Dienstag, 13. Januar 2026 – Korrespondenz

Im Bayerischen Hauptstaatsarchiv was ganz anderes gesucht, aber halt irgendwas gefunden, wie so oft, Korrespondenz gelesen und mich dann den Rest des Tags von einem NS-Kaninchenloch zum nächsten gehangelt, wie so oft. Ich vermisse die Bibliothek des Historicums der LMU so sehr, aber wenn ich die hätte, würde ich mit nichts fertig werden, weil zu viele Kaninchenlöcher, wie so oft.

(Diesen Eintrag werde ich vermutlich noch monatelang copypasten.)

((Ich liebe meinen Job.))

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Ein Artikel von 2023, der gestern in meiner Bluesky-Timeline landete, ist immer noch lesbar und wichtig: „Der schwierige Umgang mit falschen Familiengeschichten über NS-Verfolgung.“

„In dieser Erklärung geht es dann um die gesellschaftlichen Zusammenhänge.
Johannes Spohr: Genau, gemeinsam ist allen Gesprächen, dass sie das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft verhandeln. Die individuelle Erklärbarkeit eines Falles steht immer im Zusammenhang mit größeren gesellschaftlichen Fragen, Fragen nach dem Publikum und der Wahrnehmung. Daran schließt sich die Frage an, welche Begehrlichkeiten solche Personen verkörpern. Diese falschen Figuren befriedigen ein gesellschaftliches Bedürfnis.

Was für ein Bedürfnis ist das?
Johannes Spohr: Es gibt in der deutschen Gesellschaft ein Bedürfnis nach versöhnlichen Geschichten, die gut erzählbar sind, nicht stark anklagen und etwa nicht von Rache der Verfolgten sprechen. Die Erinnerung an den Holocaust ist zudem sehr westeuropäisch geprägt. Anne Frank ist beispielsweise in Deutschland besonders bekannt, während die Massenerschießungen im östlichen Europa – dort, wo mit Abstand die meisten (häufig aschkenasischen) Jüdinnen und Juden ermordet wurden – erst sehr langsam in das öffentliche Bewusstsein vordringen. Auschwitz ist in diesem Zusammenhang zu einer Chiffre geworden, die teils unabhängig von den realen Vorgängen vor Ort gebraucht wird. Gleichzeitig ist das Wissen über (Mit-)Täterschaft bis heute gering und es gibt eine immense Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und konkretem Wissen, etwa über die eigenen Verwandten im Nationalsozialismus.“