Ein hündisches Dankeschön …

… an Doerthe, die mich mit Jon McGregors Even the Dogs überrascht hat. Von McGregor las ich bereits ein, zwei Bücher, und vor allem das erste hat mich nachhaltig beeindruckt (in der Kurzkritik versteckt sich ein Zitat – so klingt übrigens das ganze Buch). Even the Dogs ist sein drittes Buch, und ich bin gespannt darauf, es zu lesen. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Ein glückliches Dankeschön …

… an Gerd, der mich mit Wilhelm Genazinos Das Glück in glücksfernen Zeiten überraschte. Das Buch hat mir, glaube ich, Herr Malo in die Twitter-Timeline gespült, und als ich seinen Tweet las, dachte ich, ach stimmt, von Genazino wolltest du auch schon länger was lesen. Buch auf den Wunschzettel gepackt – und schon habe ich es in den Händen. Schon toll, dieses Internet. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Über das Wesen der Kunst

„Ungewiß, ob Kunst überhaupt noch möglich sei; ob sie, nach ihrer vollkommenen Emanzipation, nicht ihre Voraussetzungen sich abgegraben und verloren habe. Die Frage entzündet sich an dem, was sie einmal war. Kunstwerke begeben sich hinaus aus der empirischen Welt und bringen eine dieser entgegengesetzte eigenen Wesens hervor, so als ob auch diese ein Seiendes wäre. Damit tendieren sie a priori, mögen sie noch so tragisch sich aufführen, zur Affirmation. Die Clichés von dem versöhnenden Abglanz, der von der Kunst über die Realität sich verbreite, sind widerlich nicht nur, weil sie den empathischen Begriff von Kunst durch deren bourgeoise Zurüstung parodieren und sie unter die trostspendenden Sonntagsveranstaltungen einreihen. Sie rühren an die Wunde der Kunst selber. Durch ihre unvermeidliche Lossage von der Theologie, vom ungeschmälerten Anspruch auf die Wahrheit der Erlösung, eine Säkularisierung, ohne welche Kunst nie sich entfaltet hätte, verdammt sie sich dazu, dem Seienden und Bestehenden einen Zuspruch zu spenden, der, bar der Hoffnung auf ein Anderes, den Bann dessen verstärkt, wovon die Autonomie der Kunst sich befreien möchte. Solchen Zuspruchs ist das Autonomieprinzip selbst verdächtig: indem es sich vermißt, Totalität aus sich zu setzen, ein Rundes, in sich Geschlossenes, überträgt dies Bild sich auf die Welt, in der Kunst sich befindet und die diese zeitigt. Vermöge ihre Absage an die Empirie – und die ist in ihrem Begriff, kein bloßes escape, ist ein ihr immanentes Gesetz – sanktioniert sie deren Vormacht. Helmut Kuhn hat in einer Abhandlung, zum Ruhm der Kunst, dieser attestiert, ein jedes ihrer Werke sei Lobpreisung (1). Seine These wäre wahr, wenn sie kritisch wäre. Angesichts dessen, wozu die Realität sich auswuchs, ist das affirmative Wesen der Kunst, ihr unausweichlich, zum Unerträglichen geworden. Sie muß gegen das sich wenden, was ihren eigenen Begriff ausmacht, und wird dadurch ungewiß bis in die innerste Fiber hinein. Nicht jedoch ist sie durch ihre abstrakte Negation abzufertigen. Indem sie angreift, was die gesamte Tradition hindurch als ihre Grundschicht garantiert dünkte, verändert sie sich qualitativ, wird ihrerseits zu einem Anderen. Sie vermag es, weil sie die Zeiten hindurch vermöge ihrer Form ebenso gegen das bloß Daseiende, Bestehende sich wendete, wie als Formung der Elemente des Bestehendem diesem zu Hilfe kam. So wenig ist sie auf die generelle Formel des Trostes zu bringen wie auf die von dessen Gegenteil.

(1) Vgl. Helmut Kuhn, Schriften zur Ästhetik, München 1966, S. 236 ff.“

Adorno, Theodor W., Ästhetische Theorie, S. 10/11, in: Tiedemann, Rolf (Hrsg.), Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, Band 7, Frankfurt am Main 2003.

Ein violettes Dankeschön …

… an Sasse, die mir ein bisschen Post aus der Redaktion zukommen ließ. Hach! Im Heft ist unter anderem ein Foto zu sehen, auf dem Herr Gomez vor der Stadtsilhouette von Florenz steht. Herr Fiebrig wies mich vor einiger Zeit auch schon auf dieses Bild (das untere) hin, bei dem ich sofort dachte, ach guck, die Domkuppel von Brunelleschi. Best of both worlds. Vielen Dank für die Überraschung, ich habe mich sehr gefreut.

Kokosmöhren mit Garam Masala

Wieder eins von den Schnell-und-lecker-Rezepten. Ohne große Einleitung. Jetzt kochen – in 20 Minuten essen.

Für zwei Personen

500 g Möhren (das sind vier bis fünf) in Scheiben schneiden. In einem Topf
2 El Öl (bei mir Sonnenblumen-, kein Olivenöl) erhitzen, die Möhren darin mit
1/2 TL Chiliflocken,
1/2 TL Kurkuma und
1 TL Garam Masala für drei Minuten anbraten.
1 gestr. EL braunen Zucker darüberstreuen und schmelzen lassen, dann mit
200 ml Kokosmilch ablöschen. Alles für acht bis zehn Minuten köcheln lassen, bis die Möhren weich sind. Bei mir waren es höchstens fünf, ich mag es, wenn Möhren noch Biss haben. Mit
Salz und
Zitronensaft abschmecken. Wer mag, streut noch
30 g Cashewkerne rüber (mochte ich grad nicht) und serviert
Reis dazu (mochte ich).

Link vom 13. September 2013

The End of Kindness: Weev and the Cult of the Angry Young Man

„We wanted an internet free from oversight, an environment where ideas could be exchanged freely. In many important ways, the web has achieved that idyllic vision. Individuals have the ability to communicate with large audiences, a power that in the past belonged only to media tycoons and governments. A lack of gatekeepers means frictionless communication, but it also means the quality of that communication can’t be controlled. And too often on the internet today, no consequence means no class. The internet experience is being degraded by those bent on settling scores, intimidating enemies, or simply silencing those with whom they disagree. The social networks say they’re powerless to stop it. Police say they’re overwhelmed. For these reasons, many people find the web a hostile and dangerous environment. (…)

While minorities and homosexuals are often targeted, experts say no group is more abused online than women.

Danielle Citron, a law professor at the University of Maryland, lays out some of the numbers in her upcoming book, Hatred 3.0. Citron writes that the US National Violence Against Women Survey reports 60 percent of cyberstalking victims are women. A group called Working to Halt Online Abuse studied 3,787 cases of cyberharassment, and found that 72.5 percent were female, 22.5 percent were male and 5 percent unknown. A study of Internet Relay Chat showed male users receive only four abusive or threatening messages for every 100 received by women.“

Heute gibt’s nur einen Link, denn der reicht, um den Tag zu versauen. Via @JulianeLeopold, die gestern bei der Zeit-Debatte um das Steinbrück-Titelbild auch wieder ihren Teil der angry young men abgekriegt hat.

Ein Kommentar zum Tweet von Lenz Jacobsen, der das ganze Problem wunderbar zusammenfasst: „”If it’s too hot in the kitchen, get out!” Harry Truman“

Und dann auch noch falsch zitiert. Respekt, Arschloch.

Links vom 12. September 2013

Germany’s Conspicuous Silence

Die New York Times schreibt über das erfolgreiche Deutschland, das aber nur deswegen so erfolgreich ist, weil es aus seiner Geschichte gelernt hat.

„Nobody sees a resolution of the euro crisis without a decisive German role. Even Poland, which paid the highest price for German might, has called Germany Europe’s “indispensable nation.”

Time then for a reality check: Germany will not lead. The very word for leadership — “führung” — is problematic through historical association. The nation’s institutional architecture — a sprawl of counterbalancing federal bodies — is insurance against assertive leadership. Conventional symbols of national power, like flags or the military, leave modern Germans cold. (…)

I do not know if Europeans are ready to follow German examples. I am sure Germany will not change. Outside the Wittenbergplatz subway, 80 years after Hitler’s assumption of power, I stumbled on a large sign naming a dozen places that “must never be forgotten.” Among them were Auschwitz and Buchenwald.

This is the history that precludes leadership. Germany is popular. It is admired. But it is doubtful any other nation can emulate it because the price of its immense achievements was purgatory.“

(via wirres)

Aussie Curves – Vulnerable Side

Fat-Fashion-Bloggerin Danimezza schreibt über ihren Weg zur Selbstakzentanz und wie sie andere mit ihren Bildern inspirieren will. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Das funktioniert. Es macht vieles einfacher, wenn man sich nicht alleine fühlt, sei es mit einem Gefühl oder mit einem Körper, der in den Medien nicht vorkommt, höchstens als Punchline oder abschreckendes Vorher-Bild.

„My arms aren’t the only things that attract attention, my knees do as well. The parts I’m “brave” enough to show, that others seem to feel a desperate need to hide seem to gain the most negative comments. I’ve learnt that their swift impulse to harshly educate me on how I should or shouldn’t dress has absolutely nothing to do with me but simply their self reflections and how they personally view the world as aesthetically pleasing. It doesn’t take into account my comfort, my activities or my personal preference. Please remember that comments are always subjective, they are never the rule.“

39 Things We’ll Miss About Patriarchy, Which Is Dead

Hanna Rosin schrieb auf Slate sinngemäß, was wir ollen Feministinnen denn noch wollen, wir könnten doch wählen und die Pille nehmen. Ja, genau. Wir haben das Patriarchat durchgespielt, wir können uns wieder entspannen. Wenn da nicht noch ein paar winzige Winzigkeiten wären:

„29. Creepshots.

30. Girls Gone Wild.

31. Revenge porn.

32. Honor crimes.

33. Dowry deaths.

34. Purity balls.“

Im Artikel verbergen sich Links unter diesen Schlagwörtern, dazu müsst ihr aber mal rüberklicken.

(via @JessicaValenti)

Schulessen reloaded: Es war nicht alles gut!

Herr Fiebrig hat DDR-Nahrungsmittel neu entdeckt – Schulküchentomatensauce. Ich persönlich habe mich gefreut, den Begriff „nicht-sozialistisches Wirtschaftsgebiet“ mal wieder zu lesen. Ist lange her. Man sollte auf YouTube vielleicht mal nach Sudel-Ede suchen, um sein unnachahmlich gespucktes „BRD“ wieder zu hören. Durften wir damals in der Schule nicht sagen, wir wurden auf „Westdeutschland“ oder „Bundesrepublik“ gedrillt.

„Ich habe die subtile Herausforderung von Ronny vom Kraftfuttermischwerk angenommen und mich für einen Selbstversuch zur Verfügung gestellt. Die Dose für mehr als zwei Euro (rechnet das mal in DDR-Geld um) im Supermarkt mitgenommen, zu Hause erwärmt und über die Nudeln gekippt. Optisch auf jeden Fall ETW mit ToSo (Anm. d. Red.: Eierteigwaren mit Tomatensoße). Ich habe sogar auf den Rand gekleckert, wie es nur sehr erfahrenes Küchenpersonal hinbekam.“

Der neue Blick auf München

Was Schönes aufs Auge: Münchenfotos. Mit dabei meine Lieblinge Uni und Siegestor, sogar zu verschiedenen Jahreszeiten. Und ich wusste nicht, was für ein funky Dach die Ludwigskirche hat, auf die ich immer gucke, wenn ich an der Uni-Bushaltestelle warte.

(via @dotdeguy)

Watch Jimmy Fallon’s ‘Breaking Bad’ spoof, ‘Joking Bad’

Selbsterklärend.

Links vom 11. September 2013

Elmore Leonard

Der Economist schreibt die schönsten Nachrufe der Welt (gibt’s auch als Buch), und vor einigen Tagen haben sie wieder ein kleines Meisterwerk veröffentlich. Es geht um Elmore Leonard, der Besuch von einem Herrn names Writerley bekommt.

„He knew in advance what Writerley would say. He was a peddler of any dope you wanted: prologues, adverbs, adjectives, metaphors, patois dialogue, descriptions of the weather. Even now, as he settled himself uninvited on one of the Naugahyde chairs, he was saying: The rain was falling fast outside, the sky was pelt-gray, and dark clouds were massing over the dismal city like skyscrapers about to topple.

Leonard ignored him and wrote: Another spring day in Detroit.“

Historyblogosphere – Bloggen in den Geschichtswissenschaften

Das Redaktionsblog von hypotheses weist auf ein schickes eBook hin, das zurzeit kostenlos erhältlich ist. Es ist

„das erste Buch in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft, das in einem Open Peer Review-Prozess erschienen ist. Zur Erinnerung: vom 10. Oktober bis 10. Dezember 2012 standen 18 Beiträge auf der Oldenbourg-Website zur absatzweisen Kommentierung bereit. Anschließend überarbeiteten die Autoren ihre Artikel, die dann Anfang 2013 für die redaktionelle Endbearbeitung und den Satz erneut eingereicht wurden. 13 Beiträge plus Vorwort sind in der soeben publizierten Fassung nun enthalten. Diese können weiterhin auf der Website des Verlags (jetzt De Gruyter) kommentiert werden.“

(via @Mareike König)

Varieties of disturbance – Where do Claire Danes’s volcanic performances come from?

Langes und schönes Porträt über Claire Danes, My So-Called Life und natürlich Homeland. Am meisten zum Lachen gebracht hat mich allerdings die Beschreibung einer Kostümparty:

„Danes is also an enthusiast of the costume party. “In New York, people tend to party-hop,” she said. “If they’re in a costume, they’re stuck there. It loosens them up.” For her thirtieth-birthday party, which was Easter-themed, she dressed up as thirty pieces of silver; Dancy was a severed ear; her father wore an Easter basket on his head; and Michael Cunningham, in a suit, sunglasses, and stigmata, walked around saying, “No, don’t thank me. It was nothing. I was glad to do it.”

(via @softwareherz)

Signora Moda

Ein neues Modeblog von Nathalie, die unter anderem hinter einem meiner Lieblingskochblogs Cucina Casalinga steht. Das Blog richtet sich statt an die üblichen Mittehipsterinnen an 30somethings und darüber. Mir gefällt es da drüben sehr.

In diesem Zusammenhang weise ich auch gerne auf die Liste von Texterella hin, in der sich viele Shops für Übergrößen finden lassen. Da habe selbst ich noch neue Adressen gefunden (und gleich was bestellt).

Ich liebe diesen Spot: Tolle Geschichte, gut geschnitten, hervorragende Musik, schöner Abbinder und selbst wenn man weiß, worum’s geht, will man den Spot nochmal gucken. Oder fünfmal nochmal.

Edit: Der Song ist Run Boy Run von Woodkid, die Agentur ist Jung von Matt/Alster.

Über Zufall

„(…) hier wie dort steht der Gedanke im Vordergrunde, daß so der Zufall dem Maler zu Hilfe komme. Als Ausgangspunkt dieser durch zahlreiche antike Quellen verstreuten Berichte darf wohl der Vergleich der Formen des Zufalls mit denen, die der Künstler schafft, gelten. in der Biographik der Renaissance wird diese Erscheinung in ein anderes Licht gerückt. Piero di Cosimo sei (nach Vasari IV, 134) bisweilen stehengeblieben, „um eine Wand zu betrachten, auf die Kranke gespieen hatten und schuf sich daraus Reiterschlachten, die seltsamsten Städte und die größten Landschaften, die man je sehen konnte. Ähnlich tat er es bei Wolken“. Hier also bietet das Gebilde des Zufalls dem Künstler den Anlaß, seine Phantasie zu entfalten, um in die Zufallsbildungen Getalten hineinzusehen. Man könnte vermuten, daß es sich um ein Stück persönlicher Eigenart des Piero handle, dessen Biographie in Vasaris Schilderung an absonderlichen Zügen reich ist. Aber, was uns Vasari über seine Versuche, Zufallsgebilde zu deuten, berichtet, hat in der Zeitanschauung einen festen Platz: Leonardo da Vinci hat in seinen Aufzeichnungen die Deutung nasser Flecke an den Wänden zur Übung empfohlen, um die Einbildung des Künstlers rege zu erhalten; man darf sogar die Vermutung aussprechen, daß Piero, dessen künstlerische Abhängigkeit von Leonardo gesichert ist, die Anregung zu seinem Verfahren von ihm empfangen habe (…). Die Anweisung des Leonardo steht nicht isoliert. Eine großartige Weite der Beziehung wird faßbar, wenn wir erfahren, daß der chinesische Maler Sung-Ti (11. Jahrhundert) dem Ch’ên Yung-chih den Rat gibt, ein Landschaftbild nach den Anregungen zu gestalten, die ein zerfallene Mauer seiner Phantasie nahebringt. „Dann“, sagt er, „magst Du Deinen Pinsel Deiner Phantasie folgend spielen lassen und das Ergebnis wird himmlisch, nicht menschlich sein.“ (…)

Stellt die antike Biographik die Zufallsbildung als gleichberechtigt neben das Werk des Künstlers, dem sie ein Zufall zuweilen einfügt, so soll sich für die Vorstellung eines Leonardo an ihnen Schöpferkraft und Phantasie des Künstlers schulen. Einem gleichartigen Gedanken hat Goethe vor einer bestimmten Gruppe von Zufallsbildungen, den Wolken, Ausdruck gegeben:

„Nun regt sich kühn des eignen Bildens Kraft,
Die Unbestimmtes zu Bestimmtem schafft.“
Howards Ehrengedächtnis

(Wer historische Perspektiven liebt, mag ein weiteres Glied anfügen: Was Leonardo empfiehlt, um die Schöpferkraft zu üben, hat die Experimentalpsychologie unserer Tage aufgegriffen – im Formdeutungsversuch von Zufallsgebilden nach Rorschach –, um eine menschliche Anlage zahlenmäßig faßbar und zu psychodiagnostischen Zwecken verwertbar zu machen.)“

Kris, Ernst/Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch, Frankfurt am Main 1995, S. 72/73. Die Erstausgabe des Textes erschien 1934.

„Rocky!“ — „Adrian!“ — „ROCKY!“

Möchte jemand mein Auto kaufen?

Ich fahre es seit über zwei Jahren nicht mehr – nicht weil es doof ist, sondern weil ich einfach kein Auto mehr fahre. Ich renne stattdessen in der Gegend rum, radle neuerdings oder sitze lesend im Bus. Und weil ich seit längerer Zeit gut mit dem Mantra klarkomme „Was ich ein Jahr lang nicht benutzt habe, kommt weg“, kommt das Auto jetzt halt weg. Wobei mein Herz nicht nur blutet, sondern auch noch Rotz und Wasser weint, denn ich liebe diese Karre wirklich. Deswegen hat es auch so lange gedauert, bis ich es über mich gebracht habe, diesen Eintrag online zu stellen. Der liegt nämlich seit Januar in meinen Entwürfen.

Die harten Fakten: BMW 316i, Bj. 1988, 100 PS, Katalysator, ich habe keine Ahnung, wie die Lackfarbe heißt – die Vermutungen reichen von rauchsilber über bronze zu champagnermetallic; mein bester Freund nennt es rentnergold. Das Bild zeigt ihn vor elf Jahren, als ich ihn gekauft habe; inzwischen hat er eine kleine Delle im vorderen Kotflügel, die ich immer zu faul war auszubessern. Innen besteht er aus braunen Polstern und einem schwarzen Armaturenbrett. 5-Gang-Schaltgetriebe. Wenn man sich drum kümmert, kriegt man eine grüne Plakette trotz eines stattlichen Verbrauchs von ungefähr 10 Litern Normalbenzin auf 100 km. Für Hamburg braucht man keine Plakette, daher hat der Wagen auch keine.

Kilometerstand 67.000 Kilometer (ja, 67, nicht 167), Garagenwagen, ich bin Zweitbesitzerin und der Wagen ist unfallfrei. Trotz seines Alters hat er bei mir immer ohne Schwierigkeiten TÜV bekommen; ich habe ihm direkt nach Kauf neue Bremsbeläge und im Laufe der Zeit zwei neue Batterien spendiert, sonst war nie was dran.

Wenn der Wind günstig steht, kriegt man ihn auf der Autobahn bis auf 190, richtig entspannt fährt er sich allerdings nur bis ungefähr 170. Danach hat man das Gefühl, am Ruder eines schweren Schiffs zu stehen. Das ist der Moment, in dem ich das Lied des Steuermanns aus dem Fliegenden Holländer zu singen beginne.

Das Fahrzeug eignet sich hervorragend als Meditationsraum, denn es verfügt nur über ein Radio mit vier Stationstasten. Keine Ablenkung durch iPod-Anschlüsse oder CD-Wechsler; es mag es sehr, wenn man singt (siehe oben). Zwei formschöne Türen öffnen sich in schwerer deutscher Qualität zu einem üppigen Innenraum. Der Fond lässt sich durch einfachstes Umlegen der Vordersitze bequem erreichen und bietet Platz für zwei bis drei Menschen oder Ikea-Pakete bis zu einer Länge von ungefähr 1,90 m. Wenn man lange genug schreit, kriegt man auch ein Billy-Paket rein, aber man muss wirklich lange schieben und sich auf dem Ikea-Parkplatz zum Affen machen. Dafür passen in den Kofferraum gleichzeitig ein Golfbag, ein dazu passender Trolley, eine Kiste mit dem üblichen Kram wie Abschleppseil und Starthilfekabel, das Warndreieck, der Verbandskasten, ein Benzinkanister und vier bis sechs volle Einkaufstüten.

Im Handschuhfach liegt die Bedienungsanleitung, in die, glaube ich, noch nie jemand reingeguckt hat. Weil ich ein netter Mensch bin, lasse ich noch zwei Glühbirnen drin liegen, die für die Rücklichter benutzbar sind. Die lassen sich nämlich im Gegensatz zu diesen ganzen modernen Schnickschnackautos, wo man an nix mehr rankommt, in drei Minuten selbst auswechseln.

Zwei kleine Haken hat der Traum in gold dann doch. Der erste: Der Wagen hat seit einem Jahr zwei Jahren keinen TÜV mehr und ist damit überhaupt nicht fahrbereit. Und, ich wiederhole das noch mal, er wurde seit über zwei Jahren nicht bewegt.

Der zweite Haken, der allerdings nur kosmetischer Natur ist: Er starrt vor Dreck. Ich nenne seine jetzige Farbe Kölner-Dom-dunkelgrau, denn er steht in einer großen Gemeinschaftstiefgarage, wo täglich ungefähr 200 Autos angelassen werden. Ich bin trotz allem Ekel sehr beeindruckt davon, wieviel Ruß die ganzen anderen Fahrzeuge produzieren. Ich würde bei Übergabe des Wagens Sagrotantücher reichen; waschen will ich die Karre nicht mehr, denn dann ist sie wieder hübsch und ich stelle diesen Eintrag wahrscheinlich nie online.

VB 1.200 Euro, Mail an mail ‘dings’ ankegroener ‘dings’ de. Wer ihn haben will, sollte ein stabiles Abschleppseil mitbringen, um meinen Schatz aus der Tiefgarage ziehen zu können.

Er heißt Rocky und freut sich, wenn man das BMW-Logo in der Lenkradmitte streichelt.

Kunst gucken: Gemäldegalerie Berlin

Unsere Dozierenden lassen gefühlt in jeder dritten Sitzung folgenden Text los: „Geht ins Museum, geht ins Museum, geht jede verdammte Woche in ein verdammtes Museum, verdammt noch ma!“ Okay, sie fluchen weniger und siezen uns, aber bei mir kommt diese Aussage an. Und seitdem ich gestern in der Gemäldegalerie war, weiß ich auch, warum sie so quengeln.

Rogier van der Weyden, „Junge Frau mit Flügelhaube“, 47 × 32 cm, Öl auf Eichenholz, um 1435/40, hier in riesengroß und in toller Qualität beim Google Art Project. Hier noch mehr aus der Gemäldegalerie.

Vorneweg: Meine Güte, hängt in der Gemäldegalerie tolles Zeug. Ich hätte gerne ein zweites Paar Augen und Füße gehabt, denn unter anderem die Niederländer des 16. und 17. Jahrhunderts habe ich sträflich vernachlässigt, weil ich wusste, dass noch Reynolds und Gainsborough und Poussin und Watteau und Giotto und Mantegna kommen. Da wurden van Dyck und Rubens nur kurz angeguckt, Vermeer und Rembrandt habe ich nicht mal gesehen, weil ich noch diverse Räume vor mir hatte – von denen es übrigens irre viele gibt. Man kann rechts oder links vom Eingang mit dem Rundgang anfangen, was einen zunächst in der Zeit nach vorne bringt und dann nach der Hälfte wieder zurück. Entweder man fängt mit den Deutschen und ihren goldenen Madonnen im 14./15. Jahrhundert an (hab ich gemacht) und hangelt sich dann durch die alten Niederländer des 15. Jahrhunderts (bei denen bin ich am längsten geblieben) zu den Engländern und Franzosen des 18. Jahrhunderts, um dann zeitlich wieder zurückzugehen und schließlich bei den Italienern im 13. Jahrhundert zu enden. Oder man geht andersrum. Das mache ich nächstes Mal, dann kann ich nämlich noch was sehen.

Das Bild da oben ist eines der Bilder, über die wir in meiner Lieblingsvorlesung „Altniederländische Malerei“ im letzten Semester gesprochen haben. Ich kannte das Bild schon vorher, denn bei meinem Memling-Referat im 1. Semester bin ich natürlich auch über Memlings Lehrherren van der Weyden gestolpert und habe dessen Werke immerhin mal per Bildband überflogen. Aber so richtig angeschaut habe ich sie mir anscheinend nicht, weder beim Referatvorbereiten noch in der Vorlesung im 2. Semester. Ich habe mir das Bild brav für die Klausur gemerkt, aber erst jetzt, wo ich davorstand, konnte ich es richtig würdigen. Und damit komme ich wieder zum Gequengel der Dozierenden. Totaler Allgemeinplatz, aber: Ja, Bilder sehen im Museum anders aus als im Buch in der Bibliothek. Bzw. man entdeckt an ihnen Details, die einem bisher nicht aufgefallen waren, sei es, weil die Vorlage zu klein oder zu schlecht war oder man eben einfach nicht die Muße hatte, mal länger hinzugucken.

So ist mir bei der jungen Frau natürlich schon beim ersten Blick, den ich auf sie warf, die titelgebende, aufwendig gefaltete Haube aufgefallen. Was ich bisher nicht gesehen hatte, obwohl es so deutlich ist: die kleine Nadel, die die Haube auf der rechten Kopfseite zusammenhält. Auch auf der linken Seite scheint eine zu stecken, sie ist aber verdeckt, und unterhalb des ebenfalls verdeckten Ohres ist auch eine Art Befestigung. Dass die Damen in dieser Zeit ihre Stirn rasierten, wusste ich bereits, aber erst jetzt ist mir aufgefallen, dass der obere Teil der Haube leicht durchsichtig ist; man sieht die nackte Haut der Stirn ganz leicht durch den Stoff schimmern. Und was mich völlig fasziniert hat: die harten Falten im Stoff bzw. die Stofflichkeit überhaupt. Dass das keine weich fallende Seide ist, war mir schon klar, aber erst als ich vor dem Bild stand, sah ich den rauen, widerspenstigen Stoff vor mir, in den – wie auch immer – ganz klare, scharfe Falten gezwungen wurden, um ihn zu glätten. Und die scheinen sich auch beim Tragen nicht aufzulösen, die bleiben hart und unnachgiebig. Man kann ganz deutlich die verschiedenen Lagen des Stoffes sehen, man meint fast, jeder Faser nachspüren zu können, so fein ist das grobe Gewebe gemalt. Ich mochte die Dame schon vorher – jetzt finde ich sie großartig.

Petrus Christus, „Bildnis einer jungen Frau“, 29 × 22,5 cm, Tempera und Öl auf Holz, um 1470

Das nächste Bild, bei dem ich alle quengelnden Profs im Kopf hatte, war der Monforte-Altar von Hugo van der Goes, 147 x 242 cm, Öl auf Eichenholz, um 1470 gemalt. Bei dem Bild erkannte ich zum ersten Mal die wenigen Strohhalme, die im Bildvordergrund zu Füßen der Maria auf dem Boden lagen. Hatte ich vorher nicht bemerkt. Ich konnte die minutiös gemalten Blumen rechts und links im Bild würdigen, die juwelenbesetzte Pelzhaube mit ihren feinen Härchen sowie die schwere, edle Stofflichkeit der Mäntel der Könige.

Und ich konnte die Begeisterung unseres Professors noch besser nachvollziehen. (Ich habe leider meine Notizen aus der Vorlesung in München, daher kann ich nur noch aus dem Kopf zitieren, und ich hoffe, es ist kein kompletter Blödsinn.) Ich meine mich daran zu erinnern, dass er sagte, dass dieses Bild sich in seiner Bewegung stark von den anderen alten Niederländern unterscheidet. Wenn man sich zum Vergleich mal den Johannesalter von Rogier van der Weyden von 1455 anschaut – der also gerade 15 Jahre älter ist –, wirkt der Monforte-Alter deutlich lebendiger, weniger stilisiert, fast filmisch. Wobei die Stilisierung bei van der Weyden durchaus gewollt ist. Aber van der Goes wollte eben was anderes, er wich von der jahrzehntelang erfolgreichen Formel für Adorationsaltäre ab und das kam dabei raus. Ich finde, es ist kein Wunder, dass uns dieser Altar mehr oder eher anspricht, eben weil er lebendiger ist. Man sieht fast die Handbewegung des Königs in schwarz, der gerade zum goldenen Pokal greift. Gleich werden die Männer, die rechts durch die Stalltür lugen, miteinander sprechen, gleich werden die Knappen in der Bildmitte ihren Blick von links nach rechts schweifen lassen. Und da, direkt über den Knappen, läuft ein Eichhörnchen auf dem Holzbalken, das sicherlich gleich zum Sprung ansetzt. Der Monforte-Altar fühlt sich fast wie ein Standbild aus einem Film an und unterscheidet sich damit deutlich von den älteren Altären (und durchaus auch von jüngeren).

Was sich auch erst in seiner ganzen Schönheit offenbart, wenn man selbst vor dem Bild steht, ist seine Farbigkeit. Alleine dadurch werden die zwei Menschengruppen im Vordergrund subtil, aber deutlich voneinander getrennt: die Gruppe mit Maria und dem ersten König ist in Rot- und Blautönen sowie den Mischtönen aus diesen Farben gekleidet, die beiden anderen Könige sind dunkler, erdiger, sie rücken optisch ein wenig in den Hintergrund, obwohl sie perspektivisch genauso so weit vorne im Bild stehen wie die andere Gruppe. Auch dadurch wirkt das Bild trotz seiner vielen Protagonisten ruhig und nicht überfüllt.

Und: das Licht. Guckt euch mal die rechte Hand des Königs in schwarz in Großaufnahme an (I ♥ Google). Man sieht an Marias Schatten, dass das Licht von rechts in den Stall fällt, aber besonders auffällig ist es an der Hand des Königs. Es scheint direkt auf seine Handfläche, die deutlich heller ist als der Handrücken; man sieht es gut in den Fingerzwischenräumen. Auch durch diese Lichtmodellierung wirkt die Figur lebendiger und nahbarer.

Hans Memling, „Bildnis eines Mannes“, 36,1 x 29,4 cm, Öl auf Eichenholz, um 1470/75

Ich gerate schon wieder ins Schwärmen. Kürzen wir ab: Wenn ich für die Klausur in der Vorlesung nicht nur die Maler und ihre Werke (und ab und zu ihr Entstehungsdatum), sondern auch ihre Aufbewahrungsorte gelernt hätte, hätte ich nicht dauernd innerlich „Ach, das ist auch hier?“ piepsen müssen. Ich habe mal kurz meine Folien durchgeklickt: Insgesamt habe ich hier 18 (!) Bilder gesehen, über die wir sprachen, darunter solche Schätze wie van Eycks Madonna in der Kirche, van der Goes’ Anbetung der Hirten, Gossaerts Neptun und Amphitrite, die vielen Altäre von van der Weyden und – die eine Hälfte des Ehepaarporträts, das in meinem Memling-Referat vorkam. Die andere Hälfte hängt im Louvre, und ich habe sie sehr vermisst, weil meine Augen sich so an beide zusammen gewöhnt haben.

Ich glaube, die Aufseher und Aufseherinnen haben mir irgendwann argwöhnisch hinterhergeguckt, weil ich so debil grinsend von einem bekannten Bild zum nächsten hüpfte und mich freute, meine Freunde wiederzusehen. Guckt weiter. Ich bin schnellstmöglich wieder bei euch.

(HACH!)

Ein höllisches Dankeschön …

… an Wilhelm, der mich mit Hellboy 12: The Storm and the Fury überraschte. Meine Hellboy-Ecke im Regal ist damit voll, Autor Mike Mignola hat die Serie mit diesem Band beendet. (Snif.) Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Edit: Danke an Thomas von Comicgate, der mir die wundervolle Nachricht überbrachte, dass Hellboy doch weitergeht – mit Hellboy in Hell. Und sogar wieder von Mignola selbst gezeichnet. Großartig. (Einkaufen!)

Twitter-Lieblinge August 2013

Bücher August 2013

David Wagner – Leben

Wagner wurde bereits als Jugendlicher mit einer Leberkrankheit diagnostiziert und beschreibt in seinem Buch unter anderem seine erfolgreiche Lebertransplantation. Das ganze sind Gedankensplitter, die ihm während der Krankenhausaufenthalte kommen, was sich erstmal belanglos anhört, aber in seiner Dichte eine ziemlich spannende Lektüre ergibt. Geht auch gleich gut los mit ner Menge Blut. Weiß man gleich, wo’s langgeht.

Eugen Ruge – Cabo de Gata

Den Erstling von Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts, mochte ich sehr gerne, und auch sein zweites Buch fand ich gut. Die Story ist recht klein; ein Mann verlässt Hals über Kopf seine Stadt und fährt nach Spanien, wo er schreibt, guckt, am Strand entlanggeht und sich schließlich mit einer Katze anfreundet. Es passiert recht wenig und zum Schluss würgt er der wohlmeinenden Leserin auch noch einen rein, aber ich habe das Buch sehr gern gelesen.

Katja Krauss – Macht: Geschichten von Erfolg und Scheitern

Das Buch versammelt mächtige Menschen und befragt sie zu ihrer Motivation, das zu werden, was sie geworden sind – und schließt mit dem Verlust dieser Position und dem damit verbundenen Einfluss. Schön am Buch ist, dass nicht jede Persönlichkeit einzeln drankommt, sondern dass die Kapitel nach Themen geordnet sind und man so mehrere Stimmen zu einer Grundaussage bekommt. Weniger schön bzw. eher seltsam fand ich die Auswahl einiger Menschen: dass man Politiker und Politikerinnen bzw. Wirtschaftslenker fragt, verstehe ich, aber Sportlern eine Art Macht zuzugestehen, fand ich ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Trotzdem: sehr interessant, gerne gelesen.

Simon Borowiak – Schade um den schönen Sex

Zwei Freunde verbringen Weihnachten statt im verschneiten Hamburg im runtergekommenen Teil von Nizza und treffen in ihrem genauso runtergekommenen Hotel die zwei Besitzer sowie eine kleine Familie. Ich mag den Stil von Borowiak sehr gerne, hier fand ich die Story aber eher schwach und habe zum Schluss etwas quergelesen.

Hans Sedlmayr – Verlust der Mitte

Klassiker der Kunstgeschichte. Sedlmayr hat sich entspannt durch die Nazizeit gerettet und 1948 Verlust der Mitte geschrieben, wo er ein bisschen darüber jammert, wie seelenlos die moderne Kunst sei. Wenn man die heiklen Stellen überliest bzw. mal kurz in vernünftige Thesen übersetzt, erfährt man aber doch eine Menge über die Entwicklung von Kunst und Architektur seit der französischen Revolution. Und: sehr lesbar geschrieben, muss man dem Mann ja lassen.

Werner Haftmann – Malerei im 20. Jahrhundert

Noch ein Klassiker. Haftmann beginnt bei den französischen Impressionisten und hangelt sich bis 1954, dem Erscheinungsdatum des Buchs. Sein Stil ist ziemlich unwiderstehlich, aber auf Dauer etwas anstrengend, weswegen ich das Buch nur in Häppchen lese. Doof, dass ich das oben abgebildete Exemplar bald wieder in die Hamburger Stabi zurücktragen muss; den Sedlmayr gab’s (zusätzlich zum Buch im Foto) netterweise als freies eBook.

Chris Ware – Building Stories

Ein Comic, der ein bisschen mehr ist als ein Buch – ich erwähnte es bereits. Die Einzelteile – Bücher, Flipbooks, Zeitungen – lassen sich in beliebiger Reihenfolge lesen; es ist ein bisschen, als ob man einen Episodenfilm guckt, der lustig in der Zeit vor- und zurückspringt. Wobei „lustig“ genau das falsche Wort für Wares Bücher ist, denn sie sind das genaue Gegenteil. In Building Stories geht es um eine namenlose Frau, die in ihrer Jugend malte und schrieb und sich, gefühlt plötzlich, als Ehefrau und Mutter in einem Vorort von Chicago wiederfindet, wo sie darüber nachdenkt, was mal ihre Träume waren und was aus ihnen geworden ist.

Zwei von den Einzelheften befassen sich übrigens mit einer Biene, die in ein paar Panels eines anderen Buchs vorkommt und aus dem Fenster des Hauses gescheucht wird, das der Ausgangspunkt der ganzen Geschichten ist. Ich liebe sowas.

Und das folgende Buch habe ich schon im letzten Monat gelesen, aber vergessen zu fotografieren. Genau wie in diesem Monat – das liegt daran, dass ich den Kindle so selten nutze.

Wilhelm Heinrich Wackenroder/Ludwig Tieck – Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders

Das Buch wurde sowohl in meinem Kunstgeschichts- als auch im Musikwissenschaftsstudium erwähnt, weswegen ich mir dachte, musste wohl mal lesen. Hat sich auch gelohnt, sind nämlich totale Groupieaufsätze über die italienische Renaissance und Raffael.

(Volltext hier)

Kunst gucken: Sprengelmuseum Hannover

Als übermotivierte Studentin und brave Tochter dachte ich mir, fährste doch mal wieder nach Hannover, guckst dir ein Museum an und besuchst danach Mütterchen und Väterchen. Angerufen, Pläne verkündet – und dann etwas zusammengezuckt, als Mütterchen meinte: „Ach, da komme ich doch einfach ins Museum mit! Dann kannst du mir was erklären.“

Ich überlegte noch, ob ich schüchtern einwenden sollte, dass ich nach zwei Semestern gefühlt gar nichts weiß – vor allem nichts über das 20. Jahrhundert –, merkte dann aber selbst: Nee, stimmt nicht. Ich weiß schon ne Menge. Im Vergleich zum großen Ganzen natürlich gar nichts, aber wie ich schon beim letzten Kunsthallenbesuch schrieb: Ich gucke anders. Mal sehen, ob mein Mütterchen davon profitieren könnte.

Das Sprengelmuseum kenne ich noch aus der Zeit, in der ich in Hannover gewohnte habe, aber mein letzter Besuch müsste ungefähr 20 Jahre her sein. Ich erinnerte mich aber gut an die Räume von James Turrell und deswegen ging’s dahin auch zuerst.

Mein Lieblingsraum ist einer, an dem man sich mit einer Hand an einem Handlauf festhalten sollte, mit der anderen kann man an der Wand langstreichen, und dann geht es wenige Meter im Zickzackkurs in einen völlig verdunkelten Raum. Schon im Gang wird das Licht sehr schnell von diffus zu stockfinster, bis man sich im Raum links und rechts vom Gang zu zwei Stühlen getastet hat und Platz nimmt. Und dann sitzt man da und starrt ins Nichts. Oder versucht zu starren, denn man sieht eben – nichts. So eine komplette Finsternis kenne ich sonst nicht; von irgendwoher kommt immer ein Lichtschein, sei er auch noch so schwach, aber hier ist es schlicht schwarz. Man kann die Größes des Raums nicht einschätzen, auch wenn er nicht groß sein dürfte, die Stimmen hallen nicht, wobei die Wände, wie ich hinter mir ertaste, mit Stoff bespannt sind, der Geräusche dämpfen dürfte. Der Witz an diesem Raum ist, dass die Augen sich nach einigen Minuten an die Finsternis gewöhnt haben und dann ein Licht vor dir sichtbar wird. Ich erinnerte mich an ein graues Rechteck, das ich beim letzten Besuch irgendwann ganz schwach und diffus vor mir sah. Dieses Mal sehe ich aber ein Liniengewirr, und ich weiß nicht, ob ich mich schlicht an Quatsch erinnere, sich die Installation geändert hat oder mein Gehirn meinen Augen etwas vorgaukelt. Das graue Rechteck erscheint jedenfalls nicht. Meine Mutter sieht auch Linien, aber erst, nachdem ich davon gesprochen hatte. Ich überlege kurz, mein iPhone zu zücken und die Taschenlampe anzuwerfen, will mir den Raum aber auch nicht ruinieren. Denn ich mag das Gefühl sehr gerne, mal kurz das eigene Sensorium ausgeknipst zu bekommen.

Wir tasten uns wieder aus dem Raum heraus und gehen in den nächsten, wo eine helle Installation vor einer Wand zu schweben scheint. Wenn man länger hinschaut, weiß das Gehirn nicht mehr, was Licht und was Wand ist bzw. es kann sich nicht mehr entscheiden, ob da jetzt wirklich eine Wand ist oder nur Licht. Auch sehr lustig, wobei ich diesen Raum deutlich bunter in Erinnerung hatte. Ich gehe in 20 Jahren noch mal gucken, mal sehen, was dann passiert.

Das Haus hat keinen roten Faden, an dem man sich durch die Jahrzehnte hangelt, man kann irgendwo anfangen. Wir starten mit der Kunst nach 1945. Gleich im ersten Raum hängen einige Dubuffets, die ich inzwischen erkenne, wie ich mich innerlich piepsend freue. Mein Liebling ist die La voiture princière von 1961, an der ich den Bruch zwischen Bildtitel und Bildinhalt mag. Der „fürstliche Wagen“ ist ein Renault, die Figur, die darin sitzt, scheint mir ein gut gelaunter Mensch zu sein, der unadlig zur Arbeit fährt und zum Radio mitsingt anstatt Staatsgeschäften nachzugehen. In meiner Badewanne bin ich Kapitän. Und wenn dieses Bild etwas ganz anderes aussagen soll, ist mir das gerade egal, denn zum ersten Mal überlege ich nicht, ob meine Deutung wohl richtig ist, sondern ich nehme sie so hin. Wenn ich irgendwas in den letzten zwei Semestern Kunst und Musik gelernt habe, dann: Wenn du deine Meinung belegen kannst, dann stimmt die. Und so stehe ich nicht zögerlich und fragend vor einem Bild wie früher, sondern erzähle mir selbst (und Mama), was ich sehe. Und dann passt das. Toll.

Mein zweiter Liebling in diesem Raum ist Jean-Paul Riopelles Bei Nacht (Nuitamment) von 1956. Von dem Mann hatte ich noch nie gehört, will jetzt aber dringend mehr von ihm sehen. Wie bei Bildern von van Gogh kommt einem hier die Farbe entgegen, in so dichten Lagen ist sie auf die Leinwand verteilt, man kann das Werkzeug erkennen, das zum Verteilen benutzt wurde, zum Schichten und Kanten. Aber wo bei van Gogh jeder Pinselstrich Schmerz verrät, spürt man hier Dynamik und Kraft, Vorankommen, Bewegung. Mich hinterlässt das Bild trotz seiner Spannung absolut ruhig, so als ob die laute Großstadt mit ihren Neonlichtern, Spiegelungen und Farbkonstrasten kurz angehalten wurde, um sich mir in ihrer schillernden Schönheit zu präsentieren. Sobald ich mich wegdrehe, wird sich das Bild bestimmt ändern.

Der nächste Raum gehört Horst Antes. Hier hängen mehrere Figuren von ihm, die mir in ihrer schlichten Farbigkeit und Körperlichkeit sehr gefallen. Die Google-Bildersuche spuckt, wenn ich richtig geguckt habe, kein einziges der Bilder aus, die hier hängen – sie haben weniger Konturen, sind flächiger, weniger konkret als das, was man sofort mit Antes’ Namen verbindet. Die FAZ schreibt sehr schön über den Herrn, und seit dem Artikel weiß ich auch, was ich mir nächste Woche beim Spontanbesuch in Berlin angucke.

Ich entdecke die seltsamen Kompositionen von Alfred Manessier und Julius Bissier für mich, vertiefe mich in Rubernos von Emil Schumacher und kann dann mal wieder vor Mama ein bisschen Wissen heucheln, indem ich ihr das Blau von Yves Klein zeige. An seinem Werk Victoire de Samothrace von 1962 kann ich auch gleichzeitig mein bisheriges Wissen über Denkmäler abrufen und ihr erklären, was die Siegesdame alles nicht ist.

Im gleichen Raum wie Klein stehen auch einige Werke von Niki de Saint Phalle, die man als Hannoveranerin natürlich durch die Nanas kennt. So gerne ich diese Skulpturen mag – sonst kann ich mit ihrem Werk eher weniger anfangen. Auch wenn ich ihr Selbstporträt mit den Haaren aus Kaffeebohnen durchaus charmant fand. Neben de Saint Phalle ist hier aber auch einiges von Dieter Roth zu bewundern, den ich persönlich lieber mag. An seiner Ersten Kubistischen Geige von 1984/1988 kann ich Mama ein bisschen was über den Kubismus erzählen, kriege den Bogen (Bogen, haha) zum Roth’schen Werk aber nur durch die Farbigkeit hin. Im Geigenkasten liegt ein Foto eines kubistischen Bilds (ich habe mir nicht gemerkt, welches), das genau in den Farben gestaltet ist, mit denen Roth seine Geige verziert.

Nach ein bisschen Pop-Art von Warhol (Flash), Lichtenstein (Two Paintings/Alien) und Lindner (New York City III) kommen dann die ersten Installationen, unter anderem von Nauman und Franz Erhard Walther, dessen Mit sieben Stellen und Mantel mich sehr beeindruckt hat. Es besteht aus einem beigefarbenen Stoffhintergrund, auf dem sich weitere Stoffbahnen befinden. Ein Mantel aus dem gleichen Stoff deutet eine durchschnittliche menschliche Größe an. Orangefarbene, grüne, braune und rote Stoffteile umschließen Raumteile oder zeigen Verläufe von Raum auf, zwischen ihnen kann man imaginäre Linien ziehen und sich das Werk so erschließen. 18 Zeichnungen verdeutlichen die Gedankengänge, die hinter dem massiven Werk stecken, aber sie sind keine Gebrauchsanweisung. Es ist ein Spiel mit Größe und Körperlichkeit, mit Maßstäben und Erwartungen. (Oder was ganz anderes, aber das war’s für mich.) Wie ich schon bei Beuys im Lenbachhaus in München überrascht gemerkt habe: Die moderne Kunst hat sich an mich rangewanzt, und ich kann soviele Raffael-Bücher kaufen wie ich will, ich kann mich nicht mehr wehren.

Aber ein bisschen in die Vergangenheit darf ich schon noch schweifen, denn im Sprengelmuseum hängen auch die Neue Sachlichkeit, ein bisschen Kubismus und Futurismus und direkt dahinter (oder davor, je nachdem von wo man kommt) meine Lieblinge von der Brücke.

In der Neuen Sachlichkeit sind mir erstmals Grethe Jürgens und Ernst Thoms aufgefallen. Zwei Räume weiter konnte ich dann wirklich mal was erklären anstatt nur rumzumeinen, denn dort hängen ein paar Picassos gegenüber von Boccionis A strada entra nella casa von 1911. Das ist dort wirklich bilderbuchmäßig und man kann prima die Unterschiede dieser beiden Stilrichtungen erörtern und warum Bilder, die zur gleichen Zeit entstanden sind, so unterschiedlich aussehen.

Noch ein Raum für Picasso, durch den ich zugegebenermaßen etwas durchgesprintet bin, denn ich konnte langsam nichts mehr sehen. Den armen Emil Nolde habe ich auch nur gestreift, aber dafür konnte ich dann etwas länger bei meinem Liebling Kirchner rumstehen, der sich seinen Raum natürlich mit den Brücke-Kumpels Müller und Schmidt-Rottluff teilt, genau wie in der Hamburger Kunsthalle. Lustigerweise gefielen mir hier die Schmidt-Rottluffs besser als in Hamburg, während Herr Kirchner mich etwas underwhelmte. Aber im nächsten Raum konnte ich mich zum Ausgleich über diverse von Jawlenskys freuen. Mama freute sich über Macke und Marc (mal wieder Pferde. Ich kann diese Pferde nicht mehr sehen), während ich endlich die Klappe halten konnte.

Ich habe mich darüber gefreut, dass ich doch schon mehr wusste als ich dachte, aber ich habe auch gemerkt, dass ich lieber alleine in Museen rumlaufe. Kein schlechtes Gewissen, weil man statt drei Minuten fünfzehn vor einem Werk stehenbleiben will (die Zeit hätte ich mir gerne bei Riopelle und Walther gegönnt), und auch keins, weil man an manchen Bildern einfach vorbeirennt. Wenn ich alleine gewesen wäre, wäre ich kurz zum Kaffeetrinken rausgegangen, hätte meine Füße in den Maschsee gehalten und dann doch eine zweite Runde gedreht bzw. mir den Rest angeguckt, den wir dieses Mal nicht geschafft haben. So ist mir erst beim Rausgehen aufgefallen, dass ich den Merzbau gar nicht gesehen habe, in den ich als Kind sogar noch reinklettern durfte. Ich habe dieses Mal auch gemerkt, dass ich die Sache ernster nehme als sonst. Wo ich sonst einfach nur gucke, um meine innere Bildersammlung laaaangsam zu ergänzen, habe ich dieses Mal an vielen Bildern versucht, als angehende Kunsthistorikerin draufzugucken – also so, als ob ich ein Referat halten oder eine Hausarbeit schreiben muss. Ich erzähle mir in allen Einzelheiten, was ich sehe, welche Farben, in welcher Anordnung, in welchem Auftrag, wo sehe ich Konturen, wo erschließen sich mir Zusammenhänge, welche inneren Dynamiken spüre ich bzw. wo kann ich sie am Bild nachvollziehen, so dass aus ihnen mehr wird als nur ein diffuses Gefühl. Ich versuche, ein Bild zu erkennen und es nicht einfach so hinzunehmen. Und das kostet halt Zeit, und es ist ein bisschen anstrengend. Aber – natürlich – auch ganz großartig.

PS: Dieser Eintrag ist so bilderarm, weil man ü-ber-haupt nicht fotografieren durfte. Direkt hinter der Kasse hängt schon ein Riesenschild, das von Copyright redet und dass man in die Hölle kommt, wenn. Also habe ich, wie immer, nur die Schilder fotografiert, auf denen die KünstlerInnennamen und die Werkdaten stehen, weil ich zu faul bin, mir das aufzuschreiben. Aber: Selbst das darf man nicht. Als ich darüber quengelig twitterte, kam von @ishtar noch die Krönung: „Geht noch besser. Im Haus von Georgia O’Keeffe ist auch Zeichnen und handschriftliche Notizen machen untersagt.“ Pffft.