Tagebuch Montag, 14. Januar 2019 – Das einzig Positive an der Trump-Zeit

Ich wollte ja nicht mehr, aber usw. Mir kann Trump ja egal sein, aber usw.

Hilft ja nix:

Gestern kaufte ich wieder die FAZ, aber ab morgen lest ihr das nicht mehr, denn ab dann läuft das Abo wieder, mal sehen wie lange, haha. (*wimmer*)

Montag ist ja bekanntlich mein liebster Zeitungstag, weil da die schöne Seite 6 drin ist, auf der entweder Historisches neu beleuchtet und gerne in einen aktuellen Zusammenhang gebracht wird oder mir ein politisch-soziologisches Essay was zu erzählen hat. Gestern schrieb Stephan Bierling über „Die zerrissene Nation“, also die USA. (Stelle beim Verlinken gerade fest, dass der Mann sich laut Wikipedia mit ph schreibt, in der FAZ steht er mit f.) So irre viel Neues war für mich nicht dabei, aber das hier:

„Die amerikanischen Politikwissenschaftler Matt Grossmann und David Hopkins argumentieren in ihrem Buch „Asymmetric Politics“, die Republikanische und die Demokratische Partei verkörperten heute zwei unterschiedliche Parteitypen: Die Quellen ihrer öffentlichen Unterstützung, die Ziele ihrer Aktivisten und das Verhalten ihrer Politiker seien grundverschieden. Die Republikaner, so Grossmann und Hopkins, sehen sich in einem großen ideologischen Konflikt mit den Demokraten und setzen deshalb auf weltanschauliche Themen wie traditionelle gesellschaftliche Werte, Abbau der Staatsaufgaben und Nationalismus. Die Demokraten hingegen betrachteten Politik nicht als Kampf politischer Philosophien, sondern als Streit gesellschaftlicher Gruppen darüber, wer wie viel von staatlichen Programmen profitiere. Sie betonten konkrete politische Ziele wie Erhöhung des Mindestlohns, Darlehen für Studenten, bessere Gesundheitsversorgung oder Luftreinhaltung. Ansprachen von republikanischen Politikern sind deshalb voll von Wörtern wie „konservativ“, „Werte“ und „Überzeugungen“. Demokraten vermeiden dagegen Begriffe wie „links“ oder „progressiv“ und reden über die spezifischen Anliegen von ethnischen Minderheiten, Gewerkschaftern, Umweltschützern, Feministinnen oder Homosexuellen.

[Ich stolperte hier total über das einmal genutzte Femininum, knickknack.]

Die meisten Wähler, so Grossmann und Hopkins, sind in ihren Einstellungen widersprüchlich: Ihre weltanschauliche Disposition ist grundsätzlich konservativ, aber sie schätzen viele der linken Programme zur Umverteilung und Regulierung. Für die Republikaner liegt es darum in ihrem strategischen Interesse, abstrakte Prinzipien in den Vordergrund zu stellen, für die Demokraten, nicht über Ideologie zu sprechen, sondern über praktische Probleme. Beide Parteien verstehen die Motive der anderen Seite damit nicht mehr: Wenn Republikaner mehr individuelle Freiheit fordern, glauben sie, die Demokraten bekämpften sie. Und wenn Demokraten sich für benachteiligte Gruppen einsetzen, nehmen sie an, Republikaner wollten nur die Reichen begünstigen. […]

Der Präsidentschaftswahlkampf 2016 ist ein eindrucksvoller Beleg für diese These: Trump konzentrierte sich auf die Themen Nationalismus, Abschottung, schlanker Staat und traditionelle Werte, ohne sich um Details zu scheren. Clinton hingegen legte ein Sammelsurium konkreter Vorschläge für ihre fragmentierte Regenbogenkoalition vor, ohne eine übergreifende Vision zu liefern.“

(Zitate aus: Stephan Bierling: „Die zerrissene Nation“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.1.2019, S. 6.)

Allmählich ahne ich, warum es so schwer ist, republikanische Wähler*innen davon zu überzeugen, demokratisch zu wählen: weil es eben eher um Einzelinteressen geht, die vielleicht nichts mit der eigenen Lebenswirklichkeit zu tun haben. Dass durch die Achtung von Minderheiten oder Randgruppen auch der Rest der Gesellschaft lernt und wächst und profitiert, scheint nicht vermittelbar zu sein, denn dafür müssten diese Einzelinteressen ein großes Ziel für alle skizzieren. Und generell zu sagen „Wir wachsen gemeinsam“ scheint nicht zu funktionieren.

Ich zitiere die FAZ, weil sie ins Thema passt, denn gestern kamen, mal wieder, neue Dinge zutage, die Trump belasten, aber ich habe das Gefühl, dass das seit zwei Jahren so läuft und es ist alles egal. Trotzdem fand ich diesen Artikel im Atlantic lesenwert, der sich fragt, ob man die Übersetzerin vorladen sollte, die beim Trump/Putin-Treffen dabei war und deren Notizen Trump an sich genommen oder sogar vernichtet hat – was, wenn ich diesem Twitter-Thread glauben darf, nicht gestattet ist, Stichwort „National Archive“.

„On Saturday, The Washington Post’s Greg Miller reported new details of the extreme things done by Trump to conceal his talks with Russian President Vladimir Putin from even the senior-most members of Trump’s own administration. Trump even reportedly seized the interpreter’s notes after one of his meetings, the Trump-Putin sit-down at the Hamburg G20 meeting in July 2017. Even more disturbingly, Trump and Putin met privately a second time at Hamburg—with no American present. In an act of astonishing recklessness, Trump relied entirely on the Russian interpreter, preventing any U.S. record-keeping at all. […]

Is the president of the United States a Russian asset? Is he subject to Russian blackmail? Is he at this hour conniving with the Russian president against the interests of the United States? These are haunting questions, and Trump’s own determination to defy normal presidential operating procedures to keep secret his private conversations with Putin only lends credibility to the worst suspicions.“

Der Artikel listet gute Gründe dafür auf, die Übersetzerin nicht vorzuladen: Es würde ein Präzendenzfall geschaffen für alle weiteren vertraulichen Unterredungen zwischen Politiker*innen. Übersetzer*innen haben keinen gesetzlich festgeschriebenen Vertraulichkeitskodex, fühlen sich aber anscheinend trotzdem an ihn gebunden; aus diesem Grund könnte die Übersetzerin sich weigern auszusagen und müsste dafür eventuell eine Gefängnisstrafe in Kauf nehmen – ist es fair, sie in diese Position zu bringen? Autor David Frum kommt trotzdem zu diesem Schluss:

„The scandal of the Trump presidency leaves Americans only bad choices. Powers and privileges essential to the functioning of an honest and patriotic presidency are called into question by this dishonest and unpatriotic presidency. Succeeding presidents and Congresses will have to find a way to restore or replace busted norms with new ones—but pretending now that the old rules can function as intended is not only delusive, but dangerous.

Subpoena the interpreter now; write a new law formalizing the confidentiality of interpretation later.“

Wie ich gestern schon twitterte: Das einzig Gute an der Trump-Zeit ist, dass man so viel über die amerikanische Gesetzgebung lernt.

Schnell eine Überleitung zu etwas Schönerem: Der Tatortreiniger hatte neulich eine Episode, die in einer Kunstgalerie spielte. Ich bin jetzt erst dazu gekommen, sie zu sehen und empfehle sie natürlich weiter. Wie alle anderen Folgen auch. Neben den üblichen Schwafelkunstworten ist durchaus auch was Wahres an der Kunstbeschreibung der Galeristin dran.

Und noch was Schönes: Zu meinem Traum über meine Oma vor ein paar Tagen kam eine schlaue Mail (danke dafür!), die unter anderem diesen Interpretationsversuch wagte:

„Mich rührt das Existentielle darin an, denn mit diesen Fragen beschäftigen wir uns alle[:] Kontakt zu Verstorbenen, das helle Licht, in das wir alle mal gehen werden, die Kunst, die überdauert, der kindliche „Schöpfergott“ in uns allen …“

Ich hatte die vielen Bilder noch gar nicht in einen Sinnzusammenhang gebracht, aber das schien mir sehr auf die Zwölf zu sein. Mir fiel im Nachhinein auch auf, dass ich seit Weihnachten öfter an Oma gedacht habe: Ihr Bild hängt ja jetzt in meinem Flur, ich sehe sie also neuerdings dauernd. Und bei jedem Spaziergang denke ich an sie, so auch bei meinem Bummel im verschneiten Englischen Garten. Wenn wir bei Oma zu Besuch waren, gab’s immer fürstlich zu Mittag, aber dann, anstatt in Ruhe zu verdauen und rumzuliegen, musste SOFORT ein Waldspaziergang gemacht werden. Immer. Ohne Ausnahme. Alle. Ich habe es so gehasst, dass ich mich heute, bei meinen freiwilligen und durchaus auch lustvollen Gängen, immer daran erinnere, wie doof ich das Rumlaufen früher fand – und wie unglaublich entspannend und beruhigend heute. Ich habe Oma 40 Jahre zu spät verstanden, und ich ahne, dass auch das noch im Hinterkopf war.

Ich bin euch noch ein paar Musiktipps von Year of Wonder schuldig. Die habe ich natürlich alle brav gehört, aber so recht wollte ich zu keinem was schreiben; ihr könnt sie schließlich auch ohne mich anhören, ihr seid ja schon groß.

Was ich aber anmerken wollte, weil ich selbst so erstaunt war: Das Ubi caritas et amor vom 11. Januar hätte ich vom reinen Anhören in die Renaissance gepackt; der Komponist Maurice Duruflé lebte aber von 1902 bis 1986. Den kleinen Gesang hörte ich mehrfach, weil er so wunderschön war.

Clara Schumann kommt in der Playlist als zweite Frau nach Hildegard von Bingen vor. Ihre Drei Romanzen kannte ich vorher nicht, habe sie aber gern gehört. Aus dem Buch zum 13. Januar gelernt: Schumann war eine der ersten Konzertpianist*innen, die ohne Noten auftrat, was heute fast alle tun. Der letzte Satz zu ihrem Eintrag war dann auch sehr hübsch: „Clara was married to a man called Robert who also wrote music. More on him later.“

Und gestern kam dann endlich mal Oper, natürlich ein, haha, Klassiker: E lucevan le stelle aus Tosca. Schmachtfetzen, aber Tosca halt. Der Puccini halt. Ich mag’s. Was mich erstaunt hat: Der Sänger ist Jonas Kaufmann, den ich auf Deutsch bei Wagner ganz grauenhaft finde. Auf Italienisch mag ich ihn gerne.

Was schön war, Sonntag, 13. Januar 2019 – Kulturtag

Klingt beknackt, weil ich ja des Öfteren Musik höre und lese, aber gestern war das mal eine bewusste Entschleunigung – und auch eine bewusste Entscheidung dafür, endlich mal keine Serienfolge zu gucken, die mir allmählich doch mehr Lebenszeit klauen als nötig. Das sollen sie zwar, sie sind ja dafür da, um mir die Zeit zu vertreiben, aber manchmal möchte ich dann doch lieber etwas Neues selbst erleben oder erfahren oder mir erlesen, als mich berieseln zu lassen, auch wenn letzteres bequemer ist.

Morgens lag leider niemand neben mir, mit dem man in den Sonntag hätte reingammeln können. Daher saß ich am Schreibtisch und guckte, was man so tun könne mit der Zeit. Plan Y war, mal wieder in die Kirche zu gehen, was ich hier selten schaffe, weil die Gottesdienste in meiner Kirche ernsthaft erst um 11 Uhr anfangen. Da esse ich doch schon zu Mittag! Das ist so eine dusselige Zeit, die den ganzen Vormittag zerreißt. Meinen jedenfalls. Also: Was hat München denn vielleicht als Alternative? Schnell man den Veranstaltungskalender angeklickt.

Gleich der erste Eintrag, der etwas mit Musik zu tun hatte, war ein Volltreffer: ein Kammerkonzert am Gärtnerplatztheater um 11 (scheint eine beliebte Zeit zu sein). Warum Volltreffer? Weil neben einer Serenade von Ernst von Dohnányi und einem Klavierquartett von Dvořák ein Sextett für Flöte, Oboe, Klarinette, zwei Fagotte und Klavier gegeben wurde. Das sind zwar bis auf das Klavier alles Instrumente, die mir egal sind, aber es war von Bohuslav Martinů, dem ich ja neuerdings völlig verfallen bin.

Online sah ich, dass noch drei Tickets für die kleine Veranstaltung verfügbar waren; das Konzert fand nicht im großen Haus statt, sondern im Foyer in einem der Ränge, es schienen so um die 100 Plätze vorhanden zu sein. Einen davon klickte ich jetzt frohgemut an und wollte mich neu anmelden, als mir das System sagte, ich sei schon angemeldet. Da ich mein Passwort nicht wusste und ich damals bei der Anmeldung garantiert noch keine Passwortverwaltung benutzt hatte (wie jetzt brav seit Längerem, ich empfehle LastPass), bat ich um die Zusendung desselben, ahnte aber schon, dass das ewig dauern würde, da ist mein Server recht zickig.

Ich kleines Clevere öffnete also einen neuen Browser und wollte mich mit meiner Wegwerf-Mailadresse anmelden, aber während ich das tat, meldete das System, dass die Veranstaltung jetzt ausverkauft sei. Waaahh! Mein Martinů!

Nölig klickte ich wieder in den Veranstaltungskalender und fand einen schönen Plan B: Schubert im Herkulessaal der Residenz mit den Münchner Symphonikern, auch um 11. Der Saal ließ sich zwar online überhaupt nicht anklicken, aber ich war mir sicher, dass er mit seiner Größe nicht ausverkauft sein werde. Ich quengelte F. per DM voll, woraufhin der Mann meinte, sein Mütterchen ginge auch oft alleine und spontan in Konzerte und wäre noch nie draußen geblieben – eine Karte gebe es immer.

Und so stand ich um kurz nach 10, als die Tageskasse öffnete, am Gärtnerplatz und fragte, ob es vielleicht noch ein Kärtchen gäbe. Gab es. Angeblich die allerletzte. Sorry, Symphoniker! Nächstes Mal.

Ich habe es sehr genossen, recht spontan Musik zu hören – und zu sehen. Mir ist erst bei dieser Veranstaltung mal wieder aufgefallen, woher der Name Kammerkonzert kommt – oder wie wir modern crazy people heute sagen: Wohnzimmerkonzert. Man spielt eben nicht vor 800 Leuten in einem Saal, sondern vor weitaus weniger Menschen in einer intimeren Atmosphäre. Es fühlte sich fast privat an, wir paar Hanseln und die zunächst nur drei Musiker*innen auf der Bühne. Das war schlicht schön, und ich habe mich zwei Stunden lang einfach darüber gefreut, dass ich noch eine Karte bekommen hatte, meinen musikalischen Horizont erweitern konnte und mich begabte Menschen an ihrem Talent teilhaben lassen (für entspannte 18 Euro).

Der von Dohnányi gefiel mir sehr gut; falls ihr keine Zeit für die ganze Serenade habt, hört mal in den 2. Satz sein, das ist sehr lauschig (ab 2:09), oder den 3., der ist äußerst unterhaltsam (ab 5:34). Den Martinů hören wir uns natürlich alle komplett an, der dauert ja bloß 20 Minuten. Der Dvořák war dann ein schöner Rausschmeißer, wenn er mir auch fast ein wenig zu konventionell klang nach dem bluesigen Sextett (schon klar, früher komponiert, jaja).

Zuhause klickte ich einfach mal wieder wild bei Spotify auf Martinů und fand ein weiteres, gerade gut 20 Minuten langes Stück, was ich den Tag und Abend über noch mehrfach hörte, weil es mir so gut gefiel: sein Rhapsody Concerto für Bratsche und Orchester von 1952.

Ansonsten las ich die FAZ von Freitag und Samstag, rührte mal wieder eine Knoblauchmajo an, um Brot in sie zu stippen bzw. um sie über Romanasalat zu schütten, bereitete Kaffee in der French Press zu und zerdengelte sie mir beim Abwaschen, weswegen ich heute morgen den guten alten Porzellanfilter rausholte, um am Schreibtisch bei der Arbeit versorgt zu sein; das längere Kaffeetrinken gestern statt Tee hatte mir gut gefallen. In diesem Zusammenhang: ein Hoch auf Thermoskannen!

Außerdem las ich weiter in Stefan Zweigs Welt von gestern und freute mich unter anderem darüber, wie er Rilke beim Kofferpacken beschrieb.

Ruhiger Tag. Schöner Tag. Hervorragend geschlafen.

Geschmorte Petersilienwurzeln mit Walnussschaum

(Hundert Jahre nach der Rechtschreibreform und ich stolpere immer noch über drei gleiche Konsonanten hintereinander.)

(Warte auf die erste Mail, die mir den Unterschied zwischen „gleiche“ und „selbe“ erklärt. „Dreimal denselben Konsonant“ vielleicht?)

(Okay, mal langsam zum Essen überleiten:)

Das Rezept stammt aus der wunderschönen Jahreszeitenkochschule Winter, aus der ich bereits ein, zwei Dinge fürs Silvestermenü nachgekocht habe, die hervorragend waren. Die geschmorten Urkarotten mit Haselnussschaum sind es wahrscheinlich auch, aber ich hatte diverse Zutaten nicht im Haus bzw. hätte nicht gewusst, wo ich sie herkriegen hätte können und deswegen ist es ein bisschen was anderes geworden. Und ja, ich komme mir wie die Kommentatoren auf Chefkoch vor, die beim Burger die Bulette gegen Fischfarce und den Salat gegen Sellerie austauschen und dann trotzdem von einem tollen Rezept sprechen, aber da müssen wir jetzt durch.

Ich schreibe mal das Rezept aus dem Buch ab, weise aber darauf hin, dass ich statt Möhren Petersilienwurzeln genommen habe (mussten weg), statt Haselnussöl und -mus das gleiche in Walnuss. Hat aber trotzdem toll geschmeckt, wobei ich ahne, dass Zitrone und Thymian noch einen winzigen Hauch besser zu Karotten gepasst hätten. Da ich jetzt aber ein kleines Gläschen Walnussmus besitze, von dem ich keine Ahnung habe, was ich damit noch anstellen soll, außer es mit viel Zucker aufs Brot zu schmieren, werde ich das Rezept garantiert nochmal mit Karotten nachkochen. Ich ergänze dann eventuell Bilder.

Für vier Personen. Ich habe übrigens nur die Hälfte des Rezepts gekocht, daher im Geist die Gemüsemenge auf dem Bild verdoppeln.

500 g Urkarotten (ca. 12 Stück) in allen Farben (bei mir, wie gesagt, Petersilienwurzeln, alle minimalistisch monochrom) waschen, schälen, notfalls hälfteln und auf einen Bogen Backpapier legen. Aus dem falten wir gleich einen Umschlag, also Platz lassen. In den Umschlag kommen noch

Saft und Schale einer Biozitrone, Schale am besten in schicken Zesten,
3 TL Butter,
2–3 Zweige Thymian und
Salz; ich habe das fotogene grobe genommen.

Die Seiten des Papiers über dem leckeren Gemüseberg zusammenklappen (muss nicht luftdicht sein) und die Enden zum Gemüse hin auffalten und mit einer Metallklammer befestigen; Büroklammer geht, ich habe gnadenlos einen Tacker genutzt. Den Umschlag in den auf 150° Umluft (!) vorgeheizten Ofen geben und für 40 Minuten backen. Das Gemüse sollte weich sein.

Wenn ihr einen Sahnebereiter (aka eine ISI-Flasche) habt, könnt ihr den Schaum schon vorbereiten und die Flasche dann im 50 Grad warmen Wasserbad warm halten, bevor ihr ihn serviert. Ich habe sowas nicht; dann möchte das Buch den Schaum zum Servierpunkt fertig haben. Heißt: zehn Minuten, bevor das Gemüse aus dem Ofen kommt, mit dem Schaum anfangen.

100 g Butter schmelzen. In einer Schüssel über dem Wasserbad
120 ml kräftige Rindssuppe (bei mir Kalbsfond) mit
4 Eigelb mit einem Schneebesen schaumig-cremig aufschlagen. Das sah bei mir wie Zabaione aus, im Buch hat es eher eine Mayonnaise-Anmutung.
50 g Haselnussöl (bei mir Walnuss) und die Butter langsam in den Dotterschaum unterschlagen, immer schön weiterschäumen, nur eben nicht alles auf einmal reinkippen. Zum Schluss noch
30 g ungesüßtes Haselnussmus oder -paste (bei mir Walnuss) und
2 EL hellen Reisessig unterrühren. Mit Salz abschmecken.

Das Gemüsepäckchen vorsichtig öffnen und den Schaum über und neben die Karotten (die Petersilienwurzeln) löffeln. Noch ein paar
Haselnussblättchen (bei mir gehackte Walnüsse) darüberstreuen und im Backpapier servieren. Oder ein Foto fürs Blog machen und dann alles unfeierlich auf einen Teller kippen, damit alles schön in Butter und Schaum schwimmen kann.

Wie auch bei den bisherigen Rezepten aus dem Buch gefällt mir die, Achtung, komisches Wort, Kultiviertheit des Rezepts. Es klingt total hemdsärmelig und nach schraddeligem Holzküchentisch und Wein aus Wassergläsern, schmeckt aber sehr fein. Bin bis jetzt hingerissen vom Buch und freue mich schon auf den Frühling, wenn ich den nächsten Band kaufen werde.

Tage- oder eher: Nachtbuch Freitag, 11. Januar 2019 – Inception

Unaufregender Tag. Gearbeitet, bei der Post gewesen, um ein Päckchen für F. abzuholen, danach eingekauft, dann meine erste selbstgemachte Gemüsebrühe angesetzt. Dafür hatte ich vorgestern brav Schalen und ähnliches von meinen Zutaten für die Suppenmahlzeit aufgehoben, weil ich wusste (danke, Buzzfeed Tasty), dass man derartige Reste noch zum Brühekochen verwenden kann, ganz wie man Hühnerkarkassen für Hühnerbrühe benutzt.

Ich röstete Zwiebeln in einer Pfanne an und warf währenddessen Tomaten (frisch und getrocknet), Suppengrün, getrocknete Steinpilze, diverse Kräuter und Gewürze und Reste von vorgestern (Lauch, Kohlrabi, Brokkoli, Möhren, Petersilienwurzel) in einen großen Topf, gab die Zwiebeln dazu und übergoss alles mit Wasser. Das kochte ich auf, ließ es abkühlen, siebte es zweimal durch, bis auch die fiesen Sandpartikel, die IMMER im Lauch bleiben, weg waren und füllte das karamellschimmernde Ergebnis in Gefrierboxen ab. Ich war allerdings noch nicht ganz zufrieden mit dem Geschmack, vielleicht waren meine Zwiebeln zu enthusiastisch angeröstet und zu wenig frisches Gemüse drin. Aber jetzt habe ich erstmal ein Ausgangsprodukt, mit dem ich weiterarbeiten kann.

Gelesen, Serien geguckt, viel Tee getrunken, sehr früh ins Bett gegangen, weil mir schon auf dem Sofa die Augen zufielen, genau wie dann beim Lesen im Bett. Ebenso früh aufgewacht, F. eine Guten-Morgen-DM geschickt, denn bei dem Mann ist es gerade schon drei Stunden später, ins Bad gegangen, wieder ins Bett, weil ich dachte, ach, einmal umdrehen, ist ja noch so früh. Wieder eingeschlafen.

Und dann den intensivsten Traum seit langer Zeit gehabt. Ich erspare euch Details, aber für mich selbst will ich festhalten: Ich habe meine Oma umarmen können. Wir waren nämlich auf ihrem Geburtstag, die ganze Familie, alle Verwandte, tausend weitere Leute, alles irre voll, und ich war damit beschäftigt, a) meine Schuhe zu suchen und b) F., der seine Jacke in der Küche hatte liegen lassen und sein Handy darin hatte geklingelt. Also versuchte ich, ihn zu rufen oder irgendwen, der ihn vielleicht gesehen haben könnte, aber ich war anscheinend erkältet, ich hatte nicht viel Stimme und fand alles doof, zu viele Leute, barfuß, keiner hört mich. Ich weiß noch, dass ich dachte, dass Omas Küche so nie geklungen hat (meine Großeltern sind beide schon tot, meine Oma seit fast 30 Jahren, da gab es noch keine Handys in meiner Umgebung) und dass ich mich freute, sie umarmen zu können. Wir hatten nie ein richtig gutes Verhältnis, seit ich in meiner bockigen Pubertät war und leider ist sie nicht alt genug geworden, um dieses Verhältnis wieder geradezurücken, aber ich habe mich trotzdem gefreut, sie wieder umarmen zu können. Das hat sich richtig echt angefühlt.

An den nächsten Traumteil kann ich mich nicht erinnern, aber daran, dass ich irgendwann nicht mehr alleine war, sondern zu zweit, und auch hier erspare ich euch alle Details bzw. ich will sie nicht erzählen, aber auf einmal fühlte sich alles noch echter und sehr anders und äußerst angenehm an, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich sagte mir irgendwann selbst, hey, diese Gefühle hast du wirklich lieber, wenn du wach bist, also sagte ich mir selbst: Wach auf. Wach jetzt auf. Das tat ich anscheinend auch, ich öffnete meine Augen, sah ein Licht, das aus dem Türspalt meiner Zimmertür zu kommen schien, ich ging darauf zu, öffnete die Tür und wusste, ich schlafe immer noch. Denn diesen Raum mit der Treppe, an deren Kopf ich gerade stand, kannte ich nicht, aber der Raum war voller kleiner Skulpturen, und ein Kind stand vor mir und erzählte mir, dass es diese Kunstwerke angefertigt hatte. Ich machte Smalltalk und sagte mir gleichzeitig immer heftiger WACH JETZT AUF, und dieses Mal funktionierte es.

Das ist jetzt über eine Stunde her und ich bin im Kopf immer noch etwas wuschig. Da ich gestern kaum etwas gemacht habe, was ich vorher nicht gemacht habe, frage ich mich natürlich schon, was mein Kopf da alles wegarbeiten musste. Und: Vielleicht waren das keine Steinpilze in der Suppe Denkerstirnemoji.

Damit ihr aber etwas vom heutigen Blogeintrag habt und nicht nur schlimmes Traumgeschwafel, copypaste ich hier ein Stück aus Stefan Zweigs Die Welt von gestern hin, das ich gerade mit großem Genuss lese. Der gute Mann hat gerade seine Schule in Wien beendet und schreibt sich nun in Berlin für Philosophie ein, mit dem festen Vorsatz, nie zur Uni zu gehen, sondern endlich mal den ganzen Tag in Ruhe schreiben zu können und abends im Theater zu sitzen.

In den vergangenen Kapiteln habe ich schon viel über die Bühnenszene Wiens erfahren, das Verhältnis der Geschlechter beleuchtet bekommen, durfte mich mit Zweig über die beknackten Burschenschaften aufregen und erfuhr, dass Theodor Herzl einer der ersten war, die Zweig veröffentlichten; Zweig beschreibt die erste Begegnung sehr eindringlich.

Wie gesagt, große Buchempfehlung. Gibt’s offensichtlich für lau im Netz oder für kleines Geld als eBook; ich lese altmodisch, wie sich’s für diesen Inhalt gehört, auf Papier.

„Selbstverständlich dachte ich nicht daran, in Berlin zu »studieren«. Ich habe dort die Universität ebenso wie in Wien nur zweimal im Verlauf eines Semesters aufgesucht, einmal, um die Vorlesungen zu inskribieren, und das zweitemal, um mir ihren vorgeblichen Besuch testieren zu lassen. Was ich in Berlin suchte, waren weder Kollegien noch Professoren, sondern eine höhere und noch vollkommenere Art der Freiheit. In Wien fühlte ich mich immerhin noch an das Milieu gebunden. Die literarischen Kollegen, mit denen ich verkehrte, stammten fast alle aus der gleichen jüdisch-bürgerlichen Schicht wie ich selbst; in der engen Stadt, wo jeder von jedem wußte, blieb ich unweigerlich der Sohn aus einer ›guten‹ Familie, und ich war müde der sogenannten ›guten‹ Gesellschaft; ich wollte sogar einmal ausgesprochen ›schlechte‹ Gesellschaft, eine ungezwungene, unkontrollierte Form der Existenz. Wer in Berlin an der Universität Philosophie dozierte, hatte ich nicht einmal im Verzeichnis nachgesehen; mir genügte es zu wissen, daß die ›neue‹ Literatur sich dort aktiver, impulsiver gebärdete als bei uns, daß man dort Dehmel und anderen Dichtern der jungen Generation begegnen konnte, daß dort ununterbrochen Zeitschriften, Kabaretts, Theater gegründet wurden, kurzum, daß dort, wie man auf Wienerisch sagte, ›etwas los war‹.

In der Tat kam ich nach Berlin in einem sehr interessanten, historischen Augenblick. Seit 1870, da Berlin aus der recht nüchternen, kleinen und durchaus nicht reichen Hauptstadt des Königreichs Preußen die Residenzstadt des deutschen Kaisers geworden war, hatte der unscheinbare Ort an der Spree einen mächtigen Aufschwung genommen. Aber noch war Berlin die Führung in künstlerischen und kulturellen Angelegenheiten nicht zugefallen; München galt mit seinen Malern und Dichtern als die eigentliche Zentrale der Kunst, die Dresdner Oper dominierte in der Musik, die kleinen Residenzen zogen wertvolle Elemente an sich; vor allem aber war Wien mit seiner hundertjährigen Tradition, seiner konzentrierten Kraft, seinem natürlichen Talent Berlin bisher noch immer weit überlegen geblieben. Jedoch in den letzten Jahren begann sich mit dem rapiden wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands das Blatt zu wenden. Die großen Konzerne, die vermögenden Familien zogen nach Berlin, und neuer Reichtum, gepaart mit einem starken Wagemut, eröffnete der Architektur, dem Theater hier größere Möglichkeiten als in einer anderen großen deutschen Stadt. Die Museen vergrößerten sich unter dem Protektorat Kaiser Wilhelms, das Theater fand in Otto Brahm einen vorbildlichen Leiter, und gerade, daß keine richtige Tradition, keine jahrhundertealte Kultur vorhanden war, lockte die Jugend zum Versuche an. Denn Tradition bedeutet immer auch Hemmung. Wien, an das Alte gebunden, seine eigene Vergangenheit vergötternd, erwies sich vorsichtig und abwartend gegen junge Menschen und verwegene Experimente. In Berlin aber, das sich rasch und in persönlicher Form gestalten wollte, suchte man das Neue. So war es nur natürlich, daß die jungen Menschen aus dem ganzen Reiche und sogar aus Österreich sich nach Berlin drängten, und die Erfolge gaben den Begabten unter ihnen recht; der Wiener Max Reinhardt hätte in Wien zwei Jahrzehnte lang geduldig warten müssen, um die Position zu erlangen, die er in Berlin in zwei Jahren eroberte.

Es war just in diesem Zeitpunkt des Überganges von der bloßen Hauptstadt zur Weltstadt, daß ich in Berlin eintraf. Noch war der erste Eindruck nach der satten und von großen Ahnen vererbten Schönheit Wiens eher enttäuschend; der entscheidende Zug nach dem Westen, wo sich die neue Architektur statt der etwas protzigen Tiergartenhäuser entfalten sollte, hatte eben erst begonnen, noch bildeten die baulich öde Friedrichstraße und Leipziger Straße mit ihrem ungeschickten Prunk das Zentrum der Stadt. Vororte wie Wilmersdorf, Nikolassee, Steglitz waren nur mit den Trambahnen mühsam zu erreichen, die Seen der Mark mit ihrer herben Schönheit erforderten in jener Zeit noch eine Art Expedition. Außer den alten ›Unter den Linden‹ gab es kein richtiges Zentrum, keinen ›Korso‹ wie bei uns am Graben, und vollkommen fehlte dank der alten preußischen Sparsamkeit eine durchgängige Eleganz. Die Frauen gingen in selbstgeschneiderten, geschmacklosen Kleidern ins Theater, überall vermißte man die leichte, geschickte und verschwenderische Hand, die in Wien wie in Paris aus einem billigen Nichts eine bezaubernde Überflüssigkeit zu schaffen verstand. In jeder Einzelheit fühlte man friderizianische, knickerige Haushälterischkeit; der Kaffee war dünn und schlecht, weil an jeder Bohne gespart wurde, das Essen lieblos, ohne Saft und Kraft. Sauberkeit und eine straffe, akkurate Ordnung regierten allerorts statt unseres musikalischen Schwungs. Nichts war mir zum Beispiel charakteristischer als der Gegensatz meiner Wiener und Berliner Zimmerwirtin. Die wienerische war eine muntere, geschwätzige Frau, die nicht alles in bester Sauberkeit hielt, dies und das leichtfertig vergaß, aber begeistert einem jede Gefälligkeit erwies. Die Berlinerin war korrekt und hielt alles tadellos im Stand; aber bei ihrer ersten Monatsrechnung fand ich in sauberer, steiler Schrift jeden kleinen Dienst berechnet, den sie erwiesen: drei Pfennige für das Annähen eines Hosenknopfes, zwanzig Pfennige für das Beseitigen eines Tintenflecks auf dem Tischbrett, bis schließlich nach einem kräftigen Addierstrich für ihre sämtlichen Bemühungen sich das Sümmchen von 67 Pfennigen ergab. Ich lachte zuerst darüber; charakteristischer aber war, daß ich selbst nach wenigen Tagen schon diesem peinlichen preußischen Ordnungssinn erlag und zum ersten und letzten Male in meinem Leben ein genaues Ausgabenbuch führte.“

Tagebuch Donnerstag, 10. Januar 2019 – Rumstapfen

In der Mittagspause traf ich eine hervorragende Entscheidung: Ich ließ mich mit dem Bus nicht zur Stabi fahren, zu der ich wollte, sondern mitten in den Englischen Garten und ging von dort zu Fuß zur Bibliothek. Das war so schön, dass ich mir das ernsthaft des Öfteren selber sagte. Ich stapfte durchs ruhige und fast menschenleere Weiß und sagte „Das ist so schön!“ vor mich hin. Meiner Oma hätte das gefallen.

Das ist der Biergarten am Chinesischen Turm. Ich fand es sehr hübsch, wie akkurat es sich der Schnee auf den Bänken und Tischen bequem gemacht hat.

Von da ging ich einfach kreuz und quer durch die Gegend.





Bis ich am Monopteros ankam, der einzigen Marke, von der aus ich weiß, wo ich bin.


Hier bin ich schon auf dem Weg zur Straße, die aus dem Garten direkt zur Uni führt. Nebenan ist die Stabi.



Ich konnte gar nicht alle Schneemenschen fotografieren, die bereits rumstanden. Leider. Aber schön zu merken, dass ich nicht die einzige bin, die sofort welche bauen will, wenn’s geht.

Aus der Stabi holte ich zwei Bücher über Bohuslav Martinů: eine Biografie (es gibt laut des Vorworts mehrere, die aber zum Teil unter der Zensur der Tschechoslowakei erschienen und dementsprechend nicht ganz vollständig sind) und einen Aufsatzband, der sich mit Martinůs Musik und ihrem Platz im 20. Jahrhundert beschäftigt. Die Biografie begann ich dann auch gleich im Bus zurück nach Hause zu lesen.

Was ich beim Rumsuchen im OPAC erst zu spät gesehen habe: Die Bibliothek hat natürlich auch Partituren. (Natürlich hat die Bibliothek auch Partituren! ❤️) Da werde ich vermutlich demnächst auch ein paar ausleihen; vielleicht verstehe ich beim Mitlesen, warum mir die Musik dieses Komponisten so gefällt und ich sie nicht mehr aus dem Kopf kriege.

Der Bus brachte mich dann zum Supermarkt, wo ich einmal das halbe Gemüseregal leerkaufte und mir zuhause eine Suppe kochte. Was man halt so macht im Winter. Team Suppe forever!

Zum Spätzleschaben war ich allerdings zu faul, die sind gekauft, SORRY SCHWABEN!

Wo wir gerade bei Suppe sind:

Why are Instagram-famous recipes so impossible to resist?

Nikita Richardson schreibt für Grub Street über die Kichererbsensuppe aus der New York Times, die ich auch nachgekocht habe (Instagram/Rezept im Blog), ohne allerdings den Hashtag #thestew zu kennen. Gestern auf Twitter fragte ich mich, ob ich ein early oder ein unaware adopter sei, worauf Herr Giardino meinte, ich sei ein unaware influencer. Das gefällt mir sehr.

Ich habe die Suppe übrigens gekocht, weil die Cooking-Sektion der Times sie mir in meine Twittertimeline gespült hat. Vielleicht, und das wird auch im Artikel angerissen, kochen wir das Rezept auch nur alle nach, weil’s gut klingt und nicht weil es einen Hashtag dazu gibt.

„In less than two months, #TheStew has taken on a life of its own, and has no doubt entered the regular cooking rotation for numerous home cooks around the country. In the days when cookbooks, food magazines, and product labels were the primary spots that people found new recipes, it could take months or even years for ideas to become universally beloved household staples. (It probably required at least a few Thanksgivings before green-bean casserole achieved critical mass, and people are still discovering Marcella Hazan’s superlative tomato sauce.) But in the age of digital word of mouth, you only need to see the same recipe pop up on your feed so many times before you feel compelled to try it — and then of course to post about it yourself. The Instagram snowball effect means a recipe can enter the home-cooking canon in a matter of days, not years. Call it the joy of hashtag cooking.“

Nicht Franck Ribéry ist pervers, sondern 19 Cent für 100 g Hähnchenkeulen

Ich hoffe, ihr seid mit der Causa Ribéry vertraut? Ja, oder? Dann noch ein letzter Take von Herrn Dollase zum Thema:

„Franck Ribéry hat nichts anderes getan, als eine von vielen Möglichkeiten zu wählen, zu viel Geld für fast nichts auszugeben. Sein Gag mit dem Blattgold schadet Niemandem. Der Wirt des Etablissements wird sich freuen, und vielleicht sichern ja solche und ähnliche Ausgaben auch noch diverse Arbeitsplätze. Ohnehin kommt es immer wieder mal vor, dass Angehörige besonders zahlungskräftiger Bevölkerungsgruppen in Luxusrestaurants den Eindruck erwecken, der Laden gehöre ihnen – sie würden das Ganze schließlich finanzieren. Da ist der Fall Ribéry viel Wind um nichts.

Vor allem ist nicht Ribéry pervers, sondern die Tatsache, dass für Billig-Angebote in Supermärkten Tiere getötet und zu einem Preis verhökert werden, der eine Mssachtung von Leben und eines zivilisierten Zusammenhanges von Wertschätzung für Tiere und ihrem Preis ist. In einem aktuellen Angebot von heute bietet EDEKA 100 g Keulenfleisch für 19 Cent an. Um sich dem „Nichts“ an Preis noch weiter anzunähern, nimmt man auch nicht den Kilo-Preis, sondern den für 100 Gramm, weil er noch billiger klingt. Darüber regen wir uns sporadisch auf, obwohl es ein Dauerzustand ist, der trotz massiver Kritik zu keinerlei Veränderung führt.“

(via @ClaudiusSeidl)

Tagebuch Mittwoch, 9. Januar 2019 – Neun Eins Eins Neun

Ich musste gestern ein paar Dokumente für die neue Steuerberaterin unterschreiben, da fiel mir das schicke Datum auf.

Der schlecht gelaunte Feierabend von vorgestern ging über in einen traurigen Morgen, der aber dann zu einem besseren Vormittag wurde. Ich ärgere mich immer noch über mich selbst, aber jetzt habe ich mich lange genug ausgeschimpft.

Stiefelchen angezogen, rausgegangen, Zeitung gekauft, zur Drogerie gestapft, Zeug gekauft, nach Hause gegangen, viel Tee getrunken, viel gelesen, viel Musik gehört – und einen Podcast, ich komme gleich noch darauf zurück.

Aber erstmal die Musik zum Tag aus Year of Wonder: Sie kommt heute aus Verdis Messa da Requiem, genauer gesagt das Offertorium. Schade, das Dies Irae knallt mehr. Wie immer habe ich nach dem Durchhören des kurzen Stücks auf die Album-Playlist geklickt und mich gestern an die schöne Aufführung des Monteverdi Choirs erinnert, die ich erst Anfang November gesehen hatte.

Das Buch hängt den Musiktipp an der Geschichte von Rafael Schächter auf. Wieder was gelernt: Die musikalischen Darbietungen in Theresienstadt waren mir bekannt, dieser Name noch nicht.

Über den New Yorker entdeckt: den Podcast SongExploder. Der Gastgeber interviewt Musiker*innen, die eine Viertelstunde lang über eine ihrer Kompositionen sprechen, sie mit Tonbeispielen unterfüttern, und zum Schluss gibt’s das Lied dann wieder zusammengebaut.

Die erste Episode, die ich mir anhörte, wurde im Artikel angeteasert und war mit Loren Bouchard, der eine meiner liebsten Fernsehtitelmelodien komponiert hat: die von Bob’s Burgers. Nachdem ich die Folge (schon von 2014) gehört hatte, weiß ich auch, warum sie einer meiner liebsten ist: weil sie das generelle Grundgefühl der Serie so gut zusammenfasst. Bis zum Schluss hören, dann kommt noch der Teil des Tracks, den man im Fernsehen (aka im Interweb) nie hört, weil die Folge schon beginnt und die Figuren sich wieder in den Haaren liegen.

Dann klickte ich mich durch die Episodenliste und fand die Folge zur Titelmusik von BoJack Horseman, die ich ebenfalls großartig finde. Gelernt: Das Stück wurde geschrieben, weil Komponist Patrick Carney, Drummer der Black Keys, mal sein neues Studio bzw. dessen Equipment in Nashville antesten wollte und wurde erst dann zu einer Titelmusik. Carneys Onkel Ralph steuerte das Saxofon bei.

Ein Lied von 2005 höre ich immer noch gerne und gröle mit, wenn niemand zuhört: Suddenly I See von KT Tunstall, die spannenderweise von einem Bild bzw. einem Albumcover von Patti Smith zu diesem Song inspiriert wurde. Auch sehr hörenswert, die Episode.

Und, letzte Folgenempfehlung: Ich weiß jetzt mehr über die Titelmelodie von House of Cards. Ich mag die Melodie sehr, auch wenn ich die Serie seit der dritten oder vierten Staffel nicht mehr gucke. Aber es gibt diesen einen großartigen Moment, wo sich alle rumzirpenden, klimpernden und wabernden Instrumente vereinen, zu einem fetten Akkord, bei dem ich mich immer gefragt habe, ob das wirklich einfach Dur ist oder noch irgendwas Chromatisches mitschwingt. Jetzt weiß ich: Es ist A-Dur.

Die Titelmelodie änderte sich von Season 1 zu den weiteren; aus den hellen Geigen wurden etwas dunklere Celli, weil auch die Serie düsterer wurde. Damit verliert der strahlende Akkord auch ein bisschen seine Leuchtturmwirkung, aber er ist immer noch toll. Hier sind alle Melodien hintereinander geschnitten. Meine Lieblingsstelle kommt bei Sekunde 50, dann nochmal länger bei 1:20.

Tagebuch Dienstag, 8. Januar 2019 –  Das Abo ist tot, es lebe das Abo

Vormittags einen Text abgegeben, für den ich eigentlich eine Korrekturschleife eingeplant hatte – die dann aber nicht nötig war. Weniger Arbeit ist zwar nett, aber jetzt kriege ich auch weniger Geld. Muss schlechter texten.

Aber ich konnte mich sehr über eine Mail freuen:

Eigentlich wollte ich deswegen nett sein und die SZ statt der FAZ kaufen, aber der Vorsatz hielt nur bis zur Lektüre vom Perlentaucher, der mich auf einen Artikel über Religionsunterricht im FAZ-Feuilleton aufmerksam machte (hinter der Paywall). Also FAZ erstanden. Und dann, nach lausigen, lächerlichen, wirklich lachhaft albernen acht Tagen Abolosigkeit wieder ein Abo abgeschlossen. Muss woanders sparen. Und schlechter texten.

Abends eine Kundenmail bekommen, über die ich länger nachdenken musste, was meinen lauschigen Feierabend etwas ruinierte. Missverständnisse kommen vor, aber als Dienstleister dürfen sie mir eigentlich nicht passieren; es ging um organisatorische Dinge, nicht Textqualität. Mich über mich selbst geärgert und Frustschrott gegessen statt schöner Dinge mit Brokkoli, die ich eigentlich geplant hatte. Mal sehen, ob ich das jemals hinkriege: mich nicht selbst doppelt für Fehler zu bestrafen (Ärger plus mieses Futter). Oder ob ich es schaffe, Seelenstress vom Essen zu entkoppeln. Ich ahne, dass ich das nicht mehr hinkriege, diese Bewältigungsstrategie fahre ich schon zu lange.

Die Musik zum Tag (Year of Wonder) kommt von Arcangelo Corelli, den ich meinte, als Namensgeber für einen Nicholas-Cage-Film zu kennen, den ich bis heute aber nicht gesehen habe und von dem ich jetzt nach der Lektüre des Wikipedia-Eintrags weiß, dass die beiden Corellis gar nichts miteinander zu tun haben. Ähem.

Und jetzt muss ich doch mal ein winziges Hühnchen rupfen, denn das Largo aus Corellis Concerto Grosso in D-Dur, Op. 6, No. 1, dauert ernsthaft nur eine Minute. Ein bisschen mehr darf mir die Verfasserin ruhig zumuten. Also klickte ich auf den Album-Link der Spotify-Playlist und hörte das ganze Concerto Grosso, das eh nur entspannte 13 Minuten dauert. Barock ist zwar nicht meins, aber das hat mir gefallen. Und ich weiß jetzt, was ein Concerto Grosso ist.

Wo wir gerade bei der FAZ waren – da stand Montag in meiner Lieblingsrubrik „Die Gegenwart“ ein langer Artikel über den Populismus (leider nicht online). Der Politikwissenschaftler Torben Lütjen arbeitet den Unterschied zwischen den heutigen Schreihälsen und den historischen heraus, was mich etwas hoffnungsvoller gestimmt hat, im Gegensatz zum Autor.

Zunächst ging es um den Zusammenhang von Autoritarismus und Populismus:

„Der Begriff [des Autoritarismus] zielt gleichsam auf eine vorpolitische Bewusstseinsebene und beschreibt einen generellen Zugang zur Welt. Personen mit einem autoritären Weltbild, so die Annahme, richten sich an konventionellen Verhaltensweisen aus, orientieren sich an starken Vaterfiguren und neigen dazu, Fremdes als Bedrohung wahrzunehmen.

Nun ist einiges an dem behaupteten Zusammenhang zwischen Rechtspopulismus und Autoritarismus offensichtlich. Schließlich wissen wir, dass die Anhänger der AfD ebenso wie die Wähler anderer rechtspopulistischer Parteien in Meinungsumfragen eine stärkere Präferenz für „starke Führer“ bekunden und mit bestimmten Erscheinungsformen der repräsentativen Demokratie hadern. […]

Und doch ist die Erzählung vom autoritären Populismus allenfalls die halbe Wahrheit. Der moderne Rechtspopulismus ist widersprüchlich und gebrochen. Er besitzt eine Art doppelten Boden, in dem sich eine Geisteshaltung findet, die sich mit autoritärem Denken nicht besonders gut verträgt – was die Sache nicht unbedingt ungefährlicher macht.“

Lütjen beschreibt dann die Parallelwelt von Verschwörungstheoretikern, angefangen von der Alt-Right-Bewegung, die Außenstehende als unwissende Schafe beschreibt, …

„… die den Lügen der Mainstream-Medien glauben, den Versprechungen der Politiker, die nicht mit offenen Augen durch die Welt gehen und sich leicht manipulieren lassen. In der Sprache der AfD ist es hingegen der ‚mündige Bürger‘, der durchschaut hat, wie die Dinge wirklich sind. […]

Der Rechtspopulismus rechnet in seiner Ansprache tatsächlich mit Menschen, die sich für so kompetent halten, dass sie die Komplexität der Welt ohne fremde Hilfe und damit selbst verstehen. Sie brauchen dafür keine vermittelnden Instanzen, keine Übersetzer und keine Mediatoren. Es geht, so kontraintuitiv das vielleicht klingen mag, um individuelle Selbstermächtigung, oder wie es auf Neudeutsch heißt: Empowerment.“

Was mir in diesem Zusammenhang gefehlt hat, war der Hinweis auf die durchaus vorhandenen Mediatoren: die Facebookgruppen, die Twitter-Threads, die WhatsApp-Gruppen, in denen man seine eigene Meinung gegencheckt – man ist also vielleicht doch nicht ganz so mündig, sondern sucht Gleichgesinnte, die eine Richtung vorgeben. Oder eine Verschwörungstheorie, ein verfremdetes Bild, eine verkürzte Bundestagsrede von Frau Weidel. Außerdem hätte ich mir eine Distanzierung vom Begriff der „Mainstream-Medien“ gewünscht, aber das mag persönliche Befindlichkeit sein.

Lütjen kommt dann zum Kern des Ganzen:

„Im Faschismus […] ist der individuelle Anspruch auf Wahrheit im Grunde suspendiert. Hier ist es der von der Vorsehung erwählte Führer, in dem sich die Wahrheit manifestiert. […] Im Linksautoritarismus existiert ebenfalls nicht die Idee der individuellen Welterklärung: Die Wahrheit wird hier von der Partei als bürokratischer Organisation verwaltet oder von den offiziell beglaubigten Parteiintellektuellen. NIcht jeder ist schließlich berufen, Marx zu verstehen.“

Hier fragte ich mich, ob das auch ein Grund dafür sein könnte, warum im Osten anscheinend mehr Menschen mit Zeitungen und Fernsehen hadern als im Westen – weil man es sich 40 Jahre lang antrainiert hatte, eben diesen Medien nicht zu glauben?

Spannend fand ich diese Überlegung zu den individuellen AfD- oder Rechtswähler*innen:

„Die Rechtspopulisten von heute aber scheinen kaum nach dem Aufgehen in der Masse zu lechzen, scheinen überhaupt wenig Sehnsucht nach Gemeinschaft oder Bindung zu verspüren. Weder fallen sie als regelmäßige Kirchgänger noch sonst irgendwie als begeisterte Vereinsmeier auf [dafür hätte ich gerne eine Quelle gehabt]. […] Auch sie sind, wie der Soziologe Andreas Reckwitz es bezeichnet hat, ein Teil der ‚Gesellschaft der Singularitäten‘, und nicht etwa (wie es allerdings Reckwitz und andere wohl meinen) deren regressiver Gegenentwurf.“

Lütjen spricht dann noch über das innerparteiliche Chaos in der AfD, wo Führungsfiguren relativ unerbittlich ersetzt werden – eigentlich nicht unbedingt ein Zeichen von Führertreue. Wobei die modernen Vorsitzenden auch eher Pseudo-Führer*innen sind:

„Auch sollte man bezweifeln, dass es sich bei all den Trumps und Orbáns, den Salvinis, Gaulands und Straches um jene berüchtigten ‚strengen Vaterfiguren‘ der Autoritarismus-Forschung handelt, die ihre eigenen Zöglinge züchtigen und erziehen wollen. Eher sind es wohl moderne Kumpel-Väter, die ihren verzogenen Kindern gegen die bevormundenden Lehrer den Rücken stärken und sie dabei noch weiter dazu anstacheln, sie sollten sich nicht weiter vorschreiben lassen, wie sie lebten, was sie zu fühlen und woran sie zu glauben hätten. Der Populismus (das ist seine größte Stärke und seine größte Schwäche zugleich} fordert den Menschen intellektuell und moralisch gar nichts ab – schon gar keine Opfer im Namen einer historischen Idee oder Mission.“

Und das sehe ich als Hoffnungsschimmer: Die heutigen AfD-Wähler mag ich für verblendet und denkfaul halten, ich habe aber keine Angst davor, dass sie Verkehrsflugzeuge in Hochhäuser lenken. Und gerade weil sich die Partei eigentlich nur in der Flüchtlingspolitik halbwegs einig ist, hoffe ich darauf, dass sie sich schlicht selbst erledigt. Das hat die Ein-Thema-Partei der Piraten ja auch prima hingekriegt.

(Alle Zitate aus: Torben Lütjen: „Populismus oder die entgleiste Aufklärung“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.1.2019, S. 6.)

Tagebuch Montag, 7. Januar 2018 – Team Ophelia!

Morgens vor die Tür gestiefelt, um eine Zeitung zu kaufen. Immerhin gleich Croissants (Frühstück) und Brezn (Nahrung für den Rest des Tages) mitgebracht. Die neueste Folge Outlander geguckt; die jetzige Staffel finde ich eher doof, aber man weiß ja nie, mal weitergucken. Den Rest des Tages war ich dann wieder im Texterflöz unterwegs.

In der Mittagspause hörte ich die Musik zum Tag aus Year of Wonder: Gestern gab’s Les chemins de l’amour von Francis Poulenc, worüber Autorin Burton-Hill treffend schrieb: „It is tinged with a bittersweet poignancy, the lilting charms of its melody undercut by a sense of impending loss.“ Ich fand das Stückchen sehr schön. Mehr kann ich zu den drei Minuten nicht sagen. Ich frage mich gerade, ob ich die Musik zum Tag nur verbloggen sollte, wenn ich etwas zu sagen hätte. Auch hier: mal weitergucken.

Und abends traf ich mich dann mit F. in den Kammerspielen. Es gab den Herrn Hamlet in einer Inszenierung von Christopher Rüping. F. hatte das Stück schon zweimal gesehen und verriet mir, dass es erstens mit dem Schluss losgehe und das zweitens alle drei Schauspieler*innen mal den Hamlet geben würden, symbolisiert durch einen schwarzen Hoodie, den sie tauschten, bevor zum Schluss alle dieses Kleidungsstück trugen. Ich kann jetzt nicht mehr beurteilen, ob ich das auch ohne F.s Worte kapiert hätte – ich gehe mal davon aus, dass ja –, aber ganz so ein Selbstläufer ist diese Idee anscheinend nicht: Mit uns war eine Schulklasse im Saal, bei denen sich einige beim Rausgehen gegenseitig fragten, wer denn nun eigentlich Hamlet gewesen wäre.

Dass es mit dem Schluss losging, war für das Bühnenbild ein Geschenk und für die Darstellenden vermutlich nur ein weiterer Baustein in ihrem unbequemen Abend: Sie verteilten erstmal minutenlang eimerweise Kunstblut auf dem durchlässigen Metallfußboden. Das machte immerhin schön klar, dass das Stück vielleicht keine lyrische Angelegenheit werden würde, falls es jemand noch nicht kennen sollte. Wobei: Ohne Vorkenntnisse vom Stück sitzt man vermutlich zwei Stunden ziemlich ratlos im Publikum, so sehr zerbröselt Rüping den Text, nutzt nur noch Versatzstücke und ergänzt recht freestyle. Nachdem aber klar ist, dass alle tot sind – das Blut wäre ein Hinweis, eine Anzeigentafel, auf der so ziemlich alle Namen der Figuren nach und nach durchgestrichen werden, ein weiterer –, fangen wir doch von vorne an. Nur szenenweise und die auch stark verkürzt; Rosencrantz und Guildenstern sind, wenn ich mich richtig erinnere, für ungefähr eine Minute erkennbar und haben auch keine Funktion mehr, außer dass sie sterben, was dadurch symbolisiert wird, dass die beiden Darstellenden sich jeweils einen Eimer Kunstblut über den Kopf schütten – eine Geste, die am Abend gefühlt achtzigmal vorkam.

Ich erspare euch eine Nacherzählung und verweise faul auf diverse Kritiken, die sich alle nicht einig sind. Ich persönlich fand’s bis auf kleine Dinge großartig. Zum Beispiel der Umgang mit dem Evergreen „Sein oder Nichtsein“: Der Satz leuchtet irgendwann auf der Tafel auf und Hamlet stöhnt nur abwiegelnd, och nee, nicht den Scheiß wieder. Statt ihm beginnt dann auch der Musiker an der Bühnenseite, der stets sichtbar ist (und manchmal irre laut), Samples von alten Aufnahmen des Monologs abzuspielen. Das hätte ich grandios gefunden, das Ding kennt eh jede*r, aber so ganz hat sich Rüping anscheinend doch nicht getraut, ihn komplett wegzulassen, also beginnen die Schauspieler*innen selbst auch nochmal, den Text aufzusagen. Das war zuviel und inkonsequent.

Was ich aber hingegen grandios fand, war sein Umgang mit Ophelia, der armen Maus, die das komplette Stück irgendwie erduldet, bevor sie gnädig ertrinken darf, hmpf. Hier schreit Hamlet (gerade verkörpert von Kaja Bürkle) Ophelia (hier gerade Nils Kahnwald) minutenlang an, wie sehr sie nerve, wie sehr sie seine Zeit koste, mit ihrem Hamsterblick, dass sie sich endlich verpissen solle, warum sie nicht auf ihn höre und SICH ENDLICH VERPISSE uswusf. Das ging gefühlt zehn Minuten so, die schreiende, herumirrende Bürkle und im Hintergrund emotionslos Kahnwald, der das alles über sich ergehen lässt und dessen Mimik weder Entsetzen noch Erstaunen noch Wut oder Angst zeigte, er stand da einfach und sie brüllte ewig. Irgendwann war ich selbst genervt davon und dachte mir, jetzt geh doch endlich, dann geht das Stück mal weiter – und in dem Moment hatte ich kapiert, worauf alle hinauswollten: Ich war als Publikum genauso zum Arsch geworden wie Hamlet, der Ophelia loswerden und weiter mit Blut rumspritzen wollte. Auf die Zwölf.

Überhaupt habe ich selten einen solch unsympathischen Hamlet gesehen, was ich im Nachhinein als zwiespältig empfand. Am Abend selbst fand ich es toll, dass aus dem angeblich edlen Rächer ein totaler Mistkerl wird, im Nachhinein weiß ich nicht, ob die psychische Komponente, der innere Aufruhr, die Wahnvorstellungen (?) der Figur damit nur faul unter den Teppich (oder den blutigen Metallboden) gekehrt wurden.

Man kann dem Stück sicherlich vorwerfen, teilweise inkonsequent zu sein, aber ich hatte zwei äußerst intensive Stunden und empfehle euch einen Besuch. Wir zwei mussten das dringend bei einem Bierchen besprechen, was den Abend ebenso intensiv weitergehen ließ.

Gemeinsam bierschwer eingeschlafen. Durchgeschlafen, endlich mal wieder! Vielleicht sollte ich meinen ollen Tee abends durch Bier ersetzen.

Tagebuch Samstag/Sonntag, 5./6. Januar 2019 – Musikalisches Wochenende

Der freitägliche Schnee war liegengeblieben, München sah super aus, und ich tat, was jeder vernünftige Mensch macht, wenn Schnee liegt – und man zu faul ist, vor die Tür in den Englischen Garten zu gehen, aber dafür einen Balkon hat:

Dann ging ich aber doch irgendwann raus, Zeitung gekauft (schon gut, ich schließe wieder ein Abo ab, es hilft ja nichts), Brot gekauft, Süßigkeiten für F. gekauft, der von einem Kurztrip wiederkam und dem ich was Nettes auf den Wohnzimmertisch legen wollte, was ich im Anschluss an meine Einkäufe erledigte.

Zuhause lauschte ich der täglichen Portion Musik aus Year of Wonder, ich verlinke das einfach weiter, mir gefällt das sehr. Samstag durfte ich das magische Crucifixus von Antonio Lotti kennenlernen, der mir vorher kein Begriff war. Das kleine Stück hörte ich gleich mehrfach. Ich möchte den Tipp der Autorin weitergeben: Stop whatever you’re doing and let it wash over you. Bitte nicht in der Mittagspause auf dem Smartphone, wartet bis zum Feierabend. Aber dann!

Hier ist mein Tweet mit der Buchseite dazu; alleine für den Text und dieses Stück lohnt sich das Buch bzw. die Spotify-Playlist. Aus dem Tweet entspann sich eine kleine Diskussion, durch die ich eine weitere Playlist entdeckte: „Hört euch das mal an, Vol. 2“ mit klassischer Musik, Vol. 1 folgte ich bereits. Auf der neuen Playlist entdeckte ich gleich noch mehrere Komponisten, die ich vorher nicht kannte, vor allem Hans Rott hatte sofort gewonnen. Den Rest muss ich noch durchhören, weiter bin ich noch nicht.

Den Abend mit F. verbracht, Käse gegessen, Rotwein getrunken (endlich mal wieder einen Blaufränkisch), gemeinsam eingeschlafen.

Den Sonntag standesgemäß vergammelt, immerhin Croissants vom Bäcker geholt, keine Sonntagszeitung, ha!, dann auf dem Sofa eingeschlafen, egal ob beim Lesen oder beim Seriengucken, vom eigenen Schnarchen aufgewacht. Ich liebe solche Sonntage.

Die Musik zum Tag kam von Max Bruch, der mir nichts sagte, aber als die ersten Töne seines 1. Violinkonzerts erklangen, dachte ich, „Ach, das!“ Ich dachte, ich hätte das garantiert schon mal in einem Filmsoundtrack gehört, aber die IMDB half mir nicht weiter. Vielleicht hatte das Klassikradiohören in der Badewanne in Hamburg doch was Gutes gehabt. Ihr kennt das auch, kommt schon, anspielen, ist hübsch.

Was ich an der Spotify-Playlist so schön finde, ist, dass man vom einzelnen Appetithäppchen auf das komplette Album kommt und sich so auch brav den Rest des Konzerts anhören kann. Mir gefallen die anderen zwei Sätze des Violinkonzerts sogar noch besser als der erste.

Zur Feier des Tages holte ich sogar meine Boxen wieder aus den zwei Schränken, auf die ich sie offensichtlich nach dem Umzug verteilt hatte. Ja, ich Banausin habe bisher nur über die Laptop-Lautsprecher Musik gehört. Die kleinen Boxen hatte ich mir mal in Hamburg gekauft, aber selten benutzt. Jetzt rahmen sie hübsch meinen Schreibtisch ein und mir gefällt das alles sehr. Beschwingtes Arbeiten und Bloggen. Was ich gestern auch feststellte, nachdem ich sie angeschlossen hatte: Mein neuerdings so geliebter Martinů knallt darüber noch mehr.

Ich war so beschwingt, dass ich meine Küche kurz umräumte (kein Foto). Der Raum ist der einzige, mit dem ich noch etwas hadere, was die Wandgestaltung angeht. Ich habe mal das bisher hochkant stehende Kallax in die Horizontale gekippt, mein Lieblingsgeschirr darauf drapiert und zwei große Bilder obendrauf an die Wand gelehnt, die wollte ich am Sonntag nicht annageln. Mal sehen, wie das wirkt. Bin bisher zufriedener als vorher, aber so ganz richtig richtig ist es immer noch nicht.

Die alten, neuen Boxen zahlten sich dann abends richtig aus, als ich dem Livestream der Bayerischen Staatsoper lauschte, die Smetanas Verkaufte Braut live übertrug; hier die Termine für weitere Aufführungen, für die man sich nicht schick machen muss.

Von der Aufführung hatte ich zufällig eine äußerst positive Besprechung im Radio gehört, was man halt so morgens im Bad mitkriegt, und mich daher ohne große Erwartungshaltung an den Schreibtisch gesetzt (weil da halt die Boxen stehen). Eigentlich wollte ich nur kurz reingucken, aber dann blieb ich doch die ganzen drei Stunden dabei, holte mir in der Umbaupause in der ersten Hälfte ein Bier aus dem Kühlschrank, ging in der Pause – ganz wie in der echten Oper – erstmal aufs Klo und dann zum Schnittchenteller, der bei mir gestern aus zwei Käsesorten bestand, die noch von Silvester übriggeblieben waren. Das Social-Media-Team begleitete den Abend meiner Meinung nach sehr gut, und ich hatte gerade in der ersten Hälfte so viel Spaß wie noch nie mit einer Oper. In der zweiten Hälfte wurde es dann ruhiger, melancholischer und zärtlicher, das große Feuerwerk an Gags war verpufft, aber auch hier konnte ich natürlich Musik und Stimmen genießen. Vielen Dank für den Stream, gerne wieder!

Ich habe allerdings schreckliche Nachrichten von meinem Balkon:

Maybe he likes warm hugs? Ich werde ihn mal reinholen.

Ein unkompliziertes Dankeschön …

… an Elke, die mich mit Yotam Ottolenghis Simple überraschte. Den Titel hat der deutsche Verlag netterweise nicht mit „Simpel“ übersetzt, sondern einfach den englischen gelassen.

Von Ottolenghi habe ich bereits mehrere Kochbücher im Schrank, er gehörte mit zu den ersten etwas komplizierteren Küchenmeister*innen, die ich nachkochen wollte, nachdem mich sowohl Jamie Olivers als auch Tim Mälzers Bücher nicht mehr so richtig umhauen konnten. Von letzterem habe ich aber einen hervorragenden Kartoffel-Gurken-Salat mit warmem Essigdressing, den ich bis heute liebe.

Eines meiner liebsten Futterfotos, von dem ich mich bis heute ärgere, dass es so klein ist, stammt von einem Ottolenghi-Rezept (süßsaurer Feldsalat mit roter Bete). Seine Nudeln mit Gewürzbutter retten mich jeden Abend, wenn ich keine wirkliche Lust zum Kochen habe, aber trotzdem was richtig Tolles essen möchte. Sein Mejadra ist mein liebstes Comfort Food, und sowohl seine Blumenkohltorte als auch die Knoblauch-Ziegenkäse-Tarte sind inzwischen Go-to-Rezepte, wenn Besuch vorbeikommt.

Daher war ich sehr auf sein Einfach-Kochbuch gespannt, denn eine Rezeptkategorie darin ist: „Rezepte mit nicht mehr als zehn Zutaten.“ Was bei Ottolenghi ja quasi unmöglich ist. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Tagebuch Freitag, 4. Januar 2018 – Mal raus da

Da ich meinen Text plangemäß am Vorabend erledigt und nach einer Nacht Rumliegen und morgendlichem Nachbessern schon um kurz nach 9 Uhr an den Kunden geschickt hatte, hatte ich vormittags etwas Leerlauf. Flugs die dicken Stiefelchen angezogen, die ausgelesenen Comics in Rucksack und Stofftasche gepackt und zur Münchner Stadtbibliothek gefahren. Bzw. fahren lassen, U-Bahn, S-Bahn, es schneite, Fahrrad war für mich keine Option.

Eigentlich wollte ich danach noch einkaufen, ich hätte gerne zu meinem etwas schweren Lederrucksack wieder so einen dünnen Alltagsrucksack aus billigstem Polyester, in den auch mehr reingeht, weil man ihn halt besser vollstopfen kann. Aber als ich in der Bibliothek war, fiel mir auf: Hey, hier liegen Bücher rum! Davon könntest du welche mitnehmen! Und schon war der Rucksack wieder zu voll, um damit entspannt shoppen gehen zu können. Prioriäten.

Ich lese jetzt einfach das ganze Graphic-Novel-Regal systematisch durch. Heute: eine Auswahl aus den Buchstaben A und B.

Auf dem Nachhauseweg erstand ich die FAZ (schon gut, SCHON GUT) aus einem dieser lustigen Selbstbedienungsdingsis, die bestimmt einen tollen Namen haben, den ich aber nicht kenne. Diese Glaskästen auf Beinchen, in denen ein Stapel Zeitungen liegt und man wirft Geld ein und kann dann den Deckel anheben, um sich eine Zeitung rauszunehmen. Oder alle, wenn man doof ist. Direkt an meiner U-Bahn-Haltestelle stehen gleich vier nebeneinander, wo man, wenn ich richtig geguckt habe, die FAZ, die SZ, die Bild und die Abendzeitung erstehen kann. Als ehemalige Abonnentin wusste ich peinlicherweise nicht, wieviel eine einzelne Zeitung denn genau kostet. Ich musste erstmal den Schnee von der Abdeckung wischen, um es rauszufinden, und warf dann brav passend 2,90 Euro ein.

(Edit 8.1.: Die Dingsis heißen „stumme Verkäufer“, danke für den Hinweis an einen Redakteur der SZ (Da muss jetzt ein Smiley hin!) :-)

Aus den wenigen Flöckchen, die mich davon überzeugt hatten, lieber die Stiefel und nicht die Sneaker anzuziehen, war inzwischen amtlicher Schneefall geworden. Ich freute mich über die sofort hübschere und leisere und langsamere Stadt. Zuhause gab’s dann das Sahnehäubchen auf den Tag: In unserem Hausflohmarkt – der untere Treppenabsatz, auf dem alle Leute umsonst ihr Zeug ablegen, von dem sie glauben, dass andere es noch brauchen könnten – lagen zwei schlichte, graublaue Ikea-Teller, die ich mir bei meinen hundert Lampenkaufbesuchen immer brav verkniffen hatte. Innerlich quengelte ich jedesmal, aber ich hatte mir immer energisch gesagt, nein, du brauchst nicht noch mehr Geschirr, du hast genug, nein, auch nicht für Blog-Rezeptfotos (meine liebste Ausrede der letzten Jahre, um Schüsselchen und Tellerchen zu kaufen), nein, weitergehen, liegenlassen, raus hier.

Aber, ich meine, wenn sie schon vor meiner Haustür liegen?! Daran konnte ich nicht vorbeigehen. Danke, Nachbar*in! Ich bin bisher im Flohmarkt diverse Bücher losgeworden, die ich nicht mehr in Kisten packen wollte, oder Klamotten und finde diese Einrichtung auch nach Jahren noch super.

In meiner Wohnung angekommen, kochte ich die erste Kanne Tee des Tages, stellte mich mit der dampfenden Tasse an mein riesiges Balkonfenster und schaute nach draußen ins Weiße. Das war schön.

Die Musik zum Tag (Year of Wonder) erklang währenddessen im Hintergrund: der fünfte Satz, die Cavatina, aus Beethovens 13. Streichquartett in B-Dur. Den hörte ich auch brav zunächst durch, wollte dann aber das ganze Quartett hören und staunte beim ersten Satz: den kenne ich ja. In meinem ersten Semester Musikwissenschaften (die ich im dritten Semester gegen Geschichte tauschte) belegte ich ein Seminar zu Beethovens Klaviertrios. Keine Ahnung, ob wir uns da im Zusammenhang auch mal diesem Streichquartett genähert haben.

Für diesen Eintrag habe ich mein erstes Semester punktuell nachgelesen und wünschte, ich hätte die Disziplin meiner zweiten Uniwoche fürs Blog beibehalten. Was da über die Messe in der Renaissance steht, passt übrigens gut zu Frau von Bingen vom gestrigen Eintrag.

Burton-Hill über die Cavatina von Beethoven, den sie „one of classical music’s most complex minds“ nennt:

„And then, toward the end of a sometimes troubled life, he wrote a group of string quartets […] that took this genre of chamber music – indeed all music – to a new realm. […] Nothing had ever been heard like this before. Beethoven was coming up with music, als the Romantic composer Robert Schumann would later put it, that contains ‚a grandeur which no words can express … [standing] on the extreme boundary of all that has hitherto been attained by human art and imagination.‘ […]

Beethoven’s ethereally expressive Cavatina already feels like music that gets to the places other works could never reach. Beethoven was fully deaf by now and seems to be pushing at the boundaries of what can be expressed through music – what can be heard. To my mind, the Cavatina explores in a little over six short minutes the profoundest rhetorical questions about human frailty and folly, life and love. In seeking these answers, it reaches a sort of exalted transcendence.“

Grenzüberschreitung war Beethovens Ding. Wenn ich mich richtig erinnere, ist seine 9. Sinfonie (die mit dem Götterfunken) die erste, in der ein Chor auftritt; davor war sinfonische Musik gesanglos. Aber Beethoven wusste, er hatte mit seinen bisherigen Sinfonien alles ausgereizt, was ihm möglich war – jetzt musste ein neues Instrument her, hier die menschliche Stimme. Vielleicht bewegt uns das Stück auch deswegen heute noch – es war der Grundstein zu etwas völlig Neuem.

Wohl und sicher

Herr Buddenbohm schreibt über Komfortzonen, aus denen wir angeblich auch alle mal raus müssen. Müssen wir gar nicht, stellt auch er fest, aber sich vielleicht ab und zu zu Dingen aufraffen, die man nicht dauernd macht, das wäre okay. Sehe ich genauso.

„Die Komfortzone meint natürlich alles, worin man sich eingerichtet hat, das können also auch recht fatale und unangenehme Umstände und Probleme sein, Hauptsache, sie ändern sich nicht mehr, so ist das ja eigentlich gemeint, ich weiß. Und da soll man unbedingt raus, das ist also die Aufforderung sich zu challengen, sich irgendwas zu stellen, etwas Neues zuzulassen, sich mal wieder mit etwas abzumühen – damit etwas passiert und sich verändert. Im Grunde ist das eine Wachstumsstrategie, und das ist der zweite Punkt, an dem ich Zweifel habe. Denn diesen Imperativ, dass man immer weiter und höher muss, dass man mehr erreichen soll, mehr sein soll, den kann man ja zumindest mal hinterfragen. Reduce to the max könnte einem als Alternative einfallen (mir schon namensbedingt sowieso), wobei es zu Personal Degrowth noch keine Ratgeber zu geben scheint, bin ich da gerade über eine Marktlücke gestolpert? Ebenso könnte einem die mittlerweile leicht verstaubte Variante einfallen, sich doch bitte erst einmal okay zu finden, das fanden damals doch auch schon alle schwer genug, die Älteren erinnern sich.“

How Mark Burnett Resurrected Donald Trump as an Icon of American Success

Der Artikel liegt mir seit Tagen im Magen. Eigentlich wollte ich über Trump nicht mehr schreiben und vermeide es auch meist, etwas über ihn zu lesen, es ist so egal und es nervt mich nur. Aber wie Reality TV dafür gesorgt hat, aus einer Lachnummer einen Präsidenten zu machen, fand ich dann doch lesenswert. Leider.

„After starring in fourteen seasons of “The Apprentice,” all executive-produced by Burnett, Trump appeared in the gilded atrium of Trump Tower, on Fifth Avenue, to announce that he was running for President. Only someone “really rich,” Trump declared, could “take the brand of the United States and make it great again.” He also made racist remarks about Mexicans, prompting NBC, which had broadcast “The Apprentice,” to fire him. Burnett, however, did not sever his relationship with his star. He and Trump had been equal partners in “The Apprentice,” and the show had made each of them hundreds of millions of dollars. They were also close friends: Burnett liked to tell people that when Trump married Knauss, in 2005, Burnett’s son Cameron was the ring bearer. […]

Burnett has never liked the phrase “reality television.” For a time, he valiantly campaigned to rebrand his genre “dramality”—“a mixture of drama and reality.” The term never caught on, but it reflected Burnett’s forthright acknowledgment that what he creates is a highly structured, selective, and manipulated rendition of reality. Burnett has often boasted that, for each televised hour of “The Apprentice,” his crews shot as many as three hundred hours of footage. The real alchemy of reality television is the editing—sifting through a compost heap of clips and piecing together an absorbing story. Jonathon Braun, an editor who started working with Burnett on “Survivor” and then worked on the first six seasons of “The Apprentice,” told me, “You don’t make anything up. But you accentuate things that you see as themes.” He readily conceded how distorting this process can be. Much of reality TV consists of reaction shots: one participant says something outrageous, and the camera cuts away to another participant rolling her eyes. Often, Braun said, editors lift an eye roll from an entirely different part of the conversation.

“The Apprentice” was built around a weekly series of business challenges. At the end of each episode, Trump determined which competitor should be “fired.” But, as Braun explained, Trump was frequently unprepared for these sessions, with little grasp of who had performed well. Sometimes a candidate distinguished herself during the contest only to get fired, on a whim, by Trump. When this happened, Braun said, the editors were often obliged to “reverse engineer” the episode, scouring hundreds of hours of footage to emphasize the few moments when the exemplary candidate might have slipped up, in an attempt to assemble an artificial version of history in which Trump’s shoot-from-the-hip decision made sense. During the making of “The Apprentice,” Burnett conceded that the stories were constructed in this way, saying, “We know each week who has been fired, and, therefore, you’re editing in reverse.” Braun noted that President Trump’s staff seems to have been similarly forced to learn the art of retroactive narrative construction, adding, “I find it strangely validating to hear that they’re doing the same thing in the White House.”“

Public Domain Day 2019

Die Wikipedia hat eine Liste von Menschen, deren Werke 2019 (größtenteils) gemeinfrei geworden sind. Wir könnten jetzt lustig Kurt Schwitters remixen. Karl Valentin allerdings nur zum Teil.

Open Culture weist auf 11.000 digitalisierte Bücher hin, die 1923 erschienen sind.

Und weil es artnet mir gestern wieder in die Twitter-Timeline spülte: Hier nochmal das Apeshit-Video von Beyoncé und Jay-Z im Louvre. Ich kann mich an den Szenen vor der Nike von Samothrake nicht sattsehen.

Tagebuch Donnerstag, 3. Januar 2019 – Verdammte Newsletter

Ich erwähnte es bereits: Mein FAZ-Abo ist seit dem 31. Dezember Geschichte, weil ich fast den kompletten Dezember ungelesen ins Altpapier geworfen habe. Vielleicht war das aber nur eine Pause, die mal sein musste, und kein Dauerzustand, denn vorgestern kaufte ich die Süddeutsche und gestern, war ja klar, die FAZ. Und verdammt nochmal, die Zeit auch noch.

Das lag mal wieder am ollen Perlentaucher, dessen Newsletter mich jeden Morgen daran erinnert, was alles so Spannendes geschrieben wird. Ich lese immer zuerst die Kulturrundschau Efeu und wenn ich dann nicht schon genug Links abklappern (oder Zeitungen kaufen) muss, auch noch die Debattenrundschau 9punkt. Dieses Mal waren beide Unterseiten schuld am Gang zum Kiosk, denn in der FAZ stand ein Streitgespräch über die Rückgabe von Raubkunst aus den ehemaligen Kolonialgebieten, das online nur hinter einer Paywall zu lesen ist und worauf mich 9punkt hinwies. Efeu erwähnte hingegen, dass die Zeit ihr gesamtes Feuilleton für Leonardo da Vinci freigeräumt hätte, der vor 500 Jahren im Mai 1519 gestorben ist. Ich habe zwar in der Florenz-Ausstellung in der Alten Pinakothek gemerkt, dass mir die italienische Renaissance immer egaler wird, aber das wollte ich dann doch lesen. Auch weil mich der Newsletter (VERDAMMTE NEWSLETTER) des Zentralinstituts für Kunstgeschichte auf mehrere Vorträge zu diesem Thema aufmerksam machte.

Nebenbei ist die Ausstellung in der Pinakothek natürlich trotzdem toll. Vielleicht hatte ich Pech, weil so viele Führungen unterwegs waren, ich war bereits Ende November drin und musste mich durch viel zu viele Leute kämpfen. Ich habe trotzdem das gesehen, was ich sehen wollte: die Leihgabe aus den Uffizien, die Anbetung der Heiligen drei Könige von Botticelli. Davor blieb ich ewig stehen und kehrte auch öfter zum Bild zurück, aber ein anderes Werk konnte mich noch mehr faszinieren, das ebenfalls sonst in den Uffizien hängt: das Bildnis einer Frau im Profil (ca. 1475/80) von Piero (del?) Pollaiuolo. Das musste ich sogar fotografieren, was ich in Ausstellungen so gut wie nie tue, weil ich alle Leute doof finde, die auf ihr Handydisplay schauen anstatt auf das Bild direkt vor ihrer Nase, ich alter Snob.

Das Foto kann nicht annähernd wiedergeben, wie wunderschön das Bild ist. Ich starrte ewig auf den fein gestickten Ärmel der Dame und ihren üppigen Schmuck, die Kette, die Steine, mit denen ihr Gewand verziert ist, und ihren Haarschmuck. Auch an den fast einzeln zu erkennenden Haarsträhnen konnte ich mich nicht sattsehen. Ich mochte den Schatten an ihrem Nasenflügel, die zarte Rötung ihres Gesichts, die über den üblichen kleinen Rougeklecks hinausgeht, und auch, dass sie nicht so puppig-perfekt aussieht wie andere Frauenbilder aus der Zeit. Ihr leicht vorspringendes Kinn neigt ein winziges bisschen zum Doppelkinn, und die Nase ist auch etwas dramatischer als ein damenhaftes Stupsnäschen. Ein Detail fand ich besonders schön: Der Rahmen schließt nicht direkt an die Leinwand an, man kann die untere Kante des Bildes sehen, was alles noch erdiger, wirklicher scheinen lässt als die sonstigen überirdischen Werke, mit denen die Ausstellung vollhängt.

Die Musik zum Tag aus Year of Wonder kommt von Hildegard von Bingen, was mich sehr gefreut hat – nach zwei Kerlen schon eine Frau, das ist ja in der Klassik nicht ganz so üblich. Außerdem habe ich mich über die Integration von einer eben nicht-klassischen Komponistin gefreut. Ich lauschte den viel zu kurzen zwei Minuten ihres O virtus sapientiae und erinnerte mich an eine Vorlesung in Musikwissenschaft, wo ich bei einer ähnlichen Aufnahme mein Handy mitlaufen ließ, weil ich solche Musik noch nie gehört hatte. Das Stück ist im Dunklen noch toller, wenn nichts ablenkt. Oder vermutlich in einer Kirche, aber da lenken mich gerne die unbequemen Bänke ab.

Ich habe hier bewusst kein YouTube-Video verlinkt, die ich grundsätzlich für niedrigschwelliger als Spotify halte, aber ich habe keins gefunden, das der Version auf Spotify auch nur nahe kommt. Dafür ist hier eins mit dem gleichen Ensemble, VocaMe, mit O tu illustrata, auch von von Bingen.

Autorin Clemency Burton-Hill schreibt, vielleicht etwas zu verallgemeinernd, über von Bingen und ihre Musik (S. 13):

„Writing in a ‚monophonic‘ style – we’ll come to ‚polyphony‘ soon – she creates these soaring melodies for her nuns to sing that rise heavenward out of a spare, single line. Her music must have been particularly consoling to sing given the violence and uncertainty of the medieval era.

Perhaps that’s why it still feels so resonant. This would be vibrant and unusual music if it were written in any era; that is was written almost a thousand years ago, and by a very busy nun, only heightens the wonder.“

Hier ein bisschen zur „spare, single line“ der Musiknotation.

Ansonsten: Leergut weggebracht, nicht spazierengegangen, gearbeitet, Diss links liegengelassen, keine Lust zum Kochen gehabt und mal einen Entschlackungstag von diesem ewigen Gemüse eingelegt: mit Erdnussflips und Keksen und den üblichen zwei Litern Bünting-Grüntee OMG SO GUT! Ich freue mich abends beim Teekannenabwaschen immer schon darauf, diesen Tee zwölf Stunden später wieder aufbrühen zu können.

Tagebuch Mittwoch, 2. Januar 2019 – Total produktiv so früh im Jahr schon

Eigentlich dürfen wir hier in Bayern ja noch bis zum 6. Januar rumliegen … oder hab ich das falsch verstanden? Meine norddeutschen Gene stellten aber trotzdem brav den Wecker und so stand ich ebenso brav auf und machte mich bürofein, wie sich’s an einem Arbeitstag gehört. Der erste Espresso des Jahres war übrigens perfekt, genau wie der Milchschaum. Mein persönliches Jahresorakel hat schon gewonnen.

Eine Hamburger Agentur hatte mich im Dezember für Januar angefragt, konnte mir aber noch nicht sagen, für welchen Umfang und ab wann genau. Ich rechnete nicht ernsthaft mit einem Job, aber um 9.20 Uhr schlug die erste Arbeitsmail auf und ich hatte zu tun. Also alles richtig gemacht mit Wecker und bürofein aufbrezeln.

In der Mittagspause erledigte ich Bank- und Steuerkram und brachte Post weg, danach spazierte ich zum Allesvorrätigladen in der Türkenstraße. Ich verbinde neuerdings wieder etwas regelmäßiger Bewegung mit Besorgungen, weil ich seit Monaten morgens um 6 zum Walken nicht aus dem Bett will. So kann ich zwar nicht arg zackig gehen, weil ich meine normalen Klamotten nicht so anschwitzen will wie mein Sportoutfit, aber ich vergammele immerhin nicht komplett auf dem Sofa.

Im Allesvorrätigladen erstand ich eine ordentliche Gartenschere, um aus meinem Weihnachtsbaum Kleinholz zu machen. In Hamburg holt die gute, alte Straßenreinigung alle Weihnachtsbäume ab, die zu großen Haufen geschichtet an so ziemlich jeder Straße im Januar rumliegen. Das vermisse ich ehrlich gesagt immer noch etwas: das Werfen des Tannenbaums aus dem zweiten Stock nach unten. Das übernahm zwar stets Kai, während ich unten aufpasste, dass Fußgänger oder Radfahrerinnen keine Nadelbäume auf den Kopf kriegen, aber ich mochte dieses leicht anarchische Ritual so gerne. Anstatt das Treppenhaus vollzunadeln – ab über die Balkonbrüstung.

Hier in München holt niemand was ab, sondern man muss sein Bäumchen zu irgendwelchen Sammelstellen schleppen oder fahren. Dazu hatte ich noch nie Lust, aber ich kenne netterweise jemanden, dessen Eltern einen Kamin haben und der so unglaublich nett ist, meine blaue Ikeatüte voller Tannenbaumeinzelteile dorthin zu fahren. Ich muss aus dem Baum halt nur Kleinholz machen. Da ich bisher immer winzige Bäume hatte, klappte das ganz gut, bis auf den Stamm. Dafür leiht mir der unglaubliche nette Mann auch immer seine Gartenschere, aber jetzt ist er gerade nicht da und ich komme nicht an sein Kellerabteil ran, in dem die Schere liegt. Aber da ich ja jetzt einen benutzbaren Balkon habe, auf dem in meinem Kopf schon eine Tomatenplantage entstanden ist und Blümchen wachsen und alle Kräuter, deren Namen ich buchstabieren kann, brauche ich garantiert auch selbst eine Gartenschere. Und jetzt habe ich eine.

Auf dem Rückweg nach Hause kaufte ich Müsli, einen Granatapfel und eine Zeitung. Mein FAZ-Abo ging Ende Dezember zu Ende, aber jetzt will ich natürlich doch wieder eine Zeitung lesen, war ja klar. Ich erstand die Süddeutsche, kann aber noch kein vernünftiges Urteil fällen. Liest sich noch sehr ungewohnt – und bis auf die Seite 3 im Vergleich zur FAZ deutlich fluffiger. Hm.

Zuhause war noch kein Feedback auf meine vormittägliche Arbeit gekommen, also begann ich damit, den Baum abzuschmücken, legte Kugeln zurück in ihre Plastikdosen und wickelte Lichterketten auf. Danach griff ich zum neu erstandenen Werkzeug und machte mich zufrieden über das Bäumchen her. Der große Sofahocker, der für den Baum ins Arbeitszimmer umziehen musste, steht jetzt wieder in der Bibliothek und eine große blaue Tüte mit 300 Ästchen steht im Flur. Weihnachten 2018 ist abgewickelt.

Immer noch kein Feedback. Deswegen konnte ich mich meiner neuen Jahresbeschäftigung hingeben: Musik hören. Ich hatte vor Kurzem ein Buch geschenkt bekommen, in dem für jeden Tag des Jahres ein Stück klassische Musik vorgeschlagen wird; netterweise hat die Verfasserin auch gleich die passende Spotify-Playlist angelegt. Am ersten Januar lauschte ich schon dem Sanctus aus Bachs Messe in h-moll, BWV 232. Dabei beließ ich es natürlich nicht, sondern hörte gleich noch ein bisschen mehr aus der Messe. Ich muss allerdings zugeben, dass Bach mir in Mengen latent auf die Nerven geht. Ich liebe seine Präzision, und in kleinen Dosen höre ich ihn sehr gerne. Aber ich habe bis heute noch nie das Weihnachtsoratorium am Stück gehört, weil ich irgendwann irre werde an dieser Präzision. Das Sanctus war allerdings ein herrlicher Jahresauftakt. Hier mein Tweet mit dem kompletten Buchtext dazu; ich werde nicht alles vertwittern, ich ahne, dass die Autorin das nicht so toll finden würde.

Gestern gab’s dann zwei perlige Minuten Chopin, genauer gesagt, seine Etüde in C-Dur, Op. 10; das ist gleich das erste Stück im folgenden Video. Da das ganze Opus No. 10 nicht mal eine halbe Stunde dauert, hörte ich es komplett; die über anderthalb Stunden Bach habe ich nicht geschafft. Da jemand auf YouTube so nett war, die Noten zum Chopin abzubilden, ist meine Lust, Klavierspielen zu lernen, allerdings gleich gen Null gegangen. Wer soll denn das lesen? Ich frage mich bis heute, wie ich es auf dem Akkordeon geschafft habe, meine beiden Hände unabhängig voneinander spielen zu lassen und wie schlau mein Kopf mal war, die Noten in Bewegungen umzusetzen. Auch beim Geigespielen sahen die Notenblätter deutlich aufgeräumter aus. Hier habe ich meist die linke Hand mitgelesen, die rechte hat mich schon beim Hingucken überfordert; spätestens beim achten Stück hatte sich das aber auch erledigt. Vielleicht doch lieber die Triangel lernen? Oder ein Klanghölzchen?

Aber: Die 9! Hört euch die 9 an! Die 12 war übrigens das einzige Stück aus den Etüden, das ich vorher kannte. Aber das Buch hatte schon am zweiten Tag gewonnen: will mehr Chopin hören. Und mehr von Aschkenasi, der im Video spielt.

Immer noch kein Feedback, inzwischen war es 16 Uhr geworden, ich holte das Bügelbrett aus dem Wandschrank und bügelte die frisch gewaschene Tischdecke und die beiden Stoffservietten, die wir Silvester benutzt hatten. Dazu noch meine Alltagstischdecke aus der Küche, die gleich mit in der Maschine gelandet war. Keine Ahnung, warum ich auf einmal Tischdecken mag. Ich werde dieses seltsame Verhalten weiter beobachten.

Als sich die Agentur bis 18 Uhr nicht mehr gemeldet hatte, kochte ich die Reste vom Silvestermenü auf: ein Ochsenbäckchen in Soße erwärmen, drei, vier Scheibchen Serviettenknödel in Butter anbraten und auf dem Teller ebenfalls ordentlich mit Soße übergießen. Zum Nachtisch das letzte Nougatparfait mit den letzten Gewürzmandarinen. Danach landete viel Geschirr zum bereits vorhandenen im Geschirrspüler, an dessen Vorhandensein ich mich irrwitzig schnell gewöhnt habe. Wenn ich alleine für mich Kleinkram koche, wasche ich immer noch per Hand ab, aber gerade für etwas aufwendigere Menüs oder beim Backen weiß ich es inzwischen sehr zu schätzen, dutzende von Schüsseln nicht abspülen zu müssen. An mein Herz, kleiner Kasten!

Zwei Serienfolgen und dann mit Stefan Zweigs Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers ins Bett, das ich seit Tagen mit Genuss lese.

Nougatparfait mit Gewürzmandarinen

Zwei Rezepte aus der Winterkochschule von Richard Rauch und Katharina Seiser. Das Buch gefällt mir bisher sehr gut wie alle, die ich von Seiser kenne: übersichtlich, gut nachzukochen, schöne Fotos und: Lesebändchen! Am wichtigsten: Bis jetzt hat mir auch so ziemlich alles geschmeckt.

Für vier Personen.

Für das Nougatparfait

1 Blatt weiße Gelatine in kaltem Wasser einweichen.

75 g hellen Nougat über dem Wasserbad schmelzen.

180 g Sahne schlagen. Mir ist neulich erst aufgefallen, dass Sahne auf dem Becher in Gramm angegeben wird und nicht in Millilitern. Der Naturwissenschaftler F. hat versucht, es mir zu erklären, aber *Jeopardy-Melodie und ein Bild von Homer Simpson, in dessen Kopf ein Bär Fahrrad fährt*.

1 Ei,
1 Eigelb und
25 g Zucker über dem Wasserbad schaumig aufschlagen, bis sich das Volumen der Masse ungefähr verdoppelt hat. Das geht mit dem Schneebesen in wenigen Minuten.

4 cl Crème de Cacao sowie
5 g dunkles Kakaopulver in die Ei-Zuckermasse rühren. Die Gelatine ausdrücken und ebenfalls dazugeben, genau wie den Nougat. Kräftig durchrühren. Zum Schluss die Sahne nach und nach mit dem Schneebesen unterheben. In Förmchen füllen, zum Beispiel diese hier, total unaufgeforderte Werbung, das ist die größere Halbkugel im Bild. Alles für mindestens 6 bis 8 Stunden gefrieren.

Für die Gewürzmandarinen

1 kg Mandarinen auspressen; wir brauchen 400 ml Saft. Dazu hat bei mir wirklich genau ein Kilonetz gereicht (waren allerdings Clementinen).

6 zusätzliche, besonders hübsche Mandarinen vorsichtig schälen, so dass die Früchte ganz bleiben, und das weiße Fitzelzeug entfernen. Ich habe sie trotzdem halbiert, damit ich auch das Zeug innen wegbekomme. Dann die Früchte horizontal durchschneiden, damit sie beim Servieren schön auf dem Teller liegen bleiben und nicht wegkullern. Behutsam in ein Glas mit großer Öffnung schichten. Ich erwähne die große Öffnung, weil ich Honk dachte, ach, von der Menge her müsste ja dieses alte, hohe Glas gehen, in dem früher Sauerkirschen waren, und dann stand ich da mit mandarinennassen Händen und konnte mir nicht mal vor die eigene Stirn hauen.

Von
1 Bio-Orange und
1 Bio-Mandarine Zesten abschneiden. Ich habe die Mandarine weggelassen, weil ich keine unbehandelte gefunden habe. Wer keinen Zestenreißer hat, schält die Früchte dünn bzw. entfernt notfalls noch das weiße Innere an der Schale und schneidet diese in dünne Streifen.

Jetzt kommt das leckere Sößchen, in dem die Mandarinen baden; das schmeckt auch prima zu Pfannkuchen, wenn man die Früchte schon weggefuttert hat. Oder über Jogurt. Bin kurz davor gewesen, es pur zu trinken.

In einem breiten Topf
130 g Zucker mit
4 EL Wasser benetzen und ohne umzurühren aufkochen, bis alles hellbraun karamellisiert ist. Mit
100 ml Weißwein ablöschen. Das Buch schlägt zum Beispiel Grünen Veltliner vor, bei mir war’s Riesling. Alles fünf Minuten köcheln lassen.

1 Vanilleschote weich massieren und auskratzen, Schote aufheben. Schote und Mark kommen nach der Kochzeit in den Karamelltopf, genau wie der Mandarinensaft und die Zesten sowie
1 Sternanis,
1 Zimtstange und
4 Nelken. Etwa zehn Minuten kochen lassen, dann mit
2 cl Orangenlikör abschmecken und komplett mit allen Gewürzen und der Schote ins Mandarinenglas gießen. Mindestens einen Tag im Kühlschrank marinieren lassen.

Die Mandarinen halten sich drei bis vier Tage im Kühlschrank. Wenn man sie im Ofen bei 90 Grad Umluft für eine Stunde gart, bis zu drei Monaten. Aber bei mir haben sie nicht mal vier Tage ausgehalten, weil lecker.

Was schön war, Samstag bis Montag, 29. bis 31. Dezember 2018 – Rumkochen

Ein Weihnachtsgeschenk für F. war ein Buch gewesen, ein zweites ein Gutschein für ein gemeinsames Silvestermenü, stilecht auf einer Postkarte, auf der das Schlaraffenland von Bruegel abgebildet war; für diese Karte war ich extra noch in die Alte Pinakothek gefahren, um sie dort im Shop zu kaufen. Ich hatte vier Gänge geplant und begann bereits Samstag damit, die ersten Gänge vorzubereiten, Fleisch vorzubestellen und Dinge einzukaufen.

Samstag fertigte ich den Nachtisch an, den ich auch als Rezept verbloggen werde, denn er ist so schmackhaft, dass ich mich seit drei Tagen von ihm ernähre (bei Desserts mache ich selbstverständlich keine Mengen für zwei, sondern für zehn Personen, ist klar). Generell stand bei mir der Tag im Zeichen des Nachdenkens über Essen, was sich dann am Sonntag in meinem traditionellen Futterrückblick niederschlug.

Sonntag bereitete ich die Suppe vor, die es als zweite Hauptspeise geben sollte, und lungerte ansonsten den ganzen Tag rum, las und guckte Serien in Masse weg.

Und gestern war dann der große Tag. Ich stand mit Ladenöffnung um 9 am Kaufhof am Marienplatz, der eine meiner Meinung nach ordentliche Nahrungs- und Genussmittelabteilung hat. Dort kaufte ich Jakobsmuscheln und die noch fehlenden Kräuter. Außerdem entdeckte ich eine kleine Flasche Roséchampagner und damit war auch der Aperitif klar. Dann ging ich zum Metzger und holte das vorbestellte Fleisch ab. Ich war sowohl über Menge (sehr wenig) als auch Preis (noch weniger) erstaunt, weswegen ich die Menge erhöhte und mich zu meinem Entschluss beglückwünschte, ab 2019 nur noch bio einzukaufen, wenn es um Fleisch und Aufschnitt geht; letzteren will ich eh einschränken. Auf Pastrami werde ich niemals verzichten, und die wird vermutlich auch nicht bio sein können hier in der Gegend (aber hey, koscher!), aber bei Salami kriege ich das wohl hin. Mehr Aufschnitt esse ich eh nicht. Okay, Speck für die Carbonara. Auch das geht bio, sage ich mal so frohgemut.

Damit hatte ich alles erledigt, was noch zu erledigen war. Die beiden letzten Nächte hatte ich sehr schlecht geschlafen, weil mein Hirn meinte, mir morgens um vier mitteilen zu müssen, BLOSS NICHT DEN KORIANDER ZU VERGESSEN, der Nervklumpen. Ich konnte ihm zwar tausendmal sagen: ICH HABE EINEN RIESIGEN EINKAUFSZETTEL, aber das war ihm egal.

Erster Tagesordnungspunkt: die Chips zur Suppe herstellen. Dazu hobelte ich Topinamburen hauchdünn und fritterte sie. Falls sie nicht knusprig geworden wären, hätte ich sie im Ofen noch nachtrocknen lassen. Genau deswegen begann ich nicht mit dem Schmorbraten, der stundenlang den Ofen belegen würde. Die Chips waren aber nett zu mir und knusperten direkt nach dem Frittieren lecker rum, so dass ich sie in eine luftdichte Dose füllte und mich an den Braten machte.

Fleisch anbraten, Gemüse anrösten, ne Runde Rotwein, ne Runde Portwein, Fleisch wieder dazu, ab in den Ofen und nach drei Stunden mal wieder reingucken. Währendessen Serviettenknödel machen: Brot fein schneiden, Kräuter hacken, Schalotten andünsten, Butter und Eier dazu, den Fluff in Frischhaltefolie und dann in Alufolie wickeln und warten, bis in meinem riesigen Topf das Wasser heiß genug geworden ist, um die Knödel hineinzulegen.

Dann deckte ich den Tisch, polierte die Gläser nochmal nach, las „Krieg und Frieden“ durch, solange die Sauce zum Braten eindickte, erledigte die letzten möglichen Handgriffe für die Vorspeise, denn die war superfrisch, hatte noch Zeit für eine Serienfolge und Frischmachen, und dann stand schon F. vor der Tür. Das hatte alles doch länger gedauert als gedacht, weil ich nur neue Rezepte benutzte und deswegen die Handgriffe noch nicht so draufhatte. Außerdem ist meine Küche auch nach drei Monaten noch nicht so vertraut, dass ich nicht des Öfteren den falschen Schrank öffne, um einen Topf zu finden oder ein bestimmtes Kochutensil. Ich finde meinen Zestenreißer nicht mehr. Und, wie ich beim Schreiben der Menükarte für F. feststellte, auch mein Tintenfässchen ist irgendwie weg. Oder es läuft seit Monaten irgendwo aus. Das merke ich dann vermutlich beim Auszug.

Erstmal Stöffchen. Ich liebe Roséchampagner, Marke ist wurscht, Hauptsache rosé, Hauptsache Schampus. Legt mir davon eine Flasche mit in den Sarg, wenn es dereinst soweit ist.

Die erste Vorspeise hatte ich mir von Arthurs Tochters Weihnachtsmenü geliehen: Ceviche von der Jakobsmuschel mit Avocado und Grapefruit. Die Muschel wird durch die Säure im Saft „gekocht“, weswegen ich das erst anrichtete, als der Gast schon da war. Schmeckte herrlich, gerne wieder.

Die zweite Vorspeise kommt aus einem tollen Kochbuch, der Winterkochschule von Richard Rauch und der Frau Esskultur. Das sollte eigentlich ein Schaumsüppchen aus Topinambur werden, aber ich fand das auch ohne Aufschäumen sehr gut, herzhaft, trotzdem fein, ausgewogen, und an den Chips dazu mit dem extra angefertigten Würzsalz werde ich heute noch knabbern.

Der Hauptgang kam wieder von Arthurs Tochter und war ebenfalls toll, wie überhaupt alles toll war, ich war sehr zufrieden mit den Rezepten und meiner Umsetzung. Es gab quasi Wirtshauskost, aber ich wollte mal einen etwas preiswerteten Schnitt vom Rind haben und nicht immer die Filets oder ähnliches. Also: Ochsenbäckchen mit Serviettenknödeln.

Vor dem Nachtisch tischte ich vier Käsesorten auf, damit der gute Rotwein nicht so alleine war. F. hatte eine schöne Flasche aus Australien dabei, die ihm ein Freund mal geschenkt hatte. Der Spinifex La Maline (2010) beschäftigte uns über eine Stunde, so sehr wollten wir ihn genießen. Zur Jakobsmuschel und der Suppe gab’s einen Turonia Albariño (2017), den wir schon mal im Podcast getrunken hatten und der uns beiden sehr gut schmeckt.

Auf das Dessert müsst ihr noch etwas warten, jedenfalls auf das Bild davon. Das hatte ich gestern vormittag schon mal hübsch angerichtet und bei halbwegs okayem Tageslicht fotografiert. Gestern abend nach Champagner, Rot- und Weißwein war ich ästhetisch nicht mehr ganz beisammen, weswegen ich mir und euch ein Foto erspare. Aber das Wasser müsste euch trotzdem im Mund zusammenlaufen, denn es gab Nougatparfait mit Gewürzmandarinen. Noch ein Rezept aus dem Winterkochbuch und seit gestern (okay, vorgestern, ich musste ja Sonntag schon kosten, ob es was geworden war, ist klar) ganz weit oben auf meiner Lieblingsdessertliste.

Für den Jahreswechsel öffnete ich meine allerallerletzte Flasche Le 7; langjährige Mitleser*innen wissen, was das bedeutet. Das Ende einer Ära. Wir stießen auf meinem neuen Balkon an, bestaunten die doch gute Aussicht, prosteten Menschen auf den Nachbarbalkonen zu und ich freute mich über die herzförmige Wunderkerze von F.

Euch allen ein gutes neues Jahr. Möge es voller Glück, Gesundheit, Erfolgen und gutem Essen sein.