Tagebuchbloggen 10.02.2010 –
Die Rank/Hegemann-Edition

Ein sehr schönes Interview mit Frau Rank gelesen, deren Buch Und im Zweifel für dich selbst seit Längerem als Vorabdruck des Verlages bei mir rumliegt.

Ich habe angefangen, die zusammengetackerten, kopierten Seiten zu lesen, weil ich mich gefreut habe, dass ich das Werk schon lesen darf, und es liest sich auch so, als ob ich es zuende lesen will, aber: Ich will es als Buch lesen. Nicht als Zettelsammlung. Daher warte ich, bis es erschienen ist, dann gebe ich Geld dafür aus, dann lese ich es, und dann schreibe ich drüber.

Das ist übrigens auch der Grund, warum ich ahne, dass bei mir e-Reader nicht funktionieren. Immer wenn ich auf dem iPhone ein Buch lese, macht es mich nach wenigen „Seiten“ wahnsinnig, dass ich eben keine Seiten habe. Ich mag das Gefühl zu sehen, wieviel schon hinter mir liegt und was noch alles auf mich wartet. Mir geht die Orientierungslosigkeit eines e-Readers auf den Zeiger.

Was kann Schreiben für Sie noch – außer Verluste kompensieren?

Glücklich machen, zum Lachen bringen, ablenken, Zufriedenheit auf den Tisch legen. Schreiben kann für mich die Dinge ordnen. In meinem Kopf ist das alles meistens sehr wirr. Wenn ich die Dinge aufschreibe, bin ich gezwungen zu fokussieren, mich zu konzentrieren, eine Beschreibung für Zustände zu finden, das bringt eine Menge in Reihenfolge. Und danach fühle ich mich aufgeräumter.“

Im Interview steht auch was Schlaues zu Frau Hegemann. Wobei dazu Herr Mequito schon was ebenso Schlaues gesagt hat:

„Und ich will jetzt gar nicht auf die Diskussion zu Urheberrecht eingehen, ist natürlich alles schön und gut, Helene hat das sicherlich nicht sehr geschickt gemacht mit den Danksagungen, mit den Verweisen, aber meine Güte, mit welchem Genuss die verkannten immerschonmalwollende-Buchschreiber die Siebzehnjährige mit dem Wort Abschreiben in die Schulbank verweisen.“

Aber Don Alphonso sagt auch was Schlaues, bezogen auf das Feuilleton:

„Wir fanden aus dem Netz stammenden Texte erst toll, als sie uns in einem uns passenden Medium als dreiste Fälschung von einer der Unseren aus dem Kulturbetrieb serviert wurden, während wir das Internet und seine Aktivisten immer noch verachteten.“

Frau Diener hat sich die Mühe gemacht (klingt jedenfalls so, als ob das Buch Mühe machen würde), Axolotl Roadkill durchzulesen. Im Kommentarstrang wird noch eine Stelle erwähnt, die ziemlich nach jemandem anders klingt:

„”O. k., die Nacht, wieder mal so ein Ringen mit dem Tod, die Fetzen angstgequälten Schlafes, mein von schicksalsmächtigen Orchestern erbebendes Kinderzimmer und all diese Einbrecherstimmen aus dem Hinterhof, die unausgesetzt meinen Namen schreien.”

So geht das los, mit dem Roman, und da macht sich der ZEIT-Rezensent schon ins Hemd ob der “expressiven Sprachpotenz dieses Romans”.

Aber wenn eine 16jährige googlen kann, dann sollte das ein Rezensent auch können, wenn ihm schon literarische Vorbildung fehlt:

“…dachte er einen Augenblick (..) an die furchtbare Nacht, die ihn – ob er noch mehr trank oder nicht – unausweichlich erwartete, an sein von dämonischen Orchestern erbebendes Zimmer, die Fetzen eines angstgequälten tumultuösen Schlafes, unterbrochen von Stimmen, die in Wirklichkeit Hundegebell waren, oder von eingebildeten Besuchern, die unausgesetzt seinen Namen riefen,…”

Malcolm Lowry, Unter dem Vulkan

Ach ja, Ullstein hat aber ganz ernst gefragt, ob das Mädel auch brav alle Quellen angegeben hat.

PS: Da gibts noch haufenweise Rezensenten, die diesen Satz ehrfürchtig bestaunen.

Das alles sagt mehr über unseren Literaturbetrieb als über eine Copyandpasteautorin aus.“

Und Vice hat einen Kurzfilm entdeckt, von dem sich Frau Hegemann anscheinend auch hat inspirieren lassen – für eine „Geschichte, die Helene uns für die Literatur Ausgabe geschickt hatte“. (via Matthias Richels Gezwitscher)

Ich muss gestehen, ich bin bei diesem Thema immer noch nicht zu einer Meinung gelangt. Mal denke ich, ja klar kann sich jeder Autor und jede Autorin, ganz gleich wie alt er/sie ist und wessen Kind er/sie ist, von anderen inspirieren lassen. Ich wäre nicht die, die ich jetzt bin, hätte ich nicht die Bücher gelesen und Filme gesehen und Blogs verschlungen, die ich auf meinem Weg gefunden habe. Dann denke ich, ja gut, aber man muss ja nicht alles, was man in sich aufnimmt, auch als seine Schöpfung ausgeben. Dann denke ich, aber dadurch, dass man es in sich aufnimmt und neu interpretiert, wird es ja doch zu meiner Schöpfung. Dann denke ich, aber manche Sätze waren dann eben keine Neuinterpretation, sondern blödes und faules Umschreiben, so blöd und so faul, dass man das Original wiedererkennt. Und dann denke ich, ich les jetzt einfach ein Buch, das schon alt und grau ist und sich mit sowas nicht rumschlagen muss. Vor allem, weil ich sowieso keine Drogenexzesse und „Ich bin ja so scheiße“-Monologe von 16jährigen lesen will. Ich fühle mich dafür schlicht zu alt und gelangweilt.

Edit: Herr glamourdick bringt’s auf den Punkt. Via schwadroneuses Gezwitscher.