< quote >

„Seit dem 15. Jahrhundert lassen Fürsten, einen antiken Brauch wieder aufgreifend, ihre Bildnisse in Medaillen prägen. Diese Bildnismedaillen tragen auf der Vorderseite, auf dem Avers, das Porträt des Herrschers, meistens im Profil, und auf der Rückseite, dem Revers, ein Sinnbild, eine Devise, mit einem kurzen Sinnspruch. Diese Ehrenmedaillen wurden auf mannigfache Weise verwendet: Sie wurden bei Neubauten in den Grundstein gelegt; zu besonderen Anlässen, etwa bei fürstlichen Hochzeiten oder Einzügen, unter das Volk geworfen, und man hat sie verdienten Untertanen oder hohen Besuchern als Auszeichnung übergeben. Bald wurden sie in Silber oder Gold geprägt und man verlieh sie an goldenen Ketten, so daß der Geehrte das Bildnis des Fürsten auf der Brust tragen konnte; wir sehen sie häufig an solchen Ehrenketten auf gemalten Bildnissen seit dem 16. Jahrhundert. Neben dem materiellen Wert, den solche Medaillen haben konnten, hatten sie einen hohen ideellen Wert, da ihr Träger sich als jemand ausweisen konnte, der vom Fürsten persönlich ausgezeichnet wurde. Indem der Fürst seine Medaille an Untertaten, Gesandte oder befreundete Fürsten überreichte, stiftete er eine persönliche Beziehung zu dem Geehrten und sicherte er sich auch emotional dessen Loyalität.

Im 18. Jahrhundert gewinnt neben der Medaille auch die Bildnisminiatur an Bedeutung, die man in Aquarellmalerei auf dünne Elfenbeinplatten übertrug. Auch sie wird vom Fürsten wie eine Ordensauszeichnung verliehen und an Bändern über der Brust getragen.

Diese Praxis der Loyalitätsstiftung über ein persönlich überreichtes Bildnis ist bis heute nicht aus dem Gebrauch gekommen, wenn auch die Medaillenübergabe in dem geschilderten Rahmen selten geworden ist. Aber schon Kaiser Wilhelm II. hat die Praxis auf eine Massenbasis zu stellen gewußt, indem er Postkarten mit einer fotografischen Aufnahme von sich und seiner Unterschrift massenhaft herstellen und verbreiten ließ. Staatsmänner und Diplomaten verweisen heute auch noch stolz auf Bildnisfotos mit persönlicher Widmung, die ihnen von Mächtigen dieser Welt überreicht worden sind. Auf einer anderen Ebene haben in den siebziger Jahren Aufkleber, Plakate und Anstecknadeln mit dem Bildnis Che Guevaras Solidaritätsempfindungen zum Ausdruck gebracht. Im nichtpolitischen Bereich aber ist das Verfahren gerade zu einem eigenen Industriezweig ausgewachsen: Im Auftrag von Firmen liefern Stars aus Film, Unterhaltungsmusik und Sport unterschriebene Bildnisse, Covers oder Poster; sie stellen sich auch zu Autogrammstunden zur Verfügung. Noch immer hat diese Praxis der Bildübermittlung die Funktion einer Loyalitätsstiftung, hier zwischen einem Fan und seinem Idol. Die Funktion des gewidmeten Bildes ist geblieben und ausgebaut, obwohl keine Künstlerspezialisten mehr von Hof zu Hof ziehen, um Medaillen und Miniaturen herzustellen: der Medienwechsel hat der alten Funktion neuen Auftrieb gegeben.“

Warnke, Martin: Das Bild als Bestätigung, in: Busch, Werner (Hrsg.): Funkkolleg Kunst II. Eine Geschichte der Kunst im Wandel ihrer Funktionen, München 1991, 2. Aufl., S. 502–503.

Womit ich mal wieder geschickt einen Buchtipp angebracht hätte. Der Funkkolleg ist nur noch gebraucht zu kriegen, kostet dafür aber so gut wie nix mehr und ist für mich als kleines Zweitsemester eine großartige Fundgrube. In den zwei Bänden wird so ziemlich alles Wichtige angerissen, womit die Kunstgeschichte sich beschäftigt, und es wird gerne an den klassischen Beispielen erklärt, denen ich auch in der Uni begegne. Zusätzlich lernt man ein paar Namen von Kunsthistorikern kennen, die einem auch immer wieder über den Weg laufen, denn die Bücher wurden von vielen verschiedenen Autoren geschrieben (29 Kerle, eine Frau. Grrr). Wer also mal kurz in mein Fach reingucken will – das hier wäre eine prima Gelegenheit.

Nebenschauplätze

Der naive Plan war: Ich nehme mir eine Auszeit von der Werbung, studiere was Nettes, um den Kopf wieder ein bisschen mehr anzustrengen, um dann nach drei Jahren als frischgebackene kluge Bachelorette wieder Werbung zu machen.

Die unangenehme oder auch total tolle Realität: Seitdem ich meine Füße zum ersten Mal in die LMU gesetzt habe, ist die Werbung eine elende Nervensäge geworden und das Studium ein Paradies auf Erden.

Mein Widerwille, sich mit Reklame zu befassen, ist kaum zu beschreiben. Ich würde im Moment lieber kellnern gehen als weiterhin Kram zu texten, den kaum jemand lesen will und den meist niemand braucht. (Mein Rücken findet texten allerdings netter als kellnern. Man ist ja keine 40 mehr.) Ja, meine Kataloge holen die Leute sich freiwillig, aber trotzdem: Ich mag gerade nicht. Und ich mag eigentlich schon seit längerer Zeit nicht mehr, sonst hätte ich die Idee mit dem Studium gar nicht erst gehabt.

Mein derzeitiges Luxusproblem: Da ich nur etwas studieren wollte, das mich interessiert und nicht etwas, das mich eventuell beruflich weiterbringt (ich hab ja nen Beruf), habe ich eben Kunstgeschichte und Musikwissenschaften gewählt. Ich merke allerdings in jeder Unterrichtsstunde und Vorlesung mehr, dass ich wirklich gerne was im Bereich Kunstgeschichte machen würde. Ja, ich weiß, die Welt wartet nicht auf 46-jährige Kunstbachelorettes oder 48-jährige KuGi-Masters, aber sie hat auch nicht auf orientierungslose Studienabbrecherinnen gewartet, die bloß nen Copytest ausgefüllt haben, und trotzdem ist aus mir was geworden. Und wenn ich mir mit 48 einen neuen Job schnitzen muss, dann mach ich das eben. (Oder ich ziehe zu meiner Schwester, die mich mit Essen dafür bezahlt, dass ich ihre Wohnung aufräume. Vielleicht kriege ich sogar Taschengeld.)

Um wieder auf das Problem zurückzukommen: Als Ergänzung zu Kunstgeschichte ist Musikwissenschaft eher suboptimal. Also nicht völlig daneben, aber es gäbe schlauere Nebenfächer. Zum Beispiel Geschichte, das ich ja sogar schon mal studiert habe, wenn auch ohne Abschluss. Bei jedem kunstwissenschaftlichen Buch zieht es mich zu Geschichtsbüchern aus der Epoche, in jeder Vorlesung bastele ich mir im Kopf um die Bilder die Zeitläufe herum, in denen sie entstanden sind, um sie irgendwie einzunorden. Wenn ich mir meine Sachbuchvorlieben angucke, findet sich da neben Kunst, Musik, Futter und Fußball so gut wie nur Historisches – und das lese ich freiwillig und in meiner Freizeit. Warum dann nicht in der Uni?

Der eventuelle Nebenfachwechsel hat noch einen anderen Hintergrund: das leidige Geld. Durch mein selbständiges Texten ist mein Konto in den letzten Jahren richtig schön voll geworden, und wenn ich nicht in München wäre, könnte ich entspannt ohne Nebenjob drei Jahre davon leben und studieren. Ich bin aber nun mal in München, weil ich nur da Musikwissenschaften studieren kann. Von der Hamburger Uni hatte ich vor knapp einem Jahr auch eine Zusage im Briefkasten – und zwar für die Fächer Kunstgeschichte und Geschichte. Aber Frau Gröner wollte ja was Lustiges studieren und hat zudem die Mietkosten in München sträflich unterschätzt, weswegen ein Nebenfachwechsel mir auch die Möglichkeit gibt, ganz eventuell den Studienort zu wechseln, falls es finanziell einfach nicht mehr geht. (Dann lasse ich mich vom Kerl mit Essen dafür bezahlen, dass ich unsere Wohnung aufräume. Vielleicht kriege ich sogar Taschengeld.)

Vielleicht ist die Werbemüdigkeit nur temporär bzw. vielleicht liegt es an den Dingen, die ich bewerbe. Daher hatte ich mich vor kurzem um einen Nebenjob als Texterin in einem Reiseunternehmen beworben, mit dem ich selbst gerne durch die Gegend fahre, aber das hat nicht geklappt – passt schon; nach dem Vorstellungstermin wollte ich dort weitaus weniger gern arbeiten als beim Bewerbungschreiben. Lag nicht am Gespräch, war nur ein Bauchgefühl, und die nächste Florenzreise wird auch wieder bei dem Unternehmen gebucht. Auch der Nebenjob in der Bayerischen Staatsoper hat nicht geklappt, aber für den war ich wirklich nicht qualifiziert genug – was mich natürlich nicht daran gehindert hat, trotzdem eine Bewerbungsmail zu schreiben. Jetzt grübele ich über Jobs in Museen nach, mit denen sich vielleicht ein bisschen was in die Kriegskasse spülen lässt, wobei ich in diesem Bereich noch nicht mal weiß, wo ich anfangen könnte. Mein neuer Liebling, das Lenbachhaus, sucht allerdings gerade jemand fürs Marketing. Zwar in Vollzeit, aber egal. Ich schreib mal wieder ne Mail.

Ich bin immer noch selbst erstaunt davon, wie sehr mir das Studium gefällt, wie großartig ich es finde, mich mit ganz anderen Dingen zu befassen als in den letzten Jahren. Ich mochte meinen Job und die meisten Kunden und Agenturen und natürlich vor allem die Leute, mit denen ich gearbeitet habe. Aber ich habe immer mehr gemerkt, dass ich mich über Zeug aufrege, das es schlicht nicht verdient hat, mir Magengeschwüre zu bereiten. Kein Adjektiv ist es wert, dass ich wegen ihm mitten in der Nacht aufwache, weil der Kunde es mir gestrichen hat. Keine Präsentation ist so wichtig, dass man bis Mitternacht in der Agentur für sie sitzen muss. Und wegen keinem, wirklich keinem Job sollte man auf dem Klo hocken und heulen.

Ich erlebe mich an der Uni komplett anders als in der Agentur. Deutlich weniger angespannt, mit weniger Schmerzen in den Schultern, mit durchgeschlafenen Nächten und vorfreudigem Aufwachen. Ich wette sogar, dass mein Blutdruck niedriger geworden ist. Ich fühle mich anders, weil ich anders arbeite: selbstbestimmter, interessierter, begeisterter. Und: Ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Man kann sicher darüber streiten, ob ein altes Gemälde sinnvoller ist als ein neues Auto, aber ich für meinen Teil habe die Entscheidung zugunsten des Gemäldes getroffen. Ich war und bin der Meinung, dass Kunst und Musik die Menschheit zu einer besseren machen, während Technik das vielleicht nicht immer schafft. Diese beiden Bereiche machen zumindest mich zu einem besseren – gesünderen, glücklicheren – Menschen. Und ich bin mir sicher, dass auch Geschichte das schafft.

Weitergrübeln.

Austrinken, zuhören, staunen.

Mein Didaktikkurs entpuppt sich immer mehr als Wundertüte. In den ganzen Kunstkursen weiß ich, was mich erwartet, wenn die Stunde beginnt; ich kriege haufenweise Informationen zu Bildern oder Kunstwerken, die ich meist vorher noch nicht kannte, schreibe brav mit, hebe ab und zu den Finger und sage was Schlaues, Durchdachtes, Auswendiggelerntes, dann ist die Stunde rum und fertig. Auch bei Musikgeschichte ist das so. Aber eben nicht bei Didaktik.

Wir sind zu zwölft in dem Kurs, anscheinend alle mit genug Sensibilität und Neugier ausgestattet, um sich hemmungslos in Musik fallenzulassen und danach ebenso hemmlungslos zu berichten, was die Musik denn mit uns gemacht hat. Dazu haben wir eine Dozentin, deren Begeisterungsfähigkeit schon etwas fast Animateurhaftes hat (was ich als Kompliment meine).

In der letzten Stunde haben wir verschiedene Arten von Hören kennengelernt. Da gibt es zum Beispiel das unspezifische Hören, also die kurze, folgenlose Wahrnehmung von Supermarkgedudel im Hintergrund. Das kompensatorische Hören bedeutet: traurige Musik bei Liebeskummer, gut gelaunte Musik an Sommerabenden auf der Terrasse mit drei Cocktails im Blut. Angeblich gibt es sogar Studien darüber, dass es eher nicht möglich ist, Traurigkeit mit lustiger Musik zu verscheuchen, aber ich bin mir gerade selbst nicht mehr sicher. Was ich mir gemerkt habe: Das ist schon okay, fiese Schnulzen zu hören, wenn man rumheult. Das muss so.

Das senso-motorische Hören schließt eigene Bewegung mit ein, zum Beispiel tanzen oder auch nur rhythmische Bewegung. Alles, was hilft, den Höreindruck zu verarbeiten. Das assoziative Hören ist das, was mir im Kurs so viel Freude macht: Wir schließen meist die Augen und gucken zu, was vor unserem inneren Auge an Bildern und Eindrücken auftaucht, wenn wir Musik hören. (Falls das noch nicht klar geworden ist: Wir hören in dem Kurs quasi die ganze Zeit Musik.) Gleichzeitig gehen mit den inneren Eindrücken manchmal auch körperliche Reaktionen einher, ich schrieb schon mal darüber.

Das bewusste Hören ist quasi das wissenschaftlichste: Man hört gezielt auf zum Beispiel Instrumente oder Strukturen, um sich das Stück zu erschließen. Und das integrative Hören schließlich ist alles zusammen: Man hört zu und entscheidet sich bewusst, wie man zuhören möchte. Das kann sich innerhalb eines Stücks auch ändern, je nachdem, wie man die Musik gerade wahrnehmen will.

Im gestrigen Kurs haben wir mal wieder assoziativ gehört – und dieses Mal mit Hilfsmitteln. Jeder von uns bekam ein Schnapsglas voll mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Nach den üblichen Scherzen über bewusstseinserweiternde Drogen und ihr Einfluss auf die Musikgeschichte waren wir wieder brav und hörten zu. Diesem Stück nämlich – Unter Donner und Blitz von Johann Strauß aus der Fledermaus. Die Ansage war: „Wir hören das Stück einmal mit geschlossenen Augen. Dann kippt jeder, ebenfalls mit geschlossenen Augen, sein Becherchen runter, versucht möglichst nicht verbal oder akustisch darauf zu reagieren, und dann hören wir das ganze noch mal. Und dann will ich wissen, wie es euch ergangen ist.“

Gesagt, gehört. Ich hatte sofort eine rauschende Ballnacht in der Wiener Hofburg vor meinem inneren Auge, sah Sisi und eine Runde ungarischer Tänzer, einen betrunkenen Hofmarschall, der sich unmöglich macht und gegen Dinge rennt, alles laut und bunt und lustig – aber ich stand einfach nur daneben und guckte mir das an. Wie ich das bei Partys eben mache.

Dann trank ich – Zuckerwasser. Die Musik erklang erneut, und plötzlich war ich mittendrin. Das Zuckerwasser war Champagner, ich wirbelte mit den Ungarn übers Parkett und hakte mich bei Franzerl ein. Eine großartige Party, die viel zu schnell zu Ende war.

Andere hatten statt des Leckerzeugs Salzwasser in ihren Bechern, und die hatten keine so gute Zeit. Eine Dame hatte ähnliche Assoziationen wie ich: Sie war auf einer Party und tanzte lustig mit, aber nach dem Schluck Salzwasser stand sie plötzlich abseits. Andere mussten bei der Musik an das Äffchen mit den Becken denken, die es bräsig zusammenschlug, was sie superkomisch fanden, aber nach dem Salzwasser nur noch nervig. Eine andere Reaktion war, dass man mehr damit beschäftigt war, genau zu gucken, was die Flüssigkeit mit einem macht und man gar nicht mehr auf die Musik achtet, ganz egal was im Becher war. Das war dann wieder die verschulte Rangehensweise, bei der man irgendwas richtig machen will anstatt sich unwissenschaftlich fallenzulassen.

Wie auch immer: Ich fand es zum wiederholten Male spannend, wie man sich mit Musik auseinandersetzen kann. Und weil wir ja ein Didaktikkurs sind, hat das ganze natürlich auch einen Sinn gehabt: Die Übung diente schlicht dazu, sich dem Sinnlichen in der Musik bewusst zu werden, das im schulischen Musikunterricht gerne zu kurz kommt.

Ich teste die Fledermaus jetzt mit wodkabasierten Getränken, mal sehen, was dann passiert.

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„Die Plastik ist das formgewordene Körpergefühl des Menschen. Der seinen Leib verneinende, nie sich als machtvoll empfindende gotische Mensch konnte dreidimensionale Freiplastik nicht kennen. Das Gebäude, das er seiner Sehnsucht geschaffen, die Kirche, erlaubte es ihm nicht. An die Pfeiler schützend gelehnt, bildmäßig dem Schnitzaltar eingereiht und dem Tympanon, kollektiv am Portalgewände in lehrender Versammlung, dienen sie demütig ohne eigenes Leben. Sie begrenzen einen gestalteten Raum, der Hauptsache ist, Ausdruck für das unstillbare Streben nach Auflösung der eigenen Persönlichkeit, Entmaterialisierung, Einswerdung mit Christus in der Kontamplation, in der Ekstase.“

Kuhn, Alfred: Die neuere Plastik. Von 1800 bis zur Gegenwart, 2. Aufl. München 1922, S. 107

Ich bin sehr in Kuhns Schreibstil verliebt.

(mir fällt nicht mal ne überschrift ein)

Warum hier seit gefühlt zwei Wochen nur noch Pflichteinträge und Buchzitate stehen? Weil eine gut zweiwöchige Erkältung (das muss dieses Alter sein, von dem alle reden) meinen exakt getakteten Uni-Fahrplan total ruiniert hat. Und wenn nicht auch eine meiner Dozentinnen krank gewesen wäre, hätte ich das allererste Mal an drei Universitäten ein Referat verpasst; das wäre nämlich gestern gewesen. So warten nächste Woche gleich zwei auf mich, eins über Herrn Archipenko und seine „Schreitende“ und eins über Herrn Bach und sein Weihnachtsoratorium. Oder einen Teil davon. Oder auch nicht, ich habe mich völlig verzettelt und gestern in der Sprechstunde mit meiner Dozentin ein paar Knoten entwirrt. Gefühlt weiß ich aber immer noch nicht, was ich meinen charmanten Mitstudis nächsten Mittwoch erzählen und vorspielen soll. Bei der Skulptur geht’s mir besser, da hatte ich schon vor der Erkältung anständig was gelesen, aber auch hier hätte ich alte Werbetante gerne noch einen Kracher, der aus dem sicherlich total spannenden Referat eins von diesen SUPERSPANNENDEN macht. Und die Handouts muss ich noch machen. Und die Präsentationen. Und deswegen steht hier unter anderem noch keine Lobhudelei über das wunderschöne Lenbachhaus, in dem ich unfassbarerweise eine Privatführung hatte, die ich natürlich noch dringendst verbloggen will.

(Danke an Doppelhorn für die schönere Ausgabe des Bildes anstatt der ersten Version, die hier stand.)

Als Trostpreis kriegt ihr immerhin einen Flügel des Abendmahlaltars von Dieric Bouts, über den erschreckend wenig in der Wikipedia steht. Das Bild zeigt Elias, der sich in die Wüste zurückgezogen hat, um zu sterben, als ihn ein Engel mit Wasser und Brot versorgt. Im hinteren Bildteil sehen wir den gestärkten Elias, kurz bevor ihm Gott erscheint. (Ich sag’s ja immer: Essen ist super. Nie aufhören damit.)

Ich mag an dem Bild die Flächigkeit, die Bouts dadurch schafft, indem er die Gewänder des Engels und des Elias’ in die Breite zieht. Gleichzeitig begrenzt er das Bild durch den Gehstock in der Horizontalen und durch den Baum in der Vertikalen. Der Altarflügel, genau wie die Räume im Rest des Altars, wirkt streng komponiert und strahlt trotzdem so viel Menschlichkeit aus. Allein die Zartheit des Engels, mit der er Elias berührt! Wunderschön. Oder wie unser Professor sich ausdrückte – und ich schwöre, die Dame neben mir hat ergriffen geseufzt –: „Hier verbindet sich Mathematik mit Poesie.“

Twitterlieblinge im Mai 2013

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„Im ersten Stock saß Jenny auf der Bettkante (vielleicht stand sie aber auch hinter dem Vorhang und schaute aus dem Fenster) und weigerte sich, zu ihrem eigenen Fest zu kommen. Vermutlich betrunken. Und Siri war gekommen, um die Sache in die Hand zu nehmen. Sie wollte die Sache in die Hand nehmen. Diesen Ausdruck hatte sie noch nie benutzt, und plötzlich war sie in dem langen blauen Seidenkleid und den hochhackigen Schuhen (die bei jedem Schritt in der Erde versanken, pitsch, patsch, pitsch) durch den Garten gestapft und hatte sich auf eine Weise benommen, die fremd anmutete, Worte und Formulierungen benutzt, die nicht zu ihr passten. Hin und wieder, in kurzen, panischen Momenten, sah sie sich selbst: wie sie durch den Garten stapfte und sich verstellte. Die Sache in die Hand nehmen. Die schrille Stimme. Als hätte sie etwas Altes, Harsches auf der Zunge, das sofort entfernt werden musste, auch wenn Gäste zugegen waren – zum Beispiel die Formulierung Ich muss die Sache in die Hand nehmen, auf einschmeichelnde, theatralische Weise geäußert –, und aus ihrem Mund holte sie ein großes glänzendes Insekt.“

Linn Ullmann (Ina Kronenberger, Übers.), Das Verschwiegene, München 2013, S. 164–165.

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Wieder was gelernt. Beziehungsweise: endlich ne schöne Definition für Kubismus gefunden.

„For the traditional distinction between solid form and the space around it, Cubism substituted a radically new fusion of mass and void. In place of earlier perspective systems that determined the precise location of discrete objects in illusory depth, Cubism offered an unstable structure of dismembered planes in indeterminate spatial positions. Instead of assuming that the work of art was an illusion of a reality that lay beyond it, Cubism proposed that the work of art was itself a reality that represented the very process by which nature is transformed into art.“

Rosenblum, Robert, Cubism and Twentieth-Century Art, 2. Aufl., New York 1982, S. 13.

Bücher Mai 2013

Iwan Gontscharow (Josef Hahn, Übers.) – Oblomow

Ach, der Oblomow. Anfangs wollte ich ihn die ganze Zeit puscheln, weil er doch will und nicht kann und alle Welt ihn ausnutzt und nicht versteht, wie’s ihm geht. Dann aber trifft er Olga und versemmelt die ganze Beziehung – wobei: Da muss ich ihm im Nachhinein doch recht geben; seine ganzen Bedenken waren korrekt, der Mann kennt sich eben doch besser als ich ihn, und das hat mich dann auch mit der recht langen Olga-Episode versöhnt, die mir zeitweilig ein bisschen auf den Keks ging. Im letzten Teil des Buchs hat er mein Herz dann endgültig gewonnen, als er erkennt, dass es eben einfach nicht geht, das mit ihm und der Welt, und dann muss das wohl so. Wunderschön, zeitlos und in der alten, aber nie alt klingenden Übersetzung von Josef Hahn eine Freude zu lesen.

(Leseprobe bei amazon.de, Volltext bei Gutenberg.Spiegel, allerdings in der sehr altbackenen Übersetzung von Herrmann Röhl.)

Friedrich Ani – Süden

Wer in meine Bücherliste guckt, weiß, wie sehr ich Friedrich Ani mag, daher spare ich mir hier eine ewig lange Schwärmerei. Nur eins: Dieses Buch entstand nach einer etwas längeren Pause, eigentlich wollte Ani, soweit ich weiß, den Ermittler gar nicht mehr be-schreiben, aber so ganz kam er wohl doch nicht ohne ihn aus.

Süden hat sich aus dem Polizeidienst verabschiedet und arbeitet jetzt für eine Detektei. Deswegen fehlen die vielen liebgewonnenen Gesichter (oder kommen nur im Vorbeigehen mal vor), und die neuen fühlen sich noch nicht ganz richtig an, aber das mag daran liegen, dass ich eben 100 Bücher mit der alten Besetzung kenne. Was gleich geblieben ist: das München-Kolorit, die Sorgfalt Anis bei seinen Beschreibungen und Dialogen und die Melancholie, die alles überzieht und die Bücher für mich so unwiderstehlich macht.

(Leseprobe bei amazon.de.)

Hervé Le Tellier (Jürgen und Romy Ritte, Übers.) – Kein Wort mehr über Liebe

Ich zitiere den Klappentext: „Anna begegnet Yves, Louise lernt Thomas kennen. Wie leicht verliebt man sich, wenn zu Hause ein Familie wartet? Wie hoch ist der Preis der Liebe, wenn man keine zwanzig mehr ist?“ Das trifft’s ganz gut. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, vor allem sein seltsam artifiziell klingender Stil. Ich weiß nicht, ob ich bei meinen wenigen Ausflügen ins Nachbarland traumwandlerisch immer die französischen Bücher erwische, die so klingen oder ob alle französischen Bücher auf Deutsch so klingen. Wenn ja, gerne mehr davon. Leider ist dieser Le Tellier der einzige, der in deutscher Übersetzung vorliegt.

(Leseprobe bei amazon.de.)

Petra Morsbach – Opernroman

Ja, gut, wenn irgendwas „Oper“ und „Roman“ im Titel trägt, dann muss ich das ja quasi kaufen. Hat sich auch gelohnt. Liest sich allerdings fast dokumentarisch – von mir aus hätte es etwas mehr Emotionen vertragen können, aber vielleicht muss das so sein, damit die hochemotionale Umgebung des Theaters nicht völlig überzogen daherkommt. Die Oper ist im Roman nämlich eher eine Schlangengrube plus Haifischbecken plus Klapsmühle, aber ich ahne, dass es der Realität recht nahe kommt. Das Buch beschreibt verschiedene Akteure und Actricen, ihre Lebenswege, wie sie sich im Theater treffen, was sie dort tun und wie sie wieder auseinandergehen. Alles recht unaufgeregt, aber sehr schön wegzulesen.

(Leseprobe bei amazon.de.)

John von Düffel – Goethe ruft an

Puh. Da musste ich mich erstmal 80 Seiten etwas überwinden, denn bis dahin hatte ich das Gefühl, purer Geschwätzigkeit zuzugucken. Wenn ein Satz noch eine Schleife machen kann, dann macht Düffel gleich 18. Und kommt nochmal rein. Und packt noch ne Kirsche obendrauf. Aber irgendwann hatte er mich so eingelullt, der olle Kaa, dass ich das Buch widerstandslos durchlas – und es im Endeffekt dann doch ganz ordentlich fand. Wie kann man auch vier Nachwuchsautoren und -autorinnen in einem idyllischen Hotel widerstehen, die einem überforderten Kursleiter an den Lippen hängen, der selbst gerne ein Erfolgsautor wäre?

Ein sächsisches Dankeschön …

… an Barbara, die mich mit zwei Büchern ihrer Großeltern überraschte, die bei ihr, O-Ton der beiligenden Karte, „eher verstauben würden“, wofür sie zu schade seien. Das sehe ich genauso.

Ich habe beim Paketauspacken jedenfalls vorfreudig rumgequietscht und beim Blättern freudig weitergequietscht, denn im ersten Buch Die Dresdner Galerie Alte Meister finden sich bergeweise alte Lieblinge (im Bild ein van Eyck, erkennen wir ja alle sofort, ne) und im zweiten Buch Das alte Dresden bergeweise neue: Schlossfassaden! Ich bin wie immer geplättet von so viel Freigebigkeit und noch mehr von der wunderschönen Karte. Vielen, vielen Dank, ich habe mich offensichtlich sehr über das Geschenk gefreut.

Franz Liszt, Les Préludes

Haben wir gestern und heute in MuWi und der dazugehörigen Übung durchgenommen. Ich quatsche euch gar nicht mit Sonatensatz und „Von C- über E- und Fis- wieder zu C-Dur“ zu, aber wenn ihr mal 15 Minuten Zeit übrig hättet, dann klickt ihr hier für Spotify und hier für die Noten. Klavierpartitur, nicht Gesamtpartitur, weil man bei der mit dem Klicken bzw. Scrollen nicht hinterherkommt.

Les Préludes haben leider eine etwas unrühmliche Geschichte, für die Herr Liszt aber nichts kann; die schöne C-Dur-Fanfare war die Erkennungsmelodie des Wehrmachtsbericht in der Deutschen Wochenschau, weswegen das Stück nach 1945 erstmal auf dem Index landete. Inzwischen dürfen wir es wieder hören, und das sollten wir auch brav tun. Ist nämlich schön.

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„[Pianist] Jan macht sich Gedanken über den Dom, der vor über siebenhundert Jahren von einem Meister Gerhard entworfen wurde. Woher nahm dieser Gerhard seine Kraft, nachdem er doch wußte, daß er den fertigen Bau niemals sehen würde? Ihm ging es um das Ewige, überlegt Jan, uns geht es um den Augenblick. Der Baumeister entwarf Formen, die nichts Menschliches mehr haben, nichts Zweckmäßiges, nicht mal entfernten Anklang an eine Behausung. Sie erinnern an hohen Wald, an Felsen, Himmel. Uns dagegen geht es um die vergänglichen Gefühle. Unsere Kunst ist die Kunst des richtigen Zeitpunkts. Wie oft tun, denken und sagen wir in Wirklichkeit das Falsche; oder wir tun das Richtige, aber zu früh, zu spät. Im Theater, denkt Jan auf dem Rückweg ins Hotel, wird Schicksal auf den Punkt gebracht, mit hoher Bedeutung und reinem Gefühl. Im Miterleben fremden Schicksals sind wir plötzlich von unserer privaten Zerrissenheit und Unzulänglichkeit befreit. Giftige Pointe: Um dieser fremden Kunst-Augenblicke willen opfern wir Künstler Jahre und Jahrzehnte eigenen Lebens. Um den großen, überwältigenden Kunst-Augenblick zu beschwören, nehmen wir im echten Leben tausenfaches Verpassen und Versagen in Kauf.“

Petra Morsbach, Opernroman, München 2000, S. 141

< quote >

„Am Vorabend habe ich Dich zum ersten Mal in meinen Armen gehalten, und schon hast Du mich ganz in Besitz genommen. Mir kommen Sätze in den Sinn, die von Dir sprechen und die ich mir – noch ganz ohne jede Absicht – notiere. Einer Legende zufolge hatte Schostakowitsch einen Granatsplitter im Kopf, der es ihm erlaubte, wenn er den Kopf in einer bestimmten Weise neigte, unbekannte Melodien zu vernehmen. Du bist mein Granatsplitter im Kopf. Der Granatsplitter in Schostakowitschs Schädel, das wäre auch ein guter Romantitel. Das Leben ist voll von guten Romantiteln.“

Hervé Le Tellier (Jürgen und Romy Ritte, Übers.), Kein Wort mehr über Liebe

Das dramatische Ende eines entspannten ESC-Abends

Der Eurovision Song Contest ist eine der Gelegenheiten, bei denen ich Twitter liebe. Im Sekundentakt kommentiert meine Timeline liebevoll gesangliche oder bekleidungstechnische Ausfälle, erwähnt Mettigel und Käsehäppchen mit Länderflaggen und überhaupt ist alles voller Flausch. Ich war mittendrin und twitterte, retweetete und hatte einen schönen Abend, bis um 23.30 Uhr mein Twitter-Client plötzlich behauptete, ich hätte mein tägliches Limit überschritten und könnte nichts mehr sagen.

Äh …

WAS? JETZT? WO GLEICH DAS VOTING ANFÄNGT? WATZEFUCK? Hysterie brach aus.

Der Kerl stand natürlich nicht tatenlos neben mir (einzelne Screenshots von unten nach oben lesen, bis auf den mit Jens und meinem Herzblatt:)

Inzwischen weiß ich, dass das System die Tweethäufigkeit halbstündlich misst und gnadenlos hochrechnet. Heißt: Wenn man innerhalb von drei Stunden gefühlt 150 Tweets absetzt, ist man erstmal raus. Aber: Um Mitternacht durfte ich wieder. War dann aber fast egal, denn bis dahin hatte mein Lieblingstitel keine Chance mehr auf den Sieg. Der hier wäre es gewesen:

Die Macht von Musik

Wir sitzen mal wieder im Didaktikkurs. Dieses Mal lautet die Aufgabe, sich drei kurze Musikstücke anzuhören und ein sogenanntes Hörtagebuch zu führen. Das heißt, wir lauschen gemeinsam einem Stück, das uns nicht bekannt ist und schreiben auf, was uns spontan dazu einfällt. „Ganz egal, was. Gefühle, Stimmungen, was für Instrumente Sie hören, egal. Und los.“

Zum Mithören: das erste Stück, das zweite, das dritte. Die Links öffnen Spotify, und ihr müsstet mal versuchen, NICHT zu gucken, was ihr da gerade hört.

Das erste Stück. Hört sich an wie Bach, aber zu jung für Bach. Ich notiere Dinge wie Bläser, Gott, getragen, fängt in moll an und hört in Dur auf. Nachdem wir alle Stücke gehört haben, sollen wir die drei Begriffe, die uns am charakteristischsten vorkommen, an die Tafel schreiben. In der Sammlung tauchen Worte auf wie Beerdigung, christlich, Kirche, Ensemble.

Das zweite Stück dauert etwas länger. Mir kommt es fast zu lang vor; der Chor dialogisiert vor sich hin, dann trifft man sich, und immer wenn ich denke, jetzt ist Schluss, kommt noch eine Schleife. Ich treibe etwas orientierungslos dahin und schreibe „Dialog, Frieden, es leuchtet“ an die Tafel. Andere notieren Choral, Bach, Kantate, Lösung, concerto grosso, mehrstimmig, Sopran, Tenor.

Das dritte ist wieder kurz. Meine Stichworte lauten „Bekräftigung, Vertrauen, zart“, meine Mitstudierenden notieren unter anderem Ensemblebesetzungen, raten Komponistennamen, schreiben Fachbegriffe an die Tafel.

Wir lassen das alles so stehen, kommentieren nicht, lesen nur, stellen fest, was alles an der Tafel steht: Da haben wir Gattungsbegriffe, Ideen zur Struktur der Stücke, Dynamikangaben wie forte oder piano, Besetzungen und Stimmungen, die transportiert werden. Am Ende der Stunde, nachdem wir die Stücke alle dreimal gehört haben und inzwischen wissen, was es ist, meint unsere Dozentin, dass sie immer wieder fasziniert davon ist, dass beim ersten Hören alle „was richtig machen wollen“. Wir seien so verschult, dass wir eher auf wissenschaftliche Dinge achten als auf Emotionen; wir analysierten sofort, anstatt einfach zuzuhören.

Das machen wir dafür beim zweiten Durchgang. Wir beginnen mit einem bisschen autogenen Training. Für mehrere Minuten sitzen wir bequem da, haben die Augen geschlossen, hören auf die leisen Ansagen der Dozentin und spüren unseren Gliedmaßen nach, ballen die Faust, entspannen wieder, fühlen der Energie nach, die dadurch entsteht. Völlig entspannt und darauf geschult, auf den Körper zu achten, hören wir die Stücke ein zweites Mal und versuchen uns wieder ein bisschen was zu merken, das wir danach aufschreiben.

Das erste Stück beginnt mit ein paar Takten Instrumentalmusik, bevor eine männliche Stimme einsetzt. Und ohne, dass ich es darauf angelegt hätte, gehen meine Schultern nach hinten und ich atme tief ein, ganz so, als ob ich selbst singen wollte. Ich spüre auf einmal den Raum in mir, den die Stimme mir verleiht, und das Getragene, was ich beim ersten Hören empfand, wird nun zu einer Aussage, Selbstbewusstsein, Stärke. Ich merke gleichzeitig, wie glücklich mich dieses körperliche Empfinden macht.

Das fühle ich noch stärker im zweiten Stück. Wo ich mich vorher als treibend empfunden habe, will ich nun meine Arme wie beim Schwimmen bewegen, ich will mit der Musik mitgehen, sie mitnehmen anstatt mich von ihr mitnehmen zu lassen. Mir fällt es sehr schwer, weiter ruhig sitzenzubleiben, wo ich doch viel lieber einen Kopfsprung in Richtung CD-Player machen würde. Das Stück ist nicht mehr zu lang, sondern genau richtig.

Das dritte Stück bremst mich dagegen völlig aus. Jeder Bewegungsdrang ist verstummt, ich will mich auf den Fußboden legen und mich mit der Melodie zudecken, schlafen, träumen. Wundervoll.

Auch hier erfahren wir erst am Ende der Stunde die „Auflösung“, als wir alle gemeinsam unsere Eindrücke schildern. Den meisten ging es wie mir: Es war ungewohnt, als Student oder Studentin der Musikwissenschaft bewusst unwissenschaftlich zu denken, sondern nur zu fühlen. Alle, die sich melden, meinen, sie hätten die Musik viel mehr genießen können und sich ihr ohne schlechtes Gewissen hingeben können. Viele hatten ähnliche körperliche Reaktionen wie ich. Genereller Grundon des Feedbacks: „Das war einfach schön.“

Vor dem dritten Hören informierte uns die Dozentin über die Musikfeste in Deutschland, die während der Napoleonischen Besatzung entstanden. Die Befreiungskriege wurden unter einer stark religiös motivierten Propaganda geführt. In den Gottesdiensten wurden Bibeltexte gerne auf die aktuelle Situation hin umgedeutet und ermutigten das Volk zum Krieg und zu persönlichen Opfern, zum Beispiel als Soldat oder als Angehörige. Dabei spielte der gemeinsame Gesang eine große Rolle, denn Singen schafft unwillkürlich eine Gemeinschaft, die flugs zur Volksgemeinschaft umgedeutet wurde.

Mit diesen Informationen im Hinterkopf hörten wir das ganze noch mal – und jetzt war ich schlecht gelaunt! Was ich eben noch als eine getragene Weise empfunden hatte, hörte sich nun für mich an wie gezielt komponierter Trost für Gefallene. Wo ich mich eben noch in die Musik fallenlassen wollte, empfand ich sie plötzlich als billige Propaganda, die mich bloß einlullen will. Nur das dritte Stück konnte mir auch die blöde Info nicht verderben, dass ich manipuliert werden soll, das war auch beim dritten Hören schlicht wunderschön.

Auch hier sammelten wir Eindrücke: Die anderen waren nicht ganz so pampig wie ich, hörten nun aber auch das, was sie hören sollten und empfanden es ähnlich wie ich: Schade, dass wir wissen, worum es geht.

Und das war dann auch der Punkt, den die Dozentin machen wollte: Manchmal lässt es sich besser über Musik sprechen, wenn man keine Ahnung hat, wenn man nicht sofort eine Biografie im Kopf hat, wenn man den Namen des Komponisten hört (bewusstes Maskulinum, ich habe noch von keiner Komponistin im bisherigen Studium gehört), wenn man nicht sofort nach der Motivation fragt, nach der Form des Stücks, nach Regeln und Strukturen.

Im Nachhinein war ich etwas stinkig auf die Dozentin, denn das Stück, was mir erst sehr gut gefiel und dann gar nicht mehr, war der Elias von Mendelssohn. Der wurde aber erst 1846 komponiert und in Birmingham uraufgeführt, hatte also mit den deutschen Nationalismus 1813/14 so gar nichts am Hut. Um ihren Punkt klarzumachen, hat er natürlich funktioniert, aber ich fühlte mich ein bisschen doppelt beschissen. Das hielt aber nur kurz an, denn der Elias ist schlicht zu schön, um ihn scheiße zu finden. (Eat this, Wagner.)