Tagebuch Dienstag, 22. Januar 2019 – Days of Wonder und Nervscheiß

Den Vormittag über war ich mit einem etwas überraschenden Telefonat beschäftigt bzw. mit dessen Inhalt, der dafür sorgte, dass ich stundenlang in alten Blogeinträgen und Mails wühlte und mal wieder mit Kai als meinem Webhoster telefonieren konnte. Der Anlass war zwar doof, aber das war trotzdem nett. Und ich habe viel über die WordPress-Oberfläche gelernt. Trotzdem gnarg. Den ganzen Tag schlechte Laune gehabt.

Mein Frühstück war dementsprechend schon mein Mittagessen, weil ich halt ewig in Mails wühlen musste, aber Müsli geht ja immer. Viel Tee und Zeitunglesen dazu.

Der kleine musikalische Kick vom Montagabend begleitete mich dann den Rest des Tages so nebenher, ich lauschte immer mal wieder in Year of Wonder rein, das ich ein paar Tage vernachlässigt hatte, weil ich lieber Martinů am Stück hören wollte und keinen Kleinkram.

Gelernt:

– Das Oboensolo im Oboenkonzert in D-Dur, op. 9, no. 2 von Tomaso Albinoni ist das erste der Musikgeschichte.

– Rainer Maria Rilke hat auch auf Französisch gedichtet (und ist vertont worden). Ihr wusstet das bestimmt alle; ich habe ihn immer als rein deutschsprachigen Autoren wahrgenommen.

Steve Reich ist großartig. Okay, das wusste ich schon vorher, immerhin das haben die Kölner Deppen hingekriegt. Burton-Hill schreibt ganz simpel und ganz richtig zu seinem Electric Counterpoint 1: Fast: „And when it comes to those mesmerizing patterns that develop and build in our ear, he’s walking a direct line from J. S. Bach.“

(Darf ich hier kurz einschieben, wie toll der Übergang in der Playlist von minimalistischer E-Gitarre zu klassischem Sopran ist? Denn der kam jetzt:)

– „Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb’ entzunden,
Hast mich in eine beßre Welt entrückt,
In eine beßre Welt entrückt!

Oft hat ein Seufzer, deiner Harf’ entflossen,
Ein süßer, heiliger Akkord von dir,
Den Himmel beßrer Zeiten mir erschlossen,
Du holde Kunst, ich danke dir dafür,
Du holde Kunst, ich danke dir!“

Einziger Kommentar von Burton-Hill dazu: „Yep. That’s it.“

Paul Hindemith komponierte seine Trauermusik von 11 Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags am 21. Januar 1936. Eigentlich hätte er am 22. Januar sein neues Bratschenkonzert in London aufführen sollen, aber dummerweise starb König Georg V. am 20. Januar. Und weil Hindemith schon mal da war, sollte er halt was Hübsches schreiben, was dieses Ereignis reflektierte. Was er tat, woraufhin dann ein Orchester das Stück live in einem BBC-Radiostudio vom Blatt spielte, ohne es jemals vorher geprobt zu haben. „Pretty impressive stuff.“

Überhaupt: Hindemith! Den hatte ich ja auch noch gar nicht auf dem Schirm. Das Stück gefällt mir außerordentlich gut. Erinnerte mich etwas an, ähem, Martinů. Weniger dramatische Dur-Akkorde, aber nah dran. Und jemand, der Dinge komponiert wie „Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt“ (1925) hat eh gewonnen.

– Schostakowitsch schrieb nach Lady Macbeth von Mzensk (1930–32) keine Oper mehr. Gut, dass ich sie gesehen habe.

Abends war ich gerade mit dem Essen fertig, als F. noch vorbeischaute – und sobald er die Wohnung betreten hatte, war ich zwei Stunden lang mit Niesen und Augenreiben und Taschentuchsuchen beschäftigt. Ich hoffe, der Mann hat in der U-Bahn neben jemandem gestanden, der 17 Katzen hat. Nicht, dass ich jetzt auf einmal gegen Kreuzkümmel, Zitronen oder Reis allergisch werde. (MUNCH-EMOJI!)