Journal 12. Dezember 2014 –
Nervquatsch, Kunst und gutes Essen

Gestern habe ich mir einen Urlaubstag gegönnt.

Dieses Semester war das erste, in dem ich etwas die Zähne zusammenbeißen musste, das erste, in dem sich ein Kurs bzw. ein Referat wie Arbeit angefühlt haben anstatt wie sonst wie ein Geschenk. Denn dieses Semester ist quasi mein letztes vor der Bachelorarbeit, das heißt, ich muss darin alle Kurse unterbringen, für die ich noch ECTS-Punkte brauche (oder Scheine, wie wir old people sagen). Ich könnte natürlich auch noch im nächsten Semester Kurse machen, aber ich freue mich seit dem zweiten Semester auf das letzte, in dem ich nur noch lesen und schreiben darf – kein Klausurlernen mehr, keine Referate mehr vorbereiten (bis auf das im BA-Arbeit-begleitenden Kolloquium, wo wir alle unsere Arbeiten vorstellen), kein Stundenplan, nur noch die Bibliothek, mein Rechner und ich. Und da ich ja mit Geschichte erst im dritten Semester anfing, muss ich jetzt ein bisschen quetschen. Wie sehr ich quetsche, merke ich an dem vielen Zeug, das auf einmal auf dem Schreibtisch liegt und mich dieses Mal deutlich mehr angestrengt hat als erwartet.

Zusätzlich ging es mir gesundheitlich im Oktober und November nicht ganz so gut; darüber habe ich nicht gebloggt und das will ich jetzt auch nicht, aber da hingen schon einige Sorgenwölkchen über meinem Kopf, was Medikation angeht bzw. die Dosierung derselben und ob ich wieder in alte Muster zurückfalle, die ich doch schon weggearbeitet geglaubt hatte. Das heißt, zum körperlichen Ungleichgewicht kam auch noch das seelische, und auf einmal waren die Aufgaben, die vor mir lagen, keine lustvolle Herausforderung, sondern Stress für mich, und das kannte ich im Bezug auf das Studium noch nicht. Das kannte ich nur vom Agenturschreibtisch – aber immerhin hatte ich an dem gelernt, wie Augen zu und durch geht, und so habe ich das hier auch gemacht. Gefühlt war das das mieseste Referat, was ich je gehalten habe, und ich freue mich nicht so sehr auf die Hausarbeit, weil ich weiß, dass das die alten Gefühle wieder hochspülen wird, aber mei, die schiebe ich jetzt aufs Semesterende, gebe erstmal alle Bücher zurück, die dafür hier rumliegen und konzentriere mich auf die zwei tollen Hausarbeiten, die ich vorher schreiben werde und bei denen ich sehr zufrieden mit den Referaten war.

Eins davon habe ich Donnerstag gehalten und deswegen hatte ich Freitag auch zum ersten Mal in diesem Semester das Gefühl, einen Berg weggeschaufelt zu haben. Alle Referate durch, jetzt für die Klausuren lernen und eben zwei schöne Hausarbeiten schreiben, aber das hat noch ein paar Tage Zeit, jetzt kann ich mir einen Tag Auszeit gönnen. Und das habe ich dann auch gemacht.

Erstmal ausschlafen. Bei Kerzenlicht des Adventskranzes im Bett rumlungern, ein bisschen lesen, entspannt frühstücken und dann, als einzige Pflichtaufgabe, in die Bayerische Staatsbibliothek fahren, um Mahngebühren zu bezahlen und ein Buch abzugeben. Das Buch gehört natürlich zum Nervreferat und es ist bereits das zweite, für das ich gemahnt wurde. Die Stabi und die Unibibliothek haben ein eigentlich idiotensicheres System: Man wird per Mail ein paar Tage vor Ablauf der Rückgabefrist an eben diese erinnert, und normalerweise läuft das bei mir so: Ich kriege die Mail, springe sofort auf, suche das betreffende Buch raus und lege es in die Flur, damit ich es bei der nächsten Fahrt zu Uni mitnehme. Oder ich verlängere sofort nach Mailerhalt das Buch online. Dann wird die Mail gelöscht und ich weiß, alles ist gut.

Mit dem Nervreferat hatte ich schon in den Sommersemesterferien angefangen. Wir erinnern uns? Ich muss sehr viel in dieses Semester quetschen und dachte daher, machste doch schon im Vorfeld so viel, wie geht. Das war eine sehr blöde Idee, denn nach Grimald und vor allem Frauenchiemsee war ich ein bisschen durch und wollte erstmal Pause machen, habe mich aber nicht getraut, weil ich ja wusste, dass ich so viel vor mir habe blablabla, las also weiter, obwohl mein Kopf überhaupt keine Lust hatte, und dementsprechend war von Anfang an meine Laune bei dem Thema. Außerdem liegen daher seit Monaten die gleichen Bücher bei mir rum, die ich stumpf verlängere, bis irgendwann die Mail kam, geht nicht mehr mit dem Verlängern, jetzt bring das Ding zurück, du liest es doch eh nicht, Hase. Und zum ersten Mal in zweieinhalb Jahren habe ich eine derartige Mail unbewusst ignoriert, warum auch immer. (Mein Kopf ist noch bockiger als ich, glaube ich.)

Jedenfalls stand ich eines Tages in der Stabi, wollte 50 Cent Vormerkgebühren für ein Buch am Kassenautomat bezahlen, ließ meine Bibliothekskarte scannen und guckte sehr erstaunt, als die Anzeige was von 8 Euro faselte. Ich zahlte, holte mein Buch ab und ging schnurstracks zur Information, wo ich nachfragte, was es mit dieser IRRSINNSSUMME auf sich hätte. Die freundliche Dame an der Auskunft bescheinigte mir, dass sie mir eine Mahnung geschickt hätten, weil ich ein Buch partout nicht wieder hergeben wollte. Ich plusterte mich ein bisschen auf, erwähnte meine ungeheure Selbstdisziplin, wenn es um Buchrückgaben geht, und meinte, ich hätte keine Mahnung gekriegt – die Dame guckte nochmal nach und meinte, doch, wir haben vor ein paar Tagen eine rausgeschickt, hier, Gärtnerstraße, Hamburg.

Ich so: *patsch* Als ich meinen Bibliotheksausweis beantragte, hatte ich noch keine Wohnung in München und habe daher natürlich meine Hamburger Adresse angegeben. Der Kerl ruft nicht jedesmal an, wenn ein Brief an mich in Hamburg landet, sondern sammelt alles ein paar Tage, und dann machen wir per Facetime lustiges Postaufmachen seinerseits, während ich mich darauf beschränke, zu so ziemlich jeder Korrespondenz „Kann weg“ zu sagen. Die Dame änderte sofort meine Adresse, ich bedankte mich piepsig für die Auskunft und radelte nach Hause.

Nur um vorgestern eine weitere Mahnung vorzufinden, dieses Mal an die Münchner Adresse, für ein weiteres Buch aus dem Nervreferat.

Genau das brachte ich gestern zurück, zahlte erneut 7,50 Mahngebühr, und damit begann mein Urlaubstag, den ich offensichtlich nötiger hatte als ich dachte.

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Mit der U-Bahn bis Marienplatz, mit der S-Bahn bis zum Rosenheimer Platz, wo ich im Sommersemester immer ausgestiegen bin, um im Gasteig Italienisch zu lernen. Auf dem Weg in den Gasteig kam ich stets an einem kleinen Laden für Kochkram vorbei, der glücklicherweise immer geschlossen hatte, wenn ich von 8 bis 9.30 Uhr in einer fremden Sprache vor mich hinstümperte. Also guckte ich nur sehnsuchtsvoll und mit dem inneren Blick auf mein leerer werdendes Konto in das Lädchen, in dem wunderschönes Geschirr und Kochbücher locken. Nach acht Monaten Lockruf knickte ich ein und kaufte zwei Pantonekaffeetassen in unterschiedlichen Grüntönen. Das Schöne an meiner Münchner Wohnung ist: Sie ist so klein und in ihr steht so wenig rum, dass ich alles schick colorcoden kann. Mein Küchenschrank ist weißgraugrünblautürkis und mein innerer Monk freut sich jedesmal, wenn ich ihn öffne. Jetzt hat er noch zwei grüne Farbkleckse mehr; eine Tasse für den Kerl und eine für mich. (Der Herr hat sich per Twitter-Foto brav genau die ausgesucht, die ich für ihn vorgesehen hatte. Ha!)

Dann schaute ich nebenan nach neuen Ohrringen, wurde aber nicht fündig. Dann wird dort eben online geshoppt.

Nächster Programmpunkt: die Pinakothek der Moderne. Dort wollte ich mir endlich die Beuys-Ausstellung anschauen und eine neue Ausstellung mit Lina Bo Bardi, über die ich hier bereits schrieb. Durch die wenigen Räume Beuys schlenderte ich gemächlich und amüsiert, freute mich über seltsame Sätze, wollte dann eigentlich noch zum Ende des XX. Jahrhunderts, aber in dem Raum stand gerade eine Gruppe rum, also ging ich weiter zu meinen Lieblingen, den Minimalisten, und staunte wie immer über Donald Judd, Dan Flavin und Fred Sandback. Und plötzlich stand ich in einem Saal mit Bildern, die mich sofort erwischten: Stephan Melzls Ausstellung Superhero.

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Stephan Melzl, „Sockel“ (2013), ca. 65×50 cm, Privatsammlung.

Melzls Bilder sind alle recht kleinformatig, so um die 50, 60 Zentimeter hoch, Öl auf Holz, und sie hängen ungerahmt an den Wänden. Die Pastelltöne sind meist stumpf, aber einige von ihnen scheinen aus dem Bild zu leuchten, als ob in ihr Neonpartikel sind. Sie setzen kleine Glanzlichter auf die sowieso schon irrealen Settings und machen sie noch unwirklicher. Wenn ich mich richtig erinnere, sind auf allen Bildern Menschen zu sehen, und genau wie bei Hans Op de Beeck steht man meist leicht verstört vor den Werken. Irgendwas ist nicht so, wie es sein soll, und man kann meist nicht sofort sagen, was. Oder man guckt immer länger hin und je mehr man guckt, desto unangenehmer wird’s.

Eins meiner Lieblingsbilder zeigt eine Frau im Wasser. Das Bild heißt, laut Pinakothek, Pool 2, im Link heißt es Schwimmerin 2, keine Ahnung, was richtig ist. Mein erster Eindruck war: Freiheit. Entspannte Nacktheit, wie schön. Aber dann fiel mir auf, wie dicht der Mund der Frau an der Wasseroberfläche ist; sie kann gerade noch so atmen, zwei Zentimeter tiefer tauchen und sie müsste die Luft anhalten. Dann erschien mir ihre Nacktheit auch nicht mehr frei, sondern ich fühlte mich wie eine Voyeurin, denn unser Blick ist nicht der der Menschen, die am Pool herumstehen; diese (imaginären) Zuschauerinnen können den Körper nicht sehen, er ist unter Wasser und vor den Blicken halbwegs geschützt. Wir dagegen befinden uns auf Augenhöhe mit der Schwimmerin, sie kann sich unseren Blicken nicht entziehen, selbst wenn sie ganz untertauchen würde. Sie ist schutzlos, sie kann sich nirgends festhalten, der Grund des Pools oder des Sees ist nicht sichtbar, sie kann sich nur selbst über Wasser halten und ist damit sehr angreifbar. Gleichzeitig nimmt der Körper einen sehr großen Raum im Bild ein. Ich musste daran denken, wie lange mein Körper viel zu viel Raum in meinen Gedanken eingenommen hatte und wieviel positive Kraft er nur durch sein nicht normgerechtes Aussehen in mir ausgelöscht hat, wie lange ich ihn verstecken wollte, sie sehr ich manchmal untertauchen wollte und nicht mehr atmen.

Das klingt jetzt dramatischer als es war, aber bei so ziemlich allen Bildern von Melzl drängelte bei mir irgendwas an die Oberfläche. Ich mag es, wenn Kunst was mit mir macht.

Zum Abschluss des Obergeschosses ging ich wie immer zu meinem allerliebsten Lieblingslehmbruck, dessen Eindruck dieses Mal ein bisschen von zwei laut redenden Aufsehern gestört wurde, aber das verzeihe ich den Herren. Ich kann ja wiederkommen. Immerhin gingen sie ein bisschen von mir weg, als ich den Gestürzten betrachtete.

Im Erdgeschoss schlenderte ich dann durch die Architekturausstellung über Lina Bo Bardi. Die Ausstellungsgestaltung gefiel mir sehr gut: Teilweise waren die Zeichnungen und Fotos ihrer Werke auf nachgebildeten Ziegelsteinen angebracht, teilweise auf großen Papierbahnen, die sich leicht bewegten, wenn hinter ihnen jemand langging. So bekamen die eigentlich starren Gebäude etwas Belebtes. Grundrisse kann ich dank des Studiums inzwischen prima lesen, aber mit Architekturzeichnungen hatte ich mich noch nicht intensiv auseinandergesetzt. Auch das klappte gut, vor allem, weil genug Bildmaterial neben den Plänen hing, so dass man immer schön hin- und hergucken konnte. Es hat mich trotzdem überrascht, wie klein alles in Wirklichkeit war, was mir auf den Plänen viel weitläufiger vorkam. Ich mochte Bo Bardis Schlichtheit sehr gerne – logisch, wenn ich die Minimalisten mag – und ich wäre gerne deutlich länger in der Ausstellung geblieben, aber das wurde mir leider verwehrt. Ich habe keine Ahnung, warum die MacherInnen unbedingt Klang in die Räume einbringen wollte. Ich spreche auch kein Portugiesisch, daher weiß ich nicht, was genau ich die ganze Zeit gehört habe. Manchmal klang es, als hätten sie einfach ein Richtmikrofon auf die lauteste Kreuzung von São Paulo gestellt und das so richtig schön aufgedreht. So lange ich zuhörte, hörte ich Stimmen und Straßenlärm; irgendwann versuchte ich den Lärm – das war kein Klang, das war Lärm – auszublenden, aber das gelang mir irgendwann nicht mehr, weswegen ich die letzten Räume sehr schnell abschritt und latent genervt wieder aus der eigentlich empfehlenswerten Ausstellung rauskam. Ich nehme an, die Soundkulisse sollte Bo Bardis Arbeit in einer Großstadt zeigen und vielleicht, dass ihre Architektur nicht schweigsam und still irgendwo am Ende der Welt rumsteht, dass auch die Kirche, die sie entwarf, für die Menschen da war, dass in ihrem Restaurant Leben herrschte, aber ich fand es wirklich störend.

Am Ausgang sprach mich eine junge Frau an, ob mir der Ausstellungsbesuch gefallen habe und ob ich kurz ein paar Fragen auf einem Tablet beantworten wolle. Wollte ich. Hat’s mir gefallen? Logisch. Nutze ich Twitter und Facebook der Pinakotheken? Logisch. Habe ich eine Jahreskarte? Äh. Hm. Die Möglichkeit „Ich darf das ganze Jahr umsonst rein, weil ich Kunstgeschichte studiere und ihr so nett seid, mich hier so reinzulassen, also habe ich im Prinzip eine Jahreskarte, BECAUSE YOU’RE AWESOME“ gab’s leider nicht, sonst hätte ich das angeklickt und noch ein paar Herzchen dahintergemalt. Dann die Frage, Student? Vollzeit beschäftigt? Und da weiß ich seit Monaten nie, was ich sagen soll. Auch wenn mich neue Bekanntschaften fragen, was ich mache, weiß ich das nie. Ich bin im Prinzip Texterin, aber ich texte so gut wie gar nicht mehr. (Bockigkeit.) Ich bin Studentin, aber das hört sich so an, als würde ich eigentlich kellnern gehen. (Not that there’s anything wrong with that.) Ich weiß gerade selbst nicht, was ich bin und habe deswegen teilzeitbeschäftigt angeklickt, was so halbwegs hinkommt.

Ein letzter Blick auf die Alte Pinakothek, dann der kurze Fußweg zur Bushaltestelle, ab nach Hause. Vorher noch zu meiner Lieblingsmetzgerei, in die der Kerl unfassbarerweise in diesem Monat öfter eingecheckt hat als ich, weil er dauernd Leberkäsesemmeln haben will, wenn er hier ist. Seit Tagen möchte ich Steak essen und das habe ich dann zum Tages- und Urlaubsabschluss auch gemacht. Mit Mr. Pommeroy und Admiral von Schneider, Kartoffelgratin, Salat, einem guten Wein und noch Espresso und Schnaps hinterher.

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Ein hündisches Dankeschön …

… an Charlotte, die mich – fast ein Jahr nach ihrem letzten Geschenk – mit Erich Kästners Der Gang vor die Hunde überraschte. Das Buch hieß früher Fabian und stand im Wohnzimmerregal meiner Eltern. Ich habe mich als Kind daran versucht, was aber keine so gute Idee ist, wenn man gerade im Alter für Emil und die Detektive und Pünktchen und Anton ist. Dann vergaß ich das Buch recht lange, bis mich Herr Buddenbohm wieder daran erinnerte. Jetzt müsste ich alt genug sein und bin sehr gespannt. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

(Und ja, ich ahne, dass du meine BA-Arbeit im Blog verfolgen können wirst. #widmung)

Links vom 7. Dezember 2014: Architektur und Stadtplanung

Sie baute für die Menschen

Die NZZ über die italienische Architektin Lina Bo Bardi, die in Brasilien Meisterhaftes erbaute:

„Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs erschien Brasiliens tropisch-heitere Baukunst den europäischen Architekten wie eine Verheissung. Nirgends sonst in der südlichen Hemisphäre war der internationale Stil leidenschaftlicher begrüsst worden als in Brasilien. Mit Gregori Warchavchicks erster «Casa modernista» (1928) in São Paulo und dem Bau des 1935 unter Le Corbusiers Leitung von Lúcio Costa, Affonso Eduardo Reidy und Oscar Niemeyer konzipierten Erziehungsministeriums in Rio de Janeiro fand das südamerikanische Land schnell zu einer eigenständigen Ausformung der architektonischen Moderne. Der Erfolg des filigranen, leicht geschwungenen brasilianischen Pavillons von Costa und Niemeyer auf der Weltausstellung 1939 in New York machte die von Zukunftsoptimismus getragene baukünstlerische Bewegung in ganz Brasilien populär. Sie wird auch Lina Bo Bardi in ihren Bann gezogen haben, als sie kurz nach dem Krieg zusammen mit ihrem Ehemann Pietro Maria Bardi in Rio an Land ging.

Damals dachte die vor hundert Jahren, am 5. Dezember 1914, in Rom geborene Achillina Bo wohl nicht einmal im Traum daran, dass sie in diesem fremden, auf sie so magisch wirkenden Land dereinst zu einer der Grossen nicht nur der Baukunst, sondern des kulturellen Lebens überhaupt werden sollte. Ihre architektonische Ausbildung hatte sie in Rom absolviert, dessen Architekturschule damals ganz im Zeichen des faschistischen Neuklassizismus von Marcello Piacentini stand. Doch schon ihre Abschlussarbeit über ein Kinderbetreuungszentrum zeigte, dass in ihren Augen Architektur mehr mit sozialem Engagement als mit politischer Repräsentation zu tun hatte.“

Lina Bo Bardi: Brasiliens alternativer Weg in die Moderne

Das Architekturmuseum der Technischen Universität führt gerade in der Pinakothek der Moderne eine Ausstellung zu Lina Bo Bardi durch:

„Sie prägte einen eigenen Gestaltungsansatz, der die gesellschaftliche Bedeutung des Bauens und seine kulturelle Verankerung in den Mittelpunkt stellt. Mit dem Bemühen um eine »architettura povera« kann Lina Bo Bardi als Vorläuferin gegenwärtiger Tendenzen engagierter Architektur betrachtet werden. Eine ihrer wichtigsten Leistungen ist es, Bauten geschaffen zu haben, die in der lokalen Öffentlichkeit höchste Akzeptanz finden und sich gängigen Klassifikationen entziehen.“

Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. Februar 2015.

If women built cities, what would our urban landscape look like?

Wo wir gerade bei Architektinnen sind: Wie sähen Städte aus, wenn Frauen sie gestalteten? Das geht weit über den üblichen Witz mit der größeren Anzahl an Frauenklos hinaus.

„Partly this is down to physical differences: the experience of being smaller, of being pregnant or needing to breastfeed a baby, of feeling unsafe after dark. Feeling marginalised professionally can also sharpen awareness of what life is like for other excluded groups: children and young people, old people, or those with disabilities.

“It gives you a little bit more of a sensitivity to what it might be like to have another vulnerability,” says planner Liane Hartley, who co-founded the Urbanistas women’s network and also runs social enterprise Mend. “Considerate is the word, because you can’t include everyone in everything. The question is really not would cities be different if they were designed by women? It’s would they be different if more voices were heard?”“

Edit: Es gibt auch in Deutschland eine feministische Organisation von Planerinnen und Architektinnen. (via @hanhaiwen)

What Would a Non-sexist City Be Like?

Im Artikel versteckt sich der klassische Essay What Would a Non-sexist City Be Like? von Dolores Hayden, einer amerikanischen Architektin und Schriftstellerin, aus dem Jahre 1980. Sie beschreibt unter anderem die wachsende Zahl von Frauen in der Berufswelt und verlangt ein neues Design für Städte, die Heim und Arbeitsplatz näher zueinander bringen und/oder die häusliche Arbeit aufwertet.

„”Good homes make contented workers” was the slogan of the Industrial Housing Associates in 1919. These consultants and many others helped major corporations plan better housing for white male skilled worker sand their families, in order to eliminate industrial conflict.”Happy workers invariably mean bigger profits, while unhappy workers are never a good investment,” they chirruped. Men were to receive “family wages,” and become home “owners” responsible for regular mortgage payments, while their wives became home “managers” taking care of spouse and children. The male worker would return from his day in the factory or office to a private domestic environment, secluded from the tense world of work in an industrial city characterized by environmental pollution, social degradation, and personal alienation. He would enter a serene dwelling whose physical and emotional maintenance would be the duty of his wife. Thus the private suburban house was the stage set for the effectives exual division of labor. It was the commodity par excellence, a spur for male paid labor and a container for female unpaid labor. It made gender appear a more important self-definition than class, and consumption more involving than production. In a brilliant discussion of the “patriarchas wage slave,” Stuart Ewen has shown how capitalism and antifeminism fused in campaigns for home ownership and mass consumption: the patriarch whose home was his “castle” was to work year in and year out to provide the wages to support this private environment. (…)

A program broad enough to transform housework, housing, and residential neighborhoods must: (1) involve both men and women int he unpaid labor associated with housekeeping and child care on an equal basis; (2) involve both men and women in the paid labor force on an equal basis; (3) eliminate residential segregation by class, race, and age; (4) eliminate all federal, state, and local programs and laws which offer implicit or explicit reinforcement of the unpaid role of the female homemaker; (5) minimize unpaid domestic labor and wasteful energy consumption; (6) maximize real choices for households concerning recreation and sociability.“

Neu-Steilshoop war Hamburgs Labor für Stadtplaner

Im Essay stehen zwei Zeilen zum Steilshooper Projekt „Urbanes Wohnen“:

„Laborcharakter ähnlich der Gesamtschule hatte auch ein anderes Projekt, zu dessen Grundsteinlegung im Sommer 1972 der damalige Bundesbauminister Lauritz Lauritzen (SPD) nach Steilshoop kam. Im Block VI am Gropiusring plante der Bauträger Neues Hamburg das Wohnmodell “Urbanes Wohnen”. Dem 68er-Lebensgefühl entsprechend wollte man erstmals im geförderten Wohnungsbau der traditionellen Form des Zusammenlebens in der Familie ein gemeinschaftsorientiertes Wohnen entgegensetzen. Die Idee des Architekten war, die WG-Bewohner schon an der Planung zu beteiligen. Das Resultat: Gemeinschaftsräume, Küchen für mehrere, eine Dachterrasse für alle, ein Kindergarten im Keller. 210 Menschen aus unterschiedlichen Schichten lebten von August 1973 an unter dem vom sozialen Wohnungsbau finanzierten und deshalb relativ preiswerten Dach. 1984 scheiterte das Projekt unter anderem wegen immenser Mietschulden.“

(Falls der Link euch zu einer Paywall führt, einfach die Headline googeln, dann geht’s.)

Are women cyclists in more danger than men?

Im Guardian-Artikel findet sich noch ein weiterer interessanter Link über die statistisch höhere Gefährung von Radlerinnen im Straßenverkehr:

„The high incidence of women killed by lorries has come to the attention of the authorities before. In 2007, an internal report for Transport for London concluded women cyclists are far more likely to be killed by lorries because, unlike men, they tend to obey red lights and wait at junctions in the driver’s blind spot. This means that if the lorry turns left, the driver cannot see the cyclist as the vehicle cuts across the bike’s path. The report said that male cyclists are generally quicker getting away from a red light – or, indeed, jump red lights – and so get out of the danger area.“

Ein samtweiches Dankeschön …

… an Tamara, die mich mit Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen überraschte. Von Keun las ich bereits ihren Erstling Gilgi (1931) mit großem Vergnügen, und ich bin sehr gespannt auf das Mädchen, mit dem sie 1932 endgültig zu den etablierten Schriftstellerinnen gehörte – bevor die Nazis ihre Werke verboten und ihre Karriere damit bis zu Keuns Wiederentdeckung in den 1970er Jahren zum Erliegen kam. Vielen Dank für das Geschenk (und die schöne Widmung), ich habe mich sehr gefreut.

Bücher Oktober 2014

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Hape Kerkeling – Der Junge muss an die frische Luft

Och jo. Kerkelings Jakobswegbuch habe ich mit großem Vergnügen gelesen, daher musste ich sofort zuschlagen, als ich dieses Werk sah. Ich hätte vielleicht ein bisschen besser auf den Untertitel „Meine Kindheit und ich“ achten sollen, denn eigentlich hatte ich mich auf eine Biografie vorbereitet und eben nicht auf eine Nacherzählung von einschneidenden Kindheitserlebnissen. Die sind bei Kerkeling allerdings sehr bemerkenswert; es gibt wahrscheinlich nicht viele Bücher, die von der Freude über ein eigenes Pony zum Selbstmord der Mutter führen. An einigen Stellen hat mich das Buch genauso bewegt wie Ich bin dann mal weg, meistens war ich aber doch höchstens bemüht interessiert.

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Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt

Dafür war das hier ein großer Wurf. Neun Erzählungen in moderner, klarer, schöner Sprache, die netterweise nicht von verlassenen Frauen handeln, die mager rauchend mit Weißwein am Fenster rumsinnieren (ja, ich unterstelle modernen Autorinnen jetzt ganz böse ganz fiese Sachen, ich weiß). Stattdessen wird hier mit Verlust anders umgegangen, kraftvoll und selbstbestimmt. Verlust von Körperfunktionen, Eigentum, Familie, alles ist grauenhaft, aber es kommen gute Geschichten dabei rum. Köhler schreibt nicht aufgesetzt, sondern eigen: „Der Mond schwebt als schiefe Sichel in der Dämmerung. Eine Trostkrümmung, in die man sich legen mag.“ (aus: Wild ist scheu), sie schreibt nachvollziehbar und überraschend, und sie schreibt so, dass man das Buch nicht wieder aus der Hand legen möchte.

Und dann waren da noch diese Bücher.

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(Alle Links zu Amazon sind Affiliate Links.)

Links vom 2. Dezember 2014

Hendrik Neubauer, Moderator in der Stadtplanung

Was machen die da? mal wieder in Hochform: Es geht um die Hamburger Innenstadt, die nicht unbedingt mein Liebling ist, vor allem, seit ich die Münchner Innenstadt kenne, die um einiges hübscher ist. Was aber auch daran liegt, dass Hamburg schon lange eine Handelsstadt war, während München vor der Reichsgründung ein kleines Provinzstädtchen war, das sich, aus Mangel an anderem, eben mit Kunst und Kultur profilieren wollte, und das sieht man heute noch. (München leuchtet.) In Hamburg wurde eher Geld verdient, und das sieht man leider auch.

„Hier ist alles auf Ost-West orientiert. Mönckebergstraße, der Neue Wall, es läuft alles in dieser Richtung. Um diese drei Teile, Neustadt, Altstadt, Hafencity miteinander zu verbinden, ist etwas Neues angesagt: Nord-Süd. Und Nord-Süd gibt es seit den Fünfzigerjahren nicht mehr, durch diese Scheißstraße. Das ist das größte Verbrechen, das frühere Generationen von Planern begangen haben. Jetzt ist es natürlich nicht mehr zurückzubauen. Meine Hoffnung ist, dass sich der Individualverkehr so zurückentwickelt, wie das manchmal schon prognostiziert wird. Ich sehe das schon bei der nachwachsenden Generation, dass längst nicht mehr jeder ein Auto hat. Die gehen viel mehr auf Carsharing und fahren Bus und Bahn, die sind am Autofahren gar nicht so sehr interessiert.“

Manhattan Transfer

Das Blog des Stadtplanungsmoderators, der im eben verlinkten Artikel zu Wort kommt.

Photo Essay: After Schengen

Wir bleiben bei der Architektur: Was passiert eigentlich mit den ganzen Grenzstationen, die nach dem Schengener Abkommen nicht mehr gebraucht werden?

„Architecture does not exist in a vacuum. It depends on its context. It is the expression of a specific time with specific characteristics. However, as these circumstances change, architecture can become out of sync with its current context.

The creation of borders often entails the construction of border crossings. That’s what has happened and still is happening all over the world. But borders can also disappear.

In 1985 the Schengen Treaty was signed by five of the then ten EU states, with the intention to abolish border checks between these countries, allowing people and goods to flow freely between these countries. The treaty was introduced in 1995, with more and more nation states joining the agreement thereafter. Currently it consists of 26 European countries.

The disappearance of the border checks rendered many of these checkpoints obsolete. Almost 20 years on (and while the discussion about the European project is resurfacing), former border crossings lie abandoned across the continent, still in the same place as decades ago yet disconnected from the time in which they functioned.”

Should Science Save Modern Art?

Zeitgenössische Kunst besteht gerne aus Material, das weitaus weniger dauerhaft ist als Marmor und Ölfarbe. Das stellt KonservatorInnen und RestauratorInnen vor die Frage: Was retten, was einfach vergehen lassen?

„Museum goers take in the results in climate-controlled conditions, and are asked to consider the marks of time as academic curiosities layered onto the truer expression waiting underneath.

But these attitudes by curators and consumers alike carry with them a crucial assumption: that the artist did not intend for their work to decay. This assumption was markedly untrue for a whole generation of artists from the 1960s known as the Minimalists, including Richard Serra, Robert Morris, Donald Judd, and Eva Hesse. Where earlier artists may have unwittingly made their art fragile, these artists deliberately turned away from durable materials. Living and working in the industrial Bowery district of lower Manhattan, they “headed to the hardware instead of the art store,” in the words of Elisabeth Sussman, a curator at the Whitney Museum of American Art. There, they stocked up on degradable materials like fiberglass, plastic, and latex rubber, which today is most commonly used for hospital and kitchen gloves. These materials are made of polymers held together by relatively fragile carbon-carbon bonds and have a modest shelf life. With time and exposure to everyday environmental hazards such as light, heat, moisture, and carbon dioxide, they begin to sag, their texture becomes distorted, and many will eventually break. The legacy of their lives and of their art challenges us to look squarely at the fleeting nature of our lives.“

Im Artikel geht es auch um Eva Hesse, deren Werke ich äußerst faszinierend finde, die ich aber eher den Postminimalisten zuordnen würde.

Neuerdings weniger Futter auf Instagram

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Allianz-Arena.

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Blick aus dem ersten Stock des Hauptgebäudes der LMU.

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St. Anton. Das „nichts“ gehört zu einem ganzen Satz.

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Sehr überstrahltes Lenbachhaus.

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Kottwitzstraße, Hamburg.

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St. Matthäus.

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Waltherstraße, München.

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Akademie der bildenden Künste.

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Alte Pinakothek, vom Dach der TU gesehen.

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Waltherstraße, München.

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St. Franziskus.

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St. Franziskus.

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(Wird nicht langweilig.)

< quote >

„I had intended to leave Amsterdam the next day. I changed my plans, and sleeping fitfully, rising early, queued to get into the Rijksmuseum, into the Van Gogh Museum, spending every afternoon at any private galleries I could find, and every evening, reading, reading, reading. My turmoil of mind was such that I could only find a kind of peace by attempting to determine the size of the problem. My problem. The paintings were perfectly at ease. I had fallen in love and I had no language. I was dog-dumb. The usual response of “This painting has nothing to say to me” had become “I have nothing to say to this painting”. And I desperately wanted to speak.

Long looking at paintings is the equivalent to being dropped into a foreign city, where gradually, out of desire and despair, a few key words, then a little syntax make a clearing in the silence. Art, all art, not just painting, is a foreign city, and we deceive ourselves when we think it familiar. No-one is surprised to find that a foreign city follows its own customs and speaks its own language. Only a boor would ignore both and blame his defaulting on the place. Every day this happens to the artist and the art.

We have to recognise that the language of art, all art, is not our mother-tongue. (…)

I had better come clean now and say that I do not believe that art (all art) and beauty are ever separate, nor do I believe that either art or beauty are optional in a sane society. That puts me on the side of what Harold Bloom calls “the ecstasy of the privileged moment”. Art, all art, as insight, as rapture, als transformation, as joy. Unlike Harold Bloom, I really believe hat human beings can be taught to love what they do not love already and that the privileged moment exists for all of us, of we let it. Letting art is the paradox of active surrender. I have to work for art if I want art to work on me.”

Winterson, Jeanette: Art Objects. Essays on Ecstasy and Effrontery, London 1995, S. 9/10 (eBook).

WS 2014/15

Mein fünftes Semester ist das letzte im Bachelorstudium, in dem ich noch regelmäßig Seminare und Vorlesungen besuche; im letzten Semester steht nur noch die Bachelorarbeit an – und in meinem Fall auch noch das Praktikumsmodul, um das ich mich bisher gnadenlos gedrückt habe. Mein vorerst letzter Stundenplan sieht so aus:

Montag, 18–20 Uhr, Französisch A1.2

Die LMU spendiert uns kleinen KuGis innerhalb der Prüfungsordnung zwei Sprachkurse, die wir belegen dürfen, für die wir aber keinen Leistungsnachweis erbringen müssen (können wir natürlich trotzdem). Im letzten Semester schnupperte ich in Italienisch rein und fand das auch alles äußerst unterhaltsam, aber gleichzeitig verfestigte sich bei mir der Gedanke, nach dem Bachelor ganz dringend noch den Master machen zu wollen, weswegen ich mal wieder in den Zugangsvoraussetzungen diverser Unis rumlungerte.

Sowohl Hamburg als auch München möchte, dass man irgendwann während des Masterstudiums zwei moderne Fremdsprachen oder eine plus Latein auf einem gewissen Level nachweisen kann. Habe ich im Prinzip – Englisch und das Latinum –, aber ich habe schon im Studium gemerkt, dass Französisch eine sehr sinnvolle Ergänzung wäre. Das wusste ich eigentlich von Anfang an, aber so richtig weiß ich es eben jetzt. Daher habe ich mich von Italienisch verabschiedet und sitze wieder in einem Französischkurs, der nach mehreren gescheiterten Versuchen an der VHS auch endlich mal mein Lernniveau erwischt hat (ich hatte zwei (?) Jahre Französisch in der Schule). Ich habe online einen Einstufungstest ablegen müssen und durfte feststellen, dass ich noch sehr viel verstehe, aber so gut wie nichts mehr sagen bzw. keine Konjugationen mehr kann. Das lerne ich gerade wieder neu und das geht selbstverständlich besser als Italienisch ganz neu zu lernen. Mal abgesehen davon, dass mir Französisch deutlich hübscher über die Lippen geht als das gerollte italienische R.

Der einzige Wehmutstropfen im Kurs: seine widerliche Zeit. Nach 15 Jahren Agenturarbeit ist 18 Uhr bei mir der Punkt, an dem mein Kopf Feierabend macht. Das strengt mich wirklich ein bisschen an, so spät abends noch richtig zu denken. Aber dafür findet der Kurs im Institut der PaläontologInnen statt, wo ich immerhin an diversen Dinosaurierskeletten vorbeischlendere und beim Rein- und Rausgehen den schicken Goldkubus des Lenbachhauses anlächeln kann. (Das zweite Bild von oben: Uni und Museum.)

Dienstag, 8–10 Uhr: Die Privaturkunden des Mittelalters

Im Basiskurs Mittelalter lernte ich die Kaiser- und Königsurkunden kennen, die stets nach einem bestimmten Schema aufgebaut waren und dazu auch noch über eine gewisse Optik verfügten. Das hat mich alles sehr fasziniert und daher will ich jetzt dringend noch was über die Privaturkunden wissen. Das sind alle Urkunden, die nicht von Herrschern (Kaiser- und Königsurkunden) oder Kirchenoberhäuptern (Papsturkunden) ausgestellt wurden. Also Schenkungen, Verträge, Verkäufe, Kredite, Amtshandlungen, alles, was irgendwie von irgendwem schriftlich festgehalten werden musste, damit man was in der Hand hat. Die Vorlesung findet in einem rührend kleinen Hörsaal statt, wir sind ungefähr 20 TeilnehmerInnen, und bis jetzt finde ich alles erwartungsgemäß spannend. Mittelalter halt.

Dienstag, 10–12 Uhr: Ordnung und Gewalt im 19. Jahrhundert. Terror, Terrorismus und staatliches Sicherheitshandeln von Metternich bis zu den Sozialistengesetzen (1815-1878)

Langer Titel, aber wir sind ja auch in einem langen Jahrhundert. Neben dem frühen Mittelalter ist das 19. Jahrhundert meine Lieblingszeit, weil sie meiner Meinung nach diverse Neuerungen brachte, die unsere Welt noch heute beeinflussen und verändern und das vor allem in einer bisher nicht gekannten Geschwindigkeit: Kommunikation, Verkehr, Transport, politische Ideen, Emanzipationsbestrebungen (Frauen, Leibeigene) – und eben auch die Idee von Terror, der, laut unserer Dozentin, erst durch die neuen Massenmedien möglich war. Sie zitierte unter anderem Brian M. Jenkins, der 1975 schrieb: “Terrorists want a lot of people watching, not a lot of people dead.” Nach 9/11 hat sich diese Ansicht etwas geändert, und auch darüber sprechen wir; wir beziehen die Freiheitsbewegungen des 19. Jahrhunderts auf unsere heutige Welt, was ich für einen sehr spannenden Ansatz halte, auch gerade im Hinblick auf die oft geäußerte Kritik, was Geschichte denn soll, das sei alles vergangen und heute nicht mehr relevant. Unsere Dozentin erläutert uns in der Vorlesung ihre eigene Habilitationsschrift von 2013, was mich ziemlich begeistert, denn wir bekommen damit quasi tagesaktuelle Forschung auf dem Silbertablett präsentiert.

Dienstag, 12–14 Uhr: Kunst in Deutschland 1925–1960

Und ich kleines Ding dachte, da kriege ich brav den Kanon vorgebetet, aber nein, das hatte sich der Dozent anders vorgestellt: Er erzählt uns lieber was über KünstlerInnen, die noch nicht so recht im Kanon sind, deren Werke sich selbst in unseren kunsthistorischen Datenbanken nur sehr spärlich finden (mein Riechsalz!), aber deren Namen wir dringend kennenlernen sollten. Nebenbei kriegen wir natürlich trotzdem den Kanon mit und ich bin sehr zufrieden mit meiner Kurswahl.

Mittwoch, 10–12: Architektur und ihre Funktionen im Mittelalter und in der Vormoderne

Architektur ♥ Mittelalter ♥ Mein Bachelorprüfer ♥ Läuft.

Mittwoch, 14–16 Uhr: Digitale Methoden der Kunstgeschichte

Die perfekte Ergänzung zur Mittalterarchitektur-Vorlesung. Wir lernen erstmal die Basics, über die ich schon gar nicht mehr nachdenke: Was ist ein Computer? Was ist Software? (Darüber habe ich bereits mein Referat gehalten.) Was ist ein GUI? (Ein Bild, das eine Texteingabe für einen Programmbefehl ersetzt, ist durchaus von kunsthistorischem Interesse.) Was ist das WWW? Demnächst dann: digitale Bilder, Datenbanken, Bilddatenquellen und was wir mit ihnen machen können, Visualisierungsprogramme und weitere Hilfsmittel, mit denen wir das neue digitale Eckchen in der Kunstgeschichte gestalten können.

Ich erwähnte es bereits nebenbei, dass dieses digitale Eckchen meins werden möge. Für die Bachelorarbeit schwebt mir eine Mischung aus Mittelalterarchitektur und digitalen Anwendungen vor, und mein erstes Gespräch mit meinen Prüfer liegt auch schon hinter mir. Ich muss noch nachbessern, was meine Grundidee angeht, aber im Prinzip weiß ich ungefähr, wo ich hinwill und freue mich schon sehr auf die Recherche und das Schreiben. Und natürlich darüber, dass sich mein gewählter Prüfer gespannt auf meine Arbeit freut. Aber das sagt er wahrscheinlich jedem Prüfling.

Donnerstag, 11–14 Uhr: „Heimat“ in der modernen Welt

Eigentlich hatte ich vor, Donnerstags von 9 bis 12 Uhr am Institut für Zeitgeschichte etwas über den Begriff der Wissensgesellschaft zu lernen, aber dieser Kurs fiel unglaublicherweise aus, weil ich die einzige war, die ihn belegen wollte. Das erfuhr ich aber erst einen Tag vor dem ersten Termin, weil der Dozent noch auf NachzüglerInnen hoffte. Daher suchte ich hektisch nach einer Alternative, denn der Rest meines Stundenplans stand ja. Der Heimatkurs war also nur die zweite Wahl, aber ich glaube, ich habe einen Volltreffer gelandet. Wir arbeiten mit verschiedenen Texten, die sich mit dem schwammigen Begriff „Heimat“ auseinandersetzen – was ist das überhaupt, kann man das wirklich benennen oder versteht jeder etwas anderes darunter, was verstehen wir denn darunter, erzählen Sie doch mal –, sind ein sehr diskussionsfreudiges Seminar und ich persönlich freue mich schon auf mein Referat, in dem ich mich mit der medialen Vermittlung von Heimat auseinandersetze. Was in meinem Fall natürlich Blogs sind. Ich frage euch auf Twitter dann demnächst nach euren Lieblingskiez- und Städteblogs, gell?

Donnerstag, 18–20 Uhr: Pilger- und Wallfahrtskirchen. Typologie an Beispielen der kirchlichen Denkmalpflege. Mit Exkursionen und Werkstattbesuchen

Ja, noch ein 18-Uhr-Kurs. Aber das war der, um den ich meinen Stundenplan rumgebastelt habe. Ich meine: Kirchen angucken und darüber reden? Meins. Auch dieser Kurs ist angenehm klein, mein Referat über die Geburtskirche in Bethlehem liegt schon hinter mir und daher kann ich jetzt den Rest des Semesters genau das machen, was ich mir vorgestellt habe: Kirchen angucken und darüber reden.

Edit: Ich habe unglaublicherweise einen Kurs vergessen, wahrscheinlich weil er ein Blockseminar ist und erst am 28. November zum ersten Mal stattfindet. Er heißt Die Stadt im Mittelalter, ist also wieder schön auf die Zwölf, und ich bin sehr gespannt, auch wenn ich Blockseminare total doof finde. Zu viel Zeug in zu kurzer Zeit; ich mag das viel lieber, von Woche zu Woche mehr zu wissen und nebenbei Zeit zu haben, alles sacken zu lassen.

Bücher Oktober 2014

ausw

Bettina Suleiman – Auswilderung

Da bin ich auf die Besprechung in der Zeit reingefallen, denen das Buch sehr gut gefallen hat. Ich fand, es war eine okaye Zuglektüre, die man von Hamburg bis München durchkriegen konnte, auch wenn ich die letzten Seiten nur noch quergelesen habe. Die Grundidee ist allerdings spannend: WissenschaftlerInnen bringen Gorillas Zeichensprache bei, lassen sie bei Menschen leben, die Gorillas ziehen sich irgendwann sogar Kleidung an, weil sie sich ihren ArtgenossInnen anpassen – und scheitern dann kläglich, als sie wieder in die Wildnis versetzt werden sollen, woraufhin das Programm mit den vermenschlichten Tieren irgendwie anders zuende gebracht werden muss.

guard

Marti Perarnau – Herr Guardiola. Das erste Jahr mit Bayern München

Das Ding hat 382 Seiten auf meinem iPad und ich bin nach 150 ausgestiegen. Das ist alles sehr faszinierend, wie nah Perarnau dem Trainerstab und den Spielern kommt, aber irgendwann reichte mir das dann auch, zum zwanzigsten Mal zu lesen, wie genau Guardiola die Videos der Gegner analysiert, dass Müller nie ein Mittelfeldspieler wird und Lahm und Schweinsteiger vor Spielintelligenz nur so triefen.

update

Dirk von Gehlen – Eine neue Version ist verfügbar. Update: Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert

Großartig. Von Gehlen setzt Kunst und Kultur mit Software gleich, die dauernd ein Update bekommt – bekommen muss – und daher stets im Fluss bleibt. Für mein Referat in digitaler Kunstgeschichte, das über Software und Open Source gehen sollte, bohrte ich einige seiner Thesen weiter auf, indem ich sie auf die veränderten Bedingungen für uns KunsthistorikerInnen abklopfte. Ich sprach über verbesserte Recherche- und Publikationsmöglichkeiten, wies aber auch darauf hin, dass die Digitalisierung uns ein bisschen das Hoheitswissen klaut. Wie sind nicht mehr die WächterInnen der Hochkultur, die der arme Pöbel braucht, um ein Werk zu verstehen – wir sind quasi nicht mehr die Compiler, die aus dem Quelltext Kultur eine verständliche Sprache für das Publikum machen; wer heute ins Museum geht, kann immer sein Smartphone zücken und braucht weder Audioguides noch lange Erklärungstafeln. Die Allgegenwart von Smartphones ist natürlich auch eine Chance, aber Museen haben recht lange gebraucht, die digitalen Helferlein zuzulassen. Der Wissenschaft fällt das noch schwerer, denn wo kommen wir denn da hin, wenn die Studis nur noch online recherchieren anstatt sich in der Bibliothek um ein einziges Buchexemplar zu prügeln? Meine Grundthese war: Die digitalen Möglichkeiten sind da und wir wären doof, sie nicht zu nutzen. Unsere Stunde war leider viel zu schnell rum, aber ich erntete eher Widerspruch als Zustimmung, gerade was gemeinsames Arbeiten oder Publizieren anging (Open Source, Open Content, Publish first, filter later usw.). Gerade deswegen fand ich es lustig, dass von Gehlens Buch gemeinschaftsfinanziert war und man ihm beim Schreiben über die Schulter gucken konnte. Und es ist kein Murks geworden, sondern im Gegenteil ein Buch, das den Kopf schön weit aufmacht.

aufsch

Anne Wizorek – Weil ein Aufschrei nicht reicht: Für einen Feminismus von heute

Da verweise ich extrem faul auf die Rezension meiner Druckeschwärzeschwester Kaltmamsell, denn sie sagt genau das, was ich auch sagen würde.

Tl;dr: Bitte lesen, lohnt sich, ist wichtig, bitte lesen, bitte lesen.

hades

Katharina Greve – Hotel Hades

Wunderbar. Ich bin ja ein gnadenloser Fan von Greve, ich mag alles (wenn ich an Ein Mann geht an die Decke und Patchwork erinnern darf?), und das hier mochte ich besonders. Wir erfahren nämlich, dass das Elysion der VIP-Bereich des Hades ist, in das man nur unter besonderen Umständen reinkommt. Dafür kann man dort ewig Oktoberfest feiern, wenn man will, was ich schon mal sehr hoffnungsvoll finde (ich plane selbstverständlich einen Aufenthalt da oben). Wir sind dabei, als ein Imbissbudenkoch, seine Kundin und deren Liebhaber ermordert werden und nun auf die Bereiche der Nachwelt verteilt werden. Das ganze passiert in den üblichen hervorragenden Greve-Dialogen, die komisch, rührend oder gnadenlos krachig sind. Wie immer ist auch dieses Buch nicht nur lustig und nicht nur traurig und nicht nur zum Nachdenken, sondern alles, und deswegen kriegt es, knapp vor von Gehlen, auch den Stempel „Lieblingsbuch des Monats“.

Okay, die Widmung hat geholfen.

hadessignatur

(Leseprobe bei Egmont)

Alle Links zu Amazon sind Affiliate Links.

Links vom 25. Oktober 2014

Deus Ex Musica

Der Einstieg in den Text ist so toll, den muss ich euch copypasten:

„Beethoven is a singularity in the history of art—a phenomenon of dazzling and disconcerting force. He not only left his mark on all subsequent composers but also molded entire institutions. The professional orchestra arose, in large measure, as a vehicle for the incessant performance of Beethoven’s symphonies. The art of conducting emerged in his wake. The modern piano bears the imprint of his demand for a more resonant and flexible instrument. Recording technology evolved with Beethoven in mind: the first commercial 33⅓ r.p.m. LP, in 1931, contained the Fifth Symphony, and the duration of first-generation compact disks was fixed at seventy-five minutes so that the Ninth Symphony could unfurl without interruption. After Beethoven, the concert hall came to be seen not as a venue for diverse, meandering entertainments but as an austere memorial to artistic majesty. Listening underwent a fundamental change. To follow Beethoven’s dense, driving narratives, one had to lean forward and pay close attention. The musicians’ platform became the stage of an invisible drama, the temple of a sonic revelation.“

Danach geht’s weiter mit dem Einfluss, den Beethoven selbst auf heutige KomponistInnen hat – angefangen bei der Tatsache, dass wir in unseren Konzerthallen immer noch mehr Beethoven als zeitgenössische Musik hören.

Weil ich Künstler bin!

Katia Kelm interviewt einen weiteren Gast in ihrer, wie sie selbst sagt, total undiszipliniert angelegten Reihe von Berliner KünstlerInnen. Dieses Mal als launiger und spannender Gesprächspartner dabei: Sebastian Zarius.

„wie ist es eigentlich mit der haltbarkeit? [von Plastiktüten, mit denen Zarius arbeitet]

naja, tüten altern natürlich und die farben verbleichen. das war mir aber immer klar. nur weil ich eine erhöhung von nem alltagsgegenstand mache, heisst das ja nicht, dass das material nicht dieselben eigenschaften hat, wie das zeug, was da ganz un-erhaben auf der wiese liegt.

da ist es manchmal komisch, wenn sich sammler nach zehn jahren beschweren, dass das orange nicht mehr leuchtet während das gleiche zeug zur selben zeit in dimensionen von nem kontinent auf dem meer schwimmt.

andererseits kann man bestimmte arbeiten mit den tüten, die es heute gibt, garnicht mehr machen, weil die mittlerweile zum teil kompostierbar sind. das zeug, was 500 jahre rumliegen kann ohne zu verrotteten, ist leider genau das, was man zum kunst-machen braucht. mit bio-tüten ist so ne collage in 4 jahren weg.“

Frauen, die auf Tore starren

Frau @rudelbildung hat über die Frauen- und Mädchenfußballsparte vom 1. FC Union Berlin geschrieben:

„„Wir versuchen, genau wie im Jungsbereich, die Mädchen individuell auszubilden und bis in die erste Frauenmannschaft zu bringen. Oder sogar weiter. Großes Nebenziel bei den Frauen“, ergänzt Julia, „sind Sozialkompetenz und Schule – weil wir wissen, und die Spielerinnen ab einem bestimmten Alter auch, dass man damit keine Millionen verdienen wird. Das ist hart und deshalb fair, wenn man gleich darauf hinweist.“ Es kommt im Mädchenbereich nicht selten vor, dass Eltern eine Spielerin im letzten Schuljahr aufgrund schulischer Leistungen abmelden. Klar geht Schule vor.“

“Und was kostet sowas?” – Ein Einblick in die Preisgestaltung meiner Quilts.

Ein wichtiger Blogbeitrag von @_coolcat, der darauf hinweist, dass Handarbeit Geld kostet. Wer hätte es gedacht.

Ich habe mich sehr gefreut, im ersten Bild meinen Quilt zu entdecken. Und wenn ich ein bisschen Werbung machen darf: Der ist jetzt fünf Jahre alt und sieht immer noch aus wie neu. Gute Qualität halt. Ich kuschele mich immer noch sehr gerne darunter.

Marcel the Shell with Shoes on

Marcel ist wieder da!

Fehlfarben 3: „Wie Bob Ross, nur in Kunst“ – Florine Stettheimer und Hans Op de Beeck

Für die dritte Ausgabe unseres Kulturpodcasts haben wir uns wieder zwei Ausstellungen angeschaut: Florine Stettheimer im Kunstbau des Lenbachhauses und Hans Op de Beeck in der Sammlung Goetz. Das ganze könnt ihr euch hier anhören.

Beim zweiten Podcast waren wir gut mit der Zeit hingekommen, um zwei Ausstellungen zu besprechen, also dachten wir naiverweise, das klappt dieses Mal genauso. Wir haben brav auf die Uhr geschaut, nach ungefähr 45 Minuten die eine Ausstellung verlassen und mit der zweiten begonnen, waren wie geplant nach gut 90 Minuten durch – und sobald wir das Aufnahmegerät ausgeschaltet hatten, diskutierten wir noch mal so lange über das, was wir gesehen hatten. Anfängerfehler, wie wir selbstkritisch feststellten. Wir haben nicht alle alles unterbringen können, was wir gerne gesagt hätten, weswegen die nächste Ausgabe wahrscheinlich – kommt auf die Ausstellung an – ohne Zeitbeschränkung läuft. Wissen wir selbst noch nicht so genau, aber das war am Samstag abend doch unerwartet, was wir alles noch auf dem Herzen hatten, das ihr jetzt leider nicht hören könnt.

Ich bin trotzdem zufrieden mit der Aufnahme, denn wir hatten erstmals eine Ausstellung, bei der wir uns überhaupt nicht einig waren. Und wir hatten eine Ausstellung, die mich persönlich völlig umgehauen hat. Welche das ist, müsst ihr selbst rausfinden.

Die Weine haben wir dieses Mal wieder wild – und blind – durch den Podcast hindurchprobiert, es waren eher spontane Ersteindrücke als eine wirkliche Verkostung. Die kam erst zum Schluss, das heißt, wenn ihr nur wissen wollt, welcher der vier Weine uns am besten geschmeckt hat, könnt ihr den Kulturteil überspringen. Wofür ich euch natürlich hasse, weil wir total schlaues und meinungsstarkes Zeug gesagt haben.

Für die ersten beiden Podcastausgaben hatten wir versucht, die Weine zu den Ausstellungen passend auszusuchen. Das war beim zweiten Mal schon nur noch so hingebogen, weswegen wir das jetzt einfach lassen. Seit dieser Ausgabe bestimmt der Gastgeber oder die Gastgeberin, was getrunken wird, und Florian, der alte Schwabe, hatte das gnadenlose Motto „Weine bis zu 6,66 Euro“ ausgegeben. Wie ich überrascht feststellen musste, war das gar nicht so doof. Und: Bei den Preisen könnt ihr euch alle vier Flaschen kaufen, um uns zuzuhören. Wobei wir vom Chianti vorsichtig abraten würden.

Wein 1: Château Bellevue Saint-Martin, Grand Vin de Bordeaux 2011, 13,5%, Edeka, 6,29 Euro.

Wein 2: Chianti Reserva 2010, 12,5%, Tengelmann, 4,99 Euro.

Wein 3: Cepa Lebrel, Rioja Reserva 2008, 13,5%, Lidl, 4,99 Euro.

Wein 4: Edition Fritz Keller, Spätburgunder 2012, 13,5%, Aldi Süd, 5,99 Euro.

Datierungsprobleme in der Kunstgeschichte am Beispiel der Abtei Frauenchiemsee

Hier ist meine zweite 1,0er-Hausarbeit, dieses Mal in Kunstgeschichte. Leider habe ich noch kein fundiertes Feedback vom Dozenten, das trage ich eventuell nach. Edit: Dozent: „Diese Arbeit hat mir große Freude gemacht und sie geht weit über das Erwartbare hinaus.“

Die niedlichen 15.000-Zeichen-Hausarbeiten tippe ich meist in drei, vier Tagen, lasse sie dann gegenlesen, korrigiere dran rum, lasse sie einen Tag liegen, korrigiere noch mal dran rum (jaja, ich weiß), und dann gebe ich sie ab. Bis jetzt habe ich nie länger als anderthalb Wochen Zeit für eine Hausarbeit gebraucht, auch weil meine Vorarbeit im Referat immer schon sehr gründlich war. Das war dieses Mal anders; an dieser Arbeit habe ich fast vier Wochen rumgeknabbert.

Schon das Referat hatte mich einiges an Schweiß gekostet, und die Hausarbeit war auch nicht ganz ohne, vor allem weil sie die erste mit 30.000 Zeichen war. Das kleine Viertsemester ist nämlich seit dem SoSe quasi im Hauptstudium und damit ein großes Viertsemester. Im Referat konnte ich zum Beispiel nicht auf die Malereien in der Kirche und der Torhalle eingehen, weil ich schlicht keine Redezeit mehr hatte; deswegen wollte ich das in der Hausarbeit episch ausbreiten. Dummerweise merkte ich schnell, dass ich wieder Probleme hatte, dieses Mal mit der Zeichenzahl. Denn während ich im Referat die simple Frage beantworten konnte: Ist die Abteil zweifelsfrei datiert – nö, wollte ich in der Hausarbeit schon etwas fundierter rangehen. Deswegen kam ich auf die Möglichkeiten, die wir als KunsthistorikerInnen haben, um Werke zu datieren: nach schriftlichen Quellen, stilkritisch (also durch Vergleiche mit anderen, datierten Werken), mit Hilfe der Naturwissenschaften und so weiter. Das hieß, ich musste alle diese Möglichkeiten belegen bzw. auf Frauenchiemsee beziehen, und damit war die Arbeit auf einmal lang genug. Ich glaube, meine Korrekturfee hat mir achthundertmal das Wort „leider“ aus der Arbeit und den Fußnoten gestrichen, weil ich mehrfach jammernd anmerkte, dass ich wieder keine Zeit für die Malereien vor allem in der Torhalle hatte, obwohl sie einzigartig und damit, verdammt noch mal, echt erwähnenswert sind.

Außerdem verfranzte ich mich erstmals komplett in der Sekundärliteratur. Ich fand immer noch ein Buch und noch einen Aufsatz, aus dem ich noch eine Erkenntnis ziehen konnte, die die Arbeit noch länger machte. Einen Vormittag lang habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, gleich auf 60.000 Zeichen und damit auf Bachelorarbeitslänge zu gehen, weil ich die locker vollgekriegt hätte. Dann hätte ich zwar eine, wie ich glaube, supertöfte BA-Arbeit, aber für diesen Kurs noch keine Hausarbeit gehabt, und das hatte dann doch Priorität. Trotzdem glaube ich, dass man der Arbeit an manchen Stellen anmerkt, dass hinter den Seiten eine kleine, dicke Frau sitzt, die hysterisch mit den Fingern schnippst und quengelt, dass sie noch viel mehr weiß.

Die Arbeit zu Grimald war die erste , bei der ich das Gefühl hatte, eine wissenschaftliche Erkenntnis erlangt zu haben, die so noch nicht in der Literatur vorgekommen ist. Diese Arbeit hingegen hat mir klargemacht, welchen Weg ich in der Kunstgeschichte gehen möchte. Ich will in der Architektur bleiben und mich vor allem im Bereich der digitalen Kunstgeschichte weiterbilden. Und wo ich es in den ersten Semestern sehr genossen habe, alle Kurse wild durch die Gegend zu belegen, ohne Rücksicht auf Epochen, Werke oder Herangehensweisen, fühlt es sich jetzt gerade sehr gut an, endlich zu wissen, wo mein voraussichtlicher Schwerpunkt in der Bachelorarbeit und im Masterstudium liegen wird.

Ich habe sehr viel Herzblut in diese Arbeit gesteckt und bin sehr froh darüber, dass sie die Note bekommen hat, die ich haben wollte. Frauenchiemsee, du alte Hippe. Wenn ich wieder bei dir bin, zünde ich der seligen Irmengard erstmal eine Kerze an.

Ein digitales Dankeschön …

… an Monika, die mich mit Dirk von Gehlens Eine neue Version ist verfügbar. Update: Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert überraschte. Das Buch wird mir sicher schon in diesem Semester gute Dienste leisten, denn einer meiner Kurse heißt „Digitale Methoden der Kunstgeschichte“, wo wir uns mit den Werkzeugen beschäftigen, die wir digital natives täglich nutzen, ohne groß über sie nachzudenken. Ich bin sowohl auf den Kurs als auch auf das Buch sehr gespannt. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

I cried a lot and it was wonderful: Wohnzimmerkonzert mit Roxanne de Bastion

Herr @sammykuffour lud zum Wohnzimmerkonzert ein, und ich sagte nichtsahnend zu. Ich hatte noch nie ein derartiges Konzert miterlebt, bin eh nicht die große Konzertgängerin, sondern höre lieber immer das gleiche auf Spotify, und kannte auch die Künstlerin nicht. Um 20 Uhr waren wir beim Gastgeber, ich trank das erste Glas Weißwein und war sehr entspannt. Die Stimmung war gelöst und locker, Roxanne gut gelaunt, und dann griff sie zur Gitarre, begann mit ihrem ersten Lied, und es dauerte gefühlt fünf Sekunden, bis ich anfing zu weinen.

Mich hat der Abend völlig kalt erwischt. Ich war schlicht nicht darauf vorbereitet, wie anders es sich anfühlen kann, wenn plötzlich jemand vor dir steht und singt. Nicht in der Fußgängerzone mit einem offenen Gitarrenkoffer, nicht auf einer Bühne, nicht meine Gesangslehrerin. Ich saß da einfach rum und dann erklang Roxannes Stimme, da waren plötzlich ihre kleinen, liebevollen Lieder, ihr Lächeln beim Singen, ihre Konzentration, die Ruhe im Raum, elf Zuhörer und Zuhörerinnen, die einfach mal die Klappe hielten. Und wo ich so oft beim Lesen denke, der Autor oder die Autorin schreibt nur für mich, im Kino agieren Menschen nur für mich, und diese Stimme von der CD singt nur für mich, bei all diesen Situationen weiß ich, dass es nicht stimmt, dass diese Sätze und Filme und Liedzeilen für lauter Menschen da sind, die ich nicht sehe und die nicht um mich rumsitzen. Aber hier sang sie nur für uns und damit nur für mich, ich war ihr völlig hilflos ausgeliefert und ich hatte nicht mal was dagegen.

Manchmal wehre ich mich gegen Filme, die mich mitnehmen, Musik, die mich zu sehr anrührt. Im Gesangsunterricht reiße ich mich irgendwann zusammen, um endlich durch einen Song durchzukommen. Hier musste ich nicht selbst singen, ich konnte nur da sitzen und genießen und deswegen war es mir auch egal, dass ich wirklich bei jedem verdammten Song geweint habe. Ich wollte mich nicht wehren, ich wollte mich mitnehmen lassen. Ich wollte, dass die Musik mich anrührt, dass die Texte etwas mit mir machen, dass sie manchmal weh taten, dass sie manchmal trösteten. Ich habe jedes Schutzschild fallengelassen und es war jede Träne wert.

Danke, Roxanne de Bastion. Es war ein wunderschöner und sehr unerwarteter Abend, an den ich mich noch lange erinnern werde. Und ihr kauft jetzt bitte das Album der Dame. Ich habe es schon.

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