Tagebuch Donnerstag, 13. Juni 2019 – Stadtarchiv revisited

Entspannt aufgewacht, entspannt auf dem Balkon Kaffee getrunken, überhaupt sehr entspannt in den Tag gekommen.

Um kurz nach 9 war ich im Stadtarchiv, wo ich mir weitere Unterlagen zu den tausend Künstlervereinigungen hatte rauslegen lassen, in denen Protzen Mitglied gewesen war. Die neuen Sammlungen zur Zeitgeschichte bzw. die Zeitungsausschnittssammlungen waren so halbwegs ergiebig – ich konnte eher vergleichendes Material sammeln als direkt was zum Herrn Kunstmaler selbst. Aber es schadet ja nie zu wissen, wieviele Mitglieder ein Verein hatte und über welches Budget er verfügte, denn von einigen anderen Vereinen kenne ich schon Akten zu Darlehen oder Berichte über die Mitgliederentwicklung.

Über die Hauptversammlung des Reichsverbands bildender Künstler im März 1928 wusste die Münchener Zeitung zu berichten:

„Der erste Vorsitzende des RV, Bildhauer Hoene, gab in seinem Bereich ein anschauliches Bild über die Tätigkeit des Reichsverbandes. Er beleuchtete vor allem die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die des jungen Kunstschülers harren, sobald er einmal in den freien Wettbewerb eintrete. Mit allen Mitteln müsse vor dem Kunststudium gewarnt werden.“

Das passte ganz schön zu einem Zitat, was ich in einer der letzten Sitzungen gefunden hatte. Im Artikel ging es um die Diskussion, ob die schreibende Presse doch bitte netter über Künstler und Künstlerinnen berichten und nicht immer alles niederschreiben sollte. Wobei ich bisher noch keinen einzigen echten Verriss gefunden habe, und ich habe gefühlt 1000 Artikel durchgelesen. Anyway, here’s the Allgemeine Zeitung, 4.2.1929:

„Münchner kaufen ja so gut wie keine Bilder – jedenfalls nach der übereinstimmenden Aussage aller Wissenden viel weniger als das seiner kulturellen Pflichten in ganz anderer Weise bewußte rheinländische, hanseatische und Berliner Bürgertum. In diesen Liebhaberkreisen sowie im Ausland ist man aber seit langem weit kritisches Abwägen künstlerischer Werte gewohnt. Die bittere Erfahrung mit Amerika hat blitzartig die Lage erhellt und erwiesen, daß die Münchner Presse ganz andere Aufgaben hat, als nur darauf bedacht zu sein, die allgemeine ‚Gemütlichkeit‘ nicht zu stören, und dadurch Münchens sehr ungemütliche Vereinsamung und wirtschaftliche Verelendung zu fördern.“

Ansonsten las ich im Archiv noch einmal ein ganzes Konvolut an Artikeln, die ich schon einmal durchgesehen hatte, weil ich kompletter Dödel vergessen hatte, mir die Artikel-Überschriften zu notieren, und ich weiß nicht, ob mein Doktorvater damit glücklich ist, in den betreffenden Fußnoten nur die Zeitung, das Datum und eine lustige Archiv-Signatur zu finden. Aber wie das so ist mit Dingen, die man ein zweites Mal anschaut, fand ich natürlich noch Interessantes, was ich beim ersten Durchlesen übersehen hatte oder jetzt besser einordnen konnte.

„Bilder für das schöne Heim zu annehmbaren Honoraren!“ Ich grinse immer sehr über die Euphemismen in diesen Einladungskarten nach 1945, wo „20 bekannte Maler der älteren Richtung“ oder „Vierzig bekannte Meister der klaren Form“ übersetzt heißt: Wir malen nicht so einen neumodischen Scheiß, bei dem man nichts erkennen kann. Für mich ebenfalls interessant: wer auf diesen Einladungen namentlich genannt wird – und wer eben nicht. Denn natürlich sind das genau die Jungs, die auch schon vor 45 gemeinsam fabriziert und ausgestellt haben. Soviel zur Stunde Null. Aber das wisst ihr ja alle.

Nachmittags: Post, Einkaufen, Müsli mit Erdbeeren, langes Telefonat mit dem Mütterchen. Fehlgeschlagenes Telefonat mit dem Väterchen, kein Handyempfang im Reha-Gebäude, what the fuck?, aber wie meine Mutter danach noch meinte, sei er eh sehr müde und erschöpft gewesen und hätte vermutlich auch nicht so recht verstanden, was man ihm da für ein Ding ans Ohr hält und wer da rausquakt. Traurig gewesen.

Dafür abends mit F. auf dem Balkon gesessen, Pseudo-Waldorf-Salat gegessen (Hühnchen, Staudensellerie statt Knolle, Äpfel, Walnüsse, ein winziges bisschen Romanasalat, der da überhaupt nicht reingehört, aber wegmusste, Dressing aus Majo, saurer Sahne, Zitrone und Schnittlauch, weil frisch), den Rest des total unbeeindruckenden Rosés vom Wochenende ausgetrunken (von dem Winzer bestelle ich nix mehr), beim heimeligen Schummer der Lichterkette in die Nacht geguckt und uns ab 22 Uhr flüsternd unterhalten, weil ich weiß, wie sehr der ganze Innenhof mithören kann.