Tagebuch, Freitag, 22. Juli 2016

Ich saß am Schreibtisch und beendete einen ewig langen Blogeintrag für heute. Vorhin hatte ich eingekauft, in meiner Küche lag frischer Lauch, auf den ich Lust gehabt hatte. So richtig hungrig war ich aber noch nicht, also zog ich ein paar Geschichtsbücher zu mir und arbeitete weiter an meiner Hausarbeit. Twitter lief nebenbei, wie immer, ab und zu blickte ich auf und guckte in den Stream – und irgendwann hatte ich dauernd den Hashtag #OEZ in der Timeline, es erschienen Eilmeldungen von einer Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum, die Tweets liefen schneller durch als sonst. Auch die Polizei München twitterte; die habe ich seit der Schießerei im April fast direkt vor meiner Haustür im Feed.

Meine erste Reaktion: Amoklauf, kein Terrorismus. In meiner Timeline tauchte ein Video auf, das wegrennende Menschen zeigte. Jemand erwähnte, dass Facebook die Sicherheitsabfrage für München freigeschaltet hätte, also das Feature, mit dem man seinen Freund*innen mitteilen kann, dass es einem gut geht. Da war dann doch plötzlich der Gedanke da: Jetzt also auch bei uns. Jetzt also auch hier. Wann immer in den letzten Monaten Nachrichten von Terroranschlägen bei mir ankamen, veränderte sich für mich persönlich: nichts. (Außer dass ich daran dachte, als ich im Januar nach Paris flog.) Ich fühlte mich nicht unsicherer in meinem Alltag, und ich wüsste auch nicht, wie ich mich aktiv vor solchen Geschehnissen schützen sollte außer nur noch zu Hause zu bleiben, was schlicht keine Option ist, und ich will auch nicht, dass es eine ist. Wie scherzen wir seit Jahren und Antville: „Jetzt haben die Terroristen gewonnen.“ Das werden sie nie, auch wenn wir alle zuhause bleiben.

Aber jetzt klickte ich doch auf den Facebooklink und markierte mich als sicher und im Home Office, gut fünf Kilometer vom Einkaufszentrum entfernt. Die ersten „Gefällt mir“ waren nach Sekunden da. Mein Handy klingelte; meine Schwester hatte im Radio von der Situation in München gehört, sie war gerade im Auto unterwegs und wollte wissen, ob alles okay sei. Ich sagte ja, beruhigte sie, und rief meine Eltern an. Die wussten als internetlose Menschen, bei denen auch nicht dauernd das Radio lief, natürlich noch von nichts, freuten sich, als ich anrief, aber eben nicht, weil es mir gut ging, sondern weil ich anrief. Ich erzählte kurz von einem Amoklauf, ich sagte bewusst nicht Terroranschlag, denn so kam mir diese Begebenheit nicht vor, sagte, dass alles okay sei, ich nicht vor die Tür gehen würde, alles gut.

Inzwischen fuhr der öffentliche Personennahverkehr nicht mehr, die halbe Stadt schien mit Menschen voll, die nicht nach Hause kamen, erstens weil der ÖPNV nicht fuhr, zweitens weil die Polizei darum bat, öffentliche Plätze zu melden. Die ersten Tweets mit #offenetür, #opendoor, #porteouverte tauchten in der Timeline auf. Gerade den letzten Hashtag kannte ich nur aus Paris und finde die Idee immer noch großartig, dass man in der Stadt gestrandeten Menschen Zuflucht bieten kann. Eine sehr entfernte Bekannte von mir twitterte, sie säße mit acht weiteren Menschen in einem Treppenhaus zwischen Marien- und Odeonsplatz fest, ich retweetete ihren Aufruf, sie twitterte eine Stunde später, sie seien alle in Sicherheit und löschte den Tweet. Mich irritierte, dass ich die ganzen Stadtteil- oder Straßennamen kannte; bei den Pariser Anschlägen hatte sich alles sehr fiktiv angefühlt, weil ich nichts mit diesen Namen verbunden hatte außer mit sehr wenigen Plätzen, die ich in Paris kannte, Metrostationen, Sehenswürdigkeiten. Jetzt war alles direkt vor meiner Haustür, an Orten, an denen ich täglich bin (aus der LMU oder der Uni-Bibliothek meldeten sich Menschen, die festsaßen) oder an denen ich dauernd vorbeifahre. Ich las aber auch, dass Kirchen und Moscheen ihre Türen öffneten, irgendwann die bayerische Staatskanzlei (mit Polizeischutz, wurde im Tweet erwähnt) und viele Hotels. Ein Hotel twitterte allerdings, dass es niemanden aufnehme, dass nur Gäste reinkämen, die sich ausweisen könnten. Ich konnte beide Seiten verstehen, vor allem, weil die Polizei von bis zu drei Tätern ausging, die bewaffnet auf der Flucht waren. Taxen wurden aufgefordert, niemanden von der Straße aufzulesen, was es vielen vermutlich noch schwerer machte, nach Hause zu kommen.

Ich klickte irgendwann in den Livestream der Tagessschau und hielt es ungefähr 30 Minuten aus, dem hilflosen Rumstammeln und Wiederholen von Vermutungen zuzuschauen. Während auf Twitter die Polizei München besonnen dazu aufrief, keine Bilder oder Videos zu verbreiten, wurden sie hier munter ausgestrahlt. Ich las den ganzen Abend keine einzige Spekulation über den oder die Täter, ihren Hintergrund, ihre Motive, nur Aufrufe an die Öffentlichkeit, wie sie sich bitte zu verhalten habe (weg von der Straße, zuhause bleiben), während die Medien hemmungslos wilde Theorien in den Raum stellten und von Panik in der Stadt berichteten. Gut, ich saß zuhause und war sehr unpanisch, ich kann nicht beurteilen, wie es draußen war, aber wenn ich die Medien mit meiner Timeline vergleiche, würde ich mir wünschen, aktuelle Berichterstattung bei unklarer Ausgangslage würde öfter von meiner Timeline gemacht und nicht von wildgewordenen Menschen mit Mikrofon und einem angeblichen Informationsauftrag. Denn der sollte meiner Meinung nach nicht darin bestehen, sinnlose Vermutungen rauszuhausen und genau das zu tun, worum die Polizei eben nicht bat.

Als klar wurde, dass niemand was wusste, bekochte ich mich selbst mit gebackenem Lauch und Hummus und channelte dabei Eva Hesses Repetition Nineteen. Dann guckte ich weiter dem Twitterstream zu, was ich bei … das ist jetzt eine seltsame Formulierung, die vielleicht ein schlechtes Licht auf mich wirft, weil sie mich gleichgültig erscheinen lässt, aber egal: … was ich bei anderen Anschlägen nicht tue. Dort sammeln sich für mich Informationen, die mir egal sind, und Vermutungen, die mir noch egaler sind – solange der Anschlagsort weit weg von mir ist. Jetzt saß ich aber quasi mittendrin, und daher guckte ich dann doch der Timeline zu anstatt sie bewusst wegzuklicken und erst am Morgen danach nachzulesen, was nun eigentlich passiert war.

Als nach 22 Uhr immer noch von Tätern auf der Flucht die Rede war, wurde mir allmählich mulmig, denn F., der olle Kulturmensch, saß in den Kammerspielen. Seine Begleitung war schon nicht mehr in die Stadt hineingekommen, er selbst war aber ins Theater gegangen. Dort wurden die Zuschauer*innen vor und nach der Veranstaltung auf die Situation hingewiesen, man könne vor Ort bleiben, dürfe aber natürlich auch gehen. F. verschanzte sich hinter einem Bier im Blauen Haus, schickte mir beruhigende SMSe – vermutlich war ich nervöser als er – und schrieb von einem „unbehaglichen“ Gefühl, klang aber trotzdem entspannt. Zweieinhalb Stunden nach Veranstaltungsende saß er immer noch an der Theke, hatte sein Geld für Bier ausgegeben (kein Taxi mehr drin, obwohl ich gar nicht weiß, ob gestern noch welche fuhren) und wollte einfach nach Hause. Über der Maxvorstadt kreisten seit gefühlt 15 Minuten mehrere Hubschrauber, was mich etwas nervös werden ließ (heute morgen las ich, dass die Wohnung der Eltern des Schützen in meinem Stadtviertel liegt und sie gestürmt wurde). Ich hockte inzwischen, total albern, wieder im fensterlosen Flur, wo ich auch während der Schießerei im April gesessen hatte und aktualisierte Twitter im Sekundentakt, um F. sagen zu können, ob er sich nach Hause trauen könne. Ich bat ihn, nicht auf die Straße zu gehen, aber mein Held Tobi Vega bot ihm an, ihn mit dem Auto abzuholen, machte sich aus Untermenzing in die Innenstadt auf und lieferte ihn heile zuhause ab. Meine DM an ihn enthielt vermutlich ein paar Emotionen und Herz-Emojis zu viel, aber ich war sehr froh, dass er F. in Sicherheit gebracht hatte. Nochmal danke dafür.

Damit fiel dann auch so ziemlich alle Spannung von mir ab. Ich fühlte mich ein bisschen memmig, einfach ins Bett zu gehen, aber ich hätte nicht gewusst, was ich sonst hätte tun sollen. Alle Menschen, die mir hier in München am Herzen liegen, hatten ihren Facebookstatus aktualisiert und sich als in Sicherheit markiert, was mich sehr beruhigte. Scheint doch was dran zu sein an diesem Feature. Ich hatte auch jemanden in meiner Timeline, die oder der schrieb, dass das Hubschrauberkreisen normal sei, da würde halt gesucht. Auch das beruhigte mich, obwohl ich den oder die Autor*in nicht kannte. Social Media beruhigte mich mehr als die Nachrichtenseiten, die ständig von Panik in der Stadt und Ausnahmezustand etc. schrieben, während in meiner Timeline die ersten Tweets auftauchten von Menschen, zu denen Unbekannte geflüchtet waren, die jetzt anscheinend halbwegs entspannt beieinander saßen und in Sicherheit waren.

Meine Gedanken heute morgen sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Ich frage mich, wie ich mich auch schon im April gefragt habe, wo die Waffen herkommen, die zur Tat benutzt wurden, und ich hasse das Gefühl, dass Waffenbesitz zunehmen könnte. Ich habe mich nirgends auf der Welt unsicherer als in den USA gefühlt, weil mir bewusst war, dass, überspitzt gesagt, jeder Menschen neben mir im Supermarkt eine geladene Waffe dabeihaben könnte. Mehr Waffen sorgen nicht für mehr Sicherheit, sondern verstärken nur das Gefühl der Unsicherheit. Genauso verstärken mehr Gesetze zur Überwachung und noch mehr idiotische Maßnahmen an Flughäfen das Gefühl der Unsicherheit, wo anscheinend auch ein problemlos zu mietender LKW als Tatwaffe ausreicht oder man auch in Zügen Bomben schmuggeln kann. Alter Hut, aber: Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Gestern tauchte ein Tweet in meiner Timeline auf, der besagte, dass bei jedem Anschlag nicht strengere Gesetze erlassen, sondern stattdessen ein paar gestrichen werden sollten. Für mehr Freizügigkeit, für mehr Miteinander, für mehr offene Türen.

Mein heutiger Tag begann damit, die Geschehnisse der Nacht auf dem iPhone nachzulesen, während ich noch im Bett lag. Eine SMS von F. wünschte mir guten Morgen. Draußen sind keine Hubschrauber mehr zu hören, sondern die üblichen Autos und Anwohner. Ich müsste noch einkaufen gehen. Es fühlt sich alles wieder sehr normal an, und ich glaube, das ist okay so.

Christian Jakubetz schreibt: „Ich war an dem Abend beides, Betroffener und Journalist.“

Claus Kleber über die Arbeit der Öffentlich-Rechtlichen. (Am Tag vor dem Amoklauf geschrieben.)

Kohlrabi-Curry-Gratin

Im Prinzip das gleiche wie Kartoffelgratin, nur mit Currypulver, aber ich schreibe das Rezept trotzdem mal auf.

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Für zwei Personen.

900 g Kohlrabi (zwei bis drei Stück, vor dem Schälen gewogen) in dünne Scheiben schneiden und hübsch in eine Auflaufform legen.

1 Zwiebel fein würfeln und in
1 EL Butter andünsten.
2 EL Currypulver dazugeben (ich hab mindestens das Doppelte genommen) und kurz mitdünsten. Mit
200 ml Schlagsahne und
150 ml Milch aufgießen. Aufkochen, mit Salz und wenig Pfeffer würzen. Über den Kohlrabi geben und im auf 190° vorgeheizten Ofen für circa 40 Minuten backen.

In einer Pfanne
4 EL Semmelbrösel in
1 TL Butter anrösten,
30 g gesalzene Erdnusskerne mitrösten.
Kohlrabigrün fein hacken und mit Bröseln und Erdnüssen über das Gratin geben.

Kann man hübsch als Beilage essen, mir hat es gestern auch als Hauptmahlzeit gut geschmeckt, wenn mir auch der Kohlrabigeschmack etwas untergegangen ist in der ganzen Milch-Sahne-Herrlichkeit. Das nächste Mal lasse ich außerdem die Zwiebel weg, die brauche ich nicht im Gratin.

Was schön war, Mittwoch, 20. Juli 2016

Im Home Office zu sitzen, nicht da raus zu müssen ins 31 Grad heiße München, stattdessen in einem auf meine persönlichen Bedürfnisse abgestimmten Zimmer zu arbeiten: Fenster zu, Rolladen runter, von draußen dringt nur noch gedimmtes Licht zu mir, was ich sehr mag und was die blöde Hitze draußen lässt. Entspannt und konzentriert gearbeitet, gutes Feedback bekommen, viele Erdbeeren gegessen und abends noch einen schönen Gin & Tonic genossen. Gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Dienstag, 19. Juli 2016 – Sommerwind, ZI, Klausurnote

Morgens bei schon 26 Grad (was sich für mich Herbst- und Winterkind immer wie 36 Grad anfühlt) ins ZI geradelt. Gaaaaanz laaaaangsaaaaam, um nicht so fies in Schwitzen zu kommen. Ich trug ein neues Kleidchen, und obwohl ich mich quasi kaum schneller fortbewegte als Schritttempo, konnte ich den Fahrtwind genießen, weswegen ich trotz der 46 Grad sehr gut gelaunt unterwegs war und mich mal wieder fragte, warum ich 20 Jahre lang kein Fahrrad gefahren bin, wo es doch so herrlich ist.

Im ZI einen großen Job fast fertig gekriegt. Die pure Schreibarbeit ist durch, jetzt kommen Finetuning, Kürzen und Rumpuscheln, und dann kann ich es sogar eine Woche vor der Deadline abgeben. Was bedeutet: über eine Woche mehr Zeit für die Hausarbeiten. Yeah, Baby!

Pfirsiche und Erdbeeren zum Mittag.

Nachmittags die Note für die Geschichtsklausur gekriegt und freudekreischend auf die Mail des Dozenten reagiert: 1,3. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, denn ich knabbere ja immer noch an der ollen 2,0 fürs Referat rum. Aber mit 56 von 60 Punkten kann ich hervorragend leben.

In Geschichte schreiben wir in den Seminaren zusätzlich zu Referat und Hausarbeit einstündige, essayartige Klausuren, während wir in Kunstgeschichte in den Seminaren keine Klausur für die Endnote brauchen. Stattdessen schreiben wir Klausuren in den Vorlesungen in der hirntoten (aber schnell korrigierbaren) Multiple-Choice-Variante. In diese mischt sich manchmal eine sogenannte offene Frage, wo man dann selber auf einen Begriff, einen Namen oder eine Jahreszahl kommen muss und nicht die Antwort aus den vorgegebenen Möglichkeiten raten kann, aber selbst dann braucht man für den Fragebogen meist nicht mehr als zehn Minuten. Unsere Dozent*innen sind sich alle ziemlich einig darüber, dass man kunsthistorisches Verständnis so kaum abprüfen kann, aber ich ahne, dass einfach keine Kapazitäten da sind, um 400 Klausuren in Essayform aus einer Vorlesung zu lesen und zu benoten.

Was schön war, Montag, 18. Juli 2016 – Bibkram, „Toni Erdmann“

Morgens saß ich im Lesesaal der Unibibliothek – zum ersten Mal seit dem ersten Semester wieder. Damals arbeitete ich mich durch eine Partitur eines Beethoven-Trios, gestern durch ein Büchlein von 1906, in dem eine Frau ihrer Kindheitserinnerungen aus dem 19. Jahrhundert aufgeschrieben hatte. Auf einer Seite stand, dass es um 1850 noch keine blonden Puppen gegeben habe; Suschna widersprach erwartungsgemäß. Aus dem Buch lernte ich auch, dass Droschken feste Stellplätze hatten und nicht wie ein Taxi bis zur Haustür kamen.

Ein Buch aus der Stabi abgeholt, dann im ZI einen weiteren Text fertiggstellt. Nebenbei die Celeste-Kette von Zaha Hadid entdeckt und sehr bewundert.

Abends mit F. im Arri-Kino Toni Erdmann gesehen, den ich euch sehr ans Herz legen möchte. Bitte nicht vom blöden Trailer täuschen lassen, der lässt einen die übliche nervige Dramedy erwarten, aber das ist der Film nicht. Ich ahne aber auch, warum der Trailer so aussieht wie er aussieht – der Film hat so viele perfekt komponierte Szenen und so wunderbare Dialoge, aber man kann kaum etwas herausgreifen und zu anderthalb Minuten zusammenschneiden. Jedes Bild und jeder Satz bringt die Handlung voran oder erzählt etwas über die Protagonist*innen – also perfekte Filmkunst –, aber einzeln stehen sie wie kleine Bröckchen in der Gegend rum, ihnen fehlt der Vorlauf und das Nachspiel. Beides ist wichtig in diesem nicht ganz kurzen Film, aus dem man aber auch nichts wegstreichen kann. Wir überlegten danach lange, wo man vielleicht hätte kürzen können und kamen zu dem Schluss: bloß nicht anfassen, das muss alles so sein.

Was der Trailer einem vorgaukelt, ist die schnarchige Geschichte einer erfolgreichen Tochter, deren Vater ihr mal zeigen will, was es außer Arbeit noch im Leben gibt. Klingt wie ne Scheißidee, ist es auch. Netterweise ist Toni Erdmann genau das nicht. Vater und Tochter leben das Leben, das sie sich ausgesucht haben; das klappt mal gut, mal weniger gut, aber man kommt da halt nicht einfach so raus. Und der Film fragt auch schlicht: Muss man das überhaupt? Wie clever der Film mit meinen Erwartungen spielt, merkte ich kurz vor Schluss, als ich dachte, jetzt kommt gleich der Abspann, aber nein, mein durch zu viele Popcornfilme matschiges Hirn fiel auf eine Fährte rein, die der Film gelegt hatte, um noch einen Schlenker zu machen, und der passt dann. Der Film kennt seine Figuren sehr genau, deutlich besser als ich, die innerlich selbst nach zweieinhalb Stunden noch auf gewohnte Enden und Lösungen und Gesten wartete, sie aber nicht bekam. Toni Erdmann überraschte mich dauernd, und ich habe mich hervorragend unterhalten, habe gelacht und geweint und wollte irgendwann mit Sandra Hüller Schmachtfetzen singen. Große Empfehlung.

Was schön war, Freitag bis Sonntag, 15. bis 17. Juli

Auf der Website des British Museum kann man das wunderschöne Objekt in Gänze bewundern.

Im ZI gearbeitet, in der Bibliothek des kunsthistorischen Instituts gearbeitet, zu Hause am Sonntag mal nicht gearbeitet, sondern gefühlt 20 Folgen Gilmore Girls geguckt. Mich in beiden Bibliotheken über Zeitschriften wie oben gefreut oder wunderschöne Bücher. Wenn ich im ZI meinen Bücherstapel ins Regal trage, um ihn als kleinen Handapparat für mich zu reservieren, umarme ich die Bücher nicht nur, weil ich sie so am besten tragen kann.

Mit der besten Freundin telefoniert und mal wieder gemerkt, wie gut es mir geht.

Mit dem ehemaligen Mitbewohner essen gewesen, danach ein paar Pokémons auf dem Alten Südfriedhof gefangen und dabei endlich das Grab meines Lieblingsarchitekten im 19. Jahrhundert Leo von Klenze besucht.

Ein Foto per SMS geschickt bekommen, das sofort zum Lieblingsfoto geworden ist.

Kohlrabi!

„Und, Anke, wie war so dein achtes Semester?“

(Erstes, zweites, drittes, viertes, fünftes, sechstes, siebtes Semester.)

Ich habe gelernt, dass meine Zeit an der Uni irrwitzig schnell vergeht. Gerade eben habe ich mich immatrikuliert und jetzt spreche ich mit meiner Dozentin schon das Thema für meine Masterarbeit durch. Irgendwo ist ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum und sein Name ist Kunstgeschichte.

Ich habe gelernt – oder aufgefrischt –, dass es keinen schöneren Ort für mich gibt als die Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte. Es dauert ungefähr eine Viertelstunde, bis das Internet läuft, ich in der hauseigenen Suchmaschine rumgedengelt und danach Bücher und Zeitschriften aus den Regalen in den fünf Stockwerken an meinen Tisch geschleppt habe und anfangen kann zu arbeiten. Egal wie mies gelaunt oder traurig oder hysterisch glücklich ich ankomme, nach einer Viertelstunde steckt meine Nase in irgendwas Gedrucktem, ich sehe Bilder an und lese schlaue Worte, mein Puls geht runter und ich bin geistig an wunderbaren Orten unterwegs, die immer noch nicht langweilig werden.

Ich habe gelernt, mein Privatleben mit dem Studium zu kombinieren. Das war das große Problem im BA-Studium und meinem Hin- und Herfliegen zwischen München und Hamburg, dass ich nirgends richtig war bzw. irgendwann bei steigendem Aufwand für die Uni lieber in München bleiben wollte, obwohl mein Privatleben in Hamburg war. Nach der Trennung von Kai war die neue Beziehung zu F. hier nicht ganz problemlos, weil es sehr ungewohnt für mich war, plötzlich beides hier zu haben. Es hätte eigentlich alles einfacher werden müssen, aber ganz so leicht konnte ich elf Jahre und alte Gewohnheiten dann auch nicht abschütteln. Kurz vor Semesterbeginn fand der endgültige Abschied von Hamburg statt, und daher war dieses Semester das erste, in dem ich komplett hier war und auch nirgends mehr hinmusste. Auch das hat mich anfangs etwas aus der Bahn geworfen, aber in den letzten ein, zwei Monaten beruhigte sich alles. Ab und zu kommt noch Traurigkeit hoch und das darf sie auch, aber im Prinzip bin ich jetzt angekommen. Und allmählich kriegt mein Kopf das auch mit, dass nicht nur ich und die Uni hier sind, sondern auch noch jemand anders. Das ist sehr schön.

Ich habe gelernt, dass es sehr sinnvoll ist, seine Hausarbeiten ins Netz zu stellen, denn sie sind anscheinend eine hervorragende Visitenkarte. In diesem Semester habe ich erstmals kunsthistorische Texte geschrieben, die nicht für die Uni waren, und damit würde ich dann jetzt gerne öfter Geld verdienen, bitte. Das kann ich nämlich ziemlich gut.

(Ja, ich habe noch Träume.)

Ich habe gelernt, wie toll ich es finde, in Archiven in alten Dokumenten zu blättern. Überhaupt: Archive! Bibliotheken! Dieses ganze gedruckte Wissen, das ich schon beim Überfliegen erfassen kann. So sehr ich das Digitale liebe – ich bin ein bisschen nervös darüber, dass manches nur als Pixel auf einem Bildschirm erscheint und nirgendwo fassbar außerhalb eines Servers festgehalten wird. Andererseits mag ich die Flüchtigkeit von Twitter oder ähnlichem auch gerne, und ich glaube, Historiker*innen der folgenden Jahrhunderte werden ganz froh sein, nicht durch noch mehr Zeug waten zu müssen.

Ich habe gelernt, wie viel ich schon gelernt habe. Allmählich klappt das ganz gut, angesammeltes Wissen abzurufen und in einen neuen Kontext zu setzen. Wo ich im BA bis zum Schluss dachte, okay, ich weiß nichts, merke ich jetzt bei jedem Referat oder beim Schreiben, okay, ich weiß ein bisschen. Und wenn die Promotion durch ist, weiß ich immerhin über einen winzigen Teilbereich der Kunstgeschichte so richtig viel. Darauf freue ich mich jetzt schon.

Ich habe (mal wieder) gelernt, dass Geschichte einen größeren Aufwand erfordert als Kunstgeschichte und ich immer ein schlechtes Gewissen gegenüber meinem Hauptfach habe, wenn ich das Nebenfach so bepuschele. Ich habe aber auch gelernt, wie sehr ich mich nach zwei Semestern Pause wieder aufs Historicum gefreut habe. Und jetzt muss ich quasi schon wieder Abschied nehmen, denn es kommt nur noch ein Semester, in dem ich in beiden Fächern Vorlesungen und Seminare habe – im Sommersemester 2017 wartet nur noch, nur noch, haha, die Masterarbeit.

Ich habe gelernt, dass mich ein Thema so fesseln kann, dass ich es nicht loslassen möchte. Deswegen werde ich mich für die eben angesprochene Masterarbeit noch einmal mit Anselm Kiefer und Richard Wagner beschäftigen. Auf unserer schlauen Website steht, dass man Anfang des dritten MA-Semesters mit der Prüferin Kontakt aufnehmen soll wegen des Themas – schon erledigt und alles abgenickt bekommen. Check!

Ich erinnere mich an meine inneren Turbulenzen während der Hausarbeit zu dem Thema, als ich auf jeder Seite und bei jedem Unterpunkt merkte, dass ich noch so viel mehr zu sagen hätte. Ich freue mich sehr darauf, all das endlich aufschreiben zu können, und ich freue mich auch darüber, dass meine Faszination für dieses Thema gehalten hat. Innerlich hatte ich irgendwie drauf gewartet, dass mich ein neues Thema anspringt, aber nein. Kiefer und Wagner wollen noch was von mir. Wagner war bis an sein Lebensende mit einem seiner Werke nicht glücklich und meinte mal: „Ich bin der Welt noch einen Tannhäuser schuldig.“ So geht es mir mit dieser Arbeit. (Um das Ganze mal so richtig hoch aufzuhängen.)

Ich habe gestern meinen Stundenplan fürs Wintersemester gebastelt, der mir ausnehmend gut gefällt. Und als er fertig war, war ich gleichzeitig sehr glücklich – weil er mir so gut gefällt – und sehr traurig, weil ich weiß, dass es der letzte ist, den ich noch basteln muss. Ich möchte noch nicht aufhören zu studieren, weil es noch so viel gibt, was ich studieren könnte. Falls irgendjemand mich als Speakerin für ein bedingungsloses Grundeinkommen buchen möchte – Mail genügt. Ich war trotz aller Widrigkeiten in den letzten vier Jahren mit meiner Arbeit für die Uni deutlich glücklicher als in den Jahren zuvor mit meiner Arbeit für Werbeagenturen. Ich bin dankbar für den Quatsch, den ich dort schreiben durfte, denn dieser Quatsch finanziert mir gerade fünf Jahre Studium und wenn ich nicht dauernd teuren Gin kaufen würde, auch noch mindestens ein Jahr der Promotion. Das ist toll, aber ich glaube trotzdem, dass die Welt eine bessere ist, seit ich keinen Quatsch mehr im Akkord produziere, sondern über Wagner und Kiefer nachdenke.

Ich möchte auch generell glauben, dass Menschen sich persönlich mehr und tiefergehender weiterbilden würden, wenn sie die finanziellen Möglichkeiten hätten. Das mag naiv sein, aber ja, ich glaube, dass wir alle einen besseren Tag hätten und eine bessere Gesellschaft schaffen könnten, wenn wir nicht die ganze Zeit damit beschäftigt sein müssten, Geld für Miete und DSL einzusammeln. Ich habe in den letzten Jahren mehr theoretische und/oder wissenschaftliche Texte gelesen als jemals zuvor, und ich behaupte, das hat mich zu einem reflektierteren und damit besseren Menschen gemacht. Ich wünschte, dass mehr Menschen diese Möglichkeit hätten.

Veganer Zitronenkuchen

Ich schrieb bereits darüber: Für mein Esskulturen-Seminar wollte ich in der letzten Stunde einen Kuchen mitbringen, weil der Dozent Kaffee, Tee und wilde Süßigkeiten angekündigt hatte. Es wurden französische Kekse – „Die habe ich wie ein schlechter Vater am Bahnhof in Paris gekauft, weil ich es vorher nicht geschafft hatte“ – und russisches Konfekt, das wie ein flacher, zäher Schokokuss schmeckte, ganz hervorragend.

Da wir eine Veganerin im Kurs hatten, wollte ich einen dementsprechenden Kuchen backen. Ich testete insgesamt drei Rezepte, von denen das untenstehende mein Favorit war. Runner-up, wirklich nur knapp abgeschlagen, war dieser Schoko-Nuss-Kuchen, der mir etwas zu kokoslastig war und bei dem ich keine Lust auf einen zweiten Versuch nur mit Mandeln und Nüssen hatte, sowie dieser Zitronenkuchen, der mir aber zu backpulverig schmeckte. Dafür ist dieser Zitronenkuchen klasse und deswegen wird er verbloggt. Leider mit einem nicht so guten Foto, denn den Kuchen konnte ich nicht vor dem Seminar anschneiden und hatte daher danach nur noch einen Rest zum Fotografieren eines Einzelstücks, der dazu auch schon zweimal in einem Fahrradkorb durch München transportiert wurde.

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Den Backofen auf 175° vorheizen.

In einer Schüssel
375 g Mehl, Type 405,
2 TL Backpulver,
eine ordentliche Prise Salz,
180 g Zucker,
1 Tütchen Vanillezucker sowie die
Schale von 2 Bio-Zitronen vermischen.

Dazu noch

120 ml Sonnenblumenöl,
120 g Apfelmus,
120 ml Zitronensaft (das waren bei mir drei große Zitronen) sowie
240 ml Hafermilch oder ähnliches geben. Bei mir war es ein veganer Kokosdrink, der netterweise nicht durchgeschmeckt hat. Im Originalrezept steht, dass man auf keinen Fall Sojamilch nehmen sollte, weil sie ausflockt. Kann ich nicht beurteilen, gebe ich einfach mal weiter.

Die Zutaten nur kurz mit dem Schneebesen verrühren, nicht zu lange, einfach so, dass alles vermischt ist. Kleine Klümpchen einfach ignorieren. Den Teig in eine Gugelhupfform füllen und 60 bis 70 Minuten backen.

Für den Zuckerguss
150 g Puderzucker mit
1 EL Zitronensaft mischen und auf den komplett abgekühlten Kuchen auftragen. An die Menge habe ich mich gehalten; beim nächsten Mal würde ich sie verdoppeln.

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Die Veganerin im Kurs hat sich sehr darüber gefreut, dass sie mitessen konnte und meinte auch, der Kuchen wäre klasse. Ich als Omnivore bin nur kurz vor glücklich über das Backwerk, denn so ganz kann er nicht mithalten mit den Kuchen, in denen Butter und Eier für herrliche Geschmeidigkeit sorgen. Er ist mir ein winziges bisschen zu krümelig, wie man am Foto erkennen kann, aber dafür immerhin schön saftig und zitronig.

Ein sich sehr lange angebahntes Dankeschön …

… an Frank, der mich mit David van Reybroucks Kongo überraschte. Auf das Buch hat mich ein Dozent im ersten Semester Geschichte aufmerksam gemacht – ja, es liegt seit drei Jahren auf meinem Wunschzettel, aber zunächst lag es da als Hardcover, dann als Taschenbuch, und gerade erst vorgestern (echt jetzt!) musste ich wieder an das Buch denken, als wir im Esskulturenseminar über Zucker sprachen und im Zuge dessen über Zuckerrohrernte und Sklaverei (es gab zur Zeit des Civil War mehr Sklaven auf Zuckerrohr- als auf Baumwollfeldern) sowie über Länder, die von Sklaverei profitierten. Dabei wurde auch Belgien erwähnt, das Kolonialmacht im Kongo war. Das Buch wurde uns damals von einer Kommilitonin sehr überzeugend vorgestellt und seitdem möchte ich es lesen. Kann ich jetzt, yay! Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

#12von12 im Juli 2016

Die anderen 12von12er gibt’s wie immer bei Caro.

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Nachdem es Montag noch über 30 Grad waren, freute ich mich sehr über eine starke Abkühlung.

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Zu zweit aufgewacht. Mich darüber gefreut.

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Gestern war die letzte Sitzung im Esskulturenseminar, bei dem der Dozent Kaffee und Tee anschleppen wollte und ich mich bereit erklärt hatte, etwas zu backen. Da wir eine Veganerin im Kurs haben, testete ich in der letzten Woche drei Rezepte an und entschied mich für einen Zitronenkuchen. Den will ich noch verbloggen, weswegen ich den Kuchen fotografieren musste, bevor ich ihn in die Uni trug. In meiner Wohnung gibt es gerade mal ein Plätzchen, wo Abstellfläche und Licht für halbwegs anständige Fotos ausreichen, und das ist die kleine Arbeitsfläche neben meinem Herd. Auf die Öl- und Kochweinflaschen hänge ich gerne Zeug als Bildhintergrund, und normalerweise sieht man auch meine Messer und die anderen Werkzeuge nicht. Und vor allem nicht diese irrsinnig hässliche gesprenkelte Arbeitsplatte. Wer hat sich sowas jemals ausgedacht? Soll man auf dem anstrengenden Muster den Dreck nicht so sehr sehen oder was? Grauenhaft. Ich will eine schlichte hölzerne Arbeitsfläche oder von mir aus einfarbigen Kunststoff, aber dieses Muster macht mich jedesmal irre, wenn ich auf ihm arbeite.

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Nachdem der Kuchen fotografiert und transportsicher verpackt wurde, setzte ich mich aufs Sofa, um zu frühstücken.

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Dabei verbloggte ich das seltsame Gespräch, das ich Montag in der Stabi hatte. Sascha Lobo hatte dazu einen schönen Kommentar auf Facebook; da mein Account dort nicht öffentlich ist, copypaste ich das mal, denn diese Erklärung für das Verhalten der fragenden Dame kam mir sehr überzeugend vor:

„Vielleicht eine passende, angrenzende Beobachtung. Seit einiger Zeit bemerke ich, wie oft Menschen ein scheinbar konfrontatives oder zumindest überraschend offenes Gespräch suchen – die in Wahrheit immer die gleiche Bitte haben: Hilf mir auszubrechen. Überzeuge mich von etwas, was ich zwar erahne, wo aber noch nicht schaffe, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Man könnte das “Bekehrungsanfrage” nennen. (In meinem Kontext ist es meistens die Selbständigkeit, übrigens, weil meine Frisur visuell sagt: “Der kann unmöglich festangestellt sein.”)

Der Gesprächsverlauf, den Du skizzierst, passt exakt in das Muster derjenigen Leute, die sich jemanden suchen, um doch bitte endlich “bekehrt” zu werden zu genau der Überzeugung, die sie sich einfach noch nicht trauen umzusetzen, obwohl sie längst in ihnen schlummert. Ein superinteressantes Phänomen, muss ich mal weiter beobachten, danke für Deine Beobachtung.“

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In die Uni geradelt und mit meinen Kommiliton*innen den Selbstbedienungstisch eingedeckt. Wir futterten russisches Konfekt, französische Kekse und meinen Zitronenkuchen, für den sich die Veganerin bedankte. Alles richtig gemacht.

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Danach bei bewölktem Himmel ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte geradelt. (My favorite Nazibau.)

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Dort vor mich hingelesen – „instagrammable“ in einer Kritik über eine Ausstellung zu van Gogh und Munch fand ich sehr schön. Leider las ich sehr zerstückelt, denn es kamen diverse Mails, die ich schnell beantworten wollte, mein bester Freund rief an, und so brach ich dieses eher unproduktive Arbeiten nach drei Stunden ab.

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Als ich vom ersten Stock (Bibliothek des ZI) ins Erdgeschoss (Abgusssammlung) kam, sah ich einen Besucher des öffentlich zugänglichen Gebäudes, dessen Körperkonturen sehr schön zu den Skulpturen passten. Ich habe leider nicht ganz den perfekten Moment erwischt. Man sieht im Hintergrund aber schön die Gruppe an Gipsmenschen, die sich zu unterhalten scheint. Ich glaube, die Angestellten der Sammlung haben richtig Spaß dabei, die Skulpturen ständig umzuschieben und neu zu gruppieren, und ich freue mich auch immer wieder über wilde Kombinationen.

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Im Nieselregen nach Hause geradelt (Königsplatz FTW!). Dort vergessen, mein Käsebrot zu fotografieren. Stattdessen einen Schnipsel aus dem Buch abgelichtet, das ich gerade mit großem Vergnügen lese.

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Abends bei F. einen serbischen Rotwein genossen, viel über F.s Großvater gelernt und in alten Dokumenten rumgewühlt. Das war sehr schön.

Was seltsam war, Montag, 11. Juli 2016 – Stabigespräch

Ich saß morgens ab kurz nach 8 im Lesesaal der Stabi und wälzte Architekturbücher, bevor ich um 11 im Historicum sein musste. Mit den schönen Häuschen war ich schon gegen 10 fertig, danach suchte ich im Zeitschriftenlesesaal noch ein Heft, das im ZI gerade nicht im Regal war – war es hier leider auch nicht, muss ich doch bestellen. Es war kurz nach halb 11, aber ich wollte noch nicht ins unklimatisierte Historicum, wo die letzte Sitzung des Biografiekurses auf mich wartete. Also zerrte ich meine ganzen Klamotten aus dem Schließfach und setzte mich in die große Eingangshalle der Stabi, deren Türen geöffnet waren und wo ein schöner Luftzug herrschte, der bei 30 Grad Außentemperatur sehr willkommen war. Ich zog ein Buch aus dem Rucksack und begann zu lesen, als sich eine Frau neben mich setzte. Sie holte mehrere Bögen Papier aus ihrer Tasche, raschelte damit rum und fragte mich schließlich, ob ich eine Schere dabei hätte. Ich verneinte bedauernd und guckte wieder ins Buch. Und da meinte die Frau freundlich zu mir:

„Entschuldigung, wenn ich das so sage, aber wieso sind Sie so dick, wo Sie doch so hübsch sind?“

Mein erster Gedanke, den ich nicht aussprach, war BITTE WAS?!?, kombiniert mit der kurzen Überlegung, der Dame mein Buch auf die Nase zu hauen. Stattdessen sagte ich:

„Ich finde nicht, dass sich dick und hübsch ausschließen.“

„Nein, natürlich nicht, da haben Sie recht. Ich wundere mich nur – Sie gehen so selbstbewusst durch die Gegend, obwohl Sie so dick sind. Darf ich fragen, warum Sie so dick sind?“

Wieder ein Gedanke, den ich nicht aussprach: Das ist jetzt was ganz anderes als das, was zu zuerst gesagt hast, Hase. Der erste Satz lag schön auf der Linie von dem, was meine Oma mir erzählt hat, seit ich 13 war: „Du könntest so hübsch sein, wenn …“, was ich damals schon, noch Jahre vor dem bewussten Reflektieren über meinen Körper und was er anscheinend über mich aussagt, als total unangemessen empfunden habe.

Was jetzt kam, war die erstaunte Bemerkung darüber, dass dicke Menschen anscheinend selbstbewusst sein können, was in einer Gesellschaft, die Fatshaming als Diätmotivierung ansieht, zugegebenermaßen nicht ganz einfach ist. Ich fühlte mich an Mindy Kaling erinnert, die das in ihrer Autobiografie schön aufgeschrieben hatte:

„When an adult white man asks me “Where do you get your confidence?” the tacit assumption behind it is: “Because you don’t look like a person who should have any confidence. You’re not white, you’re not a man, and you’re not thin or conventionally attractive. How were you able to overlook these obvious shortcomings to feel confident?”“

Diesen Quatsch hatte die Dame sich anscheinend auch gut gemerkt und nicht mehr angezweifelt. Aber zurück zur Frage, warum ich dick bin:

„Ich esse gerne.“

Sie lachte, ja, stimmt, das täte sie auch, aber sie hadere seit Jahrzehnten mit ihrem Gewicht, sie sei jetzt fast 50 und Diäten seien seit ihrer Jugend ein Thema und sie würde das toll finden, dass ich mit meinem Körper so locker umgehe.

Vielleicht sollte ich hier erwähnen, dass die Dame natürlich gertenschlank war. Mich macht es so wahnsinnig, dass nicht nur dicke Menschen sich diesen Selbsthass anerziehen, dieses Kleinermachen, dieses Verschwindenwollen, sondern auch Menschen, denen unsere Gesellschaft nicht dauernd sagt, dass sie sie unattraktiv und bäh findet. Wobei: Frauen mit 50 sind vermutlich auch schon raus, und ich weiß das nur noch nicht. Fragt mich in drei Jahren noch mal.

Ich wusste immer noch nicht, was dieses Gespräch sollte und vermutlich habe ich auch etwas entgeistert geguckt, aber ich dachte, hey, vielleicht kann ich hier positiv auf jemanden einwirken und beantwortete daher brav weiter ihre Fragen, wie ich denn zu dieser Lockerheit und diesem Selbstbewusstsein gekommen sei. Ehrlich gesagt, war mir das bis gestern gar nicht bewusst, dass ich anscheinend diese Ausstrahlung habe, vor allem nicht bei 30 Grad mit meiner üblichen „Ich muss gleich in die Uni!“-Grundhektik und Sonnencreme im Gesicht. Aber schön zu wissen.

Ich erzählte also vom Foodcoaching, das damals den Zweck hatte, mich dünner zu machen, aber stattdessen dafür gesorgt habe, dass ich seitdem Rezepte verblogge statt Filmkritiken. Ich erzählte davon, wie schön es sich angefühlt hat, für meinen Körper zu sorgen anstatt ihn scheiße zu finden und dass dadurch ganz unwillkürlich und ohne dass ich es darauf angelegt hatte, auch das Bewusstsein seiner Stärke und seiner ganz individuellen Attraktivität bei mir im Kopf angekommen sei. Seitdem denke ich nicht mehr darüber nach, dass ich dick bin. Ich weiß, dass ich es bin, aber es ist kein Thema mehr, das mich täglich belastet. Ich brachte auch meinen Standardsatz „Dicksein ist eine Körperform, keine Charaktereigenschaft“ und der gefiel ihr gefühlt sehr. Der schien auch die Frage nach dem Selbstbewusstsein zu beantworten, denn wieso soll mich eine Körperform davon abhalten, selbstbewusst zu sein?

Die Frau bedankte sich für das Gespräch und entschuldigte sich, falls sie zu aufdringlich gewesen war. Ich kann das, ehrlich gesagt, bis heute nicht beantworten, ob sie aufdringlich war. Einerseits habe ich mich gefreut, vielleicht ein paar Vorurteile abbauen zu können, andererseits war die Einstiegsfrage selten dämlich. Ich habe aber auch erfreut gemerkt, dass mein Puls nicht sofort auf 180 war, wie er das früher war, wenn ich auf der Straße doofe Bemerkungen abgekriegt habe (seit Jahren nicht mehr) oder wie das heute noch so ist, wenn ich in Onlinediskussionen die ganzen ekligen Vorurteile über dicke Menschen lese (weswegen ich mich tunlichst aus solchen Diskussionen raushalte). Ich habe ihren ersten Satz anscheinend nicht als Angriff gewertet, sondern als dusselig formuliertes Interesse. Ich war auch während des Geprächs ganz ruhig, wo ich sonst gerne hektisch werde, um ja alle Fakten unterzubringen, die ich in Bezug auf Fatshaming, Diäten und Körperbildern seit Jahren drauf habe, damit ein weiterer Mensch auf diesem Planeten erfährt, dass Dicksein okay ist und nicht die höllische Strafe und Widerlichkeit, zu der es manche Leute machen.

Ich denke immer noch über dieses Gespräch nach und weiß noch nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Im Laufe des Tages kamen immer wieder Satzfetzen hoch und ich wollte diese Geschichte auch abends F. gar nicht erzählen, weil sie sich so persönlich angefühlt hat und ich sie noch nicht fertig durchgedacht hatte. Ich bemerkte, dass den gestrigen Tag über keine Wut hochkam auf unsere beknackten Schönheitsnormen oder die Annahme, dass Frauen überhaupt schön sein müssen. Es kam auch keine Traurigkeit hoch, die mich manchmal noch erwischt, wenn ich darüber nachdenke, wieviel Zeit ich in meinem Leben damit verschwendet habe, mit meinem Körper oder meinen Essgewohnheiten unglücklich zu sein anstatt sie anzunehmen und mich mit ihnen zu arrangieren oder sogar anzufreunden. Es kam stattdessen eher eine Anteilnahme hoch mit all den Frauen, die noch genau da sind, wo ich vor sechs, sieben Jahren auch war: gefangen in Ansprüchen, denen ich eh nie gerecht werden kann und einem Selbstbild, das nicht von mir, sondern von anderen gestaltet wurde. Und dann doch ein bisschen Wut, dass fremde Körper überhaupt Diskussionsstoff sind. Die Dame meinte auch zwischendurch, dass sie sich freue, dass ich ihr nicht gleich an die Gurgel gegangen bin, woraufhin ich sagte, vor zehn Jahren wäre ich das. Und danach hätte ich geweint und viel gegessen, um den Schmerz loszuwerden und mir perfiderweise neuen zuzufügen, alles in einem Aufwasch, wie praktisch.

Heute genieße ich Essen als das, was es ist: Nahrung, Freude, Lust, Entspannung. Und ich genieße meinen Körper als das, was er ist: ein Teil von mir, der mich trägt und schützt, der mich aber nicht mehr definiert. Ich bin so viel mehr als er. Aber ich freue mich sehr darüber, dass man mir und meinem Körper anscheinend inzwischen ansieht, dass wir gut miteinander klarkommen.

Was schön war, Sonntag, 10. Juli 2016 – Werkzeug

Ich besitze seit ein paar Tagen einen Gemüsehobel, den ich gestern mit einem Kartoffelcarpaccio einweihte. Dazu schnitt ich völlig fasziniert von der Geschwindigkeit, mit der das auf einmal geht, drei Kartoffeln in ein Millimeter dünne Scheibchen (OMG 1 MM!), legte sie ziegelförmig auf ein Blech mit Backpapier, bestrich alles mit flüssiger Butter, salzte, pfefferte und schob es unter den Grill.

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Zwei Minuten zu lange, wie unschwer zu erkennen ist. Außerdem ist der Fotoausschnitt so gewählt, dass man nicht sieht, dass ich das fast kreisrunde Zauberwerk nicht ganz heile vom Blech auf den Teller gekriegt habe. Ebenfalls nicht im Bild: ein Millimeter dünne Gurkenscheibchen, die ich einfach so gegessen habe, weil Gurke für mich nichts braucht an Gewürzen, die ist perfekt so, wie sie ist. Ein Tomätchen war schon zu weich für den Hobel bzw. da war ein Millimeter etwas zu optimistisch; auf dem Teller liegt also noch ein Häufchen Tomatenmatsch – mit Pfeffer sehr schmackhaft, trotz komplett unfotogenem Aussehen. Dafür im Bild: ein schnell zusammengerührtes Walnuss-Petersilienpesto mit Knoblauch und Sonnenblumenöl, dessen Reste ich heute über Nudeln werfen werfe. Oder nochmal über Kartoffeln.

Außerdem muss ich nun schnellstmöglich in den nächsten Supermarkt eilen, um Kohlrabi und Blumenkohl nachzukaufen und zu verhobeln. Und Möhren. Zucchini! Auberginen!

Was schön war, Samstag, 9. Juli 2016 – Allein sein, zu zweit sein

Ausgeschlafen. Im Getränkemarkt nebenan zwar nicht meinen neuen Liebling Tanqueray Rangpur bekommen, aber dafür war der gute Duke wieder da. Schöne Erdbeeren im Supermarkt gefunden, wo in den letzten Tagen immer nur Matsch rumlag.

Gelesen, bibliografiert, keine Lust auf die Bibliothek gehabt, ein paar Folgen Gilmore Girls geguckt, gebacken.

Freitag buk ich bereits diesen veganen Zitronenkuchen, fand ihn aber sehr unspektakulär und vor allem zu backpulverig. Mein Problem mit veganem Backwerk ist meistens, dass ihm diese schöne Geschmeidigkeit von Buttern und Eiern fehlt, aber, wie ich bereits bloggte, möchte ich im Esskulturenseminar, in dem halt auch eine Veganerin sitzt, einen Kuchen backen, den alle mitessen können. Auch einen Tag später schmeckte mir der Kuchen nicht so recht, und daher probierte ich noch ein zweites Rezept aus. Das klang von den Zutaten her auch schon etwas schmackiger, und was soll ich sagen – das wurde er dann auch. Ich mag Kuchen gerne klietschig, deswegen backe ich sie so kurz wie irgend möglich. Der hier konnte auch schon nach knapp 60 Minuten raus; die Stäbchenprobe zeigte mir an, der Kuchen sei durch, innen war er aber noch schön saftig. Auch hier kommt leider das Backpulver ein winziges bisschen durch, wird aber von der Zitrone schön in Schach gehalten. Ich habe den Kuchen gestern nicht glasiert, das werde ich aber für den Dienstagskuchen machen, und dann sollte wirklich genug Zucker und Zitrone am Kuchen sein, so dass man das blöde Backpulver nicht mehr so rausschmeckt. Dieses Mal lasse ich auch das Natron weg, das laut Rezept eh dafür sorgen soll, dass der Kuchen nicht so sauer wird. Ich hab nix gegen saure Kuchen, und da muss das Seminar jetzt durch. Wir sprechen in der Sitzung über Zucker, das passt dann auch ganz gut.

Abends bei F. auf dem Balkon gesessen, erst Käse und Rosé-Champagner, dann Gin & Tonic genossen und der Sonne beim Untergehen zugeguckt.

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Sehr gut geschlafen, aber viel wirres Zeug geträumt von modernen Sammlungen, durch die ich die Besucher*innen nicht führen wollte, weil ich die Moderne doof fand, und Wohnungen, bei denen die Farbe von den Wänden bröselte und es keine Tapete mehr gab, die Küche wurde auch irgendwie entfernt und ich hatte nur noch einen wackeligen Schrank und machte mir Sorgen darüber, wo mein schönes Geschirr war. Zum Schluss kam eine Putzfrau vorbei und fegte die Farbbröckchen von einer Zimmerecke in die andere, und ich sagte ihr, dass ich sie nicht mehr bezahlen kann, weil ich nicht mehr in der Werbeagentur arbeite.

Vielleicht sollte ich doch weniger Gin trinken.

Was schön war, Freitag, 8. Juli 2016 – Spontanurlaub zuhause

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München, Biergarten, große Gläser, gute Gesellschaft.

Was schön war, Donnerstag, 7. Juli 2016 – Klausurenschreiben

Mies geschlafen, trotzdem brav um kurz nach 6 aus dem Bettchen geschält, weil ich wusste, wie spannend das Rosenheim-Seminar werden würde, weil es immer spannend ist. Wurde es natürlich auch.

Danach hatte ich eine Stunde Pause, in der ich nochmal im Zeitraffer alle Texte des Kindheitsseminars überflog … also nicht wirklich, eigentlich blätterte ich nur noch mal sinnlos den kompletten schmalen Leitzordner durch, denn um 11 wartete meine einzige Klausur in diesem Semester. Ich schrieb bereits letzte Woche, dass ich nicht so recht wusste, was ich lernen sollte, weil ich das irritierende Gefühl hatte, alles zu wissen, was ich wissen müsste. Ich musste nicht wie in den Kunstgeschichtsvorlesungen dutzende von Bauwerken mit ihren Architekt*innen oder Kunstwerke mit den dazugehörigen Künstler*innen sowie Entstehungsdaten auswendig lernen, ich musste nicht wie in den Basiskursen nochmal die wichtigsten Journale und Datenbanken pauken, die man als Geschichtsstudi so kennen sollte, ich las einfach alle Texte nochmal, schrieb mir die Fakten, die ich dann doch vergessen hatte, auf Lernkärtchen, blätterte die mehrfach durch und sagte mir gestern, so, reicht.

Gestern war mir dann aber doch erstmals vor einer Klausur flau im Magen, weil ich schlicht nicht wusste, was der Dozent fragen würde. Er hatte angedeutet, dass er sehen möchte, dass wir Zusammenhänge erkennen, nicht, dass wir toll Zahlen und Daten auswendig lernen könnten (sehr sympathisch). Das brachte mich aber auch nicht weiter in meiner Vorbereitung. Ich versuchte mir selber Fragen zu stellen wie „Wie sieht ein typischer Tag eines großbürgerlichen Kindes im 19. Jahrhundert wohl aus im Gegensatz zu einem Kind aus der Arbeiterklasse?“, so dass ich mir selber was von Bildungschancen, Kinderarbeit, Spielzeug, Literatur, Beziehung zu den Eltern und Räumlichkeiten wie dem Kinderzimmer erzählen konnte. Aber mehr fiel mir nicht ein.

Das erste, was meine Nachbarin mir im Seminarraum sagte, als ich mich um kurz nach 11 setzte, war dann „Wie hast du gelernt? Ich wusste gar nicht genau, was ich lernen sollte“, was mich ziemlich erleichterte. Ich hörte den anderen Kursteilnehmer*innen kurz bei ihren Gesprächen zu – sie hatten sich bereits um 10 getroffen, um gemeinsam noch mal über ein paar Themen zu gehen, aber sowas macht mich bloß nervös –, legte meine Stifte bereit und wartete.

Ich mach’s mal kurz: Das war okay. Alles besser als 2,3 würde mich sehr freuen, weil ich inzwischen weiß, dass der Herr die Einser nicht so raushaut und ich mich seelisch mit der ersten 2 Komma irgendwas bei der Kursendnote in meinem Transcript of Records angefreundet habe (außer die Hausarbeit wird jetzt eine 1,0, wovon ich auch nicht so recht ausgehe). Ich werde hier keine Fragen ausplaudern, aber ich fand sie schön gestellt und man konnte sie gut beantworten. Ich habe allerdings auch bis eine Minute vor Abgabezeitpunkt geschrieben; ein so flüchtig korrigiertes Dokument habe ich noch nie abgegeben. Außerdem bin ich es schlicht nicht mehr gewohnt, so lange und vor allem für andere lesbar mit der Hand zu schreiben. Ich ahne, dass die letzte Seite eher nach Hieroglyphen aussieht. Sorry, Dozent!

Der Klassiker ist mir natürlich auch passiert: Es wurde auch nach Forschungspositionen gefragt, ich setzte schwungvoll den Stift an, denn das Buch, was ich nennen wollte, hatte ich nicht nur, wie üblich, quergelesen, sondern von vorne bis hinten und quasi jeden zweiten Satz im Referat zitiert … ich setzte also den Stift an … und setzte noch mal an … und stellte fassungslos fest, dass mir mein am häufigsten benutztes Buch partout nicht einfallen wollte. Die ganze verdammte Stunde lang brummelte es im Hinterkopf rum, ich hoffte auf eine Eingebung in letzter Minute, aber sie kam nicht. Normalerweise fallen mir Dinge, nach denen ich in Klausuren mein Hirn vergeblich durchwühle, in dem Moment ein, in dem ich die Hörsaaltür schließe, aber dieses Mal war das nicht so.

Eigentlich wollte ich nach der Klausur noch brav ins ZI fahren und weiter für Geld schreiben, aber ich war auf einmal so fürchterlich müde, dass ich nach Hause radelte. Ich brachte mein Fahrrad in den Keller, drückte auf den Fahrstuhlknopf, betrat den Fahrstuhl, die Tür schloss sich – und ich sagte laut zu mir: „Susan Baumert.“

Verdammte Axt.