Fehlfarben 30 – „Aber hier leben? Nein danke.” Surrealismus + Antifaschismus / Rachel Ruysch: Nature into Art

Heute mal ohne Bild, denn wir sind so aus der Übung, dass wir es vergessen haben. Hier bitte eine Tischoberfläche vorstellen, auf der sich neun Weingläser, drei Wassergläser und eine Menge Notizen befinden.

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00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.01:30. Blindverkostung Wein 1. Unser Weinthema ist heute sehr hörer*innenfreundlich, denn wir trinken unsere liebsten Alltagsweine. Der hier ist von Flo: Old Coach Road, Sauvignon Blanc 2021, für 12 Euro von Weinfreunde.

00.03:00. Unsere erste Ausstellung: „Aber hier leben? Nein danke.“ Surrealismus + Antifaschismus im Lenbachhaus. Bitte reingehen, lohnt sich sehr. Noch bis zum 2. März.

Das Lenbachhaus schreibt: „Der Surrealismus war eine politisierte Bewegung von internationaler Reichweite und internationalistischen Überzeugungen. Seine Anfänge liegen in der Kunst und der Literatur, er reicht jedoch weit über beide hinaus. Die Wirklichkeit war für die Surrealist*innen ungenügend: Sie wollten die Gesellschaft radikal verändern und das Leben neu denken.“

Die Zeit schreibt: „Alle, die beim Wort Surrealismus einen leichten Gähnreiz verspüren, vielleicht sogar schlimm genervt sind vom Traumkitsch zerfließender Uhren, sollten jetzt unbedingt ins Lenbachhaus nach München fahren und dort die frisch eröffnete Surrealismus-Ausstellung sehen. Fans des Surrealismus sowieso, nicht nur wegen der aus dem Ausland geliehenen Bilder von Pablo Picasso, Leonora Carrington, Victor Brauner. Zum 100. Geburtstag des surrealistischen Manifests von André Breton bebildert diese Ausstellung einen wichtigen Aspekt, der zu lange vergessen wurde: Der Surrealismus war eine antifaschistische Bewegung.“

00.28:00. Wein 2. Das ist Felix’ Alltagswein: Occhipinti, SP 68 rosso 2020, für ca. 19 Euro von Lobenbergs gute Weine.

01.00:00. Wein 3. Das ist seit wenigen Wochen mein Alltagswein: Giacomo Fenocchio, Barbera d’Alba 2020, für 15 Euro von Vinsur.

01.04:00. Unsere zweite Ausstellung: Rachel Ruysch: Nature into Art. Bitte reingehen, lohnt sich sehr. Noch bis zum 16. März in der Alten Pinakothek.

Die Pinakotheken schreiben: „Ihre prachtvollen, täuschend echt wirkenden Blumenstillleben mit Pflanzen und Früchten, Schmetterlingen und Insekten aus den verschiedensten Regionen der Welt galten bereits zu Lebzeiten als gesuchte und kostspielige Sammlerstücke. Die Nachfrage war so groß, dass es sich die Amsterdamer Malerin leisten konnte, nur wenige Stücke im Jahr zu produzieren.“

Die FAZ schreibt: „Das eine postkartenfähige Meisterwerk wie Van Goghs „Sonnenblumen“ gibt es bei Rachel Ruysch nicht. Wer durch die Münchner Ausstellung geht, begegnet siebenundfünfzig meisterhaften Kompositionen aus Flora und Fauna, alle mit derselben Unbedingtheit im Detail und derselben erlesenen Balance von Farben und Formen, Blüten und Blattwerk, hellen und dunklen Partien. Mal ist die diagonale Bewegung von links unten nach rechts oben, die zumal in Ruyschs Frühwerk auffällt, stärker betont, mal mischen sich Früchte, Vogelnester und totes Laub in die stumme Symphonie der Blumen, aber kein einziges Mal lässt die Spannung nach, die diese ekstatisch kühlen, wie nächtliche Visionen aus ihrem tiefschwarzen Hintergrund aufsteigenden Bilder zusammenhält.“

01.37:30. Wir erzählen ein bisschen, warum das unsere Lieblingsweine sind und verabschieden uns mit dem üblichen Gläserklirren.

Schönes Restjahr, geht Kunst gucken und trinkt mehr Wein.

Was schön war, Dienstag, 17. Dezember 2024 – Arbeit

Ölgemälde fotografiert. Eine Mail nach Estland geschrieben. Mit Regensburg telefoniert. Drei Quellen miteinander verglichen. Viel, viel, viel gelesen und genauso viel getippt. Acht Stunden gerne am Schreibtisch verbracht. Das hört netterweise nicht auf.

Was schön war, Montag, 16. Dezember 2024 – Guter Text

„Genau genommen ist man am Ende seiner Reise. Hier wollte man hin. Hier ist man nun. Es stimmt wie alles Erreichte melancholisch.“

Wolfgang Koeppen: „Ein Fetzen von der Stierhaut“, in: Ders.: Nach Russland und anderswo, Frankfurt am Main 1973 (Erstausgabe 1958),
S. 9–72, hier S. 14.

Schon vor wenigen Tagen aus demselben Buch auf Bluesky gepostet: „Der Reinfelder Mond“, zwei gute Seiten Text.

Was schön war, Sonntag, 15. Dezember 2024 – Dreimal Punsch

Gemeinsam aufgewacht, gemeinsam gefrühstückt, gemeinsam in den Zug nach Passau gesetzt und dann gemeinsam auf dem Passauer Chistkindlmarkt Bratwurst gegessen, Punsch getrunken, Punsch getrunken, eine Waffel geteilt, Punsch getrunken, keinen Schokokuss erstanden. Noch kurz bei mir in der Wohnung etwas Coke Zero und Schokolade nachgelegt, dann fuhr F. mit dem Zug wieder gen München und ich blieb am Zweitwohnsitz.

Was schön war, Samstag, 14. Dezember 2024 – Zweimal staunen

Im Lenbachhaus gewesen und eine Ausstellung angeschaut: Aber hier leben? Nein danke. Surrealismus + Antifaschismus. Große Empfehlung.

In der Alten Pinakothek gewesen und eine Ausstellung angeschaut: Rachel Ruysch. Nature into art. Große Empfehlung.

Einen Podcast aufgenommen und drei schöne Weine getrunken.

Was schön war, Freitag, 13. Dezember 2024 – Lesen

ZI-Tag. ZI-Tage sind immer gut.

Was schön war, Donnerstag, 12. Dezember 2024 – Egotrip

Anke für diese Arbeitsstelle,
Anke für jedes kleine Glück,
Anke für alles Frohe, Helle
Und für die Musik!

(Den Ohrwurm habe ich seit gestern, ich gebe ihn in dieser unglaublich clever umgetexteten Version, die mir ebenfalls ernsthaft erst gestern eingefallen ist, hiermit weiter. Gern geschehen. Anke für diesen guten Morgen, Anke für jeden neuen Tag. Harhar.)

Was schön war, Mittwoch, 11. Dezember 2024 – Im Kopf

Sehr vertieft in die Arbeit aka im eigenen Kopf unterwegs gewesen. Ich war vorgestern kurz davor, mir ein Puzzle zu kaufen, um abends was zu tun zu haben, aber dann fiel mir ein, dass ich den ganzen Tag Puzzleteile aneinanderlege, auch wenn die aus kunsthistorischen Details, historischen Fakten und seltsamen Ideen bestehen. Ich bleibe daher bei meinen Handyspielen, bei denen ich gerne bunte Gegenstände wegklicke, indem ich andere bunte Gegenstände von ihnen runterräume.

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Mich wie eine alteingesessene Passauerin gefühlt, als ich dachte: „Meine Güte, ist das voll hier heute. Kaum sind die Sommertouris weg, kommen die Weihnachtsmarkttouris.“ Es gibt anscheinend dazwischen nur so drei, vier Wochen Pause. Oder sind die „Christmas Magic on the Danube“-Flusskreuzfahrten gerade im Angebot?

Was schön war, Dienstag, 10. Dezember 2024 – Onboarding, Glühweining

Im Rathaus mein Onboarding mitgemacht. Das ist zwar einen Hauch spät, weil ich ja schon seit August dabei bin, aber neben mir saßen eben auch Kolleg*innen, die erst seit dem 1. Dezember im Haus sind. Natürlich habe ich trotzdem noch etwas Neues gelernt. Wie eine Krankmeldung funktioniert, wusste ich ja leider schon (stupid Covid), aber ich habe endlich mal gegoogelt, was eigentlich eine kreisfreie Stadt ist.

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Im Zuge des Onboardings wurden wir durch das labyrinthische alte Rathaus geführt, wo ich endlich im großen Rathaussaal das Wandgemälde von Ferdinand Wagner anschauen konnte (zumindest kurz), von dem meine Kollegin mir schon vorgeschwärmt hatte. Außerdem kletterten wir im Dachstuhl rum und bewunderten das Glockenspiel, deren einer Glocke ich auch gleich aus zwei Meter Entfernung zuhören durfte, während die anderen noch auf den Rathausturm stiegen.

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Abends musste ich ein Päckchen aus einer Postfiliale abholen, die zufälligerweise direkt am Weihnachtsmarkt lag, der hier, wie überall in Bayern, natürlich nicht so heißt, aber das gewöhne ich mir nicht mehr an. Vom Backdrop her genauso toll wie Augsburg (hier der Dom, dort das Rathaus), aber viel kleiner. Ich habe allerdings einen ebenbürtigen Glühwein gefunden, auch eine Kolleginnenempfehlung.

Geschlafen wie ein Stein, totale Überraschung.

Was schön war, Montag, 9. Dezember 2024 – Working girl

Gefühlt auf mehreren Baustellen sehr weit gekommen. Das war ein guter Tag.

Was schön war, Sonntag, 8. Dezember 2024 – Kleinkram

Schön: gemeinsam eingeschlafen. Gemeinsam aufgewacht. Gemeinsam gefrühstückt. Dann holte sich Herr F. noch eine Mütze Schlaf, während ich die Kekssorten 3 und 4 in dieser Adventszeit produzierte. Gemeinsam erste Kekse probiert.

Nicht schön: die Trennung nach dem ganzen, total alltäglichen Pärchen-Kleinkram, denn in der Woche bin ich zwar theoretisch Pärchenbestandteil, aber praktisch alleine und 150 Kilometer weit weg. Der Abschied fiel gestern schwerer als sonst, keine Ahnung, warum. (Generelles „Hach, plüschig, Weihnachten! LICHTERKETTEN ÜBERALL“-Gefühl vielleicht, aus dem ich jäh rausgerissen wurde.)

Ich hatte mehrere Vorstellungsgespräche, aus zweien kam ein Angebot, eins davon habe ich angenommen. Ich hatte mich unter anderem auch in Dortmund vorgestellt; aus der Stadt kam kein Angebot, aber theoretisch hätte ich auch da landen können, und dann wären die Wochenenden noch nerviger geworden, weil ich deutlich länger in Zügen hätte sitzen müssen. Wenn schon Wochenendbeziehung, dann in einer Stadt, die drei Stunden per Regionalzug und U-Bahn oder zwei mit dem Auto weg ist und in die stündlich Züge fahren. Ich freue mich einerseits immer total, wieder nach Passau zu fahren, weil mich der Job keine Sekunde langweilt (meine wichtigste Anforderung an Arbeitsstellen oder Aufträge), aber gestern wäre ich gerne in meiner Pärchenbubble geblieben und hätte gemeinsam Kekse essen wollen.

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Falls auch jemand gerade 90 Minuten was Warmes fürs Herz braucht: Hape Kerkeling: Total normal in der ARD-Mediathek. Alleine für die zehn Minuten Hintergrundstory zu „Hallo, ich bin die Beatrix“ lohnt es sich. Ich war überrascht davon, dass Hannilein noch funktioniert. Gern gesehen.

Was schön war, Samstag, 7. Dezember 2024 – Oh Tannenbaum

Jedes Jahr denke ich, so, dieses Mal aber echt nur ein kleines Bäumchen, aber dann komme ich doch wieder mit einsfuffzich Nordmann nach Hause.

Die NYT hat einen schönen Artikel zur Restaurierung von Notre-Dame, die gestern wiedereröffnet wurde. Wer keine Lust auf den Text hat, kann sich an den guten Animationen erfreuen. (Gift Article)

A Miracle: Notre-Dame’s Astonishing Rebirth From the Ashes

„I made it to the roof, where workers were securing the rebuilt spire and new rafters. Jean-Louis Bidet, the technical director of Ateliers Perrault, one of the French companies in charge of the carpenters, told me that each oak tree had been selected to match the contours of the ancient beam it would replace.

The tree was then carved to duplicate the peculiarities of the hand-tooled silhouette of the original, with the medieval carpenter’s mark even tattooed back onto it.

“Faithful” only began to describe the effort, which was not for show. The public won’t get to see the rafters that are now behind the restored ceiling vaults. I spoke with workers who came and went in the pop-up container village behind the apse, which had become headquarters for the restoration and where some of the 2,000 laborers, mostly French but some from elsewhere, picnicked under the trees during lunch.

“Each day we have 20 difficulties,” Philippe Jost, who headed the restoration task force, told me. “But it’s different when you work on a building that has a soul. Beauty makes everything easier.”

I can’t recall ever visiting a building site that seemed calmer, despite the pressure to finish on time, or one filled with quite the same quiet air of joy and certitude. When I quizzed one worker about what the job meant to her, she struggled to find words, then started to weep.“

Wo wir gerade beim Weinen sind: Hier mein fünf Jahre alter Blogartikel, der nach dem Brand entstand, als meine Tränen einer gewissen Genervtheit gewichen waren.

Was schön war, Freitag, 6. Dezember 2024 – Lesen

ZI-Tag. ZI-Tage sind immer gut.

(Nach acht Jahren Studium und Diss, wo ich quasi aus Spaß in der Bibliothek des Zentralinstituts gesessen habe, befriedigt es mich ungemein, endlich Geld dafür zu bekommen, im Bällebad schlauer zu werden.)

Was schön war, Donnerstag, 5. Dezember 2024 – Stadtarchiv

Archivtag. Archivtage sind immer gut.

Was schön war, Mittwoch, 4. Dezember 2024 – Licht in den Bergen

Immer wenn ich morgens mein kleines Auto den Berg herauffahre, freue ich mich auf die Aussicht von oben, ich erwähnte es bereits. Jetzt, wo es morgens dunkel ist, sehe ich zwar die einzelnen Bergketten nicht mehr, aber die Lichter in den Häusern. Und als popkulturell gebildetes Flachlandkind denke ich jedesmal, innerlich gemessen bebend: „The beacons are lit.“ Dann fahre ich heldenhaft weiter in mein warmes Büro und kämpfe auf meine Art gegen das Böse.