„Und, Anke, wie war so dein viertes Semester?“

(Erstes, zweites, drittes Semester)

Ich hatte mir vom Studium erhofft, dass ich nach sechs Semestern mit einem Diplom in der Hand da stehe und sagen kann: „Jetzt weiß ich alles.“ Inzwischen habe ich gelernt, dass ich nichts weiß, und je länger ich an der Uni bin, desto stärker wird dieses Gefühl. In jedem neuen Kurs habe ich plötzlich Dinge, Orte, Zeitläufte, Kunstwerke, Personen und ihre Aktionen vor der Nase, von denen ich noch nie gehört hatte, und meine Allgemeinbildung, die ich immer für eine recht gute gehalten habe, winkt hilflos aus der Ecke und zuckt die Schultern. Je mehr ich lerne, desto mehr merke ich, was ich noch alles lernen muss. Aber: Was ich im ersten Moment als einschüchternd empfand, entpuppt sich langsam als eine wunderschöne Lebensaufgabe. Ich weiß nichts – aber ich kann noch so viel lernen. Allerdings nicht in sechs Semestern.

Ich habe gelernt, dass ich manchmal etwas vorschnell in meinen nöligen Urteilen bin. (Was mich leider nicht davon abhält, sie trotzdem zu fällen.) Ich quengelte am Anfang des Semesters über den Dozenten, bei dem ich schon mal eine Vorlesung hatte, die ich als seeehr zääääh empfunden hatte und schob das auf seine Sprechweise. Die hat sich nicht geändert – aber mein Wissensstand. Inzwischen weiß ich nämlich, dass der Herr einfach sehr genau auf jedes Kunstwerk eingeht, jeden Schwung einer Initiale beschreibt, jede Fingerhaltung einer Majestas Domini im Vergleich zu einer anderen, jede Dekoration, die sich am Rand einer alten Buchseite befindet, jeden Ziegel, jedes Kapitell, jedes alles. Was ich im ersten Semester als Neu-Studi als zäh empfunden habe, empfinde ich jetzt als hingebungsvoll und exakt und es ergänzt mein bisheriges Wissen um eine Ebene, die es bisher nicht hatte und im ersten Semester nicht haben konnte. Ich habe innerlich reuig Abbitte geleistet und in der Evaluation eine Lobeshymne verfasst – auch um mein Gemecker aus dem ersten Semester wieder gutzumachen.

Ich habe gelernt, auf Twitter vielleicht mal die Klappe zu halten. Nach meiner spannenden Geschichtsübung zu Ludwig dem Bayern tönte ich rum, dass ich mit meinem bisherigen Wissen locker Leute eine Stunde rund um den Marienplatz führen könne – was drei Damen beim Wort genommen haben. Und so musste ich mir an einem ansonsten freien Wochenende eine kleine Tour zusammenbasteln und zeigte dann Frau Kaltmamsell und Frau Donnerhallen „mein“ München (Frau Mellcolm war leider erkrankt). Wir begannen am Isartor, wo ich über die zweite Stadtmauer Münchens sprechen konnte, zu der das Tor gehört, ich erwähnte die Fresken aus dem 19. Jahrhundert, die kunsthistorisch leider nix hergeben, aber – wenn Sie vorbeikommen, achten Sie mal drauf: Am linken Rand sieht man die MünchnerInnen noch hektisch das Stadttor schmücken, damit Ludwig als Sieger der Schlacht von Mühldorf einreiten kann. Wo wir schon im 19. Jahrhundert waren, konnte ich generell über Ludwig I. sprechen und seine Architekten von Klenze und von Gärtner, die für meine Lieblingsplätze in München verantwortlich sind.

Dann gingen wir zum Alten Rathaus, wo neben Ludwig noch Heinrich der Löwe als Statue zu sehen ist, bei dem ich auf meiner niedersächsischen Herkunft rumreiten konnte und den Damen die Welfen näherbrachte. (Und die Welfenspeise.) Am Alten Hof sprach ich über das Reisekönigtum und dass der Alte Hof eine der ersten festen Residenzen war, auf dem Marienplatz erwähnte ich, dass Ludwig dafür gesorgt hatte, dass der Platz heute noch so weiträumig ist wie damals vor 700 Jahren, denn er verfügte, dass er nicht bebaut werden solle, woran sich lustigerweise alle bis heute halten. Außerdem konnte ich über die Stadtfarben Münchens sprechen (schwarz und gold), die nur deswegen so aussehen, weil Ludwig Rom ärgern wollte, dessen Stadtfarben ebenfalls schwarz und gold waren.

Zum Abschluss wollten wir in die Frauenkirche, in der Ludwig bestattet liegt, aber ich Hirn hatte nicht daran gedacht, dass Kirchen irgendwann ihre Tore schließen. So standen wir auf den Stufen vor dem Eingang und ich zeigte stattdessen mein liebstes Kunstwerk in der Kirche, den Schmerzensmann links vom Altar, auf meinem iPhone rum, erklärte den Unterschied zwischen Schmerzensmännern und Ecce-Homo-Darstellungen und erläuterte Hallen- und Saalkirchen, Zentralbauten und Basiliken. Mir hat die Tour sehr viel Spaß gemacht und ich hoffe, die Damen hatten auch was davon. Und meine Dozentin, der ich davon erzählte, amüsierte sich ebenfalls.

Die Stadtführung war leider fast meine einzige extrakurrikulare Aktivität. In diesem Semester habe ich nur einen Vortrag besucht und nur einen einzigen Tag zum Spaß in der Kugi-Bib gesessen. Ansonsten war ich stets mit Zeug beschäftigt, für das es Noten bzw. ECTS-Punkte gab. Ich schiebe es ein wenig auf die WM und das Filmfest, aber das hat mir mittendrin des Öfteren gefehlt, dieses ziellose Rumblättern in Regalmetern oder das Kennenlernen von Sichtweisen außerhalb meines Stundenplans. Ein Vorsatz fürs Wintersemester wäre natürlich, das wieder in den Zeitplan einzubauen, aber das Semester wird leider noch arbeitsintensiver als das vergangene, denn es ist quasi mein letztes Semester, in dem ich noch Kurse und Vorlesungen besuche – im sechsten sollte eigentlich nur noch die Bachelorarbeit anstehen. Mal sehen, ob ich das schaffe, denn statt fünf Semestern Geschichte habe ich ja nur drei, in die ich die Pflichtkurse von fünf quetschen muss. Wobei die Kurse nicht das Problem sind, sondern die Hausarbeiten, für die ich in den Winterferien lausige acht Wochen Zeit haben werde. Und vier Hausarbeiten zu jeweils 30.000 Zeichen in acht Wochen – das wird selbst für mich Schnellschreiberin sehr eng.

Ich habe gelernt, dass in der Heraldik das Winterfell eines sibirischen Eichhörnchens eine Rolle spielt, dass es in Bayern diverse Klöster gibt, die noch viel zu wenig erforscht sind, dass die Fotografie nicht meine liebste Kunstgattung ist oder sein wird (immerhin eine, die ich von der Liste streichen kann), dass ich, wenn ich mich etwas anstrenge, mittelhochdeutsche Urkunden lesen und verstehen kann und dass überhaupt das Mittelalter eine sehr spannende Zeit ist. So spannend, dass ich dringend mehr über sie wissen will – und voraussichtlich auch meine Bachelorarbeit über sie schreiben möchte.

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Ich habe gelernt, meine Prüfungsordnung besser zu lesen. Nach vier Semestern habe ich es zum ersten Mal geschafft, einen falschen Kurs zu belegen. Okay, ganz falsch war er nicht, aber er bringt mir keine Punkte. So habe ich mich viele Dienstage lang um 6 Uhr aus dem Bett gequält, um um 8 Uhr (s. t.) am Gasteig zu sitzen und italienische Vokabeln und Grammatik zu pauken. Italienisch ist eine sehr schöne Sprache, aber jetzt, wo ich weiß, dass ich sie nicht lernen muss, werde ich das auch nicht weiter tun. Scusi. Aber danke dafür, dass ich meine Opernarien im Gesangsunterricht ein winziges bisschen besser verstehen und aussprechen kann.

Ich habe gelernt, dass ich im wissenschaftlichen Arbeiten inzwischen einen ähnlichen Anspruch an mich habe wie in meinem Brotberuf (der hoffentlich nicht mehr allzulange mein Brotberuf ist). Dieser Anspruch hat dafür gesorgt, dass ich in allen Referaten in diesem Semester ausgezeichnete Noten bekommen habe und ich hoffe, dass das dieses Mal auch endlich bei den Hausarbeiten klappt, denn da war ich bisher nie besser als 1,3. (Knurr.)

Das Blöde ist, dass ich diesen Anspruch inzwischen auch an meine KommilitonInnen habe. Das heißt, mich nerven schlecht vorbereitete Referate mehr, als sie sollten. Mich nervt es, Handouts mit Rechtschreibfehlern zu bekommen oder Handouts über fünf Seiten (braucht kein Mensch) oder Handouts mit einer einzigen Literaturangabe (geht’s noch?) oder überhaupt kein Handout. Es sollte mir egal sein, ich kriege ja keine Note auf die Referate anderer Leute, aber da sie ein wichtiger Bestandteil der Kurse sind, würde ich mir wünschen, dass sie einen gewissen Standard hätten. Klar, das lernen wir alle noch, dafür sitzen wir ja hier, aber nach vier Semestern hoffe ich allmählich auf mehr.

Und ja, ich weiß, das hört sich scheiße-großkotzig an. Das kann und will ich nicht ändern.

Ich habe ein Word-Dokument angelegt, in dem ich Ideen für die Bachelorarbeit sammele.

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(Und eine Autokorrektur bei Tweets. #lasttweeTTTT)

Ich habe zum ersten Mal in einer Kunstgalerie gestanden und mit meinen Kommilitoninnen darüber gestritten, ob jetzt Cy Twombly oder Silvia Bächli „besser“ ist. Ich habe Beuys verteidigt, ich habe Barnett Newmann als Referenz herangezogen, ohne darüber nachzudenken, ich habe über die Romantik und Caspar David Friedrich diskutiert, ich habe in Ausstellungen im Kopf Verbindungen hergestellt, ohne es darauf anzulegen, ich sehe anders, ich spreche anders über Kunst, ich gucke sie anders an als vor vier Semestern. Ich hatte zum ersten Mal im meinem Studium das Gefühl, fundiert über Kunst sprechen zu können, und zwar in der Galerie zwischen lauter Bächlis. Das war ein sehr großartiger Moment und ich hoffe, er kommt noch mal wieder.

Ich habe gelernt, dass ich am liebsten irgendwo alleine inmitten eines Bergs von Büchern und Aufsätzen sitze und aus diesem Berg ein kleines, überschaubares Häufchen mache, das ich dann meinen KommilitonInnen und DozentInnen präsentiere. Mir machen Referate sehr viel Spaß und ich freue mich das ganze Semester über auf die Hausarbeiten, weil ich da endlich schreiben kann. Ja, natürlich mag ich auch die Seminare und Vorlesungen, aber so richtig, richtig gerne sitze ich eben zwischen Büchern und lese und schreibe. Gibt es dafür irgendeine Berufsbezeichnung, die ich anstreben kann?

In diesem Zusammenhang: Ich fühle mich beim Studieren nicht mehr wie 20, aber beim Nachdenken darüber, was nach dem Studium passiert. Na super. Ich dachte, das hätte ich alles längst hinter mir. Ganz toll gemacht, Gröner.

Und noch mal in diesem Zusammenhang: Wenn ich nicht innerhalb des nächsten Jahres eine weitere Sinnkrise kriege – also so eine wie die von vor drei Jahren, die dafür gesorgt hat, dass ich gerade den Bachelor mache –, dann mache ich ab WS 2015 den Master. Das macht alles viel zu Spaß, um jetzt schon damit aufzuhören.

Zen

Diese Woche war die letzte Vorlesungswoche im Sommersemester. Am Mittwoch schrieb ich eine Klausur in meinem Mittelalter-Basiskurs in Geschichte und durfte befriedigt feststellen, dass ich alle Einzelteile einer Königsurkunde runterbeten kann – bis zu den tironischen Noten. Gestern standen die beiden restlichen Klausuren an, einmal in der Vorlesung über die Geschichte der Porträtfotografie und dann eine über karolingische Kunst. Vorher hatte ich noch die letzte Sitzung im Seminar zur Mediengeschichte des 19. Jahrhunderts, und zum Abschluss des Tages hatte unser Dozent des Kurses über bayerische Klöster seit der Karolingerzeit uns angeboten, das Semester in einer Kirche zu beenden anstatt im Unterrichtsraum, was wir natürlich gerne wahrgenommen haben.

Das Seminar zur Mediengeschichte hat sehr viel Spaß gemacht, aber gestern hörte ich leider zwei eher nervige Referate, was mich etwas verstimmte, denn die Themen wären toll gewesen – wie alle Themen, weswegen das Seminar auch so viel Spaß gemacht hat (für mein Referat über die Gartenlaube hatte ich eine 1,0 bekommen – die gleiche Note, die ich auch in meinen Referaten zu Frauenwörth oder Grimald von St. Gallen bekommen habe. Stolzer Smiley). Gestern ging es um koloniale Presse, genauer gesagt, die englische in Indien und Afrika, und hier vor allem um Flora Shaw. Ich konnte beiden Referentinnen nur sehr schwer zuhören, weil sie sich, für meine Begriffe, ewig an Zeug aufhielten, das kaum was mit dem Thema zu tun hatte oder es viel zu lang vorbereitete. Vielleicht war ich auch im Kopf schon bei den beiden Klausuren, für die ich weitaus weniger gelernt hatte als für alle bisherigen Klausuren. Nicht weil ich keine Lust hatte (oder die WM und das Filmfest dazwischen kamen), sondern weil ich kaum was lernen musste. Vieles, was ich auf den Folien fand und wie üblich auf Vokabelkarten übertrug, hatte ich mir sowieso gemerkt oder wusste es beim ersten Lerndurchgang. Wo ich im letzten Semester (in dem ich allerdings fünf Klausuren hatte) bis zur letzten Minute panisch gelernt hatte, konnte ich Mittwoch abend äußerst entspannt ein Fußballspiel gucken, weil ich mich sehr gut vorbereitet fühlte. Trotzdem war ich natürlich hibbelig, wie immer vor Klausuren, und vielleicht hatten die Damen vorne es daher schwerer als sonst, mich zu erreichen.

Nach zwei Stunden wechselte ich vom Historischen Seminar ins Hauptgebäude der LMU, stellte mich in die Schlange der Studis bei den Hiwis, die Studienausweise mit ihrer langen Liste verglichen, denn in der Porträtklausur saßen gefühlt 100 Leute. Ich war relativ früh da, damit ich mir einen Platz ganz außen in den Stuhlreihen sichern konnte, denn nach drei Semestern weiß ich inzwischen, dass ich fast immer als erste fertig bin. Und anstatt ewig auf die Mädels neben mir zu warten, kann ich so leise und ohne jemanden zu stören nach zehn Minuten abgeben und mich rausschleichen.

So war es auch dieses Mal: Ich musste bei keiner Frage wirklich überlegen, alle Namen fielen mir ein, alle Daten waren da, alle offenen Fragen schrieben sich wie von selbst – und da war der erste Zen-Moment des Tages. Das Gefühl, etwas zu wissen bzw. ziemlich viel zu wissen, hatte ich während einer Klausur hier das erste Mal. Es fühlte sich anders an als die Einzelteile von Königsurkunden zu kennen, denn die waren in diesem Semester ganz neu für mich, die hatte ich mir mühevoll in den Kopf geklopft. Aber zum Beispiel Literatur von Hans Belting, Walter Benjamin und Roland Barthes hatte ich schon früher kennengelernt, weswegen ich sie nicht mehr großartig lernen musste. Ich hatte mich schon mit einigen der KünstlerInnen befasst, die in diesem Semester drankamen, und alle, die ich neu lernte, klickten einfach so in die Lücken zwischen denen, die ich schon kannte, weswegen ich mich dafür auch nicht mehr großartig anstrengen musste. Und so saß ich im Riesenhörsaal, schrieb, kreuzte an, dachte kaum darüber nach, hielt nur einmal kurz inne, um diesen Zen-Moment zu bemerken, gab ab und ging raus.

Jogurt essen, aus dem Fenster gucken, noch mal die Vokabelkarten mit der karolingischen Kunst durchgehen, eBook auf dem iPad lesen, das überhaupt nichts mit Kunstgeschichte zu tun hat, Wasser trinken, noch mal die Vokabelkarten durchgehen, und dann war die Zeit rum, um zur nächsten Klausur zu gehen. Über Quantenphysik. (Sorry. Ich wollte nur gucken, ob ihr noch da seid.)

Eben waren wir 100, jetzt waren wir neun Studis, die sich im Hörsaal verliefen. Ausweise kontrollieren, Klausurbögen bekommen, umdrehen, Name und Immatrikulationsnummer aufschreiben, „BA Kunstgeschichte HF“ unterstreichen, Fragen durchlesen – und bei der letzten sehr stocken. Was ist der Einhardsbogen und woher kennen wir ihn? Gute Frage. Was zum Teufel ist der Einhardsbogen? Mein Gehirn wühlte im Geiste mein Notizbuch der letzten Sitzung durch, in der wir über diesen Bogen gesprochen hatten (immerhin das wusste ich noch), aber sonst konnte mein Hirn nichts finden. Erstmal die anderen Fragen, bei denen ich auch merkte, dass ich dieses Mal anscheinend das Falsche gelernt hatte. Ich hätte super erklären können, was die Admonitio generalis war oder was so toll an der Lorscher Torhalle ist oder worin sich die Hofschule von der Palastschule unterscheidet (und natürlich kam Einhard dran), aber ein, zwei Fragen ließen mich sehr ratlos zurück – woher kommt der Name des Godescalc-Evangelistars? Und was ist jetzt dieser verdammte Einhardsbogen? Ich konnte mich nicht mal daran erinnern, ob er Teil eines Gebäudes oder eines Kunstwerks oder einer Buchmalerei war. Kompletter Blackout. So viel zum Zen-Moment, in dem alles klickt und klackt und ich Susi Superschlau bin.

Aber anstatt wie sonst mit mir und meinen dusseligen Ansprüchen zu hadern, ließ ich die Felder weiß, die ich nicht wusste und gab ebenfalls nach wenigen Minuten ab – im Bewusstsein bestanden zu haben, wenn es auch kaum für eine 1 reichen wird. Das wurmte mich zwar, aber ich war kurzfristig wieder im Zen – das Semester ist rum, das war’s mit Klausuren, die außerdem in Kunstgeschichte nicht benotet sind, im Transcript of Records steht nur „bestanden“, es ist völlig egal, ob ich alles weiß … also theoretisch, ich will natürlich alles wissen, aber anscheinend weiß ich’s eben nicht, und vielleicht komme ich langsam in das Alter, in dem ich das hinnehmen kann.

Nein, komme ich nicht, denn natürlich war der Zen-Moment nur kurz. Ich habe noch direkt vor dem Hörsaal gegoogelt, was der Einhardsbogen ist und ich werde es nie wieder vergessen, genau wie ich das Wort praecipitare nie wieder vergessen habe, das mir in der zehnten Klasse in einer Lateinklausur nicht mehr einfiel.

Wie schon nach der ersten Klausur hatte ich nun anderthalb Stunden Zeit bis zum nächsten Termin. Ich schnappte mir mein Fahrrad und radelte entspannt meine geliebte Ludwigstraße entlang, stellte mein Rad am Marienhof ab und schlenderte am Dom vorbei zu St. Michael, wo wir uns nachher treffen wollten. Ich huschte einmal quer durch die Kirche und guckte, damit ich nachher nicht alles zum ersten Mal sah, entdeckte Engel mit den Marterwerkzeugen, erkannte zwei Evangelisten (die anderen zwei sind wirklich nicht da, was auch unseren Dozenten latent verwirrte) und immerhin zwei Jünger (Petrus (Schlüssel) und Andreas (Kreuz), alle anderen habe ich mir immer noch nicht gemerkt), bewunderte den Reliquienschrein und guckte mir in Ruhe die Fassade an. Immer noch eine Stunde Zeit. Ein kurzer Gedanke an Kaffee, aber da erinnerte ich mich, an einer Augustiner Gaststätte vorbeigekommen zu sein, und genau dahin ging ich dann auch. Ich sah anscheinend aus wie ein Touristin (Hoodie, Sneakers, Rucksack), jedenfalls sprach mich der Mensch am Empfang auf englisch an, was ich mit „Servus“ beantwortete und um einen Platz bat. Ich wurde platziert, bestellte ein Bier, wie sich’s gehört und las weiter im eBook.

Die Klausuren waren durch, das Buch leidlich spannend, ich roch die gute bayerische Küche um mich herum, hörte den vielen Sprachen zu, genoss mein Bier – und war wieder im Zen. Wieder ein Semester rum (bis auf die Hausarbeiten, aber die sind ja immer mein Sahnehäubchen, auf das ich mich von Anfang an freue), nur noch ein einziges Semester mit richtigen Kursen und dann kommt schon das sechste, in dem ich die Bachelorarbeit schreibe, nur noch wenige Monate, fast fertig, wie ist das denn passiert, wo ist die Zeit hin? Ich genoss es plötzlich sehr, alleine irgendwo zu sitzen, was ich in München sehr selten mache, wo ich höchstens alleine in Museen gehe, aber sonst bin ich fast immer in Gesellschaft. Jetzt nicht, jetzt trank ich ein Bier alleine, vor mir ein Buch, hinter mir die Arbeit, noch eine Kirche und ein paar kunsthistorische Überlegungen auf dem Programm, aber im Prinzip war ich gerade frei wie ein Vogel, und das war ein grandioses Gefühl.

Eine Touristin blieb neben meinem Tisch stehen und fotografierte die Speisekarte, was ich nur aus den Augenwinkeln registrierte, weil ich las und trank und mich ganz großartig fühlte. Sie sagte „Merci, madame“, und ohne zu überlegen, antwortete ich „de rien“ und blickte nicht mal auf. Sie lachte und sprach mich an, und erst in dem Moment fiel mir auf, dass ich französisch gesprochen hatte und musste gestehen: “That’s about all the French I know.” Sie lachte wieder und redete weiter, ich glaube, irgendwo war ein „au revoir“ drin, aber das mag ich mir eingebildet haben. Und jetzt wollte ich nicht mehr lesen oder trinken, jetzt wollte ich nur da sitzen und den Moment festhalten, in dem alles gut war, ich, allein, in einer Stadt, die mir sehr ans Herz gewachsen ist, mit so viel neuem Zeug im Kopf, so viel altem, das wieder hochkommt und noch so viel mehr, das da reinpasst. Das wollte ich festhalten. Und das habe ich dann gemacht.

Next Goal Wins

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Next Goal Wins (UK 2014, 93 min.)

Offizielle Seite und Trailer

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Die Fußball-Nationalmannschaft von Amerikanisch-Samoa hat seit ihrer FIFA-Mitgliedschaft 1994 noch nie ein offizielles Spiel gewinnen können. 2001 verloren sie ihr Qualifikationsspiel zur WM 2002 gegen Australien in der Rekordhöhe von 31:0. Jetzt ist es 2011 und die Quali zur WM 2014 in Brasilien steht an.

Next Goal Wins lief auf dem Filmfest München, und nach dem Film diskutieren die Regisseure und Produzenten Mike Brett und Steve Jamison informativ-unterhaltsam mit dem Publikum. Ein Satz von ihnen war: „Wie gehst du nach der Halbzeitpause wieder aufs Spielfeld, wenn du 16:0 zurückliegst?“ Das habe ich mich gleich zu Beginn des Films auch gefragt, denn dort bekam man sämtliche Tore zu sehen, in all ihrer Unerbittlichkeit. Torwart Nicky Salapu griff wieder und wieder hinter sich, und als Publikum war man schon nach zwei Minuten im Film weichgekocht und in die Jungs verliebt, die dort unten auf dem Platz so unterirdisch miesen Fußball spielten.

Aber das soll sich nun ändern. Der Verband der Insel fragt beim großen Bruder USA nach, ob sie einen Trainer erübrigen könnten, der sich um die Mannschaft kümmert, der große Bruder postet eine Stellenanzeige – und ein einziger Mann meldet sich: Thomas Rongen, ein holländischer Coach, der seit Jahren US-Teams betreut, darunter auch die amerikanische U20. Er hat eine strikte Vorstellung davon, wie ein Fußballtraining auszusehen hat. Das Problem ist nur: Die Spieler haben eher andere.

Was den Film so interessant macht, ist nicht unbedingt die Fußballgeschichte, sondern das Aufeinanderprallen zweier Welten – und damit meine ich nicht die Kultur. Die Wikipedia verrät mir, dass zwei Kulturen schon zur Insel gehören, also das, Zitat, „Nebeneinander von modernem amerikanischem Lebensstil und samoanischen Traditionen“. Was ich meine, ist die Professionalität eines Trainers, der auf den Amateurstatus eines winziges Verbandes trifft, in dem die meisten Spieler einen Ganztagesjob haben und nur nebenbei kicken können, aber trotzdem den Anspruch haben, sich mit anderen FIFA-Teams messen zu wollen.

Als die beiden Regisseure sich an den Verband wandten, um den Film drehen zu können, konnten sie nicht ahnen, was sie alles filmen würden. Sie wussten nicht, dass ein neuer Coach kommen würde und mit ihm eine ganz neue Dynamik. Sie kannten kaum Einzelspieler, sondern waren eher am Kollektiv interessiert. Eigentlich wollten sie sich nur selbst die Frage beantworten, die ich oben schon ähnlich wiedergegeben habe: Wie motiviert man sich, wenn man weiß, dass man immer verliert? Was sind das für Menschen, die schlicht nicht einsehen wollen, dass sie keine Chance haben?

Einige dieser Menschen lernen wir besser kennen, zum Beispiel den unglücklichen Torwart, der inzwischen in Seattle lebt, aber für die Quali wieder in die Heimat zurückfliegt. Einen Spieler, der sich bei der US-Armee verdingt, weil auf Amerikanisch-Samoa kaum Jobs zu finden sind und der auch wieder auf der Insel landet. Oder Jaiyah Saelua, auf die man sehr schnell aufmerksam wird, denn sie bewegt sich anders als die Mannschaftskameraden (“I run like a girl”). Sie ist ein Fa’afafine, ein drittes Geschlecht, das einen Mensch bezeichnet, der biologisch ein Mann ist, sich aber dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlt. Jaiyah studiert auf Hawaii und lebt dort als Frau; auf Amerikanisch-Samoa spielt sie aber mit den Männern Fußball. Das passiert alles sehr unaufgeregt und ohne dass es großartig thematisiert wird (und ohne, dass ihre Mannschaftskameraden Angst davor haben, von ihr unter der Dusche angegangen zu werden, was ja anscheinend eine große Angst hiesiger Spieler ist). Schließlich lernen wir auch noch den Coach besser kennen, der zunächst nur rumschreit und kurz davor ist abzureisen, aber nach nur drei Wochen lächelnd und mit geschlossenen Augen friedlich den Ozean genießt und mit seinen Spielern eine tränenreiche Geschichte teilt.

Zur angedrohten Abreise des Trainers hatten Brett und Jamison auch noch eine Geschichte zu erzählen. Die Situation ist im Trailer zu sehen, Coach und Verbandsfunktionär liefern sich ein Shouting Match, während alle Spieler dabei sind. Brett erzählte, dass sie sich untereinander mit Blicken verständigt hätten, schalten wir die Kameras aus, sollten wir hier dabei sein, ist das jetzt nicht zu intim, sollten wir vielleicht ganz gehen? Sie entschieden sich, den Ton laufen zu lassen, die Kameras aber abzudrehen und sich möglichst unsichtbar zu machen. Als die Männer damit fertig waren, sich anzuschreien, drehten sich beide zu den Regisseuren um und meinten unisono: “I hope you were filming this!”

Wer wissen will, ob Rongens Schreien und schließlich das Training Erfolg gehabt haben, kann sich diesen Artikel von 2011 aus der NY Times durchlesen. Oder den hier über Jaiyah, die erste transsexuelle Spielerin, die bei einer offziellen FIFA-WM-Qualifikation aufgelaufen ist (der Artikel spoilert allerdings auch das Spielergebnis). Oder ihr guckt euch den Film an, wenn ihr die Chance bekommt.

Ich mochte an ihm zwei Dinge besonders: die Freude am Spiel und die überall mitschwingende Spiritualität. Es scheint ganz normal zu sein, dass der Gouverneur des kleinen Nicht-Staates in der Kirche mit der Mannschaft betet und ihr alles Gute für das nächste Spiel wünscht. Die Kraft einer höheren Macht anzurufen, hat hier etwas Selbstverständliches, Gemeinschaftliches, es fehlt der Show-Charakter, den ich vielen Spielern unserer Breiten unterstelle, die direkt auf dem Spielfeld, vor Publikum und Kameras, noch mal offensiv beten, ganz egal ob zu einem muslimischen oder einem christlichen Gott. Mit dieser Einschätzung mag ich sehr daneben liegen, aber so fühlt es sich für mich an.

Der zweite Punkt, der mir so gefallen hat, gerade jetzt, während der WM-Zeit: das Erden dieses Sports. Das Runterkommen vom Big Business, von Sponsorenlogos überall – wobei es sehr niedlich war, die FIFA- und die Brasilien-2014-Fahne auf dem winzigen Acker wehen zu sehen, den Amerikanisch-Samoa als Fußballplatz bezeichnet –, von millionenschweren Spielern und Funktionären. Hier war Fußball ein Sport, der gemeinsam erlebt wird und der, ganz simpel, ein großartiges Hobby ist, das vom Alltag ablenkt.

Ich habe mich die ganzen 90 Minuten lang gefragt, wie Profi-Spieler den Film empfinden würden. Die Nationalmannschaft von Amerikanisch-Samoa erinnert manchmal an die Jungs (und Mädels), die nach der Schule zwei Colaflaschen aufstellen und sie als Tor bezeichnen, um dann ewig davor rumzubolzen. Weil sie es können und weil sie es wollen, und nicht, weil sie es müssen, weil es inzwischen ein Job ist, weil der Berater schon mit dem nächsten Vertrag wedelt, weil noch ein Fotoshooting für den Merchandisingkatalog ansteht und weil draußen die Autogrammjäger warten, die einen nicht unbedrängt zum arschteuren Sportwagen lassen. Auch diese Frage konnten die Regisseure beantworten: Ein Screening fand bei Athletico Bilbao statt (ich hoffe, ich habe mir den Verein richtig gemerkt), wo anscheinend aus Profis wieder Jungs mit leuchtenden Augen wurden, die sich daran erinnerten, dass Fußball zuallererst immer noch ein Spiel ist, auch wenn sie inzwischen damit anständig Geld verdienen.

Und mit genau diesem Gefühl kommt man aus Next Goal Wins raus: mal wieder alles auf Null drehen und gucken, was wirklich wichtig ist. Der Trailer sagt es so schön: „Every country dreams of winning the World Cup. Some just want to win a game.“ Was ein fürchterlich pathetischer Sportfilm hätte werden können, ist eine Werbung für Polynesien und seine Menschen geworden, für das Überdenken des eigenen Wegs und für die Hoffnung, dass man manchmal jemanden trifft, der Impulse zur eigenen Entwicklung geben kann – oder den man selbst in eine neue Richtung schickt. Next Goal Wins ist charmant, liebevoll, sehr lustig und ich habe im Kino zwei toughe Kerle neben mir gehabt, die, genau wie ich, des Öfteren verstohlen ins Taschentuch schneuzten. Große Empfehlung.

Clouds of Sils Maria

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Clouds of Sils Maria (D/F/SUI 2014, 123 min.)

DarstellerInnen: Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Angela Winkler, Hanns Zischler
Kamera: Yorick Le Saux
Drehbuch und Regie: Olivier Assayas

In Clouds of Sils Maria spielt Juliette Binoche eine Schauspielerin, die ihre Karriere einer Rolle verdankt, die sie als 18-Jährige am Theater spielte – sie definierte die Rolle einer jungen Frau, die sich die Zuneigung einer älteren Frau zunutze macht. Ein Regisseur will dieses Stück jetzt erneut aufführen und bietet Binoche dieses Mal die Rolle der älteren Frau an. Sie überlegt, diskutiert mit ihrer jungen Assistentin (Kristen Stewart), sagt erst ab, dann zu, probt mit Stewart im Haus des Theaterautoren, mit dem sie befreundet war, der aber direkt zu Filmbeginn verstirbt, probt weiter, wandert durch die Schweizer Alpen, zweifelt, raucht, trinkt, und probt einfach weiter.

Klingt erstmal alles sehr unaufregend und hat mich doch zutiefst beeindruckt und begeistert. Das Stück im Stück ist natürlich eine prima Dialogvorlage – alles, was die junge Frau zu älteren im Stück sagt, sagt hier die Assistentin, die durchaus als Vertraute und Fast-Freundin präsentiert wird, zu Binoche, bei der nie ganz klar wird, welches Verhältnis sie gerne zur jüngeren Begleitung hätte. Umgekehrt gilt das auch, und das ist ein Grund, warum ich den Film so mochte. Es wird viel angedeutet, wortlos gezeigt, stehengelassen, es gibt keine Erklärbärsätze, kein Runterdummen des Stoffes. Man hört vielen schlauen Sätzen zu, die kaum jemand wirklich von sich geben würde, aber genau das verstärkt diese seltsam entrückte Stimmung, die in Sils Maria herrscht. Ich twitterte direkt nach dem Kino, dass mir der Film „wie ein kleines, aus der Zeit gefallenes Juwel“ vorgekommen ist.

Sils Maria verwebt viele Themen: Oberflächlich mag es um das Älterwerden gehen und der Auseinandersetzung, wer man mal war und wer man jetzt ist. Das wird auch bei den Proben angesprochen, als Binoche mit ihren Zeilen hadert – liest man einen Text anders, wenn man älter wird, wenn man sich ändert? Liest man Texte in der Rückschau anders? Ich musste an Bücher oder Lieder denken, die einem mit 20 wichtig waren und mit 40 plötzlich egal sind und umgekehrt: Dinge, die ich mit 20 belanglos fand, haben auf einmal eine Wichtigkeit oder einen Platz in meinem Leben, den sie damals nicht hatten. Was ich sehr spannend fand: wie sehr sich Binoches Figur an ihren alten Charakter klammert – so als ob ihr klar wird, dass sie diese Rolle und damit ihre Jugend (und ihre Karriere? die Macht der Jugend und dieser Karriere?) unwiderruflich verlieren wird. Auch darüber sprechen Binoche und Stewart: Die Erfahrung des Alters versus die Energie und Leidenschaft – und vielleicht Rücksichtlosigkeit und Kompromisslosigkeit – der Jugend. Der Film wirft einem ständig Stichworte hin und man kommt kaum hinterher damit, sie an der eigenen Biografie zu überprüfen.

Jedenfalls habe ich das gemacht. Vielleicht auch, weil ich hier zwei weibliche Figuren vor mit hatte, mit denen ich mich ganz simpel besser identifizieren kann als mit männlichen (obwohl das ständig von mir im Kino erwartet wird). Auch über das Thema Weiblichkeit kann man bei dem Film lang und breit nachdenken. Was mir aufgefallen ist: wie selten die beiden der Klischeeweiblichkeit entsprechen, die ich in 30 Jahren Konsum hauptsächlich amerikanischer Filme, Massenmedien und seit ein paar Jahren dem Internet verinnerlicht habe. Stewart trägt Jeans und Bandshirts, ihre Tattoos sind sichtbar, ihre Haare gerne strähnig und ungekämmt. Sie trägt derbe Schuhe, raucht und flucht und ist fast den ganzen Film damit beschäftigt, zu arbeiten. Sie organisiert Termine, regelt den Tag ihres Bosses, spielt Chauffeuse, Probenpartnerin, Freundin. Man erfährt sehr wenig Privates über sie – bis auf kleine Details. In einer Szene an einem Bergsee, an den die beiden Frauen nach einer Wanderung gelangen, ziehen sie sich aus und baden, wobei Stewart ihre Unterwäsche anbehält. Sie trägt einen schlichten, schwarzen BH und einen fast Boxershorts-artigen weißen Baumwollschlüpfer, über den ich ewig nachgedacht habe, weil er so gar nicht der Unterwäsche entsprach, die ich inzwischen an einem normschönen, jungen Körper erwarte.

Die zweite Szene: Stewart nimmt sich ein paar Stunden frei und trifft sich mit einem Fotografen, dem sie etwas nähergekommen ist – auch hier nur Andeutungen, kurze Momente des Zusammenstehens neben der Arbeit. Wir sehen, wie sie sich ins Auto setzt und losfährt, um ein paar Stunden später wieder in das Berghaus zurückzukehren, in dem Binoche und sie für das Stück leben und arbeiten. Sie ist müde, entkleidet sich nur halb, wie wir aus Binoches Perspektive sehen, die nach ihr schaut, wirft sich aufs Bett und trägt dabei einen schwarzen String. Ich habe keine Ahnung, ob das eine zufällige Klamottenwahl des Kostümdepartments war, aber dafür waren mir beide Kleidungsstücke zu sehr sichtbar, und sie haben mir nebenbei gesagt, dass Stewart im Job die Kleidung trägt, die halt grad praktisch ist und in ihrem Leben neben der Arbeit anscheinend andere Dinge wichtig sind. Über die erfahren wir aber nichts, sie werden nur in dieser Autofahrt, einem nicht sichtbaren Treffen und einem kleinen Stück Stoff angedeutet.

Auch über Binoches Kleidung habe ich nachgedacht. Der Film beginnt mit einer Ehrung für den gestorbenen Dichter; Binoche hält eine Rede und wird dafür von Chanel eingekleidet. Es ist das einzige Mal im Film, dass wir sie in typisch weiblich konnotierter Kleidung sehen: lange Abendrobe mit tiefem Ausschnitt, hohe Absätze und ihre Haare sind schulterlang. Ich habe das an ihr, genau wie die Bandshirts an Stewart, als Arbeitskleidung gesehen. Sie repräsentiert eine gefeierte Schauspielerin und so sehen gefeierte Schauspielerinnen halt aus. Wie anders lässt es sich erklären, dass es bergeweise Websites gibt, die Fotos von ungeschminkten Schauspielerinnen in Jeans und Crocs veröffentlichen und damit anscheinend gut Kohle machen? Weil es ein Anblick ist, der anscheinend etwas besonderes ist (oder von diesen Quatschsites zu einem besonderen Anblick hochgejazzt wird).

Sobald die Probenarbeit beginnt, trägt Binoche ihre Haare kurz – ich musste an die übel beleumdeten, sogenannten praktischen Kurzhaarfrisuren für Frauen über 40 denken –, dazu entweder Jeans oder bei offiziellen Anlässen wie dem Treffen mit ihrer jungen Kollegin, die ihre alte Rolle übernimmt, eine Art geschlechtsloses Outfit aus Blazer und Bluse, das genauso gut ein Jackett und ein Hemd sein könnte. Ihr jüngeres Ich hingegen trägt ein Kleid und lange Haare, und auch ihre Figur hat eine Botschaft. Chloë Grace Moretz spielt eine junge Frau, die von TMZ gejagt und abfotografiert wird, in Interviews eher uninformierten Quatsch von sich gibt und bis jetzt nur in Superheldenfilmen mitgespielt hat: das Klischee-It-Girl, hübsch und dumm.

Aber auch sie hat eine andere Seite, die wir, wie die von Stewart, nur angedeutet bekommen, hier ein Satz, dort ein kaltes Lächeln. Die einzige Frau, die sich im Film vor uns entblößt und schutzlos macht wie ihre Figur im Theaterstück, ist Binoche. Ich mochte den Kontrast, den der Film zunächst aufbaut, indem er Alter mit Erfahrung und Sicherheit gleichsetzt und genau diese Prämisse dann Stück für Stück demontiert, indem die beiden jüngeren Frauen viel besser wissen, was sie können und wollen, während die ältere immer noch sucht und stolpert.

Moretz’ Figur hat aber noch eine weitere Funktion: Sie ist die Verbindung zwischen Kunst und Alltag, der, Zitat, „eigenen Subjektivität“ des Theaters, das auf eine Außenwelt trifft, die keine Zeit mehr haben will für Kunst und Reflektionen, wenn Klicks und Hektik mehr Umsatz machen. Und sie ist eine Figur, an der die Medien mehr Interesse haben als an dem Stück, in dem sie auftritt. Hier löst sich der Film gefühlt kurz von seiner Zeit- und Ortlosigkeit, denn natürlich musste ich an Stewart und ihre Twilight-Zeit denken, in der jede ihrer Privatangelegenheiten im Netz und in den Klatschspalten begleitet wurden und jeder andere Film, den sie zu der Zeit machte, völlig unterging. Der Film lässt den Regisseur des Theaterstücks sagen, dass er nicht glaube, dass diese Außenwelt dem Stück irgendwie zu nahe kommen könnte bzw. diese zwei Welten sich vermischen, aber ich ahne, dass das ein Satz ist, der wunschgedacht ist.

Ich habe den Film trotzdem – oder gerade wegen dieses Dialogs – als eine sehr bewusste Pause vom Alltag empfunden, von der Realität, die draußen vor dem Kino rumstresst, vor den Anforderungen, die täglich in mich gesetzt werden bzw. die ich mir selber setze. Hier durfte ich einfach zuschauen, zuhören, mitfühlen und vor allem mitdenken. Der Film lief beim Filmfest München, ist dort heute und morgen noch mal zu sehen und startet regulär am 18. Dezember in den deutschen Kinos, und ich bitte euch jetzt schon mal, den Termin im Kalender einzutragen. Meiner Meinung nach lohnt sich Sils Maria sehr. (Und guckt euch nicht den Trailer an, der verzerrt den Film völlig.)

Bechdel-Test bestanden?

Mit Bravour.

Mein Lieblingsgenöle nach so gut wie jedem Film ist der Satz: „Die und die Rolle hätten auch von einer Frau gespielt werden können, hätte keinen Unterschied gemacht.“ Bei diesem Film habe ich mich gefragt, ob die drei großen Frauenrollen auch von Männern hätten gespielt werden können. Ich denke ja, aber das wäre dann ein ganz anderer Film geworden. Es hätten auch drei Männer sein müssen, gemischtgeschlechtlich funktioniert der Film nicht, glaube ich. Aber, auch auf die Gefahr hin, jetzt selbst in die Klischeefalle zu stolpern, was der Film so wunderbar vermeidet: Ich glaube, Älterwerden ist für Männer kein so großes Thema wie es vielleicht für einige Frauen ist. Die biologische Komponente hockt uns mehr im Nacken als euch – jedenfalls den Frauen, die sich fortpflanzen möchten. Und dass grauhaarige Frauen mit Falten genauso sexy gefunden werden wie Männer, sehe ich leider auch nicht.

Filmfest München 2014, Tag 1

Mein drittes Filmfest – und das erste, das sowohl mit einer Fußballweltmeisterschaft als auch mit meiner eigentlichen Hochphase des Lernens kollidiert. In der Woche vom 7. bis 11. Juli sind nämlich meine Klausuren, und normalerweise sind mindestens die zwei Wochen davor tabu für alles, weil ich meinen Stoff gerne über einen etwas längeren Zeitraum verteile anstatt mir alles in zwei Nächten vor der Klausur reinzuzwingen; ich glaube eh nicht, dass das funktioniert, aber viele meiner KommilitonInnen schwören auf diese Methode. Daher ist mein vorläufiger Terminplan deutlich lichter als sonst, und wie immer wird die spontane Laune entscheiden, was ich wann gucke. Gestern habe ich drei von vier geplanten Filmen gesehen.

Everything We Loved (Neuseeland 2013)

Ich zitiere von der Filmfest-Website:

„Einst tourten Charlie und Angela durchs Land, er ein Magier, sie seine Assistentin. Doch nach dem Tod ihres Sohns Hugo trennten sich sowohl beruflich wie auch privat ihre Wege. Als Angela eines Tages zu Charlie zurückkehrt, hat er eine Überraschung für sie parat – einen entführten Fünfjährigen als Ersatz für Hugo.“

Irgendwie muss ich ja anfangen, über diesen Film zu reden, daher ist die Inhaltsangabe die naheliegende Idee. Trotzdem enthält sie schon einen dicken Spoiler (ganz ohne kommen Inhaltsangaben halt nicht aus), was ein bisschen schade ist, denn der Film schafft es sehr clever, die ZuschauerInnen erst glauben zu lassen, alles sei in Ordnung und der Junge halt der Junge, den wir erwarten. Erst nach und nach fühlt sich alles seltsam an, schräg, schmerzhaft. Und dann wird es noch schmerzhafter, als die Mutter des toten Jungen zu ihrem Mann zurückkehrt, eigentlich, um alles endgültig hinter sich zu lassen. Die ersten Instinkte, die man wahrscheinlich schon beim Lesen des Inhalts im Kopf hatte – ruf die Polizei, mach dem Kerl klar, dass er gerade völlig austickt –, setzen auf einmal aus. Und interessanterweise nicht nur bei der Mutter (ist man noch eine Mutter, wenn das Kind nicht mehr da ist?), sondern auch bei den ZuschauerInnen.

Jedenfalls bei mir. Der charmante Begleiter war nach dem Film felsenfest anderer Meinung: „Da gibt’s doch nichts zu diskutieren – die Handlung ist falsch und unmoralisch, warum sollte ich auch nur eine Sekunde mein Herz an die beiden Hauptfiguren verlieren?“ Aber genau das ist es, was Everything We Loved für mich so interessant gemacht hat: die innere Zerrissenheit zwischen Moral und Trauer, dem Wunsch nach „Alles wird wieder gut“, was natürlich nicht passieren wird, weil manches eben nie wieder gut werden kann. In Amores Perros gab es den wunderbaren Satz „Wir sind auch immer das, was wir verloren haben“. Den fand ich hier sehr passend. Wir tun unmoralische Dinge, weil uns andere Dinge angetan wurden. Wir versuchen festzuhalten, was schon längst weg ist. Oder wie der Ehemann zu seiner Frau sagt: „I couldn’t save him. I thought I could save you.“

Bechdel-Test bestanden: Nicht so richtig. Die Ehefrau redet mit einer anderen Mutter, aber das passiert nur in zwei kleinen Szenen. Der Film besteht fast komplett aus einer Nahaufnahme der Familie – oder eben den drei Menschen, die so tun, als seien sie eine.

Die Trost-Bechdel: Gibt’s leider auch nicht. Drehbuch und Regie sind männlich.

Chef (USA 2014)

Ich twitterte direkt nach dem Film: „Nearly perfect feel-good foodie movie.“ Auch nach einer Nacht darüber schlafen fühlt sich das richtig an. Chef ist eine leichte, schnuffige Sommerkomödie, in die man nie, nie, nie hungrig gehen sollte, und die wenigen Macken, die der Film meiner Meinung nach hat, sind halbwegs verzeihlich und ruinieren nicht dieses angenehme „Nee, watt schön“-Gefühl, mit dem man aus dem Film kommt.

Jon Favreau spielt einen Koch, der sich quengelnd in die Anweisung seines Chefs fügt, gefälligst das zu kochen, was seit gefühlt immer auf der Karte steht anstatt seine neuen Kreationen, die fieserweise in Großaufnahme und sattestem (haha) Technicolor präsentiert werden. Ein Restaurantkritiker, der früher mal Foodblogger war, verreißt ihn natürlich. Chefs Sohnemann, der für ihn scheinbar eher ein nerviges Anhängsel ist, um das er sich kümmern muss, weil die Scheidungsvereinbarung das nun mal vorsieht, zeigt dem Herrn Papa Twitter, was diesen natürlich dazu bringt, eine eher unfeine Äußerung in Richtung Kritiker zu zwitschern (wer von uns kennt das nicht?). Natürlich eskaliert alles, wie es eskalieren muss, mehr sage ich gar nicht, das kann man sich ja denken, überraschend ist Chef wirklich nicht, und übrig bleiben ein Koch mit Sinnkrise, ein Sohnemann mit Ferien und ein Roadmovie mit Futter.

Was ich an Chef mochte: natürlich die vielen Aufnahmen von Nahrungsmitteln, sei es ein Sternemenü oder ein Käsesandwich, die dazu auch noch alle auf 16 Kanälen überlaut brutzeln, gluckern, knuspern und knacken. Ich wiederhole die Warnung: Geht in diesen Film nicht hungrig! Der charmante Begleiter konnte nach den ersten beiden Filmen in keinen dritten mehr, weil er nur noch ESSEN! wollte. (Wobei der Mann eigentlich immer essen will. Sehr sympathisch.) Ich mochte die teilweise deutlich improvisierten Dialoge, die Besetzung, bei der Favreau anscheinend einfach mal sein Hollywoodstars-Telefonbuch durchgeklingelt hat, und ich mochte die clevere Einbindung von Twitter, Vine und Facebook, ohne die der Film nicht funktioniert und die nicht aufgesetzt wirkt, sondern als normale Mediennutzung wie Handys und Zeitungen präsentiert wird.

Was ich nicht ganz so mochte: die letzten drei Minuten, die leider in die Klischeefalle tappen. Ich fand die Situation, die ich jetzt nicht näher erwähnen will, weil ich dann nur spoilern kann, gut so, wie sie war, weil sie nicht so ganz hollywoodesk war, und das ruiniert sich der Film ein bisschen selbst. Was mich persönlich noch gestört hat: die Jungszentriertheit. Der Sohn ist eben ein Sohn, er hätte aber auch eine Tochter sein können, was den Film für mich besser gemacht hätte. Dann wären zwar ein paar Testosteronwitze rausgeflogen, aber die hätte man in einem veränderten Setting auch nicht vermisst.

Trotzdem bleibt mein Fazit sehr positiv. Leichte Filmkost (haha), aber gut abgeschmeckt (haha) serviert (haha). Okay, ich bin durch. (Haha. Nee, doch nicht.)

Bechdel-Test bestanden: Überhaupt nicht. Eine halbwegs große Frauenrolle (Sofía Vergara als Ehefrau), die aber immerhin ein eigenes Business hat, weswegen der Chef dann auch mal die Nanny sein muss, was er etwas fassungslos feststellt. Eine zweite Frauenrolle ist Scarlett Johansson als Sommelière und Quasi-Affäre des Chefs, die sinnlich auf dem Bett rumliegt, während er Penne all’arrabbiata zubereitet, wobei ich mich die ganze Zeit gefragt habe, warum sie nicht AM TISCH SITZT, VERDAMMT.

Die Trost-Bechdel: Nö. Written and directed by Jon Favreau.

Quai d’Orsay (Frankreich 2013)

Um den Film rum hatte ich mir den ganzen Samstag gebastelt – und er war fürchterlich. Was mich sehr geärgert hat, denn die Vorlage, eine Graphic Novel, war großartig. Ich schrieb selbst: „Wie West Wing auf Speed.“ Der Film war leider West Wing auf Valium.

Was funktioniert hat: Der Witz, dass alle Blätter hochfliegen, sobald der hektische Außenminister in einen Raum kommt, ist auch beim zehnten Mal noch lustig. Was nicht funktioniert hat: seine Geschwätzigkeit. Das klingt im Trailer schon an: Der Herr spricht gerne in Schlagworten oder salbadert sinnlos rum, er ändert dauernd seine Meinung und liest eh nichts richtig durch. Im Comic habe ich die Freiheit, den ganzen Quatsch einfach zu überlesen – ich meine mich auch daran zu erinnern, dass seine Sprechblasen gerne mal durch andere überdeckt werden –, aber im Kino bin ich dem Gequatsche hilflos ausgeliefert. Thierry Lhermitte als Außenminister ist allerdings wirklich gut, er kommt durch sein ganzes Geseier mit einer bewundernswerten Ernsthaftigkeit. Trotzdem macht er einen schlicht wahnsinnig mit seinen Worthülsen, mich jedenfalls. Ich bin sehr nölig zwei Stunden auf meinem Sitz rumgerutscht, weil ich deppigerweise in der Mitte saß und mich nicht durch die ganze Reihe drängeln wollte. Hätte ich am Rand gesessen, wäre ich nach 20 Minuten draußen gewesen.

Bechdel-Test bestanden: Pffft. Fast nur Jungs. Die Sekretärinnen sind weiblich, die Freundin vom Redenschreiber, um den es eigentlich geht, darf auch ab und zu was sagen, aber die Rollen, die den Film voranbringen, sind quasi alle männlich. Eine Ausnahme: Es gibt im Team der Schreibenden immerhin eine Frau, aber deren Bluse ist total zufällig immer bis zum dritten Knopf offen, und in einer Szene steht sie allen Ernstes in Strapsen in ihrem Büro vor dem Ganzkörperspiegel, um ihr Oberteil zu wechseln. Ist klar, ihr Spinner.

Die Trost-Bechdel: Nö. Auch hier wieder Drehbuch und Regie von Jungs.

Links vom 23. Juni 2014

The end of the hipster: how flat caps and beards stopped being so cool

Über Umwege via Peter Glasers Glaserei:

„Chris Sanderson, futurologist and co-founder of trend forecasting agency The Future Laboratory, thinks it’s simple: “The hipster died the minute we called him a hipster. The word no longer had the same meaning.”“

Im Artikel steht auch, woher das Wort eigentlich kommt. Wusste ich nicht:

„The word was coined in the 1940s to define someone who rejected societal norms – such as middle-class white people who listened to jazz. Then came a reactive literary subculture, realised through the work of beatniks such as Jack Kerouac and William Burroughs. It was Norman Mailer who attempted to define hipsters in his essay The White Negro as postwar American white generation of rebels, disillusioned by war, who chose to “divorce oneself from society, to exist without roots, to set out on that uncharted journey into the rebellious imperatives of the self”.

A decade later, we had the counter-culture movement – hippies who carried their torch in a fairly self-explanatory fashion, divorced from the mainstream. The word mostly vanished until the 1990s, when it was redefined so as to describe middle-class youths with an interest in “the alternative”.“

Der Osten lebt

Ich zitiere die Selbstbeschreibung des Tumblrs:

„Faszinierend, dass die Umrisse der DDR in aktuellen statistischen Kartendarstellungen noch immer zu entdecken sind. Beispiele werden hier gesammelt.“

(via @ichichich)

9 Facts Shatter the Biggest Stereotypes About Fat People

Die ewig gleichen Vorurteile mit den ewig gleichen Gegenargumenten. Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mutloser werde ich, aber: Es hilft ja nix. Posten wir also weiter Artikel, die die Schauermärchen über dicke Menschen widerlegen. Möge es nützen. Irgendwann und irgendwem.

„If being fat were inherently bad for us, then weight loss should bring about innumerable health benefits. But that’s not always the case: Multiple studies have seen little to no connection between weight loss and decreased risk of mortality.

In fact, some studies have found that fat people are more likely to survive cardiac events and that being overweight can have a positive influence on longevity. What’s more, losing significant weight is very difficult, and intense yo-yo dieting can cause plenty of health problems, too. The conversation about weight-related health risks also frequently ignores the problems that thin or underweight people may face as well.

Extremes on either end of the scale carry risks, and no one doubts that eating a balanced diet and getting regular exercise are good things. On its own, however, weight is not the issue. Too much junk food combined with a sedentary lifestyle is, and it’s going to be regardless of one’s weight.“

(via @journelle)

#WM2014

Auf dem Weg vom Hamburger Zuhause zum nächstgelegenen Supermarkt.

engita

Well played, Italy.

gre

ghager

Ein Service der Hausgemeinschaft: jeweils die tagesaktuellen Spiele ausflaggen.

gerrus

bobcro

Wer keine Fahne hat, hat einen Schwamm.

Über was ich alles in epischer Breite hätte bloggen können, aber irgendwie keine Lust hatte, weswegen ihr jetzt ein paar Schnipsel kriegt, damit ihr nicht glaubt, ich würde nicht an euch denken

Ich habe in meinem Kurs „Mediengeschichte des 19. Jahrhunderts“ ein Referat über Die Gartenlaube gehalten und dafür eine 1,0 bekommen. Seit ich mich brav an die Anleitungen aus meinem tollen Basiskurs Neue Geschichte im letzten Semester halte, sind meine Profs äußerst zufrieden mit mir, und ich merke, wieviel leichter ich Referate verfassen und halten kann. Vielleicht sollte ich meiner ehemaligen Dozentin mal eine Dankeschön-Mail schreiben.

Ich habe mit den Herren @probek, @sammykuffour und @munifornication (Teile der #SektionKultur auf dem #tpmuc) den kompletten Cremaster Cycle von Matthew Barney gesehen. Momentan läuft die Ausstellung zu seinem neuen Film River of Fundament im Haus der Kunst, und weil das so ist, hat sich ein Student der Akademie der Bildenden Künste gedachte, das wäre doch toll, wenn man parallel zu seinem neuen Werk mal ein paar Klassiker von ihm zeigen könnte. Also schrieb er ganz simpel eine Mail an die Sammlung Goetz, das eins der vier (?) Museen weltweit ist, die alle Cremaster-Filme in ihrer Sammlung haben, die Sammlerin fand die Idee gut, holte das Haus der Kunst noch mit ins Boot und dazu die HFF, die ihr Audimax zur Verfügung stellte, um die Filme in anständiger Qualität zeigen zu können. Und so saßen wir an drei Abenden hintereinander in weichen Sesseln vor einer großen Leinwand, gucken umsonst fünf Filme, die Kunstgeschichte geschrieben hatten, und diskutierten danach stundenlang bei viel Wein über Kunst, Kultur und Kwatsch. Das war sehr schön.

In meinem Spaces-of-Experience-Kurs waren wir diese Woche in der Neuen Pinakothek. Beim Rumbummeln unterhielt ich mich mit mehreren Kommilitoninnen, denen es genau wie mir geht: Wir lieben die Alte Pinakothek und kennen brav die der Moderne, aber die Neue ist irgendwie das seltsam riechende Stiefkind, das man immer vergisst. Was fies und gemein ist, vor allem, weil in ihr wirklich großartige Werke hängen. Ihr Problem: Sie hat nicht die ganzen Alten Meister, für die auch Touris Geld bezahlen, und sie hat nicht die ganze zeitgenössische Kunst und Grafik und Design, sondern „nur“ das 19. Jahrhundert – das dafür aber in epischer Breite.

So schlenderten wir durch die Räume und so ziemlich jede von uns sagte irgendwann, ach, stimmt, das hängt ja auch hier, und das müsste man sich auch mal wieder genauer angucken, wir sprachen über Caspar David Friedrich, Honoré Daumier, Carl Theodor von Piloty und den Impressionismus, leider nicht über meinen Liebling Leibl, und dass wir alle früher irgendeine Monet-Postkarte über dem Schreibtisch hängen hatten. Ich blieb kurz bei meinem Lieblingsbild im Haus stehen und versprach ihm, jetzt echt aber bald mal wiederzukommen und musste bei der Comtesse de Sorcy daran denken, wie oft ich sie vor meinem inneren Auge habe.

Die Dame ist nämlich, zusammen mit Marquise de Pompadour in der Alten Pinakothek, meine Blaupause für „Kunst nach der Französischen Revolution“ versus „Kunst vor der Französischen Revolution“. Immer, wenn ich in der Bestimmungsübung rumhänge und irgendeinen Franzosen vor mir habe, denke ich an diese beiden Bilder. Sie sind – neben vielen anderen – zwei meiner liebsten Anker im Kopf, um die ich andere Bilder rumdatiere. Auch wenn mir Boucher so richtig auf den Zeiger geht; bei diesem Link, den ich vor einigen Monaten ungefähr eine Million Mal in meinen Mentions hatte, ist jede Erklärung natürlich Quatsch, aber bei Boucher nicht ganz so großer Quatsch. (Finde ich.)

Von Jacques-Louis David, dem Maler der Comtesse, kennt ihr übrigens garantiert noch ein Bild, nämlich das hier.

In einem anderen Kurs, genauer gesagt, in einer anderen Vorlesung, in der es um das fotografische Porträt geht, habe ich eine Künstlerin kennengelernt, die mich sofort fasziniert hat, wobei ich mit meiner Faszination mal wieder viel zu spät komme, denn die Dame ist a) inzwischen Mainstream und b) schon tot, aber wurst. Bitte gucken Sie sich mal Bilder von Francesca Woodman an.

Wo wir gerade so schön über Bilder reden: Katia Kelm schreibt darüber, wie man Bilder malt. Ich besitze drei Werke der Dame und fühle mich daher total als Sammlerin.

Der Tweet, der in den letzten Wochen die allermeisten Favs abgeräumt hat, ist der hier:

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Ich habe zwar in meinem Buch schon vor Ewigkeiten geschrieben, dass mir niemand, der mich in einem weiten Kaftan in 54 sieht, glaubt, dass ich darunter eigentlich eine 34 trage, aber so richtig geglaubt habe ich mir selber nicht. Irgendwie habe ich auch Jahre nach dem Foodcoaching gehofft, dass es doch Kleidung gibt, die mich irgendwie schlanker erscheinen lässt. Was natürlich Blödsinn ist und eigentlich weiß ich das auch, aber komplett über Bord geworfen habe ich diesen Müll erst vor wenigen Tagen, als ich mich zum ersten Mal in meinem Leben mit engen Leggings und einem kniekurzen Kleid an die Öffentlichkeit wagte. Und was soll ich sagen: Es sind keine Kleinkinder schreiend vor mir davon gelaufen, es sind keine Katzenbabys gestorben, die Welt ist nicht untergegangen und niemand musste an Augenkrebs dahinsiechen, weil eine dicke Frau in hübscher Kleidung unterwegs war. Ja, ich sehe aus, als wäre ich mit Drillingen schwanger, vor allem an den Unterschenkeln, aber meine Güte, war das herrlich, nicht in Jeans und Shirt bei 30 Grad rumzulaufen, sondern eben in einem Kleid und mit Sandaletten.

Und dafür habe ich mir mit 45 Jahren zum ersten Mal die Zehennägel lackiert. Das hier wird jetzt ein knallhartes Modeblog, denn mit Kunst kann man ja schließlich kein Geld verdienen.

Bücher April/Mai 2014

tartt

Donna Tartt – The Goldfinch

Der erste Roman von Donna Tartt, The Secret History, ist das Buch, das ich am meisten in meinem Leben verschenkt habe. Als ich es vor 20 Jahren das erste Mal las, habe ich es nicht aus der Hand legen können, es aber danach jeder und jedem aufgedrängt. Ich traue mich seit dieser Zeit nicht, es noch einmal zu lesen, denn ich habe es als eines der beeindruckendsten Bücher in Erinnerung, die ich je gelesen habe und den Eindruck möchte ich behalten.

Zehn Jahre später begann ich ihren zweiten Roman The Little Friend – und kam nicht über 100 Seiten hinaus. Keine Ahnung warum, aber das Buch hat bei mir überhaupt nicht funktioniert und ich war ein bisschen verstimmt, dass ich nach zehn Jahren Wartezeit nicht noch mal begeistert wurde. Was man als Leserin halt so macht mit Erwartungen an AutorInnen.

2013 erschien der dritte Roman Tartts: The Goldfinch. Und das ist wieder eines der Bücher, das ich jeder und jedem aufdrängen möchte. Das mag daran liegen, dass die Hauptfigur in diesem Werk keine Figur ist, sondern ein Gemälde: Der Distelfink von Carel Fabritius, das sich der 13-jährige Theo mit seiner Mutter in Museum anschaut, als eine Bombe explodiert und nichts mehr ist, wie es vorher war. Im Laufe des Buchs lernen wir seinen Vater kennen, bei dem er in Las Vegas lebt, seinen Schulkameraden, dessen Eltern ihn fast wie ein eigenes Kind behandeln – und dann doch gar nicht so, wir sehen Theo beim Großwerden zu und was das Erwachsensein und die damit verbundene Verantwortung mit ihm macht, aber bei all dem haben wir ein Bild im Hinterkopf, das Tartt meiner Meinung nach meisterhaft zusammenfasst:

„The wooden panel was tiny, ’only slightly larger than an A-4 sheet of paper’ as one of my art books had pointed out, although all that dates-and-dimensions stuff, the dead textbook info, was as irrelevant in this way as the sports-page stats when the Packers were up by two in the fourth quarter and a thin icy snow had begun to fall on the field. The painting, the magic and aliveness of it, was like that odd airy moment of the snow falling, greenish light and flakes whirling in the cameras, where you no longer cared about the game, who won or lost, but just wanted to drink in that speechless windswept moment. When I looked at the painting I felt the same convergence on a single point: a flickering sun-struck instant that existed now and forever. Only occasionally did I notice the chain on the finch’s ankle, or think what a cruel life for a little living creature – fluttering briefly, forced always to land in the same hopeless place.“

Während ich das Buch las, konnte ich nie beschreiben, was mich genau so daran fasziniert hat. Auch jetzt, nachdem das Leseerlebnis ein paar Wochen her ist, kann ich es nicht. Ich kann den Stil Tartts nicht in Worte fassen, ich weiß nicht, warum ich so an ihren Sätzen hänge. Vielleicht ist es ähnlich wie mit Bildern, von denen sie in The Goldfinch schreibt, dass die besten von ihnen sich für jeden anfühlen, als wären sie genau für sie oder ihn gemalt. Bilder, die 500 Jahre alt sind, Bilder, die fünf Jahre alt sind, ProfiguckerInnen, KunsthistorikerInnen, Unbeteiligte, die im Museum gelandet sind, weil es draußen regnet, für jeden von ihnen hängt ein Bild an der Wand, das bei ihnen bleibt. So fühlt sich The Goldfinch für mich an. Es ist für mich geschrieben worden.

„And in the midst of our dying, as we rise from the organic and sink back ignominiously into the organic, it is a glory and a privilege to love what Death doesn’t touch.“

sow

Noah Sow – Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus

Sow schreibt wütend über Rassismus, der sich manchmal als total gut gemeinte Diskussion um das N-Wort in Kinderbüchern tarnt, als echt überhaupt nicht diskriminierend gemeintes Schwarzschminken von weißen SchauspielerInnen, als hungerndes, großäugiges afrikanisches Kind in Anzeigen zur Weihnachtszeit, überhaupt das Wort „Afrika“, das mal eben locker diverse Länder und Kulturen unter einen Hut packt, wo Deutsche und Franzosen sich das wahrscheinlich verbeten würden, gemeinsam irgendwo unter „Europa“ subsumiert zu werden, weil wir ja total unterschiedlich sind (angeblich, keine Ahnung). Das Buch hat mich öfter überraschend können und ich war genauso oft dabei, mich an meine weiße, doch eigentlich aufgeklärte Nase zu fassen. Große Leseempfehlung.

ohff

Heinz Ohff – Der grüne Fürst: Das abenteuerliche Leben des Hermann Pückler-Muskau

Der Hermann von Pückler-Muskau war anscheinend ein toller Hecht – so klingt jedenfalls diese Biografie, die das Fanboytum leider nie ganz abschütteln kann. Ich mochte an dem Buch, dass es manchmal von der Person Pückler-Muskaus abschweift und ihn einordnet in seine Zeit und sein Land; das hätte von mir aus auch alles mit ein paar Sätzen mehr abgehandelt werden können. Es liest sich sehr entspannt weg, denn Ohff hat einen lockeren Plauderton drauf, der einen schön über die Seiten schunkeln lässt. Dabei lässt er aber manchmal ein bisschen Distanz vermissen. Ich hätte mich gefreut, den Fürsten auch mal hinterfragt zu sehen. Dass er ein alter Schwerernöter gewesen zu sein scheint, geschenkt – aber ich hätte gerne gewusst, warum sich so viele Damen auf ihn einließen und dass eine Beziehung oder noch besser Heirat zu dieser Zeit für Frauen so ziemlich die einzige Möglichkeit war, etwas aus sich zu machen. Ich hätte gerne etwas mehr über den Sklavenhandel erfahren, der es Pückler-Muskau ermöglichte, sich eine junge Frau zu kaufen und mit nach Preußen zu nehmen. Das politische und historische Umfeld bekommt ein bisschen Platz (wie gesagt, gerne mehr davon), aber das persönliche kommt mir deutlich zu kurz. Vielleicht weil es so schmeichelhaft und exotisch ist, aber genau diese Einordnung habe ich dem Buch etwas übel genommen.

Pückler-Muskau war außerdem ein begnadeter Gartenarchitekt – seine Parks gibt es heute noch (Branitz, Muskau) –, und wenn das schon sein großes Talent neben dem Schreiben war, hätte ich mich auch hier über mehr Details gefreut: Was genau ist das Tolle an seinen Parks? Worin unterscheiden sie sich von den bisher üblichen im entstehenden Deutschen Reich? Was hat er aus England und dessen Gärten mitgenommen oder verändert? Seine schriftstellerischen Leistungen kommen immerhin in ein paar Zitaten zu Wort, und die machen auch große Lust darauf, mehr von ihm zu lesen. Fazit also: kann man gut weglesen, taugt aber nur als kumpeliger Einstieg in die Person Pückler-Muskaus und seine Zeit. Vielleicht bin ich aber auch gerade nur von der Uni und ihren wissenschaftlichen Texten versaut.

Apropos wissenschaftliche Texte: Was ich sonst noch so gelesen habe, kommt jetzt ohne Rezension und Bildchen. Nicht, dass hier langsam der Eindruck einsteht, ich lese nix mehr. Ha, sage ich da nur, HA!

Barth, Dieter: Zeitschrift für alle. Das Familienblatt im 19. Jahrhundert. Ein sozialhistorischer Beitrag zur Massenpresse in Deutschland, Münster 1974.

Belgum, Kirsten: Popularizing the Nation: Audience, Representation and the Production of Identity in ‚Die Gartenlaube‘, 1853–1900, Lincoln/Nebraska 1998.

Boeckelmann, Walter: „Zur Konstruktion der Fensterbank- und Leibungsschrägen in der Einhartsbasilika zu Steinbach im Odenwald“, in: Kunstgeschichtliches Institut der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (Hrsg.): Karolingische und ottonische Kunst. Werden, Wesen, Wirkung, Wiesbaden 1957, S. 141–149.

Brückner, Wolfgang: „Trivialisierungsprozesse in der bildenden Kunst zu Ende des 19. Jahrhunderts, dargestellt an der ‚Gartenlaube‘“, in: De la Motte-Haber, Helga (Hrsg.): Das Triviale in Literatur, Musik und bildender Kunst, Frankfurt/Main 1972, S. 226–254.

Brugger, Walter/Von Bomhard, Peter: „Bau- und Kunstgeschichte des Klosters Frauenchiemsee“, in: Brugger, Walter/Weitlauff, Manfred (Hrsg.): Kloster Frauenchiemsee 782–2003. Geschichte, Kunst, Wirtschaft und Kultur einer altbayerischen Benediktinerinnenabtei, Weißenhorn 2003, S. 521–612.

Burandt, Walter: „Bauforschung am Portal der Klosterkirche“, in: Dannheimer, Hermann: Frauenwörth. Archäologische Bausteine zur Geschichte des Klosters auf der Fraueninsel im Chiemsee, München 2005, S. 373–383.

Dannheimer, Hermann: „Ludwig oder Tassilo? Archäologische Beobachtungen zur Baugeschichte der Torhalle des Klosters Frauenwörth“, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 68 (2003), S. 123–128.

Dannheimer, Hermann: „Die Kirche“, in: Dannheimer, Hermann: Frauenwörth. Archäologische Bausteine zur Geschichte des Klosters auf der Fraueninsel im Chiemsee, München 2005, S. 10–41.

Dannheimer, Hermann: „Die Klöster auf den Chiemsee-Inseln“, in: Sennhauser, Hans Rudolf (Hrsg:) Pfalz – Kloster – Klosterpfalz. St. Johann in Müstair: Historische und archäologische Fragen. Tagung 20.–22. September 2009 in Müstair. Berichte und Vorträge, Zürich 2010, S. 127–137.

Dopsch, Heinz: „Gründung und Frühgeschichte des Klosters Frauenchiemsee bis zum Tod der seligen Irmengard“, in: Brugger, Walter/Weitlauff, Manfred (Hrsg.): Kloster Frauenchiemsee 782–2003. Geschichte, Kunst, Wirtschaft und Kultur einer altbayerischen Benediktinerinnenabtei, Weißenhorn 2003, S. 29–55.

Dopsch, Heinz: „Die Frühgeschichte der Chiemseeklöster und die historischen Quellen“, in: Sennhauser, Hans Rudolf (Hrsg:) Pfalz – Kloster – Klosterpfalz. St. Johann in Müstair: Historische und archäologische Fragen. Tagung 20.–22. September 2009 in Müstair. Berichte und Vorträge, Zürich 2010, S. 139–145.

Exner, Matthias: „Die früh- und hochmittelalterlichen Wandmalereien im Kloster Frauenchiemsee“, in: Brugger, Walter/Weitlauff, Manfred (Hrsg.): Kloster Frauenchiemsee 782–2003. Geschichte, Kunst, Wirtschaft und Kultur einer altbayerischen Benediktinerinnenabtei, Weißenhorn 2003, S. 115–153.

Fahle, Hanna: Geschichte der Abtei Frauenwörth ab 782, Lindenberg im Allgäu 2009.

Gruppe, Heidemarie: „Volk“ zwischen Politik und Idylle in der „Gartenlaube“ 1853–1914, Frankfurt/Main u. a. 1976.

Jacobsen, Werner u. a. (Hrsg.): Vorromanische Kirchenbauten, München 1991.

Kirschstein, Eva-Annemarie: Die Familienzeitschrift. Ihre Entwicklung und Bedeutung für die deutsche Presse, Berlin 1937.

Koch, Marcus: Nationale Identität im Prozess nationalstaatlicher Orientierung. Dargestellt am Beispiel Deutschlands durch die Analyse der Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ von 1853–1890, Frankfurt/Main u. a. 2003.

Lobbedey, Uwe: „Buchbesprechung“, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 31 (1966), S. 238–245.

Milojčić, Vladimir: Bericht über die Ausgrabungen und Bauuntersuchungen in der Abtei Frauenwörth auf der Fraueninsel im Chiemsee 1961–1964, München 1966.

Oswald, Friedrich: „Beziehungen der Klosterkirche Frauenchiemsee zur Baukunst Oberitaliens im 11. Jahrhundert“, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 29 (1966), S. 311–314.

Oswald, Friedrich: „Zur Forschungssituation von Frauenwörth im Chiemsee nach dem Erscheinen der Publikation ‚Hermann Dannheimer: Frauenwörth. Archäologische Bausteine zur Geschichte des Klosters auf der Fraueninsel im Chiemsee‘“, in: Kunstchronik: Monatsschrift für Kunstwissenschaft, Museumswesen und Denkmalpflege. Mitteilungsblatt des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker 62 (2009), S. 20–31.

Sedlmayr, Hans: „Die Fresken“, in: Milojcic, Vladimir: Bericht über die Ausgrabungen und Bauuntersuchungen in der Abtei Frauenwörth auf der Fraueninsel im Chiemsee 1961–1964, München 1966, S. 253–274.

Strobel, Richard/Weis, Markus: Romanik in Altbayern, Würzburg 1994.

Zimmermann, Magdalene: Die „Gartenlaube“ als Dokument ihrer Zeit, München 1967.

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Kunst gucken: PLAYTIME, Kunstbau im Lenbachhaus, München

(Dieser Eintrag steht auch in meinem Zweitblog, wo die Bilder etwas größer sind.)

Der Kurs Spaces of Experience wird immer mehr zur Wundertüte. Am Anfang dachte ich, naja, da gucken wir uns halt ein paar Museen an, was soll sich da schon groß unterscheiden, das sind ja immer Räume mit Zeug drin, aber je länger der Kurs dauert, desto spannender werden die Einblicke. Wir waren zum Beispiel in der Alten Pinakothek, wo wir über den Einfluss von Wandfarben und Licht auf die Kunstrezeption sprachen. Danach kam das Bayerische Nationalmuseum dran, in dem ich die sogenannten period rooms kennenlernte – also Räume, die so gar nicht dem heute gewohnten white cube entsprechen, sondern Räume, die die BesucherInnen in eine bestimmte Stimmung versetzen sollen, indem durch Einrichtung und Gestaltung des Raums eine Epoche erweckt wird. So gibt es Räume, die an eine gotische Kirche erinnern, wieder andere sind im Stil von römischen Thermen gestaltet, und ein dritter ist quasi selbst das Ausstellungsstück: Die Holzvertäfelung der Augsburger Weberstube wurde auf eine eigens dafür gestaltete Wand aufgebracht, so dass man sich wirklich wie im 15. Jahrhundert fühlt. Was eine wissenschaftliche Auseinandersetzung aber erschwert – der Kurator erwähnte, dass man die Wandvertäfelung natürlich auch auf ein Stahlgerüst hätte anbringen können, aber das war Ende des 19. Jahrhunderts – aus der Zeit stammt der Raum – noch nicht en vogue.

Dann kam die Hypo-Kunsthalle, die sich von den bisherigen Museen dadurch unterschied, dass sie keine ständige Sammlung hat, was die Organisation von Ausstellungen erschwert. Normalerweise laufen die Deals zwischen Museen flapsig ausgedrückt so: „Leihst du mir deinen Kirchner, leihe ich dir meinen Picasso.“ Diese Möglichkeit hat die Hypo-Kunsthalle nicht, weswegen sie meist mit anderen Museen kooperiert, das heißt, eine Ausstellung findet nacheinander an zwei Orten statt. Was das andere Museum davon hat? Ganz simpel: mehr Einnahmen. Ein Beispiel: Bei einer Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum in Wien waren die Einnahmen durch Kataloge deutlich höher als bei einer Einzelausstellung im KHM – aus dem schlichten Grund, dass das KHM eher eine Touristenattraktion ist. Touris gucken sich die Kunst pflichtschuldig an, wollen aber keinen schweren Katalog mit nach Hause schleppen. Die Hypo-Kunsthalle wird eher von MünchnerInnen besucht bzw. Menschen, die gezielt diese eine Ausstellung sehen wollen, und die geben dann auch mal 40 Euro aus und tragen drei Kilo Papier in die U-Bahn. Schon werden deutlich mehr Kataloge zur gleichen Ausstellung verkauft und beide Museen haben was davon.

Was ich an dem Haus auch spannend finde, ist seine variable Ausstellungsarchitektur. Die Räume sind sehr wandelbar, weswegen ich bei der von uns besuchten Dix-Beckmann-Ausstellung auch fast in den Ausgang anstatt in den Eingang gelaufen wäre, denn der lag bei meinem letzten Ausstellungsbesuch (Pracht auf Pergament, 1000 Jahre alte Bücher) eben am anderen Ende. Diese Ausstellung kam für mich etwas früh; jetzt, mit meinem ganzen frisch erworbenen Mittelalterwissen, könnte ich sie viel mehr würdigen. Aber ich war ja damals schon eine brave Besucherin und habe 40 Euro für drei Kilo Papier ausgegeben und kann mir daher jetzt immerhin noch den Katalog angucken.

Dann kam das Haus der Kunst und die Matthew-Barney-Ausstellung zu seinem Film River of Fundament, die mich überraschenderweise doch beeindruckt hat (hatte ich nicht erwartet). Hier fand ich natürlich besonders die Geschichte des Hauses spannend, die inzwischen auch wieder sichtbar ist. Wo nach dem 2. Weltkrieg versucht wurde, die klassische Nazi-Architektur zu verschleiern, wurde nach und nach bewusst zurückgebaut. Blöderweise habe ich mir ausgerechnet das Wort „Blutwurstmarmor“ für die rostroten Säulenverkleidungen gemerkt. Und noch mehr sinnloses Wissen: Die Fliesengröße der Fußböden ist im ganzen Haus unterschiedlich, je nachdem wie langsam oder schnell man die BesucherInnen an den Werken vorbeiführen will. In der ehemaligen Ehrenhalle – die heutige Mittelhalle, also der Riesenraum, in den man reinkommt, wenn man geradeaus durchgeht – sind die Fliesen ungefähr ein mal einen Meter groß: perfekte Stechschrittweite. Im ersten Stock, wo die kleinen Bildwerke hängen, sind es ungefähr 50 mal 50 Zentimeter, damit man sich möglichst langsam bewegt. Und im Erdgeschoss, da wo jetzt gerade Barney vor sich hinmonumentiert, liegen Fliesen, die ungefähr 65 mal 65 Zentimeter groß sind: die „Schlenderfliesen“. Der Begriff ist seit dem Besuch gnadenlos in meinem Wortschatz.

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Tehching Hsieh, „One Year Performance 1980-1981 (Waiting to Punch the Time Clock)“
Photograph by Michael Shen
© 2014 Tehching Hsieh
Courtesy the artist and Sean Kelly, New York

Letzten Mittwoch besuchten wir den Kunstbau des Lenbachhauses, also diesen lustigen Ausstellungsraum an der U-Bahn-Station Königsplatz, wo man aus dem Haus raus auf die Rolltreppen zur U-Bahn guckt und umgekehrt die U-Bahn-Gäste beim Runterfahren ein bisschen Kunst mitkriegen. Die Ausstellung: PLAYTIME. Ich zitiere von der Ausstellungswebsite (Binnen-I, yay):

„Arbeit verspricht nicht nur Selbstverwirklichung, sondern auch soziale Anerkennung und gesellschaftliche Teilhabe. Nicht zuletzt deshalb hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme Entgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben stattgefunden. Das Paradox von Arbeit liegt heute vor allem darin, dass der arbeitende Mensch durch die zunehmende Automatisierung und Technisierung überflüssig zu werden scheint, während gleichzeitig alles zu Arbeit wird. (…)

Die Ausstellung PLAYTIME knüpft an die in Jacques Tatis gleichnamigen Film geäußerte, feinsinnige Kritik der modernen Arbeitswelt an und stellt verschiedene Fragen: Wie setzen sich KünstlerInnen unterschiedlicher Generationen und Hintergründe mit dem Thema Arbeit auseinander? Was bedeutet künstlerisches Arbeiten heute? Und inwiefern unterscheidet sich künstlerische Arbeit von anderen Formen der Arbeit?“

Die Ausstellung versammelt Videokunst, Zeichnungen, Fotografien, Dokumentationen von Performances und Objektkunst und ist damit von vornherein sehr abwechslungsreich. Noch spannender sind natürlich die einzelnen Auseinandersetzungen mit dem Thema – und für mich als Kursteilnehmerin bzw. Studentin wie immer die Hintergrundinfos bzw. Diskussionen mit der Kuratorin. So habe ich zum Beispiel noch nie darüber nachgedacht, ob es sich um verschiedene Kunstwerke handelt bzw. sich das Wesen des Werks ändert, wenn sich das Medium ändert, mit dem es wiedergegeben wird.

Eines meiner liebsten Werke war Martha Roslers Semiotics of the Kitchen von 1975 (hier auf YouTube zu sehen), das ich im letzten Semester im Kurs über amerikanische Kunst seit 1945 kennengelernt habe. Dieses Werk habe ich zum ersten Mal vollständig in einem Ausstellungskontext gesehen und das fühlte sich ein bisschen an wie einen Klassiker zu lesen. Rosler setzt sich mit der Rolle der Frau auseinander, die traditionell in der Küche verortet ist. Sie zeigt, wie auf Shopping-Kanälen, verschiedene Küchenutensilien in alphabetischer Reihenfolge in die Kamera, nutzt sie aber nicht so, wie wir heute im Zeitalter von kuscheligen Foodblogs eine Pfanne oder ein Messer zeigen würden, sondern geht aggressiv mit ihnen um bzw. nutzt harte, abgesetzte Bewegungen statt des klischee-igen Umgangs, den man erwartet. Wir haben uns generell bei den Videoinstallationen gefragt, ob es noch das gleiche Kunstwerk ist, wenn es von einer DVD abgespielt wird. Es gibt durchaus KünstlerInnen, die genau vorgeben, wie ihr Werk wiedergegeben werden soll – auf welchem Gerät welcher Bauweise, in welchem Abstand stehen eventuell Sitzgelegenheiten davor oder eben nicht, soll der Raum dunkel sein, muss es überhaupt ein Extraraum sein usw. Gehört die Wiedergabe des Werks noch zum Inhalt oder ist es eine Äußerlichkeit, die verhandelbar ist?

Ein weiteres Kunstwerk hat mich länger beschäftigt: Tehching Hsieh hat mit seinem Time Clock Piece eine einjährige Performance geschaffen, die viele Dokumente erzeugte. Sein Werk: ein Jahr lang, jeden Tag zu jeder vollen Stunde eine Karte in einer Stempeluhr stempeln. Was mich so irre macht an diesem Werk, ist der schiere Aufwand an körperlicher und geistiger Kraft, die dazu nötig ist, ein Jahr lang nie richtig durchzuschlafen und nichts wirklich machen zu können, weil es alle 60 Minuten unterbrochen wird. Von einem Jahr ausgesprochener Anstrengung bleibt nichts übrig, was irgendeinen Nutzen hat, wenn man schlichte kapitalistische Maßstäbe anlegt. Was stattdessen übrig bleibt, sind Berge von Stempelkarten, ein Video, das den Künstler bei jedem Stempeln zeigt sowie Fotos, auf denen das gleiche zu sehen ist. Hier fand ich eben diese Dokumente spannend, denn Hsieh überlässt es den jeweiligen Museen, was sie von diesem Werk ausstellen: alles? Nur eine Stempelkarte oder 150? Nur das Video und nicht die Bilder? Nur ein paar Bilder und kein Video? Ich finde dieses flexible Kunstwerk sehr interessant, mal abgesehen von der Performance an sich, die mir fassungslose Bewunderung abringt.

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Julian Röder, from the series: „Human Resources“, 2007–2009
backlight illuminated A1A transfer print in aluminium frame, 70 x 50 cm
Courtesy the artist and Russi Klenner, Berlin

Ich habe mich gefreut, mal einen Blick auf Andrea Frasers Untitled von 2003 werfen zu können, denn davon hatte selbst ich, die immer noch erschreckend ungebildet ist, was zeitgenössische Kunst angeht, etwas gehört. Ich zitiere die Künstlerin, die den Begleittext zu ihrem Werk selbst verfasste:

„Das Projekt Untitled begann im Herbst 2002, als Fraser den Galeristen Friedrich Petzel bat, einen Sammler zu finden, der an einem Projekt partizipieren würde, bei dem dieser Sex mit der Künstlerin in einem Hotelzimmer haben würde und die Begegnung auf einem vorab gekauften Videoband dokumentiert werden sollte. Der Verkauf war arrangiert und die Künstlerin und der Sammler trafen sich in einem Hotel in New York Anfang 2003. Das entstandene Video, das bis auf die Löschung des Tons unbearbeitet blieb, wurde als Kunstwerk definiert; von der Auflage von fünf erhielt der teilnehmende Sammler die Auflagennummer 1/5.“

Fraser stellt das Werk nur noch äußerst selten in Sammelausstellungen aus; stattdessen ist es fast ausschließlich in ihren Werkschauen zu sehen. Umso mehr hat es mich gefreut, es im Kunstbau zu finden. Auch hier ist die Aufstellung wichtig: Man sieht dem tonlosen Video auf einem kleinen Monitor zu, der in Kniehöhe in einer Ecke gedrängt steht. Man kann sich nicht hinsetzen und entspannt einem Geschlechtsakt zugucken, sondern lungert irgendwie komisch-voyeuristisch im Museumsgang rum. In unserer Gruppe kam die Frage nach dem Jugendschutz auf, woraufhin die Kuratorin erklärte, dass man sich bewusst gegen irgendwelche Hinweisschilder entschieden habe, sondern die Menschen an der Kasse angewiesen sind, Familien mit Kindern oder Jugendliche darauf hinzuweisen, welche Art Material zu sehen sein wird. Die Idee fand ich sehr gut; das Kunstwerk bekommt so keinen seltsamen Schmuddelcharakter, und einen persönlichen Hinweis finde ich eh netter als noch mehr Schilder bzw. Text an den Wänden. Wobei ich dessen Menge sehr angenehm fand.

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Ausstellungsansicht PLAYTIME
Dieter Roth, „Solo Szenen“
Dan Perjovschi, „Still Drawings Moving News“
Foto: Lenbachhaus
Städtische Galerie im Lenbachhaus, München

Weitere Lieblinge der Ausstellung waren die Bürozeichnungen von Peter Piller, die zwischen 2000 und 2004 entstanden. Als Angestellter einer Medienagentur verarbeitete er den schnarchigen Büroalltag auf dem Firmenbriefpapier, das jetzt mit Sätzen und Bildern versehen gerahmt im Museum hängt. Oder die Fotoserie Human Resources von Julian Röder. Erst in dieser Ausstellung ist mir die Perfidie dieses Begriffs so richtig aufgefallen. Außerdem die Wandbemalung von Dan Perjovschi. Er gestaltete, mit dicken Eddings ausgestattet, die Wandfläche direkt am Eingang und stimmt einen so auf die Ausstellung ein. Mir kam sein Werk zwar eher politisch motiviert vor anstatt dass es dem Motto der Ausstellung folgte, aber vielleicht ist es bei ihm eher die Arbeit des Wandbeschriftens an sich und nicht so sehr der Inhalt, der passt. Er leistet für die Ausstellung eine Arbeit, und mit dem Ende der Schau endet auch sein Werk, denn die Wände werden wieder überstrichen. Das fasst er übrigens selbst ganz rechts unten in der Ecke zusammen: “They pay me to mess with their walls, can you believe it?”

PLAYTIME läuft noch bis zum 29. Juni. Den Katalog kann man sich tollerweise für lau als eBook runterladen. Keine 40 Euro, keine drei Kilo Papier.

Links vom 20. Mai 2014

Was machen die da: Markus Trapp, Stabsstelle Social Media

Auf Was machen die da könnte ich eigentlich jede Woche verlinken, das ist immer faszinierend. Dieses Mal besonders, jedenfalls für mich. Im Rahmen des Studiums lungere ich neuerdings sehr gerne in Bibliotheken rum. Im Historicum weiß ich, die Luft ist gut und man kriegt immer einen Platz, in der Stabi gibt es jedes Buch dieses Planeten (und jede Zeitschrift), in der KuGi-Bib sind die bequemsten Stühle der ganzen Uni, in der Musikwissenschaft kann man über Kopfhörer Klavier spielen, in der Zentralen Lehrbuchsammlung sitzt man um ein Atrium rum und hört den Windows-Startton über vier Stockwerke weg, und am vergangenen Wochenende lernte ich auch mal die Germanistik-Bib kennen, in der diese langen Leitern auf Rollen an den Regalen stehen, auf denen man bis unter die Decke klettern kann. Das wollte ich schon immer mal machen!

Wo ich auch gerne rumhänge: in digitalen Bibliotheken. Ich bin völlig fasziniert davon, was zum Beispiel die Bayerische Staatsbibliothek alles digitalisiert hat bzw. zu welchen Aufsatzdatenbänken ich über die UB Zugang habe. Wenn ich jemals nicht mehr studieren werde (kann ich mir gerade gar nicht vorstellen), brauche ich Bibliotheksausweise, bis mein Portemonnaie quietscht. Auf diesen Berg an Wissen will ich nie wieder verzichten müssen.

Darum geht’s zwar eigentlich gar nicht im Beitrag über Herrn Trapp, den ich eher als @textundblog kenne, aber ich dachte, ich erzähle euch das trotzdem mal, wie toll Bibliotheken sind. Die Stabi in Hamburg, in der Trapp arbeitet, ist auch toll, und mein Lieblingsschließfach ist Dante.

„Wir haben Zeitungsdigitalisierungsprojekte, wo mehrere Millionen Zeitungsseiten aus dem 19. und 20. Jahrhundert eingescannt werden, die man dann mit Volltextrecherche abfragen kann, das sind spannende Sachen. Da brauche ich Leute, die mir das sagen. Die mir sagen, wir haben hier gerade was, das wär doch was fürs Blog. Am Anfang habe ich von ganz vielen Kollegen Mails bekommen wie: »Herr Müller hat gesagt, ich soll Ihnen was schicken fürs Blog«, und da merkst du schon, die wollen das gar nicht, sie finden das doof, aber sie haben es aufgedrückt bekommen. Ich sehe meinen Job darin, den Leuten nicht mit dem Zeigefinger zu sagen, ihr müsst doch sehen, dass das wichtig ist, sondern ich versuche erstmal, sie zu verstehen. Ich merke, für die ist das alles Humbug.

Viele denken, wer ins Internet schreibt, hat zu viel Zeit, das ist unseriös. Aber sie geben mir ihre Informationen, ich mache einen Blogartikel draus und versuche, das ein bisschen aufzubereiten, damit es schön aussieht. Dann schicke ich ihnen den Link und schreibe: vielen Dank für das Material, gucken Sie nochmal drüber, ob alles in Ordnung ist, und dann wird es online geschaltet. Das bringt die auch noch nicht hinterm Ofen hervor. Aber dann passiert es ganz oft, dass Leute im Netz begeistert sind. Dass sie twittern: »boah, ich bin hier seit 4 Stunden in den historischen Karten der Stabi unterwegs«. Und dann kriegt diese Frau Müller eine Mail von mir: »gucken Sie mal, hier haben Sie jemanden glücklich gemacht«. Zwei Wochen später schreibt sie mir: »wir haben jetzt noch mal ein paar neue Karten digitalisiert, wollen Sie da noch mal drauf hinweisen?« Und dann merke ich, die bekommen jetzt mit, dass das wirklich etwas Sinnvolles ist. Die Leute nutzen unsere Angebote ja, es werden eben auch auf Twitter und Facebook nicht nur Essensbilder gepostet oder Gute Nacht und Guten Morgen.

Kaiser Ludwig in München

Eins meiner liebsten Geschichtsseminare, in der ich die ganzen Grundwissenschaften wie Urkundenlehre (Diplomatik) oder Schriftkunde (Paläografie) usw. lerne, hat als Oberthema Ludwig IV., besser bekannt als Ludwig der Bayer. In München kommt man gerade nicht um ihn rum, denn wir feiern sein 700. Königskrönungsjubiläum (Kaiser wurde er 1328); vor einigen Tagen eröffnete eine große Ausstellung über ihn in Regensburg, und seit gestern ist eine Browser-App online, die ein LMU-Geschichtsseminar im letzten Semester erstellt hat. Mit ihr kann man durch München wandern und Stätten entdecken, an denen Ludwig gewirkt hat oder wo noch etwas von ihm oder seiner Regentschaft zu sehen ist.

PS: Das Bild, das auf der Startseite der App bzw. im Browser angezeigt ist, ist die älteste bekannte Stadtansicht Münchens von 1493 aus der Schedel’schen Weltchronik.

William Morris

Ihr solltet einfach alle William Morris kennen und euch vor allem seine Stoffmuster in der William Morris Gallery angucken.

Bonuscontent

Bilder vom Königsplatz schaden ja nie. Über den bzw. meine Zuneigung zu ihm müsste ich auch mal bloggen.

Kresse-Brot-Gnocchi mit grünem Spargel

Zum Geburtstag bekam ich nicht nur Kochbücher zu indischer und libanesischer Küche, sondern auch zu was total Benachbartem: Bayern. Einmal das Bayerische Kochbuch, das wahrscheinlich in jedem zweiten Haushalt hier im Süden rumsteht und das sich so liest, als hätten schon Urgroßmütter daraus gekocht (was ja nicht schlecht ist). Und dann das hier: Die neue Bayrische Küche, eine moderne Variante – so modern, dass das „e“ hinter dem „y“ fehlt, was mich immer irre macht, auch wenn zum Beispiel Lion Feuchtwanger das auch gemacht hat, aber das ist Feuchtwanger, der darf das. Was ich sagen wollte: Mein erstes Rezept aus dem zweiten Buch waren Semmelknödel, die ganz hervorragend geschmeckt haben, auch wenn meine Wickeltechnik noch zu wünschen übrig ließ. Mein zweites Rezept daraus waren die folgenden Gnocchi, die ich etwas verändert habe.

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Ich glaube, die Menge reicht für zwei bis drei Personen als kleine Hauptspeise. Ich habe alles halbiert und noch Spargel dazu gemacht, danach war ich sehr satt.

180 g Weißbrot grob würfeln und in der Küchenmaschine fein zerhacken. In meiner Münchner Küche* gibt es keine Küchenmaschine, aber ich habe festgestellt, dass man auch mit dem Pürierstab aus grob gehackten Brotwürfeln Brösel machen kann, ich Fuchs.

Zum Brot
2–3 Eier,
160 g Quark und
30 g geriebenen Parmesan geben und alles vermischen. Mit
Salz und
Pfeffer würzen.

Das Buch wollte dann 40 g Petersilie, fein gehackt und kurz blanchiert, dazugeben. Ich habe stattdessen ein Töpfchen frische Kresse, fein gehackt, aber unblanchiert, in den Teig gegeben.

Aus dem Teig mit bemehlten Händen (ging bei mir auch so) kleine Bällchen formen. Also kleiner als die, die ich fürs Foto gemacht habe, wobei da auch die Perspektive ein bisschen fies ist. Das Buch wollte irgendwas mit Teelöffeln abstechen, aber so einen Firlefanz mache ich nicht. Wozu hab ich denn Hände.

Einen großen Topf mit Wasser zum Kochen bringen, ordentlich salzen und die Gnocchi ungefähr fünf Minuten leicht sprudelnd ziehen lassen. Mit einer Schöpfkelle herausnehmen, kurz in einer Pfanne mit Butter schwenken und mit Parmesanspänen servieren.

Bei mir gab’s noch grünen Spargel dazu, den ich mit zwei Knoblauchzehen und ordentlich Meersalz angebraten und zum Schluss mit ein bisschen Zitronensaft abgelöscht habe.

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* Ursprünglich stand hier „Münchner Dritte-Welt-Küche“. Das sollte eine scherzhafte Anspielung darauf sein, dass ich hier deutlich weniger Gerätschaften, Geschirr und Arbeitsfläche zur Verfügung habe als in unserer Hamburger Küche, die aus zwei zusammengeworfenen Haushalten plus tollen neuen Dingen besteht. Ob der Scherz gelungen war, überlasse ich euch, aber an dem Begriff „Dritte Welt“ hatte meine Leserin Melanie etwas auszusetzen – und das zu Recht. Wieder was gelernt. Danke für den Hinweis.

Warum hier zwei Wochen nichts los war

Mich hatte ein Referat im Griff.

In meinem Kunstgeschichtskurs über bayerische Klöster seit den Karolingern wurden nicht wie sonst in der ersten Semesterwoche die Referate verteilt, sondern erst in der zweiten Sitzung. Und da Frau Naseweis ja unbedingt das Mittelalter wollte, wurde ihr Referatwunsch entsprechend quittiert: „Gut, dann sind Sie in zwei Wochen die erste.“ Ächz.

Zwei Wochen hört sich nach viel Zeit an (jedenfalls war halb Twitter dieser Meinung), aber ich habe in den letzten Semestern festgestellt, dass ich mit mindestens drei Wochen am besten arbeite. In der ersten Woche lese ich kreuz und quer alles, was mir unter die Finger kommt, am liebsten Aufsätze, denn die sind kürzer als Bücher und schon sehr speziell, was es mir erleichtert, eine ebenso spezielle Fragestellung zu entwickeln, mit der ich mich im Referat beschäftigen möchte. Außerdem dient die erste Woche dazu, in der Unibibliothek und der Stabi alles zu bestellen, was ich klicken kann und dann drei bis fünf Tage darauf zu warten, dass die Bücher in meinem Abholfach liegen.

In der zweiten Woche, in der ich so gut wie alles Material habe, das ich brauche, lese ich gründlicher bzw. suche gezielter nach Antworten auf die Frage, die ich hoffentlich inzwischen formuliert habe. Meist finde ich in Fußnoten noch weitere Literatur, in die ich mal reingucken will, und da ich ja noch über eine Woche Zeit bis zum Referat habe, klappt das meistens auch.

In der dritten Woche steht mein Referat schon ziemlich. Ich halte es mir selbst einmal, wobei ich grundsätzlich merke, was geht und was nicht: Wo muss ich Inhalte vorziehen oder zurückstellen, damit mir meine ZuhörerInnen folgen können, wo brauche ich ein Bild, wo nicht und was muss ich kürzen, damit ich nicht länger als die geforderten 20 Minuten werde. Ich musste bis jetzt immer kürzen: Wo ich am ersten Tag denke, keine Ahnung, wie ich jemals die Zeit rumkriegen soll, habe ich schon nach wenigen Tagen meist genug, um eine Stunde zu reden.

Wenn das Referat steht, bastele ich die Präsentation dazu. In Kunstgeschichte wollen wir immer Bilder sehen, in Geschichte war das bisher noch nicht nötig, aber das ändert sich vermutlich nächste Woche, denn da steht lustigerweise schon das nächste Referat an, weswegen es hier wahrscheinlich nach diesem Eintrag wieder ruhiger wird. Nach der Präsentation kommt noch das Handout für die KommilitonInnen, das quasi aus meinem Referat besteht, das ich auf Stichpunkte runterkürze und mit einer kleinen Literaturliste versehe.

Was ich an drei Wochen Zeit auch schätze, ist die Möglichkeit, zwischendurch einen Tag alles liegenlassen zu können. Ich mag es sehr gerne, den Kopf alleine weiterarbeiten zu lassen, während ich mich um andere Dinge kümmere, um dann nach einem Tag Pause frisch auf alles draufzugucken. Die drei Wochen geben mir auch einen kleinen Puffer, falls einer der hirntoten Tage kommt, an denen nichts geht. Das kenne ich schon von der Arbeit: Es gibt einfach Tage, an denen weißt du, dass du jeden Satz, den du jetzt gerade schreibst, morgen wieder löschst, weil er fürchterlich ist. Das beunruhigt mich nicht mehr so wie früher, weil ich weiß, dass das nur eine Phase ist. Diese Ruhe habe ich an der Uni aber noch nicht, weil ich mich da um lauter Themen kümmere, um die ich mich vorher noch nie gekümmert habe. In der Werbung, gerade wenn es um Autokataloge geht, weiß ich, was auf mich zukommt. In meinen Referaten weiß ich das nicht, da finde ich dauernd neue Fakten und Daten und lustige Einzelheiten, die ich gestern noch nicht wusste und die manchmal meine schöne These ruinieren, weswegen ich noch mal neu rangehen muss. Und dann ist es praktisch, wenn man drei Wochen Zeit hat.

Zu guter Letzt bietet mir diese Zeit auch die Möglichkeit, über den Tellerrand wegzugucken: Ich befasse mich nicht nur mit meinem speziellen Thema, sondern schaue mir auch das Umfeld an. Bei Hans Memling also: Was hat er von seinem (vermuteten) Lehrmeister Rogier van der Weyden mitgekriegt und wie malten die Italiener zu seiner Zeit? Bei Archipenko: Wie sah die Kunstszene in Paris und Berlin in den Zehnerjahren des 20. Jahrhunderts aus, was machten Picasso, Brancusi und Gris gerade? Und bei den German Sales: Wie sehen andere Datenbanken aus, was Inhalte und Funktionalität angeht? Ich sitze dann vorne nicht wie ein Fachidiot, sondern kann einschätzen, wo sich mein Thema einordnet.

Das ging dieses Mal alles nicht. Zusätzlich lag der 1. Mai in meiner Vorbereitungszeit, an dem alle Bibliotheken geschlossen haben, und von den wichtigen Büchern konnte ich mir gerade eins ausleihen, alle anderen standen im Historicum oder meiner geliebten KuGi-Bib, was mir aber am Feiertag so gar nichts brachte. Netterweise war ausgerechnet der 1. Mai der Tag, an dem mein Kopf überhaupt keine Lust hatte, weswegen das nicht weiter schlimm war. Trotzdem war es wieder ein Tag weniger, und ich war eh schon nervös genug, denn übermäßig viel Literatur hatte ich nicht gefunden, vor allem kaum wirklich neue, was der Dozent explizit gefordert hatte: „Nichts, was älter ist als zehn Jahre.“

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(Grundrissrekonstruktion der ersten Klosterkirche. Quelle: Dannheimer, Hermann: Frauenwörth. Archäologische Bausteine zur Geschichte des Klosters auf der Fraueninsel im Chiemsee, München 2005, S. 40.)

Mein Thema war das Kloster Frauenwörth auf Frauenchiemsee. Die Ansage: „Was wissen wir eigentlich über Torhalle und Kirche?“ Ich suchte im OPAC also brav nach dem Kloster, fand eine Aufsatzsammlung von 2003 und entschied, die geht gerade noch, sowie einen Ausgrabungsbericht von 2005. Der brachte mich zu einem Grabungsbericht von 1966, und zusätzlich fand ich Rezensionen zu diesen Berichten, die die wissenschaftliche Diskussion der letzten 50 Jahre in Ansätzen nachzeichneten. Die Berichte befassten sich aber nicht nur mit Torhalle und Kirche, sondern auch mit den Klostergebäuden, dem Campanile, dem Friedhof und einzelnen Details wie den Bildprogrammen in der Kirche, einer Kapelle in der Torhalle und dem Kirchenportal mit seinem Tympanon und dem Türzieher. Ich hatte also einen Berg an Zeug und fand blöderweise immer mehr Zeug, denn die eben angesprochenen wissenschaftlichen Diskussionen wollte ich gerne selbst nachvollziehen. Das heißt, ich verließ mich nicht auf einen Halbsatz in einer Rezension, sondern suchte die Originalquelle. Deswegen verfranste ich mich langsam in der Stofffülle – was genau an der Torhalle und der Kirche wollte ich eigentlich besprechen? Die Architektur? Die Ausgrabungen? Die Bildprogramme?

Am Wochenende vor dem Referat war ich kurz davor, das Ding abzusagen, weil ich immer noch keinen roten Faden hatte, immer noch keine wirkliche Frage, aber dafür immer mehr Daten, Fakten und Namen, die sich in meinem Kopf gefühlt zu nasser Watte knüllten, ohne eine Chance für mich, irgendetwas fassen zu können. Ich erzählte mir meine Stoffsammlung selber, um so ein Ziel zu finden, fand es zwar nicht, merkte aber, dass ich mal wieder viel zu viel hatte und brach nach 35 Minuten Reden ab. Die Bildprogramme flogen raus, aber mehr wusste ich nicht. Erst beim Einschlafen kam der rettende Gedanke, der mir heute so logisch erscheint, dass ich mich frage, wieso ich nicht früher draufgekommen bin: Ich vergleiche die beiden Grabungsergebnisse und ihre Rezensionen und erzähle ganz simpel nach, einmal für die Kirche, einmal für die Torhalle, welcher Wissenschaftler wann was gesagt hat und wie er es begründet. Also: Wissenschaftler A findet ein altes Fundament unter der bisher als ältesten Kirche angenommenen, datiert es auf dann und dann und glaubt, es könnte eine Saalkirche gewesen sein. Wissenschaftler B glaubt, es könnte eine dreischiffige Basilika gewesen sein und begründet das so. Wissenschaftler C sagt, alles Quatsch, Jungs, Saalkirche it is und zwar deswegen. Genauso mit der Torhalle: „Der Putz ist von dann und dann.“ „Ja, aber der Holzfußboden ist älter.“ „Schnickschnack, Fußboden, ich hab hier einen Holzspan im nachweisbar ältesten Kalkmörtelestrich und der ist noch älter, ätsch!“

Damit konnte ich endlich mal wieder beruhigt schlafen, kürzte am Dienstag meinen Textwust auf eine anständige Menge runter und bereitete gleichzeitig die Präsentation vor. Im Laufe meiner Stoffsammlung hatte ich mir immer brav aufgeschrieben, wo welcher Grundriss und wo welches Diagramm zu finden war, um es schnell einscannen zu können. Das hatte ich Montag schon gemacht – viel zu viel gescannt, aber egal, das hatte ich jetzt Dienstag alles griffbereit und konnte es gemütlich in Keynote ziehen. Dienstag abend nahm ich mir frei, um am Mittwoch, nach der üblichen Nacht-zum-drüber-Schlafen, aus dem Referat das Handout zu erstellen. Dafür brauchte ich bis 22 Uhr – ich hatte ja auch noch Uni und Hausaufgaben –, hielt mir dann quasi zum ersten und einzigen Mal das Referat mit der Präsentation zusammen und ging gefühlt so unvorbereitet wie nie ins Bettchen.

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(Portal mit Tympanon der Klosterkirche Frauenwörth. Quelle: Brugger, Walter/Weitlauff, Manfred (Hrsg.): Kloster Frauenchiemsee 782–2003. Geschichte, Kunst, Wirtschaft und Kultur einer altbayerischen Benediktinerinnenabtei, Weißenhorn 2003, S. 69.)

Am Donnerstag saß ich ab acht in der Uni, konnte da also auch nicht mehr machen als in jeder Pause zwischen den Seminaren noch mal meine Notizen zu überfliegen, wenn ich nicht gerade mit Gebäude- bzw. Raumwechsel oder Jogurt essen beschäftigt war. Um 14 Uhr war ich dann dran – dachte ich jedenfalls. Aber eine Kommilitonin begann vor mir: Ihr Thema war St. Emmeram in Regensburg, das weitaus wichtigere Kloster als mein kleines, schnuffiges Frauenwörth, an das ich ein bisschen mein Herz verloren habe. Sie begann, ohne ein Handout auszuteilen, was mich etwas wunderte, aber ich wollte auch nicht danach fragen. Das hatte ich auch schon öfter gesehen: Referentinnen, die so nervös waren, dass ihnen erst nach ihrem Referat einfiel, dass sie ja noch ein Zettelchen für uns hatten. Also sagte ich nichts, sondern hörte ihr zu, wenn auch etwas angestrengt, weil ich keinen roten Faden fand. Der Dozent anscheinend auch nicht, denn nach fünf Minuten stellte er die Killerfrage: „Geht das so weiter?“ Der Kurs zuckte wahrscheinlich ähnlich fies innerlich zusammen wie ich, keine Ahnung, wir saßen nur lämmergleich da und guckten starr nach vorne, wo die Referentin sich ihr eigenes Grab schaufelte, indem sie auf die Frage, welche Literatur sie denn benutzt habe, antwortete: „Ich hab ein paar Kirchenführer gelesen.“

Daraufhin wurde die Atmosphäre noch mal ungemütlicher, ich verabschiedete mich innerlich von einer guten Note, ging aber nach einer etwas lauteren Ansprache des Dozenten an den Kurs nach vorne und begann, mein Macbook mit dem Beamer zu verbinden, was meist nie auf Anhieb klappt. Währenddessen fragte eine Kommilitonin, wie sich der Dozent denn ein gutes Referat vorstellte; die Antwort habe ich nicht mitgekriegt, ich befand mich in den Systemeinstellungen und betete, dass die Beamergötter mich heute bitte liebhaben mögen, was sie taten: Alles ging, ich teilte mein Handout aus und hielt mein Referat, von dem ich bis eine Sekunde nach dem „Danke für eure Aufmerksamkeit“ nicht wusste, ob es totaler Quatsch war. War es anscheinend nicht, denn nachdem ich fertig war, drehte sich der Dozent zu der Kommilitonin von vorhin um und meinte: „Um Ihre Frage noch mal zu beantworten: So stelle ich mir ein gutes Referat vor.“

Ich war äußerlich natürlich professionell unbeeindruckt, aber eigentlich war ich Beckerfaust und innerer Reichsparteitag.

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Gelernt: Ich kann anscheinend in zwei Wochen ein ziemlich gutes Referat hinkriegen. Dafür komme ich aber nicht mehr zum Bloggen, zu Museumsbesuchen oder zum entspannten Biergartensitzen. Daher bleibe ich lieber bei meinem Drei-Wochen-Rhythmus. Dann bin ich auch weitaus ausgeglichener und muss vor allem keine Jobs für Geld absagen, was ich letzte Woche in meiner Unizeit das erste Mal getan habe, weil ich meinem Kopf und meinem Zeitplan schlicht kein Platz mehr war.

Und jetzt stürze ich mich wieder ins nächste Referat, dieses Mal über die Gartenlaube. Ich freue mich schon sehr auf das Buch über die Mund- und Kieferheilkunde in dieser Publikation.

Die letzten Wochen auf Instagram oder: Mein Geburtstagsgeschenk auf dem Weg von Hamburg nach München

Holzarbeit

Charlotte bewarf mich und ich fange so was sehr gerne. Wobei mich diese Fragen etwas überfordern, denn ich sehe mich noch deutlich mehr als Texterin und nur zu einem winzigen Prozentsätzchen als Wissenschaftlerin.

1. Welche wissenschaftliche Erkenntnis, über die du in den letzten zehn Jahren gestolpert bist, hat dich staunen lassen?

Ich mache diesen Wissenschaftskram erst seit vier Semestern, daher lässt mich momentan noch alles staunen. Meine innere Ulknudel möchte „dass Schokolade Schnaps enthält“ sagen.

2. Sind soziale Medien wichtig für Wissenschaftler?

Ich glaube, sie sind für WissenschaftlerInnen genauso wichtig oder unwichtig wie für alle anderen, die ihre Arbeit in die Öffentlichkeit tragen wollen. Die Vernetzung geht deutlich schneller und man bekommt sehr viele Impulse – nur durch einen Tweet oder einen Link.

3. Und wie archiviert man jetzt Bundeskanzler-SMS?

Meinten Sie: Bundeskanzlerinnen-SMS?

4. Ich blogge, also …

… blogge ich. Und lerne dadurch Menschen kennen, gucke über Tellerränder, weil andere auch bloggen, und lese über Dinge, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie mich interessieren. Ich blogge, also ist mein Leben spannender.

5. Was hättest du gemacht, wenn du dein Fach nicht studiert hättest?

Weiterhin arme Kontakterinnen angefaucht, die es wagen, in mein Büro zu kommen. Keine gute Sache.

6. Wozu braucht man einen Doktortitel?

Ich brauche erst mal einen Bachelortitel, der aber wahrscheinlich zu uncool für eine überarbeitete Visitenkarte ist. Deswegen brauche ich einen Doktortitel.

7. Wenn ich mich gerade nicht wissenschaftlich betätige, mache ich …

… Essen.

8. Was ist die absurdeste Arbeit, die du jemals gelesen hast? (Nein, die wissenschaftliche Untersuchung zu Koboldstaubsaugern wird als Antwort ausgeschlossen.)

Je länger ich auf meine eigenen Arbeiten gucke, desto absurder kommen sie mir vor. (Meinen Dozierenden netterweise nicht.) Arbeiten von anderen sind natürlich alle großartig. Gib mir noch ein paar Semester, dann fange ich an, die Nase zu rümpfen.

9. Mit 4 Millionen Euro würde ich …

… einen Doktortitel machen und Visitenkarten drucken lassen.

10. Stelle dir selber eine Frage.

Dein liebstes Instagrambild der letzten Wochen?

11. Beantworte Frage 10.

(Deswegen betätige ich mich nicht nur wissenschaftlich.)