleichzeitig auch immer wieder denke, wenn es zuviel ist, um mich herum, weil – egal wie alt – es tut doch immer gut, bemuttert zu werden und das kann eben auch nur eine so richtig gut.

Das gilt immer noch, aber es hat sich auch ganz leise gedreht. Kaum merklich. Die besorgten Fragen. Jetzt stelle sie ich. Noch grundlos. Was sind das für Tabletten, die du da nimmst? Du gehst schon wieder auf eine Beerdigung?

Es ist ein neues Gebiet, das man betritt, wenn man die eingespielten Rollen verlässt. Und das fällt leichter in einem Terrain, das für alle beide neu ist.“

Bauen für autoritäre Staaten: Die B-Seite der Architektur

@MaikNovotny schreibt im Standard über Gebäude für Diktatoren:

„Das 2013 eröffnete Heydar Alijev Center in Baku, erbaut von Zaha Hadid, wurde mit dem Design Award des Londoner Design Museum ausgezeichnet. Nicht zum ersten Mal erhob sich darauf Kritik, vor allem in britischen Medien.

Ein Bauwerk in einem autoritären Staat, gewidmet dem 2003 verstorbenen Staatsoberhaupt, dem Amnesty Menschenrechtsverletzungen attestierte, errichtet auf einem Areal, dessen frühere Bewohner laut lokalen Aktivisten zwangsenteignet wurden, habe eine solche Auszeichnung nicht verdient.

Es sei in der Auszeichnung eben nur um die Architektur gegangen, verteidigte Design-Museum-Direktor Deyan Sudjic die Entscheidung, und die sei eben herausragend. In der Tat sind die sahneweißen Kurven des Ensembles aus Museum und Konferenzzentrum selbst für vom Hadid’schen Wiedererkennungswert ermüdete Augen ausgesprochen elegant und ausgewogen.“

Herr Hibbe macht zu

Schöner langer Sonntagsartikel, der mal nicht die übliche „Einzelhandel gut, Internet doof“-Kiste aufmacht. Aber besonders hoffnungsvoll ist er dann auch nicht. Via Buddenbohm.

„Es ist, als beiße sich der Individualismus von heute mit dem Gleichheitsgrundsatz, der die Kaufhäuser groß machte: Hier gab es vor gut hundert Jahren erstmals feste Konfektionsgrößen zu festen Preisen. Am erfolgreichsten war das Geschäftsmodell, als VW kaum mehr als den Käfer anbot und die Fußballstadien noch keine Logen hatten. Es war Ausdruck einer egalitären Idee – die einige wenige Familien sehr reich machte, große Kaufhausdynastien wie die Wertheims in Berlin und kleine wie die Hibbes in Neustadt.

Jetzt genügen 40.000 Artikel nicht mehr. Und wenn etwas fehlt, kommen die Kunden nicht auf den Gedanken, dass auch ihre Extravaganz damit zu tun haben könnte. So sieht es Klaus Hibbe, der versucht, seinen Groll für sich zu behalten, und doch einmal sagt: “Die Menschen sind Tiere.”

Samy Liechti in Zürich erzählt die Geschichte vom Sterben der Kaufhäuser anders: als Geschichte einer Demokratisierung, als das Ende von Hierarchien und Herrschaftswissen. Gerade hat er sich für 30 Euro Versandkosten einen Tisch in den Vereinigten Staaten bestellt, weil es der war, der ihm am besten gefiel. Sein Lieblingswein, sein iPad, sein Rucksack: online gekauft. “Die Welt wird flacher”, sagt Liechti. Wieso sollte er sich dem Sortiment des örtlichen Möbelhändlers ausliefern? Warum seine Hobbys nach dem Angebot des lokalen Sportgeschäfts ausrichten? Weshalb auf das Weltwissen einer einzigen Reisefachverkäuferin vertrauen – jetzt, da es überall Urlaubsportale voller Benutzerbewertungen gibt?“

Ohne Begleittext, erklärt sich von selbst, habe ich gestern endlich mal gegoogelt und gebe das einfach weiter:

What Is Cultural Appropriation and Why Is It Wrong?

In diesem Zusammenhang:

Bildschirmfoto 2014-08-02 um 22.43.02

Bücher Juni/Juli 2014

fest

Saša Stanišić – Vor dem Fest

Ich mochte das sehr. Ich mag die Sprache von Stanišić, dieses vorsichtige Rantasten an die richtigen Wörter, das man noch spüren kann, wenn man sie liest.

„Sie loben die ganze Zeit die Landschaft, als könnte das Dorf etwas dafür.“

Und ich mochte die Personen, die das Dorf bevölkern, in dem morgen ein Fest stattfindet. Ich mochte, dass ich in wenigen Sätzen sehr viel über sie erfahren habe. Da sind sie wieder, die Wörter, nach denen Stanišić gesucht und dann die richtigen aufgeschrieben hat.

„Der Fährmann hat Gölow Geld geschuldet. Nicht viel. Nicht viel für Gölow. Vermutlich viel für den Fährmann. Und Gölow geht hin und kauft ihm einen Sarg. Er kauft ausdrücklich einen bequemen Sarg. Er recherchiert im Internet zwei Nächte lang, Barbara wird ungeduldig: Warum bequem, was macht das noch für einen Unterschied? Gölow sagt, der Fährmann hatte einen kaputten Rücken. Das seien so Bewegungen beim Rudern, beim Seilanziehen, ganz egal, ob du die jahrelang richtig oder falsch ausgeführt hast, am Ende brauchst du einen bequemen Sarg.“

Das ganze Dorf hat eine Geschichte, und jede Person hat eine Geschichte, und in der Nacht vor dem Fest kommen sie zusammen, diese ganzen Geschichten. Wir gehen zurück in die Zeit der DDR und die des Nationalsozialismus’ und die des Kaiserreichs und die des Absolutismus’. Und plötzlich verändert sich die Sprache und kommt wieder zurück, genau wie Geschichten sich verändern und da sind und wiederkommen und bleiben.

Ich bin sehr verliebt in dieses Buch.

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glueck

Wilhelm Genazino – Das Glück in glücksfernen Zeiten

In der SZ stand zur Rezension von Genazinos neuem Buch Bei Regen im Saal folgendes, ich zitiere den Perlentaucher:

„Rezensent Ulrich Rüdenauer begrüßt nach der Lektüre von „Bei Regen im Saal“ einen neuen Protagonisten im „Genazino-Mikrokosmos“, der, wie seine Vorgänger, ebenfalls trostlos und weltverloren durch die eigene Biografie mäandert, dabei aber doch den Alltagsanforderungen und urbanen Belanglosigkeiten trotzt und still und traumverloren durch Fluchtwelten flanierend, Individualität bewahrt.“

Irgendwo anders hatte ich auch schon gelesen, dass alle Genazinos im Prinzip die gleiche Geschichte erzählen. Das finde ich schön, dann habe ich noch viel zu lesen, denn mir hat Glück sehr gut gefallen. Scheint wie bei Ortheil zu sein, der auch immer das Gleiche schreibt, und ich lese das dann halt gerne, wie ich alle anderen Bücher von ihm auch gerne gelesen habe. Ich habe nur die ganze Zeit gedacht, wie das Buch wohl klänge, wenn eine Frau die Hauptperson gewesen wäre, aber das mag meine derzeitige Konditionierung sein.

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fault

John Green – The Fault in Our Stars

Das war eher nicht so meins. Die Geschichte eines krebskranken Mädchens, das sich in einer Selbsthilfegruppe in einen der Mitpatienten verliebt, war mir zu geradeaus und teilweise zu selbstverliebt in seine eigene Geschichte. (LOOK AT ME I’M SAAAAD!) Dafür standen allerdings zwischendurch ein paar wirklich schön auf Pointe getextete Sätze in der Traurigkeit. Aber die Pluspunkte muss ich wieder abziehen für die meiner Meinung nach extrem doofe Szene im Anne-Frank-Haus. (LOOK AT ME I’M IN LOOOOOVE!)

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am

Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah

Dafür war das hier wieder ein großer Wurf. Americanah erzählt die Geschichte von Ifemelu, die aus Nigeria in die USA auswandert, wo sie bemerkt, das es dort anders ist, schwarz zu sein, worüber sie ein Blog beginnt. Das ist natürlich nur der Aufhänger, in Wirklichkeit geht’s um Lebensentwürfe und was aus ihnen im Laufe der Zeit wird, Lebenspartner und was aus ihnen im Laufe der Zeit wird und Lebenszeiten und ihr wisst schon, ich lass’ das jetzt.

Adichie ist gebürtige Nigerianerin und dementsprechend zweisprachig aufgewachsen. Ihre erste Sprache ist Igbo, und davon streut sie auch gerne Sätze oder Phrasen in ihre Geschichte, die sie auf Englisch, ihrer zweiten Sprache, geschrieben hat. Ich behaupte, das merkt man ein bisschen, dass Englisch die offizielle Sprache ist und Igbo die, die näher am Herzen ist, falls ich das als non-native-speaker überhaupt beurteilen kann. Auch hier mochte ich wieder den bewussten Umgang mit Worten, die mit wenig viel sagen:

„Curt’s mother had a bloodless elegance, her hair shiny, her complexion well-preserved, her tasteful und expensive clothes made to look tasteful und expensive; she seemed like the kind of wealthy person who did not tip well.“

Ein Großteil des Buchs befasst sich mit dem Zusammenleben von Schwarz und Weiß in den USA und dem Leben in Nigeria, was ich besonders spannend und lesenswert fand:

„When I started in real estate, I considered renovating old houses instead of tearing them down, but it didn’t make sense. Nigerians don’t buy houses because they’re old. A renovated two-hundred-year-old mill granary, you know, the kind of thing Europeans like. It doesn’t work here at all. But of course it makes sense because we are Third Worlders and Third Worlders are forward-looking, we like things to be new, because our best is still ahead, while in the West their best is already past and so they have to make a fetish of that past.“

Aber noch mehr mochte ich die Veränderungen der Hauptfiguren, vor allem natürlich Ifemelu, die sich stets ein bisschen ihrer Umgebung, ihrem Umgang, ihren Lebensgefährten anpasst. Das kam mir alles sehr stimmig vor, diese kleinen Kompromisse, die man im Sinne eines guten Zusammenlebens eingeht, die vielleicht irgendwann zu groß werden, um sie durchhalten zu können.

Definitiv mein Liebling der Leseliste, so kurz sie auch ist.

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München – Kirchensur – Gstadt – Fraueninsel – Herreninsel – Gstadt – München

Sandwiches geschmiert, Salate gemacht, erst im Auto daran gedacht: Wann sollen wir das bloß alles essen? Als ob wir in menschen- und restaurantleere Gegenden fahren. Egal. Kühltasche angestöpselt, losgefahren.

sandwiches

Auf dem Weg zum Chiemsee durch Kirchensur gefahren. Ich fiepste, weil ich die Kirche so schön fand in ihrer schmalen, hohen Schlichtheit, der ehemalige Mitbewohner hielt an, wir bemühten uns, die Autotüren nicht allzu lange offen zu lassen, damit aus den klimaanlageproduzierten 22 Grad keine 30 wurden, stapften zur Kirche – und fanden sie verschlossen. Immerhin konnten wir kurz ins Innere gucken, das uns alt und goldig entgegenglänzte, aber das hätte ich mir gerne aus der Nähe angeschaut.

kirchensur

In Gstadt fuhren wir in eine Parkhauseinfahrt, nur um festzustellen, dass das Parkhaus keines war, sondern nur eine abgesperrte Ecke von Gstadt, die jetzt anscheinend als Parkplatz dient. Wir fanden sogar noch ein Plätzchen im Schatten, bepackten unsere Rucksäcke bzw. Taschen mit Sandwiches, Wasser und Sonnencreme und gingen zum Bootsanleger, um uns in fünf Minuten zur Fraueninsel schippern zu lassen.

fraueninsel

Auf die Fraueninsel wollte ich, seit ich mein Referat über Teile des Klosters gehalten hatte. In den nächsten Tagen beginne ich die Hausarbeit zu diesem Thema und vorher wollte ich mir dann doch mal selbst anschauen, worüber ich da eigentlich schreibe. Auf der Autofahrt las ich dem ehemaligen Mitbewohner die kurzen Texte zur Insel aus zwei Reiseführern vor und quengelte diverse Male über Ungenauigkeiten, Fehler und Rumgemeine, freute mich aber über die Bezeichnung „knuffig“ für den Campanile. Ich ballerte den Herrn mit Jahreszahlen, Namen, Gegenständen und Malereien voll und wurde immer hibbeliger, bis wir endlich anlegten. Die Frage „Erst Kultur oder erst mal rumgucken“ wurde von mir dann auch mit ungläubigem Augenrollen quittiert, und ich sprintete schon in Richtung Torhalle, bevor der Mann überhaupt die Frage zuende formuliert hatte.

torhalle

Das Kloster auf der Fraueninsel ist recht gut erforscht, aber um die genaue Datierung einzelner Bauwerke bzw. Bauabschnitte streiten sich seit Jahrzehnten diverse Wissenschaftler; ich bin bei meinen Referatsvorbereitungen jedenfalls immer über die gleichen Namen gestolpert. Das Kloster wurde 782 geweiht; Stifter war Tassilo III. (741–nach 784), der letzte Herzog des bayerischen Geschlechts der Agilolfinger. Ihm wird bis heute als Stifter die Totenmemoria gehalten. Die erste heute noch bekannte Äbtissin ist die selige Irmengard (831/33–866), Tochter Ludwig des Deutschen (um 806–876) und Urenkelin Karls des Großen (747/48–814). Das Kloster war ein königliches Stift und stand adligen Mädchen und Frauen offen; sie mussten nicht in den Konvent eintreten bzw. ein Gelübde ablegen. Stattdessen war ihnen hier ein religiöses Leben in standesgemäßem Rahmen möglich, das Kloster diente der Erziehung und sorgte für das Gebetsgedenken (memoria) für verstorbene Familienmitglieder. Nach der Säkularisation 1803 wurde der Konvent aufgelöst, und der Besitz ging an den Staat über. Ludwig I. genehmigte 1836 die Wiederherstellung des Klosters, die Neueröffnung fand im März 1838 statt. In den Folgejahren war es neben der eigentlichen Klostertätigkeit unter anderem Mädchenpensionat und Schule, seit 1983 ist es ein Seminarhaus für Erwachsenenbildung.

Die Torhalle ist ein zweigeschossiges, rechteckiges Bauwerk nördlich der Hauptkirche. Im Erdgeschoss befinden sich drei Tonnengewölbe, die untereinander mit Bogenöffnungen verbunden sind sowie im Ostteil die kaum erforschte Nikolauskapelle. Im Obergeschoss liegt die Michaelskapelle, zu der ich gleich komme. Die Torhalle wurde vor den Grabungen von Vladimir Milojčić 1961–64 auf romanisch datiert; Milojčić fand allerdings zwischen Kirche und Torhalle Scherben und Fundamente und konstruierte eine Einheit von Klosterkirche, Torhalle und dazwischenliegenden Gebäuden (was durchaus diskussionswürdig ist, aber das erspare ich euch an dieser Stelle mal). Er datierte die Torhalle auf spätkarolingisch, also Ende 9. Jahrhundert. 1971 ließ er eine Radiokarbondatierung (C14-Datierung) eines Kantholzes von der Nordseite des Torbaus anfertigen, die das Holzstück auf um 880 plusminus 50 Jahre datierte. Diese frühe Datierung wurde von Großteilen der Wissenschaft angezweifelt, bis Hermann Dannheimer (ehemaliger Direktor der Prähistorischen Staatssammlung in München, Forschungsschwerpunkt seiner Veröffentlichungen ist die Archäologie des Mittelalters) in den 1980er Jahren weitere Grabungen durchführte. Er fand im ersten Bodenbelag der Torhalle einen Holzspan, der 2002 mit Radiocarbon-Messung auf 665–729 datiert wurde, was für ihn die frühe Datierung der Torhalle rechtfertigt. Vor allem Friedrich Oswald widersprach und wies auf die sehr geringe Größe der Insel hin: Baumaterial wurde so gut wie immer mehrfach verwendet, weil es zu aufwendig gewesen wäre, ständig neues heranzuschaffen. Der Holzspan könnte durchaus vorher schon mal verbaut worden sein, sein Vorkommen in der Torhalle sei rein zufällig.

tl;dr: Wir haben keine Ahnung, von wann genau die Torhalle ist.

Enter the Erzengel.

erzengel

Milojčić legte bei seiner Arbeit in den 1960er Jahren Fresken in der Michaelskapelle frei; sie zeigen Erzengel mit Stäben und der Erdscheibe. Ungewöhnlich ist an ihnen, dass sie nicht farbig ausgemalt sind, sondern offensichtlich nur als rote Umrisse gefertigt wurden, was wir aus der karolingischen Zeit nur als Vorzeichnung kennen, nicht aber als fertiges Kunstwerk. Außerdem erinnern sie eher an byzantinische denn an karolingische Bildwerke, ihre nächsten stilistischen Verwandten finden wir eher in ottonischer Zeit. Aber: Sie befinden sich auf der ersten Putzschicht der Torhalle, das heißt, auch sie könnten Auskunft über die Entstehung des Bauwerks geben – wenn wir denn mal wüssten, von wann sie sind. Hans Sedlmayr datierte die Engel trotz eingestandener mangelnder Vergleichsmöglichkeit auf um 860, die Große bayerische Kunstgeschichte von 1963 sinnierte locker was von „780–820“, Otto Demus sagte in Romanische Wandmalereien von 1968 „versuchweise erste Hälfte 11. Jahrhundert“, und Matthias Exner datierte sie 2003 auf „nicht vor dem ausgehenden 10. oder frühen 11. Jahrhundert“.

tl;dr: Wir haben immer noch keine Ahnung, von wann genau die Torhalle ist.

Mir war das in dem Moment egal, denn ich vertiefte mich in die Zeichnungen, bewunderte den klaren, bewussten Schwung der Gewänder, die kraftvolle Darstellung, die mir hier nach 1000 Jahren noch entgegenleuchtete und fand alles ganz großartig.

Nach der Torhalle marschierten wir auf meinen zweiten Liebling der Insel zu, das Kirchenportal.

portal

Auch hier kabbelt sich die Wissenschaft noch, von wann genau denn welches Bauteil ist. Die Kirche selbst steht auf tassilonischen Grundmauern, aber von wann das Portal ist, ist noch ungeklärt. Gehörte es womöglich schon zum Gründungsbau? Dann wäre es das älteste Kirchenportal, das wir kennen. Der Streit geht übrigens nur um das Tympanon und das erste Portal; das Trichterportal ist später davorgesetzt worden, genau wie die gotischen Bögen in der Vorhalle, die das Portal netterweise etwas vor der Witterung schützt und aus den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts stammt.

Das Tympanon zeigt einen sehr vereinfachten Lebensbaum mit Fruchtdolden. Die räderartig wirkenden Gebilde kann ich mir nicht erklären, und ich habe auch in der Literatur keine Erläuterung gefunden. Für mich sieht es aus wie Hände, die durch Radspeichen greifen. Der Lebensbaum ist eine alte Darstellung, was für Dannheimer Beleg genug ist, um das Tympanon auf Ende des 8. Jahrhunderts zu datieren. Friedrich Oswald weist darauf hin, dass diese architektonische Gestaltung in der von Dannheimer vorgeschlagenen Zeit keinerlei Entsprechung in anderen Bauwerken habe; gestaltete Türstürze und Tympana treffen wir erst im Hildesheimer Dom von 872 (also 100 Jahre später) oder in St. Genis-des-Fontaines in den Pyrenäen, dessen Türsturz laut Inschrift auf 1019/1020 datiert ist.

Ich habe keine Ahnung, ich stand da nur und guckte uraltes Zeug an, während diverse Besucher achtlos an mir und dem Tympanon vorbeigingen, um sich die olle Barockkirche anzugucken. Da waren sie in guter Gesellschaft, denn so ging es auch meiner Begleitung.

tympanon

„Und wann kommt jetzt endlich das Ding, von dem du so schwärmst?“

„DU STEHST GENAU DAVOR EINSELF!“

„WAS, DIESER STEIN, AUF DEM MAN NIX ERKENNT?“

„…“

Mpf. Der Mann hat ja recht. Zuerst habe ich mich natürlich aufgeplustert und was von Kulturbanause gejammert, aber dann ist mir eingefallen, dass ich vor zwei Jahren noch genauso geredet habe. Die Gotik in ihrer schieren Mächtigkeit erschließt sich, glaube ich, auch jedem, der kein Proseminar über sie belegt hatte. Die Romanik hingegen mit ihrer schlichten, fast naiven Gestaltung ist eher so joah. Gut. Whatever. Zumindest war sie das. Jetzt nicht mehr. Inzwischen kann ich sie einordnen, weiß so ein bisschen was darüber, was vorher und nachher kam und bin seitdem absolut fasziniert von genau dieser einfachen Gestaltung.

Ich glaube, Dinge zu schmücken oder sie mit Bedeutung zu versehen, ist eine sehr menschliche Eigenart, siehe Höhlenmalerei, antiker Schmuck oder ägyptische Grabbeigaben. Nach dem Niedergang des römischen Reiches und dem christlichen Bilderverbot kam der Menschheit die Fähigkeit abhanden, realitätsgetreu oder idealisiert Dinge abzubilden, die sie bereits besaß, wie wir von diversen antiken Statuen und Triumphbögen wissen. Auf den romanischen Baustellen gab es aber durchaus Handwerker aus den Reichsgebieten, die wir heute als Griechenland oder Italien bezeichnen, und sie kannten Bauwerke wie die Akropolis oder das Kolosseum, sie wussten, dass die Menschheit schon mal Derartiges in die Landschaft gestellt hatte. Die Romanik ist der erste Versuch, sich dieser klassischen Schönheit wieder zu nähern. Man kann quasi der Menschheit in unseren Breitengeraden dabei zugucken, wie sie sich Fähigkeiten wiedererkämpft, die sie schon mal hatte. Mich rührt das ungemein, und deswegen stand ich recht lange vor diesem Stein, auf dem man nichts erkennt und den Engeln, deren Kopflosigkeit vom Begleiter scherzhaft bemängelt wurde.

chiemsee

Irgendwann schob mich der Begleiter weiter in Richtung Inselrundgang, wir kauften im Klosterladen Schnaps (was sonst), aßen ein paar Sandwiches mit Blick aufs Wasser, ich stapfte kurz in den See und ärgerte mich, keinen Badeanzug mitgebracht zu haben, und dann schipperten wir aus der TOTAL SCHÖNEN Romanik in den VÖLLIG ÜBERZOGENEN Barock.

herrenchiemsee

Auf Herrenchiemsee darf man nicht einfach so ins Schloss, sondern muss sich eine Karte kaufen, die einen zu einer ganz bestimmten Uhrzeit in eine Gruppe steckt, die dann durch zehn (?) Räume des Schlosses geführt wird. Die Führung war gut, aber für mich mit ihren 30 Minuten natürlich viel zu kurz. Ich wäre gerne länger in jedem Raum geblieben, vor allem in dem mit dem Kronleuchter aus Porzellan, der mir wider Erwarten doch sehr gefallen hat, aber das ging leider nicht. Fotografieren und Filmen ging übrigens auch nicht. Dem Begleiter gefiel das Schloss deutlich besser als die Kirche, während ich mich nach der Schlichtheit der Fraueninsel zurücksehnte. Trotzdem ist Herrenchiemsee natürlich einen Besuch wert – alleine wegen der 5.000 Kerzen in den weißnichtmehrwievielen Kronleuchtern –, aber ich habe mich sehr zugekleistert gefühlt. Barock halt. Bzw. Barockimitation.

Eigentlich wollten wir auf der Rückfahrt irgendwo einkehren und fürstlich tafeln, aber uneigentlich waren wir verschwitzt und müde und hatten noch einen Berg an Salat in der Kühlbox. Daher endete der lange Tag in einem unserer Lieblingsbiergärten in München.

biergarten

Ich habe Sonnenbrand auf den Füßen und im Nacken und den ganzen Sonntag über war ich viel zu müde, aber das war’s wert. Chiemsee rockt. Und Frauenchiemsee rules. Ich komme wieder. Mit Badeanzug und einer hoffentlich großartig benoteten Hausarbeit.

Über die Fotografie

„[W]as die PHOTOGRAPHIE endlos reproduziert, hat nur einmal stattgefunden: sie wiederholt mechanisch, was sich existenziell nie mehr wird wiederholen können. In ihr weist das Ereignis niemals über sich selbst hinaus auf etwas anderes: sie führt immer wieder den Korpus, dessen ich bedarf, auf den Körper zurück, den ich sehe; sie ist das absolute BESONDERE, die unbeschränkte, blinde und gleichsam unbedarfte KONTINGENZ, sie ist das BESTIMMTE (eine bestimmte Photographie, nicht die Photographie), kurz, die TYCHE, der ZUFALL, das ZUSAMMENTREFFEN, das WIRKLICHE in seinem unerschöpflichen Ausdruck. Um die Wirklichkeit zu bezeichnen, spricht der Buddhismus von sunya, dem Leeren, oder besser noch von tathata, dem so und nicht anders Beschaffenen, dem bestimmten Einen; tat bedeutet im Sanskrit dieses und erinnert an die Geste des kleinen Kindes, das mit dem Finger auf etwas weist und sagt: TA, DA, DAS DA! Eine Photographie ist immer die Verlängerung dieser Geste; sie sagt: das da, genau das, dieses eine ist’s! und sonst nichts; sie kann nicht in den philosophischen Diskurs überführt werden, sie ist über und über mit der Kontingenz beladen, deren transparante und leichte Hülle sie ist. Zeige deine Photographien einem anderen; er wird sogleich die seinen hervorholen und sagen: „Sieh, hier, das ist mein Bruder; das da, das bin ich als Kind“ und so weiter; die PHOTOGRAPHIE ist immer nur ein Wechselgesang von Rufen wie „Seht mal! Schau! Hier ist’s!“; sie deutet mit dem Finger auf ein bestimmtes Gegenüber und ist an diese reine Hinweis-Sprache gebunden. Daher kann man zwar sehr wohl von einer Photographie sprechen, doch, wie mir scheint, mitnichten von der PHOTOGRAPHIE.“

Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie,
14. Aufl., Frankfurt/Main 2012, S. 12/13.

„Und, Anke, wie war so dein viertes Semester?“

(Erstes, zweites, drittes Semester)

Ich hatte mir vom Studium erhofft, dass ich nach sechs Semestern mit einem Diplom in der Hand da stehe und sagen kann: „Jetzt weiß ich alles.“ Inzwischen habe ich gelernt, dass ich nichts weiß, und je länger ich an der Uni bin, desto stärker wird dieses Gefühl. In jedem neuen Kurs habe ich plötzlich Dinge, Orte, Zeitläufte, Kunstwerke, Personen und ihre Aktionen vor der Nase, von denen ich noch nie gehört hatte, und meine Allgemeinbildung, die ich immer für eine recht gute gehalten habe, winkt hilflos aus der Ecke und zuckt die Schultern. Je mehr ich lerne, desto mehr merke ich, was ich noch alles lernen muss. Aber: Was ich im ersten Moment als einschüchternd empfand, entpuppt sich langsam als eine wunderschöne Lebensaufgabe. Ich weiß nichts – aber ich kann noch so viel lernen. Allerdings nicht in sechs Semestern.

Ich habe gelernt, dass ich manchmal etwas vorschnell in meinen nöligen Urteilen bin. (Was mich leider nicht davon abhält, sie trotzdem zu fällen.) Ich quengelte am Anfang des Semesters über den Dozenten, bei dem ich schon mal eine Vorlesung hatte, die ich als seeehr zääääh empfunden hatte und schob das auf seine Sprechweise. Die hat sich nicht geändert – aber mein Wissensstand. Inzwischen weiß ich nämlich, dass der Herr einfach sehr genau auf jedes Kunstwerk eingeht, jeden Schwung einer Initiale beschreibt, jede Fingerhaltung einer Majestas Domini im Vergleich zu einer anderen, jede Dekoration, die sich am Rand einer alten Buchseite befindet, jeden Ziegel, jedes Kapitell, jedes alles. Was ich im ersten Semester als Neu-Studi als zäh empfunden habe, empfinde ich jetzt als hingebungsvoll und exakt und es ergänzt mein bisheriges Wissen um eine Ebene, die es bisher nicht hatte und im ersten Semester nicht haben konnte. Ich habe innerlich reuig Abbitte geleistet und in der Evaluation eine Lobeshymne verfasst – auch um mein Gemecker aus dem ersten Semester wieder gutzumachen.

Ich habe gelernt, auf Twitter vielleicht mal die Klappe zu halten. Nach meiner spannenden Geschichtsübung zu Ludwig dem Bayern tönte ich rum, dass ich mit meinem bisherigen Wissen locker Leute eine Stunde rund um den Marienplatz führen könne – was drei Damen beim Wort genommen haben. Und so musste ich mir an einem ansonsten freien Wochenende eine kleine Tour zusammenbasteln und zeigte dann Frau Kaltmamsell und Frau Donnerhallen „mein“ München (Frau Mellcolm war leider erkrankt). Wir begannen am Isartor, wo ich über die zweite Stadtmauer Münchens sprechen konnte, zu der das Tor gehört, ich erwähnte die Fresken aus dem 19. Jahrhundert, die kunsthistorisch leider nix hergeben, aber – wenn Sie vorbeikommen, achten Sie mal drauf: Am linken Rand sieht man die MünchnerInnen noch hektisch das Stadttor schmücken, damit Ludwig als Sieger der Schlacht von Mühldorf einreiten kann. Wo wir schon im 19. Jahrhundert waren, konnte ich generell über Ludwig I. sprechen und seine Architekten von Klenze und von Gärtner, die für meine Lieblingsplätze in München verantwortlich sind.

Dann gingen wir zum Alten Rathaus, wo neben Ludwig noch Heinrich der Löwe als Statue zu sehen ist, bei dem ich auf meiner niedersächsischen Herkunft rumreiten konnte und den Damen die Welfen näherbrachte. (Und die Welfenspeise.) Am Alten Hof sprach ich über das Reisekönigtum und dass der Alte Hof eine der ersten festen Residenzen war, auf dem Marienplatz erwähnte ich, dass Ludwig dafür gesorgt hatte, dass der Platz heute noch so weiträumig ist wie damals vor 700 Jahren, denn er verfügte, dass er nicht bebaut werden solle, woran sich lustigerweise alle bis heute halten. Außerdem konnte ich über die Stadtfarben Münchens sprechen (schwarz und gold), die nur deswegen so aussehen, weil Ludwig Rom ärgern wollte, dessen Stadtfarben ebenfalls schwarz und gold waren.

Zum Abschluss wollten wir in die Frauenkirche, in der Ludwig bestattet liegt, aber ich Hirn hatte nicht daran gedacht, dass Kirchen irgendwann ihre Tore schließen. So standen wir auf den Stufen vor dem Eingang und ich zeigte mein liebstes Kunstwerk in der Kirche, den Schmerzensmann links vom Altar, stattdessen auf meinem iPhone rum, erklärte den Unterschied zwischen Schmerzensmännern und Ecce-Homo-Darstellungen und erläuterte Hallen- und Saalkirchen, Zentralbauten und Basiliken. Mir hat die Tour sehr viel Spaß gemacht und ich hoffe, die Damen hatten auch was davon. Und meine Dozentin, der ich davon erzählte, amüsierte sich ebenfalls.

Die Stadtführung war leider fast meine einzige extrakurrikulare Aktivität. In diesem Semester habe ich nur einen Vortrag besucht und nur einen einzigen Tag zum Spaß in der Kugi-Bib gesessen. Ansonsten war ich stets mit Zeug beschäftigt, für das es Noten bzw. ECTS-Punkte gab. Ich schiebe es ein wenig auf die WM und das Filmfest, aber das hat mir mittendrin des Öfteren gefehlt, dieses ziellose Rumblättern in Regalmetern oder das Kennenlernen von Sichtweisen außerhalb meines Stundenplans. Ein Vorsatz fürs Wintersemester wäre natürlich, das wieder in den Zeitplan einzubauen, aber das Semester wird leider noch arbeitsintensiver als das vergangene, denn es ist quasi mein letztes Semester, in dem ich noch Kurse und Vorlesungen besuche – im sechsten sollte eigentlich nur noch die Bachelorarbeit anstehen. Mal sehen, ob ich das schaffe, denn statt fünf Semestern Geschichte habe ich ja nur drei, in die ich die Pflichtkurse von fünf quetschen muss. Wobei die Kurse nicht das Problem sind, sondern die Hausarbeiten, für die ich in den Winterferien lausige acht Wochen Zeit haben werde. Und vier Hausarbeiten zu jeweils 30.000 Zeichen in acht Wochen – das wird selbst für mich Schnellschreiberin sehr eng.

Ich habe gelernt, dass in der Heraldik das Winterfell eines sibirischen Eichhörnchens eine Rolle spielt, dass es in Bayern diverse Klöster gibt, die noch viel zu wenig erforscht sind, dass die Fotografie nicht meine liebste Kunstgattung ist oder sein wird (immerhin eine, die ich von der Liste streichen kann), dass ich, wenn ich mich etwas anstrenge, mittelhochdeutsche Urkunden lesen und verstehen kann und dass überhaupt das Mittelalter eine sehr spannende Zeit ist. So spannend, dass ich dringend mehr über sie wissen will – und voraussichtlich auch meine Bachelorarbeit über sie schreiben möchte.

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Ich habe gelernt, meine Prüfungsordnung besser zu lesen. Nach vier Semestern habe ich es zum ersten Mal geschafft, einen falschen Kurs zu belegen. Okay, ganz falsch war er nicht, aber er bringt mir keine Punkte. So habe ich mich viele Dienstage lang um 6 Uhr aus dem Bett gequält, um um 8 Uhr (s. t.) am Gasteig zu sitzen und italienische Vokabeln und Grammatik zu pauken. Italienisch ist eine sehr schöne Sprache, aber jetzt, wo ich weiß, dass ich sie nicht lernen muss, werde ich das auch nicht weiter tun. Scusi. Aber danke dafür, dass ich meine Opernarien im Gesangsunterricht ein winziges bisschen besser verstehen und aussprechen kann.

Ich habe gelernt, dass ich im wissenschaftlichen Arbeiten inzwischen einen ähnlichen Anspruch an mich habe wie in meinem Brotberuf (der hoffentlich nicht mehr allzulange mein Brotberuf ist). Dieser Anspruch hat dafür gesorgt, dass ich in allen Referaten in diesem Semester ausgezeichnete Noten bekommen habe und ich hoffe, dass das dieses Mal auch endlich bei den Hausarbeiten klappt, denn da war ich bisher nie besser als 1,3. (Knurr.)

Das Blöde ist, dass ich diesen Anspruch inzwischen auch an meine KommilitonInnen habe. Das heißt, mich nerven schlecht vorbereitete Referate mehr, als sie sollten. Mich nervt es, Handouts mit Rechtschreibfehlern zu bekommen oder Handouts über fünf Seiten (braucht kein Mensch) oder Handouts mit einer einzigen Literaturangabe (geht’s noch?) oder überhaupt kein Handout. Es sollte mir egal sein, ich kriege ja keine Note auf die Referate anderer Leute, aber da sie ein wichtiger Bestandteil der Kurse sind, würde ich mir wünschen, dass sie einen gewissen Standard hätten. Klar, das lernen wir alle noch, dafür sitzen wir ja hier, aber nach vier Semestern hoffe ich allmählich auf mehr.

Und ja, ich weiß, das hört sich scheiße-großkotzig an. Das kann und will ich nicht ändern.

Ich habe ein Word-Dokument angelegt, in dem ich Ideen für die Bachelorarbeit sammele.

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(Und eine Autokorrektur bei Tweets. #lasttweeTTTT)

Ich habe zum ersten Mal in einer Kunstgalerie gestanden und mit meinen Kommilitoninnen darüber gestritten, ob jetzt Cy Twombly oder Silvia Bächli „besser“ ist. Ich habe Beuys verteidigt, ich habe Barnett Newmann als Referenz herangezogen, ohne darüber nachzudenken, ich habe über die Romantik und Caspar David Friedrich diskutiert, ich habe in Ausstellungen im Kopf Verbindungen hergestellt, ohne es darauf anzulegen, ich sehe anders, ich spreche anders über Kunst, ich gucke sie anders an als vor vier Semestern. Ich hatte zum ersten Mal im meinem Studium das Gefühl, fundiert über Kunst sprechen zu können, und zwar in der Galerie zwischen lauter Bächlis. Das war ein sehr großartiger Moment und ich hoffe, er kommt noch mal wieder.

Ich habe gelernt, dass ich am liebsten irgendwo alleine inmitten eines Bergs von Büchern und Aufsätzen sitze und aus diesem Berg ein kleines, überschaubares Häufchen mache, das ich dann meinen KommilitonInnen und DozentInnen präsentiere. Mir machen Referate sehr viel Spaß und ich freue mich das ganze Semester über auf die Hausarbeiten, weil ich da endlich schreiben kann. Ja, natürlich mag ich auch die Seminare und Vorlesungen, aber so richtig, richtig gerne sitze ich eben zwischen Büchern und lese und schreibe. Gibt es dafür irgendeine Berufsbezeichnung, die ich anstreben kann?

In diesem Zusammenhang: Ich fühle mich beim Studieren nicht mehr wie 20, aber beim Nachdenken darüber, was nach dem Studium passiert. Na super. Ich dachte, das hätte ich alles längst hinter mir. Ganz toll gemacht, Gröner.

Und noch mal in diesem Zusammenhang: Wenn ich nicht innerhalb des nächsten Jahres eine weitere Sinnkrise kriege – also so eine wie die von vor drei Jahren, die dafür gesorgt hat, dass ich gerade den Bachelor mache –, dann mache ich ab WS 2015 den Master. Das macht alles viel zu Spaß, um jetzt schon damit aufzuhören.

Zen

Diese Woche war die letzte Vorlesungswoche im Sommersemester. Am Mittwoch schrieb ich eine Klausur in meinem Mittelalter-Basiskurs in Geschichte und durfte befriedigt feststellen, dass ich alle Einzelteile einer Königsurkunde runterbeten kann – bis zu den tironischen Noten. Gestern standen die beiden restlichen Klausuren an, einmal in der Vorlesung über die Geschichte der Porträtfotografie und dann eine über karolingische Kunst. Vorher hatte ich noch die letzte Sitzung im Seminar zur Mediengeschichte des 19. Jahrhunderts, und zum Abschluss des Tages hatte unser Dozent des Kurses über bayerische Klöster seit der Karolingerzeit uns angeboten, das Semester in einer Kirche zu beenden anstatt im Unterrichtsraum, was wir natürlich gerne wahrgenommen haben.

Das Seminar zur Mediengeschichte hat sehr viel Spaß gemacht, aber gestern hörte ich leider zwei eher nervige Referate, was mich etwas verstimmte, denn die Themen wären toll gewesen – wie alle Themen, weswegen das Seminar auch so viel Spaß gemacht hat (für mein Referat über die Gartenlaube hatte ich eine 1,0 bekommen – die gleiche Note, die ich auch in meinen Referaten zu Frauenwörth oder Grimald von St. Gallen bekommen habe. Stolzer Smiley). Gestern ging es um koloniale Presse, genauer gesagt, die englische in Indien und Afrika, und hier vor allem um Flora Shaw. Ich konnte beiden Referentinnen nur sehr schwer zuhören, weil sie sich, für meine Begriffe, ewig an Zeug aufhielten, das kaum was mit dem Thema zu tun hatte oder es viel zu lang vorbereitete. Vielleicht war ich auch im Kopf schon bei den beiden Klausuren, für die ich weitaus weniger gelernt hatte als für alle bisherigen Klausuren. Nicht weil ich keine Lust hatte (oder die WM und das Filmfest dazwischen kamen), sondern weil ich kaum was lernen musste. Vieles, was ich auf den Folien fand und wie üblich auf Vokabelkarten übertrug, hatte ich mir sowieso gemerkt oder wusste es beim ersten Lerndurchgang. Wo ich im letzten Semester (in dem ich allerdings fünf Klausuren hatte) bis zur letzten Minute panisch gelernt hatte, konnte ich Mittwoch abend äußerst entspannt ein Fußballspiel gucken, weil ich mich sehr gut vorbereitet fühlte. Trotzdem war ich natürlich hibbelig, wie immer vor Klausuren, und vielleicht hatten die Damen vorne es daher schwerer als sonst, mich zu erreichen.

Nach zwei Stunden wechselte ich vom Historischen Seminar ins Hauptgebäude der LMU, stellte mich in die Schlange der Studis bei den Hiwis, die Studienausweise mit ihrer langen Liste verglichen, denn in der Porträtklausur saßen gefühlt 100 Leute. Ich war relativ früh da, damit ich mir einen Platz ganz außen in den Stuhlreihen sichern konnte, denn nach drei Semestern weiß ich inzwischen, dass ich fast immer als erste fertig bin. Und anstatt ewig auf die Mädels neben mir zu warten, kann ich so leise und ohne jemanden zu stören nach zehn Minuten abgeben und mich rausschleichen.

So war es auch dieses Mal: Ich musste bei keiner Frage wirklich überlegen, alle Namen fielen mir ein, alle Daten waren da, alle offenen Fragen schrieben sich wie von selbst – und da war der erste Zen-Moment des Tages. Das Gefühl, etwas zu wissen bzw. ziemlich viel zu wissen, hatte ich während einer Klausur hier das erste Mal. Es fühlte sich anders an als die Einzelteile von Königsurkunden zu kennen, denn die waren in diesem Semester ganz neu für mich, die hatte ich mir mühevoll in den Kopf geklopft. Aber zum Beispiel Literatur von Hans Belting, Walter Benjamin und Roland Barthes hatte ich schon früher kennengelernt, weswegen ich sie nicht mehr großartig lernen musste. Ich hatte mich schon mit einigen der KünstlerInnen befasst, die in diesem Semester drankamen, und alle, die ich neu lernte, klickten einfach so in die Lücken zwischen denen, die ich schon kannte, weswegen ich mich dafür auch nicht mehr großartig anstrengen musste. Und so saß ich im Riesenhörsaal, schrieb, kreuzte an, dachte kaum darüber nach, hielt nur einmal kurz inne, um diesen Zen-Moment zu bemerken, gab ab und ging raus.

Jogurt essen, aus dem Fenster gucken, noch mal die Vokabelkarten mit der karolingischen Kunst durchgehen, eBook auf dem iPad lesen, das überhaupt nichts mit Kunstgeschichte zu tun hat, Wasser trinken, noch mal die Vokabelkarten durchgehen, und dann war die Zeit rum, um zur nächsten Klausur zu gehen. Über Quantenphysik. (Sorry. Ich wollte nur gucken, ob ihr noch da seid.)

Eben waren wir 100, jetzt waren wir neun Studis, die sich im Hörsaal verliefen. Ausweise kontrollieren, Klausurbögen bekommen, umdrehen, Name und Immatrikulationsnummer aufschreiben, „BA Kunstgeschichte HF“ unterstreichen, Fragen durchlesen – und bei der letzten sehr stocken. Was ist der Einhardsbogen und woher kennen wir ihn? Gute Frage. Was zum Teufel ist der Einhardsbogen? Mein Gehirn wühlte im Geiste mein Notizbuch der letzten Sitzung durch, in der wir über diesen Bogen gesprochen hatten (immerhin das wusste ich noch), aber sonst konnte mein Hirn nichts finden. Erstmal die anderen Fragen, bei denen ich auch merkte, dass ich dieses Mal anscheinend das Falsche gelernt hatte. Ich hätte super erklären können, was die Admonitio generalis war oder was so toll an der Lorscher Torhalle ist oder worin sich die Hofschule von der Palastschule unterscheidet (und natürlich kam Einhard dran), aber ein, zwei Fragen ließen mich sehr ratlos zurück – woher kommt der Name des Godescalc-Evangelistars? Und was ist jetzt dieser verdammte Einhardsbogen? Ich konnte mich nicht mal daran erinnern, ob er Teil eines Gebäudes oder eines Kunstwerks oder einer Buchmalerei war. Kompletter Blackout. So viel zum Zen-Moment, in dem alles klickt und klackt und ich Susi Superschlau bin.

Aber anstatt wie sonst mit mir und meinen dusseligen Ansprüchen zu hadern, ließ ich die Felder weiß, die ich nicht wusste und gab ebenfalls nach wenigen Minuten ab – im Bewusstsein bestanden zu haben, wenn es auch kaum für eine 1 reichen wird. Das wurmte mich zwar, aber ich war kurzfristig wieder im Zen – das Semester ist rum, das war’s mit Klausuren, die außerdem in Kunstgeschichte nicht benotet sind, im Transcript of Records steht nur „bestanden“, es ist völlig egal, ob ich alles weiß … also theoretisch, ich will natürlich alles wissen, aber anscheinend weiß ich’s eben nicht, und vielleicht komme ich langsam in das Alter, in dem ich das hinnehmen kann.

Nein, komme ich nicht, denn natürlich war der Zen-Moment nur kurz. Ich habe noch direkt vor dem Hörsaal gegoogelt, was der Einhardsbogen ist und ich werde es nie wieder vergessen, genau wie ich das Wort praecipitare nie wieder vergessen habe, das mir in der zehnten Klasse in einer Lateinklausur nicht mehr einfiel.

Wie schon nach der ersten Klausur hatte ich nun anderthalb Stunden Zeit bis zum nächsten Termin. Ich schnappte mir mein Fahrrad und radelte entspannt meine geliebte Ludwigstraße entlang, stellte mein Rad am Marienhof ab und schlenderte am Dom vorbei zu St. Michael, wo wir uns nachher treffen wollten. Ich huschte einmal quer durch die Kirche und guckte, damit ich nachher nicht alles zum ersten Mal sah, entdeckte Engel mit den Marterwerkzeugen, erkannte zwei Evangelisten (die anderen zwei sind wirklich nicht da, was auch unseren Dozenten latent verwirrte) und immerhin zwei Jünger (Petrus (Schlüssel) und Andreas (Kreuz), alle anderen habe ich mir immer noch nicht gemerkt), bewunderte den Reliquienschrein und guckte mir in Ruhe die Fassade an. Immer noch eine Stunde Zeit. Ein kurzer Gedanke an Kaffee, aber da erinnerte ich mich, an einer Augustiner Gaststätte vorbeigekommen zu sein, und genau dahin ging ich dann auch. Ich sah anscheinend aus wie ein Touristin (Hoodie, Sneakers, Rucksack), jedenfalls sprach mich der Mensch am Empfang auf englisch an, was ich mit „Servus“ beantwortete und um einen Platz bat. Ich wurde platziert, bestellte ein Bier, wie sich’s gehört und las weiter im eBook.

Die Klausuren waren durch, das Buch leidlich spannend, ich roch die gute bayerische Küche um mich herum, hörte den vielen Sprachen zu, genoss mein Bier – und war wieder im Zen. Wieder ein Semester rum (bis auf die Hausarbeiten, aber die sind ja immer mein Sahnehäubchen, auf das ich mich von Anfang an freue), nur noch ein einziges Semester mit richtigen Kursen und dann kommt schon das sechste, in dem ich die Bachelorarbeit schreibe, nur noch wenige Monate, fast fertig, wie ist das denn passiert, wo ist die Zeit hin? Ich genoss es plötzlich sehr, alleine irgendwo zu sitzen, was ich in München sehr selten mache, wo ich höchstens alleine in Museen gehe, aber sonst bin ich fast immer in Gesellschaft. Jetzt nicht, jetzt trank ich ein Bier alleine, vor mir ein Buch, hinter mir die Arbeit, noch eine Kirche und ein paar kunsthistorische Überlegungen auf dem Programm, aber im Prinzip war ich gerade frei wie ein Vogel, und das war ein grandioses Gefühl.

Eine Touristin blieb neben meinem Tisch stehen und fotografierte die Speisekarte, was ich nur aus den Augenwinkeln registrierte, weil ich las und trank und mich ganz großartig fühlte. Sie sagte „Merci, madame“, und ohne zu überlegen, antwortete ich „de rien“ und blickte nicht mal auf. Sie lachte und sprach mich an, und erst in dem Moment fiel mir auf, dass ich französisch gesprochen hatte und musste gestehen: “That’s about all the French I know.” Sie lachte wieder und redete weiter, ich glaube, irgendwo war ein „au revoir“ drin, aber das mag ich mir eingebildet haben. Und jetzt wollte ich nicht mehr lesen oder trinken, jetzt wollte ich nur da sitzen und den Moment festhalten, in dem alles gut war, ich, allein, in einer Stadt, die mir sehr ans Herz gewachsen ist, mit so viel neuem Zeug im Kopf, so viel altem, das wieder hochkommt und noch so viel mehr, das da reinpasst. Das wollte ich festhalten. Und das habe ich dann gemacht.

Next Goal Wins

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Next Goal Wins (UK 2014, 93 min.)

Offizielle Seite und Trailer

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Die Fußball-Nationalmannschaft von Amerikanisch-Samoa hat seit ihrer FIFA-Mitgliedschaft 1994 noch nie ein offizielles Spiel gewinnen können. 2001 verloren sie ihr Qualifikationsspiel zur WM 2002 gegen Australien in der Rekordhöhe von 31:0. Jetzt ist es 2011 und die Quali zur WM 2014 in Brasilien steht an.

Next Goal Wins lief auf dem Filmfest München, und nach dem Film diskutieren die Regisseure und Produzenten Mike Brett und Steve Jamison informativ-unterhaltsam mit dem Publikum. Ein Satz von ihnen war: „Wie gehst du nach der Halbzeitpause wieder aufs Spielfeld, wenn du 16:0 zurückliegst?“ Das habe ich mich gleich zu Beginn des Films auch gefragt, denn dort bekam man sämtliche Tore zu sehen, in all ihrer Unerbittlichkeit. Torwart Nicky Salapu griff wieder und wieder hinter sich, und als Publikum war man schon nach zwei Minuten im Film weichgekocht und in die Jungs verliebt, die dort unten auf dem Platz so unterirdisch miesen Fußball spielten.

Aber das soll sich nun ändern. Der Verband der Insel fragt beim großen Bruder USA nach, ob sie einen Trainer erübrigen könnten, der sich um die Mannschaft kümmert, der große Bruder postet eine Stellenanzeige – und ein einziger Mann meldet sich: Thomas Rongen, ein holländischer Coach, der seit Jahren US-Teams betreut, darunter auch die amerikanische U20. Er hat eine strikte Vorstellung davon, wie ein Fußballtraining auszusehen hat. Das Problem ist nur: Die Spieler haben eher andere.

Was den Film so interessant macht, ist nicht unbedingt die Fußballgeschichte, sondern das Aufeinanderprallen zweier Welten – und damit meine ich nicht die Kultur. Die Wikipedia verrät mir, dass zwei Kulturen schon zur Insel gehören, also das, Zitat, „Nebeneinander von modernem amerikanischem Lebensstil und samoanischen Traditionen“. Was ich meine, ist die Professionalität eines Trainers, der auf den Amateurstatus eines winziges Verbandes trifft, in dem die meisten Spieler einen Ganztagesjob haben und nur nebenbei kicken können, aber trotzdem den Anspruch haben, sich mit anderen FIFA-Teams messen zu wollen.

Als die beiden Regisseure sich an den Verband wandten, um den Film drehen zu können, konnten sie nicht ahnen, was sie alles filmen würden. Sie wussten nicht, dass ein neuer Coach kommen würde und mit ihm eine ganz neue Dynamik. Sie kannten kaum Einzelspieler, sondern waren eher am Kollektiv interessiert. Eigentlich wollten sie sich nur selbst die Frage beantworten, die ich oben schon ähnlich wiedergegeben habe: Wie motiviert man sich, wenn man weiß, dass man immer verliert? Was sind das für Menschen, die schlicht nicht einsehen wollen, dass sie keine Chance haben?

Einige dieser Menschen lernen wir besser kennen, zum Beispiel den unglücklichen Torwart, der inzwischen in Seattle lebt, aber für die Quali wieder in die Heimat zurückfliegt. Einen Spieler, der sich bei der US-Armee verdingt, weil auf Amerikanisch-Samoa kaum Jobs zu finden sind und der auch wieder auf der Insel landet. Oder Jaiyah Saelua, auf die man sehr schnell aufmerksam wird, denn sie bewegt sich anders als die Mannschaftskameraden (“I run like a girl”). Sie ist ein Fa’afafine, ein drittes Geschlecht, das einen Mensch bezeichnet, der biologisch ein Mann ist, sich aber dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlt. Jaiyah studiert auf Hawaii und lebt dort als Frau; auf Amerikanisch-Samoa spielt sie aber mit den Männern Fußball. Das passiert alles sehr unaufgeregt und ohne dass es großartig thematisiert wird (und ohne, dass ihre Mannschaftskameraden Angst davor haben, von ihr unter der Dusche angegangen zu werden, was ja anscheinend eine große Angst hiesiger Spieler ist). Schließlich lernen wir auch noch den Coach besser kennen, der zunächst nur rumschreit und kurz davor ist abzureisen, aber nach nur drei Wochen lächelnd und mit geschlossenen Augen friedlich den Ozean genießt und mit seinen Spielern eine tränenreiche Geschichte teilt.

Zur angedrohten Abreise des Trainers hatten Brett und Jamison auch noch eine Geschichte zu erzählen. Die Situation ist im Trailer zu sehen, Coach und Verbandsfunktionär liefern sich ein Shouting Match, während alle Spieler dabei sind. Brett erzählte, dass sie sich untereinander mit Blicken verständigt hätten, schalten wir die Kameras aus, sollten wir hier dabei sein, ist das jetzt nicht zu intim, sollten wir vielleicht ganz gehen? Sie entschieden sich, den Ton laufen zu lassen, die Kameras aber abzudrehen und sich möglichst unsichtbar zu machen. Als die Männer damit fertig waren, sich anzuschreien, drehten sich beide zu den Regisseuren um und meinten unisono: “I hope you were filming this!”

Wer wissen will, ob Rongens Schreien und schließlich das Training Erfolg gehabt haben, kann sich diesen Artikel von 2011 aus der NY Times durchlesen. Oder den hier über Jaiyah, die erste transsexuelle Spielerin, die bei einer offziellen FIFA-WM-Qualifikation aufgelaufen ist (der Artikel spoilert allerdings auch das Spielergebnis). Oder ihr guckt euch den Film an, wenn ihr die Chance bekommt.

Ich mochte an ihm zwei Dinge besonders: die Freude am Spiel und die überall mitschwingende Spiritualität. Es scheint ganz normal zu sein, dass der Gouverneur des kleinen Nicht-Staates in der Kirche mit der Mannschaft betet und ihr alles Gute für das nächste Spiel wünscht. Die Kraft einer höheren Macht anzurufen, hat hier etwas Selbstverständliches, Gemeinschaftliches, es fehlt der Show-Charakter, den ich vielen Spielern unserer Breiten unterstelle, die direkt auf dem Spielfeld, vor Publikum und Kameras, noch mal offensiv beten, ganz egal ob zu einem muslimischen oder einem christlichen Gott. Mit dieser Einschätzung mag ich sehr daneben liegen, aber so fühlt es sich für mich an.

Der zweite Punkt, der mir so gefallen hat, gerade jetzt, während der WM-Zeit: das Erden dieses Sports. Das Runterkommen vom Big Business, von Sponsorenlogos überall – wobei es sehr niedlich war, die FIFA- und die Brasilien-2014-Fahne auf dem winzigen Acker wehen zu sehen, den Amerikanisch-Samoa als Fußballplatz bezeichnet –, von millionenschweren Spielern und Funktionären. Hier war Fußball ein Sport, der gemeinsam erlebt wird und der, ganz simpel, ein großartiges Hobby ist, das vom Alltag ablenkt.

Ich habe mich die ganzen 90 Minuten lang gefragt, wie Profi-Spieler den Film empfinden würden. Die Nationalmannschaft von Amerikanisch-Samoa erinnert manchmal an die Jungs (und Mädels), die nach der Schule zwei Colaflaschen aufstellen und sie als Tor bezeichnen, um dann ewig davor rumzubolzen. Weil sie es können und weil sie es wollen, und nicht, weil sie es müssen, weil es inzwischen ein Job ist, weil der Berater schon mit dem nächsten Vertrag wedelt, weil noch ein Fotoshooting für den Merchandisingkatalog ansteht und weil draußen die Autogrammjäger warten, die einen nicht unbedrängt zum arschteuren Sportwagen lassen. Auch diese Frage konnten die Regisseure beantworten: Ein Screening fand bei Athletico Bilbao statt (ich hoffe, ich habe mir den Verein richtig gemerkt), wo anscheinend aus Profis wieder Jungs mit leuchtenden Augen wurden, die sich daran erinnerten, dass Fußball zuallererst immer noch ein Spiel ist, auch wenn sie inzwischen damit anständig Geld verdienen.

Und mit genau diesem Gefühl kommt man aus Next Goal Wins raus: mal wieder alles auf Null drehen und gucken, was wirklich wichtig ist. Der Trailer sagt es so schön: „Every country dreams of winning the World Cup. Some just want to win a game.“ Was ein fürchterlich pathetischer Sportfilm hätte werden können, ist eine Werbung für Polynesien und seine Menschen geworden, für das Überdenken des eigenen Wegs und für die Hoffnung, dass man manchmal jemanden trifft, der Impulse zur eigenen Entwicklung geben kann – oder den man selbst in eine neue Richtung schickt. Next Goal Wins ist charmant, liebevoll, sehr lustig und ich habe im Kino zwei toughe Kerle neben mir gehabt, die, genau wie ich, des Öfteren verstohlen ins Taschentuch schneuzten. Große Empfehlung.

Clouds of Sils Maria

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Clouds of Sils Maria (D/F/SUI 2014, 123 min.)

DarstellerInnen: Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Angela Winkler, Hanns Zischler
Kamera: Yorick Le Saux
Drehbuch und Regie: Olivier Assayas

In Clouds of Sils Maria spielt Juliette Binoche eine Schauspielerin, die ihre Karriere einer Rolle verdankt, die sie als 18-Jährige am Theater spielte – sie definierte die Rolle einer jungen Frau, die sich die Zuneigung einer älteren Frau zunutze macht. Ein Regisseur will dieses Stück jetzt erneut aufführen und bietet Binoche dieses Mal die Rolle der älteren Frau an. Sie überlegt, diskutiert mit ihrer jungen Assistentin (Kristen Stewart), sagt erst ab, dann zu, probt mit Stewart im Haus des Theaterautoren, mit dem sie befreundet war, der aber direkt zu Filmbeginn verstirbt, probt weiter, wandert durch die Schweizer Alpen, zweifelt, raucht, trinkt, und probt einfach weiter.

Klingt erstmal alles sehr unaufregend und hat mich doch zutiefst beeindruckt und begeistert. Das Stück im Stück ist natürlich eine prima Dialogvorlage – alles, was die junge Frau zu älteren im Stück sagt, sagt hier die Assistentin, die durchaus als Vertraute und Fast-Freundin präsentiert wird, zu Binoche, bei der nie ganz klar wird, welches Verhältnis sie gerne zur jüngeren Begleitung hätte. Umgekehrt gilt das auch, und das ist ein Grund, warum ich den Film so mochte. Es wird viel angedeutet, wortlos gezeigt, stehengelassen, es gibt keine Erklärbärsätze, kein Runterdummen des Stoffes. Man hört vielen schlauen Sätzen zu, die kaum jemand wirklich von sich geben würde, aber genau das verstärkt diese seltsam entrückte Stimmung, die in Sils Maria herrscht. Ich twitterte direkt nach dem Kino, dass mir der Film „wie ein kleines, aus der Zeit gefallenes Juwel“ vorgekommen ist.

Sils Maria verwebt viele Themen: Oberflächlich mag es um das Älterwerden gehen und der Auseinandersetzung, wer man mal war und wer man jetzt ist. Das wird auch bei den Proben angesprochen, als Binoche mit ihren Zeilen hadert – liest man einen Text anders, wenn man älter wird, wenn man sich ändert? Liest man Texte in der Rückschau anders? Ich musste an Bücher oder Lieder denken, die einem mit 20 wichtig waren und mit 40 plötzlich egal sind und umgekehrt: Dinge, die ich mit 20 belanglos fand, haben auf einmal eine Wichtigkeit oder einen Platz in meinem Leben, den sie damals nicht hatten. Was ich sehr spannend fand: wie sehr sich Binoches Figur an ihren alten Charakter klammert – so als ob ihr klar wird, dass sie diese Rolle und damit ihre Jugend (und ihre Karriere? die Macht der Jugend und dieser Karriere?) unwiderruflich verlieren wird. Auch darüber sprechen Binoche und Stewart: Die Erfahrung des Alters versus die Energie und Leidenschaft – und vielleicht Rücksichtlosigkeit und Kompromisslosigkeit – der Jugend. Der Film wirft einem ständig Stichworte hin und man kommt kaum hinterher damit, sie an der eigenen Biografie zu überprüfen.

Jedenfalls habe ich das gemacht. Vielleicht auch, weil ich hier zwei weibliche Figuren vor mit hatte, mit denen ich mich ganz simpel besser identifizieren kann als mit männlichen (obwohl das ständig von mir im Kino erwartet wird). Auch über das Thema Weiblichkeit kann man bei dem Film lang und breit nachdenken. Was mir aufgefallen ist: wie selten die beiden der Klischeeweiblichkeit entsprechen, die ich in 30 Jahren Konsum hauptsächlich amerikanischer Filme, Massenmedien und seit ein paar Jahren dem Internet verinnerlicht habe. Stewart trägt Jeans und Bandshirts, ihre Tattoos sind sichtbar, ihre Haare gerne strähnig und ungekämmt. Sie trägt derbe Schuhe, raucht und flucht und ist fast den ganzen Film damit beschäftigt, zu arbeiten. Sie organisiert Termine, regelt den Tag ihres Bosses, spielt Chauffeuse, Probenpartnerin, Freundin. Man erfährt sehr wenig Privates über sie – bis auf kleine Details. In einer Szene an einem Bergsee, an den die beiden Frauen nach einer Wanderung gelangen, ziehen sie sich aus und baden, wobei Stewart ihre Unterwäsche anbehält. Sie trägt einen schlichten, schwarzen BH und einen fast Boxershorts-artigen weißen Baumwollschlüpfer, über den ich ewig nachgedacht habe, weil er so gar nicht der Unterwäsche entsprach, die ich inzwischen an einem normschönen, jungen Körper erwarte.

Die zweite Szene: Stewart nimmt sich ein paar Stunden frei und trifft sich mit einem Fotografen, dem sie etwas nähergekommen ist – auch hier nur Andeutungen, kurze Momente des Zusammenstehens neben der Arbeit. Wir sehen, wie sie sich ins Auto setzt und losfährt, um ein paar Stunden später wieder in das Berghaus zurückzukehren, in dem Binoche und sie für das Stück leben und arbeiten. Sie ist müde, entkleidet sich nur halb, wie wir aus Binoches Perspektive sehen, die nach ihr schaut, wirft sich aufs Bett und trägt dabei einen schwarzen String. Ich habe keine Ahnung, ob das eine zufällige Klamottenwahl des Kostümdepartments war, aber dafür waren mir beide Kleidungsstücke zu sehr sichtbar, und sie haben mir nebenbei gesagt, dass Stewart im Job die Kleidung trägt, die halt grad praktisch ist und in ihrem Leben neben der Arbeit anscheinend andere Dinge wichtig sind. Über die erfahren wir aber nichts, sie werden nur in dieser Autofahrt, einem nicht sichtbaren Treffen und einem kleinen Stück Stoff angedeutet.

Auch über Binoches Kleidung habe ich nachgedacht. Der Film beginnt mit einer Ehrung für den gestorbenen Dichter; Binoche hält eine Rede und wird dafür von Chanel eingekleidet. Es ist das einzige Mal im Film, dass wir sie in typisch weiblich konnotierter Kleidung sehen: lange Abendrobe mit tiefem Ausschnitt, hohe Absätze und ihre Haare sind schulterlang. Ich habe das an ihr, genau wie die Bandshirts an Stewart, als Arbeitskleidung gesehen. Sie repräsentiert eine gefeierte Schauspielerin und so sehen gefeierte Schauspielerinnen halt aus. Wie anders lässt es sich erklären, dass es bergeweise Websites gibt, die Fotos von ungeschminkten Schauspielerinnen in Jeans und Crocs veröffentlichen und damit anscheinend gut Kohle machen? Weil es ein Anblick ist, der anscheinend etwas besonderes ist (oder von diesen Quatschsites zu einem besonderen Anblick hochgejazzt wird).

Sobald die Probenarbeit beginnt, trägt Binoche ihre Haare kurz – ich musste an die übel beleumdeten, sogenannten praktischen Kurzhaarfrisuren für Frauen über 40 denken –, dazu entweder Jeans oder bei offiziellen Anlässen wie dem Treffen mit ihrer jungen Kollegin, die ihre alte Rolle übernimmt, eine Art geschlechtsloses Outfit aus Blazer und Bluse, das genauso gut ein Jackett und ein Hemd sein könnte. Ihr jüngeres Ich hingegen trägt ein Kleid und lange Haare, und auch ihre Figur hat eine Botschaft. Chloë Grace Moretz spielt eine junge Frau, die von TMZ gejagt und abfotografiert wird, in Interviews eher uninformierten Quatsch von sich gibt und bis jetzt nur in Superheldenfilmen mitgespielt hat: das Klischee-It-Girl, hübsch und dumm.

Aber auch sie hat eine andere Seite, die wir, wie die von Stewart, nur angedeutet bekommen, hier ein Satz, dort ein kaltes Lächeln. Die einzige Frau, die sich im Film vor uns entblößt und schutzlos macht wie ihre Figur im Theaterstück, ist Binoche. Ich mochte den Kontrast, den der Film zunächst aufbaut, indem er Alter mit Erfahrung und Sicherheit gleichsetzt und genau diese Prämisse dann Stück für Stück demontiert, indem die beiden jüngeren Frauen viel besser wissen, was sie können und wollen, während die ältere immer noch sucht und stolpert.

Moretz’ Figur hat aber noch eine weitere Funktion: Sie ist die Verbindung zwischen Kunst und Alltag, der, Zitat, „eigenen Subjektivität“ des Theaters, das auf eine Außenwelt trifft, die keine Zeit mehr haben will für Kunst und Reflektionen, wenn Klicks und Hektik mehr Umsatz machen. Und sie ist eine Figur, an der die Medien mehr Interesse haben als an dem Stück, in dem sie auftritt. Hier löst sich der Film gefühlt kurz von seiner Zeit- und Ortlosigkeit, denn natürlich musste ich an Stewart und ihre Twilight-Zeit denken, in der jede ihrer Privatangelegenheiten im Netz und in den Klatschspalten begleitet wurden und jeder andere Film, den sie zu der Zeit machte, völlig unterging. Der Film lässt den Regisseur des Theaterstücks sagen, dass er nicht glaube, dass diese Außenwelt dem Stück irgendwie zu nahe kommen könnte bzw. diese zwei Welten sich vermischen, aber ich ahne, dass das ein Satz ist, der wunschgedacht ist.

Ich habe den Film trotzdem – oder gerade wegen dieses Dialogs – als eine sehr bewusste Pause vom Alltag empfunden, von der Realität, die draußen vor dem Kino rumstresst, vor den Anforderungen, die täglich in mich gesetzt werden bzw. die ich mir selber setze. Hier durfte ich einfach zuschauen, zuhören, mitfühlen und vor allem mitdenken. Der Film lief beim Filmfest München, ist dort heute und morgen noch mal zu sehen und startet regulär am 18. Dezember in den deutschen Kinos, und ich bitte euch jetzt schon mal, den Termin im Kalender einzutragen. Meiner Meinung nach lohnt sich Sils Maria sehr. (Und guckt euch nicht den Trailer an, der verzerrt den Film völlig.)

Bechdel-Test bestanden?

Mit Bravour.

Mein Lieblingsgenöle nach so gut wie jedem Film ist der Satz: „Die und die Rolle hätten auch von einer Frau gespielt werden können, hätte keinen Unterschied gemacht.“ Bei diesem Film habe ich mich gefragt, ob die drei großen Frauenrollen auch von Männern hätten gespielt werden können. Ich denke ja, aber das wäre dann ein ganz anderer Film geworden. Es hätten auch drei Männer sein müssen, gemischtgeschlechtlich funktioniert der Film nicht, glaube ich. Aber, auch auf die Gefahr hin, jetzt selbst in die Klischeefalle zu stolpern, was der Film so wunderbar vermeidet: Ich glaube, Älterwerden ist für Männer kein so großes Thema wie es vielleicht für einige Frauen ist. Die biologische Komponente hockt uns mehr im Nacken als euch – jedenfalls den Frauen, die sich fortpflanzen möchten. Und dass grauhaarige Frauen mit Falten genauso sexy gefunden werden wie Männer, sehe ich leider auch nicht.