Was nicht nur schön, sondern wundervoll war, Freitag, 6. Oktober 2017 – Tantris

Am Anfang des Studiums erstellte der ehemalige Mitbewohner für mich eine Liste, was ich gefälligst alles in München anzusehen oder mitzumachen hatte. Darauf stand natürlich auch das Tantris, das mir auch im hohen Norden ein Begriff war. Wer zu faul ist, den kurzen Wikipedia-Artikel durchzulesen: Das Tantris unter Eckart Witzigmann begründete 1971 die Gourmetküche in Deutschland, war (soweit ich weiß) das erste Sternerestaurant Deutschlands und hält seit über 20 Jahren ständig zwei Michelin-Sterne (es waren zwischenzeitig mal drei). Es hat mit über 50.000 Flaschen einen der größten Weinkeller in deutschen Restaurants, und von 1991 bis 2011 war Paula Bosch Chef-Sommelière, die erste Frau in Deutschland, die einen derartigen Posten innehatte. Die rot-orange-schwarze Einrichtung sieht heute noch fast genauso aus wie 1971, sie wurde 2002 behutsam erneuert und steht inzwischen unter Denkmalschutz.

(Wer mehr Hintergrundgeschichten lesen möchte, kann das im SZ-Magazin tun sowie hier die Chronologie nachlesen.)

Als ich das Studium begann, überlegte ich mir als Abschluss einen Besuch im Tantris. Das hatte ich immer im Hinterkopf, auch als aus dem Bachelor ein Master wurde. Es war nicht so, dass ich fünf Jahre lang auf diesen Tag hingefiebert hatte, aber als die Masternote online war, wollte ich endlich einen Tisch buchen. Statt des ehemaligen Mitbewohners saß gestern F. mit am Tisch und ich war anfangs völlig überfordert.


(Das Logo auf der Menükarte, die wir uns mitgeben ließen.)

Wenn man sich etwas fünf Jahre lang vornimmt und dann ist der Tag plötzlich da, fühlt sich das alles etwas irreal an. Natürlich kannte ich das Gebäude und die Inneneinrichtung von diversen Bildern und freute mich auf beides fast genauso wie auf das Essen. Natürlich wusste ich um den irrwitzig gut bestückten Weinkeller und freute mich ebenso. Und ich ahnte, dass der Service wie in allen guten Häusern überaus zuvorkommend war, aber als jemand, der gerne seine Jacke zuhause über einen Stuhl schmeißt und entspannt mit dem Teller auf dem Bauch auf dem Sofa isst, sorgt genau dieser Service erstmal für Stress. Ich bin es nicht gewohnt, dass mir jemand aus der Jacke hilft und mir den Stuhl zurechtschiebt, ich will dann bloß nicht auffallen und dumme Fehler machen – falls man dabei einen Fehler machen kann, sich seine Jacke ausziehen zu lassen. Ich war die ersten fünf Minuten jedenfalls völlig überwältigt, auch von den Farben im Innenraum. Es ist schon ein Unterschied zu wissen, dass jetzt die 70er-Jahre-Keule wartet oder dann wirklich fünf Stunden lang auf eine mit orangefarbenem Teppich bezogene Wand zu starren. Ich hatte mich – überfordert – blöderweise auf den Stuhl gesetzt, der zur Wand und zur Fensterfront ging und nicht in den, von dem aus ich in den Laden hätte gucken können. Ich wollte mich dann aber auch nicht umsetzen, obwohl F. es mir ungefähr 80mal anbot; ich wollte einfach nur dasitzen und überfordert-glücklich gucken und essen und trinken.

Und deswegen gibt es auch keine Fotos vom Essen. Mir war eigentlich schon seit Tagen klar, dass ich nicht im Tantris mit dem iPhone rumwedeln und den Teller dreimal drehen wollte, bis das Licht vernünftig ist. Ich wollte nicht den ganzen Abend einen Blogeintrag im Kopf haben und mir innerlich Notizen zu den Weinen machen müssen. Ich wollte einfach nur dasitzen und überfordert-glücklich gucken und essen und trinken. Und OMG habe ich das gemacht.

Als Gruß aus der Küche gab es, wenn ich mich richtig erinnere, ein kleines Stück Zander in einer knusprigen Panade auf kühlem Gemüse. Und schon damit war klar, dass dieser Abend kulinarisch unvergesslich werden würde. Es waren keine irrwitzig überraschenden Geschmäcker, es gab kein modernistisch angerichtetes Eventfood, auf keinem Teller fanden sich effektvolle Saucenkleckse oder molekulare Experimente. Das nehme ich sonst gerne alles mit, aber im Tantris herrscht eine klassische Küche vor – in einer Perfektion, die für mich neu war. In diesem Fall war es die Panade, die so knusprig war wie nichts, was ich jemals gegessen hatte, mit einem winzigen, stimmigen Kontrast aus Heiß und Kalt. So simpel, so großartig. Das war jedenfalls mein Fazit, als wir nach fünf Stunden und acht Gängen wieder gingen: Ich hatte noch nie so stimmig, so irreführend schlicht, denn das war es natürlich nicht, so klar, so perfekt gegessen.

Der erste Gang bestand aus pochierter Entenleberterrine mit Räucheraal, grünem Apfel, rosa Entenbrust und roter Bete. Ich war darauf vorbereitet, dass der Räucheraal alles erschlagen würde, die roten Bete mit ihrer Erdigkeit dagegen anmaulen würden, vielleicht gäbe es ein paar frische Spitzen vom Apfel, und alles zusammen war vermutlich irre kräftig. War es nicht; alles fügte sich harmonisch zusammen, die Entenleber zerschmolz auf der Zunge, der Räucheraal war deutlich zu schmecken, nahm sich aber sofort wieder zurück, um nicht aufdringlich zu werden, die Bete waren frisch statt erdig, und wenn es Spitzen gab, dann waren sie so fein dosiert, dass ich sie nicht als solche wahrnahm.

Zum zweiten Gang – ausgelöster Hummer mit Butternusskürbispüree und Sternaniscreme – wurde uns von einem der drei Sommeliers ein Wein serviert, über den F. und ich seitdem nicht aufhören können zu reden. Überhaupt sprachen wir eigentlich, seit wir aus der Tantris-Tür gingen, über nichts anderes mehr als das Tantris, das Essen, den Wein, den Service, das Ambiente. Aber dieser Wein! Der 2011er Hermitage blanc von Jean-Louis Chave war der teuerste Wein des Abends; für ein Glas 0,1 l zahlten wir 55 Euro, und damit höre ich auch auf, von Geld zu reden. Ja, das war mit Abstand das teuerste Essen, das ich jemals hatte, aber wie gesagt: Es war auch mit Abstand das beste, das ich jemals hatte.

Ich kann den Wein nicht mal beschreiben, weil er nach nichts schmeckte, das ich kannte. Normalerweise definiert sich ein Weißwein über Zucker oder Säure, so weit ich weiß, aber der hier hatte gefühlt nichts von beidem. Er war einfach da, souverän und ausdrucksstark, und er wurde immer klarer, je länger er im Glas war. Er war ein Cuvée aus Marsanne- und Rousanne-Trauben, die ich beide nicht kannte. Ich roch keine Frucht, ich schmeckte auch keine, jedenfalls keine, die ich hätte definieren können. Dieser Wein war so weit außerhalb meines bisherigen Geschmackshorizonts, dass ich nur stumm und ehrfürchtig ein ums andere Mal am Glas nippte und immer kleinere Schlucke nahm, damit er möglichst lange im Glas blieb. Irgendwann musste ich dann aber doch Abschied von ihm nehmen.

Der Sommelier, der uns danach einen weißen Rioja kredenzte, meinte dann auch fast entschuldigend, dass es jeder Wein schwer habe, auf diesen zu folgen. Der Rioja schlug sich aber sehr ordentlich. Und er passte natürlich hervorragend zur konfierten Seezunge mit Bohnen, Ricottaravioli und Oliven-Sardellensud. Auch hier wieder: Oliven! Sardellen! Unglaublich intensive Geschmäcker, aber sie waren nicht die Hauptdarsteller, im Gegenteil, sie stützten mit ihrer Würze den feinen Fisch und den hauchdünnen Raviolo, in dessen Innerem sich der schmelzigste Ricotta verbarg, den ich jemals gegessen hatte. (Ich müsste mit diesen Superlativen langsam aufhören, es kommen schließlich noch drei Gänge, aber sie sind angebracht. Sorry not sorry.) Unter Ricotta verstand ich bisher bröckeliges weißes Zeug, mit dem ich nie etwas anzufangen weiß außer es mit Spinat zu kombinieren. Und Oliven waren für mich halt das herbsäuerliche Zeug, das im griechischen Salat liegt. Mit Sardellen stelle ich nur Dressing für Caesar Salad her oder packe sie auf Pizza, und Bohnen sind meine liebste Gemüsebegleitung, weil sie so schön knackig sind. Dieser Gang warf mal eben alles über den Haufen, was ich bisher über diese Zutaten gelernt und verinnerlicht hatte. Ich lernte, dass Oliven auch einfach nur würzen können und dass Bohnen auch unknackig hervorragend sind. Ich hätte auch gerne gelernt, wie man Pastateig so unfassbar dünn ausrollen kann, so dass der Löffel quasi hindurchgleitet, er aber fest genug ist, um im Wasser nicht auseinanderzufallen.

Ich war bei jedem Gang damit beschäftigt, die ganzen winzigen Kleinigkeiten zu bewundern, von denen ich nur ahnen kann, wieviel Arbeit sie gemacht haben. Die Gemüsewürfelchen in der folgenden Ochsenschwanzessenz wurden vermutlich mit einem Skalpell geschnitten, und trotzdem schmeckte man Möhre und Zwiebel aus diesem zwei Millimeter kleinen Ding heraus.

Der Fleischgang bestand aus gratiniertem Lammrücken mit Spinat, Artischocken und Petersilienpolenta. Und hier, und es ist mir ein bisschen peinlich es zuzugeben, war ich kurz davor zu heulen. Es ist doch nur ein blöder Lammrücken mit einer blöden Kräuterkruste und blöder Polenta, aber es war dann eben doch so unglaublich viel mehr. Wo ich bisher noch auf Details der Zutaten oder der Zubereitung geachtet hatte, warf mich hier der Geschmack endgültig um, ich war schlicht überwältigt von diesen mir eigentlich bekannten Aromen in ihrer mir bisher nicht bekannten Vollendung. Ich weiß, es ist „nur“ Essen, aber genauso könnte ich vor Rogier van der Weydens Kreuzabnahme im Prado stehen und sagen, es ist nur ein Bild. Dieses Essen hatte ein Niveau, das mich schlicht überforderte – mich damit aber sehr beglücken konnte.

Den Käsegang (Ziegenfrischkäse auf Mispeln, OMG) und die beiden Desserts nahm ich fast nur noch als Konsistenz war, so fertig waren meine Geschmacksnerven. Ich erinnere mich daran, beim Mohr im Hemd – ein kleines Schokoküchlein mit Rumsahne und geschmolzener Schokolade und Kaffeeeis – nur noch über die unfassbare Fluffigkeit des Küchleins gebrabbelt zu haben: Wie kann man einen Kuchen so backen, dass er sich anfühlt, als würde man in süße Luft beißen? Und wie kann ein Süßwein bitte nach Kaffee schmecken? Das Passionsfruchtsorbet auf Mango räumte dann den Magen wieder etwas auf, aber für mehr als einen Espresso reichte meine Kraft nicht mehr, keinen Schnaps mehr, danke. Ich wollte abends auch gar nicht Zähneputzen, um möglichst lange die letzten Geschmacksmoleküle zu retten.

Ich habe so noch nie gegessen – und ich werde wieder ein paar Jahre verstreichen lassen, bis ich mir das noch einmal gönne. Das war ein unvergesslicher Abend, und als wir uns auf dem Weg zur U-Bahn noch einmal zum Restaurant umdrehten, hatte ich dann doch ein paar Tränchen in den Augen. Ich bin so dankbar, etwas so Wundervolles erlebt und genossen zu haben. Und ich bin einer meiner Leserinnen genauso dankbar, dass sie mir diesen Abend finanziert hat; ich konnte die ganze Zeit schmecken und riechen und staunen anstatt daran zu denken, dass ich gerade dreiviertel meiner Monatsmiete für eine Mahlzeit ausgebe.

Den nächsten Tisch dort buche ich, wenn die Dissertation abgegeben ist. Ich freue mich jetzt schon darauf.

Tagebuch, 3. Oktober 2017 – Putztag

Meine Eltern sind ab Samstag in der Stadt, denn ich bekomme Dienstag nächster Woche meine Masterurkunde überreicht, und das wollen sie sich gerne angucken (und vermutlich schlimme Fotos machen, auf denen ich wie ein Honigkuchenpferd strahle). Deswegen muss diese Woche die Wohnung elternfein gemacht werden – also auf einen Sauberkeitsstandard gebracht werden, der meinen normalen etwas übersteigt. Ich beging den Tag der deutschen Einheit also wie eine gute Hausfrau aus den 50er Jahren und beschäftigte mich mit der Küche, die ich bis auf die tägliche Reinigung von Kochstelle und Umgebung sowie dem wöchentlichen Saugen meist sich selbst überlasse. Gestern putzte ich Fenster (das mache ich höchstens einmal im Jahr, was soll der Aufwand), räumte alle offenen Regale aus und wischte alles sauber, säuberte Schrankoberflächen und die Ecken unter dem Sideboard, die ich sonst erst beim Auszug mal geputzt hätte, warf weg, räumte um und wischte schließlich den Boden.

Wie ich mal wieder latent ungern feststellen musste: Putzen vertreibt bei mir Traurigkeit. Nicht ganz so effektiv wie in der Bibliothek zu sitzen, aber es ist nah dran: Ich sehe, was ich getan habe, fühle mich irre produktiv und bin meist zufrieden damit.

Wenn das mit der Werbung oder dem Arbeiten in der Kulturbranche nichts mehr wird, werde ich Raumpflegerin.

Andere Baustelle: die Ausstellung über lokale NS-Künstler in Rosenheim (kein Gendersternchen, mpf). Ich meinte neulich mal launig, dass ich Interessierte durch die Ausstellung führen würde – und jetzt hat sich tatsächlich jemand gemeldet, die darauf gerne zurückkommen würde. Besteht ernsthaft Interesse daran? Schickt mir eine Mail oder einen Tweet, falls ihr Lust auf eine Führung hättet, dann mache ich ein Google-Doodle mit Terminvorschlägen auf.

Ganz Kurzentschlossene können sich zu diesem Thema auch heute das Kolloquium in der Pinakothek bzw. im Zentralinstitut für Kunstgeschichte geben. Ich bin natürlich vor Ort und lausche aufmerksam.

„It’s okay if sometimes you’re not okay.“

Gestern war ich eigentlich auf der Wiesn verabredet, und ich hatte mich auf den Termin und die Gruppe und das Zelt seit Wochen gefreut. Leider ging es mir Montag ähnlich wie Samstag; ich war bei allem irrwitzig nah am Wasser und sah mich schon flennend vor meiner Maß sitzen. Also sagte ich gegen Mittag ab und machte Dinge, die mir gut tun: spazierengehen, einen Riesenberg Obstsalat schnippeln und genießen, still in meinem dicken Buch weiterlesen, auf dem Sofa unter meiner Kuscheldecke Tee trinken und den Tag möglichst schnell verstreichen lassen. Und: das Internet und Twitter weitgehend ignorieren. Wenn mir im realen Leben Menschen zu viel sind, sind sie das auf Twitter erst recht.

Abends, als es mir besser ging, schaute ich aber doch wieder in die Timeline, wo gerade ein, ja sorry, Buzzfeed-Artikel verlinkt wurde. Bitte nicht von der bescheuerten Headline irritieren lassen; es geht um Ratschläge, die Menschen aus der Buzzfeed-Community von ihren Therapeut*innen erhalten haben und die im Alltag, gerade an miesen Tagen, hilfreich sind. Darunter war auch der Satz, der über diesem Blogeintrag steht: Es ist in Ordnung, wenn es dir manchmal nicht gut geht. Das lasse ich mal hier stehen, auch damit ich es mir selber merke.

Der wichtigste Satz, den ich aus meiner Therapie mitgenommen habe, war: „Sie dürfen nett zu sich sein.“ Den kann man auch immer gut brauchen, den Satz, gerade wenn wieder Sprüche kommen wie „in den Schmerz reinarbeiten“ und „hart zu sich sein“ und „What’s your excuse“ und „den inneren Schweinehund überwinden“ oder ähnlicher Quatsch.

Tagebuch, Samstag/Sonntag, 30. September/1. Oktober 2017 – Altona-Tränen

Am Samstag stand wieder ein Augsburg-Spiel auf dem Plan. Ich war schon den ganzen Vormittag latent traurig, wusste aber nicht, warum, denn ich freute mich auf das Spiel und den @Surfin_Bird, der F. und mich begleiten würde. Wenn ich dieses Spiel mit meiner halben Dauerkarte bestritten hätte, wäre ich vermutlich auf dem Sofa unter der Decke geblieben, aber bei dieser Begegnung war der eigentliche Karteninhaber wieder im Stadion, weswegen ich 40 Euro für eine Karte ausgegeben hatte. Ich weiß nicht, ob das der Grund war, mich doch aufzuraffen oder schlicht die Vorfreude aufs Spiel – auf jeden Fall ging ich aus dem Haus, wenn auch ohne Trikot und Schal, sondern in meinen normalen Klamotten. Als ich am Hauptbahnhof auf den Bahnsteig gehen wollte, auf dem wir uns immer treffen, um nach Augsburg zu zuckeln, fiel mein eh schon wackeliger Blick auf das Nachbargleis, auf dem gerade ein ICE darauf wartete, nach Hamburg-Altona zu fahren. Und ehe ich begriff, was passierte, kullerten die ersten Tränchen und ich drehte mich um und hoffte, die Jungs hatten mich noch nicht gesehen. (Hatten sie, wie ich später erfuhr.) Ich ging ein paar Meter zurück zum Infostand zur neuen Stammstrecke und dem geplanten Umbau des Hauptbahnhofs, der wie ein kleines Häuschen mitten im Bahnhof steht. Dort versteckte ich mich, heulte minutenlang vor mich hin und las mir, um mich abzulenken, die ganzen Infotafeln durch. Ich kenne jetzt auch das Architekturmodell für den neuen Hauptbahnhof auswendig, und soweit ich das durch den Tränenschleier beurteilen kann, wird das Ding echt okay.

Das Spiel war dann recht nervig, auch weil sehr viele Dortmunder Fans im Stadion waren und die Kulisse sich deswegen nicht ganz so heimspielig anfühlte. In der ersten Halbzeit war Dortmund klar besser und führte zur Pause mit 2:1, auch weil beim zweiten Tor die Augsburger Verteidigung reiner Slapstick war. In der zweiten Halbzeit machte der FCA aber das, was er am besten kann: den Gegner auf sein Niveau runterziehen. Auch der BVB bekam kaum noch Pässe zustande und schoss zeitweilig nur noch hoch und weit in den Strafraum. Das Spiel wurde hakeliger, und zu allem Überfluss störte der neue, beknackte Videobeweis die Spieldynamik zusätzlich. (Womit die Spieler anscheinend besser umgehen können als wir als Publikum.) Das war alles grottig anzusehen, aber ich persönlich fand es beruhigend, dass Augsburg gegen Dortmund nicht untergegangen ist. Wenn die Mannschaft die restliche Saison ähnlich agiert, dürfte der Klassenerhalt kein Problem sein. (Und dann kaufe ich mir eine eigene Dauerkarte.)

Den Sonntagmorgen verbrachte ich bei F. Wir lungerten ewig im Bett rum und beschlossen zur Mittagszeit, dass man ja mal frühstücken könne, was wir dann im Görreshof taten, wo ich statt Croissants und Kaffee Schnitzel in Breznpanade und Apfelschorle genoss. Das machen wir selten, so lange an freien Tagen morgens zusammen zu sein; meist will derjenige, in dessen Wohnung man sich gerade nicht befindet, sich irgendwann frischmachen und den Tag starten, während der andere noch rumliegen will. Das sind die Momente, wo ich Zusammenleben vermisse. Wir wohnen keinen Kilometer auseinander, es ist also kein Akt, mal eben zum anderen rüberzugehen oder zu radeln oder den Bus zu nehmen, der uns ernsthaft von Haustür zu Haustür schaukelt. (Wir haben quasi Chauffeurservice.) Trotzdem mag ich es, dass jeder seinen Tag im eigenen Tempo starten kann und man trotzdem zusammen ist. Ich mochte das in anderen Beziehungen gern, dass der eine schon aufsteht, während der andere halt noch liest oder schläft; irgendwer kümmert sich um Frühstück oder halt nicht, man kann nochmal zum anderen unter die Decke schlüpfen, wenn derjenige partout noch nicht rauswill oder ähnliches. Es kostet weniger Planungsenergie oder überhaupt irgendeine Anstrengung, miteinander Zeit zu verbringen, wenn man unter einem Dach wohnt. So gerne ich unsere getrennten Wohnungen mag, so sehr vermisse ich eine gemeinsame an Sonntagmorgenden.

Den Rest des Tages las ich das Terrorismusbuch weiter. Vermutlich werde ich es nicht komplett durchlesen können, weil ich es diese Woche in die Stabi zurücktragen muss; da hat ein Schlingel doch tatsächlich eine Vormerkung getätigt, bevor ich es verlängern konnte. Auch okay, schön, dass das Buch mehr Leser*innen kriegt.

Neben der schon gerühmten Schreibweise und des wirklich spannenden Inhalts konnte ich mir noch ein paar wissenschaftliche Konventionen abgucken. Bis zur Masterarbeit habe ich gefühlt jeden Satz mit einer Fußnote belegt, in dem eine Idee drinsteckte, die vielleicht nicht ganz allein meine war. Hier sah ich eine etwas entspanntere Herangehensweise: Man schreibt einen ganzen Absatz zu einem Thema und belegt dann in einer langen Fußnote die einzelnen Teile.

Überhaupt merkte ich mal wieder, wie gut es der eigenen Arbeit tut, andere zu lesen. Den Rat kriegt vermutlich jede Journalistin, jede Texterin, jede andere Wortarbeiterin irgendwann: „Wer schreiben will, muss lesen.“ Den halte ich auch immer noch für essentiell. Klar gibt es Genies, die aus dem Nichts einen Stil erfinden, aber ich persönlich habe gerne von anderen gelernt: Wieso funktioniert diese Headline jetzt? Wieso will ich diesen Film weitergucken und diesen hier nicht? Wie ist die Erzählstruktur aufgebaut? Wieso finde ich diesen wissenschaftlichen Aufsatz lesbar und strukturiert und diesen hier nicht? Wo ist der Unterschied? Neuerdings lese ich das FAZ-Feuilleton nicht nur wegen des Inhalts, sondern gucke mir besonders an, wie die Autor*innen in den Text reinkommen: Wo holt man die Leserin ab, und wie entlässt man sie nach 40 Zeilen wieder? Das ist gerade bei Ausstellungsbesprechungen ein ganz anderer Aufbau als der, den ich hier lustig im Blog anbiete, denn hier weiß ich um eine geneigte Leserschaft. Ich ahne, dass Zeitungsartikel – genau wie Werbetexte – nur ein, zwei Zeilen haben, um die Leserin zu überzeugen, ihre Zeit für die Lektüre herzugeben.

Auch deswegen freue ich mich sehr darüber, wenn ich wissenschaftliche Texte finde, die ich nicht nur lese, weil ich weiß, dass ich Informationen von ihnen brauchte, sondern schlicht, weil es ein Vergnügen ist, sie zu lesen.

Ein etwas ängstliches Dankeschön …

… an Annette, die mich mit Hillary Rodham Clintons What Happened überraschte. Ängstlich, weil ich ahne, dass diese Lektüre vermutlich wenig Spaß machen wird. Ich habe von Clinton bereits Living History gelesen wie auch die Autobiografie ihres Mannes; ich schätze ihre Art zu schreiben sehr. Jetzt interessiert mich, wie Clinton den Wahlkampf und vor allem das Wahlergebnis verarbeitet hat, auch weil sie sehr deutlich sagt: „In the past, for reasons I try to explain, I often felt I had to be careful in public, like I was up on a wire without a net. [Dieses Gefühl dürften viele Frauen im professionellen Umfeld kennen.] Now I’m letting my guard down.“

Ich ahne, dass Clinton immer noch nicht alles sagen wird, was ihr in den letzten zwei Jahren durch den Kopf gegangen ist, aber ich bin gespannt auf ihre Sichtweise, die jetzt keine Rücksicht mehr nehmen muss auf Umfragen und Persönlichkeitschecks. Ich habe einige Rezensionen zum Buch gelesen; in einigen wird gesagt, Clinton übernehme nicht genug Verantwortung für ihre Fehler, in anderen steht genau das Gegenteil. Auch deswegen war ich neugierig auf dieses Buch – aber eben auch ängstlich. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.