Was schön war, Donnerstag, 6. Oktober 2016 – Bookhugging

Zur Unibibliothek gefahren und zwei Bücher abgeholt. Eins davon begann ich sofort zu lesen – ich hatte das Buch über den Kongo ja gerade beendet –, als ich mit Bus und Tram ein paar Besorgungen machen musste, bevor ich wieder aufs Sofa und unter die Decke durfte. Es nieselte ein wenig, und an jeder Haltestelle umarmte ich das Buch mit meinen weichen Jackenärmeln, damit es nicht nass wurde. Ich merkte mal wieder, wie gerne ich Bücher im Arm habe. Vermutlich eine meiner sinnlosesten Kernkompetenzen; bringt aber in meinen Augen irrwitzig viele Karmapunkte.

Tagebuch, Mittwoch, 5. Oktober 2016

Morgens in Moosburg für einen Termin gewesen, der unerwartet kurz war. Ich hatte noch Zeit, ein bisschen durch den Ort zu schlendern, sah die Mariensäule von 1890, die ich künstlerisch eher unspannend fand, aber ich mag grundsätzlich den Sternenkranz und das Sonnenlicht sah hübsch aus. Tourifoto gemacht.

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Danach ging ich zum Münster, vor dessen Tür – genauer gesagt, zehn Meter vor dessen Tür – noch eine zweite Kirche steht, was ich recht putzig fand. Das Innere des Münsters ist komplett modernisiert, die Holzdecke sieht aus, als wäre sie gerade frisch angedübelt worden, aber ich konnte mich am Kontrast zwischen Kalksteinkanzel und gotisch-barockem Altarraum erfreuen. Was weniger erfreulich war: Meine Turnschuhe quietschten auf dem Steinplattenfußboden lauter als ich sie je gehört habe. In der Kirche saß eine einzige Frau in den Bänken, die offensichtlich die Stille des Gotteshauses genießen wollte, und ich quietschte und quietschte und quietschte in einer Tour, als ich durch den Mittelgang auf den Altarraum zuging. Ich setzte mich kurz selbst in die Bänke, sprach ein kurzes Gebet, guckte dann wieder in der Gegend herum (was ich halt so mache in Kirchen) und beschloss, für den Rückweg zum Portal durchs Seitenschiff zu gehen, um die Dame etwas weniger zu stören. Ganz dumme Idee, denn dort war der Boden gefühlt noch glatter und quietschiger und ich machte noch mehr Lärm als beim Gang zum Altarraum. Entschuldigung!

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Auf der Zugfahrt nach und von Moosburg las ich endlich das Buch über die Geschichte des Kongo zuende und kann es euch sehr ans Herz legen. Das hätte ich eigentlich auch schon nach 30 Seiten gekonnt, das fängt nämlich gut an und geht dann so weiter. David van Reybrouck nutzt den simplen Kniff, uns Geschichte an Menschen näherzubringen anstatt an der großen politischen Erzählung. Die ist immer da, aber von Reybrouck pickt sich einige Akteure (und Akteurinnen!) heraus, an denen er Politik, Kultur, Ökonomie etc. im Kleinen aufzeigen kann, was das Verständnis für das Große sehr erleichtert. Manchmal überschneiden sich die Lebensläufe der Personen sogar, was für mich das Buch so gut gemacht hat. Der Autor bleibt außerdem nicht nur bei der Geschichte, sondern schweift kurz ab, zum Beispiel in den Erzabbau, die kongolesische Musik, den Bierkonsum (und damit die Geschichte von europäischen Brauereien in Afrika), er schreibt über sich verändernde Kleidung und Geschlechterordnungen, was mich zu einem weiteren Punkt bringt, der mir gefallen hat: Er spricht nicht nur über Männer, die Geschichte machen, sondern auch die Frauen. Ich kenne jetzt die erste ausgebildete Fallschirmspringerin des Kongo, Alphonsine Mosolo, Régine Mutijima, die als Direktorin einer Mädchenschule an der Nationalen Souveränen Konferenz beim Übergang der Zweiten zur Dritten Republik mitarbeitete – und leider auch viele Frauen, denen sexuelle Gewalt angetan wurde in den Kriegen, die im Kongo stattfanden. Alleine dass das Thema Vergewaltigung als Kriegsmethode nicht mal eben so im Nebensatz erwähnt wurde, sondern einen wichtigen Platz bekommt, weil es natürlich kulturelle Folgen hat, macht das Buch besonders. (Rezensionen beim Perlentaucher.)

Abends erfuhr ich vom Tod Brigitte Hamanns, was mich traurig machte. Von Hamann habe ich diverse Bücher gelesen; ihr Werk über Winifred Wagner führte zu meiner Kiefer-Wagner-Hausarbeit, und ihr Buch über Sisi hatte ich ständig im Kopf, als ich durch die Hofburg marschierte.

Was schön war, Dienstag, 4. Oktober 2016 – Nachahmer*innen

Ich habe mich darüber gefreut, dass auch andere Blogger*innen inzwischen bewusst über Dinge schreiben, die schön waren. Mequito hat hier damit angefangen und macht das inzwischen wöchentlich, ähnlich wie franziskript, die sich hier aber auch Gedanken darüber macht, wenn mal was nicht schön war. Herr Buddenbohm macht das nur ab und zu, und diese Dame hat es in „Das Gute im Leben“ umgetauft, was auch schön ist.

Was schön war, Montag, 3. Oktober 2016 – Casey gucken

Der ehemalige Mitbewohner spielte mir neulich leichtsinnigerweise ein, zwei Videos von Casey Neistat vor. Das war interessant, das Konzept, jeden Tag einen ungefähr acht- bis zehnminütigen Film über sich (Vlog) auf YouTube zu posten, fand ich auch spannend, aber das war’s dann auch. Erst nach Abgabe aller Hausarbeiten dachte ich, guckste dir doch mal sein erstes Vlog an (Film vom 25. März 2015, veröffentlicht am 26.3.). Ach, wenn ich schon da bin, auch noch sein zweites. Um es kurz zu machen: Ich habe in den letzten Tagen ein Jahr lang Casey nachgeholt, bin jetzt im März 2016 und möchte euch jetzt ebenfalls anfixen. Falls das überhaupt noch möglich ist, denn bei fünf Millionen Abonnenten bin ich vermutlich eine der letzten, die auf den Mann aufmerksam geworden ist. (Gemacht wurde.)

Das gehört auch durchaus in die „Was schön war“-Kategorie, denn gestern sah ich das erste Video, in dem seine bisher eher mäßig verlaufenden Versuche, mit Drohnen zu filmen, endlich erfolgreich verliefen. Also so, dass die Drohnenbilder eine sinnvolle Erweiterung seiner bisherigen Kameras sind. Auch das fand ich spannend: zu sehen, wie er arbeitet. Ich muss ein bisschen ausholen:

Ich gucke so gut wie nie YouTube, außer wenn ich mir visuelle Anleitungen für irgendwas holen will, was mir nach schriftlicher Erklärung nicht so klar ist (meistens sind das Koch- oder Handwerkszeugdinge, Hähnchen dressieren, mit Fondant arbeiten, Perlatoren auswechseln). Ich habe aber außer ein paar Museen nichts und niemand abonniert, weil ich schlicht lieber lese als Videos zu schauen. Das bewegte Bild gehört für mich komischerweise immer noch in die, ich nenne sie jetzt mal so, alten Medien wie Fernsehen und Kino. Musikclips sind eine Zwischenstufe, aber da ich kaum noch neue Musik höre oder sie finden will, ist das Thema für mich auch eher durch. Wenn ich Bewegtbilder sehen möchte, erwarte ich eine gewisse Qualität. Das Verwackelte von Vine oder Snapchat ist mir nach wenigen Versuchen schon sehr auf den Keks gegangen und ich habe darin auch keinen Mehrwert gefunden außer kurze Lacher bei Katzenvideos. Deswegen war es sehr ungewohnt und unerwartet für mich, dass mich ein YouTube-Kanal so faszinieren konnte.

Wenn ich nur seine ersten ein, zwei, fünf oder zehn Vlogs gesehen hätte, hätte ich vermutlich auch nicht weitergemacht, denn die suchen noch erkennbar eine Bildsprache oder ein inhaltliches Konzept. Wie bei allem: Man muss erstmal rumprobieren, bis man einen Rhythmus oder einen Modus gefunden hat, der funktioniert. Ich kannte nun aber durch den ehemaligen Mitbewohner schon ein paar filmische Ergebnisse Neistats, die mir gefallen haben – und ich wusste, dass er mit Kameras umgehen kann –, und deswegen guckte ich weiter. (Einschub: Making-of Snowboarding with the NYPD und dann den Film dazu; macht in der Guckreihenfolge durchaus Spaß und verdeutlicht, wie viel Material für die kurzen Vlogs nötig ist.)

Mir ist durch Neistat wieder klargeworden, wie faszinierend das biografische Aufzeichnen ist (auch ein Grund, warum ich es mache), mir ist aber auch klargeworden, wie selektiv wir teilen. Ich erwischte mich selbst dabei, Dinge anzunehmen, weil ich geglaubt habe, ihn und seine Familie zu kennen, was natürlich Quatsch ist. In diesem Video verabschiedet er sich von seiner Frau, die ihn in Kapstadt zum Flughafen brachte, von wo er wieder nach New York flog, dem gemeinsamen Zuhause. Ich sah dort das erste Mal, wie er Candice umarmte. Darüber hatte ich mich 300 Filme lang gewundert, dass man so selten Zärtlichkeiten zwischen den beiden sah, während er recht oft zeigt, wie er mit der gemeinsamen Tochter schmust. Und damit sind wir beim Punkt, den ich oben anriss: seine Art zu arbeiten. Neistat sagte in einem Vlog, dass er sich natürlich mit Kuss und allem von seiner Frau verabschiedet, aber sich dazu entschlossen hat, das nicht zu zeigen. Was er zeigt, ist die eher kurze, mündliche Verabschiedung, vielleicht noch ein Winken und das war’s; er nannte es „a punctuation mark for the vlog“ (ca. 5:05 min), einen Abschluss für eine Szene. Das Vlog ist nicht sein Leben, es ist (Zitat, gleiches Video wie eben) „an afterthought“, es ist ein Ausschnitt, so wie jedes Vlog, jedes Blog nur ein Ausschnitt des gezeigten Lebens sein kann. Ich fand es spannend, an mir selbst festzustellen, was ich gerne nervigen Mailschreiber*innen vorwerfe: die Annahme, mich zu kennen, weil man mein Blog liest. Ich bin in genau die gleiche Falle getappt.

Meine halbgare Entschuldigung ist natürlich die, dass Bilder noch mehr einen Eindruck verfestigen als Worte. (Die Kunsthistorikerin in mir versucht sich gerade an Grundlagentexte zu erinnern, die diesen Satz belegen könnten, aber es sind Semesterferien, mein Kopf guckt Videos.) Vielleicht liegt es auch an der Qualität der Bilder, die bei mir diesen Eindruck hinterlassen haben. Neistat hat von Anfang an sehr hochwertig produziert – vielleicht, nein, bestimmt machen andere YouTuber*innen das auch, ich habe schlicht keinen Vergleich, daher bleibe ich für diesen Beitrag bei Neistat. Er hat nicht einfach sein iPhone umgedreht und sich mit ausgestrecktem Arm gefilmt, sondern eine anständige Spiegelreflex auf einen Gorillapod geschraubt, den er so geschickt vor sich herträgt, auch auf Fahrrädern und Skateboards, dass man völlig vergisst, dass die Kamera da ist. (Edit: Nerdwriter1 hat sich mit der Art des filmischen Erzählens von Neistat auseinandergesetzt, via @ronsens.) Im Laufe der Zeit kamen diverse GoPros dazu und seit einigen Wochen (März 2016, wie gesagt) fliegen auch Drohnen durch sein Vlog. Die ersten Aufnahmen sind die zu erwartenden Testflüge, die meistens mit einem Crash enden, aber in seinem letzten Südafrikaaufenthalt kamen die ersten Bilder zustande, die eine deutlich andere Qualität hatten als seine bisherigen Bilder, die meist seinen Alltag in New York zwischen Zuhause, seiner Firma und seinem privaten Studio zeigen.

Einschub: Alleine über das Studio könnte ich seitenweise lobhudelnde Blogeinträge schreiben; es gibt so viele Details und Eckchen, die spannend sind und über die Neistat teilweise selbst kleine Filme gedreht hat. Außerdem hat das Studio eine ganz besondere intime Atmosphäre, was mir aber auch erst nach hunderten von Filmen klargeworden ist. Man kommt ihm und seiner Art zu denken, zu arbeiten, filmisch zu konzipieren recht nah. Hier ein Film über seine roten Aufbewahrungsboxen, in dem gleich zu Beginn ein winziger Kniff deutlich macht, wie sich Neistat von anderen Filmer*innen unterscheidet, die einfach nur in die Kamera quatschen oder mal eine Schrifttafel hochhalten oder einblenden. Achtet mal drauf, wie hier der Titel ins Bild kommt. Simple Idee, verbindet aber raffiniert mehrere Bildebenen miteinander. Mochte ich.

Zurück zu den Drohnen: Die Drohnenbilder machen Neistats Welt um so vieles größer. Ich mag genau diese Intimität und Vertrautheit, die aus den stets ähnlichen Bildern und Timelapses aus New York entsteht; sein Appartement, der Weg zur Arbeit, Bilder von Straßenzügen, dem Central Park, den Brücken nach Manhattan, das alles schafft eine gewisse Verortung, aber eben auch eine gewisse Enge. Bilder aus der Luft erweitern den bisher recht kleinen Eindruck, der durch die Kamerahaltung Neistats gezwungenermaßen entsteht. Meist muss er die Kamera bei sich, fast am Körper führen; oft steht sie auf einem Stativ vor ihm, wenn er direkt zur Zuschauerin spricht, gerne stellt er sie irgendwo ab und läuft an ihr vorbei, um eben doch mal den Bildausschnitt etwas größer zu kriegen. Ein Drohnenbild erweitert diesen Ausschnitt nun um ein Vielfaches und es hat mich selbst erstaunt, wie effektvoll das war. Ich weiß nicht, ob der Effekt auch funktioniert, wenn man gerade nicht 300 Filme gesehen hat, bei denen die Kamera nie weiter als 20 Meter von Neistat weg war, aber ich glaube, auch die reine Filmqualität mit der Kombi aus Bild und Ton ist hier besonders gelungen und sehenswert. Auch das ist für mich großer Punkt an Neistats Vlog: der Schnitt und die unterlegte Musik. Er nutzt sehr oft die gleichen Stücke, und in diesem, für mich so meilensteinhaften Film, kommt ein Stück zum Einsatz, das ich sehr gerne mag.

Vielleicht sollte ich den Film endlich mal verlinken: hier ist er. Er beginnt wie viele seiner Vlogs mit einem kleinen Clip, in dem er auf einen Umstand oder eine Anomalie aufmerksam macht, die ihm passiert oder die er mitbekommt; hier ist es die eher unspektakuläre Tatsache, dass er kein einziges Shirt für Südafrika eingepackt hat, aber auch das mag Neistat so sympathisch machen: dass er sich nicht dauernd als den Topchecker inszeniert, sondern auch Missgeschicke postet. Es geht weiter mit seinem üblichen Establishing Shot und der Titelsequenz, die fast immer ein Timelapse ist, über den das Datum und der Ort, an dem sich Neistat gerade befindet, eingeblendet werden.

Danach baut er seine neue Drohne zusammen. Klingt langweilig, ist aber durch den schnellen, nicht hektischen Schnitt sehenswert. Die Musik wird dafür unterbrochen und direkt danach wieder aufgenommen. Diese Art des Stoppens, der Unterbrechung des Sehflusses (gibt’s das? Ich dachte gerade an Lese- und Erzählfluss) nutzt Neistat gerne und wie ich meine, sehr effektiv. Hier ist sein Video zum einjährigen Bestehen des Vlogs, wo er diverse Titeleinblendungen clever unterbricht. Auch über dieses Video könnte ich lobhudeln, weil er nicht nur spricht, sondern zeigt, worum es ihm geht (alte Wohnorte in New York), aber ich lasse das jetzt mal. (Masterarbeitsthema? Hmmmmmmmm.)

Danach erzählt er ein bisschen, warum er und seine Frau gerade in Südafrika sind. Auch hier wieder ein kleiner Effekt: Sobald er vom täglichen Geschehen weggeht und einen kurzen Rückblick macht, wird das Bild schwarzweiß statt farbig und er blendet Emojis ein; die hätte ich nicht gebraucht, aber die scheinen gerade eine kleine Vorliebe von ihm zu sein. Dann geht’s nach draußen, wo die Drohne einen Testflug absolvieren soll. Ich gehe davon aus, dass Neistat sich bewusst diesen Ort ausgesucht hat: Anstatt auf dem Rasen des Hauses vor dem kleinen Swimmingpool zu drehen, sehen wir eine schnurgerade Straße (schöner einfarbiger Untergrund, auf dem die Drohne gut zu sehen ist), während im Hintergrund eindrucksvoll der Lion’s Head aufragt. Sobald die Drohne sich in die Luft erhebt, sehen wir Neistat sehr freudig in die Kamera lächeln – auch so ein Signature Move, der mir den Mann ganz fürchterlich sympathisch werden hat lassen. Ich nehme ihm ab, dass er sich freut und mich freut es, dass er uns daran teilhaben lässt.

Beim ersten Flug werden die Drohnenbilder teilweise mit dem Ton überdeckt, den die statische Kamera aufgezeichnet hat. Ich lasse es jetzt mal, auf alles hinzuweisen, was ich gut gemacht finde, aber auch diese Kleinigkeit wollte ich erwähnen, weil es eben den engen Eindruck des Sich-Selbst-Filmens auflöst. Die Freude, die Neistat empfindet, als die Drohne wieder bei ihm ist, kann man vermutlich nur nachvollziehen, wenn man seine ganzen Crashs gesehen hat; das könnt ihr ja nachholen. Bei 4:55 dann wieder so ein kleiner Kniff: Neistat unterbricht die Aufnahme von sich selbst mitten im Satz, weil klar ist, worum es geht; er muss nicht alles ausformulieren, die Zuschauerinnen haben schon kapiert, worauf er hinauswill, der Film wird nicht länger als er werden muss. Meine Lieblingssequenz beginnt um die Minute 6 herum, wo dann auch endlich mein Lieblingssong zu hören ist und man mal wieder Neistats Schnitttechnik bewundern kann. (Die Fußabdrücke im Sand bei 7:18! Was für eine Bildqualität!) In diesem Video sind die Drohnenaufnahmen noch nicht vollständig sinnvoll in die Handlung eingeliedert, sie sind noch Prop, aber einen Tag später auf dem Berg anstatt am Strand funktioniert das schon tadellos.

Ich breche das Fangirling hier mal ab, aber ich hoffe, ich konnte erklären, wieso ich auf einmal stundenlang vor YouTube hänge. In diesem Zusammenhang: Das Holstee-Manifest kann vermutlich schon jede*r mitsprechen, aber es gibt eine Zeile, die mich immer an dem Ding gestört hat (wie überhaupt Manifeste eh nie für alle funktionieren): „If you don’t have enough time, stop watching TV.“ Wenn du Filme oder Fernsehen machen willst, musst du erstmal wissen, wie Filme oder Fernsehen funktionieren, also musst du gucken, je mehr, desto besser. Ich habe zwar auch verinnerlicht, dass Lesen eine produktivere Tätigkeit sein soll als fernzusehen bzw. Videos anzuschauen, aber ich frage mich neuerdings, ob das wirklich so ist. Mich haben 300 Folgen Neistat dazu inspiriert, mal die Videofunktion an meinem iPhone auszuprobieren, über bewegte Bilder anstatt über statische Kunstwerke nachzudenken, mein eigenes Bloggen zu reflektieren, mich darüber zu freuen, wie viele verschiedene Möglichkeiten wir heute haben, uns auszudrücken und Dinge zu teilen – und es ist ein langer Blogeintrag dabei rumgekommen. Finde ich okay.

Was schön war, Sonntag, 2. Oktober 2016 – Wiesnausklang

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Ich habe mich gefreut, @nedfuller wiederzusehen – das letzte Treffen ist über vier Jahre her – und seine bessere Hälfte @quarkbaellchen kennenzulernen. Außerdem gehörte der ehemalige Mitbewohner zur gut gelaunten, zehnköpfigen Tischrunde, was mich ja immer freut, und natürlich F., der mir ritterlich ältere Herren vom Leib hielt und mir auf dem Heimweg noch gebrannte Mandeln kaufte. Die esse ich gerade zum Frühstück. (Leberkassemmel und Kopfschmerztablette sind schon im Magen.)

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Das Tüpfelchen auf dem I war unser Sitzplatz im Festzelt Tradition, dessen Bereiche nicht mit Nummern gekennzeichnet sind, sondern mit Namen. Wir saßen endlich mal bei Wilhelmine Reichard, der ersten Ballonfahrerin Deutschlands.

Tagebuch, Freitag/Samstag, 30. September/1. Oktober 2016

Was ich am Freitag nicht gemacht habe: mir ein neues Semesterticket zu kaufen, das ab dem 1. Oktober für sechs Monate gilt, weswegen ich am Samstag morgen von F. lieber zu Fuß nach Hause gegangen bin anstatt schwarz zu fahren.

Was ich stattdessen gemacht habe: den ganzen Tag an einem Kuchen rumgepuschelt. Das Rezept für den Mürbeiteigboden, auf den dann Lemon Curd und eine Baiserhaube kommen, klang recht simpel, aber ich habe natürlich vergessen, die ganzen Abkühlzeiten mitzukalkulieren. Daher war ich von morgens (mehr Zitronen kaufen) über mittags (Teig ruhen lassen, ausrollen, blindbacken, backen) und nachmittags (Lemon Curd anrühren, auskühlen lassen, auf den inzwischen ausgekühlten Teig kippen) bis abends (Baisermasse machen, Kuchen zusammenbauen, im Ofen bräunen lassen) beschäftigt. Im gerade noch so vorhandenen Tageslicht machte ich dann wenigstens ein in meinen Augen atmosphärisch hübsches Bild …

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… und stellte fest, dass der Kuchen gerne auseinanderfließt, wenn man es wagt, seine hübsche Haube anzuschneiden. Schmeckt aber gut, daher werde ich mich auf eine neue Rezeptsuche begeben.

Samstag räumte ich das Küchenschlachtfeld vom Freitag auf und fuhr gegen 14 Uhr ins Stadion, wo ich den FCB mal so richtig scheiße spielen sah, weswegen sie gegen Köln auch nur ein Unentschieden erreichten.

Ich schrieb vor ein paar Tagen, dass ein Stadion der einzige Ort wäre, für den ich mir Nachwuchs anschaffen würde. Das möchte ich hiermit zurückziehen. Gestern saßen ein Vater mit seinem kleinen Sohn hinter mir (keine Ahnung, wie alt der Junge war, er konnte die Zahlen an der Anzeigetafel lesen, hatte aber anscheinend noch nie ein Fußballspiel gesehen), und ich hörte 90 Minuten lang Fragen, Fragen, ein paar Feststellungen und dann noch weitere Fragen: „Wie lange dauert das Spiel? Wieso pfeifen die Leute? Wieso klatschen die jetzt? Was macht der Mann da? (Foul) Was kostet eine Karte? Da sitzen Tauben auf dem Dach! Da ist eine Kamera! DA IST NOCH EINE KAMERA! DA HÄNGT EIN BEAMER! Wieso kommt keine Zeitlupe auf dem Beamer? (Anzeigentafel) Wieso steht es 10:1, es steht doch gar nicht 10:1? (Eckenverhältnis auf der Anzeigetafel) Gewinnen die Deutschen? (Bayern) Kann ich deine Fahne mal mit in die Schule nehmen? Die Seite ist viel lauter als die andere! Was singen die da? Ich glaube, die singen „Bayern“. Was ist jetzt los? (Freistoß) Wieso geht der jetzt? (Spielerwechsel) Was ist jetzt los? (Halbzeit) Ich dachte, das geht bis 16.15? Wieso geht das bis 17.15? Was ist jetzt los? (Zwei Bälle im Spiel) uswusf“

Birnen, Bohnen und Bacon

Das Ding heißt im Original natürlich Birnen, Bohnen und Speck und ist ein dicker Eintopf, bei dem ein Speckstück mitkocht. Ich habe stattdessen das schöne Rezept aus Deutschland vegetarisch zubereitet und zwei Streifchen Bacon dazu angebraten.

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Für vier Personen.

2 Zwiebeln achteln und in einem Topf mit
4 EL Sonnenblumenöl goldbraun braten. Mit
1 l Gemüsebrühe auffüllen und noch
4 Zweige Bohnenkraut sowie
1 Lorbeerblatt dazugeben. Zweige nicht abpflücken, einfach komplett rein damit. Alles einmal aufkochen, dann
650 g festkochende Kartoffeln (das waren bei mir mittelgroße 10 Stück), in Viertel geschnitten, dazugeben und zehn Minuten abgedeckt kochen.

Währenddessen
250 g grüne Bohnen putzen, dazugeben und weitere zehn Minuten abgedeckt kochen.

Währenddessen (das ist ein sehr praktisches Rezept, man hat dauernd Zeit für Zeug)
4 kleine Birnen zu 100 g halbieren, das Kerngehäuse herausschneiden und die letzten fünf Minuten mitkochen.

1 kleine Dose weiße Bohnen (ca. 400 g) abtropfen lassen, abspülen und ganz zum Schluss rein in den Topf. Ebenfalls rein:
1 Bund Petersilie, gehackt. Alles einmal aufkochen lassen. Abschließend Bohnenkraut und Lorbeerblatt entfernen und mit Salz, schwarzem Pfeffer, 1 Prise Zucker und 1–2 TL Weißweinessig würzen.

Während alles kocht, kann man nebenbei ein paar Streifen Bacon fettfrei anbraten, auf Küchenpapier abtropfen lassen und zum Servieren dekorativ über den Eintopf legen. Oder letzteres lassen, dann ist das ganze sogar vegan.

Was schön war, Mittwoch/Donnerstag, 28./29. September 2016

Nach dem eher doofen Dienstag sorgte ich Mittwoch morgen für gute Laune, indem ich mir meine sehr gute Hausarbeit und dementsprechendes Feedback vom Dozenten abholte. Danach radelte ich zur Stabi, wo die Tagebücher von Louise Bourgeois im Abholregal auf mich warteten. Radeln und Bücher abholen ist immer gut für mein Seelenheil. Danach ging der Weg zur etwas entfernt gelegenen Packstation, wo ein Päckchen meines Lieblingsbackversands lag. (Unbezahlte Empfehlung: Die haben alles in guter Qualität und verschicken irrwitzig schnell.) Auf dem Rückweg nach Hause kaufte ich ein und schleppte dann meine Schätze nach oben in meine Wohnung.

Den Nachmittag verbrachte ich extrem entschleunigt, entweder mit einem Buch vor der Nase oder mit einem Thermometer knietief in Kuvertüre. Ich wollte endlich mal anständig Schokolade temperieren, was ich bisher aus Ungeduld noch nie hingekriegt hatte. Mittwoch gelang es mir aber endlich, ich goss sechs Schokohalbkugeln in meine soeben abgeholte Silikonform, ließ sie aushärten – und bekam alle sechs fehlerfrei aus ihren Mulden. Sieg! (HU!) Ich schmolz den Boden einer Halbkugel etwas an, was länger dauerte als ich dachte, aber egal. Dann platzierte ich sie auf einem hübschen Tellerchen, füllte sie mit Eis und Sahne und legte die zweite Halbkugel auf. Mit der einen Hand begann ich eine Videoaufnahme mit meinem iPhone (ich gucke gerade echt zu viel Casey Neistat), mit der anderen goss ich heiße Himbeersauce auf die Kugel, die nun elegant schmelzen und den Blick auf das Innere freigeben sollte. Ich goss und goss und irgendwann waren die Himbeeren alle, aber die Kugel blieb von allem unbeeindruckt. Erst als ich mit Löffel und Gabel den Brocken bearbeitete, wurde mir klar, warum auch das Anschmelzen so lange gedauert hatte: Ich hatte natürlich viel zu viel Schokolade in die Formen gegossen. War aber auch okay, so hatte ich viel zu viel Schokolade zum Essen. (Nein, das Video zeige ich euch nicht. Es ist sehr ereignislos. Hat was vom Todesstern, der den Rebellen widersteht.)

Trotzdem war ich gut gelaunt, weil es so schön entspannend gewesen war, sich mal wieder intensiv mit einem Kochvorgang zu beschäftigen. Ich machte gleich weiter und probierte ein neues Rezept aus Deutschland vegetarisch aus, meinem absoluten Lieblingskochbuch. Von Herrn Paulsen koche ich alles unbesehen nach, ich mochte schon seine Effilee-Teller und auch seine App ist für mich immer eine Inspiration. Vorgestern wurden es simple Möhrenpuffer mit Gurkensalat und sie waren gut und simpel und schmackhaft und haben mich daran erinnert, wie gut es mir tut, mich mal wieder mit meinem Essen zu beschäftigen, was ich manchmal vergesse, wenn ich traurig oder gestresst bin.

Donnerstag morgen fuhr ich in die Münchner Stadtbibliothek am Gasteig, um mir endlich einen Leseausweis ausstellen zu lassen. Ich hab ja sonst keine Leseausweise *hust* Die Dame an der Infotheke meinte nach Blick auf meinen Personalausweis, dass sie am gleichen Tag Geburtstag hätte. Das hat, glaube ich, noch niemand jemals zu mir gesagt. Schöne neue Sätze.

Die Anmeldung verlief in wenigen Minuten, dann durfte ich mir meine Lesekarte aus drei Varianten auswählen und gleich lustig ausleihen. Ungewohnt war für mich, dass ich mit dem Rucksack auf dem Rücken durch die Regale wandern durfte; in den Unibibliotheken oder der Stabi darf man nirgends mit Jacken oder Taschen rein, in denen man Bände verschwinden lassen könnte. Ich hatte mir online vorher zwei Signaturen aufgeschrieben, nach denen ich gucken wollte, beide von Graphic Novels. Eine fand ich, genau, im Graphic-Novel-Regal, den Comic über Mama Cass allerdings bei den Musiker:innenbiografien. Das fand ich spannend, dass ein Comic als Biografie durchgeht. Aus dem Graphic-Novel-Regal zog ich noch zwei weitere Bücher, die interessant aussahen und probierte zum ersten Mal den Selbsteinscannausleihvorgang aus. Hat auch nur zwei Versuche gekostet, rauszufinden, wo genau ich den Barcode hinhalten muss.

Zurück nach Hause, mit Umweg über einen Supermarkt, um dann das Abendessen vorzubereiten. Ich wollte F. mal wieder etwas bekochen und entschied mich, als Gegengewicht zum Oktoberfest, für norddeutsche Küche. Es gab Birnen, Bohnen und Speck, den ich aus Alliterationsgründen durch Bacon ersetzte. (Auch dieses Rezept – ohne den Bacon – ist aus Stevans Kochbuch.) Zum Nachtisch gab es natürlich meine geliebte Welfenspeise, die mir dieses Mal aber misslang. Der Vanillepudding war prima, aber die Weinschaumcreme wurde weder schaumig noch cremig.

Für den Pudding braucht man zwei Eiweiße. Die Eigelbe kommen dann in die Weinschaumcreme, die aber erst Stunden nach dem Pudding frisch aufgeschlagen wird, denn ein Aspekt dieses tollstes Desserts EVER ist der Kontrast zwischen dem kühlen Pudding und der warmen Creme. Normalerweise lasse ich die Eigelbe einfach in einem Schälchen rumliegen und messe erst kurz vor dem Aufschlagen Zucker und Wein ab, die zusammen mit den Eigelben über einem heißen Wasserbad aufgeschlagen werden. Gestern wollte ich mir das unsexy Abmessen vor Publikum aber ersparen und kippte schon Stunden vorher die restlichen Zutaten zu den Eigelben, verrührte sie ein bisschen und ließ sie rumstehen. Abends ließen sie sich dann partout nicht zu einer fluffigen Creme aufschlagen; es blieb bei einem gering eingedickten Sößchen, aber mehr wurde nicht daraus trotz vorbildlicher und gefühlt stundenlanger Handgelenkaktion. Geschmeckt hat’s trotzdem.

Hausarbeit zum Seminar „Kindheit und Jugend im 19. Jahrhundert“

Ich freute mich ja bereits über die 1,0 für meine Arbeit zu Festen im Bürgertum, in denen ich mich besonders mit der Rolle der Kinder sowie Geschlechterstereotypen befasse. Jetzt freue ich mich auch über das Gutachten des Dozenten. Ich zitiere auszugsweise:

„Neben ihrer Leitfrage stellt [die Verfasserin] in der Einleitung die Quellen- und Literaturgrundlage der Arbeit vor […]. Sie ordnet ihre Überlegungen umsichtig und differenziert in die Festkultur- und Bürgertumsforschung ein, ebenso bezieht sie Überlegungen der Volkskunde mit ein.“

Das mit der Volkskunde hatte mir meine geschätzte Korrekturleserin auch schon gesagt – ich weiß gar nicht, wo ich das gemacht habe. *googelt „Volkskunde“*

„[Die Verfasserin] setzt sich intensiv mit Deutungen der zugrunde gelegten Literatur auseinander, gibt Thesen wieder, formuliert eigene, die sie aus der konkreten Arbeit mit den autobiographischen Quellen gewinnt. Dies geschieht jederzeit quellenkritisch und reflektiert (Beispiele: S. 3, 8, 10, 17), stets die Leitfrage im Blick behaltend. Ihre differenzierten Ergebnisse bündelt sie im Laufe der Arbeit in Zwischenfaziten und in einer sehr guten Zusammenfassung (durch die emotionale Hinwendung zum Kind wird dieses gleichsam wichtiger Teil bürgerlicher Selbstinszenierung; die Feste folgen einer zunehmend ähnlicher werdenden Ästhetik). Die Arbeit ist formal gelungen und liegt sprachlich deutlich über dem Durchschnitt von Vertiefungskursarbeiten.“

Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Fußnoten 5, 48, 62 und 110, jedenfalls sind die in der handschriftlichen Korrektur angestrichen. „Vertiefungskurs“ stimmt bei mir nicht ganz; wenn ich im BA gewesen wäre, wäre das ein Vertiefungskurs gewesen, im MA ist es mein Grundlagenkurs, aber das ist egal. Die Bezeichnung sagt nur, dass sich das Seminar an fortgeschrittene Geschichtsstudis richtet. Auch deshalb freue ich mich darüber, dass meine sprachlichen Fähigkeiten gewürdigt werden. Im mündlichen Gespräch meinte der Dozent noch etwas in der Richtung „hat Spaß gemacht, die Arbeit zu lesen.“ Das Kompliment gab ich zurück: Es hat Spaß gemacht, die Arbeit zu schreiben, weil ich in diesem Kurs sehr viel gelernt und noch mehr mitgenommen habe.

Wer auch ein bisschen Spaß haben will: Die Arbeit steht hier.

Tagebuch, Dienstag, 27. September 2016

Was schön war: Ich konnte nach der Präsidentschaftsdebatte um halb fünf Uhr morgens schnell wieder ein- und bis 9 Uhr ausschlafen. Mein üblicher Morgencappuccino war wie immer herrlich, und ich gönnte mir weitere Lesestunden im Kongo. Zum Mittag gab es Pasta mit der vermutlich vorletzten Portion Bärlauchpesto, das ich im Frühling zubereitet hatte.

Was nicht schön war: der Rest des Tages. Nachmittags setzte ich mich an den Schreibtisch, wo Steuerkram und die KSK auf mich warteten, was mich beides stets deprimiert, seit ich nicht mehr 40 Stunden die Woche werbe. Deswegen fiel ich gestern auch mal wieder in das übliche „Was soll nur aus mir werden?“-Loch.

Ich weiß inzwischen, wie ich gerne arbeite: eher allein oder im kleinen Team anstatt in einem großen Laden, einer großen Agentur, einem großen Museum (sag ich mal so, ohne jemals in einem angestellt gewesen zu sein). Ich arbeite gerne ein Projekt nach dem nächsten ab, ich kann alles schreiben, was man von mir will (und mir vernünftig bezahlt), ich recherchiere gerne, ich sitze gerne irgendwo rum und arbeite vor mich hin, weswegen zum Beispiel Social Media oder Jobs mit Publikumsverkehr mein Grauen wären, weil da dauernd jemand was von mir will. Ich ahne daher auch, dass ich für Kunstvermittlung denkbar ungeeignet wäre; meine Textpraktis haben mir zwar alle gesagt, dass man von mir prima was lernen kann, aber ich ahne, dass ich auf Studienrät:innen, die eh alles wissen, sich aber trotzdem von mir mal die Pinakothek zeigen lassen wollen, eher zickig reagiere. Ich habe bei meinen Studiosus-Reisen die Reiseleiter:innen immer für ihre unendliche Geduld bewundert, wo ich schon längst mit Dingen geworfen hätte.

Ich stolperte gestern über eine Agentur für kulturelle Dienstleistungen, die so ein bisschen mein Lichtblick am Horizont war. Vielleicht ist das eine Schiene, über die ich nachdenken sollte: Als externe Partnerin gebucht werden, ein Projekt erledigen und wieder gehen. Das wäre für mich sehr gut geeignet, denn so habe ich auch mein Texterinnendasein die letzten Jahre mehr als nur ertragen – ich wusste, ich bin hier nicht für ewig, wenn’s wirklich zu grausig wird, kann ich jederzeit gehen. Diesen großen Unterschied zur Festanstellung habe ich sehr genossen, und das würde ich auch gerne wieder haben. Anderer Effekt: Wenn’s ungrausig ist, freut man sich über eine Buchung noch mehr, deswegen war ich auch sehr lange bei derselben Agentur.

Mir ist leider mal wieder klargeworden, wie wenig ich den Bereich Kulturarbeit kenne. Ich ahne, dass da draußen ein toller Job für mich ist, aber ich kann mich nicht vernünftig auf ihn vorbereiten, weil ich nicht weiß, dass es ihn gibt. Ich denke, ich werde meine wenigen Kontakte in dem Bereich mal aufsuchen und ihnen gnadenlos Löcher in den Bauch fragen. Mit dieser Erkenntnis (du kennst immerhin ein paar Leute und du kannst den Mund aufmachen) ging’s mir dann wieder etwas besser.

Von meinem Eintagesparistrip im Januar brachte ich mir Pénélope Bagieus La page blanche mit, das ich mithilfe von Leo sogar komplett durchlesen konnte. Einige Panels habe ich überhaupt nicht verstanden, aber der Sinn der Story ist mir klargeworden, was mich mit meinen rudimentären Französischkenntnissen sehr gefreut hat. Trotzdem möchte ich das Buch nochmal auf Deutsch lesen, es aber nicht kaufen. In meinen üblichen Bibliotheken steht die deutsche Ausgabe nicht, aber in der Münchner Stadtbibliothek ist sie vorhanden. Dafür wollte ich mir das ganze Sommersemester schon einen Ausweis holen, aber ach, man hat ja so viel zu tun (oder liegt gerade so gut auf dem Sofa). Jetzt habe ich aber noch einen zweiten Grund, mich darum zu kümmern, denn auch Im Himmel ist Jahrmarkt und Madgermanes von Birgit Weyhe stehen am Gasteig, und auf die bin ich nach diesem kurzen Bericht des NDR sehr neugierig.

Tagebuch, Montag, 26. September 2016

Gestern begann die zweiwöchige Phase, in der wir online unsere Kurse und Vorlesungen belegen können – jedenfalls in Kunstgeschichte. Das historische Seminar macht bei diesem neumodischen Kram immer noch nicht so ganz mit, da schickt man einfach eine E-Mail an den oder die Dozent:in und hofft, dass man rechtzeitig auf „Absenden“ geklickt hat, um noch einen Platz zu kriegen. (Hat bis jetzt immer funktioniert.)

Ich habe nicht mehr viele Kurse abzuleisten, aber wie das fiese Detailteufelchen es will, lag eine meiner zwei Vorlesungen genau parallel zu meinem Forschungsseminar. Das war eine recht neue Entwicklung, den eigentlich bastele ich meinen Plan schon Wochen vor der Belegungsphase. Daher saß ich gestern sehr überrascht am Rechner und musste auf die Suche nach Ersatz für die schöne Vorlesung zur Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts gehen. Mein nächster Liebling „Cézanne und seine Zeit“ (wegen des 19. Jahrhunderts) lag – ich begann zu knurren – parallel zu meinem einzigen Hauptseminar in Geschichte, in dem ich mich in Archiven rumtreiben werde, um dem Kunsthandel in München während der NS-Zeit nachzuspüren. (Über diesen Kurs musste ich ungefähr keine Sekunde nachdenken, als ich ihn belegte.) Ich habe jetzt „Architektur des Osmanischen Reichs“ belegt, was ein totaler Ausbrecher ist, denn obwohl islamische Kunst ein möglicher Schwerpunkt des Kunstgeschichtsstudiums an der LMU ist, konnte ich mich bisher um sie drücken; ich hatte schon genug mit der westlichen Kunst zu tun, eine weitere Baustelle wollte ich nicht aufmachen. Da es aber um Architektur geht, schien sie mir recht reizvoll. So richtig überzeugt bin ich allerdings noch nicht, ich lasse das ein paar Tage liegen und klicke notfalls auf eine weitere Alternative, die aber dann gar nichts mehr mit meinen Themen Architektur, Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, Fokus auf die NS-Zeit zu tun hat.

Ich lese seit Monaten (!) an diesem wunderbaren Buch herum, kriege es aber irgendwie nicht durch, was nicht daran liegt, dass es langweilig ist – ganz im Gegenteil –, sondern weil ich mir anscheinend angewöhnt habe, nur noch häppchenweise zu lesen, das sofort zu verschriftlichen und dann ein weiteres Häppchen zu mir zu nehmen. Ich habe es durch das Studium verlernt, einfach nur stundenlang zum Vergnügen auf dem Sofa zu sitzen und zu lesen. Sonntag abend hatte ich das Buch wieder vor der Nase und wie jedesmal, wenn ich zehn, fünfzehn Seiten gelesen habe, bin ich wieder drin in der historischen Erzählung – aber dann lege ich es wieder weg und ignoriere es tagelang, weil ich kunsthistorische Häppchen lese. Gestern erinnerte ich mich aber an meine alten Leserituale, kochte mir eine schöne Schale Milchkaffee, legte eine von den Sonntagszimtschnecken auf Omis schönes Geschirr und setzte mich aufs Sofa. Der Rechner wurde bewusst ausgemacht und ich las mehrere Stunden genussvoll vor mich hin. Sofern man über die Irrwitzigkeit von Kolonialisierung und die Aufhebung derselben genussvoll lesen kann.

Um 17 Uhr hatte F. einen Wiesntisch reserviert und wir saßen zu zehnt im Festzelt Tradition. Das steht in diesem Jahr nicht auf der Oidn Wiesn, sondern war Teil des dusseligen Zentralen Landwirtschaftsfestes, das eine Woche stattfand und tagsüber 14,50 Euro Eintritt kostete. Ab 18 Uhr waren es nur noch drei, für die man auf das abgesperrte Gelände und damit ins Festzelt kam. In den Zelten der Oidn Wiesn (Tradition, Herzkasperzelt) wird eher traditionelle Volksmusik gespielt, es gibt einen Tanzboden, ab und zu stehen Goaßlschnoizer auf den Tischen, das Bier kommt in Steinkrügen und bleibt damit deutlich länger kühl – kurz, es ist alles weniger oktoberfestig, sondern mehr volksfestig und damit genau mein Ding. Weil es in diesem Jahr so abgeriegelt wurde, war das Zelt letzte Woche schon recht leer und ich hatte gehofft, es würde diese Woche etwas voller werden, jetzt wo das Landwirtschaftsfest vorbei war. Wurde es leider nicht; wir saßen in einem gut zur Hälfte gefüllten Zelt, was äußerst ungewohnt fürs Oktoberfest ist. Die Stimmung war trotzdem gut, aber der generelle Eindruck war doch eher traurig. Münchner:innen – kommt ins Festzelt Tradition und füllt die Hütte!

Nach zwei Maß und einer Radlermaß verabschiedete ich mich, kaufte auf dem Weg zur U-Bahn noch gebrannte Mandeln (Frühstücksvorfreude) und war gegen 22 Uhr zuhause. Bis 23 Uhr lungerte ich noch angeschickert rum, dann ging ich ins Bett und stellte mir den Wecker auf 2 Uhr 55, um die erste Präsidentschaftsdebatte zu gucken.

Ich habe bisher von Trumps Reden nur minutenweise Ausschnitte gesehen, bis ich irgendwann nicht mehr auf derartige Links klickte, weil mich seine Art zu sprechen schlicht wahnsinnig macht. Das fragte ich gestern auch auf Twitter: Wie kann man sich ernsthaft mit jemandem auseinandersetzen, der einen Quatschsatz nach dem nächsten absondert? Wie kann man mit Fakten und Gelassenheit einem Bully, der eine Lüge auf die nächste stapelt, entgegentreten? In den ersten Minuten kam mir Trump fast zurückhaltend vor, aber nach nur gut einer Viertelstunde war der alte Schreihals wieder da, der Clinton 29mal unterbrach, während sie ihn irgendwann einfach nur noch brabbeln ließ anstatt es ihm gleichzutun.

Logisch gesehen, müsste Clinton die klare Gewinnerin der Debatte sein, aber ich ahne, dass die Menschen, die Trump wählen, sich sowieso nicht von ihr überzeugen lassen. Ich hoffe, dass unentschlossene Wähler:innen ein paar gute Argumente gegen eine Wahl Trumps erhalten habe, aber auch da bin ich mir nicht sicher. Trumps selbstsicheres, substanzloses Gewäsch hat ihn schließlich zum Nominierten gemacht – wieso sollte es dann nicht auch für die Präsidentschaft reichen? Mir ist seit heute nacht noch weniger wohl, wenn ich an den Wahltermin denke.

Was schön war, Sonntag, 25. September 2016 – PIKACHU!

Ich habe mein erstes Pikachu … äh … nicht gefangen. Aber es ist aus einem meiner liebevoll ausgebrüteten Eier geschlüpft. Ich habe ein Pikachu! (File under: Einträge, bei denen ich vor einem Jahr noch verständnislos mit den Augen gerollt hätte.)

Ein Buch aus der Packstation geholt. Eigentlich dachte ich, es wäre Nachschub vom Pati-Versand und hatte mich seelisch auf Backexperimente eingestellt. So freute ich mich über das Buch von Frau Stokowski und buk was anderes.

"Okay, guys, we're going in!"

Ein von Anke Gröner (@ankegroener) gepostetes Foto am

Acht Stunden Spielzeit bei Candy Crush gewonnen und gnadenlos verfallen lassen. (Okay, größtenteils.) Gelesen, Fußball geguckt, Nickerchen gemacht, den Abend bei F. verbracht und dort gemeinsam eingeschlafen. Ein perfekter Sonntag.

Was schön war, Samstag, 24. September 2016 – Fuppes (mal wieder)

Morgens ein Paket von der Post geholt und nur drei Leute vor mir in der Schlange gehabt. An einem Samstag! Der Tag konnte nur gut werden.

Wurde er auch. Nach der üblichen Einkaufstour machte ich mich zum Bahnhof auf und setzte mich in den Regionalzug nach Augschburg, wo ich das Spiel gegen Darmstadt gucken wollte. F. wartete schon in der WWK-Arena auf mich, es gab die gewohnt wohlschmeckende Stadionwurst und dann ging’s los.

Ich war jetzt zum dritten Mal live bei einem Augsburgspiel und habe zwei so halbwegs komplett auf Sky (nach)geguckt. Augsburg spielt im Vergleich zum FC Bayern einen grottigen Fußball, aber – und ich frage mich seit gestern wirklich ernsthaft, warum – ich habe gerade einen Heidenspaß am Verein. Vielleicht ist es die Tatsache, dass ich gemeinsam mit F. etwas unternehme, wobei ich bisher mit unseren Aktivitäten Weintrinken, Kulturgucken, von seinem Balkon den Himmel über der Maxvorstadt bestaunen oder im Bett liegen und lesen auch sehr zufrieden bin. Aber es hat schon nach sehr kurzer Zeit eine gewisse Regelmäßigkeit, dieses gemeinsam im Stadion sein, auch wenn wir nicht nebeneinander sitzen.

Vielleicht ist es auch das Stadion, in dem die Stimmung etwas besser ist als in der Allianz-Arena. Ich merke auch an mir selber, dass ich in der Arena eher blasiert rumsitze und einfach das Spiel anschaue, schlicht aus dem Grund, weil die Wahrscheinlichkeit, dass Bayern das Ding gewinnt, recht hoch ist. Ab Viertelfinale Champions League fiebere ich auch eher mit, aber den Bundesligaspielen kann ich recht gelassen beiwohnen. Wenn ich mich da echauffiere, dann eher, weil ein Spielzug mies war oder der Gegner in der Gegend rumtritt. In Augsburg kann ich mich 90 Minuten lang echauffieren, weil so gut wie nie jemand dort hin spielt wo es sinnvoll sein könnte. F. meinte gestern schlau: „In Augsburg hängt viel vom Zufall ab.“ Bei Bayern sieht man meist einen Plan oder zumindest eine konsequente Offensive, ganz egal, was der Gegner macht, die Jungs rennen nach vorne und basta. In Augsburg habe ich gestern so viele Querpässe gesehen wie beim FCB die ganze Saison lang nicht; kaum jemand hat einen richtigen Überblick, die Ballbehandlung ist von einem niedrigeren Niveau als beim FCB, wo gefühlt jeder jeden Ball mit jedem Körperteil unter Kontrolle hat, während man in Augsburg schon froh sein muss, wenn die Jungs nicht über das Spielgerät stolpern. (Ich übertreibe.)

Ich bin vor Jahren FCB-Fan geworden, weil ich von der Qualität des Fußballspiels so begeistert war. Momentan ahne ich, dass ich am reinen Stadionerlebnis mehr Spaß habe. Ich scheine gerade lieber ergebnisoffenem Rumpelfußball zuzugucken und im Stadion 90 Minuten lang engagiert mitzugehen, als entspannt einem Weltklasseverein zuzusehen. Das erstaunt mich wirklich, aber ich mag es gar nicht so recht hinterfragen. Vielleicht ist das auch nur so ein Semesterferiending – ich habe gerade den Kopf frei und die Zeit, sechs Stunden lang für einen Kick unterwegs zu sein. Das ändert sich vielleicht wieder, wenn die Vorlesungen beginnen. Ich hoffe aber ehrlich gesagt darauf, dass es das nicht tut, denn ich habe gerade einen Riesenspaß an der ganzen Sache, obwohl ich keine rationalen Gründe dafür angeben kann.

Ich glaube, ich kapiere gerade, was es heißt, ein Fußballfan zu sein.

Was schön war, Freitag, 23. September 2016 – Mittagswiesn

F. hatte einen Tag Urlaub und so nutzten wir die Gelegenheit, das Oktoberfest zu einem Zeitpunkt zu besuchen, an dem noch nicht ganz so viele Bierleichen unterwegs sind. Tagsüber sieht die Theresienwiese so aus wie sie bei einem Volksfest halt aussieht: viele Fahrgeschäfte, man hat endlich mal Platz, die ganzen Büdchen und Stände anzugucken, an denen man gebrannte Mandeln (my drug of choice), die üblichen Lebkuchenherzen und alles andere Ess- und Anzieh- und Aufsetzbare dieser Welt erstehen kann. Es ist noch nicht ganz so voll und so hatten wir die Möglichkeit, uns noch ein Zelt aussuchen zu können. Ich entschied mich für den Himmel der Bayern, das Hacker-Festzelt, durch das ich zwar schon mal durchgelaufen war, in dem ich aber noch nie saß. Nach einer Stunde wusste ich auch wieder warum.

Es gibt auf dem Oktoberfest große und kleine Zelte. Die großen bieten tausenden von Menschen Platz; ins Hacker-Zelt gehen 6.900 Leute rein. Es gibt noch einen weiteren Unterschied zwischen den Zelten: die einen sind die sogenannten Partyzelte. Das sind die, in denen schon morgens ab 10 Uhr Leute auf die Bank steigen und eine Maß exen. Der Himmel der Bayern ist ein solches Zelt und das hatte ich blöderweise vergessen.

Wir waren um kurz vor 11 da und fanden noch locker einen Platz; als wir um kurz nach 12 gingen, war das Zelt schon richtig gut gefüllt. Die Kapelle begann erst um 12 Uhr zu spielen, vorher war also noch nicht die übliche Bierzeltstimmung da, aber dafür die schon erwähnten Idioten (und eine Idiotin), die unbedingt einen Liter Bier in einem Zug trinken und sich dafür vom Zelt bejubeln lassen wollten. Die Dame schaffte es nicht, wie auch viele Kerle, aber sie hat nicht ganz so laute Buhrufe abgekriegt und auch weniger geworfene Breznstücke.

F. und ich gönnten uns erstmal was zu essen, denn vor dem Bier muss eine Grundlage geschaffen werden. Ich will hier noch mal eine Lanze für die Oktoberfestküchen brechen; das Essen ist wirklich gut und kein billiger Fraß. Das Hacker-Pschorr-Oktoberfestbier ist auch große Klasse, es schmeckt fast fruchtig; ich war begeistert, wo ich doch sonst eisenharte Augustinertrinkerin bin. Die sechs Münchner Brauereien, die exklusiv das Oktoberfest beliefern, brauen für die Wiesn ein spezielles Bier, das es kurz vor und nach dem Oktoberfest auch in Flaschen im Supermarkt gibt. Dieses Bier ist fieserweise stärker als ihr normales Bier, was viele der 6.900 Menschen gerne mal vergessen. F. und ich nippten gesittet an unseren Krügen und schüttelten manchmal pikiert die Köpfe über die Menschen um uns rum. Zum Beispiel über die drei plastikverdirnelten Mädels, die sich an uns vorbeidrängten, um in der Mitte vom Tisch zu sitzen (wir saßen am Rand) und die dann fünf Minuten in die Karte guckten, was man denn wohl trinken könnte. Wiesn – you’re doing it wrong! Sie fanden anscheinend nicht das, was sie suchten und verließen das Zelt wieder. Neben uns auf der anderen Seite des Ganges saß eine asiatische Gruppe, von denen ein Herr sich längs auf die Bierbank legte und ein kurzes Nickerchen hielt, während die anderen weitertranken. Alle fünf Minuten exte jemand eine Maß und ich jammerte jedesmal darüber, dass das schöne Bier einfach so verschwendet wurde.

Als wir beide nur noch ein Norgerl im Krug hatten, erhob sich die asiatische Gruppe und wankte an uns vorbei. Ein Herr klopfte einem anderen auf den Rücken, worauf dieser sich kurz nach vorn beugte, sich auf den Holzboden übergab und weiterging. Wir beide erhoben uns daraufhin ebenfalls und gingen schnurstracks nach draußen, während drinnen die Kapelle das erste Lied anstimmte.

Eigentlich wollten wir nur eine Maß trinken, aber das Ende hatte sich so abrupt angefühlt – das war kein schöner Abschluss für die bis dahin entspannte, wenn auch etwas laute Mittagswiesn. Wir gingen direkt gegenüber ins Augustinerzelt, das eindeutig kein Partyzelt ist. Weniger Plastik, weniger laut, kein Fliegerlied und Bier aus dem Holzfass. Wir bestellten jeweils noch eine Maß und genossen sie deutlich entspannter als gegenüber.

F. ging danach zum Bahnhof, ich musste zur Post. Die U4 von der Theresienwiese hält am Karlsplatz (Stachus), wo ich extrem ungern umsteige, weil ich mich in den Stachuspassagen immer, immer, immer verirre. Ich komme nie da raus, wo ich raus will. Jedenfalls nüchtern. Gestern, leicht angeschickert, fand ich den richtigen Weg sofort, was mich nachhaltig an dieser Stadtbaumaßnahme zweifeln lässt.

Was schön war, Donnerstag, 22. September 2016

Gemeinsam aufgewacht. Freude und Dankbarkeit.

Ein sauberes Bad. Ja, Putzen ist doof, aber auch befriedigend. Es dauert immer ewig, bis ich mich dazu aufraffe, aber wenn ich fertig bin, fühle ich mich wie nach dem Sport: Ich habe etwas geschafft. Und wie beim Sport bin ich danach von Kopf bis Fuß verschwitzt. Das ist super.

Ich frage mich beim Badputzen allerdings immer, wie das Münchner Leitungswasser so großartig schmecken und gleichzeitig so unfassbar kalkhaltig sein kann.

Den Herbst mit einer großen Kanne Ostfriesentee begrüßt.

Die Note für meine Geschichtshausarbeit. Wenn ich mich beim Onlinetool nicht verrechnet habe, ist sie mit 1,0 benotet worden, was mich außerordentlich freut.

Die Gesamtnote für den Kurs setzt sich aus dem Referat, der Klausur und eben der Hausarbeit zusammen. Ich habe die zweitbeste Klausur im Kurs geschrieben (1,3), was mich auch schon sehr gefreut hat. Mit meinem Referat war ich hingegen sehr unglücklich und der Dozent eher auch (2,0). Die Frage, die ich mir zum Thema „Feste im Bürgertum des 19. Jahrhunderts“ mit besonderem Fokus auf Kinder gestellt habe, fand er aber gut, weswegen ich in der Hausarbeit etwas ausgemistet habe und mich nur auf Weihnachten und den Geburts- bzw. Namenstag konzentrierte. Wenn ich das ausführliche Feedback habe, stelle ich die Arbeit natürlich ins Blog.

Was mich an der 1,0 besonders freut, ist der Lerneffekt, den die 2,0 im Referat auf mich hatte. Im eben verlinkten Blogeintrag schrieb ich schon (ganz am Schluss), dass ich erst durch das Feedback des Dozenten kapiert habe, was mein Fehler war: Ich bin von der Sekundärliteratur ausgegangen und nicht von der Quelle. Genau das habe ich für die Hausarbeit dann gemacht, indem ich querbeet Biografien von Frauen, die im 19. Jahrhundert ihre Kindheit verlebt hatten, durchlas und ihre Aussagen in den Kontext der bürgerlichen Geschichte einordnete.

So sehr mich die 2,0 genervt hat, so sehr hat sie mir geholfen, in meinem Fach besser zu werden und ich meine, deutlich besser. Ich glaube, auch die Arbeit in den Archiven für Kunstgeschichte hat bei mir die Erkenntnis reifen lassen, dass es mir weitaus mehr Spaß macht, in Originalen rumzuwühlen anstatt ausschließlich in der Bibliothek zu sitzen. Ich habe in diesem Semester verstanden, dass es nicht nur mein Job ist, anderer Leute Aufsätze oder Bücher zu hinterfragen und eventuelle Forschungslücken zu füllen, indem ich mir eine hübsche Theorie zurechtlege und sie mit anderen Aufsätzen oder Büchern fülle. Mein Job ist es auch, Quellen auszuwerten, an denen noch niemand rumgebastelt hat. Oder sie in einen neuen Kontext zu setzen. Oder sie überhaupt in einen Kontext zu setzen, den ich jetzt nach acht Semestern allmählich sehe. Die 2,0 hat mich weiter gebracht als es die nächste, erwartete, gewohnte 1,0 getan hätte. Und nur durch sie steht deshalb in der Hausarbeit jetzt eben die nächste, erhoffte, gewohnte 1,0. Well played, Dozent, very well played.