Tagebuch, Montag, 29. August 2016

Regen! Es regnete! Wo-hoo!

Ich hatte keine Lust, mit der U-Bahn zu fahren und setzte mich aufs Rad, als es gerade trocken war. Nach drei Stunden im ZI war ich mit der Arbeit fertig und wollte nach Hause. Regen! Es regnete! Wer hätte es gedacht. Gnarf.

Da mir warmer Sommerregen aber ziemlich egal ist, vor allem, wenn ich gerade mal anderthalb Kilometer fahren muss, band ich mir ein Tuch um den Kopf, damit die Brille nicht ganz nass wurde und radelte los. Ich mag das Gefühl von nassen Armen, wenn es warm ist. Ich mag das Gefühl von nassen Hosen nicht ganz so, aber ich war ja schon fast zuhause – als ich merkte, dass mein Fahrrad schlingerte und ich nur sehr schwer geradeaus fahren konnte. Ein Blick nach unten zum Reifen … platt. Von einer Sekunde auf die andere. Ich schob das Rad die letzten 300 Meter und jammerte in mich rein. F. hatte mir beim letzten Platten schon gezeigt, wie ich den Schlauch wechseln könnte, aber damals hatte ich nur zugeguckt. Heute abend versuche ich das mal selbst (unter fachkundiger Anleitung).

Die Leo-von-Welden-Arbeit an die geschätzte Korrekturleserin gemailt. Bis gestern morgen haderte ich und überlegte, Bildbschreibungen rein, Bildbeschreibungen raus … was hätte ich noch für schönen Platz, wenn ich rauswerfe und einfach Bildbeispiele in den Anhang packe, ohne sie groß zu diskutieren … hm … das kam mir aber für eine kunsthistorische Arbeit irgendwie billig vor, daher blieben sie drin, ich kürzte gnadenlos an Einleitung und erstem Kapitel rum und konnte schließlich sogar meinen schon gekillten Darling mit Oskar Maria Graf wieder reinpacken. Mal sehen, was die Korrekturfee sagt.

Ich warte noch auf Feedback vom Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg zum Kunsthaus Schaller, in dem Leo 1944 eine seiner zwei Einzelausstellungen zur NS-Zeit hatte, aber ich weiß nicht, ob da überhaupt was kommt und wenn ja, wann. Abgabetermin für die Arbeit ist am 15. September, und wenn wirklich was zu finden sein sollte, kann ich das hoffentlich noch einfügen.

Ich fühle mich jetzt ganz wohl mit der Arbeit, weil sie Forschungslücken schließt – das konnte ich bisher nicht so oft von mir behaupten, aber hier schon, weil vor mir eben noch keiner an dieser betreffenden Stelle im Archiv gewühlt hat. Das fühlt sich gut an; trotzdem weiß ich, dass ich noch viel mehr zu sagen gehabt hätte, mich aber die olle Zeichenbegrenzung nicht lässt. Aber ich habe ja noch ein Semester lang Zeit, das alles nachzutragen, denn im Zuge der Ausstellungsvorbereitung findet im Wintersemester eine Fortsetzung dieses Seminars statt.


Fat Shaming is Not an Individual Problem, It’s a Cultural One

Lesley Kinzel schreibt über den Scheißsatz „Kurven haben, ja klar, aber dick sollte sie nicht sein“ der neuen Body-Acceptance-Quatscher und was er für uns Dicke bedeutet.

„[W]hen an indubitably average-sized woman is praised for writing about the terrible injustice of being called fat by a stranger, I have a very complicated suite of feelings to go with that. I agree wholeheartedly that it is bullshit that she should have to suffer such nonsense. I validate her ferocious refusal to apologize for her body. And I also feel angry, because I know the same perspective written by an obviously, visibly fat woman, a woman who is not sorry for being fat and who is not attempting to become smaller — in short, a woman who looks like me — would not get anywhere near as much praise and support.

Because I am the woman who should be sorry about my body. I am the woman who doesn’t get to rail against the injustice of being called fat, because that is what I am. I’m actually fat, the kind of fat that makes some people not want to look me in the eye; the kind of fat that makes some people assume I am dying of obesologizing disease, like, right now, dying; the kind of fat that makes me embarrassing, or weird, or gross. It’s my fault, for going too far — I crossed a line I didn’t even see and this is my punishment. Meanwhile, in that other oft-repeated situation, where a woman in a size 10 dress is castigating the establishment that finds her body unacceptable, many of those people who wouldn’t make eye contact with me? They’re cheering for her.“

Was schön war, Sonntag, 28. August 2016

Gemeinsam aufwachen.*
Eiskaffee.
Bei der Bundesliga einschlafen.
Rührei, selbst bei 30 Grad, Rührei, Kinnings!

* Ja, das steht hier neuerdings öfter, auch gerne in der Variante „Gemeinsam einschlafen“. Mir ist in den letzten zwölf Monaten aufgefallen, dass das schlicht das größte Glück ist, für das ich nichts tun kann. Meine anderen Glücksmomente kann ich mir erarbeiten, ich kann lernen und lesen und Ausstellungen angucken oder den Sonnenuntergang, ich kann Wein und Käse kaufen, kochen (RÜHREI!), radfahren oder einfach auf meinem Sofa sitzen, meine Bücherwand anschauen und mich darüber freuen, dass ich gesund bin und ein Dach über dem Kopf habe. Okay, Gesundheit kann ich mir auch nur mittelbar erarbeiten, die ist auch Glückssache. Aber dieses Ding namens Liebe, darauf habe ich keinen Einfluss, ganz egal wie sehr ich mich selbst optimiere und wie oft ich auf Tinder bin. Unter 3,5 Milliarden Männern einen zu finden, der einen toll findet und den man selber toll findet – das ist pures, blödes Glück. Ich glaube, ich habe das in meiner letzten Beziehung manchmal vergessen. Das soll mir nicht noch mal passieren.

Was schön war, Samstag, 27. August 2016 – Ergebnisoffenes Fußballspiel

Eigentlich wollten F. und ich gestern einen längeren Augsburg-Ausflug machen; der Herr kommt aus der Ecke, kennt die Stadt gut und hätte mir bestimmt viel zu erzählen gehabt. Ein Blick auf das Thermometer ließ mich aber alle Pläne streichen – bis auf einen Punkt, auf den ich mich sehr gefreut hatte: das Fußballspiel Augsburg gegen Wolfsburg.

Wolfsburg hatte kurz vor der Saison Herrn Gomez verpflichtet, dessen Name mein Bayerntrikot ziert und so hegte ich die winzige Hoffnung, dass ich ihn mal wieder spielen sehen könnte. Ich ignorierte den Begriff „Trainingsrückstand“ bis eine Stunde vor Spielbeginn, als der VfL die Mannschaftsaufstellung twitterte und Gomez nicht mal auf der Bank saß. Wusste ich eigentlich, klar, aber die irrige Hoffnung stirbt zuletzt. Bei einem Tweet. Mpf.

Machte aber nichts. Wir waren gutgelaunt am Hauptbahnhof in München in einen klimatisierten Zug eingestiegen, knappe 40 Minuten später waren wir in Augsburg, wo uns eine ebenfalls klimatisierte Tram in gefühlt zehn Minuten zum Stadion fuhr. Dort ging es ungefähr 500 Meter bis vor die Tore – allerdings durch die pralle Sonne. Ich hatte mich zwar brav zuhause eingecremt, aber die blöde Sonnencreme nicht eingesteckt. Nach dem Generve mit dem Rucksack in der Allianz-Arena guckte ich dieses Mal lieber auf die Website des FCA, wo aber nichts davon stand, dass man keine Taschen etc. in die Arena mitbringen dürfte. Ich kam auch entspannt durch die Kontrolle, F. lotse mich fürsorglich von einer Schattenecke zur nächsten und besorgte auch erstmal was zu essen. Die Stadionwurst wurde von mir mit „sehr schmackhaft“ bewertet. Zu unseren Füßen stehen Apfelschorle und Radler.

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Dann war ich natürlich erstmal mit Architekturgucken beschäftigt. F. erzählte, dass die Fassade noch verkleidet werden soll, was ich sehr bedauern würde; ich mag es, wenn man Gebäuden ihre Konstruktion ansieht. Gerade bei solchen Kolossen wie Stadien gucke ich Säulen und Streben sehr gerne an. Und Dächer! Ich liebe Dächer. Und so clever ich es finde, dass man in der gewaltigen Allianz-Arena nicht sieht, wie die weite Vorkragung in den Innenraum funktioniert, so sehr mag ich es in kleineren Stadien (in die WWK-Arena gehen 30.000 rein, in die Allianz-Arena 75.000), dass man es sieht.

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Das Spiel selber hat mir gefallen, weil es ergebnisoffen war. Das ist jetzt Jammern auf sehr fiesem Niveau, aber wenn man Bayernspiele in der Liga guckt, fragt man sich eigentlich nur noch, wie hoch der FCB gewinnt und nicht, ob überhaupt. Ich persönlich freue mich immer auf Leverkusen, Gladbach und Dortmund, weil ich den Mannschaften zutraue, gegen die Bayern anzustinken. Bei allen anderen muss die Tagesform schon verdammt gut und bei Bayern verdammt schlecht sein, wenn da was gehen soll. Das Jammern ist: Es ist langweilig, wenn die Mannschaft immer gewinnt. So, jetzt hab ich’s gesagt.

Ich erinnere mich bei derartigen Anwandlungen allerdings immer an Steffi Graf, die nach einem Sieg mit 6:1, 6:1 oder so über die Pfiffe des Publikums irritiert war, das gerne ein längeres Match gesehen hätte: „Was wollt ihr denn?“ Womit sie natürlich recht hatte. Es geht in erster Linie um den Sieg, genau wie im Fußball. Trotzdem ist es allmählich nervig, wenn man sich als Bayernfan eigentlich nur noch auf die K.O.-Phase der Champions League freut, weil da endlich richtige Gegner auflaufen. In der Liga stellen sich so gut wie alle hintenrein, hoffen, nicht allzuviele Tore zu kassieren und dass die 90 Minuten schnell rum sind.

Deswegen hat mir das Spiel gestern wirklich Spaß gemacht, weil beide Mannschaften die Möglichkeit hatten, zu gewinnen. Dass Wolfsburg mit 2:0 nach Hause gegangen ist, war dann natürlich trotzdem doof, weil gerade das erste Tor, so hübsch es auch anzusehen war, total aus dem Nichts kam. Beide Mannschaften hakelten sich gerne im Mittelfeld fest, was ich als Bayernfan ja kaum noch kenne. Überhaupt ist mir erst gestern klar geworden, dass die ganzen Kommentatoren recht haben, wenn sie sagen, dass Bayern in einer anderen Liga spielt. Wie brutal gut sie sind, merkt man erst, wenn man sich andere Mannschaften länger anguckt als in der fünfminütigen Zusammenfassung bei „Alle Spiele, alle Tore“. Ballannahme, Ballbehandlung, Spielübersicht, Passgenauigkeit, das gnadenlose Streben nach vorne, kaum Querpässe und natürlich der eiskalte Abschluss – das ist wirklich ein Klassenunterschied. Das weiß ich jetzt auch zu schätzen. (Trotzdem: Spannung, niggeldi, niggeldi.)

Was mir das Spiel in den letzten 20 Minuten etwas verleidet hat, war die olle Sonne, die nicht brav auf der Fankurve geblieben ist, sondern wanderte, das Mistding. Irgendwann saßen wir in der prallen Sonne und trotz Basecap, Sonnenbrille, langer Hose und Fächer, mit dem ich irgendwann wenigstens einen Unterarm bedeckte anstatt zu fächern, meinte ich meine Haut wimmern zu hören. Direkte Sonneneinstrahlung ist etwas, das ich sehr großflächig vermeide, ich wechsele ohne nachzudenken die Straßenseite, wenn da drüben Schatten ist, und wenn ich im Sommer nicht raus muss, dann mache ich das auch nicht. Ich empfinde Hitze als lästig, und die Sonne direkt abzukriegen, ist für mich wirklich körperlich unangenehm. Die Idee, mich an einen Strand zu legen und stundenlang vor mich hinzubraten, lässt mich nur fassungslos zusammenzucken. Wenn ich mit Leuten unterwegs bin und der unvermeidliche Satz fällt „Ach, lasst uns doch draußen sitzen, es ist so schön“, denke ich immer nur, aber da drinnen ist es dunkel und kühl und man muss nicht dauernd Insekten vom Essen verscheuchen, DAS ist schön. Auch ein Grund, warum ich selten mit Leuten unterwegs bin.

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Aber gut. Jetzt weiß ich, wo in Augsburg die Sonne hinwandert und kann mich mit langärmigen Dingen und einem größeren Hut vorbereiten. Der Rucksack bleibt nächstes Mal auch zuhause, denn die Sitze sind enger als in der Allianz-Arena, die ich auch als dicker Mensch als durchaus bequem empfinde. Ein nächstes Mal wird es bestimmt geben; das hat – bis auf die letzten 20 Minuten – wirklich Spaß gemacht. Natürlich auch wegen der Kleinigkeiten, die den FCA so charmant machen: dass der gegnerische Kapitän keinen blöden Wimpel kriegt, sondern eine Marionette aus der Puppenkiste, die sich von Saison zu Saison ändert – derzeit ist es die Prinzessin Li Si – und dass das Kasperle vor jedem Spiel den Ausgang tippt. (Meist falsch. Egal.)

Was schön war, Donnerstag/Freitag, 25./26. August 2016

Am Donnerstag saß ich wieder den ganzen Tag im ZI und krempelte meine Hausarbeit großflächig um. Vorher wollte ich von Welden schlicht in seine Zeit einordnen, merkte nun aber, dass ich viel zu viel schönes Zeug hatte, das nicht so recht zum Thema passt, aber deutlich spannender ist als mein erster Ansatz und vor allem gewisse Tendenzen in der Forschungsliteratur gnadenlos (und elegant) widerlegen kann. Jetzt arbeite ich mich ausschließlich am Begriff des Expressiven Realismus in Bezug auf von Welden ab, der so schwammig ist, dass er für mich nicht mal ein Begriff ist. (Ich verwies bereits auf die schöne Kritik von Herrn Schneede, den ich sehr gerne lese.)

Das ist der Absatz, an dem ich hauptsächlich andocke (aus der oben verlinkten Website):

„Weil die damals jungen Maler, von einer derartigen Einstellung beflügelt, ihr Werk schufen – wobei viele zunächst an damals moderne Stile anschlossen, beim Kubismus oder der Neuen Sachlichkeit – , galten sie in der Kunstgeschichte lange Zeit als „Einzelgänger“. Nun aber, aus der zeitlichen Distanz, tritt bei aller Individualität der Handschriften, die eine Subsummierung unter einem Ismus problematisch machte, die gemeinsame Haltung dieser realistischen Maler des vergangenen Jahrhunderts immer deutlicher hervor – nicht im stilistischen Detail, aber in der malerischen Grundhaltung gegenüber der Erscheinungswelt und in einer ähnlichen Auffassung vom Wesen der Bildkunst.

Diese Maler aber gerieten in die politischen Turbulenzen des 20. Jahrhunderts, sie mussten nicht nur unter der nationalsozialistischen Diktatur, sondern weiterhin nach 1950 im Abseits der öffentlichen Wahrnehmung ihr Werk schaffen: Im Westen aufgrund der Bevorzugung der ungegenständlichen Malerei, im Osten wegen des staatlich geforderten Sozialistischen Realismus.“

Einen Stil dadurch definieren zu wollen, dass er eine gewisse Haltung der Künstler*innen widerspiegelt, halte ich ja eh schon für gewagt. Bei von Welden kommt aber noch dazu, dass aus seinen Bildern keine Haltung klar wird, höchstens die, dass er gerne altmeisterlich gearbeitet hat und mehr Rembrandt ähnelt als Daumier, was immer gerne für ihn in der Literatur herangezogen wird. Sehe ich schlicht nicht.

Gerade in seinen Zeichnungen kommt für mich deutlich mehr barocke Lebensfreude zum Ausdruck als eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit; genau das sieht nämlich Rainer Zimmermann, der Erfinder dieses Begriffs, als ein Zeichen für den Expressiven Realismus. (Über das große E könnten wir auch noch mal reden.) Laut Zimmermann bewältigten die Maler*innen, die um die Jahrhundertwende geboren wurden und die zunächst einfach mal deshalb zu den Künstler*innen des ExprzRealzz gehören, die „schonungslos erfahrene Wirklichkeit gestaltend“ (Zimmermann 1994, S. 11). Macht von Welden nicht. Die einzige Wirklichkeit, an der er sich künstlerisch abarbeitet, ist die Zeit des Nationalsozialismus, was sich an seinen Werken in der Großen Deutschen Kunstausstellung zeigt.

Damit ist dann auch das zweite Kennzeichen des ER hinfällig: dass die Künstler*innen ihr Werk abseits der Staatskunst und unter Ausschluss der Öffentlichkeit produzieren mussten. Ich kann von Welden inzwischen Presse- und Buchillustrationen von 1934 bis 1941 und Ausstellungsbeteiligungen bzw. -einreichungen von 1937 bis 1944 nachweisen, und ich bin mir sicher, dass meine Liste nicht vollständig ist. Nach 1945 erlangte er im Umkreis von Rosenheim eine gewisse lokale Berühmtheit, was ihn als Teil des ER endgültig hinfällig macht (und er musste dafür nicht mal schlimm, SCHLIMM ungegenständlich malen). Für die Zeit nach 1945 habe ich allerdings keinen Platz mehr in der Arbeit.

Am Donnerstag abend hatte ich das Gefühl, was richtig Anständiges produziert zu haben. Das lasse ich jetzt ein Wochenende rumliegen und gucke Montag noch mal frisch drauf.

Den gestrigen Freitag verbrachte ich dementsprechend mit geistigem Urlaub, der sich darin zeigte, dass ich sowohl beim Lesen als auch beim Seriengucken ständig einschlief. Ich war anscheinend müder als ich dachte.

Erst gegen 16 Uhr war ich halbwegs unter den Menschen, und um 18 Uhr klingelte mein Handy: Der ehemalige Mitbewohner wollte nicht so recht in die Allianz-Arena, ob ich seine Karte haben wolle? Wollte ich! Frohgemut holte ich das Gomez-Trikot aus dem Schrank, entschied mich aber mit einem Blick auf die Außentemperaturen, die sich 30 Grad näherten, doch gegen das Polyesterding und zog ein schlichtes rotes Shirt an, packte meinen üblichen Stadionrucksack, bekam die Karte an die Haustür geliefert und ging schnurstracks zur U-Bahn.

Ich habe immer noch keine richtige Stadionroutine, weil ich nicht so oft gehe (Eintrittspreise), daher bin ich lieber viel zu früh da und gehe sehr gemütlich die ungefähr ein Kilometer lange Esplanade von der U-Bahn zur Arena hoch. So kam ich gestern auch sehr entspannt an, fing auf dem Weg noch einige neue Pokémon, was an den Lockmodulen gelegen haben könnte und nahm irritiert wahr, dass die Arena in der Pokémonwelt gelb war. GELB! Kurz darauf war sie blau, was auch nicht besser war. (1860 München spielt in blau.) Aber das war jetzt wurst, ich war an der Einlasskontrolle, nahm meinen Rucksack ab, um ihn vorzuzeigen – und in dem Moment fiel mir die neue Stadionordnung ein, die besagte, dass keine Taschen mehr mitgenommen werden dürfen, die größer als DIN A4 sind. Da war ich locker drüber. Ich versuchte trotzdem sinnloserweise, die Dame am Einlass zu bequatschen: „Hier, da ist bloß ne Basecap drin und ne Sonnenbrille … und Asthmaspray und Labello und mein Portemonnaie und mein Schlüsselbund und mein Buch und mein Fächer und ein kleines Handtuch, weil ich halt schwitze und das doof finde … aber sonst echt nix, nicht mal ne Flasche!“

Es nützte natürlich nichts, ich musste umdrehen und die ganze Esplanade wieder runterrennen, denn das Zelt, in dem man das Zeug abgeben konnte, stand natürlich am Anfang des Wegs. Eigentlich clever, für mich jetzt eher doof. Es war auch schon 20 Uhr, weil ich sehr entspannt nach oben gegangen war. Jetzt nicht mehr. Mit mir waren noch andere berucksackte Fans auf dem Weg nach unten, also vom Stadion weg, darunter auch zwei am Trikot erkennbare Werderfans, zu denen ein Bayernfan meinte: „Na komm, SO aussichtslos ist es auch nicht!“ (Das Spiel ging 6:0 aus.)

Im Tal gab ich den Rucksack ab, stopfte mir mein überdimensioniertes Portemonnaie in die Hosentasche und hüpfte wieder in Richtung Stadion. An der Einlasskontrolle standen die letzten Menschen, denn es war 20.28 Uhr. Direkt vor mir zeigte eine äußerst attraktive Dame gerade ihr Handtasche vor, die ungefähr doppelt so groß war wie mein Rucksack. Ihr ebenso attraktiver Begleiter meinte zur Abtastdame, dass seine Perle nur englisch könne, sie wär nicht von hier, sie wusste nix von den Vorschriften, ob das nicht mal ausnahmsweise … und sie wurde durchgewunken. Ich war zu genervt, um mich drüber aufzuregen, aber jetzt bin ich doch wieder pissig. Auch im Stadion sah ich mehrere Menschen mit größeren Taschen und überlegte, ob dicke Menschen mit Sneakers eher nach Terroristen aussehen als schlanke auf Stöckelschuhen, aber wurst. Es war 20.29 Uhr und ich saß auf meinem herrlichen Platz, fang an, neue Saison!

Nach dem Spiel gab’s zwei wohlverdiente Bierchen am Löschzug, ich sprach mit netten Menschen und fing nebenbei – endlich mal in Gesellschaft! – noch ein Pokémon. Stärker verschwitzt als geplant wieder nach Hause, sehr gut geschlafen.

Tagebuch, Mittwoch, 24. August 2016

Den ganzen Tag im Zentralinstitut für Kunstgeschichte gesessen und gelesen und geschrieben und nachgedacht und umformuliert. Hauptsächlich habe ich die Erkenntnisse aus meinem Wühlen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv aufgeschrieben, aber um die zu kontextualisieren, musste ich am Rest der Arbeit auch noch rumschrauben. Und als ich abends fertig war, stellte ich fest, dass ich schon bei 48.000 Zeichen bin. 45.000 bis höchstens 50.000 ist die Marke, bei der ich laut Prüfungsordnung landen soll.

Jetzt könnte ich ein bisschen kürzen, noch drei Zeilen Zusammenfassung rauswürgen und abgeben, aber so einfach geht das natürlich auch nicht. Der Plan war: Aus allen drei Lebensabschnitten von Weldens (Jugend, Ausbildung, erste künstlerische Gehversuche: 1914–1933; NS-Zeit, die in der bisherigen Forschung fast komplett ausgeblendet wird: 1933–1945; Nachkriegszeit und Spätwerk, das halbwegs okay erschlossen ist: 1945–1967) jeweils ein Bild beschreiben, das stellvertretend für seine Arbeit steht und es in den Zeitkontext einordnen. Also ganz doof: Hat er so gemalt wie alle zu der Zeit oder nicht. Bildbeschreibungen fressen aber, wie ich ja schon weiß, irre viele Zeichen, weswegen ich gestern abend dazu übergegangen bin, die Arbeit in eine andere Richtung zu drängeln.

Ich hatte nicht damit gerechnet, so viel über den Mann zu finden – die ganzen Ausstellungsbeteiligungen, die alleine knapp zwei Seiten füllen; die GDK-Sache, die ich erklären muss – was genau habe ich gefunden und was sagt mir das? Ein Foto, das ihn eher in die linke Ecke stellt, was es für mich noch verwunderlicher macht, dass er so schöne NS-Propaganda für die GDK pinselte. Alles Kram, den ich inzwischen für wichtiger halte als eine stilkritische Auseinandersetzung. Aber damit ist das Grundkonzept meiner Arbeit halt hinfällig.

Ich lese mir das jetzt gleich noch mal in Ruhe durch und gehe dann wieder basteln.

Was schön war, Montag/Dienstag, 22./23. August 2016

Ich stecke derzeit tief in meiner Hausarbeit und habe seit einigen Tagen diesen herrlichen Tunnelblick, der einem zwar den Blick darauf verstellt, dass F. nebenbei einen Mini-Madridurlaub für uns gebucht hat (ich werde Guernica sehen und kann es kaum erwarten) und ich noch Sternerestaurants und Hotels abnicken muss und ich Samstag endlich mal Zeug in Augsburg angucke und ich mir allmählich überlegen sollte, was genau ich da eigentlich sehen will (bisheriger Plan: Goldener Saal im Rathaus, Fuggerei, irgendeine Kirche, danach Fußball), aber der Tunnelblick sorgt eben auch dafür, dass ich allmählich die Biografie von von Welden drauf habe und sie in Archiven runterbeten kann, damit mir freundliche Menschen Akten rauslegen, von denen sie glauben, dass sie mir nützlich sein könnten oder ich in der Bibliothek wild nach Sekundärliteratur suche in Ecken, in denen ich bisher noch nicht gewühlt habe.

Gestern war ich im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, wo ich nach der Entnazifizierungsakte fragte, die übrigens im Archivjargon Spruchkammerakte heißt. Lag nicht vor, was mir von Welden schon wieder sympathisch machte (auch dass ich aus dem Schreiben an die Gauleitung München-Oberbayern weiß, dass er kein Parteimitglied war, macht ihn mir sympathisch). Stattdessen lagen aber Einlieferungsbücher vom Haus der (Deutschen) Kunst vor, auf die ich nicht mal warten musste, sondern die mir ein freundlicher Herr nach wenigen Minuten in den Lesesaal legte. Und das Tollste: Ich fand genau das, was ich erhofft hatte. Nicht in dem Umfang, den ich erhofft hatte – es sind nicht alle Einlieferungsbücher erhalten –, aber doch ausreichend für eine Tendenz, die ich verargumentieren kann. Was ich auch sehr nett fand: dass sich Archivangestellte mit einem freuen, wenn man was findet.

Was schön war, Sonntag, 21. August 2016

Jemanden zu haben, der morgens Croissants holt. Gemeinsam frühstücken.

Eine Ausstellung mit Grafiken von Picasso anschauen, in der auch Grafiken von anderen Künstlern (und, wenn ich richtig geguckt habe, immerhin einer Künstlerin) hingen und über genau das gleiche Bild lästern. I’m looking at you, Donald Judd. (Love you! Aber das Bild war einfach faul.)

Netten Menschen Kaffee und Tee in Omis Service kredenzen und bei Stachelbeerkuchen über Sitzrasenmäher sprechen.

(Achtung, Emo:) Sich in den schönsten Augen der Welt verlieren und sich wie ein fiepsiger Backfisch fühlen.

Fontane lesen. Zum Einschlafen ist das echt super.

Was schön war, Samstag, 20. August 2016 – Genießen

Gestern bekochte ich F. das erste mal anständig. Dass der Mann schon des Öfteren bei mir am Abendbrottisch rumgelungert hat, ist klar, aber so richtig mit festlicher Tischdecke, Omis Kerzenleuchtern und dem teuren Wein hatte ich ihn noch nicht bewirtet.

Von den Dingen, die mir aus Hamburg fehlen, ist das Esszimmer eins. Das war zwar in unserer 4-Zimmer-Wohnung der Raum, der am wenigsten benutzt wurde – irgendwann war es mein Arbeitszimmer und ich habe mein Buch darin geschrieben –, aber ich fand es immer toll, ein Esszimmer zu haben. Hier in München habe ich ein fantastisches Multifunktionszimmer: Es ist ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Bibliothek und ein Weinaufbewahrungsort. Zusätzlich habe ich eine Küche, die Platz für einen anständigen Tisch hat, weswegen sie Küche, Speisekammer, Arbeitszimmer und Weinaufbewahrungsort ist. (Meine Abstellkammer ist auch ein Weinaufbewahrungsort, und ich überlege gerade, ob ich auch den Flur zu einem machen könnte. Da geht noch was!)

Normalerweise räume ich den Schreibtisch leer, wenn Besuch kommt, aber gestern wollte ich nicht in der Küche essen, sondern in der Bibliothek. Während also Zeug auf und in meinem Ofen schmurgelte und blubberte, kippte ich den Tisch um, schleifte ihn durch den Flur in die Bibliothek und deckte ein.

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Dann stellte ich die Weine kalt. Ein Grund für die Einladung war meine letzte Flasche Emrich-Schönleber, den ich 2012 im reinstoff getrunken hatte und von dem ich danach dringend eine Kiste brauchte. Damals hat eine Flasche um die 60 Euro gekostet, weswegen ich ihn seeehr vorsichtig austrank. Eine einzige Flasche hatte ich bei meinem Umzug noch einpacken können, und ich weiß noch, dass sie in der letzten Kiste lag, die ich in München auspackte. Ich hatte in Hamburg tütenweise Wein verschenkt, aber ein paar Lieblingsfläschchen kamen mit in den Süden, unter anderem diese. Den wollte ich nicht einfach mal abends köpfen, der sollte ein Ambiente kriegen. Hat er jetzt auch gehabt.

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Vorneweg gab’s die neuntletzte Flasche Le 7. Forever Lieblingsblubber.

Dann machte ich es uns ein wenig gemütlicher … und zum Essen wieder ungemütlicher, denn so war’s zu dunkel, um das Essen würdigen zu können.

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Als Vorspeise gab es diese Ingwer-Orangen-Suppe, bei der ich den Parmaschinken vergaß. Den esse ich dann heute. Als Hauptgang gab’s mein allerliebstes Zitronen-Thymian-Huhn, das ich beim Herrmansdorfer auf dem Elisabethmarkt in Schwabing kaufte. Ich hatte das Huhn in Hamburg nur wenige Male zubereitet – so ein ganzer Vogel ist dann eben doch mehr Fleisch, als ich sonst esse –, weswegen ich nicht mehr wusste, wie man das Vieh bindet und tranchiert (das war bei mir sonst sowieso eher Metzelei als fachgerechtes Zerlegen). Aber dafür gibt es ja YouTube: In diesem Video wird einem das Dressieren sehr schön gezeigt, in diesem das Tranchieren. Hat beides wunderbar geklappt (okay, beim Binden habe ich mindestens drei Schritte ausgelassen) und geschmeckt hat’s auch.

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Zum Nachtisch gab’s das Lieblingsdessert von F., Crème Brûlée. Ich besitzte natürlich einen Brenner, aber der gab nur noch ein müdes, deutlich nach Gas riechendes Fauchen von sich und keine Flamme. Also fuhr ich gestern kurz zum Marienplatz, um im dortigen Kaufhof einen neuen Brenner zu erstehen. Zuhause las ich brav die Bedienungsanleitung und darin den Hinweis, dass man die Brenner bei längerer Nichtbenutzung mal entlüften sollte – also den kleinen Gaszufuhrnupsi mit einem Schraubenzieher eindrücken und ein bisschen Gas entweichen lassen. Das tat ich dann mit dem alten Brenner und zack, hatte ich wieder eine schöne Flamme. Jetzt habe ich allerdings auch zwei Brenner. Egal, ich ziehe bestimmt noch mal um, dann wird der neue verschenkt, vermutlich in Verbindung mit einer Tüte Wein.

Der neue ist übrigens total memmig, weswegen ich mich sehr freue, dass der alte wieder geht. Und beim Karamellisieren brülle ich natürlich FIREBALL vor mich hin.

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Was schön war, Donnerstag/Freitag, 18./19. August 2016 – Wühlen

Am Donnerstag radelte ich gegen halb 11 (zu lange im Internet gedaddelt) ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Die am Mittwoch geschriebene Einleitung zur Hausarbeit gefiel mir, mein Plan war, mich nun mit der akademischen Ausbildung von Weldens zu befassen, genauer gesagt, mit der Académie Julian und der Akademie der Bildenden Künste in München. Natürlich fand ich zu beiden Themen wieder hübsche Aufsätze in der Bibliothek, schleppte Buch um Buch an meinen Arbeitsplatz und versank am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Bisher ist meine Hausarbeit in drei Zeitabschnitte geteilt (mal sehen, ob ich das noch über den Haufen werfe): 1914 bis 1933 (Ausbildungs- und Zwischenkriegszeit), 1933 bis 1945 (knickknack), 1945 bis 1967, von Weldens Todesjahr. Zu jedem Abschnitt beschreibe ich ein Bild, das für mich stellvertretend für diese Zeit steht, sofern das möglich ist, denn 1943 wurde von Weldens Atelier durch eine Bombe zerstört, was die Zeit davor etwas schwierig macht. Aber einige seiner Werke befinden sich in Münchner Sammlungen wie dem Lenbachhaus, andere durfte ich gerade erst vor ein paar Tagen sichten und wiederum andere sind in den wenigen Publikationen abgedruckt, die es über ihn gibt.

Ich beschrieb eine Radierung, hatte dann aber keine Lust auf den Abschluss des ersten Kapitels, in dem ich dieses Bild in den Zeitkontext einordnen wollte, sondern griff mir ein Buch, das uns unser Dozent empfohlen hatte. In diesem Buch stehen alle, alle, alle Ausstellungen von 1933 bis 1945 in Deutschland, in denen damalige Gegenwartskunst ausgestellt wurde, schön geordnet nach Städten und Künstler*innen. In der, ich erwähne das dauernd, ich weiß, wenigen Literatur über von Welden wurden gerade mal zwei Einzelausstellungen in Berlin und Stuttgart in dieser Zeit erwähnt und die Gemeinschaftausstellung GDK ignoriert. Nachdem ich das tolle Buch durchgearbeitet hatte, konnte ich in der Hausarbeit zusätzliche sieben Gemeinschaftsausstellungen in München aufführen und jeweils eine in Berlin, Köln und Hamburg, die zwischen 1937 und 1943 stattfanden. Das Tolle: bis auf die Hamburger Ausstellung hatten wir für alle weiteren die Kataloge im ZI stehen, und so konnte ich sogar zu jeder Ausstellung angeben, welche Werke in welchem Material von Welden ausgestellt hatte. Für den Hamburger Katalog bat ich eine Twitterbekanntschaft um Hilfe, nämlich den Herrn @textundblog, der an der dortigen Stabi arbeitet. Der betreffende Katalog schien nur dort vorrätig zu sein, also fragte ich ihn vorsichtig, ob er mir die betreffende Seite fotografieren könnte, bevor ich eine olle Fernleihbestellung aufgebe und eine Woche warten müsste, wo doch digital alles viel schneller ging. Ging es auch, denn am gestrigen Freitag hatte Markus den Katalog schon vorliegen, DMte mir die nötigen Infos als Bild und ich konnte die Arbeit ergänzen. Nochmals vielen Dank! (Internet, ey!)

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Das ganze begeisterte Rumwühlen hatte mich völlig die Zeit vergessen lassen. Wo ich sonst meist nach vier, fünf Stunden nichts mehr lesen kann, stellte ich hier irgendwann anhand meines nicht mehr zu ignorierenden Magenknurrens fest, dass ich seit über sieben Stunden im ZI saß. In dem Moment, in dem ich den Rechner zuklappen wollte, kam allerdings eine Mail des Bundesarchivs in Berlin, die ich erstmal lesen musste. Dort hatte ich nachgefragt, ob sich klären ließe, ob von Welden Mitglied in der Reichskammer der bildenden Künste gewesen war; in der WENIGEN LITERATUR wird nämlich der Eindruck erweckt, von Welden wäre wegen seiner Kunst nicht zugelassen worden. Meine Vermutung war eher, dass es daran lag, dass er staatenlos war; seine Eltern waren Deutsche und damit war auch er deutsch, obwohl er in Paris geboren wurde. 1915 wurde die Familie aus Frankreich ausgewiesen, sie zog nach München, war nun aber staatenlos (warum sie nicht Deutsche waren, erschließt sich mir immer noch nicht, da muss ich noch rumlesen). In die Reichskulturkammer oder ihre Unterkammern durften aber nur Deutsche aufgenommen werden; also fragte ich nach, ob es einen Aufnahmeantrag oder ähnliches gab. Gab es nicht, sondern etwas viel Spannenderes, wie ich aus den der Mail anhängenden Scans erfahren durfte. In den Beständen der Reichskulturkammer fand sich eine Karteikarte, auf der er als BeKA bezeichnet wurde – „besondere Kulturaufgaben“. Ich zitiere mal die Mail, deren Ausführlichkeit mich sehr positiv überrascht hat: „Die Abteilung BeKA bildete die Nachfolgerin der Abteilung IIA (Überwachung der kulturellen Betätigung von Nichtariern) im RMVP. Ariernachweise bzw. -bestätigungen oder gegenteiliges sind ebenfalls nicht in der Akteneinheit.“ Die Karte scheint vom August 1939 zu stammen; bereits 1938 hing ein Bild von Weldens mit eindeutig nationalsozialistischem Bildinhalt auf der GDK. (Einschub: Die Abteilung wurde von Hans Hinkel geleitet, dessen Name mich sehr hat lachen lassen.)

Dazu gab’s noch einen Brief an die Schwabinger Ortsgruppe der NSDAP, in der die politische Zuverlässigkeit von Weldens beurteilt werden sollte, damit man ihn eventuell doch in die Kammer aufnehmen könnte. Die Anfrage ist vom 21. November 1938, bearbeitet wurde sie am 16. Dezember. Einen Satz fand ich spannend: „In Anbetracht der Dringlichkeit der Angelegenheit ersuche ich um Einhaltung des gestellten Termins.“ Da von Welden zum Zeitpunkt des Briefes schon in Gemeinschaftsausstellungen vertreten war, meine ich, dass es hier um die GDK geht, wo man eben nicht jeden Hans und Franz an die Wand hängt. Dass die Kameradschaft Münchner Künstler vielleicht noch wen mitschleppt, der nicht Mitglied in der Kammer ist, okay. Aber dass so jemand in der Ausstellung für deutsche Kunst vertreten ist – das geht halt nicht.

Anscheinend ging es doch, denn der Archivar tippt auf „keine Mitgliedschaft“, auch wenn er es nicht nachweisen kann. Ich hatte bei von Weldens Tochter auch schon seinen französischen Geburtsschein gesehen, den er 1936 beim Standesamt München vorlegen musste, um zu heiraten. Das ging anscheinend auch ohne Ariernachweis oder ähnliches, was mich verwundert, aber nun gut. Das hat alles nur wenig mit meiner stilkritischen Hausarbeit zu tun, aber für mich persönlich sind die ganzen historischen Details ungemein interessant.

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Ich mochte auch den französischen Stempel des Dokuments gern. Stempeln die Franzosen heute immer noch mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? (Und schreiben sie endlich ihre Zahlen als Ziffern? Das halbe Dokument besteht aus ausgeschriebenen Zahlen, was auf Französisch ja immer ewig dauert. „Mil huit cent quatre-vingt-Dix-neuf.“ [sic!])

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Am gestrigen Freitag hatte ich die Gelegenheit, mit dem Archivar zu telefonieren und fragte noch ein bisschen nach. Das schreibe ich jetzt nicht alles auf, aber ich fand es sehr hilfreich (und ziemlich toll), dass sich da jemand eine halbe Stunde Zeit für mich nimmt, mir Verwaltungsvorgänge des Dritten Reichs erklärt und wo ich welche Akte finden könnte (oder auch nicht). Er hatte auch noch einen schönen Tipp: die Entnazifizierungsakte, in der von Welden angeben musste, in welchen NS-Verbänden er Mitglied war. Die liegt, wie sich’s gehört, im Hauptstaatsarchiv in München – merke: Entnazifizierungsakten liegen immer am Wohnort und nicht in Berlin – und da gehe ich nächste Woche mal vorbei. Vielleicht erwische ich dann auch endlich mal jemand im Haus der Kunst, wo eine Mail seit zwei Wochen nicht beantwortet wurde und ich die ganze letzte Woche niemanden aus dem Archiv ans Telefon gekriegt habe. Das wäre für mich auch deutlich wichtiger als jedes andere Archiv, aber ich ahne, dass ich da nicht ganz so einfach Zugang bekomme.

Was schön war, Mittwoch, 17. August 2016 – Anfangen

Den Vormittag über meine Gedanken im Kopf rumkullern lassen, dem vorgestrigen Tag nochmal hinterhergedacht, Candy Crush gespielt, Gesprächsnotizen verfasst, meine iPhone-Fotos durchgeguckt, HayDay gespielt, den Forschungsstand nochmal quergelesen – und mittags dann an den Rechner gesetzt und in einem Rutsch die Einleitung zur Hausarbeit verfasst inklusive Forschungsfrage, an der ich seit Tagen rumknete. Die zweieinhalb Seiten gefallen mir heute morgen auch noch. Kann dann anscheinend losgehen mit der letzten Hausarbeit im achten Semester.

Was schön war, Dienstag, 16. August – In Kunst wühlen

Meine zweite Hausarbeit in diesem Semester beschäftigt sich mit dem Maler und Grafiker Leo von Welden. Über den Herrn gibt es recht wenig Forschungsliteratur, was daran liegen könnte, dass er, wenn überhaupt, nur eine lokale Bekanntheit genießt, Rosenheim, Bad Aibling, Feilnbach, eventuell noch München. Ich hatte seinen Namen noch nie gehört, als ich ihn in der Themenliste für unser Rosenheim-Seminar entdeckte, nahm ihn einfach, weil ich mich mal mit einem Künstler auseinandersetzen wollte und nicht mit einem Sachthema (Kunstkritik in der NS-Zeit, Architektur der Galerie Rosenheim – okay, das hätte ich auch sofort genommen, aber das wollte noch jemand anders –, Provenienzforschung, Kunstverein Rosenheim, Max Bram etc.).

Die wenige Literatur besteht hauptsächlich aus Ausstellungskatalogen, in denen fast ausschließlich Freunde und Bekannte von Weldens zu Wort kommen, die ihn natürlich ganz großartig aussehen lassen. Die einzige kunsthistorische Auseinandersetzung ist das Buch von Ingrid von der Dollen von 2008, die Vorsitzende des Förderkreises Expressiver Realismus ist, ein Label, das sie auch von Welden überstülpt und mit dem ich einige Probleme habe (nicht nur ich). In ihrem Buch drückt sie sich komplett um die Große Deutsche Kunstausstellung und befasst sich hauptsächlich mit seinem Spätwerk nach 1945.

Wenn man von Weldens Entwicklung extrem knapp überreißen würde, könnte das so aussehen: Akademieausbildung 1920 bis 1925 in München, viel Grafik und Radierungen. Danach Grafik und Öl, Ausstellungen in Berlin und Stuttgart, dazu die GDK. Nach 1945, meiner Meinung nach eher aus ökonomischen denn aus künstlerischen Gründen Arbeiten in Caparol, eigentlich eine Wandfarbe, die von Welden kurzerhand als Malfarbe nutzte und die ihn für mich auch kunsthistorisch spannend werden lässt, weiterhin viele Zeichnungen, Grafiken und Aquarelle. Von Anfang an bis in die 1950er Jahre hinein hat er ausschließlich figürlich gearbeitet, dann, im Zuge der Neuausrichtung der Kunst in der Bundesrepublik, begann er zusätzlich mit abstrakten Werken, die aber noch nirgends publiziert wurden und von denen ich nur einige wenige Bilder kannte, die ich in Zeitungsartikeln zu Ausstellungseröffnungen rund um Rosenheim als Bebilderung in schwarzweiß und pixelig gesehen hatte. Von der Dollen ist die gesamte Abstraktion nur eine Fußnote wert, vermutlich weil sie auch das Label als expressiver Realist ein bisschen ankratzen würde.

Gestern hatte ich die Gelegenheit, im Nachlass von Weldens zu stöbern. Seine Tochter, knapp 80, wartete mit Butterbrezn und Wasser auf mich, die ich bitter nötig hatte, weil ich morgens vergebens dem Zug hinterhergerannt war, den ich verpasste, weil meine U-Bahn ausgefallen war. Wie im schlechten Film: vier Rolltreppen im Bahnhof hochgehechtet, dann gehumpelt-gehüpft zum Gleis (ich kann ja nicht richtig laufen wegen uralter Bandscheiben-OP, egal, dann hüpfe ich halt), wo der Zug noch stand, ich erwischte den letzten Wagen, drückte auf den Türöffner, der aber schon nicht mehr grün leuchtete, und noch während ich sinnlos auf den Knopf hämmerte, setzte sich der Zug in Zeitlupe in Bewegung, und ich war pissig und sinnlos verschwitzt. Dann spuckte mir die Bahn-Website auch noch eine Verbindung aus, die es nicht gab (ich fragte lieber noch mal nach, denn in der MVV-App wurde sie nicht angezeigt), schließlich fand ich eine Verbindung, die es gab und meldete mich kleinlaut bei meiner Gastgeberin, dass ich mich um eine Stunde verspäten würde. Das sei alles kein Problem, sie kenne das, sie sei ja auch Zugfahrerin. Ein Stündchen später genoss ich dann gefühlt umsonst, weil Semesterticket, die malerische Strecke zwischen Freising und Moosburg, wo sich überdachte Holzbrücken mit geweißten Kirchleins abwechselten. Verdammtes Klischeebayern, you are so pretty.

Ich betrat dann ein bisschen nervös das Atelier, wo Mappen um Mappen auf mich warteten, gerahmte Bilder, ungerahmte Bilder, Schubladen voller Grafiken und noch mehr Mappen und Mappen. Damit begann ich dann auch: Ich wollte gerne die abstrakten Werke sehen. Ich blätterte ein Werk nach dem nächsten durch, guckte, ordnete im Kopf ein, versuchte Ähnlichkeiten oder Referenzen an das Werk zu erkennen, das ich bereits abgespeichert hatte, fotografierte einiges, was für mich herausstach, und fand es sehr aufregend, Werke zu sehen, die ich eben noch nie gesehen hatte, weil sich noch niemand die Mühe gemacht hatte, sie auszuwerten. Das werde ich leider auch nicht leisten können, weil es schlicht zu viel für eine kleine Hausarbeit ist, aber sie haben mein Bild vom Gesamtwerk von Weldens entscheidend verdichtet.

Danach besah ich mir noch Radierungen aus seiner Studienzeit und versuchte vor allem die Zeit vor 1943 aufzufüllen; 1943 war das von Welden’sche Atelier in der Amalienstraße (quasi gegenüber vom heutigen Historicum) durch einen Bombentreffer zerstört worden und damit ein Großteil seiner Werke. Wir blätterten durch Fotoalben, wo ich auch Neues entdeckte, ich bekam alle Kataloge geschenkt, die ich zwar auch im ZI und in der Stabi habe, aber jetzt habe ich sie zuhause, ha! und ganz zum Schluss erhielt ich noch die Abschrift eines Schriftstücks, das ich für sehr wichtig halte. Die meines Wissens nach einzige Ablehnung, die von Welden zur NS-Zeit bekam (außer den Bildern auf der GDK, die nicht angenommen wurden), stammte vom Kunstverein Freiburg, der von Weldens Freund, der dessen Bilder vorgelegt hatte, 1937 schrieb:

„Unterdessen haben die Herren die Graphik von Welden angesehen. Man war allgemein der Meinung, dass es sich um eine Begabung handelt, aber man hatte das Bedenken, dass die Groteske, zu der er neigt, leicht Anlass gibt[,] uns der Unterstützung einer Kunst zu bezichtigen, die den „Untermenschen“ zum Objekt der Darstellung habe.“

Das Zitat hatte ich in Auszügen schon bei Frau von der Dollen gelesen, wollte es aber gerne im Kontext haben. Ich fand es sehr spannend, dass der Verein sich selbst nicht ganz so klar darüber ist, was eigentlich ein sogenannter „Untermensch“ ist, sonst hätten sie ihn nicht in Anführungszeichen gesetzt, und ob sich dieser Typus dann überhaupt in von Weldens Grafiken zeigt. Im Brief wird auch noch von einem Wechsel in der Kreisleitung geschrieben, was für mich darauf hindeutet, dass der Kunstverein noch nicht so recht weiß, welcher neue Wind jetzt in Freiburg weht und was man noch ausstellen kann und was nicht – wieder ein Beleg für die sehr inkonsistente NS-Kunstpolitik, die niemals eine Art Ratifizierungskatalog darüber erstellt hat, was denn nun deutsche Kunst sei. Die einzigen, auch eher weichgefassten Kriterien waren höchstens die, was keine deutsche Kunst sei, aber auch hier waren sich nicht alle einig. (Ich schrieb schon mal kurz über den Fall Rudolf Belling, der gleichzeitig in der Ausstellung über „entartete“ Kunst und in der GDK hing.)

Nach knapp vier Stunden waren mein Kopf voll und meine iPhone-Kamera leer. Das war ein sehr hilfreicher und spannender Tag, der mein Gesamturteil über von Welden verfestigte und an einigen Stellen schön ausbauen konnte. Ich schreibe das mal eben alles auf – auch die Dinge, die ich hier im Blog nicht aufschreibe, weil ich sie brav wissenschaftlich einordnen will. Dafür müsst ihr dann die Hausarbeit lesen, SO SORRY! (Hehe.)

Was schön war, Montag, 15. August 2016

Ich habe erstmals Feedback auf kunsthistorische Texte bekommen, die ich nicht für die Uni geschrieben habe. Also Feedback im Sinne von Lektoratskorrekturen sowie einem abschließenden Urteil von derjenigen, der ich den Auftrag zu verdanken habe.

Die Korrekturen waren für mich spannend, weil sie offensichtlich von jemandem kamen, der sich mit dem betreffenden Feld der Kunstgeschichte gut auskennt; sie haben meinen Text deutlich besser gemacht. Auf 36 Seiten habe ich bis auf eine einzige Korrektur alles abgenickt. Ich mag es, wenn man sieht, was aus den eigenen Worten werden kann, wenn noch jemand anders drübergeht, und so viel professionelle Distanz muss sein, dass man jemandem vertraut, der einem sagt, nee, Hase, lass uns diesen Satz mal komplett umbauen, denn meisten hat derjenige recht, während man selbst vor lauter Worten den Punkt am Ende des Textes nicht mehr sieht. Schmerzhaft grinsen musste ich darüber, dass ein Werk laut meinen Worten „Potenz“ statt „Potenzial“ hat, irgendwas zu werden, was natürlich geändert wurde.

Auch aus diesem Grund – alberne Wortfindungsstörungen – lasse ich meine Uni-Arbeiten gegenlesen. Nur im Blog müsst ihr mit der ungefilterten Anke leben, aber das scheint auch ganz okay zu sein, schließlich kriege ich Bücher und Schnaps von euch.

Das abschließende, sehr gute Feedback per Mail hat mich dann mit freudig roten Bäckchen vor dem Rechner sitzen lassen. Ich habe etwas länger darüber nachgedacht, warum mich dieses Lob so gefreut hat, denn dass ich anscheinend einen guten Job mache, durfte ich schon öfter hören. Es fiel mir erst Stunden später ein: weil es das erste Lob war, das mein altes mit meinem neuen Leben verbindet. Dass ich ein disziplinierter Textprofi bin, der für Geld mit Deadlines und Korrekturanforderungen klarkommt – geschenkt. Aber dass ich inzwischen auch fachlich korrekte und gut lesbare kunsthistorische Texte abliefern kann, die nicht nur meine Dozierenden freundlich abnicken – das war neu.

Tagebuch, Sonntag, 14. August 2016

Meine Oma hätte heute Geburtstag gehabt, aber ich weiß peinlicherweise nicht, welchen. Könnte der 100. gewesen sein. Papa fragen.

Lange geschlafen, im Bett noch mit F. über die künstlerische und politische Situation in München in den 1920er Jahren diskutiert. Ich nähere mich im Kopf gerade auf unterschiedlichen Wegen Herrn von Welden, der von 1920 bis 1925 an der Akademie der Bildenden Künste studiert hat. Ich hatte schon über die eher klassische Ausbildung an der Akademie gelesen, möchte darüber aber noch mehr erfahren, vor allem über seine Lehrer. Ich bin immer noch fasziniert davon, dass von Welden in einer so turbulenten Zeit wie der Weimarer Republik trotzig weiter wie im 19. Jahrhundert malte, wobei ich mich bei diesen Gedanken immer frage, ob das nicht vielleicht viele gemacht haben und wir heute nur diejenigen in den Katalogen finden, die neu und aufregend waren, die sich neuen Themen angenommen haben und diese ungesehen umgesetzt haben. Aber wo sind dann die anderen? Wo finde ich deren Bilder – also einfacher als mich durch die gesamte oben verlinkte Matrikelliste zu klicken und jeden Namen im Kubikat zu suchen? Und: Sind die überhaupt wichtig? Muss nicht jede*r Künstler*in für sich alleine auch wertvoll sein? Oder entsteht Kunst nur im Vergleich mit anderen? Brauchen wir schlechte Bilder, um die guten zu erkennen?

Ich weise mal wieder turnusmäßig auf den Artikel der Washington Post hin, wo Weltklassegeiger Joshua Bell sich erfolglos in eine U-Bahn-Station gestellt hat, weil kaum jemand bemerkte, wer oder wie da jemand auf einer Stradivari spielt.

Nachmittags weiter Lektoratskorrekturen überprüft, ein bisschen was neu geschrieben. Weiter über Leo nachgedacht. Ein bisschen Turnen geguckt und vom sehr unaufgeregten und technischen Kommentar im ZDF beeindruckt gewesen. Danach den Supercup nicht ertragen, gelangweilt ausgeschaltet.

Kekse gebacken und mal wieder meinen Ofen in Hamburg vermisst. Der Münchner Ofen ist so beknackt, dass ein Blech voller Kekse im hinteren Teil des Ofens fast verbrannt ist, bevor der vordere durchgebacken ist. Nervscheiß. Aber immerhin als Nachtrag zum eigenen Rezept gemerkt: Ja, ein Teelöffel Kaffee mehr in den Teig sorgt sehr locker dafür, dass alles nach Kaffee schmeckt. (Die Kekse aus dem hinteren Teil des Ofens bringen auch noch ein interessantes Röstaroma mit.)

Was schön war, Samstag, 13. August 2016

Den Kopf ausmachen, nichts berufliches lesen, nichts für die Uni lesen, lange schlafen, Olympia gucken, dank der Rolläden und meiner konsequenten Fenster-zu-Politik eine kühle Wohnung haben, während es draußen 26 Grad warm war. Abends zum Lieblingsmenschen gehen (schmerzfrei, entspannt, im eigenen Tempo, im Flatterrock und mit unfassbar unmodernen, aber herrlich bequemen Trekking-Sandalen), auf dem Alten Nordfriedhof mal wieder ein wunderschön von Moos bewachsenes Grab sehen, das mir noch nie aufgefallen war … (gleich mal instagrammen) …

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… ein paar Pokémon fangen, dann den Abend zu zweit (ohne Pokémon) auf dem Balkon verbringen, meine mitgeschleppte Guacamole mit Brezn essen, Pfefferkäse, Gemüsesticks, Sauvignon blanc und Sonnenuntergang. Gemeinsam einschlafen.

Liebes Tagebuch, das war ein sehr schöner Tag, an dem ich quasi nichts Sinnvolles gemacht habe außer glücklich zu sein. Moment, ich streiche das „nichts Sinnvolles“ mal extra dick durch.

#12von12 im August 2016

Die anderen 12von12er gibt’s wie immer bei Caro.

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Um kurz vor 6 aufgewacht (ZU FRÜH!). Nach 20 Minuten rumliegen und warten, dass ich wieder müde werde, aus dem Bett gekrabbelt und aus F.s Dachfenstern über die Maxvorstadt geguckt. Foto gemacht, wieder ins Bett gegangen und weiter dem Regen auf den schrägen Fenstern und der Tram zugehört, zwei Geräusche, die ich in meiner Wohnung nicht habe. Rumgedöst.

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Um kurz nach 8 dann doch aufgestanden. Erstmal den Brief mit den zwei ausgedruckten Versionen der Geschichtshausarbeit über Kindheit im 19. Jahrhundert eingeworfen, was ich vorgestern abend natürlich vergessen hatte. Der Dozent bekommt zusätzlich noch eine digitale Version, die dann durch die Plagiatssoftware gejagt wird. Das möchte aber jede*r Dozent*in anders haben – digital ja, ausgedruckt nicht immer, wenn doch, wieviele Exemplare –, deswegen ist das auch eine der beliebtesten Fragen am Ende der Vorlesungszeit: Wie hätten Sie’s denn gern?

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Auf dem Weg ein neues Pokémon gefangen, das ich wenige Stunden später schon einsetzen konnte. Die einzige Arena, die mir etwas bedeutet, auch wenn sie mir noch nie gehört hat, sind – natürlich – die Propyläen am Königsplatz. Diese Arena ist immer blau, wenn ich vorbeikomme – aber gestern nicht. Ich war auf dem Weg zum Zentralinstitut für Kunstgeschichte und stellte entsetzt fest, dass meine liebsten Klötze in hässlichem Gelb erstrahlten. Ich habe noch keinen einzigen Kampf gewonnen, vermutlich weil ich total memmige Pokémon habe und auch nicht wirklich weiß, was ich überhaupt tue, aber ich forderte den Gelbling zum Kampf, schickte hektisch meine tollsten fünf Pokémon in den Ring, konnte auch ein paar Treffer landen – verlor aber wie immer und schlich geknickt von dannen. Als ich ein paar Stunden später wieder zurückkam, war die Arena aber wieder blau. Mein Team rockt!

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Aber noch war ich nicht am Königsplatz, sondern in meiner Küche, wo ich erstmal die Fruchtfliegenfalle leerte aka ein Schnapsglas von meinem Opa mit Balsamico-Essig, Vanillezucker, Wasser und Spülmittel. Die Viecher sind dieses Jahr hartnäckiger als sonst; im letzten Jahr war ich die Nervensägen nach zwei, drei Tagen los, dieses Jahr lungern sie schon eine Woche in meiner Küche rum und wollen einfach nicht sterben. Ich habe aber noch genug Essig, und weil ich zwar eine Massenmörderin, aber eine nette bin, gönne ich den Fliegen meinen guten Vanillezucker, wo simpler Rohrzucker vermutlich auch reichen würde.

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Normalerweise frühstücke ich nur Cappuccino (oder Flat White, je nachdem wieviel gute Laune mein Milchschaumbereiter hat) und Saft, aber da ich schon so lange wach war, hatte ich Hunger. Es gab mein liebstes Weizenbrot von der Hofpfisterei mit Frischkäse und schwarzem Johannisbeergelee.

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So, jetzt aber. Mit der U-Bahn bis zum Königsplatz gefahren, mich digital verkloppen lassen, immerhin noch einer Touristin sagen können, welches von den beiden schicken Gebäuden die Glyptothek ist und dann ab ins ZI. Ich las über die Neue Sachlichkeit, da vor allem die Menschendarstellung, dann blätterte ich in einem französischen Katalog über Daumier und Gavarni, merkte aber recht schnell, dass ich mich nicht so recht konzentrieren konnte, bibliografierte noch pflichtschuldig etwas, entschied mich nach gut zwei Stunden aber, das Ganze für heute zu lassen. Das macht mein Kopf gerne mit mir, wenn ein großes Projekt durch ist, dass er dann auf Durchzug und Doof schaltet, und da ich Donnerstag nicht nur ein, sondern gleich zwei Brocken vom Schreibtisch räumen konnte, hätte mir das auch klar sein müssen. Da aber Montag hier in Bayern Feiertag ist und alle meine geliebten Bibliotheken geschlossen sind, wollte ich noch ein bisschen was wegarbeiten. Hat immerhin so halb geklappt.

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Direkt von der U-Bahn-Station Königsplatz kommt man in den Kunstbau des Lenbachhauses, wo gerade Favoriten III: Neue Kunst aus München läuft. Ich als KuGiStudi komme umsonst ins Lenbachhaus (dankeschön!) und dachte mir, wenn ich schon nix lesen kann, kann ich wenigstens was gucken.

Ich mochte die 3-Kanal-Videoprojektion „Radiation Room“ von Babylonia Constantinides sehr gerne, die sich irrlichternd mit der Atomkraft auseinandersetzt, bedeutungsschwere Sätze mit kompletten Nullnummern mischt, die einen in Sicherheit wiegen, bevor der nächste Satz wieder weh tut. Manchmal kamen fast nebenbei solche Schönheiten wie „Nur der Notausgang leuchtet, der Apokalypse zum Trotz“, die mich sofort den Stift zücken ließen, den ich als brave Studi natürlich immer dabei habe. Zunächst dachte ich, uh, Atomkraft, schnarch, ist das Thema nicht durch, aber dann fiel mir Fukushima ein und wie wenig wir diese Energie hinterfragen, obwohl sie eventuell doch eine blöde Idee ist.

Hedwig Eberle zeigte Malerei; teilweise war ihr Untergrund aus einzelnen rechteckigen Blättern zusammengesetzt, was dem Gesamtbild einen suchenden, tastenden Eindruck verlieh, fast etwas Unfertiges. Wieso hängt das hier, da fehlt doch noch was? Ich mochte es, dass mich die Bilder irritierten.

Bei Philipp Guflers Werk dachte ich zunächst, das kann doch nicht neu sein, das sieht aus, als wäre es in den 1980er Jahren entstanden: Drei transparente Fahnen hängen leicht versetzt übereinander, teilweise beschriftet; sie standen für Leben, Kunst, AIDS. Der Rest des Werks bestand ebenfalls aus bunten, durchsichtigen Stoffbahnen, und auch hier mochte ich, dass ich zunächst dachte, altes Thema, weiter, aber mir dann klar wurde, wie aktuell es eben leider noch ist. Und mit Stoff als Material kriegt man mich eh immer.

Mein Liebling der Ausstellung war dann auch eher ein Material, nämlich das Werk von Carsten Nolte, bei dem ich erst durch das Begleitheft kapiert habe, dass die Plastikscheiben, die ich so mochte, alte Werbedisplays waren. Ich sah zehn, zwölf (keine Ahnung) rechteckige PVC-Bahnen, die in unterschiedlichen Formaten versetzt nebeneinander hingen. Mir gefiel die Farbigkeit, die von pissgelb zu honiggold reichte und mich sofort an Eva Hesse erinnerte. Ich mochte die klare Vergänglichkeit, die diesem Material immanent ist. Dass ich hier gleichzeitig der sinnlosen Geste einer leeren Werbetafel zuschaue, hat es dann noch besser gemacht.

Das eben erwähnte Begleitheft drückte mir einer der Aufseher in die Hand, als er mich ständig was aufschreiben sah. Das blättere ich aber erst zuhause durch, denn ich fand es sehr ent- und spannend, durch eine Ausstellung zu gehen, bei der nichts beschriftet war oder erklärt wurde. Gerade die Namen der Künstler*innen standen auf dem Fußboden an den Werken, und wenn ich nicht zum Schluss noch die Tafel in Richtung U-Bahn-Ausgang gesehen hätte, hätte ich nicht mal gewusst, wer davon Männlein und wer Weiblein war, denn die Vornamen waren abgekürzt. Auch das fand ich gut, denn ich weiß, dass ich mich trotz aller Mühe nie ganz davon freimachen kann, Dinge durch die Mädchen- oder Jungsbrille zu sehen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. Oktober. Geht mal rein. Kann man schnell durchhuschen.

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Mit der U-Bahn nach Hause, noch ein Pokémon in der Station Josephsplatz gefangen, aber das hatte ich schon. An Rattfratzen und Taubsis gehe ich ja schon gelangweilt vorbei, außer sie strotzen vor Punkten.

Zuhause wartete ein Brief im Kasten auf mich: Die Tochter Leo von Weldens, mit dem ich mich jetzt noch in meiner zweiten Hausarbeit beschäftige, hatte blitzschnell auf meinen Brief von Mittwoch reagiert, in dem ich sie um Zugang zum Nachlass ihres Vaters gebeten hatte. Sie teilte mir mit, dass sie kein Internet habe, ich möge doch einfach anrufen. Gemacht, eine erfreute ältere Dame am Ohr gehabt, die mir eine ausführliche Beschreibung zu ihrem Haus lieferte, bevor ich „Google Maps“ sagen konnte. Ich habe dann nächsten Dienstag eine total offizielle kunsthistorische Verabredung und bin sehr aufgeregt.

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Rechnungen schreiben. Immer wieder schön.

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Und Lektoratskorrekturen prüfen. Wie ich beim eigenen Buch gelernt habe, wissen Lektor*innen immer besser, was man selbst meint, und so war das hier auch. Alles abgenickt.

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Abends gönnten F. und ich uns eine kleine, leichte bayerische Mahlzeit im Georgenhof. Als der Kellner mir den Teller brachte, auf dem ein schönes, buttrig-gewelltes Schnitzel lag, meinte er, das zweite käme gleich. Ich lachte und dachte, der Herr macht einen Scherz. Machte er nicht. Wann lerne ich endlich, dass Bayern sein Essen wirklich sehr ernst nimmt? F. durfte Reste essen, denn ich konnte nicht mehr. Also wenigstens 20 Minuten lang, bis wir noch eine Runde Creme Brûlée bestellten, die ich gestern auch als zwölftes Foto instagramte. Ich finde aber als Tagesabschluss ein Bild meines geliebten Siegestors viel schöner, an dem wir beim dringend nötigen Verdauungsspaziergang vorbeikamen.

F. rollt auch nicht mehr so fies mit den Augen, wenn ich „OH EIN NEUES POKÉMON!“ quietsche.

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