Tagebuch Samstag/Sonntag, 12./13. Dezember 2020 – Ausnüchtern

Der Freitagabend war von ein paar mehr Weingläsern durchzogen, als F. und ich das geplant hatten, aber man soll ja Feste feiern usw. Daher begann mein Samstag auch erst mittags, als F. sich wieder auf den Weg nach Hause begab und ich endlich den Abwasch machte, den ich normalerweise immer noch abends erledige, bevor ich ins Bett gehe. Wir genossen Freitag den jährlich im Dezember georderten norwegischen geräucherten Lachs, ich machte Kartoffelgratin dazu und es gab ein, zwei Gläser (Flaschen) Weißwein aus aller Herren Länder.

Meine einzige Tagesbeschäftigung neben Tee trinken, Stollen essen und Corona-Panik schieben war ein Gang zum Altglascontainer (ach was) sowie einer zur Packstation. Ja, ich ordere gerade Kram online, für den ich sonst in die Innenstadt geradelt wäre, aber jetzt gerade ist es mir lieber, Herrn Bezos noch reicher zu machen als mich mit tausenden Menschen in Kaufhäusern zu bewegen. Auch Etsy bekam ein bisschen Geld von mir, und damit war der Tag dann rum.

Ich erfreue mich weiterhin am modischen Account von Carole Tanenbaum. Neu entdeckt: die Fotografin Kathrin Koschitzki und deren neuesten Ableger Brot und Boden – Menschen bei der Arbeit.

Auch gestern blieb ich ewig im Bett, warum auch immer. Ich war um halb sieben wach, öffnete Jalousien und Gardinen, kroch dann aber wieder mit dem Handy unter die Bettdecke – und blieb dort bis halb zwölf.

Nachmittags gab’s Fußball, der aber überhaupt keinen Spaß machte. Nach zehn Minuten trafen sich der Augsburger Felix Uduokhai und der Schalker Mark Uth in der Luft so ungünstig, dass Uth sofort bewusstlos wurde, fiel und zehn Minuten lang auf dem Spielfeld behandelt werden musste, bevor er ins Krankenhaus transportiert wurde. Die Regie zeigte den Zusammenstoß nur einmal in Zeitlupe, danach konzentrierte man sich auf die umstehenden Spieler und zeigte die Behandlung, wenn überhaupt, nur aus der Totalen. Ein Schalker hielt eine Infusion, einige Spieler beteten. F. schaltete das Spiel ab, ich schaute weiter und war ausnahmsweise sehr froh, nicht im Stadion zu sein.

Ein paar Stündchen saß ich am Schreibtisch, um mich der Dissertations-Überarbeitung zu widmen, aber so richtig kann ich damit erst am Mittwoch anfangen, wenn ich mir vom Doktorvater sein korrigiertes Exemplar meiner Arbeit abhole und mit ihm die Veröffentlichung bespreche. Ich freue mich jetzt schon darauf, Bildrechte für 189 Abbildungen einzuholen. (Oder ich kürze einfach alles raus, was Arbeit macht, haha.)

Abends erneut Kartoffelgratin, weil lecker. Dabei am Ofen verbrannt und mich über den klugen Einkauf von Brandsalbe gefreut. Tolles Zeug.

Tagebuch Donnerstag/Freitag, 10./11. Dezember 2020 – Lesetage

Ich erwähne mal wieder Das Buch Alice, das ich jetzt fast durchgelesen habe. Es irritiert mich immer noch, weil es ständig hin- und herschwankt zwischen wissenschaftlicher Aufarbeitung und populärwissenschaftlicher Schreibe, ich habe immer noch kein System für die Endnoten erkannt (wann wird eine Quelle angegeben, wann nicht), aber inzwischen kann ich damit leben, denn ein Kapitel hat mir gereicht, um das Buch jetzt doch großflächig zu empfehlen. Das Kapitel „Bücherdiebe“ beginnt auf Seite 150 und hier geht es endlich um den Punkt, den das Buch machen möchte bzw. der im Untertitel steht: „Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten.“

Ich zitiere im Folgenden sehr ausführlich, weil ich das korrekt wiedergeben möchte.

„Seit 1901 beliefen sich in Deutschland die Fristen für den Urheberschutz auf 30 Jahre. Ein Jahr nach der Machtübernahme ließ Hitler diese Fristen auf 50 Jahre erhöhen. Das neue Urheberrechtsgesetz, das noch bis 1966 galt, machte zwischen ‚arischen‘ und ‚nichtarischen‘ Autoren keinen Unterschied. Theoretisch hätte der Schutz des Urheberrechts also auch einer jüdischen Sachbuchautorin wie Alice zugutekommen können. Ihr Buch wurde 1935, ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes, in München vom Ernst Reinhardt Verlag publiziert. Trotzdem würde sie nach der Vorstellung der Nationalsozialisten nie von dem Gesetz profitieren, denn für diese waren Autoren ‚Treuhänder des Werks für die Volksgemeinschaft‘. Da Juden aus rassischen Gründen nicht Teil der ‚Volksgemeinschaft‘ sein durften, konnten ihre Werke keinen Wert haben und keinen rechtlichen Schutz genießen.“ (S. 151)

Ich meine, „Machtübergabe“ statt „Machtübernahme“ ist derzeit der gebräuchlichste Begriff, aber das nur nebenbei. In diesem Absatz begann bei mir die große Aufmerksamkeit, weil ich mich wieder an die vielen irrsinnigen Gesetze erinnerte, die ich im Studium kennengelernt hatte. Zum Beispiel die Legalisierung der Ausplünderung der jüdischen Menschen, falls diese in die Konzentrationslager im Osten deportiert wurden: Auschwitz galt zwar als erobert, aber nicht als reichsdeutsch, weswegen die Juden deutschen Boden verlassen hatten, weswegen ihr Hab und Gut im „Altreich“ nun eben diesem zufiel. (Elfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz, 25.11.1941)

Die Ausplünderung betraf nicht nur materiellen, sondern auch geistigen Besitz wie eben Urheberrechte.

„Bis heute ist die ‚Arisierung‘ [Anführungszeichen von mir] von Büchern nicht untersucht worden. Es gibt nicht einmal eine einheitliche Bezeichnung für den Vorgang. Der Begriff ‚arisierte Bücher‘ wird bisher für ein anderes Verbrechen der Nationalsozialisten benutzt – man beschreibt damit die Plünderung jüdischer Bibliotheken. [1] Mit dem – sehr viel schwerer wiegenden – geistigen Diebstahl von Leistungen jüdischer Autoren und Herausgeber hat sich niemand beschäftigt. Es existiert noch keine Statistik über die ungefähre Zahl der Betroffenen. Das Thema kommt in der Forschung einfach nicht vor.“ (S. 151/152)

Auf den folgenden Seiten bespricht die Autorin die unterschiedlichen Möglichkeiten der Verlage, sich dem NS-System anzudienen, irgendwie um es herumzulavieren oder sich oppositionell zu positionieren, was eher selten vorkam. Genau diese Möglichkeiten sind mir auch in der Aufarbeitung von Teilbereichen des Betriebssystems Kunst im NS schon aufgefallen: Die Reichskulturkammer hatte zwar auf dem Papier große Macht, aber auch hier stritten sich verschiedene Unterorganisationen um Zuständigkeiten, weswegen es durchaus möglich war, durch die Maschen des Systems zu schlüpfen. Bei meiner Bearbeitung des Künstlers Leo von Welden stellte ich die These auf, dass dessen RKK-Mitgliedsnummer, die sich auf Bildrückseiten und Anmeldeformularen für Ausstellungen fand, schlicht ausgedacht war, weil er als Nicht-Deutscher bzw. Staatenloser gar nicht Mitglied dieser Kammer werden konnte. Im Zuge meiner Dissertation stieß ich im Hauptstaatsarchiv München in den Unterlagen zur Großen Deutschen Kunstausstellung 1944 auf diverse Anmeldeformulare, auf denen keine Mitgliedschaft angegeben wurde sowie Bitten um Ausnahmeregelungen, deren Gewährung teilweise als Telegramm oder Brief erhalten sind (auf der GDK durften nur Kammermitglieder ausstellen). Es gab also anscheinend Künstler und Künstlerinnen, die es bis 1944 nicht für nötig gehalten hatten, in die RKK einzutreten.

Urbach zitiert diverse Studien und Monografien, die ich alle auf meine „Lese ich irgendwann“-Liste gepackt habe, zum Beispiel Verlage im Dritten Reich von Klaus G. Saur (Hrsg., Frankfurt am Main 2013) oder Walter de Gruyter. Ein Wissenschaftsverlag im Nationalsozialismus von Angelika Königseder, Tübingen 2016. Schon etwas älter, aber vermutlich ebenso wichtig: Heinz Sarkowskis Der Springer-Verlag: Stationen seiner Geschichte Teil 1: 1842–1945, Berlin 1992. (Julius Springer, nicht Axel.) Oder auch Volker Dahm, Das jüdische Buch im Dritten Reich, München 1993.

Urbach gibt anschließend ihre erfolglose Bitte um Einblick in die Verlagunterlagen wider, das Buch ihrer Großmutter betreffend, das 1938 einen neuen Verfassernamen bekam und teilweise umgeschrieben wurde. Der Verlag behauptete, keine Akten mehr über diesen Vorgang und vor allem aus dieser Zeit zu besitzen. Urbach: „Um das einordnen zu können, muss man wissen, dass der Ernst Reinhardt Verlag 1974 und 1999 zwei Festschriften veröffentlichte, die auf Archivmaterial aus der Vorkriegs- und Kriegszeit beruhten.“ (S. 154)

Im Folgenden beschreibt Urbach, wie andere Verlage mit Anfragen umgingen und skizziert weitere „Arisierungen“ von jüdischem geistigen Besitz nach. Dieses Kapitel versöhnt mich sehr mit dem Rest des Buchs, das für meinen Geschmack zu oft und zu weit vom eigentlichen Kern wegführt. Ich mochte die nachvollziehbare Aufarbeitung des Vorgangs und seine historische und politische Einordnung sehr, denn es hat mein Wissen über die Kulturpolitik des NS sehr erweitert. Alleine dass es zu diesem Thema noch überhaupt keinen Forschungsstand gibt, war für mich sehr aufschlussreich.

[1] Jahn, Thomas: „Suche nach ‚arisierten‘ Büchern in den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek. Forschungsstand – Methode – Ergebnisse“, in: AKMB-news 11 (2005), Nr. 2, S. 7–12.

Tagebuch Dienstag/Mittwoch, 8./9. Dezember 2020 – Zoom mit Hamburch

Ich kopiere für Dienstag mal den Eintrag aus meinem Kontakttagebuch, das ein simples Word-Dokument auf meinem Desktop ist:

– ca. 12 Uhr Bäckerei Ziegler, keine Minute
– ca. 12.15 Weihnachtsbaumstand am Stadtarchiv, draußen, wir beide mit Maske
– 12.34 Busfahrt Nordbad bis Görresstraße, vier Minuten
(App 0)

„App 0“ bedeutet, ihr habt den Code vermutlich geknackt, dass die Corona-App gerade erfreulicherweise wieder mal 0 Kontakte anzeigt. Wie denn auch sonst, wenn ich nur einmal die Woche einkaufen gehe und sonst zuhause bleibe. Aber für Brot und Weihnachtsbäume muss ich eben unturnusmäßig für die Tür.

Ich verließ das Haus mit Maske, weil die Bäckerei ungefähr zwei Minuten Fußweg von mir weg ist, dann erspare ich mir dort das Rumzuppeln. Baguette gekauft (gerade backfaul), im Rucksack verstaut, zur Packstation gegangen, weil dort ein neuer Schwung FFP2-Masken auf mich wartete, hier bestellt. Dann zur Rückseite vom Stadtarchiv geschlendert, wo sich seit Jahren zur Weihnachtszeit ein Baumverkaufsstand befindet. Dort sehe ich auch jedes Jahr den gleichen Herrn, dessen Bairisch ich inzwischen scheinbar etwas besser verstehe. Ich guckte mir die Bäumchenauswahl an, nahm dann einen, der mir zwar etwas größer erschien als die aus den letzten Jahren, der aber gleich viel kostete. Er wurde in sein Transportnetz gehüllt, und dann trug ich ihn zur Bushaltestelle, von wo ich uns eine Kurzstreckenfahrt gönnte (ich vermisse mein Semesterticket ganz schrecklich). Die letzten Meter trug ich das Schmuckstück selbst, wir passten beide gerade so in den Fahrstuhl, und seit vorgestern abend steht er gnadenlos schon geschmückt und mit Lichterketten zugeballert in meiner Bibliothek. Normalerweise versuche ich eine Art Farbschema aus meinem ständig wachsenden Kugelvorrat zu erstellen, aber in diesem Jahr wollte ich es einfach bunt haben und so sieht es jetzt auch aus.

Ich hätte das Ding schon im Oktober aufstellen sollen; es ist erstaunlich, wie glücklich mich Kugeln und Lämpchen an Tannengrün machen.

Gestern morgen schnitt ich den Stollen an, den ich letzten Dienstag gebacken hatte: hervorragend geworden, vielleicht einen Hauch zu trocken, aber dafür hat Gott ja Butter erfunden. Ein Stück wurde zum Ostfriesentee verspeist, den zweiten Stollen verpackte ich mit allem Dämmmaterial, was in den letzten Monaten hier aufgelaufen ist, der geht zum Ex-Kerl nach Hamburg. Erneut zur Packstation gegangen, dieses Mal, um ein Paket aufzugeben.

F. und ich gehen sonst im Dezember gerne auf den Augsburger Weihnachtsmarkt, wo der Herr dem klassischen Glühwein zuspricht und ich mich überwinde, eine Köstlichkeit namens „Zirbelzauber“ zu bestellen: eine Art Fruchtpunsch mit Wein und möglicherweise mit Schuss.

(Gerade im eigenen Blog nachgeguckt, wann wir im letzten Jahr da waren: am 1. Dezember, hier das Foto von damals, weil’s schön ist.)

Da der Besuch in diesem Jahr ausfällt, wollten wir den Markt für unsere Date Night nachstellen: Ich ergoogelte mir lustige Rezepte für die dort immer genossene Bosna und für die beiden Glühweinspezialitäten und testete das meiste davon auch schon an. Den Pseudo-Zirbelzauber bereitete ich gestern für einen Zoom-Call mit den beiden Hamburger Damen zu, die beide das Rezept wollten:

Man erwärme
500 ml Weißwein und
300 ml frisch gepressten Orangensaft, in die man noch
1 Zimtstange,
3 Nelken,
1 Stück Orangenschale,
80 g weißen Kandis sowie
4 EL weißen Rum gibt.

Den Kandis habe ich mir gespart, der Rum war braun und bei mir lagen noch vier leicht angedrückte Kardamom-Kapseln im Sud. Sehr schmackhaft.

Wir klönten und quatschten, mein Internet wackelte wie immer (muss doch mal einen neuen Router anschaffen, glaube ich), das war alles sehr nett, und auch nachdem Lektorgirl todmüde aus dem Meeting plumpste, redeten wir Rest-Zwei noch ein bisschen weiter. Ich bin nun mit Buchtipps versorgt für die kommenden langen Winternächte und die Damen mit ein bisschen Gesöff. This is the way.

Lemon and Cream Cheese Cookies

Vorgestern, direkt nach dem Backen, nölte ich über die Kekse, dass sie eher nach Kuchen schmecken, aber nach einer Nacht Rumliegen in einer nicht ganz fest verschlossenen Dose sind sie etwas ausgehärtet, und jetzt lasse ich sie durchgehen.

Das Rezept aus der Washington Post (eventuell hinter einer Paywall für Nicht-Abonnentinnen) behauptet, dass die Kekse sich nur drei Tage halten. Ich werde das ausreizen. Drüben stehen auch die Mengen für angeblich 50 Kekse, aus der untenstehenden Menge sind bei mir 21 rausgekommen. Die waren allerdings handtellergroß, ich komme noch darauf zurück.

In einer Rührschüssel
125 g Kristallzucker mit
der abgeriebenen Schale von 2 Bio-Zitronen vermixen. Laut Rezept zwei Minuten, bis alles duftet. Tat es bei mir nicht mehr als vor dem Mixen, aber nun gut.

In dieselbe Schüssel nun
115 g zimmerwarme Butter,
55 g Frischkäse,
20 g braunen Zucker,
3/4 TL Speisestärke,
1/2 TL Salz sowie
1/2 TL Natron geben und alles bei mittlerer Geschwindigkeit gut vermixen.

1 Ei unterrühren, danach
190 g Mehl vorsichtig unterrühren oder -heben, nur so, dass keine Mehlnester mehr zu sehen sind. Wer mag, gibt noch gelbe Speisefarbe oder Zitronenextrakt zum Teig, ich habe mir das geschenkt.

Den Teig nun für eine halbe Stunde lang im Kühlschrank parken. Er ist sehr weich, kalt verarbeitet er sich besser.

Den Ofen auf 200° Ober- und Unterhitze vorheizen.
50–75 g Kristallzucker in einen tiefen Teller geben.

Aus dem Teig nun, laut Rezept, circa 20-g-Bällchen abstechen, das ist ein gut gehäufter Teelöffel. Mir waren die Kekse damit zu groß, ich würde beim nächsten Mal auf haselnusskleine Bällchen gehen. Die Teigbällchen schnell mit den Händen zu halbwegs kugeligen Kugeln formen und im Zucker im Teller wälzen. Auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech geben und dabei mindestens 5 Zentimeter Platz zwischen den Kugeln lassen, die Kekse laufen sehr auseinander.

Bei 200 Grad für 8 bis 10 Minuten backen, bei mir sahen sie erst nach 12 so aus, wie ich sie haben wollte: breit auseinandergelaufen mit einer kleinen Haube in der Mitte, die Oberfläche darf aufreißen, die Ränder sind leicht gebräunt. Die Kekse aus dem Ofen nehmen und mit einem Cup-Maß oder einem Glas den Huckel auf der Oberfläche sanft eindrücken. Dann vollständig abkühlen lassen.

Falls ihr dieselben Bleche mehrfach verwendet, diese vorher wieder abkühlen lassen, bevor die nächsten Kekse aufgelegt werden (sagt die WaPo). Bei den weihnachtlichen Temperaturen reichten bei mir dafür genau die zehn Backminuten des zweiten Blechs, um das erste am offenen Küchenfenster wieder kalt zu kriegen.

Wenn die Kekse ausgekühlt sind, noch mit einem Guss versehen. Dazu
190 g Puderzucker mit
1 Prise Salz sowie
40 ml Zitronensaft anrühren, das war bei mir eine Zitrone. Ich fand die Gussmenge allerdings viel zu hoch; mischt erstmal die Hälfte davon an und guckt, ob es reicht. Dann lustig dippen, streichen oder kleckern, ich habe mich für Kleckern entschieden.

Tagebuch Sonntag/Montag, 6./7. Dezember 2020 – Panikschlaf

Sonntag konnte in die Tonne, quasi den ganzen Tag Corona-Panik geschoben. Weihnachten in den Norden fahren, ja oder nein? Normalerweise wäre „nein“ die einzige Antwort, aber durch die Situation mit Papa neige ich zu „aber wer weiß, wie lange usw.“, will aber auch eigentlich nicht darüber nachdenken, war pissig auf die Solidaritätsverweigerer, fühlte mich dann selbst wie einer, weil ich lustig durch die Gegend fahre, auch wenn es zur Pflege von Angehörigen ist, was man ja darf, aber aber aber launige Vorwurfsspirale und Verzweiflung, weil ich nicht Zug fahren will, dann aber doch. Sehr mies geschlafen.

Montag half Keksebacken. Ich testete ein neues Rezept aus der Washington Post, dessen Titel „Lemon and Cream Cheese Cookies“ genau wie meins klang. Die schmeckten aber eher wie Zitronenkuchen in Keksform, und dann verlief auch noch der Zuckerguss und ich war darob verstimmt. Immerhin wurden die Florentiner was, die sind ja auch babyeinfach, und nach einem Pfund Buttermandeln mit Schokolade drüber ging’s wieder. Sport half auch, alles sehr seltsam. Wieder besser geschlafen.

Bin etwas coronamüde und möchte jetzt bis zur Impfung auf die Pausetaste drücken.

Tagebuch Samstag, 5. Dezember 2020 – Keks- und Lesetag

Zu. Viele. Kekse. Gegessen. (Ächz.)

Ansonsten nicht geputzt, nicht nachgedacht, keine Bewerbungen geschrieben, nur mit Tee auf dem Sofa gelungert und gelesen. Ein Geschenk zu meiner Diss war ein Buch (Danke, Mama von Nathalie), das ich schon mal hier im Blog erwähnt hatte: Das Buch Alice. Es liest sich sehr entspannt weg, wenn mich auch die populärwissenschaftliche Schreibe manchmal irritiert; zu vielem werden Endnoten angeboten, bei genauso vielem aber auch nicht, ich sehe da noch kein System.

Um die Atmosphäre im Wien der 1920er-Jahre zu verdeutlichen, zitiert Autorin Urbach sehr oft ein anderes Buch: Die Tante Jolesch von Friedrich Torberg, auch mal im Blog erwähnt. Das Werk kann man quasi komplett zitieren, es findet sich immer etwas Passendes, aber gestern las ich vergnügt den folgenden Abschnitt, der dazu diente, die Stimmung im Jahr 1918 zu verdeutlichen:

„Der Kaiser verlor zwar über Nacht seine Autorität, doch in jüdischen Familien überlebten die Hierarchien, Revolution hin oder her, wie folgende Anekdote über Paul und Egon Erwin Kisch zeigt. Der rasende Reporter und glühende Kommunist Egon Erwin Kisch versuchte am 12. November 1918 mit der Roten Garde in das Redaktionsgebäude der Neuen Freien Presse einzudringen und stieß im Treppenhaus auf seinen Bruder Paul, Wirtschaftsredakteur der Presse. Paul versperrte Egon den Weg mit den Worten:

„Was willst du hier, Egon?“
„Das siehst du ja. Wir besetzen eure Redaktion.“
„Wer – wir?“
„Die rote Garde.“
„Und warum wollt ihr gerade die Presse besetzen?“
„Weil sie eine Hochburg des Kapitalismus ist.“
„Mach dich nicht lächerlich und schau, dass du weiterkommst.“
„Paul, du verkennst den Ernst der Lage. Im Namen der Revolution fordere ich dich auf, den Eingang freizugeben. Sonst …!“
„Gut, Egon. Ich weiche der Gewalt. Aber eins sag ich dir: ich schreib’s noch heute der Mama nach Prag.“

Nach dieser furchteinflößenden Drohung zog sich Egon Erwin Kisch zurück. Die Authentizität dieser Geschichte ist bezweifelt worden, obwohl die Neue Freie Presse tatsächlich von der Roten Garde kurzfristig besetzt wurde. Zeitgenossen, die Mama Ernestina Kisch noch persönlich kannten, beschwören den Wahrheitsgehalt.“

Karina Urbach: Das Buch Alice: Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten, Berlin 2020, S. 41. Das Zitat im Zitat: Friedrich Torberg: Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten, Wien 1986, Teil 1 und 2 (Erstausgabe 1975), S. 29.

Aus dem Buch auch gelernt: Alice Urbach etablierte 1932 Wiens ersten „Lieferservice für fertig zubereitetes Essen“. (S. 61)

Tagebuch Freitag, 4. Dezember 2020 – Date Night

F. und ich hatten uns die Woche über nicht gesehen, auch ein bisschen aus dem Grund, weil ich in Zügen saß und noch an anderen Orten war und er am letzten Wochenende Kontakt zu seiner Familie hatte. Es ist und bleibt anscheinend kompliziert. Umso mehr freuten wir uns auf gestern, F. spendierte erneut das Menü außer Haus vom Broeding, wir genossen Saibling in Mandarinenschmand (what the … oh, lecker!), Lamm mit Polenta und Pilzen sowie einen riesigen Klecks Lebkuchenmousse. Dazu gab’s einen Blaufränkisch von Moric, mit Blaufränkisch macht man bei mir ja nie was falsch, und danach wollten wir nur kurz an der Beerenauslese nippen, aber huch, die Flasche war so klein und der Inhalt hatte nur elf Prozent, Sie wissen schon.

Ich holte dazu die alten Gläser von Oma aus dem Schrank. Die dürften aus den 20er- oder 30er-Jahren stammen; sie haben Luftblasen und man kann am Fuß noch fühlen, wo der heiße Glasstrang abgetrennt wurde, um eben diesen Fuß mit Stiel zu formen. In den Kelch sind Eichenblätter und kleine Eicheln geschliffen, letztere leuchten halb, wenn Flüssigkeit im Glas ist. Ich weiß gar nicht, warum ich die nicht öfter benutze.

Mein restlicher Tag bestand aus Schreibtischkram, Ablagekram und Sportkram (gerne wieder, das tut gerade sehr gut, warum auch immer). Außerdem raffte ich mich endlich dazu auf, die Jahresendblogeinträge vorzubereiten, auf die ich nicht so recht Lust hatte. Dieses Jahr fühlt sich so unendlich an und es scheint nie aufhören zu wollen.

Leserin Tamara machte mich auf eine Kunstaktion von Yoshinori Niwa aufmerksam: Withdrawing Adolf Hitler from a private space, die 2018 schon in Graz lief und derzeit am Düsseldorfer Kunstpalast stattfindet: Falls Sie noch Relikte aus der NS-Zeit haben, können Sie sie dort in einem Container entsorgen.

Interessanterweise berichtete die Fachzeitschrift EUWID Recycling und Entsorgung 45 (2020) darüber (leider nicht frei online lesbar).

Tagebuch Donnerstag, 3. Dezember 2020 – Schachvideos

Ein bisschen aufgeräumt, ein bisschen gearbeitet, ein bisschen Sport gemacht, viel Tee getrunken, aber im Prinzip den ganzen Tag gelesen, nämlich The Queen’s Gambit, das ich mir vorgestern als eBook gegönnt hatte. Gefiel mir gut, alles wird knappstens erzählt, kein Adjektiv ist zu viel, die Story ist überraschungsarm, aber trotzdem hinreichend interessant, gern gelesen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Netflix-Serie jetzt noch anschauen möchte, frage mich aber schon, wie man Schach spannend inszeniert.

Mir hat das Mütterlein vor 100 Jahren Schach beigebracht, bis vor einigen Jahren hat sie selbst im örtlichen Verein mitgespielt und hat auch irgendein Ranking, das ich nie verstanden habe. Ich erinnere mich bis heute an das Gefühl der hölzernen Figuren in meinen Händen; das kam gestern wieder, als ich das olle Plastikschach aufbaute und mir ein paar Videos ansah, für die ich die Figuren aber gar nicht brauchte. Als Jugendliche habe ich öfter gespielt, aber der Reiz des Ganzen hat sich mir nie so recht erschlossen; vermutlich weil ich zu faul oder zu unbegabt dafür war und bin, mehr als zwei Züge im Voraus zu denken. #TeamMonopoly

Die Diskussion der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu Erinnerungskultur im öffentlichen Raum, die ich Mittwoch interessiert verfolgte, ist nun doch online. Die Diskutierenden sind übrigens alle auf Twitter, nur so nebenbei: Vahland, Zadoff, Beck, Zimmerer. Anschauempfehlung.

Abends erfahren, dass jemand positiv auf Corona getestet wurde, der nur zwei Stationen von mir weg ist. So nahe war mir das Virus noch nie, wenn man von der konstant einen Risikobegegnung in der App absieht.

Tagebuch Mittwoch, 2. Dezember 2020 – Die eBook-Falle

Gestern hatte mich der Schreibtisch wieder: Ich las die beiden Gutachten zur Dissertation erneut aufmerksam durch und bastelte zunächst einen Hauch an einer geänderten inhaltlichen Aufteilung; die lasse ich vermutlich, so wie sie ist, aber ich wollte das mal durchspielen und bin von der Alternative noch nicht überzeugt. Dann orderte ich einen Schwung Bücher für das traute Heim; die Bibliotheken in München/Bayern sind derzeit geschlossen, die wissenschaftlichen netterweise nicht, daher könnte ich sogar ins ZI, aber momentan bin ich lieber zuhause. Einen Klassiker der Männerforschung konnte ich nicht leihen, der war sowohl in UB als auch in der Stabi in allen Exemplaren ausgeliehen, aber ich bin eh nicht sicher, ob ich das Thema wirklich noch in die Arbeit einfließen lassen möchte (steht ansonsten natürlich im ZI).

Zum Mittag gab es dasselbe wie schon am Vortag: einen Crêpe aus Kichererbsenmehl, mit Gemüse gefüllt und einem zähen Sößchen drüber, denn die vorgestern angebrochene Kokosmilch musste weg und irgendwie hatte ich doch keine Lust auf Reis oder Curry. Das Grundrezept stand in meinem neuen philippinischen Kochbuch, schmeckte sehr gut.

Abends verfolgte ich eine Diskussion der Bayerischen Akademie der Wissenschaften per Livestream: „In Stein gemeißelt? Erinnerungskultur im öffentlichen Raum“ (nicht online). Moderatorin Kia Vahland schrieb zum Thema vor einiger Zeit in der SZ:

„Vielmehr gilt es, en détail zu diskutieren, welche Gedenkstücke – etwa Kriegerehrungen – Tafeln und Gegenbilder benötigen, die sie historisieren und so die Gegenwart doch noch auf Distanz zur Geschichte bringen. Diese Debatte ist in Deutschland nun bei den Straßennamen angekommen, über die in etlichen Städten eigene Kommissionen beraten. Auch hier stellt sich bei jedem Verdächtigen die Frage: Würdigt eine Ehrung der Person auf Briefköpfen und Schildern einen Täter, der nationalsozialistisches, koloniales, anderes Unrecht verantwortet? Oder handelt es sich um historisch gewachsenes Kulturgut, das man nicht ohne Not eigenen Maßstäben unterwerfen sollte?

Jede Kommune muss selbst um diese Fragen ringen. Das ist auch deshalb schwierig, weil sich in der öffentlichen Diskussion Verteidiger des Althergebrachten und Reformer in viel zu harten Fronten gegenüberstehen. Die einen wollen eine “Mohrenstraße” noch retten, obwohl ein solch kolonial anmutender Sprachgebrauch schwarzen Passanten wehtun muss. Die anderen stellen auch eine “Erich-Kästner-Straße” infrage, weil der Schriftsteller während der NS-Zeit nicht emigriert ist. Es ist jedoch illusorisch, von Toten zu verlangen, alle jetzigen Ansprüche zu erfüllen. Genauso naiv wäre es aber, Straßennamen wie Museumsstücke zu behandeln, die lediglich eine andere Zeit bezeugen – schließlich wirken sie im öffentlichen Raum, ganz gegenwärtig.“

Die Erich-Kästner-Straße in München wurde gestern auch erwähnt, hier ein eher fassungsloser Kommentar der FAZ vom Januar. Mirjam Zadoff berichtete von der Kommission, die sich mit der Kontextualisierung oder der Umbenennung von Straßen befasste. Sie erwähnte auch die NS-Bauten am Königsplatz, die nach 1945 bewusst mit den Institutionen besetzt wurden, die noch heute in ihnen residieren: die Musikhochschule sitzt im ehemaligen „Führerbau“, unter anderem das ZI im NS-Verwaltungsgebäude. Ich erwähnte hier schon öfter, dass mir der Ort durchaus bewusst ist, in dem ich so gerne durch Bücherregale streife; das kann einem auch kaum entgehen, dass die Türstürze gefühlt drei Meter hoch sind, die Treppenhäuser zu breit und der Blutwurstmarmor des Fußbodens dem im Haus der Kunst bewusst ähnelt (gleicher Architekt). Zadoff zitierte, wenn ich mich richtig erinnere, Ruth Klüger, die meinte, Gebäude an sich seien nie böse, es käme auf die Menschen an, die sie bewohnen, was ich für eine sehr richtige Sichtweise halte. Teresa Koloma Beck erwähnte aber ebenso richtig, dass Gebäude, Straßennamen, Denkmäler ins Heute abstrahlten, dass sie also trotz allem gut gemeinten Kontext immer noch heute nicht mehr akzeptiertes Gedankengut in sich hätten und das in die Gesellschaft trügen. Spannende Diskussion.

Zadoff, deren NS-Dokuzentrum direkt neben dem ehemaligen Führerbau steht, erwähnte auch die Dreharbeiten, die dort vor Kurzem stattgefunden haben, Max Westphal fotografierte eine Szene an der Feldherrnhalle. Im Gebäude wurde das Münchner Abkommen unterzeichnet; das wurde nachgestellt, und sie meinte, trotz allem Wissen darüber, dass es ein Film war, das Gebäude nur noch (?) eine Kulisse, wäre das doch arg seltsam gewesen, wieder Hakenkreuzflaggen daran zu sehen. Ich musste an die Skurrilität denken, dass für die Dreharbeiten die Erinnerungstafel an eben dieses Abkommen, die sich am Gebäude befindet, genau dafür abgenommen werden musste.

Für die inneren Notizen für nächstes Jahr, wenn ich hoffentlich wieder darüber nachdenke, welchen Adventskalender von Xocolat ich möchte: Vorgestern Cassis, gestern Nougat, natürlich beides hervorragend. Ich habe derzeit den ohne Alkohol.

Und dann fiel ich abends auf ein eBook für 99 Cent herein. Auf Netflix läuft gerade die, soweit ich das überflogen habe, hochgelobte Serie The Queen’s Gambit. Sie beruht auf einem Buch von Walter Tevis, und ich las einen Artikel im New Yorker darüber: The Fatal Flaw of “The Queen’s Gambit”, der meint, die Serie hätte die Hauptfigur mit einer zu attraktiven Darstellerin besetzt.

„Actors Are Too Hot Hill is a silly place to die, yet the acclaim for “The Queen’s Gambit” series, which stars an actual former model, has stranded me there, unable to descend until I have said my piece. Allow me to shout from my lone perch at its summit that Beth Harmon is not pretty, and there is no story about her that can be told if she is. […]

Tevis mentions Beth’s ugliness too often for readers to imagine that it is just some routine, awkward part of childhood that slips away with puberty, like a boy’s squeaky tones settling gradually into a mannish timbre, or because some nice girlfriend—she has none, after Jolene—takes her to Sephora. Instead, Beth becomes reasonably attractive by learning to play chess and then excelling at it. The first moment that Beth is able to regard her reflection without disgust comes right after she wins her third tournament game. Some forty pages later, a chess player turned journalist named Townes tells Beth, “You’ve even gotten good-looking.” Toward the end of the book, Jolene herself, seeing Beth in magazines, declares, “You’ve lost your ugly.” […]

Here is the book’s most explicit mention of Beth’s physical confidence as an adult: “Beth was wearing a dark-green dress with white piping at the throat and sleeves. She had slept soundly the night before. She was ready for him.” Chess helps her to inhabit her body comfortably, and this allows her to play better chess. It’s the playing-better-chess part of the deal that really matters to her.“

Das interessierte mich dann doch, ich las die ersten Sätze in diesem kleinen Buch, fand sie gut, kaufte das eBook und wollte im Bett vor dem Schlafengehen nur noch ein paar Seiten lesen. Dann war es plötzlich 2 Uhr morgens, ich auf Seite 90 und ihr entschuldigt mich, ich muss wieder an … äh … die Diss. Natürlich. Die Diss.

Tagebuch Mittwoch, 25. November, bis Dienstag, 2. Dezember 2020 – Hochs und Tiefs

Wie praktisch, ein Kontakttagebuch zu führen, da kann ich jetzt nachgucken, was ich eigentlich in den letzten Tagen gemacht habe, die irgendwie verschwimmen.

Ich war bis Samstag in der alten Heimat. Das war einerseits sehr schön, weil die Luft da besser ist als in München und ich morgens solche Ausblicke hatte.

Das war andererseits sehr schwierig, weil es Papa nicht besser geht. In der letzten Woche stand eine größere, vorläufige Entscheidung an, die uns allen Schwierigkeiten bereitet hat, über die ich hier nicht schreiben möchte. Jedenfalls war meine Mutter noch mehr durch den Wind als sonst, aber ich konnte durchs Dasein etwas abfangen und ihr einige Gänge abnehmen, die sie partout nicht machen konnte/wollte. Meine Schwester ist ebenfalls überlastet, auch hier konnte ich ein bisschen helfen. Nebenbei gab’s aus Gründen einen Coronatest, der wie erhofft negativ war.

Außerdem habe ich meine Mutter erstmals einen Burger essen sehen; sie verzehrte die Einzelteile mit Messer und Gabel.

Und ich durfte/musste das schicke Auto der Eltern öfter fahren als sonst. Es piepst bei allem, was ich tue, und ich spreche mit ihm sehr anders als mit meinen ganzen ehemaligen Autos, indem ich dauernd „Halt die Klappe, du Depp“ sage. In diesem Zusammenhang nachgedacht: Das neueste Auto, das ich je besessen habe, wurde Anfang der 1990er gebaut. Alles danach ist für mich ein unverständliches Raumschiff. Oma Gröner möchte ihre drei Knöppe und ein Radio ohne Stationstasten wiederhaben.

Auch gemerkt: Ich habe kein Körpergedächtnis für Geschwindigkeiten in modernen Fahrzeugen. Bei meinen Karren fühlte ich irgendwann, wie schnell ich war; im Auto der Eltern guckte ich öfter auf den Tacho als auf die Straße. Dabei stellte ich erfreut fest, dass die Todeslandstraßen meiner Jugend, auf denen ich noch lustig 100 fahren durfte, inzwischen fast durchgehend auf 70 geregelt sind. Sehr gut.

Am letzten Abend hielt ich meiner Mutter und Schwester sowie dem Schwager meinen Verteidigungsvortrag und zeigte die Präsentation, die Dissertation liegt eh bei ihnen seit Juni rum. Ich fand es sehr spannend, nicht-akademischen Menschen zu erklären, was ein Forschungsstand ist und wie ich gearbeitet hatte. Noch spannender waren die Fragen, von denen eine fast genauso vom Doktorvater in der Disputation gestellt wurde: „Wenn es schon Fotos der Autobahnbaustellen gab, wieso mussten die dann noch gemalt werden?“ Hier bitte ein Spontanreferat zur politischen Funktion von Kunst im NS-Staat einfügen. Und meine Schwester legte gleich bei der ersten Folie, auf der Protzens „Straßen des Führers“ (1939) abgebildet war, den Finger in die Wunde: „Das sieht ja gar nicht wie Nazikunst aus?“ Das Spontanreferat hier handelte von den Versäumnissen und blinden Flecken der bundesdeutschen Kunstgeschichte. Dann blätterten alle den kompletten Abbildungsteil der Diss durch und ich guckte ihnen interessiert dabei zu, an welchen Werken sie hängenblieben. Diese Diskussion kann ich hier nicht nachvollziehen, denn für die Werke habe ich die Bildrechte nicht und sie sind nirgends abgebildet außer in meiner Diss. Hier Spontanreferat zu Bildrechten uswusf.

Der Zug aus Hannover war noch spärlicher besetzt als auf der Hinfahrt. Ich glaube, wir starteten mit vier Menschen im Großraumwagen (1. Klasse), und ab Nürnberg war ich alleine. Außerdem ging ein Sicherheitsteam durch den Zug, um zu überprüfen, ob auch alle brav Maske tragen. Es gab übrigens wieder Zeitungen! Jedenfalls hatte ich auf der Hinfahrt die FAS, auf der Rückfahrt nur die Wahl zwischen Welt und Bild, also gab’s im Prinzip keine Zeitungen.

Ich las Peukerts Weimarer Republik mit viel Gewinn weiter – ich hatte mir in der alten Heimat schon einen Stift zum Unterstreichen borgen müssen, der jetzt in München wohnt, sorry, Mama – und hörte die Episode des Beethoven-Podcasts zur Waldstein-Sonate. Die lohnt sich alleine für die ersten zwei Minuten, in denen Levit sagt: „Wenn ich für irgendwas studiert habe, dann dafür.“ Danach hörte ich, wie immer beim Podcast, die ganze Sonate, und danach wollte ich dann auch nichts anderes mehr hören.

Samstag abend wurde ich von F. verwöhnt, der uns erneut das Wochenendmenü aus dem Broeding geholt hatte. Das tat gut, von einer Welt wieder in die andere zu kommen. Es gab ein fantastisches Rote-Bete-Meerrettich-Mousse, dessen Rezept ich irgendwie ergoogeln muss, Saibling en papilotte mit einer Krachersalsa, in die ich immer noch Brot stippe, und ein Stück Birnenstrudel, wie immer hervorragend.

Über diesen Comic lache ich seit Tagen.

Montag und gestern waren häusliche Backtage, die ich genoss, bevor mich die echte Welt wieder hat. Es gab simple Mürbeteigkekse, mal mit Schokospritzern, mal mit Kakao zu Schnecken gerollt, meine geliebten Orange-Mandel-Kringel, die Lieblinge meiner Mutter, Orangenkekse mit Schokolade, sowie zu dick geschnittene Florentiner und Engelsaugen. Aus den Eiweißen, die bei den Engelsaugen übrig blieben, machte ich Macarons, aber die sehen so unförmig aus, dass sie nicht auf den Teller durften.

Beim Stollenbacken fiel mir wieder ein, warum ich normalerweise nur einen mache. Gut, der zweite soll in die Post, aber trotzdem.

Mein Internet-Sportprogramm hatte zwei Wochen Pause, zuerst wegen der Verteidigung, dann weil ich weg vom Internet war. Vorgestern und gestern stieg ich wieder ein und stellte fest: Ich kann doch noch Muskelkater kriegen. Verdammte Bauchmuskelübungen.

Ein vielfaches Dankeschön …

… an gleich mehrere Schenker*innen, die mir per PayPal oder Amazon-Wunschzettel zur Promotion gratulierten sowie natürlich an diejenigen, die gleich Päckchen packten. Das trudelte alles in den letzten Tagen hier ein, in denen ich noch im Norden war, daher kommt das Dankeschön etwas spät, Entschuldigung!

Bettina vermutete, dass ich jetzt wieder etwas mehr Zeit zum Nähen hätte und überraschte mich mit Constanze Derhams ABC der Handarbeiten: Nähen. Das stimmt theoretisch, aber ich würde gerne mal wieder ganz altmodisch wieder in ein Geschäft gehen, um Stoffe zu fühlen, bevor ich sie kaufe, was ich im Moment schlicht nicht vorhabe. Ein paar Meter liegen hier aber noch, und ein neues Schnittmuster ist ebenfalls altmodisch per Post gekommen – das Selbstausdrucken und Zusammenkleben ist, auf meinen Stundensatz umgerechnet, deutlich teurer als gleich ein paar Euro mehr an Burda zu schicken. Daher werde ich vermutlich in den langen Wintermonaten auf das Büchlein zurückkommen. (Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, als ich die Nähmaschine aus dem Arbeitszimmer räumte für den dann nicht stattgefundenen 360-Grad-Rundumblick bei der Zoom-Verteidigung.)

Sonja gratulierte mit Chinua Achebes Things Fall Apart. Das stand schon länger auf dem Wunschzettel; ich hatte auf Twitter mal um Tipps zu afrikanischen Autor*innen gebeten, und das war einer davon. Ich bin sehr gespannt!

Für das Buch von Susanne fuhr ich gestern zu einer Postfiliale, die ich noch nicht kannte, und ich glaube, sie wurde als Pop-up-Station für die Adventszeit hochgezogen, wenn die Packstationen überquellen. Als ich mein Rad abschloss, sah ich ungefähr zehn Menschen brav mit Abstand vor der Tür stehen und richtete mich auf eine halbe Stunde Wartezeit ein. Überrascht stellte ich fest, dass die Menschen im Sekundentakt wieder herauskamen, worauf der nächste Wartende eintrat bzw. von drinnen reingerufen wurde: „Kann noch einer rein!“ So zückte ich schon draußen meinen Personalausweis, trat nach gefühlt nicht mal zwei Minuten Wartezeit ein, sagte mein Sprüchlein auf, „Gröner, ja? Amazon? Ah, hier“, bekam mein Päckchen, und während ich noch auf dem Weg nach draußen war, wurde schon der nächste reingerufen. Ein faszinierend unpostisches Erlebnis. Im Päckchen befand sich I Am a Filipino von Nicole Ponseca und Miguel Trinidad, das ich auf einer Liste des New Yorkers zu guten Kochbüchern gefunden hatte. Da die Gene des Herrn an meiner Seite zur Hälfte von den Philippinen stammen und er mir ab und zu von den Gerichten erzählt, die er dort bei seinen Großeltern genossen hat, schien mir das eine gute Erweiterung des Kochbuchregals zu sein.

Vielen Dank an alle Schenkenden, ich habe mich sehr gefreut! Und jetzt stempele ich alles mit einem pinkfarbenen Ballon Dog von Koons zu und trinke den Lieblingswein von Frau Casalinga, das waren nämlich auch Geschenke. Der Stempel kam von hier, das ist die Dame, bei der ich mich neulich erstmals als „Doktor“ am Telefon melden konnte.

Die launige Beilage „Die Autobahn A3 für Europa“ und was das mit meiner Dissertation zu tun hat

In der SZ und, soweit ich weiß, noch einigen anderen Zeitungen lag gestern die 32-seitige Broschüre „Die Autobahn A3 für Europa“ bei. Ich sah sie durch einen Tweet des Journalisten Lenz Jacobsen, der sich in einem kurzen Thread mit dieser Vermischung von redaktionellem und werbischem Inhalt beschäftigte. Er resümierte: „Das Ding ist also weder schlimm noch lesenswert, aber ein beeindruckendes Beispiel für die alltägliche, wirtschaftliche und publizistische Macht und Interessenvertretretung aller, die am Ausbau der Auto-Infrastruktur beteiligt sind und davon profitieren.“

Die Beilage ist online, so dass sie mir niemand zuschicken muss, aber wie ich inzwischen weiß, hebt sie mein Doktorvater sogar für mich auf, der per Mail folgenden Kommentar hatte – oder auch nicht: „Ich enthalte mich jeden Kommentars … zu einzelnen Beiträgen, Redewendungen, Bildern, Metaphern etc., denn das scheint mir doch einigermaßen offensichtlich. Ich denke, dass Sie evtl. (vielleicht sogar an verschiedenen Stellen) in der Druckfassung der Diss. darauf eingehen könnten.“

Das war natürlich auch mein erster Gedanke: Lustig, wie wenig sich Argumente und Bilder in 90 Jahren geändert haben. Damit will ich der Autobahndirektion Nordbayern und den ganzen Menschen, die an dem Ding gearbeitet haben, kein faschistisches Gedankengut unterstellen, aber die Ähnlichkeit zu Texten zum Bau der Reichsautobahn ist schon frappierend. (Edit 30.11., weil hier gerade viele Menschen vorbeischauen, die dieses Blog nicht seit drei Jahren lesen: Ich wurde vor Kurzem mit einer Arbeit über den Maler Carl Theodor Protzen (1887–1956) promoviert, der zwischen 1936 und 1940 29 Gemälde der Reichsautobahn malte. Die Dissertation ist noch unveröffentlicht.)

Gleich in der Einleitung verbietet sich Minister Scheuer jede Kritik an diesem Ausbau: „Denn Wege sind Voraussetzung dafür, dass wir vorankommen. Und das wiederum ist Voraussetzung dafür, dass Wirtschaft und Wohlstand wachsen können. Wer das nicht wahrhaben will und stattdessen ein Moratorium für den Bau von Autobahnen fordert, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er wirklich noch nah genug dran ist an den Menschen in unserem Land – mit all ihren Gewohnheiten und Bedürfnissen.” Markus Söder begann seinen Text so: „Die A3 ist die fränkische Leidensstrecke – und sollte doch eigentlich die Lebensader sein, die ganz Franken verbindet.“ Das Wort Lebens- oder Verkehrsader wird auch von fast allen anderen Politiker:innen verwendet, die sich in der Beilage zitieren ließen. Das erinnerte mich beides unangenehm an einen Text von Otto Reismann, Pressereferent von Fritz Todt, dem Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, der 1937 schrieb: „Auch in der West-Ost-Richtung folgen die Autobahnen traditionsreichen Verbindungen. Es sind die gleichen Wege, auf denen die politische und kulturelle Eroberung des deutschen Ostens erfolgte, die Wege aber auch, die Osteuropa und Westeuropa verknüpfen. Reichsautobahnen sind die Pioniere neuer Siedlungen. Sie öffnen der volklichen Durchblutung in menschenarmen Gegenden und Grenzgebieten bessere Möglichkeiten, sie sichern und wahren so den Besitzstand.“[1]

In einer weiteren Einleitung schreibt der Journalist Bernhard Heck von „23 Großbrücken und zwei Tunnelabschnitte[n]“, die entstehen. Zur Reichsautobahn gehörten bis 1941 ca. 9000 Brücken, drei Prozent davon waren die Großbrücken, die meist in Gemälden festgehalten wurden; sie waren damals schon beeindruckende Aushängeschilder – und scheinen es auch heute noch zu sein.

Laut Heck wurde eine „Trasse geschaffen, die in Ausführung und Eleganz in Deutschland ihresgleichen sucht.“ Etwas weiter im Text: „Dabei sind Brücken nicht nur Ingenieurbauwerke, sondern werden so geplant und ausgeführt, dass sie hervorragende ästhetische Eigenschaften besitzen und somit eine Bereicherung der ursprünglichen Landschaft, eines Tales oder eines Flusses darstellen.“ Gerade diese angebliche Bereicherung der Landschaft war auch für die Nationalsozialisten ein wichtiges Thema; die Reichsautobahnen sollten die deutschen Gaue nicht auf möglichst schnellen, sondern auf landschaftlich reizvollen Wegen verbinden. (Im Gegensatz zu den italienischen Schnellstraßen, die kurz vorher entstanden. Dort orientierten sich die Wegführungen, wie die Schiene, am einfachsten und kürzesten Weg.) Landschaftsanwalt Alwin Seifert schrieb 1936: „Für uns ist der Straße übergeordnet die deutsche Landschaft. Wenn alles Leben auf dieser Erde nur auf der Grundlage einer unzerstörten Harmonie des Naturganzen Dauer haben kann, so hängt Verstand und Echtheit des deutschen Volkes davon ab, daß sein Lebensraum, seine Landschaften in jener kraftvollen Gesundheit und inneren Ausgeglichenheit erhalten bleiben.“ Seifert ging es aber nicht nur um die Schönheit und Geschlossenheit eines Naturraums, sondern vor allem um den Wunsch, eben diesen zu verteidigen. Damit zog Seifert eine direkte Linie vom Straßenbau bzw. der Heimat zu kriegerischen Handlungen: „In einem von rücksichtslos geführten Verkehrswegen zerschlitzten, von Leitungen aller Art verdrahteten und seiner wilden Räume und Gebüsche beraubten Land wird der Einzelne wohl noch seine Brotstelle, auf Dauer aber nicht mehr ein geliebtes Vaterland verteidigen.“[2]

Auch zur Bauzeit bzw. den Kompromissen, die beim Bau gemacht werden, schreibt Heck kurz: „Kann Deutschland noch Großprojekte? Ja, es kann, wenn die Faktoren nicht im Klein-Klein ersticken.“ Damit wiederholt er, hoffentlich unwissentlich, genau die Argumente des NS-Staats. Straßenbau war in der Weimarer Republik Ländersache. Solange die Nationalsozialisten im Reichstag in der Opposition waren, stimmten sie gegen das Projekt Autobahn, zuletzt Anfang 1931. Auch in den Arbeits- und Wirtschaftprogrammen der NSDAP von 1932 fand sich noch kein Hinweis auf den Autobahnbau. Mit der Machtübergabe nutzten die Nationalsozialisten dann die Pläne der HaFraBa – und deuteten sie in ihrem Sinne um. Die größtenteils privatwirtschaftlichen Initiativen der HaFraBa, ihre Pläne sowie ihre Finanzierungsvorschläge konnten in der Weimarer Republik aus politischen und ökonomischen Gründen nicht erfolgreich sein. Erst ein zentralistischer, totalitärer Staat, der sowohl die Organisation als auch die Finanzierung übernahm, war nun in der Lage, ein derartig umfangreiches Projekt in relativ kurzer Zeit umzusetzen. Diese Assoziation wollte auch Hitler in seiner Rede zum ersten Spatenstich erwecken, indem er sagte: „Und ehe wieder Jahre vergehen, soll ein Riesenwerk zeugen von unserem Dienst, unserem Fleiß, unserer Fähigkeit und unserer Entschlußkraft.“ [3]

Was mich außerdem amüsiert hat, waren die vielen Anzeigen der am Bau beteiligten Firmen, die sich in Textbausteinen und Bildauffassungen nicht sehr von den Anzeigen der Firmen der Reichsautobahnen unterschieden, die zum Beispiel in Die Straße in jedem Heft inserierten. (Ein, zwei Beispiele. Auch für die Landschaftseinbindung.) Auch die öffentlichen Inszenierungen, die einen Spatenstich oder die Eröffnung eines Teilabschnitts begleiten, finden sich bei den Reichsautobahnen genauso wieder. Alleine 1938 wurden 42 Teilabschnitte eröffnet,[4] immer mit Pomp and Circumstances, was zur Bekanntmachung des Bauwerks vermutlich deutlich mehr beigetragen hat als gerade 44 Werke zu diesem Thema auf den Großen Deutschen Kunstausstellungen.

In der Beilage findet sich die Überschrift „Ingenieur*innen am Puls beim Bau AK Fürth/Erlangen“. Ich ignoriere mal das schiefe Bild mit dem Puls am Bau, aber immerhin: Anscheinend gibt es heute Frauen, die irgendwas mit der Autobahn zu tun haben, unglaublich. Die Welt der Reichsautobahn war eine eindeutige Männerwelt; selbst zuarbeitende Menschen wie Köche in den Arbeiterlagern entlang der Strecke waren, soweit ich Quellen und Bildmaterial kenne, immer Männer.

Die letzte Seite der 32 wagt dann einen Blick zurück: „Knapp 100 Jahre deutsche Autobahnen im stetigen Wandel“. In einer meiner Meinung nach äußerst unangemessenen Verkürzung heißt es: „Willy Hof gründete 1926 den “Verein zur Vorbereitung einer Autostraße Hansestädte–Frankfurt am Main–Basel” (HAFRABA) und besuchte 1933 zweimal die damaligen Machthaber in Berlin und unterbreitete dort die Planungen seiner Gesellschaft. Tatsächlich hatte die Reichsführung und seine Berater den hohen Wert der HAFRABA-Arbeiten für ihre Zwecke erkannt denn am 1. Mai 1933 verkündete man in Berlin offiziell den Bau eines Straßennetzes, das nur dem Automobilverkehr vorbehalten sein sollte.“ Hübsch euphemistisch einen Namen vermieden und grammatikalisch auch leicht daneben: „die Reichsführung und seine Berater“. Die beginnenden Bauarbeiten werden erwähnt und dann, huch, ist alles vorbei, und es werden „Kriegswirren und Aufbaujahre“ erwähnt. Eine historische Einordnung sieht anders aus. Immerhin wird bei einem Bild die Wikipedia als Quelle angegeben. Ich rate mal, woher der Rest kommt.

Falls euch das Thema etwas ausführlicher interessiert, müsst ihr auf die Veröffentlichung meiner Dissertation warten, die vermutlich Anfang 2022 erscheinen wird.


[1] Reismann, Otto: Deutschlands Autobahnen, Adolf Hitlers Straßen, Bayreuth 1937, S. 12.
[2] Beide Zitate Seifert, Alwin: „Natur, Technik und der deutsche Straßenbau“, in: Süddeutsche Monatshefte 10 (1936), S. 604–610, hier S. 607 bzw. 608.
[3] Reismann 1937, S. 3.
[4] Schütz, Erhard/Gruber, Eckhard: Mythos Reichsautobahn. Bau und Inszenierung der „Straßen des Führers“ 1933–1941, Berlin 1996, S. 59.

Tagebuch Montag/Dienstag, 23./24. November 2020 – Toll und traurig

Das Gutachten zur Dissertation ist jetzt auch von meinem Doktorvater angekommen. Nach der Note der Zweitprüferin konnte ich auch von ihm erfreut eine 1,0 entgegennehmen, auf die ich mir durchaus etwas einbilde.

Ich erwähnte im Blogeintrag zur Verteidigung, dass ich das Gefühl gehabt hätte, bei einer Antwort nochmal nachjustieren zu müssen, weil die Frage nicht nur beim Doktorandenkolloquium, sondern eben auch bei der Verteidigung kam: Sollte man einen Künstler, der sich in den Dienst des NS-Systems gestellt hat, genauso aufarbeiten wie jeden anderen? Meine Antwort war ja, solange der Kontext stets deutlich gemacht wird. Im Gegensatz zur Zweitprüferin scheint mein Doktorvater mit mir übereinzustimmen, weswegen ich nun ahne, dass er mir die Frage erneut stellte, damit auch die anderen Prüfer:innen die Antwort hören. Ich zitiere aus dem Gutachten: „Grundsätzlich kann die Arbeitsperspektive der Verf. durch Ernstnehmen charakterisiert werden; diese banale Selbstverständlichkeit ist deshalb der Erwähnung wert, weil das Oeuvre von Protzen – anders als bei Leonardo, Picasso oder Klee – eben nicht einmal ansatz- oder umrissweise als gesichert gelten kann. Das künstlerische Werk muss zunächst in extenso konfiguriert werden, in Entwicklung, Umfang und Dichte.“ Ebent. Danke.

Mein Bildfund, über den ich mich sehr gefreut habe und über den ich leider noch großflächig schweigen muss/will bis zur Veröffentlichung, wurde als „spektakulär“ bezeichnet, und die innere Kommafee errötete zufrieden bei den Sätzen „In formaler Hinsicht ist die Arbeit exzellent. Die Zahl der Tippfehler ist definitiv einstellig. Rechtschreibung und Zeichensetzung sind makellos. Die Studie ist ausgesprochen sorgfältig.“ Eine Million Korrekturgänge haben sich gelohnt!

Auch hier war natürlich Kritik zu lesen, die ich aber ebenso nachvollziehen kann wie die im anderen Gutachten. Ich freue mich auf die Überarbeitung.

Aber erstmal ist die alte Heimat wieder sehr aktuell. Aus Gründen, wie es so schön heißt, habe ich mich Sonntag in einen Zug gesetzt. Väterchen baut leider sehr ab, findet Worte nicht, kann sich nicht mitteilen, es ist, als ob die Systeme teilweise langsam runterfahren. Daher kann ich meinen neuen Titel gerade nicht ganz so genießen wie ich gerne möchte, aber, unglaublich, es gibt Wichtigeres.

Ich durfte wieder das schicke Auto der Eltern fahren und vor allem mal schneller als 30. Jetzt weiß ich auch, wie sich eine automatische Lenkkorrektur anfühlt; verdammtes modernes Zeug! Wenn ich zu weit rechts fahren will, dann will ich zu weit rechts fahren! (Ich scherze.) Und: Ich durfte nach 30 Jahren wieder erfahren, im wahrsten Sinne des Wortes, was es heißt, auf den Land zu wohnen: Man hängt ewig hinter Treckern.

Papa ist eingeschlafen, während ich ihm die Haare schnitt. Falls das mit der Wissenschaft nichts wird, eröffne ich einen Salon: „Kein Gequatsche, nur Geschnippel.“ Ich sehe eine Marktlücke.

Tagebuch Sonntag, 22. November 2020 – Doch noch ein Doktorhut

Meine Schwester hat mir einen gebastelt. Oder eher: dem nächsten Lindt-Schokobär, den ich nicht essen kann.

Für die Notizen: Den gestrigen Zug von München nach Hannover buchte ich erst am Samstag. Ich konnte noch relativ viele Plätze anwählen (1. Klasse), beim Einsteigen sah ich, dass geschätzt ein Viertel der Plätze reserviert war. Losgefahren sind wir dann mit drei Leuten im Großraumwagen, bis Hannover waren es, wenn ich richtig gezählt habe, nie mehr als acht. Ich trug zum ersten Mal eine FFP2-Maske und fand es absolut erträglich. Oder besser: Schade, dass ich nicht dauernd snacken kann, aber wenn man nur rumsitzt und liest und Podcasts hört, stört die Maske quasi null.

Ein kriselndes Dankeschön …

… an Christine, die mich mit Detlev Peukerts Die Weimarer Republik: Krisenjahre der Klassischen Moderne überraschte. Der Herr lief mir neulich beim Abstractschreiben wieder über den Weg und da dachte ich mir, wenigstens einen Standardtext von ihm könntest du auch mal im Regal haben. Habe ich jetzt. Vielen Dank für das Geschenk und die Glückwünsche, ich habe mich sehr gefreut.

Nebenbei, nee, nicht nebenbei: Vielen Dank an die vielen Menschen, die mir per Mail, Twitter, Insta, PayPal und eben per Wunschzettel zur bestandenen Prüfung gratuliert haben. Auch darüber habe ich mich sehr gefreut! (Da muss ein Ausrufezeichen hin.)