Favorite Entries 2019

19.8.2019

Der fahrende Ritter von der traurigen Gestalt und ich

Meine Omi, also die Mutter meiner Mutter, hatte noch zwei Geschwister. Ihr einziger Bruder war Onkel Alfred, den ich nur als „den Schmied“ kannte. Bei meinen Eltern stehen bis heute diverse Kerzenhalter und Blumenständer aus schweren Metallen, wuchtig und dunkel; außerdem hängen einige schwarze, ornamentierte Ofenplatten an den Wänden. Dann gab es noch wenige filigrane Gegenstände, und der filigranste stand auf dem Kaminsims, wo ich ihn als Kind ewig anschaute, weil er mir so gut gefiel. Als ich auszog, blieb er dort, aber als meine Eltern aus dem Kamin einen Kachelofen machten, brauchte er einen neuen Platz, und ich nahm ihn freudig mit nach Hamburg.

Bei meinem Umzug nach München nahm ich zunächst nur das Notwendigste mit (ein Sofa, das Teeservice von Omi, alle Bücher), und erst beim zweiten Schwung packte ich wirklich alles ein. Davon passte aber nicht alles in meine damals noch winzige Wohnung, und so wanderte auch die kleine Skulptur von Onkel Alfred erstmal in eine Umzugskiste, die mit 20 anderen auf den Dachboden meiner Eltern kam. Als ich vor zwei Wochen wieder bei meinen Eltern war, hatte ich eine blaue Ikeatüte im Koffer; ich durchwühlte meine Kisten und suchte meinen geliebten Standmixer sowie meine Eismaschine, die ich darin nach München tragen wollte. Den Mixer fand ich nicht, aber die Eismaschine. Und in dieser Kiste auch meinen Don Quijote, der jetzt endlich in Bayern angekommen ist.

Ich habe keine Ahnung, warum ich das Ding so mag – vielleicht einfach, weil ich seit der Kindheit davon fasziniert bin, dass man aus Hufnägeln, einem Scharnier und Schrauben eine Person erschaffen kann. Beziehungsweise, viel wichtiger: eine Person, die ein Buch liest.

Ich mag die Farbigkeit, die der dürre Herr inzwischen angenommen hat: grüne Patina, eingedunkeltes Metall, goldene Details.

Und ich liebe sein Schwert und seine Schuhe.


Ich weiß nicht mehr, ob ich zunächst die kleine Skulptur kannte oder dieses riesige, wild bebilderte Kinderbuch von 1977:

Das las ich nämlich sehr gerne. Wobei: Ich glaube, ich mochte damals die Bilder lieber als die Geschichte. Hier sehen wir, wie die fiese unverständige Umgebung die Ritterbücher des Herrn vernichten will, damit er sich nicht weiter in den Erzählungen verlieren kann. (WAS IST DARAN FALSCH, IHR NARREN?)

Dem Mann geht’s doch gut, alles prima, weitergehen. Ähem.

Wer Don Quijote sagt, muss auch Windmühlen sagen.

Das Buch stammt aus Rumänien. Die kindgerechte Nacherzählung schrieb Alexandru Alexianu (Übersetzung von Lotte Berg), die wunderschönen Bilder sind von Val Munteanu, und ich ahne, dass das ein Geschenk der DDR-Verwandten war. Wie ich beim Googeln nach den Namen feststellte, habe ich das Buch im Oktober 2010 schon mal im Blog erwähnt. Damals lag die Erwachsenenausgabe noch auf der ewigen Leseliste.

Bereits im November 2010 wagte ich mich dann an die Übersetzung von Ludwig Braunfels – und schaffte laut Blogeintrag immerhin fast die Hälfte, bevor mir die Sprache des 19. Jahrhunderts auf den Zeiger ging:

„Ich hab’s versucht. Und ich habe knapp 400 der 1.000 Seiten mit wenigen Hängern auch gerne gelesen, aber dann hat’s mir gereicht. Die Grundgeschichte kennt hoffentlich jede_r: Don Quijote ist ein kleiner Adliger, der nichts lieber tut als Ritterbücher zu lesen. Er wird darüber verrückt und bildet sich nun ein, selbst ein Ritter zu sein. Sein altes Pferd wird Rosinante getauft, eine Bäuerin aus dem Nachbardorf wird in seinem Kopf zu Dulcinea, der schönsten aller Schönen und seine Herrin, für die er auszieht, um Abenteuer zu erleben, und ein Bauer namens Sancho Pansa fällt auf sein Geschwafel von Reichtum, Gold und Glück herein und folgt ihm mit seinem Esel. Beim Lesen der Windmühlengeschichte, die sehr früh im Buch kommt, musste ich das gleiche denken wie bei der Madeleine-Episode bei Proust, die auch auf den ersten, na, 50 Seiten von 5.000 kommt: Bis hierhin haben’s alle gelesen, und dann hat’s jede_r weggelegt.“

Schon im Dezember 2010 las ich die zu Recht vielgelobte Neuübersetzung von Susanne Lange und war begeistert:

„Letzten Monat hatte ich den Herrn Cervantes auch schon in der Mangel, allerdings in der Übersetzung von Ludwig Braunfels, und die hat schon über 100 Jahre auf dem Buckel. So liest sich das dann auch. 2008 hat Susanne Lange das Mammutwerk nochmal übersetzt, und das hat mich wirklich begeistert. Ich kann kein Wort Spanisch und deswegen überhaupt nicht sagen, wie gut oder schlecht sie das Original übertragen hat. Ich kann allerdings sagen, dass die Sprache immer noch „alt“ klingt, sich aber nicht mehr so liest. Gerade Don Quijote klingt immer ein bisschen verschrobener und stilblütiger als zum Beispiel Sancho Panza (der wird hier mit Z geschrieben, genau wie Rozinante, den ich auch vorher immer mit S kannte – und von dem ich immer dachte, er wäre eine sie). Andere Figuren klingen wieder anders, vernünftiger, nicht ganz so geistig umnachtet oder einfältig wie der Ritter und sein Knappe. Außerdem ist der Anhang ein steter Quell der Freude, denn er erklärt so ziemlich jede Anspielung und kulturelle Referenz, die den spanischen Leser_innen von 1604 total geläufig waren, mit denen ich jetzt aber gerade nichts anfangen kann.“

Die beiden Bände las ich komplett. Und 2012 kam noch die Fassung von Flix dazu, die den Ritter in die Neuzeit versetzt:

„Fühlt sich an wie ein neuer Flix: Die knuffigen Grundformen seiner Figuren sind noch da, aber alles scheint mit einem Hauch Franquin überzogen zu sein – was mir persönlich sehr gut gefällt.

Wie schon beim Faust versetzt Flix einen literarischen Helden nicht nur in die Wirklichkeit, sondern auch in die Neuzeit, und das hat wieder genauso gut funktioniert. Was sogar noch besser funktioniert hat – deswegen auch der „neue“ Flix: Es ist nicht mehr ganz so brüllend komisch wie sein Tagebuch oder auch der Faust, in dem so ziemlich jede Serie an Panels mit einer Pointe aufhörte. Im Don Quijote hat er es geschafft, den melancholischen, poetischen, zärtlichen Ton des Originals mitzunehmen, ohne den Flix’schen Humor zu vergessen – er ist stattdessen eine Nuance runtergedreht, ein winziges bisschen weniger auf die Zwölf. Wobei auch Cervantes gerne mal die Humorholzhammer rausholte; die Szene, an die ich mich am deutlichsten erinnere, ist die, in der erst Don den armen Sancho ankotzt und dieser dann ihn. Die Szene hat Flix netterweise auch übernommen, wie natürlich auch die Windmühlen (hier: Windräder), Rozinante (ein Fahrrad statt eines Pferds), Dulcinea (da verrate ich mal nichts, aber ich erwähne gerne, dass ich ein paar kleine Tränchen vergossen habe) und natürlich Sancho, der sich, genau wie im Original, zum Ritter ausbilden lassen will. Auch wenn der Flix’sche Sancho einen anderen Ritter im Kopf hat als Cervantes.

Kurz gesagt: Wie immer bei Flix ein wundervolles Buch. Nur noch wundervoller.“

Es ist mir noch nie wirklich aufgefallen, wie lange diese literarische Figur mich schon begleitet, und ich schleppe das Kinderbuch auch von Wohnung zu Wohnung und gucke jahrelang nicht rein, aber es muss halt im Regal sein. Ich freue mich sehr, dass auch die Skulptur jetzt wieder bei mir ist.

17.8.2019

Was schön war, Freitag, 16. August 2019 – Komm bloß nicht rüber, Mann, und setz dich zu mir hin, weil ich so fleißig bin, weil ich so fleißig bin

(Sorry, den selbstgebastelten Ohrwurm werde ich sonst nie wieder los.)

Gestern saß ich Punkt 9 im Bällebad aka dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Die letzte Woche war weiterhin etwas fremdbestimmt gewesen mit Museumsbesuchen für den Podcast, der Podcastaufnahme, einer mehrstündigen und quer über den Tag verteilten Videokonferenz mit einer Kundin, und irgendwie schlafe ich auch noch mies, weil ich bei jedem Geräusch hochschrecke und denke, huch, Papa braucht was, ich muss nach unten gehen. Was nicht so ist, aber die vorletzte Woche bei meinen Eltern hat meinen Kopf anscheinend nachhaltig beeindruckt. Der feiertägliche Donnerstag (<3 Bayern!) war quasi mein Wochenende, und gestern war mein Montag, an dem ich endlich wieder konzentriert an der Diss sitzen wollte, so lange der Kundenjob noch nicht in die Textphase geht.

Ich hatte es in der vorletzten Woche immerhin geschafft, die ersten 100 Seiten Korrektur zu lesen. Wie sinnvoll das war, weiß ich immer noch nicht, denn beim Drüberlesen fallen einem ja noch mehr Lücken auf als vorher. Davon wollte ich gestern ein paar schließen.

1) einen Artikel im Baumeister finden, den Protzen in seinem Spruchkammerbogen angegeben hatte.

„G. Writings and speeches. / G. Veröffentlichungen und Reden.
[…] Geben Sie auf einem Extrabogen die Titel und Verleger aller von Ihnen seit 1923 bis zur Gegenwart ganz oder teilweise geschriebenen, zusammengestellten oder herausgegebenen Veröffentlichungen und alle von Ihnen öffentlich gehaltenen Ansprachen und Vorlesungen mit Angabe des Themas, Datums der Auflage oder Zuhörerschaft. […]

Als Künstler in Ramersdorf. Kleiner Aufsatz. Wahrscheinlich erschienen im ‚Baumeister‘ 34/35+“.

+ hieß bei ihm immer, dass er sich bei der Jahresangabe nicht sicher war. Im Nachlass fand sich der Aufsatz nicht, und ich registrierte amüsiert, dass er seinen Aufsatz im Katalog zur Ausstellung „Süddeutsche Maler sehen das Ordensland“ 1942 in Danzig irgendwie vergessen hatte.

Der Baumeister steht natürlich bei uns im Regal, ich zerrte die zwei Jahresbände an meinen Platz und blätterte. Relativ schnell stieß ich auf andere Artikel zum Thema Ramersdorf und kapierte erst dann, dass „Als Künstler in Ramersdorf“ keine persönliche Angabe war – ich war Künstler in Ramersdorf und habe irgendeinen Aufsatz geschrieben –, sondern der Titel des Aufsatzes. SETZ MEHR ANFÜHRUNGSZEICHEN! Beim Hefttitel setzt du die, aber hier nicht? Ich kann so nicht arbeiten!

Jedenfalls kapierte ich netterweise nun, worum es ging: um die Mustersiedlung Ramersdorf, die zur Deutschen Siedlungs-Ausstellung DSA 1934 in München erbaut wurde. Und auf einmal wusste ich auch, wozu die Fotos im Nachlass gehörten, die ihn auf einem Holzgerüst an mehreren Häuserwänden zeigen, wo er Sgrafittos anbrachte, ha! Ramersdorf! An mein Herz!

Ich musste den kompletten Jahresband 1934 durchblättern, um Protzens halbe Seite zu finden, denn sie war im Inhaltsverzeichnis nicht angegeben und befand sich auch erst in der Beilage zum Dezember, die im Sammelband natürlich als allerletztes kam.

Wenn ihr hier bei „Beilage“ klickt und bis kurz vor Schluss zur Seite B 158 runterscrollt, könnt ihr sein ungelenkes Deutsch auch genießen, das sich quasi null mit künstlerischen Problemen beschäftigt, aber dafür damit, wie es ist, bei Regen ein Haus anzumalen. (Das Bild im Artikel stammt nicht von Protzen, sondern von Albert Burkart.) (Link zickt seit Tagen.)

Das hat mich zwar gefreut, dass ich jetzt wusste, wozu die Fotos im Nachlass gehören und auch, dass ich jetzt wohl mal einen Spaziergang durch Ramersdorf machen werde, aber ich weiß mal wieder nicht, wie der Herr an diesen Auftrag gekommen ist. Die Suchmaske im Stadtarchiv versprach mir aber ein paar Akten, die ich mir durchlesen werde, und vielleicht findet sich da ein bisschen Korrespondenz. In der wenigen Literatur zu Ramersdorf werden nämlich nur zwei Maler als Freskomaler genannt – der eben erwähnte Burkart sowie Günther Graßmann –, aber kein Protzen. In einem weiteren, allerdings eher unwissenschaftlichen Buch (ich nenne es eine selektive Lobhudelei) über die Münchner Künstler-Genossenschaft, in der Protzen Mitglied war, las ich, dass eben diese MKG für die Fresken zuständig war. Ich bin mir nicht sicher, ob Burkart und Graßmann dort überhaupt Mitglieder waren, jedenfalls sind mir ihre Namen noch nicht so irre oft aufgefallen bei den vielen Zeitungsartikeln, die ich schon über die MKG gelesen habe. Muss ich sie wohl nochmal lesen. Jedenfalls habe ich durch den Aufsatzfund jetzt wieder drei Lücken und Fragezeichen mehr im Text.

Aber ich hatte Spaß mit Google Maps: In einem Baumeister-Artikel hatte ich den Grundriss der Siedlung gesehen, in dem auch die Straßennamen standen. Die googelte ich natürlich zuerst, fand aber keinen einzigen von ihnen in München. Also schaltete ich Maps auf Satellit und guckte nach der Form, die auch heute noch prima im Stadtbild zu sehen ist. Und in einem Buch zum Thema fand ich auch die Erklärung, warum die Straßen heute alle anders heißen: Sie waren 1934 nach den Herren benannt, die am Putsch von 1923 beteiligt gewesen waren. Kannte ich alle nicht.

2) den Katalog zur Biennale 1934 in Venedig einsehen, auf der ein Bild von Protzen gezeigt wurde.

Der steht natürlich auch bei uns im Regal, aber mit dem italienischen Vorwort von Eberhard Hanfstaengl, dem Kurator 1934 und 1936 (und dann wieder nach 1945, genaue Jahreszahlen habe ich gerade nicht) konnte ich nicht ganz so viel anfangen. Ich hatte in mehreren Aufsätzen zum Thema schon gelesen, dass Hanfstaengl sich dafür entschieden hatte, sowohl bereits etablierte Künstler zu zeigen als auch solche, die den neuen Anforderungen an deutsche Kunst entsprachen. Das war schwierig, weil, ich wiederhole mich, ich weiß, es eben nirgendwo festgehalten war, wie diese Anforderungen nun aussehen. Keiner wusste bis 1945 so genau, was die neue deutsche Kunst ist, und nach 1945 war’s dann auch egal, jedenfalls dachte sich das mein Fach so schön bequem.

Ich blätterte also den Katalog durch und stieß überrascht auf einen Namen, über den wir gerade vorgestern im Podcast gesprochen hatten, nämlich den Herrn Radziwill.

Auf den Katalogseiten finden sich noch andere Namen, die mir inzwischen geläufiger sind als noch vor drei Jahren. Aber ich las eben auch genügend, die ich nicht kenne, was mein Grundproblem mit dieser Arbeit bzw. dem ganzen Themenkomplex „Kunst im NS“ ist: Viele der damals ausgestellten Maler*innen kennt heute kein Mensch mehr, weil sich die Kunstgeschichte nach 1945 dafür entschieden hatte, sie zu ignorieren. Deswegen gibt es kaum Literatur, deswegen ist bis heute die Ausstellungspolitik dieser Kunst so wachsweich-unentschieden – wir haben einfach noch keine finale Meinung zu vielen dieser Arbeiten. Oder überhaupt keine.

Das zeigt diese eine Katalogseite sehr schön: Protzen – noch keine kunsthistorische Literatur. Radziwill – deutlich besser erforscht. Walter Rose – nie gehört, hat nicht mal einen Wikipedia-Eintrag. Georg Schrimpf – hing bei der Ersthängung im Saal 13 als zwiespältiger Kandidat, weil er bis 1937 an einer staatlichen Hochschule lehrte; hängt jetzt in der Pinakothek der Moderne ohne weitere Anmerkungen bei den Neusachlichen. Edmund Steppes – Anhänger der altdeutschen Malerei, frühes NSDAP-Mitglied, endlich mal ein eindeutiger Kandidat. Und so liest sich der ganze Katalog.

Ich konnte so also immerhin in meiner Arbeit etwas zur Ausstellungspolitik in Venedig ergänzen, ein paar Namen mit Protzen kontrastieren – ich fand es sehr spannend, dass dort sowohl Ernst Barlach (extrem unverdächtig) als auch Josef Thorak (Gottbegnadeter, eins-a-Nazikram) gezeigt wurden – und las viel über die Ausstellungen in den 1920er Jahren, um meine Einordnung besser verorten zu können. Aber auch hier blieb die Frage: Warum hing Protzen da? War er schon etabliert genug, um seine Nation vertreten zu können? Oder war er einer der Neuen? Ich kann ihn immer noch nicht so recht fassen.

3) die Glaspalast-Ausstellungen einordnen.

Protzen stellte von 1927 bis 1931 im Glaspalast aus, und ich wollte diese große Münchner Schau einfach ein bisschen besser einordnen. Ich fand aber bei den ersten Griffen ins Regal nur architektonische Auseinandersetzungen mit dem schicken Gebäude und war auch um kurz vor 16 Uhr etwas matschig im Kopf. Die Beschäftigung mit Ramersdorf und Venedig – was für ein Kontrast – war so spannend gewesen, dass ich mal wieder die Zeit vergessen hatte.

Feierabend.

Der Resttag: im Apple-Store ein hektisch falsch gekauftes Kabel umgetauscht (USB, nicht USB-C, du Hirn), im Supermarkt Salat besorgt, Mayonnaise angerührt, Caesar-Dressing daraus zubereitet (was wäre ich ohne dieses Rezept), zwei Folgen Lost geguckt und dazu eine Riesenschüssel Salat verspeist.

Abends die Bundesliga-Eröffnung auf dem iPad geschaut und mich zum wiederholten Male gefragt, wieso die Streams der Öffentlich-Rechtlichen auf dem iPad fehlerfrei laufen und am Macbook dauernd haken.

Eine Stunde auf Twitter rumgegammelt, mit Buch ins Bett. Dort Candy Crush gespielt anstatt zu lesen. Genug gelesen für einen Tag.

Das war alles sehr schön. Ich werde mit dieser Dissertation nie fertig werden.

11.8.2019

Tagebuch, Montag bis Samstag, 5. bis 10. August – Beta-Papa

Mein Vater hatte im Mai einen Schlaganfall und war dann nach einer Operation in der Reha. Seit vorletzter Woche ist er wieder zuhause. Er ist noch der Papa, den ich kenne, aber mit neuen Features und anderen, die nicht mehr so recht funktionieren. Ein Beta-Papa vielleicht. Ich war in der vergangenen Woche in der alten Heimat, um meine Mutter etwas zu entlasten, während sich Dinge wie Pflegedienste und Hilfsmittelfirlefanz einspielen. Das gehört aber nicht hier ins Blog, denn das ist nicht meine Geschichte.

Was meine Geschichte ist: Es war die anstrengendste Woche meines Lebens, und mein bisheriger Rekord, eine 70-Stunden-Woche in der Werbeagentur, war ein Spaziergang mit Käsekuchen und Konfetti dagegen. Ich hatte die Tragweite der Veränderungen, nicht nur an Papa, sondern auch im Elternhaus und in der Familiendynamik optimistisch unterschätzt. Die plötzliche Intimität war für mich anstrengend, das Arbeiten (Dinge erledigen, Dinge vor- und einkochen, Dinge vorbereiten) war für mich anstrengend, weil die häusliche Umgebung nicht auf meine, sondern auf anderer Leute Bedürfnisse eingestellt war, das Schlafen im alten Kinderzimmer war anstrengend, weil es nicht nur mal eben zu Weihnachten für eine Nacht nach viel gutem Essen und Sekt war, sondern nach einem Tag, der emotional und körperlich sehr schlauchte, und dann kam noch ein Tag und noch einer, und ich bin fast stolz darauf, erst am Freitag einen völligen Überforderungsheulflash bekommen zu haben. Um dann vom Vater getröstet zu werden, wegen dem man heult und der einen für die eigene Schwester hält.

Die komplette Fremdbestimmung durch einen Kranken war für mich mit am anstrengendsten, denn wenn ich etwas schätze, ist das meine relative Freiheit, die mir Selbständigkeit, Studium, Wohnsituation und Beziehungen lassen – im Prinzip kann ich so gut wie dauernd machen, was ich will und wann ich es will, und wie großartig das ist, habe ich erst in der letzten Woche so richtig gemerkt. Wegen dieser konstanten Fremdbestimmung und Überforderung und Anstrengung dachte ich die ganze Woche lang, ich will nach Hause, ich will nach Hause, ich will nach Hause, auch wenn ich mich sehr darüber gefreut habe, wirklich eine Hilfe sein zu können, sowohl in wenigen Augenblicken für die Pflegenden als auch ganztags für meine Mutter, und sei es nur durch eine aus Gartenfrüchten zubereitete Tomatensauce, die Mama jetzt nur noch aufwärmen muss, um schnell ein Mittagessen fertig zu haben.

Die Zugfahrt gestern nach München war eine Art Dekompression; ich las ungefähr eine Seite in meinem mitgebrachten Buch – immerhin eine mehr als die ganze letzte Woche –, hörte aber sonst nur Klassik auf Spotify und guckte aus dem Fenster. Zuhause räumte ich sofort den Kofferinhalt brav weg, setzte Wäsche an, sagte allen meinen Blumen persönlich guten Tag, warf mich aufs arg vermisste Sofa, um endlich wieder eine Serienfolge zu sehen und dachte, so, alles prima, wieder daheim, yay. Aber ich merkte nach ungefähr 20 Minuten, dass ich sehr unkonzentriert schaute und es mir eigentlich auch egal war. Und dann dachte ich: Ich will wieder in den Norden, wo ich sinnvollere Dinge tun kann als Serien zu gucken, die mir egal sind.

Ich weiß noch nicht, was ich mit dieser sehr unerwarteten Reaktion anfange.

27.7.2019

Tagebuch Freitag, 26. Juli 2019 – 200 Seiten weniger

Morgens als erstes der Blick auf den Router, wo in den letzten beiden Tagen nur drei klägliche Lichtlein blinkten statt fünf. Gestern morgen: VOLLE POWER! ICH HABE MEIN INTERNET WIEDER! Sofort den Tannhäuser-Stream angeworfen, nicht im Word-Dok vorgebloggt, sondern gleich mutig in der WordPress-Oberfläche im Browser, sehr lang und ausführlich aufgeschrieben, wie ich die Aufführung fand. Nochmal hach!

Den Vormittag dann am Schreibtisch verbracht, um den abendlichen Gesprächstermin mit dem Doktorvater vorzubereiten. Nochmal brav über alles gegangen, was mir wichtig war, Notizen für Fragen gemacht, was man halt so tut. (Das ist übrigens fast ein Bildtitel von Protzen: Was man so alles tut (Selbstportrait) (1929, Werkverzeichnis 198, 130 x 82 cm). Holt mich hier raus.)

Reisevorbereitungen getroffen, denn demnächst geht’s nach Nürnberg ins Kunstarchiv. Mal wieder nicht rechtzeitig die FAZ von Papierlieferung auf digitale Ausgabe umgestellt bekommen; vielleicht freut sich der Blumengießdienst über das Exemplar.

Zu heiß für ernsthafte Diss-Arbeit, den Lost-Rewatch weiterbetrieben, neue Folgen von Younger und Jane the Virgin geguckt. Rumgelegen, geschwitzt und mich auf das kühlere Wochenende gefreut, an dem ich wieder denken kann.

Gegen 16 Uhr dann doch in die Scheißhitze gegangen, wenigstens im knallpinken Shirt. Macht überhaupt nicht schlank, aber dafür gute Laune.

Der Doktorvater war mit dem vorherigen Termin noch nicht fertig, das ist er nie, das ist in Ordnung. Ich bekam den üblichen Kaffee angeboten, den ich wie üblich ablehnte, dann wurde kurz nach der Finanzierung meines Lebens gefragt; nein, ich will immer noch kein Stipendium, dann darf ich nämlich nicht mehr arbeiten, und das ist in meiner Branche dann doch etwas einträglicher als das geschenkte Geld. Wenn mich mal jemand wieder buchen würde, ähem. Letzteres lässt mich manchmal nachts nicht gut schlafen, aber in meinem Kopf reichen die Ersparnisse bis zur Abgabe, und danach sehen wir weiter. Und wenn mich niemand bucht, kann ich halt ungestört promovieren. Hat alles Vor- und Nachteile. (Will trotzdem besser schlafen.)

Meine vorab brav geschickte vierseitige Gliederung mit den bisherigen Erkenntnisgewinnen – bzw. einem winzigen Ausschnitten davon – hatte Papa natürlich noch nicht gelesen, also taten wir das jetzt gemeinsam. Hier eine Nachfrage, da eine Anmerkung – „Sie wühlen ja immer recht gründlich“ –, dann, auch wie immer, irrwitzige Hinweise auf Archivbestände, von denen ich noch nie gehört hatte, und Personen, die ich mal anmailen sollte. Tipps für den Umgang mit Archivar*innen: „Immer sagen, was Sie schon kennen, das macht einen guten Eindruck, dann sieht das nicht so aus, als sollte das Archiv die Arbeit für Sie machen.“ „Bei dem Herrn eine Mail schicken und erst frühestens nach drei Wochen nochmal nachfragen. Der hasst es, wenn er sich gedrängt fühlt, weiß aber alles.“ „Die Dame freut sich total, wenn man sie was fragt, in dem Archiv ist nie jemand.“ „Wenn Sie gut in Bibliotheken arbeiten können, nehmen Sie die vom Deutschen Museum. Da stehen Zeitschriften, von denen Sie nicht mal wissen, dass sie existieren, und der Lesesaal ist nie so voll wie in der Stabi.“ Gerade auf letzteres freue ich mich seit Wochen, denn ich beginne ja gerade das Autobahnkapitel, für das ich bergeweise technische Zeitschriften wälzen will.

Ich erwähnte es hier vermutlich schon mehrfach: Meine Diss besteht aus zwei Teilen, zuerst die Aufarbeitung von Protzen und anschließend seine Rezeptionsgeschichte nach 1945. Die wollte ich eigentlich an den drei großen Ausstellungen von systemkonformer Kunst des NS aufbereiten: Dokumente der Unterwerfung (Frankfurt 1974), Aufstieg und Fall der Moderne (Weimar 1999) und Artige Kunst (Bochum, Rostock, Regensburg 2017). Dafür wollte ich nachvollziehen, wie die endgültige Bildauswahl zustandegekommen ist, also: Warum hängt da eben Protzen als teilweise einziger Vertreter von Autobahnmalerei und niemand sonst? Um diese Ausstellungen herum wollte ich die kunsthistorischen Diskurse der Zeit aufarbeiten: Wie ging und geht unser Fach mit dieser Kunst um? Spoiler: Wir haben uns noch nicht festgelegt, ob das jetzt überhaupt Kunst ist, und wenn ja, ob man sie zeigen sollte, und wenn ja, wie genau.

Diesen Teil der Diss hatten wir bisher nur theoretisch durchgesprochen. Jetzt in der ausführlichen Gliederung, wo ich mein Vorhaben mal ordentlich niedergeschrieben hatte, meinte der Herr Doktorvater für mich etwas überraschend: „Von den Kapiteln Frankfurt, Weimar und Bochum ist im Prinzip jedes eine eigene Diss.“ Und in dem Moment, in dem er das sagte, war mir das auch klar. „Bei wie vielen Seiten sind Sie denn jetzt? 70? Das ist in Ordnung. Rechnen Sie das mal hoch mit den noch ausstehenden Protzen-Kapiteln … und dann die nach 45 dazu. Dann sind Sie bei 600 Seiten. Das können Sie natürlich machen. Es ist nur die Frage, ob Sie das machen müssen.“ Äh. Ja. Hmpf.

Die Kapitel, die ich bisher habe, sind eher die kürzeren zum Herrn, die anderen werden garantiert länger. Daher diskutierten wir schließlich, wie ich mich um die Ausführlichkeit der Rezeptionsgeschichte rumdrücken kann, ohne meinen Punkt zu verlieren, den ich machen will, nämlich den, dass es auch noch andere Kandidaten für die Ausstellungen gegeben hätte, wir uns in unserem Fach aber seit 1974 auf ein Konvolut an Bildern beschränkt haben, das jetzt als beispielhafte NS-Kunst gilt, fertig, da müssen wir nicht mehr drüber nachdenken. Aber genau das mache ich jetzt eben. Mein Lieblingsbeispiel ist die Kalenberger Bauernfamilie von Adolf Wissel, die ich als eher als noch latent neusachlich denn als fiese Blut-und-Boden-Ideologie wahrnehme, aber das ist eben auch eins der Bilder, das überhaupt nicht mehr hinterfragt wird. Einmal Nazischeiß, immer Nazischeiß.

Wir sind jetzt so verblieben, dass ich erstmal den Protzen-Teil fertigstelle, was ja eh mein Plan gewesen ist, und mir währenddessen vermutlich eh klar wird, wie ich mit seiner Rezeption umgehe. Denn die ergibt sich schließlich auch aus seiner Wahrnehmung während der NS-Zeit, und die muss ich erstmal anständig aufarbeiten. Aber es klingt so, als wäre meine Arbeit gerade um 200 Seiten kürzer geworden. Yay?

Nach dem Heimweg nur noch ermattet rumgelegen, einen riesigen Obstsalat gegessen, ein Kilo Eiswürfel in Softdrinks geschmissen, vor dem Ventilator eingeschlafen.

25.7.2019

Was schön war, Freitag, 19., bis Mittwoch, 24. Juli 2019 – Dritte Liga (Würzburg), Interview (München), Generalprobe (BAYREUTH!)

Am Freitag erfolgreich weiter an der Diss gearbeitet. Jetzt, fünf Tage später, habe ich schon wieder keine Ahnung mehr, was ich geschrieben habe.

Am Samstag fuhren F. und ich nach Würzburg. Eigentlich wollte nur der Herr fahren, um sich die Bayern-Amateure bei ihrem ersten Drittligaspiel nach erfolgreichem Aufstieg anzuschauen, aber wir haben ein lauschiges Pärchen-Wochenende daraus gemacht, weil gemeinsame Urlaube gerade aus Gründen etwas schwierig sind.

Ereignislose und pünktliche Zugfahrt, Umstieg in Nürnberg, ich winkte dem Kunstarchiv zu, das man zwar von der Bahnstrecke aus nicht sehen kann, aber ich weiß, es ist da, my precious.

In Würzburg dann in die Tram gestiegen, die direkt vor dem Hauptbahnhof hält und bis fast vor die Hoteltür geshuttelt, genau wie ich es mag. Und ähnlich nett ging es weiter: Das Hotel hatte uns ein Upgrade gegeben, warum auch immer, und so durften wir im sehr neuen Hoteltrakt nächtigen. Statt in einem Zimmers eines Betriebs, der sich angeblich seit 1408 um Gäste kümmert, schliefen wir im Neubau, der quasi erst vor fünf Minuten fertiggestrichen wurde. So roch es jedenfalls. Das war aber auch das einzige, an dem wir etwas zu meckern hatten. Okay, die fehlenden Handtuchhaken, die die Handwerker vergessen hatten, wie die plauderige Dame an der Rezeption meinte. Und der Bewegungsmelder, der den Fußboden zum Bad schon eifrig beleuchtete, wenn ich mich im Bett umdrehte. Aber das war’s dann wirklich. Ich meine: der Ausblick alleine! Und: eine Klimaanlage, die lautlos alles auf gefühlte 14 Grad runterkühlte. Es waren vermutlich 23, aber irgendwann kroch ich ernsthaft unter die Bettdecke, weil es einen Hauch zu frisch wurde. Große Liebe.

Außerdem gab’s einen Obstteller und Wasser und einen kleinen Bocksbeutel und einen Blumenstrauß, den ich wirklich gerne mitgenommen hätte, und dann dieses Zeug, aus dem F. kaum wieder seine Füße nehmen wollte. Also aus denen, auf denen sein Name stand.

Ansonsten hatte ich persönlich noch nie soviel Platz in einem Hotel; das Bad alleine war so groß wie ein gesamtes Zimmer im Motel One. Und die Regendusche machte mich sehr glücklich, als wir nach drei Stunden in praller Sonne vom Fußball wiederkamen. Den Preis, den das Zimmer normal kosten würde, würde ich dafür zwar nicht zahlen wollen, aber quasi geschenkt – gerne wieder. Der Rest vom Laden war auch äußerst nett (Menschen) oder lecker (Frühstück).

Gerade erwähnt: drei Stunden in praller Sonne. Das war nicht so meins, und die Amas sind mir eigentlich auch egal und das Spiel war eher mies, aber das Stadion der Würzburger Kickers war wirklich nett. Da passen, soweit ich weiß, ungefähr 10.000 Leute rein und das ist eine Größe, die mir sehr sympathisch war. Der Stadionsprecher war allerdings pure Hysterie. Ich weiß, das gehört zum Berufsbild, dass jedes Tor und jede Mannschaftsaufstellung und jeder Wechsel gefeiert wird wie die Heilung von Krebs, aber das hier war wirklich eine Nuance zu viel. (Und der Sprecher bei den Bayern-Damen drei Nuancen zu wenig, aber das nur nebenbei.)

Wir wurden stets ermahnt, viel zu trinken und das hätte ich auch gerne gemacht, aber die beiden rührend kleinen Getränkeausgaben füllten jeden Becher ernsthaft erst nach Bestellung. In den größeren Stadien stehen batterienweise fertige Becher rum, so dass nur jemand zugreifen muss, und viele Stadien haben auch Bezahlkarten, womit das leidige Geldwechseln entfällt. Hier nicht, was ich als Gast auch okay fand, dass ich keine Karte brauchte, aber meine Güte, hat das alles gedauert. Ich hatte vor dem Spiel einen halben Liter getrunken und habe es nicht mal bis zur Halbzeitpause ausgehalten, den nächsten zu holen. Das dauerte ungefähr eine Viertelstunde, danach ließ mich F. von seinem Getränk nippen, weil die Schlange am Stand immer länger wurde. Ich hoffte ein bisschen auf einen Wasserschlauch in den Gästeblock, der aber leider nicht kam. Wäre bei 34 Grad vielleicht eine Idee gewesen.

Deswegen saß ich in der zweiten Halbzeit auch fast nur noch stumm und still rum und fächerte mir Luft zu, weil ich Angst um meinen Kreislauf hatte. Der hielt, aber das mache ich vermutlich nicht nochmal. Aber hey, meine erste Auswärtsfahrt! Und mein erstes Drittligaspiel!

Abends gönnten wir uns im Hotelrestaurant Kuno 1408 ein schönes fränkisches Menü plus regionaler Weinbegleitung. Ich hatte schon nach den Küchengrüßen keine Lust mehr zu fotografieren, weil ich einfach nur dasitzen und zufrieden sein wollte, daher sind die Bilder danach von F.

Aber meinen freundlichen Sitznachbarn konnte ich noch knipsen. Nächstes Mal möchte ich den Tisch, an dem der Panda saß. (Fragt mich nicht, ich habe keine Ahnung, warum da Stofftiere waren.)

Die Reinkommer: eine tolle Kartoffelkrokette, ein knuspriger Keks, ein fruchtiges Gelee, das sich mir nicht ganz erschlossen hat.

Der erste Gang war gleich mein Liebling des Abends: Forellentatar und Forellenkaviar, dazu eine Honigsenfsauce, in der eingelegte Dillstängel steckten, dazu Selleriefond. Normalerweise ist Anis nicht so meins und Dill auch nur in kleinen Dosen, aber das war alles perfekt. Frisch und zart und trotzdem voller Tiefe, hier ein bisschen Süße, hier was Saures, ach, herrlich, hätte ich mich reinlegen können.

Auch toll: eine Kohlrabischeibe, ungeschält, wie ich interessiert feststellte, mit Spargel drin, Radieschen, Kartoffelschaum, irgendwas Knusprigem obendrauf und dann leider einem Hauch zu viel Bacon in der Mayonnaise bzw. als Bröckchen. Ich weiß, Speck geht immer und mit allem, aber hier hätte ich mir die Souveränität gewünscht, das ganze vegetarisch zu lassen.

Nochmal toll: Kaninchen. Ewig nicht mehr gegessen, sollte ich eventuell öfter machen. Unten im äußerst formschönen Teller lag ein hohler Semmelknödel, der mit Blumenkohlpüree gefüllt war. Darauf dann zwei Sorten vom Fleisch, zwischen denen ein Crisp lag – ich tippe auf Pastinake, bin mir aber nicht sicher –, worauf noch ein bisschen Senfeis balancierte. Das happste man einfach so weg (F.) oder ließ es in die Sauce fallen (ich). Auch der Gang war überraschend süß, aber ich mochte ihn sehr gern.

(Memo to me: F. sagen, er möge bei Essensbildern immer, haha, Fleisch dranlassen, also großzügig mit Umgebung fotografieren, damit ich das Bild gerade zum Horizont ausrichten kann, ohne das Gericht beschneiden zu müssen. Hier ist nix ausgerichtet, weil dann das Eis nicht mehr im Bild gewesen wäre.)

Und dann kam leider für mich ein Totalausfall. Ich habe noch in keinem Sterneladen bisher einen Gang gehabt, den ich so gar nicht mochte, aber der hier war es. Zum geflämmten Zander gab es unter anderem eingelegte Gurke, Dörrtrauben, Hirsesalat und ein Ziegenkäsesößchen. Mag ich in Einzelteilen alles gern, aber das ging gar nicht zusammen. Den Zander fand ich langweilig, die Gurken undefiniert, die Trauben viel zu süß und ich wusste nicht, was sie auf dem Teller sollen, die Hirse schmeckte gammelig, der Ziegenkäse ließ endgültig alles ins Unangenehme kippen, und ich fand es doof, dass ich mir alles von zwei Tellern zusammenbasteln musste.


Der mummelige Kondensmilchflan mit dem herrlich frischen Erdbeerlimesorbet konnte mich auch nur halb wieder glücklich machen, denn unter der gewöhnungsbedürftigen Gewürzsahne lag fies saurer Rhabarber. Auch eigentlich etwas, das ich mag, aber auch hier war es die Kombi, die mich etwas unzufrieden zurückließ. Aber: frittierter Rucola! Grandios.

Die Petit Fours waren dann wieder gut. Nougatcreme auf eine Platte zu schmieren, durch die man mit dem Löffel durchfährt, fand ich super. Auch das Brot zum Mahl war gut, die Weine waren nett, der Käse war gut, jajaja. Aber ich hadere immer noch mit dem ollen Zander.

Als Absacker einen Sauerkirschbrand, dann lange und gut geschlafen.

Den Sonntag verbrachten wir Würzburg-Touri-gerecht zunächst in der Residenz, wo ich wieder eine Powerpoint-Folie aus einer Univorlesung abhaken konnte: das Treppenhaus mit dem Deckengemälde von Tiepolo habe ich jetzt auch gesehen und war angemessen beeindruckt. Ansonsten werden Barock und ich keine Freundinnen mehr, und wir durchstreiften die ganzen Prachträume recht schnell, bevor wir uns in den Garten setzten, schön geschützt unter Bäumen, denn es begann zu nieseln, und Leute stellten sich stilvoll unter.

Danach shuttelten wir mit der Kulturlinie 9, kleiner Tipp für euch, von der Residenz zur Festung hoch. Dort knipsten wir nur den Ausblick auf die Stadt, weil es wieder über 30 Grad heiß war, ich matschig und im Prinzip auch nur mit Eincremen und der Sonne ausweichen beschäftigt war. Im Biergärtchen ein Radler getrunken.

Im in der Festung gelegenen Frankenmuseum sahen wir dann eine Ausstellung, die wir auch in München hätten sehen können, aber mei: Sieben Kisten mit jüdischem Material. Von Raub und Wiederentdeckung 1938 bis heute. Ich musste an die Tagung zur Provenienzforschung denken, wo genau über diese Judaica gesprochen wurde (vorletzter Absatz), die seit Jahrzehnten in deutschen Museen rumliegen, weil keiner so genau weiß, wo sie herkommen. Ich fand die Ausstellung sehr unaufgeregt präsentiert, gut betextet, schön aufbereitet, kein unnötiges Pathos, aber viele Infos.

Ich bin nur im englischen Text, der neben dem deutschen auf den Tafeln stand, über das Wort „Kristallnacht“ gestolpert. Ich kannte „night of broken glass“, hätte aber auch gedacht, dass diese Begriffe inzwischen unüblich geworden sind, so wie wir heute ja auch „Novemberpogrome“ sagen, um das Verniedlichende aus dem Begriff bzw. dem Ereignis zu bekommen. Lustigerweise las ich einen Tag später im New Yorker in einem Artikel, in dem das Stuttgarter Museum erwähnt wird, genau darüber: „There was a small display with three cut-crystal goblets. “Pogrom of November 9, 1938,” the caption said, using the Russian word in place of the more familiar Kristallnacht.“ Scheint also im Englischen weiter benutzt zu werden, das letzte Wort.

Die Kulturlinie wieder zur Residenz gefahren, in einem Restaurant, was zwischen dort und dem Hotel lag, in dem noch unsere Koffer standen, was gegessen und weitergeschwitzt und gefächelt, aber ich zählte innerlich schon die Minuten, bis ich endlich wieder zuhause war. Das ist einfach nicht mein Wetter, dieses über 30 Grad, und ich wusste, wir sitzen noch zwei Stunden im Zug und ausnahmsweise auch nur in der zweiten Klasse, weil das Kuno teuer genug gewesen war. So litt ich vor mich hin, vergnatzte den armen F. mit meinem offensiven Rumleiden, und wir kamen beide nach einem eigentlich schönen Wochenende schlecht gelaunt in München an.

Montag hatten wir uns aber schon wieder zusammengerauft. Den Vormittag verbrachte ich mit Rumliegen, ich war immer noch fertig, und es war immer noch zu heiß. Nachmittags musste ich aber raus, denn eine Dame von der Süddeutschen wollte mit uns über unseren kleinen Kunstpodcast reden. Dazu gab es KEINE FRANZBRÖTCHEN, DIE WAREN AUS, WAS DENN NOCH, ALLES IST SCHLIMM BEI 30 GRAD, also Johannisbeerkuchen und drei Flat White für mich, weil sie halt so gut waren. Kann Bean Batter weiterempfehlen.

Und dann konnte ich mich Dienstag wieder nicht erholen, denn wir saßen schon wieder im Zug! Dieses Mal nach Bayreuth, wieder über Nürnberg, allmählich hatte ich keine Lust mehr zu winken. Ein von mir geschätzter Videokünstler hatte uns Karten für die Generalprobe des neuen Tannhäuser besorgt, und so konnte ich F. endlich mal das Festspielhaus zeigen, in dem ich immer leide (ZU WARM, IMMER, IMMER, IMMER. Außerdem Folterstühle, aber hauptsächlich zu warm), aber gleichzeitig auch immer vor Glück heule. So auch dieses Mal wieder, Pilgerchor halt, kriegt mich immer.

Offensichtlich Hügelwetter. F. musste einen schönen Wortwitz machen.

Eine andere Musik kriegte mich aber auch. Ich lache seit Dienstag darüber, dass die Melodie der Maus in Bayreuth gespielt wurde.

Über die Probe darf ich euch leider gar nichts sagen, aber vielleicht schaltet ihr heute den Livestream oder Samstagabend einfach 3sat ein, dann können wir endlich darüber reden! Und ich habe so viel zu sagen! Außerdem bin ich sehr auf die Kritiken gespannt, die mir vielleicht ein paar Referenzen erklären, die ich nicht mitgekriegt habe. Aber ich ahne, was der Couch Gag sein wird, ha! (In dem eben verlinkten Artikel fand ich die Frage: „Sind Wagner-Sänger nicht ohnehin abgebrühter, weil sie – im Gegensatz zu den Verdi-Kollegen – durch viele Konzept-Stahlbäder gegangen sind?“ sehr großartig.)

Hinter uns im zahlreich erschienenen Publikum – das Haus war in der oberen Parketthälfte voll, würde ich sagen, die untere war abgesperrt – saß ein Pärchen. Die Dame meinte vor der Ouvertüre: „Aber den Deckel vom Orchestergraben machen sie noch auf, oder? Sonst sehe ich ja die Musiker gar nicht!“ Ich grinste sehr, merkte aber im Laufe des Stücks, als sie immer bei den richtigen Szenen lachten (ja, es durfte bei Wagner gelacht werden, sehr schön), dass der Graben-Satz vermutlich auch ein Insider war. Vielleicht hatten sie ihn mal von einem Hügel-Newbie gehört und trugen ihn nun als Running Gag weiter. Ich werde das übernehmen.

Eigentlich hatten wir den Mittwoch auch noch in Bayreuth verbringen wollen, aber nach dem anstrengenden Würzburg-Wochenende und den nächsten Tagen und Wochen, die für uns beide ähnlich anstrengend werden, buchten wir kurzerhand Montag abend noch um und verließen das schon wieder viel zu heiße Bayreuth gegen 9 Uhr morgens.

Und wenn mein Internet sich nicht um 16 Uhr verabschiedet hätte, hätte ich gestern unverschwitzt auf dem Sofa gesessen. So musste ich aber mal wieder Schränke durchwühlen, um meine Festnetznummer rauszufinden, die ich nie benutze, um bei der Telekom zu eruieren, ob ich die einzige bin, deren Interweb zickt. War ich nicht. Lustiges Tethering, für das der Laden immerhin 10 GB für lau springen ließ. Na gut dann. Halbherzig die zwei Termine für diese Woche vorbereitet, aber da muss ich nochmal ran.

Besorgt meine Balkonblumen beobachtet, wie sie genau wie ihre Mami vor sich hinlitten. My babies! Mit diesem Rumpflanzen hätte ich also auch nicht beginnen dürfen, ich bin zu emotional für durstige Petunien! So, Hitze, du Mistvieh. Jetzt isses persönlich! *emogießen*

15.7.2019

Was schön war, Samstag/Sonntag, 13./14. Juli 2019 – Wellness

Gemeinsam aufgewacht.

Rosinensemmeln vom Bäcker geholt auf dem Weg von F. zu mir. Daran musste ich mich erst gewöhnen, dass die norddeutschen Rosinenbrötchen etwas anderes sind als die süddeutschen Rosinensemmeln. Die Brötchen sind, soweit ich weiß, ich habe sie noch nie selbst gebacken, Milchbrötchenteig, eventuell Hefe? Die Rosinensemmeln sind schwerer und kommen mir fast wie Quarkteig vor. Ich hatte noch etwas Lemon Curd übrig, und damit waren sowohl Frühstück als auch Mittagessen erledigt.

Nachmittags den totalen Putzflash bekommen. Ja, Wohnungsputz ist nicht unbedingt etwas, was ich dauernd auf die „Was schön war“-Liste setzen würde, aber das Gefühl, damit fertig zu sein und eine saubere Wohnung zu haben, auf jeden Fall. Eigentlich wollte ich nur das Bad machen, der Rest war irgendwie noch erträglich, aber hey, wenn man den Staubsauger schon mal in der Hand hat?

Mir fiel mal wieder auf, dass ich lieber alles am Stück erledige als hier ein bisschen, da ein bisschen rumzupuscheln. Ich hatte mir vor ewigen Zeiten mal einen Putzplan in diesem Interweb runtergeladen, der einem das tägliche Ordnunghalten erleichtern sollte. Anscheinend bin ich schon ordentlich genug, denn ich muss nicht daran erinnert werden, den Herd nach dem Kochen zu putzen oder die Arbeitsfläche von Krümeln zu reinigen. Der Plan schlägt allerdings auch vor, jeden Tag ein Zimmer in Ordnung zu bringen, damit es eben nicht so ein Berg ist, den man erledigen muss. Das hat bei mir nie funktioniert – wenn ich das Schlafzimmer saugen und staubwischen kann, dann mache ich das im Arbeitszimmer auch gleich. Ich will vor allem gar nicht jeden Tag putzen – ich finde, einmal in der Woche am Stück deutlich angenehmer als ständig irgendwas machen zu müssen.

Daran musste ich denken, als ich Samstag einen Artikel aus der New York Times las und vertwitterte: How to Be Happy. Der Artikel ist nicht so esoterisch oder albern wie man glauben mag, da sind ein paar schöne Dinge dabei, und manche praktiziere ich schon länger. Zum Beispiel, zu mir und meinem Körper nett zu sein und ihn nicht dauernd auszuschimpfen. Der Tipp steht, glaube ich, in jedem Nicht-Diät-Ratgeber: Würdest du über den Körper deiner Freundin so herziehen? Nein? Dann lass das auch bei deinem eigenen sein.

Die Idee, die eigene Geschichte aus einer anderen Perspektive aufzuschreiben, um Dinge im Kopf klarzukriegen, fand ich spannend, das probiere ich aus. Und auch die Idee, ab und zu im Grünen spazierenzugehen, gefällt mir immer besser. Auch wenn spazierengehen seit Weihnachten immer schwerer fällt – seit ungefähr sechs, sieben Monaten merke ich, dass ich rechts deutlich mehr humpele als früher. Wenn ich barfuß in meiner Wohnung unterwegs bin, ist das seltsamerweise einfacher als draußen mit Schuhen. Denke jetzt über Barfußschuhe nach. Oder werde einfach nur noch radeln.

Wie ich Samstag twitterte: Wenn mir jemand vor sechs Wochen erzählt hätte, wie oft ich einfach nur stumm auf meine Balkonblumen gucke, sei es aus dem Küchenfenster, vom Schreibtisch aus oder morgens und/oder abends beim Gießen und Ausputzen – ich hätte ihn für bescheuert erklärt. Ich hätte nie gedacht, wie sehr diese kleinen bunten Billogewächse mich glücklich machen und wie sehr ich kurz runterkomme. Außerdem habe ich mich selten so nützlich gefühlt wie in den Momenten, in denen Bienen und Hummeln bei mir zu Gast sind. Das war gut ausgegebenes Geld.

Apropos Geld, noch ein Tipp aus dem Artikel: „Spend money on experiences, not things.“ Ja. Auch das war für mich überraschend, wie viel mir die Urlaube mit F. bedeuten, wie sehr es mir gut tut, aus dem Alltag rauszukommen. Ich empfinde meine Tage meist nicht als anstrengend, aber wenn ich sie bewusst anders verbringe, merke ich schon, dass ich ruhiger werde. F. geht es genauso, was mich sehr freut, und deswegen gönnen wir uns demnächst mal wieder ein kurzes Wochenende außerhalb von München.

Zurück zum Putzen: Ein Tipp aus dem Artikel ist vermutlich nichts für mich, aber ich gebe den mal weiter: „Do any task that can be finished in one minute.“ Also: schreib die eine E-Mail, die du seit Tagen vor dir herschiebst. Räum die Müslischale vom Frühstück in den Geschirrspüler. Leg zwei Shirts zusammen. Warum das nichts für mich ist, habe ich oben anklingen lassen: Wenn ich eh schon am Geschirrspüler stehe, kann ich ihn auch ganz einräumen. Wenn ich zwei Shirts falte, kann ich auch zehn falten. Und so weiter. Aber die Grundidee ist gut: Man kriegt Dinge gebacken und es bleiben immer weniger davon übrig.

Den Rest des Samstags eine gnadenlose Sofakartoffel gewesen, vier FAZ nachgelesen und Lost nebenbei laufen lassen. #rewatch

Ab und zu entspannt auf dem Sofa im Arbeitszimmer gesessen und über den Balkon ins Grüne geguckt bzw. dort dem Regen zugeschaut. Mein Lieblingsgeräusch ist Regen.

Abends die restliche Salsiccia verbraucht und mit einer schönen Tomate, grünen Bohnen und Kartoffeln in der Pfanne angebraten.

Sonntag ohne Wecker aufgewacht. Zwar alleine, aber das ist auch in Ordnung. Ich genieße mein Schlafzimmer auch nach mehreren Monaten sehr im Unterschied zum blöden Schlafsofa vorher. Noch eine Anmerkung aus dem NYT-Artikel: das Bett zu machen, ist morgens ein kleines Erfolgserlebnis und abends kommt man in eine angenehme Atmosphäre und an einen aufgeräumten Ort. Meine Rede.

Ein neues, aber eigentlich altes Baguetterezept ausprobiert. Das sah irgendwie seltsam und nicht besonders appetitlich aus, als es aus dem Ofen kam, aber es musste noch auskühlen, bevor ich es anschneiden und mich vergewissern konnte, dass es vermutlich misslungen war. Traurig geworden, auch aus anderen Gründen.

Aber dann nicht muffig auf dem Sofa versackt, sondern mir vom MVV-Radroutenplaner eine winzige Tour erstellen lassen. Ich wollte es nicht gleich übertreiben und dachte, so zehn, fünfzehn Kilometer sollte ich hinkriegen. Ja, ich weiß, für viele von euch ist das der tägliche Arbeitsweg per Rad. Für mich nicht, sowohl Uni als auch ZI sind nur gut ein kleines Kilometerchen von mir weg. Und F. wohnt noch näher an mir dran. Daher radele ich selten längere Strecken.

Die App verwirrte mich allerdings sehr, die Sprachführung klappte aus unerfindlichen Gründen nicht, die ersten acht Kilometer war ich quasi nur damit beschäftigt, rechts ranzufahren und zu gucken, wo ich lang musste, denn ich wusste es schlicht nicht und hatte darauf gehofft, dass die App mir das sagt. Die sagte mir aber nur, dass ich gerade von der Route abwich, aber nicht, wie ich wieder zurückkäme. Ausgeschaltet, auf Google Maps das Ziel gesucht und dann irgendwie nach Gefühl gefahren. Ab da an war es deutlich entspannter.

Wobei ich zugeben muss: Generell scheint das zu funktionieren. Ich hatte nicht „schnellste Route“, sondern „grüne Route“ eingegeben, weil ich endlich mal ein paar schöne Wege in München kennenlernen wollte. Die führten mich zwar zunächst weiter an fiesen vierspurigen Straßen entlang, aber immerhin waren da die Radwege ausreichend breit und sogar asphaltiert anstatt wie manchmal aus bröckeligen Gehwegplatten, die von Wurzeln untergraben sind, zu bestehen. Irgendwann war ich dann sogar in einer Fahrradstraße, und so fühlt sich Radfahren vermutlich in den Niederlanden an: nur Radler*innen unterwegs, mit Kinderanhänger oder ohne, alle im entspannten Tempo, ab und zu auch Fußgänger, die aber wussten, dass sie aus dem Weg gehen konnten, und kein einziges Auto auf mehreren Kilometern. Herrlich.

Ich war bei bedecktem Wetter losgefahren und hatte mich nicht eingecremt, auch die Sonnenbrille hatte ich zuhause gelassen. Stattdessen lag die Regenjacke im Korb auf dem Gepäckträger, worüber ich mit den unbeschatteten Augen rollte, als die Sonne schön rauskam, aber als es zu nieseln begann, hatte ich überhaupt keine Lust anzuhalten, es war gerade so nett! Ich hatte auch keine Lust zu fotografieren, um ordentlich bei Insta belegen zu können, dass ich vor der Tür war, selbst nicht als ich über eine äußerst malerische Brücke radelte, die über ein arg fotogenes Bächlein führte. Ich wollte bloß fahren. Und das tat ich dann.

Am Ziel wollte ich eigentlich mein Rad kurz anschließen und ein bisschen spazierengehen, aber es regnete weiterhin und ich war gerade so schön im Schwung, dass ich einfach weiterfuhr und mir den Weg wieder nach Hause suchte. Nach anderthalb Stunden war ich wieder daheim, verschwitzt und nassgeregnet und vermutlich mit Sonnenbrand und heute tun mir erwartungsgemäß ein bisschen die Knie weh, aber das war alles egal. Es war herrlich.

Und dann schmeckte das hässliche Baguette sogar!

Als Rausschmeißer etwas, das nicht ganz so schön war, aber das hier ist ja mein Blog und kein Werbetext, da darf die Copy auch ruhig mal überhaupt nicht mehr zur Überschrift passen. Eine Nachricht meiner Zyklus-App: „Cycle Day 87, 53 days late.“ Und das muss ich jetzt wieder auf Null stellen. Mist.

(Die Sätze tippte ich gestern abend und jetzt beim Drüberlesen sieht es eventuell so aus, als wäre ich schwanger gewesen. Äh. NEIN. Es ist die andere Möglichkeit, wenn die Tage länger wegbleiben und ich begrüße sie mit offenen Armen.)

27.6.2019

Tagebuch Dienstag/Mittwoch, 25./26. Juni 2019 – Oh Künstler, mein Künstler!

Dienstag morgen stand ich vor der Entscheidung: mit dem Fahrrad ins ZI fahren oder für zwei Stationen die U-Bahn nehmen? Ich dachte an die eklige Hitze, die einen in der unklimatisierten Bahn empfängt und bei der ich sofort, und ich meine sofort, aus allen Poren zu schwitzen beginne. Und weil hier niemand ein Fensterchen kippt, nein, erst recht nicht bei 30 Grad, DA MERKT MAN DEN LUFTZUG JA SO SCHLIMM, entschied ich mich fürs Fahrrad.

Ich behaupte, ich bin wirklich fast schweißfrei angekommen, vermutlich auch, weil ich nicht viel schneller als Schritttempo war, und das war herrlich. Weniger herrlich war das Gefühl, sich nach der Arbeit im ZI in sehr dünner Sommerhose auf einen schwarzen Sattel zu setzen, der fünf Stunden in der Sonne gestanden hatte. AUA!

Das ZI selbst ist bekanntlich nicht nur mein Bällebad, nein, Hasis, es ist mein KLIMATISIERTES Bällebad. Falls ihr noch einen Grund brauchtet, Kunstgeschichte zu studieren, denn sonst kommt man nicht in die schönste Bibliothek Münchens – das hier wäre einer.

Manchmal bin ich mit dieser Meinung aber recht alleine, denn die Klimaanlage ist an einigen Tagen sehr übereifrig. Mir kann es nicht kalt genug sein, aber meine schmaleren Kommilitoninnen nehmen sich durchaus mal bei 30 Grad Außentemperatur einen Pulli mit ins ZI. Wobei es in der Uni auch ein, zwei Hörsäle gibt, bei denen selbst ich schon gefroren habe. Egal, bleibt man wenigstens wach.

Ich habe für meine Diss ein Word-Dok, das schlicht „To Do“ heißt, in das ich alle Bücher, Hinweise, Archivideen, Gedanken notiere, denen ich nachgehen will. Davon arbeitete ich ein paar ab, merkte aber, wie ich mich verzettelte, wie fast immer, wenn ich im Lesesaal sitze. Da gibt’s stets noch fünf Bücher, die neben dem stehen, das ich gerade aus dem Regal ziehe und schon lese ich wieder über Zeug, das ich gar nicht brauche. Aber es ist halt da! Und es hält mich leider davon ab, mit der Diss weiterzukommen. Aber was kann ich dafür, wenn ich mal wieder „Finde den Arno Breker!“ mit Ausstellungskatalogen spielen musste!

Also schlug ich nur noch schnell ein paar Auktionspreise von Protzen nach – und fand in der dortigen Datenbank ein zauberhaftes Jugendwerk von ihm aus der Zeit, in der er noch kein Kunstmaler war, sondern Gebrauchtsgrafiker.

Die Wohnung war natürlich den ganzen Tag verrammelt, die Jalousien heruntergelassen, alle Fenster geschlossen. Ich las Zeitung auf dem Sofa, das vom Ventilator gar herrlich bewindet wurde und war’s zufrieden.

Abends wollte ich aber an die Kräuter auf dem Balkon und musste dafür die Balkontür öffnen. Todesmutig stieg ich in die heiße Wand, zupfte ein Zweiglein Rosmarin ab und verarbeitete ihn anschließend zu einem topcheckertollen Rosmarinsalz. Ja, das kennt jeder mit getrockneten Kräutern und das sieht dann bräunlich-doof aus, aber hey: nur ein paar Nadeln frischen Rosmarin halbwegs fein hacken und dann mit Meersalz zermörsern – das wird herrlich quietschgrün und schmeckt fantastisch.

Gleich mal über hässlichen TK-Fisch gestreut.

Gestern hatte ich dann einen Termin im Lenbachhaus, weil mich eine Kuratorin auf eine Kiste im Depot aufmerksam gemacht hatte, in der eventuell Protzen drin sein könnte – ob ich vielleicht vorbeikommen wolle? Wollte ich total!

Ich Cleverle dachte an das herrlich klimatisierte Foyer des Lenbachhauses und war schon um kurz nach 14 Uhr da, wieder mit dem Rad, obwohl wir erst um 14.30 Uhr verabredet waren, damit ich mich in Ruhe ausschwitzen konnte, um danach präsentabel und entspannt auf hoffentlich Protzen zu gucken. Das klappte von Anfang an nicht: Es macht anscheinend einen Unterschied, ob man morgens bei 26 Grad oder mittags bei 32 radelt. *trief* *tropf*

Außerdem stellte ich erstaunt fest, dass im Lenbachhaus gerade eher Bauarbeiter als Kunstguckende unterwegs waren. Ein freundlicher Mensch an der Tür ließ mich aber trotzdem ins eigentlich geschlossene Haus und rief meine Verabredung an. Währenddessen staunte ich über die Hebebühne, die das gesamte Foyer in Beschlag nahm, denn oben auf ihr waren zwei Herren vom Studio Eliasson damit beschäftigt, das Wirbelwerk mit anscheinend Glasreiniger zu putzen.

Dann wurde ich abgeholt, schwitzend und unpräsentabel, aber egal. Der Vorlageraum war genauso kühl wie das Foyer (hach!), wir zogen uns Handschuhe an und blätterten diverse Mappen und Skizzenbücher durch. Die erste Mappe war von Henny Protzen-Kundmüller, der Gattin meines Forschungsobjekts. Die zweite auch. Die dritte auch. Die vierte auch. Die Kuratorin war schon dabei, sich zu entschuldigen, als ich bei der fünften meinte: „Das ist Carl.“

Wir fanden hauptsächlich Aquarelle, die ich alle noch nicht kannte. Die Motive meistens schon, die waren jetzt nicht so anders als seine Ölgemälde (Landschaft, Stadtansicht, Landschaft, Stadtansicht, Landschaft, Landschaft, Landschaft). Wie ich feststellte, waren die auch hübsch mit Werkverzeichnisnummern versehen, aber ob er das auch irgendwie niedergeschrieben hat – keine Ahnung. Die Aquarelle sind mir für die Diss auch eher wurst, noch ein Kapitel passt da nicht rein, das soll auch keine Protzen-Monografie werden, die ich nicht leisten könnte bei der miesen Quellenlage. Aber als zusätzliches Wissen war es sehr schön, vor allem, weil ich endlich mal Werke von ihm in Farbe sehen konnte.

Ich erwähne das vermutlich dauernd, aber ich habe fast nur die Schwarzweißfotos von seinen Bildern. Protzen hat zu seinen Lebzeiten nie eine Einzelausstellung gehabt, das heißt, es gibt keinen Katalog. Zur posthumen Ausstellung 1976 gab’s auch nur ein paar Einzelblätter mit Text und Werkangaben. Er ist nirgends abgebildet außer in Zeitungsberichten oder Zeitschriften und auch da so gut wie immer schwarzweiß. Und weil er eben kein supertoller Maler war, hängt er in so gut wie keinem Museum – eben nur als mieses Beispiel für die Anpassung an die Wünsche der NS-Machthaber in der Pinakothek der Moderne. Deswegen war es schön, mal einen Berg von ihm in Farbe zu sehen, auch weil ich durch Ebay und Google und die Auktionsdatenbank ein paar Einzelwerke in Farbe kannte und nun vergleichen konnte.

Und ich hatte endlich diesen albernen „Mein Künstler!“-Moment, weil ich zum ersten Mal Werke von ihm in der Hand hatte, ganz simpel. Ich stand nicht nur davor oder sah sie auf Bildschirmen oder auf Fotos, sondern ich hatte sie in der Hand. Die Kuratorin, die kleine Lästerschwester und kein Protzen-Fan, ärgerte mich natürlich gekonnt: „Uuuh, der Hauch des Meisters!“ (Oder so ähnlich.) Ja, Protzen war nicht so richtig super und ist auch nicht so richtig wichtig, aber ich gucke halt schon länger auf ihn drauf und werde ordentlich viel zu ihm zu sagen haben, und deswegen war das ein kleiner schöner Moment und vermutlich habe ich dümmlich gegrinst, ich altes Emoji.

Was mich dann aber doch freute: Ich konnte die meisten seiner Werke sofort datieren, weil ich Vergleichswerke im Kopf hatte, und ich konnte ein bisschen was über seinen sich ständig verändernden Stil erzählen. Wir fanden auch Dinge aus dem Frühwerk, die ich in der Malweise noch nie gesehen hatte, aber anhand der Motive und der Art seiner Signatur zeitlich einordnen konnte. Der kleine Triumph war dann, als die Kuratorin meinte, okay, diese frühen Bilder seien ja schon ein bisschen spannend. Danach fragten wir uns natürlich, was ihn dann so ruiniert hätte. (Seine Gattin übrigens auch.) Die Kuratorin unterstellte Protzen, seine Frau runtergezogen zu haben, ich sehe das natürlich genau andersrum.

Nächste Woche komme ich nochmal vorbei, um alles anständig zu katalogisieren und zu fotografieren, und dann darf es wieder ins Depot, bis die nächste Doktorandin neugierig ist.

Sehr gut gelaunt radelte ich nach Hause mit einem kleinen Zwischenstopp beim Optiker. Seit Kurzem habe ich eine neue Brille, und je heller und heißer dieses Da Draußen ist, desto mehr vermisse ich meine Sonnenbrille. Die Gläser in meiner alten haben natürlich noch meine alte Stärke. Für ein Fußballspiel reicht es noch, wie ich beim Saisonende der Bayern-Damen merkte, aber beim Radeln ist es doch eher unangenehm. Deswegen hatte ich mich resigniert mit einer satten Geldausgabe abgefunden (Gläser halt), mein altes Gestell mitgebracht und fragte, ob man da neue Gläser reindengeln könne.

Die freundliche Beratung, die letztes Mal schon prima war, meinte, klar ginge das, aber so teuer wäre ein neues Gestell auch nicht (ich hatte erwähnt, dass ich es so preisgünstig wie möglich halten wollte). Ich probierte spaßeshalber ein paar neue Brillen auf, fragte dann nach dem Preis – und war äußerst erstaunt, weil er viel niedriger war als gedacht. Laut Optikerin haben viele Anbieter gerade Sommersonderpreise. Ich gebe das mal so weiter, falls die Brillenträger*innen unter meinen Leser*innen vielleicht auch gerade mit der Entscheidung ringen. Und weil ich erst vor Kurzem im selben Geschäft neue Gläser gekauft hatte, bekam ich jetzt den Zweitglasbonus (oder so ähnlich), der den Gläserpreis halbierte und zahle dann nächste Woche für eine neue Sonnenbrille mit Gläsern in meiner Stärke schlanke 100 Euro.

F. kam abends noch für zwei Stündchen vorbei, um mit mir vor dem Ventilator zu sitzen, aber geschlafen wurde getrennt. Nicht noch mehr Wärme in der Nähe.

12.6.2019

Der Balkon – Geschichte und Nutzung

Meine zwei Hamburger Nervensägen ärgern mich seit Tagen auf Instagram oder Twitter, wo ich total unschuldig von meinem neuen Leben auf dem Balkon berichte. Ich bin natürlich noch ängstlich und vorsichtig mit diesem „da draußen“. Aber ich werde nicht ernstgenommen!

Schätzekens – you woke the beast. Ich war gestern stundenlang im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, wo sich erstaunlich wenig Literatur zu Balkonen finden ließ, aber ich habe doch viel gelernt. Das könnt ihr jetzt auch! Bussi, bitches!

Was ist das denn überhaupt, dieser Balkon?

Wir beginnen mit einer braven Lexikondefinition: „Mit Balkon wird bezeichnet jede in einen begrenzten oder unbegrenzten Raum vor eine Wand vorgekragte Plattform, die von einem hinter dieser Wand liegenden Raum aus zugänglich ist und ringsum durch eine Brüstung abgeschlossen wird. Der Balkon ist gewöhnlich offen, kann aber auch geschlossen sein.“

Und wir unterscheiden ihn von anderen lustigen Gebäudeteilen: „Der geschlossene Balkon unterscheidet sich von einem Erker dadurch, dass er von dem hinter ihm liegenden Innenraum abgesondert ist und nicht ein gemeinsames Ganzes mit ihm bildet, von einer Loggia dadurch, dass er nicht in den Baukörper einspringt.“ (Beide Zitate Isermeyer 1937, Literatur siehe ganz unten am Ende. Irgendwann werde ich Fußnoten in diesem Blog haben. Aber nicht heute.)

In eben diesem Lexikonartikel wird der Beginn der Balkongeschichte ins 1. Jahrhundert n. Chr. gelegt. Thomas Lauer schreibt hingegen im Ausstellungskatalog Balkone. Eine Ausstellung der Handwerkspflege in Bayern von 1991, dass Prätor Caius Menius am Forum Romanum 318 v. Chr. „einige aufgehängte Loggien als Theatertribünen errichten ließ, die die Vorgänger der Balkone gewesen sein sollen. Aber auch die Haus-Urnen der Etrusker zeigten schon kleine Loggien, die durchaus die Priorität für sich beanspruchen könnten, wenn Aristoteles nicht schon an ein Athener Gesetz aus dem Jahr 403 v. Chr. erinnert hätte, das vorschreiben wollte, daß ‚kein Balkon errichtet werden soll, der auf die Straße hinausragt‘.“ (S. 57) Isermeyer betont in seinem Lexikonartikel allerdings, dass es schwierig sei, die Geschichte der Balkone zu schreiben, weil es im Laufe der Jahrhunderte diverse, sich ähnelnde Bauformen mit unterschiedlichen Bezeichnungen gegeben habe, die schwer voneinander zu trennen seien.

Sowohl Isermeyer als auch Lauer erwähnen die Balkone im mittelalterlichen Festungsbau, wo sie als Pechnasen, Wehrgänge und Abtritte genutzt wurden.

Lauer beschreibt zudem Balkone in Mesopotamien und der antiken Stadt Tello, wo vermutlich eher geschlossene Balkone am Palast des Sumerers Gudea angebracht waren. Ich erinnere mich an meine einzige Vorlesung zu islamischer Baukunst, wo ich die ebenfalls geschlossenen Balkone im Osmanischen Reich bzw. der heutigen Türkei kennengelernt habe, die mit verzierten Holzgittern vor den Blicken der Vorbeiflanierenden schützen. Diese geschlossenen Balkone finden sich auch in Indien.

Das 19. Jahrhundert, der alte Game Changer mal wieder

Balkone an bürgerlichen Häusern anstatt an militärischen Anlagen oder Adelspalästen sind im westlichen Europa noch eine relativ junge Erscheinungsform: Erst seit dem Klassizismus wurden sie regelmäßiger als Gestaltungselement genutzt und „kamen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zur vollen Entfaltung.“ (Nickl 1991, S. 71). Sie befanden sich meist im ersten Stock, der sogenannten Belle Etage, dem Stockwerk, „das seit dem Barock traditionsgemäß das Nobelstockwerk war und nunmehr meist dem Hausbesitzer zu Wohnzwecken diente.“ (Klein 1991, S. 33) Klein beschreibt den Zwittercharakter dieses Gebäudeteils: Er liegt sowohl innen als auch außen, man hält sich nicht allzulange auf ihm auf, teils um nicht als neugierig zu gelten, teils auch, um sich selbst nicht „von den Nachbarn auf die Teller sehen zu lassen“; der Balkon dient einerseits der Erholung an der frischen Luft, aber andererseits auch als vernachlässigte Abstellfläche. (Klein 1991, S. 33)

Über den Charakter von Balkonen schreibt auch Tom Avermaete in Rem Koolhaas’ Monsterbrocken Elements of Architecture, ein Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung auf der Biennale in Venedig 2014 aka ein gut 2.300 Seiten dickes Coffee Table Book.

„Unlike its cousins, the terrace and the logggia (dubbed by modernists as the ‚street in the sky‘), the balcony projects […] from the facade. This is the essence of the balcony’s strange state of exception: it is both inside and outside, private and public, an architectural crescendo and totally superfluous. […]

In Europe, the rise of the middle classes diffuses the balcony’s monarchical association, tilting it towards leisure and urban display – seeing and being seen. Balconies proliferate along Haussmann‘s wide Parisian boulevards – to the intense displeasure of critic Quatremère de Quincy, who thinks they are a crass fashion violating centuries of architectural order.“ (Avermaete 2018, S. 1075)

Diese angesprochene „architektonische Ordnung“ spiegelte die veränderte gesellschaftliche Ordnung wider, wie Lothar Binger und Susann Hellemann in einem Ausstellungskatalog zu Berliner Balkonen schreiben: „Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der Berliner Balkon – zentral über dem Eingang angebracht – eine Repräsentationsfunktion zu erfüllen und blieb ein ins Auge springender, ‚hervorragender‘, wenn auch kahler, unbegrünter Schmuck des herrschaftlichen Hauses. Dieser Zentralbalkon war vor allem an Adelspalästen und an vornehmen Bürgerhäusern zu finden. Aber kein Bürger hätte es sich im 18. Jahrhundert in der Zeit noch ungebrochener Adelsherrschaft angemaßt, auf diesem Zentralbalkon Platz zu nehmen, sich zu zeigen und von oben herab andere, auch ‚Personen von Stand‘ zu beobachten.

Die zögernde bürgerliche Nutzung der Berliner Balkone begann im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, und ihr gingen tiefgreifende wirtschaftliche und politische Veränderungen voraus. Die Französische Revolution von 1789 hatte die alten absolutistischen Monarchien Europas erschüttert. Ihre Auswirkungen auf die preußische Residenzstadt Berlin nahmen jedoch erst 1806 dramatische Gestalt an, nachdem der preußische Staat unter dem Ansturm der napoleonischen Armeen zusammengebrochen war. Der königliche Hof verließ fluchtartig Berlin, und die Berliner hatten über zwei Jahre lang eine überaus harte französische Besatzungszeit zu ertragen. Nach dem vollständigen Zusammenbruch des Staates waren die alten Verwaltungsstrukturen und Machtverhältnisse nicht länger aufrechtzuerhalten. Als ersten wurde 1807 die Erbuntertänigkeit der Landbevölkerung aufgehoben. Viele Landleute drängten in die Städte – vor allem nach Berlin.“ (Binger/Hellemann 1988, S. 21)

Der Text beschreibt dann die wirtschaftliche Rückständigkeit der Stadt, vor allem in der Textilbranche im Vergleich zu England, sowie das entstehende städtische Elend durch den Zuzug der Menschen vom Land.

„Anderseits bildete sich nach den Befreiungskriegen eine Schicht wohlhabender Bürger, die das kulturelle Erscheinungsbild Berlins zu prägen begannen. […] Die Häuslichkeit wurde zum Angelpunkt des Lebens, kultivierte Innerlichkeit und harmonisierende Idylle drückten sich in wissenschaftlicher Betätigung, in geselligen Zirkeln, in unverbindlicher politischer Debatte, in Gefühlsseligkeit, Naturverbundenheit und dilettierenden Künsten der Salons aus.“(Binger/Hellemann 1988, S. 22)

Exkurs: Dilettantismus (bin ich bei meiner privaten Lektüre gerade drübergestolpert, gleich mal zitieren)

Ein kleiner Schlenker zum Begriff des Dilettantismus, der anscheinend gerade auf Facebook und YouTube wieder en vogue wird:

„Die Begriffe ‚Dilettant‘ und ‚Dilettantismus‘ [haben] seit dem 18. Jahrhundert, als sie aus England importiert wurden, mehrere Bedeutungsschwankungen durchgemacht […]. In der Weimarer Klassik – bei Karl Philipp Moritz, Goethe und Schiller – hatte der Begriff Dilettant einen überwiegend abwertenden, kritischen Sinn. Der Dilettant war der exemplarische Nicht-Künstler: halb Liebhaber, halb Stümper. […] Nach der Goethe-Zeit jedoch erfuhr der Begriff hier und da eine energische Aufwertung, etwa bei Arthur Schopenhauer, der den Dilettanten auf dem Feld der Wissenschaft und Philosophie höher stellte als den Gelehrten vom Fach. Diese Sicht der Dinge machte sich niemand entschiedener zu eigen als Houston Stewart Chamberlain […] Obwohl von Hause aus Naturwissenschaftler, verstand er es, sich das Ansehen eines über den Einzelwissenschaften stehenden, alle Aspekte der Kultur, Religion und Politik souverän überblickenden Universalgenies zu geben.“

Genie war im 18. Jahrhundert das Gegenstück zum Dilettant – der Geniebegriff verfolgt gerade die Kunstdiskussionen bis heute, die Nervensäge. Hier noch Chamberlains super Erklärung, womit wir wieder bei den Impfgegnern und Sandy-Hook-Verschwörern wären: „Den Vorteil des Dilettantismus beschreibt Chamberlain dahingehend, dass eine umfassende Ungelehrtheit einem großen Komplex von Erscheinungen eher gerecht werden, dass sie bei der künstlerischen Gestaltung sich freier bewegen als eine Gelehrsamkeit, welche durch intensiv und lebenslänglich betriebenes Fachstudium dem Denken bestimmte Furchen eingegraben hat.‘“ (Beide Zitate Vaget 2017, S. 92)

Jetzt kommen endlich die Blümchen dran! Und drauf.

Schlenker Ende. Zurück ins Berlin des 19. Jahrhunderts: Kaffeehäuser und Konditoreien wurden zu Treffpunkten von politisch Interessierten, blieben aber auch unpolitischer Rückzugsort. „Das Gros der Berliner Kleinbürger begnügte sich mit dem Meckern über die Obrigkeit, mit Stoßseufzern über die bedrückenden Verhältnisse und beobachtete distanziert das öffentliche Geschehen, statt sich aktiv zu beteiligen. […] Diese beobachtende Haltung wurde schließlich Voraussetzung dafür, dass man Balkone zu nutzen begann, von denen das städtische Geschehen zurückgezogen beobachtet werden konnte.

Mit dieser Balkonnutzung eignete sich der Bürger verstohlen eine Öffentlichkeit an, die bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts noch aussschließlich den Interessen des Adels vorbehalten war. Die Balkonnutzung und Begrünung begann auch nicht auf den Repräsentationsbalkonen, sondern weniger auffällig auf rückwärtig gelegenen Balkonen.“ (Binger/Hellemann 1988, S. 22) E.T.A. Hoffmanns Des Vetters Eckfenster stellte diese Neigung des Bürgertums, die Welt aus einer geschützten Nische zu beobachten, dar.

So, hier, aufgepasst, jetzt kommt meine Lieblingsstelle:

„Nach den Befreiungskriegen wurden um 1820 mit dem Beginn des Biedermeiers zum ersten Mal Balkone mit Pflanzen geschmückt. Das um 1800 entstandene romantische Naturgefühl und eine starke Verbundenheit des Menschen mit der Landschaft drückten sich in einer Zuneigung zur niederdeutschen Ebene, zum Havelland und zum Spreestrom aus. Schinkel machte als der die folgenden Jahrzehnte bestimmende klassizistische Baumeister mit seinen Bauwerken das Verhältnis Landschaft und Stadt zum Thema. Lenné gestaltete als Landschaftsarchitekt die bestehenden weitläufigen Parkanlagen wie den Tiergarten, schuf die Grundlagen für später angelegte Stadtparks und begrünte verschiedene Stadtplätze: 1824 Leipziger Platz, 1842 Belle-Alliance-Platz, 1845/46 Opernplatz etc.“ (Ebd., S. 29) Einschub: Der Englische Garten in München war mit 1789 einen Hauch früher dran.

„In jenem Zeitraum breiteten sich auch liebevoll bepflanzte Gärten aus. Die Stadt wurde zaghaft grün, von den Plätzen zu den Gärten bis hinab zu den Blumenfenstern und schließlich zu den Balkonen. Vorläufer des blumenliebenden Balkonnutzers war der ‚Blumist‘, der aber seiner Neigung – wenn überhaupt – nur auf einem Fensterbrett nachkommen durfte. Er lebte dabei in ständiger Unsicherheit; denn in den Mietverträgen jener Zeit war ausdrücklich untersagt, das Mauerwerk durch herabfließendes Wasser zu beschädigen. Zuwiderhandlungen wurden mit sofortiger Exmittierung bestraft.“ (Binger/Hellemann 1988, S. 29)

BLUMIST! Mein Wort des Tages.

„Die schöne Aussicht als Naturerlebnis und der sehnsuchtsvolle Blick in die Ferne wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum bestimmenden Motiv, Balkone zu bauen und zu nutzen.“ Aber es war „zu jener Zeit [bis in die 1850er Jahre hinein] noch unüblich, sich auf dem Balkon niederzulassen und sich häuslich einzurichten. Der Aufenthalt beschränkte sich wohl nur auf einen kurzen Augenblick und Ausblick.“ (Ebd., S. 30)

Ende des Jahrhunderts ließen viele Stadtbewohner ihre Balkone geradezu überwuchern: „Die Laube über dem Balkon verschloss den Blick vor der steinernen Umgebung.“ (Ebd., S. 39) Um 1900 gab es die ersten Tipps, was genau man anpflanzen könnte – und die ersten Wettbewerbe wie in Steglitz, das 1900 vermutlich als erste Stadt des Deutschen Reichs einen jährlichen Balkonwettbewerb ausrief, weil attraktiver und üppiger Balkonschmuck durchaus auch dem Fremdenverkehr nützlich war. (Ebd., S. 40) 1912 entstand der Begriff des „Nützlichkeitsbalkons“, der spätestens im Ersten Weltkrieg wieder wichtig wurde: „In den Tageszeitungen [wurden] gelegentlich Empfehlungen für den ‚Kriegsgemüseanbau‘ auf dem ‚Berliner Kriegsbalkon‘ zu lesen, die aber von Gartenbaufachleuten als unseriös zurückgewiesen wurden. “(Ebd., S. 41)

Hier könnte jetzt noch eine riesige Abhandlung zu Balkonen in Gemälden stehen, aber das machen wir wann anders. Vielleicht den Manet als Beispiel, der geht ja immer. Dieser Blogeintrag ist schon wieder länger als meine Hausarbeiten im Bachelor.

Gesundheit, Politik, Werbung und Individualismus

„At the turn of the 20th century, medical theories associated the balcony with improved health and hygiene. In his novel The Magic Mountain, Thomas Mann employs the balcony of an Alpine sanatorium as metaphor for the moth-eaten world of European intellectual culture: lofty and detached, inhabited by those too fragile for the pungent reality below. As Mann wrote his massive book, the First World War shattered the contemplative universe of the balcony.“ (Avermaete 2018, S. 1075)

In den 1920er-Jahren begann der Balkon allmählich, zu einer Erweiterung des Innenraums zu werden. In den 1928 erlassenen „Richtlinien für die Arbeiten der Architekten an Wohnungsbauten der Stadt Berlin“ stand zu lesen: „Ihre architektonische Verteilung soll eine Folge der guten Bewohnbarkeit sein, d. h. die Balkone und Loggien dürfen nicht willkürlich wegen der Fassadenwirkung verteilt sein, sondern sollen sich aus dem Grundriss organisch ergeben.“ (Binger/Hellemann 1988, S. 43.) Balkone von Bürogebäuden oder Kaufhäusern wurden als Pausenplatz erobert – man hielt sich inzwischen länger auf ihnen auf. Und: Der Balkon wurde wieder politisch.

„Between the First World War and fascism, [the balcony] becomes a stage from which to orchestrate mass spectacle. The balcony positions the leader in direct, visible connection with the masses, but elevated above them. In the 1930s, Mussolini reanimates a medieval balcony type, the arengario, having them constructed wherever he might go.

The balcony-as-platform persists in the postwar world, but loses its centrality: after lending itself so willingly to demagoguery, the balcony as it was – singular, domineering – is thoroughly descredited (“Enough with the balcony!” became a slogan of Italian anti-fascist politics). TV and other media supersede the balcony appearance as a means of image-making, and the micro-managed nature of modern politics doesn’t make for compelling balcony scenes (though Latin-American populism, c. f. Evita, still makes a strong case for the political balcony).“ (Avermaete 2018, S. 1075)

Im Balkon-Kapitel von Avermaete folgen dann diverse Fotoseiten mit Balkonen, darunter auch demokratische Führer*innen, die huldvoll von Balkonen runterwinken. Erwähnt wird auch das Attentat bei den Olympischen Spielen in München, bei denen eins der inzwischen ikonischen Fotos einen der maskierten Terroristen auf einem Balkon des olympischen Dorfs zeigt. Auch ein Bild von Assange auf einem der Winzbalkone der Botschaft von Ecuador in London ist zu sehen, sowie POTUS und FLOTUS, die vom Weißen Haus runterwinken, Michael Jackson mit Baby in Berlin und natürlich die Egoíste-Werbung von Chanel.

Ebenfalls spannend: wie sehr Balkone in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg bewusst als architektonisches und soziales Bauelement gesehen wurden. Zitiert wird der Soziologe Daniel Bell, der 1956 meinte, dasss Balkone die Möglichkeit eines „sense of individual self in our mechanized society“ brächten. (Avermaete 2018, S. 1187) Und weil das hier ein Blogeintrag und keine Masterarbeit ist, gibt’s keine hundert Beispiele, sondern nur zwei Links, nämlich auf die Torres Blancas in Madrid (1969) und Les Choux (1972). Das Kapitel zu post-colonial balconies ist auch super, aber dafür müsst ihr bitte selbst in die Bibliothek gehen.

In „The Return of the political balcony“ beschreibt Avermaete den Wechsel vom bewohnten Abstell- oder Pausenbalkon zum bewusst begrünten Balkon, der aus ökologischen und wirtschaftlichen Gründen (Selbstversorgerbalkon) nun eine andere politische Komponente hat. Es geht nicht mehr um die großen Reden, die von ihm geschwungen werden, sondern um die individuelle Weltverbesserung.

Auch die Nicht-Sichtbarkeit, das verborgene Beobachten, das Ende des 18. Jahrhunderts so wichtig war, hat sich geändert: Gerade bei Luxuswohnungen werden Balkone heute bewusst transparent gestaltet, um herzeigen zu können, was man hat. In Mumbais Aquaria Grande wurde das 2012 auf die Spitze getrieben – durch Balkonpools, die es allerdings schon 1977 im Condomínio Edifício Penthouse in Sao Paulo gegeben hatte, was damals als deutlicher Riss zwischen Arm und Reich gedeutet wurde. Würde ich, gerade auf Mumbai bezogen, auch heute so stehenlassen.

Über die politischen und historischen Implikationen dieses kleinen (oder auch riesigen) Gebäudeteils hatte ich noch nie nachgedacht. Well played, Hamburgnasen. Die Blumistin geht jetzt wieder an die frische Luft.

Wir schließen mit Musik:


(Manic Street Preachers – A Billion Balconies Facing the Sun)

Literatur:

Tom Avermaete: „Balcony“, in: Rem Koolhaas: Elements of Architecture, Köln 2018, S. 1072–1251.

Lothar Binger/Susann Hellemann: Von Balkon zu Balkon. Berliner Balkongeschichten, Buch zur Ausstellung in der Galerie im Körnerpark vom 2. Oktober bis 6. November 1988, Berlin 1988.

Christian-Adolf Isermeyer: „Balkon“, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. I (1937), Sp. 1418–1423; abrufbar unter www.rdklabor.de/w/?oldid=89071 [11.6.2019].

Dieter Klein: „Der Balkon in der Wohnhauskultur des 19. Jahrhunderts“, in: Kat. Ausst. Balkone. Eine Ausstellung der Handwerkspflege in Bayern, Galerie Handwerk München, München 1991, S. 31–54.

Thomas Lauer: „Planung und Gestaltung von Balkonen“, in: Kat. Ausst. Balkone. Eine Ausstellung der Handwerkspflege in Bayern, Galerie Handwerk München, München 1991, S. 55–63.

Peter Nickl: „Eine Reise durch Balkonien“, in: Kat. Ausst. Balkone. Eine Ausstellung der Handwerkspflege in Bayern, Galerie Handwerk München, München 1991, S. 67–87.

Hans Rudolf Vaget: „Wehvolles Erbe.“ Richard Wagner in Deutschland – Hitler, Knappertsbusch, Mann, Frankfurt am Main 2017.

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16.6.2019

Tagebuch Samstag/Sonntag, 8./9. Juni 2019 – Pfingstbalkon

Viel Fußball der Frauen-WM geguckt. Hat Spaß gemacht, den Damen zuzusehen. Bisheriges Lieblingsspiel: Australien gegen Italien, bei denen mir anfangs egal war, wer gewinnt. Irgendwann schlug ich mich auf die Seite der biestigen Italienerinnen, die tollerweise in der 95. Minute noch den Siegtreffer erzielten.

Samstag abend das gemacht, von dem mir immer alle erzählt haben, dass es so toll sei: mit einem Buch und einem Glas Wein auf dem Balkon gesessen. Ich ahne, dass spätestens nächstes Jahr hier ein Lounge Chair stehen wird, denn auf meinem rausgetragenen Küchenstühlchen kam ich mir etwas seltsam vor. Aber auch so habe ich es etwas überrascht durchaus genossen, draußen rumzusitzen (natürlich erst, als die Sonne weg war), über das Geländer in den begrünten Hinterhof zu gucken und irgendwann die Lichterkette anzuknipsen. Irritierenderweise hatte ich total Lust auf eine Zigarette, aber glücklicherweise keine in der Nähe.

Den ganzen Samstag über habe ich am Küchenfenster gestanden und von dort auf meine Balkonblumen geschaut. Das war so schön! Hätte ich nicht gedacht, wie glücklich ein paar Farbflecke so machen können. Ich bemühe mich noch, sie nicht alle fünf Minuten zu gießen, und flüstere deutlich zu oft „please don’t die, please don’t die“, aber sie sehen ganz zufrieden aus, sofern Pflanzen zufrieden aussehen können.

Samstag und Sonntag abend waren Rammstein im Olympiastadion. Ich hatte das natürlich erst mitgekriegt, als es längst ausverkauft war. F. hatte mehr Glück und bekam spontan eine Karte. Er und weitere posteten Bilder der Pyroshow aus dem Stadion, während ich seit vorgestern über einen Tweet gackere, der das Stadion dabei von außen zeigt.

Sonntag morgen saß ich dann SCHON WIEDER AUF DEM BALKON! Irgendwas ist mit mir passiert, als ich 50 geworden bin, glaube ich. Ich saß da total instamäßig mit schickem Flat White und frischgepresstem Orangensaft (ernsthaft!), knipste aber stattdessen meine Blümchen. Ich gebe mir noch eine Woche, und dann werden die restlichen Geländermeter mit noch zwei Kästen vollgeballert.

Nach dem Frühstück und ein bisschen Zeitungslektüre dachte ich, und ich konnte das selbst kaum glauben, ach, das ist ja gerade ganz nett, so draußen. Hey, setz dich doch auf dein Fahrrad und fahr irgendwo hin, wo man ein bisschen spazierengehen kann. Und ehe ich mir das selbst wieder ausreden konnte, war ich zum Alten Südfriedhof geradelt, las Grabsteine, instagrammte und spazierte in der Gegend herum. BEI SONNENSCHEIN!


Ich mag das Motiv der abgebrochenen Säule (also die sich nicht fortsetzende Lebenslinie) sehr gern.


Mal wieder dem Grandmaster of Munich Hallo gesagt. Wie ich schon auf Instagram schrieb: Wenn man sich ein bisschen mit der Stadtgeschichte Münchens beschäftigt, was nicht ausbleibt, wenn man hier ein historisches Fach studiert, ist der Alte Südfriedhof ein einziges Namedropping.

Ich lernte aber auch Menschen kennen, die ich vorher nicht kannte: Konrad Maurer zum Beispiel.

Oder Frau Seiler, von der ich einfach mal vermute, dass sie viele Kinder zu Grabe tragen musste und dann nach der Geburt des letzten mit gerade mal 32 selbst verstarb. Während der Herr Malzfabrikant neu heiratete und selbst seine zweite Frau überlebte und ich reg mich hier gerade 100 Jahre zu spät auf.



Ich kann kein Griechisch, aber hat der Stein irgendwas mit der bayerisch-griechischen Geschichte zu tun?

(Edit: Richtig geraten, danke, @Annealenaplurabelle auf Instagram: „Der Stein mit der griechischen Inschrift ist das Grab von Ilias Mavromichalis, Neffe des Petrobey, begleitete den König (Otto I) nach München und starb dort an Cholera. Laut Wikipedia gibt es sogar ein Grablied. / Ich zitiere:
„Da liegt er nun, der große Held,
Alt sechs und dreissig Jahre,
Und eine schwere Thräne fällt
Auf seine Todtenbahre
Von König Ottos Aug herab,
Das unterm Thränenflor sich ab
Von seinem Liebling wendet.“ (Klar auch, dass es für Therese Seiler kein Grablied gibt.)“

Nachmittags Fußball, abends dann mit F. auf dem Balkon … ähem. Caesar Salad mit Hähnchen, Knoblauchbaguette und ein äußerst unspektakulärer Riesling.

8.6.2019

Tagebuch Freitag, 7. Juni 2019 – Blümchenkaufen

Meine Kontakterin meinte Anfang der Woche launig, jetzt sollte der Kunde den Text aber wirklich freigeben, an dem wir seit geschlagenen acht Wochen rumhühnern, am Freitag kannste bestimmt endlich ne Rechnung schreiben. Ich läutete daher die Pfingstferien einen Tag früher ein, nahm mir nichts vor und stellte mir keinen Wecker. Ich wurde trotzdem recht früh wach, lüftete, bezog das Bett neu, verdunkelte dann die Wohnung und schloss alle Fenster, damit die herrliche Morgenkühle möglichst lange erhalten blieb. Dann bloggte ich, frühstückte, las Zeitung und finalisierte schließlich meinen Einkaufszettel, denn F. hatte sich für nachmittags das Auto seines Mütterchens geliehen, damit wir gemeinsam zu einem Gartencenter fahren konnten.

Eigentlich hatte ich seit Monaten Bücher und Blogs gelesen, um bei meiner ersten Balkonbepflanzung auch ja alles richtig zu machen, aber dann kam Väterchens OP (er ist noch in der Reha), eine Menge Orgakram und Zeug, und daher versäumte ich den kompletten Mai, der, soweit ich weiß, der beste Monat ist, um Blümchen ins Freie zu bringen. Aber hey, Anfang Juni sollte ja auch gehen. Ich wälzte weiterhin Bücher und Blogs, merkte mir seltsame Pflanzennamen, um brav nur Dinge zu kaufen, die damit zurechtkommen, den ganzen Tag in der Sonne zu stehen, lernte Worte wie „Drainage“ und „Wurzelfäule“, machte mir natürlich – natürlich – eine lange Liste und fuhr moralisch gerüstet und top informiert mit U-Bahn und Bus ins Gartencenter.

Kleiner Schlenker: Ich wohne recht nah an einer U-Bahn- und einer Bushaltestelle. Die eine U-Bahn, auf die man tagsüber höchstens fünf Minuten wartet, brachte mich in fünf Minuten zu einem der Münchner Knotenpunkte, dort musste ich nur eine Treppe hochgehen, um zur nächsten U-Bahn zu kommen, auf die man tagsüber höchstens drei Minuten wartet. Die hatte sogar zur Feierabendzeit einen Sitzplatz für mich und war klimatisiert; die erste nicht, aber damit rechne ich auf der Strecke auch nicht – vielleicht aber mit ein paar Leuten, die bei 28 Grad mal die Fenster öffnen. Ich fuhr 17 Minuten ans gefühlte Ende der Stadt (München ist SO WINZIG!), wo ich zwei Treppen hochmusste, um zum Bus zu kommen, der direkt an der Station auf mich wartete. Weitere drei Minuten später war ich an der Endhaltestelle, von wo ich noch ungefähr 150 Meter bis zu meinem Ziel gehen musste. Öffis sind super, und ich bin im Dostojewski wieder 40 Seiten weiter.

F. war schon da, aber noch nebenan im Baumarkt – ist das eigentlich ein Gesetz, das neben Gartencentern auch immer ein Baumarkt ist? –, weswegen ich schon mal alleine todesmutig in eine für mich neue Umgebung ging und guckte. (Mir fallen die drei Satzzeichen hintereinander im vorherigen Satz durchaus auf, aber ich lasse die jetzt mal so stehen, ich Danger Seeker.)

Vorne rechts waren lustige Gartengeräte, bergeweise Rasendünger, dann kam Bekleidung (also Handschuhe und Fußschuhe), links war der ganze Tierbereich, bei dem meine Nase immer sofort zuckt und wegwill. Ich schob mein Wägelchen in Richtung Blumenpracht – und war dann natürlich total überfordert. So viel herrliches Zeug! Aber erstmal die Basics: Balkonkästen in der richtigen Farbe und Größe. Befestigung dafür. Eine Gießkanne, die ich auch gefüllt noch heben kann (in der richtigen Farbe). Ein Schäufelchen für Erde und Blähton (noch so ein neues Wort). Erde und Blähton. Inzwischen war auch F. da, dessen Wagen mit dem schweren Zeug bestückt wurde, der Gentleman. Und nachdem alles andere gefunden war, stand ich erneut zwischen 1000 Blumen und wusste gar nichts mehr.

Meine Einkaufsliste war zwar hilfreich, aber im Prinzip auch egal. Ich richtete mich also nach „Da hinten steht eine Blume, die so aussieht wie eine, die ich mir online ausgesucht hatte“, prüfte am Schild, ob ich recht hatte, suchte nach der richtigen Farbe und packte meinen Wagen voll. Ich wollte eigentlich Blumen in Blautönen und Weiß mit ein oder zwei pinkfarbenen Akzenten. Jetzt ist es mehr Pink und Weiß mit einem Hauch Blau geworden, aber das ist auch okay. Als ich eigentlich schon fertig war, sah ich einen Berg Dahlien, bei dem ich sofort zugreifen musste. Eine meiner stärksten Erinnerungen an meine Oma ist ihr riesiger Gemüsegarten und die wenigen Blumeninseln dazwischen oder am Rand davon. Vor ihrem Haus standen immer Dahlien, in allen Farben und Größen. Ich behaupte, das ist der erste Blumenname, den ich mir in meinem Leben gemerkt habe (waren vermutlich eher Pusteblumen), und daher musste ich eine Dahlie kaufen. Zuhause stellte ich natürlich fest, dass sie viel zu groß für den Blumenkasten war, weswegen mein wohlkalkuliertes Pflanzkonzept nach Größe und Farbe von Vornherein keine Chance hatte. Jetzt habe ich eine einzelne Dahlie, für die ich wohl noch einen größeren Topf kaufen muss. Schlimm!

Zuhause sah dann nach dem Hochschleppen alles erstmal so aus:

F. machte sich wieder auf den Weg, ich zog meine Umzugs- und Malarbeiten-Klamotten an und begann mit der Arbeit. Die Befestigungen erwiesen sich als selbsterklärend, die Kästen passten hervorragend, ich konnte sogar den 60-Liter-Sack Erde von einem Ende des Balkons ans andere bewegen, ohne mir was wehzutun. Ich schaufelte Blähton in die Kästen, Erde darauf, puschelte ein bisschen Erde von den Wurzeln der Blumen und Kräuter ab, setzte sie ein, schichtete Erde um sie – erst mit der Schaufel, irgendwann mit den Händen, ging schneller und besser und ich saute den mit Zeitung ausgelegten Balkon nicht ganz so sehr ein –, und nach zwei Stunden sah die eine Balkonecke dann so aus:

Die Kräuter habe ich nicht fotografiert, Kräuter halt. Bei denen habe ich eigentlich noch mehr Angst, dass sie vor meinen Augen dahinsiechen, weil ich bis jetzt noch jeden Basilikumtopf auf dem Küchenfensterbrett kaputtgekriegt habe. Bei den Blumen habe ich etwas mehr Hoffnung. In Hamburg hatte ich mal eine Wohnung mit Terrasse, auf der irgendwann ein paar Topfpflanzen standen. Die hatte ich damals einfach gekauft, ohne vorher wochenlang Blogs und Bücher zu lesen, und die gediehen lustig vor sich hin, bis ich umzog in eine Wohnung ohne Terrasse und ich sie einfach stehenließ.

Ich war den ganzen Tag sehr zufrieden, freute mich über diverse Dinge wie frisch bezogene Betten, funktionierende Öffis, eine staufreie Autofahrt mit F., die Blümchen, die ich jetzt vom Schreibtisch aus immer sehen kann und die mir ausnehmend gut gefallen.

Dann öffnete ich abends dummerweise meinen Rechner, um das Eröffnungsspiel der Frauen-Fußball-WM zu schauen und sah eine Mail der Kontakterin sowie eine Sprachnachricht auf dem Handy, lernte, dass der Kunde mal wieder neue Ideen für den Text hatte, überflog das Dokument und schüttelte zum wiederholten Male den Kopf. Einen derartig seltsamen Job habe ich noch nie gehabt: Der Kunde hat eigentlich ein gutes Produkt, das man auch prima erklären kann, aber er ist sich selbst nie sicher, ob wir jetzt wirklich die Top-Eigenschaft desselben herausgestellt haben, weswegen er uns seit Wochen mit neuen Top-Eigenschaften beglückt und alte, schon eingebriefte und getextete, plötzlich unwichtig findet. Zudem korrigiert nicht ein Mensch die Texte, sondern anscheinend wird da basisdemokratisch über jedes Adjektiv abgestimmt, weswegen wir gerne fünf Korrekturwünsche für einen Satz im Dokument haben, die sich widersprechen oder als Frage formuliert sind. Meine Kontakterin und ich steuern so gut dagegen, wie es geht, aber inzwischen ist der Text nur noch eine reine Bullshit-Bingo-Wortwüste aus viel zu langen Sätzen, die, man weiß ja nie, sich auch dauernd wiederholen. Das möchte niemand mehr lesen. Schade, hätte schön werden können.

Diese Mail hieß aber auch: Wir drehen noch eine komplett sinnlose Runde von jetzt ingesamt gefühlt zehn sinnlosen Runden, und ich kann noch keine Rechnung stellen.

Ich seufzte tief, duschte vor dem Fußballspiel, das war dann immerhin halbwegs guckbar, beschaute mir zum Tagesabschluss nochmal meinen bunten Balkon, den ich auch aus dem Küchenfenster sehen kann, und ging frisch geduscht in ein frisch bezogenes Bett. Das rette den Tag dann doch noch.

1.6.2019

Tagebuch Freitag, 31. Mai 2019 – Was man glauben möchte

Als gestern am späten Nachmittag ein Tweet von Moritz Hoffmann in meiner Timeline landete, in dem es um das Blog von Mlle ReadOn ging und ihre, Zitat, „Hochstapelei“, war mein erster Gedanke: „Ach, ist ihr endlich jemand auf die Schliche gekommen?“

Ich kaufte den digitalen Spiegel, denn die Story, die Hoffmann erwähnte, war mir fünf Euro wert, und las, dass nicht nur mein vages Unwohlsein gegenüber dem Blog gerechtfertigt, sondern dass es noch viel schlimmer war als ich vermutet hatte. Wenn die Spiegel-Story stimmt, und natürlich haben wir alle jetzt Relotius im Hinterkopf, hat Frau Hingst nicht nur im Blog Teile ihrer Biografie erfunden oder verfälscht, sondern, und deswegen bin ich seit gestern abend extrem pissig, Dokumente beim Archiv von Yad Vashem eingereicht. Zitat aus dem Artikel:

„Tatsächlich aber hat Hingst die Namen von 22 angeblichen Holocaust-Opfern […] dem Archiv der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gemeldet – 22 Menschen, von denen die meisten gar nicht existierten. Die Unterlagen des Stadtarchivs [Stralsund] und weitere Quellen zeigen: Nur drei Personen haben wirklich gelebt. Keiner von ihnen war Jude, keiner wurde ermordet.“

Und:

„2018 wurde Hingst bei einem Essaywettbewerb mit dem »Future of Europe«-Preis der »Financial Times« ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung in Dublin – man kann sie im Internet hören – erzählte sie wieder vom Leidensweg ihrer vermeintlich jüdischen Familie und verglich deren Schicksal mit dem der Flüchtlinge, die heute an Europas Küsten strandeten. Es gab starken Beifall.

Wer ist diese Frau, und warum hat sie das getan? Hochstapler gibt es viele, überall auf der Welt. Der Wunsch, Opfer des Holocausts zu seinen Vorfahren zu zählen, dürfte eine deutsche Besonderheit sein.“

Und genau das ist die Fallhöhe.

Hingsts Blog war seit Jahren auf meinem Radar; ich stolperte irgendwann darüber, als sie noch auf Englisch schrieb, dann wechselte sie zu Deutsch, woraufhin mehrere Leute in meiner Timeline oder meiner Blogblase sie häufiger zu lesen und zu verlinken schienen. Ich kam mit ihrem poetischen Stil nicht so recht zurande, mir war immer alles zu hübsch und noch ein Adjektiv und hier noch ein Nebensatz; bei Büchern nenne ich den Stil „Da hängen immer Lichterketten in den Bäumen“ und lese die betreffenden Werke meist nicht zuende.

Das war aber nicht das ursächliche Problem, warum ich dem Blog schließlich recht bewusst fernblieb. Ich kann den genauen Eintrag nicht mehr benennen – und jetzt kann ihn auch nicht mehr suchen, denn das Blog ist gelöscht oder zumindest offline –, aber ein paar historische Details, den Holocaust bzw. ihre Familiengeschichte betreffend, schienen mir nicht so recht zusammenzupassen. Es war mir nicht wichtig genug, um das ganze Blog rückwärts zu lesen oder die Inhalte ernsthaft zu prüfen – es war nur ein unbehagliches Gefühl. Ich ahne inzwischen, warum ich diesem Gefühl nicht weiter nachgegangen bin – was bilde ich mir als Nachkomme der Tätergeneration ein, eine Opferschichte anzuzweifeln?

Und genau das ist die Fallhöhe.

2017 erschienen dann weitere Artikel über Hingst oder unter Pseudonym von ihr; es ging um eine Klinik, die sie in sehr jungen Jahren angeblich in Indien eröffnet hatte und um eine Beratungssprechstunde für arabischstämmige Geflüchtete, mit denen sie offen über Sexualität sprach. Einer dieser Artikel erschien in der Zeit, die inzwischen der Meinung ist, die Inhalte damals nicht gut genug überprüft zu haben. Zitat:

„Am 27. Mai 2019 erreichte uns ein Hinweis des Spiegel, der nahelegt, dass die Geschichte um die beschriebenen Aufklärungsstunden erfunden sei. Wir nahmen daraufhin erneut und diesmal erfolgreich Kontakt mit der Autorin auf und baten sie um eine Stellungnahme.

In einem Telefonat versicherte sie erneut die Authentizität ihrer Geschichte. Sie nannte uns Adressen, E-Mail-Adressen und Telefonnummern von Menschen, die sie bestätigen könnten. Wir sind den Hinweisen der Autorin nachgegangen und haben darüber hinaus weitere Personen, Institutionen und Behörden kontaktiert. Wir sind in die von ihr benannte Kleinstadt gefahren und haben vor Ort die genannten Adressen und weitere Personen überprüft.

Dabei haben wir festgestellt, dass die Autorin – wohl erneut – versuchte, uns mit Scheinidentitäten, falschen Zeugen und vermeintlichen Belegen zu täuschen. Hierfür hat sie etwa die Identität einer verstorbenen Person benutzt, um in deren Namen E-Mails an uns zu schreiben. Zudem hat sie versucht, uns über die Existenz und die Lebensumstände von Verwandten und ihre Familienverhältnisse zu täuschen.

Erst ein Besuch bei einer engen Verwandten schaffte Klarheit über das Ausmaß der Legende, die sie offensichtlich seit vielen Jahren aufgebaut hat. Die Autorin hat Teile ihrer Biografie erfunden, andere verfälscht, und mit großem Aufwand jahrelang öffentlich vorgetäuscht, eine Person zu sein, die sie nicht ist. Selbst Teile ihres engeren Umfelds scheinen ihren Schilderungen bis heute zu glauben. Wir haben die Autorin mit diesen Recherchen konfrontiert, sie möchte sich derzeit nicht dazu äußern.“

Auch hier: Wer bin ich als behäbige Mittelstandsdeutsche, eine antirassistische, engagierte Kämpferin für Aufklärung und Gesundheit anzuzweifeln? Zudem besänftigten die damaligen Berichte mein gefühltes Unwohlsein, denn ich dachte mir, prä-Relotius, dass große Medienhäuser Storys vermutlich akribisch überprüften. Vor allem solche, die sich relativ leicht überprüfen lassen: einfach mal in die angebliche Kleinstadt fahren und gucken, ob’s die angebliche Sprechstunde überhaupt gibt. Ich ging nun davon aus, dass mein Unwohlsein der Biografie und der Autorin gegenüber ungerechfertigt gewesen sei, blieb dem Blog aber weiterhin aus stilistischen Gründen eher fern und es wurde mir egal.

Ich bekam allerdings mit, dass Hingst mindestens einmal einen Kommentar (oder eine DM oder eine Mail, ich erinnere mich nicht genau) veröffentlichte, in der eben genau ihre Biografie angezweifelt wurde; in der an sie als Historikerin appelliert wurde, es mit den Fakten genauer zu nehmen, gerade bei diesem sensiblen Thema. Ich las die gefühlt 100 Kommentare, die ihr beistanden und es nicht fassen konnten, dass sie angezweifelt wurde, aber mein Unwohlsein war wieder da: Ich war anscheinend nicht die einzige, die stutzig geworden war.

Mich selbst bzw. mein Blog verlinkte Hingst mindestens einmal: Mein Konzertbericht von Januar 2018 hatte ihr anscheinend gefallen. Ich verlinkte sie auch, und auch deswegen war ich gestern pissig und bin es heute noch mehr, denn meine Verlinkung betraf den 9. November sowie die Stolpersteine, zu denen Hingst eine Meinung hatte, die ich netterweise im Blog zitierte, weswegen ich sie jetzt nochmal zitieren kann:

„Ich wünschte an jedem 9. November wäre es still, ich wünschte einmal nur wären wir mit unseren Toten allein, ich wünschte es gäbe keine Stolpersteinputzkolonnen, keine Spruchbänder, keine Aufrufe, keine Bilder der Namen mit den Namen der Toten, die sich nicht weigern können, die blank sein sollen, denn jetzt wird ihrer gedacht und das ist auch leichter, denn die Fragen nach dem Ring mit dem blauen Stein am Finger einer anderen Frau sind schwieriger.

An keinem Tag wie am 9. November wünschte ich mir, ich könnte die Steine mit Laub bedecken, sie davor bewahren wieder Ziel deutscher Sauberkeit und Gründlichkeit zu werden, aber ich habe schon vor vielen Jahren gelernt, dass die Enkel und Kinder der Toten nur stören im unbedingten Willen zu gedenken.“

Ich selbst schrieb folgendes:

„Der Blogeintrag hat mir aber wieder einmal klar gemacht, dass hier die Täter*innen(nachkommen) darüber entscheiden, wie der Opfer gedacht wird. Das ist im Prinzip genauso eklig wie Menschen, die anderen Menschen vorschreiben möchten, sich nicht so anzustellen, wenn ihnen Missbrauch widerfährt, ohne dass sie selbst wissen, wie sich ein solcher anfühlt. (Das Thema ist ja leider gerade wieder aktuell.) Bei den Stolpersteinen weiß ich immerhin, dass es auch genug Juden und Jüdinnen gibt, die diese Form des Gedenkens gutheißen, siehe den verlinken SZ-Artikel. Aber der Blogeintrag zeigt, dass es natürlich nicht alle sind, wie vermutlich nie irgendetwas von allen gleich beurteilt wird.“

Und damit sind wir erneut bei der Fallhöhe.

Holocaust-Opfer zu erfinden, ist nicht nur geschmacklos, es ist gefährlich. Es ist Wasser auf den Mühlen der Holocaust-Leugner, es ist Wasser auf den Mühlen derer, die Opfern eine Mitschuld unterstellen, ganz gleich, von was sie Opfer geworden sind, es ist Wasser auf den Mühlen der Geschichtsverfälscher und -umdeuter, die im Nachhinein besser wissen wollen, was passiert ist und wie wir damit umgehen sollten („Schlusstrich“, „langt jetzt auch“, „DRESDEN!“).

Es ist zum Kotzen, und ich bin sehr wütend. Wütend auf Hingst, wütend auf mich selbst, dass ich das Unwohlsein bequem zur Seite geschoben habe, aber auch wütend darauf, dass so viele in meiner Timeline sich auf Hingsts Seite schlagen, ohne den Spiegel-Artikel gelesen zu haben, der faktenreich belegt, worum es geht.

Es geht nicht darum, dass die Dame eventuell ihr Leben in Dublin ein bisschen aufgehübscht und Lichterketten in Bäume gehängt hat. Es ist egal, ob die Tasse, aus der sie morgens Tee trinkt, nun blau oder grün ist, ob das Kälbchen existierte oder welches Auto der Tierarzt fuhr, wenn es ihn denn gab. Mich haben gestern die vielen Reaktionen auf Twitter überrascht, in denen Hingst bescheinigt wurde, dass, selbst wenn das alles ausgedacht war, es doch immerhin schön zu lesen war.

Aber: Es macht einen Unterschied, ob man sich eine evangelische oder eine jüdische Großmutter erfindet. Es macht einen Unterschied, ob man sich eine Opferperspektive und damit eine Deutungshoheit aneignet, die man schlicht nicht hat. Es macht einen Unterschied, ob man Lesern und Leserinnen vortäuscht, ein Leben zu führen, das nicht existiert oder es von vornherein als ein literarisches Experiment aufzieht und kenntlich macht. Wenn Hingst das getan hätte, hätte es vermutlich öfter Kommentare gegeben, die genau diese Opferperspektive latent geschmacklos gefunden hätten, ähnlich wie bei Würgers Roman Stella, bei dem die Perspektive ähnlich war.

Ihr letzter Blogeintrag versuchte genau das – das Blog als Experiment und Literatur zu verbrämen, das es einfach nicht war. Ich bin ihr auf Twitter schon länger nicht mehr gefolgt und jetzt sind ihre Tweets geschützt, weswegen ich ihre Rechtfertigungen nicht lesen kann. Sie sind mir aber auch eher egal.

30.5.2019

Tagebuch Mittwoch, 29. Mai 2019 – Wieder was gelernt

Es regnete zwar ein bisschen, aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, endlich mal wieder mit dem Rad ins ZI zu fahren und nicht die U-Bahn zu nehmen. Ich glaube, mein Po ist über den Winter vollkommen verweichlicht – mein Sattel kam mir noch nie so hart vor! Und Kopfsteinpflaster ist die Hölle! Aber: OMG RADFAHREN SO AWESOME! Hatte ich ganz vergessen, wie schnell man überall hinkommt. Und wie fies aufmerksam man sein muss, um überall hinzukommen. Zuviele Autotüren, zu viele Fußgänger, die nicht kapieren, dass dieses huckelige Handtuch da links von ihnen ein Radweg ist. *hust*

Den Vormittag verbrachte ich dann mit den Jahren 1935 bis 1937 und den Werken, die Protzen in diesen drei Jahren ausstellte. Neben diversen Münchner Katalogen fand ich noch einen aus Berlin (wir haben ja quasi ALLES!), aber einen weiteren Berliner fand ich so gar nicht, auch nicht in anderen Bibliotheken oder in der Fachliteratur, was mich sehr stutzig machte. Soweit zu gehen zu behaupten, dass diese sehr bekannte Ausstellung gar nicht stattgefunden hat, will ich natürlich nicht, aber das verwirrt mich jetzt doch sehr. Freitag wird weitergesucht, heute geht ja feiertagsmäßig nichts.

Einschub. F. so vor ein paar Tagen: „Donnerstag ist Feiertag.“ Ich so: „Den haben wir im Norden auch!“ F. so: „Ich sag’s dir lieber einmal zu oft.“ Isser nicht goldig? Einschub Ende.

Und weil er so goldig ist, schicke ich ihm immer Bilder von der Irschenberg-Auffahrt, der meiner Meinung nach meistgemalten und meistfotografierten Ansicht der Reichsautobahn (hier von Wolf Panizza). Ich finde das Ding todschick, in jeder Perspektive, in jeder Ausführung, aber F. ist nur genervt: „DA STEHT MAN IMMER IM STAU! DU UND DEIN SCHEISS-IRSCHENBERG, WIR FAHREN DA JETZT HIN, DANN HAT DAS EIN ENDE!“ Gnihi.

Nach fast fünf Stunden war ich noch nicht mal mit 1937 fertig, denn um den größten Brocken, die Große Deutsche Kunstausstellung, drückte ich mich, obwohl da nur zwei Bilder von ihm hingen. Aber mein Kopf hatte keine Lust mehr, ich setzte mich wieder aufs Fahrrad. (Aua!)

Ich radelte zur Stabi, wo noch ein Buch im Lesesaal auf mich wartete, das ich völlig vergessen hatte. Netterweise schreibt die Stabi einem Mails, wenn man Bücher zurückgeben muss, und so erfuhr ich, dass dort seit Wochen was für mich lag. Natürlich ein Buch für das Autobahnkapitel, das ich brav und diszipliniert hintenan gestellt hatte, weil ich erstmal Biografie und Ausstellungen fertig kriegen will.

Ich zückte meinen neuen Bibliotheksausweis und ging zu Regal 40 im Lesesaal. Im Regal 40 hatte ich unten bei der Abholung für Bücher außer Haus schon einiges für mich gefunden, musste hier nun aber feststellen, dass nichts für mich da war. Ich guckte verwirrt nochmal in mein altes Regal (miss you, 32!), weil ich dachte, vielleicht hatte ich das noch auf die alte Karte ausgeliehen, aber da lag auch nichts. Wie ein Erstsemester schlich ich zur Information, wo man mir, wie wahrscheinlich schon 20.000 anderen erklärte: Nee, für den Lesesaal gilt diese Nummer hier auf dem Ausweis, das ist das gleiche Regal wie in der Unibibliothek, ja, Sie haben jetzt in der Stabi zwei Regalnummern. Auf diese sinnlose Idee war ich nicht gekommen, aber nun gut: Regal 19 it is. … Wo zum Teufel ist Regal 19? … Ach, da hinten geht das noch weiter? … Hallooooo? … Ein Lämpchen flackerte über mir auf, als ich in den Tiefen des Magazins verschwand und endlich vor Regal 19 stand, wo auch das Buch mit meinem Ausleihzettel lag.

Ich las ein bisschen NS-Propaganda, was man halt so macht, fand ein paar schöne Zitate, klappte das Buch zu und gab es zurück.

Nach Hause geradelt (aua!), eingekauft und dann ein bisschen spazierengegangen. Ich habe in den letzten Tagen anscheinend wieder dauernd doof und unaufmerksam gesessen, dann tun mir die Knie weh, und ich muss gehen, denn wenn ich gehe, tun mir netterweise die Knie nicht weh. Mir wäre es lieber, wenn mir die Knie nicht weh tun, indem ich auf der Couch rumliege, aber man kann ja nicht alles haben.

Dem Lieblingsgrab auf dem Alten Nordfriedhof mal wieder einen Besuch abgestattet.

Und dann wieder was gelernt, was ich natürlich total uneigennützig weitergebe. Ein paar Meter neben diesem Grab ist folgendes, wo Münchner Künstler anderen Malern anscheinend eine Gedenktafel gestiftet haben:

Die linke Figur trägt einen Schild mit drei weiteren Schilden drauf:

Und genau die hatte ich in den letzten Monaten dauernd gesehen. Hier zum Beispiel:

Oder hier:

Das Titelbild des letzten Katalogs hat übrigens der ausgebildete Gebrauchsgrafiker Protzen gestaltet.

Erst gestern, als ich die Gedenktafel sah, fiel mir das Motiv auf. Ich googelte nach dem Spaziergang zuhause nach, weil ich dachte, vielleicht wäre das so ein München-Ding, aber nein: Die drei Schilde sind ein uraltes Wappen für die Malerzunft. Und schon habt ihr wieder ein bisschen Smalltalkfutter für die nächste Party.

Nebenbei mag ich es sehr gern, dass die kleine Figur nicht ganz zentral auf ihrem Podest steht, sondern leicht nach links verschoben, damit der Schild theoretisch noch in den vorhandenen Raum passt – was er aber dann doch nicht tut und den Rahmen leicht überragt.

Den Feierabend mit einem Kilo Kirschen verbracht und den ersten Folgen Six Feet Under. Das Ding ist schon von 2001? Jessas. Aber: sehr gut gealtert! Kann man noch hervorragend gucken.

21.5.2019

Tagebuch Freitag bis Montag, 17. bis 20. Mai 2019 – Krankenbesuch

Der Starbucks-Barista am Münchner Hauptbahnhof goss mir ein Herzchen auf den Irgendwas Latte, obwohl noch ein Deckel auf den Becher kam.

Im Zug entdeckte ich den geschätzten Herrn Doktorvater in einer Fußnote der hervorragenden Speer-Biografie von Magnus Brechtken. War ja klar.

Das Buch möchte ich euch dringend ans Herz legen. Keine Angst vor der Dicke des Werks: Von den 900 Seiten sind 300 Fußnoten, Quellen- und Literaturangaben; mein babywissenschaftliches Herz lacht. Die restlichen 600 Seiten reißt man runter wie geschnitten Brot: stets informativ und mit 1000 Quellen unterfüttert, aber immer sehr gut lesbar und verständlich. Ich habe viel gelernt, nicht nur über das „Dritte Reich“ und einen weiteren Bereich, der in die Kunst desselben hineinreicht, sondern noch mehr über die junge Bundesrepublik und ihren Umgang mit der Vergangenheit. Auch wenn euch Architektur nicht die Bohne interessiert – lest einfach mal rein.

Ich sitze seit ein paar Wochen in der Vorlesung von Herrn Brechtken und kann daher berichten: Der Mann schreibt wie er spricht und umgekehrt. Toll.

Als Profinutzerin von öffentlichen Verkehrsmitteln hatte ich natürlich noch ein weiteres Buch im Gepäck, als ich irgendwo zwischen Kassel und Göttingen mit dem Speer durch war. Jetzt lese ich gerade »Wehvolles Erbe«: Richard Wagner in Deutschland. Hitler, Knappertsbusch, Mann. Die Einleitung war etwas zäh, ich hoffe, es geht flüssiger weiter. Und mit weniger latent zweideutigen Sätzen: Wenn Vaget von der „ästhetischen Kluft“ zwischen Hitler und der Partei schreibt, habe ich sofort wieder die Theorie im Kopf, dass Hitler eigentlich ein Einzeltäter war und das ganze deutsche Volk fies getäuscht wurde. Was natürlich Blödsinn ist. An dieser hübschen Entschuldigung hat Speer übrigens auch einen nicht kleinen Anteil.

Auf der S-Bahn-Fahrt von Hannover in die alte Heimat wie immer geguckt, wo früher der Bahnhof im Wohnort der Großeltern war, der für die S-Bahn verlegt wurde. Ich finde die Stelle nicht mehr wieder.

In Krankenhäusern werden auch Glücksschweine beschriftet.

Mein Vater erkennt uns alle.

Die blöden Zahnschmerzen waren wieder da, nachdem sie immerhin einen Tag weg waren (Montag). Ob ich Ibu nehme oder nicht, scheint inzwischen egal zu sein. Samstag abend nötigte mich das Mütterlein, den Notdienst anzurufen, obwohl ich die am Freitag getestete Methode (Ibu plus Rotwein!) vorgezogen hätte. Weil sich der Zahn anscheinend einfach nicht beruhigen will, hatte ich in letzter Zeit des Öfteren mein Lieblingszitat aus Im Dutzend billiger im Ohr: „Reißt mir das Zeug mit einem stumpfen Schuhlöffel raus!“ Im Originalzitat geht es um die Mandeln der Kinder, die sich anstellen, und der Vater möchte zeigen, wie mannhaft man das alles aushalten kann, wenn ich mich richtig erinnere.

Der Notzahnarzt machte das, was in der letzten Zeit mehrere Ärzte gemacht haben: röntgen, irgendwas murmeln, das inzwischen mit einem Bluterguss versehene Zahnfleisch ärgern, um mir eine Spritze zu geben, am Zahn rumwursteln, Antibiotika verschreiben, gute Besserung wünschen. Damit kann ich ja leben, wenn auch sehr genervt.

(Einschub: Wer Zahnärzte oder die Behandlungen echt nicht abkann, sollte jetzt bis zu den nächsten Spiegelstrichen springen und sich was Schönes vorstellen.)

Samstag kam nämlich plötzlich eine Attacke auf die Entzündung unter dem Scheißzahn, auf die ich seelisch nicht vorbereitet gewesen war. Der Arzt meinte, er spüle das mal durch, und dann fuhr er vermutlich mit einer winzigen Spritze in meine Zahnfleischtaschen, die sich aber anfühlte wie eine glühende Mistgabel. Die Arzthelferin gab mir ihre Hand zum Festhalten, was ein bisschen geholfen hat, aber sobald das vorbei war, heulte ich los, weil es so scheiße verfickt nochmal dreckswehgetan hatte, und durfte danach kurz zu Atem kommen. Ich kriegte noch ein Rezept, glaube ich, dann wankte ich zur Tür, wo mein Mütterchen wartete, die mich hingefahren hatte, denn auf dem Dorf geht ohne Auto ja nichts.

Im Auto löste sich dann der Schock und ich gab tiefe, ursprüngliche Schmerzenslaute von mir, von denen ich nicht geahnt hatte, dass sie in mir waren bzw. ich sie produzieren kann. Als ich wieder denken konnte, wuchs meine Hochachtung vor gebärenden Frauen ins Unermessliche. Achtung, Dünnes-Eis-Vergleich: Ich ahne, wie Frauen nach einem Kind noch weitere in die Welt setzen können. Samstag war ich der Meinung, das seien die schlimmsten Schmerzen gewesen, die ich je gehabt hatte, Sonntag fehlten mir schon die Worte, um sie F. zu beschreiben. Ich kann mich netterweise auch nicht an den Bandscheibenvorfall von 2001 erinnern.

Zurück zum Fun Saturday: Das Mütterchen holte die Medikamente aus der Notapotheke, während ich im Auto wieder zu Atem kam, fuhr mich nach Hause, setzte mich an den Küchentisch, gab mir was zum Kühlen und tätschelte mir eine halbe Stunde lang den Rücken, dann ging’s wieder. Ich hatte aus der Apotheke ein paar Codein-Tabletten für die Nacht gehabt, aber vor dem Zeug habe ich zuviel Respekt, lauschte also eine weitere Nacht dem Pochen unter dem Backenzahn, schlief aber irgendwann ein.

Und seitdem bin ich schmerzfrei und der Zahn fühlt sich auch nicht mehr zu hoch an so wie in den letzten Tagen, als die Entzündung das Ding ernsthaft nach oben gedrückt hatte. Sagt zumindest mein Zahnarzt, der eigentlich bisher einen richtig guten Job gemacht hat, aber dieses Mal irgendwie nicht klarkommt. Ich würde mich freuen, wenn das mit dem „schmerzfrei“ jetzt so bliebe.

(STUMPFER SCHUHLÖFFEL!)

Hallo, Zahnarztphobiker*innen, wir reden jetzt wieder über flauschiges Zeug. Okay, eigentlich über Ex-flauschiges Zeug.

Grumpy Cat hat einen Nachruf in der New York Times bekommen. Miss you already, kleine Meckerschnute. We had fun once. It was awful.

Samstag gab’s auch noch Fußball. Sollte eigentlich egal sein bei den derzeitigen Umständen, war’s mir aber dann doch nicht. Ich habe den ganzen Winter lang Scheißspiele geguckt und gefroren und geflucht, dann will ich jetzt auch den letzten Spieltag sehen. Da meine Eltern kein Internet haben, durfte ich bei meiner Schwester auf dem Sofa den Laptop aufklappen. Ich verabschiedete mich innerlich von Franck Ribéry, wegen dem ich Bayern-Fan geworden war, rollte die Augen über all die Hass-Tweets – ja, er war ein Mistkerl auf dem Platz, aber er war UNSER Mistkerl – und fluchte mal wieder über Augsburg, die ernsthaft in Wolfsburg einszuacht untergingen. Klassenerhalt ist geschafft, aber meine Güte, ist das peinlich.

Mein Vater hatte in den letzten Tagen Geburtstag. Wir brachten Kaffee und Kuchen mit ins Krankenhaus, aßen und tranken aber dann doch alles alleine in der Besucherecke. Vaddern ließ sich zu ein paar Löffeln Spargel, Pilze und Reis überreden, einer Banane und einem Jogurt. Das Frikassee war das Krankenhausessen, und auf dem Zettel, der unter dem Teller lag, wo Patient und Mahlzeit verzeichnet sind, stand „HAPPY BIRTHDAY!“ Außerdem gab’s ein Stück Extrakuchen in Plastikfolie, von dem die Krankenschwester launig meinte, den hätte sie gebacken.

Papa war auf drei verschiedenen Stationen. Überall äußerst freundliche und geduldige Pfleger*innen, die uns hilflosen Hühnern alle Fragen beantworteten. Heute kommt mein Vater in die Reha und meine Mutter verteilt Trinkgeld im Haus. Ich habe ihr gesagt, dass sie bloß kein Merci mitgeben soll, jedenfalls habe ich Twitter und die ganzen Pflegeblogs so verstanden.

An alle, die sich angesprochen fühlen: Ihr seid großartig. Jedes ruhige Wort und jede Sekunde, die ihr für uns und Papa Zeit hattet, haben geholfen. Danke.

Ein Elternteil gefüttert, das andere bekocht.

Den letzten Abend mit F. bei Schwester und Schwager auf deren Terrasse verbracht, stumm ins dunkler werdende Grün geschaut, Element of Crime gehört. Der Kasten voll krauser Petersilie sah aus wie ein Bonsaigarten. Unerwartet entspannt gewesen und an mein Lindau-Gefühl gedacht. Vielleicht doch an den Stadtrand ziehen und Gemüse anpflanzen.

In meinem Koffer für die Rückreise lagen Dokumente, mit denen ich mich eigentlich noch ein paar Jahre gar nicht befassen wollte, ein halber Hefewürfel (Pizzateigreste vom Freitag) und zwei Kilo Rhabarber aus dem Garten meiner Eltern.

In München Regen, wie sich das gehört. Sag Bescheid, wenn du mich liebst.

23.4.2019

Tagebuch Montag, 22. April 2019 – Lesetag: „Stamped from the Beginning“

Im Februar war der Verfasser von Stamped from the Beginning: The Definitive History of Racist Ideas in America, Ibram X. Kendi, in München, um über sein Buch zu sprechen, ich schrieb darüber. Im März begann ich, es endlich zu lesen, und es hat doch etwas gedauert, sich durchzukämpfen.

Stamped ist ein fast atemloser Abriss über die Entstehung rassistischer Ideen und ihrer Verbreitung hauptsächlich in den USA. Atemlos, weil der Herr über 400 Jahre Geschichte auf 500 Seiten unterbringen und sich daher sehr oft sehr kurz fassen muss. Es bleibt Kendi kaum etwas anderes übrig, als vieles nur anzureißen, aber er schafft es immer, die grundsätzlichen Themen und Problematiken aufzubereiten, um eine Entwicklung aufzuzeigen. Oder eben auch keine: Rassistisches Gedankengut ist da und will anscheinend auch nicht weggehen, ganz egal, welche Strategien schwarze Menschen (und ihre Allys) dagegen entwickeln.

Das Buch nutzt die Biografien von fünf Menschen als Gerüst, um daran die sich verändernde Gesellschaft wiederzugeben, in der sich die fünf bewegen. Wir beginnen mit dem Puritaner Cotton Maher, in dessen Kapitel die Ursprünge rassistischen Gedankenguts erläutert werde und wie sie von Europa, wo Portugal im 15. Jahrhundert Afrikaner*innen verschleppte, in die USA gelangten. Auch der Begriff der „Rasse“, auf Menschen angewandt, scheint im 15. Jahrhundert entstanden zu sein. Das erste Sklavenschiff aus Afrika, das Nordamerika erreichte, sollte eigentlich in den Süden des Kontinents fahren, legte aber zwischen Juli und August 1619 in Virginia an. Das Kapitel beschäftigt sich hauptsächlich mit den damals immer neuen Theorien, wie man die Minderwertigkeit schwarzer Menschen „belegen“ kann, was mein Verständnis von vielen weißen Denkern um eine Facette erweitertern konnte. Dass gerade die Aufklärung nicht immer dem entsprach, was ich in der Schule gelernt hatte, wurde hier noch einmal bestätigt: Im Bezug auf Frauen hatte ich das schon in der Uni mitbekommen, das auf einmal wilde Gedankengebäude errichtet wurden, um klarzumachen, dass die Weibsbilder eher doof sind und des schlauen Hausherrn bedürfen, nachdem sie es jahrhundertelang trotz ihrer angeblichen Minderwertigkeit aber anscheinend irgendwie geschafft hatten, Haushalte zu führen, den Überblick über Finanzen zu behalten, medizinisches Wissen zu erwerben und so weiter und so fort, bitte lesen Sie andere Bücher zu diesem Thema. Die Aufklärung war aber auch groß darin, schwarze Menschen auf diverse Stufen unterhalb der weißen zu stellen. (Ich schrieb schon einmal über die Idee des polygenism.)

Damit beginnt das zweite Kapitel, das sich an der Biografie Thomas Jeffersons anlehnt, der in der hauptsächlich von ihm verfassten Unabhängigkeitserklärung nicht auf die Idee kommt, dass sein schöner Satz „all men are created equal“ auch für Schwarze gilt. Und für Frauen, aber ich lasse dieses Fass jetzt mal stehen, ich krieg schon wieder schlechte Laune – was übrigens die Grundemotion ist, mit der man dieses Buch durcharbeitet. Dass Jefferson mehrere Kinder mit einer seiner Sklavinnen, Sally Hemings, hatte, ist inzwischen auch nichts Neues mehr.

In diesem Kapitel war für mich die Überlegung der sogenannten uplift suasion spannend, also die Idee, dass Schwarze Weiße davon überzeugen müssten, eigentlich ganz okay zu sein. Die Idee, möglichst nett zum Unterdrücker zu sein, um ihm klarzumachen, dass man selbst kein Untermensch ist, zieht sich bis heute auch auf anderen Ebenen durch, und sie funktioniert nie. Frauen werden Maskulisten nicht überzeugen, Geflüchtete keine AfD-Wähler, Dicke keine Slimfastfans. Ja, dünnes Eis, ich weiß. Ich habe mich aber so oft an die eigene Nase gefasst, weil ich mich daran erinnert habe, wie sehr ich versucht habe und es teilweise immer noch versuche, Menschen davon zu überzeugen, dass ich als dicke Frau genauso viel wert bin wie ein schlanker Mann. Wenn man das liest, merkt man, wie bescheuert dieser Gedankengang ist. Ich muss niemanden von meinem Wert überzeugen, der ist inhärent. In jedem Menschen, immer, überall. Trotzdem war die „uplift suaison“ eine Taktik, um Weißen klarzumachen, dass Schwarze nicht dumm, faul und wasweißichnoch sind. Das zieht sich auch ins nächste Kapitel, wo William Lloyd Garrison die Hauptfigur ist.

Garrison war einer der ersten aktiven Abolitionisten, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzten. Er war aber auch einer der von Kendi sogenannten assimilationists. Kendi unterscheidet konsequent durch das ganze Buch hindurch, was ich sehr hilfreich fand, zwischen Rassisten, assimilationists und anti-racists. Garrison glaubte, wie viele seiner Zeit, dass die Sklaverei schwarze Menschen derart beschädigt habe, dass sie nun Hilfe bräuchten, zu den Weißen aufzuschließen. Nett gemeint, aber: rassistisch, denn das bedeutet, dass er Schwarze als minderwertiger ansieht als Weiße. Social Uplift war eine Strategie, die vor allem nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs und dem (angeblichen) Ende der Sklaverei verfolgt wurde. Zum ersten Mal wurde von Schwarzen verlangt, sich doch nun bitte weiß zu verhalten, aber gleichzeitig wurde ihnen vorgeworfen, eben das nicht zu schaffen, was auf persönliches Versagen zurückgeführt wurde und nicht auf die Umstände, die bis heute dafür sorgen, dass Weiße und Schwarze nicht die gleichen Voraussetzungen haben. Mitte der 1990er Jahre waren 40 Prozent der Insassen von Todeszellen schwarz, obwohl sie nur 10 bis 14 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Ungefähr zur gleichen Zeit besaßen Schwarze ein Prozent (!) des US-amerikanischen Gesamtvermögens. 1865 waren es 0,5 Prozent. 2012 stellte eine Studie fest, dass weiße Jugendliche dreimal so oft zu Drogen griffen als Schwarze, diese aber weitaus öfter dafür festgenommen wurden. (Für weitere Zahlen verlinke ich mal wieder auf Ta-Nehisi Coates ausgezeichnetes Essay The Case for Reparations von 2014.) Ich habe übrigens auch gelernt, dass das good hair, das ich nur von Beyoncé kannte (“Becky with the good hair”, Lemonade) schon ein Begriff des 19. Jahrhunderts war, wo teilweise Schwarzen unterstellt wurde, gar keine Haare auf dem Kopf zu haben, sondern Wolle. Wie Schafe.

Zurück zu der Dreiteilung von assimilationists, racists und anti-racists. Ich finde die Stelle im Buch leider nicht wieder, sie kommt im letzten Kapitel, als es um Reagans war on drugs und die perfide Fantasiegestalt der welfare queen geht, aber sinngemäß kann man es so erklären: Rassisten glauben, es ist irgendwas nicht in Ordnung mit Schwarzen. Anti-Rassisten sagen, es ist alles in Ordnung, es gibt bei Schwarzen genau wie bei Weißen diverse Charaktere, ein Verbrecher steht nicht für alle anderen seiner Hautfarbe, genausowenig wie ein Genie. Assimilationisten glauben, im Prinzip ist alles in Ordnung mit Schwarzen, aber sie könnten sich ja schon ein bisschen zusammenreißen und anstrengen, dann würde es ihnen besser gehen. Ich hoffe, das ist nicht zu flapsig wiedergegeben.

Kendi nennt auch den Protagonisten des vierten Kapitels, W. E. B. Dubois, einen assimilationist, denn auch er ist anfangs noch von uplift suaison überzeugt, bis ihm im Laufe seines langen Lebens allmählich klar wird, dass Schwarze sich noch so viel anstrengen können wie sie möchten – für Rassisten werden sie nie gleichwertig werden. Angela Davis, die Hauptfigur des letzten Kapitels, hat sich von dieser Vorstellung auch schon verabschiedet. Ihr Kapitel war für mich fast am aufschlussreichsten, weil es in die Jetzt-Zeit hineinreicht und Menschen auftauchen, die mir durch Medien oder ihre Werke schon begegnet sind (Spike Lee, The Cosby Show, Set If Off, Barack Obama). Auf einmal las sich das Buch nicht mehr wie ein Geschichtsbuch, sondern wie ein Kommentar zur Lage der Nation. Allerdings kein besonders optimistischer.

Was mir am Buch sehr gefallen hat, war die Inklusion von anderen Denkweisen, die sich mit Diskriminierung befassen. Intersektionalität ist bei Kendi von Anfang an dabei, es geht ihm nie ausschließlich um große Männer und ihre Politik, sondern auch um die besondere Rolle, die Frauen in der Rassismusfrage hatten und haben (wird spätestens bei der Diskussion der Black Power bzw. Black Panther sichtbar). Er bezieht außerdem Latina/os mit ein (seine Schreibweise) und ist sich sehr darüber bewusst, dass eine Person immer vieles in sich vereint.

Außerdem zitiert Kendi aus vermutlich allen wichtigen Texten zu diesem Thema. Alleine für die Leseliste, die man sich im Laufe der Kapitel zusammenstellen kann, lohnt sich das Buch. Ein befreundeter Historiker, dessen Gebiet die USA im 19. Jahrhundert sind, meinte, er habe nicht viel Neues gelesen, aber für mich waren doch noch viele Ebenen zu entdecken, vieles neu zu überdenken und eigene Vorurteile überhaupt erstmal festzustellen. Das Buch ist unter dem Titel Gebrandmarkt: Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika inzwischen auch auf Deutsch erschienen, zur Übersetzung kann ich allerdings nichts sagen. Wenn ihr euch den oben verlinkten Facebook-Vortrag mal anschaut: So wie der Mann spricht, schreibt er auch. Größtes Kompliment, das ich verleihen kann.

Große, anstrengende, aber wie ich finde, äußerst sinnvolle Leseempfehlung, gerade weil es in der Universalität der Rassismusdefinition eben nicht nur auf die USA begrenzt ist, sondern auf andere Länder übertragbar ist.

Besprechung in der Washington Post: The Racism of Good Intentions.

Rezensionsübersicht der deutschen Ausgabe beim Perlentaucher.

17.4.2019

„Die genervte Kunsthistorikerin auf 2, bitte!“

Ich fasse mal meine Twitter-Timeline der letzten beiden Tage zusammen.

1. „Wieso trauert ihr um so eine blöde Kirche, aber nicht um die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken/in Mosambik an Cholera sterben/irgendein anderer Whataboutism?“

Auf die Idee muss man auch erst einmal kommen, da eine Verbindung zu ziehen. Als ich diesen faulen Gedankengang bereits am Montagabend zum ersten Mal las, hielt ich das für den üblichen Twitter-Bodensatz, aber der kam auch den gestrigen Tag über noch öfter als mir lieb war.

Okay. Zum Mitschreiben. Die Anteilnahme daran, dass ein Kulturgut verloren ist, hat rein gar nichts mit dem Entsetzen darüber zu tun, dass Menschen verzweifelt genug sind, in fiese Nussschalen zu klettern, um nach Europa zu kommen. Ich kann beides gleich in meinem Herzen bewegen und dazu auch noch darüber traurig sein, dass mein Lieblingspulli einen Hollandaise-Fleck abgekriegt hat. Ich persönlich bin durchaus in der Lage, verschiedene Dinge schlimm, fürchterlich, unerträglich oder doof zu finden. Ich meine aber, dass sie alle nichts miteinander zu tun haben. Wir alle haben mehr als eine Ebene, Dinge zu empfinden. Und vielleicht ist für meinen Nachbarn ein Saucenfleck viel schlimmer als Epidemien oder brennende Gebäude. Das ist sein Ding, nicht meins. Also lass mich so traurig sein wie ich möchte. Ich habe durchaus noch Zeit und Emotionen, um auch den Rest der Welt schlimm zu finden, keine Bange. Jetzt gerade bin ich wegen einer alten Kirche traurig.

2. „Ja, über die französische (wahlweise europäische, wahlweise weiße) Hochkultur weinen, aber was ist mit den ganzen Gebäuden, die in der Kolonialzeit abgefackelt wurden und für die keine Millionäre mal eben das Scheckbuch zücken?“

Genau der gleiche Gedankengang: andere Ebene. Es ist wichtig, auf die geraubten Kunstgegenstände in den ehemaligen europäischen Kolonien hinzuweisen, so weit ich weiß, macht meine Timeline das eh dauernd, und ich auch gerne mal. Ich glaube aber, dass man auch durchaus um verlorene Kulturgüter einer ehemaligen Kolonialmacht trauern darf. Ich muss gestehen, dass ich mich in der Baugeschichte gotischer Kathedralen nicht gut genug auskenne, aber soweit ich weiß, waren dort freiwillige Handwerker, bezahlte Gesellen oder ortsansässige (weiße, wenn wir schon darauf rumreiten) Frondienstler am Werk und keine von anderen Kontinenten verschleppte Sklaven. Und die Reliquien scheinen keine Raubkunst zu sein – im Gegensatz zum Dreikönigsschrein im Kölner Dom, der von Barbarossa mitgenommen wurde. (Korrektur: nur die Reliquien wurden geklaut, nicht der Schrein selbst, danke, Uehmche.) Nebenbei: Wie ich gestern im Radio hörte, hat der Dom in Kölle keinen hölzernen Dachstuhl. Gut zu wissen.

Was mich an den bürgerlichen Scheckbüchern so fasziniert, ist quasi die Wiederholung der mittelalterlichen Baugeschichte. Auch damals waren die Kathedralen, im Gegensatz zur kleinen Dorfkirche, ein Zeichen erstarkter Bürgerlichkeit, zumindest ab dem 14. Jahrhundert in Frankreich und Italien. Zunächst waren Kathedralen ein sichtbares, machtvolles Zeichen der französischen Könige, also dem Staat. Genau dort, wo Notre-Dame steht, auf der Île-de-France plus Nachbarschaft wie St. Denis, erfanden französische Bauherren

„mit dem Strebewerk das entscheidend Neue: die Zusammenordnung von Gliederbau und Rippengewölbe. Im gleichen Maß, in dem vom Pariser Raum aus die Vereinheitlichung des Reiches und der Einfluss der Krone fortschreiten kann, kann sich auch die sakrale Gotik über ganz Frankreich verbreiten. Im Zuge dieser zeitlich-räumlichen Analogie wird die Kathedrale zu einer sichtbaren Legitimation eines königlichen Herrschaftsanspruchs, der über den Ahnherrn Karl den Großen bis auf die römischen Kaiser zurückgeführt wird. Es ist derselbe Anspruch, der ehedem die Idee des deutschen Kaisertums begründete und sich in den Kaiserdomen legitimierte. Im 13. Jahrhundert machen die Königsgalerie an der Fassade und die Bestimmung der Kathedrale als Krönungsort (Reims) und Grablege (St. Denis) diese Beziehungen vor aller Welt deutlich.

Mit dem Aufstieg des Bürgertums im 14. und 15. Jahrhundert bildet sich eine neue Gesellschaftsschicht mit Standes- und Selbstbewusstsein heraus. Sie errichtet ihre Kathedralen nicht mehr als Frondienst, sondern in freier Zusammenarbeit und mit neuen Absichten: als Wahrzeichen der Stadt, als Versammlungsraum der Gemeinde, aber auch als Ort, an dem sich der Bürgerstolz der Zünfte im Reichtum der Ausstattung und die elitäre Distinktion der Begüterten in den Privatkapellen bezeugen. Zugleich treten Baumeister, Künstler und Bürger aus der Anonymität des frühen Mittelalters heraus und verschaffen ihrer persönlichen Endlichkeit in Stifterbildnissen und Inschriften Dauer.“*

Schon spannend, dass es auch jetzt wieder (reiche, elitäre) Bürger sind, die sich mit Spenden vermutlich wenigstens eine kleine Plakette im Inneren des Gotteshauses verdienen. Und dass Macron als Präsident (also als Vertreter des Staates) gerade von innenpolitischen Spannungen ablenken kann, indem er an die Nation appelliert, sich erstmal um ein Wahrzeichen des Landes zu kümmern, dessen Strahl- und Anziehungskraft Priorität hat vor Benzinsteuern, diesem kleinlichen Kram. Falls Macrons Plan funktioniert, die Kirche wirklich wie gestern angekündigt innerhalb von fünf Jahren wieder herzustellen, ist ihm vermutlich, gerade im Bezug auf seinen Platz in der Geschichte, mehr als nur eine Plakette sicher.

Nochmal zurück zur Kolonialzeit bzw. zu kulturhistorisch wichtigen Bauten oder Gegenständen im Rest der Welt: Ich kann mich noch gut an die fassungslosen Tagesschau-Berichte zu den Buddha-Statuen von Bamiyan oder Palmyra erinnern, wo eben diese Güter planvoll vernichtet wurden. Oder auf persönlicher Ebene meine Angst um das Ägyptische Museum, als die Unruhen in Kairo ausbrachen mit Erinnerungen an die geplünderten Museen im Irak. Auch hier gilt: Mein Herz hat für vieles Platz. Aber eben auch für Notre-Dame.

3. „Jetzt ist alles dahin, das kommt nie wieder, das Neuaufgebaute ist nicht das gleiche.“

Stimmt. Andererseits baut die Menschheit seit sehr langer Zeit immer wieder neues Zeug über altes drüber. Unter vielen gotischen Kirchen lag eine romanische, die vergrößert und umgebaut wurde, unter vielen Renaissancebauten etwas Gotisches – oder was ganz anderes: Baugeschichte Petersdom, anyone? Das mussten wir alles im Studium auswendig lernen. Viele christliche Kirchen in Rom haben Säulen der antiken römischen Bauwerke wiederverwendet (Spolien), was eine kleine architekturhistorische Rache für die ganzen römischen Tempel war, die über angeblich heidnische Bauwerke rübergeklotzt wurden.

Nach Kriegen (oder Bränden) wurde so aufgebaut, wie es halt ging. Was wir heute als irre alte Notre Dame kennen, ist größtenteils nicht irre alt. Insofern: Wir bauen das wieder auf, merkt in 50 Jahren eh keiner mehr. Oder denkt hier in München jemand im super-fake-barocken Alten Peter daran, dass der eigentlich herrlich romanisch war, aber im Prinzip in der Fassung von nach 1945 hier steht?

Trotzdem darf man über die alten Bauteile weinen, ja meiner Meinung nach muss man das sogar. Denn auch wenn man alte Dachstühle durch neue ersetzen kann: Was unwiederbringlich verloren ist, ist das Material. Man konnte es datieren, teilweise lokalisieren, also feststellen, wo die Eichen gefällt wurden, mit denen gebaut wurde, man konnte anhand von Schlagspuren Werkzeuge rekonstruieren, Baugeschichte erfahren, die anders nicht überliefert war. Das ist, zumindest was den Dachstuhl angeht, alles verloren. Aber: Es ist, danke Wissenschaft, immerhin dokumentiert. Notre Dame wurde in den letzten Jahren, soweit ich weiß, komplett digital vermessen. Und dazu ist es als meistbesuchtes Baudenkmal Frankreichs von Millionen Tourist*innen fotografiert worden. Hat Instagram doch mal was Gutes. (Gotik-Influencer! Das wär’s!)

Daher bin ich auch immer noch wimmerig, was jetzt aus den Fensterrosen geworden ist. Klar kann man die neu basteln, es ist nur Glas und Blei. Aber zu wissen, dass da eventuell etwas verloren gegangen ist, das teilweise die Französische Revolution, zwei Weltkriege und alle Touristenhorden dieser Welt überstanden hat, macht mich halt traurig. Genau wie es mich traurig machen würde, wenn Raffaels Sixtinische Madonna in Flammen aufginge, auch wenn wir die kleinen Putten auf fünf Milliarden Kaffeetassen abgebildet haben.

4. Aber meine Timeline hat auch nette Menschen.

Jemand twitterte, dass man nicht vergessen dürfe, dass kulturelle Bauten die Verkörperung von menschlicher Kreativität sind. Es sind eben nicht nur alte Steine, sondern das Vermächtnis von teilweise hunderten von Jahren menschlicher Schöpfungskraft. (Kathedralen hatten teilweise arg lange Bauzeiten.)

Und vermutlich weil ich gestern sehr schlecht gelaunt war, konnte mich dieser Tweet, der die Gleichförmigkeit urbaner Zentren anprangert, sehr amüsieren:

* Dafür habe ich doch noch mal den Klotz aus dem Regal geholt: Wilfried Koch: Baustilkunde. Das Standardwerk zur europäischen Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart, München 1994, S. 149.

31.3.2019

Tagebuch Samstag, 30. März 2019 – Kein Wort über Fußball und Nachtmusik

Der Plan war: in die Stabi fahren und mir alte Zeitungen durchlesen, danach Wohnung putzen, dann Mittag kochen, dann Augsburg am Laptop dabei zugucken, wie es Nürnberg schlägt, dann ein bisschen lesen und dann ab zur Nachtmusik der Moderne in der Pinakothek der Moderne.

Was es geworden ist: ewig im Bett rumgelungert, keine Lust auf alte Zeitungen gehabt, den letzten Lemon Curd verfrühstückt und einen ganz hervorragenden Flat White genossen, auf dem Sofa klebengeblieben, keine Lust zum Putzen gehabt, gelesen, [… nullzudreiverficktescheiße …] noch mehr gelesen, zwischendurch die restliche Salsiccia mit Tomaten und ordentlich Zwiebeln, Knoblauch, Öl zu einer herrlichen Pastasauce verarbeitet, gelesen, aber dann: ab zur Nachtmusik der Moderne in der Pinakothek der Moderne.

F. und ich gönnten uns auch das Komponistengespräch vor dem Konzert, was dieses Mal ein Komponistinnengespräch war: Anna Thorvaldsdottir beantwortete die Fragen vom Leiter des Münchner Kammerorchestern auf Englisch, während er wild übersetzte bzw. paraphrasierte, was aber völlig in Ordnung war. Ich fand die Gesprächsführung ähnlich gut, sympathisch und aufschlussreich wie bei der letzten Nachtmusik, wo wir uns Helmut Lachenmann angeschaut und angehört haben. Bei einer Frage musste ich allerdings ein bisschen augenrollen, aber die Antwort Thorvaldsdottirs versöhnte mich sofort. Schuldt fragte die oberdämlichste aller Fragen, die nur Frauen gestellt bekommen: Wie sie das denn zeitlich hinbekäme mit dem Komponieren, man müsse ja zwischendurch auch mal einkaufen und so? Woraufhin sie nur trocken meinte: „Send husband to the supermarket.“ Das Publikum klatschte sehr laut, ich sowieso.

Ich hatte mir bewusst vorher nichts von Thorvaldsdottir angehört, hatte aber im Konzert stets eine Antwort von ihr im Hinterkopf, was hilfreich war. Die Frage nach Island und ob sich ihre Heimat in ihrer Arbeit niederschlägt, kam natürlich auch, aber immerhin da sagte Schuldt selbst, die Frage sei ein bisschen doof. So konnte die Komponistin immerhin gleich ausräumen, dass sie versuche, mit ihrer Musik die isländische Natur nachzubilden – „that is impossible“ –, aber dass sie sich durchaus von Strukturen und Details ihrer Umgebung beeinflussen ließe. Auch spannend: Sie gibt ihren Stücken erst Titel, wenn sie sie gut kennt, erst dann kann sie sie benennen. Der Name ist so gut wie nie der Ausgangspunkt für die Komposition, sondern der Abschluss.

Das Konzert in der Rotunde der Pinakothek der Moderne begann mit dem kurzen Illumine (2016), das mir gut gefiel und gleich sehr klar machte, dass die eben genannten Strukturen ihr Interesse sind, wobei sie sich aber auch der Melodie nicht verschließt, was ja gerade in der Nachkriegszeit fast schon verpönt war. Während das Streichensemble arbeitete, stand oben im ersten Stock der Rotunde schon deutlich sichtbar der Chor des Bayerischen Rundfunks am Geländer. Illumine endete – und ohne große Pause erklang das zweite Stück, eine Art Gebet nach einem alten isländischen Psalm, Heyr þú oss, himnum á (2005). Und da war bei mir alles vorbei. Wo ich eben noch gespannt und aufmerksam gehört und geschaut hatte, liefen jetzt nur doof-ergeben die Tränen. Ich saß in einem Museum, einem Ort, der mir in den letzten Jahren so viel gegeben hat, und über mir, von hoch oben, fielen herrliche Stimmen auf mich herab. Ich fühlte mich gesegnet, und ja, das hört sich pathetisch an, aber hey, ihr wart nicht dabei. Vier Minuten durchgeheult und die ganze Welt für großartig, inspirierend und heilend befunden.

In Reflections (2016) knarrten, atmeten und suchten dann wieder die Streicher*innen, wonach für Ad Genua (2016) der Chor wieder erschien, dieses Mal nicht in himmlischen Höhen, sondern gewohnt hinter dem Ensemble stehend. Das mochte ich auch sehr, weil es meine beiden Lieblinge des Abends – Stimmen und Strukturen – so simpel verband bzw. für mich erkennbar und nachvollziehbar machte.

Mit dem Abschlussstück haderte ich etwas, aber vielleicht war ich auch einfach fertig und müde: Streaming Arhythmia (2007) klang für mich wie ein Ensemble-Battle, was reizvoll war, aber ich hatte nach fünf Minuten das Gefühl, die Idee ist durchgespielt. Und das als jemand, die sich vier Stunden Parsifal anhört, ich weiß. Heute morgen, beim zweiten Durchhören, ist es mir schon nicht mehr so fremd.

Ich freue mich gerade wieder sehr darüber, neue Musik kennengelernt zu haben – und ebenso freue ich mich darüber, sie einfach so auf YouTube wiederzufinden, um sie euch vorspielen zu können. Mal sehen, wie lange das noch so bleibt.

19.3.2019

Tagebuch Montag, 18. März 2019 – Noch nicht ganz Alltag

Was von den zwei Tagen konzentrierter und wochenlanger nebenbei erledigter Vorbereitung für meine kleine Partay am meisten bei mir hängengeblieben ist: der Respekt vor der körperlichen Küchenarbeit. Mir war schon klar, dass ich nicht mehr in der Lage dazu wäre, auch nur den Kellnerinnen- und Zapferinnenjob wieder zu machen, den ich in meinen Zwanzigern so mochte, aber ich war doch erstaunt davon, wie sehr mich die zwei Tage intensiver körperlicher Arbeit geschlaucht haben, auch wenn ich immer zwischendurch brav ein, zwei Päuschen gemacht habe, damit mein Rücken nicht irgendwann überhaupt keine Lust mehr hat. Am Sonntag auf den Weg in den Biergarten humpelte ich ernsthaft ein wenig, weil meine Füße einfach nicht mehr mitspielen wollten, nachdem sie zwei Tage lang mehr standen als gingen. Was dazu führte, dass ich nach der Heimkehr, als ich endlich wieder alleine in der Wohnung war, mir ein meinem Alter entsprechendes Fußbad nahm und dabei endlich die neue Staffel Queer Eye beginnen konnte. Da fühlten sich die Füße im Schaumwasser dann auch gleich nach Selfcare und Wellness an, ha.

Ich erwähnte es schon im letzten Eintrag: Ich merkte auch, wie wenig meine private Küche für etwas größere Gästemengen geeignet ist. Auch der Aufbau nervte über die 48 Stunden immer mehr. Wo ich mich sonst nölig daran gewöhnt habe, für Salz und Öl nach ganz links zur Küchenzeile zu gehen und für die Messer ganz nach rechts, weil die Zeile halt so bescheuert unterteilt ist, dass nirgends ALLES hinpasst, was man dauernd in den Händen hat, quengelte ich Freitag und Samstag irgendwann sehr laut und wünschte mir ein Skateboard oder eins von den Flughafenrollbändern herbei. Oder einfach eine Küchenzeile, die jemand gestaltet, der ab und zu mal am Herd steht, herrgottnochmal. Ich habe zum wiederholten Male gemerkt, wie wichtig die Arbeit der Spülkräfte in der Küche ist, denn auch das nahm bei mir irrwitzig viel Zeit in Anspruch: einfach wieder saubere Arbeitsgeräte zu haben. Dankbar war ich aber für meine tollen Messer und Schneidebretter, bei denen ich gemerkt habe, dass es sich eben doch lohnt, für solche Dinge etwas mehr Geld auszugeben.

Mein Geschenketisch ist immer noch nicht abgeräumt, weil ich mich immer noch über die vielen netten Karten und Gaben so freue. Und ich habe gestern auch diverse Male einfach dumm vor mich hingegrinst, weil mir der Samstag, trotz aller Arbeit und körperlicher Herausforderungen, so viel Spaß gemacht hat. Das war schön.

Den Vormittag verbrachte ich am Schreibtisch, der inzwischen auch wieder wie ein Schreibtisch aussieht, und arbeitete vor mich hin. Nachmittags gönnte ich mir die letzte Staffelfolge von Kitchen Impossible und freute mich wie immer über Tim Raue, dessen Lachen ich einfach großartig finde und von dem ich nie genug bekomme. Von der Kochherausforderung fand ich den Campus Galli nicht so spannend, aber ich habe interessiert gesehen, dass wir Linsensuppe anscheinend immer noch so kochen wie vor 1200 Jahren: Linsen, Essig, Gemüse. Schmeckt halt. Außerdem habe ich mich sehr gefreut, bei der Zielvorstellung – also die Minuten in der Sendung, wo die Köch*innen den Kontrahent*innen die Länderflaggen hinlegen, die anzeigen, wo sie hinmüssen – das Karolus-Monogramm erkannt zu haben, das stellvertretend für den Campus Galli stand. Hat sich das Geschichtsstudium ja total gelohnt.

Abends waren F. und ich erneut mit Schwager und Schwester verabredet, die erst heute mittag wieder zurück in den Norden fahren. Wir hatten so ein, zwei Helle und eine kleine Mahlzeit im Obacht geplant, aber wie des Öfteren kann man dort ganz hervorragend versacken und gute Gespräche führen. Es endete damit, dass meine Schwester schon mal in meinem Bettchen vorschlief, während wir anderen drei noch einen Absacker in meiner Küche zu uns nahmen, der bei mir aber schon aus Spezi bestand. Um kurz nach 2 musste das Schwesterherz dann doch geweckt werden und trat sehr schlaf- und anderweitig trunken den Weg ins Hotel an. Eine WhatsApp informierte uns darüber, dass die beiden auch gut angekommen waren, aber die sah ich erst heute morgen, denn ich fiel sehr schnell sehr bettschwer um. Aber auch das war schön: mal wieder Zeit mit der Familie zu verbringen. Weiß ich auch erst seit Kurzem zu schätzen, aber jetzt dafür umso mehr.

18.3.2019

Tagebuch, Donnerstag bis Sonntag, 14. bis 17. März 2019 – Fifty and fabulous (and some small freakouts)

Donnerstag morgen begann ich mit den Vorbereitungen auf meine Geburtstagsfeier am Samstag. Ich hatte mir erstmals einen Zeitplan gebastelt, um Einkaufen, Kochen und Wohnung besucherfein zu machen koordinieren zu können, ohne wahnsinnig zu werden. Im Nachhinein war das eine meiner besseren Ideen. Die Idee, alleine für 25 Leute zu kochen, würde ich eher unter „Das machen wir vermutlich nie wieder“ ablegen. Aber um das schon mal vorwegzunehmen: Es war eine der besten Partys, auf denen ich je war. Und ich hoffe, dass meine Gäste ähnlich viel Spaß hatten.

Zeitplan für Donnerstag:
– Arbeitszimmer putzen und umräumen
– Silber putzen, Geschirr und Gläser in der Küche bereitstellen
– Wäsche waschen
– Bohnenpüree und Muhammara machen

Morgens musste ich noch einkaufen. Auf dem Rückweg erwischte mich dann eine Kundin am Telefon; wir verabredeten uns für den Freitagvormittag noch mal. Damit war klar: Das Arbeitszimmer konnte noch nicht ganz Party Central werden, weil ich den Schreibtisch noch brauchen würde. Ich konnte ihn aber immerhin schon fast leerräumen, ein paar Stehlampen anders positionieren, damit meine Gäste nicht dauernd in sie reinrennen, und vor allem viele Kabel stolpersicher verstauen. (Ich umkreise sonst Kabel und Lampen. Ja, das muss so.) Ich konnte außerdem schon eine Decke auf den Tisch legen, damit die vermutlich unvermeidbaren Essensflecken nicht auf meiner blütenweißen Tischplatte landeten.

Das Bohnenpüree und der dazugehörige Paprikadip sind aus Ottolenghis „Simple“ und hiermit in die geistige Standardrezeptdatenbank aufgenommen. Geht schnell und einfach und schmeckt. Zum Silberputzen hatte ich natürlich keine Lust und ließ das Alufolie und Salz übernehmen. Gläser und Besteck konnte ich dann doch noch nicht dramatisch drapieren, weil ich die ganzen Flächen noch als Abstellraum brauchte. Aber wir haben ja Zeit, das geht alles bestimmt entspannt noch am Samstag.

(Haha.)

Donnerstag abend war ich verabredet: Der ehemalige Kerl, der inzwischen im Blog Kai heißt, war netterweise in der Stadt, und weil ich ahnte, dass ich am Samstag eh mit jedem Gast nur zwei Minuten würde sprechen können, gingen wir in Ruhe zu zweit ein Schnitzel essen, lungerten dann noch in meiner Küche rum, und ich freute mich, ihn zum Freund zu haben.

Freitag begann dann die ernsthafte Küchenschlacht. Ich hatte viele vegetarische Rezepte rausgesucht, die frisch zubereitet werden sollten, weswegen ich nicht so irre viel früher anfangen konnte als eben einen Tag vor der Party und auch noch am Feiertag selbst genug machen musste.

Zeitplan:
– Hackbällchen machen
– Muffins backen
– Welfenspeise machen
– Bohnentopf machen
– Hühnerbrüste pochieren für indonesischen Salat
– Cashewkerne für Zucchinisalat rösten
– Jogurtsauce für Möhren
– Dressing für Frühlingszwiebelsalat
– Knoblauchbutter machen
– Schlafzimmer, Flur, Bibliothek putzen

Freitagnachmittag:
– Getränke mit F. kaufen
– Bad putzen
– Küche soweit wie möglich putzen

Dass der letzte Punkt totaler Irrsinn ist, wenn man Samstag auch noch kochen will, ist mir netterweise noch eingefallen, aber aus Dokumentationszwecken lasse ich den mal stehen.

Aber dann: Hackbällchen, einmal mit, einmal ohne Petersilie für Menschen, die unfassbarerweise keine Petersilie mögen *hust* F. *hust*. Am Samstag konnte ich interessiert dabei zusehen, wie die Schüssel mit den Petersilienbällchen deutlich schneller leer wurde als die andere. Bei den vielen Schüsseln und Platten, anwesenden Vegetarier*innen und eventuell Menschen mit Unverträglichkeiten dachte ich schlau: Ich schreib einfach kleine Schilder, auf denen Zutaten bzw. Allergene draufstehen. Zwischen den zwei Hackbällchenschüsseln stand nur ein Schild: „< -- mit Petersilie ohne -->“. Funktionierte.

Dann buk ich Muffins, die ich Samstag noch glasieren wollte. An denen stand das Schild: „Zitronenmuffins, aus Zeitgründen unglasiert.“ Ihr seht schon, wo dieser Blogeintrag hingeht.

Dann warf ich die Zutaten für das fleischlose Chili zusammen, pochierte nebenbei Hühnerbrüste und schnitt soweit wie möglich schon Zutaten für den dazugehörigen Salat, mischte Dressings und Saucen, ignorierte die Idee mit der Knoblauchbutter und fand auch, dass Cashewkerne nicht geröstet werden müssten, um wohlschmeckend zu sein.

In einer kleinen Rücken- und Füßchenausruhpause auf dem Sofa sah ich, dass Okwui Enwezor verstorben war, was mich doch etwas mehr mitnahm als erwartet. Enwezor war von 2011 bis 2018 Direktor des Hauses der Kunst gewesen, und seine Postwar-Ausstellung hatte in meinem Kopf viel mehr umgeworfen und neu geordnet als ich vor dem Besuch dachte. Und obwohl man wusste, dass er krank war, dachte ich die ganze Zeit, ich könne vielleicht noch eine weitere Ausstellung von ihm sehen, nicht mehr in München, aber dann eben woanders. Leider nicht. Krebs ist also immer noch ein Arschloch.

Hier Enwezors Fotoserie für „Sagen Sie jetzt nichts“, von der gleich das erste Bild mein Liebling ist (und die 7!), hier der Nachruf in der FAZ, hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Spiegel-Gespräch aus dem vergangenen August, das hinter einer Paywall ist.

Den restlichen Freitag putzte und wuschelte ich so rum und merkte langsam, aber sehr dringlich, dass ich eventuell zu optimistisch an alles rangegangen war, vor allem, was meine Küchenausstattung anging. Ich hatte mir so launig überlegt, hey, du nimmst einfach deine fünf liebsten Salatrezepte, verdreifachst die Mengen und gut ist. Was ich dabei total vergessen hatte: Wenn man dreimal mehr Zutaten nimmt, braucht man auch dreimal so große Schüsseln, und genau daran scheiterte ich diverse Male. Ich hatte genau zwei richtig große Schüsseln und die brauchte ich beide für die Welfenspeise, den besten aller Nachtische, den ich Niedersächsin den vielen Bayer*innen nahebringen wollte. So wurden aus den drei Kilo Möhren, die ich servieren wollte, nur noch zwei, weil die genau in eine Schüssel passten, in der sie bis Samstag im Kühlschrank ausharren konnten, bevor sie aufs Backblech mussten.

Apropos Kühlschrank. In meiner Wohnung gehört ein kleiner Kühlschrank zur Küchenzeile, der aber seit dem Umzug nur noch ausgeschaltet rumsteht, weil ich mir einen größeren gegönnt habe. Jetzt sollte er kongenial zum Getränkekühlschrank werden, weswegen er seit Donnerstag wieder angeschaltet war. Anstatt Freitag abend die erstandenen Bier- und Speziflaschen in ihn zu räumen, parkte ich dort erstmal geschnittenes Gemüse und Dressings in Marmeladegläsern, weil mein normaler Kühlschrank schon mit ungeschnittenem Gemüse voll war.

Flur und Bibliothek wurden entstaubt und gesaugt, das Schlafzimmer immerhin entstaubt, das Bad blieb ungeputzt.

Letzter Tagesordnungspunkt: Weinschaumcreme für die Welfenspeise machen. Die Vanillecreme hatte ich schon angefertigt, die kühlte seit Stunden vor sich hin. Nun schlug ich die zwölf Eigelbe mit Zucker und Weißwein über dem Wasserbad auf, schlug und schlug, bis alles endlich Schaum war und füllte den dann vorsichtig in die Schüssel mit der Vanillecreme. Aber erst, nachdem ich fünf ordentliche Kellen abgenommen hatte, denn sonst hätte nicht alles reingepasst. Ungeplantes Feierabendfutter! Creme und Schaum kamen in den Kühlschrank und ich hoffte darauf, dass Samstag morgen alles fest und hübsch war.

F. war Freitag schon vor Mitternacht eingeschlafen, weswegen ich die ersten Glückwünsche von ihm erst am Samstag morgen bekam. Direkt nach der Freude darüber, Geburtstagsprinzessin zu sein, bekam ich Atemnot ob der neuen Jahresanzahl.

Zeitplan:
– Bett neu beziehen
– Hefeteig für Zwiebel und Lauchtorte ansetzen
– Käse aus dem Kühlschrank holen
– Bäckereibestellung abholen (ab 9)
– Möhren rösten
– Blumenkohl für Salat rösten und abkühlen lassen /andere Zutaten zusammenfügen, erst kurz vor 19 Uhr zusammenwerfen
– Gemüse schneiden, Eiermilch machen für Lauch und Zwiebelkuchen
– Frühlingszwiebelsalat machen
– Nudeln kochen für Salat
– Muffins dekorieren
– Dressing für: Hähnchensalat, Zucchinisalat
– Käseplatte machen
– Chips verteilen, Aschenbecher auf Balkon
– Bohnenpüree verteilen
– Zucchinsalat 18 Uhr?

Die Bäckereibestellung übernahm netterweise F., der eh nach Hause musste, um sich in Fußballklamotten zu werfen, denn der FC Augsburg hatte Heimspiel, das mir leider entging. Ich hatte für einen winzigen Augenblick darüber nachgedacht, hinzufahren – „Ich bereite einfach alles perfekt vor und fange mit der Feier erst um 20 Uhr an, das geht schon“ –, mich aber intelligenterweise selbst davon abgebracht.

Als F. gegangen war, schaute ich als erstes nach der Welfenspeise – und war traurig und muksch. Anstatt zu erstarren, hatte sich der Wein nach unten in die Schüssel verzogen, über ihm schwamm die Vanillecreme und oben drauf war eine hässliche Zuckerschicht. Sah füchterlich aus, aber wenn man einen Löffel durch alles zog, schmeckte es immerhin. Es landete trotzdem im Klo (sorry, Stadtwerke, aber wo soll das denn sonst hin?) und ich überlegte, den ganzen Quatsch zu lassen und Pizza zu bestellen. Klingt bescheuert, aber genau die Welfenspeise wollte ich am dringendsten haben, Rest ist egal, Salat machen ja alle. Dass ausgerechnet die jetzt so danebengegangen war, nervte kolossal. Normalerweise mache ich die Vanillecreme ein paar Stunden vorher und schlage dann den Weinschaum frisch zum Servieren auf. Dazu hatte ich als Gastgeberin natürlich überhaupt keine Zeit und Lust, daher der Versuch mit dem alles auf einmal. Doofer Versuch.

Im Hinterkopf hatte ich aber meinen Schwager, der auch gerne kocht und zudem total hilfsbereit ist; vielleicht würde der sich mal für zehn Minuten an den Herd stellen, während ich weiter die total entspannte und unverschwitzte Gastgeberin gab? Bestimmt! F. kam wieder vorbei, brachte Baguettes und Brezn, und ich bat ihn, noch eine Runde Sahne, Eier und Vanilleschoten zu kaufen, um eine neue Schüssel vorzubereiten.


Das Weinregal wurde professionell gegen durstige Langfinger gesichert.

Immerhin die ersten vier Punkte auf der Liste klappten gut, aber ab den Möhren entglitt dann wieder alles. Die Schüssel hatte ich noch mit ihnen vollbekommen, das Backblech scheiterte aber total. Ich brauchte nämlich zwei Bleche und nicht nur eins, um die Dinger auszubreiten, merkte danach außerdem, dass die Honigmarinade die Bleche trotz Backpapier so richtig schön eingesaut hatte, weswegen ich erstmal spülen musste und der tolle Plan, direkt nach den Möhren entspannt den Blumenkohl in den Ofen zu schieben, gegessen war. Außerdem brauchten die Möhren fast doppelt so lange wie im Rezept angegeben, um nicht mehr steinhart zu sein, aber das war dann auch schon egal. Ich briet Zwiebeln in der Pfanne an, damit sie nicht roh auf den Zwiebelkuchen kamen, verfluchte wieder Lauch und Lauchzwiebeln, weil sie immer dreckig sind und letztere auch noch in den Augen wehtun und superfitzelig zu schälen sind, immerhin war der Hefeteig so richtig geil aufgegangen, was mich sehr freute, ich rollte ihn aus, er passte auf mein allerletztes Backblech, ich verteilte schon Salate auf Platten, denn die Schüsseln brauchte ich ja dauernd, schnitt, spülte ab, räumte dreimal den Geschirrspüler ein und aus, machte in Rekordzeit Pesto und Nudelsalat, schrieb die letzten Schilder, konnte irgendwann endlich mal Gläser und Bestecke verteilen und schließlich mit letzter Kraft auch noch das Bad putzen und die völlig zerstörte Küche wiederherstellen. Der Zucchinisalat besteht bis heute aus acht Zucchinis, die in meinem Gemüsefach liegen (gut, dass ich die Cashews dafür nicht geröstet habe), die Muffins blieben unglasiert, ich vergaß Salz und Pfeffer für die Eiermilch auf dem Zwiebelkuchen, der ein kombinierter Lauch-Zwiebelkuchen wurde, weil ich keine zwei Bleche mehr hatte, warf den Blumenkohlsalat schon zusammen, nix mit „erst kurz bevor die Gäste kommen“, und überhaupt wollte ich in der Halbzeit des Fußballspiels, als ich endlich, endlich mit allem fertig und geduscht war, nur noch den ersten Sekt aufmachen und dann schlafen gehen.

Aber dann, als ich Füße und Rücken wieder ausgeruht, Augsburg 3:1 gewonnen und ich eine Spezi getrunken hatte, ging’s wieder. Schwester und Schwager kamen schon vor 19 Uhr vorbei, brachten noch einen hervorragenden Nudelsalat mit, und Schwagerschatz nickte natürlich sofort, als ich um das Weincremeschäumen bat. Dann klingelten 25 Leute hintereinander, ich stand eigentlich nur an der Tür, immer mit einem frischen Kremang in der Hand, den F. flaschenweise angeschleppt hatte, freute mich über Menschen und Umarmungen und sehr viele Geschenke, obwohl ich nur mit einem Massengeschenk gerechnet hatte. Wenn ich mir den Tisch so ansehe, kann ich die nächsten Monate betrunken literweise Espresso kochen.

Es hatten mich mehrere Gäste im Vorfeld gefragt, ob sie etwas Essbares beisteuern sollten, und obwohl ich natürlich dachte „DAS PASST ALLES NICHT INS KONZEPT!“, war ich im Nachhinein sehr dankbar für das Tiramisu, die Apfelschnecken und natürlich den Geburtstagskuchen, den ich völlig vergessen hätte. Danke dafür! Ich esse gerade das letzte Stück davon. (Das oben im Bild ist die Vanillecreme noch ohne Weinschaum, der wurde wirklich heiß serviert <3)


Das Massengeschenk, von dem ich vorher wusste, war eine Espressomühle, die Sonntag morgen gleich aufgebaut und eingeweiht wurde. Da meine Gästeschnuffis aber irre freigiebig waren, bekam ich dazu noch diverse Kaffeesorten, ein größeres Milchkännchen und, so geil, einen Latte-Art-Kurs, über den ich sehr laut gequietscht habe. Die ersten Dekowünsche wurden bereits angebracht – „die Augsburger Zirbelnuss!“ – und ich freue mich schon sehr vor.

Ich kann gar nicht beschreiben, wie viel Spaß ich an der eigenen Party hatte. Normalerweise bin ich die gestresste Gastgeberin, die bloß keine Flecke auf den weißen Sofas haben und spätestens nach zwei Stunden alle Gäste vor die Tür kärchern will, aber dieses Mal war es einfach schön. Ich habe mich darüber gefreut, dass Leute aus Hamburg und Köln nach München gekommen sind, dass so gut wie alle Eingeladenen auch kamen, dass sich alle hübsch und in wechselnden Formationen in der Wohnung verteilten, dass nicht nur über Fußball geredet wurde, dass es anscheinend allen geschmeckt hat – DIE WELFENSPEISE IST LEER GEWORDEN! –, dass sehr viele recht lange blieben und zwischendurch einfach mal abgespült wurde, weil ich nicht genug Teller und Gläser hatte. Ganz zum Schluss blieb noch ein Gast, der mit F. Omas Goldrandgeschirr abwusch, während ich den Rest der Wohnung schon wieder ansatzweise in den gästefreien Zustand zurückversetzte, und um kurz vor 3 war ich dann sehr glücklich, zufrieden, dankbar und nur ein bisschen angeschickert im Bett.

Und am Sonntag machten F., Schwager, Schwester und ich dann das, was alle Münchner mit Essensresten bei gutem Wetter machen: Man schleppt sie in den Biergarten und holt sich eine Maß dazu. Oma Gröner ruht sich jetzt aus.

3.3.2019

Ein idiotisches Dankeschön …

… an Anka, die mich mit Fjodor Dostojewskis Der Idiot überraschte. Von Dostojewski stehen schon Der Spieler, Schuld und Sühne (heute „Verbrechen und Strafe“) sowie Der Doppelgänger gelesen in meinem Regal – und Njetotschka Neswanowa, aber das habe ich noch nicht durch –, und daher wollte ich die Sammlung erweitern. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Neuübersetzung einiger seiner Werke gestoßen bin, aber genau deshalb wollte ich keine alte Ausgabe haben oder mir das Ding umsonst auf den Kindle laden. Warum man Dostojewski neu übersetzt hat, erklären die Zeit (1995) und die FAZ (2003). Die Werke, die ich bereits besitze, möchte ich nicht noch einmal erwerben, aber mir fehlen ja noch die Brüder Karamasow sowie Die Dämonen, die beide noch auf der Löffelliste an zu lesenden Werken stehen.

Habe gerade beim Gang am Bücherregal entlang festgestellt, dass er der russische Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert mit den meisten Werken in meiner Sammlung ist. Von Tolstoi habe ich nur zwei gelesen (da immerhin Krieg und Frieden sowie Anna Karenina, und ihr solltet das auch tun, beides großartig, wenn ihr nur Zeit für ein dickes Buch habt, dann nehmt Krieg und Frieden und ignoriert bitte JEDE Frauenbeschreibung, die sind alle fürchterlich), von Gontscharow nur den herrlichen Oblomow und von Gogol nur die Petersburger Novellen. Da geht auch noch was! Aber jetzt erstmal wieder Dostojewski. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Und über die Widmung habe ich sehr gelacht. Auch dafür danke.

27.2.2019

Tagebuch Dienstag, 26. Februar 2019 – IT TOTALLY IS!

Gemeinsam aufgewacht. Damit haben Tage ja eigentlich immer schon gewonnen.

Ich freue mich immer noch darüber, dass ich mich nach fast vier Jahren immer noch darüber freue. Weil wir nicht zusammenwohnen, ist das immer wieder etwas Besonderes, gemeinsam aufzuwachen. Jaja, Hashtag Hach und so, schon klar, Hormone, Frühling, jaja. Frühling weil: Gestern saß schon wieder halb München vor den Cafés. Ich habe beim Vorbeigehen abends um halb acht extra auf die Wetteranzeige auf dem Handy geguckt: 11 Grad. Total Frühling!

Erzählt mir das Freitag abend im Stadion bitte nochmal, wenn ich meckere, dass ich meine Decke nicht dabei habe.

Nach dem Duschen den Herrn zur Tür begleitet, perfekten Milchschaum produziert und Flat White (jetzt wirklich mal einer und keinen Cappuccino) genossen, während ich den gestrigen Blogeintrag publizierte. Kleiner Kaffeetipp mit nachträglichem Dank an die freundlichen Schenkenden: der Münchner Espresso vom Emilo. Auf der Website sprechen sie von „mittelkräftigem Geschmack“ und vermutlich habe ich bisher nur Memmenkäffchen gehabt, denn ich finde den sehr ausdrucksstark. Gerne wieder!

Einen Job erledigt, ein Buch abgeholt, eingekauft, an der Kasse ein Schwätzchen vom Vormann mitgehört und nett gefunden, Entschuldigung für die Verzögerung abgewehrt, wir haben Zeit, alles gut. Nutellabrot zum Mittagessen (das Beste am Erwachsensein).

Dann langsam auf das nachmittägliche Gespräch mit dem Doktorvater vorbereitet. Notiert, was ich ihm alles erzählen wollte und wo ich noch Fragen habe, ein paar bearbeitete Bilder aus dem Nachlass ins Dock geworfen, damit ich sie nicht ewig aus 600 Dateien raussuchen muss, kurze Exposition formuliert, wo ich jetzt eigentlich hinwill und ob das schon reicht. Ich glaubte nämlich, dass das noch nicht reicht, und deswegen wollte ich mal wieder mit Papi sprechen, denn der Mann hat immer viele gute Ideen.

Ich war wie immer zu früh im ZI, las noch ein bisschen im Treibhaus rum, bis es Punkt 16 Uhr war und klopfte dann an die entsprechende Bürotür. Natürlich war der Termin vor mir noch nicht fertig, mein schnuffiger chaotischer Vati, und während wir sprachen, kamen drei Leute rein, die Kaffee oder Infos brauchten, unter anderem eine Dame, bei der ich an der Uni mein erstes Seminar zum Thema „Kunst während der NS-Zeit“ hatte, das sie damals als frische Doktorin mit meinem Doktorvater zusammen gegeben hatte. Sie sah meinen Protzen-Ordner auf dem Macbook und meinte, sie interessiere sich für dessen Frau, woraufhin ich erzählen konnte, dass im Nachlass in Nürnberg Skizzenbücher von ihr wären, aber nicht so irre tolle. Wenn ich noch auf Dinge stoße, möge ich sie ihr bitte weiterleiten. Logisch!

Dann erzählte ich Papi nochmal vom Ende meiner Grossberg-Ambitionen – das hatte ich natürlich schon per Mail mit ihm besprochen –, wir bedauerten das beide kurz, und dann begann ich aufzuzählen, was ich alles zu Protzen gemacht hatte, zeigte meine Fotos vom Nachlass, wies auf ein paar Bilder hin, die ich spannend fand, führte ein paar Überlegungen dazu aus und kam irgendwann auf meine Forschungsfrage, von der ich, wie eben angedeutet, der Meinung war, die würde noch nicht reichen. Woraufhin ich diesen typischen Etablierter-Wissenschaftler-vs-Nullchecker-Studi-Blick abbekam, dieses: „Kind. Was denn noch?“

O-Ton: „Sie sind schlau, Sie haben schon viel gemacht, Sie wissen anscheinend, was Sie tun, Sie haben eine spannende Frage und wissen auch, wo Sie hinwollen.“

Ich so: „…“

Er so: „Fangen Sie an zu schreiben.“

Ich so: „…“

Er so: *nippt am Kaffee*

Ich so: „ABER ICH HAB DOCH DIES NOCH NICHT UND DAS NOCH NICHT UND IN DEM ARCHIV WAR ICH AUCH NOCH NICHT UND …“

Er so: „Lücken schließt man am besten beim Schreiben. Fangen Sie an.“

Und das war dann das. Ich schreibe dann jetzt anscheinend meine Doktorarbeit. Ich dachte, ich hätte noch mindestens ein Jahr Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, ob Word wirklich eine gute Idee ist oder ob ich noch LaTeX verstehen sollte, aber das mache ich dann anscheinend auch unterwegs.

Direkt nach dem Termin war ich ein Mittelding zwischen Grinsekatze und Panikhäschen, denn auf einmal fühlte sich die Diss eben nicht mehr wie ein exzentrisches Hobby an, als die ich sie hier im Blog gerne bezeichne, sondern zum ersten Mal wirklich wie ein fassbares Dokument, das ich erstellen werde. Ich musste mir eingestehen, dass ich zwischenzeitig schon daran gedacht hatte, den Kram hinzuwerfen und nur noch aus Spaß ins ZI zu gehen, weil ich schlicht nicht wusste, ob meine Frage irgendwen weiterbringt. Aber anscheinend kratze ich da an ein paar Stellen der Kunstgeschichte rum, wo eben noch keiner gekratzt hat und mehr will ich ja gar nicht.

Mein Doktorvater meinte zu meiner These, dass es vermutlich einige Leute geben werde, die nicht meiner Meinung seien, aber das ist mir ganz recht. Kein Mensch braucht die nächste Diss, die drei Leute überfliegen, müde abnicken, ja passt, thank you, next.

(Das Gefühl jetzt beim Aufschreiben des Gesprächs ist dasselbe wie direkt nach dem Termin: 50/50 „What the fuck“ und „Yay, SCHREIBEN, SCHREIBEN KANN ICH!“)

Ich ließ mich nach der für mich sehr unerwarteten Ansage von der U-Bahn nach Hause bringen, schrieb F. natürlich erstmal eine DM und atmete dabei geistig weiter in eine Papiertüte. Zuhause angekommen, fand ich die Nebenkostenabrechnung des letzten Jahres im Briefkasten.

Sie erinnern sich vielleicht an den Wasserfall aus dem offenen Ventil der Badewanne, den ich beim Renovieren der alten Wohnung produziert hatte, weswegen ich seitdem auf eine irrwitzig hohe Nachzahlung warte?

Das musste alles gefeiert werden und so kehrten F. und ich in unseren geliebten Georgenhof ein. Der baut gerade seine Küche um, weswegen dort, wo im Sommer der Biergarten vor dem Gebäude ist, jetzt ein, laut Schild, „Küchencontainer“ steht, aus dem auch längst nicht die ganze Speisekarte kommt, sondern nur ein Bruchteil des üblichen Programms. Aber: Schnitzel gibt’s immer und darauf hatte ich Lust und dann gab’s noch ein paar Helle und wir fielen gemeinsam ins Bett.

24.2.2019

Tagebuch Samstag, 23. Februar 2019 – Frisch gestrichen

Die Küche war trotz neuer Lampe weiterhin mein Sorgenkind. Wenn man zur Tür reinkommt, ist linkerhand die weiße Küchenzeile, die die gesamte Raumbreite einnimmt und an deren widersinniger Anordnung ich leider nichts machen kann. Beispiel: einzige wirklich große Arbeitsfläche – ganz rechts direkt am Fenster. Einzige Besteckschublade – ganz links direkt an der Tür, weswegen mein Besteck jetzt offen in einem Korb aufrecht an der Arbeitsfläche steht anstatt brav versteckt in der Schublade zu liegen, denn sonst werde ich beim Vorbereiten von jeder Mahlzeit wahnsinnig.

Klingt oben schon an, direkt gegenüber der Tür sind zwei Fenster, die rechte Wand ist bis auf die Heizung in der rechten Ecke leer und bisher steht an ihr nur mein großer Edelstahl-Kühlschrank. Einige Wochen stand hier noch ein schwarzes Kallax aufrecht, aber das liegt inzwischen waagerecht, was mir weitaus besser gefällt, auch wenn ich an einige Fächer jetzt nur noch mit Mühe rankomme; in denen liegen aber eh nur Teller, die ich nur benutze, wenn wirklich alle anderen dreckig sind (also nie) oder Küchengeräte, für die ich zu faul bin, auf die Leiter zu klettern, um sie vom Flurschrank zu holen, weil ich sie doch etwas häufiger nutze, die aber auch nicht rumstehen sollen (Mixer, Toaster). Vor dem Kallax steht der schwarze Esstisch mit Stühlen, daher die Mühe, an einige Fächer zu kommen.

An der Wand rechts neben der Tür steht meine Edelstahlablage mit schwarzen Schubladen, die ich auch schon in der alten Wohnung hatte, darüber ist ein schwarzes Regalbrett, auf dem Tee und Kaffee in grauen Boxen lagern.

Das Sorgenkind war vor allem die Kallaxwand. Sie wirkte immer undefiniert, Heizung und Kühlschrank waren zwar optische Grenzpfosten, aber die Mitte faserte irgendwie aus und das aufrechte Kallax verstärkte eher die Leere, weil ich plötzlich gefühlt drei Dinge an der Wand hatte, die den Blick auf sich zogen, die aber nirgends angedockt waren, alles stand einfach so rum. Ich dachte darüber nach, den Tisch weiter in den Raum zu ziehen, aber das machte alles noch mehr zu Inseln, dann dachte ich an viele Bilder an der Wand, ahnte aber, dass das ebenso unruhig sein würde und keinen Bezug zum Kallax herstellen würde. Auch ein einzelner großer Kunstdruck, den ich probehalber mal aufs Kallax stellte, war unbefriedigend, und schließlich war ich bei Farbe, um der Wand einen geschlossenen Eindruck zu geben.

Die Küche war weiß geblieben, auch weil alle anderen Räume außer Flur und Bad mit grau, dunkelgrau und blau sehr kräftigfarbig sind. Eigentlich wollte ich keine zwei Räume in der gleichen Farbe haben (ich höre meinen alten Kunstlehrer: „Weiß ist keine Farbe, es ist die Abwesenheit jeder Farbe.“) und dachte daher an: schwarz. Nur eine Wand. Nur die doofe Wand. In der Küche liegt graues Laminat von der Vormieterin, das ist nicht superhübsch, aber hübsch genug und immer noch besser als das 80er-Jahre-quietschblau, was darunter wäre. Küchenzeile ist wie gesagt weiß, Licht hab ich jetzt auch – wieso keine schwarze Wand?

Auf Instagram folge ich diversen Einrichtungsfuzzis und -fuzzinen, Farb- und Möbelfirmen, und so sah ich mir in den letzten Wochen sehr viele schwarze Wände an. Ich hätte lieber helle Möbel für einen Kontrast gehabt, aber das ist jetzt nicht drin, und irgendwie mag ich das ganze Schwarz in der Küche auch (findet sich sonst nirgends in der Wohnung). Ich traute mir auch durchaus zu, eine komplett dunkle Küche ohne Kontraste schick zu finden – bis mir auffiel, dass ich dann vermutlich noch drei Lampen andübeln müsste, denn das Licht jetzt reicht gerade gut aus. Bei einer so dunklen Wand sehr wahrscheinlich aber nicht mehr.

Ich grübelte sinnlos hin und her, bis mir einfiel, dass ich noch Farbreste vom Grau aus der Bibliothek im Keller hatte. Und trotz der Farbgleichhheit dachte ich mir, egal, ich streiche die Wand jetzt erstmal grau, und wenn mir das noch zu hell ist, kann ich immer noch Schwarz drüberdengeln. (Ich weiß nie, wann Farben klein und wann groß geschrieben werden, dieser Absatz ist nach Gefühl getextet. Ja, dafür gehören mir die Ohren langgezogen, ich weiß. In jedem meiner Autokataloge wusste ich bei den Lackfarben, dass das Lektorat mal wieder den Rotstift leerkorrigieren würde.)

Lange Vorrede, kurzer Sinn: In 30 Minuten waren gestern der Kühlschrank, der überraschend leicht war, verschoben, das Edelstahlding leergeräumt und ebenfalls verschoben, Kallax und die Kaffeeboxen vom Regal ins Nachbarzimmer gezerrt, das Regal mit Zeitungspapier abgeklebt, genau wie die Heizung, und die Fläche rund um die Spüle weiträumig leergeräumt, weil ich da ja später Pinsel und Rolle ausspülen musste, wobei ich aus Erfahrung gerne rumspritze.

Ich holte alte Klamotten, Abdeckmatte, Farben und Arbeitsmittel aus dem Keller, saugte nochmal alles brav aus, klebte dann die Wand ab und strich mit Weiß vor. Das ließ ich ein Stündchen trocknen, strich dann die Kanten mit Grau nach und füllte die Fläche gleich zweimal mit der Farbe, bis der Eimer so gut wie leer war. Aus der Bibliothek wusste ich, dass diese Drecksfarbe am liebsten sieben Anstriche gehabt hätte, aber hier reichte es so gerade aus. Ich zog die Klebestreifen noch feucht ab und stellte begeistert fest, dass ich eine durchgängige Deckenkante produziert hatte. Also keine ganz gerade, ich bin immer noch ich, aber zwischen den einzelnen Klebestreifen waren keine Sprünge! Gestern im Blog noch darüber geschrieben, dass ich keine vernünftigen Kanten streichen kann, ha! Jetzt wo ich weiß, dass ich es kann, überlege ich natürlich, ob ich das in den anderen Zimmer auch noch machen sollte, aber dann müsste ich ja einen Blogeintrag ändern und das ist viel zu viel Arbeit.

Ich ließ die Wand trocknen, es war eh gerade Mittagsruhe, aber Punkt drei Uhr schob ich wieder alle Möbel da hin, wo sie hingehörten und hämmerte zwei Nägel in die Wand, um meine Alugrafie von Leo von Welden aufzuhängen sowie das Foto meiner Oma. Die beiden hingen bisher im Flur, da hängt jetzt etwas anderes. Ich weiß noch nicht, ob ich das so lasse oder die Bilder noch etwas tiefer müssten – ich hatte sie auf der Höhe des Kühlschranks gehängt, bewusst etwas höher als mein Gefühl mir sagte, weil auf dem Kallax immer viel unruhiger Kleinkram steht, meist drei Stapel aus Teller und Schüsseln. Ich ahne, dass ich die Bilder wieder etwas tiefer hängen werde, aber ich gucke mir das mal ein paar Tage an. Vielleicht kommen sie auch wieder in den Flur, denn die Küche nebele ich gerne mit Wasserdampf und fettigem Rauch ein und ich ahne, dass das beiden Werken vielleicht nicht ganz so gut gefällt.

Die Küche ist also immer noch Work in Progress, aber sie gefällt mir schon deutlich besser.

Im Flur hängt jetzt die Bedienungsanleitung der Schreibmaschine meiner Mutter, der Olivetti Praxis 48, auf der ich als gelangweiltes Kind in den Sommerferien das Zehn-Finger-Schreiben erlernt habe. Ich weiß nicht, ob das Exemplar meiner Mutter schon von 1964 war, ich tippe (haha) eher auf Ende 60er Jahre.

14.1.2019

Was schön war, Sonntag, 13. Januar 2019 – Kulturtag

Klingt beknackt, weil ich ja des Öfteren Musik höre und lese, aber gestern war das mal eine bewusste Entschleunigung – und auch eine bewusste Entscheidung dafür, endlich mal keine Serienfolge zu gucken, die mir allmählich doch mehr Lebenszeit klauen als nötig. Das sollen sie zwar, sie sind ja dafür da, um mir die Zeit zu vertreiben, aber manchmal möchte ich dann doch lieber etwas Neues selbst erleben oder erfahren oder mir erlesen, als mich berieseln zu lassen, auch wenn letzteres bequemer ist.

Morgens lag leider niemand neben mir, mit dem man in den Sonntag hätte reingammeln können. Daher saß ich am Schreibtisch und guckte, was man so tun könne mit der Zeit. Plan Y war, mal wieder in die Kirche zu gehen, was ich hier selten schaffe, weil die Gottesdienste in meiner Kirche ernsthaft erst um 11 Uhr anfangen. Da esse ich doch schon zu Mittag! Das ist so eine dusselige Zeit, die den ganzen Vormittag zerreißt. Meinen jedenfalls. Also: Was hat München denn vielleicht als Alternative? Schnell man den Veranstaltungskalender angeklickt.

Gleich der erste Eintrag, der etwas mit Musik zu tun hatte, war ein Volltreffer: ein Kammerkonzert am Gärtnerplatztheater um 11 (scheint eine beliebte Zeit zu sein). Warum Volltreffer? Weil neben einer Serenade von Ernst von Dohnányi und einem Klavierquartett von Dvořák ein Sextett für Flöte, Oboe, Klarinette, zwei Fagotte und Klavier gegeben wurde. Das sind zwar bis auf das Klavier alles Instrumente, die mir egal sind, aber es war von Bohuslav Martinů, dem ich ja neuerdings völlig verfallen bin.

Online sah ich, dass noch drei Tickets für die kleine Veranstaltung verfügbar waren; das Konzert fand nicht im großen Haus statt, sondern im Foyer in einem der Ränge, es schienen so um die 100 Plätze vorhanden zu sein. Einen davon klickte ich jetzt frohgemut an und wollte mich neu anmelden, als mir das System sagte, ich sei schon angemeldet. Da ich mein Passwort nicht wusste und ich damals bei der Anmeldung garantiert noch keine Passwortverwaltung benutzt hatte (wie jetzt brav seit Längerem, ich empfehle LastPass), bat ich um die Zusendung desselben, ahnte aber schon, dass das ewig dauern würde, da ist mein Server recht zickig.

Ich kleines Clevere öffnete also einen neuen Browser und wollte mich mit meiner Wegwerf-Mailadresse anmelden, aber während ich das tat, meldete das System, dass die Veranstaltung jetzt ausverkauft sei. Waaahh! Mein Martinů!

Nölig klickte ich wieder in den Veranstaltungskalender und fand einen schönen Plan B: Schubert im Herkulessaal der Residenz mit den Münchner Symphonikern, auch um 11. Der Saal ließ sich zwar online überhaupt nicht anklicken, aber ich war mir sicher, dass er mit seiner Größe nicht ausverkauft sein werde. Ich quengelte F. per DM voll, woraufhin der Mann meinte, sein Mütterchen ginge auch oft alleine und spontan in Konzerte und wäre noch nie draußen geblieben – eine Karte gebe es immer.

Und so stand ich um kurz nach 10, als die Tageskasse öffnete, am Gärtnerplatz und fragte, ob es vielleicht noch ein Kärtchen gäbe. Gab es. Angeblich die allerletzte. Sorry, Symphoniker! Nächstes Mal.

Ich habe es sehr genossen, recht spontan Musik zu hören – und zu sehen. Mir ist erst bei dieser Veranstaltung mal wieder aufgefallen, woher der Name Kammerkonzert kommt – oder wie wir modern crazy people heute sagen: Wohnzimmerkonzert. Man spielt eben nicht vor 800 Leuten in einem Saal, sondern vor weitaus weniger Menschen in einer intimeren Atmosphäre. Es fühlte sich fast privat an, wir paar Hanseln und die zunächst nur drei Musiker*innen auf der Bühne. Das war schlicht schön, und ich habe mich zwei Stunden lang einfach darüber gefreut, dass ich noch eine Karte bekommen hatte, meinen musikalischen Horizont erweitern konnte und mich begabte Menschen an ihrem Talent teilhaben lassen (für entspannte 18 Euro).

Der von Dohnányi gefiel mir sehr gut; falls ihr keine Zeit für die ganze Serenade habt, hört mal in den 2. Satz sein, das ist sehr lauschig (ab 2:09), oder den 3., der ist äußerst unterhaltsam (ab 5:34). Den Martinů hören wir uns natürlich alle komplett an, der dauert ja bloß 20 Minuten. Der Dvořák war dann ein schöner Rausschmeißer, wenn er mir auch fast ein wenig zu konventionell klang nach dem bluesigen Sextett (schon klar, früher komponiert, jaja).

Zuhause klickte ich einfach mal wieder wild bei Spotify auf Martinů und fand ein weiteres, gerade gut 20 Minuten langes Stück, was ich den Tag und Abend über noch mehrfach hörte, weil es mir so gut gefiel: sein Rhapsody Concerto für Bratsche und Orchester von 1952.

Ansonsten las ich die FAZ von Freitag und Samstag, rührte mal wieder eine Knoblauchmajo an, um Brot in sie zu stippen bzw. um sie über Romanasalat zu schütten, bereitete Kaffee in der French Press zu und zerdengelte sie mir beim Abwaschen, weswegen ich heute morgen den guten alten Porzellanfilter rausholte, um am Schreibtisch bei der Arbeit versorgt zu sein; das längere Kaffeetrinken gestern statt Tee hatte mir gut gefallen. In diesem Zusammenhang: ein Hoch auf Thermoskannen!

Außerdem las ich weiter in Stefan Zweigs Welt von gestern und freute mich unter anderem darüber, wie er Rilke beim Kofferpacken beschrieb.

Ruhiger Tag. Schöner Tag. Hervorragend geschlafen.

11.1.2019

Tagebuch Donnerstag, 10. Januar 2019 – Rumstapfen

In der Mittagspause traf ich eine hervorragende Entscheidung: Ich ließ mich mit dem Bus nicht zur Stabi fahren, zu der ich wollte, sondern mitten in den Englischen Garten und ging von dort zu Fuß zur Bibliothek. Das war so schön, dass ich mir das ernsthaft des Öfteren selber sagte. Ich stapfte durchs ruhige und fast menschenleere Weiß und sagte „Das ist so schön!“ vor mich hin. Meiner Oma hätte das gefallen.

Das ist der Biergarten am Chinesischen Turm. Ich fand es sehr hübsch, wie akkurat es sich der Schnee auf den Bänken und Tischen bequem gemacht hat.

Von da ging ich einfach kreuz und quer durch die Gegend.





Bis ich am Monopteros ankam, der einzigen Marke, von der aus ich weiß, wo ich bin.


Hier bin ich schon auf dem Weg zur Straße, die aus dem Garten direkt zur Uni führt. Nebenan ist die Stabi.



Ich konnte gar nicht alle Schneemenschen fotografieren, die bereits rumstanden. Leider. Aber schön zu merken, dass ich nicht die einzige bin, die sofort welche bauen will, wenn’s geht.

Aus der Stabi holte ich zwei Bücher über Bohuslav Martinů: eine Biografie (es gibt laut des Vorworts mehrere, die aber zum Teil unter der Zensur der Tschechoslowakei erschienen und dementsprechend nicht ganz vollständig sind) und einen Aufsatzband, der sich mit Martinůs Musik und ihrem Platz im 20. Jahrhundert beschäftigt. Die Biografie begann ich dann auch gleich im Bus zurück nach Hause zu lesen.

Was ich beim Rumsuchen im OPAC erst zu spät gesehen habe: Die Bibliothek hat natürlich auch Partituren. (Natürlich hat die Bibliothek auch Partituren! ❤️) Da werde ich vermutlich demnächst auch ein paar ausleihen; vielleicht verstehe ich beim Mitlesen, warum mir die Musik dieses Komponisten so gefällt und ich sie nicht mehr aus dem Kopf kriege.

Der Bus brachte mich dann zum Supermarkt, wo ich einmal das halbe Gemüseregal leerkaufte und mir zuhause eine Suppe kochte. Was man halt so macht im Winter. Team Suppe forever!

Zum Spätzleschaben war ich allerdings zu faul, die sind gekauft, SORRY SCHWABEN!

Wo wir gerade bei Suppe sind:

Why are Instagram-famous recipes so impossible to resist?

Nikita Richardson schreibt für Grub Street über die Kichererbsensuppe aus der New York Times, die ich auch nachgekocht habe (Instagram/Rezept im Blog), ohne allerdings den Hashtag #thestew zu kennen. Gestern auf Twitter fragte ich mich, ob ich ein early oder ein unaware adopter sei, worauf Herr Giardino meinte, ich sei ein unaware influencer. Das gefällt mir sehr.

Ich habe die Suppe übrigens gekocht, weil die Cooking-Sektion der Times sie mir in meine Twittertimeline gespült hat. Vielleicht, und das wird auch im Artikel angerissen, kochen wir das Rezept auch nur alle nach, weil’s gut klingt und nicht weil es einen Hashtag dazu gibt.

„In less than two months, #TheStew has taken on a life of its own, and has no doubt entered the regular cooking rotation for numerous home cooks around the country. In the days when cookbooks, food magazines, and product labels were the primary spots that people found new recipes, it could take months or even years for ideas to become universally beloved household staples. (It probably required at least a few Thanksgivings before green-bean casserole achieved critical mass, and people are still discovering Marcella Hazan’s superlative tomato sauce.) But in the age of digital word of mouth, you only need to see the same recipe pop up on your feed so many times before you feel compelled to try it — and then of course to post about it yourself. The Instagram snowball effect means a recipe can enter the home-cooking canon in a matter of days, not years. Call it the joy of hashtag cooking.“

Nicht Franck Ribéry ist pervers, sondern 19 Cent für 100 g Hähnchenkeulen

Ich hoffe, ihr seid mit der Causa Ribéry vertraut? Ja, oder? Dann noch ein letzter Take von Herrn Dollase zum Thema:

„Franck Ribéry hat nichts anderes getan, als eine von vielen Möglichkeiten zu wählen, zu viel Geld für fast nichts auszugeben. Sein Gag mit dem Blattgold schadet Niemandem. Der Wirt des Etablissements wird sich freuen, und vielleicht sichern ja solche und ähnliche Ausgaben auch noch diverse Arbeitsplätze. Ohnehin kommt es immer wieder mal vor, dass Angehörige besonders zahlungskräftiger Bevölkerungsgruppen in Luxusrestaurants den Eindruck erwecken, der Laden gehöre ihnen – sie würden das Ganze schließlich finanzieren. Da ist der Fall Ribéry viel Wind um nichts.

Vor allem ist nicht Ribéry pervers, sondern die Tatsache, dass für Billig-Angebote in Supermärkten Tiere getötet und zu einem Preis verhökert werden, der eine Mssachtung von Leben und eines zivilisierten Zusammenhanges von Wertschätzung für Tiere und ihrem Preis ist. In einem aktuellen Angebot von heute bietet EDEKA 100 g Keulenfleisch für 19 Cent an. Um sich dem „Nichts“ an Preis noch weiter anzunähern, nimmt man auch nicht den Kilo-Preis, sondern den für 100 Gramm, weil er noch billiger klingt. Darüber regen wir uns sporadisch auf, obwohl es ein Dauerzustand ist, der trotz massiver Kritik zu keinerlei Veränderung führt.“

(via @ClaudiusSeidl)