Kunst gucken: Einzelmeister – Martin Parr, „Gourock Lido“ (2004)

In der Kategorie „Einzelmeister“ betrachte ich ein Werk, meist mit wenig bis gar keinen Vorkenntnissen, schreibe auf, was ich sehe, und gehe dann in die Bibliothek, um mir etwas Wissen anzulesen. Einige der Arbeiten Parrs kannte ich, vor allem The Last Resort, das Foto vom Gourock Lido kannte ich nicht.

Was ich sehe:

Gourock Lido ist eine Fotografie im Querformat. In der Ausstellung Souvenir im Kunstfoyer München hing es an einer einzelnen Wand und musste nicht mit neben ihm gehängten Werken um meine Aufmerksamkeit buhlen. Aber ich glaube, auch in Gesellschaft wäre ich länger vor diesem Bild stehen geblieben. Es fällt aus den weiteren Bildern der Ausstellung heraus; es wirkt großflächiger, weniger detailreich, weniger grell und bunt. Das mag daran liegen, dass das Bild von großen Farbflächen beherrscht wird und der Mensch, Parrs Lieblingssubjekt, fast nur Beiwerk ist.

In der unteren Hälfte des Bildes ist ein öffentlicher Pool zu sehen. Das Blau des bewegten Wassers entspricht fast dem der Balustrade, die das Schwimmbad vom ebenfalls bewegen Fluss trennt, der direkt hinter dem Bad zu sehen ist. Das Blau findet sich auch in den Pollern im Bildvordergrund wieder sowie im Papierkorb in der Bildmitte, der mit einer hellen Werbung beklebt ist. Rechts und links vom Papierkorb stehen weiße Liegestühle, nicht ganz ordentlich, vielleicht hat der Wind, der das Wasser aufwühlt, auch die Liegen etwas verschoben. Sie sind komplett unbelegt, das Wetter lädt nicht unbedingt dazu ein, sich auf ihnen auszuruhen. Ein einzelner männlicher Schwimmer in dunkler Badehose zieht trotzdem seine Bahnen.

Ignoriert man den Fluss und den weiteren Bildhintergrund, der die obere Hälfte des Bildes einnimmt, hat das Bild etwas Friedliches, fast Niedliches. Ein kleiner roter Rettungsring ist links im Bild zu sehen, im Vordergrund steht ein ins lachsfarben ausgeblichener Hochsitz für den derzeit anscheinend abwesenden Bademeister.

Aber hinter dem knackigen Blau wälzt sich der dunkelgraue Clyde entlang, auf seinen Wellen blitzen ab und zu weiße Schaumkronen auf. Am rechten Bildrand scheint ein kleines Segelboot dringend in den Hafen zurückzuwollen. Man kann das Ufer des Flusses kaum erkennen, es geht, nur durch eine schmale helle Linie angedeutet, direkt in eine bergige, dunkelgrüngraue Landschaft über, die unter einem tiefen, grauen Himmel hängt. Ein Sturm zieht auf.

Was ich las:

Anscheinend bin ich nicht die einzige, die von diesem Pool-Bild fasziniert ist. Catrin Barnsteiner begann ihren Artikel in der Welt vom 16. Dezember 2007 auch mit diesem Bild, und sie sagt auch, was ich über Parrs Werke denke, auf denen zum allergrößten Teil Menschen zu sehen sind: Er macht sich nicht über seine Subjekte lustig, auch wenn diese vielleicht nicht normgerecht aussehen oder skurrile Dinge tun:

„Es ist immer genau der Moment, bevor wir uns eine Pose aussuchen oder gerade nachdem wir die Pose aufgegeben haben und erschöpft die Füße hochlegen. Szenen, wie wir sie hinter Schlüssellöchern finden. Nur: Martin Parr schaut nie durch Schlüssellöcher, das ist gar nicht nötig. Alles, was wir hier sehen, hat sich in aller Öffentlichkeit so zugetragen. Das löst Unbehagen aus – denn: Sind die Leute echt so?

Martin Parr fragt nie vorher, ob er jemand fotografieren darf, damit sich der nicht schnell in Szene setzen kann. Kritiker werfen ihm vor, in seinen Bildern die Menschen bloßzustellen. […] Und vielleicht ist das auch ein Grund, warum man nicht wegschauen kann von diesen Fotos: Martin Parr fotografiert nicht irgendwen – sondern uns. Alle. Nur – Gott sei Dank und Glück gehabt – dieses Mal bleiben wir unerkannt in der Gestalt einer dicklichen Engländerin mit Badetuch um die Hüften.“

Vielleicht war ich auch deshalb so von Gourock Lido fasziniert, weil dort der Mensch zu einem kleinen Detail wird und nicht im Mittelpunkt steht. Das Bild lebt vom Kontrast des quietschigen Aquamarin zum bedrohlichen Grüngrau, aber auch davon, dass die Natur hier scheinbar die Zivilisation – oder was wir für sie halten – wieder in die Schranken weisen will.

Der Herr im Bild ist übrigens Zahnarzt und hat sich erst viele Jahre nach der Aufnahme überrascht entdeckt. Er meint, das Foto fange hervorragend eine Facette schottischer Schrulligkeit ein: „the eccentric local who decided to go swimming when no one else would.“ In den Kommentaren zum Artikel weist ein Autor darauf hin, dass es wohl nur wenige Menschen gäbe, die von Parr abgelichtet wurden und sich im Nachhinein zu erkennen geben wollen; er verlinkt auf einige Bilder, die man auf den ersten Blick als „unvorteilhaft“ ansehen könnte. Aber auch hier würde ich widersprechen.

Im Podcast zu Parr habe ich es mehrfach gesagt: Meiner Meinung nach stellt Parr nicht bloß, sondern bildet ab, unvoreingenommen und immer im Bewusstsein, dass er selbst nicht besser ist. Seine wunderbare Serie Autoportraits zeigt das recht gut: Dort lässt sich Parr von anderen Menschen (oder Automaten) fotografieren und sieht genauso seltsam aus wie wir alle.

Sandra Phillips nennt Parrs Fotografie „socially observant photography“. Sie beschreibt in ihrem Buch von 2007, wie Parr sich von seinen ersten Gehversuche in Schwarzweiß der Farbfotografie zuwandte, ein Weitwinkelobjektiv sowie mehr Blitzlicht, auch tagsüber, nutzte, um die fast grelle, schattenlose Farbigkeit seiner Bilder zu erreichen. Sie erwähnt einflussreiche Fotobücher, die Parr nachweislich (teilweise spricht er in Interviews oder eigenen Veröffentlichungen selbst darüber) gelesen hat, zum Beispiel Robert Franks The Americans oder Walker Evans Let Us Now Praise Famous Men. Beide zeigen vor allem die amerikanische Unter- und Mittelschicht; auch Parr fotografierte zunächst eher Menschen dieser Klassen in seiner Umgebung, zum Beispiel in New Brighton. Sein Buch The Last Resort zeigt genau diese Menschen. Phillips unterstellt diesen Personen eine gewisse Vulgarität, meint aber auch, dass Parr hier vor allem den Wandel in der britischen Gesellschaft zeigen wollte: Es ginge nicht mehr darum, einfach sein Leben zu leben, sondern sich zu zeigen, materielle Werte zu erringen, in der Arbeiterklasse so zu tun, als sei man schon Mittelklasse.

Im Buch Common Sense konzentriert sich Parr auf die neuen Trophäen dieser Klasse: Tattoos, Fast Food, Gebrauchsobjekte, die in Massen gekauft und weggeworfen werden. Phillips kann dieser Serie nicht so viel abgewinnen:

„These pictures show us what we have become by that we eat. They are frightening – how can people consume so much grotesque food, how can we treat our own bodies so tastelessly and cheaply and with such reckless abandon? All of us have grown too fond of cheap sugar and fat, and of food produced by brand-name companies rather than food made with care. These pictures are as close to hatefulness as Parr has ever come.“ (Phillips 2007, o. S.)

Hier fühlte ich mich arg an die händeknetenden Moralapostel erinnert, die uns zuwimmern, bitte keine Fertigpizza zu essen, wo es doch so schönen Salat gibt. Ich habe eine andere Lesart dieser Bilder, auch weil ich persönlich keine Angst vor Zucker und Fett habe und genau diese Angst bescheuerter und ungesünder finde als das zu essen, was einem halt schmeckt. Hartwig Dingfelder, der für die Bremer Kunsthalle über Parrs Bild Doughnut, Margate aus der eigenen Sammlung schrieb, findet fettiges Essen – und damit die Menschen, die es verspeisen – auch irgendwie bäh:

„Wie ein Alarmsignal wirkt der Schmutz unter den Fingernägeln des Kindes, unappetitlich schimmert der Fettglanz auf der Haut, schmuddelig erscheint der angegraute Anorak im Hintergrund.“ (Dingfelder 2011, 316.)

Spannend, wie unterschiedlich man auf Bilder schauen kann: Ohne dass ich das Kind sehe, das mit dreckigen Fingernägeln zu einem süßen Donut greift, glaube ich, dass dieses Kind gerade sehr glücklich ist und ihm sein vom Spielen angeschmutzter Anorak total egal. Meiner Meinung nach entlarven diese Interpretationen eher die Autor_innen als den Fotografen.

„Das Schöne an Martin Parrs Bildern ist, dass sie nichts wollen. Keine Konsumkritik üben, kein Mahnmal der Wegwerfgesellschaft sein oder die englischen Klassenunterschiede anprangern. Journalisten mit allzu komplexen Interpretationsversuchen warnt Martin Parr dann auch: ‚Ich bin kein Intellektueller. Ich fotografiere nur das, was ich sehe.‘“ (Barnsteiner 2007.)

Val Williams beschrieb diesen entlarvenden Blick sehr schön:

„Martin Parr’s photographs can make us feel very uncomfortable. He has made a comedy about the food we eat, the clothes we wear, the places we go; scrutinized the very way we live our lives. Some might say that Martin Parr has exploited our lack of taste and good judgment by picturing it all, latterly in the brightest of colours, exposing our petty vanities to the world. Others, who have perhaps a more honed sense of the political, […] could insist that Parr has merely recorded a myriad of social ills, the loosening of community ties, the mass embrace of consumerism, the manic pursuit of leisure and global tourism, the vanity fair of the English middle class and the phantasmagoria of the sub-class that emerged in Britain during the 1980s.“ (Williams 2014, 3/4.)

Williams weist auch auf eine Stärke Parrs hin: seine extreme Farbigkeit. Sie nennt sie eine „visual extravaganza“; seine Fotos seien ein Spiegel von, aber kein Urteil über diese Welt. (S. 10.) Manches ist eben einfach sehr bunt und sehr schrill und vielleicht sehr fett oder sehr billig, aber sich darüber zu beklagen, hat für mich den Geschmack des Snobismus. Gerade Nahrung ist heute ein Distinktionsmerkmal; der Weg von „dieses Plunderteilchen ist bestimmt nicht gesund“ zu „Der Mensch, der dieses Plunderteilchen isst, ist nicht gesund und vermutlich zu doof, was Vernünftiges zu essen und liegt mir garantiert auf der Tasche, weil meine Krankenkassenbeiträge steigen“ ist unangenehm kurz und wenn man sich jede beliebige Diskussion zu Essen online anschaut, weiß man, dass viele ihn schon gegangen sind, ohne ihn weiter zu hinterfragen. Für mich ist jeder ästhetisch dampfende Spiced Pumpkin Latte auf Instagram eher ein sozialer, weil distinktiver Kommentar als die Fleischberge, die Parr ablichtet oder die eingeschweißten Süßigkeiten, die bereits an der Folie kleben, weil die Auslage zu warm ist.

Ich gebe zu, ich bin sehr weit vom Gourock Lido weggekommen, aber ich mag Parrs Bildsprache sehr gerne und reagiere etwas gereizt auf manche Unterstellungen. Obwohl ich ihm natürlich genauso Dinge unterstelle, nämlich, dass er kein Problem damit hat, wenn Leute Fast Food essen, rauchen, sich bis zum Hautkrebs sonnen oder in Massen vor der Mona Lisa stehen, ohne das Bild richtig sehen zu können, weil man da halt mal hin muss, wenn man in Paris ist, wo man auch nur hin muss, weil alle irgendwie hinfahren. Ich mag an ihm, dass er scheinbare Nebensächlichkeiten ins Zentrum seiner Arbeit stellt – und dass diese anscheinend keine Nebensächlichkeiten sind, denn sonst würden sich nicht diverse Kataloge an ihm abarbeiten. Auch das Bild vom Gourock Lido, dem ersten beheizten Außenpool Schottlands, ist eigentlich eine Nebensächlichkeit: Das Foto entstand im Rahmen einer Auftragsarbeit, die Parr für den schottischen Architekten John McAsland ausführte. Er sollte die A8 in Schottland fotografieren, aber Parr interessierte sich natürlich eher für die durchschnittlichen Menschen entlang dieser Straße, die teilweise unästhetischen Bauwerke und – natürlich – das Essen. Ich glaube, ich bin in der Ausstellung auch deshalb so lange vor diesem Bild geblieben, weil es eben so untypisch ist. Es zeigt mir nicht die Welt, die ich sowieso jeden Tag um mich herum sehe, sondern eine andere. Aber selbst in ihr findet sich eine Werbung auf dem Papierkorb, vermutlich für Eiscreme, billiges Plastik anstatt solidem Metall und ein Mann mit einer leichten Glatze beim ungelenken Brustschwimmen.

Literatur:

Barnett, Laura: „ That’s me in the picture: Ian Galt, swimmer in Martin Parr’s image of Gourock lido“, in: The Guardian, 27.9.2014, abrufbar unter https://www.theguardian.com/artanddesign/2014/sep/27/gourock-lido-martin-parr-swimmer-in-picture.

Barnsteiner, Catrin: „Die wundersame Urlaubswelt des Mr. Parr“, in: Welt, 16.12.2007, abrufbar unter https://www.welt.de/kultur/article1460820/Die-wundersame-Urlaubswelt-des-Mr-Parr.html.

Dingfelder, Hartwig: „Martin Parr: ‚Doughnut, Margate‘ (Common Sense), 1997“, in: Kreul, Andreas/Riemer, Katja (Hrsg.): Wunderkammermusik, Köln 2011, S. 316/317.

Phillips, Sandra S.: Martin Parr, London 2007.

Williams, Val: Martin Parr, London 2014.

Tagebuch, Mittwoch, 22. November 2017 – Im Sumpf

Den ganzen Tag gehadert, gefühlt mit allem. (Okay, mit fast allem.) Von mir selbst genervt gewesen, vom immer noch vorhandenen Husten genervt gewesen, vom Genervtsein genervt gewesen.

Kontrastprogramm hochgefahren: viel gelesen. Kuchen gebacken. Musik gehört.

Eine Mail aus London bekommen: Die Society of London Theatre möchte, dass ich einen Link in meinem Blog von 2003 korrigiere. Kinder: Nicht mal ich lese 14 Jahre alte Blogartikel, vor allem nicht meine eigenen. Mal wieder darüber nachgedacht, den ganzen alten Quatsch zu depublizieren. Genervt von der alten Anke gewesen.

Abends einen koffeinfreien Irish Coffee zubereitet. Nachts weniger gehustet. Das mache ich heute gleich nochmal.

Immerhin besser gelaunt aufgewacht.

Tagebuch, Dienstag, 21. November – Adventskalender

Adventskalender gekauft. Traurig gewesen.

Ich fühle mich derzeit wie mit Mitte 20, wo gefühlt alle Freunde und Freundinnen einen Plan hatten und wussten, wo es langgehen soll die nächsten 10 bis 40 Jahre. Die ersten Babys kündigten sich an, die ersten verlobten sich oder heirateten, alle hatten eine schicke Ausbildung oder ein gutes Studium und alle wussten, was sie wollten. Ich wusste das nicht. Ich fand immerhin mit Mitte 20 heraus, dass ich keine Kinder haben wollte, aber meinen Beruf fand ich erst mit Anfang 30. Und plötzlich ist es 20 Jahre später und ich bin wieder da, wo ich schon mal war. (Immerhin erfolgreich kinderlos, puh.)

Mir ist eigentlich erst durch den Adventskalender klar geworden, dass schon wieder ein Jahr rum ist, und ich habe keine Ahnung, wann es bitte vergangen sein soll, es hat doch gerade erst angefangen und ich formuliere noch mein Master-Thema. Aber dann wird mir klar, nee, das Master-Thema ist schon durch, da hat dir jemand eine hübsche Urkunde überreicht und du bist jetzt Doktorandin. Ich weiß aber nicht so recht, was ich noch bin.

Seit über einem Jahr überlege ich, wie ich diese Website umgestalten möchte, damit potenzielle Arbeitgeber wissen, wer ich bin und wen sie da buchen. Genau diese Art Einträge sollen sie bitte nicht als erstes von mir lesen, wenn sie meinen Namen googeln, aber jetzt gerade ist mir das auch egal. Positioniere ich mich als frisch gebackene und total motivierte Kunsthistorikerin? Weise ich auf meine Erfahrungen als Werbetexterin hin, durch die auch meine wissenschaftlichen Texte lesbar werden? Betone ich, wie lange ich schon ein Blog schreibe und dass mich Leute seit 15 Jahren lesen? Erwähne ich mein Buch? Wer oder was bin ich eigentlich?

Ich habe die Entwürfe bereits mehrfach umgeschmissen, und ich ahne, dass das einen simplen Grund hat: Ich weiß gerade selbst nicht, wer oder was ich bin. Ich wusele auf verschiedenen Baustellen herum, aber keine fühlt sich zwingend an. Und dann macht einem ein Adventskalender klar, dass halt schon wieder ein Jahr rum ist und man wieder älter geworden ist, sich aber im Prinzip wieder fühlt wie ein Teenager, der auch nicht weiß, wo er aufhört und wo die Welt beginnt.

Tagebuch, Montag, 20. November 2017 – Shopping

Die FAZ war wieder rechtzeitig da, wo-hoo! Netterweise brachte F. sie mir an die Wohnungstür und ich konnte von schwierigen Verhandlungen lesen, obwohl ich vorher auf dem iPhone natürlich schon mitbekommen hatte, dass eben diese Verhandlungen bereits gescheitert waren. Okay, Internet, gestern hast du gewonnen. Aber ich freute mich den ganzen Tag auf die Zeitung von heute, in der ich ausführliche – und ruhige – Analysen erwarte. Ich habe mir inzwischen die Namen der Berlin-Korrespondenten der FAZ gemerkt und finde das etwas seltsam. Andererseits weiß ich auch, wen ich im Feuilleton gerne lese und wessen Artikel ich von vornherein argwöhnisch umschleiche.

Als Tagesordnungspunkt 1 hatte ich mir das Entkalken der Nespresso-Maschine vorgenommen. Obwohl ich seit Monaten frische Kaffeebohnen mahle und sie in der French Press zubereite, finde ich es manchmal morgens doch recht nett, einen Cappuccino zu trinken, der in 30 Sekunden vor mir steht. Mein Maschinchen zickte in den letzten Wochen etwas, gab mir gefühlt weniger Kaffee als früher und es dauerte ewig. Das Münchner Leitungswasser schmeckt hervorragend, ich trinke täglich einen Liter davon, aber es ist so irre kalkhaltig, dass man seine Geräte wie Wasserkocher etc. wirklich regelmäßig entkalken muss. Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben nicht so oft Zeug entkalkt wie hier in den letzten fünf Jahren.

Ich füllte also extrem vorsichtig den Entkalker in den Wassertank der Maschine, wusch mir zehnmal danach die Hände, weil ich Warnhinweise wie „ätzend“, „bloß nicht in die Augen kriegen“ und ähnliches sehr ernst nehme, schaltete die Maschine an und ging nach nebenan, um irgendwas zu machen. Als ich wenige Minuten später wieder in die Küche kam, stand die komplette Ecke meiner Kaffeemaschine unter Wasser bzw. Entkalkungsflüssigkeit, während im Behälter, in dem sie eigentlich hätte landen sollen, nur ein paar Tropfen angekommen waren. Ich fluchte, putzte die Ecke, putzte Zuckerdose, Sirupflasche, Wasserkocher und Milchaufschäumer, die alle von unten nass waren, wusch mir zehnmal die Hände, entsorgte den Putzschwamm, warf das Handtuch, das ich zum Nachtrocknen genommen hatte, in den Wäschekorb (aka meine Waschmaschinentrommel), füllte die nächste Packung Entkalker ein und blieb dieses Mal neben der Maschine stehen.

Sobald ich sie anschaltete, floss das Zeug wieder überall hin, nur nicht dahin, wohin es sollte. Ich entsorgte das Gift, putzte die Ecke (dieses Mal mit schlimmen Einwegtüchern), wusch mir zehnmal die Hände, füllte den Tank mit Wasser, hielt das Maschinchen über meine Spüle und schaltete sie an. Dieses Mal lief wenigstens alles gleich in den Abfluss, aber ich hatte das Gefühl, ein leckes Sieb in der Hand zu halten. Aus mindestens drei Eckchen strömte Wasser ins Innere der Maschine und ich beschloss spontan und sehr nörgelig, eine neue Kaffeemaschine zu kaufen.

Wenn ich eh schon zum Karstadt um die Ecke gehe, kann ich auch gleich in der Lebensmittelabteilung was Nettes mitnehmen. Die ist nämlich meine erste Anlaufstelle für De-Cecco-Nudeln, meine Lieblingssorte, sowie Pastrami. Außerdem gibt’s dort Ben & Jerry’s Peanut Butter Cup. Und weil mir neulich der Irish Coffee selbst mit schottischem Whisky gut geschmeckt hatte, nahm ich eine Flasche Irish Whiskey mit, um das ganze nochmal stilvoll zu basteln. Der Bäcker im Haus hatte auch mein liebstes Weißbrot, und so war ich dann doch besser gelaunt als ich dachte, als ich zuhause die neue Maschine (die gleiche wie vorher) aufbaute und mir erstmal ein schönes Brot mit Pastrami und Dijonnaise gönnte. (Ich weiß immer noch nicht, ob diese Dijonnaise eine Ausgeburt des Teufels oder ein Geschenk des Himmels ist, aber sie ist irre lecker.)

The Nationalist’s Delusion

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Wahl Trumps, die deplorables auch endlich mal deplorables nennt.

„“There’s very little evidence of Trump being openly racist or sexist,” Colvin insisted. “It wasn’t until he started running for president that all these stories started coming out. I don’t believe it, I’ve done the research.”

The plain meaning of Trumpism exists in tandem with denials of its implications; supporters and opponents alike understand that the president’s policies and rhetoric target religious and ethnic minorities, and behave accordingly. But both supporters and opponents usually stop short of calling these policies racist. It is as if there were a pothole in the middle of the street that every driver studiously avoided, but that most insisted did not exist even as they swerved around it. […]

In other words, the relevant factor in support for Trump among white voters was not education, or even income, but the ideological frame with which they understood their challenges and misfortunes. It is also why voters of color—who suffered a genuine economic calamity in the decade before Trump’s election—were almost entirely immune to those same appeals. […]

Overall, poor and working-class Americans did not support Trump; it was white Americans on all levels of the income spectrum who secured his victory. Clinton was only competitive with Trump among white people making more than $100,000, but the fact that each of their share of the vote was near-identical drives the point home: Economic suffering alone does not explain the rise of Trump. Nor does the Calamity Thesis explain why comparably situated black Americans, who are considerably more vulnerable than their white counterparts, remained so immune to Trump’s appeal. The answer cannot be that black Americans were suffering less than the white working class or the poor, but that Trump’s solutions did not appeal to people of color because they were premised on a national vision that excluded them as full citizens.

When you look at Trump’s strength among white Americans of all income categories, but his weakness among Americans struggling with poverty, the story of Trump looks less like a story of working-class revolt than a story of white backlash. And the stories of struggling white Trump supporters look less like the whole truth than a convenient narrative—one that obscures the racist nature of that backlash, instead casting it as a rebellion against an unfeeling establishment that somehow includes working-class and poor people who happen not to be white. […]

Birtherism is rightly remembered as a racist conspiracy theory, born of an inability to accept the legitimacy of the first black president. But it is more than that, and the insistence that it was a fringe belief undersells the fact that it is one of the most important political developments of the past decade.

Birtherism is a synthesis of the prejudice toward blacks, immigrants, and Muslims that swelled on the right during the Obama era: Obama was not merely black but also a foreigner, not just black and foreign but also a secret Muslim. Birtherism was not simply racism, but nationalism—a statement of values and a defining of who belongs in America. By embracing the conspiracy theory of Obama’s faith and foreign birth, Trump was also endorsing a definition of being American that excluded the first black president. Birtherism, and then Trumpism, united all three rising strains of prejudice on the right in opposition to the man who had become the sum of their fears.

In this sense only, the Calamity Thesis is correct. The great cataclysm in white America that led to Donald Trump was the election of Barack Obama.

History has a way of altering villains so that we can no longer see ourselves in them.“

Fehlfarben 11: Mark Steinmetz, Martin Parr

Wir haben uns ein paar Fotos angeschaut und darauf mit Riesling angestoßen.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 74 MB, 92 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.01:35. Wir trinken heute Rieslinge von der Mosel, hier der erste in der Blindverkostung.

00.03:45. Die erste Ausstellung: Mark Steinmetz, unitedstates pt. 2, im Amerikahaus. Läuft noch bis zum 7. Januar 2018. Achtung: Das Amerikahaus wird gerade generalsaniert, die Ausstellung ist im Gebäude vor dem israelischen Generalkonsulat am Karolinenplatz zu sehen. Der Eingang ist links, nur für die Interessierten unter euch, die nicht wie ich sinnlos ums Gebäude irren wollen.

Der Time-Artikel, den ich erwähne, steht hier; das Foto, auf dem ich ewig rumreite, findet sich in der Sammlung South East. Generell sind viele Fotos, über die wir sprechen, auf Steinmetz’ Website zu finden.

00.26:40. Blindverkostung Wein 2.

00.40:00. Fazit der ersten Ausstellung: drei Daumen nach oben.

00.41:10. Die zweite Ausstellung: Martin Parr, Souvenir – A Photographic Journey, im Kunstfoyer der Versicherungskammer. Läuft noch bis zum 28. Januar 2018. Das wollte ich gestern noch erwähnen, habe es aber natürlich vergessen: Das Kunstfoyer ist generell ein schöner Ausstellungsraum. Kostet nichts, ist jeden Tag geöffnet und zeigt stets interessante Fotografie. Wenn euch mal langweilig ist – einfach für eine halbe Stunde vorbeischauen, gibt immer was zu gucken.

Wir erwähnen das Buch Think of Scotland, das gerade erschienen ist; auf der Magnum-Website sind daraus einige Bilder zu sehen, über die wir sprechen – wie mein Liebling Gourock Lido (2004), das man als Druck für 139 Dollar kaufen kann. Hier kann man einige Bilder aus der Souvenir-Ausstellung sehen. Auf Parrs Website kann man sich durch seine Bücher klicken und bekommt einen guten Einblick in seine Arbeit. Ebenfalls erwähnt: Mona Lisa Selfie.

00.58:15. Blindverkostung Wein 3.

01.22:50. Fazit der zweiten Ausstellung: zwei Daumen nach oben und ein Querdaumen.

01.25:25. Wir lösen die Weine auf und fanden keinen so richtig super. Ich bin raus, weil ich erkältet eh nichts geschmeckt habe außer Zucker.

Wein 1: Joh. Jos. Christoffel, Ürziger Würzgarten Riesling Spätlese Alte Reben trocken 2014, 11,5%, beim Winzer für 14,80 Euro.

Wein 2: Wegeler, Bernkasteler trocken 2015, 12,5%, für 13 Euro.

Wein 3: Blees Ferber, Piesporter Goldtröpfchen Spätlese 2016, 7,5%, beim Kaufhof für 11 Euro. Ich möchte hier noch schnell eine Lanze für liebliche Weißweine brechen: Der hier ist schon fast ein Dessertwein und dafür finde ich 11 Euro sehr sparsam. Wir haben nach der Aufnahme noch ein schön zimtiges Curry gegessen, dazu war der Wein mit seiner Schwere perfekt.

Tagebuch, Samstag, 18. November 2017 – Irish Coffee

Für unseren Podcast wollte ich in der Bibliothek eine Winzigkeit nachschlagen. Eigentlich sogar mehr als eine Winzigkeit, aber über den einen Künstler, den wir besprechen, gibt es quasi null Literatur. Die wenige, die in München zu finden ist – eine einzige Monografie, obwohl der Herr auf seiner Website zwölf Bücher auflistet, in denen er alleine vertreten ist, – steht im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, das leider am Wochenende geschlossen hat, und während der vergangenen Woche fühlte ich mich noch zu matschig, um irgendwas vernünftig zu denken. Also ging ich gestern in die Bibliothek des kunsthistorischen Instituts der LMU, die immerhin Samstags offen ist und wollte über den anderen Künstler etwas lesen. Im ZI stehen über 20 von ihm herausgegebene Werke, in der Institutsbibliothek – steht eins. Mpf. Immerhin fand ich ihn noch in wenigen weiteren Publikationen, aber so richtig glücklich war ich nicht.

Trotzdem war es ein schöner Vormittag, denn wie immer in Präsenzbibliotheken steht neben dem Buch, das ich bewusst im Regal gesucht habe, mindestens eins, gerne fünf, das bzw. die ich jetzt spontan durchblättern will. Das scheint meine neueste Methode von Prokrastination zu sein: Anstatt mich über Kunst des Nationalsozialismus weiterzubilden, muss ich eher dringend was über dokumentarische Fotografie des ausgehenden 20. Jahrhunderts wissen.

Jemand retweetete meinen diesbezüglichen Tweet und meinte, Bibliotheken seien schlimmer als das Internet, immer liegt irgendwo was rum. Stimmt. (Und nirgends gibt es Kommentare! Es ist so herrlich, Texte ohne Widerworte zu lesen!)

Nachmittags sah ich müde der zu erwartenden Augsburger Niederlage in der Allianz-Arena zu, allerdings vom Sofa aus. Ich hätte eine Karte für das Spiel bekommen können, aber ich habe mich schon beim letzten Aufeinandertreffen der beiden eher als Auswärtsfan gefühlt. Das ist immer noch ein seltsames Gefühl, aber okay.

Wenn man nicht im Stadion ist, hat man übrigens Zeit für andere Dinge. Hefeteig zum Beispiel.

Und abends, nachdem ich rausgefunden hatte, dass man aus Netflix heraus Screenshots machen kann, was bei DVDs ja nicht funktioniert, und ich jetzt eine reichhaltige Bildschirmhintergrund-Kollektion von Schnuckifotos habe (wie früher! Never grow up!), hatte ich noch eine andere, ganz tolle Idee.

Tagebuch, Freitag, 17. November 2017 – Back to life und Prost

Wenn ich krank bin, denke ich immer, die Welt um mich herum hat sich brachial verändert, wenn ich plötzlich wieder in ihr auftauche. Ich muss mich gefühlt daran erinnern, wie U-Bahn-Fahren geht, wie man auf den Verkehr achtet, wie man mit Menschen an Supermarktkassen interagiert, wenn ich eine Woche lang bräsig vor mich hingedämmert habe.

Gestern besuchte ich endlich die zweite Ausstellung für unseren Podcast, den wir an diesem Wochenende aber wirklich aufnehmen. Letzten Sonntag konnte ich kaum sprechen; das geht jetzt gut, aber ich huste immer noch ein bisschen. Wird bestimmt prima fürs Zuhören. (Sorry!)

Ohne jetzt schon verraten zu wollen, was wir uns angeschaut haben: Ich mochte beide Ausstellungen sehr, und in beiden hing jeweils ein Bild, über das alleine ich eine Seminararbeit hätte schreiben wollen. Mal sehen, ob es zu einer neuen Ausgabe der Einzelmeister reicht; für diese Blogserie habe ich ja bisher erst einen Beitrag produziert. Der hat aber sehr viel Spaß beim Schreiben gemacht, weil ich mich fürs Blog genauso zum genauen Hinschauen motiviert habe, wie ich es sonst nur für die Uni tue. Aber bei den eben erwähnten zwei Bildern blieb ich recht lange stehen und schaute, weil es so viel zu schauen und zu vergleichen und zu denken gab.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, die Zeitungen der letzten Tage nachzulesen, von denen ich matt und matschig meist nur ein, zwei Seiten geschafft hatte. Das Feuilleton will ich auf jeden Fall komplett nachlesen, den Politikteil wenigstens überfliegen, Wirtschaft und Finanzen kommen gleich weg, hilft ja nix.

Bei Outlander habe ich inzwischen alles gesehen, was es an Folgen gibt (Netflix und vom Laster gefallenes Zeug). Die erste Staffel ziiiiiieht sich meiner Meinung nach äußerst ungebührlich in die Länge und die vorletzte Folge konnte ich nur zwischen meinen Fingern anschauen, die ich mir vor die Augen hielt, weil ich sie unglaublich brutal fand. Bei einigen Szenen sah ich bewusst ganz weg. Bei der zweiten Staffel daddelte ich die komplette erste Hälfte Candy Crush und Hay Day nebenbei, weil mir die ganzen politischen Intrigen in Paris total egal waren, aber die Kostüme haben mir sehr gut gefallen (die sind immer toll und ich möchte jetzt so ein großkariertes Schultertuch haben, das ich mir wie eine Pashmina überwerfe). Die zweite Hälfte fand ich dann spannend genug, um anständig zuzuschauen. Bisher mag ich die dritte Staffel recht gern, zumindest bis zum großen Wiedersehen der beiden Hauptpersonen, weil da endlich mal beide für sich alleine stehen und wirken können. Jetzt wo sie wieder knutschen, versackt alles wieder ein bisschen.

Das hält mich aber natürlich nicht davon ab, YouTube nach Schnuckischnipseln leerzusuchen. Jetzt weiß ich auch, wie sich der Hauptdarsteller ausspricht.

Ich beschloss den Tag und offiziell die Erkältung damit, Alkohol zu trinken, ungefähr 1 cl. In Outlander saufen sie den – ganzen – verdammten – langen – Tag lang, meistens Wein oder Whisky (Schottland halt).

An Whisky habe ich mich jahrelang nie so recht rangetraut und hatte in Hamburg auch nur eine Flasche, hauptsächlich um ihn in Backwerk oder Nachtisch zu kippen; immerhin einen Oban und keinen Johnny Walker oder ähnliche Blends. In F.s Wohnzimmer stehen „zwischen 20 und 30, glaube ich“ Flaschen Whisky und Whiskey (der Mann liegt gerade neben mir und weiß es selbst nicht genau), und natürlich habe ich in den vergangenen Jahren den einen oder anderen Schluck bei ihm probiert. So ganz richtig warm werde ich mit dem Torf und dem Rauch nicht, aber es gibt einen Whisky aus den Highlands – natürlich aus den Highlands –, der mir sehr gut schmeckt, überhaupt nicht brennt, sondern das Brustbein mit Vanille und einem winzigen bisschen Ingwer wärmt: der Singleton of Glen Ord, 15 Jahre gereift. (Ich bin ja alleine von den Reifungen bei Bränden immer schon beeindruckt. Da lässt man dieses herrliche Produkt einfach jahrelang rumliegen und plötzlich ist es groß und darf in die Welt.) Ein kleines bisschen Rauch, kein Torf, der, soweit ich weiß, eher bei den Insel- und speziell den Islay-Whiskys vorherrscht, nur schöne Geschmeidigkeit.

Dass die Glen-Ord-Destillerie nur ein paar Kilometer von Inverness entfernt liegt, dem Ort, an dem die ganze Outlander-Serie beginnt, fand ich erst gestern beim Whisky-Googeln heraus und fand es sehr charmant. Sláinte!

(Nachtrag: Der Herr ist inzwischen zuhause und hat nachgezählt: 43 Flaschen.)

Tagebuch der letzten Woche, die Erkältungsedition

Am Samstag führte ich einige Interessierte durch unsere Ausstellung in Rosenheim. Ich glaube, das ging das gut, jedenfalls war das Feedback positiv. Meine Stimme hielt auch die gute Stunde durch, aber schon beim Gang zum Bahnhof zurück pfiff meine Lunge lustig vor sich hin, und ich habe dann erstmal bis Montag abend nicht mehr gesprochen. Dienstag konnte ich immerhin schon beim Bäcker nach einem Brot krächzen, wobei mir fünf Leute im Laden gute Besserung wünschten. Das war gestern beim Zahnarzt auch so, obwohl die Stimme schon fast wieder da ist.

Ach ja, Zahnarzt. Das war gestern nur eine Kontrolle meiner Schiene, die ich nachts trage, damit ich nicht mit den Zähnen knirsche und von der ich eine neue bekommen hatte. Bevor der Arzt sich zu einem bewegt, ist man ja gerne alleine oder nur mit den zahnmedizinischen Fachangestellten im Raum. Bisher hatte ich in meinem gesamten Zahnarztleben nur weibliche Angestellte, die ein paar freundliche Worte für einen hatten, einen aber sonst in Ruhe ließen, hinter mir vielleicht noch sinnlos auf dem Rechner rumklickten oder die Instrumente nochmal neu anordneten. Gestern war da ein junger Mann, der sich innerhalb von fünf Minuten siebenmal die Hände desinfizierte, erst über Erkältungen und U-Bahn-Unsitten mit mir plauderte, was ich mir noch gefallen ließ, denn das war ja naheliegend. Dann meinte er aber, über Politik reden zu müssen, und seit gestern weiß ich, dass Angela Merkel noch jemand über sich hat, dessen Anweisungen sie ausführt – wer das ist, weiß ich leider nicht –, und dass sie eh immer ein Schoßhündchen von Obama war. Ich brummte irgendwann nur noch „Das sehe ich nicht so“, hatte aber wirklich keine Lust, das noch auszuführen, sondern wartete augenrollend darauf, dass der Mann sich nochmal seine Hände desinfizierte und dass der Arzt bitte bald käme.

Ist nur anekdotisch, unterstützt aber wieder die Theorie, dass Kerle einem Gespräche aufdrängen, während Frauen einen in Ruhe lassen.

Die FAZ ist wieder seit Tagen zu spät, aber sie liegt dafür immerhin vor der Wohnungstür. Weil ich im Moment froh bin, nicht nach unten zum Briefkasten zu müssen, sondern unter meiner Decke bleiben zu dürfen und eh lange schlafe, beschwere ich mich darüber nicht.

Ich begann ja schon im gesunden Zustand, Outlander zu gucken und nölte mehrfach auf Twitter, dass die Serie fürchterlich langweilig sei, wenn man die Prämisse „Krankenschwester wird aus dem Jahr 1945 ins Jahr 1743 gerissen“ kapiert und sie sich im alten Schottland eingewöhnt hat. Aber immer wenn ich denke, so, jetzt gucke ich nicht mehr weiter, kommt eine Folge, die mich dann wieder erwischt.

Außerdem hat die Serie ein Asset, das mir gerade sehr recht kommt:

About last night… @outlander_starz screening with @entertainmentweekly #droughtlanderIsALMOSTover

Ein Beitrag geteilt von Sam Heughan (@samheughan) am

Schnucki-Alarm! Endlich wieder was zum Gucken!

Ich verschenke mein fickle heart ja gerne an irgendwelche Leinwandkerle, mit denen ich nachts Hochzeiten plane, wenn ich nicht schlafen kann, oder denen ich mich liebevoll in meiner Oscar-Dankesrede für das beste Originaldrehbuch zuwende. Was man halt so macht anstatt Schäfchen zu zählen. Der ganze Wahn begann mit Kiefer Sutherland in Stand by Me und Kiefer ist auch heute noch der Oberschnuckel, der diesen Ehrentitel bis auf ewig tragen wird, auch wenn der Mann inzwischen miese Tattoos hat und gerne betrunken in Weihnachtsbäume springt. My love will never die.

Danach kamen Russell Crowe und, die frühen Leser*innen dieses Blogs werden sich erinnern, Viggo Mortensen. Matthew Perry war immer dabei, Matthew McConaughey auch und vor einigen Jahren wurde dann Jeremy Piven der Mann, der mich einschlafen ließ. Der geht mir aber schon länger auf den Zeiger und es kam schlicht niemand nach. Bis letzte Woche, als Netflix mich zu Outlander schickte. Danke, Netflix!

Apropos Tattoos, nicht miese, sondern großartige: hier. Davon hätte ich auch gerne eins. Verdammt, ich dachte, das Thema sei für mich durch. Hm. Hmmmm.

Und dann erfreute mich gestern die BVG mit einem herrlichen Spot, der mich sofort die Spotify-Playlist „Best of Münchener Freiheit“ öffnen ließ. Ich besitze ernsthaft eine CD der Jungs, und ja, ich höre den Kram immer noch. Haters gonna hate hate hate hate hate.

BVG – Ohne Uns

Die 80er haben angerufen – und wir haben abgenommen.

Posted by Weil wir dich lieben on Mittwoch, 15. November 2017

Ich habe versucht, den Sänger zu ergoogeln, der Stefan Zauner so irre ähnlich klingt, aber der Mann möchte laut Tagesspiegel nicht genannt werden. Die Münchener Freiheit kommentierte netterweise selbst unter dem FB-Video, dass sie sehr zufrieden seien. Awww!

Was schön war, Freitag, 10. November 2017 – Kunst gucken

Bei mir gemeinsam aufgewacht. Bei der Verabschiedung von F. eine Lindt-Schokoeule auf einem Aldi-Baumstamm (Nougat mit Marzipan drum, my drug of choice in der Weihnachtszeit) entdeckt. Vielleicht bin ich gar nicht dick, weil meine Schilddrüse im Eimer ist, sondern weil F. mir dauernd irgendwo Schokolade hinlegt, der gute Mann.

Den Vormittag verbrachte ich in einer der beiden Ausstellungen, die wir im nächsten Fehlfarben-Podcast besprechen wollen. Wir nehmen hoffentlich Sonntag auf, es gibt also eventuell Montag oder Dienstag wieder was von uns zu hören. (Hoffentlich = siehe letzter Absatz.)

Nachmittags bastelte ich mein Manuskript für die Rosenheim-Führung fertig. Wie immer, wenn ich Zeug erzählen soll, drucke ich mir das Manuskript einmal aus, trage es vor, korrigiere handschriftlich währenddessen, wenn ich merke, dass Bezüge doof sind oder ich etwas umstellen sollte, füge die Korrekturen danach ein und drucke danach alles nochmal aus. Den ersten Durchgang drucke ich immer auf Schmierpapier aus, also Zeug, das ich schon mal ausgedruckt oder kopiert hatte, aber dann nicht brauchte – Handouts für meine Kommilitoninnen, Fehldrucke, Kopien, was auch immer. Ich erinnerte mich gestern daran, als ich mein letztes Referat im Studium vorbereitete – meinen Vortrag im Masterarbeits-Kolloquium – und damals dachte, wäh, das ist mein letztes Referat, dessen Manuskript ich ausdrucke. Ich freute mich gestern, dass ich anscheinend noch andere Vorträge ausdrucken kann. Vielleicht bleibt die Rosenheim-Führung ja nicht die letzte. (Mal sehen, was die Versuchskaninchen nachher so als Feedback dalassen.)

Was dann abends weniger schön wurde: mein Gesundheitszustand. Mies geschlafen, dicker Hals. Mal sehen, wie lange nachher die Stimme hält oder ob es irgendwann eine Flüsterführung wird. Oder ich einfach stumm mein Manuskript rumreiche und auf Bilder deute. Wird super!

Was schön war, Donnerstag, 9. November 2017 – Manuskript und Stolpersteine

Gestern saß ich den ganzen Tag am Schreibtisch, um meine Führung durch die Städtische Galerie Rosenheim zu finalisieren. Morgen, am 11. November, führe ich eine kleine Gruppe durch unsere Ausstellung Vermacht, verfallen, verdrängt. Kunst und Nationalsozialismus, die nur noch bis zum 19. November läuft, also schnell hin da!

Da ich noch nie eine Führung gemacht habe, musste ich erstmal überlegen, was ich so alles erzählen will. Die Gruppe, die sich führen lässt, besteht ausschließlich aus meinen Blogleser*innen, daher ahne ich, dass schon ein paar Grundkenntnisse da sind. Ich weiß aber auch, dass sich niemand Blogeinträge merkt, vor allem, wenn man sich nicht dauernd mit NS-Kunst auseinandersetzt. Deswegen werde ich vermutlich ein bisschen von dem wiederholen, was ich hier im Blog schon mal angerissen oder ausgeführt habe.

Ich hangelte mich am Raumplan und unserem Katalog entlang, um mir zu überlegen, zu welchen Werken ich explizit etwas sagen will und zu welchen nicht, an welchen Exponaten ich Dinge erklären möchte und welche ich der Gruppe überlasse, damit sie sich selbst damit beschäftigt. Heute werde ich das Dokument abschließen und dann morgen vermutlich mit einem dicken Spickzettel meine erste Führung machen. Ich freue mich auf meine Versuchskaninchen und hoffe, es wird gut.

Wer noch spontan Lust und Zeit hat, sich uns anzuschließen: Wir treffen uns um 13 Uhr vor der Galerie. Bitte meldet euch kurz bei mir per Mail oder Tweet, damit wir nicht 50 Leute werden.

Gestern war der Jahrestag der Novemberpogrome und einige Menschen in meiner Timeline posteten Bilder von Stolpersteinen, die sie geputzt hatten. Ein Blogeintrag von Madame Read on my dear zum Thema hat dazu eine sehr persönliche Meinung:

„Ich wünschte an jedem 9. November wäre es still, ich wünschte einmal nur wären wir mit unseren Toten allein, ich wünschte es gäbe keine Stolpersteinputzkolonnen, keine Spruchbänder, keine Aufrufe, keine Bilder der Namen mit den Namen der Toten, die sich nicht weigern können, die blank sein sollen, denn jetzt wird ihrer gedacht und das ist auch leichter, denn die Fragen nach dem Ring mit dem blauen Stein am Finger einer anderen Frau sind schwieriger.

An keinem Tag wie am 9. November wünschte ich mir, ich könnte die Steine mit Laub bedecken, sie davor bewahren wieder Ziel deutscher Sauberkeit und Gründlichkeit zu werden, aber ich habe schon vor vielen Jahren gelernt, dass die Enkel und Kinder der Toten nur stören im unbedingten Willen zu gedenken.“

Hier in München liegen keine Stolpersteine, weil unter anderem Charlotte Knobloch das nicht möchte; sie meint, durch die im Boden verlegten Namen werden die Opfer ein weiteres Mal mit Füßen getreten. Gunter Demnig, der Künstler, der die Stolpersteine verlegt, sagt hingegen, die Menschen verbeugten sich vor den Opfern, indem sie sich bücken, um die Steine zu entziffern. Ich persönlich halte die Stolpersteine für ein sehr gelungenes Mahnmal in vielen tausend Teilen, weil es Menschen fassbar macht, die mit der irrwitzigen Zahl von „sechs Millionen“ schlicht nicht erfassbar sind, weil es eigentlich unvorstellbar ist (und dann eben leider doch nicht). Es macht aus namenlosen Opfern Nachbarn. Soweit ich weiß, sind die Stolpersteine auch in der Bevölkerung akzeptiert und erscheinen mir sinnvoller als das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, in dem man prima schicke Selfies machen kann; Stolpersteine kann man nicht für Instagram verfremden oder damit posieren, man kann sie nur zeigen und damit genau das tun, was sie intendieren: sie zeigen, sie weisen auf etwas hin.

Der Blogeintrag hat mir aber wieder einmal klar gemacht, dass hier die Täter*innen(nachkommen) darüber entscheiden, wie der Opfer gedacht wird. Das ist im Prinzip genauso eklig wie Menschen, die anderen Menschen vorschreiben möchten, sich nicht so anzustellen, wenn ihnen Missbrauch widerfährt, ohne dass sie selbst wissen, wie sich ein solcher anfühlt. (Das Thema ist ja leider gerade wieder aktuell.) Bei den Stolpersteinen weiß ich immerhin, dass es auch genug Juden und Jüdinnen gibt, die diese Form des Gedenkens gutheißen, siehe den verlinken SZ-Artikel. Aber der Blogeintrag zeigt, dass es natürlich nicht alle sind, wie vermutlich nie irgendetwas von allen gleich beurteilt wird. Hey, wir diskutieren ernsthaft wieder darüber, ob man Nazis auf die Nase hauen darf. Gerade gestern kam mir die Absurdität dieser Debatte wieder hoch.

Ich habe keine schöne Abschlussbemerkung zu diesem Thema. Ich war nur wieder dankbar für einen Denkanstoß durch ein Blog. Wir, mich eingeschlossen, meckern ja gerne über das Internet und was für Nervensägen und Arschlöcher sich in ihm herumtreiben. An manchen Tagen ist es ganz nett zu merken, dass es eben auch andere Stimmen gibt. Auch wenn sie eine Meinung haben, an der ich mich seit gestern reibe.

Edit: In München gibt es doch Stolpersteine – auf Privatgrund. Dort greift das öffentliche Verbot nicht. Danke für den Hinweis!

Was schön war, Mittwoch, 8. November 2017 – Stabi

Am Vormittag ließ ich mich mit dem Bus in die Stabi chauffieren. Dort ging ich zunächst in den Lesesaal für Alte Handschriften, den ich nicht so gern mag, weil ich in ihm nie eine Steckdose finde. Das macht mich bei längeren Sitzungen immer nervös, dass mein Macbook sich irgendwann verabschiedet, weil der Akku nicht mehr so irre lang hält. Aber manches kriegt man eben nur in diesen Lesesaal, so wie ich gestern diverse Ausgaben von Westermanns Monatsheften, in denen ich mir Abbildungen von einem Maler anschauen wollte, der zur NS-Zeit dort veröffentlichte. Ich blätterte durch die Jahrgänge 1935 bis 1939, fand spannende Bilder und noch spannendere Texte, die so gar nicht in die Zeit passen wollten. Ich lasse die Details hier mal sein, aber ich tippte recht viel in mein Stoffsammlungsdokument.

Nach zwei Stunden gab ich die Zeitschriften zurück und ging in den Allgemeinen Lesesaal. Dort stellte ich fest, dass man seine Bücher nicht mehr vom Regal zur Ausleihe tragen musste, damit sie dort verbucht werden, sondern sie liegen schon verbucht – mit rotem Stempel und Rückgabedatum – im Regal; man kann sie gleich an seinen Arbeitsplatz tragen. Wieder ein menschlicher Kontakt weniger, aber eigentlich sehr sinnvoll.

Ich hatte mir drei Kataloge zurücklegen lassen, von denen ich zwei nicht im ZI gefunden hatte. Die las ich genauso interessiert durch wie eben die Quelltexte – und stellte bei einer Autorin eine äußerst auffällige Textgleichheit fest. Schatz, wenn du schon Textinhalte übernimmst, die dir offensichtlich peinlich sind, weil sie 1935 entstanden sind, dann stell die Sätze doch wenigstens so um, dass man es nicht sofort merkt. Ich rollte mit den Augen und wollte ernsthaft das entsprechende Emoji in mein Dokument einfügen, bis mir einfiel, das Word keine Emojis verarbeiten kann.

Nach weiteren zwei Stunden legte ich die Kataloge zufrieden wieder in mein Regalfach und holte mir im Erdgeschoss noch ein letztes Buch von der Ausleihe, das ich mit nach Hause nehmen darf. (Immerhin eins.)

Das war eine sehr ertragreiche Sitzung. Ich befinde mich noch komplett am Anfang meines Rumlesens – ich habe eine Ahnung, wohin ich will, aber momentan sammele ich erstmal alles, was mir auffällt. Einer meiner Lieblingstweets stammt von @fischblog, ich zitiere: „Ich hab mal geschrieben, wenn man beim Recherchieren nicht ein, zwei mal seine Ansicht ändert, recherchiert man möglicherweise schlecht.“ Das geht in die gleiche Richtung wie die Aussage einer der Dozenten von F.: „If you know what you’re doing more than half of the time, it’s not research.“ (Dazu schrieb ich mal etwas ausführlicher.)

Ich erinnere mich, wie es mir am Anfang mit Lüpertz und Kiefer und den mir so unendlich lang scheinenden 20 Wochen Bearbeitungszeit für die Masterarbeit ging: Ich fing gefühlt in Trippelschritten an, las hier ein Stündchen und dort ein anderes, blätterte gefühlt sinnlos alles durch, was vor mir im Regal stand, guckte mir irgendwelche Quellen an, weil sie halt da waren und wusste wochenlang nicht, wo ich eigentlich hinwollte. Ich hatte schlicht noch zu wenig gelesen und gesehen, um eine konkrete Frage zu entwickeln. So geht es mir jetzt auch gerade, und natürlich schüchtert mich die nicht vorhandene Deadline für die Abgabe der Dissertation sehr ein. Ich brauche ein Ziel, auf das ich hinlese bzw. einen Termin, an dem ich weiß, ich muss irgendwas abliefern. Das muss ich mir jetzt selbst setzen bzw. den muss ich mir jetzt selbst machen. Momentan ist mein Kopf eher in der Werbung und der Akquise, aber seit gestern blubbern die ersten Fragen im Hinterkopf herum, was mich sehr freut. Ich weiß, dass ich diese noch achtzigmal umformulieren werde und vermutlich wird am Ende etwas ganz anderes auf dem Deckblatt stehen als das, was ich gerade im Kopf habe, aber es hat sich sehr gut angefühlt, wieder dieses Kribbeln im Nacken zu haben, wenn man etwas liest oder entdeckt, das nicht so ganz mit dem bisherigen Forschungsstand übereinstimmt und wo man entsprechend elegant ansetzen kann.

Ich habe auch immer meinen Doktorvater im Kopf mit seinen Abschiedsworten im Rosenheim-Seminar: „Wenn Sie aus diesem Seminar gehen und das Gefühl haben, alles anzweifeln zu müssen, dann ist das richtig.“ Auch dazu gab es gestern einen passenden Tweet: „Great mentors don’t tell you what to think. They teach you how to think.“

Mein Fahrrad vom Schrauber geholt, der mir zum wiederholten Mal sagte, dass ich wirklich ein schönes Fahrrad besäße. Danke – ich weiß. Ich fahre das sehr gern. (Das hier ist ein recht ähnliches Modell.)

Zuhause spontane Suppenlust verspürt und deswegen Lauch, Zwiebeln und Kartoffeln mit Brühe, Wein und Sahne – und einem Sieb – in eine feine Creme verwandelt. Ich werfe ja gerne noch Zeug zur Deko auf Suppen drauf, und gestern fiel mir ein halbes Döschen Mais im Kühlschrank ein, das gerne wegwollte. (Überbleibsel von extrem ungelungenen Maispfannkuchen.) Nur Mais war mir aber zu langweilig, aber ich hatte ja noch den schönen Koriander von vorgestern, also bastelte ich mit viel Chili und ein bisschen Öl eine kleine Salsa. Das war eine recht ungewohnte Kombi von süßlicher Schärfe mit bodenständiger Klassik, aber es schmeckte unerwartet gut.

Was schön war, Dienstag, 7. November 2017 – Lesen

Morgens fuhr ich mein aus unerfindlichen Gründen quietschendes Fahrrad zum Schrauber, der ihm das Quietschen austreiben soll. Dabei wurde ich von einem Autofahrer angemault, gefälligst den Radweg zu benutzen – ironischerweise fast direkt an einem Warnschild, das dort seit gefühlt zwei Jahren steht: „Radwegschäden.“ Der Radweg ist auch nicht mit einem der blauen Schilder bezeichnet, das heißt, es besteht eh keine Benutzungspflicht. Vielleicht könnte man im theoretischen Unterricht für den Führerschein die Neulinge darauf hinweisen, dass Radler*innen sehr oft völlig regelkonform auf der Straße fahren dürfen.

Bisher war ich eine Verfechterin von Radstreifen, also nur durch eine Linie abgetrennte Wege auf der Straße. Da die aber gerne zugeparkt werden, würde ich mich inzwischen über mit Pollern abgetrennte Wege freuen. Sieht scheiße aus, scheint aber nicht anders zu gehen.

(Ach, was reg ich mich auf.)

Nach tränenreichem Abschied vom Fahrrad – hey, ich sehe es jetzt 24 Stunden lang nicht – kletterte ich in Tram (TRAMFAHREN!) und Bus, um wieder nach Hause zu kommen, wobei ich noch ein paar Besorgungen erledigte. Unter anderem frischen Koriander, nur um dann zuhause festzustellen, dass die Avocado natürlich vergammelt war, zu der ich die Kräuter werfen wollte. Mistviecher.

In den irrwitzig kurzen Strecken, die man in München zurücklegt (München = Dorf), komme ich meist nicht mehr zum konzentrierten Lesen, aber immerhin, während ich an Haltestellen rumstehe. Gestern begann ich mein neues Buch Empire of Cotton, das ich bereits vor Monaten mal auf Deutsch aus der Stabi entliehen hatte. Die Übersetzung kam mir aber irre schnarchig vor, weswegen ich jetzt einen neuen Versuch starte und das englische Original lese. Mit derart plastischen Einleitungen kriegt man mich ja sofort:

„Today, cotton ist so ubiquitous that it is hard to see it for what it is: one of mankind’s greatest achievements. As you read this sentence, chances are you are wearing something woven from cotton. And it is just als likely that you have never plucked a cotton boll from its stem, seen a wispy strand of raw cotton fiber, or heard the deafening noise of a spinning mule and a power loom. Cotton is as familiar as it is unknown. We take its perpetual presence for granted. We wear it close to our skin. We sleep under it. We swaddle our newborns in it. Cotton is in the banknotes we use, the coffee filters that help us awaken in den morning, the vegetable oil we use for cooking, the soap we wash with, and the gunpowder that fights our wars (indeed, Alfred Nobel won a British patent for his invention of „guncotton“). Cotton is even a component of the book you hold in your hands. […]

Take a moment and imagine, if you can, a world without cotton. You wake up in the morning on a bed covered in fur or straw. You dress in woolens or, depending on the climate and your wealth, in linens or even silks. Because it is hard to wash your clothes, and because they are expensive or, if you make your own, labor-intensive, you change them irregularly. They smell and scratch. They are largely monochromatic, since, unlike cottons, wool and other natural fibers do not take colors very well. And you are surrounded by sheep: it would take approximately 7 billion sheep to produce a quantity of wool equivalent to the world’s current cotton crop. Those 7 billion sheep would need 700 million hectares of land for grazing, about 1.6 times the surface area of today’s European Union.“

(Sven Beckert: Empire of Cotton. A New History of Global Capitalism, London 2015, S. xii/xiii.)

Einer meiner Geschichtsdozenten, auf dessen Buchtipps ich immer viel gegeben habe, hatte uns das Werk als eine hervorragende Darstellung des 19. Jahrhunderts empfohlen. Ich musste auch an dieses Buch denken, als ich folgende Stelle in The Underground Railroad las, in der die Sklavin Cora, die bisher auf einer Baumwollplantage arbeiten musste, nach ihrer Flucht ihr erstes Kleidungsstück aus diesem Rohstoff trägt:

„Sam went upstairs and returned with clothes and a small barrel of water. “You need to wash up,” he said. “I intend that in the kindest way.” He sat on the stairs to give them privacy. Caesar bid Cora to wash up first, and joined Sam. […] Cora started with her face. She was dirty, she smelled, and when she wrung the cloth, dark water spilled out. The new clothes were not stiff negro cloth but a cotton so supple it made her body feel clean, as if she had actually scrubbed with soap. The dress was simple, light blue with plain lines, like nothing she had worn before. Cotton went in one way, came out another.“

(Colson Whitehead: The Underground Railroad, London 2017, S. 109.)

Zum Frühstück hätte ich gerne meine Zeitung gelesen, aber die war mal wieder nicht im Briefkasten. In der letzten Woche klickte ich auf der FAZ-Seite bereits an zwei Tagen auf die Schaltfläche „Zustellreklamation“, nach der ein Drop-Down-Menü folgt, bei dem man angeben kann, ob die Zeitung gar nicht oder verspätet kam oder sonst irgendwas. Gestern bei meiner dritten Reklamation folgte nach dem ersten Klick stattdessen die Aufforderung, sich telefonisch mit dem Aboservice in Verbindung zu setzen, gerne auch mit Rückrufservice. Quatsch, die paar Cent habe ich noch. Angerufen, brav ein Telefonmenü mit Sprachanweisungenn durchgespielt und sofort eine Mitarbeiterin drangehabt. Die Dame hörte sich meine winzige Beschwerde an und schenkte mir dann die drei verspäteten Ausgaben. Dankeschön!

Die Bundesliga hat alle Spiele bis Ende Februar terminiert. Das ist mir in dieser Saison noch wichtiger als sonst, weil mein Mit-Dauerkarteninhaber seine Stadionbesuche nach seinem beruflichen Terminkalender ausrichtet und ich daher von ihm Vorschläge bekomme, wann ich die Karte haben könne. Gestern sah ich, dass das FCA-Auswärtsspiel in Leipzig an einem Freitagabend war, woraufhin ich F. per DM fragte, ob man daraus vielleicht ein nettes Leipzigwochenende machen könne.

Gleich vier Wagner-Karten, um genau zu sein. Der Herr möchte sich mal RICHTIG Wagner geben, um meine Faszination zu verstehen. Ich bin sehr gespannt auf seine Reaktion. (Vermutlich redet er danach nicht mehr mit mir.)

Abends noch ein paar Folgen Outlander geguckt, wobei ich nicht weiß, ob ich die zweite Staffel auch noch sehen will. Die Story fesselt mich dann doch nicht genug, aber ich gucke mir irre gerne die Kostüme und vor allem die Landschaft der Highlands an. Wenn diese Serie nicht von Scotland Tourism mitfinanziert wurde, weiß ich auch nicht.

Was schön war, Montag, 6. November 2017 – Überraschung

Während morgens mein Kaffee durchläuft oder in der French Press vor sich hin… äh …sitzt und Aroma abgibt, räume ich mein Abwaschgestell leer, das ich jeden Abend zuballere. Ich drücke mich gerne um Staubsaugen und Fensterputzen, aber Abwaschen muss jeden Tag sein. Samstags bin ich manchmal nachlässig mit mir selber und wasche dann halt Sonntag Zeug von zwei Tagen ab, aber sonst räume ich jeden Abend die Küche so auf, dass man morgens sofort mit dem Kochen oder dem Zubereiten von Speisen anfangen kann, ohne zunächst die Spüle leerräumen zu müssen. Wie ich auch meinen Schreibtisch jeden Abend leerräume bzw. aufräume, um am nächsten Morgen frisch ans Werk gehen zu können, ohne das Gefühl zu haben, erstmal Ordnung schaffen zu müssen.

Ich hatte am Samstag Risotto gemacht und mit F. gemeinsam gegessen, wir hatten ein nettes Fläschchen Wein, und nach dem seltsamerweise stets anstrengenden Fußballnachmittag (man sitzt ja nur rum, aber ich bin danach immer müde) und dem schönen Abend zu zweit wollte ich bloß noch ins Bett und ließ daher den Abwasch stehen. Sonntag war ich kochfaul und ernährte mich von Jogurt, belegten Broten und Schokolade. Abends erledigte ich dann brav den Abwasch, denn auch bei belegten Broten fällt schließlich was an. Und Montag morgen wollte ich dann das saubere Geschirr verräumen, darunter auch die Suppenkelle, die ich für das Risotto gebraucht hatte. Die liegt in meiner Allzweckschublade neben Dingen wie Pürierstab, Kartoffelstampfer, Teigschaber, Korkenzieher etc. Also größeres Zeug, das nicht in meine beiden Vasen passt, in denen ich kleineres Werkzeug aufbewahre und die direkt an meiner Arbeitsfläche stehen: in einer Vase die kleinen Billoküchenmesser (die drei großen liegen brav alleine in ihren Schachteln, damit die Klingen nirgends gegendengeln), in der zweiten Pfannenwender und Kochlöffel aus Holz sowie meine geliebte Microplane-Reibe und eine Küchenschere. Das Zeug brauche ich dauernd, den Kram in der Schublade nicht. Ich zog also die Schublade auf – und sah folgendes:

Der kleine Racker hatte irgendwann Samstag abends noch eine dritte Reisetoblerone bei mir gelassen und sich, laut DM von gestern, schon gewundert, dass ich die noch nicht gefunden hatte. Da wäscht man EINMAL nicht gleich ab!

Ich war den ganzen Tag sehr gerührt. (Und muss bis Weihnachten keine Schokolade mehr kaufen. Okay, bis Anfang Dezember.)

Den Tag verbrachte ich zunächst mit dem Blogeintrag von gestern, der dann doch erstaunliche vier Stunden dauerte. Ich hatte ihn inhaltlich schon Sonntagabend im Kopf, war aber schreibfaul und dachte so launig, ach, schreibste morgens schnell runter. Ist klar.

Danach war wieder Schreibtischarbeit angesagt, zwischendurch holte ich die Sonntagsserien nach (Bob’s Burgers, The Last Man on Earth), dann gab’s eine Riesenportion Guacamole und ich ärgerte mich wieder darüber, dass ich keine Korianderplantage auf meiner Fensterbank habe, ich las Zeitung, und abends versackte ich vor Outlander. Ich wollte irgendwas Schnuffeliges gucken und Netflix spuckte mir eben Outlander aus bei „romantischen Serien“ oder wie auch immer die Kategorie heißt. Och jo. Das ließ sich nett nebenbei weggucken.

Gelesen: „The Underground Railroad“

Ich habe den kompletten Sonntag auf meinem Sofa verbracht, um das Buch durchzulesen, das ich am Samstag begonnen hatte: The Underground Railroad von Colson Whitehead, hier der Link zur deutschen Fassung, Übersetzung von Nikolaus Stingl. Nach dem Reinlesen in die deutsche Leseprobe glaube ich, dass die Übersetzung gut gelungen ist, denn was mir am Roman fast am besten gefallen hat, war seine unromanhafte Sprache, er liest sich fast dokumentarisch. Das ist allerdings auch genau die fiese Falle, in die man als Leserin tappt – man meint, historische Fakten mit einer Romanhandlung ummantelt zu lesen, was größtenteils falsch ist. Aber das hat mir noch vor der Sprache am besten gefallen.

Ich interessiere mich schon recht lange für den Amerikanischen Bürgerkrieg bzw. seine Vorgeschichte sowie die Zeit danach (Reconstruction). Neben Machwerken wie Vom Winde verweht, das ich mit 13 erstmals las und damit ein richtig schön falsches Bild der Südstaaten vermittelt bekam, habe ich aber, soweit ich mich erinnere, keinen Roman über diese Zeit gelesen, auch Onkel Toms Hütte nicht. Stattdessen las ich ausgezeichnete Werke wie James McPhersons Battle Cry of Freedom: The Civil War Era (hier auf deutsch), das ich schon hundertmal in diesem Blog empfohlen habe und ich höre auch nicht auf damit, sowie Eric Foners Reconstruction: America’s Unfinished Revolution, 1863-1877 oder Slavery By Another Name: The Re-Enslavement of Black Americans from the Civil War to World War II von Douglas Blackmon, das sich mit den Langzeitfolgen des Krieges beschäftigt. Daher wusste ich, dass die Underground Railroad nicht wirklich eine Bahnstrecke ist, sondern ein Netzwerk aus Menschen und Wegen, die geflohene Sklaven in den vermeintlich sicheren Norden brachten. „Vermeintlich“ wegen der Fugitive Slave Laws, die Sklaven nicht automatisch zu freien Menschen werden ließen, sobald sie die Südstaaten hinter sich gelassen hatten. Der Roman tut nun aber so, als ob die Underground Railroad genau das ist, wonach es klingt: eine unterirdische Bahnstrecke, von Unbekannten in die Felsen und in den Grund geschlagen, auf der Züge verkehren, die Sklaven und Sklavinnen schnell über weite Strecken transportieren.

Ich habe mich recht lange während des Lesens gefragt, warum Whitehead zu diesem Kniff gegriffen hat. Ohne jetzt groß Rezensionen gegoogelt zu haben, glaube ich, dass diese Möglichkeit des weiten Reisens (wenn man eine Flucht als Reise bezeichnen will) ihm schlicht die Möglichkeit gab, mehrere Staaten der USA und der späteren Konföderierten zu beschreiben bzw. ihre jeweilige Auffassung von Recht und Gesetz, dem Umgang mit der schwarzen Bevölkerung und der eigenen Geschichte. Teils fiktiv, teils immerhin historisch inspiriert. (Zum Beispiel das Kapitel zu Indiana.)

Die Sklavin Cora ist die Figur, der wir hauptsächlich folgen, aber wir erfahren in kleinen Einzelkapiteln auch Hintergrund zu anderen, zum Beispiel zum slave catcher Ridgeway. Dessen Vater war Schmied und sein Gehilfe, ein amerikanischer Ureinwohner, erzählte gerne vom great spirit, in dessen Namen nun auch der Vater arbeitete. Der Sohn schlug eine andere Karriere ein. Das Buch klingt streckenweise so, oft einen historischen Fakt (die Maßlosigkeit der Menschenjäger) mit einer deskriptiven und doch evokativen Sprache verbindend:

„Ridgeway gathered renown with his facility for ensuring that property remained property. When a runaway took off down an alley, he knew where the man was headed. The direction and aim. His trick: Don’t speculate where the slave is headed next. Concentrate instead on the idea that he is running away from you. Not from a cruel master, or the vast agency of bondage, but you specifically. It worked again and again, his own iron fact, in alleys and pine barrens and swamps. He finally left his father behind, and the burden of that man’s philosophy. Ridgeway was not working the spirit. He was not the smith, rendering order. Not the hammer. Not the anvil. He was the heat.“ (S. 96)

Das nächste Zitat hat mir besonders gefallen, was vermutlich am Gegenstand liegt, der hier beschrieben wird. Gleichzeitig schwingen zwei Dinge mit: dass Cora als Nicht-Mehr-Sklavin inzwischen lesen gelernt hat und dass ihr inzwischen Dinge gehören. Vieles, was sich ändert, wird so fast nebenbei abgehandelt; das Buch macht kein großes moralisches Fass auf. Das muss es gar nicht, die Diskussion um Sklaverei verbietet schlicht mehr als eine Seite oder Meinung. Aber wieviel sich ändert, nicht nur im Großen, sondern im Kleinen, vermittelt das Buch auf vielen Seiten in intimen Szenen wie dieser hier:

„The almanac had a strange, soapy smell and made a cracking noise like fire as [Cora] turned the pages. She’d never been the first person to open a book.“ (S. 301)

Wir lesen auch die Biografien von anderen Geflohenen, von Helfern und Helferinnen und auch von einer Angehörigen von Cora. Darauf habe ich das ganze Buch gehofft – ich hatte bräsigerweise das Inhaltsverzeichnis überblättert, in dem ich schon hätte sehen können, dass auch Coras Mutter ein paar Seiten gewidmet werden. (Daher ist das kein Spoiler. Hoffe ich.) Ein Hauptmotiv in Railroad ist das Entwurzeltsein, das Gefühl, nirgends hinzugehören. Zu wissen, man stammt aus Afrika, aber nicht zu wissen, woher genau, keine Familie zu haben, als Eltern in Sklaverei nicht zu wissen, ob man seine Kinder wachsen sehen wird, weil die Chance groß ist, dass sie verkauft werden, all das schwingt immer mit, wenn Cora nach ihrem Platz sucht.

(Kleiner Einschub: Die eigene Familie zu finden, beschäftigte ehemalige Sklaven und Sklavinnen noch lange Zeit. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts fanden sich in Zeitungen Anzeigen, in denen nach Familienmitgliedern gesucht wurden. (Foner 1988, 84.) Gleichzeitig gab es Lithografien wie diese hier, mit denen man einen eigenen Stammbaum begründen konnte.)

Cora macht sich außerdem Gedanken über die Weißen und ihren Umgang mit dem Land und den Menschen, die andere Hautfarben haben. Es wird oft angedeutet, dass die Vereinigten Staaten ein Land sind, das auf Verbrechen gegründet wurde: der Mord an den amerikanischen Ureinwohnern, die unrechtmäßige Landnahme und natürlich die Sklaverei, ohne die vor allem die Südstaaten nicht so einen großen wirtschaftlichen Aufschwung erlebten. Der allerdings immer noch geringer war als der der Nordstaaten: 1850 besaßen die Südstaaten gerade 18 Prozent der Produktionskapazitäten, obwohl sie 42 Prozent der Gesamtbevölkerung stellten. 70 Prozent der Baumwolle wurden in den Norden exportiert, wo die Webereien aus dem Rohstoff Kleidung herstellten, die zu höheren Preisen exportiert werden konnte. Nur fünf Prozent der Ernte wurde in den Südstaaten verarbeitet. (McPherson 1988, 91.)

Auch die Tatsache, dass in vielen Landkreisen der Südstaaten mehr schwarze als weiße Menschen lebten, wird angesprochen; einerseits hoffnungsvoll aus der Sicht von Cora, andererseits ängstlich aus der Sicht der Plantagenbesitzer und slave catcher, denen durchaus bewusst ist, dass sie im Falle einer Revolte zahlenmäßig weit unterlegen wären.


(Quelle: James McPherson, Battle Cry of Freedom. The Civil War Era, New York 1988, S. 101. Man sieht sehr gut, dass gerade die Gebiete, in denen die arbeitsintensive Baumwolle angebaut wurde, eine große schwarze Bevölkerung haben.)

In The Internal Enemy von Alan Taylor las ich, dass gerade die zahlenmäßige Überlegenheit das bescheuerte Denkgebäude der Sklavenhalter noch wackeliger machte. Ihre Begründung für die Rechtmäßigkeit von Sklaverei war, dass Schwarze minderbemittelt seien und die guten Weißen sich quasi um sie bemühten, indem sie ihnen ein Dach über dem Kopf und Nahrung zur Verfügung stellten – im „Tausch“ gegen Arbeitskraft. Ohne die Weißen wären die Schwarzen quasi hilflos. (Ich kann dieses paraphrasierte Zitat leider gerade nicht belegen, weil ich das Buch nur aus der Bibliothek geliehen hatte.) Dass diese Auffassung kompletter Blödsinn war, war den meisten spätestens nach den ersten Revolten klar, als sehr deutlich wurde, wie groß die Sehnsucht nach Freiheit war. Als der Anteil der schwarzen Bevölkerung immer größer wurde, nahm auch die Angst vor weiteren gewaltsamen Auseinandersetzungen zu. Auch deswegen neigten viele Sklavenhalter zu großer Brutalität – grausame Strafen sollten zur Abschreckung vor Flucht oder Ungehorsam dienen. Gleichzeitig durften diese Strafen aber nicht so schwer sein, dass Sklaven und Slavinnen arbeitsunfähig wurden, denn sie waren schlicht wertvolles Gut, für das man durchaus hohe Preise gezahlt hatte. (Der slave catcher im Buch spricht nie von he oder she, wenn er über die Menschen redet, denen er nachstellt, sondern stets von it, dem Besitz, dem Ding.)

In Railroad Unterground gibt es also diverse Themen, die angerissen und aus der Sicht von Cora geschildert werden. Whitehead beschreibt die verschiedenen Staaten, in denen Cora sich aufhält, unterschiedlich, und auch hier vermischt er wieder Fakten mit Fiktion oder deutet Dinge an, die noch nicht passiert sind. Der Roman scheint vor dem Bürgerkrieg zu spielen, aber als Cora sich in Tennessee bewegt, wird verbrannte Erde beschrieben, verkohlte Häuser, schwarze, kahle Bäume, was ich als Vorausahnung auf den Bürgerkrieg interpretieren würde. In einer anderen Situation erinnerte mich Cora an Anne Frank, was ich für keinen ganz schiefen Vergleich halte, in einer anderen an ausgestellte Menschen in Tierparks, auch hier in Deutschland. Ich weiß bei beidem nicht, ob es diese Vorbilder auch in den USA gab, aber ich hatte das Gefühl, dass Whitehead hier bewusst die Geschichte auf weitere Verfolgte weltweit ausdehnt. Auch daher halte ich seinen Kniff, die Underground zu einem echten Zug zu machen, für einen genialen Trick, um der Leserin eine viel größere Welt zu eröffnen – und damit eine Welt an Problemfeldern, die eben nicht auf eine kurze Zeit in den Südstaaten begrenzt und damit erledigte Geschichte sind, sondern bis heute vorherrschen oder einen Einfluss auf heutige Politik haben.

(Noch ein Einschub: Mit der unsäglichen Aussage John Kellys, der Bürgerkrieg wäre deshalb ausgebrochen, weil man keinen vernünftigen Kompromiss hatte finden können, hat sich unter anderem Ta-Nehisi Coates auf Twitter beschäftigt. Der Thread hat leider zu viele Antworten, um vernünftig angezeigt zu werden, aber ich fand den verlinkten Tweet mit dem Link zu einer Quelle sehr wichtig; in ihr wird ganz klar auf Sklaverei als Wirtschaftsfaktor hingewiesen, was die Entwicklung der Argumentation von Weißen beschreibt: vom angeblich guten Förderer der schwarzen Rasse zu ihrem Ausbeuter. Ich halte Coates für einen derzeit sehr wichtigen Autoren, der eine sehr herausfordernde und unbequeme Sichtweise auf die amerikanische Geschichte der Schwarzen hat, und verweise einmal mehr auf sein neues Buch mit Essays aus den vergangenen Jahren, darunter auch das meiner Meinung nach bahnbrechende und sehr informative The Case for Reparations.)

Zurück zu Underground Railroad: Während des Lesens erinnerte ich mich an viele der Dinge, die ich eben erwähnte, während ich andere nachschlagen musste, weil ich selbst nicht sicher war, was jetzt Fakt und was Erfindung war. Ich mochte dieses Leseerlebnis sehr gerne. Vielleicht inspiriert es Menschen, die noch nicht so viel zu diesem Teil der amerikanischen Geschichte gelesen habe, auch dazu, wenigstens mal in der Wikipedia rumzuklicken. Und neben dem Lerneffekt ist das Buch sehr unwiderstehlich geschrieben. Ich habe es, wie erwähnt, an knapp zwei Tagen durchgelesen und lege es euch hiermit sehr ans Herz. Auch wenn euch der Bürgerkrieg nicht die Bohne interessiert.

Tagebuch, Samstag, 4. November 2017 – Unentschieden

Ich begann den Tag mit hammerhartem Rumlungern. Keine Lust zu putzen, keine Lust einzukaufen. Ich daddelte Hay Day auf dem iPad, las Zeitung (pünktlich im Briefkasten!) und wartete darauf, dass es Mittag wurde, um mich für die Fahrt nach Augsburg in Stadionklamotten zu werfen.

Stadionklamotten und ich werden immer noch keine Freunde. Ich weiß nie, was ich anziehen soll – welches Trikot ist schon klar, aber: wieviele Lagen? Welche Jacke? Schon die Winterstiefel oder gehen noch Sneakers? In Augsburg kommt noch dazu, dass wir immer in der beknackten Sonne sitzen, das heißt, ich brauche meist ein Cap und meine Sonnenbrille, um das Spiel entspannt verfolgen zu können. Die wollen auch irgendwo untergebracht werden und damit entscheidet sich meist die Jackenfrage, denn meine schnuffelige MärzbisNovemberjacke von Nike, unter die eben ein bis drei Shirts kommen, hat gerade zwei lausige Taschen ohne Reißverschluss. Da passt nicht mal mein Sonnenbrillenetui rein. Ja, Etui, denn ich trage ja bereits eine Brille, die ich bei Sonne eben tauschen muss. Die hat natürlich geschliffene Gläser und war dementsprechend teuer, weswegen ich die nicht einfach so locker im Shirtkragen rumbaumeln lasse. Deswegen entschied ich mich gestern für die Regenjacke mit vier Taschen, zwei davon mit Reißverschluss, wo Dinge wie Asthmaspray und Hausschlüssel reinkommen. In eine der großen Innentaschen passen Cap und Brille, in die andere kommt meist mein Stadionbuch. Eintritts- bzw. Dauerkarte und Stadionbezahlkarte sowie Semesterticket (Ticket, Studi-Ausweis, Perso, ja, die MVG nimmt das Semesterticket sehr ernst) stecken in diversen Hosentaschen.

Ich finde es sehr angenehm, dass F. damit keine Probleme hat, wenn ich im Zug nicht dauernd reden, sondern lesen oder stumm aus dem Fenster gucken möchte. Er selbst zückt dann halt sein Handy und so zuckeln wir 40 Minuten schweigend gen Augschburg. Beim Abtasten am Stadioneinlass werde ich natürlich immer gutmütig angefrotzelt, ob ich ein so langweiliges Spiel erwarte, aber das ist okay, für Bücher rechtfertige ich mich gerne.

Beim letzten Spiel, wo es kühler war als gestern, trug ich unter der Regenjacke noch die Nike-Schnuffeljacke; auf die hatte ich gestern verzichtet, es sollten laut iPhone 14 Grad und Sonne sein. Waren es auch. In der ersten Halbzeit saß F. im Shirt neben mir, was mir ein winziges bisschen zu kühl war, aber es wäre noch gegangen. In der zweiten Halbzeit war die Sonne bereits hinter dem Stadion verschwunden, und es wurde merklich kühler. Ich fror nicht, aber eine zweite Jacke wäre auch okay gewesen. Vielleicht ahnt ihr jetzt, warum ich mir immer und ewig einen Kopf darüber mache, was ich im Stadion trage. Manchmal denke ich an eine Bekannte, die in der Allianz-Arena immer in der Südkurve stand und 90 Minuten anfeuerte: „In der Kurve wird dir nie kalt.“ Ich sitze dann aber doch lieber rum als zu hüpfen.

Das Spiel selbst war spannend und endete 1:1. Vor dem Spiel wäre ich total mit einem Unentschieden gegen Leverkusen zufrieden gewesen; nach dem Spiel war ich dann aber doch quengelig, weil mehr drin gewesen wäre.

Während des Spiels hörte man plötzlich ein lautes Brummen und ich wollte mich gerade an F. wenden und fragen, was das für ein Geräusch wäre, als ein ADAC-Hubschrauber direkt über dem Stadion auftauchte. Er überflog es aber nicht, sondern schien kurz über der Dachöffnung zu kreisen. Zuerst dachte ich, haha, da wollen die Piloten oder Pilotinnen nach einem Einsatz vielleicht noch ein bisschen Fußball gucken, aber der direkte Gedanke danach erschreckte mich dann selbst ein bisschen. Der Hubschrauber stand kurz über dem Rasen und ich dachte: Hatten wir Hubschrauber als Terrorwaffe schon?

Ich ärgerte mich selbst über den Gedanken, war die nächsten 45 Sekunden aber doch sehr angespannt, als ich dem Hubschrauber durch die durchlässige Fassade zusah, direkt neben dem Stadion zu landen. Wie wir abends nachlasen, hatte sich anscheinend ein Zuschauer verletzt und benötigte Hilfe. Ich ärgerte mich immer noch über meinen blöden Gedankengang. So ganz haben die Terroristen nicht gewonnen, weil ich und viele andere immer noch zu Großveranstaltungen gehen, Konzerte und Weihnachtsmärkte besuchen, Rad fahren und einfach unser Leben leben, ihr Arschlöcher. Aber ein bisschen sind sie anscheinend doch in meinem Kopf.


Stadionbuch. Macht vom Thema her natürlich überhaupt keinen Spaß, liest sich aber bis jetzt unwiderstehlich.

Wir fuhren ähnlich schweigend zurück wie wir hingefahren waren. Abends bekochte ich F. noch mit Kürbisrisotto, das von diesem Spiegel-Rezept inspiriert war. Den Schinken habe ich mir geschenkt, und auch die verschieden geschnittenen Kürbisstückchen habe ich vereinfacht (Einheitsgröße FTW), aber was richtig toll war: weißer Pfeffer. Der brachte einen mir bisher ungekannten Geschmack ins Risotto, das ich bis auf die Zugabe von Kürbis und weißem Pfeffer wie immer zubereitete – Butter, Zwiebeln, Reis, Weißwein, Hühnerbrühe, Parmesan. Und ständig rühren! Ich weiß, darüber gehen die Meinungen auseinander, aber ich gehöre zum Team Ständig Rühren.