Vantage Point

Der US-Präsident wird auf offener Bühne bei einem Gipfeltreffen in Spanien angeschossen (oder erschossen?), seine Bodyguards verfolgen mal den einen, mal den anderen Verdächtigen, die anwesenden Fernsehkameras haben sicherlich auch irgendwas aufgezeichnet, ein Tourist filmt in der Gegend rum, und dann sind da noch ein paar Spanier, die einem gleich als irgendwie verdächtig präsentiert werden. Im Laufe von Vantage Point (8 Blickwinkel) werden einem verschiedene Perspektiven gezeigt, die sich alle um die Tat herum drehen, um dann am Ende aufzulösen, was eigentlich passiert ist.

Klingt erstmal spannend, hätte es vielleicht auch werden können, aber Vantage Point verfranzt sich ziemlich schnell in sich selbst. Es geht relativ behäbig los, so dass ich nach drei Perspektiven schon dachte, reicht dann jetzt bereits, weil mir die ewigen Grußworte des Bürgermeisters und die zigtausendsten Schüsse allmählich langweilig wurden. Dann zieht der Film aber doch noch an – allerdings nur, um das übliche Actionfeuerwerk mit Autojagden und Schalldämpferpistolen abzufackeln, bei dem einige Handlungsstränge und Personen komplett auf der Strecke bleiben, während andere liebevoll abgebildet werden, die mich allerdings nur arg peripher interessiert haben. Für einige Figuren gibt’s eine alibihafte Hintergrundgeschichte, andere sind einfach da und machen ihren Job. Der ganze Film fühlt sich fürchterlich nach Reißbrett an und gleichzeitig so, als ob man einfach mal angefangen hätte zu drehen, bevor das Buch fertig war. Ein bisschen Weltpolitikschelte, ein paar große Namen, aber am Ende dann doch irgendwie nur eine einzige Idee, die auf 90 Minuten aufgeblasen wird.

Numb

In Numb (Numb – Leicht daneben) spielt Matthew Perry einen Drehbuchautor, der sich nach einem Joint zuviel plötzlich wie in einer Parallelwelt fühlt: Er spürt sich nicht mehr richtig, er kommt sich vor, als würde er stets träumen, und nach kurzer Zeit findet er auch einen medizinischen Fachausdruck dafür, nämlich depersonalization disorder (was auch immer das auf Deutsch heißen mag). Der Joint war nur ein Auslöser, erzählt ihm sein Psychiater und verschreibt erstmal ein paar Pillen, genau wie der nächste Doc, an den er sich wendet, ohne dass es ihm irgendwie besser geht. Aber dann, tataaa, tritt eine total schräge Frau in sein Leben, in die er sich verliebt und sie sich irgendwie auch in ihn, den seltsamen Menschen, der zudem noch mit seiner Familie hadert und dessen einzige Konstante sein Autorenkollege ist, der ihn immerhin ab und zu vom Golf Channel wegkriegt und in Pitches schleift.

Numb ist mir größtenteils fürchterlich auf die Nerven gegangen, weil ich Psychogequatsche nicht als intelligente Dialoge ansehe und so total crazy Mädels in weißen Kleidchen, die ihre Kerle in Stripbars schleppen, weil’s so unkonventionell ist, einfach nur affig finde. Aber ich war sehr positiv von Schnuffi Perry überrascht, dem ich ja gerne vorwerfe, nix anderes zu sein als die x-te Kopie von Chandler Bing (not that there’s anything wrong with that). Dieses Mal hat er sich sehr, sehr, sehr zurückgehalten, und das tut dem Film ziemlich gut. Der Rest der Welt erscheint als zehnmal „verrückter“ als der eigentliche Patient, und ich fand es sehr schön, Perry mal bei ernsthafter Arbeit zuzugucken anstatt beim Lustigsein. Das rettet Numb aber auch nicht davor, ein total vorhersehbares Ende abzuliefern und dazu auch noch ziemlich zäh zu sein. Aber allein für den kleinen Breakdown von Mary Steenburgen, die eine von Perrys vielen Doktoren spielt, lohnt sich’s dann doch.

Grace is Gone

Stan (John Cusack) arbeitet bei Homestore, einem Laden, in dem sich die Angestellten morgens per Schlachruf auf ihre Kunden einstimmen. Er trägt eine unmoderne Brille und wohnt in einem klassischen Gipswand-Häuschen in den USA. Eine gelbe Schleife auf seinem Auto weist darauf hin, dass ein Angehöriger gerade in den Krieg gezogen ist. Und als eines Tages zwei Militärangehörige vor Stans Tür stehen, weiß er, dass seine Frau Grace nicht mehr zurückkommen wird.

Grace is Gone beschreibt, wie Stan versucht, seinen zwei Töchtern, die 12 und 8 Jahre alt sind, vom Tod ihrer Mutter zu erzählen. Er bringt es nicht fertig, es ihnen einfach so zu sagen; stattdessen packt er sie ins Auto und lässt sie ein Ziel wählen, zu dem sie jetzt gerade möchten. Die kleine Dawn entscheidet sich für Enchanted Gardens, einen Vergnügungspark, und deswegen sind die drei nun Tage und Nächte unterwegs.

Im Laufe der Zeit erfahren wir in wenigen Worten und kargen Bildern etwas über das Verhältnis der Kinder zu den Eltern, der Vergangenheit des Vaters, wie es den Mädchen damit geht, nur ein Elternteil zu haben und ständig um den anderen Angst haben zu müssen, über das Erwachsenwerden und das Erwachsensein. Und dass es für Ausnahmesituationen kein Patentrezept gibt, sondern jeder anders mit seinen Tragödien klarkommen muss. Grace is Gone verzichtet auf den großen Soundtrack (Clint Eastwood kann ja auch nur Klavier), die großen Bilder und die großen Emotionen. Und trotzdem hat man nach anderthalb Stunden das Gefühl, sehr viel gesehen und sehr viel mitgemacht zu haben.

Persepolis

Persepolis ist ein animierter Film und erzählt die Geschichte der kleinen Marjane, die im Iran geboren und als Jugendliche Anfang der 80er Jahre nach Wien geschickt wird, um freier aufwachsen zu können. Dort fühlt sie sich aber jahrelang als Fremde und kehrt als junge Frau freiwillig wieder nach Teheran zu ihren Eltern zurück – nur um dort festzustellen, dass sie sich hier inzwischen ebenfalls fremd fühlt.

Der Film reißt viele politische Themen an – die Revolution und ihre Folgen im Iran, den Krieg zwischen Iran und Irak, die Wandlung der Gesellschaft und damit die Stellung der Frau – und verknüpft sie mit der Lebensgeschichte Marjanes. Wir sehen sie als fantasievolles Kind, das mit Gott redet und Kommunistin sein möchte, als Jugendliche, wie sie ihre Persönlichkeit entdeckt mithilfe von richtigen und falschen Freunden, ihre sexuellen Erfahrungen, ihre Liebe zur Familie, und schließlich ihr Erwachsenwerden.

Persepolis schafft es, stets die Balance zu halten zwischen großen Botschaften und kleinen Alltäglichkeiten. Er zeigt sehr eindrucksvoll, wie sehr beides zusammenhängt und lässt uns gleichzeitig an einer sehr spannenden Biografie teilhaben. Er bewegt, er unterhält, er hat mich einige Male laut lachen lassen (zum Beispiel beim animierten Derrick im österreichischen Fernsehen) und mich ebenso tief berührt. Und obwohl die Geschichte an einem realen Ort stattfindet, fühlt sie sich durch die Animation sehr universell an, nicht auf eine Hautfarbe oder eine Religion beschränkt. Natürlich schafft jeder Animationsfilm eine ganz eigene Welt, weil er sich eben nicht an die Regeln der echten halten muss, aber bei Persepolis hat man die ganze Zeit das dumme Gefühl, diese Welt zu kennen – und sie einerseits zu hassen, sie aber gleichzeitig nicht verlassen zu wollen.

Eben in der Videothek, die ich nach sechs Wochen Abstinenz wieder betrat:

Videothekar so: Warst du im Knast?

Ich so: Nee, nur in Berlin.

Videothekar so: Wie in dem Film: “We thought you were dead!” “Me too, but it was just Oklahoma.”

(Was zur Hölle ist das für ein Film?)

Edit: Thies hat einen Tipp, der wahrscheinlich zutrifft – Unforgiven. Zitat imdb:

English Bob: Little Bill, well I thought you was, well I thought that you were dead. (…) Well, actually, what I heard was that you fell off your horse, drunk of course, and that you broke your bloody neck.

Little Bill Daggett: I heard that one myself, Bob. Hell, I even thought I was dead ’til I found out it was just that I was in Nebraska.

Mehr Chinabilder.

˙uǝɹǝıqoɹdsnɐ ɥɔsʇɐnb uǝpǝɾ ɥɔnɐ ɐɾ ssnɯ ɥɔı

(Link, via Killefit)

„Wir alle müssen, um die Wirklichkeit für uns erträglich zu machen, ein paar kleine Torheiten in uns nähren.“

(Der Proust mal wieder, Mädchenblüte, you know.)

Frau Ninifaye hat ein paar Bilder aus ihrem Chinaurlaub mitgebracht. (Kommen da noch mehr? Wenn ich ganz lieb bitte sage?)

Euphemismen des Tages

*klingeling*

„Hallo, ich würd mir gerne mal deine Wohnung in Friedrichshain angucken.“

„Klar. Lass uns doch morgen am Ostkreuz treffen.“

„Wie erkenne ich dich denn?“

„Ich hab ne ziemlich gesunde Hautfarbe, weil meine Mutter aus Ghana kommt.“

„Und ich bin nicht gerade schlank und trag ne Mütze.“

Kein Kalauer mit „beckmessern“, versprochen

Gestern gab es zum ersten Mal eine Oper aus Bayreuth als Livestream zu sehen: Die Meistersinger von Nürnberg. Das ganze hat mich 49 Euro gekostet, was einige Leute, denen ich davon erzählt habe (you know who you are), zu der Frage bewegt hat, ob es das denn wert sei. Man konnte den Stream nämlich nicht aufzeichnen, und ich kann ihn jetzt nur noch einmal bis zum 2. August angucken; dann verfällt mein Zugangscode.

Die Frage kann ich trotzdem locker mit „Aber hallo“ beantworten. Wenn ich ins Theater, ins Popkonzert oder ins Musical gehe, zahle ich ähnliche Preise, meistens sogar mehr, und kann davon auch nichts mitnehmen außer ein paar wackelige Handyfotos. Dafür hat man natürlich das Live-Erlebnis – was ein gutes Argument gegen den Stream aus Bayreuth gewesen wäre, wenn es denn so einfach wäre, an Karten dafür ranzukommen, um es einmal live zu sehen. Soweit ich weiß, liegt die Wartezeit momentan bei sieben bis zehn Jahren (Promibonus mal ausgeschlossen), und daher fand ich die Idee mit dem Stream sehr gut, um auch den Leuten, die noch nie da waren, einen kleinen Einblick in die besondere Atmosphäre des Festspielhauses zu geben.

Nachdem ich gestern also von 16 bis kurz vor 23 Uhr vor dem Rechner gesessen habe, muss ich allerdings sagen, dass der Stream doch eher was für Leute ist, die schon mal da waren – alleine, weil ich mir die Akustik wenigstens vorstellen konnte, die meine Kopfhörer natürlich nur absolut unzureichend wiedergeben konnten. Ich hatte schon mehrmals das Glück, vor Ort zu sein (danke, Mama) und konnte mich an diese magischen Augenblicke erinnern, wenn das Licht langsam gedimmt wird, es schließlich stockfinster ist und dann aus dem geschlossenen Orchestergraben die ersten Töne der Ouvertüre dringen, ganz zart oder mächtig, je nach Stück, in die Dunkelheit hinein. Ich musste bis jetzt jedesmal heulen, sobald es losging, und ich muss gestehen: Gestern beim Stream habe ich schon angefangen zu flennen, als das erste Bild aus dem Festspielhaus zu sehen war. Man sah über die Zuschauer hinweg auf die Bühne, hörte das übliche Stimmengewirr und die sich einspielenden Musiker, und es hat sich mit ein bisschen Vorstellungskraft fast so angefühlt, als wäre ich da. Und auch wenn Bayreuth-Bashing immer beliebter wird – für mich war es jedesmal etwas Einmaliges, dabei sein zu dürfen. Und so ging es mir gestern auch.

Der Unterschied zur DVD, die angeblich im November auf den Markt kommen soll, war ganz einfach der, dass ich hier auch die Pausen von jeweils einer Stunde mitgemacht habe. Dass ich warten musste, bis es weiterging, anstatt vorskippen zu können. Dass ich mich auch mit den Teilen der Meistersinger auseinandersetzen musste, die ich nicht ganz so mag. Ich gestehe, dass ich in der letzten halben Stunde immer etwas nölig werde, weil das Stück so gar nicht aufhören will. Die gestrige Aufführung war die dritte, ich ich mitgemacht habe, und ich ahne, dass dieses nölige Gefühl anscheinend immer so ist.

In den Pausen haben die Macher ein kleines, aber schickes Rahmenprogramm angeboten. So haben die zwei Kerle, die durch den Abend geführt haben, sich die Sänger geschnappt, die gerade von der Bühne kamen und sie zu ihrer Rolle befragt; sie haben sich in den heißen Orchestergraben gesetzt und mit einem Hornisten gesprochen, der, wie alle Teilnehmer, für Bayreuth seinen Sommerurlaub geopfert hat, sie haben uns beim Umbau zugucken lassen, beim Schminken und hatten noch ein paar vorbereitete Filmchen über die Besonderheiten des Opernhauses dabei. Davon kannte ich zwar schon einiges aus den Führungen, die ich mitgemacht hatte, sehe es aber immer wieder gerne. Und was die Sänger und Musiker erzählt haben, war mir dann auch neu: wie man sich die Kräfte für eine so lange Partie einteilt und wie sie ihre Rollen sehen und sie mit Leben füllen.

Die Inszenierung ist vom letzten Jahr und das Bayreuth-Debüt von Katharina Wagner, der Urenkelin Richard Wagners, die demnächst mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier die Leitung der Festspiele übernehmen wird. Die ersten beiden Akte fand ich sehr gelungen, den dritten dann wieder unnütz auf Krawall gebürstet (immerhin gab’s nicht nur nackte Mädels, sondern auch einen unbekleideten Herrn), und so gab es nach den ersten beiden Vorhängen auch eher Bravo-Rufe aus dem Publikum, während am Ende das übliche Gebuhe anfing.

Auch schön: der Stream ist wirklich bis zum Ende draufgeblieben, also bis der letzte Applaus verklungen war. Meine Mutter und ich bleiben auch immer zum Schluss, selbst wenn es uns nicht gefallen hat – man ist ja schließlich nicht alle Tage da. So konnte ich dann auch die Jubelarien für den Darsteller des Sixtus Beckmesser ansehen, die von lautem Füßegetrampel begleitet wurden – und auch hier dachte ich mir, schön, dass ich schon mal da war, denn mein Körper hat sich sofort an das Gefühl erinnert, wenn man auf den Folterstühlchen sitzt und der Holzboden unter einem zu beben beginnt, wenn das ganze Publikum trampelt.

Edit: SpOn über das Public Viewing der Meistersinger.

The Daily Show, natürlich mit einer kleinen Lästerei über Obamas Deutschlandbesuch.

Obamas Rede in Berlin – und hier die Inspiration. („Schaut auf diese Stadt!“)

Sehr schön: die weltweit erste Twitterlesung gibt’s auch als Stream.

Eine Frau weint beim Anblick des Wall-E-Trailers. Und ich weine bei der Geschichte, die danach kam, als sie das Video von sich beim Heulen auf YouTube gestellt hat.

Ich weiß nicht, wie Pixar mir noch sympathischer werden kann. Aber aus genau diesem Grund warte ich, bis Wall-E ins Kino kommt und hole es mir nicht vorher aus dem Netz. Aus Respekt vor der ganzen Arbeit, die in diesem – und jedem anderen – Film steckt.