Drei Opern und ne DVD

Der Fliegende Holländer“ von Richard Wagner, Bayerische Staatsoper München, 8. Januar 2012, in der Inszenierung von Peter Konwitschny mit Kazushi Ono am Pult.

Mit Klaus Florian Vogt. Als Groupie fliegt man selbst für den ollen „Holländer“ nach München, den ich auswendig kann und in dem Schnucki auch nur die unaufregende und viel zu kleine Partie des Erik gesungen hat. Die aber dafür sehr schön, auch wenn man ihn in Bademantel und Adiletten kaum ernstnehmen konnte.

Generell mochte ich die Inszenierung aber recht gern; alte Schiffstaue trafen auf moderne Plastikstühle, die Mannschaft des Holländers war durch ihre altmodischen Kostüme schön abgegrenzt von den Norwegern, die ich irgendwo in den 60er Jahren verortet habe. Mit dem Bühnenbild des zweiten Akts kämpfe ich noch: Eigentlich findet er in einer Spinnstube statt, und es werden lustige Zeilen gesungen wie „Summ’ und brumm’, du gutes Rädchen, munter, munter, dreh’ dich um!“. Konwitschny hat aus Spinnrädern – Achtung – Spinning-Räder gemacht und lässt die versammelte Frauschaft in die Pedale treten. Das ist für fünf Minuten lustig, aber dann eher albern und ergibt auch vom Text her nicht mehr viel Sinn. Und weil wir eben im Fitnessstudio sind, kommt Erik aus der Sauna und trägt das oben erwähnte Outfit. Hm.

Richtig toll fand ich dagegen den Showdown der beiden Mannschaften. Das wird gerne im Hafen inszeniert, wo Norweger und Spinnerinnen sich über die fast unsichtbaren Holländer lustig machen und sie aus ihrem Schiff herauslocken wollen. Diesmal fand das Bullying in einer Kaschemme statt, wo sich beide Menschenhaufen nach und nach vermischten und sich so auch die Dynamik sehr sichtbar änderte. Anstatt zwei Teams gegeneinander ansingen zu lassen, infiltrierten quasi zuerst die Norweger die stumme Masse der Holländer – und dann kippte es plötzlich, passend zur musikalischen Übernahme, wo sich das Holländermotiv immer zwingender in die lustigen Weisen der Norweger mischt. (Nebenbei mein allerliebster Lieblingschor von Wagner. Jedesmal Gänsehaut. Kein Wunder, wenn sich 60 Männer vor dir die Seele aus dem Leib singen. Mitlesen?)

Das Schlussbild fand ich ebenfalls großartig. Erinnerte mich an alte Gemälde, schön düster, der Stimmung angemessen. Ich mag das sehr, wenn einen das komplette Ensemble zum Schluss anguckt. Das einzige, was ich zu bequengeln hätte, ist das leicht verschleppte Dirigat. Ich mag Wagner und vor allem den „Holländer“ gerne etwas zackiger, und hier klang es doch des Öfteren etwas auf Krampf hinausgezögert.

In dieser Spielzeit läuft der „Holländer“ leider nicht mehr, aber falls er nächste Saison nochmal im Programm ist: Den kann man sich angucken. Auch weil er netterweise ohne die überflüssigen zwei Pausen gespielt wird. Ich meine, lächerliche zweieinhalb Stunden Gesamtdauer. Da hat man sich als Wagnerianerin ja gerade erst hingesetzt.

Tosca“ von Giacomo Puccini, Deutsche Oper Berlin, 21. Januar 2012, in der Inszenierung von Boleslaw Barlog mit Matthias Foremny am Pult.

Mit Klaus Florian Vogt. Auf italienisch. Nun ja. Als Bayreuther Lohengrin hatte der Mann mich ja im Sturm für sich eingenommen, weswegen ich mir nach kurzer Amazon-Suche die einzige DVD bestellte, die bis dahin mit ihm zu kriegen war. Ich schweife mal kurz ab:

Rusalka“ von Antonín Dvořák, Aufzeichnung aus der Bayerischen Staatsoper München 2010, in der Inszenierung von Martin Kusej mit Tomás Hamus am Pult.

Grandiose Inszenierung, an die ich mich lange erinnern werde. Ich hätte nicht gedacht, dass man aus der Geschichte der kleinen Meerjungfrau eine Inzeststory à la Amstetten hinkriegt, aber es hat funktioniert. Kristine Opolais in der Titelrolle und (meine persönliche Neuentdeckung) Günther Groissböck als Wassermann singen alles an die Wand, was noch auf der Bühne steht, und das ist eben auch Vogt. Der darf zwar mit heruntergelassener Hose die Gräfin begatten, aber stimmlich ist er mir weniger im Gedächtnis geblieben. Deswegen hatte ich ein bisschen Angst, dass er nach dem eher verhaltenen Tschechisch auch mit Italienisch nicht so klarkommt, aber die Angst war unbegründet. Zurück nach Berlin:

Tosca“ von Giacomo Puccini, Deutsche Oper Berlin, 21. Januar 2012, in der Inszenierung von Boleslaw Barlog mit Matthias Foremny am Pult.

Genau wie als Lohengrin hat Vogt es geschafft, mir eine neue Facette seiner Partie zu zeigen; sein Cavaradossi ist nicht der übliche schmetternde Schmalztenor, sondern ein grüblerischer, zärtlicher Maler, der sich zögernd statt heldenhaft in seinen Tod fügt. Sein Abschiedslied „E lucevan le stelle“ hat mich dann auch endgültig gekriegt, und es sind ein paar Tränchen geflossen. Ich ahne allmählich, dass der Mann auch das abgelutsche „Nessun dorma“ singen könnte und ich würde heulen, weil es eben auf einmal neu und anders klingt als die ganzen Schmachtversionen, die ich kenne. (Aber Pavarotti kann das auch.)

Die Inszenierung ist alles andere als neu; sie stammt aus dem Jahr 1969 und so sieht sie auch aus. Plüschige Kostüme, goldiges Dekor, das einzig Moderne ist die Linienführung von Scarpias Büro, das gewollt gefluchtet aussah und von dem ich Kopfschmerzen gekriegt habe. War aber egal, denn es hat alles gepasst, und ab und zu mag ich traditionelle Inszenierungen wirklich gerne. Muss man sich wenigstens nicht mit Interpretationen abmühen. Das war alles schön und gut und wunderbar. Läuft garantiert noch 40 Jahre. Und alleine für die souveräne Geste, mit der Scarpia sein Weinglas an die Wand schmettert, würde ich es mir noch mal anschauen.

Lear“ von Aribert Reimann, Hamburgische Staatsoper, 24. Januar 2012, in der Inszenierung von Karoline Gruber mit Simone Young am Pult.

Meine zweite Begegnung mit moderner Oper, nachdem ich letztes Jahr Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ als Livestream aus Glyndebourne verfolgt hatte. Meine Reaktion nach wenigen Minuten, die sich auch bis zum Schluss nicht mehr änderte: wow. Ja, es ist etwas anstrengender als „klassische“ Opern, wobei ich persönlich Mozart und seine putzigen Szenarien anstrengender finde als diese – ich nenne es mal so – brutale Konfrontation, die ich Dienstag abend erlebt habe. Ich habe keine Melodie entdecken können, keine einzige Tonfolge, an der ich mich festhalten hätte können, kein Instrument oder Motiv für einzelne Personen, nichts.

Dafür durfte ich aber einen großartigen Text per Übertitel mitlesen und hervorragende Stimmen genießen. Allen voran Bo Skovhus als Lear, der nachvollziehbar vom arroganten König zum hilflosen Wahnsinnigen wird und der mich nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch sehr beeindruckt hat. Seine drei Töchter haben mir ebenfalls sehr gut gefallen, und ich fand es schade, dass nur Hayoung Lee als Cordelia ihre verdienten Brava-Rufe bekommen hat. Mir persönlich ist Hellen Kwon als Regan stärker im Gedächtnis geblieben; ihre Partie besteht aus bergeweise wahnwitzigen Koloraturen, die sie wunderbar gehässig gesungen hat. Der einzige, der nicht singt, ist der Narr, was das ganze Stück noch irrationaler hat wirken lassen. In der Oper hat man sich ja damit abgefunden, jetzt zwei Stunden lang angesungen zu werden, und auf einmal eine Sprechstimme zu hören, hat mir sehr gut gefallen, weil es noch eine weitere scharfe Kante war in der sperrigen Musik.

Und noch ein wow: die Inszenierung. Pures Texterinnenglück. Auf die spärlichen Kulissen werden Worte und Sätze projiziert oder geschrieben. So dreht sich viel um das Wort „ich“, aus dem man genauso „Licht“ wie „Nichts“ machen kann, was die beiden Pole des Stücks schön beschreibt. Im zweiten Akt schreibt der Narr verschiedene Fassungen eines Satzes mit Kreide an ein schwarzes Tuch, indem er Buchstaben oder Worte auslässt: Wer ist der König? Wer ist er? Ist er König? Klingt simpel, war aber äußerst effektvoll. Und noch ein winziges bisschen Glück, von dem ich nicht weiß, ob es Zufall oder Absicht war: Lear wirft irgendwann einen Stiefel gegen dieses Tuch, wobei die weiße Kreide abstäubt. Hatte wahrscheinlich keinen tiefen Sinn, aber der fast spielerische Kreideregen war für mich ein kleiner Hoffnungsschimmer in der düsteren, verzweifelten Atmosphäre.

„Lear“ läuft leider nur noch dreimal in dieser Spielzeit. Also hin da. Wirklich. Generell würde ich euch ja alle gerne öfter in die Oper prügeln – WEIL’S TOLL IST –, aber wenn ich mir von den drei Opern eine aussuchen müsste, wäre es ganz klar der „Lear“. Vor allem, weil ich zum ersten Mal in meinem langen Opernleben einen Komponisten beklatschen konnte: Reimann kommt zum Schluss mit dem Ensemble auf die Bühne. Sonst guck ich ja nur Zeug von Toten.

Und noch ein Goodie: Die Kartenpreise fangen bei lausigen zehn Euro an. Zehn, Kinnings! Nix mit elitär und zu teuer. Gebt euch einen Ruck und der Oper eine Chance und macht die Hütte voll. Das hat der „Lear“ nämlich verdient.