Statusmeldung

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(Cabu, Wolinski, Tignous, Charb. Ein blöder und bösartiger Tod.
Gott: Cabu? Ausnahmsweise bist du mal zu früh.)

Links vom 6. Januar 2015

(Das erste Mal „2015“ getippt.)

Why #GamerGate Failed: A Look Back at 2014′s Most Ridiculous Movement

Die Überschrift sagt alles – und dann doch nicht ganz, denn ich fand diese ganze Sache mehr als ridiculous, sondern erschreckend und gefährlich in ihrer konsequenten Eskalation.

„There are 1.2 billion gamers in the world right now. If gaming were a religion it would be the third most popular religion in the world. That’s an awful lot of different people wondering why all the big money games tend to star violent American white male power fantasies. (…)

Suddenly it became the fight to protect a culture, further reducing the seriousness with which the 1,199,780,000 gamers who don’t post to /r/kotakuinaction could ascribe to GamerGate. Gaming didn’t need protecting against The Man anymore than all the hair metal bands in the ’80s needed to rally to protect rock and roll. The vast majority of gamers aren’t just that or even primarily that. They’re people playing a few rounds of Candy Crush on the bus or logging onto World of Warcraft after a hard day. Most of them game because they always have, no different than going to the movies or watching TV.

In other words they’re generally grown-ups and grown-ups have a hard time believing that ethics in video game journalism is worth sending death threats to a feminist on Twitter. It’s entertainment journalism. It might as well be E!, and the absolute worst thing that can happen is an undeserved game gets a good review or a great game gets trashed. Is that unethical if the opinion of the reviewer has a conflict of interest or has been compelled to do so by a game studio? Sure, of course it is, but that story will never, ever be more important than, say, Felicia Day saying she’s afraid to comment publicly on GamerGate because she might get harassed and then immediately getting called a stupid cunt and having her home address posted.“

(via @Living400lbs)

31c3 – Kommt alle

Das nuf erklärt, warum man sich auch als Nicht-Haeckse auf den Chaos Communication Congress trauen sollte, und ich möchte mich jetzt Ende Dezember von ihr an die Hand nehmen lassen. Ich bin ja quasi in der Nachbarschaft.

„Ich habe mich sehr willkommen gefühlt. An keinem Punkt gab es auch nur im geringsten das Gefühl unerwünschter Fremdkörper zu sein. Das Motto des Kongress lautete “A new dawn”. gemeint war wahrscheinlich eher die Post-Snowden-Ära und die damit verbundene Aufforderung an die (Hacker)Community das Internet sicherer im Sinne von sicher vor flächendeckender Überwachung zu machen.

Für mich war “A new dawn” aber auch eine generelle Öffnung der Hackercommunity, die ja zweifelsohne Wurzel des ccc-Kongresses ist, gegenüber der breiten Bevölkerung. Schließlich ist das ganze Überwachungs- und Internet-Thema nicht durch einzelne “ElitehackerInnen” zu lösen sondern ausschließlich durch die Miteinbeziehung aller internetfähigen Menschen.“

Das Leben ist ein Hauch

Nachdem Die Mannschaft der langweiligste Scheiß ever war, weise ich noch mal auf Das Leben ist ein Hauch hin, den WM-Rückblick der ARD. 90 Minuten, nicht deutschlandzentriert und genau deswegen deutlich spannender. Mit Suarez- und van-Persie-Memes! Der Film ist noch bis zum 31. Januar in der Mediathek abrufbar.

Die politische Dimension von Fett

Magda von der Mädchenmannschaft beschreibt, ausgehend von einem FAZ-Artikel über die dicke belgische Gesundheitsministerin Maggie De Block, was Fett mit Politik zu tun hat.

„Wir leben in einer Zeit, in der die Angst vor dem Fettwerden gesellschaftliche Normalität ist, in der Kinder in Diätcamps mit minimalster Kalorienzufuhr gesteckt werden und Ärzt_innen FdH (»Friss die Hälfte«) für einen angemessenen Ernährungstipp halten. Wir leben in einer Zeit, in der Lehrer_innen aufgrund eines Body-Mass-Index (BMI) von über 30 in manchen Bundesländern nicht verbeamtet werden können. Wir leben in einer Zeit, in der Diäten, Diätpillen, Magenverkleinerungen und dickenfeindliche Sprüche und ihre verheerenden Auswirkungen auf Körper und Seele für »gesünder« als ein dicker Körper als solcher gilt. Die Fixierung auf einen schlanken Körper und die Angst vor Fett(sein) nehmen absurde Dimensionen an: Die Kompetenzen einer Politikerin werden angezweifelt, weil sie einen dicken Körper hat und nicht etwa, weil sie kritikwürdige politische Entscheidungen in ihrer Berufskarriere gefällt hat. (…)

Da Körperfett heutzutage durchweg negativ belegt ist und so gar nicht zum neoliberalen Idealbild der tüchtigen Angestellten passt, wird der eigene Körper zur permanenten Kampfzone: Die schwabbelnden Oberschenkel müssen weg und die speckigen Arme gehören versteckt. So schreibt die US-amerikanische Bloggerin und Expertin für Körperbilder Virgie Tovar in ihrem 2012 erschienen Buch »Hot & Heavy« passenderweise: »Mein Fett ist politisch, weil es Leute so richtig sauer macht, wenn ich es zeige. Mein Fett ist politisch, weil ich es behalte«.“

2014 revisited

(2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003.)

1. Mehr Kohle oder weniger?

Es pendelt sich langsam ein zwischen der goldenen Werberinnennase und der mittellosen Studentin.

2. Mehr ausgegeben oder weniger?

Weniger. Der größte Posten sind weiterhin die doppelte Miete und die Flüge, aber beim Rest lebe ich gefühlt eher wie eine Studentin. Wofür ich weiterhin Geld ausgebe wie eine Werberin: Wein und Fußballtickets.

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PS: Danke an den #tpmuc, durch den ich viele Bayernfans mit Dauerkarten kennengelernt habe, die ihrerseits Leute mit Dauerkarten kennen, und wenn die mal nicht können, darf ich ins Stadion. Deswegen war ich in diesem Jahr so oft in der Arena wie nie zuvor, habe aber die wenigsten Tickets davon. Wo ich doch so gerne Eintrittskarten aufhebe.

3. Mehr bewegt oder weniger?

Gleichbleibend ständig auf dem Fahrrad unterwegs. Allerdings mehr die 1000 Meter zur Uni oder die fünf Kilometer zum Biergarten als Riesentouren.

4. Der hirnrissigste Plan?

In Hamburg entspannt Fahrrad zu fahren.

5. Die gefährlichste Unternehmung?

Jede neue Strecke in Hamburg ist auf dem Rad eine gefährliche Unternehmung, denn so was wie eine intuitive Straßenführung ist für RadlerInnen anscheinend nicht vorgesehen. Ich komme eigentlich immer angepisst nach Hause, wenn ich in Hamburg auf dem Rad unterwegs bin, weil ich mich konstant über Gegenverkehr ärgere oder Radwege, die einfach aufhören, Radwege in miesem Zustand, Radwege, die auf einmal auf der anderen Straßenseite weitergehen oder auch einfach gar keine Radwege. Bis jetzt habe ich es netterweise immer ohne Schrammen nach Hause geschafft, aber einmal bin ich locker vor ein Auto geradelt, weil ich schlicht nicht gesehen hatte, wo ich verdammt noch mal lang muss. Der Autoverkehr hat tausend Schilder, die rechtzeitig (!) ankündigen, wenn sich irgendwo was ändert. Das hätte ich für Radwege auch gerne. Oder, wie gesagt, überhaupt Radwege.

In München ist auch nicht alles perfekt, aber doch um Klassen besser als in Hamburg. (Wo fieserweise das tolle Rad steht, während ich in München immer noch auf meiner guten, alten Aldi-Möhre unterwegs bin.) Vielleicht habe ich auch nur das Pech, in Hamburg genau die Strecken zu befahren, die mies ausgebaut sind und von Geisterradlerinnen bevorzugt werden.

Mir fällt immer mehr auf, wie sehr wir unsere Städte für den Autoverkehr perfektioniert haben und es geht mir inzwischen extrem auf die Nerven, dass alle anderen sich diesem einen lauten, schadstoffreichen und nicht ungefährlichen Verkehrsmittel unterordnen müssen. Hätte ich jetzt auch nicht gedacht, dass meine zunehmende Radikalisierung im Alter sich ausgerechnet auf den Autoverkehr konzentriert, wo ich die Karren doch eigentlich äußerst attraktiv finde.

6. Der beste Sex?

Kannnichklagen.

7. Die teuerste Anschaffung?

Ein iPhone 6 und ein Fahrrad für Hamburg. Runner-up: für meine Begriffe ungewöhnlich viele neue Klamotten, siehe Frage 21.

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8. Das leckerste Essen?

Das neu entdeckte Mansaaf in Hamburg mit dem Kerl, Nudelsalat im Biergarten nach dem Frauenchiemseeausflug, gegrillte Maiskolben auf dem sommerlichen Balkon des ehemaligen Mitbewohners. Die besten Weine gab’s übrigens beim Walter & Benjamin und bei Herrn @sammykuffour im Wohnzimmer.

9. Das beeindruckendste Buch?

Comic: Hotel Hades von Katharina Greve.

Sachbuch: Update. Eine neue Version ist verfügbar von Dirk von Gehlen.

Fiktion: Unendlicher Spaß von David Foster Wallace, The Goldfinch von Donna Tartt, Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie, Stoner von John Williams, Wir haben Raketen geangelt von Karen Köhler.

10. Der ergreifendste Film?

Im Kino Clouds of Sils Maria, auf DVD Broken Circle Breakdown.

11. Die beste CD? Der beste Download?

Weder eine CD noch einen Download habe ich so oft gehört wie das Woodkid-Radio auf Spotify.

12. Das schönste Konzert?

Roxanne de Bastion.

12a. Die tollste Ausstellung?

Eva Hesse in der Kunsthalle Hamburg und Hans Op de Beeck in der Sammlung Goetz in München.

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13. Die meiste Zeit verbracht mit …?

… meinen Büchern und meinem Rechner in diversen Bibliotheken.

14. Die schönste Zeit verbracht mit …?

… lernen, den Kerl kuscheln (viel zu selten), Kunst gucken, mit den Jungs über Kunst reden.

15. Vorherrschendes Gefühl 2014?

„Ach, fuck it, jetzt mach ich auch noch den Master.“ Oder anders: „Hamburg? München? Hamburg? München? Heidelberg, Göttingen, Berlin? Hamburg? München?“ (Tipp meines Dozenten für digitale Kunstgeschichte: „Das Getty Institute in Los Angeles könnte ich Ihnen für dieses Thema auch empfehlen.“ NOT HELPING!)

16. 2014 zum ersten Mal getan?

Die ESA in Darmstadt und im Anschluss das Städelmuseum in Frankfurt besucht. Am Chiemsee gewesen und mich in ein Kloster verliebt. Ein-, zweimal die Note 1,0 unter einer Hausarbeit stehen gehabt. Ein Dirndl getragen. Meine Schwester als Braut gesehen (sie war wunderschön und hat ihren Nachnamen behalten). Einen Podcast aufgenommen. Einen Prüfer für meine Bachelorarbeit im SoSe 2015 ausgesucht.

17. 2014 nach langer Zeit wieder getan?

Ein Auto verkauft. Kein Auto besessen – diesen Status hatte ich mit 18 das letzte Mal. Deutschland beim Weltmeisterwerden zugeguckt.

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18. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Herzschmerz, #JanHaraldMatthias/Pegida/die ganze intolerante Rotze halt sowie die zweite Halbzeit FC Bayern gegen AS Rom. Ja, es ist Bayern, ja, ich freue mich, im Stadion zu sein, aber meine Fresse, war das kalt und langweilig.

19. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Dass wir das hinkriegen.

20. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Länger zu bleiben als geplant.

21. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Ich bin immer noch dankbar für das Foodcoaching von 2009, und in diesem Jahr kam das letzte Geschenk als Nachzügler zur Selbst- und Körperakzeptanz dazu: keine Panik mehr davor zu haben, im Rock rauszugehen und meine dicken Beine zu zeigen. 2014 war der erste Sommer seit meiner Kindheit, in dem ich nicht schlechtgelaunt in Jeans und Turnschuhen rumgelaufen bin, sondern in Flatterröckchen, Leggings und offenen Sandalen. Das war der schönste Sommer, an den ich mich erinnern kann. (Gebt mir weitere fünf Jahre und ich lasse auch noch die Leggings weg.)

Runner-up an schönen Geschenken: ein Gutschein, ein gesaugter Teppich im Flur und ein paar DMs mit Ankunftsdaten in München.

22. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Sie scheinen für die Wissenschaft talentiert zu sein.“

23. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

„Ich liebe dich.“

24. 2014 war mit einem Wort …?

Herausfordernd.

Bücher Dezember 2014

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Nora Gantenbrink – Verficktes Herz

Nein, das war leider nicht meins. Die Leseprobe hatte mich zwar angefixt, aber nach 30 Seiten fragt man sich dann schon, ob da noch was anderes kommt als liebeskummerige Frauen in den 20ern, die die üblichen Mittel nutzen, um damit fertig zu werden. Wenn ich selbst Mitte 20 wäre, hätte ich das Buch wahrscheinlich toll gefunden, denn die Sprache ist schön klar, auch wenn Gantenbrink manchmal fett mit eklig gleichsetzt, worauf ich inzwischen äußerst pikiert reagiere. Ich bin aber nicht mehr Mitte 20 und deswegen war ich erst gelangweilt, dann genervt und dann habe ich das Buch weggelegt.

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Lion Feuchtwanger – Die Geschwister Oppermann

Dafür habe ich dieses Buch verschlungen. Es bleibt einem auch gar nichts anderes übrig. Mich hat erschreckt, mit welcher Klarheit Feuchtwanger 1933 schon ziemlich genau wusste, wie das angebliche Tausendjährige Reich weitergehen wird, mit welcher konsequenten Brutalität und Unmenschlichkeit, auch wenn er anscheinend fälschlicherweise davon ausging, dass das alles ein kurzer Spuk bleiben wird. Keine schöne Lektüre, aber jetzt gerade vielleicht ganz angebracht.

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Erich Kästner – Der Gang vor die Hunde

Ein paar Jahre früher als die Oppermanns treibt Jakob Fabian durch Berlin, durch Bordelle, Privatwohnungen, in denen frustrierte Ehefrauen locken, Ateliers und Werbeagenturen, von Erich Kästner meisterhaft aufgeschrieben. Wo ich an Feuchtwanger die gefühlt zeitlich verortbare Sprache mochte, hat mich hier die Zeitlosigkeit erstaunt, und ich war neben der Modernität von der Feinheit begeistert, mit der Kästner beschreibt. Das weiß man zwar schon aus seinen Kinderbüchern, dass er alles andere als nachlässig mit seinen Worten umgeht, aber hier kommt seine Präzision noch mehr zum Tragen. Hier steht ein bisschen mehr zur Neuauflage von 2013, die die alten Ausgaben des Fabian – so hieß der Roman früher – ersetzt. Große Empfehlung.

(Alle Links zu Amazon sind Affiliate Links.)

What Anke Ate in 2014

(2013, 2012, 2011, 2010)

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„Es begab sich aber zu der Zeit …

… dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Ich wünsche euch allen ein friedliches, fröhliches, besinnliches, schönes, gesegnetes Weihnachtsfest. Danke fürs Lesen.

Was Eva Hesse mit dem Typ vorgestern in der U-Bahn zu tun hat

Eine meiner ersten richtigen Ideen für die Bachelorarbeit, die im nächsten Semester ansteht, war, über Eva Hesse und Francesca Woodman zu schreiben. „Richtig“ im Sinne von: mehr als ein Geistesblitz oder ein flüchtiger Gedanke, schon eine Grundidee, von der ich wusste, dass sie über 60.000 Zeichen tragen würde und mich vor allem sehr interessieren würde. Ich wollte mich mit der Rezeptionsgeschichte der beiden Künstlerinnen auseinandersetzen – also nicht vornehmlich mit ihren Werken, sondern eher damit, wie die Gesellschaft, die Kunstkritik und vor allem die Nachwelt mit den beiden und ihrem Vermächtnis umgegangen ist. Sowohl Hesse als auch Woodman sind jung gestorben und ihnen haftet etwas Tragisches an: Hesse starb an einem Gehirntumor mit 34 Jahren, Woodman verübte mit 22 Jahren Selbstmord. Je länger ich mich mit den beiden Frauen auseinandersetzte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass ihre Werke stets dadurch verschleiert wurden, dass die Künstler a) weiblich waren und b) man immer dieses wohlig-gruselige Gefühl mit ihnen verbindet. Kann man auf die Werke schauen, ohne die Biografie im Hinterkopf zu haben? Soll man das überhaupt? Oder soll man genau das nicht?

Wie wäre es, wenn beide männlich gewesen wären? Woodman setzt ihren als weiblich wahrgenommenen Körper fotografisch in Szene und zwingt uns als Publikum, unsere Wahrnehmung eines weiblichen Körpers zu überprüfen. Wie würden sich ihre Werke anfühlen, wenn ein schmaler, junger Mann sein Verschwinden inszeniert hätte, sein Aufgehen in der Umgebung, sein Nicht-Sichtbar-Sein-Wollen? Ist das überhaupt ein Sujet, das in männlicher Kunst vorkommt? Gibt es männliche und weibliche Kunst? Oder gibt es nur Werke, denen wir weibliche und männliche Klischees einschreiben? Hätte die Kunstkritik im Werk eines männlichen Künstlers den Wunsch nach einem Schutzraum gelesen wie bei Hesse?

Dass ich selbst nicht frei von solchen Gedankengängen bin, habe ich beim Fehlfarben-Podcast über Florine Stettheimer gemerkt. Hat die Künstlerin von mir schon im Vorfeld Bonuspunkte bekommen, weil sie weiblich ist? Mochte ich die Ausstellung, weil sie eine Lebenswirklichzeit nachzeichnet, in der ich mich wiederfinde, oder will ich mich bewusst in ihr wiederfinden? Habe ich mir selbst eine Echokammer und eine Filterblase gebaut?

Ich verwarf die Arbeitsidee wieder, habe aber zum wiederholten Male gemerkt, dass ich mich lieber mit der Rezeption oder dem Umgang mit Kunst befasse als mit der Kunst selbst. Ich werde anscheinend eine Meta-Kunsthistorikerin. (Verdammtes Internet.)

Trotzdem lässt mich Hesse nicht los. In der Pinakothek der Moderne bin ich sehr gerne bei den Minimalisten und immer dann vermisse ich ihren Post-Minimalismus noch mehr. Ich mag an ihren Werken das minimalistische Beharren auf Wiederholung, das Verwenden von modernen Materialien, die Auseinandersetzung mit dem Raum. Aber noch mehr mag ich, dass man an ihren Werken eine menschliche Handschrift wahrnimmt. Natürlich weiß ich, dass Donald Judd seine Metallboxen nicht durch Zauberei übereinander gestapelt hat, sondern vermutlich mit Zollstock und Nägeln, und natürlich weiß ich, dass Dan Flavin seine Leuchtröhren anfassen musste, um sie neben- und übereinander anzuordnen. Aber das sehe ich nicht. Ich sehe kühle Perfektion und das mag ich. Aber noch mehr mag ich die warme Unperfektion Hesses, die geschwungenen Linien in ihren Körpern, das kleine Abweichen von der Präzision, dass aus Geraden Wellen werden und aus Symmetrie ein Ungleichgewicht.

Wahrscheinlich mag ich deshalb auch die Romanik lieber als die Gotik. Die Gotik will mich beeindrucken mit ihrer übermenschlichen Größe, ihrem göttlichen Licht, ihrer (in der Spätgotik) perfekten Wiedergabe des menschlichen Antlitzes in Stein. In der Frühgotik suchten die Bildhauer noch nach dieser Perfektion, wie man zum Beispiel in Chartres sehen kann. Und in der Romanik noch mehr – wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, ob eine lebensechte Darstellung überhaupt gewünscht war. Ich will inzwischen glauben: nein, war sie nicht. Ich bin sehr fasziniert von den Kapitellen in St. Lazare und dem Tympanon, das Eva zeigt. Überhaupt nicht perfekt, wenn man „perfekt“ als „naturgetreue Wiedergabe“ ansieht. Aber genau deshalb sehe ich es so gerne.

Überhaupt: sehen. Ich glaube inzwischen, dass mich sowohl mein jahrelanger intensiver Filmkonsum als auch, wer hätte es gedacht, die Arbeit in der Werbung ziemlich gut auf mein Studium vorbereitet haben. Ich habe mir beim Ansehen von Filmen unbewusst ein visuelles Vokabular zusammengebastelt, auf das ich schon in der Werbung zurückgreifen konnte, wenn es um neue Looks für Autokataloge ging, auch wenn das natürlich eher der Job der ArterInnen war. Und ich habe durch die Werbung gelernt, nach dem Besonderen Ausschau zu halten, dem Einzigartigen – ich kann um die Ecke denken, um Dinge zu finden, die bisher niemand vor mir gefunden hat.

Ich merke, dass ich Bildwerke und Skulpturen ähnlich angehe wie ich früher Filme geschaut habe: mit dem inneren Wunsch, begeistert zu werden. Das mag erstmal kein wissenschaftliches Herangehen sein, dieses unkritische „Mach was mit mir“, aber ich behaupte, es wird dem Werk gerecht. Denn kein Bild wurde gemalt, damit ich als Studentin missmutig draufgucke; Bilder wurden gemalt, um zu begeistern, zu faszinieren, aufzuwühlen, zu dokumentieren, zu verführen, sie sollen Emotionen wecken und erst danach vielleicht ein Subjekt für eine kritische Auseinandersetzung sein. Ich will es mir auch gar nicht abgewöhnen, emotional an Dinge heranzugehen. Ich will in eine Kirche gehen und staunend mit offenem Mund in Richtung Chor blicken, ich will in einem Museum fröhlich sein, erstaunt, aufgewühlt, ich will auf Werke unmittelbar und unverfälscht reagieren anstatt sie blasiert unter ein Mikroskop zu schieben. Dann gucke ich mir an, warum ich wie reagiert habe und nähere mich dem Werk so auf eine Weise, wie es sonst niemand kann. Und wenn ich dann durch meine individuelle Reaktion etwas an das Werk herantrage, was vorher noch nicht da war, dann, glaube ich, könnte aus mir eine ganz passable Kunsthistorikerin werden. (Oder ein total emotionales Weichei, das vor jedem Lehmbruck rumflennt. Wir werden sehen.)

Auf keine Filmkritik habe ich so viele Reaktionen bekommen wie auf Scorseses The Aviator von 2005. Die meisten Mails zogen sich an einem Detail hoch, über das ich einen ganzen Absatz lang schreiben musste, weil es mich so fasziniert hat: die rasiermesserexakt geschnittenen Haare von Leonardo di Caprio. Das ist auch das einzige, an das ich mich aus dem Film erinnere, das scheint mich wirklich mitgenommen zu haben. Aber wenn ich mir die Kritik nochmal durchlese, erkenne ich, dass ich schon damals eher auf Bilder als auf Handlung geachtet habe. Und ich muss immer an diese Kritik und an Leos Haare denken, wenn ich in der U-Bahn stehe und Leute angucke.

Ich sehe gerne das Menschliche in der Kunst, das Unperfekte. Ich lasse mich überwältigen und reagiere erst danach objektiv auf mein subjektives Empfinden. Und weil ich anscheinend nicht genug davon habe, mir Kunst in Museen oder Vorlesungen anzuschauen, sehe ich Menschen inzwischen wie Kunst an. Ich lese in der U-Bahn nicht mehr, ich starre stattdessen Leute an.

Mir fällt immer ein Detail auf, das mich dazu bringt, mir den Rest anzuschauen. Mal ist es eine besondere Statur, ein Mensch, der besonders raumgreifend steht oder, genau das Gegenteil, am liebsten verschwinden möchte wie Francesca Woodman. Ich schaue mir Kleidung an, ihre Farbe, vor allem ihre Stofflichkeit, ich fühle mich bei teuren Mänteln an Tizian erinnert, bei jedem Hijab denke ich an Rogier van der Weyden und ich verfluche Multifunktionsjacken, weil sie keine Stofflichkeit mehr besitzen, sondern aussehen wie Plastik. Ich schaue auf die Wirkung von Menschen, ich achte darauf, ob sie selbst darauf achten, eine Wirkung zu haben oder ob sie selbstvergessen in der Gegend rumstehen, was sie für mich deutlich attraktiver macht. Ich schaue mir Schmuck an, Frisuren, Tücher, Schuhe. Und ich schaue in Gesichter, suche nach Narben, Gesichtsausdrücken, Regungen, die in mir etwas auslösen. Ich sehe den ganzen Tag Perfektion und Unperfektion, Menschliches und von Menschen gemachtes, Kunst und alles, was ich für Kunst halte. Alles passt zusammen, weil ich es passend mache, weil ich es individuell rezipiere und mir danach über diese Rezeption Gedanken mache. Und weil ich keine Arbeit darüber schreibe, ist es ein Blogeintrag geworden.

Links vom 19. Dezember 2014 – Film- und Fernsehhinweise

Ame & Yuki – Die Wolfskinder

Ich sehe nicht viele Animes, daher kann ich den Film nicht einordnen, aber ich fand ihn wunderschön. Und ich habe selten kotzende Zeichentrickfiguren gesehen, das war auch toll. Der Film läuft noch bis nächsten Dienstag auf arte+7 (der Link da oben geht direkt in die Mediathek) und wird am 25. sowie 31. Dezember wiederholt.

Ame & Yuki – Die Wolfskinder (2012) ist der dritte Zeichentrickfilm von Regisseur Mamoru Hosoda. In anrührenden Bildern erzählt er ein modernes Märchen: Als Studentin verliebt sich Hana in den Wolfsmenschen Ookami und bekommt mit ihm zwei Kinder, Ame und Yuki … 2012 wurde der Film beim Sitges Festival als bester animierter Film ausgezeichnet.“

Unter dem Hammer der Nazis

Und noch ein Link zur arte-Mediathek: Die Dokumentation schmeißt zwar eine Menge zusammen – Monuments Men, Hitlers Sonderauftrag Linz, das Münchner Auktionshaus Weinmüller, den Kunsthändler Siegfried Lämmle, Hildebrand und Cornelius Gurlitt –, wo ich eigentlich nur die Weinmüller-Geschichte sehen wollte, aber so halbwegs hat’s trotz Überfrachtung funktioniert. Und ich konnte mal wieder meinen DozentInnen aus dem Provenienzkurs im letzten Wintersemester zugucken. Eine ganz neue Art des Groupietums.

Der Beitrag läuft noch bis nächsten Dienstag auf arte+7.

Clouds of Sils Maria

Seit gestern läuft der Film in den deutschen Kinos. Ich habe ihn bereits auf dem Filmfest München gesehen und fand ihn sehr beeindruckend. Wer keine Lust hat, sich meine Kritik durchzulesen, dem sei nochmal gesagt: Nicht auf den Trailer achten, der ist Quatsch.

Die schlaue Dozentin hatte ich übrigens erst im WS 2013/14. Dass man Tweets aber auch nicht korrigieren kann!

Journal 12. Dezember 2014 –
Nervquatsch, Kunst und gutes Essen

Gestern habe ich mir einen Urlaubstag gegönnt.

Dieses Semester war das erste, in dem ich etwas die Zähne zusammenbeißen musste, das erste, in dem sich ein Kurs bzw. ein Referat wie Arbeit angefühlt haben anstatt wie sonst wie ein Geschenk. Denn dieses Semester ist quasi mein letztes vor der Bachelorarbeit, das heißt, ich muss darin alle Kurse unterbringen, für die ich noch ECTS-Punkte brauche (oder Scheine, wie wir old people sagen). Ich könnte natürlich auch noch im nächsten Semester Kurse machen, aber ich freue mich seit dem zweiten Semester auf das letzte, in dem ich nur noch lesen und schreiben darf – kein Klausurlernen mehr, keine Referate mehr vorbereiten (bis auf das im BA-Arbeit-begleitenden Kolloquium, wo wir alle unsere Arbeiten vorstellen), kein Stundenplan, nur noch die Bibliothek, mein Rechner und ich. Und da ich ja mit Geschichte erst im dritten Semester anfing, muss ich jetzt ein bisschen quetschen. Wie sehr ich quetsche, merke ich an dem vielen Zeug, das auf einmal auf dem Schreibtisch liegt und mich dieses Mal deutlich mehr angestrengt hat als erwartet.

Zusätzlich ging es mir gesundheitlich im Oktober und November nicht ganz so gut; darüber habe ich nicht gebloggt und das will ich jetzt auch nicht, aber da hingen schon einige Sorgenwölkchen über meinem Kopf, was Medikation angeht bzw. die Dosierung derselben und ob ich wieder in alte Muster zurückfalle, die ich doch schon weggearbeitet geglaubt hatte. Das heißt, zum körperlichen Ungleichgewicht kam auch noch das seelische, und auf einmal waren die Aufgaben, die vor mir lagen, keine lustvolle Herausforderung, sondern Stress für mich, und das kannte ich im Bezug auf das Studium noch nicht. Das kannte ich nur vom Agenturschreibtisch – aber immerhin hatte ich an dem gelernt, wie Augen zu und durch geht, und so habe ich das hier auch gemacht. Gefühlt war das das mieseste Referat, was ich je gehalten habe, und ich freue mich nicht so sehr auf die Hausarbeit, weil ich weiß, dass das die alten Gefühle wieder hochspülen wird, aber mei, die schiebe ich jetzt aufs Semesterende, gebe erstmal alle Bücher zurück, die dafür hier rumliegen und konzentriere mich auf die zwei tollen Hausarbeiten, die ich vorher schreiben werde und bei denen ich sehr zufrieden mit den Referaten war.

Eins davon habe ich Donnerstag gehalten und deswegen hatte ich Freitag auch zum ersten Mal in diesem Semester das Gefühl, einen Berg weggeschaufelt zu haben. Alle Referate durch, jetzt für die Klausuren lernen und eben zwei schöne Hausarbeiten schreiben, aber das hat noch ein paar Tage Zeit, jetzt kann ich mir einen Tag Auszeit gönnen. Und das habe ich dann auch gemacht.

Erstmal ausschlafen. Bei Kerzenlicht des Adventskranzes im Bett rumlungern, ein bisschen lesen, entspannt frühstücken und dann, als einzige Pflichtaufgabe, in die Bayerische Staatsbibliothek fahren, um Mahngebühren zu bezahlen und ein Buch abzugeben. Das Buch gehört natürlich zum Nervreferat und es ist bereits das zweite, für das ich gemahnt wurde. Die Stabi und die Unibibliothek haben ein eigentlich idiotensicheres System: Man wird per Mail ein paar Tage vor Ablauf der Rückgabefrist an eben diese erinnert, und normalerweise läuft das bei mir so: Ich kriege die Mail, springe sofort auf, suche das betreffende Buch raus und lege es in die Flur, damit ich es bei der nächsten Fahrt zu Uni mitnehme. Oder ich verlängere sofort nach Mailerhalt das Buch online. Dann wird die Mail gelöscht und ich weiß, alles ist gut.

Mit dem Nervreferat hatte ich schon in den Sommersemesterferien angefangen. Wir erinnern uns? Ich muss sehr viel in dieses Semester quetschen und dachte daher, machste doch schon im Vorfeld so viel, wie geht. Das war eine sehr blöde Idee, denn nach Grimald und vor allem Frauenchiemsee war ich ein bisschen durch und wollte erstmal Pause machen, habe mich aber nicht getraut, weil ich ja wusste, dass ich so viel vor mir habe blablabla, las also weiter, obwohl mein Kopf überhaupt keine Lust hatte, und dementsprechend war von Anfang an meine Laune bei dem Thema. Außerdem liegen daher seit Monaten die gleichen Bücher bei mir rum, die ich stumpf verlängere, bis irgendwann die Mail kam, geht nicht mehr mit dem Verlängern, jetzt bring das Ding zurück, du liest es doch eh nicht, Hase. Und zum ersten Mal in zweieinhalb Jahren habe ich eine derartige Mail unbewusst ignoriert, warum auch immer. (Mein Kopf ist noch bockiger als ich, glaube ich.)

Jedenfalls stand ich eines Tages in der Stabi, wollte 50 Cent Vormerkgebühren für ein Buch am Kassenautomat bezahlen, ließ meine Bibliothekskarte scannen und guckte sehr erstaunt, als die Anzeige was von 8 Euro faselte. Ich zahlte, holte mein Buch ab und ging schnurstracks zur Information, wo ich nachfragte, was es mit dieser IRRSINNSSUMME auf sich hätte. Die freundliche Dame an der Auskunft bescheinigte mir, dass sie mir eine Mahnung geschickt hätten, weil ich ein Buch partout nicht wieder hergeben wollte. Ich plusterte mich ein bisschen auf, erwähnte meine ungeheure Selbstdisziplin, wenn es um Buchrückgaben geht, und meinte, ich hätte keine Mahnung gekriegt – die Dame guckte nochmal nach und meinte, doch, wir haben vor ein paar Tagen eine rausgeschickt, hier, Gärtnerstraße, Hamburg.

Ich so: *patsch* Als ich meinen Bibliotheksausweis beantragte, hatte ich noch keine Wohnung in München und habe daher natürlich meine Hamburger Adresse angegeben. Der Kerl ruft nicht jedesmal an, wenn ein Brief an mich in Hamburg landet, sondern sammelt alles ein paar Tage, und dann machen wir per Facetime lustiges Postaufmachen seinerseits, während ich mich darauf beschränke, zu so ziemlich jeder Korrespondenz „Kann weg“ zu sagen. Die Dame änderte sofort meine Adresse, ich bedankte mich piepsig für die Auskunft und radelte nach Hause.

Nur um vorgestern eine weitere Mahnung vorzufinden, dieses Mal an die Münchner Adresse, für ein weiteres Buch aus dem Nervreferat.

Genau das brachte ich gestern zurück, zahlte erneut 7,50 Mahngebühr, und damit begann mein Urlaubstag, den ich offensichtlich nötiger hatte als ich dachte.

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Mit der U-Bahn bis Marienplatz, mit der S-Bahn bis zum Rosenheimer Platz, wo ich im Sommersemester immer ausgestiegen bin, um im Gasteig Italienisch zu lernen. Auf dem Weg in den Gasteig kam ich stets an einem kleinen Laden für Kochkram vorbei, der glücklicherweise immer geschlossen hatte, wenn ich von 8 bis 9.30 Uhr in einer fremden Sprache vor mich hinstümperte. Also guckte ich nur sehnsuchtsvoll und mit dem inneren Blick auf mein leerer werdendes Konto in das Lädchen, in dem wunderschönes Geschirr und Kochbücher locken. Nach acht Monaten Lockruf knickte ich ein und kaufte zwei Pantonekaffeetassen in unterschiedlichen Grüntönen. Das Schöne an meiner Münchner Wohnung ist: Sie ist so klein und in ihr steht so wenig rum, dass ich alles schick colorcoden kann. Mein Küchenschrank ist weißgraugrünblautürkis und mein innerer Monk freut sich jedesmal, wenn ich ihn öffne. Jetzt hat er noch zwei grüne Farbkleckse mehr; eine Tasse für den Kerl und eine für mich. (Der Herr hat sich per Twitter-Foto brav genau die ausgesucht, die ich für ihn vorgesehen hatte. Ha!)

Dann schaute ich nebenan nach neuen Ohrringen, wurde aber nicht fündig. Dann wird dort eben online geshoppt.

Nächster Programmpunkt: die Pinakothek der Moderne. Dort wollte ich mir endlich die Beuys-Ausstellung anschauen und eine neue Ausstellung mit Lina Bo Bardi, über die ich hier bereits schrieb. Durch die wenigen Räume Beuys schlenderte ich gemächlich und amüsiert, freute mich über seltsame Sätze, wollte dann eigentlich noch zum Ende des XX. Jahrhunderts, aber in dem Raum stand gerade eine Gruppe rum, also ging ich weiter zu meinen Lieblingen, den Minimalisten, und staunte wie immer über Donald Judd, Dan Flavin und Fred Sandback. Und plötzlich stand ich in einem Saal mit Bildern, die mich sofort erwischten: Stephan Melzls Ausstellung Superhero.

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Stephan Melzl, „Sockel“ (2013), ca. 65×50 cm, Privatsammlung.

Melzls Bilder sind alle recht kleinformatig, so um die 50, 60 Zentimeter hoch, Öl auf Holz, und sie hängen ungerahmt an den Wänden. Die Pastelltöne sind meist stumpf, aber einige von ihnen scheinen aus dem Bild zu leuchten, als ob in ihr Neonpartikel sind. Sie setzen kleine Glanzlichter auf die sowieso schon irrealen Settings und machen sie noch unwirklicher. Wenn ich mich richtig erinnere, sind auf allen Bildern Menschen zu sehen, und genau wie bei Hans Op de Beeck steht man meist leicht verstört vor den Werken. Irgendwas ist nicht so, wie es sein soll, und man kann meist nicht sofort sagen, was. Oder man guckt immer länger hin und je mehr man guckt, desto unangenehmer wird’s.

Eins meiner Lieblingsbilder zeigt eine Frau im Wasser. Das Bild heißt, laut Pinakothek, Pool 2, im Link heißt es Schwimmerin 2, keine Ahnung, was richtig ist. Mein erster Eindruck war: Freiheit. Entspannte Nacktheit, wie schön. Aber dann fiel mir auf, wie dicht der Mund der Frau an der Wasseroberfläche ist; sie kann gerade noch so atmen, zwei Zentimeter tiefer tauchen und sie müsste die Luft anhalten. Dann erschien mir ihre Nacktheit auch nicht mehr frei, sondern ich fühlte mich wie eine Voyeurin, denn unser Blick ist nicht der der Menschen, die am Pool herumstehen; diese (imaginären) Zuschauerinnen können den Körper nicht sehen, er ist unter Wasser und vor den Blicken halbwegs geschützt. Wir dagegen befinden uns auf Augenhöhe mit der Schwimmerin, sie kann sich unseren Blicken nicht entziehen, selbst wenn sie ganz untertauchen würde. Sie ist schutzlos, sie kann sich nirgends festhalten, der Grund des Pools oder des Sees ist nicht sichtbar, sie kann sich nur selbst über Wasser halten und ist damit sehr angreifbar. Gleichzeitig nimmt der Körper einen sehr großen Raum im Bild ein. Ich musste daran denken, wie lange mein Körper viel zu viel Raum in meinen Gedanken eingenommen hatte und wieviel positive Kraft er nur durch sein nicht normgerechtes Aussehen in mir ausgelöscht hat, wie lange ich ihn verstecken wollte, sie sehr ich manchmal untertauchen wollte und nicht mehr atmen.

Das klingt jetzt dramatischer als es war, aber bei so ziemlich allen Bildern von Melzl drängelte bei mir irgendwas an die Oberfläche. Ich mag es, wenn Kunst was mit mir macht.

Zum Abschluss des Obergeschosses ging ich wie immer zu meinem allerliebsten Lieblingslehmbruck, dessen Eindruck dieses Mal ein bisschen von zwei laut redenden Aufsehern gestört wurde, aber das verzeihe ich den Herren. Ich kann ja wiederkommen. Immerhin gingen sie ein bisschen von mir weg, als ich den Gestürzten betrachtete.

Im Erdgeschoss schlenderte ich dann durch die Architekturausstellung über Lina Bo Bardi. Die Ausstellungsgestaltung gefiel mir sehr gut: Teilweise waren die Zeichnungen und Fotos ihrer Werke auf nachgebildeten Ziegelsteinen angebracht, teilweise auf großen Papierbahnen, die sich leicht bewegten, wenn hinter ihnen jemand langging. So bekamen die eigentlich starren Gebäude etwas Belebtes. Grundrisse kann ich dank des Studiums inzwischen prima lesen, aber mit Architekturzeichnungen hatte ich mich noch nicht intensiv auseinandergesetzt. Auch das klappte gut, vor allem, weil genug Bildmaterial neben den Plänen hing, so dass man immer schön hin- und hergucken konnte. Es hat mich trotzdem überrascht, wie klein alles in Wirklichkeit war, was mir auf den Plänen viel weitläufiger vorkam. Ich mochte Bo Bardis Schlichtheit sehr gerne – logisch, wenn ich die Minimalisten mag – und ich wäre gerne deutlich länger in der Ausstellung geblieben, aber das wurde mir leider verwehrt. Ich habe keine Ahnung, warum die MacherInnen unbedingt Klang in die Räume einbringen wollte. Ich spreche auch kein Portugiesisch, daher weiß ich nicht, was genau ich die ganze Zeit gehört habe. Manchmal klang es, als hätten sie einfach ein Richtmikrofon auf die lauteste Kreuzung von São Paulo gestellt und das so richtig schön aufgedreht. So lange ich zuhörte, hörte ich Stimmen und Straßenlärm; irgendwann versuchte ich den Lärm – das war kein Klang, das war Lärm – auszublenden, aber das gelang mir irgendwann nicht mehr, weswegen ich die letzten Räume sehr schnell abschritt und latent genervt wieder aus der eigentlich empfehlenswerten Ausstellung rauskam. Ich nehme an, die Soundkulisse sollte Bo Bardis Arbeit in einer Großstadt zeigen und vielleicht, dass ihre Architektur nicht schweigsam und still irgendwo am Ende der Welt rumsteht, dass auch die Kirche, die sie entwarf, für die Menschen da war, dass in ihrem Restaurant Leben herrschte, aber ich fand es wirklich störend.

Am Ausgang sprach mich eine junge Frau an, ob mir der Ausstellungsbesuch gefallen habe und ob ich kurz ein paar Fragen auf einem Tablet beantworten wolle. Wollte ich. Hat’s mir gefallen? Logisch. Nutze ich Twitter und Facebook der Pinakotheken? Logisch. Habe ich eine Jahreskarte? Äh. Hm. Die Möglichkeit „Ich darf das ganze Jahr umsonst rein, weil ich Kunstgeschichte studiere und ihr so nett seid, mich hier so reinzulassen, also habe ich im Prinzip eine Jahreskarte, BECAUSE YOU’RE AWESOME“ gab’s leider nicht, sonst hätte ich das angeklickt und noch ein paar Herzchen dahintergemalt. Dann die Frage, Student? Vollzeit beschäftigt? Und da weiß ich seit Monaten nie, was ich sagen soll. Auch wenn mich neue Bekanntschaften fragen, was ich mache, weiß ich das nie. Ich bin im Prinzip Texterin, aber ich texte so gut wie gar nicht mehr. (Bockigkeit.) Ich bin Studentin, aber das hört sich so an, als würde ich eigentlich kellnern gehen. (Not that there’s anything wrong with that.) Ich weiß gerade selbst nicht, was ich bin und habe deswegen teilzeitbeschäftigt angeklickt, was so halbwegs hinkommt.

Ein letzter Blick auf die Alte Pinakothek, dann der kurze Fußweg zur Bushaltestelle, ab nach Hause. Vorher noch zu meiner Lieblingsmetzgerei, in die der Kerl unfassbarerweise in diesem Monat öfter eingecheckt hat als ich, weil er dauernd Leberkäsesemmeln haben will, wenn er hier ist. Seit Tagen möchte ich Steak essen und das habe ich dann zum Tages- und Urlaubsabschluss auch gemacht. Mit Mr. Pommeroy und Admiral von Schneider, Kartoffelgratin, Salat, einem guten Wein und noch Espresso und Schnaps hinterher.

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Ein hündisches Dankeschön …

… an Charlotte, die mich – fast ein Jahr nach ihrem letzten Geschenk – mit Erich Kästners Der Gang vor die Hunde überraschte. Das Buch hieß früher Fabian und stand im Wohnzimmerregal meiner Eltern. Ich habe mich als Kind daran versucht, was aber keine so gute Idee ist, wenn man gerade im Alter für Emil und die Detektive und Pünktchen und Anton ist. Dann vergaß ich das Buch recht lange, bis mich Herr Buddenbohm wieder daran erinnerte. Jetzt müsste ich alt genug sein und bin sehr gespannt. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

(Und ja, ich ahne, dass du meine BA-Arbeit im Blog verfolgen können wirst. #widmung)

Links vom 7. Dezember 2014: Architektur und Stadtplanung

Sie baute für die Menschen

Die NZZ über die italienische Architektin Lina Bo Bardi, die in Brasilien Meisterhaftes erbaute:

„Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs erschien Brasiliens tropisch-heitere Baukunst den europäischen Architekten wie eine Verheissung. Nirgends sonst in der südlichen Hemisphäre war der internationale Stil leidenschaftlicher begrüsst worden als in Brasilien. Mit Gregori Warchavchicks erster «Casa modernista» (1928) in São Paulo und dem Bau des 1935 unter Le Corbusiers Leitung von Lúcio Costa, Affonso Eduardo Reidy und Oscar Niemeyer konzipierten Erziehungsministeriums in Rio de Janeiro fand das südamerikanische Land schnell zu einer eigenständigen Ausformung der architektonischen Moderne. Der Erfolg des filigranen, leicht geschwungenen brasilianischen Pavillons von Costa und Niemeyer auf der Weltausstellung 1939 in New York machte die von Zukunftsoptimismus getragene baukünstlerische Bewegung in ganz Brasilien populär. Sie wird auch Lina Bo Bardi in ihren Bann gezogen haben, als sie kurz nach dem Krieg zusammen mit ihrem Ehemann Pietro Maria Bardi in Rio an Land ging.

Damals dachte die vor hundert Jahren, am 5. Dezember 1914, in Rom geborene Achillina Bo wohl nicht einmal im Traum daran, dass sie in diesem fremden, auf sie so magisch wirkenden Land dereinst zu einer der Grossen nicht nur der Baukunst, sondern des kulturellen Lebens überhaupt werden sollte. Ihre architektonische Ausbildung hatte sie in Rom absolviert, dessen Architekturschule damals ganz im Zeichen des faschistischen Neuklassizismus von Marcello Piacentini stand. Doch schon ihre Abschlussarbeit über ein Kinderbetreuungszentrum zeigte, dass in ihren Augen Architektur mehr mit sozialem Engagement als mit politischer Repräsentation zu tun hatte.“

Lina Bo Bardi: Brasiliens alternativer Weg in die Moderne

Das Architekturmuseum der Technischen Universität führt gerade in der Pinakothek der Moderne eine Ausstellung zu Lina Bo Bardi durch:

„Sie prägte einen eigenen Gestaltungsansatz, der die gesellschaftliche Bedeutung des Bauens und seine kulturelle Verankerung in den Mittelpunkt stellt. Mit dem Bemühen um eine »architettura povera« kann Lina Bo Bardi als Vorläuferin gegenwärtiger Tendenzen engagierter Architektur betrachtet werden. Eine ihrer wichtigsten Leistungen ist es, Bauten geschaffen zu haben, die in der lokalen Öffentlichkeit höchste Akzeptanz finden und sich gängigen Klassifikationen entziehen.“

Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. Februar 2015.

If women built cities, what would our urban landscape look like?

Wo wir gerade bei Architektinnen sind: Wie sähen Städte aus, wenn Frauen sie gestalteten? Das geht weit über den üblichen Witz mit der größeren Anzahl an Frauenklos hinaus.

„Partly this is down to physical differences: the experience of being smaller, of being pregnant or needing to breastfeed a baby, of feeling unsafe after dark. Feeling marginalised professionally can also sharpen awareness of what life is like for other excluded groups: children and young people, old people, or those with disabilities.

“It gives you a little bit more of a sensitivity to what it might be like to have another vulnerability,” says planner Liane Hartley, who co-founded the Urbanistas women’s network and also runs social enterprise Mend. “Considerate is the word, because you can’t include everyone in everything. The question is really not would cities be different if they were designed by women? It’s would they be different if more voices were heard?”“

Edit: Es gibt auch in Deutschland eine feministische Organisation von Planerinnen und Architektinnen. (via @hanhaiwen)

What Would a Non-sexist City Be Like?

Im Artikel versteckt sich der klassische Essay What Would a Non-sexist City Be Like? von Dolores Hayden, einer amerikanischen Architektin und Schriftstellerin, aus dem Jahre 1980. Sie beschreibt unter anderem die wachsende Zahl von Frauen in der Berufswelt und verlangt ein neues Design für Städte, die Heim und Arbeitsplatz näher zueinander bringen und/oder die häusliche Arbeit aufwertet.

„”Good homes make contented workers” was the slogan of the Industrial Housing Associates in 1919. These consultants and many others helped major corporations plan better housing for white male skilled worker sand their families, in order to eliminate industrial conflict.”Happy workers invariably mean bigger profits, while unhappy workers are never a good investment,” they chirruped. Men were to receive “family wages,” and become home “owners” responsible for regular mortgage payments, while their wives became home “managers” taking care of spouse and children. The male worker would return from his day in the factory or office to a private domestic environment, secluded from the tense world of work in an industrial city characterized by environmental pollution, social degradation, and personal alienation. He would enter a serene dwelling whose physical and emotional maintenance would be the duty of his wife. Thus the private suburban house was the stage set for the effectives exual division of labor. It was the commodity par excellence, a spur for male paid labor and a container for female unpaid labor. It made gender appear a more important self-definition than class, and consumption more involving than production. In a brilliant discussion of the “patriarchas wage slave,” Stuart Ewen has shown how capitalism and antifeminism fused in campaigns for home ownership and mass consumption: the patriarch whose home was his “castle” was to work year in and year out to provide the wages to support this private environment. (…)

A program broad enough to transform housework, housing, and residential neighborhoods must: (1) involve both men and women int he unpaid labor associated with housekeeping and child care on an equal basis; (2) involve both men and women in the paid labor force on an equal basis; (3) eliminate residential segregation by class, race, and age; (4) eliminate all federal, state, and local programs and laws which offer implicit or explicit reinforcement of the unpaid role of the female homemaker; (5) minimize unpaid domestic labor and wasteful energy consumption; (6) maximize real choices for households concerning recreation and sociability.“

Neu-Steilshoop war Hamburgs Labor für Stadtplaner

Im Essay stehen zwei Zeilen zum Steilshooper Projekt „Urbanes Wohnen“:

„Laborcharakter ähnlich der Gesamtschule hatte auch ein anderes Projekt, zu dessen Grundsteinlegung im Sommer 1972 der damalige Bundesbauminister Lauritz Lauritzen (SPD) nach Steilshoop kam. Im Block VI am Gropiusring plante der Bauträger Neues Hamburg das Wohnmodell “Urbanes Wohnen”. Dem 68er-Lebensgefühl entsprechend wollte man erstmals im geförderten Wohnungsbau der traditionellen Form des Zusammenlebens in der Familie ein gemeinschaftsorientiertes Wohnen entgegensetzen. Die Idee des Architekten war, die WG-Bewohner schon an der Planung zu beteiligen. Das Resultat: Gemeinschaftsräume, Küchen für mehrere, eine Dachterrasse für alle, ein Kindergarten im Keller. 210 Menschen aus unterschiedlichen Schichten lebten von August 1973 an unter dem vom sozialen Wohnungsbau finanzierten und deshalb relativ preiswerten Dach. 1984 scheiterte das Projekt unter anderem wegen immenser Mietschulden.“

(Falls der Link euch zu einer Paywall führt, einfach die Headline googeln, dann geht’s.)

Are women cyclists in more danger than men?

Im Guardian-Artikel findet sich noch ein weiterer interessanter Link über die statistisch höhere Gefährung von Radlerinnen im Straßenverkehr:

„The high incidence of women killed by lorries has come to the attention of the authorities before. In 2007, an internal report for Transport for London concluded women cyclists are far more likely to be killed by lorries because, unlike men, they tend to obey red lights and wait at junctions in the driver’s blind spot. This means that if the lorry turns left, the driver cannot see the cyclist as the vehicle cuts across the bike’s path. The report said that male cyclists are generally quicker getting away from a red light – or, indeed, jump red lights – and so get out of the danger area.“

Ein samtweiches Dankeschön …

… an Tamara, die mich mit Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen überraschte. Von Keun las ich bereits ihren Erstling Gilgi (1931) mit großem Vergnügen, und ich bin sehr gespannt auf das Mädchen, mit dem sie 1932 endgültig zu den etablierten Schriftstellerinnen gehörte – bevor die Nazis ihre Werke verboten und ihre Karriere damit bis zu Keuns Wiederentdeckung in den 1970er Jahren zum Erliegen kam. Vielen Dank für das Geschenk (und die schöne Widmung), ich habe mich sehr gefreut.

Bücher November 2014

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Hape Kerkeling – Der Junge muss an die frische Luft

Och jo. Kerkelings Jakobswegbuch habe ich mit großem Vergnügen gelesen, daher musste ich sofort zuschlagen, als ich dieses Werk sah. Ich hätte vielleicht ein bisschen besser auf den Untertitel „Meine Kindheit und ich“ achten sollen, denn eigentlich hatte ich mich auf eine Biografie vorbereitet und eben nicht auf eine Nacherzählung von einschneidenden Kindheitserlebnissen. Die sind bei Kerkeling allerdings sehr bemerkenswert; es gibt wahrscheinlich nicht viele Bücher, die von der Freude über ein eigenes Pony zum Selbstmord der Mutter führen. An einigen Stellen hat mich das Buch genauso bewegt wie Ich bin dann mal weg, meistens war ich aber doch höchstens bemüht interessiert.

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Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt

Dafür war das hier ein großer Wurf. Neun Erzählungen in moderner, klarer, schöner Sprache, die netterweise nicht von verlassenen Frauen handeln, die mager rauchend mit Weißwein am Fenster rumsinnieren (ja, ich unterstelle modernen Autorinnen jetzt ganz böse ganz fiese Sachen, ich weiß). Stattdessen wird hier mit Verlust anders umgegangen, kraftvoll und selbstbestimmt. Verlust von Körperfunktionen, Eigentum, Familie, alles ist grauenhaft, aber es kommen gute Geschichten dabei rum. Köhler schreibt nicht aufgesetzt, sondern eigen: „Der Mond schwebt als schiefe Sichel in der Dämmerung. Eine Trostkrümmung, in die man sich legen mag.“ (aus: Wild ist scheu), sie schreibt nachvollziehbar und überraschend, und sie schreibt so, dass man das Buch nicht wieder aus der Hand legen möchte.

Und dann waren da noch diese Bücher.

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(Alle Links zu Amazon sind Affiliate Links.)

Links vom 2. Dezember 2014

Hendrik Neubauer, Moderator in der Stadtplanung

Was machen die da? mal wieder in Hochform: Es geht um die Hamburger Innenstadt, die nicht unbedingt mein Liebling ist, vor allem, seit ich die Münchner Innenstadt kenne, die um einiges hübscher ist. Was aber auch daran liegt, dass Hamburg schon lange eine Handelsstadt war, während München vor der Reichsgründung ein kleines Provinzstädtchen war, das sich, aus Mangel an anderem, eben mit Kunst und Kultur profilieren wollte, und das sieht man heute noch. (München leuchtet.) In Hamburg wurde eher Geld verdient, und das sieht man leider auch.

„Hier ist alles auf Ost-West orientiert. Mönckebergstraße, der Neue Wall, es läuft alles in dieser Richtung. Um diese drei Teile, Neustadt, Altstadt, Hafencity miteinander zu verbinden, ist etwas Neues angesagt: Nord-Süd. Und Nord-Süd gibt es seit den Fünfzigerjahren nicht mehr, durch diese Scheißstraße. Das ist das größte Verbrechen, das frühere Generationen von Planern begangen haben. Jetzt ist es natürlich nicht mehr zurückzubauen. Meine Hoffnung ist, dass sich der Individualverkehr so zurückentwickelt, wie das manchmal schon prognostiziert wird. Ich sehe das schon bei der nachwachsenden Generation, dass längst nicht mehr jeder ein Auto hat. Die gehen viel mehr auf Carsharing und fahren Bus und Bahn, die sind am Autofahren gar nicht so sehr interessiert.“

Manhattan Transfer

Das Blog des Stadtplanungsmoderators, der im eben verlinkten Artikel zu Wort kommt.

Photo Essay: After Schengen

Wir bleiben bei der Architektur: Was passiert eigentlich mit den ganzen Grenzstationen, die nach dem Schengener Abkommen nicht mehr gebraucht werden?

„Architecture does not exist in a vacuum. It depends on its context. It is the expression of a specific time with specific characteristics. However, as these circumstances change, architecture can become out of sync with its current context.

The creation of borders often entails the construction of border crossings. That’s what has happened and still is happening all over the world. But borders can also disappear.

In 1985 the Schengen Treaty was signed by five of the then ten EU states, with the intention to abolish border checks between these countries, allowing people and goods to flow freely between these countries. The treaty was introduced in 1995, with more and more nation states joining the agreement thereafter. Currently it consists of 26 European countries.

The disappearance of the border checks rendered many of these checkpoints obsolete. Almost 20 years on (and while the discussion about the European project is resurfacing), former border crossings lie abandoned across the continent, still in the same place as decades ago yet disconnected from the time in which they functioned.”

Should Science Save Modern Art?

Zeitgenössische Kunst besteht gerne aus Material, das weitaus weniger dauerhaft ist als Marmor und Ölfarbe. Das stellt KonservatorInnen und RestauratorInnen vor die Frage: Was retten, was einfach vergehen lassen?

„Museum goers take in the results in climate-controlled conditions, and are asked to consider the marks of time as academic curiosities layered onto the truer expression waiting underneath.

But these attitudes by curators and consumers alike carry with them a crucial assumption: that the artist did not intend for their work to decay. This assumption was markedly untrue for a whole generation of artists from the 1960s known as the Minimalists, including Richard Serra, Robert Morris, Donald Judd, and Eva Hesse. Where earlier artists may have unwittingly made their art fragile, these artists deliberately turned away from durable materials. Living and working in the industrial Bowery district of lower Manhattan, they “headed to the hardware instead of the art store,” in the words of Elisabeth Sussman, a curator at the Whitney Museum of American Art. There, they stocked up on degradable materials like fiberglass, plastic, and latex rubber, which today is most commonly used for hospital and kitchen gloves. These materials are made of polymers held together by relatively fragile carbon-carbon bonds and have a modest shelf life. With time and exposure to everyday environmental hazards such as light, heat, moisture, and carbon dioxide, they begin to sag, their texture becomes distorted, and many will eventually break. The legacy of their lives and of their art challenges us to look squarely at the fleeting nature of our lives.“

Im Artikel geht es auch um Eva Hesse, deren Werke ich äußerst faszinierend finde, die ich aber eher den Postminimalisten zuordnen würde.