Was schön war, Freitag, 23. März 2018 – Servus in Hamburg

Ich bin für ein paar Tage in der alten Heimat … anscheinend habe ich neben dem Ort, an dem ich groß geworden bin, noch eine zweite alte Heimat – also eine Zweimat. Sorry. Restalkohol.

Die ganze Zeit auf dem Weg zum Flughafen dachte ich, ich hab irgendwas vergessen. Hatte ich auch – meine blöde kleine Tüte, in die man Flüssigkeiten packt, wenn man durch die Sicherheitskontrolle geht. Das sind bei mir Streberin meine Handcreme, ein Labello und mein Asthmaspray, wobei ich weiß, dass Medikamente irgendwie immer okay sind, aber ich packe sie trotzdem ins Tütchen. Labello ist eigentlich keine Flüssigkeit, daher ignorierte ich den einfach und ließ ihn, genau wie das Spray, im Rucksack. Blieb also nur die kleine Tube Handcreme. Ich erwähnte sie bei der Dame am Band, die meinte, ich solle sie einfach ohne Tüte neben den Rucksack legen. Geht also anscheinend auch. Trotzdem danke. Ich hatte mich seelisch darauf eingestellt, dass sie weggeschmissen wird.

In München gibt es neuerdings nicht mehr viele einzelne Schlangen, in die man sich stellt, um durch die Kontrolle zu gehen. Die fand ich immer praktisch, weil man relativ schnell sehen konnte, wo die Businessmenschen sind, die dauernd fliegen und deshalb die Handgriffe drauf haben, und wo die Familie mit drei Kindern ist, die nicht wissen, wie die Security geht und die außerdem zwei Buggys dabeihaben. Vulgo: Wo stelle ich mich an, um schnellstmöglich durchzukommen? Neuerdings – aka irgendwann seit meinem letzten Flug im Januar – gibt es nur noch drei dieser blöden Absperrungen, bei denen man sinnlos von rechts nach links und wieder zurück geht, immer in einer Schlange von Menschen, die dasselbe tun. Irgendwann öffnet sich die Absperrung, und man hat nur noch zwei Eingänge zur Kontrolle zur Auswahl. Immerhin. Außerdem hat München schon etwas länger nur noch Kontrollen mit Körperscanner, die mir persönlich deutlich lieber sind als das blöde Abtasten. Ich lasse mich ungern anfassen, wenn ich nicht zurückanfassen darf, daher kann ich mit den Dingern sehr gut leben. Ich war recht zügig durch – nicht so zügig wie mit den vielen einzelnen Eingängen, möchte ich behaupten – und ging auf meine Stammtoilette, um den Gürtel wieder anzulegen, ohne dass mir alle Menschen hinter der Kontrolle dabei zusehen.

Ans Gate gegangen, wieder darüber nölig gewesen, dass der Kaffee jetzt Geld kostet, aber dafür immerhin von Nespresso kommt. Ignoriert, rumgeguckt, und dann ging auch schon das Boarding los. Wir sind ja Profis. Beim Einsteigen fiel mir auf, dass ich schon im neuen Lufthansa-Design flog. Das Gelb am Heck fehlte mir doch ein bisschen, vor allem, als wir an der Startbahn standen und warteten und eine Maschine der Star Alliance einschwebte, die dem neuen Design doch sehr ähnelt. Immerhin haben die Flugbegleiter*innen noch gelbe Akzente an ihrer Kleidung. Ich mag die Halstücher so gerne, warum auch immer.

Ich saß wie immer ganz hinten und hoffte auf kleine, stille Menschen neben mir, aber stattdessen setzte sich eine Fünfergruppe Jungs Mitte 20 mit mir in die letzte Reihe. Immerhin nicht breitbeinig – ja, das kriegen einige Herren sogar in der Economy hin. Sie waren nett und etwas laut, aber ich konnte trotzdem lesen. Meine tollen neuen In-Ears mit Noise Cancelling wollte ich erst aufsetzen, wenn ich mein Getränk hatte. Ich bestellte, ohne nachzudenken, eins meiner beiden üblichen Getränke an Bord, Tee oder Kaffee, gestern Kaffee und auch, ohne nachzudenken, „mit Milch und Zucker“. Erst als ich das Becherchen vor mir hatte, dachte ich, bist du irre? Du trinkst seit Wochen richtig guten Kaffee und jetzt bestellst du dir diese Brühe? Ich testete ihn schwarz – und fand ihn gar nicht so schlecht! Tat keinem weh, man schmeckte eine leichte Fruchtigkeit, und er war schön mainstreamig angenehm. Ich warf trotzdem Milch und Zucker dazu, denn hey, das schmeckt mir auch.

Und dann setzte ich meine Kopfhörer ein, woraufhin das Flugzeug schon deutlich stiller wurde. Ich aktivierte das Noise Cancelling – und saß nicht mehr in einem Flugzeug. Ich hörte die Leute noch – das kriegen die Kopfhörer nicht ganz weg –, aber sobald ich die Musik anschaltete, wurden sie leiser und vor allem unverständlicher und waberten nur noch irgendwo im Hintergrund herum. Ich hörte das zweite Klavierkonzert von Rachmaninow, was mit meinen Apple-In-Ears nie über den Wolken funktioniert, weil die Flugzeuggeräusche viel zu laut sind und ich die Musik immer bis zum Anschlag aufdrehen muss, um sie überhaupt zu hören. Mit den Boses im Ohr plinkerte der Pianist in Normallautstärke vor sich hin und ich formulierte im Kopf schon die Antwort zum Jahresendfragebogen zur teuersten Anschaffung, die sich auch als die beste herausgestellt hat.

Wie ungewohnt, aber effektiv die gedämpfte Welt um mich herum war, merkte ich erst bei der Landung. Ich bin an Bord eines Flugzeugs grundsätzlich gestresst; es ist eng, vor allem für mich, ich sitze sehr unentspannt, weil ich dem Mensch auf dem Mittelplatz nicht so auf die Pelle rücken will, und es ist laut. Als wir gestern in Hamburg landeten und der Satz, den ich gerade hörte, genau 30 Sekunden nach der Landung endete, also quasi perfektes Timing, fühlte ich mich anders als sonst an Bord. Ich merkte, dass mein Blutdruck deutlich weiter unten war als sonst, ich war ernsthaft entspannt! In der Economy. Mit einer Junggesellenabschiedstruppe neben mir. Alleine dafür haben sich die Kopfhörer gelohnt.

Mit der S- und U-Bahn ins Hotel, dann zum nahegelegenen Supermarkt zum Getränkekauf, auf dem Weg dahin der Alster Hallo gesagt, und dann noch zum Bäcker, denn in Hamburg isst man Franzbrötchen. Ich sagte wie immer „Servus“, woraufhin der gute Mann hinter der Theke etwas verwirrt guckte und ich „ups, falsche Stadt“ hinterherschob. Meine Nordischkeit verabschiedet sich anscheinend gerade in Bruckstücken.

In Hamburg ist immer Dom.

Ein Beitrag geteilt von Anke Gröner (@ankegroener) am

Abends war ich mit den beiden besten, klügsten und lustigsten Frauen der Welt verabredet. Wir trafen uns auf St. Pauli. Dafür musste ich am Hauptbahnhof umsteigen, wo mir wieder auffiel: Du denkst, du wohnst in München in einer Großstadt, aber dann kommst du nach Hamburg und merkst, nee, du wohnst auf dem Dorf. Das ist schon alles größer, lauter, bunter und vielsprachiger hier. (Dafür stinken bei uns die U-Bahnen nicht so. Okay, Oktoberfestzeit ausgenommen.)

Wir hatten ab 19 Uhr einen Tisch im Brachmanns Galeron reserviert und tafelten und tranken so vor uns hin, als der freundliche Kellner uns darauf aufmerksam machte, dass der Tisch ab 20.30 Uhr wieder vergeben war. Neuerdings vergeben Läden ihre Tische anscheinend schichtweise, wie eine der beiden klugen Damen an meiner Seite meinte. Die andere protestierte zwar noch, dass uns das so nicht gesagt wurde, aber: Der Laden hat im Keller eine Whiskybar. Wir bekamen einen Schnaps aufs Haus und zogen nach anderthalb Stunden vom viel zu warmen Lokal in den kühlen Keller, wo man sogar in Sesseln rumlungern konnte. Perfekt!

Auch an Whisky hatte ich mich in den vergangenen Jahren rangetrunken, wie praktisch. Ich musste trotzdem kurz überlegen: Mochte ich jetzt die Highland-Whiskys lieber oder die Islays? Nee, die Islays waren torfig. Highlands it is! Der erste war ein zehnjähriger Edradour, der genau meins war. Danach verließ ich mich auf die Dame hinter der Theke, die mir im Laufe der nächsten drei Stunden noch drei weitere Whiskys servierte: einen Nikka from the Barrel aus Japan, der seidenweich runterging, auch wenn ich dauernd an Bill Murray denken musste. Der dritte war ein zwölfjähriger Kilkerran, der irrwitzig zitronig schmeckte. Der vierte ging dann leider unter in Zigarettenrauch und wohliger Angeschickertness, den habe ich nicht fotografiert und daher schon vergessen. War aber auch hervorragend.

Die Rückfahrt im Taxi ging an der nächtlichen Binnenalster vorbei, in der sich malerisch die Lichter spiegelten. Das ist schon schön hier. Aber es ist nicht mehr Zuhause. Ich bin jetzt Touristin und das ist auch okay so.

Tagebuch, Donnerstag, 22. März 2018 – Meh

Das Archiv-High vom Mittwoch verflog leider viel zu schnell. Gearbeitet (Werbung), mich über die fehlende FAZ im Briefkasten geärgert, der Kürbiskernbrötchen-Sucht nachgegeben, aber immerhin „Kürbiskernsemmel“ bei der Bäckerin gesagt. Erdbeermarmelade! Noch mehr gearbeitet (andere Werbung). Abends frustig den ungefähr fünfzehnten West-Wing-Rewatch begonnen, weil gerade keine Serie Spaß macht. (Oder nur wenige.) Keine Lust auf Lesen gehabt und mich deswegen nochmal geärgert. Irgendwie ein halbgarer Tag.

Aber dafür geht’s heute nach Hamburg. Bringt eure Franzbrötchen in Sicherheit, ich esse sie sonst alle.

Elf Freunde

Günter Bannas ist der erste Name, den ich mir bei der FAZ außerhalb des Feuilletons gemerkt habe. Weil ich erst seit Kurzem Abonnentin bin, habe ihn leider nicht lange gelesen, aber seine Schreibe ist mir anscheinend aufgefallen. War auch nicht schwer. Bei Spiegel Daily verabschieden sich die Kolleg*innen von der Hauptstadtpresse von ihm.

„1991, Grünen-Parteitag in Neumünster. Ganz großes Kino, was mir aber überhaupt nicht klar war. Jungreporter bei der Agentur Reuters mussten damals immer erst mal die Grünen als Partei betreuen, übungshalber, während die etablierten Kollegen sich die ernsthaften Parteien vorbehielten. […]

Es ergab sich aber noch vor diesen erschütternden Szenen, dass ganz hinten in der Parteitagshalle Joschka Fischer zu einem Häuflein Presseleuten hinschlenderte. Da stand er dann, grummselte und knarzte in Halbsätzen vor sich hin, ohne dass man so richtig wusste, was er eigentlich wollte.

Bis es aus ihm herausbrach: “Wo ist denn der Bannas?” Der Bannas war nicht da. Der stand etwas weiter vorne im Gespräch mit jemandem. Man gab ihm Zeichen. Der Bannas kam. Fischer grunzte zufrieden und hub an, die Welt zu erklären, wie er sie augenblicklich gesehen haben wollte.

Der Jungreporter hat damals drei Dinge gelernt:

Erstens, dass der Fischer die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” wichtiger nahm als, sagen wir, die “taz” – in der kam er nämlich sowieso vor; das Kampfblatt des Bürgertums hingegen musste betreut werden auf dem Weg von der Bewegung zur Partei.

Zweitens, dass die meisten Informationen zu unsereinem weder zufällig kommen noch durch eifrige Recherche, sondern dadurch, dass man im richtigen Moment am richtigen Platz rumlungert.

Und drittens, dass es ohne den Bannas einfach nicht geht.“

From ‘Ferris Bueller’s Day Off’ to ‘Black Panther’: When the World’s Greatest Museums Become Movie Sets

Die Überschrift sagt schon alles.

„In the final installment of Night at the Museum, the crew was granted permission to film in London’s British Museum overnight, after the throngs of tourists cleared out. In an email to artnet News, members of the museum’s staff reminisced about the experience, which involved 200 crew members, a 40-foot crane to capture the interior galleries, and six helium-balloons. The logistics involved taking casts of the museum’s unique doorknobs to ensure continuity in off-site filming, along with measurements and color samples of marble plinths, sculptures, and the interior architecture.

All of the institutions associated with the franchise reported visitor increases of at least 20 percent, and 27 percent of visitors at the British Museum who had seen the film reported a positive experience visiting the collection.“

Was schön war, Mittwoch, 21. März 2018 – Archivanke

In der Nacht zum Mittwoch schlief ich sehr schlecht – vermutlich aus Vorfreude. Denn so nett es ist, wieder Geld zu verdienen, so viel netter ist es, sich kunsthistorisch zu betätigen (sorry, Werbung). Mit dem Gedanken setzte ich mich dann auch morgens um 8 in den Zug nach Nürnberg: endlich den ganzen Tag mal wieder was Vernünftiges machen!

Mein Ziel war das Deutsche Kunstarchiv, das, Zitat von der Website, „größte Archiv für schriftliche Vor- und Nachlässe im Bereich der bildenden Kunst im deutschsprachigen Raum. Es umfasst mehr als 1.390 Bestände, die sich über 2,8 Regalkilometer erstrecken.“ Ich hatte mir per Mail den Nachlass von Carl Theodor Protzen ausheben lassen, über den ich das wenige, was im Kubikat zu finden war (plus einen Kilometer Literatur über die Autobahnmalerei), bereits vor Wochen oder Monaten gelesen hatte, bevor ich wieder unsicher wurde, ob der Herr so eine gute Idee wäre, auch im Zusammenspiel mit anderen Malern. Das Doktorandenkolloquium erinnerte mich aber wieder daran, vielleicht erstmal in die Quellen zu gucken und sich danach zu überlegen, ob es sich lohnt, weiter auf dem Thema rumzuhühnern. Nach dem gestrigen Tag würde ich vorsichtig sagen: Da geht noch was.

Gestern war mein Ziel, den gesamten Nachlass überhaupt erst einmal zu sichten. Ich hatte noch keine direkte Frage, sondern wollte schlicht schauen, was in den zwei Regalmetern drin war. Das Archivgut ist völlig unerschlossen; es sieht aus, als hätten die fleißigen Archivar*innen den Kram liebevoll in die schicken Archivboxen gepackt und dann nie wieder reingeschaut. (Seit unserem Besuch im Stadtarchiv Rosenheim weiß ich, dass Archivboxen was anderes sind als Umzugskartons.)

Der Nachlass ist zudem auch gleich zwei Nachlässe, nämlich der von Protzen und seiner Frau Henny Protzen-Kundmüller, für die ich nach gestern eigentlich mal den noch fehlenden Wikipedia-Eintrag schreiben könnte. In den komplett ungeordneten Kisten liegen bergeweise Skizzenbücher von ihr, was ich insofern spannend fand, weil wir ja gerade Skizzenbücher in der Pinakothek der Moderne angeschaut und besprochen haben. Jetzt weiß ich erst recht, wie gut diese Ausstellung kuratiert war. Außerdem fand sich viel private Korrespondenz, von der ich besonders die passiv-aggressive Auseinandersetzung mit dem Herrn Papa des Künstlers fasziniert und leicht unangenehm berührt überflogen habe. Liebesbriefe ließ ich aus Zeitgründen links liegen. Was leider völlig fehlt, ist geschäftliche Korrespondenz. Die hat mir bei der Arbeit zu Leo von Welden sehr weitergeholfen, weil sich dort viele Verbindungen erfassen ließen. Wenn ein Verlag ihn schriftlich für eine Illustration anfragt und sich dabei auf eine Veröffentlichung von ihm in Zeitschrift XY bezieht, wusste ich so, ah, in Zeitschrift XY war auch noch was von ihm, danke, gleich mal in der Stabi bestellen.

Ebenfalls im Nachlass: bergeweise private Fotoalben, leider fast immer undatiert. Am Erscheinen der ersten Hakenkreuzflaggen an irgendwelchen Häusern im Hintergrund kann man zwar immerhin das Jahrzehnt festlegen, aber das war’s meistens. Das Oktoberfest konnte ich noch bildlich identifizieren, und ich stellte fest, dass selbst zu NS-Zeiten kaum Dirndl und Lederhosen unterwegs waren. Just sayin’. Außerdem: Bilder von der Grundsteinlegung des Hauses der Kunst 1933. Ich hatte gestern auf einen der Umzüge zum Tag der Deutschen Kunst getippt, die, wenn ich mich richtig erinnere, ab 1937 stattfanden, also mit Festwagen und Firlefanz, aber bei der spontanen Bildersuche fand ich Fotos, die denen von gestern sehr ähnlich sahen, und die zeigen die Grundsteinlegung.

Der Jackpot war sein fast vollständiges Werkverzeichnis. Also Werkverzeichnis in Anführungszeichen. Es gibt mehrere Fotoalben, in denen er von 1922 an bis zu seinem Tod 1956 alle seine Gemälde fotografisch festgehalten hat, nur schwarzweiß, aber brav nummeriert mit Maßangaben und Titel, teilweise mit Käufernamen. Was bräsigerweise fehlt, ist die Jahresangabe, du Horst! Manche lassen sich recht simpel identifizieren. An einigen steht zum Beispiel „Glaspalastbrand“, was bedeutet: 1931. Andere Bilder kenne ich aus der GDK. Und da es so aussieht, als hätte er halbwegs korrekt chronologisch gearbeitet, müssten sich die Bilder dazwischen auch einigermaßen datieren lassen. Alleine das müsste schon für eine hübsche Dissertation reichen: kurze Biografie, Werkverzeichnis, fertig. Aber das ist mir natürlich zu langweilig.

In den Kisten liegen nämlich noch andere Belege seines Schaffens und die unterstützen eine Theorie von mir, mit der ich seit ein paar Monaten kämpfe, weil sie eben noch sehr theoretisch war. Sie klingt jetzt deutlich praktischer, weswegen ich hier weiterforschen werde und dazu noch auf ein paar anderen Baustellen. Ich muss hier ein bisschen vage bleiben, weil es eben noch vage ist. Außerdem sollte ich vielleicht mal in meine Prüfungsordnung gucken, ob ich überhaupt über meine Diss so detailliert bloggen (im Sinne von „Dinge veröffentlichen“) darf, fällt mir gerade ein.

Ich fand zusätzlich bergeweise Ausstellungskataloge, die ich teilweise in den Regalen des ZI schmerzlich vermisst hatte, denn die meisten waren mir namentlich schon bei der Arbeit zu von Welden untergekommen. Überhaupt merkte ich gestern, wie wichtig meine diesbezügliche Forschung gewesen ist: Ich hatte Daten parat, Abläufe des NS-Kunstsystems, Preise, Namen, Bildthemen. Das fühlte sich sehr anders an als mein erster Kontakt mit einem Nachlass, nämlich mit dem von Weldens, den ich relativ ziellos erschlossen hatte. Auch gestern wühlte ich einfach mal durch, merkte aber schon bei den ersten Kisten, dass ich innerlich doch bewusster schaute.

Ich schaffte es, das gesamte Material, wenn auch teilweise nur sehr oberflächlich, in sechs Stunden einmal komplett durchzusehen. Abends diskutierte ich natürlich alles mit F., und in dieser Diskussion festigten sich meine nächsten Schritte. Mal sehen, wann ich für sie Zeit habe. Ins Kunstarchiv fahre ich auf jeden Fall noch mehrere Male, alleine um das Werkverzeichnis komplett abzufotografieren. Und dann quengele ich die Bayerische Staatsgemäldesammlung voll, dass ich gefälligst ihre über 100 Werke angucken will. Aber ich ahne, dass ich da lange vergeblich quengeln werde. Egal. Ich habe ja noch andere Baustellen.

Was schön war: endlich den ganzen Tag mal wieder was Vernünftiges gemacht!

Links von Mittwoch, 21. März 2018

Während ihr diese Zeilen lest, bin ich vermutlich auf dem Weg nach Nürnberg ins Kunstarchiv und wühle mich durch einen Nachlass. Wenn der Mann nicht Sütterlin geschrieben hat, vermutlich mit einem breiten, glücklichen Grinsen im Gesicht. Deswegen gibt’s heute Dinge zu lesen, die andere geschrieben haben. Gestern war ich zu vorfreudig, um groß was zu erleben. Aber lecker Kürbiskernbrötchen mit Putenbrust und Gurke gegessen. Und ewig am Mahlgrad meines Espressos rumgedreht, leider eher zum Schlechten. French Press ist irgendwie einfacher.

Und: KEINE ERKÄLTUNG! (Bis jetzt.)

She Was the Only Woman in a Photo of 38 Scientists, and Now She’s Been Identified

Die New York Times schreibt über den schönen Twitter-Thread, den ich vor ein paar Tagen erwähnte. Liest sich einfacher als die ganzen Twitter-Replys, daher hier noch mal hübsch im Blog.

„Candace Jean Andersen wanted to write a picture book about the Marine Mammal Protection Act of 1972, so she asked the National Oceanic and Atmospheric Administration for some information.

It sent her an article on the subject. There, buried in dozens of pages of dense text, was a photograph of attendees at the 1971 International Conference on the Biology of Whales in Virginia, a gathering of some of the most prominent experts in marine biology. The 38 people pictured appeared to be mostly white and all men, except for one: a young black woman wearing a bright headband, her face partly obscured by the man in front of her.

Ms. Andersen said the men were named in a caption but the woman was not. “My curiosity nagged at me, not knowing who the woman in the photo was, or perhaps what she may have contributed to the conference,” she said.

How do you identify a person when all you have is half of a smiling face in a 47-year-old black-and-white photo?

You turn to social media.“

Bonn – Berlin – Bannas

Günter Bannas hat 40 Jahre lang für die FAZ aus den Hauptstädten Deutschlands berichtet. Hier erzählt er ein paar Anekdoten zum Abschied. Man riecht teilweise fast die alte Bundesrepublik.

„Gewöhnlich sind Kanzlerreisen auf die Minute geplant. Landung um 22.15 Uhr heißt 22.15 Uhr und nicht etwa 22.35 Uhr. Eine Ausnahme: Merkels Tour an die amerikanische Westküste. Los Angeles, San Francisco, Arnold Schwarzenegger, Beverly Hills, Heidi Klum, Thomas Gottschalk. Für Freitag, den 16. April 2010, um 15.30 Uhr war die Landung in Berlin-Tegel annonciert. Ganz und gar anders sollte es kommen. In Island war der Vulkan Eyjafjallajökull ausgebrochen. Eine Aschewolke legte sich über Europa. Nicht in Berlin, sondern (vielleicht) in München, Nürnberg oder Mailand sei eine Landung noch möglich, hieß es bei Abflug. Vielleicht auch in Rom, hieß es bei der Zwischenlandung zwecks Kerosin-Aufnahme in Kanada. Als die Sonne aufging, war klar: Lissabon. Ein lauer Abend folgte. Niemand wusste so recht, wohin. „Wir bleiben beisammen“, versprach Merkel. Wider Erwarten ging es nach Rom. Sodann in einer Autokolonne hoch nach Bozen. Merkel vorne in einem Dienstwagen, den Michael Steiner, deutscher Botschafter in Rom und vormaliger Schröder-Berater, vom Fuhrpark des Vatikans überlassen bekam. Hinten in der Kolonne die Journalisten in einem Bus, einer ziemlichen Schrottmühle, weil in jenen Tagen die Busse in ganz Europa knapp geworden waren.

Reifenpanne auf der Autobahn nach Norden. Die BKA-Sicherheitsleute bestanden darauf, Merkel dürfe nicht am Standstreifen der Autostrada stehen bleiben. Ulrich Wilhelm, damals Sprecher Merkels und heute Intendant des Bayerischen Rundfunks, hatte den Leuten hinten mitzuteilen, Merkels „Keiner wird zurückgelassen“ sei nicht aufrechtzuerhalten. Dem AP-Reporter Stefan Lange gelang es, die eingerosteten Muttern an den Rädern zu lösen. Das Bus-Unternehmen musste versprechen, irgendwo bei Florenz einen Bus zu organisieren, der in Deutschland TÜV-tauglich war. Tief in der Nacht zum Sonntag Ankunft in Bozen. Sonntagnachmittag dann doch in Berlin, 48 Stunden später als geplant. Merkel schien es genossen zu haben: zwei Tage ohne die Mühen einer Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden. In Nordrhein-Westfalen musste sie einen Wahlkampftermin mit dem Parteifreund Jürgen Rüttgers absagen. Rüttgers verlor die Landtagswahl.“

twenty

Jasons Kottkes Weblog ist am 14. März 20 Jahre alt geworden. Ich gratuliere – und freue mich über einen schönen Textschnipsel, den ich dem Texter*innennachwuchs am nächsten Montag in Hamburg auf Powerpoint vorlesen werde.

„I had a personal realization recently: kottke.org isn’t so much a thing I’m making but a process I’m going through. A journey. A journey towards knowledge, discovery, empathy, connection, and a better way of seeing the world. Along the way, I’ve found myself and all of you. I feel so so so lucky to have had this opportunity.“

von und mit Hartz 4 über.leben

Der bisher erfolgreichste Tweet, den ich in zehn Jahren abgesetzt habe, wenn man Retweets und Likes als Maßstab anlegt, besteht vollständig aus einem Text, der nicht von mir stammt. Scheint viele zu interessieren, dieser Text, daher kommt er auch nochmal ins Blog.

„Als mein Backofen kaputt ging, bot jemand bei Twitter an, mir einen neuen zu bezahlen. Die gleiche Person hat mir eine neue Matratze gekauft, als meine alte, die ich schon gebraucht hatte kaufen müssen, nach 8 Jahren nicht mehr nutzbar war. Ich vermeide es aktiv darüber nachzudenken, wie sich das für mich anfühlt. Weil ich weiß, dass es kein gutes Gefühl ist.

Wenn Freund_innen ihre Kleidung aussortieren, schicken sie mir das, was sie nicht mehr wollen. Seit Jahren sehe ich also überwiegend aus, wie andere Leute nicht mehr aussehen wollen und was würde besser zu einem Menschen passen, der so lebt, wie andere Leute nicht leben wollen?

Jens Spahn meint, mit Hartz 4 müsse man nicht hungern und ich kann ihm darin zustimmen. Mit Hartz 4 muss man nicht hungern. Man kann wählen, ob man hungern will oder lieber keinen Strom haben. Oder keinen Telefonanschluss. Oder keine Monatskarte für den ÖPNV. Oder keine Schulsachen. Oder keine kulturelle Teilhabe. Oder Möbel. Oder Kleidung.“

Was schön war, Sonntag/Montag, 18./19. März 2018 – Sonntag und Alltag

Am Sonntag nahmen wir unseren Fehlfarben-Podcast auf. Der jeweilige Gastgeber (w/m) kocht oder holt Essen von auswärts. Dieses Mal war F. Gastgeber und schleppte die übliche Lo-Studente-Pizza an, die mir wie immer sehr gut schmeckte. Da es keine Kunsthistorikerinnen-Pizza gibt, was ich stets anprangere, entschied ich mich für die allseits bewährte Christopher.

Ich mag unseren Aufnahmen sehr. Ich diskutiere zwar mit F. auch dauernd über Kunst, aber eine dritte Person bringt noch eine weitere Sichtweise an den Tisch. Wir drei unterscheiden uns auch sehr darin, wie wir Kunst wahrnehmen oder uns mit ihr auseinandersetzen, daher schätze ich unsere Gespräche immer sehr. Florian ist leider beruflich/zeitlich deutlich mehr eingespannt als wir zwei Hascherl, weswegen wir nicht ganz so oft aufnehmen können wie wir gerne würden, weil es für ihn schwieriger ist, sich die Ausstellungen anzuschauen. Zwei Stunden rumzuquatschen, kriegt man immer irgendwie hin, aber wir müssen schließlich ein bisschen Vorarbeit leisten, bevor wir reden können.

Bei diesem Podcast war ich nicht ganz so glücklich mit meiner Performance. Ich höre die ganze Aufnahme am Tag der Veröffentlichung einmal komplett durch, um für den Blogeintrag die Minutenangaben schreiben zu können. Klar könnte ich das auch während der Aufnahme schon so ungefähr notieren, aber währenddessen möchte ich mich auf andere Dinge konzentrieren. Außerdem höre ich gerne mit einem Tag Abstand nochmal nach, was wir so von uns gegeben haben und bin meistens zufrieden. Dieses Mal halt nur so halb. Ich fand mich manchmal arg uninformiert, was auch daran gelegen hat, dass ich nach den Ausstellungen nicht mehr im ZI war und Dinge nachgelesen habe, was ich sonst immer mache.

Dafür hatte ich doppelt Spaß an den Weinen. Das Thema „Rotwein vom Balkan“ war herausfordernder als „Riesling von der Mosel“, weswegen ich mehr rumgelesen und -gegoogelt habe als sonst. Außerdem hatten wir wirklich drei tolle Weine am Tisch.

Florian und ich hatten schlauerweise nicht die ganze Pizza vor dem Podcast vertilgt (wir schaffen immer gerne eine Grundlage für den Wein), sondern konnten noch eine paar Stücke nachher genießen, als das Mikro aus war und wir den Wein einfach so trinken konnten, ohne über ihn reden zu müssen. Wie immer beim Podcast ist mir aufgefallen, dass ich Ausstellungen anders anschaue, wenn ich weiß, dass ich danach noch etwas dazu sagen muss. Selbst fürs Blog gucke ich manches nur flüchtig oder lasse bewusst Dinge weg, wenn ich über eine Ausstellung schreibe. Beim Podcast kann es immer sein, dass einer der Jungs etwas anspricht, was mir egal war, also gucke ich auch das wenigstens halbwegs konzentriert an, damit ich immerhin sagen kann, warum es mir egal war. Der Podcast ist eine schöne Übung an Selbstdisziplin, die sich aber nie so anfühlt, denn ich kann Kunst anschauen, kriege gutes Essen und sogar noch drei Weine dazu.

Gestern hatte ich beruflich nicht ganz so viel zu tun, was mir auch recht war. Auf zwei Kunden Kleinkram erledigt, auf weitere Infos bzw. Briefings gewartet. Weiter am Texterschmieden-Workshop für Montag gebastelt.

Sowohl mein morgendlicher Espresso als auch mein Filterkaffee, den ich mir für den ersten Schwung Arbeit gekocht hatte, waren nicht gut. Ich kannte beide Sorten, ich hatte die bereits genauso mehrfach zubereitet, aber gestern schmeckte gar nichts.

Abends hatte ich ein bisschen Halsschmerzen, und jetzt bin ich panisch, dass schon wieder eine Erkältung in mir rumgrummelt. Dafür habe ich jetzt überhaupt keine Zeit, denn erstens wartet ein Hamburg-Wochenende und zweitens hebt mir das Kunstarchiv Nürnberg für morgen zwei Meter Archivmaterial aus. Geht weg, Bazillen, Viren und andere Mistviecher! NICHT JETZT! Ich muss über Kunstgeschichte und Werbung gleichzeitig nachdenken UND ich treffe nette Menschen. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit!

Fehlfarben 13: A Good Neighbour, SkizzenBuchGeschichte(n), Fritz Winter, Germaine Krull

Keine Bange, wir reden nur über zwei der oben genannten vier Ausstellungen, die derzeit in der Pinakothek der Moderne laufen, ausführlicher. Aber wenn man schon mal da ist – und gerade am Sonntag kostet der Spaß nur einen Euro Eintritt –, kann man sich ja einfach alles angucken, was rumhängt.

Unser Weinthema war genauso vielfältig wie die Kunst: Rotweine vom Balkan.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 79 MB, 98 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.01:45. Blindverkostung Wein 1.

00.04:20. Los geht’s mit „A Good Neighbour“. Diese Ausstellung ist ein Extrakt der 15. Istanbul Biennale, die 2017 stattfand. Nicht vom schwammigen Text auf der Website irritieren lassen, sondern hingehen, bitte. Läuft noch bis zum 29. April.

00.34:40. Blindverkostung Wein 2.

00.46:50. Fazit der ersten Ausstellung: Wir waren begeistert, drei Daumen nach oben. Darauf gleich eine schöne Blindverkostung von Wein 3.

00.50:45. Die zweite Ausstellung: SkizzenBuchGeschichte(n). Macht doch bitte eure Titel nicht so kapriziös-kompliziert, Kinnings. Das hat die Ausstellung doch gar nicht nötig, die noch bis zum 21. Mai läuft. Ich erwähne am Anfang die digitale Sammlung der Pinakothek und sogar fast mit der richtigen Adresse.

01.14:15. Wir müssen zwischendurch nochmal über die spannenden Weine reden und wie sie sich verändern.

01.16:00. Fazit Ausstellung 2: auch hier drei gut gelaunte Daumen nach oben.

01.18:10. Als Bonus: ein paar Minuten zu Fritz Winter und Germaine Krull, die beide noch bis zum 10. Juni zu sehen sind.

01.29:00. Wir lösen die Weine auf und können uns nicht für einen Spitzenreiter entscheiden, weil alle toll waren.

Wein 1 von Anke: Modra Frankinja (Blaufränkisch) vom Weingut Dveri Pax aus Slowenien, 2010, 13%, für 13,50 Euro bei vinexus.de gekauft.

Wein 2 von Felix: Amanet (Vranac) vom Weingut Aleksić aus Serbien, 2012, 15%. Bei Samovino für 17,90 Euro erhältlich.

Wein 3 von Florian: Korlat (Cabernet Sauvignon) vom Weingut Benkovac aus Kroatien, 2014, 13,5%. Bei Koledar Feinkost in München für 12,90 Euro gekauft.

Was schön war, Samstag, 17. März 2018 – Alles drumrum

Gemeinsam aufwachen, kuscheln, gemeinsam wieder einschlafen. Es wird nie langweilig.

Neue Espressobohnen angetestet, nämlich diese hier mit einem kleinen Anteil an Kona-Kaffee, den ich bis dahin noch nicht kannte. Der Espresso hat einen deutlichen Nussgeschmack, der mit Milch etwas gemildert wird, aber immer noch da ist. Mich macht es allmählich irre, dass so viele Espresso- oder Kaffeesorten nach Schokolade oder Kakao schmecken sollen, aber ich schmecke immer nur Nuss. Wobei Nuss auch super ist. Nichts gegen Nuss.

Dann war die Zugfahrt nach Augsburg nett, weil der Zug leer und pünktlich war. Die Tram zum Stadion kam recht schnell. Wir trafen die charmante Kristaldo auf dem Weg. Die Kontrolle bei den Damen war die kürzeste ever, ich glaube, ich war in einer Minute durch. Auf meiner FCA-Bezahlkarte war noch genug Geld für eine Apfelschorle. Ich war perfekt angezogen mit meinen drei Lagen am Oberkörper und zwei untenrum, meinen zwei Paar Socken und den Springerstiefeln. Meine Decke wärmte auch sehr schön. Ich konnte über den Kaschperl lachen, mich wie immer am Kid’s Club erfreuen und dem Schiri bei sehr ausführlichen Aufwärmübungen zugucken, unter anderem einem perfekten Planking. Nach dem Spiel erwischten wir auch sehr schnell eine Tram und erreichten dadurch den frühen Zug zurück nach München. Und obwohl der einer von der kürzeren Sorte war, fanden wir beide einen Sitzplatz, wenn auch nicht nebeneinander. Ich saß neben einigen Werderfans, von denen einer seine Bierflasche nicht öffnen konnte, woraufhin ihm jemand mit einem Augsburg-Schal seinen Flaschenöffner lieh. Zwei mitfahrende Engländer konnten sich kaum darüber beruhigen, dass die zwei Fanlager sich halfen anstatt sich zu kloppen.

Über die 90 Minuten Fußballspiel dazwischen möchte ich wirklich, wirklich nicht reden, denn dazu müsste ich sehr undamenhafte Ausdrücke verwenden.

Einer der Gründe, warum ich trotz meiner derzeitigen Probleme mit Twitter nicht ganz von diesem Dienst lassen kann: Threads wie dieser hier der Historikerin Natasha Varner, die das Verhältnis von irischen Einwanderern zu schwarzen Amerikanern in der Zeit vor dem Bürgerkrieg beleuchtet. Mit Links zum Weiterlesen.

Oder dieser hier, den eine, soweit ich das erkennen kann, einfach interessierte Illustratorin startete, die sich fragte, warum auf einem Foto einer Marinebiologiekonferenz 1971 die einzige Person, die keine Bildunterschrift hatte, eine schwarze Frau war – und Twitter um Hilfe bat, um herauszufinden, wer die Dame ist. Mit Erfolg. (Wenn ihr den ersten Tweet direkt anklickt, also aufs Veröffentlichungsdatum geht, kommen die ersten Antworte und Hinweise, die ich auch sehr lesenswert fand.)

Frau Mullah et. Consorten

Der Link ging die letzten Tage schon rum, ich vertwitterte ihn auch schon, aber ich möchte ihn noch mal im Blog haben (via Vorspeisenplatte). Es geht um ein Ehepaar mit Tochter im Teenageralter, die vor zwei Jahren zwei unbegleitete afghanische Jungen aufgenommen hat. Nach dem Lesen des Artikels ist mir noch unklarer, wie jemand Afghanistan als sicheres Herkunftsland bezeichnen kann. Über Dinge wie einen teilweise völlig fehlenden Staat, in dem man sich als Bürger oder Bürgerin fühlen kann und weiß, dass man in vielen alltäglichen Kleinigkeiten auf ihn vertrauen kann sowie auf die gesellschaftliche Übereinkunft seiner Bürger und Bürgerinnen – dass also solche elementaren Dinge einfach nicht vorhanden sein können, darüber habe ich hier in Deutschland lebend schlicht noch nie nachdenken müssen.

„Die Familie war ohne Vater und damit ungeschützt. Die Mutter konnte froh sein, dass ein anderer Mann sie heiratete, denn eine Frau kann ohne einen Mann dort nicht leben. Der andere Mann jedoch wollte die Kinder aus der ersten Ehe nicht übernehmen. Es gibt außer Salman noch einen jüngeren Bruder. Und zu diesem Zeitpunkt auch noch eine ältere Schwester. Diese ist offenbar mittlerweile ebenfalls verstorben oder umgebracht worden. Er hat nicht einmal ein Bild von ihr auf seinem Handy. „Mädchen darf man nicht fotografieren, dann können sie nicht mehr heiraten…“, so würden die Leute denken, sagt er.

Salman gelang es, seinen Anteil am Elternhaus zu verkaufen. Mit diesen achttausend Dollar hat er sich seine Flucht finanziert. Er hätte kaum seinen Bruder und seine Mutter zurückgelassen, wenn es nicht ausreichend lebensbedrohliche Gründe für eine Flucht gegeben hätte. Sie, die Taliban, hätten es dann auch auf ihn abgesehen, auf die ganze Familie. Mit fünfzehn Jahren ist man erwachsen dort. Salman erzählte, dass ein örtlicher Mullah, oft die einzige Gerichtsbarkeit auf dem Land, schließlich einen Bann gesprochen hätte. Man solle den jüngsten Bruder, damals gerade einmal 8 Jahre alt, verschonen. Die Familie sei genug bestraft worden. Im Februar 2016 kam Salman in Rosenheim an. Das ist jetzt gerade einmal zwei Jahre her.

Immer wieder erzählt Salman von seinem Vater. Dieser war sicher sehr streng. Er gab ihm aber auch mit auf den Weg, er – Salman – habe zwei Hände zum Arbeiten und er solle deshalb niemals kriminell werden. Man merkt ihm an, wie wichtig ihm dieser einfache Satz ist.

Wenn er von seiner Heimat und dem Leben dort erzählt, ergibt sich das Bild eines sehr rohen Überlebens. Die Abwesenheit fast jeglicher staatlicher Strukturen ist für uns kaum vorstellbar. In einer solchen Umgebung war sein Vater Polizist. Und sicherlich daher, mitsamt seiner Familie, für Viele ein Dorn im Auge.“

Was schön war, Freitag, 16. März 2018 – Geburtstagsmenü

Vielen Dank für eure zahlreichen Tweets und Mails UND PRÄSENTE!EINSELF zu meinem Geburtstag, ich habe mich über alles gefreut. Auch F. beschenkte mich wie immer ausgezeichnet. Unter anderem bekam ich, ich muss allmählich anbauen, zwei Sorten Espressobohnen. „DIE HATTE ICH GEKAUFT, BEVOR DIE ANDEREN KAMEN!“ Und auch eine Blogleserin beschenkte mich mit einem Gutschein für eine Rösterei um die Ecke, nämlich in Aßling. Wo das liegt, weiß ich sogar, ansonsten ist Bayern für mich immer noch Terra Incognita und ich gucke auf Wetterkarten immer noch in den Norden und denke Dinge wie, ach mal eben rüber nach Amsterdam und nicht, ach mal eben runter nach Italien. Zurück zu Aßling: Das hatte ich mal nachgeschlagen, denn bis dahin gilt mein Semesterticket der Uni München. (Vielleicht sollte ich den Gutschein vor Ort einlösen!)

Abends ging es wie immer in mein Lieblingsrestaurant, das Broeding, wo wir, ebenfalls wie immer, ausgezeichnet tafelten.

Beim Champagner als Reinkommer und dem Gruß aus der Küche meinte ich noch so launig, nee, heute fotografiere ich mal nicht und notiere mir auch keine Weine, immer dieser Blogstress. Dann knabberte ich aber genussvoll am Thunfisch-Wantan auf ingwergewürztem Karottensalat herum und schon war das Vorhaben hinfällig, denn davon wollte ich natürlich im Blog schwärmen. Immer diese Blogliebe!

Der erste Gang: im Heu gegarter Mangalica-Schweinerücken mit Lauchzwiebeln und Orangensenf. Der Schweinerücken verbarg sich unter dem Schinken, daneben lagen noch Pecannüsse. Das war mein drittliebster Gang, weil er so schön rund war. Leicht scharfer, fruchtiger Senf, das kräftige Schwein, der milde Schinken, die fast süßen Zwiebeln und die knackig-dunklen Nüsse – da passte einfach alles. Dazu gab’s einen Grünen Veltliner von Ebner-Ebenauer, 2015. Der war recht fruchtig und hatte auch mit dem intensiven Essen noch einen schönen Biss. Wir hier unten sagen „resch“ dazu.

Schon kam der liebste Gang, der sich so schlicht liest: Mairüben-Suppe mit schwarzen Walnüssen und Stielmus-Pistou. Pistou ist ein Pesto ohne Käse, wie ich vom wie immer freundlichen Service lernte. Ich lernte allerdings auch, dass fermentierte Walnüsse nicht ganz so meins sind. Aber. Die Suppe. Es ist bloß eine Suppe, es sind bloß Mairübchen, aber davon hätte ich drei Liter essen können und dann nochmal fünf. Ein ganz klares, stimmiges Aroma, fertig. Aber wie ich von tausend Suppenversuchen weiß: Die einfachen Dinge sind immer die fiesesten. Der Wein dazu war ein 2015er Rotgipfler vom Weingut Biegler. Der war sehr süß in der Nase, dann aber recht trocken im Mund und brachte eine Kiste Äpfel mit.

Mit dem gebratenen Saibling auf Wirsing und Roter Bete haderte ich etwas. Fisch war gut, Wirsing ist immer gut, rote Bete gehen auch, aber auf dem Teller waren noch Weintrauben, die für mich den Gang viel zu süß gemacht haben. Auch das Mundgefühl war eher alles eins, kaum Kontraste oder mal was Eckiges, was aufweckt. Da hatte ich hier schon weitaus spannendere Gänge. Der Wein konnte mich dann aber wieder versöhnen, denn mit Riesling kriegt man mich ja immer zu allem rum. Das war einer vom Weingut Hirsch aus Gaisberg, 2010. Der roch zunächst ein bisschen nach muffigem Honigkeller, hatte dann im Mund aber plötzlich eine saure Kirsche (Kirsche? WTF?) und wurde mit dem Essen zusammen dann schön rieslingig honigbananig. Also genauso, wie ich Riesling mag. Schon waren die blöden Weintrauben vergessen.

Der Hauptgang bestand aus Lammfricandeau mit gebackenem Paraplui, weißem Bohnenpüree, Grünkohlchips und Fenchel. Den Paraplui hatte ich mir vor dem Essen ergoogelt – das Broeding schreibt netterweise das Menü immer im Laufe des Tages auf seine Website –, und daher wusste ich, dass das ein Pilz war. Der war auch nicht mein Favorit, aber das Püree war gut, Lamm geht ja eh immer und die Sauce tupfte ich mit viel Brot auf, bis der Teller sauber war. Dazu gab’s den einzigen Rotwein des Abends: ein Cuvée aus meinem allerliebsten Lieblingswein, dem Blaufränkisch, mit dem stinkigen Pferdestallwein St. Laurent, von Rosi Schuster, 2013 (Link zum 2014er). Der wurde ziemlich kühl serviert, was ich aber sehr gerne mag, und schmeckte wie Kirschschorle mit blaufränkischer Schnuffigkeit.

Dann kam der Käse, den ich vergessen habe zu fotografieren, weil wir so mit dem Wein dazu beschäftigt waren. F. twitterte gestern noch: „Wenn du denkst, du hast es alles schon gesehen, kriegste beim Broeding einen Amontillado zum Käsegang serviert.“ Eigentlich freue ich mich im Broeding immer auf herrlich schlotzigen Süßwein zum Käse, aber nein. Zum Morlacco di Grappa, einem sehr schmackhaften Kuhmilchweichkäse, mit Thymiangelee und Nussbrot, gab es einen Albala Marqués de Poley Amontillado, dessen ältestes Fass von 1922 war. Das Ding schmeckte erst nach saurer, total trockener Walnuss – und dann nach Salz. Außerdem blieb es irre lange am Gaumen. Mit dem Käse zusammen kam eine dicke Rosine in den Mund, der riesig groß wurde, und das Walnusssalz wollte immer noch nicht gehen. Das ging auch minutenlang nicht, auch als die Teller und Gläser schon abgeräumt waren. Ein tolles Zeug.

Auf einen Klecks Ananassorbet zum Magenaufräumen folgte dann das Dessert, mein zweitliebster Gang, der ein äußerst würdiger Abschluss des Festessens war. Auch Pandanus-Mousse mit Mango klingt wieder so harmlos, aber hier mochte ich, dass mein Mund dauernd mit anderen Texturen beschäftigt war. Die weichfeste Mousse lag auf spitzig-knackigem Ingwerstroh, die milde Mango kam in viel zähem Sirup, und auf den kleinen Schokobröckchen konnte man schön lange rumkauen, während die überraschend frische Mousse einem den Gaumen auskleidete. Die 2010er Beerenauslese von Lenkey Edes Kövek war dann ebenfalls eine Überraschung: sehr frisch und luftig für einen Süßwein. Der gefiel mir so gut, dass ich mir davon ein Fläschchen zum Geburtstag schenkte.

Den Espresso für mich und den Birnenschnaps für F. nahmen wir dann zuhause, weil wir total satt waren und erstmal ein bisschen rumlaufen mussten. Sehr entspannt und wohlig abgefüttert gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Donnerstag, 15. März 2018 – Ein halber Tag frei

Seit dem 2. Januar war ich durchgebucht. Also so gebucht, dass ich von 9 bis 18 Uhr an irgendeinem Schreibtisch saß, ob nun in einer Agentur oder zuhause, so dass ich in dieser Zeit erreich- und ansprechbar war. Meine Erledigungen wie Einkaufen oder Bücher in Bibliotheken bringen tätigte ich wie andere Berufstätige auch: nach Feierabend, in der Mittagspause oder am Wochenende. Diese Buchungszeit endete letzten Freitag. Zurzeit bin ich auf verschiedenen Kunden eher stundenweise bzw. auf Zuruf gebucht, was mir weniger Geld, aber dafür ein bisschen mehr Freiheit bringt.

Mittwoch abend musste ich keinen Wecker stellen, schaltete das iPhone zusätzlich auf stumm und freute mich auf Ausschlafen mitten in der Woche. Es ist vermutlich klar, wann ich wach wurde? Genau. 6 Uhr 32.

Ich lungerte nur kurz im Bett rum, denn wenn ich wach bin, bin ich wach. Also begann ich meinen Tag früher als gedacht, aber dafür sehr entspannt. Nach der Körperpflege kam mein neues Lieblingsritual: Espresso kochen. Dazu mahle ich mir frische Bohnen in meiner Handmühle, fülle das Kaffeemehl in den Siebträger, drücke ihn mit einem schönen Edelstahltamper fest und lasse die Maschine ihr Wunderding verrichten. Währenddessen verräume ich Mühle und Bohnen und fülle einen guten Fingerbreit kalte Vollmilch in mein neues Edelstahlkännchen, die von der Maschine dann in wenigen Sekunden in schlotzigfesten Milchschaum verwandelt wird. Ich kann bis heute kein Herz auf meinen Espresso gießen, weil die Milch mehr Schaum als Schlotz ist, egal was ich tue, aber wurstegal. Dann säubere ich alle betreffenden Teile der Maschine und genieße meinen halbwegs flachen Flat White auf dem Sofa. Ohne Zucker und Sirup, weil er so toll schmeckt wie er ist.

Gestern beendete ich nach dem Aufklappen des Rechners als erstes mein Mailprogramm, damit mich niemand an meinem freien Vormittag stört. Auch Twitter wurde minimiert.

Mit Twitter hadere ich seit Wochen. Mir ist aufgefallen, dass die ganzen Themen, die mich persönlich aufregen oder anfressen oder traurig machen oder ängstigen, nicht mehr durch mein morgendliches B5-Duschradio oder die abonnierte FAZ an mich herangetragen werden. Nein, das erledigt meine eigentlich sorgfältig kuratierte Timeline. Meine Menschen machen mich auf Dinge aufmerksam wie die neueste Hetze der AfD, widerliche Kommentare über dicke Menschen auf allen Websites dieser Welt, eklige Werbung, hasserfüllte Diskussionen über Frauenrechte und so weiter und so fort. Alle meinen es gut, alle wollen, dass diese Dinge nicht unter den Teppich gekehrt werden, sondern dass sich Dinge dadurch ändern, dass man sie ans Tageslicht und in die Öffentlichkeit bringt. Ich habe durch meine Timeline in den vergangenen Jahren sehr viel gelernt. Aber momentan überfordert mich die ständige und allumfassende Empörung, Aufregung und das Entsetzen total.

Ich habe in den letzten Wochen viele Accounts entfolgt. Das ist so gut wie nie persönlich gemeint, aber ich mag im Moment einfach keine Aufregung mehr, keine schnippischen Kommentare, keine süffisant-überlegenen Anmerkungen, keine Urteile vom hohen und immer gut gemeinten Ross herab. Ich habe vermutlich selbst genau solche Tweets in Mengen abgesetzt, das ist mir durchaus klar. Ich habe auch dazu beigetragen, dass eklige Anmerkungen über Dicke Aufmerksamkeit bekommen haben, indem ich auf sie hingewiesen habe. Auch das habe ich versucht zu ändern, indem ich, wie hier im Blog, eher nur noch Dinge twittere, die mich freuen oder die schön waren. Das klappt nicht immer, weil Twitter halt eine Aufregemaschine ist, aber ich versuche, mir das abzugewöhnen. Und dazu gehört eben auch, vieles nicht mehr mitbekommen zu wollen. Exkurs Ende.

So startete ich meinen Tag nur durch die Radionachrichten informiert mit schönem Getränk und entspanntem Bloggen sowie Bloglesen. Dann ging ich ins Museum, denn wir nehmen Sonntag unsere neue Fehlfarben-Ausgabe auf und dafür wollten ein paar Ausstellungen weggeguckt werden. Ich ließ mir viel Zeit, guckte eine Ausstellung sehr gründlich, wobei ich immer vor einer Führung weglaufen musste. Dann ging ich in die zweite, die deutlich kleiner, aber ebenso spannend war. Ein paar weitere Räume des Museums durchschritt ich etwas schneller – um dann noch einmal in die zweite Ausstellung zu gehen, weil mich einige Werke nicht loslassen wollten. Das war wieder einer dieser Momente, in denen ich sehr glücklich war, Kunst gucken zu können, weil es den Kopf so schön aufmacht. Und gleichzeitig einer von den doofen, in denen man ahnt, dass man sich diese Kunst nie wird leisten können, weil bescheuerter Kunstmarkt und bla.

Nach dem Museumsbesuch ließ ich mich von einer Tram (TRAMFAHREN!) in die Innenstadt tragen. Also drei Stationen, du winzige kleine Schnuffelstadt, du. Im Kaufhof am Stachus kaufte ich einen altmodischen Kaffeefilter aus Porzellan, von dem mir nachträglich einfiel, dass meine Mama davon vermutlich zehn im Keller liegen hat. Meine derzeitige Begeisterung für das Produkt Kaffee eskaliert gerade ein bisschen; bitte haltet mich davon ab, mir auch noch einen zweiten Wasserkocher zu kaufen, nur weil das Internet mir das empfiehlt, ja?

Zuhause setzte ich dann einen der Filterkaffees an, die in meinem vorgestrigen Kaffeepaket gelegen hatten. Eine Runde kochte ich in der French Press und eine Runde schön mit dem neuen Handfilter, weil ich ausprobieren wollte, ob der gleiche Kaffee mit dem gleichen Wasser, aber eben mit einer anderen Zubereitungsart anders schmeckt. Und was soll ich sagen? Tut er. In der French Press schmeckte dieser Kaffee sehr klar und geradeaus, kräftig, aber nicht stark. Beim Handfilter kam ein bisschen mehr Fruchtsäure durch, aber nicht so stark, dass ich es als unangenehm empfand (ich mag die Säure im Kaffee nicht so gern). Ich habe ihn für mich als „etwas scharfkantiger“ definiert und suche noch nach einer genaueren Beschreibung.

Irgendwann öffnete ich mein Mailprogramm wieder und stellte fest, dass niemand was von mir wollte. Den Rest des Tages verbrachte ich mit viel Kaffee und Keksen und Serien auf dem Sofa. War also eigentlich ein ganzer freier Tag. Auch gut.

Was schön war, Mittwoch, 14. März 2018 – Münchner Allerlei

Ich mogele ein bisschen, ein paar der schönen Dinge waren schon Montag und Dienstag, aber gestern und vorgestern hatte ich so herrlich thematisch saubere Einträge.

Montag war ich wieder laufen. Also laufen wie laufen und nicht wie walken. In den letzten drei Monaten, wenn ich Runtastic glauben darf, war ich kein einziges Mal morgens unterwegs, sondern habe schön ausgeschlafen. Das war anscheinend nötig, Winterschlaf ist bestimmt gesund, und ich habe deswegen auch kein schlechtes Gewissen. Es hat mich aber schon überrascht, dass die Pause so lang war.

Ich ging Sonntag bewusst früh schlafen, weil ich mich endlich wieder fit und motiviert genug fühlte, um um 6 Uhr aufzustehen und mich in enge Klamotten zu werfen. Das ging sogar besser als ich dachte; ich wachte von allein um 5.50 Uhr auf und stand auch sofort auf. Der Sonnenaufgang war für 6.30 Uhr angesagt, daher verzichtete ich auf mein Stirnlämpchen und auch auf die Thermotights; das warme Oberteil zog ich aber noch an, und das war auch alles richtig so. Die erste Runde ging ich noch in der Dämmerung, aber dann war es gefühlt von jetzt auf gleich taghell. Und was noch schöner war: Die erste Runde legte ich teilweise laufend zurück.

Ich bin die weltschlechteste Läuferin, denn ich laufe nicht, sondern ich denke übers Laufen nach. Gerne eine halbe Runde, und dann denke ich darüber nach, wieso ich jetzt nachgedacht habe anstatt einfach zu laufen, und damit bin ich wieder eine halbe Runde beschäftigt und dann bin ich wieder an dem Punkt auf der Runde, an dem ich eigentlich gerne loslaufe, aber ich muss halt wieder darüber nachdenken, ob ich das gerade kann.

Ich schrieb schon einmal darüber, warum Laufen für mich so eine große Sache ist. Die Kurzfassung: Ich bin körperlich eigentlich nicht in der Verfassung, laufen zu können, ich humpele halt eher vor mich hin. Und wenn ich mir vornehme zu laufen, dann muss ich vorher darüber nachdenken: Tut mir gerade nichts weh? Fühle ich mich stark genug vom Rücken her? Bin ich konzentriert genug dafür, Knie und Oberschenkel und Hüfte die Job vom Fuß übernehmen zu lassen, ohne über mich selbst zu stolpern? Bin ich wach genug? Ernsthaft, weil: Wenn ich müde bin, bin ich eben nicht mehr konzentriert genug auf meine Füße bzw. den rechten Fuß, der gerne vergisst, was sein Job ist. Wenn ich abends müde oder morgens noch nicht wach bin, neige ich dazu, nach hinten zu fallen, weil ich vergesse, Gewicht auf den vorderen Fußteil zu legen und so einfach gerade zu stehen. Deswegen halte ich mich morgens gerne an Türrahmen oder Duschstangen fest, um nicht umzufallen, und abends gerne an Wänden oder Menschen. Falls du bei einer Veranstaltung zufällig neben mir stehst und ich dich plötzlich aus heiterem Himmel am Ellenbogen oder an der Schulter anfasse, hau mich bitte nicht gleich, sondern gib mir zwei Sekunden Zeit, um dir zu erklären, dass du mich gerade vorm Umfallen bewahrt hast und dass ich wirklich nichts von dir will, weder sexuell noch deine Handtasche. (Deswegen sitze ich gerne abends. Nicht weil ich fett und faul bin, sondern weil ich ungern umfalle. Aber das nur nebenbei.)

Zurück zum Laufen: Ich habe es mir irgendwie angewöhnt, in mich hineinzuhorchen, ob ich jetzt echt und wirklich laufen will. Und ich habe mich selber ein bisschen im Verdacht, darüber zu lange nachzudenken, weil ich natürlich weiß, dass Laufen anstrengender ist als Walken und Walken mir ja eigentlich total ausreicht, um Bewegung zu kriegen und fit zu bleiben. Andererseits weiß ich auch, wie großartig ich mich fühle, wenn ich popelige 300 Meter laufe anstatt sie zu gehen, weil ich das ja eigentlich gar nicht kann und deswegen fühle ich mich danach wie Superwoman. Deswegen hatte ich mir Montag vorgenommen, sofort beim Betreten der Runde loszulaufen anstatt wieder in meinen üblichen Nachdenkrhythmus zu verfallen. Und genau das habe ich dann auch gemacht – und mich wie Superwoman gefühlt. Auch die nächsten beiden Runden begann ich gnadenlos laufend, weil’s halt ging, und die letzte Runde ging ich dann entspannt. Bis mir einfiel, dass ich ja nicht zum Bummeln hier bin, also sagte ich mir meinen üblichen Motivationssatz WALK LIKE YOU MEAN IT und hetzte nach Hause. Das war toll. Auch toll war, dass es die ganze Zeit ein bisschen nieselte, weswegen nicht so viele Leute unterwegs waren. Und ich habe festgestellt, dass mein Thermooberteil nicht nur wärmt, sondern auch ein bisschen wasserabweisend ist.

Dienstag war dann schön, dass ich abends mal wieder für F. kochen konnte. Ich ließ den puscheligen Mix der Woche auf Spotify laufen, warf Zeug in Pfannen und Schüsseln, schraubte schon mal den Wein auf und stand irgendwann mitten in meiner Küche mit dem Glas in der Hand, bei gedämpftem Licht, mit Musik im Ohr und Duft in der Nase und dachte: Das ist schön so.

Und geschmeckt hat’s auch.

F. und ich unterhielten uns gestern über Stephen Hawking, den mein Superfreund sogar mal getroffen hat. F. erklärte mir, dass der Begriff „Quarks“ von James Joyce stammte, aus Finnegans Wake nämlich. Die Inspirationsquelle kann ich sehr nachvollziehen; ich denke bei jedem dritten Satz im Ulysses: Oh, diese zwei bis fünf Wörter wären ein schöner Bandname.

Und dann kaufte ich beim Café nebenan neue Kaffeebohnen (Espressobohnen hab ich noch), und als ich nach Hause kam, lag eine weitere Packung Kaffeebohnen im Briefkasten, die mir Arnulf netterweise hat zukommen lassen, und dann klingelte noch ein Kurier mit Kaffeebohnen, die mir ein Kunde schickte.

Ich lade dann jetzt mal halb München zum Kaffeeklatsch ein. Bring your own Thermoskanne, bitte, ich habe nur eine!

Ein doppeltes Dankeschön …

… an Antje, die gleichzeitig Körper und Geist beschenkt hat. Im ersten Päckchen lag eine Quicheform. Ich besitze natürlich eine schöne Pie-Form (hier im Bild), aber ich wollte schon länger eine mit einem Hebeboden haben, damit ich meine Quiches oder ähnliches nicht immer wie ein Berserker aus der Form spachteln muss und jegliche hübsche Optik ruiniere.

Im zweiten Päckchen lag Philipp Bloms Die zerrissenen Jahre: 1918 -1938, das ich aus meinem Geschichtslektürekurs kenne. Zunächst wollte ich es nicht lesen, aber mein Kommilitone hat es verstanden, dem Kurs das Werk sehr schmackhaft zu machen. Ich las noch einmal rein und packte es auf den Wunschzettel. Da liegt es nun nicht mehr. Vielen Dank für die Geschenke, ich habe mich sehr gefreut.

Was schön war, Montag, 12. März 2018 – Sol Gabetta

F. und sein Mütterchen haben schicke Abonnementskarten bei Münchenmusik. Gestern konnte seine Mutter leider nicht ins Konzert gehen, weswegen ich die Begleitung machen durfte, was mich sehr gefreut hat. Das Finnish Radio Symphony Orchestra spielte mit der argentinischen Cellistin Sol Gabetta im Gasteig auf, der eierlegenden Wollmilchsau aller Veranstaltungsorte. Dort kannte ich bisher nur die Räume, in denen die Stadtbibliothek ist, einige Unterrichtsräume der VHS, in denen ich mal Italienisch gelernt hatte, und die Räumlichkeiten, in denen sich Orgakram vom Filmfest München abspielt. Daher musste ich erstmal fragen, wie ich denn zur Philharmonie käme. Netterweise kann man dafür den gleichen Eingang benutzen, den ich kenne, entspannt mit der Rolltreppe in den ersten Stock fahren und dann im Gebäudeinneren zur Philharmonie schlendern. Wusste ich auch noch nicht. F. gab fürsorglich meine Jacke ab, während ich mir den verwinkelten Brutalismusbau anschaute und mich wunderte, wie hier irgendjemand ohne Hilfe seine Eingangstür zum Saal findet. Der Saal selbst hat einen lustigen Grundriss, und ich habe noch nie so gut bei einem philharmonischen Konzert gesessen. Kein Wunder, dass F.s Familie diese Karten nie wieder hergeben wird.

Das Konzert begann mit Jean Sibelius, den ich immerhin vom Namen her kannte, aber ich hätte kein Stück benennen können. Für uns wurde die Sinfonie Nr. 7 in C-Dur Op. 105 gegeben, die mir sehr gut gefiel. Dann verkleinerte sich das Orchester etwas, und die Solistin des Abends, Sol Gabetta, betrat die Bühne, nachdem ein Helferlein ihr ein kleines Podest neben das Dirigentenpodest gestellt sowie ihren Notenständer in Kniehöhe aufgebaut hatte. Die Dame hatte von vornherein gewonnen, weil unter ihrem langen Kleid Glitzerschuhe hervorblitzten. Dann begann das Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 (bereits in den 1930er Jahren angefangen, 1955 in dieser Fassung fertiggestellt) von Bohuslav Martinů, und ich war von den ersten Tönen an begeistert. Auch von Gabetta, die sehr mitging, was ich äußerst charmant fand. Wenn sie nichts zu tun hatte, wippte sie im Takt mit, schüttelte auch gerne mal ihre Arme, als ob sie auf einem Popkonzert im Publikum war, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie die Melodie mitgepfiffen oder irgendwann dem ersten Geiger neben ihr mit einem schwungvollen „Wo-hoo!“ ihre Begeisterung zu verstehen gegeben hätte.

Noch toller war natürlich ihr Spiel. Ich habe in meinen Zehnerjahren jahrelang Geige gespielt, aber darin leider keine große Meisterschaft entwickelt (Saiten hassen mich). Ich fand es immer irre schwierig, die Lagen zu wechseln, also Entfernungen auf dem Griffbrett zu überwinden. Nun ist eine Geige ja winzig, und beim Cello wundere ich mich daher noch viel mehr darüber, wie man in Sekundenbruchteilen das ganze Griffbrett bespielen kann. Über den Kontrabass möchte ich gar nicht nachdenken, dann brauche ich Riechsalz. Ich habe Gabetta sehr gerne bei ihrer Arbeit zugeschaut, auch weil sie so schön changierte zwischen absoluter Konzentration auf ihren Job, die man ihr sehr ansah, und dazwischen eben die kleinen Pausen, in denen sie völlig entspannt dem Orchester lauschte.

Aber: Wer zum Teufel ist Bohuslav Martinů und wieso habe ich bisher noch nichts von ihm gehört? Ich war total gebannt, vor allem vom zweiten Satz, bei dem ich mal wieder vergaß zu atmen, weswegen ich wieder einen fiesen Hustenanfall hatte. Ich bin für klassische Konzerte einfach nicht gemacht. Ich erwische mich auch gerne dabei, wie ich meinen Kopf vogelartig nach vorn vorschiebe, um ja nichts zu verpassen. Das merke ich daran, dass mein Hals irgendwann knackt, weil er gerne wieder normal auf meiner Wirbelsäule sitzen würde anstatt so albern verschoben. Vermutlich steht mir auch der Mund offen und ich sehe wie ein kompletter Idiot aus. Das lohnt sich aber, auf jeden Fall für sowas wie das Werk von Martinů. Hier könnt ihr es hören. Falls ihr gerade keine halbe Stunde Zeit habt, nehmt den zweiten Satz, der beginnt hier bei Minute 9.

Vielleicht wollt ihr euch auch Frau Gabetta bei der Arbeit angucken. Ich habe wahllos Camille Saint-Saëns rausgegriffen, auf YouTube findet sich aber noch viel mehr von ihr.

In der Pause gab’s standesgemäß Häppchen und Rosésekt und wir unterhielten uns darüber, wieso wir, unabhängig voneinander, nicht viel früher schon einen Tisch für die Pause vorbestellt haben, egal wo. Ich stand immer ewig in der Opernpause am Sektstand an und schaffte es kaum noch, aufs Klo zu kommen, bis F. bei unserem ersten gemeinsamen Besuch einen vorbestellten Tisch vorschlug. Auf die Idee war ich noch nie gekommen, weil ich das irgendwie immer zu posh fand. Total bescheuert, denn man kommt entspannt an seinen Stehtisch, wo der Sekt auf einen wartet und muss nicht doof anstehen. Im Gasteig kostet das nicht mal einen Aufpreis, während man in der Oper ein bisschen mehr fürs Getränk zahlt. Egal. Ich habe mich daran sehr schnell gewöhnt und genieße das inzwischen sehr.

Nach der Pause gab’s noch Tschaikowskys 5. Sinfonie, die irgendwie durchrauschte. Hübsch halt, aber F. dachte laut Eigenaussage an Wohnungskram, während ich im Kopf mit Arbeit beschäftigt war. Die Zugabe habe ich nicht erkannt, aber ich würde auch auf Tschaikowsky tippen, denn auch Gabettas Zugabe war von diesem Komponisten. Die habe ich immerhin erkannt; es war Kuda, kuda aus Eugen Onegin, die einzige Arie, die ich mir aus dieser Oper mal gemerkt habe, als ich sie vor vielen Jahren in Berlin sah.

Was schön war, Sonntag, 11. März 2018 – Freizeit

Gemeinsam aufgewacht. Bestes Frühstück der Welt genossen: kalte Pizza vom Vorabend.

Den Tag auf dem Sofa verbracht mit Zeitung, Ulysses, Hay Day, Banana Bread und Kaffee, oh so much Kaffee weil oh so much lecker. Ich glaube, ich muss bereits nächste Woche eine neue Packung Espressobohnen kaufen, so schnell wie ich die derzeit verarbeite. Aber sie sind so gut!

Arbeit ignoriert und auf heute verschoben. Stattdessen den bisherigen Italien-Urlaub von Frau Nessy nachgelesen. Danach war ich äußerst tiefenentspannt. Hier geht’s los.

Bei Candy Crush das Level 2000 erreicht und mich ein bisschen schmutzig gefühlt. Ich muss bei derartigen Meilensteinen immer an eine Karte von Postsecret denken, das ich nicht mehr regelmäßig lese, weil es mir zu abfällig und egozentrisch geworden ist, aber manche Karten bleiben dann doch bei einem. Auf dieser stand sinngemäß: „Du stirbst an Krebs und ich wünsche mir, dass du damit aufhörst, Candy Crush zu spielen.“ Ich habe diese Karte im ersten Momenten als sehr nachvollziehbar empfunden – vergeude deine Zeit nicht mit Quatsch, sondern genieße dein vermutlich nur noch kurzes Leben oder mach wenigstens was Sinnvolles damit. Im zweiten Augenblick dachte ich mir aber: Was für eine Pappnase, die jemanden, der oder die im Sterben liegt, noch vorschreiben will, wie er oder sie das Sterben gestalten soll. Vielleicht lenkt Candy Crush besser ab als Twitter oder total tiefsinnige Gespräche mit Angehörigen oder Freundinnen, vielleicht muss man auch nicht dauernd was Sinnvolles machen, nein, Moment, man muss garantiert nicht dauernd was Sinnvolles machen. Man darf auch gerne mal so richtig schön sinnfrei Zeit verfließen lassen, wenn es einem gut tut. Es spricht überhaupt nichts dagegen, Wochen mit Chips und Sofa und Netflix zuzubringen anstatt mit Fitnessstudio, Uniblibliothek und Fine Dining. Und gegen letzteres spricht im Umkehrschluss genauso wenig. Macht doch alle, was ihr wollt, solange es niemandem weh tut. Und spielt Candy Crush, das tut nämlich wirklich niemandem weh. (Okay, bis auf diese eine Postkartenschreiberin. Es tut mir leid, dass du einen geliebten Menschen verlierst. Ich würde dir einen Kaffee anbieten, wenn ich dich kennen würde.)

Was schön war, Freitag/Samstag, 9./10. März 2018 – Doktorand*innen-Kolloquium

Die Betreuung von Doktorand*innen an der LMU oder sogar nur am kunsthistorischen Institut ist unterschiedlich, was schon bei der Form der Promotion beginnt: Wenn man sich für eine Promotion am Institut entscheidet, ist man in den Lehrstuhl eingebunden, lehrt meist in geringem Umfang und ist halt wissenschaftliche Angestellte. Der andere Weg ist die klassische Individualpromotion, bei der man nicht an der Uni lehrt oder forscht, sondern irgendwo anders; die meisten meiner Mitstreiter*innen, die ich Freitag erstmals alle in einem Raum kennenlernen konnte, arbeiten bei Museen, Archiven oder kunsthistorischen Einrichtungen wie dem ZI. Einige wenige so wie ich machen etwas ganz anderes und promovieren gezwungenermaßen nebenbei, was dazu führt, dass wir ziemlich raus sind, was fachliche Diskussionen angeht oder auch nur den Austausch mit anderen Menschen, die ein ähnliches Projekt betreuen. Damit auch wir eine Art Anlaufstelle haben, hat mein Doktorvater einfach mal ein Kolloquium ins Leben gerufen, in dem alle seine Schützlinge ihr Thema kurz vortragen und wir dann darüber diskutieren. Nicht jede*r musste vortragen – ich hätte auch noch gar nichts sagen können –, aber es war trotzdem spannend, den anderen zuzuhören. Die Wahl des Doktorvaters bedingte auch eine gewisse thematische und/oder zeitliche Eingrenzung, denn der Mann hat natürlich seine Spezial- und Interessensgebiete, weswegen wir mit ihm arbeiten wollen. Daher hatte ich bei vielen Vorträgen das Gefühl, schon zu wissen, worum es ging, was ziemlich toll war.

Ich kann natürlich die meisten Themen jetzt nicht genauer ausplaudern, aber mir hat jeder Vortrag etwas gebracht. Ich muss gestehen, dass ich sowohl Freitag als auch Samstag den jeweils letzten Vortrag (oder sogar die zwei letzten) geschwänzt habe (Hunger, Arbeit), aber dafür ist man ja erwachsen. Hat das wenigstens einen Vorteil.

Was ich aus den diversen Themen und Methodikdiskussionen für mich mitgenommen habe und hoffentlich nicht wieder vergessen werde: Ich muss keine Enzyklopädie schreiben. Das glaube ich natürlich bei jeder Hausarbeit und meine, versagt zu haben, wenn ich genau das eben nicht erledigt habe, und natürlich weiß ich auch, dass das Quatsch ist, aber ich habe bei mir schon wieder die ungute Tendenz festgestellt, Themen gleich zu verwerfen, weil ich weiß, dass ich sie nicht komplett (was auch immer das heißt) behandeln werde können. Mir haben viele der Vorträge mal wieder vor Augen geführt, dass das auch nicht mein Job ist. Ich muss ein Thema schlaglichtartig beleuchten, kann ein paar lustige Exkurse machen und einiges vertiefend abhandeln, aber ich muss nicht jeden Fetzen Papier oder Leinwand behandeln, der zu diesem Thema existiert. Das soll eine Diss werden und kein zwanzigbändiges Lexikon.

Ebenfalls spannend waren für mich die Diskussionen zur Datenerhebung. Ich meine zwar, davor gefeit zu sein, stapelweise Archivgut digitalisieren oder sogar verschlagworten zu müssen, aber ich fand es trotzdem interessant zu sehen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt, Daten zu erheben und zu klassifizieren. Ich habe lustige Programme kennengelernt, die ich vermutlich nie brauche, aber ich weiß jetzt, dass es sie gibt. Was vielleicht interessant für mich wird, wenn ich vor meinem Datenberg sitze und mir selbst überlegen muss, nach was ich den Kram denn überhaupt ordnen will. Bisher hat das ernsthaft mit diversen Word-Dokumenten bei mir funktioniert, weil ich durch meine Arbeit als Katalogtexterin gewöhnt bin, den Überblick über lange Texte zu behalten. Ich ahne aber auch, dass eine Masterarbeit etwas anderes ist als eine Diss und daher sollte ich mir vielleicht jetzt schon Gedanken darüber machen, ob es noch etwas Sinnvolleres gibt als meine Word-Sammlungen.

Ein kleiner Nebenaspekt wurde in diesem Zusammenhang auch angesprochen: die össeligen Lizenzierungsmodelle von Software. Wenn man Glück hat, übernimmt eine Institution wie Uni oder Forschungsstelle die Gebühr für ein Programm, mit dem man dann ewig arbeiten kann. Wenn man Pech hat, beginnt man mit einem Programm zu arbeiten, das mittendrin sein Lizensierungsmodell ändert und nur noch Lizenzen auf Zeit verkauft. Dann tippt man lustig zwei Jahre Daten ein – und kann sich danach eventuell das Programm nicht mehr leisten, weil es plötzlich irre teuer geworden ist. Das ist netterweise niemandem von uns passiert, aber darüber habe ich auch noch nie nachgedacht.

Ich fand es auch mal wieder gut für mich und meine eigene wimmerige Konstitution zu hören, dass eben noch nicht alles ausgeforscht ist. Ich glaube auch nach zehn Semestern, die mir das Gegenteil bewiesen haben, dass alle guten Themen schon weg sind und immer, wenn ich über eins nachdenke, haben schon tausend andere das auch gemacht. Ich weiß, dass das Quatsch ist, aber manchmal falle ich doch wieder in dieses Loch. Am Freitag wurden zwei Dissertationen vorgetragen zu Themen, bei denen ich mir sicher war, dass dazu schon alles gesagt wurde. Ich glaube nicht, dass ich hier Geheimnisse verrate, daher: Sie gingen um Heinrich Hoffmann und den US-Kunstschutz während des Zweiten Weltkriegs. Da hätte ich Wetten angenommen, dass da schon alle Archive leergelesen sind, aber die Wette hätte ich sehr deutlich verloren, wie ich jetzt weiß. Zu hören, dass ein Doktorand im Kunstarchiv Nürnberg noch Kisten öffnen konnte, in die nie jemand reingeguckt hatte, nachdem der Nachlassverwalter den Deckel draufgemacht hatte, fand ich sehr spannend.

Auch wieder wichtig für mich und meinen Hinterkopf: vielleicht mal nicht mit einer festen Frage in die Archive gehen, sondern die Quellen entscheiden lassen, wo es hingehen soll. Das habe ich ja eigentlich bei meiner Arbeit zu Leo von Welden schon gelernt, dass es sehr aufschlussreich sein kann, einfach mal alles durchzuwühlen, was einem freundliche Archiv-Mitarbeiterinnen oder Heimatmuseumsmenschen vor die Nase legen. und dann zu gucken, was man daraus machen kann. Im Kolloquium berichtete eine Doktorandin, dass es ihr bei ihrem Thema genauso ging: Eine Stadtarchiv-Mitarbeiterin aus (Stadt behalte ich mal für mich) meinte so nebenbei zu ihr, dass da ein großes Aktenkonvolut wäre, das sich vielleicht für sie lohnen würde. Und dann stellte die Dame fest, dass dieses Konvolut eine ziemliche Rarität war, was NS-Unterlagen angeht, denn genau diese Art von Akten hatte die betreffende NS-Organisation sehr großflächig vernichtet – bis auf diesen Berg und noch ein paar kleine weitere in sehr wenigen anderen Städten. Aber sowas erfährt man natürlich nicht, wenn man mit einer festen Frage ins Archiv kommt.

Dann ging es auch um Begrifflichkeiten und Definitionen. Was mich an vielen Diskussionen, gerade online und auf Twitter, inzwischen wahnsinig macht, ist, dass kaum noch definiert wird, worüber eigentlich gesprochen wird. Jeder hat einen schwammigen Begriff im Kopf, aber anstatt erstmal klar zu fassen, worum es geht, pöbeln alle auf unterschiedlichen Ebenen herum und kommen so natürlich nie auf einen Nenner. In unserem Fall ging es um eine Diss, die sich mit, auch das ist kein Geheimnis, die Diss kannte ich schon von der Herbsttagung des Arbeitskreises Provenienzforschung, sogenannten (hier werde ich schon vorsichtig) jüdischen Kunsthandlungen in München befasst, die zur NS-Zeit „arisiert“ wurden. Wir sprachen darüber, dass schon diese Klassifizierung – jüdische Kunsthandlung – ein Unding ist, denn damit machen wir uns die NS-Vorgabe zu eigen. Man kann davon ausgehen, dass viele oder sogar alle Kunsthändler*innen jüdischen Glaubens diese Tatsache – ihre Religionszugehörigkeit – nicht als ihren Hauptcharakterzug wahrgenommen haben, vor allem nicht in Bezug auf ihre berufliche Tätigkeit (außer sie handelten exklusiv mit Judaica, aber ich meine mich daran zu erinnern, dass es so ein Geschäft nicht gab). Wir übernehmen hier also als Grundlage der Forschung eine Einteilung aus rassistischen Gründen. Das muss in der Arbeit natürlich dargelegt werden, warum man ausgerechnet eine derartige Abgrenzung nun weiterführt. Unser Doktorvater erinnerte an Ernst Gombrich, der 1996 auf einem Kongress genau zu diesem Thema streitbar sagte: „[]ch bin der Meinung, dass der Begriff der jüdischen Kultur von Hitler und seinen Vor- und Nachläufern erfunden wurde.“ (Quelle)

Insgesamt mochte ich es sehr, mal wieder mit Menschen in einem Raum zu sitzen, die über ähnliche Dinge wie ich nachdenken, wenn auch nicht genau in der gleichen Ecke wie ich. Es war schön, sich mal wieder mit Themen zu beschäftigen, die an meines angrenzen, und es war sehr befriedigend zu merken, wieviel ich dann doch in den letzten Jahren gelernt und gelesen und erfahren habe, wenn es um das Betriebssystem Kunst im Nationalsozialismus geht. Es hat mich sehr motiviert, mich wieder in die Arbeit zu schmeißen, die in den letzten Monaten sehr kurz gekommen ist, weil ich schlicht mit Geldverdienen beschäftigt war. Ich freue mich schon auf unseren nächsten Termin, der vermutlich im Herbst stattfinden wird. Vielleicht kann ich dann immerhin schon grob sagen, was ich eigentlich so mache.

Ein süßes Dankeschön …

… an Uta, die mich mit einem Fresspaket bedachte. In der Packstation lag ein Kuchen des Augsburger Konditorei-Cafés Eber, der mir nach dem Doktorand*innen-Kolloquium gestern, über das ich morgen schreiben werde, weil es heute noch weitergeht, sehr recht kam. Statt brav ein Käsebrot zu essen, gab’s ein Stück Trüffeltorte mit Marzipan zum Abendbrot, was ich sehr in Ordnung fand. Vielen Dank für das Geschenk und die nette Karte, ich habe mich sehr gefreut. Und F. auch, der explizit zum Mitessen aufgefordert wurde. Der Herr muss sich allerdings beeilen, ich genieße gerade Torte zum Frühstück.