Tagebuch 19./20. September 2015 – Besuch

Den Vormittag des 19. verbrachte ich damit, die Wohnung halbwegs besuchsfertig zu machen. Das heißt, ich gab irgendwann auf, die Küche vernünftig zu organisieren oder das Expedit im Flur sinnvoll zu befüllen, sondern warf alles, was noch rumlag, einfach in Körbe und Kästen, damit alles oberflächlich aufgeräumt wirkt. Den Wiesn-Anstich um 12 Uhr verpasst, weil ich mit Badputzen beschäftigt war.

Am frühen Nachmittag den Hamburgbesuch vom Bahnhof abgeholt. Die Vertrachtung der Stadt ging erstaunlich schnell vor sich.

Abends mit dem Besuch antizyklisch Raclette gemacht (da wusste ich immerhin, wo das Set steht), danach zu F. gegangen, um uns durch seine Whiskys zu trinken. Ich gab bereits nach zwei Schlucken auf, der Besuch hielt länger durch und ging irgendwann zu mir nach Hause, während ich bei F. übernachtete. Nach mehreren viel zu kurzen Nächten aufgrund von nervöser Schlaflosigkeit endlich mal wieder tief und entspannt geschlafen.

Am Sonntag morgen auf dem Weg nach Hause Croissants und Brezn besorgt. Nach dem Frühstück radelten der Besuch und ich meine Münchner Lieblingsplätze ab, ich konnte wie immer auf die verschiedenen Säulenordnungen auf dem Königsplatz hinweisen, zeigte die nach dem Zweiten Weltkrieg genial restaurierte Alte Pinakothek – und vergaß dann völlig den Trachtenumzug zum Oktoberfest, weswegen wir natürlich nicht auf die Ludwigstraße radeln konnten, wo ich noch mit der Stabi protzen wollte.

Stattdessen Spaziergang über den Alten Nordfriedhof gemacht.

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Ab 17 Uhr hatte F. einen Tisch auf der Oidn Wiesn, und für den Hamburgbesuch war auch noch Platz. Wir schlenderten zunächst über den Rest der Theresienwiese, wo ich alles nacherzählte, was Herr probek mir vor vier Jahren erzählt hatte, als ich zum ersten Mal auf der Wiesn war.

Auf der Oidn Wiesn gab’s dann endlich die erste Oktoberfestmaß 2015.

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Und knapp fünf Stunden später bekam ich ein Lebkuchenherz.

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Tagebuch 18. September 2015 – Aus 3 mach 17

Das Tolle an einem Umzug ist, dass man eine leere Wohnung vollstellen kann. Das Doofe an meinem Umzug war, dass ich das zwar im Wohn-/Schlafzimmer machen konnte – da stand außer Bett, Expedit und einem Sessel auch nix drin und das ist jetzt alles im Keller –, in der Küche aber nicht. Da koche ich schließlich seit drei Jahren und hatte mir dafür logischerweise eine gewisse Ausstattung zugelegt. Und zu dieser Ausstattung (3 Töpfe) kam jetzt mein ganzer Hamburg-Kram (17 Töpfe). Okay, die 3 und die 17 sind wild geschätzt, aber so schien es mir.

Natürlich passen nicht alle Töpfe und Pfannen, die ich jetzt habe, in die Schublade, in der bisher alle Pfannen und Töpfe prima reinpassten. Natürlich habe ich auf einmal viel zu viele Tupperdosen, Tischläufer, Kerzenhalter (wieso habe ich so viele Kerzenhalter? Ich habe doch schon kiloweise weggeschmissen?), Kuchenformen, Schüsseln und Messer.

Daher sortiere ich seit drei Tagen meinen Kücheninhalt von einer Seite auf die andere, räume Zeug in Körbe, räume es auf verschiedene Regalbretter, schmeiße Zeug weg, räume Körbe wieder aus und deren Inhalt auf andere freie Regalbretter und dann fange ich wieder von vorne an. Irgendwie passt das alles noch nicht. Und ausgerechnet jetzt bekomme ich Besuch aus Hamburg, der eventuell bekocht werden will. Wenn ich Glück habe, finde ich Brot und Käse wieder, ansonsten bestellen wir vier Tage Pizza. Wobei: Am Sonntag haben wir einen Tisch auf der Oidn Wiesn, da bleibt die Küche eh kalt. (Vorfreude!)

Im Flur hängen jetzt wieder die Fotos meiner FreundInnen und Verwandten, die ich in Hamburg im Schlafzimmer hängen hatte, und das gefällt mir sehr gut. In der Küche hängen zwei Gemälde, die bisher im Wohnzimmer hingen, aber das gefällt mir irgendwie nicht. Hm. Mal gucken, was wir mit dem Bildprogramm in der Küche machen.

Leere Umzugskisten in den Keller geschleppt, mehrere Tüten Müll verklappt, 15 Kochbücher in die hauseigene „Zu verschenken“-Ecke gepackt. Abends von einer Freundin zu Ikea chauffiert worden, um zwei Wandregale und vier Körbe zu kaufen, damit ich noch mehr Zeug in der Küche hin- und herräumen kann. Zum Abendessen Brot und Käse.

Tagebuch 17. September 2015 – Zwischenstopp

Ich hatte morgens einen Termin bei meiner Hausärztin, der eigentlich nur ein normaler Kontrollbesuch werden sollte, dann aber etwas ausartete. Plötzlich war die Rede von Krankheiten, die ich ganz dringend nicht haben wollte, und mir wurde Blut abgenommen, was bis auf meine unsichtbaren Venen nicht so schlimm ist, aber danach ist mein Kreislauf gerne memmig, und so war es auch gestern. Zur körperlichen Schlappheit kam die Nervosität durch die medizinischen Vermutungen, die Traurigkeit darüber, dass F. gerade nicht da ist, um mich mit sonorer Stimme zu beruhigen, und als ich eh schon angeknockt auf dem Sofa lag, kam alles hoch, wozu ich in den letzten Tagen keine Zeit hatte, weil ich schließlich ein Bücherregal zu befüllen hatte.

Ich war schon beim Kisteneinpacken in der letzten Woche nah am Wasser. Beim Umzug habe ich in Etappen den ganzen Montag verheult – morgens beim Abschied vom Kerl, vormittags während die Umzugsjungs das Wohnzimmer leerräumten, nachmittags auf dem Weg zum Flughafen Hamburg, abends in der S-Bahn vom Flughafen in Richtung Maxvorstadt und dann nochmal spätabends bei F., als ich endlich zur Ruhe gekommen war. Es war ein Abschied auf Raten, denn der Kerl und ich haben uns schließlich schon im März getrennt und ich unternahm mehrere Versuche, einen Strich unter Hamburg zu kriegen, aber erst in dem Moment, wo der Möbellaster unten stand, wurde mir so richtig klar, dass es das jetzt war.

Dienstag überwog dann die Vorfreude darauf, dass endlich mein ganzes persönliches Zeug in München ankommt. Die Münchner Wohnung hat sich nie so richtig wie ein Zuhause angefühlt, sondern immer wie ein Ferien-Appartement. Auch, weil mein Studium mir wie Ferien vorkommt (ich schrieb darüber). Jetzt packte ich meine Lieblingsvasen aus, meine Lieblingskaffeetasse, die Knoblauch- und die Zitronenpresse, die ich in Hamburg in viel tolleren Versionen hatte als hier, weswegen ich endlich die M-Versionen wegschmeißen konnte, die Zweierbettwäsche (ich hatte nach M nur Singleversionen mitgenommen) und eben meine ganzen Bücher.

Da mir das Wohlfühlen in der eigenen Wohnung sehr wichtig ist, begann ich direkt nach dem Ausladen durch die Jungs, Regale aufzubauen und sie einzuräumen. Innerhalb von anderthalb Tagen waren alle Kisten leer und mein Wohn-/Schlafzimmer sieht bis auf winzige Details schon so aus, wie ich es haben will. Ich habe es Mittwochabend sehr genossen, alleine auf meiner Riesencouch zu lümmeln, eine Flasche Le 7 zu leeren und mich rundum zuhause zu fühlen. Ja, Küche und Bad sehen noch sehr chaotisch aus, aber ich habe schon eine kleine Oase aus Büchern und gemütlichen Sitzgelegenheiten. Mehr brauche ich eigentlich gar nicht.

Den Schwung vom Dienstag und Mittwoch wollte ich gestern eigentlich mitnehmen, um den Rest der Wohnung fertigzukriegen. Nach dem Arzttermin reichte es aber nur noch zum Gang in den Feinkost- und in den Blumenladen, denn gutes Essen und Blumen retten immer den Tag. Das hat gestern nicht ganz funktioniert. Ich konnte und irgendwann wollte ich mich nicht mehr aufraffen. Ich wollte nur hier liegen und an die Decke gucken. Nicht an Hamburg denken, nicht an den Kerl, nicht an F., der meinen Trennungsschmerz uneifersüchtig und liebevoll begleitet, dann doch an F., weil ich mich gerne in ihn verkrochen hätte, nicht an die noch fehlende Studienplatzzusage und vor allen Dingen nicht an die wilden Vermutungen meiner Ärztin. Nicht mal ein paar Folgen Friends konnten mich aufheitern; die Serie steckt leider doch voller schlimmer Geschlechterklischees, was mir erst mit dem Abstand von 20 Jahren (und viel Internetlektüre) klargeworden ist.

Ich habe den Tag schließlich verstreichen lassen. Mir noch das gute Essen gegönnt, Fußball geguckt und darauf gewartet, dass der Tag einfach vorbeigeht.

Tagebuch 16. September 2015 –
Eine Wand voller Bücher (I’m in love)

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Dienstag nachmittag. Kleine Pause beim Ausräumen von über 50 Kisten.

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Mittwoch morgen. Mein geliebtes Metalltablett ist jetzt endlich hier. Ich nutze es für mein erstes Frühstück in der gefühlt neuen Wohnung. Neben mir die noch eingepackte, kopfstehende Luise, die hoffentlich am Wochenende ihren Platz an der Wand kriegt.

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Mittwoch, gegen 13 Uhr. Ich sage mir zum hundertsten Mal das Alphabet auf, weil ich nie weiß, wann welcher Buchstabe kommt. Daher muss ich auch dauernd komplette Regalbretter eins rauf oder eins runter räumen, weil zwischen M und O total überraschend noch N kommt.

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Mittwoch, gegen 18 Uhr. Alle Bücher sind eingeräumt, und alle, die nicht hier im Regal stehen, stehen in der Küche, weil sie Kochbücher sind, oder liegen in Einkaufstüten im Flur und werden in den nächsten Tagen verklappt, weil ich schlicht keinen Platz mehr für sie habe – weder im Regal noch im Herzen. (Hier Geigenmusik in moll vorstellen.)

Heute wird aus dem Krisengebiet nebenan hoffentlich eine Küche. Es ist übrigens alles heil angekommen, auch Omis Teeservice, meine geliebte dünnwandige Wasserkaraffe aus der DDR, die so super zu den rauchgrauen Ikea-Wassergläsern passt, und der teure Wein. Ich freue mich sehr und empfehle mal eben meine tollen Umzugsjungs weiter.

Tagebuch 15. September 2015 – Coming home (with a lot of stuff)

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Tagebuch 14. September 2015 – Going, going, gone

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Tagebuch 13. September 2015 – Abschied

Der letzte Tag in Hamburg.

Da ich Freitag den Akkuschrauber nicht aufgeladen hatte, musste ich das Samstag erledigen und konnte so am Sonntag noch bequem ein Wandregal abmontieren sowie die letzten Schrauben aus den Billy-Aufsätzen klauben. Den Christbaumständer und das Racletteset (überlebenswichtige Gegenstände!) in einer blauen Ikea-Tüte verstaut, weil sie in keine Kiste passten. Die letzten Weine eingewickelt, um sie zu verschenken. Einen Zettel an die Tür geklebt, auf dem FAHRRAD! steht, damit ich bloß nicht vergesse, eben dieses aus dem Fahrradhäuschen zu hieven, damit die starken Jungs es in den Umzugslaster laden. Die letzten Bilder abgehängt und eingepackt.

Mich abends mit zwei liebenswerten Damen weinselig von Hamburg losgesagt. Im Laufe des Abends gemerkt, dass ich jetzt wirklich durch bin. Die Abschiede der letzten Tage haben an mir genagt, aber ich freue mich, dass alle Menschen, die ich noch mal sehen wollte, für mich Zeit hatten.

Ich geh dann jetzt.

Tagebuch 12. September 2015 – #12von12

Das waren gestern recht monothematische 12 von 12.

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Einer der eher unspektakulären Ausblicke aus unserem Wohnzimmer. Es war das vorvorletzte Mal, das ich in Hamburg aufwachte. Ich schlafe derzeit auf meinem geliebten Riesensofa, das vermutlich in München die Hälfte meines Zimmers einnehmen wird.

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Cappuccino zum Frühstück.

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Gebloggt. Neben mir die fast schon leeren Billy-Regale, an der Schiebetür lehnt ein zusammengerollter Teppich, und dahinter stapeln sich die Kisten.

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Diese Kisten, um genau zu sein.

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Unter den Bibeln liegen politische Lexika. In die nächste Kiste kommt der Talmud, zusammen mit lauter Atlanten und Wörterbüchern, wobei ich von denen sehr viele verklappt habe. Ich gucke wirklich nie ins Bankenlexikon, auch wenn ich als Werberin viel für Finanzdienstleister geschrieben habe. Was ich gestern außerdem weggeworfen habe: Belege aus 15 Jahren Autotexterei. Viele Audi-, Mercedes- und VW-Kataloge, opulente, großformatige (und schwere) Messemittel. Hab ich digital, muss jetzt weg. Ebenfalls in die Tonne: meine ganzen Schulbücher und -Reclams. Ja, die wären leicht gewesen, aber mal ehrlich: Ich gucke dann vermutlich doch nicht mehr in meinen zerfledderten Don Carlos. Insgesamt füllten meine weggeschmissenen Bücher drei der sechs Tonnen im Müllraum. Entschuldigung, liebe Nachbarn! Kommt garantiert nicht wieder vor.

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Von einigen Werbeerinnerungen kann ich mich aber doch nicht trennen. Bei S&J bekam man nach der Probezeit den silbernen Pistolenfön, den man bei Präsentationen vor Kunden ansteckte. Das Ding ist der Grundriss der ersten Agenturräume und diente als eine Art Erkennungszeichen für uns Hansel. Wer bei S&J im Guten ging, bekam den eisernen Pistolenfön, so dass man immer zurückkehren konnte. Falls es die Agentur noch geben würde, that is.

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Den wollte ich eigentlich wegschmeißen, aber jetzt liegt er doch noch in einem meiner vielen Tagebücher, die ich natürlich nicht verklappe.

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Nach drei Tagen und 49 Kisten waren sechs Billys plus Aufsätze leer. Nein, in den Kisten sind natürlich nicht nur Bücher. Irgendwer muss das ja noch tragen. Ich allerdings nicht; ich bezahle Menschen für ihre Körperkraft und bin sehr dankbar für sie. (Sowohl für die Menschen als auch für ihre Kraft.)

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Gegen 13.30 Uhr war es dann soweit: Ich habe fertig. Das bisschen Kleinkram, die wenigen Klamotten und das Körperpflegezeug, das ich morgen und übermorgen noch brauche, landet im Koffer, den ich Montag zum Flughafen zerren werde. Im Koffer transportiere ich auch alle Regalbretthalternupsis, die ich aus den Billys gezogen habe. Hoffentlich geht mein Gepäck nicht verloren.

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Nach einer Dusche und einem Sandwich ging’s aufs Sofa zum Fußballgucken. Dabei bin ich natürlich eingeschlafen. Sorry, Bayern.

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Im vorletzten Bild zu erkennen: meine zwei leergeräumten Weinregale, die ihre neue Heimat in meinem Münchner Keller finden werden, weil ich leider keinen Platz in der Wohnung für sie habe. Ihren Inhalt habe ich aufgeteilt: Meine Lieblingsflaschen sind hoffentlich bruchfest eingepackt, der Rest wird verschenkt. Vorgestern wollte ich schon meinem besten Freund ein paar Flaschen in die Hand drücken, aber der Mann hatte unfassbarerweise keinen Rucksack und keinen Korb für seinen Gepäckträger dabei. Dann muss er sich die Weine halt abholen. Heute, Sonntag abend, sehe ich meine beiden besten Freundinnen, die natürlich auch was Hübsches in die Hand bekommen. Und Samstag schleppte ich sechs Flaschen zu meinen liebsten Kolleginnen, von denen ich mich bei Sushi und Fisch mit Tomatensalsa und Avocadocreme verabschiedete.

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Beim Nachhausekommen der zweite Heulflash des Tages. Der erste ereilte mich, als die Bücherregale leer waren. Jetzt wohne ich wirklich nicht mehr hier – hier sind keine Bücher mehr von mir.

Der zweite kam abends, als ich die Badezimmertür schloss. Unser Bad … ich stolpere seit Tagen über „unser“, wenn es um die Wohnung geht, weil es „uns“ ja nicht mehr gibt. Also noch mal: Das Bad ist innenliegend und aus welchen Gründen auch immer haben die ErbauerInnen damals eine Öffnung in die Wand gekloppt, die zur Küche geht. In einer Nachbarwohnung ist diese Öffnung mit einem Fenster temporär verschlossen, bei uns hängt ein kleines Stoffrollo davor, das man hochziehen kann, falls man mal wieder zwei Stunden gebadet hat und das Bad ein einziges Feuchtgebiet ist, das nach Sauerstoff schreit. Wenn man die Badezimmertür schließt, entsteht ein Luftzug, der das Rollo kurz anhebt und es dann wieder an die Wand drückt. Dabei dengelt die Leine, mit der man das Rollo öffnet, kurz an die Wand und der Metallpröppel am unteren Ende des Bandes erzeugt ein Geräusch. Gestern ist mir nach fast neun Jahren Zusammenwohnens aufgefallen, dass ich dieses Geräusch nur noch wenige Male hören werde, weil ich dann nicht mehr in diesem Badezimmer sein werde. Ich kann in diese Wohnung nicht mehr zurückkehren. Ich habe mich so daran gewöhnt, immer wiederzukommen, auch wenn ich so oft weggefahren oder -geflogen bin, aber jetzt ist damit Schluss. Jetzt komme ich nicht mehr wieder. Und obwohl ich das wusste und mich ängstlich, aber hoffnungsvoll auf einen neuen Lebensabschnitt freue, hat mich das gestern sehr schmerzhaft erwischt.

Tagebuch 11. September 2015 – Zerrupft

Dass es der 11. September ist – vulgo: Nine Eleven –, merkte ich erst anhand einiger Twitterbilder, zum Beispiel von der New York Times, auf denen das World Trade Center zu sehen war. Es dauerte ein paar Momente von der Frage „Wieso twittern die das World Trade Center“ bis zu „Ach stimmt“.

Weiter Kisten gepackt. Bei einem normalen Umzug, bei dem man alles einpackt, um alles woanders wieder auszupacken, knülle ich Kleidungsstücke rund um mein Lieblingsgeschirr. Fast alle Klamotten, die ich gerne anziehe, sind aber bereits in München, weswegen ich jetzt T-Shirts eingepackt habe, die ich vermutlich nie wieder tragen bzw. in München wegschmeißen werde, nur damit mein geliebtes Teeservice von Omi heil ankommt. (Ich packe für sechs Personen, die Teile für die restlichen 18 Gäste bleiben erst mal in Hamburg und landen dann beim Umzug Teil II wieder bei meinen Eltern, die deutlich mehr Platz haben als ich gerade.)

Den ganzen Tag über latent traurig gewesen. Am Donnerstag habe ich fast nur Bücher und mein eigenes Zeug eingepackt; gestern ging es in die Eingeweide der gemeinsamen Wohnung. Ich teilte das Geschirr in „meins“ und „seins“, die Töpfe und Pfannen, die Tupperdosen, die Handtücher im Bad, selbst den Inhalt unserer Medikamentenbox konnte ich aufteilen. Auf einmal sieht die Wohnung zerrupft aus, und das hat mich sehr traurig gemacht.

Abends vom besten Freund verabschiedet, mit dem ich bisher drei Wohnorte in 30 Jahren geteilt habe. Nach München wird er wohl aber nicht kommen. Ich trank einen Liter Apfelschorle, weil ich nicht in Stimmung für Wein war. Das kommt hoffentlich in nächster Zeit erstmal nicht wieder vor, dieses Nicht-in-Stimmung-für-Wein-Sein.

Mich auf der Rückfahrt im Bus gefreut, dass ich die blöde HVV-Ansagestimme bald nicht mehr hören werde. „Nächste Haltestelle: Kottwitz … straße.“ Macht mich seit Jahren wahnsinnig, diese Pause.

Tagebuch 10. September 2015 – Anke Gröner, B. A.

Mein Tag begann, wie der letzte aufgehört hatte: mit Umzugsvorbereitungen. Der freundliche Mensch der Umzugsfirma lieferte Kartons und legte für lau nicht angefordertes, aber sehr gerne gesehenes Einwickelpapier für Geschirr dazu, und ich verbrachte die Zeit bis ca. 16 Uhr damit, sowohl die Kartons als auch das Papier zu nutzen … und mich nach 24 gepackten Kartons zu fragen, wo zur Hölle bloß das ganze Zeug in München hin soll? Ich sehe mich schon Storage anmieten, in dem dann Weihnachtsdeko, selten getragene Opernklamotten und die Bildbände lagern, in die ich zwar nicht mehr reingucke, von denen ich mich aber auch nicht trennen will.

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Aus Spaß schaute ich dann mal wieder in unser LMU-Online-Tool, in dem wir unseren Notenspiegel ansehen können. Das mache ich seit dem 31. August, dem Notenschluss für die AbsolventInnen, quasi zweimal täglich, weil ich halt fucking neugierig bin und nicht auf die Mail vom Prüfungsamt warten will. Wer weiß, wann die kommt. Ich erwartete wie immer nix, aber: Da stand die Note meiner Bachelor-Arbeit, und damit sind alle ECTS-Punkte eingefahren. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben ein Studium beendet und musste darob einige wenige Zähren der Rührung vergießen.

Die Gesamtnote habe ich noch nicht, kann sie auch nicht ausrechnen (ein Kommilitone twitterte, dass das niemand könne), aber die BA-Arbeit hat eine schöne 1,3 gekriegt. Dafür, dass ich zum Schluss nicht mehr wusste, ob ich gerade totalen Quatsch fabriziere, ist das ziemlich klasse, und ich trank ein kleines Pikkolöchen auf ex.

Hier könnt ihr die Arbeit lesen.

Der Kerl und ich hatten ein gutes Gespräch. (Dieser Satz ist eine kleine Gedächtnisstütze für mich. Bitte gehen Sie weiter.)

Abends war ich im Lieblingsrestaurant mit der Lieblingshamburgerin verabredet, und Hamburg, die kleine Drecksperle, zeigte sich noch mal so richtig schön, um mir zu vermitteln, selbst schuld, dass du wegziehst, das haste jetzt davon. Keinen Blick mehr auf die Elbphilharmonie ohne Kräne, wo du jahrelang auf eben diese gucken musstest und dir immer eine unverstellte Aussicht gewünscht hast.

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Noch ein Grund mehr, ins Trific zu gehen: der schöne Blick, den man auf dem Weg vom Rödingsmarkt zum Restaurant hat. Aber das Essen hat auch was.

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Crémant mit Himbeergeist und Zitrone zur Feier des Tages.

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Schwertfischcarpaccio mit Crevettenöl.

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Der Trific-Klassiker: das Backhendl mit vier Salaten. Das musste zum Abschied noch mal sein.

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Schokoladenmousse mit Mango und Kirsche.

Tagebuch 9. September 2015 – Umzugsvorbereitung

Tagebuch 8. September 2015 – Heimweh

Als ich noch zwischen Hamburg und München pendelte, war die S-Bahn-Fahrt zum Münchner Flughafen immer Vorfreude auf zuhause, die Rückfahrt immer Vorfreude auf die Uni. Jetzt ist es nur noch eine nervige Stunde, die mich vom Boarding trennt, während die Rückfahrt Vorfreude auf zuhause ist, wie ich vorgestern nach dem Amsterdamtrip merken durfte.

Die S-Bahn- und Busfahrt vom Hamburger Flughafen in die ehemals gemeinsame Wohnung ist dagegen schon fast Tourismus. Ich komme nur noch zu Besuch, ich beschaue mir das Draußen vor dem Fenster und habe keine Bindung und kein Heimatgefühl mehr.

Bisher sind meine Wohnungen immer größer geworden, wenn ich umgezogen bin. Das ist dieses Mal anders und ich erstickte den ganzen Tag lang in ZEUG. Wenn mir jemand einen Container unters Fenster stellen würde, würde ich freudig diverse Quadratmeter Erinnerungen und ZEUG wegwerfen. Brauche ich wirklich noch die US-Flagge, die ich mir damals aus den USA mitgebracht habe? Die 30 Gesellschaftsspiele, die niemand mehr anfasst? Die Platten, die ich seit 20 Jahren nicht mehr aufgelegt habe? Die Klamotten, die seit drei Jahren hier sind und nicht in München und die ich dementsprechend wohl nicht vermisst habe? Die selbst aufgenommenen Tapes aus der Pubertät, die auch nur noch aus Sentimentalität in einer großen Kiste liegen und wahrscheinlich beim ersten Einlegen in ein Abspielgerät reißen würden? Wenn ich unbedingt The Fanatic hören will, mache ich YouTube oder Spotify an.

Vor einigen Wochen war ich schon mal hier und wollte den Umzug organisieren, aber damals hat mich das hier alles überfordert und ich habe außer fünf Tagen Rumheulen nichts gebacken gekriegt, bevor ich zurück nach München geflüchtet bin. Das war wohl der emotionale Abschied; in der Zwischenzeit habe ich anscheinend genug Abstand gewonnen und mich mit vollem Herzen für München entschieden. Der Kerl und ich gehen wie WG-Bewohner miteinander um. Wir haben uns schon so weit voneinander entfernt, dass sich unsere Gespräche wie Smalltalk anfühlen. Das macht mich einerseits traurig, aber es zeigt mir andererseits, dass die Entscheidung für die Trennung die richtige war.

Ein letztes Augustiner im Kühlschrank gefunden. Ein Foto davon per SMS an F. geschickt, der mir per fotografiertem Augustiner aus einem Lokal zurückprostete. Ich will nach Hause.

Tagebuch 7. September 2015 – Platz schaffen

Nach vier Tagen fast ständiger Zweisamkeit mal wieder im eigenen Bett geschlafen und alleine aufgewacht. Seltsam, wie schnell man sich an andere Menschen gewöhnen kann und wie schnell sie fehlen. Trotzdem schön, mal wieder so richtig Platz im Bett zu haben. Zum letzten Mal allerdings, denn im Laufe des Tages wurden aus dem Bett Einzelteile.

Tagsüber die Münchner Wohnung auf den anstehenden Umzug vorbereitet. Meine bisherigen Umzüge waren einfacher, da galt es: alles einpacken und woanders in einer leeren Wohnung auspacken. Hier steht aber schon Zeug aus drei Jahren, wenn auch recht wenig, und dazu kommt jetzt der Kram, den ich seit 40 Lebensjahren anhäufe. Gestern habe ich vieles in den Keller getragen, einiges weggeschmissen oder im Treppenhaus in die „Zu verschenken“-Ecke gelegt (eine prima Einrichtung, wie ich finde).

Abends haben F. und ich dann mein Bett auseinandergebaut und die Einzelteile ebenfalls in den Keller getragen. Meine Wohnung sieht jetzt halb bewohnt und halb leergefressen aus, ein komischer Zustand. Die Küche ist gefühlt ein bisschen zusammengeschrumpft, weil ich den Tisch zusammengeklappt und den Bürocontainer an seinen neuen Platz gerollt habe. Im Bad sieht alles aus wie immer, sehr sympathisch. Meine Abstellkammer ist deutlich leerer geworden, genau wie der Flur, aus dem Teile nun für einige Tage in der Küche stehen, damit nächste Woche die starken Jungs nicht dauernd gegen Zeug rennen, wenn sie Kisten und Möbel durch den Flur schleppen. In meinem Zimmer steht ein aufrechtes Expedit voller Bücher, die demnächst in Billys umziehen; dann kommt das Expedit in den Flur. Außerdem liegt hier noch eine einsame Matratze. Ich bekomme drei Tage nach dem Umzug Übernachtungsbesuch, was im Nachhinein vielleicht eine doofe Planung war, aber mei, man kann sich den Oktoberfesttermin ja nicht aussuchen. Und außerdem freue ich mich sehr auf den Gast.

Ab heute bin ich wieder in Hamburg, wo ich nochmal wegschmeiße oder verschenke (dazu gründe ich jetzt eine „Zu verschenken“-Ecke im Hamburger Haus) oder in Kisten packe. Ich kann immer noch nicht einschätzen, ob ich zu viel oder zu wenig mitnehme, ob alles so passt, wie ich mir das vorstelle oder ob ich in München in einer völlig zugestellten Wohnung ende. Momentan weiß ich gar nicht, wo die vielen Kisten hinsollen, die die Umziehjungs anschleppen werden, aber das sehe ich dann. Macht mich überhaupt nicht nervös, nein, nein. Ich stehe ja total auf Überraschungen und Ungeplantes.

Moment, ich muss kurz in eine Papiertüte atmen.

Weil ich kein Bett mehr habe, bei F. übernachtet und Fußball geschaut. In der zweiten Halbzeit erschöpft von allem eingeschlafen.

Tagebuch 6. September 2015 – Amsterdam, Tag 4

Amsterdam war unser erster (und hoffentlich nicht letzter) gemeinsamer Urlaub. Erst am Ende der Reise merkte ich, dass ich F. quasi die komplette Planung überlassen hatte: Wann fliegen wir los, wann zurück, was machen wir, wenn wir da sind. Einzig das Hotel kam von mir, da hatte mir eine freundliche Twitter-Followerin ein gutes Plätzchen empfohlen, nur wenige Gehminuten vom Museumplein entfernt, wo sich Rijskmuseum, Stedelijk und das Van-Gogh-Museum befinden. Wenn ich alleine geflogen wäre, hätte ich gestern entspannt ausgeschlafen, ausgiebig gefrühstückt, mich dann reisefertig gemacht und wäre zum Flughafen gerollkoffert. Stattdessen wartete noch Programm auf uns, während unsere Koffer im hoteleigenen Schränkchen außerhalb unserer Zimmer standen. Mir fehlte ein bisschen das Gefühl, eine Homebase zu haben, zu der man zurückkehren kann, aber das merkte ich eben erst gestern. Ich brauche anscheinend immer was zum Festhalten, sei es eine Person oder ein Ort.

Letztes Museum der Reise: das Van-Gogh-Museum. Ich mag van Gogh sehr gerne (wer nicht) und freute mich daher sehr, auch wenn ich gespannt war, wie ein Museum damit umgeht, dass quasi alle Bilder, die man eben so von van Gogh kennt, genau hier nicht hängen. Aber bevor mir diese Frage beantwortet wurde, standen wir erstmal eine Stunde lang in der Kassenschlange. Wir naiven Frohnaturen hatten gedacht, unsere tolle Museumkaart würde den Einlass beschleunigen, aber dem war nicht so. Die Zeit verging allerdings trotzdem angenehm schnell; wenn wir uns nicht unterhielten, versorgte uns das Museum schon draußen mit freiem WLAN, und so konnten wir lesen und twittern und überhaupt kann einem ja gar nicht langweilig werden, wenn man ein Smartphone hat. Freies WLAN gab’s übrigens in so ziemlich jeder Location, in der wir eincheckten, egal ob Museum oder Kneipe. Tach, Deutschland, du altmodische 3G-Schnecke.

Im Museum selbst kommen zuerst Gift Shop, Garderobe und die elegantesten Klos, die ich in Amsterdam gesehen habe (gerne wieder!). Dann chauffiert eine Rolltreppe einen in die eigentlichen Ausstellungsräume, die sich auf vier Ebenen befinden und chronologisch angeordnet sind. Unten begann alles mit verschiedenen Selbstporträts, an denen ich relativ schnell vorbeischlenderte. Damit war ich allerdings ziemlich alleine: Die meisten Besucher waren mit Audioguides ausgerüstet, der sie anscheinend zunächst zum allerersten Bild schickte – und da stellten sich dann auch alle an. Ernsthaft. Eine Schlange vor einem Bild, und diese Schlange zog sich dann an der Wand entlang weiter zum nächsten. Das hatte ich noch nie gesehen, fand es sehr merkwürdig – und ignorierte es total, indem ich einfach zu dem Bild ging, das ich jetzt angucken wollte und fertig. Wo sind wir denn hier.

Der erste Stock gefiel mir schon besser. Das Bauernhaus (1885) zog meine Blicke auf sich und ich besah mir genau, wo van Gogh Lichtpunkte gesetzt hatte, wo welche Brauntöne zum Einsatz kamen (und welche weiteren Töne eben nicht), wie er das Gebäude dreidimensional modellierte, was im Hintergrund passierte. Im Obergeschoss hing ein weiteres Bauernhaus (1890), so dass ich gut vergleichen konnte: Wie anders malte van Gogh nur wenige Jahre später ein sehr ähnliches Motiv, wie wenig interessierte ihn noch eine nachvollziehbare, architektonische Wiedergabe, wie anders leuchteten die Farben, wie fast egal war auf einmal der Hintergrund, weil das Wichtige eben das Hauptmotiv war. Auch eine bewusste Lichtsetzung ist kaum noch zu erkennen, viel spannender waren die Farben, die nun das Haus formten. Das gefiel mir am Museum außerordentlich gut: wie einfach man durch die chronologische Ordnung und eine kleine thematische Gliederung nachvollziehen konnte, wie van Gogh sich entwickelte.

Mit Stillleben kriegt man mich bekanntlich immer; hier gefielen mir die Zitrusfrüchte (1887) besonders gut, vielleicht weil ich vor zwei Tagen im Rijksmuseum so viele Stillleben mit Zitronen gesehen hatte und wiederum vergleichen konnte. (Das ist ja quasi die Hauptbeschäftigung der Kunstgeschichte: vergleichen.) Auch vor einem Stillleben mit Geschirr (1885) und vor einem mit Rotkohl (1887) stand ich recht lange und besah mir vor allem die Farben und die immer kräftiger werdenden Pinselstriche, die schließlich zu Farbauftrag per Palette wurden und diesen typisch pastosen, fast holzschnittartigen Stil erzeugten. Ganz anders: die vielen Zeichnungen und Studien, die mir ebenfalls gut gefielen, zum Beispiel die hier von einem jungen Mann (1884/85). Davon hätte ich gerne mehr gesehen.

Vor den etwas bekannteren Werken wie dem Zimmer in Arles (1888) oder den Mandelblüten (1890) drängten sich die Menschen genau wie vor allen anderen Bildern; es war kaum möglich, mal alleine vor einem Bild zu stehen, aber dafür, dass anscheinend alle BesucherInnen Amsterdams in dieses Museum wollen, war es doch ziemlich erträglich. Neben der Sternennacht sind die Mandelblüten mein Lieblingsbild von van Gogh, und daher wurden sie die Grundlage für mein einziges Reiseandenken.

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Die Sonnenblumen sind mir sehr egal, wie ich zugeben muss; eine Version hängt auch in der Neuen Pinakothek, aber dort mag ich den Blick auf Arles viel lieber.

Im oberen Stockwerk wies die Beschriftung auf das vermutlich letzte Werk von van Gogh hin: die Baumwurzeln (1890). Das kannte ich zugegebenermaßen noch nicht und war überrascht, wie abstrakt es schon wirkte. Mal wieder das Leben van Goghs bedauert und mich gefragt, ob es ihn glücklich gemacht hätte zu wissen, dass Menschen aus der ganzen Welt in langen Schlangen stehen, um seine Bilder sehen zu können.

Das klingt jetzt alles ganz toll, aber das van-Gogh-Museum hat mich von den vielen Museen, die wir besichtigten, am wenigsten zum Wiederkommen animiert. Es ist wunderbar aufgebaut und ich glaube, man kann viel lernen und mitnehmen, aber mich persönlich hat es eher unberührt gelassen – vielleicht weil es mir so verschult vorkam. Ich freue mich jetzt schon darauf, nochmal im Rijksmuseum durch die unendlich vielen Säle zu gehen und Dinge zu entdecken, aber hier hatte ich am Ende des Rundgangs das Gefühl, jau, passt, hamwa jesehen, reicht jetzt.

Ich ging wieder ins Erdgeschoss, wartete auf F., der sich noch oben rumtrieb, und guckte auf eine Videoinstallation, die in vielen Bildern den Einfluss van Goghs zeigte; Variationen der Sternennacht, des Zimmers, des Selbstporträts, halt alle die Bilder, die wir kennen. Erst da wurde mir klar, wie sehr van Goghs Werke zu unserem kulturellen Gedächtnis gehören und wie groß sein Einfluss nicht nur auf die Kunst, sondern auch die Populärkultur war. Das war für mich eine größere Erkenntnis als alle, die ich oben vor den Bildern gemacht hatte.

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Zum Abschluss schlenderten wir noch ein wenig durch den Skulpturengarten des Rijksmuseums und füllten die leeren Mägen mit viel Torte und heißer Schokolade, bevor wir uns wieder in eine Tram quetschten, die uns zum Bahnhof fuhr. Wir fuhren durch das alte Amsterdam, das ich nicht erbummelt hatte, weil meine Füße früher streikten als mir lieb war, was mich sehr ärgerte. Das war in Rom vor ein paar Jahren noch anders. Ja, ich bin älter geworden, aber anscheinend hat mich das ständige Radfahren meine Fußkondition gekostet. Ich brauchte mehr Pausen, was F. gutmütig mitmachte, aber für die nächste Reise werde ich trainieren. Ich habe längst nicht so viel gesehen, wie ich sehen wollte, aber im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, mal runtergekommen zu sein, die blöde Wohnsituation und das Warten auf meine BA-Note und den Studienplatz außen vor lassen zu können. (Natürlich habe ich trotzdem täglich online nachgeguckt, ob die Note oder der Platz jetzt mal da sind. Sind sie nicht.)

Mach’s gut, Amsterdam, du kleiner Schnuckel – ich komme wieder. Die Museumkaart gilt ja noch bis Anfang September 2016.

gracht

Tagebuch 5. September 2015 – Amsterdam, Tag 3

Nach dem weinseligen Festmahl gestern schliefen wir aus, womit wir jede Chance auf einen zeitigen Einlass im Van-Gogh-Museum verspielten, für den man quasi davor campieren muss. (Oder man ist schlau und bucht ein Ticket für einen bestimmten Zeitslot, aber wir hatten ja die tolle Museumkaart und dachten, ach, da stellen wir uns dann halt morgen kurz in die Schlange. Wie das ausging, kann man sich fast schon denken, aber so klug waren wir Samstag halt noch nicht.)

Nach dem Frühstück spazierten wir zum Foam, dem Fotografiemuseum in Amsterdam. Ich war ein bisschen wackelig auf den Beinen, was weniger mit Alkohol und mehr mit Kreislauf zu tun hatte, wusste aber nicht, warum die kleine Diva gerade so memmig war. Im Foam nutze ich jede Sitzgelegenheit und war nicht ganz so konzentriert, wie ich gerne gewesen wäre. Die drei Ausstellungen, die wir uns ansahen, waren netterweise aber recht schnell zu durchschreiten, und zwei gefielen mir auch sehr gut. Die dritte war für mich ein Totalausfall; die Welt braucht meiner bescheidenen Meinung keine weiteren Bilderserien mehr von sehr dünnen (doofe Formulierung, ich ändere in:) normschönen, eher unbekleideten, weißen, jungen Damen, die irgendeinen inneren und gerne auch äußeren Schmerz vor der Kamera zeigen. But that’s just me. Da gefielen mit die Auseinandersetzung mit Transsexualität von Momo Okabe oder die mit der heutigen Medienvielfalt von Anne de Vries weitaus besser.

Einmal über die Gracht rüber. Dabei gingen wir am Stadtarchiv vorbei, bei dem ich sehr stolz war, die Bauzeit ungefähr richtig geschätzt zu haben.

archiv

Es ging ins Museum van Loon – einem Privathaus auf dem 17. Jahrhundert von einem der Gründer der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Das Haus wird heute noch von den Nachfahren bewohnt und ist seit den 1970er Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich. Man durchschreitet hochherrschaftliche Räume sowie Privatgemächer, die Küche, an deren Tür steht, dass man sie bitte schließen soll, damit die Katze nicht reinkommt, sowie den Garten und das Kutschenhaus. Letzteres war leider für eine private Feier geschlossen, aber ich war auch so sehr glücklich mit den vielen Möbeln, Wandbezügen, Paneelen und natürlich Bilder über Bilder, die an den Wänden hingen. Das viele Geschirr hatte es mir angetan, das im Esszimmer auf dem Tisch eingedeckt war, genau wie die blauweißen Porzellanvasen, die oben auf einem dafür ausgelegten Schrank zur Dekoration standen. Es war ein bisschen wie gestern im Rijksmuseum, nur dass da nicht zentimeterdickes Panzerglas zwischen mir und dem Objekt war – manchmal nur ein gespanntes Seil, meist aber gar nichts. Wunderschön.

Weniger wunderschön: Mein Kreislauf drängelte zurück ins Hotel, wo ich kraftlos zwei Stündchen verdämmerte, während F. den ZERO-Katalog aus dem Stedelijk besorgte, um den wir seit zwei Tagen rumschlichen und sich noch eine Ausstellung dort ansah.

labyrinth

Gemeinsam machten wir uns dann zu einer temporären Attraktion Amsterdams auf: dem Sonnenblumenlabyrinth, mit dem das Van-Gogh-Museum seinen neuen Eingangstrakt einweihte. 125.000 Sonnenblumen waren für zwei Tage zu einem Irrgarten aufgestellt. Im Labyrinth selbst standen Fragen an Vincent an den Wänden, deren Antworten man in einer eigens dafür konzipierten App finden konnte. Es machte viel Freude, durch die Sonnenblumen zu schlendern; überall standen kleine Kisten, auf die man sich stellen konnte, um gerade so über die Blumen hinwegfotografieren zu können. Vor dem Labyrinth selbst gab es eine kleine Aussichtsplattform, und selbst wenn man sich verirrte, wurde man belohnt: Mitten drin stand ein Musiker, der ein kleines Konzert gab, und sich mit weiteren Acts den ganzen Tag über abwechselte.

sonnenblume

Und weil wir ja gestern quasi nichts gegessen hatten *hust*, gönnten wir uns zum Tagesabschluss noch die 17-gängige Rijstafel im Sama Sebo, wo wir spontan einen Tisch ergattern konnten. Gemüse in Kokosmilch oder Erdnusssauce, verschiedene Spießchen, eingelegte Gurken, Sojasprossen, Bohnen, Erdnüsse, fein gesalzen, alles mild, scharf, sauer oder würzig, zum Schluss gebackene Banane – ich mochte diese fast unendliche Vielfalt sehr gerne, wüsste aber nicht, wie man das jemals aufessen sollte.

rijstafel

Aber selbst wenn der Speise- und der Dessermagen voll sind – der Schnapsmagen kann immer noch. Mein erstes quietschsüßes Fruchtbier im Kingfisher-Café ließ mich glücklich grinsen, während F. ganz erwachsen hochprozentige Biere trank.

fruchtbier