Tagebuch 3. September 2015 – Amsterdam, Tag 1

F. und ich sind für vier Tage in Amsterdam. Im Flieger hinter uns zwei Businesskasper aus der Hölle: „Und dann hat er seine Frau ruhiggestellt, indem er ihr drei Kinder gemacht hat, und dann hat er den ganzen Tag gearbeitet. Hab viel von ihm gelernt.“

In Schiphol checkten wir topcheckermäßig ein, woraufhin uns ein Flughafen antwitterte:

Jetzt hat sich das F Punkt im Blog eigentlich auch erledigt, aber ich behalte das mal bei.

Auf dem Weg zur Baggage Hall (ich las zuerst Baggage Hell) fiel mir auf, dass alle Beschriftungen ausschließlich auf Englisch sind. Erst am Ausgang, als der Flughafen in einen Bahnhof oder eine Metrostation übergeht, kamen niederländische Begriffe dazu.

Am Gepäckband lief eine Animation, wie man anschließend durch den Zoll geht, also: Hast du was dabei, was du uns sagen möchtest? Ein Bild, das einen zum roten Durchgang statt zum grünen schickte, war ein Piktogramm der Mona Lisa, und damit hatten die Niederlande eigentlich schon gewonnen.

stedelijk

Unser Hotelzimmer war leider noch nicht fertig (wir waren aber auch ein bisschen zu früh dran), weswegen wir uns auf den Weg zum Stedelijk machten. Dass mir eine kleine Ruhepause zum Frischmachen und Runter- und Ankommen ganz gut getan hätte, merkte ich erst im Museum, als ich schon bei den ersten Kandinskys und Kirchners und Mondrians dachte, jajaja, schon gut, whatever. (Damit habe ich vermutlich jede Street Cred als Kunsthistorikerin eingebüßt.) Das Erdgeschoss war gerade nicht zu besichtigen, weil eine Ausstellung abgehängt wurde, weswegen wir in den ersten Stock kletterten, wo laut Beschriftung Kunst nach 1950 auf uns wartete. Damit kriegt man mich eigentlich immer, und ich war auch sehr glücklich über Donald Judd, von dem ich anscheinend alles mag, aber an vielen der Werke bin ich dann doch eher flüchtig vorbeigegangen.

lewitt
Sol LeWitt

Da ich mir aber als erste Amtshandlung eine Museumkaart gekauft hatte, mit der man in eine Million Museen reinkommt, kann ich da notfalls am Sonntag, unserem Mal-gucken-was-mir-machen-Tag, noch mal reingehen, und dann mache ich das anständig. Die Museumkaart ist übrigens der Grund, warum wir überhaupt hier sind. Nachdem F. und ich so ungefähr fünf Minuten zusammen waren, meinte er, hey, meine Museumkaart gilt noch bis Ende September, bis dahin könnten wir mal nach Amsterdam fahren.

lichtenstein
Lichtenstein-Detail

Nach einer Stunde eher genervtem und unruhigem Rumguckens kam dann allerdings ein Werk, das mir wieder klarmachte, warum wir hier waren. Edward KienholzThe Beanery von 1965 war ein Nachbau einer schmuddeligen Bar, in den man einzeln reingehen konnte. Man drängelte sich zwischen Besuchern auf Barhockern durch, die alle Uhren statt Köpfe hatten, im Hintergrund spielte quietschige Musik, alles war verstaubt und versteift, aber trotzdem habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass mir einer der Barflys an den Arm greift und mich nach einer Kippe fragte. Ein wenig beängstigend, aber ich hätte trotzdem gerne mehr Zeit in der Kaschemme verbracht. Blöd nur, dass man weiß, dass draußen der nächste Museumsbesucher darauf wartet, dass man gefälligst wieder rauskommt.

Nach Kienholz drängelte ich ins Museumscafé, um dann doch endlich einfach mal irgendwo zu sitzen und mir zu vergegenwärtigen, wo ich gerade war. Diese Ruhepause tat mir sehr gut, und ich fand einen Namen für meine fiktive Hardrockband, die allerdings in den Niederlanden vermutlich total floppen würde. „Welcome to the staaaage: SLAGROOOOOOM!“

slagroom

Im Untergeschoss bei der ZERO-Ausstellung waren mein Interesse und meine Neugier hellwach und ich schlenderte deutlich enthusiastischer durch die Räume. Das könnte natürlich auch an den Werken gelegen haben. Ich verliebte mich in Henk Peeters (vor allem Akwarel), genoss den Lichtraum (1964) von Heinz Mack, Otto Peine und Günther Uecker, war von kinetischen Skulpturen verzaubert und von anderen irritiert.

peeters
Akwarel (Detail)

Eine Installation war das Werk Empty von herman de vries, das aus einer ca. drei mal drei Meter großen, geschlossenen Holzbox bestand, in die man durch ein kleines Guckfenster schauen konnte. Darin befand sich laut der Objektbeschreibung draußen eine Lampe, aber die sah man nicht. Genausowenig wie man Kanten sah oder den Raum in der Box oder überhaupt irgendetwas Fassbares. Man schaute buchstäblich in ein helles Nichts, was mich komplett verstörte. Es war ein bisschen wie damals in der Ausstellung von Hans op de Beeck, wo man auch bei jedem Werk dachte, hier stimmt was nicht und ich muss mich mal kurz irgendwo festhalten. So war es hier auch; ich legte meine Hände an die Holzbox, spürte meine Stirn über der Sichtöffnung und schaute verzweifelt und begeistert in einen erleuchteten Abgrund, der sich in mir auftat. Nietzsche hätte das Ding geliebt.

zero_weiss

zero_rot
Die Ausstellung war mir teilweise schon fast *zu* ästhetisch.

Nach drei Stunden Museum schlenderten wir endlich ins Hotel, wo wir eigentlich nur kurz ausruhen wollten, dann aber zwei Stunden im Bett dösten, bis uns der Hunger zum Burgermeester trieb. Dort genoss ich einen ganz hervorragenden Burger mit gegrilltem Gemüse und Estragonmayonnaise, den ich zuhause dringend nachbauen muss.

burger

Zum Abschluss des Tages fuhren wir in die Amsterdam ArenA zum EM-Qualifikationsspiel zwischen den Niederlanden und Island. Die Arena liegt quasi mitten in der Stadt, man braucht nur wenige Stationen zu fahren und muss dann vor allem nicht mehr ewig durchs Nichts laufen, bis man da ist (hallo, Allianz Arena). Im Stadion fuhren uns wundervolle Rolltreppen bis in den Oberrang (HALLO, ALLIANZ ARENA!), wo allerdings eine Musikbeschallung aus der Hölle auf uns wartete. (Okay, der Punkt geht an München.)

Auch der Rückweg machte uns sehr glücklich: ein Ausgang leitete uns direkt wieder zur U-Bahn-Station, und wir waren quasi eine dreiviertel Stunde nach Spielende wieder im Hotel, was in München niemals möglich ist mit dieser zwar wunderschönen, aber trotzdem am Arsch der Heide gelegenen Arena.

arena

Aus der Metro bzw. der Tram heraus und auf dem Weg zum Museum und zum Burgerladen konnte ich den fließenden Radverkehr auf breiten Wegen in Amsterdam beobachten und wollte sofort umziehen.

Tagebuch 2. September 2015 – Vorbereitungen

Immer noch kein Briefing. Allmählich glaube ich, die haben mich aus Spaß gebucht und gucken mal, wie lange es dauert, bis ich von mir aus nachfrage, wann ich denn mal was zu tippen kriege.

Auf zwei Dinge vorbereitet: zum einen auf den Umzug, den ich nächste Woche in Hamburg vorbereiten werde, bevor dann Dienstag in einer Woche der Großteil meiner Möbel in München ankommt.

Gestern begann ich damit, Kleinkram in den Keller zu tragen, wobei ich sehr stolz darauf bin, meinen Keller überhaupt wiedergefunden zu haben. Als ich vor knapp drei Jahren hier einzog, zeigte mir der Verwalter den Raum, ich nickte geistesabwesend, weil ich ja wusste, dass ich kaum Kram hier haben würde und erst recht nichts, was ich außerhalb meiner Wohnung irgendwo unterbringen musste. Daher habe ich das Kellergeschoss seit eben dieser Vorführung nicht mehr betreten und war deshalb, wie erwähnt, sehr erfreut, meinen Verschlag im verwinkelten Keller wiederzufinden. Und den Schlüssel dazu, ha! In zwei Wochen werden dann hier unter anderem meine zwei Weinregale stehen, die bisher in unserer Speisekammer standen und für die in meiner Arbeitszimmer-Küchen-Kombi leider kein Platz ist; dazu mein auseinandergebautes Bett, denn ich bringe mein Schlafsofa mit, das ich mir vor 15 Jahren gekauft habe, als ich als kleiner Textprakti nach Hamburg in eine 1-Zimmer-Wohnung zog. Gefühlt schließt sich ein Kreis, aber ich habe noch nicht rausgefunden, welcher.

Meine zweite Vorbereitung war Kofferpacken, denn ich fliege heute nach Amsterdam, um dort in vier Tagen so viele Museen anzugucken, wie die Füße aushalten. Bis auf einen heute kaum noch erklärbaren Trip Ende der 1990er Jahre, um Ben und Jerry’s einzukaufen, das es damals noch nicht in Deutschland gab, war ich noch nie in Amsterdam und ich freue mich sehr.

Tagebuch 1. September 2015 – Zwei Welten

Immer noch kein Briefing, immer noch keine Möglichkeit, Geld zu verdienen.

Dafür eine, Geld auszugeben. Am Montag abend fuhren die ersten Flüchtlingszüge im Münchner Hauptbahnhof ein, die von Ungarn aus über Österreich durchgewunken wurden. In meiner Twittertimeline zwitscherten einige Helfer, die spontan vor Ort waren. Am Dienstagmorgen war mir dann auch klar: Jetzt ist das Flüchtlingsthema kein abstrakter Spiegel-Titel mehr für mich, keine Zeit-Reportage, kein Hashtag, kein Twibbon. Jetzt sitzen acht Radlminuten von mir entfernt Menschen, die nur noch das besitzen, was in einen Rucksack passt, und die Hilfe brauchen.

Abgegeben. #trainofhope #refugeeswelcome #muenchen

Ein von @ankegroener gepostetes Foto am

Im Drogeriemarkt so viel eingekauft wie ich tragen konnte, zum Hauptbahnhof gefahren und alles abgegeben. Ich bin nicht lange vor Ort gewesen, ich wollte mich nicht wie eine Katastrophentouristin fühlen; ich war froh, dass ich einer Helferin einfach ein paar Plastiktüten voller Hygieneartikel in die Hand drücken und wieder nach Hause konnte. Nach Hause. In eine Wohnung, zu einer Dusche, einem vollen Kühlschrank, zu Büchern, einem Bett, Privatsphäre. Totaler Allgemeinplatz, aber: Ich habe es gestern noch mehr als sonst zu würdigen gewusst.

Abends Kontrastprogramm: Geschmackssache Heimat, ein Abend mit deutschem Wein und ein bisschen Futter dazu. Stevan bloggte über die Hamburger Ausgabe, woraufhin Frau Kaltmamsell mich fragte, ob ich in München dabei wäre – aber natürlich!

Ich war noch nicht ganz in Stimmung, aber schon das erste Glas Sekt machte gute Laune. Den Reichsrat von Buhl hätten wir beide nicht als Riesling erkannt, waren aber äußerst angetan. Zum ersten Gang gab’s dann einen trockenen Bechtheimer Silvaner (2013, 12€), der kaum trockener sein könnte, dazu viel Sauerness im Mund. Es war keine Säure, es war sauer. Aber gut sauer, angenehm frisch. Zum Hauptgang wurde uns zunächst ein laut Winzer noch nicht ganz fertiger 2013er Sauvignon Blanc serviert, der müsse eigentlich noch so fünf, sechs Jahre liegen, aber er fände den jetzt auch schon ganz spannend. Frau Kaltmamsell weigerte sich nach einem Glas, den weiterzutrinken, und auch ich war nicht ganz überzeugt. Er schmeckte, als ob man nasse Weinblätter ableckte, aber ich glaube dem Winzer aufs Wort, dass der in ein paar Jahren ein kleines Kracherchen sein könnte.

Der Sommelier des Abends, Justin Leone aus dem Tantris (ich so: Ehrfurcht!), erzählte dann was über den Wein, auf den ich mich schon den ganzen Abend gefreut hatte: einen 2011er Monzinger Halenberg Riesling von Emrich Schönleber. Von diesem Weingut stammt mein absoluter Lieblingsriesling; den trank ich im reinstoff und bezahlte danach mit freudigem Herzen 60 Euro für eine Flasche. Jeden Cent wert. Leone: „Riesling braucht Kampf, schwierige Böden, kaum Wasser, dann kommt da was Gutes bei raus.“ Unterschreibe ich sofort. Der 2011er war die kleine, dünne Schwester des 2008er, den ich so liebe: Der Geschmack geht schon in genau die Richtung, die ich kenne, ist aber noch feiner. Ich mag die Rieslinge gerne, die sich so richtig breit machen in Mund; das kann der hier noch nicht, aber auch von dem würde ich sofort eine Kiste ordern. (19€ die Flasche.)

Zum Schluss kamen noch zwei Rotweine, zu denen ich gerne ein dunkelschokoladiges Dessert gehabt hätte, aber da kam nix mehr. Schon der erste löste Verzücken am Tisch aus: ein 2013er Frühburgunder für entspannte 9,50€ die Flasche. Der roch zuerst nach Gouda, dann nach Vanille, und im Mund war zuerst viel Vanille und nasses Moos, dann wurde die Süße weniger und der Wein wurde schwerer. Wunderbar. Aber der Höhepunkt kam zum Schluss, jedenfalls für mich: ein 2011er Spätburgunder, der mein Herz schon mit der ersten Nase eroberte und mich danach kurzerhand flachlegte. Ein bisschen Pferd auf Himbeerwölkchen und dann nur noch fruchtiges, tiefes Rumschmeicheln bis in die letzte Gaumenecke, wo der Wein ein bisschen piekst. Der war genau meiner. (27€)

Die Location gefiel mir gut, auch wenn es mir deutlich zu laut war; ich bin inzwischen zu alt, um meine Gesprächspartner den ganzen Abend mit erhobener Stimme erreichen zu wollen. Vom Essen war ich allerdings ein wenig unterwältigt. Der erste Gang waren marinierte rote Bete mit Orangenfilets, die eher lieblos aufs Tellerchen gehäuft waren, der Hauptgang dann immerhin die legendären und durchaus wohlschmeckenden Spare Ribs mit Kartoffelpüree und Ratatouille. Das ist aber Meckern auf hohem Niveau, denn die ganze Sause hat nur 30 Euro gekostet, und alleine für die wirklich tollen Weine hat sich’s gelohnt. (Für die charmante Begleitung ja sowieso.)

Tagebuch 31. August 2015 – Warteschleife

Morgens zur Hausärztin gefahren, Blut abnehmen lassen, die übliche Kontrolluntersuchung alle paar Monate. Gestern zusätzlich einen HIV-Test in Auftrag gegeben. Im Nachhinein war ich über mich selbst verärgert, dass ich erst nach drei Monaten Beziehung darauf komme, diesen Test machen zu lassen. Der letzte ist jetzt elf Jahre alt, seitdem war ich monogam, habe keine Spritzen geteilt und keine Bluttransfusion bekommen, aber eigentlich sollte man sich doch sicher sein, bevor man mit jemand Neues im Bett landet. Es hat mich verwundert, dass ich diese Krankheit überhaupt nicht mehr auf dem Schirm hatte, obwohl wir doch gerade erst vor kurzem in der Keith-Haring-Ausstellung waren, wo AIDS eines der großen Themen war.

Ergebnis in ein paar Tagen.

Für AbsolventInnen am kunsthistorischen Institut der LMU ist am 31. August Notenschluss. Natürlich gucke ich seit Tagen in unser Onlinetool, über das ich mein Transcript of Records einsehen kann, ob endlich meine BA-Arbeitsnote da ist oder sogar schon die Gesamtnote.

Nix.

Den halben Tag auf ein Briefing gewartet, mit dem ich mal wieder ein paar Autos betexten soll. „Müsste mittags da sein.“

Nix.

Seit Samstag Hold On von Yes im Ohr. Spotify erfreute mich mit einer Gute-Laune-Playlist, in der Owner of a Lonely Heart vorkam, woraufhin ich sofort die ganze Platte anklickte, die in Hamburg als Vinyl im Schrank steht und über die ich, wie auch über meine anderen Platten, schon länger nachdenke: wegschmeißen oder ein weiteres Mal in eine neue Wohnung schleppen, um sie die nächsten 20 Jahre auch nicht mehr aufzulegen?

Abends auf F.s Balkon den Sommer verabschiedet. Good riddance, du heiße Nervensäge. Ich freue mich auf die kürzeren, kühleren Tage, an denen mein Herz langsamer schlägt und ich mich irgendwo einmummeln kann.

Tagebuch 28./29./30. August 2015 – Neue Farben

Seit einiger Zeit lese ich die SZ wieder im Print. Auf dem iPad verwischen die Zeitungsbücher immer, ich komme damit nicht klar, ich fühle mich alt. Digital und analog gleich: das komplette Desinteresse am Wirtschaftsteil. Wird überflogen oder durchgeblättert, aber da muss schon was über den Kunstmarkt oder Kulturinvestitionen stehen, bevor ich hängenbleibe. Das erste Buch ist das erste Buch, das zweite das Feuilleton, schon immer. Sport nur, wenn mir sehr langweilig ist. Neues Interesse am München- und Bayernteil. Ich genieße das ruhige Lesen auf Papier wieder sehr, keine Links zum Klicken, keine Kommentarspalte, kein „Das könnte Sie auch interessieren“. Ich bin eine mündige Leserin, ich finde schon selbst, was mich interessiert, danke.

Weil ich am Freitag und am Samstag in meiner Münchner Wohnung ein paar Wände gestrichen habe, blieben die beiden Ausgaben für Sonntag liegen. Nicht beide geschafft.

One Pot Pasta mit Tomaten, Zwiebeln, Basilikum und Knoblauch ausprobiert. Tolle, sämige Sauce, aber verwaschener Geschmack. Nach drei, vier Gabeln habe ich die Tomaten rausgepickt und alles mit tonnenweise Grana Padano und Pfeffer aufgebrezelt.

Drei Radlermaß am Freitag, diverse Liter Wasser am Samstag, gestern abend einen Supermarkt-Rosé, der überraschend gut war.

Beim Wändestreichen Yes gehört. Vorfreude darauf, dass meine geliebten Bücher bald in München sind. Gleichzeitig immer noch die Traurigkeit über das, was ich verloren habe. Bei allem zerrissen. Immer noch Schwierigkeiten, sich damit abzufinden, wieder in einer 1-Zimmer-Wohnung alleine zu sein anstatt in einer 4-Zimmer-Wohnung zu zweit.

Aber: Nach gefühlt monatelangem Grübeln und Zweifeln und Zaudern und Trauern und Vermissen allmählich wieder ruhiger geworden. Die neue Beziehung langsam genießen und als gegeben und gut ansehen anstatt als Übergang oder Trost oder was auch immer ich mir noch einreden kann, damit mir nichts zu nahe kommt. Vor einigen Tagen die ersten gemeinsamen Auftritte vor Freunden oder Bekannten. Viel Lächeln und Glückwünsche abbekommen, wofür eigentlich? Trotzdem sehr schön. Ein Arm um meine Schultern im Biergarten, das hatte ich hier auch noch nicht. Ein Kopf, der sich an meinen schmiegt, ein Lächeln, ein Kuss. Alles neu und gleichzeitig schon so vertraut.

Wer loslässt, hat beide Hände frei.

Ein tragbares Dankeschön …

… an Melanie, die mich mit dieser formschönen Einkaufstasche von meinem Wunschzettel überrascht hat.

Eine Einkaufstasche, höre ich Sie fragen, meine Damen und Herren? Ja, genau, eine Einkaufstasche. Seit Jahren trage ich Stoffbeutel in meinem Rucksack mit mir herum, damit ich keine blöden Plastiktüten im Supermarkt kaufen muss, die sowieso nie mit dem Gewicht von Wein, Schokolade, Ben & Jerry’s Fitnesssäften und bergeweise Gemüse klarkommen. Vinoroma instagramte neulich Bilder ihrer Einkaufstaschen, und eine davon war von Envirosax. Ich googelte in der Gegend rum, fand viele Designs fürchterlich, aber das meinige total toll, und vor allem mochte ich die Tragfähigkeit von 20 Kilogramm. Außerdem sind alle meine Stofftaschen mit irgendwas bedruckt; die Hamburg-Tasche mochte ich in Hamburg, aber hier in München wollte ich nicht mehr so recht mit ihr rumlaufen, die Frauenchiemseetasche ist super, aber ein bisschen klein, und die Residenztheatertasche ist gefühlt zu edel, um in ihr Käse und Pepsi light zu transportieren. Daher wollte ich eine neutrale Einkaufstüte ohne jedes Statement.

Die hab ich jetzt – auch wenn ich bei der Produktbeschreibung „feminine Muster wie Blumenmotive und Spitzen, die einen Hauch von Sinnlichkeit wiedergeben sollen“ Pickel bekam. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Fehlfarben 7: Ring my Bellebad

Heute im Programm: zwei Ausstellungen und drei Roséweine. Enjoy und Prost.

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Ein von @ankegroener gepostetes Foto am

00.00:00. Begrüßung, Vorstellungsrunde und Blindverkostung Wein 1.

00.03:50. Unsere erste Ausstellung: Lea Lublin (1929–1999) im Lenbachhaus. Drei begeisterte Daumen nach oben. Die erste Retrospektive der Künstlerin läuft noch bis zum 13. September.

Wir erwähnen nebenbei die Ugly Renaissance Babies sowie im Fazit das Werk „Espace perspectif et désirs interdits d’Artemisia G.“, das man auf der Website von Lublin anschauen und nachlesen kann. Der Text ist in diesem Buch erschienen.

00.34:00. Blindverkostung Wein 2 und noch mehr Lublin (Fazit ab 00.43:00).

00.48:00. Blindverkostung Wein 3.

00.49:45. Ausstellung Nr. 2: Zilla Leuteneggers Ring my Bell in der Pinakothek der Moderne. Ebenfalls drei begeisterte Daumen nach oben. Die kurzweilige und noch kürzer zu durchschreitende Installation läuft noch bis zum 4. Oktober.

Als kleine Zusatztipps für die Pinakothek der Moderne, weil man mit Leutenegger so schnell fertig ist: die Ausstellungen Plants for Blossfeldt und GegenKunst.

01.12:00. Die Weinhitliste: Florian und ich mochten Wein 3 am liebsten und Wein 2 am zweitliebsten, bei Felix war es umgekehrt. Wein 1 landete bei uns allen auf dem dritten Platz.

Wein 1: Graf AdelmannBrüssele“, Spätburgunder Rosé; Württemberg 2014, 11,5%, beim Tengelmann für 6,50 Euro.

Wein 2: Argiolas, „Serra Lori“, Cannonau, Monica, Carignano, Bovale Sardo; Sardinien 2014, 14%, bei Garibaldi für 9,20 Euro.

Wein 3: Mouton Cadet, „Le Rosé de Mouton Cadet“, Merlot (74%), Cabernet Franc (15%), Cabernet Sauvignon (11%); Bordeaux 2013, 12%, 9 Euro.

Links vom 15. August 2015: Städtebau

Warum sind unsere Städte so hässlich?

So pauschal würde ich das nicht unterschreiben. Der 2. Weltkrieg und seine Folgen sowie die deutsche Trennung haben dafür gesorgt, dass unsere Städte vielleicht etwas unheitlich aussehen – was aber durchaus seinen Reiz hat. Niklas Maak beschreibt, dass man nicht nur über den angeblich hässlichen sozialen Wohnungsbau und gleichzeitig auf Investoren à la Berlin Mitte schimpfen darf und dass die neuen Städte vielleicht eher von der Justiz als von Architekt_innen gestaltet werden.

„Ein schlagender Vorschlag kommt aus Berlin. Dort kämpfen Architekten wie Arno Brandlhuber dafür, dass der paralysierte Staat kreativ von seiner Gesetzgebungskompetenz Gebrauch macht. Sie schlagen etwa vor, die erlaubte Traufhöhe, die in Berlin oft bei 22 Metern liegt, was auf eine Regel aus dem neunzehnten Jahrhundert und die damalige Länge der Feuerleitern zurückgeht, auf 26 Meter zu erhöhen.

Damit soll privaten Hausbesitzern der Aufsatz von luxuriösen und lukrativen Penthäusern ermöglicht werden, wenn das Belichtung und Belüftung der Nachbarhäuser nicht beeinträchtigt – und wenn sie sich, und das ist der wesentliche Punkt, im Gegenzug verpflichten, über den ganzen Lebenszyklus des Gebäudes eine Etage für 6,50 Euro pro Quadratmeter zu vermieten, um so den dringend benötigten Wohnraum für Geringverdiener zu schaffen. Privaten Hauseigentümern und Immobilienentwicklern würde das den Bau von teuren Dachlagen ermöglichen, und gleichzeitig würden im Handumdrehen Tausende bezahlbarer Wohnungen mitten in der Stadt und nicht als neues Wohngetto am Stadtrand geschaffen und die gewünschte soziale Mischung ermöglicht.“

Gropiusstadt kämpft gegen ihr schlechtes Image

Wo wir gerade in Berlin sind: 2012 schrieb der Tagesspiegel über das 50jährige Bestehen der Gropiusstadt:

„In der Vergangenheit war nicht alles rosig. Gropiusstadt ist die älteste Berliner Trabantensiedlung, gebaut ab 1962. Ursprünglich sollten 14 500 Wohnungen entstehen, doch der Mauerbau zwang zur Verdichtung der Flächen und Erhöhung der Häuser. 50 000 Berliner sollten hier eine Bleibe finden, um die Wohnungsnot zu lindern. Erst 1975 war die Siedlung komplett fertig, aber schon damals begannen die sozialen Probleme. Nach der Wende verschärften sich Leerstand und Verwahrlosung, ab 2000 steuerten die beteiligten Wohnungsbaugesellschaften und der Bezirk aktiv dagegen. 2005 wurde ein präventives Quartiersmanagement eingerichtet, 2008 ein Bildungsverbund der Kitas und Schulen gegründet. Inzwischen ziehen wieder Mittelstandsfamilien ins Hochhausviertel und begünstigen die soziale Mischung.“

Ohne Zuwanderung veröden Deutschlands Städte

Norbert Schwaldt über die veränderte Stadt- und Gemeindeentwicklung. Für mich interessant waren neben der Forderung nach mehr Zuwanderung auch der Hinweis auf die neue Mobilität: Senioren bleiben, im Unterschied zu früher, nach dem Ende der Erwerbstätigkeit nicht unbedingt an ihrem bisherigen Wohn- bzw. Arbeitsort – auch weil ihre Kinder als Erwachsene nicht mehr in die alte Heimat zurückgekehrt sind. Wenn es sich woanders im Alter besser wohnen lässt, zieht man eben weg; da ist ja sonst nichts mehr, was einen hält. Das kenne ich aus meinen Mittelstandsmilieu eher anders; da wurde in den 70er Jahren ein Haus gebaut und das hat man halt, da bleibt man eben. Kann ich mir persönlich überhaupt nicht vorstellen.

Vor allem die kleineren Gemeinden im ländlichen Raum sehen sich der BBSR-Studie zufolge mit einer Negativspirale konfrontiert. So hat sich dort zwischen 2008 und 2013 die Zahl der Erwerbsfähigen weiter verringert. Dieser Trend wird verstärkt durch die Abwanderung von jungen Menschen in die Großstädte. Die Entwicklung verschärft den Fachkräftemangel, der bereits heute in vielen Regionen spürbar ist.

“Die Metropolen haben eine enorme Sogwirkung. Wissens- und wertschöpfungsintensive Branchen sind dort konzentriert und haben Vorteile im Wettbewerb um Fachkräfte. Die strukturschwachen Regionen laufen Gefahr, wirtschaftlich weiter zurückzufallen”, sagte BBSR-Direktor Harald Herrmann bei der Vorstellung der Studie in Berlin.

Nach der Bevölkerungsprognose des Instituts wird die Einwohnerzahl in Deutschland bis 2035 leicht auf 78,2 Millionen Menschen sinken und gleichzeitig die Alterung der Bevölkerung weiter fortschreiten. Die regionalen Unterschiede sind dabei aber groß: Einer immer größer werdenden Gruppe von schrumpfenden Kommunen steht eine kleiner werdende Gruppe wachsender Städte gegenüber.

“Um die Bevölkerungszahl langfristig konstant zu halten, müsste Deutschland jedes Jahr Wanderungsgewinne von ca. 400.000 Personen erzielen. Bevölkerungswachstum wird ohne Zuwanderung über einen längeren Zeitraum nicht möglich sein”, sagte Herrmann.“

Mit dem klaren Willen für mehr Radverkehr

Das ist inzwischen ein kleines Steckenpferd für mich: den Wandel des öffentlichen Verkehrs weg vom Auto, hin zu quasi allen anderen Verkehrsmitteln. Ich fahre seit gut drei Jahren kein Auto mehr, sondern Fahrrad und Öffis, und die wenigen Male, in denen ich ein Auto vermisste, waren Tage, an denen ich Orte besichtigen wollte, die etwas außerhalb der Stadt lagen (Klöster, Schlösser, was ich mir halt so angucke) oder an denen ich eine irrationale Sehnsucht nach Ikea verspürte, das hier in München auch am Stadtrand liegt. Ich habe es ernsthaft nie in den Ikea nach Altona geschafft.

Zurück zum Artikel: Er zeigt, dass es mit politischem Willen und einer cleveren Planung durchaus möglich ist, die Interessen von Fußgänger_innen, Radfahrer- und Autofahrer_innen unter einen Hut zu bekommen. Einen anderen Artikel finde ich leider nicht mehr, aber ich meine mich daran zu erinnern, dass es vor der im folgenden Artikel angesprochenen Stadt Brighton & Hove einen Versuch in den Niederlanden gab, wo sich alle drei Arten von Verkehrsteilnehmen eine große, schicke Straße geteilt haben. Jeder musste auf jeden Rücksicht nehmen anstatt auf doofe Linien auf dem Grund zu pochen und das Recht des Stärkeren gepachtet zu haben – und das hat angeblich recht gut funktioniert.

„In der Hauptstadt des Baskenlands zeigt sich eindrucksvoll, was sich mit politischem Willen innerhalb kürzester Zeit ändern kann. In den vergangenen zehn Jahren hat Vitoria-Gasteiz den Anteil an Radfahrern in der Stadt von 3,4 auf 12,3 Prozent gesteigert. Das funktioniert nur mit einem klar definierten politischen Ziel und dem konsequenten Umbau der Infrastruktur.

2008 haben die Politiker sämtlicher Parteien in der baskischen Hauptstadt dem sogenannten Nachhaltigen Mobilitätsplan zugestimmt. Dieser sah unter anderem vor, den Autoverkehr in der Stadt stark zu reduzieren. Damals wuchs er langsam, aber stetig an, was den Entscheidern im Rathaus missfiel. (…) 2008 blockierten parkende Autos 64 Prozent der Straßen und Plätze in der Stadt. Das fanden die Politiker undemokratisch. Sie wollten den Autos nur noch 15 bis 20 Prozent der Fläche im Straßenraum zugestehen, die übrige Fläche sollten sich Radfahrer und Fußgänger teilen.

Dafür bauten sie die Infrastruktur massiv um. Große Einfallstraßen wurden komplett umstrukturiert, beispielsweise die Sancho el Sabio Kalea. Früher gab es hier vier Parkspuren und die Autos fuhren zweispurig in beide Richtungen – heute surrt eine Straßenbahn übers Grün. Die Parkplätze wurden abgeschafft, und es gibt nur noch eine verkehrsberuhigte Autospur in eine Richtung. Radfahrer fahren ebenfalls auf der Fahrbahn und auf den breiten Gehwegen, die sie sich mit den Fußgängern teilen. (…)

Um den Menschen das Umsteigen zu versüßen, wurde zeitgleich der öffentliche Nahverkehr ausgebaut. Die Buslinien wurden von 20 auf neun Linien reduziert, dafür ihre Taktung erhöht und eine Straßenbahn gebaut. Zeitgleich stiegen die Parkkosten für Pkw um das Dreifache. Das Signal war deutlich: Wer mit dem Auto in die Stadt kommt, muss zahlen.

Das Konzept geht auf. Die Zahl der Fußgänger hat zugenommen, ebenso die der Radfahrer, und der Anteil der Autofahrer sank auf 25 Prozent.“

12 von 12 im August

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Mal wieder zwei Decken im Bett. Genauer gesagt, eine Decke und einen leeren Bezug, weil es in München gerade auch um Mitternacht noch zwischen 25 und 30 Grad sind, weswegen ich mit so wenig Zeug an mir und um mich schlafe. Den warmen Körper neben mir ertrage ich aber sehr gerne.

Alles noch etwas ungewohnt. Der neue Mann in der neuen Stadt bringt meine Routinen etwas durcheinander, die ich mir drei Jahre lang als hier alleinlebend angewöhnt hatte. Normalerweise lag hier halt nur eine Decke, die andere lag schön gefaltet in der Abstellkammer für den Kerl-Besuch, und danach wurde sie wieder weggelegt. Jetzt liegt sie immer auf meinem Sessel, was mich etwas irritiert, denn ich bin eine große Freundin des Wegräumens, aber das würde sich nicht lohnen, die jedesmal in die Kammer auf das olle oberste Regalbrett zu wuchten und auslüften kann sie da ja auch nicht und überhaupt liegt sie 12 Stunden später ja wieder im Bett. Wie gesagt, alles ungewohnt.

Aber, was ich nach jahrelangem Zusammenwohnen in der alten Stadt schon wieder vergessen hatte: Wenn man selbst nicht im eigenen Bett schläft, kann man sich morgens auf dem Weg nach Hause frische Croissants holen. Win-win!

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Mein morgendliches Ritual. Nein, das ist nicht die Pille, die nehme ich seit Jahrzehnten nicht mehr.

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Ich poste auf Instagram oder auf Twitter dauernd mein hübsches Müsli, weil es so schön bunt und frisch aussieht. Um ein bisschen Abwechslung in meinen Stream zu bringen, gab’s deshalb mal die Vorher-Variante.

Gucken Sie mal: Vollmilch. Nicht die fiese diätige 1,5- oder sogar 0,irgendwas-Plörre, die ich jahrelang in mich hineinschüttete, weil’s halt weniger Kalorien hat. Fuck that shit. Ich liebe Vollmilch. Ich trinke durchaus auch mal ein Glas kalte Milch so, anstatt sie nur übers Müsli oder in Kuchenteige zu kippen. Wieder ein Grund, warum das mit dem Veganismus und mir nicht funktionieren könnte. (Der andere Grund sind Spaghetti Carbonara.)

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Umzug von Hamburg nach München organisieren. Noch fünf Wochen, dann bin ich Bayerin. Ich freute mich neulich im Freundeskreis mal drüber, dass ich dann in Bayern wählen dürfte, woraufhin man mir sagte, dass das ein sehr ernüchterndes Erlebnis sei und ich davon nicht zu viel erwarten solle.

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Wir nehmen Sonntag unseren neuen Fehlfarben-Podcast auf. Eine Ausstellung gucken wir uns gemeinsam an, die zweite bleibt meistens uns selbst und unserem eigenen Terminplan überlassen. Ich kann auch nicht gut zwei Ausstellungen hintereinander gucken, ich bin relativ schnell dicht mit Eindrücken. Daher nahm ich mir für heute eine Ausstellung vor – aber zuerst fuhr ich ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte, um mich über die beiden Künstlerinnen und ihre Arbeit zu informieren.

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Danach gab’s was zur Entspannung. F. und ich fahren demnächst nach Amsterdam, wo ich endlich Vermeers Milchmädchen sehen werde. Und weil ich eh gerne mehr über Vermeer erfahren wollte, guckte ich mal eben seinen Catalogue raisonné durch. (Hier stehen drei Regalmeter Vermeer!)

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Dann radelte ich 300 Meter ins Lenbachhaus, um mir Lea Lublin anzuschauen. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: Die Ausstellung lohnt sich sehr. Sie ist nicht nur schlau und spannend, sondern man kann durch Kunst laufen, auf sie schießen und in ihr rumliegen. Ich hatte sehr viel Spaß – und die Aufseher auch, denn sie begleiten die Besucher_innen durch eine Installation und leisten Hilfestellung. Einer sprach es direkt aus, als er mich mit breitestem Grinsen durch den Kunstbau schlendern sah: „Schöne Ausstellung, oder? Mal was anderes.“

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Einkaufen mit der Tasche des Residenztheaters.

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Mein Mittagessen bestand aus ein paar Stücken Zitronenrolle. Ja, die ist gekauft und nicht selbstgebacken (Backofen anmachen bei 34 Grad, ist klar), sie schrie mich im Supermarkt quasi an und ich war ihr widerstandslos erlegen. Sehr schmackhaft.

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Stundenplan finetunen. Ich hatte mir gestern schon die neue Prüfungsordnung durchgelesen (Master statt BA, daran muss man sich ja auch erstmal gewöhnen) und guckte dementsprechend gespannt auf meine neue Kursauswahl. Die ist zwar vielfältig wie immer, aber: Es gibt kein einziges Seminar zur digitalen Kunstgeschichte. Dafür dass sich die LMU das fett auf die Fahnen schreibt und als eine der wenigen Unis (oder sogar als einzige) einen Promotionsstudiengang in dieser Richtung anbietet, finde ich es fast dreist, den Masterchen nicht einmal einen winzigen Kurs anzubieten, der halbwegs in diese Richtung geht.

Immerhin gibt’s bergeweise Architektur, auch in den Vorlesungen (das Bild zeigt die Seminare). Trotzdem. Mpf.

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Sehr kochfaules Abendessen (Herd anmachen bei 34 Grad, ist klar). Honigmelone, Schinken, Kürbis-Hummus, Brot, Johannisbeeren und ein Rosé. Irgendeiner. Ich koste gerade alle Rosés in meinem Supermarkt durch.

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Zum Tagesausklang noch ein winziges bisschen mit der besten Freundin in Hamburg telefoniert. Snif. Wenn ich Heimweh habe, dann immer nach Menschen.

Alles wird anders. Fühlt sich aber gerade gut an. Aufregend.

My work is done

Eskapismus

Ich habe noch mal darüber nachgedacht, warum ich seit längerer Zeit mit Romanen auf Kriegsfuß stehe. Ich lese fast nur noch Fachliteratur für die Uni, und wenn ich die nicht lese, lese ich Sachbücher, die irgendwas mit Kunst oder Wissenschaft zu tun haben oder Biografien (den Tick hatte ich schon einmal). Aber bei Romanen verliere ich neuerdings sehr schnell die Geduld – wobei ich nicht weiß, warum ich überhaupt ungeduldig werde.

In Sachbüchern ist fast jeder Satz eine Entdeckung für mich, er öffnet einen neuen Horizont, er zeigt mir Dinge, die mir bisher nicht aufgefallen waren. In Romanen trägt mich ein Satz nur zum nächsten, irgendwann kommt ein Plotpoint, eine Wendung, dann ist Schluss, ich lege das Buch weg und denke, ja gut, und was hab ich jetzt davon?

Ich glaube allmählich, dass mir Sachbücher inzwischen den kleinen Eskapismus ermöglichen, für den in den Jahren vor dem Studium Romane da waren (und davor Kino, das mich leider kaum noch begeistern kann). Früher las ich Romane auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause, nach der Arbeit. Sonst las ich Briefings und Produktinformationen, aus denen ich hübsche Kataloge zimmerte. Das war die Arbeit, die Romane waren das Vergnügen und meine Möglichkeit, den Kopf in andere, angenehmere Gefilde zu schicken.

Seit ich studiere, müsste die Uni die Arbeit sein. Das ist sie aber nicht. Ja, sie strengt an, fordert mich und natürlich leiste ich Arbeit. Aber sie fühlt sich nicht so an. Selbst wenn ich an Bachelorarbeiten verzweifele, fühle ich mich nicht so wie ich mich am Agenturschreibtisch gefühlt habe. Dort wollte ich, dass es endlich 18 Uhr wird und ich nach Hause gehen kann. In der Bibliothek will ich sitzen, so lange es geht – da ist eher mein Problem, dass ich nach sechs Stunden Dauerlesen nicht mehr denken kann und eine Pause brauche. Dann radele ich nach Hause, gucke eine Serienfolge weg (hey, das könnte mein Romanersatz sein, fällt mir beim Tippen gerade auf), und dann stecke ich die Nase wieder in ein Fachbuch, denn natürlich liegen zuhause auch immer genug davon rum.

Seit drei Jahren bestimmt mein Stundenplan meinen Tagesablauf und die Referatstermine gliedern mein Semester. Ich richte mich nicht mehr nach Präsentationen oder Buchungsanfragen, sondern danach, wann ich in der Uni oder in der Bibliothek sein muss – bzw. darf. Das ist der große Unterschied. Mir ist es durchaus und immer wieder bewusst, was für einen großen Luxus ich hier genießen darf. Ja, den habe ich mir selbst erarbeitet (spare in der Zeit, studiere in der Not), aber trotzdem weiß ich natürlich, dass andere Leute in meinem Alter gerade Kinder versorgen müssen, ein Haus abbezahlen oder schlicht versuchen, unverschuldet über die Runden zu kommen. Ich hingegen lebe größtenteils von meinen Ersparnissen, nehme nur noch Jobs an, die in meinen Stundenplan passen, und lasse es mir ziemlich gut gehen. Wenn man davon absieht, dass ich mir Sterneessen verkneife, die ich sehr vermisse.

Die Uni ist meine kleine Realitätsflucht. Ich brauche keine Romane mehr, damit mein Tag irgendwie erträglich wird. Ich muss mir meinen Tag nicht mehr hübsch lesen, denn er ist es von vornherein. Ich wache nicht mehr gerädert auf, weil ich mitten in der Nacht über ein Adjektiv nachgedacht habe, das der Kunde auf Seite 45 im Katalog doof fand. Stattdessen wache ich entspannt auf, gehe wissbegierig meinem Tagwerk nach und schlafe abends sattgedacht und rundgelesen ruhig und zufrieden ein. Außer ich scheitere gerade an Bachelorarbeiten, dann schlafe ich auch mies, aber selbst da wollte ich keine Romane lesen, sondern ganz im Gegenteil, noch mehr Fachbücher, denn in einem von ihnen steckt schließlich die Lösung für mein Problem.

Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, dass ich mein Leben gerade als kleine Flucht begreife, denn ich habe nichts, wovor ich fliehen müsste. Ich habe auch noch keinen Plan, wohin ich eigentlich flüchte. Mein Horizont reichte drei Jahre lang bis zum BA. Jetzt reicht er zwei Jahre lang bis zum Master. Keine Ahnung, was danach kommt.

Eigentlich müsste mich das nervös machen. Aber uneigentlich macht es mich gerade sehr glücklich.

Links vom 6. August 2015

Hiroshima/Nagasaki

Heute vor 70 Jahren wurde die erste Atombombe über Hiroshima gezündet. Hier der Wikipedia-Eintrag zum Thema, hier die damalige Berichterstattung der AP.

Frau @ruhepuls war letztes Jahr in Japan und hat sich auch das Denkmal in Hiroshima angeschaut. Das ganze Blog ist sehr empfehlenswert.

6. August 2015

Ein anderer Jahrestag, ähnlich traurig: Die Freundin von @dasnuf wurde vor einem Jahr überfahren.

Hintersinnig: Was Rückseiten von Gemälden alles verraten

Das Städel-Museum schreibt über … genau, Rückseiten von Gemälden.

„Oft ist den Vorderseiten nicht anzusehen, dass auch recht ungewöhnliche Materialien als Bildträger verwendet wurden. Kupfer zählt dabei noch zu den üblichen Materialien: Anders als Holz oder Leinwand verzieht es sich nicht und reflektiert die Ölfarben gut. Als die Herstellungsverfahren von Kupferplatten weit genug ausgereift waren, kamen diese als Malgrund in Mode und sind in den Jahrzehnten um 1600 relativ häufig anzutreffen. Eher ungewöhnlich ist hingegen, dass ein Landschaftsbild von 1614 auf die Rückseite einer Spielkarte des 15. Jahrhunderts gemalt worden ist. (…)

Bei vielen Porträts ist der Name des Dargestellten auf der Rückseite notiert, oft ist die Rückseite aber auch aufwendig mit Wappen, Inschriften und Künstlermonogramm bemalt. Darüber hinaus können Gemälderückseiten manchmal fast die gesamte, wechselvolle Geschichte eines Werkes preisgeben: Inschriften, Klebezettel und Etiketten bilden zusammen mit Spuren restauratorischer Eingriffe ein wahrhaftes „Archiv des Bildes“.“

Im Blogeintrag kommt auch das schönste Wort vor, das ich im Kunstgeschichtsstudium gelernt habe: Flachware. Also das Zeug, das an den Wänden hängt. Ich liebe dieses Wort; es ist so herrlich prosaisch im Gegensatz zu den ganzen emotionalen Inhalten, die gerne auf dem Bildträger transportiert werden.

Unser Traum vom Fliegen

Thomas Quasthoff wird Dirigent.

„Ein Dirigent brauche, meint man, eine bestimmte Körpergröße und Mindestarmlänge (der im 19. Jahrhundert für die wachsenden Orchester erfundene Taktstock hilft letztlich nur, die Gesten zu verdeutlichen). Dem Debütanten Quasthoff fehlen diese Voraussetzungen, also stellen sich Fragen: “Der kann doch gar nicht dirigieren – ohne Arme?” Oder, noch peinlicher, weil in die seelischen Eingeweide zielend: “Muss das sein, dass er das jetzt auch noch macht?” (…)

Wer sagt eigentlich, dass man mit den Armen dirigiert und nicht mit dem ganzen Rumpf, dem Kopf, der Mimik, den Augen? Und dass andere Dirigenten keine Malaisen hätten, böse Schultern, wehe Rücken und so weiter? Überhaupt: Seit wann ist Dirigieren nicht in erster Linie eine geistige Leistung, sondern eine gymnastische?

Im Grunde war bei Thomas Quasthoff Schluss mit der Behindertennummer, war so ziemlich alles gut. Bis die Sache mit dem Dirigieren aufkam (die Idee dazu stammt von Martin Engström, dem Intendanten des Verbier-Festivals). Und die alten Vorurteile sich wieder regten.“

Going With the Flow: Blood & Sisterhood at the London Marathon

Kiran Gandhi lief einen Marathon, während sie ihre Tage hatte.

„As I ran, I thought to myself about how women and men have both been effectively socialized to pretend periods don’t exist. By establishing a norm of period-shaming, [male-preferring] societies effectively prevent the ability to bond over an experience that 50% of us in the human population share monthly. By making it difficult to speak about, we don’t have language to express pain in the workplace, and we don’t acknowledge differences between women and men that must be recognized and established as acceptable norms. Because it is all kept quiet, women are socialized not to complain or talk about their own bodily functions, since no one can see it happening. And if you can’t see it, it’s probably “not a big deal.” Why is this an important issue? Because THIS is happening, right now.

And so I started bleeding freely.“

In den letzten Monaten nicht für die Uni gelesen

Ich kann keine Romane mehr lesen, seit ich studiere. Keine Ahnung, ob mir die Fußnoten fehlen oder die langen Sätze – wobei: Ich könnte mal wieder Thomas Mann oder Marcel Proust lesen – oder ob ich schlicht gerade so an Sachbücher gewöhnt bin, ich weiß es nicht. Darunter leide ich nur ein bisschen, schließlich lese ich genug spannendes Zeug, aber meine geliebten monatlichen Leselisten (hier die letzte vor dem Studium) liegen seit längerer Zeit wimmernd in der Warteschleife. Das hier ist ein Versuch, sie wenigstens im Geist wiederzubeleben.

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Hildrud Häntzschel – Marieluise Fleißer. Eine Biographie

Okay, kein Roman, aber immerhin nichts über Kunstgeschichte! Auf Marieluise Fleißer wurde ich durch die Münchner Kammerspiele aufmerksam, die ihr Stück Fegefeuer in Ingolstadt im Programm hatten. Die Aufführung begeisterte mich sehr, und ich habe mir vorgenommen, doch mal wieder öfter ins Theater zu gehen (das klappt ganz gut). Diese Kunstform gibt mir die Faszination zurück, die ich im Kino seit längerem vermisse.

Die Biografie Fleißers fand ich sehr gelungen, vor allem, weil man der Biografin manchmal beim Denken zugucken konnte: Hier gibt es zwei verschiedene Versionen eines Ereignisses – welche schreibe ich auf, wie werte ich sie, wo ordne ich sie ein? Das Buch hinterlässt einen guten, wenn auch teilweise nur schlaglichtartigen Eindruck von Fleißer, die im hohen Alter ihre Jugendwerke (leider?) noch mal umschrieb. Auch hier fragt die Biografin eher, zögert, ein abschließendes Urteil zu fällen, sucht anscheinend selbst noch nach Antworten. Ich mochte das sehr.

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Walter Isaacson – Steve Jobs

Hey, noch mal kein Roman, aber wieder nichts über Kunstgeschichte, wo-hoo!

Der Biografie nach zu urteilen, war Jobs ein essgestörter, narzisstischer Kontrollfreak, in dessen Firma ich es keine fünf Minuten ausgehalten hätte. Das ändert nichts daran, dass das Buch sehr lesbar war und ich weiterhin sehr gerne meine ganzen Apple-Produkte verwende. Because pretty and fun and functioning.

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Gavriel D. Rosenfeld/Uli Nickel, Bernadette Ott (Übers.) – Architektur und Gedächtnis. München und Nationalsozialismus. Strategien des Verbrechens

Über das Buch hatte ich schon mal kurz im Rahmen einer Linksammlung gebloggt, daher belasse ich es hier bei dem Verweis. Ich lege es euch trotzdem noch mal ans Herz: Es ist, zumindest im Original, sehr lesbar geschrieben; die Übersetzung knirscht allerdings an manchen Stellen, was man schon beim holprigen Titel merkt, und es geht so weiter, vor allem wenn von lokalen Bauwerken gesprochen wird. Ich kenne jedenfalls niemand, der zum Lichthof der Münchner Uni „Atrium“ sagt, auch wenn das baulich hinkommen mag. Trotzdem habe ich mir die deutsche Ausgabe für Zuhause und das gemütliche Lesebett gegönnt, denn die kostet quasi nichts, und ich wollte die ganzen tollen Literaturhinweise im dicken Anhang haben. Die teure englische Version Munich and Memory: Architecture, Monuments and the Legacy of the Third Reich las ich immer bei uns in der KuGi-Bibliothek.

(Okay, wieder kein Roman. Jetzt aber:)

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Wolfgang Herrndorf – Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman

Das Buch erzählt von Isa, einer Figur, die wir schon aus Tschick kennen. Ich mochte, wie immer, die Sprache Herrndorfs, aber dieses Fragment hat mich sehr unberührt zurückgelassen – und ich weiß nicht, ob es anders gewesen wäre, wäre Bilder fertiggeschrieben worden. Müßige Frage, ich weiß. Mein Liebling wird Sand bleiben.

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Donna Tartt – The Little Friend

Nach ihrem ersten Buch, The Secret History, musste man zehn Jahre auf das nächste Werk von Donna Tartt warten. Ich wartete und wartete und wartete, denn History gehört zu meinen Lieblingsbüchern, dann war Friend da, ich begann zu lesen … und legte das Buch nach gut 100 Seiten äußerst gelangweilt zur Seite. Das ist jetzt zehn Jahre her, der Goldfinch konnte mich wieder begeistern, also gab ich dem kleinen Freund noch eine Chance … und legte das Buch nach gut 150 Seiten äußerst gelangweilt zur Seite.

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Bov Bjerg – Auerhaus

Auch hier: Ich mochte die Sprache, ich mochte, das aus den ewig lakonische hingeworfenen Egals irgendwann ein Nicht egal wird, ich mochte die Hauptfigur – aber ich habe keine Ahnung, warum. Alle Personen blieben für mich Schemen, ich kriegte sie nicht zu fassen, sie wurden auf ein, zwei Charakterzüge runtergebrochen, und das war’s. Ich habe Auerhaus schnell und gerne gelesen, aber als ich es durch hatte, wusste ich nicht mehr, warum eigentlich.

In vielen Kritiken las ich von Flashbacks in die Jugendzeit, und das Ding spielt auch genau in der Zeit, in die ich hätte flashbacken können, die 80er. Vielleicht lag es an der übergroßen Konkurrenz von Keith Haring, Queen und Deutschland 83, dass ich hier etwas unbeteiligt geblieben bin.

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Florian Illies – 1913: Der Sommer des Jahrhunderts

Zwei Jahre zu spät, aber glücklicherweise überhaupt: ein wundervolles Buch. Illies kombiniert Szenen und Ereignisse aus der bildenden Kunst, der Literatur, Politik und dem bunten Vermischten aus lokalen Blättchen zu einem kurzweiligen Erzählstrang, der natürlich davon geprägt wird, dass wir wissen, was ein Jahr später passierte. Das schmerzt besonders, wenn wir über Franz Marc oder Georg Trakl lesen. Es zeigt aber gleichzeitig, wieviel aus diesem Jahr uns noch bewegt, ganz gleich, ob wir in einem Museum stehen, in einem Geschichtsbuch blättern oder einen Lyrikband lesen.

Semesterferien-Rumlesen: Kunst im Nationalsozialismus

Normalerweise ist die Zeit nach Vorlesungsende die, in der ich Hausarbeiten schreibe. In diesem Semester ist das natürlich anders, denn alles, was ich abgeben musste, ist bereits abgegeben: mein Praktikumsbericht (über meine Berufstätigkeit, aber nun gut), meine BA-Arbeit, meine Französischklausur. Alle Referate sind gehalten, ich habe nichts mehr zu tun, bis die LMU oder die Uni Hamburg sich entscheiden, mich als Master weiterstudieren zu lassen.

Deswegen habe ich jetzt endlich mal Zeit, ausführlich in der Bibliothek zu sitzen und zum Vergnügen zu lesen, ohne Ziel, ohne einen roten Faden für ein Referat oder eine Hausarbeit im Kopf zu haben, einfach nur so da sitzen und lesen, was mich spontan gerade interessiert.

Wobei „spontan“ hier die falsche Formulierung ist: Die Kunst des Nationalsozialismus interessiert mich schon länger. Die Zeit zwischen 1933 und 1945 ist die, über die ich historisch am besten Bescheid weiß, weil ich vor 30 Jahren angefangen habe, über sie zu lesen und zu lernen. Mit ihrer Kunst befasse ich mich erst seit sechs Semestern etwas näher, und vor allem eine Vorlesung im Wintersemester 2014/15 hat bei mir viel Nachdenken angestoßen und meine Neugier weiter geweckt.

In der Pinakothek der Moderne hängt gerade eines der bekanntesten Werke aus der NS-Zeit, Die vier Elemente von Adolf Ziegler. Daneben steht die Skulptur Zwei Menschen von Josef Thorak, die auch in 1941 der Großen Deutschen Kunstausstellung zu sehen war.

Generell bekommt man Werke aus dieser Zeit eher selten zu Gesicht, außer im Deutschen Historischen Museum in Berlin oder im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, wo einige Werke zur ständigen Sammlung gehören. Weitere Werke stehen verschämt in den Depots, werden aber nicht gezeigt – und seit einiger Zeit frage ich mich, warum? Je weniger wir sie sehen, desto dämonischer werden sie, und genau das haben sie überhaupt nicht verdient. Julia Voss schrieb im Merkur 2012 (leider nicht vollständig online) über den virtuellen Gang durch die Große Deutsche Kunstausstellung: „Wer im Internet die Ausstellungsräume durchschreitet, fühlt sich wie jemand, der eine Höhle betritt, von der es hieß, sie sei von Drachen bewohnt, und darin auf Eidechsen, Molche und Lurche trifft.“

Das Zitat stammt aus einem Aufsatz von Christian Fuhrmeister, den ich gestern als erstes las: Kunst im Nationalsozialismus: Rezeptionsgeschichte, Forschungsstand und Perspektiven, in: Holger Germann/Stefan Goch (Hrsg.): Künstler und Kunst im Nationalsozialismus. Eine Diskusssion um die Gelsenkirchener Künstlersiedlung Halfmannshof, Essen 2013, S. 11–20. Fuhrmeister beschreibt zunächst den schlechten Forschungsstand, was NS-Kunst angeht:

„Bis vor kurzem hat die Kunstgeschichte vor allem jene Werke berücksichtigt, die während des nationalsozialistischen Regimes in Büchern, Katalogen, Zeitschriften oder Zeitungen publiziert worden waren, oder die als Postkarte oder in der medialen Berichterstattung (Wochenschauen etc.) die Öffentlichkeit erreichten. Im Falle der GDK bedeutet dies konkret, dass von den bis zu 1.800 Exponaten pro Jahr nur rund 60, also nur gut drei Prozent, in den Katalogen abgebildet wurden. Dieser außerordentlich selektive Materialzugriff – der im Kern die Prinzipien der Bildauswahl im Nationalsozialismus fortschreibt, also den Eigeninterpretationen des NS-Regimes folgt –, ist nur sehr selten kritisch reflektiert worden.“ (S. 12)

Erst die digitale Aufbereitung durch die Bereitstellung der Bild- und Forschungsdatenbank zur GDK schaffte einen ersten Überblick über das, was die Nationalsozialisten als ausstellungswürdig betrachteten:

„Von den zwischen 1937 und 1944 circa 12.500 auf der Großen Deutschen Kunstausstellung zum Verkauf angebotenen Werken war jedenfalls vor Freischaltung der Datenbank nur bei rund 10% der Exponate überhaupt bekannt, wie sie aussahen. Anders gesagt: 2012, 75 Jahre nach der Eröffnung der ersten Großen Deutschen Kunstausstellung im Jahr 1937, wissen wir von der „Kunst des Nationalsozialismus“ nach wie vor noch kaum etwas, oder nur sehr wenig. So müssen etwa die „Top Five“ der GDK, das heißt diejenigen Künstler, die dort am häufigsten ausstellten (Franz Eichhorst, Hans Müller-Schnuttenbach, Raffael Schuster-Woldan, Anton Müller-Wischin und Peter Philippi) als grosso modo unbekannt bzw. unbearbeitet gelten. Es gibt keine kritischen Studien [...], sondern nur eher affirmative Retrospektiven; es gibt keine solide kunsthistorische Bearbeitung, ja [zu Philippi] noch nicht einmal verlässliche biographische Daten [...]. Fast 50 Werke präsentierte Philippi in der zentralen nationalsozialischen Leistungsschau, doch selbst in der exzellenten Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte kann nur eine einzige kursorische Erwähnung in über 500.000 Fachbüchern nachgewiesen werden.“ (S. 12/13)

Fuhrmeister erläutert, wie diese Leerstelle zustande kam: Bis weit in die 1960er Jahre hinein wurde die NS-Kunstgeschichte totgeschwiegen und tabuisiert, Biografien wurden gesäubert, Werkverzeichnisse gekürzt, Städte und Museen tilgten bewusst Erinnerungen. Die sogenannte Giftschrankpolitik der amerikanischen Militärregierung tat ein übriges: Viele Werke wurden eingezogen und unter Verschluss behalten. Erst in den 1990er Jahren erwachte ein Interesse an diesen Werken. Wer sich nun mit dieser Kunst befassen wollte, konnte aber nicht auf Verzeichnisse zurückgreifen, die in renommierten Häusern publiziert wurden, sondern musste sich mit einer Enzyklopädie der Kunst im Dritten Reich begnügen, die zwischen 1988 und 1995 bei einem rechtsextremen Verlag veröffentlicht wurde.

Im Verlauf des Aufsatzes kommt Fuhrmeister auch auf die Rezeptionsgeschichte zu sprechen, und das ist der Teil, der mich persönlich sehr interessiert:

„Ungeachtet aller Differenzierungsversuche, aller minutiösen Herausarbeitungen von Brüchen und Kontinuitäten, herrscht in vielen Köpfen ein klares Bild vor: hier klassische Moderne, dort ideologisch kontaminierte und politisch indoktrinierende NS-Kunst.“ (S. 15) Allerdings kann gerade die angestrebte Indoktrination nicht immer nachgewiesen werden. Die Forderung nach einer „ideale[n], rassereine[n] Gestaltung“ (S. 16) ist belegbar, ihre konsequente Umsetzung allerdings nicht. Die Kunst nach 1933 war nicht einheitlich, sondern vielfältig – unser Bild von ihr ist es aber nicht. Fuhrmeister beschreibt einige Ausstellungsräume der GDK und zeigt, dass teilweise schlicht dekorativer Charakter vorherrscht. Gleichzeitig weist er auf Widersprüche in der Bildauswahl hin: Welche Bilder waren ausstellungwürdig, welche nicht, obwohl sie sich ähneln?

„Einen Kanon, eine Einheitlichkeit [...] werden wir dabei kaum finden, und zwar selbst dann nicht, wenn sich mehrere Künstler demselben Motiv widmen. Die Familie als Kern der Volksgemeinschaft hängt bei der GDK 1938 dreifach im Treppenhaus: Links als ganzfigurige, steif-biedere Idylle („Deutsche Siedlerfamilie“ von Georg Siebert), in der Mitte als erdverbunden-bildungsbürgerliches Gruppenporträt („Landarzt Dr. Ursin im Kreise seiner Familie“ von Albert Janesch) und rechts als penetrant arische Version („Deutsche Familie“ von Wolfgang Willrich) – ganz unterschiedliche Konfigurationen, ganz unterschiedliche Wertvorstellungen. Das latent und manifest ideologische Motiv der Familie kann freilich kaum eine konzentrierte Wirkung entfalten, werden diese drei Werke doch sorgfältig von Blumenstillleben interpunktiert, mit Mädchenköpfen in die Symmetrie getrieben und von Tierplastiken flankiert. Genuin dekorative Aspekte spielen offenkundig eine wesentlich wichtigere Rolle als bisher angenommen. Doch erst dieser Ensemble-Charakter – die mise-en-scène der ausgewählten Kunstwerke – ermöglicht eine Annäherung an den zeitgenössischen Betrachterhorizont und damit ein besseres Verständnis von Anspruch und Zielen der Kunst im Nationalsozialismus. Und wenn es auch motivisch stärker geschlossene Räume gibt, die etwa ausschließlich Tier- oder Industriedarstellungen oder weiblichen Akten gewidmet sind, so können dennoch zahlreiche Räume beim besten Willen nicht auf einen Nenner gebracht werden. Badende sind mit Autobahnbrücken konfrontiert, Panzer mit Hundeporträts, und stets lugt eines der omnipräsenten Blumenstillleben um die Ecke.“ (S. 17/18)

Über den Umgang mit Kunst, die zwischen 1933 und 1945 entstand sowie mit ihrer Ästhetik, befasst sich auch Christoph Zuschlag in seinem Beitrag zu einem Ausstellungskatalog: Ein schwieriges Erbe. Über den Umgang mit Kunst aus der NS-Zeit, in: Marlene Lauter/Museum im Kulturspeicher Würzburg (Hrsg.): Tradition & Propaganda. Eine Bestandsaufnahme. Kunst aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Städtischen Sammlung Würzburg, Würzburg 2013, S. 15–25. Auch Zuschlag fordert, dass diese Bilder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssen, und auch er schreibt, dass es keinen einheitlichen, „dämonischen“ Kanon gebe. Er weist aber darauf hin, dass die Werke durchaus einer gewissen politischen Linie zu folgen hatten:

„Entgegen dem eigenen Anspruch, eine „revolutionäre“, eine „neue deutsche Kunst“ zu schaffen, erwies sich die vom Staat geförderte Kunst in erster Linie als kontramodern und restaurativ. Das zeigt sich am deutlichsten in der Malerei, in der die traditionelle Gattungsmalerei des 19. Jahrhunderts – Historienmalerei, Porträt, Genre, Landschaft, Stillleben, Akt und Allegorie – wiederbelebt, eine Rückkehr zur altmeisterlichen Malerei propagiert und das Handwerkliche betont wurde. Auch wenn es keinen einheitlichen Stil und keinen ästhetischen Kanon gab, war die stilistische Bandbreite gering, weil eine „volksnahe, naturalistische Gegenständlichkeit gefordert war. Thematisch ging es auch hier um eine Illustration der NS-Propaganda und um Rollenklischees: die Frau als Mutter, als „Lebensquell“, als „Hüterin des Lebens“, oder „Hüterin der Art“; der Mann als Bauer, Handwerker, Held, edler Kämpfer und Soldat; die „arische“ Familie als Keimzelle der „Volksgemeinschaft“; Landschaft als Ausdruck von Heimat, als Symbol der Verwurzelung mit der „deutschen Scholle“, als Bestandteil der „Blut-und-Boden“-Ideologie etc. Weit verbreitet waren außerdem bäuerliche Szenen. Dabei beschworen die Bilder bäuerlicher Arbeit und Lebensweise eine agrarische, vorindustrielle Idylle, die mit der Realität der hochtechnisierten Gesellschaft im NS-Staat nichts zu tun hatte. Hier zeigt sich exemplarisch, wie die Kunst im NS-Staat sich zwar volkstümlich gab, in Wahrheit aber verlogen war, indem die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse verschleiert wurden.“ (S. 21)

Zuschlag weist auch auf das politische Potenzial scheinbar unpolitischer Bilder hin: Gerade die in einer Vielzahl vertretenen und auch von Fuhrmeister erwähnten Blumenstillleben verschleiern die Zeit des Krieges und gaukeln eine heile Welt vor, die nicht mehr existiert. Wären sie allerdings vor 1933 oder nach 1945 gemalt worden, könnte man sie nicht als „NS-Kunst“ abqualifizieren.

Über diesen Widerspruch muss ich noch nachdenken. Mir ist schon klar, dass ein und dasselbe Bild in verschiedenen Zeiten unterschiedlich wahrgenommen wird, aber gerade an diesen unpolitischen und dann doch politischen Bildern knabbere ich noch rum. Im Aufsatz wird auf einige Künstler hingewiesen, die schon vor 1933 einen naturalistisch-gegenständlichen Stil hatten und ihn beibehalten konnten; für einige Künstler der Neuen Sachlichkeit wurde das bereits untersucht. Buchtipps für mich zum Merken und Noch-Lesen: Markus Heinzelmann: Die Landschaftsmalerei der Neuen Sachlichkeit und ihre Rezeption zur Zeit des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1998 und Olaf Peters: Neue Sachlichkeit und Nationalsozialismus. Affirmation und Kritik 1931–1947, Berlin 1998.

Zuschlag erwähnt auch kurz die Qualität der Bilder der GDK. Durch die rigide Kunstpolitik konnten viele begabte Künstler_innen ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen, während viele Minderbegabte plötzlich ausstellen konnten, schlicht weil ihre Werke dem Zeitgeist entsprachen und sie kulturpolitisch unauffällig waren. Das bedeutet aber nicht, dass jedes Bild, das damals im Haus der Kunst hing, von vornherein als ästhetisch minderwertig angesehen werden kann.

Noch mal zurück zur Linie der damaligen Kunst. Nach den beiden Aufsätzen begann ich ein Buch von Elke Frietsch: „Kulturproblem Frau“. Weiblichkeitsbilder in der Kunst des Nationalsozialismus, Köln 2006. Das habe ich gestern natürlich nicht durch-, sondern nur anlesen können, aber schon in der Einleitung fand ich Spannendes:

„Mein Interesse bei der Analyse von NS-Körperbildern ist auf ein ganz bestimmtes Phänomen gerichtet: Bei Durchsicht der während der Zeit des Nationalsozialismus erschienenen Kunstzeitschriften fällt auf, dass die Auseinandersetzung in den Kunstberichten [Kunstkritik war seit 1936 verboten] beständig um Begriffe wie „Abbild“ und „Idealbild“, „Form“ und „Inhalt“ kreisen. [...] In der Gegenüberstellung von als entartet verfemter Kunst mit den Fotografien von Körpern realer Menschen wird eine Normierung geschaffen, doch mit der Setzung einer Norm, deren Kriterien exakt nachprüfbar sein sollen, werden auch der eigenen, idealisierten Kunst Schranken gesetzt. Schließlich birgt das Streben nach wissenschaftlicher Objektivität eine Gefahr für den „weltanschaulichen Diskurs des „Führers““. In der Philosophie im NS wird dieser Gefahr durch eine Ablehnung des Formalismus und Empirismus begegnet. Wird in parteiamtlichen Formulierungen von NS-Theoretikern ebenso wie in der Philosophie nie eindeutig definiert, was die deutsche „Rasse“ sei, so vermeiden es die Kunstberichterstatter, präzise Aussagen über den „deutschen Stil“ zu treffen. Stattdesen wird beständig die Rede von der „Klarheit“ der Kunst bedient. [Es] klingt die Forderung an die Kunst an, Leerstellen in der Weltanschauung in einem vermeintlich ganzheitlichen Bild zu überblenden. Die Programmatik ist vor dem Hintergrund unzähliger Aussprüche zu sehen, in denen die Kunst gegenüber dem Intellekt abgegrenzt und aufgewertet wird.

Hitler wollte den Staat als „Gesamtkunstwerk“ inszenieren, wobei auch Legitimationsversuche aus den Geisteswissenschaften herangezogen wurden, die wissenschaftliches Arbeiten resp. Streben nach Faktizität durch Mythos ersetzten. Dort, wo theoretische Unschärfen offensichtlich sind, soll die Kunst „Wahrheit“ suggerieren. Sprechen die Philosophen vage von „geistiger Zielsetzung“ und „geistiger Überlieferung“, um das „neue Menschenideal“ zu erfassen, so erklären die Kunstberichterstatter, dass das „neue Wesen“ hinter dem äußeren Erscheinungsbild liege. Es sei gerade die Qualität dieses Wesens, dass es nicht mit dem Verstand definiert, sondern nur über das Gefühl, das „innere Auge“ erlebt werden könne. Originalton der „Türmer“ 1941: „Nicht begreifen wollen wir Deutsche, sondern erleben. Wir müssen endlich mal unsere Bildung überwinden.“ (S. 11–13)

In der oben erwähnten Ausstellung in der Pinakothek der Moderne liegen auch einige Zeitungsberichte aus. Die News Review vom 7. Juli 1938 berichtet über die Ausstellung der „entarteten“ Kunst und der zugleich eröffneten GDK und erwähnt, was die Nazis unter nicht-kunstwürdiger Kunst verstehen: „Jewish, wrong theme, wrong treatment.“ Was genauso blumig bleibt wie von Frietsch beschrieben. Sie zitieren Hitler, der 1937 über Impressionismus und Futurismus gesagt haben soll: „I wish to forbid such lamentable unfortunates who plainly suffer from defective sight, who try to talk the world into accepting their false observation of reality.“

Wer mehr über den Umgang mit Kunst aus der NS-Zeit oder Adolf Ziegler wissen will, kann sich zwei Vorträge der Pinakotheken auf YouTube gönnen: eine Podiumsdiskussion zur Ausstellung und einen Vortrag von Christian Fuhrmeister über Ziegler.

(Die Reihe „Semesterferien-Rumlesen“ wird vermutlich locker fortgesetzt.)

„Und, Anke, wie war so dein sechstes Semester?“

Durchwachsen.

(Erstes, zweites, drittes, viertes, fünftes Semester.)

Ich muss meine übliche Uni-Lobhudelei mit einer etwas unschönen Nachricht beginnen, die meine Twitter-Follower_innen bereits kennen oder ahnen: Der Kerl und ich haben uns getrennt. Schon im März, brav und erwachsen in beiderseitigem Einvernehmen, alles zivilisiert, alles töfte. Trotzdem war und bin ich sehr traurig. Wenn man sich elf Jahre lang im Gefühl eingerichtet hat, dass da neben einem der Mensch ist, mit dem man es sein ganzes Leben lang aushalten könnte, dann ist das doch ungewohnt, ihn auf einmal nicht mehr neben sich zu haben. Oder auch nur per Facetime 800 Kilometer nördlich. Aber genau das hat uns zuletzt das Genick gebrochen: Wir haben uns zu selten gesehen, und weil wir uns nicht täglich versichert haben, wie’s uns geht, haben wir uns in verschiedene Richtungen entwickelt. Ich musste mir eingestehen, dass es mich glücklicher macht, in München alleine in einer Bibliothek zu sitzen als in Hamburg gemeinsam vor dem Fernseher, und ich musste mir sagen lassen, dass ich in Hamburg nicht wirklich fehle, wenn ich nicht da bin. Eigentlich haben wir uns schon vor drei Jahren getrennt, es aber erst vor gut einem halben Jahr gemerkt. Es gab im Laufe des Semesters noch zaghafte Versuche, den Zustand doch wieder zu ändern, aber die endeten alle in mittleren Desastern und vielen Tränen.

Deswegen startete ich etwas waidwund und wackelig in mein letztes Semester, und als ob die persönliche Schwere nicht schon anstrengend genug gewesen wäre, gelang mir in diesem Halbjahr auch akademisch erst mal gar nichts. Das Thema, was ich mir schon im vierten Semester für meine BA-Arbeit ausgesucht hatte, entpuppte sich beim ersten ernsthaften Bearbeiten als totaler Quatsch. Was ich daraus gelernt habe: Bevor ich mein Master-Thema einreiche, denke ich da nicht nur länger drüber nach, sondern suche auch schon nach Literatur, mache eine Gliederung und habe die Arbeit quasi schon geschrieben, bevor ich sie schreibe.

So fürchterlich das für mich als kleine Perfektionistin war, mich wieder und wieder an einer Arbeit scheitern zu sehen, so viel nehme ich aus diesem Scheitern für die nächsten vier Semester mit.

Erstens (der Satz stammt von meinem Prüfer und ich werde ihn nie vergessen): „Nehmen Sie sich EIN Objekt vor und nicht die ganze Kunstgeschichte.“

Zweitens: Stell dir eine Frage und keine Aufgabe, wie du es aus der Werbung gewohnt warst. Du sollst hier nix erfinden, du sollst eine wissenschaftliche Frage beantworten. Deswegen sollst du auch keine Datenbank konzipieren, sondern dich eher mit der Auswertung einer solchen beschäftigen. Oder mit dem Arbeitsmittel „Architektonische Datenbanken seit 2005“. Oder schreib von mir aus ein Essay, das alle Datenbanken zu Teufelswerk erklärt und dass wir nie von den Bäumen hätten runterkommen dürfen. Aber kümmere dich um Ergebnisse, nicht um die Produktion eines neuen Werkzeugs. Das sollen mal schön die Informatiker_innen machen.

Drittens: Wenn du nur lange genug in der Bibliothek sitzt und liest, wird alles wieder gut. Wein, gute Freunde und das Internet helfen auch. Aber die Bibliothek ist dein happy place.

Ich habe gelernt, dass es eine weise Entscheidung war, im fünften Semester so rangeklotzt zu haben, um fast alle Pflichtkurse zu erledigen. Ich hatte in diesem Semester nur eine Übung (Montag morgen) und das Kolloquium für Examenskandidaten plus einen freiwilligen Französischkurs (beide Donnerstags), so dass ich den ganzen Rest der Woche folgendermaßen gestalten konnte: um 8 aufstehen, um Punkt 10 hibbelig vor dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte aufschlagen, ab 10.05 Uhr lesen – so lange ich wollte, denn ich hatte ja sonst nichts mehr zu tun. Mein einziges Referat habe ich in die letzte Vorlesungswoche gelegt, in der auch die Französischklausur stattfand, und dafür musste ich erst arbeiten, als die BA-Arbeit schon abgegeben war. Dass die so ein Brocken war, konnte ich nicht ahnen, aber wie oben beschrieben: Ich habe viel aus ihr bzw. dem Prozess ihrer Erstellung gelernt. (Vor allem Demut.)

Ich habe gelernt, wie spannend es ist, anderen bei ihren Projekten zuzuschauen. Im Kolloquium stellten wir reihum unsere Arbeiten vor, und das waren nicht nur die Bachelors, sondern auch die angehenden Master, Magister und Doktor_innen. Ich mochte den Querschnitt an Interessen, den ich vorgetanzt bekam, auch wenn er natürlich gefiltert war, weil mein Prüfer sich auf Architektur und bayerische Kunstgeschichte spezialisiert hat. Da waren Arbeiten über einige Gebäude in Lemberg und Madrid (Atocha), über ein polnisches Stadtvierteil und seine Häuserentwicklung, über das Werk Erich Mendelsohns in Jerusalem und das von Adolf Voll in Fürstenfeldbruck. Eine Doktorandin besprach die Richtung ihrer Arbeit (das Thema verschweige ich mal lieber, ist ja nicht meins), was ich besonders lehrreich fand: zu sehen, dass man sich einem Stoff aus verschiedenen Richtungen nähern kann und vor allem aus welchen. Erstellt man schlicht einen Werkkatalog, weil er noch nicht existiert? (Nett, aber langweilig.) Oder setzt man das zu untersuchende Werk in einen Bezug zu anderen aus dieser Zeit? (Netter.) Oder geht man das ganze sozialwissenschaftlich an, indem man guckt, wer sich diese Werke außer dem Fürstenhof noch geleistet hat, wohin sie verkauft wurden und was dann aus ihnen wurde? Waren sie repräsentativ, eine Wertanlage, ein Zeichen von Status oder einfach nur Deko? (Da soll’s jetzt hingehen.)

Die Diskussionen um die Erarbeitung der Themen war für mich meist spannender als das Thema selbst. Und auch wenn ich mein Referat großflächig verkackt habe (immerhin mein einziger Referats-Reinfall im BA), hat mir die Kritik daran doch schlussendlich nach zwei Fehlversuchen den Weg zur Arbeit gezeigt.

Ich habe gelernt, dass ich eine BA-Arbeit in deutlich weniger als zehn Wochen schreiben kann, wenn ich muss. Ich hoffe, dass die Note noch erträglich wird. Meine Lieblingsnote wird’s nicht, das ahne ich jetzt schon, aber ich hoffe, die Arbeit ist in den Augen des Prüfers so ordentlich wie ich sie haben wollte.

Ich habe gelernt, wie sich richtig guter Sprachunterricht anfühlt.

Ich habe gelernt, dass sich das fünfsemestrige Warten auf die Nutzung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte aber so was von gelohnt hat.

Als ich mit dem Studium anfing, durfte man erst ins ZI, wenn man ein Forschungsprojekt vorweisen konnte. Man kam zwar in das Gebäude rein, auch als Touri, um sich die lustigen Abgüsse von antiken Statuen anzugucken, aber in die Bibliothek durften wir als LMU-Studis erst ab dem Semester, in dem wir unsere BA-Arbeit schrieben. Vorher waren wir anscheinend unwürdig oder sollten mit unseren Brei-und-Knete-Kleinkind-Fingern die schönen Bücher nicht angrabschen. Seit Anfang 2015 gilt diese fiese Regelung nicht mehr, jetzt dürfen wir ab dem ersten Semester rein, und ich kann nur allen Erstis raten: Macht das. Es ist das Paradies für Kunsthistoriker_innen.

Wo ich vorher von Bibliothek zu Bibliothek radeln und tagelang auf Bücher warten musste, setze ich mich hier in den (allerdings relativ kleinen und unklimatisierten) Lesesaal, klappe meinen Rechner auf, suche im hauseigenen Katalog nach Literatur – und fahre dann mit dem schnellsten Fahrstuhl Münchens durch fünf Stockwerke voller Schätze. Es gibt nichts, was hier nicht steht. Ich habe noch jede obskure Zeitschrift gefunden, von der ich vor der Sucheingabe nicht mal wusste, dass sie existiert. Hier wird alles gesammelt, was irgendwie mit Kunst zu tun hat, und es steht direkt vor meiner Nase. Man kann sich einen kleinen Handapparat anlegen, die Mitarbeiter_innen sind freundlich und hilfsbereit, und ich möchte da wohnen. In den ersten fünf Semestern haben mich schon alle Uni-Bibliotheken und die Stabi zu einem Fan dieser Einrichtung werden lassen, aber das ZI war in diesem für mich auf allen Ebenen sehr herausfordernden sechsten Semester meine kleine, stille Rettungsinsel.

Ich habe gelernt, dass die Ahnung aus dem fünften Semester („Ich glaube, ich bleibe bei Architektur und digitaler Kunstgeschichte“) die richtige war. Momentan klackert auch die NS-Zeit im Hinterkopf rum – was daran liegen könnte, dass ich sie in München dauernd vor der Nase habe –, aber ob das mein Fokus im Master wird, weiß ich noch nicht. Jedenfalls habe ich mich um einen Master-Studienplatz beworben und gucke mal, ob mich München oder Hamburg weiterlernen lassen. (Ich hoffe natürlich auf München.)

Ich habe gelernt, dass ich ein Netzwerk brauche. In den ersten Semestern habe ich mich blöderweise nicht wirklich um Kontakte bemüht – da war der grandiose Plan ja noch, hier bindungslos drei Jahre zu studieren und dann schön wieder ins Beziehungs- und Werbehamburg zurückzukehren. Der Plan war schon etwas länger wackelig und jetzt ist er durch, und ich habe in der Zeit, in der ich orientierungslos mit der BA-Arbeit kämpfte, sehr einen Sparringspartner vermisst, mit dem ich über Kunstgeschichte hätte reden können. Also nicht nur aus einer interessierten Perspektive, sondern aus einer akademischen. Daher habe ich wenigstens zum Schluss dieses Semesters versucht, ein bisschen aus meinem selbstgewählten Schneckenhaus rauszukommen, habe mir endlich mal ein paar Namen meiner Kommilitoninnen gemerkt und bin brav mitgegangen, wenn es hieß, lasst uns nach dem Seminar doch noch ein Bier zusammen trinken, wo ich sonst immer geflüchtet bin. Das werde ich im Master noch mehr machen müssen, auch wenn es meinem Einzelkämpfertum eher widerstrebt.

Ich habe (mal wieder) gelernt, dass mich Lernen beflügelt, befreit, erhebt und glücklich macht. Es trocknet sogar Tränchen, weil man nicht lesen kann, wenn man heult.

Ich habe gelernt, dass die Entscheidung für das Studium die richtige war, auch wenn sie mich eine Beziehung gekostet hat. Ich will nicht mehr die Art von Werbung machen, wie ich sie gemacht habe, ich will nicht weiter irgendwie zufrieden irgendwo einfach nur sein, sondern ich will mich herausfordern und wachsen.

Und ich habe gelernt, dass aus einem guten Freund plötzlich mehr werden kann. Das ist aber alles noch so frisch, dass der Herr noch nicht mal einen Namen fürs Blog hat.

In diesem Zusammenhang: Wenn sich die Hamburger Damenwelt bitte irgendwann um den Kerl kümmern könnte? Ich kann den unbedingt weiterempfehlen. Wenn man sich durch seine knorrige Schale gearbeitet hat, ist er sehr flauschig, bringt einen immer zum Lachen und trägt freiwillig Koffer und Einkaufstüten die Treppe hoch.