Was schön war, Donnerstag, 27. April 2017 – Gespräche

Morgens klagte F. über das verlorene Bayernspiel gegen Dortmund, und wir erwähnten kurz den FC Augsburg, der gegen den Abstieg kämpft.

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Nachmittags telefonierte ich zum ersten Mal seit Monaten wieder mit Kai, und es war das erste Gespräch seit unserer Trennung vor jetzt gut zwei Jahren, nachdem ich nicht traurig oder genervt oder angespannt war. Es war einfach ein Gespräch mit einem guten Freund. Das war sehr schön, darüber habe ich mich sehr gefreut.

Was schön war, Mittwoch, 26. April 2017 – Glühbirnen, die über Köpfen leuchten (okay, eine Birne, die über meinem Kopf leuchtet, aber die andere Headlinevariante klingt besser)

Ich verbrachte ein paar ertragreiche Stunden im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, wo ich mich weiterhin hauptsächlich an Markus Lüpertz abarbeitete. Meine Masterthese, die sich mit dem Frühwerk von Lüpertz und dem von Anselm Kiefer befasst, klingt inzwischen (noch etwas ungelenk) so: Ich sehe bei Kiefer eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Nachkriegszeit bzw. dem Umgang der Bundesdeutschen mit der NS-Vergangenheit. Ich sehe bei Lüpertz hingegen genau das nicht – stattdessen sehe ich hier eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Tätigkeit als Maler: Was darf man als deutscher Maler zeigen? Was ist überhaupt ein deutscher Maler? Darf man wieder figürlich werden? Muss man? Ich sehe bei Lüpertz eher einen fast hilflosen Fragenkatalog, den er pseudo-selbstbewusst und großspurig auf die Leinwand bringt, indem er den Fundus der europäischen Kunstgeschichte der letzten 2000 Jahre plündert und ihn mit NS-Ikonografie aktualisiert.

Seit gestern kann ich ein paar meiner eigenen Fragen beantworten, die diese vermutlich ebenfalls großspurige These aufgeworfen hat. Dazu versank ich sehr lange im niederländischen Vanitas-Stillleben des 17. Jahrhunderts, Emblemdarstellungen des Barock und Triumphzügen im römischen Reich der Zeitenwende. Viel gelesen, viel gelernt.

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Außerdem postete ich um kurz nach 7 Uhr morgens dieses Bild auf Instagram, was ich eigentlich nur F. schicken wollte, dann aber doch dachte, ach, egal, raus damit, mir geht’s grad so gut, ich zeig das der Welt. Ich weiß immer noch nicht, ob das schlau war.

Seit einigen Wochen stehe ich nämlich morgens jeden zweiten Tag sehr früh auf, um noch vor dem ersten Kaffee durch die Gegend zu gehen. Ich sage zwar immer, „Ich geh morgen früh wieder laufen“, weil es schlicht nicht so doof klingt wie „Ich geh morgen früh wieder walken“, aber es ist dann doch überwiegend letzteres. Das ganze mache ich aus Gründen, von denen Abnehmen keiner ist, aber das Thema ist natürlich trotzdem daran angedockt, wenn man sich als dicker Mensch bewegt. Und genau damit hadere ich die ganze Zeit, und seitdem ich das Foto gepostet habe, schon wieder, weswegen ich überlege, es wieder zu löschen. Ich kommentierte selber unter dem Bild, dass ich es wichtig finde, die Zustände „dick“ oder „fett“ in den Zusammenhang mit Sport zu bringen, frage mich inzwischen aber, warum eigentlich. Eigentlich wäre es ganz schön, wenn mein Körper mal nichts aussagen müsste, sondern einfach nur mein Körper sein dürfte.

Generell wäre es ganz schön, wenn dicke Körper keine politischen oder sozialen Konnotationen mehr hätten, wenn sie kein Sinnbild mehr wären für Menschen, die RTL2 schauen, ihren Kindern nicht beibringen, wie Gemüse schmeckt oder als Schreckensvision für unbezahlbare Krankenkassen. Es wäre ein Traum, wenn von einer Körperform nicht mehr auf die Persönlichkeit geschlossen werden würde. Ganz tief in mir ahne ich, dass ich den Doktortitel auch deshalb will, um mit einem Wort – Doktor Gröner – wettzumachen, was in meinem Gegenüber durch einen Blick – oh, eine dicke Frau – vielleicht an Assoziationen aufgerufen wurde.

Netterweise denke ich über all das nicht nach, wenn ich morgens über Kieswege marschiere. Erst wenn ich diesen Zustand des Laufens fotografisch festhalte, ihn ins Internet werfe und ihn damit zur Diskussion stelle, macht er – und mache ich – all diese Fässer auf. Und eigentlich will ich das gar nicht, weil ich es so genieße, morgens den Kopf auszuschalten und einfach nur zu laufen.

(noch nicht zuende gedacht)

Tagebuch, Dienstag, 25. April 2017 – Abschied

Ich muss in diesem Semester, meinem letzten, nur noch meine Masterarbeit schreiben und dreimal in einem Kolloqium sitzen, dann bin ich durch. Gleichzeitig möchte ich aber unsere Rosenheim-Ausstellung natürlich noch bis zur Eröffnung im September begleiten, da ich jetzt seit einem Jahr mit Herrn von Welden und dem ganzen Umfeld beschäftigt bin. Also meldete ich mich nicht offiziell über unser Online-Tool, sondern nur per Mail an den Dozenten für die Übung an, in der wir in den nächsten Wochen vermutlich Pressetexte erstellen, uns um den Katalog kümmern und uns Führungen überlegen. Ich sitze da nur freiwillig und muss nichts mehr machen, weswegen sich die Anwesenheit im Kurs gestern seltsam anfühlte. Ich gehöre eigentlich schon gar nicht mehr hier her. Das wird ein fürchterlicher Abschied auf Raten von der Uni. Schnell ins ZI radeln, um nicht mehr traurig zu sein.

Tagebuch, Montag, 24. April 2017 – eBook-Kauf

Frau Kaltmamsell schrieb gestern über ihre erneute Lektüre von The Handmaid’s Tale (1985) von Margaret Atwood. Ich habe das Buch noch nie gelesen, hatte aber damals die Schlöndorff-Verfilmung im Kino gesehen. An den Film erinnere ich mich bis auf wenige Szenen kaum, aber ich weiß noch, wie entsetzlich ich mich nach dem Kinobesuch fühlte. Ich weiß auch noch, dass meine männlichen Begleiter längst nicht so fertig waren; für sie war die Story eben eine Dystopie, interessant, aber kann man jetzt abhaken, Bierchen? Während ich noch stundenlang damit zu kämpfen hatte, welche unfassbaren Ungerechtigkeiten ich gerade mitangesehen hatte, die der Protagonistin alleine deswegen geschehen, weil sie eine Frau ist. Das ist jetzt sehr schwarzweiß gezeichnet, aber dieser Kinobesuch machte mir zum ersten Mal klar, dass man Filme anscheinend anders sehen und empfinden kann, je nachdem, ob man männlich oder weiblich sozialisiert wurde.

Dem Buch bin ich danach weiträumig aus dem Weg gegangen, weil diese Zukunftsvision mir Angst machte. Nun wurde es erneut verfilmt und zwar für eine zehnteilige Hulu-Serie (Trailer), die morgen in den USA startet. In meiner feministischen oder TV-Timeline ist die Serie seit Wochen ein großes Thema, auch weil man natürlich prima Parallelen ziehen bzw. darauf hinweisen kann, dass alle Rechte verhandelbar sind und nichts in Stein gemeißelt ist, was ich als gegeben ansehe. Auch nicht meine körperliche Unversehrtheit und meine Selbstbestimmung.

The New Republic schreibt, dass die Serie als Warnung an konservative Frauen gesehen werden kann, sich nicht an ihr kleines Stückchen Macht zu klammern und währenddessen andere Frauen zu unterdrücken, was für mich aber auch darauf hinweist, dass das vermutlich ein sehr menschliches Motiv ist. In einer Gesellschaft, in der Frauen längst nicht die Macht haben, über die Männer verfügen, greift man eben zu allem, was da ist. Das zeigte sich besonders perfide in der Wahl Trumps, wo sich weiße Frauen eher mit weißen Männern solidarisierten als mit schwarzen Frauen.

„But The Handmaid’s Tale does more than present a possible future: It asks us to consider how we’d end up there. A form of feminism that celebrates power for power’s sake, instead of interrogating how it is concentrated and distributed, will usher us into fascism. Feminism means something. Some choices oppress the women who make them, and some beliefs, if enforced, would oppress everyone else, too. Allow an antichoice woman to call herself a feminist, and you have ceded political territory that you cannot afford to lose. Stripped of political meaning, “feminist” becomes an entirely subjective term that anyone with any agenda can use.“

Margaret Atwood schreibt in der NYT, was der Roman heute bedeutet. Sie erwähnt auch ihren kleinen Auftritt in der Hulu-Serie:

„In this series I have a small cameo. The scene is the one in which the newly conscripted Handmaids are being brainwashed in a sort of Red Guard re-education facility known as the Red Center. They must learn to renounce their previous identities, to know their place and their duties, to understand that they have no real rights but will be protected up to a point if they conform, and to think so poorly of themselves that they will accept their assigned fate and not rebel or run away.

The Handmaids sit in a circle, with the Taser-equipped Aunts forcing them to join in what is now called (but was not, in 1984) the “slut-shaming” of one of their number, Jeanine, who is being made to recount how she was gang-raped as a teenager. Her fault, she led them on — that is the chant of the other Handmaids.

Although it was “only a television show” and these were actresses who would be giggling at coffee break, and I myself was “just pretending,” I found this scene horribly upsetting. It was way too much like way too much history. Yes, women will gang up on other women. Yes, they will accuse others to keep themselves off the hook: We see that very publicly in the age of social media, which enables group swarmings. Yes, they will gladly take positions of power over other women, even — and, possibly, especially — in systems in which women as a whole have scant power: All power is relative, and in tough times any amount is seen as better than none. Some of the controlling Aunts are true believers, and think they are doing the Handmaids a favor: At least they haven’t been sent to clean up toxic waste, and at least in this brave new world they won’t get raped, not as such, not by strangers. Some of the Aunts are sadists. Some are opportunists. And they are adept at taking some of the stated aims of 1984 feminism — like the anti-porn campaign and greater safety from sexual assault — and turning them to their own advantage. As I say: real life.“

Ich habe mir gestern, 27 Jahre nachdem ich einen aufwühlenden Film gesehen hatte, die Buchvorlage dazu gekauft und werde nun vermutlich ein paar Tage schlechte Laune haben.

Was schön war, Sonntag, 23. April 2017 – Ägyptisches Museum

F. und ich hatten schon vor längerer Zeit einen Urlaubstag in der eigenen Stadt eingeplant. Uns war aufgefallen, dass wir uns hier zwar dauernd sehen, dass aber natürlich immer einer von uns irgendwo hin muss, irgendwas machen muss, früher als der andere aufstehen muss etc., während wir im Urlaub gemeinsam den Tag verbringen, uns durch die Stadt treiben lassen, irgendwo einkehren, um was zu essen, und meistens mindestens ein Museum am Tag erkunden. Also nahmen wir uns das für diesen Sonntag vor.

Das mit dem Treibenlassen hat überhaupt nicht geklappt; stattdessen lungerten wir beide bis Mittag im Bett rum, lasen, redeten, dösten wieder kurz weg oder daddelten nebeneinanderliegend an unseren iPhones. Ich fand es ganz herrlich.

Dann rafften wir uns auf, verzichteten aber aufs Frühstück, sondern gingen gleich auswärts Mittag essen. Wir testeten das Bami House an, in dem vietnamesisches Streetfood serviert wird, und ließen uns jeweils ein Sandwich und einen Mango-Eistee schmecken. Der Laden ist winzig und quietschbunt, was mir beides sehr gefiel, genau wie das Essen – man sollte allerdings Koriander mögen. (Mag ich. Hab ich mich brav in den letzten Jahren rangegessen.)

Als Nachtisch gab es eine Kugel Eis vom Ballabeni (cremigstes Eis der Stadt), die wir vor dem Brandhorst stehend genossen, damit ich mein Lieblingshaus von Sep Ruf in der Theresienstraße angucken konnte.

Danach schlenderten wir zum Ägyptischen Museum, in dem wir beide peinlicherweise noch nie waren. Wir rennen oder radeln dauernd daran vorbei, aber zum Reingehen hat es irgendwie noch nicht gereicht. Jetzt aber! Wofür sind Urlaubstage da?

Schon die Architektur fasziniert mich seit Jahren. Das Museum liegt komplett unterirdisch; eine flache Treppe führt auf eine sehr schmale Tür in einer breiten, betongrauen Front zu, so dass es sich anfühlt, als würde man eine Grabkammer betreten. Wir stellten freudig überrascht fest, dass auch das Ägyptische Museum am Sonntag nur einen Euro Eintritt kostet, was wir aus anderen staatlichen Museen kannten. Schwabentipp! Uns wurde auch gesagt, dass ein Pfeil auf dem Boden uns durch die gesamte Ausstellung führen würde, und dementsprechend gingen wir brav dem Pfeil nach, was schlau war, denn das Gebäude ist recht verwinkelt.

Gleich der erste Satz auf der Website des Museums macht klar, was einen erwartet: keine große Sammlung. Danach kommt aber gleich der Vorteil: „Die Kompaktheit der Ausstellung ermöglicht es dem Besucher, in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen einen Überblick über 5000 Jahre Kunst und Kultur des alten Ägypten zu erhalten – eindrücklicher als in manchem der ganz großen und daher unübersichtlichen Museen.“ Was ich vor dem gestrigen Besuch als notwendige Koketterie empfunden hatte, kann ich jetzt heftig nickend bestätigen. Man wird nicht mit Zeug zugeballert, sondern bekommt ausgewählte Stücke zu sehen, nach denen man aber wirklich den Eindruck hat, etwas mitnehmen zu können anstatt einfach nur Masse.

Schon im ersten Raum stellte ich an mir fest, dass ich Kunstwerke anders betrachte als früher (was nach neun Semestern auch armselig wäre, wenn dem nicht so wäre), aber mich überraschte es doch, dass dieses andere Sehen auch an ägyptischen Reliefs funktionierte. Zuerst der Gesamteindruck und dann das vertiefte Schauen auf einzelne Abschnitte des Werks; bei europäischer Kunst gucke ich nach mir bekannter Ikonografie, um mir das Werk zu erschließen, und ich stellte fest, dass all die wunderbaren Dinge, die ich mir als Kind mal über Ägypten angelesen hatte, wieder da waren. Ich erkannte den Falkengott Horus, ich sah den Schakal, der für Anubis steht, und den mumifizierten Osiris, das Schleifenkreuz, das Schilfrohr und das Seil, das für mich immer wie eine Zuckerzange aussieht. Ich erinnerte mich daran, wie unsere Studiosus-Führerin uns an Tempelwänden erklärt hatte, wie man Hieroglyphen lesen kann, was ich natürlich nicht kann, aber es war schön, wieder vor Fragmenten von Wänden zu stehen und die Zeichen anzuschauen. Nebenbei: In einem Raum des Museums, in dem es nur um Schrift und Textarten geht, ist ein Fragment Zeile für Zeile transkribiert worden. Davor stand ich recht lange.

Überhaupt war die Raumaufteilung sehr schlau: Man betrachtet die Objekte nicht chronologisch, sondern thematisch geordnet. Der erste Raum holt einen mit schönen Statuen, steinernen Köpfen und Fragmenten ab und erklärt auch gleich an einem Touchscreen, welche Arten von Skulpturen die alten Ägypter so hatten. Ich kannte natürlich die Formen der Figuren – stehend, gehend oder sitzend –, aber dass es dafür auch Namen gibt, wusste ich nicht. Innerlich spulte ich im Kopf sofort die verschiedenen kunsthistorischen Begriffe für menschliche Abbildungen europäischer Provenienz ab (Porträt, Kniestück, Ganzkörperfigur etc.). Natürlich gibt es das auch für Skulpturen, und jetzt kenne ich ein paar der Begriffe für ägyptische. Und ich begegnete dem ersten Touchscreen, von denen in jedem Raum welche waren, die zum Rumklicken und Nachlesen einluden, immer intuitiv und mit genau der richtigen Textlänge. Vor diesen Screens standen mehr Kinder als Erwachsene und lasen auch, anstatt nur zu klicken. Überhaupt: viele Kinder, und anscheinend hatten alle viel Spaß. Ich hörte jedenfalls dauernd „Papa! Mama! Guckt mal!“ und sah Kinderhände, die an Erwachsenenärmeln zogen.

Ich mochte den Raum „Kunst und Zeit“ am liebsten, weil er die kunsthistorische Entwicklung der Reiche aufzeigte; man konnte schön ablesen, wie sich Darstellungen veränderten und entwickelten. Mitten im Raum stand eine Wand, die sich mit Echnaton befasste, dem einzigen Pharao, den man immer wiedererkennt, weil er nicht so idealisiert dargestellt wurde wie die anderen. Ich sah dort auf Grabreliefs eine weitere Eigenart, die ich mir aus Kinderbüchern gemerkt hatte: die Salbkegel, die sich die ägyptischen Damen auf die Perücke setzten, die dann im Laufe des Abends schmolzen. Außerdem erkannte ich die weiße und die rote Krone (für Ober- und Unterägypten) auf Reliefs wieder, lernte die blaue Krone kennen und erfreute mich an einer Vitrine voller Uschebtis (ich hatte F. gerade fünf Minuten vorher vorgeschwärmt, dass im Ägyptischen Museum in Kairo gefühlt dutzende von Vitrinen standen, in denen die Uschebtis von Tutanchamun auf ihren Einsatz warteten).

Sehr beeindruckt hat mich die kleine Sammlung an römischen Totenmasken. Ägypten wurde kurz vor unserer Zeitrechnung römische Provinz, so dass sich Sitten und Gebräuche mischten. Die Ägypter legten ihre Verstorbenen in dieser Zeit in bemalte Holzsärge und bedeckten das Gesicht mit einer Maske, die dem Toten ähnelte. In einer Vitrine waren nun hölzerne Totenmasken von römischen Verstorbenen abgebildet, die ikonografisch mit den Abbildungen übereinstimmten, die ich aus der Antike kannte, die aber trotzdem einen ägyptischen Einschlag hatten, was mich sehr faszinierte. Generell wurde ich in einem weiteren Raum, ich glaube, er hießt „Ägypten und Rom“ mal wieder daran erinnert, dass sich Epochen der Kunstgeschichte mischen und es nie ein klares Ende und einen klaren Anfang gab. Alles beeinflusst alles, und so ähnelten sich manche Darstellungen und waren doch ganz anders als erwartet. In diesem Raum gab es auch viele Schubfächer, die man aufziehen konnte, in denen Stoffreste zu sehen waren, was mich sehr erstaunte. Ich wusste, dass es sehr schwierig ist, textile Stoffe zu konservieren, und hier lagen die einfach vor mir und ich konnte ihre feine Webart aus nächster Nähe bewundern. Das hat mir fast mit am besten gefallen; auch dass ich selbst entscheiden konnte, was ich sehen möchte und was nicht und nicht willenlos an einer Vitrine nach der anderen vorbeigeschleust werde. (Nebenbei: großes Lob für ausreichend Sitzgelegenheiten.)

Ich staunte über einige Porträtköpfe, die ich in die total falsche Dynastie verortet hätte, grinste über römische Imitationen von ägyptischen Statuen, die aussahen wie aus einem schlechten Hollywoodfilm, erfreute mich über die gut gewählten Themen und die sinnvolle Besucherführung und genoss die schlichte, aber effektvolle Architektur. Während F. von den Sarkophagen für Spitzmäuse fasziniert war, bestaunte ich eine Doppelstatue und meinte noch, so was hätte ich noch nie gesehen, bis ich nach dem Besuch im Flyer las, dass diese Statue in ihrer Darstellung einzigartig ist.

Wir ließen uns viel Zeit und blieben fast zwei Stunden in den Räumen und hatten beide danach das Gefühl, dass man ruhig nochmal hingehen könnte. Falls das also bisher noch nicht klargeworden ist: großer Tipp.

F. gönnte sich danach ein Schläfchen, ich mir eine Folge Deep Space Nine, dann stellte ich mich an den Herd, und wir genossen zum Essen eine Flasche Wein, die sich als so komplex herausstellte, dass wir drei Stunden mit ihr beschäftigt waren.

Liebes Tagebuch, das war ein sehr schöner Ferientag.

Edit, 25. April: Ich wurde gebeten, diesen Beitrag bei der Blogparade #perlenfischen des Infopoints Museen & Schlösser in Bayern einzureichen. Erledigt – und hiermit natürlich auch der Hinweis an euch, auch die anderen Museen zu entdecken, die dort beschrieben wurden.

Was schön war, Samstag, 22. April 2017 – All of me

Morgens um 6 aufzustehen, um Dinge zu tun, die ich neuerdings gerne morgens um 6 tue und die ich irritierenderweise vermisst habe, als ich eine Woche erkältet rumliegen musste.

Weintrauben.

Kekse.

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(Von Loryn Brantz auf Buzzfeed.)

An der MA-Arbeit weiterzuarbeiten, selbst wenn man unter einen Gedanken sofort selbst „Zu weit hergeholt“ tippt. Erstmal aufschreiben, aus dem Kopf rausklopfen, dann weiterdenken.

Gemeinsam einzuschlafen.

(All of me)

Was schön war, Freitag, 21. April 2017 – Hasenpenis und Kinderkönigin

Ich erwachte immer noch genervt vom Donnerstag, wobei ich inzwischen eher von mir selbst als vom Auslöser der Genervtheit genervt war, weil ich einfach nicht aus ihr rauskam. F. hatte dazu eine Idee, die ich aber erst bemerkte, als ich mich auf den Weg in die Stabi machen wollte, um meine Stinkigkeit abzuschütteln. Ein Lerneffekt des Studiums (neben ein paar kunsthistorischen Erkenntnissen): Wenn’s mir scheiße geht, ich wütend oder traurig bin – ab in die Bibliothek. Hilft immer.

Ich machte mich also bibfertig und packte meinen Rucksack: Laptop, Netzteil, Moleskine, Federmäppchen – ich komme auch nach fünf Jahren nicht darüber hinweg, dass ich wieder ein Federmäppchen habe –, USB-Stick, Kopierkarte, Schließfachmünze und gestern meine gesamte ausgedruckte Stoffsammlung, die ich mit einem Textmarker bewaffnet durchgehen wollte. Außerdem packte ich sechs Bücher, die ich zurückgeben wollte, in meine Residenztheaterstofftasche, in der ich bevorzugt ausgeliehene Bücher transportiere. Dann öffnete ich die Wohnungstür – und entdeckte ein kleines Tütchen am Türgriff. Der Mann meines Herzens hatte mir nachts noch Nervennahrung (aka Schokolade) vorbeigebracht, damit mein Tag gut beginnt. Ich war so gerührt, dass ich aus dem Geschenk erstmal einen Penis basteln musste.

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(Das sind ein Schmunzelhase, ohne den Ostern für mich nicht Ostern ist (danke, Werbung) und zwei von diesen lustigen dicken Lindt-Schäfchen. Das Foto ist aus dem Handgelenk gemacht und daher unscharf. Sorry!)

Schlagartig gut gelaunt radelte ich zur Bibliothek und stellte auf dem Weg fest, dass die Springbrunnen an der LMU wieder vor sich hinplätschern.

In der Stabi hatte ich viel Spaß mit diesem Buch, das ich in gut zwei Stunden durcharbeitete. Noch eine Studiumserkenntnis: Man lernt irgendwann, sinnvoll querzulesen. Dann markierte ich wild durch meine Stoffsammlung und war sehr zufrieden. Inzwischen hatte die Ausleihe geöffnet, ich verstaute Rechner usw. im Schließfach und zerrte meine Rückgabebücher heraus. Nachdem ich sie losgeworden war, ging ich in den Abholbereich, um Nachschub aus meinem Regal zu holen. Plötzlich sprach mich ein offensichtliches Erstsemester an, wo es denn seine Bücher finden könnte und ob die überhaupt schon da wären; ich antwortete, wenn er noch keine Mail bekommen hätte, garantiert nicht. Daraufhin hatte eine weitere junge Dame auch noch eine Frage, worauf ich belustigt antwortete, dass ich hier gar nicht arbeiten würde. Die beiden entschuldigten sich, aber ich freute mich darüber noch stundenlang. Offensichtlich habe ich im zehnten Semester endlich einen allwissenden Gesichtsausdruck drauf.

Eigentlich wollte ich bei meinem Italiener um die Ecke nur Pastamehl kaufen, aber der Mann hatte Salsiccia in der Auslage, und das ist mein Schlüsselreiz. Sobald ich dieses herrliche Zeug irgendwo sehe, muss ich es kaufen. Also gab es Pasta mit Tomaten und Fenchelbrät zum späten Mittagessen.

Abends saß ich noch ein bisschen am Schreibtisch und klickte meinen Mix der Woche auf Spotify an. Gleich das erste Lied – Infanta von The Decemberists, eine Band, von der ich noch nie gehört hatte – lief danach noch zwanzigmal. Außerdem beging ich den Fehler, mal nach dem Wort Infantin zu googeln, das ich nur in Bezug auf Spanien kannte. Daraus entstand die übliche Wikipedia-Link-Kette (via @SonstHarmlos), die mich irgendwann zum Londoner Kutschenstreit führte, von dem ich auch noch nie gehört hatte. Ich liebe das Internet in solchen Momenten so sehr.

Tagebuch, Donnerstag, 20. April 2017 – Aggro

Mies geschlafen, daher sehr übermüdet am eigenen Schreibtisch gesessen und gelesen. Ausführlicher Mittagsschlaf. Ging nicht anders.

Nachmittags dann eine DM bekommen, die mich über einen Dresscode zu einer Veranstaltung informierte, auf die ich von vornherein sowas von überhaupt keine Lust hatte und von der ich mir auch so gar keinen persönlichen Gewinn verspreche, die ich aber aus Zuneigung zu einem bestimmten Menschen zugesagt hatte. Nun, gut vier Wochen vor dem großen Ereignis, kommt also eine Ansage, was man bitte anziehen und was man bitte nicht anziehen sollte. Seit der DM war der Tag im Eimer, denn ich war von einer Sekunde auf die andere so brastig wie seit langem nicht mehr und kam auch aus dieser Brastigkeitsschleife nicht wieder raus. Ich ärgerte mich über mich selbst, den Scheiß nicht gleich abgesagt zu haben wie ich das mit derartigen Veranstaltungen seit Jahren grundsätzlich so mache, weil ich inzwischen alt genug bin, um zu wissen, dass ich darauf nie, nie, nie Lust habe, und nein, ich habe auch keinen Spaß, wenn ich erstmal da bin, was ja immer die beliebteste Ansage von außen ist. Ich ärgerte mich über die Dreistigkeit, mir vorschreiben zu wollen, was ich tragen darf und was nicht, und ich ärgerte mich darüber, dass mich das nun Geld kostet, denn das verlangte Kleidungsstück habe ich nicht in meinem Schrank. Ich muss also irgendwo sein, wohin ich nicht mal will und dafür auch noch Geld ausgeben, das ich nicht habe. (Nebenbei ist es für dicke Menschen noch problematischer, in diesem relativ kleinen Zeitfenster Kleidung zu bekommen, weil wir eher auf Online-Shops angewiesen sind, was Versand- und eventuelle Retourenzeiten erfordert und vielleicht auch noch Änderungsaufwand.)

Ich hockte also trotz Bücherglück und gutem Tee in meinem Brastigkeitsloch, und das einzige, was mich wenigstens für ein paar Stunden ablenkte, was ein unfassbar komplizierter kunsthistorischer Text, der so anstrengend geschrieben war und so voller Fachsprache steckte, dass ich ihn nicht, wie viele andere Aufsätze, mal eben überfliegen konnte, sondern mich Wort für Wort mit ihm auseinandersetzen musste. Nachdem ich ihn niedergerungen hatte, war aber die Brastigkeit wieder da.

Erneut beschissen geschlafen. Dreckstag.

Was schön war, Dienstag/Mittwoch, 18./19. April 2017 – Wegschaufeln

In den letzten zwei Tagen habe ich am heimischen Schreibtisch gesessen und meine vielen Stoffsammlungen ausgedruckt. Dann habe ich alles gelesen, was ich bisher zusammengetragen hatte und zumindest den Lüpertz-Teil schon in eine halbwegs vortragbare Ordnung gebracht. Meine Grundthese, wie die Werke der beiden Herrn sich unterscheiden, trägt bis jetzt, was mich sehr beruhigt.

Außerdem habe ich Orgakram erledigt, der während meiner Erkältung liegengeblieben war: Steuer, Stellenangebote sichten, Zukunftspläne überdenken, Dinge zu DHL- und Hermesshops bringen, die ich nicht mehr brauche (Sky-Receiver) oder nicht haben will (zu enge Jacke). Happy Size schafft es immer wieder, Oberteile herzustellen, die mir über der Brust zu weit sind, am restlichen Oberkörper perfekt sitzen, aber viel zu enge Arme haben. Und mit zu eng meine ich: Da-komme-ich-kaum-alleine-wieder-raus-eng. Der Wunsch, Dinge selber nähen zu können, wird im Alter immer größer. Vielleicht sollte ich eine Ausbildung als Schneiderin machen, dann würde ich auch wieder Geld verdienen. Könnte für einen Schuhkarton in München reichen, der Ausbildungslohn.

Der Hermesshop ist gleichzeitig mein liebster Weinladen, in dem ich gestern mit „Ham’S a Packerl?“ begrüßt wurde, woraufhin ich sofort nach Wien umziehen wollte. Als Ausgleich wenigstens zwei Blaufränkisch aus Österreich mitgenommen.

The Heart of Whiteness: Ijeoma Oluo Interviews Rachel Dolezal, the White Woman Who Identifies as Black

Ich weiß gar nicht, ob das Thema Rachel Dolezal in den deutschen Medien rumgereicht wurde; meine amerikanische Timeline und Blogschau war vor gut zwei Jahren voll mit der Dame, die sich als weiße Frau als schwarz ausgegeben hatte. In The Stranger interviewt nun Ijeoma Oluo Dolezal, und Jezebel schreibt, dass dieses Interview das letzte sein sollte, was wie über sie lesen müssten, es wären dann jetzt wirklich alle Dinge geklärt.

„For two years, I, like many other black women who talk or write about racial justice, have tried to avoid Rachel Dolezal—but she follows us wherever we go. So if I couldn’t get away from her, I was going to at least try to figure out why. I surprised myself by agreeing to the interview.

I began to get nervous as the interview day approached. By the time I boarded a plane to Spokane, which is a one-hour flight from Seattle and is near the border with Idaho, a state that’s almost 90 percent white, I was half sure that this interview was my worst career decision to date. Initially, I had hoped that my research on Dolezal would reassure me that there was a way to find real value in this conversation, that there would be a way to actually turn this circus into a productive discussion on race in America.

But then I read her book.

Shortly after I announced the deal for my first book (a primer on how to have more productive conversations on race), a friend posted a link on my Facebook page. With a joking comment along the lines of “Oh no! Looks like Rachel beat you to it!” she linked to an article announcing that Rachel Dolezal would also be publishing her first book on race, In Full Color: Finding My Place in a Black and White World. Throughout the week, at least five other friends sent me similar links with similar comments. A look through my social-media feeds showed that I was not alone. Black women writers around the country were all being sent links to articles on Dolezal’s book deal—the memoir of a black woman whose claim to fame is… not being actually black.“

Was schön war, Montag, 17. April 2017 – Reste

Tiramisu und Kartoffelgratin vertilgt, Reste vom Lamm F. überlassen. Ein paar Folgen Deep Space Nine geguckt. Einen Liter Kaffee getrunken. Fragen von Tanja Praske beantwortet, die in einem der nächsten Montagsinterviews veröffentlicht werden. Die werden in den nächsten Tagen noch zehnmal redigiert, wie immer. Am späten Nachmittag ans Referat über Lüpertz und Kiefer gesetzt und bis gegen 21.30 Uhr gearbeitet. Noch einen Klecks Tiramisu genossen. Ein schöner, ruhiger Tag mit viel Regen vor dem Fenster, was schöne, ruhige Tage noch schöner macht.

Ordinary People

Clare Pettitt über zwei Biografien, eine über eine unbekannte Tagebuchschreiberin, eine über Joe Gould und die Unmöglichkeit, ein Leben zu erfassen. Ich lese seit Jahrzehnten gerne Biografien und habe auch meine Übung in Geschichte zum Thema historische Biografien sehr gemocht. Außerdem meckert im Hinterkopf immer noch die Idee mit der von-Welden-Biografie rum, aber die muss erstmal warten. Jedenfalls lese ich gerne Sekundärtexte zum biografischen Schreiben.

„Both these delicately written books reflect on the contradictions and risks of their own biographical practice. They think about the ways that fiction, biography, and history are not distinct genres. “There is something very appealing about this constant failure of biography,” says Masters, reflecting on everything he has got wrong and mis-imagined about the true identity of Not-Mary. “Wouldn’t all biographies be better if they gave up trying to fix the person they’re writing about, and confined themselves to his glints and reflections,” he asks, putting one in mind of Woolf’s own experiment in indirect biography, Jacob’s Room. It is impossible to sum up, as Gould suggested one could, “the whole story of man.” Or woman. But summing up is not the point. Masters understands that “the only moment that ever matters to [the diarist, Not-Mary]” is “Now,” the evanescent present moment. Gould’s dream of contemporary history is equally made up of fleeting fragments of overheard conversations in bars and on trains. Both these books ultimately document what Woolf described in Mrs. Dalloway: the curious way that life has, however pointlessly, however painfully, “of adding day to day.”

Seriously, this Guy Has a Point

Eine gute Auseinandersetzung mit Appropriation Art durch Fearless Girl, die nicht mal Kunst ist, sondern Werbung. (Via @mspro)

„It’s all about the bull. If it were placed anywhere else, Fearless Girl would still be a very fine statue — but without facing Charging Bull the Fearless Girl has nothing to be fearless to. Or about. Whatever. Fearless Girl, without Di Modica’s bull, without the context provided by the bull, becomes Really Confident Girl.

Fearless Girl also changes the meaning of Charging Bull. Instead of being a symbol of “the strength and power of the American people” as Di Modica intended, it’s now seen as an aggressive threat to women and girls — a symbol of patriarchal oppression.

In effect, Fearless Girl has appropriated the strength and power of Charging Bull. Of course Di Modica is outraged by that. A global investment firm has used a global advertising firm to create a faux work of guerrilla art to subvert and change the meaning of his actual work of guerrilla art. That would piss off any artist.“

Dazu gibt es natürlich auch sehr knapp formulierte Gegenmeinungen, der ich insofern zustimmen würde, dass wir mehr öffentliche, sichtbare Vorbilder für selbstbewusste, herausfordernde Frauen brauchen. Ich weiß nur nicht, ob ausgerechnet Fearless Girl das richtige Vorbild ist – angefangen beim Wort girl.

Verstörung

Carolin Emcke schreibt über die blitzschnelle Neuansetzung des Champions-League-Spiels zwischen Dortmund und Monaco und warum das Beharren darauf, Stärke zu zeigen, nicht immer sinnvoll ist.

„In diesem Sinne wiederholten auch die Stimmen nach dem Anschlag von Dortmund umgehend die autosuggestive Losung: Die Erlebnisse könnten die Betroffenen “wegstecken”. Es müsse ein “Zeichen” gesetzt, die “Demokratie und freiheitliche Grundordnung gestärkt” werden, niemand dürfe sich “einschüchtern lassen” – dann hätten “die Terroristen schon gewonnen”. Der Aufruf zur Normalität im Angesicht der Anomalie ist ein fragwürdiger Reflex, in dem als Verteidigung demokratischer Werte ausgegeben wird, was früher einmal Taktlosigkeit geheißen hätte.

Es ist eines, wenn Menschen, die verschont wurden, der Angst und dem Schock widerstehen können, oder wenn direkt Betroffene sich selbst eine Form von Normalität und Vertrauen (zurück-)erobern wollen. Etwas ganz anderes ist es, wenn Normalität und Vertrauen im Angesicht von Terror von oben herab angeordnet werden. Diese ritualisierte Pflicht zur Kontinuität meint, den Schmerz der Opfer, der einer Gewalterfahrung folgt, einfach überspringen zu können. Die Spieler von Borussia Dortmund wurden nicht nur zum Spielen genötigt – 24 Stunden nach dem Anschlag auf ihr Leben. Der eilige Auftrag zum Weitermachen wurde auch noch aufgeladen mit simulierter Moral. So als sei individuelle oder kollektive Trauer eine undemokratische Verweigerungshaltung. Als sei unprofessionell, wer innehalten, reflektieren oder auch nur schockiert sein will. Als sei ethisch verantwortungslos, wem der Schreck über die Wucht der Detonationen anzumerken war. Wer von den Spielern hatte da noch eine Wahl? Wer war da frei zu sagen: Ich kann oder will nicht?

Es war ein gespenstisches Spektakel: Um unbedingte Normalität zu behaupten, wurde ausgerechnet den Opfern aufgebürdet, ihre schreckliche Erfahrung zu verleugnen.“

Was schön war, Sonntag, 16. April 2017 – Schnupfenfrei und froh dabei

Seit Dienstag abend lag ich erkältet im Bett; Samstag ging ich das erste Mal wieder vor die Tür, um die beim Metzger vorbestellte Lammkeule abzuholen, Gemüse vom Markt zu holen und eine geheime Mission durchzuführen. Dann besorgte ich im Supermarkt noch Tiramisu-Zutaten, verarbeitete diese sogleich und ging wieder erschöpft ins Bett.

Gestern war dann der erste Tag, an dem ich mich wieder halbwegs gesund genug fühlte, um eine Lammkeule mit Kräutern in den Ofen zu schieben und mein geliebtes Kartoffelgratin zuzubereiten. In diesem Zusammenhang: Die Anschaffung eines Gemüsehobels war eine meiner besten Ideen. Auf zwei Millimeter fein gehobelte Scheibchen in einer Auflaufform aufzutürmen, macht wirklich große Freude, genau wie beim Essen die entspannend gleichförmigen Scheiben zu bemerken.

F. und ich genossen als Abschluss eine rote Beerenauslese von Heinrich, die jeden Cent wert war.

Nachts begann ich zu husten. (Hier augenrollendes Emoji vorstellen.)

PS: Nicht zusammenzuwohnen hat übrigens den Vorteil, dass man Ostereier verstecken und suchen kann! Win-win!

#12von12 im April 2017

Fotos 1 bis 10: vollgerotzte Taschentücher.
Foto 11: eine Kanne Tee, daneben eine Flasche Wasser.
Foto 12: ein Teller Fertigpulverhühnersuppe, mit Bohnen, Nudeln und TK-Erbsen aufgepimpt. Memo to me, wie bei jeder Erkältung: endlich mal einen Pott richtige Hühnersuppe kochen (so mit Huhn – und EIERSTICH OMG EIERSTICH), einfrieren und im Krankheitsfall auftaubar.

Was schön war, Montag, 10. April 2017 – Lesen

Endlich mal wieder einen produktiven Tag im ZI gehabt. Die letzte Woche über war ich irgendwie wenig motiviert, das übliche Loch, das zwischendurch mal kommt, vor allem, wenn man weiß, dass man eigentlich eh schon wieder viel zu viel hat. Aber natürlich gibt es immer noch Ecken, in denen ich rumlesen kann, und wie ich schon mal schrieb: zwei Wochen gebe ich mir noch, dann bastele ich zwei Wochen lang am Referat – wobei ich sehr schnell merke, ob mein Plan bzw. meine Gliederung passt –, und dann geht’s ans Aufschreiben.

Eine der Ecken, in die ich gestern reingeguckt habe, war zum Beispiel die politische Kunst. Also ganz banal: Ist Kunst politisch? Muss sie das sein? Kann sie auch explizit unpolitisch sein? Was Herr Lüpertz ja gerne von seinen Werken sagt, weswegen ich ihn immer innerlich anbrülle: UND WARUM MALST DU DANN WEHRMACHTSMÜTZEN UND SCHREIBST SCHWARZ-ROT-GOLD DRUNTER? DANN MAL DOCH PONYS!

Dann lag der große Katalog zum NS-Dokumentationszentrum bei mir auf dem Tisch, in dem ich über Kultur während der NS-Zeit las und wo ich ein schönes Zitat für den Kiefer-Teil in meiner Arbeit fand. Dass München sich nicht nur „Stadt der Bewegung“ und „Stadt der deutschen Kunst“ nannte, sondern auch noch „Richard-Wagner-Stadt“, zum Beispiel in einem offenen Brief an Thomas Mann, der es gewagt hatte, an Ritchie rumzumeckern, passt mir ganz hervorragend in die Argumentation.

Außerdem las ich einen Aufsatz über die Nachkriegszeit und fand schöne Zahlen. 1951 wurden die Bayreuther Festspiele wiedereröffnet, wo ein Handzettel verteilt wurde, auf dem darum gebeten wurde, doch bitte nicht über Politik zu reden, denn „hier gilt’s der Kunst“. Das Ding kannte ich, aber seit gestern kenne ich auch ein paar Dinge, auf die sich dieser Zettel eventuell beziehen könnte. Ab Ende 1950 begann die gesellschaftliche Debatte zur Wiederbewaffnung. Dann: Das sogenannte 131er-Gesetz wurde 1951 verabschiedet, nach dem ehemalige NS-Beamte Rente erhielten und auch wieder im öffentlichen Dienst arbeiten durften. 1951 wurde die faschistische Sozialistische Reichspartei, von der ich noch nie gehört hatte, in den niedersächsischen Landtag und die Bremer Bürgerschaft gewählt, aber immerhin bereits 1952 verboten. Und dann fand ich noch das hier:

„Am 23. Januar 1951 verlas [General Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der NATO] nun vor der Öffentlichkeit einen Text, den die Wehrmachts- und späteren Bundeswehrgeneräle Adolf Heusinger und Hans Speidel vorbereitet hatten. Er habe erkannt, rezitierte Eisenhower, dass ein ‚wesentlicher Unterschied‘ bestehe ‚zwischen den deutschen Soldaten und Offizieren einerseits und Hitler und seinen verbrecherischen Helfern andererseits‘. Die Wirkung dieser Ehrenerklärung kann gar nicht überschätzt werden, nicht nur deshalb, weil sie das Offizierskorps rehabilitierte und für die Aufnahme in die neue westdeutsche Armee gegen ‚den Osten‘ qualifizierte. Der mörderische Krieg versank im Abgrund des Schweigens. Im Handumdrehen tauchte das Bild des heldenhaften Kriegs in den Schaufenstern der Buchläden auf. Ehemals führende Generäle schufen sich eine publizistische Plattform für beschönigende Memoiren. Erinnerungsbücher, Landserhefte und scheinbar sachliche Schilderungen des Krieges hatten im Jahrzehnt von 1952/55 bis zur Mitte der 60er Jahre eine stabile Konjunktur.“

(Doering-Manteuffel, Anselm: „Gründe und Abgründe des Schweigens. Kontinuitäten und Generationserfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg“, in: Nerdinger, Winfried (Hrsg.): München und der Nationalsozialismus. Katalog des NS-Dokumentationszentrums München, München 2015, S. 537–547, hier S. 542.)

Das ist für mich so spannend, weil ich mich gefragt habe, warum Lüpertz gefühlt aus dem Nichts bzw. der Abstraktion heraus Ende der 1960er Jahre plötzlich Stahlhelme malt. Ich gehe davon aus, dass er die Original-NS-Kunst nicht explizit vor Augen gehabt hat; jedenfalls las ich mal in einem Aufsatz, ich meine, in diesem Buch, dass zum Beispiel die Bilder der GDK ganz schnell bewusst vergessen wurden. Das heißt, dass Lüpertz nicht unbedingt das hier oder das hier vor Augen hatte, als er seine Helme, sinkend – dithyrambisch malte, sondern eher Kriegsfilme gesehen hatte oder eben: Landserheftchen. Nehme ich jedenfalls an.

Meine Dokumentsammlung wird auch immer länger. Anstatt wie sonst alles, was ich finde, gnadenlos in ein immer länger werdendes Word-Dok zu tippen und es irgendwann thematisch zu gliedern, habe ich hier von Anfang an mehrere einzelne Dokumente angelegt: Stoffsammlung Lüpertz, Stoffsammlung Kiefer, Stoffsammlung Vergangenheitsbewältigung, Stoffsammlung Kunst nach 45 (figürlich statt abstrakt, politische Kunst, was will ein Bild von mir, solche Diskussionen halt), Stoffsammlung Vergleich (für schlaue Vergleiche, die mir einfallen und die ich weder im Lüpertz- noch im Kiefer-Dokument verschwinden lassen will) und Stoffsammlung alles, wo ich zum Beispiel Dinge über Gerhard Richter (Onkel Rudi), Wolf Vostell (Deutscher Ausblick) oder Joseph Beuys (Auschwitz-Demonstration) reinschreibe.

Was schön war, Sonntag, 9. April 2017 – Architektur

Gestern sah ich erstmals einen Hollywoodstar auf der Bühne, nämlich John Malkovich, der mit Just Call Me God für zwei Abende in München war. Das Stück ist eine Auftragsproduktion für die Elbphilharmonie, was man dem Text ein wenig anmerkt, wenn er vom „großartigen Konzertsaal“ spricht und auf die Orgel hinweist, die eine große Rolle spielt. Wir saßen nun stattdessen in 50er-Jahre-Holzverschalung im Konzertsaal der Musikhochschule – bzw. dem ehemaligen „Führerbau“. Das passte dann doch ganz gut zur Geschichte um den größenwahnsinnigen Dikator eines fiktiven Landes, dessen Palast gestürmt wird, in dem sich der Saal befindet. Eine ebenso fiktive Armee, hier bestehend aus wenigen Soldaten, einer Journalistin (Sophie von Kessel), ihrem Kameramann und einem Armeegeistlichen, kommen in den Saal, schauen sich um – und werden bis auf die Journalistin und den Geistlichen erschossen. Vom Diktator aka Herrn Malkovich. Der Geistliche wird an die Orgel getaped und spielt die nächsten 90 Minuten lang fast kontinuierlich muntere Weisen, der Dikator schreit rum, plappert pseudoweltkritische Allgemeinplätze und bedroht die Journalistin mit seiner goldenen Knarre, während die so tut, als würde sie ein total sinnvolles Interview mit der Plappernase führen. Das ganze war sehr durchsichtig und langweilig und nebenbei mit albernen Klischees überzogen, die schon bei den Namen begannen. Der Diktator erklärte fünf Minuten seinen Phantasienamen (mir egal), der Geistliche wurde von ihm „Burt Bacharach“ genannt, aber Frau von Kessel war entweder „bitch“ oder „sweetheart“. Ihre anscheinend einzige Überlebenschance war dann auch die Erotik, und ich kam aus dem Augenrollen nicht mehr aus. Zum Schluss noch die große Vergebungsgeste oder zumindest eine Annäherung, obwohl der Herr gerade die Liebe ihres Lebens erschossen hatte, aber scheiß drauf. Ich quengelte innerlich vor mich hin, konnte mich aber immerhin an den wenigen zurückgenommenen Minuten von Malkovich erfreuen, wo er ein bisschen Normalität hinter der ganzen bescheuerten Grandezza durchblicken ließ.

Außerdem erfreute ich mich an der Architektur des Gebäudes. Der ehemalige Führerbau, ich schreibe das jetzt vermutlich zum tausendsten Mal in dieses Blog, aber ich weiß ja nie, was ihr euch merkt, ist von außen baugleich mit dem NS-Verwaltungsgebäude, in dem heute das Zentralinstitut für Kunstgeschichte residiert. In unser Gebäude darf auch jede*r rein, denn im Lichthof im Erdgeschoss steht die Abgusssammlung, die man sich kostenlos anschauen kann. Vom Lichthof geht rechts eine Treppe in den ersten und zweiten Stock, die beide annähernd die gleiche Höhe wie das Erdgeschoss haben; wir sehen außerdem eckige Säulen und riesige Holztüren. Das erkennt man alles wenigstens als Andeutung auf der Homepage der Abgusssammlung. Wie der Führerbau bzw. die Musikhochschule von innen aussieht, wusste ich nur vom Wikipediabild, denn in das Gebäude dürfen, zu Recht, nur Studierende und Lehrende. Ich ahne auch, dass da sonst die ganzen Katastrophentouristen nicht mehr rauszukriegen wären, denn in diesem Gebäude hatte Hitler sein Arbeitszimmer, und das muss man sich ja dringend angucken, auch wenn das heute, glaube ich, eine Übungszelle ist. Ich freute mich also auf das Treppenhaus, das auch hübsch anzuschauen ist. Was mich irritierte, waren die Stockwerkhöhen. Hier war das Erdgeschoss deutlich höher als der erste Stock, der aber immer noch, ich nenne sie mal „Altbaumaße“ hatte, während der zweite wie ein halbes Stockwerk aussah. Darüber musste ich sehr grinsen, denn ich erinnerte mich an den Film Being John Malkovich, in dem ein halbes Stockwerk vorkam. Außerdem sah ich, dass hier runde Säulen verwendet wurden, aber die Türen und Türzargen sehen aus wie bei uns. Der schönste Blick ist übrigens nicht die Treppe hoch, sondern genau umgekehrt: Wenn man oben auf der Treppe steht und hinunterschaut, erwischt einen die olle NS-Überwältigungsarchitektur ganz gut. Das Licht ist weicher und heller als bei uns, aber das mag daran liegen, dass es hier von der beigefarbenen Treppe zurückgeworfen wird, während es bei uns bis auf den Blutwurstmarmorfußboden herunterfällt.

Ich hatte also vor dem Stück schön was zu gucken und danach auch. Das Stück selbst kann man sich allerdings getrost schenken.

Was schön war, Samstag, 8. April 2017 – Vieles, aber ich zeige jetzt nur mal ein Bild, das ist nach dem langen gestrigen Eintrag auch okay

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Auch nach diversen Besuchen: Die Arena sieht beleuchtet einfach großartig aus. Immer wieder.

Das 4:1 gegen Dortmund war auch schön.