Was schön war, Montag, 2. Mai 2016 – Koala Cake

Ich habe erstmals mit Fondant rumgespielt und bin für einen ersten Versuch recht zufrieden gewesen. Jetzt muss ich nur noch rausfinden, wie man Fondant ausspricht. Französisch „Fon-doo“, betont auf der letzten Silbe? Englisch „Fondäntt“, betont auf der ersten? Oder so, wie’s da steht: Fonndánnt?

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Das Geburtstagskind mag Koalas, also suchte ich bei Pinterest nach „koala cake“. Solltet ihr auch mal ausprobieren, da tun sich Abgründe auf zwischen Kunstwerken und Dinge der Kategorie „Nailed it!“ (Der letzte Link sorgt bei mir übrigens verlässlich für gute Laune.)

Auf irgendwelchen Wegen landete ich dann bei diesem YouTube-Video, wo mir eine freundliche Australierin bei nerviger Hintergrundmusik Koala Cupcakes vorführte. Die wollte ich zwar nicht, aber der Koala gefiel mir, er kam mir anfängerinnenkompatibel vor, und so bestellte ich freudig Fondoo.

Vorgestern buk ich einen Carrot Cake in einer 18-cm-Springform, nutzte allerdings mein übliches Rezept für eine größere Form, weswegen ich zwei Kuchen hatte. Das war am Sonntag toll, denn so hatte ich leckeren Carrot Cake für mich alleine, aber gestern beim Kuchenanschneiden nicht so toll, weil ich überhaupt keinen Hunger mehr auf Carrot Cake hatte. Ich erspare euch übrigens ein Bild des gemetzelten Koalas. TIL: Ich werde nie wieder was mit Gesicht auf eine Torte basteln.

Das Weichkneten des Fondoo ging gut, das Ausrollen dank des gegoogelten Tipps „Arbeitsfläche mit Puderzucker oder Stärke bestäuben“ auch – die erste Schwierigkeit war, die Kreise auszustechen, die ich für das Gesicht, die Ohren und die Augen des Koalas brauchte. Natürlich habe ich mir mit der Essknete kein Profiwerkzeug wie im Video dazubestellt, mein einziger kreisrunder Ausstecher ist in Keksgröße und meine Servierringe waren genau in der Mitte zwischen zu klein (fürs Gesicht) und zu groß (für die Ohren). Also wurde ein kleiner Henkeltopf das Gesicht, um den ich mit einem Küchenmesser rumschnitt; die Ohren sind der Deckel meines Cocktailshakers, die Augen fertigte ich, indem ich mit einem dicken Strohhalm eine Form im Fondoo andeutete und dann mit dem Messer freihändig weiter außen um diese Form rumsäbelte. Deswegen sieht der Koala auch irgendwie unsymmetrisch aus, aber wir wissen ja: Symmetrie ist die Ästhetik der Dummen. (Hat angeblich Picasso gesagt, und ich will ihm da nicht immer zustimmen.)

Die grüne Oberfläche ist mir etwas zu pickelig geraten. Ich habe es dank meiner tollen Palette geschafft, das Frosting halbwegs glatt aufzutragen, las dann aber, dass man Fondoo nicht direkt auf Sahnecreme oder so auflegen soll. Gut, im Frosting ist keine Sahne, aber Frischkäse. Also schmolz ich noch eine Runde weiße Kuvertüre und bestrich den Kuchen damit; allerdings wurde daraus eher die Abbildung schwerer See als eine glatte Fläche, warum auch immer.

Ich hatte beim Basteln gestern eine Stunde lang Spaß, werde das aber vermutlich nicht wiederholen. Auch weil ich Fondoo geschmacklich nicht so irre lecker finde, und ich finde es blöd, Lebensmittel mit irgendwas zuzukleistern, was dann als unattraktiver Abfall auf dem Teller bleibt. Aber das Geburtstagskind hat sich sehr gefreut, und das hat mich sehr gefreut.

Tagebuch, Samstag/Sonntag, 30. April/1. Mai – Wellental

Hochmotiviert vom Freitag ins Bett gegangen, den Schwung noch zum samstäglichen Einkauf genutzt – und dann versackt.

Wochenende ist manchmal noch anstrengend, weil ich jahrelang den Rhythmus verinnerlicht hatte „Montag bis Freitag sehe ich Kai morgens und abends, aber am Wochenende sehe ich ihn den ganzen Tag, yay!“ Dann wurde Wochenende zum Zwei-Tage-Urlaub in Hamburg, was sich nach zwei Jahren nicht mehr so entspannt anfühlte wie am Anfang, weil ich immer öfter das Gefühl hatte, aus meinem Hauptleben rausgerissen zu werden, von meinem Schreibtisch weg, aus meiner Stadt, um in eine andere Stadt zu fliegen, die mir nicht mehr am Herzen lag und um eine Beziehung zu retten, von der wir beide ahnten, dass sie nicht mehr zu retten war.

Mit ein bisschen Abstand weiß ich, dass das Ende der Beziehung nicht dadurch kam, weil wir uns plötzlich doof fanden (das ist auch immer noch nicht so), sondern weil wir beide sehr unterschiedliche Vorstellungen von unseren nächsten fünf oder zehn Lebensjahren hatten. Diese beiden Vorstellungen passten schlicht nicht zusammen, und deswegen passten wir schlicht nicht mehr zusammen.

Das ist meinem Kopf auch alles klar, aber manchmal vermisst der Bauch noch dieses wohlig-heimelige Gefühl der Gewohnheit, weil die Wochenenden bei uns meist recht gleich aussahen, was ich immer sehr mochte. Ich musste nicht über meinen Tag nachdenken, weil jeder Tag gleich war; Montags bis Freitags Agentur, Wochenende mit Kai, fertig.

Inzwischen ist jeder Tag bei mir anders und er ändert sich alle sechs Monate wieder. Gerade wenn ich einen festen Ablauf verinnerlicht habe – und ich muss zugeben, ich mag feste Tagesabläufe –, bastele ich mir einen neuen Stundenplan, und alles ist anders. Die Referate liegen in jedem Semester anders, so dass sich auch die Arbeitsbelastung immer anders verteilt. Ich kann keine Routine entwickeln, weil das schlicht nicht vorgesehen ist.

Manchmal erwischt mich die Sehnsucht nach der Routine noch. Manchmal denkt mein Bauch, er ist in Hamburg, wir gucken gleich gemeinsam Fußball und du verdienst einen Arschvoll Geld, bis ihm auffällt, nein, du bist in München, lebst größtenteils von deinen Ersparnissen und müsstest echt mal diese 15 Bücher auf deinem Schreibtisch durcharbeiten. Eigentlich macht er das ja gerne, aber gestern und vorgestern wollte er nicht. Ich habe gerade drei Aufsätze geschafft, und ansonsten habe ich meinen Kopf damit beruhigt, dass mein Unterbewusstsein weiterarbeitet, während der Rest von uns auf dem Sofa liegt und alte West-Wing-Folgen guckt.

Die Grundtraurigkeit konnte das aber auch nicht vertreiben. Gut, dass heute Montag ist. Montags habe ich keine Zeit mehr für Wochenendgefühle.

Was schön war, Freitag, 29. April 2016

Altes Buch auslesen.

Okay, schön war das nicht, endlich mit Franzens Purity abzuschließen, und die letzten 100 Seiten habe ich nur noch durchgeblättert, weil ich weder die Figuren noch die Handlung länger ertragen habe. Aber es war schön, das Ding endlich hinter sich lassen zu können. Ich stimme der Rezension von Katharina Granzin in der taz weitgehend zu, hätte den Schinken aber noch mehr verrissen.

In den Bestandskarteikarten des Lenbachhauses rumwühlen.

Das war ein äußerst ergiebiges Rumwühlen, weil sich das Bild von Leo von Welden langsam verfestigt. Festzustellen, dass der Mann zur NS-Zeit durchaus gearbeitet und ausgestellt sowie von Museen angekauft wurde, ruiniert die These, dass er als sogenannter „entarteter“ Künstler verfemt und verboten war, die in den wenigen Katalogen von ihm kolportiert wird. Ich habe Ankaufsdaten des Lenbachhauses von 1935 bis 1944, und dank eines Tipps der Kuratorin, mal in den Pinakotheken anzufragen – die hätten auch von Weldens im Bestand –, vermutlich demnächst noch mehr.

Wobei die Klassifizierung als „entartet“ des Öfteren nicht konsequent durchgesetzt wurde. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich Rudolf Belling, der 1937 sowohl in der ersten Großen Deutschen Kunstausstellung als auch in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen war, circa 500 Meter Luftlinie voneinander entfernt. Es gab (soweit ich weiß) keine offizielle Linie, keine Liste zum Abhaken, was ein Bild zu einem „entarteten“ machte. Im Lenbachhaus gibt es den Fall Julius Hüther, dessen Knabenbildnis von 1929 als „entartet“ aus der Sammlung entfernt und laut Karteikarte in den 1950er Jahren wieder eingegliedert wurde. Gleichzeitig kaufte das Haus aber die ganze NS-Zeit über weiterhin Werke von ihm an.

Ich werde mich also mal mit der Einkaufspolitik deutscher Museen zur NS-Zeit beschäftigen – ich hoffe, ich kann mich da auf München beschränken –, und gleichzeitig werde ich versuchen, noch weitere Maler*innen zu finden, die die gleichen religiösen Themen bearbeitet haben wie von Welden. Einfach um da einen besseren Überblick zu haben, ob von Welden vielleicht doch innerhalb dieser Gruppe etwas Besonderes hatte. Bis jetzt kommt mir seine künstlerische Karriere wie eine ganz normale vor – er malte das, was er verkaufen konnte, und einige Themen gingen eben sowohl zur als auch vor und nach der NS-Zeit. Spannend sind jetzt die Bilder, die es die Große Deutsche Kunstausstellung geschafft habe, denn die waren eben nicht religiös, sondern schön auf Parteilinie getrimmt.

Neues Buch anfangen.

Meine Nase steckt seit gestern abend in Annette Pehnts Chronik der Nähe, nachdem ich von ihr bereits Insel 34 und Mobbing mit großem Genuss gelesen habe. Ich glaube, ich kaufe von der Dame einfach mal alles.

Was schön war, Donnerstag, 28. April 2016

Uni. (Ach was.)

Im Seminar zur Kindheit und Jugend im 19. Jahrhundert besprachen wir zwei Texte, die wir zur Sitzung gelesen hatten und ergänzten sie in Gruppen um zwei weitere; einer war von einer Frau, einer von einem Mann geschrieben und wir konzentrierten uns in der jeweiligen Gruppe auf die geschlechtsspezifische Perspektive. Dann legten wir generelle Themen fest, unter denen man unser Seminarthema abhandeln könnte – Bildung der Kinder/Jugendlichen, Sozialisation, Sexualität, Religion etc. –, dann dachten wir über Quellen nach, die uns darüber Aufschluss geben könnten, und schließlich sprachen wir über Forschungsperspektiven, aus denen wir einen Blick aufs 19. Jahrhundert werfen könnten. Also neben dem üblichen Politik und Wirtschaft die Geschlechtergeschichte, die Sozialgeschichte, die Bildungsgeschichte oder, was mir neu war, was daran liegen könnte, dass es ein recht neues Fach ist: die Emotionsgeschichte. Die wäre für mich im Hinblick auf die private Festkultur vielleicht interessant, indem ich mich um gezeigte Zuneigung kümmere.

Apropos Gruppenarbeit: die scheint sich didaktisch völlig durchgesetzt zu haben. In allen Geschichtskursen in diesem Semester werden wir ständig zu Gruppen zusammengeworfen, um Texte für die gemeinsame Diskussion vorzubereiten. Das klappt ganz gut, auch weil die Dozierenden darauf achten, uns nicht 30 Minuten miteinder rummeinen zu lassen, sondern ein Auge auf die Uhr haben. Die anschließende Textarbeit kommt mir auch strukturierter vor, weil vieles eben schon intern, in der Gruppe, diskutiert und eventuell verworfen wurde. Aber vielleicht liegt das an der Kursgröße – je weniger wir sind, desto öfter stecken wir in Gruppen, vielleicht damit jede/r zu Wort kommt. In großen Kursen – ich erinnere mich an das Heimat-Seminar aus dem fünften Semester – haben wir höchstens einmal Gruppenarbeit gemacht, ansonsten wurde in großer Runde diskutiert, was aber nur ging, weil wir eine große Runde waren; da waren viele Stimmen zu hören, während im kleinen Kreis meist die gleichen zwei, drei Leute ständig sprechen. (Ich nehme mich da nicht aus.)

Generell hat mir die gestrige Sitzung gefallen, weil sie textliche Erkenntnisse auf einer höhere Ebene einordnen konnte und mir verschiedene Zugangsweisen zu Texten gezeigt hat. Das ist eh so ein Ding, was mich seit Jahren anfrisst: dass wir in Geschichte gefühlt deutlich strukturierter und forschungsorientierter arbeiten, während wir in Kunstgeschichte manchmal luftig in der Gegend rumplaudern. Eine hier nicht näher zu nennende Historikerin, die ich von Twitter kenne und neulich endlich mal persönlich kennenlernen durfte, erzählte von einem Kommilitonen, über dessen Auftauchen in den Kunstgeschichts-Nebenfachkursen sich die KuGis immer gefreut hätten, weil dann, halbwegs O-Ton, endlich mal wissenschaftlich gearbeitet würde. So geht mir das auch: So ziemlich alle wissenschaftlichen Grundlagen, mit denen ich arbeite, habe ich in Geschichte beigebracht bekommen und nicht in meinem Hauptfach. Wenn ich der LMU mal einen Wunschzettel für die Ersti-Propädeutika schreiben dürfte? (Wobei meine Propädeutika sehr gut waren – dass was fehlte, habe ich erst gemerkt, als ich anfing, Geschichte zu studieren.)

E-Mail.

Nach der Uni radelte ich nach Hause und setzte mich vor die Bücher, als mein Mailprogramm mir Post einer Kuratorin des Lenbachhauses anzeigte. Die Dame kenne ich schon; sie spendierte mir vor Jahren mal eine exklusive Führung durchs Haus, die ich sehr genossen habe. Dieses Mal hatte sie was zu Leo von Welden zu sagen, über den sie in meinem Blog gelesen hatte, und der anscheinend, ich zitiere die Mail, „nicht so richtig in [die] offizielle Erfolgsgeschichte der Moderne oder ihr Gegenteil reinpass[t], und gerade Maler mit religiösen Themen stellen da besondere Herausforderungen dar.“ Sie lud mich ein, bei ihr rumzukommen, um mir die Bilder in der Sammlung des Hauses anzugucken (nur auf Karteikarte, nicht im Depot, das ist zeitlich nicht möglich, aber wurst), und ich darf ihr danach beim Kaffee ein Loch in den Bauch fragen. Da radele ich dann heute hin und freue mich schon sehr.

Donnerstag scheint der Tag für gute Mails zu sein: Letzte Woche kam auch so ein Kracher, aber über den darf ich noch nicht bloggen. Hat auch was mit Kunst zu tun, und auch über den freue ich mich wie doof.

Gerade mal nachgeguckt: Die Einladung zur Kiefer-Ausstellung in der Albertina kam an einem Mittwoch. Das ist fast Donnerstag! Keep it coming, Museumpeople! Make Thursday Great Again!

Zuhause.

Nach Uni und Schreibtisch gönnte ich mir abends ein bisschen Lesezeit mit Franzens Purity, den ich eigentlich nur noch hasslese, aber ich bin fast durch, und jetzt will ich wissen, wie der Scheiß ausgeht. Ich saß also so in meiner Sofaecke, nachdem ich von meinen drei Stehlampen zwei ausgeschaltet hatte, um mein Hirn auf baldige Schlafenszeit einzustimmen; eine kleine Lampe leuchtete aus noch ihrer Ecke, die Sofalampe beschien mein Buch, ich blickte auf und sah: den heimeligen Lichtschein, der mein Bücherregal beschien. Ich sah die Papierlampe, die ich so mag, die Bücher, die ich so mag, Erinnerungen an Menschen, die ich mag, meine Lieblingsvasen auf dem Couchtisch, ich guckte weiter um mich rum und sah Luise in ihrem Goldrahmen, das Geschirr meiner Großeltern im Regal, und alles war ruhig und stimmig, und ganz unwillkürlich musste ich lächeln und tief und zufrieden aufseufzen. Die übliche Semesteranfangshysterie hat sich gelegt, bei der ich immer denke, ich weiß nix, sie ist in die übliche neugierige Phase gewechselt, bei der ich denke, ich weiß jetzt schon ein bisschen und wenn ich hier und da noch rumbohre, weil ich ganz viel. Ich hatte in den letzten Tagen wieder gute Kurse, ich habe gute Texte gefunden und gelesen, ich habe die Zeit dafür, zu lernen und zu lernen und zu lernen, und abends habe ich Zeit, mit einem Buch auf dem Sofa zu sitzen und um mich rumzugucken.

Mir geht es gut. Und ich habe gute Menschen um mich herum und wohne in einer guten Stadt. Das war schön, das mal wieder zu merken.

Tagebuch, Mittwoch, 27. April 2016 – Leo von Welden (erster Eindruck)

Gestern begann ich mit dem zweiten großen Referat, das nach dem zu Festen im 19. Jahrhundert ansteht: das über Leo von Welden. Ich muss gestehen, ich hatte noch nie von dem Mann gehört, als sein Name in der Referatsthemenliste auftauchte, aber da ich mit Alexander Archipenko ganz gut gefahren bin, den ich auch unbekannterweise bearbeitete, meldete ich mich zu dem Thema und bekam es.

Zuhause nach der Sitzung googelte ich nach dem Mann – was ich halt so mache, um einen ersten Eindruck zu erhalten, bevor ich mich in die Bibliothekskataloge stürze – und bekam vermittelt, dass er zu den sogenannten „entarteten“ Künstlern gehört hatte. Darüber wollte ich aber gar nicht referieren; ich wollte mich bewusst einem NS-Künstler nähern und mailte daher blauäugig dem Dozenten meinen Irrtum. Seine Antwort, die ich peinlich berührt las, begann so: „Liebe Frau Gröner, hier irren Sie: Leo von Welden war kein Entarteter Künstler, auch wenn das im Netz so stehen mag.“ Ähem. Dann folgten noch ein Aufsatz und ein paar Literaturhinweise und die Bitte, mich doch um den Mann zu kümmern. Okay then. (Meine Antwortmail begann mit „Lieber Herr X, erwischt, mehr als gegoogelt hatte ich natürlich noch nicht.“ Rettet mich natürlich auch nicht mehr. Ganz hervorragender erster Eindruck. Meh.)

Gestern trug ich dann die wenigen (vier sehr schmale) Kataloge aus den Kellern der Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in den Lesesaal und blätterte und las – und war am Ende der dreistündigen Sitzung sehr zwiegespalten. So richtig kann ich nichts mit den Werken des Mannes anfangen. Sie scheinen völlig aus der Zeit gefallen zu sein (ich spreche jetzt von vor 1933 und nach 1945), konzentrieren sich stark auf christliche Motive und da gerne immer auf die gleichen, oder auf Motive, die nach längst vergangenen Zeiten klingen (Infanten, Kokotten, Rokoko-Paar, Hoffräulein). Auch stilistisch ist der Mann nicht so ganz meiner; das sieht alles technisch ordentlich aus, natürlich konnte von Welden was, aber ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass er seine Fähigkeiten an Motive verschwendet, die niemand braucht. Ich sah in den Bildern keine Auseinandersetzung mit der Weimarer Republik oder der jungen Bundesrepublik und ich sah keinen der Stile, die in dieser Zeit vorherrschten. Die Bilder kommen mir alle wie eine kleine Flucht aus der Realität vor – wogegen ja nichts einzuwenden ist, aber das erklärt vielleicht, wieso von Welden nie so eine riesige Nummer war; er scheint mir schlicht nicht relevant gewesen zu sein. Das ist alles hübsch und nett, was er machte, aber das war’s dann auch.

Was allerdings spannend ist: Der neueste Katalog ist von 2008, also in einer Zeit entstanden, der man nicht mehr vorwerfen kann, in der Mentalität der 1960er Jahre („wir wussten von nix zwischen 33 und 45, und wir waren alle im Widerstand“) geschrieben worden zu sein – und selbst in ihm wird von Weldens Mitwirken in der Großen Deutschen Kunstausstellung nicht erwähnt. Zwischen 1938 und 1943 hingen fünf Bilder von ihm im Haus der (Deutschen) Kunst, und sie fallen stilistisch etwas aus dem Rahmen. Soweit ich das beurteilen kann, ich habe noch keine weiteren Abbildungen gefunden außer den hier verlinkten. Immerhin wird im Katalog erwähnt, dass er zweimal seine grafischen Arbeiten während der NS-Zeit ausstellte, 1943 in Berlin und 1944 in Stuttgart. Davon weiß ich auch noch nicht mehr – was genau hing da, wie sah es aus? Eine Zeitungskritik vom Oktober 1944 (eventuell aus Stuttgarter Neues Tagblatt, 1, 2, Fehler im Tweet: Es geht um 1944, nicht 43), die ich auch noch nicht im Original lesen konnte, lautete: „Der Münchner Graphiker Leo von Welden [...] ist eine jener ursprünglichen Kraftnaturen [...] Aus jeder Gestalt spricht eine gedankliche, mehr noch eine philosophische Hintersinnigkeit, an der wir den unverfälschten deutschen Kern erkennen.“

Der einzige Hinweis, das von Welden angeblich „entartet“ war, kommt von einer Aussage eines Freundes, der erzählte, dass man von Welden die Aufnahme in die Reichskulturkammer verwehrt habe, was einem Berufsverbot gleichkam. (Ich nehme an, es ist die Reichskammer der bildenden Künste gemeint.) Das ist mir ein bisschen zu wenig, wenn ich ehrlich sein darf. Ich frage mich gerade, ob es ein Archiv gibt, in dem ich nachschauen könnte, ob der Mann wirklich einen Antrag gestellt hat oder ob die Ablehnung irgendwo verschriftlicht vorliegt. Weitersuchen.

Im Katalog wird auch erwähnt, dass sich in von Weldens ungeordnetem Nachlass (meine Finger jucken!) ein großer Stapel ungegenständlicher Experimente befindet. Warum sind die nicht abgebildet? Wieso setzen wirklich alle Kataloge auf das naturalistische Werk von Weldens, wenn doch gerade die Experimente die Breite seiner Schaffenskraft zeigen könnten?

Ich ahne, dass dieser Blogeintrag total quengelig klingt und so, als ob ich von Welden nachweisen wollen würde, dass er insgeheim ein glühender Parteigenosse gewesen war. So ist es nicht. Ganz im Gegenteil: So zwiespältig ich den Werken – also denen, die ich kenne – gegenüberstehe, desto spannender finde ich es, in den Dingen rumzuwühlen, die da noch rumliegen bzw. mehr über den Künstler zu lernen, was vielleicht meinen ersten Eindruck völlig revidieren wird. Ich weiß, dass in der Galerie Rosenheim, zu der wir in zwei Wochen fahren, Bilder von ihm vorrätig sind, und ich freue mich sehr darauf, sie im Original sehen zu können. Vielleicht erschließt sich mir sein Werk dann etwas besser.

(wird fortgesetzt)

Tagebuch, Dienstag, 26. April 2016 – Strukturalismus, go home!

Morgens im schönen „Europäische Esskulturen nach dem Zweiten Weltkrieg“-Seminar verschiedene Theorien durchgehechelt. Unser Ausgangstext stammte von Schamma Shahadat, die Theorien von Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Norbert Elias, Georg Simmel und Mary Douglas erläuterte – unter der allen Theorien gemeinsamen Prämisse, dass sie Essen „sowohl als physiologischer Handlung als auch als scheinbar unbedeutender Materie Sinn“ verleihen. (Shahadat, Schamma: „Essen: ‚gut zu denken‘, gut zu teilen. Das Rohe, das Gekochte und die Tischsitten“, in: Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1 (2012), S. 19–29, hier S. 20.)

Mit Lévi-Strauss und seinem kulinarischen Dreieck („le triangle culinaire“), das aus dem Rohen, dem Gekochten und dem Verfaulten besteht und Nahrung in einem ständigen Transformationsprozess beschreibt, stehe ich auch nach zwei Sitzungen etwas auf Kriegsfuß. Das mag aber daran liegen, dass ich mit allem, was aus der Linguistik kommt, auf Kriegsfuß stehe, weil ich es schlicht nicht verstehe. Wobei ich die Idee schon spannend finde, auch die Einzelteile des Dreiecks noch runterzubrechen, zum Beispiel das Gekochte noch in Kochen und Braten, was Lévi-Strauss begründet mit „Kochen steht der Kultur näher, Braten eher der Natur“. Die Familie bekocht man, Gäste kriegen einen Braten vorgesetzt. Mein Lieblingssatz: „In einem nächsten Schritt gliedert Lévi-Strauss den Kannibalismus in dieses Modell ein; er unterscheidet zwischen „Endo-Kannibalismus“ und „Exo-Kannibalismus“, wobei Verwandte eher gekocht, Feinde eher gebraten werden.“ (S. 22)

Auch mit Herrn Barthes werde ich nicht warm, obwohl seine Mythen des Alltags natürlich bei mir im Regal stehen, direkt neben Die helle Kammer über Fotografie – einer dieser fiesen Grundlagentexte, die man als Kunsthistorikerin kennen sollte. Oder wenigstens mal gelesen haben sollte. Oder als Minimalanforderung im Regal stehen haben sollte. Shahadat fasst den Mythos-Begriff Barthes’ zusammen genau wie seine Semiotik – und ich habe beides wie immer nicht kapiert. Aber das ist ja das Schöne an der Uni: Ich kann mir selber zugestehen, Dinge nicht verstehen zu wollen, fertig. Für ein kunsthistorisches Referat im dritten Semester musste ich mich dem semiotischen Ansatz der Bildanalyse auseindersetzen, und ich habe nie wieder so viel Sekundärtexte gebraucht wie hier, um den Ursprungstext von Felix Thürlemann zu verstehen. Seitdem weiß ich, dass ich persönlich mich Bildwerken nie wieder auf diese Art nähern möchte. (Unsere Lektürekurstexte stehen übrigens in diesem Buch, das ich sehr empfehlen kann. Bis auf den Thürlemann-Text. Knurr.)

Zurück zum Futter: So halbwegs nachvollziehen konnte ich die Ansage, dass Nahrung ihren Esser gegenüber einem Milieu situiert. Sowohl Lévi-Strauss als auch Barthes weisen der Nahrung eine Aufgabe zu, die über die Funktion des Treibstoffs für uns hinausgeht. „Ist Essen für Lévi-Strauss eine Möglichkeit, die Welt und das Dasein zu denken (den Menschen gegen das Tier abzusetzen, die Kultur gegen die Natur), so ist Barthes’ Semiologie dieser metaphysische Anspruch fern, sie ist stärker im Alltag verankert. Ihm geht es um kollektive Phantasien, die eine Kultur mithilfe bestimmter Nahrungsmittel – sei es Zucker, wie in den USA, oder Wein, wie in Frankreich – ausagiert.“ (S. 25) Der Text erklärt mir leider nicht, was genau die USA mit Zucker ausagiert – ich habe es mal als Belohnung, als schlicht angenehm und sinnlich angesehen, weil ich dem Amerikaner an sich unterstelle, dass er sich sein Leben so angenehm machen will wie möglich. (Soziologie ist echt nicht meins.)

Dafür konnte ich mit Norbert Elias und Georg Simmel mehr anfangen. Elias beschreibt, dass Tischsitten Teil des Zivilisationsprozesses sind und sie seit der Renaissance als gemeinschaftsstiftend angesehen werden. Simmel geht hingegen auf die sozialisierende Wirkung des Essens sein: „In der gemeinsamen Mahlzeit wird der Feind zum Freund“ (S. 25), und er beschreibt mit Anweisungen für Farbgestaltung des Esszimmers sowie seiner Möbel die Ästhetisierung des Essens, „die den Menschen über die ‚Hässlichkeit des physischen Essvorgangs‘ erhebt“ (S. 26). Über diese Hässlichkeit hätte ich zwar gerne mit Herrn Simmel kurz diskutiert und ihm meinen Instagram-Stream gezeigt, aber gut, wenn ich an die ganzen doofen Women-laughing-alone-with-salad-Bilder denke, hat er vielleicht doch recht gehabt, wenn auch anders als gedacht.

Mein Liebling im Text war Mary Douglas, für die „jede Mahlzeit ein durchstrukturiertes soziales Ereignis [ist], das andere soziale Ereignisse spiegelt“ (S. 28). So schreibt sie, für mich total logisch, dass man mit Fremden trinken kann, aber nicht essen. Eine weitere Differenzierung ist warmes und kaltes Essen – man müsse sich schon intimer kennen, um mit jemandem eine warme Mahlzeit einzunehmen. (Ich denke gerade über die Dating-Kultur nach – da geht man auch erst was trinken, bevor man sich gemeinsam an ein längeres Mahl traut.)

Wir lasen zusätzlich noch den Ursprungstext von Simmel, den Shahadat nur anreißt, und einen Text von Ulrich Tolksdorf, der ein schönes Modell von „Mahlzeit“ aufstellte (hier auf Seite 13). Er unterteilt „Mahlzeit“ zunächst in „Speise“ und „Situation“, wonach er „Speise“ noch in „Nahrungsmittel“ und „(kulturelle) Technik (der Zubereitung)“ untergliedert. „Situation“ wird noch in „Zeit“ und „Raum“ geteilt, wonach sich bei der Beurteilung einer Mahlzeit die simple Fragefolge „Was, wie, wann, wo“ ergibt, um sie zu untersuchen.

Als Abschluss legte uns der Dozent ein paar Bilder vor, unter anderem da Vincis Abendmahl, ein Foto einer Arbeiterkantine und einen Ausschnitt aus der Brigitte von 1968 („Was tun Sie, wenn Ihr Mann nachmittags um vier anruft: ‚Zum Abendessen bringe ich fünf Gäste mit!‘“ – Das ist einfach: „Kauf auf deinem Heimweg was vom Türken, Pappkopf, ich les hier gerade ein gutes Buch“). Wir sollten zu jedem Bild eine der Theorien anwenden, die wir gerade kennengelernt hatten, was ich sehr spannend fand, weil da wenigstens ein bisschen Bildwissenschaft (aka die moderne Kunstgeschichte) mit drin ist.

Nach dem Seminar ging ich in die Historicumsbibliothek, denn in zwei Stunden folgte meine nächste Vorlesung. Und da ich inzwischen weiß, wenn ich nach dem Seminar nach Hause fahre, gucke ich eh bloß zwei Serienfolgen, blieb ich stattdessen brav in der Uni und arbeitete vor mich hin. Um kurz vor 14 Uhr schlenderte ich dann ins Hauptgebäude, kletterte in den zweiten Stock, ging zum Hörsaal – und genau in dem Moment, in dem ich ihn betreten wollte, fiel mir ein: Die Vorlesung fällt aus. Das hatte uns die Dozentin letzte Woche doch gesagt. Hmpf.

Auf einem Auge blöd stapfte ich zur Bushaltestelle und fuhr nach Hause, wo ich weiter Bücher zur Festkultur las, zwischendurch zwei Brezn mit Salat und Hummus aß, Ablage und Steuerquatsch machte und schließlich Texte für das Kindheitsseminar am Donnerstag las. Darüber vernachlässigte ich sträflich F., mit dem ich eigentlich verabredet war, aber wie wir Texterleins alle wissen: Never leave a hot keyboard. Das lief gestern so gut, und ich fand so viel gutes Zeug, dass ich schlicht nicht vom Schreibtisch weg wollte. So sorry!

Hillsborough disaster: deadly mistakes and lies that lasted decades

Kein einfacher Artikel, aber eine lange und gründliche Auseinandersetzung mit dem Hillborough Disaster, über das gestern ein neues Urteil gefällt wurde: Es war nicht die Schuld von drängelnden und betrunkenen Fußballfans, dass 96 Menschen zu Tode kamen, sondern eine äußerst unglückliche Verkettung von menschlichem Versagen und einem maroden Stadion. Die Angehörigen der 96 haben für dieses Urteil seit 27 Jahren gekämpft. Deswegen war gestern der Hashtag #JFT96 – Justice for the 96 – ziemlich oft in meiner Timeline.

„At these inquests, he admitted he had given “no thought” to where the people would go if he opened the gate. He had not considered the risk of overcrowding. He had not foreseen that people would naturally go down the tunnel to the central pens right in front of them. He had not realised he should do anything to close off that tunnel. The majority of the 2,000 people allowed in through gate C went straight down the tunnel to the central pens, and gross overcrowding there caused the terrible crush. Of the 96 people who died, 30 were still outside the turnstiles at 2.52pm. They went in through gate C when invited by police, and were crushed in the central pens barely 10 minutes later.“

Eva Hesse

Ab Donnerstag läuft eine Doku über Eva Hesse im Kino, auf die ich mich sehr freue. Hier ein Artikel aus der NY Times und hier noch mal der Link zu meinem Ausstellungsbesuch in Hamburg 2014, wo bereits ein kurzer Ausschnitt des Films lief.

Tagebuch, Sonntag/Montag, 24./25. April 2016 – Bibliografieren und biografieren

Mein erstes Referat ist am 19. Mai, das zweite am 2. Juni. Beide sind ausgerechnet die gefühlt großen, also die, über die ich auch eine Hausarbeit schreiben werde. Die letzten beiden Referate sind nur das: Referate; da kann ich also bei eventuellem Zeitmangel darauf verzichten, mir jede Quelle rauszuschreiben, sondern nur wild exzerpieren und dann vortragen. Alleine diesen Satz zu schreiben, verursacht Schweißausbrüche, weswegen ich das natürlich nicht tun werde. Aber es ist nett zu wissen, dass ich es könnte.

Der erste Thema, das ich mir seit letzter Woche erschließe, sind die Familienfeste im 19. Jahrhundert. Unser Seminar heißt „Kindheit und Jugend im 19. Jahrhundert“, mein Referatsthema laut Seminarplan „Familienfeste von der Wiege bis zur Bahre“. Erster Gedanke war: Weihnachten und Geburtstag. Wobei sofort ein Nachgedanke aufpoppte: Das eine ist ein christliches Fest, das andere nicht. Oder Moment, was ist mit der Taufe? Gehen wir doch noch andere christliche Feste durch: Ostern? Pfingsten? Allerheiligen? Was wird gefeiert und von wem? Feiern Arbeiter anders als Bürgerinnen? (Davon gehe ich mal aus.) Dann: Was ist mit jüdischen Festen? Sind das Familienfeste, so wie ich Weihnachten als ein Familienfest verstehe? Moment, ist das überhaupt eins? Ist die religiöse Botschaft im 19. Jahrhundert noch wichtiger als der heutige Geschenkeberg unterm Baum? Ab wann stellte man in Deutschland (oder dem geografischen Bereich, der 1871 das Deutsche Reich wurde) überhaupt einen Weihnachtsbaum auf? Wer schenkte wem was? Und wie passt das Seminaroberthema da rein – die Kinder? Ist Allerheiligen ein Fest, in dem Kinder eine besondere Rolle spielen wie sie es Ostern tun beim Eiersuchen? Ab wann gibt es das olle Eiersuchen? Und so weiter und so fort.

Ich wusste also nicht mal genau, wonach ich suchte, als ich begann zu suchen. Immer eine gute Idee. Nicht.

Neben der Unfassbarkeit meines Themas bzw. den vielen kleinen Unterthemen, mit denen ich anfangen könnte, war ausgerechnet die Aufsatzsuche fast ergebnislos. Normalerweise sind Aufsatzdatenbanken mein großer Liebling, denn diese Textart lässt sich weitaus schneller konsumieren als ein Buch, und in den Fußnoten verbergen sich gerne grundsätzliche Texte zum Thema. Suchanfragen wie „Christmas“ „19th century“ plus „Germany“ ergaben aber quasi nix, und auch Anfragen wie „family celebration“, „Familienfest“, „Festkultur im 19. Jahrhundert“ und ähnlich warfen mir nur Quatsch entgegen. Meist hatte ich das Problem, etwas zu einem Fest zu finden, dann fehlte grundsätzlich das 19. Jahrhundert, oder ich fand was in der richtigen Zeit, aber nur über Erwachsenenfeste (Schützenfest, politische Festivitäten – auch noch mal ein anderes Thema, Wartburgfest etc.), und so war ich Ende der Woche schon komplett genervt von meinem Thema. Ich schleppte die halbe Stabi nach Hause und musste erstmals feststellen, dass ich fast nur Quatsch ausgeliehen hatte.

Deswegen setzte ich mich am Sonntag wie ein Erstsemesterchen in die Historicumsbibliothek und zog den Klassiker aus dem Regal: Die Geschichte des privaten Lebens von Philippe Ariès. Es ist zwar sehr aus der französischen Perspektive geschrieben, aber erste Anhaltspunkte – wie feierte das Bürgertum denn so generell und was überhaupt – konnte ich hier endlich mal gebündelt finden. In einem weiteren Buch entdeckte ich autobiografische Aufzeichnungen von Menschen, deren Kindheit im 19. Jahrhundert lag, was weiteren Aufschluss gab. Generell bin ich jetzt bei der Annahme, dass familiär begangene Festlichkeiten die offiziellen politischen und kirchlichen ergänzten (nicht ablösten). Die Familie war im 19. Jahrhundert wichtig genug geworden, um sie zu feiern, zum Beispiel ihre Kontinuität zu begehen, indem man Geburtstage beging. Jahrhundertelang waren außer von adeligen Personen keine Geburtsdaten notiert worden, und man sah sich als Individuum noch nicht als wichtig genug an, um sich zu feiern. Auch der Totenkult zu Allerheiligen begann im 19. Jahrhundert wieder aufzuleben. Nachdem die Kirche im 18. Jahrhundert erklärt hatte, der leibliche Körper wäre egal und daher müsste man nicht auf Friedhöfen rumhängen (in Paris wurden sie nach der französischen Revolution sogar zeitweise geschlossen), setzte sich im 19. Jahrhundert die familiäre Bedeutung der Ahnen durch. Genau wie beim Geburtstag wurde auch hier der Kontinuität der Sippe gedacht.

Aus den biografischen Aufzeichnungen fand ich den Ansatz spannend, dass Feste nur deshalb begangen wurden, weil sie den Kindern Freude machte – siehe Weihnachten, dessen religiöse Bedeutung schon im 19. Jahrhundert nachzulassen begann, während man anfing, den Kindern Geschenke zu überreichen. (Einige Quellen sagen, Kinder schenkten den Eltern oder Geschwistern nichts, andere sprechen von aufgesagten Gedichten oder extra eingeübten Klavierstücken.)

Ich bin noch nicht viel weiter in Bezug auf eine wissenschaftliche Fragestellung und ich habe mich auch noch nicht entschieden, auf welche Feste ich mich überhaupt konzentriere, aber das war Sonntag die erste produktive Lesesitzung.

Am Montag saß ich dann im Biografieforschungsseminar, das bis jetzt die Perle meines Stundenplans ist. Okay, ich hab fast nur Perlen, aber die hier glänzte von Anfang an. (/schwülstige Metapher off.) Wir lesen (für mich) sehr aufschlussreiche Texte und haben eine diskussionsfreudige Gruppe – besser geht’s nicht. Ich frage mich in den Geschichtssitzungen immer, warum diese Diskussionfreude in Kunstgeschichte nicht so präsent ist – auch bei mir, ich bin da auch etwas stummer als im Historicum. Bei mir mag es daran liegen, dass ich mich mit Geschichte und so simplen Grundlagen wie „Wann war welches Ereignis und wer hat dabei mitgespielt“ schlicht deutlich länger beschäftigt habe und eher weiß, in welchem historischen Kontext wir uns gerade bewegen. In Kunstgeschichte fallen mir hingegen immer wieder meine Lücken auf (Stile, Künstler*innen, künstlerische Positionen und Grundlagentexte), und ich muss mir dauernd selbst sagen, dass alle anderen auch Lücken haben, nur andere als ich, weswegen wir nicht ganz so selbstsicher argumentieren wie in Geschichte.

Gestern sprachen wir über die Biografie als Gattung und lasen einen Text eines Literaturwissenschaftlers, bei dem (in Zusammenhang mit einem Text der letzten Woche) mir erstmals klar wurde, dass eine Biografie Literatur ist. Ich hatte Biografien als historische Darstellungen im Hinterkopf abgelegt und nie wieder darüber nachgedacht, aber klar: Biograf*innen nutzen literarische Mittel, um Geschichte zu erzählen.

Dazu gab es ein schönes Zitat von Robert Littell aus Truth is a Stranger (The New Republic, 16. Dezember 1925):

„Biographer: We are both in the same business.
Novelist: How do you make that out?
Biographer: We are both writing about people.
Novelist: But your people have actually existed, while mine are made up inside my head.
Biographer: That difference is not as real as it seems on the surface. The people you believe you have invented get their start from people you have known in real life, or have read about. And the statesmen or adventurers whose lives I choose to retell are in great part my own creations.“

Wir sprachen auch darüber, dass eine Biografie so gut wie nie die letzte ist, die über einen Menschen geschrieben wird – nicht nur weil sich die Quellenlage ändern kann, sondern auch, weil jede Generation oder jeder Kulturraum die gleichen Quellen anders auslegt. In diesem Zusammenhang empfahl die Dozentin Christoph Nonns Biografie über Bismarck. Ich gebe das mal weiter, ohne sie zu kennen.

Und noch ein Lesetipp: Felix schreibt über die Bruder-Klaus-Feldkapelle in Wachendorf.

Tagebuchschnelldurchlauf Montag, 18. bis Samstag, 23. April

Ich hatte Uni.

Das war’s eigentlich.

Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich bei jedem Semesteranfang (außer dem ersten) das Gefühl der latenten Überwältigung hatte; ich ahne, dass ja, aber ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls denke ich gleichzeitig, oh wow, das ist alles so spannend und ich habe so tolle Themen, aber gleichzeitig denke ich, OMG ist das viel Zeug, das schaffe ich nie. Ist natürlich Blödsinn, ich habe bis jetzt alles immer geschafft, aber in dieser Woche habe ich gefühlt sehr viel die Nase in Büchern oder ausgedruckten Texten gehabt und die Welt um mich rum versucht zu ignorieren.

Dann gab es Dienstag bei mir um die Ecke etwas, das mich sehr ablenkte, dann musste ein mir nahestehender Mensch ins Krankenhaus (er ist schon wieder zuhause), dann bekam ich am Donnerstag eine Mail, die mich seitdem sehr blöd grinsend durch die Gegend schweben lässt, auch wenn sie noch mehr Arbeit bedeutet, und irgendwie habe ich in diesem Semester noch keinen Fuß gefasst. Ich stolpere gefühlt etwas suchend durch die Gegend und vergrabe mich hinter meinen Bücherbergen auf dem Schreibtisch, die dort natürlich bereits in der ersten Woche gewachsen sind.

Und gleich fahre ich in die Historicumsbibliothek. Was man halt Sonntags so macht.

Hausarbeit „Gibt es einen Peking-Effekt?“ über das Nationalstadion in Peking

Über die Note 1,3 hatte ich zunächst gequengelt (ja, auf hohem Niveau, ja, ich weiß), aber als ich heute die gedruckte Fassung mit den Anmerkungen des Dozenten aus unserer Bibliothek holte, verstand ich die Note und kann sie jetzt beruhigt und unquengelig abnicken.

Meine Arbeit stellt die Frage, ob es einen Peking-Effekt gibt – also ob ikonische Sportbauten einen ähnlich positiven Effekt auf eine Stadt haben wie ikonische Museumsbauten à la Guggenheim Bilbao. Der Dozent merkte dazu sehr treffend an: Peking ist nicht Bilbao; es geht hier nicht darum, eine wirtschaftliche schwache Stadt wieder auf die Füße zu kriegen, sondern einer ökonomischen Boom-Stadt ein hübscheres Antlitz zu verpassen. Damit ist eigentlich meine ganze Argumentation total sinnlos, und deswegen quengele ich auch nicht mehr. Da habe ich mich von meiner eigenen Wortschöpfung des Peking-Effekts vermutlich zu sehr einlullen lassen. Manchmal vergesse ich, dass ich keine Werberin mehr bin.

Der zweite Kritikpunkt war die Baubeschreibung, die dem Dozenten etwas zu kurz geraten war; er hätte sich unter anderem eine längere Auseinandersetzung mit dem Kontrast der runden Außenhülle zum eher kantigen Inneren gewünscht. Das war mir fast klar, dass die Baubeschreibung eventuell als zu kurz empfunden wird; ich musste mir während des Schreibens öfter selber sagen, dass ich hier was Kunsthistorisches abgebe und keine Arbeit in Stadtsoziologie. Hätte ich mir vielleicht noch öfter sagen müssen.

Das hat aber anscheinend alles nicht so irrsinnig geschadet, denn das Fazit, das ich mir einrahmen werde, lautete: „[...] ist der Rest der Arbeit von vorbildlicher Professionalität im Hinblick auf folgerichtig-sinnvolle Konzeption, intensive Recherche, klare Entwicklung der Gedanken und eine präzise und dabei flüssige, auch fehlerlose Sprache.“ BÄM! Ich mag das, wenn meine Sprache gewürdigt wird. An der bastele ich schließlich genauso lange rum wie an den Thesen, die ich mit ihr formuliere.

Das hier verlinkte pdf der Arbeit ist nicht die kurze Fassung mit 50.000 Zeichen, die ich abgegeben habe (warum ich sie dusseligerweise gekürzt habe, steht hier), sondern die lange mit knapp 65.000. Die kriegt ihr, damit ich die ganzen schönen Zeilen nicht umsonst geschrieben habe. Dass aber auch in der kurzen Fassung meine Gedankengänge anscheinend ausreichend klar ersichtlich waren, belegt mal wieder die gute alte Texterinnenregel, die jede Juniorette hoffentlich von ihrer CDeuse beigebracht bekommt: Schreib den Text so wie du ihn haben willst, schreib, bis alles drin ist, was du sagen willst, schreib, bis der Text perfekt ist – und dann kürz ihn um ein Drittel.

Geht immer.

Was schön war, Sonntag, 17. April 2016

Den ganzen Vormittag bei F. verdaddelt. Warme Croissants vom Bäcker. Pfirsiche aus der Dose. (Ist so ein Kindheitsding, glaube ich. Vielleicht esse ich auch nur gerne dieses eine Obst aus der Dose, alles andere finde ich eher doof. Nee, warte, Ananas aus der Dose ist auch super. Hmmm, Toast Hawaii. Das wäre auch schön gewesen, und das ist jetzt wirklich ein Kindheitsding.) Drei Stunden lang Texte für die Uni gelesen, unter anderem von Droysen und Dilthey. Interessant, aber kompliziert, daher drei Stunden. Zwei Folgen The Americans geguckt. Pseudo-Nizza-Salat gegessen. Gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Samstag, 16. April 2016

Dass meine Lieblingspastateller jetzt in München sind und ich gestern zum wiederholten Male von ihnen gegessen habe.

Als ich im September die ersten Kisten packte, nahm ich nur Dinge mit, von denen ich mir sicher war, dass sie in meine kleine Münchner Wohnung passten. Als ich die vor dreieinhalb Jahren bezog, kaufte ich eine klassische Ferienwohnungsgrundausstattung, obwohl es ja keine Ferienwohnung war. Aber alle Ferienwohnungen, in denen ich bis jetzt war, sahen genauso aus: alles von Ikea. So ungefähr sah meine Studibutze auch aus, inklusive des Geschirrs: vier tiefe, vier flache große und vier flache kleine Teller. Nicht dass ich viel Besuch gehabt hätte, aber wer kocht, weiß: Teller und Besteck kann man nie genug haben.

So verzichtete ich im September darauf, meine vier geliebten Pastateller einzupacken, aus denen Kai und ich immer gerne gegessen hatten, denn ich hatte hier ja vier tiefe Teller und Kai hatte keine eigenen – jedenfalls keine, die so groß und so tief und überhaupt so toll waren.

Im Laufe des letzten halben Jahres merkte ich aber, dass ich neben anderen Dingen wie mein Nudelholz, ein paar CDs und DVDs, ein paar Glücksbringer und Lieblingsvasen ausgerechnet diese Pastateller vermisste. Ich dachte darüber nach, alles, was hier in München noch Platz hat – und ein bisschen Platz hatte ich nach 60 Kisten überraschenderweise doch noch –, in weitere drei Umzugskisten zu packen und die per Beifracht oder Paketdienst nach München zu schicken. Einiges Weiteres wollte ich in den drei Tagen in Hamburg noch bei eBay verticken, aber je näher der letzte Umzugstermin rückte, desto weniger wollte ich mit all dem zu tun haben.

Als ich dann in der Hamburger Wohnung stand und überlegte, was packst du für München, was stellst du bei eBay ein, wurde mir endgültig klar: gar nix machst du. Du packst alles so schnell wie möglich ein, was zu den Eltern auf den Dachboden kommt, der Rest kommt in Kisten, auf denen „Sperrmüll“ steht, dann verabschiedest du dich anständig und dann fährst du nach Hause.

Genau so habe ich es gemacht – bis auf ein paar kleine Details. In meinen Koffer passten nämlich das Nudelholz, mein Sky-Receiver, ein paar Glücksbringer und Sentimentalitäten, zwei meiner Lieblingsschälchen, die auf einigen der alten Blog-Kochfotos drauf sind – und zwei von vier Pastatellern.

Ich mag den Gedanken, dass ich meine Lieblingsteller jetzt hier habe, sie aber gleichzeitig bei Kai sind. Ich bin noch ein bisschen da, auch wenn ich weg bin.

Was schön war, Freitag, 15. April 2016

Keine Uni gehabt, dafür in die Historicums-Bibliothek geradelt – nachdem ich unseren neuen tollen Sitzplatzfinder getestet habe – und dort lockere zwei Stündchen über Kindheit ab Mittelalter aufwärts gelesen. Leider etwas unkonzentriert, wie ich selber gemerkt habe, weswegen es eben nur zwei Stunden waren.

Zuhause die neue Doppelfolge Grey’s Anatomy geguckt und dazu Weißbrot gegessen, das ich in Bärlauchbutter in der Pfanne geröstet hatte.

Abends mit einem Bierchen an den Küchentisch gesetzt und das einzige Spiel ausgepackt, das ich aus Hamburg mitnehmen konnte, weil es kofferkompatibel war: meine ganzen Spielkarten und der Berg Pokerchips. Ich pokerte mit drei Geisterteilnehmerinnen Seven Card Stud, sortierte dann alles von 2 bis 6 aus und spielte Skat gegen mich selbst, wobei ich irritiert feststellen musste, dass ich außer Null und Grand alles verloren habe. Erst nach zehn, zwölf Runden fiel mir auf, dass ich irgendwie noch auf Doppelkopf gedrillt war, wo man immer eine*n Partner*in hat, der*die einen rettet, falls mal ein Stich danebengeht. Bei Null und Grand war mir das anscheinend deutlicher im Kopf, dass ich alleine bin, während ich bei Farbspielen leichtsinnig wurde.

(Ich muss immer an Stefan Zweigs Schachnovelle denken, wenn ich alleine mit mir Karten spiele.)

Gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Donnerstag, 14. April 2016

Uni I: NS-Kunst.

Okay, das Aufstehen um 6 war nicht so toll. Der Kurs fängt um 8 Uhr an und ich bin, trotz nur fünfminütiger Laufstrecke zum Institut, eine Freundin des entspannten Wachwerdens, Frischmachens, Bloggens und Frühstückens, deswegen 6. Aber um 8 saß ich dann sehr hibbelig in meinem Lieblingsraum des Kunsthistorischen Instituts. Wir haben gerade mal drei Lehrräume (wir sind so putzig-klein) und zwei davon im Erdgeschoss sind eher nervig. Der eine ist so groß wie mein Wohnzimmer, wird im Sommer unerträglich warm und ist mit diesen fürchterlichen Sitzgelegenheiten bestuhlt, bei denen an den Stühlen ein kleines Ausklapptischchen befestigt ist, auf das man sich nicht vernünftig abstützen und auf dem man noch weniger gut schreiben kann. Der zweite Raum ist zwar anständig groß, aber unschön schlauchförmig. Studis neigen warum auch immer dazu, sich in den hinteren Reihen zu ballen, außer Frau Gröner, die ist alt und sieht und hört nicht mehr so gut, weswegen sie relativ weit vorne sitzt, um die Folien der Referentinnen entziffern und die manchmal vor sich hinpiepsenden Damen verstehen zu können. Wenn der Kurs eher leer ist, sitze ich also vorne, meist gesellen sich ein oder zwei weitere mutige Damen zu mir, und weitere zehn hocken hinten im Raum, weswegen viele Dozierende in diesem Raum dazu übergegangen sind, nicht mehr vorne zu stehen, sondern irgendwo in der Raummitte, damit sie besseren Kontakt zu uns haben. (Ich kenne nur eine Dozentin, die gnadenlos darauf besteht, dass wir alle nach vorne rücken, und ich liebe sie dafür.) Das heißt, dass ich doof nach vorne gucke, während der*die Dozent*in hinter mir doziert, und auch in diesem Raum stehen die blöden Stühle mit den blöden Klapptischen.

Aber der dritte Raum. OMG der dritte Raum. Er ist im obersten Stockwerk, heizt sich im Sommer auch etwas auf, hat aber größtenteils verdunkelte Dachfenster (yay!), weswegen die Hitze nicht so reinknallen kann. Und selbst wenn der irregeleitete Kurs darauf besteht, die restlichen Fenster zu öffnen (denn wir wissen ja: Ein Raum kühlt total aus, wenn von außen heiße Luft reinkommt), ist es nicht so laut wie im Erdgeschoss, weil der Straßenlärm nicht so nervt. Und: In diesem Raum stehen Tische. So richtige Tische! Nicht so kleine wie im Historicum, an dem ich sonst überhaupt nichts zu meckern habe, sondern solche, die ihren Namen verdienen, wo man nicht immer an den Ellenbogen der Kommilitonin dengelt, wenn man sich selbst was notiert, nein, richtige, große Tische!

Das war natürlich der Hauptgrund für mich, diesen Kurs zu wählen.

Schnickschnack. Aber ich gebe zu, ich habe mich sehr darüber gefreut, in diesem Raum zu sein, weswegen ich sogar halbwegs unquengelig um 6 aufgestanden bin.

Um diesen Kurs herum habe ich meinen ganzen Stundenplan gebastelt, weil er von einem meiner Lieblingsdozenten gegeben wird und genau das Thema behandelt, in dem ich mich dringend fortbilden will. Er heißt „Rosenheimer Künstler im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit“. Was schon in unserem Onlinetool, über das wir Kurse belegen, stand, war, dass wir eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Rosenheim erarbeiten werden, die im Herbst 2017 dort stattfinden soll. Die Galerie selbst wurde 1937 eröffnet, wenige Wochen nach dem Haus der (Deutschen) Kunst in München, und wir befassen uns mit den Bildern, die damals dort schon hingen und die wir jetzt in einen neuen Zusammenhang bringen werden.

Das klang für mich alle schon toll, aber ich hatte gar nicht durchdacht, was das alles genau bedeutet, außer dass wir ab und zu in Rosenheim sein werden. Das erzählte uns der Dozent gestern und meine Ohren begannen vorfreudig zu leuchten. Wir werden im Depot rumwühlen – darauf freue ich mich schon sehr, weil ich Kunst bisher nur im Kontext kenne, also museal, schön gehängt und ausgeleuchtet; ich war noch nie in einem Depot, wo die ganzen Werke irgendwie nebeneinander hängen und so der Eindruck von ihnen natürlich ein ganz anderer ist als der in einem White Cube. Wir werden außerdem im Stadtarchiv rumwühlen, das direkt neben der Galerie liegt, und dort ein bisschen Provenienzforschung betreiben. Auch darauf freue ich mich sehr; weniger auf die Provenienzforschung denn auf die generelle Archivarbeit, weil ich das noch nie gemacht habe. Ich wüsste hier im Stadtarchiv nicht mal, nach was ich überhaupt alles suchen kann. Dann werden wir einen Katalog erstellen und dafür die Texte schreiben, wir werden Pressearbeit und Werbung machen (das macht mal schön wer anders, das kann ich schon), wir werden uns um Drittmittel kümmern usw. Und im Lebenslauf steht dann brav „Konzeption und Durchführung einer Ausstellung“, was ja auch ganz hübsch ist.

Das Seminar wird im Wintersemester fortgesetzt, was mich auch freut, dann kann ich thematisch in der Spur bleiben. Oder ich merke in diesem Semester, nee, NS-Kunst war doch ne doofe Idee, lass mich mal weiter über Anselm Kiefer oder Architektur nachdenken. Wie auch immer: Ich bin sehr gespannt.

Mein Referatsthema ist Leo von Welden, der (laut Google) zu den sogenannten „entarteten“ Künstlern gehörte, laut Dozent aber nicht ganz so. In der Großen Deutschen Kunstausstellung hingen mehrere Werke von ihm, und mein Job wird es sein, herauszufinden, ob er nun ideologiekonform war oder nicht.

Uni II: Kindheit und Jugend im 19. Jahrhundert

Nach einer Stunde Pause fuhr ich ins Historicum (das Ding mit den kleinen Tischen) und freute mich über ein winziges Seminar; wir sind, glaube ich, keine 15 Leute, sehr entspannt. Auch dieser Kurs war einer, um den ich den Rest herumgebaut hatte, der Titel steht oben fett. Mein Referatsthema hier lautet „Familienfeste von der Wiege bis zur Bahre“. Eigentlich wollte ich mich mit dem Kinderzimmer (Architektur) und Spielzeug (Kunsthandwerk) befassen, aber das wollte jemand anders auch gerne, und vom Termin her passten mir die Feste sogar besser. Hier musste ich sofort an das neue Medium der Fotografie denken und die Tatsache, dass man begann, tote Kinder abzulichten, um eine Erinnerung an sie zu haben. Ich versuche in Geschichte, soweit das möglich ist, auch immer irgendwie was kunsthistorisch Relevantes als Thema zu kriegen, und ich glaube, das klappt hier ganz gut. Familiendarstellungen in Öl kenne ich massenweise.

Einziger Wermutstropfen: Ich werde zwei Sitzungen verpassen, weil wir zwei Donnerstage ganztägig in Rosenheim sein werden. Das war bei der Kurswahl noch nicht klar; ich wusste, dass wir ab und zu vor Ort sein würden, hatte aber gedacht, bei einer Stunde Fahrzeit komme ich zwar etwas zu spät, aber ich komme. Der Dozent im NS-Kurs hat aber leider in drei Sitzungen bereits andere Verpflichtungen, und zwei Termine fallen wegen Feiertagen aus (Bayern!), weswegen wir diese Stunden irgendwie nachholen müssen. Das ist mir generell natürlich recht – wir haben ja auch genug zu tun –, aber von vornherein zu wissen, zwei Sitzungen ausfallen lassen zu müssen, ist natürlich doof. Ich fragte den Dozenten des Kindheitskurses, ob das okay wäre; glücklich war er nicht (frag mich mal), aber er meinte, es wäre okay. Da war es dann doch mal vorteilhaft für mich, dass keine Anwesenheitslisten mehr geführt werden dürfen. Trotzdem schade; die Referate zu Burschenschaften und zum Frauenstudium werde ich leider nicht hören.

Was schön war, Mittwoch, 13. April 2016

Eigentlich hätte ich die Vorlesung „Why Photography Matters – Wechselverhältnisse von Kunst und Fotografie 1960 bis 2015“ gehabt, aber die fängt erst nächste Woche an. Also bloggte ich morgens entspannt und radelte dann in die Historicums-Bibliothek, um mich vier Stunden lang festzulesen – in die Politik der Bundesrepublik und der DDR nach 1945, wie sie mit OMG dicken Körper klarkamen und wie ihre Ernährungsempfehlungen aussahen, damit bloß niemand dick wird (hat ja super geklappt, wie wir wissen), wie die Frankfurter Küche entstanden ist, wie überhaupt aus dem großen Lebensraum Küche das kleine, normierte Kabinett wurde, in der die Hausfrauen vom Rest der Welt abgeschnitten waren uswusf. Ich finde Kulturgeschichte grundsätzlich spannender als den ganzen Politikkram, weswegen ich auch gerne Kurse in dieser Richtung belege, aber die gestrigen vier Stunden haben besonders viel Spaß gemacht, weil mir das Thema sehr am Herzen liegt.

#12von12 im April

Alle anderen Mitspieler*innen gibt’s bei Caro.

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Mein Wecker sollte um 8 klingeln, ich war aber lange vorher wach. Bis kurz nach halb 7 las ich Twitter leer, dann döste ich anscheinend doch noch mal weg. Um halb 8 war ich wach.

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Auf meinem Frühstückstablett gibt es eine bahnbrechende Neuerung: Grapefruitsaft statt Multivitamin!

Als ich in Wien war, griff ich morgens im Hotel spontan nach der Karaffe mit dem Grapefruitsaft und ließ den O-Saft stehen, der sonst in Hotels mein Kaffeebegleiter ist. Überhaupt: Hotel-Angewohnheiten. Bei mir kriegt jedes Hotel Abzüge in der Sympathienote, wenn es kein geschnittenes Obst auf dem Frühstücksbuffet gibt. Ich esse in Hotels grundsätzlich Müsli zum Frühstück, und ich habe nie Lust, mit den stumpfen Buttermesserchen einen Apfel oder eine Banane zu zerteilen. Fruchtcocktail aus der Dose lasse ich knurrend geltend. Das Hotel in Wien hatte nicht nur geschnittenes Obst, sondern neben den Fruchtsaftkaraffen charmanterweise auch noch einen kleinen Sektkühler stehen, zu dem ich am letzten Tag gut gelaunt griff. Seit Wien gibt es bei mir zuhause auch Grapefruitsaft, weil ich den bitteren Kick als einen sehr angenehmen Reinkommer in den Tag empfunden habe. (Keinen Sekt allerdings.)

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Um 10 stand meine erste Übung in der Uni an: „Europäische Esskulturen nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Weil ich um 14 Uhr die nächste Vorlesung hatte und damit zwei Stunden Zeit zwischen den Veranstaltungen, griff ich zum Radl, um zur Uni zu kommen, weil ich damit am schnellsten wieder zuhause bin.

Ich habe drei Jahre gequengelt, weil links neben meinem schönen Rad immer ein total verstaubtes Rad stand, das offensichtlich nie benutzt wurde, an dem ich gerne meine Klamotten eingesaut habe. Neuerdings steht das Rad mit dem Kindersitz neben mir, und jetzt quengele ich, weil ich über das Rad rübergreifen muss, um an meins zu kommen, um es dann mit der rechten Hand in den Gang zu ziehen, während ich mit der linken Hand versuche, den Lenker zwischen den beiden Rädern durchzubalancieren. Der Fahrradkeller ist meiner Meinung nach viel zu eng, aber ich bin froh, dass wir ihn überhaupt haben. Die Abstellmöglichkeiten sind blöderweise nach Wohnungseinheit vorgegeben, das heißt, ich kann mein Rad nicht irgendwo hinstellen, wo Platz ist, sondern habe einen festen Stellplatz. Was auch heißt, dass anscheinend jemand mit Kind dort eingezogen ist, wo bisher der Besitzer des Staubrades wohnte.

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Im Historicum mit Blick auf die Schellingstraße. Hinter meinem Rücken verläuft die Amalienstraße. Der Kurs ist leider etwas voll, wir sind fast 20, weswegen die Referatsthemen natürlich mal wieder nicht ausgereicht haben. Generell bin ich noch etwas skeptisch, weil mir die Themen sehr zusammengewürfelt aussehen, aber ich lasse mich mal überraschen. Worüber ich grinsen musste: Sieben Semester lang ist mir nirgends Bourdieu begegnet, jetzt in zwei Tagen gleich zweimal, vorgestern bei den Biografien (Habituskonzept), gestern beim Essen (Distinktionsbedürfnis). Wie zu erwarten war, wollte keiner den Bourdieu als Referatsthema haben, obwohl der gestrige Dozent zum Originaltext noch eine zweiten im Seminarplan verzeichnet hatte, der den Franzosen quasi in Simpeldeutsch übersetzt.

Ich hätte gerne zum Text „Der dicke Körper und sein Konsum im Visier von Wissenschaft und Politik in der DDR und der BRD“ von Ulrike Thoms (Comparativ 21 (2011), Heft 3, S. 97–113) referiert, aber das schnappte mir jemand weg. Überhaupt war die Referatvergabe gestern eher doof, da der Dozent einfach der Reihe herum fragte, was gewünscht war, weswegen wir armen Hascherls, die am weitesten von ihm wegsaßen, keine Chance mehr auf ein gutes Thema hatten. Normalerweise stellen Dozierende die Themenliste einmal vor, gehen dann vom ersten Referatstermin nach hinten durch und fragen bei jedem Termin, wer das Thema gerne hätte. Wenn sich dann mehrere melden, wird kurz ausdiskutiert, was meistens immer klappt; eine KuGi-Dozentin, deren Kurse immer voll sind, ist inzwischen zum Auslosen übergangen: „Sie denken sich jeder eine Zahl zwischen 1 und 10, ich denke mir eine, wer am nächsten an meiner ist, kriegt das Thema.“

Gestern war das, wie gesagt, leider nicht so, weswegen ich mich erstmal an das Thema ranhängen durfte, weil der Dozent meinte, das könnten wir splitten. Im Laufe der Übung meinte er, zur Architektur von Küchen könnte man auch mal was machen, woraufhin ich mich sofort meldete und, in höflicher Form, „HABEN!“ signalisierte. Der dicke Körper und die Küchenarchitektur sind jetzt in einer Sitzung, und wir sollen versuchen, das Thema Norm, Normsetzung und das Abweichen davon als Überthema zu nehmen. Zwei Buchtipps hatte der Dozent auch schon für mich: Cold War Kitchen und Versuch über den Normalismus: wie Normalität produziert wird, die ich gestern sofort bei der Stabi bestellte.

Die anderen Referatsthemen drehen sich um die Soziologie des Essens, Ernährungsgeschichte als psychosoziales Problem, ausländische Gastronomie in der Bundesrepublik, Fleisch- bzw. Gemüsekonsum, die Technik hinter der Essensherstellung, Kultivierung des Appetits (durch Frauen- oder Gourmetzeitschriften) und Essen im Film. Klingt für mich erstmal nach einer sehr bunten Mischung, ich bin gespannt, ob da ein roter Faden bleibt oder wir einfach lustige Referate zum Essen kriegen. Auch wegen dieser bunten Mischung fand ich es schön, das Thema Dicksein auf der Liste zu finden, weil es für mich bedeutet, dass wir über die schon angesprochene Norm nachdenken und, Achtung, doofes Wort, andere Körper betrachten, also die, die nicht einer Norm entsprechen. Gerade deshalb hätte ich gerne das Thema „Dicker Körper“ gehabt, um aus simplem Eigeninteresse dafür zu werben, dass alle Körper okay sind und die politische Idee, gewisse Körper ausradieren zu wollen, eine ganz widerliche ist. Aber dann wappne ich mich im Vorfeld für die Diskussion und gucke mal, wie tolerant mein Seminar so ist.

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Nach dem ganzen Reden übers Essen wollte ich Essen kaufen. Vor einigen Tagen wurde in meiner Instagram-Timeline schon angespargelt, und seitdem will ich das auch. Ich radelte zum Wochenmarkt in der Zieblandstraße und kaufte Spargel, Kräuter und Kartoffeln.

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Nach einer kurzen Pause zuhause fuhr ich wieder in die Uni, genauer gesagt, ins Hauptgebäude. Dort fand meine erste Vorlesung in Kunstgeschichte statt: „Skulptur im Land der Maler? Niederländische Bildhauerkunst im 15. bis 17. Jahrhundert.“ Die war leider sehr schwach besucht, und es gingen während des Vortrags noch einige Studierende. Ich muss zugeben, ich fand es auch recht anstrengend, der polnischstämmigen Dozentin mit ihrem deutlichen Akzent zuzuhören, aber was sie sagte, reichte dann locker, um mich bei der Stange zu halten. Ihr Vortrag ging von Willem van Haechts Die Kunstkammer des Cornelis van der Geest (1628) aus, in dem wir die gleichwertige Präsentation von Gemälden und Skulpturen sehen. Der Hauptteil des Raumen wird zwar von Bildwerken bestimmt, aber auf der linken Seite sehen wir zwei Männer, die eine kleine Skulptur genauer betrachten; an der rechten Wand stehen Nachbildungen der antiken Meisterwerke (unter anderem meinen Liebling aus den Vatikanischen Museen), auf dem Tisch im Vordergrund stehen und liegen mehrere Kleinplastiken sowie Reliefs, die gerne aus Alabaster oder Elfenbein gefertigt wurden – die Dozentin meinte, gerade Materialgeschichte wäre ihr Steckenpferd, darauf kämen wir noch zurück –, in der Zimmermitte hängt ein Kronleuchter (Kunsthandwerk) und im Hof ist ein Brunnen zu sehen (Bauskulptur). Anhand dieses Bildes und einer kleinen historischen Einführung in die Geschichte der Niederlande entwarf die Dozentin ihren Seminarplan, und das klang alles sehr spannend. Unter anderem wies sie auf ein stilgeschichtliches Klischee hin, von dem ich noch nie gehört hatte: Nach der Reformation trennte sich das Gebiet aus den heutigen Niederlanden, Flamen und dem heutigen Belgien in die nördlichen und die südlichen Niederlande; der Norden galt nun als das Land Rembrandts: calvinistisch und intellektuell, während der Süden das Land Rubens’ war: katholisch und emotional. Ist nachweislich Quatsch, habe ich mir jetzt aber natürlich gemerkt.

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Nach der Uni ging ich zu Fuß nach Hause. Neuerdings nervt mein linkes Knie ein wenig und ich weiß, ebenfalls seit Wien, dass ihm Bewegung gut tut. Radfahren leider nicht so sehr, weil es genau das Beugen ist, dass ihm weh tut. Rumlaufen ist hingegen super, ich bin völlig schmerzfrei und bleibe es danach auch. Bis ich eben wieder zwei Stunden in einem Hörsaal hocke und das Bein nicht ausstrecken kann. Dieses Phänomen hatte ich vor einigen Jahren schon mal im rechten Knie, das ging irgendwann wieder weg, weswegen ich das dieses Mal auch wieder aussitzen bzw. rauslaufen kann. Hoffe ich jedenfalls.

Auf dem Nachhauseweg ging ich zunächst die Schellingstraße entlang, wo zwischen Ludwig- und Türkenstraße diese kleine Tafel, neben einigen Bildtafeln, auf den Türkengraben hinweist. Den kannte ich auch schon aus einem kunsthistorischen Seminar, wo uns der Dozent erzählte, das Kanalsystem von Nymphenburg wäre auch eine schöne Masterarbeit. Habe ich im Hinterkopf.

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Eingekauft, unter anderem den Schinken für den geplanten Spargel. (Nein, nicht die Chips.)

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Die neue Folge Better Call Saul geguckt und entsetzt festgestellt, dass das schon die vorletzte dieser Staffel ist.

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Die ersten Texte fürs Biografie-Seminar gelesen. Die Zeit der Textmarker hat wieder begonnen, wo-hoo!

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There is no happiness like Spargel happiness.

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Real-Wolfsburg nebenbei laufen gelassen, während ich Hay Day und Candy Crush spielte. Danach mit Buch ins Bett. Guter Tag.