Datierungsprobleme in der Kunstgeschichte am Beispiel der Abtei Frauenchiemsee

Hier ist meine zweite 1,0er-Hausarbeit, dieses Mal in Kunstgeschichte. Leider habe ich noch kein fundiertes Feedback vom Dozenten, das trage ich eventuell nach. Aber erstmal will ich euch meinen kleinen Liebling vorstellen.

Die niedlichen 15.000-Zeichen-Hausarbeiten tippe ich meist in drei, vier Tagen, lasse sie dann gegenlesen, korrigiere dran rum, lasse sie einen Tag liegen, korrigiere noch mal dran rum (jaja, ich weiß), und dann gebe ich sie ab. Bis jetzt habe ich nie länger als anderthalb Wochen Zeit für eine Hausarbeit gebraucht, auch weil meine Vorarbeit im Referat immer schon sehr gründlich war. Das war dieses Mal anders; an dieser Arbeit habe ich fast vier Wochen rumgeknabbert.

Schon das Referat hatte mich einiges an Schweiß gekostet, und die Hausarbeit war auch nicht ganz ohne, vor allem weil sie die erste mit 30.000 Zeichen war. Das kleine Viertsemester ist nämlich seit dem SoSe quasi im Hauptstudium und damit ein großes Viertsemester. Im Referat konnte ich zum Beispiel nicht auf die Malereien in der Kirche und der Torhalle eingehen, weil ich schlicht keine Redezeit mehr hatte; deswegen wollte ich das in der Hausarbeit episch ausbreiten. Dummerweise merkte ich schnell, dass ich wieder Probleme hatte, dieses Mal mit der Zeichenzahl. Denn während ich im Referat die simple Frage beantworten konnte: Ist die Abteil zweifelsfrei datiert – nö, wollte ich in der Hausarbeit schon etwas fundierter rangehen. Deswegen kam ich auf die Möglichkeiten, die wir als KunsthistorikerInnen haben, um Werke zu datieren: nach schriftlichen Quellen, stilkritisch (also durch Vergleiche mit anderen, datierten Werken), mit Hilfe der Naturwissenschaften und so weiter. Das hieß, ich musste alle diese Möglichkeiten belegen bzw. auf Frauenchiemsee beziehen, und damit war die Arbeit auf einmal lang genug. Ich glaube, meine Korrekturfee hat mir achthundertmal das Wort „leider“ aus der Arbeit und den Fußnoten gestrichen, weil ich mehrfach jammernd anmerkte, dass ich wieder keine Zeit für die Malereien vor allem in der Torhalle hatte, obwohl sie einzigartig und damit, verdammt noch mal, echt erwähnenswert sind.

Außerdem verfranzte ich mich erstmals komplett in der Sekundärliteratur. Ich fand immer noch ein Buch und noch einen Aufsatz, aus dem ich noch eine Erkenntnis ziehen konnte, die die Arbeit noch länger machte. Einen Vormittag lang habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, gleich auf 60.000 Zeichen und damit auf Bachelorarbeitslänge zu gehen, weil ich die locker vollgekriegt hätte. Dann hätte ich zwar eine, wie ich glaube, supertöfte BA-Arbeit, aber für diesen Kurs noch keine Hausarbeit gehabt, und das hatte dann doch Priorität. Trotzdem glaube ich, dass man der Arbeit an manchen Stellen anmerkt, dass hinter den Seiten eine kleine, dicke Frau sitzt, die hysterisch mit den Fingern schnippst und quengelt, dass sie noch viel mehr weiß.

Die Arbeit zu Grimald war die erste , bei der ich das Gefühl hatte, eine wissenschaftliche Erkenntnis erlangt zu haben, die so noch nicht in der Literatur vorgekommen ist. Diese Arbeit hingegen hat mir klargemacht, welchen Weg ich in der Kunstgeschichte gehen möchte. Ich will in der Architektur bleiben und mich vor allem im Bereich der digitalen Kunstgeschichte weiterbilden. Und wo ich es in den ersten Semestern sehr genossen habe, alle Kurse wild durch die Gegend zu belegen, ohne Rücksicht auf Epochen, Werke oder Herangehensweisen, fühlt es sich jetzt gerade sehr gut an, endlich zu wissen, wo mein voraussichtlicher Schwerpunkt in der Bachelorarbeit und im Masterstudium liegen wird.

Ich habe sehr viel Herzblut in diese Arbeit gesteckt und bin sehr froh darüber, dass sie die Note bekommen hat, die ich haben wollte. Frauenchiemsee, du alte Hippe. Wenn ich wieder bei dir bin, zünde ich der seligen Irmengard erstmal eine Kerze an.

Ein digitales Dankeschön …

… an Monika, die mich mit Dirk von Gehlens Eine neue Version ist verfügbar. Update: Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert überraschte. Das Buch wird mir sicher schon in diesem Semester gute Dienste leisten, denn einer meiner Kurse heißt „Digitale Methoden der Kunstgeschichte“, wo wir uns mit den Werkzeugen beschäftigen, die wir digital natives täglich nutzen, ohne groß über sie nachzudenken. Ich bin sowohl auf den Kurs als auch auf das Buch sehr gespannt. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

I cried a lot and it was wonderful: Wohnzimmerkonzert mit Roxanne de Bastion

Herr @sammykuffour lud zum Wohnzimmerkonzert ein, und ich sagte nichtsahnend zu. Ich hatte noch nie ein derartiges Konzert miterlebt, bin eh nicht die große Konzertgängerin, sondern höre lieber immer das gleiche auf Spotify, und kannte auch die Künstlerin nicht. Um 20 Uhr waren wir beim Gastgeber, ich trank das erste Glas Weißwein und war sehr entspannt. Die Stimmung war gelöst und locker, Roxanne gut gelaunt, und dann griff sie zur Gitarre, begann mit ihrem ersten Lied, und es dauerte gefühlt fünf Sekunden, bis ich anfing zu weinen.

Mich hat der Abend völlig kalt erwischt. Ich war schlicht nicht darauf vorbereitet, wie anders es sich anfühlen kann, wenn plötzlich jemand vor dir steht und singt. Nicht in der Fußgängerzone mit einem offenen Gitarrenkoffer, nicht auf einer Bühne, nicht meine Gesangslehrerin. Ich saß da einfach rum und dann erklang Roxannes Stimme, da waren plötzlich ihre kleinen, liebevollen Lieder, ihr Lächeln beim Singen, ihre Konzentration, die Ruhe im Raum, elf Zuhörer und Zuhörerinnen, die einfach mal die Klappe hielten. Und wo ich so oft beim Lesen denke, der Autor oder die Autorin schreibt nur für mich, im Kino agieren Menschen nur für mich, und diese Stimme von der CD singt nur für mich, bei all diesen Situationen weiß ich, dass es nicht stimmt, dass diese Sätze und Filme und Liedzeilen für lauter Menschen da sind, die ich nicht sehe und die nicht um mich rumsitzen. Aber hier sang sie nur für uns und damit nur für mich, ich war ihr völlig hilflos ausgeliefert und ich hatte nicht mal was dagegen.

Manchmal wehre ich mich gegen Filme, die mich mitnehmen, Musik, die mich zu sehr anrührt. Im Gesangsunterricht reiße ich mich irgendwann zusammen, um endlich durch einen Song durchzukommen. Hier musste ich nicht selbst singen, ich konnte nur da sitzen und genießen und deswegen war es mir auch egal, dass ich wirklich bei jedem verdammten Song geweint habe. Ich wollte mich nicht wehren, ich wollte mich mitnehmen lassen. Ich wollte, dass die Musik mich anrührt, dass die Texte etwas mit mir machen, dass sie manchmal weh taten, dass sie manchmal trösteten. Ich habe jedes Schutzschild fallengelassen und es war jede Träne wert.

Danke, Roxanne de Bastion. Es war ein wunderschöner und sehr unerwarteter Abend, an den ich mich noch lange erinnern werde. Und ihr kauft jetzt bitte das Album der Dame. Ich habe es schon.

Website, Facebook, Twitter.

Grimald von St. Gallen: Staats- oder Gottesmann?

Der hübsche Titel da oben ziert das Deckblatt meiner Hausarbeit im Geschichts-Basiskurs Mittelalter, auf die ich meine erste 1,0 bekommen habe. In Referaten oder als Gesamtnote von anderen Kursen hatte ich das vorher schon hingekriegt, aber unter meinen Hausarbeiten stand bis jetzt immer 1,7 oder 1,3. Jetzt nicht mehr, ha!

Das Feedback meiner Dozentin: „Eine in Konzeption, Durchführung, in der Auswertung von Literatur und Quellen und nicht zuletzt sprachlich exzellente Arbeit.“ Vulgo: kann man machen.

Ich habe mich über die Note sehr gefreut, denn bei dieser Arbeit hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, wissenschaftlich zu arbeiten bzw. mir wirklich eine Frage zu beantworten, die so noch nicht gestellt wurde. Das klingt so simpel, aber in den ersten Semestern hatte ich bei den Hausarbeiten und Referaten immer das Gefühl des Nacherzählens, das heißt, ich gab gefühlt nur wieder, was schon andere vor mir erforscht hatten und brachte es, wenn’s hoch kommt, in eine neue Reihenfolge. Das war dieses Mal nicht so. Ich erinnere mich an den Moment in der Bibliothek des Historicums, als ich das zweite Zwischenfazit unter 4.3 tippte und quasi beim Schreiben merkte, dass mir gerade eine Erkenntnis gelungen war, die ich so noch nicht in der Literatur gelesen hatte. Ich hätte gerne genau in diesem Moment einen Sekt geköpft, aber ich hatte nur meine olle Wasserflasche dabei. Also lehnte ich mich zurück, genoss den Augenblick, tippte hektisch weiter und gab die Arbeit mit wahrscheinlich leuchtend roten Öhrchen ab, weil ich so stolz auf sie war.

Den Sekt habe ich dann aufgemacht, als ich die Note online in meinem Transcript of Records entdeckt hatte. Und heute abend mache ich noch einen auf, denn meine Dozentin fragte mich bei der Rückgabe der Arbeit, ob ich Interesse an einer Hiwi-Tätigkeit hätte: „Sie scheinen ein Talent für die wissenschaftliche Arbeit zu haben.“ Zweitkarriere, here I come.

Wer die Arbeit zu Grimald lesen möchte – bitteschön. Eine Winzigkeit hatte meine Dozentin angemerkt: Auf Seite 11 spreche ich vom Ulmer Vertrag und belege das in Fußnote 80 – da hätte ich die genaue Urkunde über diesen Vertrag anführen können anstatt Sekundärliteratur. Und in der Literaturliste sind zwei Ungenauigkeiten, die lasse ich mal so stehen. Wer immer diese Arbeit klaut, hat sie dann auch, nänänä.

PS: Wie immer hat auch Frau Kaltmamsell ihren Beitrag zu dieser Arbeit geleisten, denn sie ist seit vier Semestern meine treue Korrekturleserin und weist mich gerne auf Gedankengänge hin, die nur ich verstehe.

Links vom 4. Oktober 2014 – Serie und Zyklus

Forty Portraits in Forty Years

Nicholas Nixons „The Brown Sisters“ ist eine fotografische Serie, in der Nixon, wie der Titel schon sagt, die vier Brown-Schwestern ablichtet – seit 1975.

„Even as the images tell us, in no uncertain terms, that this is what it looks like to grow old, this is the irrefutable truth, we also learn: This is what endurance looks like.

It is the endurance of sisterhood in particular. Nixon, who grew up a single child, says he has always been particularly intrigued by the sisterly unit, and it shows in these images. With each passing year, the sisters seem to present more of a united front. Earlier assertions of their individuality — the arms folded across the chest, the standing apart — give way to a literal leaning on one another, as if independence is no longer such a concern. We see what goes on between the sisters in their bodies, particularly their limbs. A hand clasps a sister’s waist, arms embrace arms or are slung in casual solidarity over a shoulder. A palm steadies another’s neck, reassuring. The cumulative effect is dizzying and powerful. When 36 prints were exhibited in a gallery in Granada, Spain, viewers openly wept.“

Ich mag die Serie sehr gerne und habe mich sehr gefreut, sie im letzten Semester in einer meiner Vorlesungen wiederzufinden. Dort haben wir über fotografische Porträts gesprochen sowie den Unterschied zwischen Serien und Zyklen. Eine Serie besteht aus Aufnahmen des immer gleichen Sujets, während ein Zyklus ein übergeordnetes Thema hat, aber nicht notwendigerweise immer das gleiche Objekt vor der Kamera.

Eine Serie, die ich in der Vorlesung kennengelernt habe und die mir sehr gefällt, war Rineke Dijkstras Arbeit über Mütter, die gerade entbunden hatten. Sie stellte die Frauen nackt oder fast nackt mit ihrem Kind vor eine kahle Krankenhauswand, zeigte nicht den üblichen schmonzigen Mutterschaftsglow, sondern Erschöpfung, Arbeit und Blut. (Die ersten vier Bilder gehören zu dieser Serie.)

Ein bekannter Zyklus, den ich auch nicht müde werde anzuschauen, ist August Sanders Menschen des 20. Jahrhunderts. Hier schöne fünf Minuten von WestArt Meisterwerke über diese Bilder. Das Bild Jungbauern, das auch im Beitrag erwähnt wird, fand sich übrigens auch in der Ausstellung The Family of Man von 1955 im MoMA wieder.

Der letzte Zyklus, den ich euch ans Herz legen möchte, ist Deutsche von Stefan Moses. Er fotografierte seit den 1960er Jahren Menschen in ihrer Berufskleidung vor einer weißen Wand, wobei die Wand ein Laken war, das an verschiedenen Orten in Deutschland aufgespannt wurde. Hier ist ganz unten eins meiner liebsten Motive zu finden, die Straßenbahnschaffnerinnen.

Links vom 2. Oktober 2014

Bonfire of the Humanities

Ausführliche Auseinandersetzung mit zwei Strömungen der Geschichtsschreibung, der longue durée und der eher ereignishaften Chronologie von kürzeren Zeiteinheiten. David Armitage (Harvard) und Jo Guldi (Brown) möchten, dass die Gesellschaft sich von ihrem hektischen Eventcharakter löst und hoffen, dass HistorikerInnen wieder mehr Gehör finden – wobei auch diese nicht frei davon sind, kurzfristig zu denken:

„The humanities departments of our universities should be the place to go for a long look in the rear-view mirror. After all, universities have been among the most enduring institutions humans have created. The average half-life of a business corporation has been estimated at 75 years: capitalism’s creative destruction sees most companies crumble before they reach their centenary. The Spanish founded universities in Mexico City and Lima in Peru decades before Harvard and Yale were chartered, and 450 years later, both still exist. The first wave of university foundations in Europe occurred between the late 11th and early 13th centuries. And India’s Nalanda University in the northern state of Bihar was set up as a Buddhist institution more than 1,500 years ago: it has been recently refounded and had its first new intake of students this September. As Michael Spence, vice-chancellor of the University of Sydney, recently wrote, universities are ‘the one player capable of making long-term, infrastructure-intensive research investments’; compared with businesses, they are the only ‘entities globally capable of supporting research on 20‑, 30‑, or 50‑year time horizons’.

The mission of the humanities is to transmit questions about value – and to question values – by testing traditions that build up over centuries and millennia. And within the humanities, it is the discipline of history that provides an antidote to short-termism, by giving pointers to the long future derived from knowledge of the deep past. Yet at least since the 1970s, most professional historians – that is, most historians holding doctorates in the field and teaching in universities or colleges – conducted most of their research on timescales of between five and 50 years.“

Cover-Playlist

Am 24. September 1991 erschien Nirvanas Nevermind. Shehadistan hat eine schöne Playlist zusammengestellt, die nur aus Coverversionen besteht.

Ich bin fünfzig und habe genug

Der These „Ich muss mich nicht mehr verändern“ möchte ich nicht ganz zustimmen, aber die generelle Aussage – man wird irgendwann gelassener – kann ich seit einiger Zeit sehr bejahen.

„Ich bin geworden, was ich bin, und jetzt trage ich die Verantwortung dafür. Befreit von Ambitionen und von der Notwendigkeit, anderen etwas zu beweisen oder noch irgendetwas Tolles zu werden, tue ich einfach, was ich gut kann und was ich für sinnvoll halte. Ich nutze meine erworbenen Fähigkeiten, Kenntnisse, Einflussmöglichkeiten, um die Welt so mitzugestalten, wie ich es richtig finde.

Fünfzig zu sein und genug zu haben – also nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig – bedeutet: aktiv sein. Aber eben aktiv nach den eigenen Maßstäben, nicht nach denen der anderen. Mit fünfzig, also „in den besten Jahren“, muss ich mich nicht mehr von anderen beurteilen lassen, sondern ich bin es, die jetzt beurteilt. Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten genug festen Grund unter mir angesammelt, dass ich die Anerkennung von anderen nicht mehr so nötig habe wie früher. Stattdessen nehme ich mein eigenes Urteil ernster: Was gefällt mir und was nicht? Wen unterstütze ich und wen nicht? Wem widme ich Aufmerksamkeit und wem nicht? Wer bekommt meine Anerkennung und wer nicht? Wofür engagiere ich mich und wofür nicht?“

Feedback

Das bisher schönste Feedback zu unserem Fehlfarben-Podcast kommt vom @pillenknick:

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Bücher September 2014

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Hubertus Kohle – Digitale Bildwissenschaft

Kohle beschreibt in seinem Buch, wie das Digitale die Kunstgeschichte bzw. die Bildwissenschaft verändert hat und täglich weiter verändert. Das beginnt beim neuen Zugriff auf Daten – Bilddatenbanken machen die Arbeit von KunsthistorikerInnen deutlich leichter als Diatheken –, geht weiter über die Menge an Informationen, mit denen wir arbeiten können – nochmal die Datenbanken, durch die wir auf unseren Rechnern ganze Epochen an Kunstwerken speichern können anstatt uns durch meterweise Regale zu wühlen – und endet bei dem für mich spannendsten Teil: den Methoden. Was die digitale Bildwissenschaft für mich so aufregend macht, ist, dass wir neue Fragen an bekannte Werke stellen können. Das beginnt zum Beispiel damit, alle Werke van Goghs farblich zu analysieren, um eine Chronologie seiner farblichen Ausdrucksweise zu dokumentieren. Klar geht das auch, wenn man alle Werke von ihm hintereinanderlegt und länger draufguckt, aber es geht besser, indem man einen Rechner Farbwerte berechnen lässt.

Kohle schreibt auch über die Möglichkeit, neue Datenbanken anzulegen, indem man von bisherigen Ordnungssystemen der Kunstgeschichte abweicht. Wo wir bisher Bilder nach Dingen wie MalerIn, Titel, Entstehungszeitraum und Aufbewahrungsort klassifiziert haben, können wir die Werke nun mit Tags versehen. Das geschieht seit Jahren bei Artigo, einem Spiel, das unter anderem von der LMU (an der Kohle lehrt) produziert wurde. Dort kann jeder User und jeder Userin wild assoziierend ein Werk mit Begriffen versehen. Erst wenn zwei Menschen das gleiche Wort eingegeben haben, wird es dem Bild zugeordnet. Diese Wortwolke verrät deutlich mehr – oder zumindest andere Dinge – als die bisherige Bildbeschreibung, und dementsprechend kann eine derartige Datenbank auch ganz anders durchsucht oder benutzt werden. Wie ich schon sagte: Es geht um neue Methoden.

Kohle befasst sich auch mit dem Problem, dass KunsthistorikerInnen gezwungen sind, bei der Arbeit mit ihrem Forschungsobjekt eben dieses in ein anderes Medium zu übertragen: Wir beschäftigen uns mit Bildern, indem wir sie mit Worten beschreiben – wir tanzen Architektur. Bilddatenbanken wie zum Beispiel TinEye, die reverse Bildsuchen ermöglichen, bieten einen neuen Umgang mit Bilddaten, indem sie eben nicht den Umweg über die Worte nehmen. Bilddatenbanken, die Bilder nach wiedererkennbaren Mustern sortieren, sind lustigerweise ein Rückgriff auf einen Klassiker der Kunstgeschichte: Wölfflins Stilanalyse, in der er erstmals die Renaissance vom Barock unterschied, indem er Merkmale der Werke nach Übereinstimmungen clusterte.

Eine Kritik an den neuen Methoden, sich Bildwerken zu nähern, lautet: Wir trügen Dinge an das Kunstwerk heran, die in ihm gar nicht eingeschrieben sind. Kohle entkräftet diese Kritik, indem er fragt, was wissenschaftliche Arbeit denn sonst sei. Und spätestens da hatte er mich (okay, er hatte mich schon vorher): Genau diese Erkenntnis habe ich im letzten Semester zum ersten Mal erleben dürfen. Als ich meine Geschichtshausarbeit über Grimald von St. Gallen schriebt, kam irgendwann der Moment, in dem sich aus meinem zusammengelesenen Wissen eine Frage formulierte, die ich beantworten wollte. Und der Weg der Argumentation hat sich genau so angefühlt: Ich trage plötzlich Dinge an ein Sujet heran, die vorher nicht da waren – einfach weil sich noch niemand vorher meine Frage gestellt hat. Das klingt jetzt sehr esoterisch, aber das war ein großartiger Moment in der Bibliothek des Historicums, als ich beim Schreiben merkte, dass mir wirklich eine neue Erkenntnis gelungen war. Und ich glaube, dass die digitalen Möglichkeiten die Kunstgeschichte nur positiv beeinflussen können – eben weil sie uns Erkenntnisse erlauben, die vor 20 Jahren noch nicht möglich gewesen sind, weil wir noch gar nicht wussten, was wir alles fragen können.

(Das Buch gibt’s übrigens als pdf für lau. Danke dafür.)

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Thomas Bernhard – Alte Meister

Großartig. Ich hatte vor zehn Jahren schon mal versucht, Bernhard zu lesen, was aber nicht funktioniert hat. Hier hat es das und ich glaube, das hat ausnahmsweise nichts damit zu tun, dass Alte Meister im Kunsthistorischen Museum in Wien spielt. Das Buch ist ein einziger langer Monolog, 180 Seiten ohne Absatz, in dem wir Herrn Atzbacher dabei zuhören, wie er Herrn Reger beschreibt bzw. sein Gemecker über Kunst, Musik, die katholische Kirche, Wien und Österreich. Letzterer geht alle zwei Tage ins Museum und sitzt immer vor dem gleichen Bild. Vor dem hat er auch vor Jahrzehnten seine Frau kennengelernt, deren Tod er immer noch verarbeitet. Und das war’s dann auch schon. Ein wunderbarer Stil, der mir fast musikalisch vorkam mit seinen Variationen an Sätzen, die sich wiederholen, aber eben nicht so ganz, mit seinen Motiven, die sich auch wiederholen, aber eben nicht so ganz. Ehrlich gesagt, lohnt sich das Buch allein schon für den allerletzten Satz. Aber um bei dem so laut aufzulachen wie ich, muss man eben vorher das Buch lesen. Macht das mal.

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Mary Scherpe – An jedem einzelnen Tag: Mein Leben mit einem Stalker

Dafür macht dieses Buch überhaupt keinen Spaß. Scherpe leidet seit Jahren unter einem Stalker, der ihr sogar bekannt ist, der ihr Blog mit nutzlosen Kommentaren flutet, Social-Media-Accounts unter ihrem Namen bzw. ihrem Namen sehr ähnlich klingenden Bezeichnungen anlegt, sie anruft, mit SMS nervt und bergeweise Zeug im Internet bestellt, das bei ihr zuhause landet. Polizei und Anwälte können (oder wollen) nicht helfen, und so hat Scherpe ein eindringliches Buch geschrieben, um wieder die Kontrolle in diesem Scheißspiel zu bekommen. Ihre Erfahrungen mit den deutschen Stalkinggesetzen haben sie schließlich eine Petition starten lassen, die ich schon unterzeichnet habe. Denn bis jetzt kann die Polizei erst eingreifen, wenn der Stalker (es sind zum weitaus größten Teil Männer, auch der von Scherpe ist einer) Erfolg mit seiner Qual hatte: Erst wenn das Leben des Opfers so beeinträchtigt wird, dass es zum Beispiel den Job oder den Wohnort geändert hat, kann polizeilich vorgegangen werden. Oder wie Scherpe es völlig richtig nennt: Erst wenn der Stalker gewonnen hat, kann man gegen ihn vorgehen.

Im Buch wird auch die Geschichte von serotonic erwähnt, die bereits seit unfassbaren sieben Jahren einen Irren am Hals hat. Auch hier kann der Staat nichts tun, denn so ein paar Blogkommentare oder Mails sind anscheinend keine große Beeinträchtigung. Was für ein Quatsch. Einer seiner neuen Kommentare (verlinke ich jetzt nicht) sagt meiner Meinung genau das, was sich ändern muss: Er schreibt serotonic, dass sie nichts gegen ihn machen könne, er alleine würde entscheiden, wann er sich nicht mehr bei ihr melden würde. Und das ist genau der Punkt: Nicht der Täter, sondern das Opfer sollte verdammt noch mal entscheiden können, wann Schluss ist.

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John Williams – Stoner

Zum Abschluss dafür wieder was Schönes – mein Lieblingsbuch des Monats. Stoner ist bereits 1965 erschienen und wird anscheinend gerade wiederentdeckt, wenn man dem Perlentaucher glauben darf. Völlig zu recht. Das war mal wieder eins der Bücher, die ich nicht aufhören wollte zu lesen, ganz egal, wie spät es schon war. Stoner wird von seinen Eltern, die eine kleine Farm besitzen, Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Universität geschickt, um Landwirtschaft zu studieren. Nach wenigen Semestern entdeckt er allerdings die englische Literatur für sich, und anstatt wieder nach Hause zu fahren und das gleiche elende Leben zu führen, das seine Eltern auf ihrem kargen Stück Land haben, wird er Lehrer und schließlich Dozent an der Uni. Dass sein Leben auf andere Weise elend wird, kann er nicht wissen, aber die Literatur, die Worte und Verse und der Elfenbeinturm der Universität retten ihn über fast alles hinweg. Vielleicht hat mir dieses Buch deshalb so gut gefallen, abgesehen von der leisen, unaufdringlichen, fast teilnahmslosen Sprache, die doch so viel transportiert. Der Entwurf einer Gegenwelt, die Stoner selbst einmal ein Asyl nennt, ein Rückzugsort von der Welt – genau das erlebe ich zurzeit in meinem Studium dauernd. Wobei ich davon ausgehe, dass auch Menschen, die nicht wie ich gerade Bibliotheks- und Seminarfan geworden sind, große Freude mit diesem Buch haben können.

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< quote >

„You must remember what you are and what you have chosen to become, and the significance of what you are doing. There are wars and defeats and victories of the human race that are not military and that are not recorded in the annals of history. Remember that while you’re trying to decide what to do.“

(John Williams, Stoner, New York 2003 (Erstausgabe 1965), S. 37)

iPad versus Papierbuch oder: Ich möchte über einen vier Jahre alten Blogeintrag von mir reden

Genauer gesagt, über den hier, in dem ich erzähle, dass eBooks eigentlich ganz schnafte sind, ich aber doch lieber bei den Papierbüchern bleibe. Das hat sich inzwischen geändert, wie ich gestern abend selbst erstaunt festellen musste: Ich lese inzwischen lieber auf meinem iPad mini als in Papierbüchern. Jedenfalls die Bücher, die ich privat lese. Bei den Werken für die Uni ist das (noch?) anders.

Was schrieb ich vor vier Jahren? Zum einen, dass es mich nervt, dass ich keine Seiten in der Hand habe, die mir optisch und haptisch sagen, wie weit ich schon im Buch bin. Das Problem habe ich seit Infinite Jest nicht mehr – da war ich sehr dankbar, dass ich den Schinken nicht mit mir rumtragen musste, sondern einfach der steigenden Seitenzahl unten am Bildschirm zugucken konnte.

Die Schinkigkeit von Büchern ist auch ein Grund, warum ich inzwischen lieber eBooks lese. Seit zwei Jahren fliege ich regelmäßig von Hamburg nach München und zurück und schleppe jedesmal meinen Rechner im Rucksack mit, meist irgendwelche Unterlagen für die Uni, den üblichen Handgepäckskleinscheiß, den alle mitschleppen – und eben Bücher. Bzw. seit zwei Jahren keine mehr. Das iPad mini hat mich endgültig zur eBook-Leserin gemacht.

Angefangen habe ich mit dem iPad der ersten Generation, was fünf, sechs Bücher lang ganz lustig war und dann nicht mehr. So richtig komfortabel liegt der Brocken dann eben doch nicht in der Hand, da macht ein schlankes Suhrkamp sich schon besser abends im Bett. Deswegen kaufte ich mir den Kindle 4, das Billomodell, auf dem ich auch nicht mehr als fünf Bücher las, weil mir die fehlende Beleuchtung auf den Zeiger ging. Das Format fand ich gut, der Kindle liegt gut in der Hand, wiegt quasi nix – aber er ist eben nicht beleuchtet, sieht total scheiße aus und die Tatsache, dass er nicht per Touch zu bedienen war, sondern mit den ollen Tasten, hat mich relativ schnell genervt. Enter the Kindle Paperwhite.

Den habe ich quasi ohne ihn zu benutzen weiterverschenkt. Das Gefühl, auf der Oberfläche rumzustreichen, um umzublättern oder irgendwas zu machen, fand ich mehr als unangenehm. Das mag ein blöder Grund sein, aber Haptik und Optik spielen bei mir eben doch eine Rolle; das habe ich aber auch erst gemerkt, nachdem ich den Paperwhite in der Hand hatte. Gefühlt fünf Minuten, nachdem ich den Paperwhite angeekelt in die Ecke geworfen hatte, stand ich im Apple Store und strich verliebt über die Oberfläche des iPad mini. Es war deulich leichter und kleiner als das erste iPad, das ich überhaupt nicht mehr benutze, es lag gut in der Hand und es fasste sich vor allem toll an. Gekauft – und nie bereut.

Seit zwei Jahren lese ich alles, was ich nicht auf dem Rechner lesen will, auf dem iPad mini. Ich habe nie zu den Leuten gehört, die nach dem Weckerklingeln im Bett erstmal zum Smartphone greifen, um zu gucken, was nachts so alles in der Welt passiert ist – aber ich greife inzwischen morgens als erstes zum iPad. Die Twittertimeline wird nachgelesen, mal kurz auf Facebook geguckt, und dann muss ich natürlich noch nach meiner Farm schauen. Ähem. Und schon bei der Twittertimeline klicke ich auf diverse Artikel und lese sie sofort, anstatt sie mit einem Sternchen zu versehen und sie später am Laptop nachzulesen. Das iPad mini ist für mich ein vollständiges Lesegerät geworden. Mehr mache ich damit eigentlich nicht. (Okay, die Farm, schon gut.) Ich lese Bücher darauf, habe Magazine abonniert und seit ich einen anständigen pdf-Reader habe – PDF Expert, danke an Hirnrekorder für den Tipp -, mit dem ich markieren und annotieren kann, lese ich auch viele Papers für die Uni darauf anstatt sie mir, wie früher, auszudrucken.

Bücher für die Uni – also alles, was länger ist als ein Aufsatz – lese ich aber immer noch lieber auf Papier. Querlesen geht halt doch einfacher, wenn man alles im Blick hat und nicht immer nur eine Seite. (Ja, Bücher für die Uni werden quergelesen.) Aber auch hier mache ich inzwischen Ausnahmen: Digitale Bildwissenschaften habe ich komplett am iPad gelesen und dank des PDF-Experten wild markiert. Das könnte sich durchaus wiederholen. Auch weil die LMU tollerweise viele grundlegende Werke, die bei uns in dutzenden von Exemplaren in der Zentralen Lehrbuchsammlung rumstehen, auch gratis und ohne Einschränkung als pdf zur Verfügung stellt. Die Unibibliothek Hamburg leiht auch Bücher als pdf aus, aber die sind zeitlich beschränkt und ich habe es noch nicht geschafft, sie aufs iPad zu ziehen; die konnte ich nur am Laptop lesen und das empfinde ich immer noch als sehr unkomfortabel.

Über was hatte ich vor vier Jahren noch gemeckert? Dass man eBooks in Flugzeugen nicht ständig benutzen kann. Das hat sich netterweise inzwischen geändert, sonst wäre das sicher noch ein Quengelgrund für mich. Noch was? Ach ja, der Abschied vom Buch, das Ins-Regal-Stellen. Auch dieser Punkt hat sich mit meinem derzeitigen Leben geändert, denn in München habe ich schlicht nicht den Platz, den ich in Hamburg habe (ein 8-Fach-Expedit im Vergleich zu zehn Billys, davon sechs mit Aufsatz). Ich habe es in meiner kleinen, schnuffigen Ein-Zimmer-Studierendenbutze sehr zu schätzen gelernt, dass nicht alles, was ich lese, danach stofflich rumsteht, sondern nur als niedliche und platzsparende Datei vorhanden ist. Ich gebe zu, ich gehöre immer noch zu den Menschen, denen eine dicke Bücherwand im Wohnzimmer wichtig ist, weil ich einfach gerne zwischen Büchern lebe. Aber ich glaube, ich habe in 45 Jahren genug Zeug angesammelt, damit das Wohnzimmer hübsch ist – der Rest darf jetzt gerne virtuell vorhanden sein.

Womit ich nicht gerechnet hatte: dass mir die Beleuchtungsfunktion des iPad irgendwann den letzten Schubs zur eBook-Leserin gibt. Ich habe Jahre meines Lebens damit zugebracht, die perfekte Nachttischbeleuchtung zu finden, weil ich da am längsten lese. Inzwischen mummele ich mich im dunklen Zimmer unter die Decke und genieße das Licht des iPads, das immer perfekt ist. Es fühlt sich ein bisschen an wie das heimliche Lesen als Kind, wenn Schwesterchen schon schlafen wollte und ich das Licht im gemeinsamen Kinderzimmer ausmachen musste. Das ist wahrscheinlich der emotionalste Grund für einen eReader ever, aber ja, das Hightech-Produkt iPad mini löst bei mir anscheinend Flashbacks in die Kindheit aus, die ich zu großen Teilen mit der Nase in irgendeinem Buch verbracht habe. Und bis heute gibt es nichts Tolleres, als immer mal wieder auf ein Buch zu stoßen, das man einfach nicht weglegen möchte, auch wenn morgen die Vorlesung um 8 beginnt oder der Kunde um Punkt 9 was von einem will. Scheißegal, nur noch 20 Seiten. Und dann leuchtet das iPad so heimelig und plötzlich sind es 80 und ich lese mit glücklichem Grinsen vor mich hin.

Gemüsesuppe gegen die Wiesngrippe
(mit total ungemüsigem Goodie)

Das Oktoberfest in diesem Jahr ist mein viertes, und inzwischen habe ich mich damit abgefunden, danach erkältet zu sein. Immer. Diese Krankheit hat hier in München sogar einen Namen: Wiesngrippe. Hier fallen ganze Abteilungen aus, weil alle KollegInnen gemeinsam krank werden. Ist halt so. Ich versuche natürlich tapfer, dagegen vorzugehen: Gestern gab’s beim ersten Kratzen im Hals meine geliebte Gemüsesuppe, der ich aber noch ein kleines Goodie hinzugefügt habe. Because everything’s better with bacon.

Foto 3

Für zwei Personen. In einem Suppentopf
1 Zwiebel, grob gehackt, mit
4 Möhren, in Scheiben geschnitten, in
einem Klacks Butter anschwitzen. Mit
1 l Gemüsebrühe ablöschen.
1 Handvoll Orecchiette sowie
1 Handvoll TK-Erbsen dazugeben. Alles so acht Minuten köcheln lassen, dann
1 Stange Lauch, in feine Ringe geschnitten, dazu und weitere fünf Minuten mitköcheln lassen. Falls die Suppe zu dick wird, noch Gemüsebrühe nachkippen. Kurz vor Schluss noch
eine Handvoll Petersilie, so mittelfein gehackt, dazugeben. Ich bin bei Kräutern grundsätzlich eine Mittelfeinhackerin.

In der Zwischenzeit das Goodie vorbereiten. In der letzten Woche hatte ich ständig Sandwichjieper und habe bergeweise Salat und Bacon auf Weißbrot gehauen, mit Käse belegt und in der Pfanne gegrillt. (Dazu auf das Sandwich in der Pfanne ein bisschen Backpapier legen und mit einer zweiten, schweren Pfanne plattdrücken. Oder sich einen Panini-Grill kaufen.)

Von diesen köstlichen Exzessen hatte ich noch zwei Streifen Bacon über. Die habe ich ohne Fett in einer beschichteten Pfanne knusprig gebraten, auf Papier abtropfen lassen und dann im Baconfett
1 Scheibe Toastbroat, in Würfel geschnitten, mit
1 TL Sonnenblumenöl als Croutons angebraten. Nur ganz kurz, dann werden sie außen knusprig und bleiben innen weich. So mag ich sie am liebsten.

Und jetzt drückt mir die Daumen, dass das Kratzen im Hals weggeht.

Fehlfarben 2 – Die BND-Zentrale in Pullach und Mise en scène

Die Herren @munifornication, @probek, @sammykuffour und ich haben Freitagabend bei vier Flaschen Rotwein die zweite Ausgabe unseres Kulturpodcasts aufgenommen. Ihr könnt ihn hier anhören, uns auch gerne bei iTunes abonnieren oder uns bei Twitter oder Facebook folgen.

In der zweiten Ausgabe befassen wir uns gleich mit zwei Ausstellungen. Die erste war Die BND-Zentrale in Pullach, eine Fotodokumentation von Martin Schlüter, wobei schon das Wort „Dokumentation“ heftig diskutiert wurde. Die Ausstellung läuft noch bis zum 5. Oktober im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung.

Die zweite Ausstellung: Mise en scène von Stan Douglas, ebenfalls eine Fotoausstellung, aber mit einer ganz anderen Ausrichtung. Sie läuft noch bis zum 12. Oktober im Haus der Kunst. Wir können beide Ausstellungen empfehlen, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen.

Und Wein gab’s natürlich auch. Weil wir zwei Ausstellungen besprechen wollten, fiel unsere Getränkewahl auf Cuvées – also Weine, die aus zwei oder mehr Traubensorten gekeltert wurden. Ich bin mir nicht sicher, wie lange wir uns Getränke passend zur Ausstellung überlegen oder ob wir einfach irgendwann umschwenken zu: Wir trinken, worauf wir Lust haben.

Dieses Mal haben wir fast eine Blindverkostung hingekriegt; jeder brachte eine Flasche mit abgeklebtem Etikett mit, die Flaschen wurden farbig markiert und dann hat jeder von uns vier Gläser vor der Nase gehabt, die ebenfalls farbig markiert waren. Die ich nach der Aufnahme bis um 3.14 Uhr abgewaschen und poliert habe. Ächz. The things you do for wine.

Hier die vier Weine in der Reihenfolge, wie die Mehrheit am Tisch sie gut fand – wobei da kein einziger wirklicher Ausfall drunter war. Die waren alle gut bis großartig. Und wir haben lustigerweise fast alle die gleichen Traubensorten mitgebracht.

1. Domaine Les Goubert, Cuvée Florence, Gigondas, 2003, 15%. Der stammte aus dem Keller von Felix’ Eltern und dürfte damals um die 30 Euro gekostet haben. Heute liegt er bei um 40, wenn man ihn überhaupt noch erwischt. Trauben sind Syrah und Grenache.

2. Château Coulon Selection spéciale, Corbières, 2009, 14,5%. Den habe ich aus meinem Hamburger Regal nach München geschleppt. Auf der delinat-Website, wo ich ihn damals geordert habe, ist derzeit nur der 2012er Jahrgang zu kriegen und der kostet 9,50 Euro. Trauben sind Syrah, Grenache, Carignan und ein Hauch Mourvèdre.

3. Brotte, La fiole, Côtes du Rhône, 2012, 14%. Supermarktwein für 6 Euro, Trauben sind Grenache und Syrah.

4. Thunevin-Calvet, Cuvée Constance, Côtes du Roussillon Villages, 2012, 15,5%. Gekauft bei Aldi Süd für 8 Euro, Trauben sind Grenache und Carignan. Der kommt übrigens, je länger er an der Luft steht. Wo der Fiole nix mehr macht, sobald er einmal offen ist, wird der hier nach einer Stunde im Glas fruchtiger und voller und verliert fast komplett seine Trockenheit, die ich persönlich anfangs überhaupt nicht mochte.

Ein unausgeschlafenes Dankeschön …

… an die @alsergrundlerin, die mich mit John Williams’ Stoner* überraschte. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie ich auf das Buch gekommen bin, aber ich hatte anscheinend einen guten Grund, es auf den Wunschzettel zu packen. Gestern abend, als ich um ein Uhr nach Hause kam, dachte ich mir so leichtsinnig, ach guckste doch mal kurz rein, liest ein paar Seiten und schläfst dann gemütlich nach 20 Minuten weg. Der Plan war super, die Ausführung komplett ungelungen, denn um 3 Uhr habe ich immer noch gelesen und musste mich dann zwingen, das Buch wegzulegen. Ich weiß jetzt auch echt nicht, warum mich die Geschichte eines jungen Mannes so interessiert, der von seinen Eltern an die Uni geschickt wird, um Agrarwissenschaft zu lernen, der dann aber der englischen Literatur verfällt und plötzlich Tage und Nächte in Bibliotheken rumhängt. Echt. Keine Ahnung.

„In the University library he wandered through the stacks, among the thousands of books, inhaling the musty odor of leather, cloth, and drying page as if it were an exotic incense. Sometimes he would pause, remove a volume from the shelves, and hold it for a moment in his large hands, which tingled at the still unfamiliar feel of spine and board and unresisting page. Then he would leaf through the book, reading a paragraph here and there, his stiff fingers careful as they turned the pages, as if in their clumsiness they might tear and destroy what they took such pains to uncover.“

Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

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Kunst gucken: Der Kontext zählt

(Dieser Eintrag steht auch in meinem Zweitblog, wo die Bilder ein bisschen größer sind.)

Die Hamburger Kunsthalle baut um, weswegen die Sammlung derzeit nur eingeschränkt zugänglich ist – und das ist überraschenderweise ziemlich großartig. Denn die KuratorInnen haben sich anscheinend ihre Lieblinge (und die des Publikums) rausgepickt, neu angeordet und damit wunderbare Blickwinkel geschaffen.

Dass sich ein Bild anders anfühlt bzw. ansieht, wenn es auf einem anderen Hintergrund hängt, ahnt jeder, der mal mit Instagramfiltern rumgespielt hat. Es kommt aber auch auf die Umgebung an, die Beleuchtung, die Nachbarschaft und wenn’s nach mir geht, auch die Ecke des Raumes, in der das Werk hängt oder steht. Als ich das erste Mal in der Alten Pinakothek war, wollte ich nur zu den Raffaels. Die drei hingen damals in einer Ecke; wenn man aus der Richtung der Franzosen kam, war links von der Tür zum Saal der da Vinci (und noch irgendwas), dann hörte die Wand auf, die lange Seitenwand begann und auf ihr hingen meine drei Schnuffis. Direkt nach ihnen kam der Durchgang in die Kabinette. Sie hatten also quasi eine Wand für sich, wenn auch nur eine recht kurze. Eine der ledernen Sitzinseln stand direkt vor ihnen, so dass man Muße hatte, sie sich genau anzuschauen.

Seit einiger Zeit hängen die Raffaels aber fast genau gegenüber von der Position, auf der ich sie kennengelernt habe. Sie hängen nun rechts in der Mitte der langen Wand, die von keiner Tür unterbrochen wird, sind also zentral im Raum angeordnet – aber sie gehen meiner Meinung nach unter, weil rechts und links von ihnen noch andere Bilder hängen. Ich muss mich inzwischen immer selber bremsen, nicht an ihnen vorbeizuschlendern, wozu lange Wände mich immer verführen. Ich mag kleinere Säle lieber, die mit Ecken und Türen automatisch Zäsuren einfügen und mich innehalten lassen.

Im letztem Semester hatte ich den Kurs Spaces of Experience (ich schrieb darüber), in dem wir durch mehrere Museen gingen und uns ausnahmsweise nicht die Kunst, sondern die Art ihrer Präsentation anschauten. Genau über die Raffaels habe ich mit einer Kommilitonin diskutiert: Sie fand, sie wirkten jetzt weniger gequetscht und hätten den Raum, der ihnen zusteht, was ich, wie gesagt, ganz anders empfinde. Ich mochte die kleine Extraecke, die sie hatten, denn diese betonte für mich ihre Einzigartigkeit. Natürlich ist jedes Werk einzigartig, das in dem Raum hängt, aber die Raffaels sind für mich etwas Besonderes und eben diese Besonderheit konnte ich allein durch ihre Anordnung spüren. Jetzt sind sie drei Bilder unter vielen.

Ein anderes Beispiel aus der Alten Pinakothek: unser aller Liebling, der kleine Dürer im Pelzrock. Der hing vorher direkt neben einer Tür, so dass man selten ungestört vor ihm stehen konnte, weil dauernd Bewegung neben einem war. Wenn man von den Franzosen kam, übersah man ihn auch gerne, weil er rechts vom Durchgang hing, was man kaum im Blick hat, wenn man in den Raum reingeht. Seit einiger Zeit hängt er in der Blickachse des gesamten Flügels, man ahnt ihn quasi schon fünf Räume im voraus. Das ist einerseits toll, andererseits geht er jetzt neben den Aposteln total unter, die ungefähr viermal so groß und deutlich farbintensiver sind. Und obwohl ich Sitzgelegenheiten direkt vor Bildern mag, ist die Insel hier eher deplatziert, weil genau vor dem Bild eigentlich immer wer steht, so dass man es im Sitzen sowieso nicht genießen kann.

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Richard Serra, „Spot On“ (1996)
Wandmalerei, Ölkreide auf Dispersionsfarbe (paint stick), geschmolzen und aufgespachtelt, entstanden in der Woche vom 11.–15.03.1996
174 x 184 cm
Hamburger Kunsthalle/bpk
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Photo: Kay Riechers

Mit diesem Wissen im Hinterkopf besuchte ich gestern die Kunsthalle, die, wenn ich ganz ehrlich sein darf, nicht unbedingt mein Liebling ist. Ich mag die Beleuchtung nicht, ich mag die Fußböden nicht, und wenn da nicht meine Herzblätter wie Leibl und Lehmbruck hängen und stehen würden, wäre ich deutlich seltener da. Wahrscheinlich hat mich deshalb die eingeschränkte Präsentation so umgehauen, weil sie deutlich moderner und weniger beliebig wirkt.

Ich kam aus dem dritten Stock der Galerie der Gegenwart, wo noch bis zum 18. Januar eine sehr gute Ausstellung mit Stillleben von Max Beckmann läuft (kann ich sehr empfehlen, los, angucken!), stieg aus dem Fahrstuhl – und stand erstmal vor einem Fernseher. Darauf lief neckischerweise Florian Slotawas Museums-Sprints 2000–2001, ein 13-minütiger Film, in dem ein Mann in Hemd und Shorts zu sehen ist, wie er durch diverse Museen der Republik rennt. Ich blieb eigentlich nur deshalb stehen, weil gerade das Treppenhaus der Alten Pinakothek zu sehen war – und verharrte dann grinsend ungefähr zehn Minuten, während der Sprinter noch durch die Hamburger Kunsthalle, das Freisinger Diözesanmuseum, das Fridericianum in Kassel und andere Ausstellungsräume rannte. Während ich dem stummen Film zuschaute, hörte ich schon das Werk im nächsten Raum: On Kawaras One Million Years, bei dem zwei Stimmen eine Jahreszahl nach der anderen runterbeten. Betritt man den Raum, in dem die Stimmen erklingen, steht man auch dem Werk gegenüber, das der Sonderpräsentation ihren Namen gegeben hat: Spot on von Richard Serra. Alleine die drei Werke in ihrer Zusammenstellung haben den Besuch schon gelohnt.

Den Kawara hört man übrigens auch im anschließenden Raum, quasi dem ersten des eigentlichen Rundgangs. Dort hängen meine Lieblinge aus dem 15. Jahrhundert, und ich fand es sehr spannend, direkt aus der Moderne fünfhundert Jahre zurückgeworfen zu werden – aber die Moderne noch im Ohr zu haben.

Der nächste Raum ist recht klein, aber das passt ganz wunderbar zum zentralen Bild. Dort hängt nämlich das Kunstkammerregal von Johann Georg Hinz, das quasi vorausahnen ließ, was einen beim Rundgang erwartete: eine kleine Schatzkammer nach der anderen. Wo die Sammlung sonst brav nach Jahrgängen, Schulen und/oder MalerInnen geordnet hängt, hängt sie nun eher thematisch. Ganz aufgegeben wird die Chronologie nicht, aber zwischendurch gibt es immer wieder Räume, die Bilder neu verknüpfen und, ich wiederhole mich da gerne, das hat mir ausgesprochen viel Spaß gemacht. Es kam mir weniger verschult, sondern verspielter, vergnügter vor, weniger „Ehrfurcht vor der Kunst, bitte“, mehr „Guckt mal, was wir alles Tolles haben“.

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Johann Georg Hinz, „Kunstkammerregal“ (1666)
Leinwand, 114,5 x 93,3 cm
© Hamburger Kunsthalle/bpk
Photo: Elke Walford

Da darf ein Porträt von Paula Modersohn-Becker neben einem von Anita Rée hängen – der Picasso zwischen ihnen ist mir fast nicht aufgefallen, so gerne habe ich die beiden Damen betrachtet –; da haben meine geliebten Kathedralen-Bilder von Hendrik van Steenwijck und Gerard Houckgeest endlich mal Platz und hängen nicht gequetscht in einem Seitenkabinett, sondern zentral an einer langen Wand, was viel besser zu ihren gotischen Gewölben und dicken Säulen passt; da gibt es einen Raum mit Porträts der Moderne, der die Stilvielfalt zeigt, und einen Raum mit Landschaften, wo kleine und größere Werke nebeneinander hängen, ohne sich in die Quere zu kommen, sondern sich ergänzen. Für mich fast am schönsten: Die Bilder von Caspar David Friedrich wirken endlich mal weniger verwaschen, weil sie nicht mehr auf dem ollen Hellgrau hängen und mit Raumlicht beleuchtet sind, sondern stattdessen edel auf tiefem Graublau durch gezielte Spots erstrahlen.

Für mich etwas überraschend war die neue Hängung der Brücke-Jungs: Normalerweise ist das der Raum, den ich am wenigsten mag, denn er ist riesig, und man wird quasi zugeschmissen mit Kirchner, Nolde, Pechstein und Schmidt-Rottluff. Ich kann mich in dem Raum nie auf ein Bild konzentrieren, weil um mich rum 30 weitere um Aufmerksamkeit winseln. Hier hängen deutlich weniger Werke, und auf einmal kann man zwischen ihnen atmen.

Aber das Tollste war diese Blickachse, die mein beknacktes iPhone-Foto nicht anständig wiedergeben kann, weswegen ihr wirklich und echt jetzt mal selbst in der Kunsthalle vorbeigehen müsst, denn dieser Raum ist schlicht großartig:

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Das meinte ich mit „Guckt mal, was wir alles Tolles haben“. Da komme ich nichtsahnend um die Ecke gebogen, schaue nach links – und sehe in einem Raum meinen Lieblingslehmbruck von 1918, den wunderschönen Pierre de Wiessant (1885) von Rodin und zwischen ihnen, ganz selbstverständlich, einen Beuys von 1970. Und auf einmal ist Beuys nicht mehr der verkopfte Künstler, den man nur versteht, wenn man 200 Seiten Ausstellungskatalog durchgearbeitet hat. Auf einmal hat man einen Zugang, weil sein Filzanzug hier zwischen zwei menschlichen Abbildern hängt, die ihn erden und sinnhaft werden lassen. Nicht mehr auf dem Bild: Ganz rechts steht der wunderbare goldglänzende Kopf der Skulptur 23 von Belling (1923), und links stehen eine Holzmadonna aus dem 15. Jahrhundert und ein Giacometti einträchtig nebeneinander. Fünfhundert Jahre Kunstgeschichte in einem Raum – und es passt.

Ich habe mich wahrscheinlich ziemlich zum Affen gemacht, weil ich mich von dem Raum und seinen Achsen gar nicht losreißen konnte und ich deswegen dauernd rein- und rausgerannt bin. Wenn man die Augen zusammenkneift, sieht man im Bildhintergrund schon den nächsten Raum, wo sich noch mal Richard Serra die Ehre gibt, dieses Mal mit Measurements of Time, eine Bleischüttung, die ich auch sehr gerne mag und die 1996 speziell für die Galerie der Gegenwart angefertigt wurde. Auch diese Kombination mochte ich gerne: Die feste Installation, vor der sich neue Werke anordnen. Weil sie’s können. Danke, Kunsthalle. Punktlandung.

Links vom 12. September 2014

I Talked to Strangers for a Week, and It Did Not Go Well

Die Überschrift sagt schon alles, wobei sie einen Hauch zu pessimistisch ist:

„Day 2:

A.M.: A woman who appears to be in her 40s enters the train and sits next to me. “Morning,” I say. She hears me. I know she hears me — she looks me right in the eye when I say it! — but she quickly averts her eyes and pretends she didn’t hear anything. We sit in awkward silence until I get off a few stops later.

P.M.: It’s a relatively crowded car, but no one sits by me. This is becoming something of a pattern, undoubtedly because I am staring at everyone a little too eagerly, trying to catch eyes or notice something about them in order to make conversation.

Finally, an older man sits next to me. He is watching a video on his iPhone, with the sound off and no headphones. “Mind if I ask what you’re watching?” I ask. He looks at me blankly, gestures toward the phone. I don’t think he speaks English. (Though I am now remembering the times I’ve pretended to be a non-English speaker to get weirdos to stop talking to me.)“

No comment – Wer leistet die Verdichtung?

Christoph Kappes über die vielen Formen von Online-Kommentaren und wo sie nützen. Stichworte: Sender und Empfänger, oben und unten, Demokratisierung, Mitsprache und – Geschäftsmodelle. Sehr lang, sehr lesenswert, selbst für Kommentarhasserinnen wie mich.

„Der Kommentar [ist] zwar kein Format von Gewicht, er ist kleiner als der neudeutsche „Microcontent“; der Artikel, der Leitkommentar etc., sie alle sind die großen Sinneinheiten, die eine Debatte tragen. Doch ist der „Kommentar“ ein Stück kulturelle Verarbeitung durch „die Massen“, er verarbeitet im Grunde den kulturellen Nährstoff großer Texte sichtbar zu Kulturkompost und trägt den Dung weiter, bis er überall den Boden fruchtbar machen konnte (http://de.wikipedia.org/wiki/Kompostierung). So können die Nährstoffe in einer grossen Verstoffwechselung ausgewählt und wieder in neue kulturelle Artefakte integriert werden. Wer online kommentiert, spricht über etwas, und dieses online Sprechen macht den kulturellen Prozess. Kopie und Link als Technik kompostieren nicht, sie lassen alles unberührt oder ändern Kontext und Fokus. Sie ver-, zer- und be-arbeiten aber nichts, erst der Kommentar als Sinnverarbeitung leistet das.

Diese Micro-Verarbeitung mit dem „Kommentar“ als kleinstem Baustein darf man daher auch politisch nicht unterschätzen. Sie ist der Meinungsbildungsprozess im digitalen Raum (und nicht “ein Leserbrief”). Sie ist Teilhabe an Öffentlichkeit, genauer: es entstehen hierdurch erst Teil-Öffentlichkeiten. Der Prozess besteht eben nicht nur aus dem Lesen und stillen Verarbeiten von Texten.“


Matchmaker, Matchmaker, Make Me A Spreadsheet

Die facepalmigste Statistik der Woche kommt von Christian Rudder, dem Gründer von OKCupid, der unter anderem ausgewertet hat, nach welchem Alter Männer auf der Dating-Website von Frauen gesucht werden – und umgekehrt.

Bildschirmfoto 2014-09-12 um 09.36.51
Bildschirmfoto 2014-09-12 um 09.37.02

(via irgendjemand gestern auf Twitter, sorry, vergessen)

Reeva Steenkamp and Oscar Pistorius: Not a question of fact, but perspective

Das lasse ich einfach mal so stehen.

„When women feel anger and dismay at verdicts such as those delivered today, we are told not to generalise. We must stick to the facts. We must also be reasonable. Here are some things that are facts, not generalisations (whether or not they are reasonable is another matter):

– In 2009, 1024 women in South Africa were killed by intimate partner violence (one woman for every eight hours)
– In this year alone, male violence has seen three women beheaded in London
Two women a week are killed by their partner or former partner in England and Wales (yeah, I know. That one’s got boring)
– In the UK, 30% of the female population have experienced some form of domestic abuse since the age of 16
– Almost 94% of murderers in the UK are men
– Six doors down from me, a pregnant teenage girl was killed by her ex-boyfriend. What about where you live?“

(via @astefanowitsch)

Links vom 11. September 2014

Heilbrunn Timeline of Art History

Ich lese gerade Digitale Bildwissenschaften von Hubertus Kohle, das man netterweise für lau laden kann (dankeschön!), für das man aber natürlich auch Geld ausgeben darf. Sobald ich es durch habe, kommt hier eine Lobeshymne bin, aber bis dahin lege ich euch einen der tausend Linktipps ans Herz, die im Buch vorkommen: die Heilbrunn Timeline of Art History vom Metropolitan Museum of Art in New York. Das Museum ist eh ganz groß im Teilen von tollem Zeug, siehe ihre vielen frei zugänglichen Kataloge und Bücher.

Das Schöne an dieser Timeline: Sie ist nicht europazentriert, was Kunstgeschichte gerne mal ist (ab dem 20. Jahrhundert dürfen auch die USA mitspielen). Wir sind eine sehr konservative Wissenschaft, die sich gerne mit Kunst von weißen Männern in Westeuropa und Nordamerika beschäftigt, und das Fach beruht auch zu sehr großen Teilen auf Texten und Erkenntnissen von weißen Männern, die sich mit Westeuropa und Nordamerika beschäftigen. Das äußerst sich zum Beispiel daran, dass Kunst aus Afrika oder Asien – ich schmeiße gerade der Einfachheit halber ganze Kontinente zusammen, aber bleibt trotzdem bei mir, bitte – nicht als Kunst bezeichnet wird, sondern als Kunsthandwerk, was man mit ein bisschen bösem Willen als abfällig ansehen kann. Außerdem stehen die Werke dieser KünstlerInnen nicht unbedingt in Kunst-, sondern in Völkerkundemuseen, was alleine durch die Namensgebung schon dafür sorgt, dass afrikanische und asiatische Werke eben nicht als Kunst wahrgenommen werden. Darunter leidet zum Beispiel die islamische Kunst, die sich größtenteils in bildlich gestalteten Gebrauchsgegenständen wie Keramiken und Metallarbeiten, aber vor allem durch Bauwerke, Ornamente und der arabischen Schrift manifestiert und nur zu einem sehr geringen Teil durch Bilder oder Skulpturen, die wir mit westlich geschulten Augen sofort als Kunst identifizieren.

Deshalb fand ich die Timeline so spannend, weil sie genau diese Werke schlicht in eine Reihe stellt mit den ganzen Meistern (und wenigen Meisterinnen), die wir in der Schule kennengelernt haben. Die Zeitleiste birgt außerdem dutzende von Essays zu diversen Themen und genügend Kartenmaterial, um sich ein ganzes Studium lang hindurchzuwühlen. Und unter jedem Artikel stehen ganz selbstverständlich die üblichen FacebookTwitterDingsbums-Icons, mit denen man die ganzen Schätze teilen kann. Ich bin dann mal ein paar Jahre beschäftigt.



How Okwui Enwezor Changed the Art World

Okwui Enwezor ist seit drei Jahren Direktor des Hauses der Kunst in München und leitet 2015 als erster Afrikaner die Biennale in Venedig.

„Enwezor’s curatorial project has been global since the beginning, pushing African and diaspora artists to the foreground. And between the Douglas show, the museum’s retrospective of works by the mixed-media artist Ellen Gallagher earlier this year and a 2013 show of the photographer Lorna Simpson’s work, the Haus der Kunst will have already presented nearly as many major solo shows of black artists as the Museum of Modern Art in New York has in the past 20 years.

Since his 1996 breakthrough as a curator of In/Sight: African Photographers, 1940 to Present, an exhibit of 30 African photographers at the Guggenheim Museum, Enwezor has alternated between ambitious international exhibitions that seek to define their moment—biennials in Johannesburg, Gwangju and beyond, along with the Paris Triennale in 2012—and historically driven, encyclopedic museum shows centered on topics such as African liberation movements in the 20th century, the arc of apartheid and the use of archive material in contemporary art. Enwezor is the first curator of his generation and the second ever to command two of Europe’s most precious cultural territories—Documenta, the five-yearly exhibition in Kassel, Germany, and now the Venice Biennale—and the first African to direct either one.“