Freitag, 16. Januar 2025 – Silberbecher

Für die Passauer Neue Presse habe ich eine Reihe von Artikeln geschrieben, die sich mit Objekten in unserem Depot befassen, die unter Raubkunstverdacht stehen. Die meisten sind leider hinter der Paywall (einfach nach „Oberhausmuseum“ suchen), aber der neueste ist (noch) frei lesbar. Es geht um einen Silberbecher aus der sogenannten „Silberzwangsabgabe“ 1939, den das damalige Ostmarkmuseum vom Bayerischen Nationalmuseum in München erwarb. Der Becher wurde 1945 geplündert, aber er könnte heute in einem Passauer Wohnzimmerschrank stehen.

„Das Landesamt für Denkmalpflege in München wandte sich am 27. Mai 1940 an den Oberbürgermeister von Passau, um ihm bzw. dem Stadtmuseum einen Silberbecher anzubieten: „Das Bayerische Nationalmuseum hatte Gelegenheit, eine Sammlung von Silbergeräten zu erwerben, wobei auch die Interessen der Heimatmuseen berücksichtigt wurden. Aus dem genannten Bestand lässt das Nationalmuseum folgendes Stück dem Museum Passau anbieten: Silberbecher, 9 cm hoch, innen vergoldet, 140 g, Augsburger Arbeit, wahrscheinlich von Ludwig Schneider, um 1700. Das Stück war im Besitz des Klosters Aldersbach, dessen Wappen (Abt Theobald II. Reitwinkler 1745–1779) nebst der Jahreszahl 1758 eingraviert ist. Das Stück kann zu dem außerordentlich billigen Preis von 28 Reichsmark abgegeben werden, während der normale Handelspreis etwa 100 RM beträgt. Wir raten dringend dazu, den Becher zu erwerben.“

Die „Silberzwangsabgabe“ heißt eigentlich „Dritte Anordnung auf Grund der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ und besagte, dass Juden und Jüdinnen ihre Edelmetalle, Edelsteine und Perlen an bestimmten Sammelstellen abgeben mussten. Von dort wurden die Stücke verkauft. Neben diversen Institutionen wie Museen, städtische Stellen wie Krankenhäuser oder die Silberinnung, die an den Stücken Lehrlinge ausbildete, konnten auch einfache Bürger und Bürgerinnen Wertgegenstände zu, wie oben angedeutet, sehr günstigen Preisen erwerben.

Diverse Museen erforschen seit Jahren ihre Bestände an diesen Stücken, auch das Bayerische Nationalmuseum, hier eine Pressemitteilung von 2023, wo über die Recherche berichtet wird. Aus einer Reise nach Israel, um Gegenstände zu restituieren, entstand auch ein kurzer Film für 3sat: Dr. Wenigers Auftrag. Das Jüdische Museum München beschrieb einen der Fälle in seinem Blog: „Tante Olgas Silberleuchter“.

Das Münchner Stadtmuseum konnte, auch durch die Zusammenarbeit mit dem BNM, fast alle seine unrechtmäßig erworbenen Stücke zuordnen. Aus biografischem Interesse googelte ich auch einfach mal nach Hannover: Ja, natürlich gab es auch dort Fälle.

Durch die Hilfe von Herrn Weniger konnte ich auch den Silberbecher aus dem Ostmarkmuseum zuordnen. Er gehörte dem Ehepaar Bernhard und Adelheid Schwabacher aus München, die beide 1942 nach Piaski (Polen) deportiert und vermutlich dort ermordet wurden. Auch die „Page of Testimony“ von Adelheid Schwabacher in Yad Vashem, die von der Tochter 1995 eingereicht wurde, konnte keinen genauen Todesort nennen: „most probably Sobibor“.