Berlin, only ten weeks to go

Ich bin jetzt mit Unterbrechungen seit Mai, Juni, richtig als Wochenendpendler seit Juli in der Stadt. In dieser Zeit habe ich dieses kleine ranzige Städtchen mehr in mein hanseatisches Herz geschlossen als ich mir das vorher hätte träumen lassen. Vor einigen Wochen stieg ich am Montagmorgen wie immer um kurz nach 9 am Hauptbahnhof aus, um die S-Bahn zum Hackeschen Markt zu nehmen. Vom Bahnhof aus kann man schon den Fernsehturm sehen, den ich auch mit ein bisschen Halsrecken aus meinem Agenturfenster sehen kann, und ganz plötzlich dachte ich: zuhause.

Normalerweise denke ich „zuhause“, wenn ich mit dem Auto über die Elbbrücken in die Stadt fahre. Oder wenn ich aus der S-Bahn die Fontäne in der Binnenalster sehe. Oder wenn der Zug nach dem doofen Hamburger Hauptbahnhof, an dem ich nur aussteige, wenn’s nicht anders geht, im kuscheligen Altona ankommt, wo meine erste Hamburger Wohnung war. Neuerdings bin ich aber meist nur noch zwei Tage die Woche in Hamburg, und auf einmal ist die Stadt, in der ich fünf Tage verbringe, zuhause. Beim Anblick des Fernsehturms habe ich gelächelt – und mir sofort gesagt, neinnein, böse Anke, das ist nicht zuhause, ditte ist zwar Balin, wa, wo alle Leute so lustig reden, dass mir immer das Herz aufgeht, aber ditte ist nicht zuhause.

Um Hamburg, meine Perle, nicht zu verstimmen, bezeichne ich Berlin jetzt als mein zweites Zuhause. Das liegt aber nicht nur daran, dass ich neuerdings mehr Zeit an der Spree verbringe als an der Alster. Das liegt auch daran, dass ich hier ein anderes Leben führe als zuhause (ihr wisst schon, das erste).

Ich wohne seit zwei Jahren zum ersten Mal wieder alleine. Das ist mir anfangs gar nicht so aufgefallen, weil ich da in Hotels und Youth Hostels und was sonst noch so frei war, genächtigt habe. Seit Mitte August habe ich aber eine Wohnung – und damit einen Kühlschrank statt Starbucks, einen Staubsauger statt Zimmermädchen und einen Einkaufszettel statt Foodcourt im Alexa. Auf einmal habe ich zwei Haushalte, und einer davon gehört mir ganz alleine. Der Kerl und ich sind jetzt seit fast fünf Jahren zusammen, und heute auf den Tag genau vor zwei Jahren sind wir zusammengezogen. Auf einmal schlafe ich aber wieder alleine ein, ich muss die Daily Show alleine im Internet gucken anstatt mit ihm zusammen im Bett, und ich kann nicht mal eben nach nebenan gehen, um an ihm rumzupuscheln. Mir fällt jetzt erst auf, wieviel Zeit wir miteinander verbringen, wenn ich in Hamburg bin, jetzt, wo ich es eben nicht mehr bin.

Aber so sehr ich diese gemütliche Zweisamkeit vermisse, so sehr genieße ich es auch, wieder allein zu sein. Ich war schon immer gerne allein; ich mag die Ruhe, ich mag es zu wissen, dass niemand um mich rumwuselt. Daher freue ich mich tagsüber immer sehr auf die kleine Butze im Prenzlauer Berg, in der inzwischen ein Berg an DVDs steht, meine Lieblingsmarmelade und mein Körnerkissen für den memmigen Rücken. Und wenn ich da bin und mit dem Kissen im Rücken DVDs gucke, freue ich mich aufs Wochenende, wenn wieder jemand um mich rumwuselt.

Und noch etwas gibt es, was mir die Zeit hier versüßt: Ich sehe Menschen wieder, die ich schon lange nicht mehr oder noch nie gesehen habe. Ein festes Mittagspausendate habe ich mit Herrn ix, der irgendwann angefangen hat, das Nuf mitzubringen. Seitdem testen wir jede Location rund um die Hackeschen Höfe und sehen uns jede Woche. Außerdem tauschen Felix und ich wild DVDs hin- und her, woran auch Herr Niggemeier inzwischen beteiligt ist, mit dem ich übrigens die bisher gackerintensivste Mittagspause verbringen durfte. Gerne wieder. Mit Maike war ich neulich im Kino, mit Frank im Blauen Band, heute abend gehen wir endlich mal zusammen essen, was wir irgendwie seit Mai planen, und ich finde es großartig, Leute wiederzusehen, die ich das letzte Mal vor vier Jahren auf der Blogs!-Lesung gesehen habe. Alexander ist mein Lieblingskinopartner geworden, und vor kurzem habe ich Stefan zum ersten Mal getroffen, dessen (inzwischen eingestelltes) Blog ich vor fünf Jahren immer gelesen habe. Vielleicht schaffen es auch Herr Dahlmann und ich mal, zur gleichen Zeit in Berlin zu sein; wir arbeiten dran. Ein Berliner Blogger, den ich vorher noch nicht kannte, hat mal geschrieben, dass er es lustig findet, dass ich anscheinend jeden Tag unter seinem Bürofenster langlaufe – was ich spannend finde, dass nicht nur die Berliner Einfluss auf mich haben, sondern ich auch auf sie.

Ich lerne gerade vieles zu schätzen, das mir gar nicht mehr aufgefallen ist. Ich lerne durch die Selbständigkeit wieder zu schätzen, wieviel Spaß mir mein Job macht. Ich gehe morgens nicht mehr in die Agentur, weil ich muss, sondern weil ich es mir ausgesucht habe, weil ich bewusst ja zu dieser bestimmten Buchungszeit gesagt habe. Ich lerne meine Beziehung wieder zu schätzen, aber ich finde es auch sehr beruhigend zu wissen, dass ich alleine noch wunderbar klarkomme. Ich merke, dass ich eine viel zu große Wohnung in Hamburg habe – und wie wenig ich mein Auto eigentlich brauche, auf das ich hier in Berlin freiwillig verzichte. Ich bin verliebt in die Berliner Tram und finde die Hamburger S-Bahnen auf einmal total doof. Ich merke, wie sehr es mir fehlt, täglich mit dem Kerl über Blödsinn zu reden, aber ich finde es schön, dass ich hier wieder etwas mehr Sozialleben habe bzw. mehr mache, um eben nicht nur DVDs auf dem Sofa zu gucken (not that there’s anything wrong with that). Ich merke auf einmal, wie gut ich es in vielen Belangen habe. Balin, wa? Du alte Rotznase. Dit jeht auf deine Kappe.

Kiskaloo von Chris Sanders. Via Teilzeitgigants Gezwitscher.

(Hätte ich noch Kommentare, wäre dieser Eintrag wegen zu vieler Links im Spamfilter gelandet.)

Wo hier gerade die Benjamin-ButtonTrailer auftauchen: In der Kurzgeschichtensammlung Tales of the Jazz Age, in der auch die Button-Story steht, hat F. Scott Fitzgerald vor einige der Geschichten ein paar Anmerkungen geschrieben, die er für wichtig hielt. Hier die zu Button:

„This story was inspired by a remark of Mark Twain’s to the effect that it was a pity that the best part of life came at the beginning and the worst part at the end. By trying the experiment upon only one man in a perfectly normal world I have scarcely given his idea a fair trial. Several weeks after completing it, I discovered an almost identical plot in Samuel Butler’s Note-books. The story was published in Collier’s last summer and provoked this startling letter from an anonymous admirer in Cincinnati:

Sir–
I have read the story Benjamin Button in Collier’s and I wish to say that as a short story writer you would make a good lunatic. I have seen many pieces of cheese in my life but of all the pieces of cheese I have ever seen you are the biggest piece. I hate to waste a piece of stationary on you but I will.“

Inzwischen kann man ja fast jede Fotostrecke vom Boston Globe verlinken. Ich spar mir das und verlinke auf die Hauptseite: The Big Picture.

2008 in Büchern: Juli bis September

Eric Hobsbawm – Das imperiale Zeitalter

Bisschen sehr links eingefärbt, aber das konnte man ahnen, wenn man sich die Biografie des Verfassers durchgelesen hat. Als Einstieg nicht ganz zu empfehlen, aber wenn man in der Schule mit halbem Ohr mitgehört hat, was dieser komische Imperialismus war, liest sich’s ganz gut weg. Teilweise sehr detailreich, teilweise etwas wuselig. Ich hab irgendwann nur noch die Kapitel gelesen, die mich interessiert haben und den Rest übersprungen.

Steve Dublanica/The Waiter – Waiter Rant

Das Blog Waiter Rant ist eins der wenigen, das ich vom ersten Post an verfolgt habe und bis heute lese. Klar, dass ich mir auch das erste Buch vom Kellner, der damit seine Anonymität aufgegeben hat, gekauft habe. Hm. Hätte ich vielleicht lassen sollen. Wer das Blog kennt, erfährt nicht viel Neues. Eigentlich gar nichts Neues. Ich hab’s nicht überprüft, aber die Buchkapitel lesen sich wie einige schon veröffentlichte Blogeinträge, die er auf Teufelkommraus gestreckt hat. Und seltsamerweise ist mir der Mann, den (oder dessen Blogpersönlichkeit) ich immer sehr gerne mochte, mit dem Buch ein bisschen unsympathischer geworden. Das liegt vor allem an dem Kapitel, das sich mit seinen Rauswurf aus dem Restaurant befasst, das im Blog immer The Bistro genannt wird (und inzwischen als Lanterna identifiziert wurde). Da kommt der Gute nämlich als ganz schöne Diva rüber, was im Blog ganz anders ist.

Brigitte Hamann – Elisabeth – Kaiserin wider Willen

Biografie vom Sissilein, das natürlich ganz anders war als die schnuffige Heimatfilmvariante. Ich fand das Buch nicht ganz so gelungen wie eine andere Biografie Hamanns, nämlich die von Winifred Wagner, obwohl letzterer weit weniger Materialien zugrunde lagen. Elisabeth redet zwar dauernd davon, wie begabt und klug und intelligent die Kaiserin war, aber im Endeffekt bleibt dann doch nur „überspannt, depressiv, magersüchtig“ hängen. Was die Dame wahrscheinlich nicht verdient hat. Ab und zu hätte ich mir auch ein besseres Lektorat gewünscht, damit einem unglaublich aufsehenerregende Fakten nicht zweimal auf zwei aufeinanderfolgenden Seiten als unglaublich aufsehenerregend präsentiert werden. Trotzdem fand ich das Buch lesenswert, weil es genügend politische und gesellschaftliche Hintergründe liefert, um Elisabeth einordnen zu können, ohne ein überfrachtetes Geschichtsbuch zu werden.

Stefan Aust – Der Baader-Meinhof-Komplex (Neuauflage)

Kannte ich ja schon; die Originalausgabe aus den 80ern steht zuhause im Regal – und liest sich ganz genauso. Es ist zu lange her, dass ich das Buch das erste Mal gelesen habe, daher kann ich nicht sagen, was sich groß verändert hat, welche neuen Erkenntnisse nun genau in die Überarbeitung eingeflossen sind. Das Buch ist immer noch eine unglaublich dichte Sammlung an Ereignissen, Gerichtsszenen, Beschreibungen der Personen und ihrer Umstände, sowohl in Freiheit als auch im Gefängnis und vielen, vielen Zitaten, die in ihrer Gesamtheit ein sehr umfassendes Bild der RAF zeichnen. Und: Es gibt endlich Bilder. Ich mag Worte zwar sehr gerne, aber gerade bei historischen Stoffen finde ich es sehr schön, Gesichter zu den Geschichten zu haben, Momentaufnahmen, Hintergrund eben. Ich habe die Neuauflage noch nicht komplett durch, aber mir fehlt bisher ein Satz, den ich mir vom ersten Mal gemerkt hatte. Ich weiß nicht, warum ich mir ausgerechnet den gemerkt habe, aber nun gut. Baader behauptete ja immer gerne, dass die RAF Rückhalt in der Bevölkerung finden würde und zitierte gerne eine Umfrage, in der 25% der Befragten meinten, sie würden flüchtigen RAF-Mitgliedern zeitweilig Unterschlupf gewähren. Gleichzeitig spottete er aber über die Nachwuchsterroristen und Sympathisanten, die (Zitat ohne Gewähr) zwar gerne mit ner Knarre durch Deutschland rennen würden, sich aber nicht mal trauen würden, schwarz zu fahren.

Sarah Palin N*ked, Michael Seitzman, aus der HuffPo:

„Stop voting for people you want to have a beer with. Stop voting for folksy. Stop voting for people who remind you of your neighbor. Stop voting for the ideologically intransigent, the staggeringly ignorant, and the blazingly incompetent.

Vote for someone smarter than you. Vote for someone who inspires you. Vote for someone who has not only traveled the world but who has also shown a deep understanding and compassion for it. The stakes are real and they’re terrifyingly high. This election matters. It matters. It really matters. Let me say that one more time. This. Really. Matters.“

(Ja, ist schon ein paar Tage alt, aber nach ihrem ständigen „I can see Russia from my house“-Gequatsche kann man das ruhig nochmal posten.)

Nachruf der NYT auf Paul Newman, 26.01.1925–26.09.2008.

“From the makers of Mighty Ducks and Syrianna: Head of Skate, The Sarah Palin Disney Movie.”

(Danke, Elsa)

Einstein on clothes: „(…) Max Planck, Rabindranath Tagore, Heinrich Mann, Chaim Weizmann and Käthe Kollwitz, made the pilgrimage to Caputh to see Einstein, and some were shocked to find him warmly greeting them barefoot and in his sailing shirt. When Elsa Einstein complained about his informality, Einstein said, “If they want to see me, here I am. If they want to see my clothes, they can look in my closet.”

(Blog gefunden via gig.antville)

„Schon bei unserem ersten Telefonat hatte ich ein seltsames Gefühl. Ja, er würde in den Süden fahren am Freitag, da sei noch ein Platz, kein Problem, 6 Euro pro 100 Kilometer. Ich war also pünktlich am verabredeten Treffpunkt, die anderen beiden (D. und M.) waren überpünktlich und grinsten. T. erschreckte sich ein wenig in seinem quietschorangefarbenen Lacoste-Polohemd mit hochgestelltem Kragen, als ich ihm zur Begrüßung die Hand geben wollte. Es ging dann auch gleich los, wir verteilten uns und ich kann mir vorstellen, T. fühlte sich ein bisschen gut mit drei Mädels im Auto und ihm selbst am Steuer. Das obligatorische „Was machst du so?“ war gerade in Gang gekommen, als ich zum ersten Mal das Fenster öffnete, weil ein beißender Geruch mir in die Nase stieg.“


©Constantin Film

Der Baader-Meinhof-Komplex (Deutschland 2008, 150 min)

Darsteller: Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Johanna Wokalek, Bruno Ganz, Nadja Uhl, Hannah Herzsprung, Nils-Bruno Schmidt, Stipe Erceg, Vinzenz Kiefer, Simon Licht, Jan Josef Liefers, Heino Ferch, Bernd Stegemann, Tom Schilling, Hassam Ghancy
Musik: Peter Hinderthür, Florian Tessloff
Kamera: Rainer Klausmann
Drehbuch: Bernd Eichinger, nach dem gleichnamigen Buch von Stefan Aust
Regie: Uli Edel

Trailer

Offizielle Seite

Der Baader-Meinhof-Komplex (ich habe die fehlenden Bindestriche mal gewagt zu ergänzen – die hätten übrigens den Untertiteln ab und zu auch ganz gut getan) erzählt einen Ausschnitt aus der Geschichte der RAF; angefangen mit den Studentenunruhen der 60er Jahre, Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke, der Schahbesuch in Berlin, Ulrike Meinhofs Kolumnen in der konkret, der Frankfurter Kaufhausbrand, die Haft Andreas Baaders und seine Befreiung, mit der die RAF in den Untergrund ging. Der Film endet mit der Entführung der Landshut und der Ermordung Hanns Martin Schleyers. Und wer jetzt mit all diesen Schlagworten was anfangen konnte, konnte auch mit dem Film was anfangen. Ich weiß nicht, ob das ich gemeine Kinopublikum jetzt total unterschätze, aber ich glaube, wer sich mit diesem Teil der deutschen Geschichte nicht schon ein bisschen beschäftigt hat, wird sich am Ende fragen, was das alles eigentlich sollte.

Der Film beginnt wie ein Actionfilm: Es geht auf der Demo gegen den Schahbesuch gleich richtig zu Sache, Benno Ohnesorg ist kaum auf der Leinwand erschienen, da ist er auch schon tot, aber danach wird das Tempo netterweise etwas zurückgenommen. Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof bekommen immerhin ein paar Minuten Hintergrundgeschichte, während Andreas Baader einfach irgendwann da ist. Was mir im Buch von Stefan Aust, auf dem der Film beruht, immer etwas gefehlt hat, waren nachvollziehbare Begründungen, warum z.B. aus Ulrike Meinhof wurde, was sie eben wurde. Wie vollzog sich die Wandlung von einer politisch Interessierten zu einer politisch Radikalisierten bis zur bewaffneten Terroristin? Der Film bietet einige Ansätze, zitiert aus Meinhofs Schriften und lässt auch Ensslin und Baader zu Wort kommen, ohne allzu sehr in den nervigen RAF-Slang abzugleiten.

Überhaupt wird der politischen Diskussion bzw. dem politischen Rahmen dieser Zeit genug Platz gegeben, um zu wirken. Die Zustände in der Bundesrepublik werden mit simplen Montagen und Nachrichtenausschnitten ins Weltgeschehen eingeordnet, die Demonstrationen der Studenten gegen den Vietnamkrieg wirken weniger verloren, wenn sie Bildern von Napalmabwürfen gegenübergestellt werden. So wird das Phänomen RAF ein wenig geerdet, man beginnt nachzuvollziehen, was vielleicht passiert sein könnte. Trotzdem besteht nie die Gefahr, den Parolen zu verfallen – dafür sorgen teilweise sehr drastische Bilder der Gewalt, mit denen die RAF die Bundesrepublik erschüttert hat. Aber auch die Staatsaktionen werden bebildert: die brutale Zwangsernährung Holger Meins’ oder der überharte Polizeieinsatz gegen Studenten.

Das Problem am Baader-Meinhof-Komplex: Er kann nichts zeigen, was nicht schon bekannt ist. Gut, das mag generell das Dumme an historischen Stoffen sein, dass man das Ende der Geschichte schon kennt. Aber hier habe ich schlicht einen gewissen Spannungsbogen vermisst, der auch nicht dadurch wettgemacht wird, dass der Film nach anfänglich gutem Tempo plötzlich nur noch hektisch ist, weil er so viel unterbringen will. Das macht sich besonders im letzten Teil des Films, nach dem Tod Ulrike Meinhofs, bemerkbar, als der Daseinszweck der RAF sich langsam verlagert vom politischen Kampf zur gefühlten Priorität Gefangenenbefreiung. Ich hatte das Gefühl, dass jetzt auf Teufel komm raus noch alles untergebracht werden musste, was man eben so kennt: Buback, Ponto und dann das große Finale in Somalia. Einerseits fand ich es bemerkenswert, dass der Film so viel Wert auf Genauigkeit legt; andererseits war genau das sein Problem. Hätte man die gleiche Detailtreue wie das Buch gezeigt, hätte Der Baader-Meinhof-Komplex acht Stunden gedauert – dann hätte er allerdings auch die Chance gehabt, so großartig zu werden wie z.B. das Fernsehspiel Todesspiel, das sich „nur“ auf die Landshut und Schleyer konzentriert hat.

Zum Ende hin wurden dann plötzlich auch die Stilmittel, die den Beginn der RAF so clever dokumentiert hatten, eher nervig. Die ewigen Zusammenschnitte aus der Tagesschau, die teilweise nur noch aus Satzfetzen bestanden, Bilder, die kurz aufflackerten, ach ja, der Pilot und dann war da ja auch noch die Botschaft in Stockholm und das Olympia-Attentat und nebenbei geht der Prozess in Stammheim weiter … auf einmal wurde aus einem ambitionierten Film über eine ganz besondere Zeit eine banale Nummernrevue, die komplett die Kraft verloren hatte. Und als ob sich der Film dessen bewusst war, flackerte nochmal Dramatik auf: allerdings sehr künstlich und meiner Meinung nach völlig überzogen. Die Ermordung der Begleiter von Hanns Martin Schleyer wird gefühlt stundenlang zelebriert, da wird geschossen, als wolle man eine halbe Stadt hinrichten. Danach bekommt Schleyer nur noch wenig Zeit auf der Leinwand, denn nun spielt der Film – gezwungenermaßen historisch korrekt – an so vielen Schauplätzen auf einmal, dass er völlig zerfasert. Die Gefangenen in Stammheim werden zur Staffage, und damit geht der Film endgültig in die Knie.

Ich hätte mir gewünscht, der Film wäre mit dem Tod Ulrike Meinhofs zu Ende gewesen. Vielleicht hätte der Titel des Films dann anders lauten müssen, vielleicht hätte man dann nicht noch 500 tolle Schauspieler mit klangvollen Namen im Abspann gehabt, die teilweise nur ein oder zwei Sätze sagen durften – vielleicht wäre der Film dann aber so gut geblieben wie er anfangs war. Und vielleicht hätten dann auch Zuschauer, die vorher keine große Ahnung von der RAF hatten, nun etwas mehr über sie gewusst. So bleibt nur die vage Vorstellung einer völlig neuen Herausforderung an den Staat – aber warum sie im Endeffekt gescheitert ist, muss man sich nach dem Film anlesen.

Wieder großes Kino gestern in der Daily Show. Diesmal ging’s, logisch, um die Finanzkrise und den wie meist relativ ratlosen Mr. President:

„We all know he’ll never be ranked as the best president. But he could still … if he worked hard enough …“

„Be the worst?“

„The last.“

Zwei spannende Interviews, beide bei Lu gefunden.

1. „Ich kam mir vor wie ein Pitbull.“: Balian Buschbaum hieß noch vor einem Jahr Yvonne Buschbaum. Sie war wohl die talentierteste deutsche Stabhochspringerin, wurde Junioren-Europameisterin und EM-Dritte, bevor Verletzungen sie bremsten. Um das „Leben im falschen Körper“ hinter sich zu lassen, entschloss sie sich zu einer Geschlechtsumwandlung. Seit 2007 bekommt Balian alle zwei Wochen Testosteron. Weil das Sexualhormon auch ein Dopingmittel ist, musste Buschbaum die Karriere beenden. Trotz der Trainingsreduzierung ist die Leistungsfähigkeit gestiegen, schildert Buschbaum die Wirkung von Testosteron im ersten Erfahrungsbericht einer früheren Spitzensportlerin.

2. „Ich habe den Tod gespürt, er saß in mir. Ich habe gekämpft.“ Christoph Schlingensief über sein Leben mit dem Lungenkrebs.

„Junge, was bist du groß geworden!“

(via Stefans Gezwitscher)

Aaron Sorkin hat einen wunderbaren Dialog zwischen Ex-Präsident Bartlet und dem hoffentlich zukünftigen Präsidenten Obama geschrieben:

„OBAMA: The problem is we can’t appear angry. Bush called us the angry left. Did you see anyone in Denver who was angry?

BARTLET: Well … let me think. …We went to war against the wrong country, Osama bin Laden just celebrated his seventh anniversary of not being caught either dead or alive, my family’s less safe than it was eight years ago, we’ve lost trillions of dollars, millions of jobs, thousands of lives and we lost an entire city due to bad weather. So, you know … I’m a little angry.

OBAMA: What would you do?

BARTLET: GET ANGRIER! Call them liars, because that’s what they are. Sarah Palin didn’t say “thanks but no thanks” to the Bridge to Nowhere. She just said “Thanks.” You were raised by a single mother on food stamps — where does a guy with eight houses who was legacied into Annapolis get off calling you an elitist? And by the way, if you do nothing else, take that word back. Elite is a good word, it means well above average. I’d ask them what their problem is with excellence. While you’re at it, I want the word “patriot” back. McCain can say that the transcendent issue of our time is the spread of Islamic fanaticism or he can choose a running mate who doesn’t know the Bush doctrine from the Monroe Doctrine, but he can’t do both at the same time and call it patriotic. They have to lie — the truth isn’t their friend right now. Get angry. Mock them mercilessly; they’ve earned it. McCain decried agents of intolerance, then chose a running mate who had to ask if she was allowed to ban books from a public library. It’s not bad enough she thinks the planet Earth was created in six days 6,000 years ago complete with a man, a woman and a talking snake, she wants schools to teach the rest of our kids to deny geology, anthropology, archaeology and common sense too? It’s not bad enough she’s forcing her own daughter into a loveless marriage to a teenage hood, she wants the rest of us to guide our daughters in that direction too? It’s not enough that a woman shouldn’t have the right to choose, it should be the law of the land that she has to carry and deliver her rapist’s baby too? I don’t know whether or not Governor Palin has the tenacity of a pit bull, but I know for sure she’s got the qualifications of one. And you’re worried about seeming angry? You could eat their lunch, make them cry and tell their mamas about it and God himself would call it restrained. There are times when you are simply required to be impolite. There are times when condescension is called for!“