BA-Tagebuch 25. Mai 2015

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BA-Tagebuch 22. Mai 2015

Die kleine Dramaqueen hat sich beruhigt – und sich nebenbei über die vielen aufmunternden Mails und DMs gefreut, die mir virtuell das hysterische Köpfchen tätschelten. Es kamen welche von Studierenden, von Dozierenden und von Menschen, die mit beidem nix am Hut haben, aber alle hatten gute Tipps parat, und ein paar von denen hängen jetzt als Post-it über meinem Schreibtisch. (Nein, kein „Tschakaaa!“)

Ich habe mir gestern ein digitales Objekt ausgewählt, das ich auf kunsthistorische Traditionen abklopfen werde. Das verrate ich aber nicht, weil ich inzwischen glaube, dass alles schief geht, sobald ich hier im Blog den Mund aufmache. Aber immerhin hat die Wahl keine drei Wochen gedauert, sondern gelang mit dem ganzen Vorwissen, das ich mir inzwischen über digitale Bauwerke angelesen und selbst erfahren habe (danke für die vielen Vorträge, kunsthistorisches Institut!) innerhalb weniger Stunden. Es gibt Literatur sowohl zum Ausgangsobjekt als auch zur Rekonstruktion, was leider nicht bei vielen Werken der Fall ist, weil die Rekonstruktion irgendwie noch ein kleines Schmuddelkind ist, das nicht mit den großen Kindern Malerei und Skulptur mitspielen darf, weswegen auch kaum darüber publiziert wird. Aber das kennen digitale Medien aller Art ja; sie sind (gefühlt) immer noch im Probestadium, in der permanent beta und verändern sich so oft und so schnell, dass man kaum dazu kommt, Standards zu entwickeln. Wie es sie übrigens für digitale Rekonstruktionen wenigstens im Ansatz gibt.

Theoretische Abhandlungen zum Thema gibt es natürlich zuhauf, aber für einzelne Projekte viel zu wenig. Die oben angesprochenen Synagogen sind eine lobenswerte Ausnahme, und nein, daran arbeite ich mich nicht ab. Aber natürlich ziehe ich sie als Referenzobjekt heran und vergleiche ein bisschen, so wie ich das noch mit ein, zwei weiteren Objekten machen werde, um mein Objekt (Codename „Hasi“) einzuordnen.

Die blöden Pfingstfeiertage klauen mir jetzt noch ein bisschen Zeit, aber die werde ich damit verbringen, einfach mal alles anständig runterzuschreiben, was ich schon weiß. Ich kann Hasi schon beschreiben (steht ja netterweise online), ich kann bereits eine Art Ausblick wagen, was alles mit digitalen Rekonstruktionen möglich ist – zum Beispiel Bilder mit Paradaten zu verknüpfen, mit Tönen, mit Links … das digitale Bild an sich ist auch ein großartiges Forschungsobjekt, aber gerade nicht für mich. Sobald ich anfange, darüber nachzudenken, erinnere ich mich an das eine Post-it: „Weniger ist mehr!“ Lass das jetzt, Kind. Keine Master-Arbeit. Keine Diss. Eine Hausarbeit plus, mehr ist es nicht.

Gestern war eher ein halbproduktiver Tag, weil ich immer noch etwas traurig, dann trotzig und dann unsagbar müde war. Also habe ich der Müdigkeit nachgegeben, nur einen halben Tag für die Uni gelesen (jetzt isses auch schon egal, wie eng das zeitliche Höschen ist) und dann den Resttag mit Büchern verbracht, die nichts mit dem BA zu tun hatten, mit ein paar Folgen Masterchef und ein, zwei winzigen Gin Tonics.

BA-Tagebuch 21. Mai 2015

Was gestern scheiße war: mein Referat – und damit meine Herangehensweise an mein BA-Thema.

Was gestern gut war: Unser Fahrstuhl wurde nach zwölf Tagen endlich repariert! Musste ich mein heulendes Elend wenigstens nicht selbst in den fünften Stock schleppen.

Ich frage mich allmählich, ob ich zu doof bin, meinem Dozenten zu vermitteln, was ich schreiben will oder ob ich zu doof bin, sein Feedback zu kapieren und einzuarbeiten. Oder ob ich generell zu doof bin und die letzten fünf Semester alles Glückstreffer waren. Nein, Quatsch, das frage ich mich nicht wirklich. Aber es macht mich langsam wahnsinnig: Ich meinte, ich hätte mir in den letzten Semestern ein bisschen wissenschaftlichen Sachverstand und das passende Handwerkszeugnis erarbeitet – nur um jetzt, bei meiner ersten größeren und verdammt noch mal selbstgewählten Arbeit mehrfach mit Schmackes gegen die Wand zu fahren. Außerdem ist mein Prüfer ausgerechnet der Mensch, der mich vor einigen Wochen einlud, sich bei ihm als Hiwi zu bewerben. Der denkt wahrscheinlich inzwischen: Die Dame sortieren wir vielleicht doch besser mal aus.

Immerhin: Meine Forschungsfrage fand er gut, wenn auch nicht den Weg, wie ich sie beantworten will, und ich habe (hoffentlich) gute Hinweise bekommen, wie ich sie niederringen kann. Dummerweise dachte ich das in diesem Semester schon zweimal, dass ich jetzt wüsste, wie’s geht, und es hat zweimal nicht funktioniert. Aber Ansagen wie „Mehr in die Tiefe, weniger in die Breite“ könnte ich mir jetzt endlich mal merken.

Einerseits bin ich eine Wodkaflasche davon entfernt, einen Haken unter den Scheiß zu machen, nach Hamburg zu fliegen, mich bis Oktober von Schokolade zu ernähren und dann im Wintersemester noch mal reinzukommen. Andererseits denke ich: BA, du blöder Arsch, du wirst mich nicht davon abhalten, im Winter schon ein kleines Masterchen zu sein, DU NICHT! Ich bin, mit einer paar Stunden Abstand, jetzt eher in einer Phase pissiger Fassungslosigkeit und nicht mehr ganz so mimimi.

Dafür war gestern ein Scheißtag. Also habe ich mich zunächst von jemandem bepuscheln lassen, der das mit dem Alkohol gut kann, und dann von jemandem, der das mit dem In-den-Arm-Nehmen gut kann. Und dann bin ich anderthalb Stunden durchs nächtliche München gegangen und habe dramatisch vor mich hingeheult.

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Jetzt fahre ich in die Uni-Bib und die Stabi und gebe 50 Bücher zurück, die mich nicht mehr weiterbringen. Und dann ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte, wo ich irgendeine saubere Arbeit schreiben werde, die nicht mal im Ansatz die sein wird, die ich schreiben wollte, die aber ordentlich argumentiert ist, wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und eine okaye Note bekommen wird. Self-fulfilling prophecy for the fucking win.

Allmählich geht mir dieses Semester wirklich auf den Keks.

BA-Tagebuch 20. Mai 2015

Am heutigen Donnerstag halte ich mein Referat im BA-Kolloquium, wo ich meine Arbeit vorstelle. Da ich mein Thema erst seit zwölf Tagen habe und nicht bereits seit viereinhalb Wochen – da begann meine offizielle Bearbeitungszeit; wir KuGi-Studis in München fangen alle gleichzeitig an und geben gleichzeitig ab –, bin ich noch längst nicht so weit wie ich zu diesem Zeitpunkt hätte sein wollen. Wenn ich die BA-Arbeit abgegeben habe, schreibe ich mal meine gedankliche Odyssee durch diverse Themen auf, die ich im Kopf hin- und herwälzte, bis ich bei meinem jetzigen ankam, aber jetzt gerade bin ich zu müde.

Gestern war also der letzte Tag vor dem Referat, in dem ich in lächerlichen 20 Minuten über (Luft holen) Architekturzeichnungen, Architekturbilder, Architekturmodelle, Architekturfotografie und digitale Architekturvisualisierungen sprechen werde. Eigentlich wollte ich auch noch über Architektur im Film reden, aber das Thema habe ich schlicht nicht mehr geschafft. Ich bin zwar ganz froh, durch den Referatstermin dazu gezwungen worden zu sein, einen roten Faden übers Knie zu brechen, aber die Arbeit selbst hat sich für mich nicht so gut angefühlt wie ich es gewohnt bin.

Normalerweise vergrabe ich mich in eine überschaubare Anzahl Bücher oder Aufsätze, durchdringe das Thema oberflächlich und steige dann in die Tiefen der Fußnoten und Quellen hinab, um von der Oberfläche wegzukommen und meine Forschungsfrage zu beantworten. Für die BA-Arbeit lautet diese: Welche traditionellen Methoden der Architekturvisualisierungen nutzt die digitale 3D-Technologie und wo definiert sie neue Standards für unser Fach? Um diese Frage zu beantworten, muss ich natürlich erstmal alle Visualisierungsmöglichkeiten, die es vor der digitalen Wende gab, verstehen. Was in meinem Fall – und wegen der kurzen Vorbereitungszeit – hieß: im Schweinsgalopp durch eine Medienart, dann durch die nächste, nochmal zur ersten zurück, denn jetzt kann ich bereits erste Vergleiche ziehen, dann zur dritten, wieder zurück zu den ersten beiden usw. Im Prinzip habe ich erst gestern ein erstes Fazit ziehen und einen ersten Versuch einer Antwort unternehmen können, weil ich vorher schlicht besinnungslos gelesen und gesammelt habe.

Mich hat es gestört, ständig von einem Thema zum anderen springen zu müssen, um den Gesamtüberblick zu bekommen. Ich musste an der Oberfläche bleiben, um mein Pensum zu schaffen. Ich musste teilweise spannende Bücher weglegen, um mich dem nächsten Medium zuzuwenden, was ich nicht gemacht hätte, wenn ich einfach vor mich hinschreiben hätte können. Dann hätte ich eine Woche lang nur über Zeichnungen gelesen, bis ich zu den Bildern gegangen wäre. Hier hat es sich mehrfach angefühlt, als risse ich mich selbst von einer Wissensinsel, um hektisch zur nächsten zu paddeln, ohne die erste anständig kartografiert zu haben.

Ich bin nicht so richtig glücklich mit meinen Referat, aber das bin ich selten, und dann ist es meistens doch okay, aber hier habe ich immer noch das Gefühl, an der Oberfläche zu sein. Jedes einzelne Medium ist eine Dissertation wert; in meinem Literaturverzeichnis befindet sich eine, die sich mit lausigen 15 Zeichnungen befasst, und das reicht für 400 Seiten. Ich kann in meinen 20 Minuten – die ich heute erstmals bewusst ignorieren muss – nicht alles unterbringen, um wirklich ein überzeugendes Fazit zu ziehen, was mich ärgert.

Nebenbei habe ich bergeweise Bilder gesucht, die meine Gedankengänge unterstreichen, denn bei KuGi-Referaten gucken wir gerne Bilder. (Bei Geschichtsreferaten überhaupt nicht, was mich am Anfang etwas irritierte. Ich war es nach zwei Semester gewohnt, bunt bebildert unterhalten zu werden.)

Ich hatte keine Zeit mehr, meine Folien auf den Stand zu bringen, auf dem ich sie gerne hätte. Im Klartext: zu jedem Bild die meiner Meinung nach erforderlichen Infos zu bringen. Künstler_in, Bildtitel, Datierung, Abmessungen, Material, Standort. Und das, obwohl ich fast alle Bilder aus unserer Prometheus-Datenbank gezogen habe, die von dutzenden von kunsthistorischen Instituten befüttert wird. Selbst da fehlen teilweise essentielle Infos. Normalerweise wäre ich jetzt in unsere Bibliothek gegangen und hätte zu jedem Werk ein Buch aus dem Regal gezogen, wo hoffentlich die Infos stehen (Gesamtverzeichnisse, you rock!). Aber die Zeit habe ich nicht mehr. Das wird heute vermutlich egal sein, das Referat ist nicht benotet und dient eher dazu, Feedback von Kurs und Dozenten zu kriegen, aber mich stört das trotzdem.

Mir fehlt noch ein bisschen der Aha-Moment, die große Glühbirne. Gestern abend beim ersten Fazit leuchtete immerhin schon eine kleine, was mich sehr gefreut hat, denn auf den Augenblick warte ich seit zwölf Tagen: den Augenblick des ersten, kleinen Erkenntnisgewinns, der sich bei mir meist irgendwann beim Schreiben einstellt. Also bei den ersten Formulierungsversuchen, die über die 1000 Exzerpte hinausgehen, die ich in den letzten Tagen und Wochen verfasst habe. Meine Stoffsammlung hat jetzt schon mehr Zeichen (146.000) als es die BA-Arbeit haben muss (60.000), und ich bin, wie gesagt, noch an der Oberfläche.

Ich trauere immer noch sinnloserweise den ersten vier Wochen meiner Bearbeitungszeit nach, auch wenn ich es nicht mehr ändern kann. Immerhin glaube ich jetzt wieder daran, dass ich das Ding noch fertigkriege, auch wenn es vermutlich nicht die tiefsinnige, perfekt durchdachte Arbeit wird, die ich schreiben wollte. Auch darüber bin ich traurig.

Und jetzt gehe ich noch mal über mein Manuskript und versuche, irgendwo bei 25 Minuten zu landen.

Drei gute Dinge am 19. Mai

Gestern hatten gleich zwei Menschen, die mir sehr nahe stehen, Geburtstag. Ich habe einmal per Facebook und einmal per Telefon gratuliert, woraus findige Menschen schließen könnten, wie alt die Angesprochenen sind. Ich hoffe, die beiden bleiben noch lange bei mir.

Meinen Tag verbrachte ich wieder im Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Diesmal versank ich in der Architekturfotografie.

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Dabei lernte ich Ezra Stoller kennen und verlor mich in seinen Bildern. Außerdem weiß ich jetzt, warum wir so viele Architekturbilder aus der Frühzeit des Mediums haben – da hätte ich auch von selbst drauf kommen können: Bei den langen Belichtungszeiten waren unbewegte Gebäude schlicht die dankbarsten Objekte.

Nach dem Tag im Lesesaal gönnte ich mir eine Abendbrotpause, bevor es wieder an den Schreibtisch ging. Zum Essen gab’s eine Folge Masterchef Australia. Keine Ahnung, wie ich da hin gekommen bin, ich verstehe die Regeln auch überhaupt nicht im Vergleich zur letzten britischen Ausgabe, die ich vor gefühlt fünf Jahren sah, aber es ist sehr unterhaltsam.

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Aber auch am Schreibtisch ging’s mir gut, selbst wenn ich dafür das bestimmt großartige ESC-Halbfinale ausfallen lassen musste.

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Drei gute Dinge am 18. Mai

Der Herr jawl inspirierte mich neulich auf Facebook durch einen seiner Posts, doch mal kurz darüber nachzudenken, was gerade gut ist. Da ich in den Untiefen meiner BA-Arbeit versinke, aber jetzt immerhin mit dem richtigen Thema, und eigentlich überhaupt keine Zeit zum Bloggen habe, mache ich das heute mal kurz, aber dafür schön: Was war gestern gut?

Meine Übung zu Stadtbaugeschichte macht sehr viel Spaß, auch wenn es eher eine Vorlesung ist. Aber der Dozent spricht sehr unterhaltsam und ballert uns mit ebenso unterhaltsamen – und lehrreichen – Folien zu, und Montags um 10 lässt man sich ja auch ganz gerne mal berieseln. Gestern sprachen wir über Residenz- und Handelsstädte und waren kurz bei mittelalterlichen Stadtmauern. Dabei kamen wir auf das Thema Zugbrücke, und da meinte der Dozent, die würden ja gerne falsch dargestellt mit diesem ollen Kurbelmechanismus. Den gab es natürlich und der funktionierte auch, aber er machte ne Menge Arbeit. Die sogenannte Schwungrutenbrücke war viel leichter zu bedienen, aber durch das hohe Gegengewicht war sie nicht ganz ungefährlich. Wir haben Quellen, die belegen, dass einige Jungs, die Brückendienst hatten, vom Gewicht zerquetscht wurden.

So sieht die Schwungrutenbrücke übrigens aus (Screenshot von der Playmobil-Website).

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Nach der Übung fuhr ich in meine neue Heimat, der Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte. Wo ich die ersten fünf Semester meines Studiums von Bib zu Bib radelte, reicht hier ein Fahrstuhl, um mich zu allen Kunstbüchern, -zeitschriften und Ausstellungskatalogen der Welt zu führen. Ich möchte hier nie wieder weg. Auch wegen der coolen Regale.

Ich beschäftige mich in meiner BA-Arbeit (jetzt aber wirklich!) mit Architekturvisualisierungen und möchte untersuchen, inwiefern die neuen digitalen Möglichkeiten zur 3D-Darstellung kunsthistorische Traditionen nutzen und wo sie neue Standards für unser Fach definieren. In den vergangenen Tagen wühlte ich mich durch Literatur zu Architekturzeichnungen und -gemälden, gestern waren dann hauptsächlich Modelle dran. Heute geht’s in die Fotografie, morgen in den Film, und übermorgen halte ich ein für meine Verhältnisse unterirdisch schlecht vorbereitetes Referat im Kolloquium und erkläre, warum ich vier Wochen lang in dutzende von falschen Richtungen gedacht habe, bis ich bei diesem Thema angekommen bin, für das ich jetzt nur noch sechs statt zehn Wochen Zeit zur Bearbeitung habe. Ich bin immer noch über mich selbst angepisst, aber ich habe eigentlich gar keine Zeit dafür.

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Aber Zeit für ein Bild aus dem ersten Stock zu den ganzen Abgüssen habe ich natürlich. Hier steht der weibliche besetzte Malkurs und guckt sich ein männliches Modell an. (Die Kunstgeschichte wird mir irgendwann verbieten, Witze über sie zu machen.)

Das MoMA erinnerte mich per Instagram an eines meiner liebsten Kunstwerke von Yoko Ono, das ich 2012 mal im Haus der Kunst gesehen hatte:

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Abends grillte der ehemalige Mitbewohner einen Berg Fleisch, ich brachte Gemüse mit, wir saßen auf dem Balkon, es wurde gemütlich dunkel, blieb aber warm, das Bier war kalt und ich gönnte mir eine Zigarette.

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Und zuhause gab’s dann die allerletzte Folge Mad Men und ich war sehr zufrieden mit dem Tag.

Rhabarbercrumble

Oder Krambl, wie wir cool teutonics sagen.

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Für zwei hungrige Personen

1 kg Rhabarber putzen, in mundgerechte Stücke schneiden und in eine Auflaufform umsiedeln. Mit
1 Tütchen Vanillezucker bestreuen. (Oder ne anständige Schote nehmen. Hatte ich nicht. Tüte tut’s auch.)

Aus

100 g Mehl,
80 g weicher Butter,
50 g braunem Zucker und
einer dicken Prise Zimt mit einem Handmixer Streusel herstellen und über den Rhabarber geben.

Bei 180 Grad ein knappes Stündchen – oder bis die Streusel den erwünschten Bräunungsgrad erreicht haben – backen und noch warm essen.

Man könnte noch vor dem Backen Saft zum Rhabarber geben oder nachher auf alles eine Kugel Eis hauen. Mache ich nicht, weil ich den Kontrast zwischen dem quietschig-sauren Rhabarber und den zuckersüßen Streuseln so gerne mag.

12 von 12 im Mai

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Eigentlich klingelt mein Wecker derzeit um 8. Da mein Kopf aber im BA-Modus ist, wache ich grundsätzlich früher auf. Letzte Woche war das irgendwann mal gegen 5 Uhr, gestern netterweise erst kurz nach 7. Wenn ich vom Wecker (vulgo: dem Handyklingeln) geweckt werde, stehe ich gleich auf, wenn ich vor dem Wecker wach werde, denke ich immer, ach, jetzt haste ja mal richtig Zeit, und dann lese ich noch im Bett auf dem iPhone Mails und gucke, was auf Twitter und Instagram nachts so los war. Sonst mache ich das erst beim Frühstück.

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Während der Espresso durchlief und die Milch vor sich hinschäumte, habe ich Wäsche zusammengelegt und mich wie immer über meine Bandbreite an Geringeltem gefreut. Man sollte überhaupt nur Kleidung tragen, die gute Laune macht.

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Wie immer Cappuccino und O-Saft zum Frühstück. Gestern standen ein paar Stunden Bibliothek an, also gab es noch was Essbares zu den Getränken. In diesem Fall war es Müsli mit einem Apfel und einer Pflaume.

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Sie sehen mich rollend. Sie hegen Groll.

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Mir blutet bei der Fassadenfarbe des kunsthistorischen Instituts immer das Herz. Wir sind das hässlichste Haus in der ganzen Straße.

Ich bin mit meinem Prüfer das dritte Exposé für meine BA-Arbeit durchgegangen, nachdem ich zwei Richtungen in den letzten vier Wochen in die Tonne gekloppt habe. Ich bin sehr traurig darüber, dass dieses Semester in vielerlei Hinsicht nicht das ist, das ich geplant hatte, aber wie John Lennons Glückskeks immer so schön sagt: Life is what happens while you’re busy making other plans.

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Bonuscontent! Nach dem Dozentengespräch ging’s in die Bibliothek. So sieht mein Bibtütchen für Historicum, KuGi-Bib, Schweinchenbau (die Bib der Psychologie mit pinker Fassade) und Stabi aus: transparente Tüte, damit wir keine Bücher klauen, Rechner, Netzteil, Wasserflasche, Moleskine, Stift und Fächer. Der Fächer ist nicht immer dabei, nur im Sommer in der KuGi-Bib, wo alle Damen gerne die Fenster aufreißen, damit die warme Luft schön reinkommt. Ich werde es nie verstehen. Die meisten anderen Bibliotheken sind klimatisiert und man kann keine Fenster aufreißen, weswegen ich auch keinen Fächer brauche.

Ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte darf man übrigens nicht mal ne Plastiktüte mit reinnehmen und auch kein Wasser. Diesen Malus gleichen sie mit dem schnellsten Fahrstuhl aller Institute aus. Und mit meinem ganz persönlichen Reichsparteitag, weil ich im ehemaligen NSDAP-Verwaltungsgebäude besonders gerne Bücher über sogenannte „entartete“ Kunst in die Hand nehme. Eat shit and die, suckers.

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In der KuGi-Bib. Don’t cry, work. (Danke, Rainald Goetz. HAST DU JEMALS EINE BA-ARBEIT SCHREIBEN MÜSSEN? … Du hättest das wahrscheinlich besser durchdacht, du Profi. Will you be my spirit animal?)

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Nach vier Stunden brauchte ich eine Pause vom Denken (meine Konzentrationsfähigkeit ließ gestern eh zu wünschen übrig) und radelte in Richtung Unibibliothek, um drei Bücher abzugeben (bye-bye, bayerische Klöster) und laut OPAC dutzende abzuholen. Es lag aber nur eins in meinem Fach, und genau das gehörte auch zum Thema, von dem ich mich am Wochenende verabschiedet hatte. Gleich wieder abgegeben.

Das Bild zeigt eine meiner liebsten München-Ansichten: Rechts von mir ist der eine Springbrunnen vor dem Hauptgebäude der LMU, im nächsten Gebäude rechts ist die UB, und vor mir erstreckt sich fast die ganze Ludwigstraße. Hinter mir ist das Siegestor, vor mir liegen links u. a. die Ludwigskirche (wenn Sie bitte mal auf das bunte Dach achten?) und die Stabi. Am Ende der Ludwigstraße steht die Feldherrnhalle. Rechts, leider noch nicht im Bild, kommt die Theatinerkirche.

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Keine Erdbeeren auf dem Markt in der Zieblandstraße in Sicht. Eigentlich ist das der Josephsplatzmarkt, aber auf dem Gelände buddelt die Stadt seit zwei Jahren eine Parkgarage aus.

Nur Gemüse gekauft. Bonuscontent! Das hier nämlich:

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Dieses Schild hängt seit Freitag Abend bei uns im Haus und ruiniert mein Image von Bayern, wo immer alles funktioniert und wenn nicht, sorgt jemand in 24 Stunden dafür, dass es wieder funktioniert. (Und außerdem wohne ich im 5. Stock.)

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Noch ein bisschen an den Schreibtisch. Das hier ist eine Seite von derzeit zwölf meiner BA-Bibliografie. Nein, ich benutze kein fancy Literaturverwaltungsprogramm, ja, ich schreibe einfach eine immer länger werdende Word-Liste. Hat bis jetzt geklappt, muss wenigstens noch einmal klappen. Ob ich mich im Master dann mal mit Citavi oder Papers oder sonstwas auseinandersetze – keine Ahnung.

In gelb markiere ich, in welcher Bibliothek das Buch steht oder ob ich es als pdf auf dem Rechner oder luxuriös im eigenen Regal stehen habe. Wenn ich in die Bib gehe, drucke ich mir den letzten Stand aus und markiere die Bücher der jeweiligen Bibliothek, damit ich nicht ewig blättern muss. Beim Zentralinstitut für Kunstgeschichte steht auch noch das Stockwerk daneben (es sind fünf).

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Wenigstens einmal am Tag alles im Griff.

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Bonuscontent. Es gab gestern mein Leibgericht: von allem, was rumliegt, einen Teil in die Pfanne werfen. Gestern waren das Kartoffeln, eine Möhre, eine rote Paprika, Lauch, grüner Spargel und vier kleine Rostbratwürstchen.

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Und dann gab’s Fußball. Seufz.

Spargelcremesuppe

Das ist wieder eins von den Rezepten, die ich verblogge, weil ich sie hier schneller finde als in meinen Milliarden Pinboard-Links. Wozu hab ich denn ein Blog.

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Für vier Personen

1 kg weißen Spargel schälen. Die Schale (ich hab auch noch die Enden der Spargelstangen genommen) in
1 l Wasser mit
etwas Salz und
1 Prise Zucker 20 Minuten kochen. Alles durch ein Sieb geben, dabei den Sud auffangen und 750 ml abmessen.

Während der Sud kocht, kann man bequem den Spargel in kleine Stücke schneiden. Dabei die Spitzen separat aufheben. Denn die werfen wir jetzt, wo der Sud fertig ist, in die aufgehobenen 750 ml und kochen sie zwei Minuten lang. Dann die Spitzen herausheben und beiseite stellen.

In einem zweiten Topf
2 Schalotten, fein gehackt, in
2 EL Butter andünsten. Die Spargelstücke (nicht die Spitzen) dazugeben und kurz mitdünsten.
2 EL Mehl darübersieben (hello, Mehlschwitze), kurz mitdünsten. Mit
250 ml Hühnerfond (bei mir Gemüsefond),
100 ml Milch und dem guten alten Mehrzwecksud übergießen und alles 15 Minuten lang kochen lassen.

Pürieren; wer mag, streicht es noch durch ein Sieb (mag ich nicht, deswegen sieht meine Suppe auch aus wie Blumenkohlsuppe), mit Salz und Cayennepfeffer abschmecken. Laut Rezept kommen noch ein Klacks Sahne und ein bisschen Kresse obendrauf, bei mir waren es keine Sahne und Petersilie, weil ich Petersilie super finde.

Die Suppe hat bei mir kaum Salz gebraucht, so fein-intensiv war der Spargelgeschmack. Der Cayennepfeffer gibt aber einen netten Kick, den ich allerdings erst bei der zweiten Portion genießen konnte, weswegen er nicht auf dem Bild ist. Aber probiert das mal.

Die Uni, ein Überraschungsei

Vormittags Französisch, nachmittags Kolloquium – und vor allen Dingen ein Gespräch mit dem Dozenten, wie ich bitte meine BA-Arbeit rund kriege, für die ich seit zwei Wochen besinnungslos lese und trotzdem keinen roten Faden zu fassen bekomme.

Aber erstmal Französisch.

Mein Spracheinstufungstest in einem der ersten Semester schob mich in die Stufe A 1.2, wo ich im letzten Halbjahr saß, nachdem ich mir vorher aus Spaß an der Freude ein Semester Italienisch gegönnt hatte. Als aber klar war, dass ich den Master machen will und dafür eine zweite moderne Fremdsprache auf einem gewissen Niveau nachweisen muss, sagte ich ciao, Italiano und salut, français. Leider. Denn obwohl ich noch relativ viele Vokabeln wusste und einen Hauch an Grammatik, war das letzte Semester eher unschön. So nett die Dame vorne an der Tafel war, so wenig nett war ihr Unterricht. Wir haben selten laut gelesen, um unsere Aussprache zu üben („Lesen Sie sich das bitte mal durch und fragen dann nach Vokabeln“), und wenn wir mal laut gelesen haben, hat meist eine von uns den gesamten Text gelesen, anstatt dass reihum jede mal ranmusste, damit eben jede mal was sagen konnte. Dabei hat die Lehrerin leider kaum korrigiert. Ich habe Aussprachen in diesem Kurs gehört, die wahrscheinlich in keiner Sprache dieser Welt vorkommen, aber selten Verbesserungsvorschläge. Wir haben des Öfteren mit unseren Nachbar*innen zusammenarbeiten müssen, aber dabei haben wir eher die ollen Übungen im Buch gemeinsam gelöst anstatt miteinander zu sprechen. Und selbst beim Sprechen hatte die Lehrerin die seltene Gabe, Fragen so zu formulieren, dass man kaum Antwortmöglichkeiten hatte.

Unsere Italienischlehrerin, die ich super fand, fragte uns komplette Anfänger*innen nach lausigen drei Stunden, was wir am Wochenende gemacht hätten. Wir konnten kaum „essen, schlafen, Fußball gucken“ auf Italienisch sagen, aber sie half, wir wiederholten, der nächste sagte was Ähnliches, und zack, hatten alle mal kurz Italienisch gesprochen, selbst wenn wir nur die Worte der Lehrerin wiederholt hatten. Die Französischlehrerin fragte gerne: „Hatten Sie ein schönes Wochenende?“ Worauf zwei Leute „oui“ piepsten und dann war gut.

Innerlich dachte ich mir, den Quatsch machst du jetzt mit, bis du die Masterqualifikation hast und dann sprichst du nie wieder ein Wort Französisch. Erstes Überraschungsei:

Bei der Kursbelegung für dieses Semester achtete ich darauf, nicht wieder die gleiche Lehrerin zu bekommen und habe es bisher keine Sekunde bereut. Ich twitterte und facebookte gestern schon begeistert ein paar Sätze meiner neuen Lehrerin: „Sie müssen emotional an eine Fremdsprache gehen! Kaufen Sie sich das schönste Vokabelheft und tragen es bei sich. Sie müssen da gerne reingucken wollen! Hören Sie Chansons oder Radio, schreiben Sie auf, was Sie verstehen – das ist immer ein Erfolgserlebnis! Und wenn’s nur mittendrin zwei Worte sind. Egal, aufschreiben und lernen. Überlegen Sie sich, was Sie Wichtiges über sich sagen wollen – das übersetzen Sie und lernen es auswendig. Finden Sie Wörter, die Sie gerne mögen und bilden Sie Sätze damit. In meinen Aufsätzen kam immer (Wort x, nicht verstanden, ähem) vor.“

Vor Beginn jeder Stunde läuft französische Musik, an der Tafel steht „Vous écoutez …“ (gestern war es Carla Bruni, letzte Woche Hip-Hop), und die Lehrerin spricht immer Französisch. Ich verstehe nur die Hälfte, aber irgendwie weiß man doch immer, was sie von einem möchte, und es kommt mir zehnmal sinnvoller vor als der deutschsprachige Unterricht, den ich letztes Semester hatte. Wir lesen viel laut, wir reden miteinander, und gestern haben eine Kommilitonin und ich bei der üblichen Gruppenarbeit, wo man theoretisch Deutsch sprechen könnte, wenn die Lehrerin nicht gerade am Tisch steht, ernsthaft auf Französisch darüber geradebrecht, wie wir zuhause lernen, wie doof wir das Lehrbuch, aber wie toll wir la prof finden. Mit Händen und Füßen und geratenen Vokabeln, aber man *will* bei ihr in der Stunde echt nicht Deutsch sprechen.

Schon ist aus meiner negativen Haltung eine sehr positive geworden, und innerlich denke ich über Sätze nach, die ich dann locker-flockig in Frankreich sagen werde können, wenn ich mir endlich mal alle Kathedralen angucke. Erster Satz (muss ich noch übersetzen): „DAS HIER IST NE KIRCHE, KÖNNT IHR EURE BLÖDE BROTZEIT BITTE DRAUSSEN MACHEN?“ (Vom letzten Notre-Dame-Besuch in Paris inspiriert.)

Nochmal zum Lehrbuch: Mit dessen Produzent*innen würde ich wirklich gerne ein poulette rupfen. Das Ding hat nicht mal ein Vokabelverzeichnis, verdammte Axt. Die Texte sind genau einen Ticken zu schwer, als dass man sie intuitiv verstehen könnte, selbst wenn man die Worte noch nicht kennt, und man ist die Hälfte der Hausaufgabenzeit damit beschäftigt, Worte bei Leo oder Langenscheidt zu recherchieren, anstatt entspannt hinten im Buch nachzugucken, wie das im deutlich besseren Italienischbuch möglich war. Einzig die Bilder versöhnen mich ein wenig, die sind genau mein Niveau.

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Nach dem Französischunterricht hatte ich zwei Stunden Pause, in denen ich noch mal das Exposé zur BA-Arbeit überarbeitete, das ich bereits fünfmal überarbeitet hatte und mit dem ich immer noch nicht glücklich war. Dann ging’s zum Kolloquium, wo wir über digitale Bilder sprachen, zu denen auch Karten wie Google Maps zählen. In meinem verzweifelten Köpfchen ging ein kleines Lichtlein an, ich schrieb wie immer in den letzten Monaten, wenn ein Fakt zu meiner BA-Idee passte, in mein Moleskine ein eingekringeltes „BA“ und dann „KARTEN!“ In der Pause ging ich mit dem Dozenten in sein Büro, wo er die schlaueste aller schlauen Fragen stellte, die ich mir selber auch mal hätte stellen sollen: „Dann beschreiben Sie mir doch mal Ihr BA-Vorhaben in drei Sätzen.“

Ich guckte auf mein zweiseitiges Exposé, schnappte mir den ersten Satz und ignorierte alles, was ich danach geschrieben hatte: „Eine Epoche ist nicht anhand eines einzelnen Objekts erfahrbar, man muss das Objekt im Kontext sehen. So wie Bauwerke im Raum gesehen werden müssen. Ich will die bayerische Klösterlandschaft der Romanik mittels digitaler Methoden erfahrbar machen.“

Und schon waren wir in einer Diskussion über „Was ist überhaupt Raum? Wie wird der kunsthistorisch definiert? Wie kulturgeografisch? Was geht mit Verkehrswegen und Verbindungen zwischen den Klöstern?“ Also genau das, was bei mir nur noch ein kleiner Absatz beim Kapitel „Interdisziplinäres Arbeiten“ gewesen wäre, hätte ich die doofe Datenbank konzipiert, die ich einfach nicht rundgekriegt habe (mein Blogeintrag war so ein bisschen eine Hoffnung auf self-fulfilling prophecy, aber selbst da konnte ich mir nicht selbst erklären, was ich eigentlich will, herrgottnochmal). Denn natürlich ist eine derartige Datenbank bzw. sind die visualisierten Daten auch für Historiker*innen, Geograf*innen und Wirtschaftswissenschaftler*innen spannend. Wieso ich nicht von alleine darauf gekommen bin, mich auf dieses Thema zu konzentrieren, das doch so hervorragend in meine Urbanitäts- und Mobilitätsbegeisterung passt – keine Ahnung.

Damit ist ein Großteil der Lektüre der letzten zwei Wochen zwar hinfällig, aber ich bin sehr froh darüber, mich nicht mehr mit XML und mySQL beschäftigen zu müssen, sondern stattdessen mit Landkarten. Zweites Überraschungsei.

Dann rocken wir die Arbeit mal in siebeneinhalb statt in zehn Wochen runter. Ihr entschuldigt mich.

Der (voraussichtlich) letzte Stundenplan im BA

Ich bin jetzt ein kleines Sechstsemester. Allmählich müsste ich mal Abschied von der Formulierung „das kleine Dingssemester“ nehmen, aber ich habe sie sehr liebgewonnen. Und der Effekt „Je länger ich hier bin, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß“ sorgt eh dafür, dass ich mich eben immer noch wie das kleine Dingssemester fühle.

Trotzdem bin ich jetzt im letzten Semester des Bachelor-Studiums angekommen. (Hier bitte alle das Riechsalz rausholen und fassungslos „Wo ist die Zeit geblieben?“ kieksen. Ich mach das auch dauernd.) Da ich im fünften Semester die Superstreberin habe raushängen lassen und alles, was ich noch erledigen musste, erledigt habe, bleibt für mein letztes Semester wirklich nur noch Kleinkram. Naja, und die Bachelorarbeit halt, für die ich Ruhe haben wollte, was mir gelungen ist. Die einzigen Kurse, deren ECTS-Punkte mir noch fehlen, sind eine Übung, die zum Praktikumsmodul gehört, sowie das Kolloquium, das die BA-Arbeit begleitet. Das war’s. Aber ein winziges bisschen mehr Programm gönne ich mir dann doch.

Montag, 10–12 Uhr: Einführung in die Stadtbaugeschichte

Ich hatte in Geschichte im dritten Semester einen Kurs „Die Stadt in Süddeutschland. Von den Anfängen urbaner Kultur bis ins 20. Jahrhundert“ und im letzten Semester die „Stadt im Mittelalter“. In Kunstgeschichte habe ich mich unter anderem mit Architektur in der Stadt beschäftigt, also mit Rathäusern, Börsen, Salzstadeln und ähnlichem sowie mit Bauwerken, die vielen Städten vorausgegangen sind wie Pfalzen, Residenzen, Burgen oder Klöster. Was mich an diesem Kurs gereizt hat, war die Zusammenführung des bisher Gelernten mit noch ein bisschen Sahne obendrauf:

„Befundorientierte Baugeschichte – „historische Bauforschung“ – ist nicht auf das Einzelbauwerk beschränkt, sondern auch auf größere Objektzusammenhänge anwendbar. Besonders bedeutend ist dies im Kontext historischer Stadtanlagen. Diese sind einerseits als Gefüge zahlreicher Einzeldenkmäler zu interpretieren, zugleich aber auch als Denkmäler in sich, mit relevanten geschichtlichen Eigengesetzlichkeiten.

Bei der Untersuchung von Stadtbaugeschichte treten methodisch damit neben der befundorientierten Objektuntersuchung wesentliche weitere Analysemethoden, insbesondere interdisziplinärer Wissenstransfer aus politischer Geschichte, Sozialgeschichtsschreibung, aber auch auch technisch-materielle Aspekte wie Materialverfügbarkeit, Topographie, Verkehrswegeführung.“

Wir hatten bis jetzt drei Sitzungen, und obwohl die Veranstaltung eher eine Vorlesung ist als eine Übung, bin ich bis jetzt sehr zufrieden und habe schon viel gelernt. Für das Referat durften wir uns alle eine Stadt aussuchen, über die wir sprechen. Ich beschäftige mich nach 15 Jahren Wohnsitz da mal mit Hamburg.

Mittwoch, 10–12 Uhr: Architektenkarrieren im Mittelalter und der frühen Neuzeit

In der Vorlesung sitze ich freiwillig. Man kann ja nie genug über Architektur wissen. Eigentlich hatte ich mir auch noch eine Geschichtsvorlesung über Lebensgewohnheiten und Lebensarten im 18. und 19. Jahrhundert in den Stundenplan gepackt, aber irgendwie sitze ich Montags nach der Stadtbaugeschichte doch lieber in der Bibliothek als im Hörsaal.

Donnerstag, 10–12 Uhr: Französisch A 2.1

Theoretisch mache ich den Kurs auch freiwillig, praktisch wollen sowohl München als auch Hamburg von ihren Master-Bewerber*innen eine zweite moderne Fremdsprache nachgewiesen haben. Eigentlich auf Niveau B – da bin ich noch nicht, nach A 2.1 kommt noch A 2.2 und dann erst B. Hamburg reicht der Nachweis aber bis Ablauf des zweiten Semesters, das kriege ich also hin. München hält sich bedeckt, und ich hoffe, dass mein guter Wille, meine total tollen Noten und mein liebreizender Augenaufschlag das irgendwie hinbiegen.

Donnerstag, 14–17 Uhr: Kolloquium

Darauf habe ich mich gefreut, seit ich im letzten Semester schon ein paar Mal da war, weil mein Dozent mich eingeladen hatte. Im Kolloquium sitzen alle Prüflinge des Dozenten, ganz gleich, ob BA, MA oder Promotion. In der ersten Sitzung haben alle kurz ihre Projekte vorgestellt, was für mich total praktisch war, weil ich gleich zwei Kerlen Fragen zu ihren Themen stellen konnte, die mein Thema gut ergänzen. In den folgenden Wochen stellt dann jeder seine Arbeit ausführlicher als Referat vor, und ich finde es großartig, einen ganz wilden Querschnitt durch die Kunstgeschichte zu haben. Klar sind hier Architekturthemen in der Überzahl, weil das eines der Fachgebiete des Dozenten ist, aber das ist mir natürlich auch recht. Wenn kein Referat zu halten ist, erzählen wir, was für Bücher wir gerade lesen oder in was für Ausstellungen wir waren, und daraus entspinnt sich dann ein wilder thematischer Ritt durch die Jahrhunderte. Ich mag das sehr.

Praktikum

Nach der Rücksprache mit der Studienreferentin war ich sehr erleichtert, dass ich kein Praktikum mehr machen muss, sondern meine Berufstätigkeit im Praktikumsbericht beschreiben darf. Im Bericht muss man irgendwie aufzeigen, dass das Praktikum einen im Studium weiterbringt oder das Studium einen gut für das Praktikum vorbereitet hat. Ich habe also versucht zu beschreiben, wie eine Werbeagentur funktioniert und dass mir mein Studium natürlich dabei geholfen hat, Kulturmarketing auf einem ganz neuen Niveau zu betreiben. Beim Verfassen des Berichts habe ich gemerkt, wieviel Bullshit-Bingo-Begriffe wir Werber*innen den ganzen Tag verwenden, ohne dass es mir noch auffällt. Dafür ist es meinem komplett werbe-unaffinen Korrekturleser Felix aufgefallen, der unter den Bericht schrieb: „Learn some fucking German, people.“ Recht hat der Mann. Darauf werde ich mich mal committen.

BA-Arbeit

Arbeitstitel: „Eine Epoche neu sehen. Konzept für eine Datenbank bayerischer Klöster der Romanik.“ Die Idee hatte ich, als ich mit meiner geliebten Frauenchiemsee-Hausarbeit beschäftigt war: eine Datenbank, die den Vergleich zwischen Gebäuden erleichtert und damit auch die Datierung (denn wir KuGis datieren stilkritisch, das heißt: wir vergleichen). Im Oktober trug ich die Idee meinem Dozenten vor, der meinte, eine Datenbank müsse aber schon mehr zu bieten haben als eine durchsuchbare Exceltabelle zu sein und warf mir Begriffe wie WissKI und Semantik zu.

Deswegen beschäftige ich mich in meiner Arbeit jetzt mit 3D- und 4D-Visualisierungen, die die Architektur der bayerischen Klosterlandschaft zwischen 700 und 1200 nachvollzieht. Referenzprojekte für Gebäudevisualierungen wären z.B. Synagogen und Barockschlösser. Mir geht es weniger um die kleinteilige Rekonstruktion, sondern um die Baukörper. Zusätzlich denke ich über eine semantische Datenbank und ihre Ontologien nach, die textliche Verbindungen zwischen den einzelnen Klöstern aufzeigen kann, ähnlich wie WikiData.

Im Hinterkopf habe ich auch noch Überlegungen zu zukunftsfähigen Datenformaten (Stichwort „digital graveyard“) und lustigen Goodies, die noch niemand in der wissenschaftlichen Lehre benutzt hat wie Oculus Rift oder Computerspieloptik wie in Assassin’s Creed. Ich denke über interdisziplinäre Nutzung der Datenbank nach, die Historiker*innen und Wirtschaftswissenschaftler*innen mit einbezieht. Und ganz zum Schluss, aber ich weiß noch nicht, ob das wirklich in diese Arbeit gehört oder ob da die Werberin mit mir durchgeht, überlege ich, ob diese Datenbank auch außerhalb des Elfenbeinturms nutzbar ist, Stichworte Citizen Science und Communitybildung: „Kloster-Swarm! Check in fünf romanischen Klöstern ein und wir geben dir ein Bier in der Klosterbrauerei aus!“

Damit das ganze keine Arbeit in Informatik wird, schreibe ich auch über die Romanik als Epoche, warum Klöster im Mittelalter so wichtig waren und mache aus den Architekturdetails von mindestens drei Klöstern eine Art Probedatensatz, damit ich was zum Vergleichen habe.

Die Datierung ist nach dem ersten Versuch eines Exposés deutlich in den Hintergrund gerückt – mein Fokus liegt jetzt mehr auf der Frage, wie die Digitalisierung die Kunstgeschichte verändert. Die Datenbank soll mehr sein als als nur eine bequeme Suchfunktion; mir geht es in der Arbeit darum, nicht nur Gebäude, die es nicht mehr gibt, zu visualisieren bzw. die Entwicklung noch bestehender Substanz nachzuvollziehen, sondern es geht mir darum, Beziehungen zwischen den einzelnen Bauwerken aufzuzeigen. Quasi ein Beziehungsgeflecht zu entwerfen, das einen neuen Blick auf die romanischen Klöster in Bayern zulässt. Das ist kunsthistorisch interessant, weil sich Kloster architektonisch durchaus von anderen haben inspirieren lassen, und historisch, weil die Klöster zueinander in Beziehungen standen, sei es durch Verbrüderungsbücher oder wirtschaftlich bzw. politisch.

Und dann bin ich fertig.

12 von 12 (am 21.)

Auf Instagram war ich pünktlich, ins Blog kommen die 12 Einträge vom 12. des Monats erst heute. Because I can.

Mein Tag begann, wer hätte es gedacht, mit dem Frühstück. Okay, eigentlich begann er mit Toilettengang und Dusche, aber das wollte ich erstens nicht fotografieren und zweitens kam dann schon Frühstück. Wenn ich in die Uni gehe, bin ich morgens mit Saft und Cappuccino zufrieden; wenn ich länger in die Bibliothek rumlungere, wo ich nichts essen kann, gibt’s morgens noch Müsli; Sonntags gibt’s Toast. Ich frühstücke im Bett, wie sich’s gehört.

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Gebloggt. Hier und hier.

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Zeitfresser, die einfach sein müssen, weil sie den Kopf schön ausknipsen: Candy Crush und Hay Day. Das Bild ist so diesig, weil ich Honk mit dem iPhone das iPad fotografiert habe, anstatt mit dem iPad einen Screenshot zu machen und diesen zu instagrammen. Ich möchte nicht darüber reden.

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Aufs Rad geschwungen und zum Haus der Kunst gefahren, wo ich mit Felix und Florian verabredet war, um unseren Podcast vorzubereiten. Direkt neben dem Museum ist der Eisbach, der über eine stehende Welle verfügt, auf der das gesamte Jahr lang Surfer unterwegs sind. Ein klassisches Münchner Ausflugsziel, leicht daran zu erkennen, dass dauernd Menschen am Brückengeländer stehen, weil eben dauernd jemand auf der Welle reitet.

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Ich mag die Architektur des Hauses der Kunst. Ich weiß, das ist nicht PC, aber ich finde es sehr reizvoll, mich mit ihr zu beschäftigen.

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Erste Ausstellung: Louise Bourgeois, dann Kaffeepause in der Goldenen Bar. Die Ausstellung ist sehr empfehlenswert; wir sprachen darüber.

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Nach der zweiten Ausstellung ging’s nach Hause. Kochen … (die Arbeitsplatte gehört zur Wohnung, dieses Punktemonster hätte ich mir nie freiwillig ausgesucht) …

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… essen … (Räuchertofu anbraten, beiseite stellen, in der gleichen Pfanne das Gemüse braten, nebenbei Reis kochen, fertig) …

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… trinken … (bestes Bier der Welt) …

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… und später abwaschen. Von allen Hausarbeiten mag ich Abwaschen am liebsten, ich finde das sehr meditativ. Vielleicht patsche ich aber auch einfach nur gerne mit Wasser und Seifenblasen rum.

Genau wie ich mich abends abschminke, ganz egal wie spät es ist oder wie betrunken ich bin, räume ich auch jeden Abend die Küche auf, ganz egal wie spät es ist oder wie betrunken ich bin. Wenn wir bis 2 Uhr Wein trinken, poliere ich eben bis 3 Uhr noch Gläser. Ich verabscheue es zutiefst, morgens in die Küche zu kommen und einen Berg Arbeit zu sehen. Ich komme lieber morgens in die Küche und sehe einen aufgeräumten, sauberen Raum, in dem ich mir Cappuccino zubereite(n lasse, danke, Nespresso), während ich nur das saubere Geschirr vom Vorabend wegräumen muss.

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Noch fix ein Dokument ausgedruckt, das ich letzte Woche im Sekretariat abgeben musste.

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Derzeitige Lektüre. Diese Bettwäsche sehe ich übrigens dauernd auf Twitter oder Instagram, da hat Ikea anscheinend mal so richtig den kleinsten gemeinsamen Nenner erwischt.

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Links vom 19. April 2015: Auschwitz als Museum, Art as Therapy, Wordless Ads

Preserving the Ghastly Inventory of Auschwitz

Rachel Donadio schreibt in der NYT darüber, wie Konservator*innen und Restaurator*innen mit Auschwitz als Gedenkstätte umgehen.

„The job can be harrowing and heartbreaking, but it is often performed out of a sense of responsibility.

“We are doing something against the initial idea of the Nazis who built this camp,” said Anna Lopuska, 31, who is overseeing a long-term master plan for the site’s conservation. “They didn’t want it to last. We’re making it last.”

The strategy, she said, is “minimum intervention.” The point is to preserve the objects and buildings, not beautify them. Every year, as more survivors die, the work becomes more important. “Within 20 years, there will be only these objects speaking for this place,” she said.“

Es gibt auch Stimmen, die sich gegen die Erhaltung der Gebäude aussprechen:

„Over the years, there have been dissenting views about the preservationist approach. “I’m not convinced about the current plans for Auschwitz,” said Jonathan Webber, a former member of the International Auschwitz Council of advisers, who teaches in the European Studies program at the Jagiellonian University in Krakow. “If you have a very good memorial, you could achieve that without having to have all this effort on conservation and restoration,” he added.“

Ich lese gerade ein sehr spannendes Buch, über das ich auch irgendwann mal bloggen werde: Munich and Memory: Architecture, Monuments and the Legacy of the Third Reich (auf Deutsch dusselig übersetzt mit Architektur und Gedächtnis. München und Nationalsozialismus. Strategien des Verbrechens) von Gavriel D. Rosenfeld. Es geht um die Auseinandersetzung um den Wiederaufbau von München 1945. Die Stadt wurde zwischen 1943 und 1945 mindestens 66 Mal durch Luftangriffe beschädigt. Nur zweieinhalb Prozent aller Gebäude blieben unbeschädigt; zwischen einem Drittel bzw. der Hälfte aller Gebäude wurden schwer beschädigt bzw. zerstört, in der Altstadt 60%, in Schwabing 70%. Der größte Teil des Buches befasst sich mit den Diskussionen darüber, wie man die Stadt wieder aufbaut – oder ob überhaupt: Was wird abgerissen (wie die Maxburg), was originalgetreu wieder aufgebaut (wie der Alte Peter) und was nur äußerlich (wie die Frauenkirche, deren gotikisiertes Inneres nicht wiederherstellt wurde, oder die Residenz). Es gab sogar die Diskussion, Schuttberge zu erhalten, die als Mahnung gelten sollten.

Worauf ich hinaus will: Es gibt in der Denkmalpflege zwei Strömungen, die ich erst durch dieses Buch kennengelernt habe. Man kann Gebäude wegen ihrer stilistischen Reinheit oder wegen ihrer Authentizität erhalten. „Laut Alois Riegl bestand ein fundamentaler Widerspruch zwischen dem historischen Wert eines Gebäudes und seinem Alterswert.“ (Rosenfeld 2004, S. 57.) Der historische Wert besagt, dass die architektonische Form eines Gebäudes uns etwas über die jeweilige Zeit, ihre Geschichte und Kunstgeschichte sagt. Der Alterswert zeigt durch seinen Verfall bzw. seine Zeitspuren Geschichte in physischer Form. Georg Dehio sagte, dass auch die Zerstörung durch Geschichte respektiert werden müsse, wir können keinen Trost durch Täuschung erfahren. Nach 1945 wurde die letzte Position zeitweilig aufgegeben, indem man ein neues Prinzip der „schöpferischen Denkmalpflege“ etablierte (vor allem durch Rudolf Esterer): Es muss genug Originalmaterial vorhanden sein, um das Gebäude wieder aufzubauen, der Originalzustand musste dokumentiert vorliegen, um ihn nachzubauen, und die organische Einheit von Baumaterial und Architekturstil sollte wiederhergestellt werden.

Dieses Prinzip der schöpferischen Denkmalpflege wird auch in Auschwitz teilweise angewendet:

„In 2009, the infamous metal sign reading “Arbeit Macht Frei,” or “Work Makes You Free,” which hangs over the entrance gate, was stolen. It was found several days later elsewhere in Poland, cut into three parts. (A Swede with neo-Nazi ties and two Poles were later charged with the crime.) Mr. Jastrzebiowski helped weld the sign back into one piece. But the scars from the welding told the story of the sign’s theft more than of its long history, and so the museum decided it would be more authentic to replace the damaged sign with a substitute.“

In Auschwitz geht es natürlich nicht um eine kunsthistorische Auseinandersetzung, sondern um eine historische. Daher gibt es an diesem Ort auch andere Dinge zu bewahren als nur Gebäude. Manchmal bewahrt man sie allerdings nicht, und ich glaube, das ist richtig so:

„The museum has decided not to conserve one thing: the mass of human hair that fills a vast vitrine. Over the years, the hair has lost its individual colors and has begun to gray. Out of respect for the dead, it cannot be photographed. Several years ago, the International Auschwitz Council of advisers had an agonizing debate about the hair. Some suggested burying it. Others wanted to conserve it. But one adviser raised a point: How can we know if its original owners are dead or alive? Who are we to determine its fate?

It was decided to let the hair decay, on its own, in the vitrine, until it turns to dust.“

Art as Therapy

Noch ein Buchtipp: Art as Therapy von 2013. Die Website dazu gibt kurze Einblicke in die niedliche Idee, das mit Kunst alles heilbar ist. Ich würde eher auf „erträglich“ setzen. Hier ein Ausschnitt aus Pieter de Hoochs At the Linen Closet von 1663, das sich mit dem Problem „Meine Arbeit ist so banal“ befasst:

„The linen closet itself could easily be resented. It is an embodiment of what could, under an unhelpful influence, be seen as boring, banal, repetitive – even unsexy.

But the picture moves us because we recognise the truth of its message. If only, like de Hooch, we knew how to recognise the value of ordinary routine, many of our burdens would be lifted. It gives voice to the right attitude: the big themes of life – the search for prosperity, happiness, good relationships – are always grounded in the way we approach little things.“

(via @gedankentraeger)

Wordless Ads Speak Volumes In ‘Unbranded’ Images Of Women

Ein Artikel bzw. Radiobeitrag von NPR setzt sich mit Bildern in der Werbung auseinander. Was bleibt übrig, wenn wir die lustigen Headlines weglassen?

„In 2008, [Hank Willis] Thomas removed the text and branding from ads featuring African-Americans, creating a series he called Unbranded, which illustrated how America has seen and continues to see black people.

In the run-up to the 2016 election — and the possibility of a white woman being nominated — he’s mounted a new exhibit, featuring women in print. It’s called Unbranded: A Century of White Women, and it features images from mainstream commercial print advertisements from 1915 to today.

Stripping away the normal elements of an advertisement and reducing it to pure image is powerful, Thomas says.

“I think what happens with ads — when we put text and logos on them, we do all the heavy lifting of making them make sense to us,” he tells NPR’s Linda Wertheimer. “But when you see the image naked, or unbranded, you start to really ask questions.

“That’s why we can almost never tell what it’s actually an ad for, because ads really aren’t about the products. It’s about what myths and generalizations we can attach, and the repetition of imagery of a certain type.”“

(via @ellebil)

Fehlfarben 5: „Art is a guarantee of sanity.“ … „As if.“

@sammykuffour, @munifornication und ich haben wieder gepodcastet. Heute im Programm: zwei Ausstellungen und drei österreichische Rotweine.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 76 MB, 95 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung, Vorstellungsrunde und Blindverkostung Wein 1.

00.02:20. Unsere erste Ausstellung: Louise Bourgeois – Strukturen des Daseins: Die Zellen im Haus der Kunst. Wir erwähnen bei der Besprechung unter anderem ihre Maman, The Last Climb, Cell XV (For Turner) und Cell XVIII (Portrait).

Die Ausstellung läuft noch bis zum 2. August und hat von uns drei begeisterte Daumen nach oben bekommen.

00.28.50: Blindverkostung Wein 2.

00.53.50: Blindverkostung Wein 3.

01.05.00: Ausstellung Nr. 2 läuft ebenfalls im Haus der Kunst und zwar noch bis zum 31. Mai: Mark Leckey – Als ob. Sie kam bei uns nicht ganz so gut an, hat aber für eine durchaus kontroverse Diskussion gesorgt. Zwei Querdaumen, einer nach unten. Wir sprechen unter anderem über Fiorucci made me hardcore, das man sich hier anschauen kann.

Bei den Weinen waren wir uns auch nicht ganz einig: Wein 3 landete bei uns allen auf Platz 3, Florian mochte Wein 2 am liebsten, Felix und ich Wein 1.

Wein 1: Gsellmann Heideboden „Quadrophenia“, ein Cuvée aus Zweigelt, Saint Laurent, Pinot Noir und Blaufränkisch, Burgenland, 2011, 13%. Laut Felix kostet die Flasche beim Backerl 20 Euro, eine Google-Suche gibt irgendwas zwischen 11 und 15 Euro an.

Wein 2: Kollwentz Blaufränkisch, Burgenland, 2009, 14%. Den habe ich bei Rotweißrot für um die 20 Euro gekauft.

Wein 3: Domäne Wachau, Blauer Zweigelt „Himmelsstiege“, Wachau, 2013, 13%. (Verlinkt ist der 2012er.) Kostet um die 9 Euro.

Bonuswein, weil der Abend so nett und die Gläser irgendwie schon leer waren: Schmelzer, Blauer Zweigelt, Burgenland/Neusiedlersee, 2013, 13,5%. Empfehlung! Auch beim Backerl gekauft.

„Stoppt die Banalisierung!“ „Stoppt Ausrufezeichen in Überschriften!“

Wolfgang Ullrich polemisiert: Nicht alle Menschen sollten in Museen rumlungern. Ich polemisiere mal mit.

„Jetzt sollen selbst die Blinden sehen. In der National Gallery in London stanzte man dazu eigens ein Gemälde von Camille Pissarro auf eine Weise in Papier, dass sich wichtige Orientierungspunkte des Bildes ertasten lassen. Nicht nur seine Komposition, sondern sogar Farbverläufe werden auf diese Weise übersetzt, wie kürzlich der Dokumentarfilm National Gallery zeigte. Man kann das für verdienstvoll oder für vergeblich halten, es verrät vor allem viel über heutige Ansprüche der Kunstvermittlung: Niemand, wirklich niemand soll von der Beschäftigung mit Kunst ausgeschlossen werden.“

Und das ist ganz schlimm, weil …? Weil wir Kunsthistoriker*innen, Museumsmenschen, Künstler*innen irgendwelche Hoheiten abgeben müssen? Uns nicht mehr nur mit uns selbst befassen? Andere an einem wundervollen kulturellen Gut teilhaben lassen? Fürchterlich, echt.

„Das aber erinnert an die Tradition christlicher Missionskultur. Wie es in ihr darum ging, jedem Menschen, egal, wo und wie sozialisiert, die Chance zu geben, Gottes Wort kennenzulernen, will man heute ausnahmslos alle mit Kunst erreichen. Und wie der erfolgreich Missionierte ewiger Verdammnis entgehen kann, glaubt man auch im Fall der Kunst daran, dass durch ihre Vermittlung viel Gutes passiert: Extreme Emotionen ließen sich ausgleichen und Integrationsfortschritte erzielen, ja Kunst könne sinnstiftend wirken, zu Seelenheil und kognitiven Mehrleistungen führen, so heißt es in zahlreichen Publikationen. Die Missionsunrast des Christentums hat eine Nachfolge in der Vermittlungsunrast heutiger Kunstmuseen gefunden.“

Ich persönlich glaube sehr an eine sinnstiftende Wirkung von Kunst. Ich erwarte sogar eine von ihr. Nicht vom jedem Werk, nicht von jeder Künstler*in, aber ja: Ich will, dass Kunst etwas macht. Mit mir, im besten Fall mit der Gesellschaft. Ich will keine Kunst, die hübsch über dem Sofa aussieht, ich will Kunst, die aufwühlt, bewegt, beeindruckt, ärgert. Natürlich gibt es Kunst, die so offensichtlich missioniert, dass man nur grinsend vor ihren guten Absichten abwinkt, aber das sei ihr verziehen. Andere Kunst ist einfach nur da, und es liegt an mir, was ich mit ihr mache. Genau wie mit der Religion, bei der ich auch die Freiheit habe, sie links liegen zu lassen, mich ihr anzunähern oder sie zu umarmen. Ich kenne kein Museum, das mit Bibel und Tropenhelm Kontinente erobert, insofern halte ich den Vergleich für sehr hinkend. Ich sehe Museen, die sich bemühen, aber es zwingt mich niemand, diesen Bemühungen zu folgen.

„Tatsächlich erstaunt, wie sich die Museen mit der Entdeckung bisher noch kunstferner Milieus gegenseitig übertrumpfen. Fast schon selbstverständlich sind Veranstaltungen für Menschen mit Migrationshintergrund, Programme für Demenzkranke oder Angebote der sogenannten Geragogik für ältere Menschen. Das Lenbachhaus in München bietet auch Aktionen für “Erwachsene mit Babys”. In der Ankündigung kann man lesen: “Der inhaltliche Schwerpunkt ist das Familienporträt und die Darstellung von Kindern in der Kunst. Kein strenger Ablauf und kein vorgegebener Plan diktieren den gemeinsamen Rundgang, sondern die Interessen und Bedürfnisse der Teilnehmenden – ob Stillpausen oder Babygeschrei.”

Ist das nicht großartig, dass wir nicht mehr mit dem Großen Kunstführer im Anschlag durch Museen gehen müssen oder uns mit Audioguides abkapseln, sondern Kunst gemeinsam erleben können? Ist es nicht toll, dass sich die Institutionen auf neues Publikum einstellen, anstatt arrogant zu sagen, hier kommt nur das Bildungsbürgertum rein und sonst keiner? Ist es nicht wunderbar, wenn alte Menschen lernen, demente Menschen umsorgt und Menschen mit Migrationshintergrund einbezogen werden?

„Etwas präziser – und zugleich allgemeiner – könnte man die Hochkonjunktur der Kunstvermittlung als Folge einer Verbindung von Kunstreligion und Sozialdemokratie beschreiben. Verdankt sich jener der Glaube an die heilende Kraft von Kunst, so dieser der Anspruch, nicht nur Bildungs- oder Geldeliten dürften davon profitieren. “Das Museum der Gegenwart öffnet sich, baut Hürden ab, spricht neue Zielgruppen an und schafft neue Beteiligungsmöglichkeiten. Auf diese Weise entstehen neue Identitäten.” So formulierte es etwa Thomas Krützberg, Kulturdezernent in Duisburg.“

Nochmal: Fürchterlich, echt.

„Kunstmuseen sind innerhalb der letzten zwanzig, dreißig Jahre zu führenden Institutionen engagierter Sozialpolitik geworden. Dass sie noch andere Aufgaben haben, ja zwei Jahrhunderte lang vornehmlich dem Sammeln, Bewahren und Forschen gewidmet waren, tritt demgegenüber in den Hintergrund. Hätten Staats- und Landesbibliotheken, ursprünglich aus demselben Geist wie Museen entstanden, dieselbe Entwicklung wie diese genommen, müssten sie heute einen Großteil ihrer Anstrengungen darauf verwenden, die Zahl der Ausleihen und Benutzer von Jahr zu Jahr zu erhöhen, und Politiker würden von Bibliotheksdirektoren verlangen, neue Benutzerkreise zu erschließen. Es würde nicht mehr reichen, nur ein bildungsbürgerliches und akademisches Publikum anzusprechen, vielmehr müsste man sich genauso um soziale Randgruppen kümmern und etwa eigene Kursprogramme für Analphabeten einrichten, die endlich auch zu Lesern werden sollen. Immerhin seien die Bibliotheken ja mit Steuergeldern finanziert!“

Schon wieder ein Vergleich, der Krankengymnastik braucht. Auch Bibliotheken haben unterschiedliche Zielgruppen. Nicht jede Bibliothek ist eine Stabi oder UB, stattdessen holen Stadtteilbibliotheken und Bücherhallen das nicht-akademische Publikum ab und versorgen es mit Bestsellern, DVDs und kindgerechter Literatur. Insofern muss sich nicht jede Bibliothek neue Benutzerkreise erarbeiten – die verteilen sich schon ganz brav von alleine. Die Kurse für Analphabet*innen halte ich übrigens für eine gute Idee: Wo, wenn nicht in einer Bibliothek, erschließt sich der Sinn des Lesens besser?

Dass Museen dem Sammeln, Bewahren und Forschen gewidmet sind, schließt übrigens nicht aus, dass man auch einfach in ihnen rumbummeln kann. Bis jetzt hat mich noch kein Besucher dabei gestört, wenn ich für die Uni vor einem Bild stand. Das geht ganz prima gleichzeitig.

„Niemals zuvor in der Geschichte wurde mit Kunstwerken so viel gemacht wie heute. Um sie herum ist eine enorme Geschäftigkeit entstanden, mit der seltsamen Erwartung, dass jedes Kunstwerk jedem Menschen zu jedem Zeitpunkt etwas zu geben habe. Mochte das Vermitteln von Kunst in den Jahren nach 1968 aus einem Geist der Emanzipation und Freiheit heraus entstanden sein, so ist daraus ein Imperativ geworden, dessen problematische Folgen erst allmählich sichtbar werden. So weist die Kunstsoziologin Kathrin Hohmaier in einer jüngst publizierten Studie nach, was man bereits befürchten musste, nämlich dass Kunstvermittlung sogar negative Auswirkungen zeitigen kann. Im untersuchten Fall ging es darum, Jugendlichen ohne abgeschlossene Berufsausbildung und ohne Erfahrung mit Museen einen Zugang zu moderner Kunst zu bahnen. Allerdings entwickelten sie während des Vermittlungsprogramms “ein hochgradig präsentes Gefühl der sozialen Exklusion im musealen Raum” – und schließlich fanden sie moderne Kunst noch sinnloser als zuvor, es wuchsen “ihre Vorurteile ihr gegenüber”. Hohmaier vermutet, dass die Kunstvermittler sich ihrer Zielgruppe zu sehr anpassten: Statt den Jugendlichen Wissen oder Interpretationen zu den Werken zu bieten, beschränkten sie sich darauf, sie, ausgehend von Exponaten, selbst malen zu lassen. Damit aber wurde ihnen “ihre eigene Bildungsferne […] noch stärker ins Bewusstsein gerufen”.“

Der Punkt geht an Ullrich. Das halte ich auch für eine selten beknackte Idee, sich Kunst anzunähern, indem man sie imitiert. Ich erinnere mich an meinen schulischen Kunstunterricht, in dem unser Lehrer uns Beuys so nahebringen wollte: Wir sollten das Erdtelefon in anderer Form nachbilden. Ich habe einen Apfel neben eine alte Schreibmaschine montiert und hatte keine Ahnung, warum.

Ich frage mich, woher diese Idee kommt, sich Kunst so zu erschließen. Dinge nachzubauen, um sie mechanisch zu verstehen, ja, das kapiere ich, aber Kunst ist meist mehr als ein konstruiertes Objekt. Kunst heißt oft, dass diesem Objekt eine Bedeutung eingeschrieben wurde, die nicht durch bloßes Nachbilden erkannt werden kann. Hier sehe ich es als sinnvoller an, mich dem Werk mit Wissensvermittlung oder Interpretationsansätzen zu nähern. Die Kunstvermittler*innen könnten eben diese vorgeben und dann darüber diskutieren, anstatt Menschen mit Fragezeichen auf der Stirn ein paar Stifte in die Hand zu drücken.

Gerade Beuys ist durch pures Sehen kaum nachzuvollziehen – allerdings ist er deshalb für mich auch immer reizvoller geworden. Seine Werke haben 20 Jahre in mir rumort, bis ich endlich mal ein Buch über ihn gelesen habe bzw. länger vor seinen Werken rumgestanden habe. Ich bin mir inzwischen nicht mal sicher, ob ich ihn komplett verstehen will – meist reicht es mir, mich mit seinen Werken zu konfrontieren oder ihm bei der Arbeit zuzuschauen, z. B. im Lenbachhaus, wo ein Video seiner Performance I like America and America likes me läuft. Das wird bei mir meist zur Meditation, wenn ich lange bei Beuys rumhänge und weniger zur kunsthistorischen Auseinandersetzung. Aber auch hier: Wer sagt, dass das die einzig richtige Art ist, sich mit Kunst auseinanderzusetzen? Ich mag es sehr, bei einigen Werken gerührt zu werden, von anderen fasziniert zu sein – und wieder andere gelangweilt links liegen zu lassen. Daher stimme ich Ullrich mal wieder nicht zu, wenn er sagt, dass „jedes Kunstwerk jedem Menschen zu jedem Zeitpunkt etwas zu geben habe“.

„Kunstvermittler – zum allergrößten Teil Kunstvermittlerinnen – sind höchst findig, wenn es darum geht, ihr Publikum dort abzuholen, wo es steht. Nur liefern sie es leider genau dort auch wieder ab. Sie bemühen sich gerade nicht um Bildung oder Aufklärung; vielmehr wird der jeweiligen Klientel suggeriert, sie befinde sich schon auf Augenhöhe mit der Kunst und stecke selbst voller kreativer Potenziale. Eigentlich gehe es nur noch darum, ein paar Unsicherheiten abzubauen.

Doch diese Einschätzung ist fatal. In ihrer Folge werden die Werke nämlich so vermittelt, dass nicht mehr viel von ihnen übrig bleibt. Vielmehr heißt Vermittlung von Kunst, diese bis zur Unkenntlichkeit zu verharmlosen. Hatten die Bildungsbürger noch den Ehrgeiz, sich die Kunst, die sie selbst nie hätten kaufen können, intellektuell anzueignen und sich damit als ihre wahren Besitzer zu fühlen, ja steigerte jemand wie Bazon Brock in seinen legendären Besucherschulen auf der Documenta das Selbstbewusstsein des Publikums noch durch ein Mehr an Bildung, verfolgt die Kunstvermittlung von vornherein ein anderes Ziel. Das Unbehagen, das eine schwierige, schroffe und rätselhafte Kunst auslöst, wird abgebaut, indem man all diese Eigenschaften durch Aktionismus überspielt und so tut, als sei Kunst letztlich doch ganz einfach und verlange keine Zugangsvoraussetzungen. Kunstvermittlung ist insofern vor allem Anästhesie: Sie dimmt alles auf eine vage Atmosphäre von Kreativität herunter.“

Ich bin darüber gestolpert, dass Ullrich hier als einzige Ausnahme vom generischen Maskulinum im Artikel auf die „Kunstvermittlerinnen“ hinweist. Ich kann nur spekulieren, ob hier eine latente Abneigung gegen die Mädels im Kunstbetrieb herrscht, die es weiblich-klischeehaft sozial und mütterlich eingestellt wagen, den dementen Migranten Kunst näherzubringen anstatt männlich-klischeehaft zu forschen, zu lehren und wissenschaftliche Karriere zu machen, die nur von wenigen Frauen gestört wird. Wenn ich mich in den Seminarräumen und Hörsälen umgucke, sehe ich allerdings, dass meine Kommilitonen zu ungefähr 90 Prozent weiblich sind. Wahrscheinlich gibt es daher schlicht mehr Kunstvermittlerinnen als Kunstvermittler, und der Seitenhieb Ullrichs geht peinlich ins Leere.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob wirklich alle Besucher*innenführungen Kreativität zum Ziel oder Ausgangspunkt ihrer Vermittlung haben. Ich gebe zu, ich mache selten Führungen mit, weil ich lieber selber gucke, aber man kommt ja nicht darum herum, auch mal bei einer zuzuhören, wenn sie im gleichen Raum stattfinden, in dem man selber steht. Spontan fällt mir eine Führung zu Mondrian im Bucerius-Kunst-Forum in Hamburg ein, wo eine Vermittlerin gerade einige Bilder mit der Biografie Mondrians in Verbindung brachte. Ein weiteres Mal hörte ich in der Hypo-Kunsthalle in München bei Rembrandt, Tizian, Bellotto einer Vermittlerin zu, wie sie vor einem Stillleben den Besucher*innen erzählte, ab wann welche Früchte überhaupt in Europa vorhanden waren, um gemalt werden zu können. Beide Ansätze fand ich sehr stimmig, und es musste auch niemand Blumen aus Fimo nachbasteln, um sich an einem floralen Bild erfreuen zu können. Bei einer dritten Führung in der Neuen Pinakothek sah ich allerdings eine Kindergartenklasse vor den Impressionisten auf dem Boden liegen und malen. Und das war genauso stimmig, weil es zu kleinen Kindern passte.

„Lange erwartete man gerade im linken Milieu, dass Kunst weh tue und das Bestehende negiere. Für Philosophen wie Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse bedeutete es nicht weniger als das Ende der Kunst, sie zu vermitteln und dabei zu verniedlichen, ja mit der Realität zu versöhnen. Heute jedoch müssen Vertreter einer derart kunstvermittlungskritischen Position mit dem Vorwurf rechnen, elitär zu sein. Sind Kritiker der Kunstvermittlung nicht zu verwöhnt und abgehoben, um erkennen zu können, in welch bedauernswerter Lage sich unterprivilegierte Minderheiten befinden? Sind sie sogar gegen diese Minderheiten?

Kunstvermittlung konnte sich auch deshalb widerstandslos durchsetzen, weil kein Museumsdirektor in den Verdacht geraten will, minderheitenfeindlich zu sein. Dabei ist dieser Verdacht alles andere als gerechtfertigt. Übertragen auf andere Bereiche hieße das, auch dann Diskriminierung zu unterstellen, wenn jemand meint, Senioren brauchten sich nicht mit Musik von Jugendlichen zu beschäftigen oder für Leute ohne Schulabschluss sei höhere Mathematik zu schwierig. Tatsächlich wird sonst überall akzeptiert, dass manchen die Voraussetzungen für bestimmte Gebiete fehlen. Warum sollte das nur im Fall der Kunst anders sein? Sofern ebendies behauptet wird, zeigt sich nochmals die Vereinigung von Kunstreligion und Sozialdemokratie: Für die Kunst wird ein absoluter, kein bloß relativer Wert reklamiert, sie wird zu etwas erklärt, das ausnahmslos für alle gut sein soll.“

Kunst ist für alle gut, genau wie Musik oder Tanz oder Literatur. Aber niemand wird gezwungen, sich mit ihr zu beschäftigen. Das ist für mich der große Irrtum in Ullrichs Polemik. Ich muss nicht ins Museum, aber wenn ich schon da bin, finde ich es nett, dass man mir verschiedene Angebote macht, mich mit den Inhalten auseinanderzusetzen.

Natürlich ist meine Erwartungshaltung als Kunstgeschichtsstudentin eine andere als die von vor 20 oder 35 Jahren. Vor 20 Jahren gab’s für mich die Impressionisten und fertig, mehr wollte ich gar nicht sehen, weswegen ich auch nicht mehr gesehen habe. Vor 35 Jahren allerdings haben mich meine Eltern von einem Museum ins nächste geschleppt, genau wie ins Theater und in die Oper und ins Ballett. Meine Eltern haben beide bereits mit ungefähr 16 Jahren angefangen zu arbeiten und hatten in ihrer Kindheit und Jugend keinen Zugang zu den ganzen kulturellen Einrichtungen, in die meine Schwester und ich dann mitgenommen wurden. Ich rechne es beiden bis heute sehr hoch an, dass es für mich nie eine Schwelle zu Kultur gab, über die ich mich nicht getraut habe. Ich kann mir aber vorstellen, dass es andere Menschen gibt, denen das nicht so geht. Was ist falsch daran, diese Menschen dort abzuholen, wo sie sind?

Es gibt ein Motto, das ich sehr mag, auch wenn es fies nach Kissenstickerei klingt: „Start where you are. Use what you have. Do what you can.“ Wenn du nichts mit Beuys anfangen kannst: Lies ein Buch. Oder geh einfach mal gucken. Oder frag im Museum, ob es speziell dafür Führungen gibt. (Und hoffe dann darauf, dass du kein Werk von ihm nachbauen musst.) Ich kann wirklich überhaupt nichts Schlechtes daran sehen, wenn verschiedenen Menschen Kultur nahegebracht wird. Natürlich findet das auf einer anderen Ebene statt als das, was wir an der Uni machen. Aber das ist doch der Witz an der Sache: Die Uni macht ihr Ding und Museen machen ein anderes.

Ich gebe Ullrich völlig recht, wenn er sich gegen eine Banalisierung von Kunst zur Wehr setzt und eine gewisse Erwartungshaltung an Kunstvermittlung hat. Aber nochmal: Sich generell gegen Kunstvermittlung auszusprechen – und das ist für mich eher der Tenor seines Artikels – halte ich für höchst arrogant.

Edit, 13.4.: Auf Let’s talk about arts diskutiert Ullrich in den Kommentare mit und erklärt unter anderem, dass die olle Überschrift nicht von ihm ist.