Weltkriegstagebücher

Das erste Tagebuch eines Urgroßvaters, das jetzt genau 100 Jahre später als Blog veröffentlich wird, war auf meinem Radar Vierzehnachtzehn, über dessen Twitteraccount ich stolperte und auf dem das steht:

„Kriegstagebuch eines Fußartilleristen 1914-1918. Geschrieben von Ernst Pauleit, betrieben von seinem Urenkel @hdsjulian

Hier der Eintrag vom 2. August 1914:

„Leisnig, 2.August 1914

Mein guter Ernst!

Wohl wissen wir nicht, ob Dich unsere Zeilen noch erreichen. Trotzdem kann ich es nicht unterlassen, Dir noch einmal zu schreiben. Schneller, als wir gedacht, haben sich unsere Befürchtungen erfüllt und nun ist ja auch wohl kein Zurück mehr.

Dass es uns wehe tut, von dir nicht persönlich Abschied nehmen zu können, kannst Du Dir denken. Doch will ich Dir das Herz nicht schwer machen. Mutig wollen wir der Zukunft entgegensehen. Gott behüte Dich, mein lieber Junge, auf allen Wegen.

Um uns sorge Dich nicht – und was das Geschick auch bringen mag, denke stets, dass Du uns nur Freude gemacht hast in Deinem jungen Leben und dass unsere heißen Wünsche für Dein Wohlergehen Dich überall hin begleiten.

Wenn irgend möglich, so schreibe uns einige Zeilen, damit wir wenigstens wissen, wo Du bist und wie es Dir geht. Nochmals meine innigsten Segenswünsche. Bleibe brav und halte dich tapfer.

Deine Mutter.“

Das Weblog von Fridolin Mayer aus Tannheim bei Villingen ist kein reines Tagebuch, sondern wird von Artikeln über das Projekt unterstützt. Außerdem gibt’s Fotos, Karten und Fußnoten, was ich sehr gerne mag. Mayer war freiwilliger Feldgeistlicher im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1917. Auch hier gibt es einen Twitteraccount.

Hier ein Ausschnitt des Eintrags vom 3. August 1914:

„In Markelfingen hält der Fuhrmann und ich gebe ihm und den Soldaten Geld zu einem guten Schoppen und eile nach Radolfzell. Zum Telegraphieren an Jauch[1] keine Möglichkeit, erreiche gerade noch den Schnellzug nach Donaueschingen. Darin auch ein Amerikaner, der heim will über Holland via Köln. In Donaueschingen treffe ich Ernst Hottinger – unseligen Andenkens von Brombach her. Er ist Ersatzreservist beim Train. Die Züge fahren so regelmäßig und pünktlich wie schon lange nicht mehr. Kurz vor Abfahrt steigt Domkapitular Schenk[2] ein, und aus seinen Reden und Benehmen merke ich gleich, daß er wirklich ernst krank ist im Kopf. In den Ortschaften steigen die einrückenden Landwehrmänner ein.– es ist schon der zweite Mobilmachungstag. Tränen von Frauen, viel Lebewohl sagen und Begeisterung, daß es eine helle Freude ist. In Bachheim ist das ganze Dorf mit der Militärvereinsfahne hinter der Perronsperre versammelt. Auch in Neustadt großer Betrieb. In Freiburg kommt gerade ein 113er aus der Konviktskirche. Ich merke ihm an, daß er reden will; wollen Sie beichten? Ja, und schon sitze ich mit meinem nassen Hemd – es ist heiß – im Beichtstuhl. Nach diesem kommt einer in Zivil, dann Ablösung durch den Konviktsdirektor. Am Abend großes Aufgebot von Schwarzen in der Artilleriekaserne zum Beichthören, aber der Sturm mißlingt, da nichts vorbereitet, war nichts zu machen. Kein Platz. Unverrichteter Sache heim ins Bett mit schweren Gedanken.“

Und dann lässt noch die geschätzte Frau Percanta ihren Urgroßvater Curt, Hauptmann im Königlich-Sächsischen Leibgrenadierregiment Nr. 100 in Dresden, zu Wort kommen, wie sie hier in einem Blogeintrag beschreibt. Sein Tagebuch findet man unter Fürchten lernen. Hier der Eintrag vom 8. August:

„Marburg 8. VIII.
7°° Vorm. Reizendes Lahntal. Stimmung der Mannschaft ausgezeichnet.
Anschrift an den Wagen:
Die Russen sind alle Verbrecher,
Ihr Herz ist ein schwarzes Loch,
Die Franzosen sind auch nicht besser,
Aber Dresche kriegen sie doch!


Wetzlar, Weilburg, Selters, Fachingen, Nassau. Hier Nachricht, dass in Coblenz die ersten gefangenen Franzosen sind. Fahrt im Tale immer schöner. Verteilung von Pastillen. Grosser Jubel.
4° Nachm. Rheinübergang. Ein herrlicher erhebender Eindruck. Brücke besetzt M.G. 4²° Abfahrt Richtung Trier. Halt, müssen warten bis I./181 weg ist. Fahrt an der Mosel, hohe Felsenhänge mit Wein bepflanzt. Cochem, Tunnel 9 Minuten Fahrt. Sturm auf Lüttich soll 5000 Mann gekostet haben. Feind 10000?“