Was schön war, Dienstag, 16. August – In Kunst wühlen

Meine zweite Hausarbeit in diesem Semester beschäftigt sich mit dem Maler und Grafiker Leo von Welden. Über den Herrn gibt es recht wenig Forschungsliteratur, was daran liegen könnte, dass er, wenn überhaupt, nur eine lokale Bekanntheit genießt, Rosenheim, Bad Aibling, Feilnbach, eventuell noch München. Ich hatte seinen Namen noch nie gehört, als ich ihn in der Themenliste für unser Rosenheim-Seminar entdeckte, nahm ihn einfach, weil ich mich mal mit einem Künstler auseinandersetzen wollte und nicht mit einem Sachthema (Kunstkritik in der NS-Zeit, Architektur der Galerie Rosenheim – okay, das hätte ich auch sofort genommen, aber das wollte noch jemand anders –, Provenienzforschung, Kunstverein Rosenheim, Max Bram etc.).

Die wenige Literatur besteht hauptsächlich aus Ausstellungskatalogen, in denen fast ausschließlich Freunde und Bekannte von Weldens zu Wort kommen, die ihn natürlich ganz großartig aussehen lassen. Die einzige kunsthistorische Auseinandersetzung ist das Buch von Ingrid von der Dollen von 2008, die Vorsitzende des Förderkreises Expressiver Realismus ist, ein Label, das sie auch von Welden überstülpt und mit dem ich einige Probleme habe (nicht nur ich). In ihrem Buch drückt sie sich komplett um die Große Deutsche Kunstausstellung und befasst sich hauptsächlich mit seinem Spätwerk nach 1945.

Wenn man von Weldens Entwicklung extrem knapp überreißen würde, könnte das so aussehen: Akademieausbildung 1920 bis 1925 in München, viel Grafik und Radierungen. Danach Grafik und Öl, Ausstellungen in Berlin und Stuttgart, dazu die GDK. Nach 1945, meiner Meinung nach eher aus ökonomischen denn aus künstlerischen Gründen Arbeiten in Caparol, eigentlich eine Wandfarbe, die von Welden kurzerhand als Malfarbe nutzte und die ihn für mich auch kunsthistorisch spannend werden lässt, weiterhin viele Zeichnungen, Grafiken und Aquarelle. Von Anfang an bis in die 1950er Jahre hinein hat er ausschließlich figürlich gearbeitet, dann, im Zuge der Neuausrichtung der Kunst in der Bundesrepublik, begann er zusätzlich mit abstrakten Werken, die aber noch nirgends publiziert wurden und von denen ich nur einige wenige Bilder kannte, die ich in Zeitungsartikeln zu Ausstellungseröffnungen rund um Rosenheim als Bebilderung in schwarzweiß und pixelig gesehen hatte. Von der Dollen ist die gesamte Abstraktion nur eine Fußnote wert, vermutlich weil sie auch das Label als expressiver Realist ein bisschen ankratzen würde.

Gestern hatte ich die Gelegenheit, im Nachlass von Weldens zu stöbern. Seine Tochter, knapp 80, wartete mit Butterbrezn und Wasser auf mich, die ich bitter nötig hatte, weil ich morgens vergebens dem Zug hinterhergerannt war, den ich verpasste, weil meine U-Bahn ausgefallen war. Wie im schlechten Film: vier Rolltreppen im Bahnhof hochgehechtet, dann gehumpelt-gehüpft zum Gleis (ich kann ja nicht richtig laufen wegen uralter Bandscheiben-OP, egal, dann hüpfe ich halt), wo der Zug noch stand, ich erwischte den letzten Wagen, drückte auf den Türöffner, der aber schon nicht mehr grün leuchtete, und noch während ich sinnlos auf den Knopf hämmerte, setzte sich der Zug in Zeitlupe in Bewegung, und ich war pissig und sinnlos verschwitzt. Dann spuckte mir die Bahn-Website auch noch eine Verbindung aus, die es nicht gab (ich fragte lieber noch mal nach, denn in der MVV-App wurde sie nicht angezeigt), schließlich fand ich eine Verbindung, die es gab und meldete mich kleinlaut bei meiner Gastgeberin, dass ich mich um eine Stunde verspäten würde. Das sei alles kein Problem, sie kenne das, sie sei ja auch Zugfahrerin. Ein Stündchen später genoss ich dann gefühlt umsonst, weil Semesterticket, die malerische Strecke zwischen Freising und Moosburg, wo sich überdachte Holzbrücken mit geweißten Kirchleins abwechselten. Verdammtes Klischeebayern, you are so pretty.

Ich betrat dann ein bisschen nervös das Atelier, wo Mappen um Mappen auf mich warteten, gerahmte Bilder, ungerahmte Bilder, Schubladen voller Grafiken und noch mehr Mappen und Mappen. Damit begann ich dann auch: Ich wollte gerne die abstrakten Werke sehen. Ich blätterte ein Werk nach dem nächsten durch, guckte, ordnete im Kopf ein, versuchte Ähnlichkeiten oder Referenzen an das Werk zu erkennen, das ich bereits abgespeichert hatte, fotografierte einiges, was für mich herausstach, und fand es sehr aufregend, Werke zu sehen, die ich eben noch nie gesehen hatte, weil sich noch niemand die Mühe gemacht hatte, sie auszuwerten. Das werde ich leider auch nicht leisten können, weil es schlicht zu viel für eine kleine Hausarbeit ist, aber sie haben mein Bild vom Gesamtwerk von Weldens entscheidend verdichtet.

Danach besah ich mir noch Radierungen aus seiner Studienzeit und versuchte vor allem die Zeit vor 1943 aufzufüllen; 1943 war das von Welden’sche Atelier in der Amalienstraße (quasi gegenüber vom heutigen Historicum) durch einen Bombentreffer zerstört worden und damit ein Großteil seiner Werke. Wir blätterten durch Fotoalben, wo ich auch Neues entdeckte, ich bekam alle Kataloge geschenkt, die ich zwar auch im ZI und in der Stabi habe, aber jetzt habe ich sie zuhause, ha! und ganz zum Schluss erhielt ich noch die Abschrift eines Schriftstücks, das ich für sehr wichtig halte. Die meines Wissens nach einzige Ablehnung, die von Welden zur NS-Zeit bekam (außer den Bildern auf der GDK, die nicht angenommen wurden), stammte vom Kunstverein Freiburg, der von Weldens Freund, der dessen Bilder vorgelegt hatte, 1937 schrieb:

„Unterdessen haben die Herren die Graphik von Welden angesehen. Man war allgemein der Meinung, dass es sich um eine Begabung handelt, aber man hatte das Bedenken, dass die Groteske, zu der er neigt, leicht Anlass gibt[,] uns der Unterstützung einer Kunst zu bezichtigen, die den „Untermenschen“ zum Objekt der Darstellung habe.“

Das Zitat hatte ich in Auszügen schon bei Frau von der Dollen gelesen, wollte es aber gerne im Kontext haben. Ich fand es sehr spannend, dass der Verein sich selbst nicht ganz so klar darüber ist, was eigentlich ein sogenannter „Untermensch“ ist, sonst hätten sie ihn nicht in Anführungszeichen gesetzt, und ob sich dieser Typus dann überhaupt in von Weldens Grafiken zeigt. Im Brief wird auch noch von einem Wechsel in der Kreisleitung geschrieben, was für mich darauf hindeutet, dass der Kunstverein noch nicht so recht weiß, welcher neue Wind jetzt in Freiburg weht und was man noch ausstellen kann und was nicht – wieder ein Beleg für die sehr inkonsistente NS-Kunstpolitik, die niemals eine Art Ratifizierungskatalog darüber erstellt hat, was denn nun deutsche Kunst sei. Die einzigen, auch eher weichgefassten Kriterien waren höchstens die, was keine deutsche Kunst sei, aber auch hier waren sich nicht alle einig. (Ich schrieb schon mal kurz über den Fall Rudolf Belling, der gleichzeitig in der Ausstellung über „entartete“ Kunst und in der GDK hing.)

Nach knapp vier Stunden waren mein Kopf voll und meine iPhone-Kamera leer. Das war ein sehr hilfreicher und spannender Tag, der mein Gesamturteil über von Welden verfestigte und an einigen Stellen schön ausbauen konnte. Ich schreibe das mal eben alles auf – auch die Dinge, die ich hier im Blog nicht aufschreibe, weil ich sie brav wissenschaftlich einordnen will. Dafür müsst ihr dann die Hausarbeit lesen, SO SORRY! (Hehe.)

Was schön war, Montag, 15. August 2016

Ich habe erstmals Feedback auf kunsthistorische Texte bekommen, die ich nicht für die Uni geschrieben habe. Also Feedback im Sinne von Lektoratskorrekturen sowie einem abschließenden Urteil von derjenigen, der ich den Auftrag zu verdanken habe.

Die Korrekturen waren für mich spannend, weil sie offensichtlich von jemandem kamen, der sich mit dem betreffenden Feld der Kunstgeschichte gut auskennt; sie haben meinen Text deutlich besser gemacht. Auf 36 Seiten habe ich bis auf eine einzige Korrektur alles abgenickt. Ich mag es, wenn man sieht, was aus den eigenen Worten werden kann, wenn noch jemand anders drübergeht, und so viel professionelle Distanz muss sein, dass man jemandem vertraut, der einem sagt, nee, Hase, lass uns diesen Satz mal komplett umbauen, denn meisten hat derjenige recht, während man selbst vor lauter Worten den Punkt am Ende des Textes nicht mehr sieht. Schmerzhaft grinsen musste ich darüber, dass ein Werk laut meinen Worten „Potenz“ statt „Potenzial“ hat, irgendwas zu werden, was natürlich geändert wurde.

Auch aus diesem Grund – alberne Wortfindungsstörungen – lasse ich meine Uni-Arbeiten gegenlesen. Nur im Blog müsst ihr mit der ungefilterten Anke leben, aber das scheint auch ganz okay zu sein, schließlich kriege ich Bücher und Schnaps von euch.

Das abschließende, sehr gute Feedback per Mail hat mich dann mit freudig roten Bäckchen vor dem Rechner sitzen lassen. Ich habe etwas länger darüber nachgedacht, warum mich dieses Lob so gefreut hat, denn dass ich anscheinend einen guten Job mache, durfte ich schon öfter hören. Es fiel mir erst Stunden später ein: weil es das erste Lob war, das mein altes mit meinem neuen Leben verbindet. Dass ich ein disziplinierter Textprofi bin, der für Geld mit Deadlines und Korrekturanforderungen klarkommt – geschenkt. Aber dass ich inzwischen auch fachlich korrekte und gut lesbare kunsthistorische Texte abliefern kann, die nicht nur meine Dozierenden freundlich abnicken – das war neu.

Tagebuch, Sonntag, 14. August 2016

Meine Oma hätte heute Geburtstag gehabt, aber ich weiß peinlicherweise nicht, welchen. Könnte der 100. gewesen sein. Papa fragen.

Lange geschlafen, im Bett noch mit F. über die künstlerische und politische Situation in München in den 1920er Jahren diskutiert. Ich nähere mich im Kopf gerade auf unterschiedlichen Wegen Herrn von Welden, der von 1920 bis 1925 an der Akademie der Bildenden Künste studiert hat. Ich hatte schon über die eher klassische Ausbildung an der Akademie gelesen, möchte darüber aber noch mehr erfahren, vor allem über seine Lehrer. Ich bin immer noch fasziniert davon, dass von Welden in einer so turbulenten Zeit wie der Weimarer Republik trotzig weiter wie im 19. Jahrhundert malte, wobei ich mich bei diesen Gedanken immer frage, ob das nicht vielleicht viele gemacht haben und wir heute nur diejenigen in den Katalogen finden, die neu und aufregend waren, die sich neuen Themen angenommen haben und diese ungesehen umgesetzt haben. Aber wo sind dann die anderen? Wo finde ich deren Bilder – also einfacher als mich durch die gesamte oben verlinkte Matrikelliste zu klicken und jeden Namen im Kubikat zu suchen? Und: Sind die überhaupt wichtig? Muss nicht jede*r Künstler*in für sich alleine auch wertvoll sein? Oder entsteht Kunst nur im Vergleich mit anderen? Brauchen wir schlechte Bilder, um die guten zu erkennen?

Ich weise mal wieder turnusmäßig auf den Artikel der Washington Post hin, wo Weltklassegeiger Joshua Bell sich erfolglos in eine U-Bahn-Station gestellt hat, weil kaum jemand bemerkte, wer oder wie da jemand auf einer Stradivari spielt.

Nachmittags weiter Lektoratskorrekturen überprüft, ein bisschen was neu geschrieben. Weiter über Leo nachgedacht. Ein bisschen Turnen geguckt und vom sehr unaufgeregten und technischen Kommentar im ZDF beeindruckt gewesen. Danach den Supercup nicht ertragen, gelangweilt ausgeschaltet.

Kekse gebacken und mal wieder meinen Ofen in Hamburg vermisst. Der Münchner Ofen ist so beknackt, dass ein Blech voller Kekse im hinteren Teil des Ofens fast verbrannt ist, bevor der vordere durchgebacken ist. Nervscheiß. Aber immerhin als Nachtrag zum eigenen Rezept gemerkt: Ja, ein Teelöffel Kaffee mehr in den Teig sorgt sehr locker dafür, dass alles nach Kaffee schmeckt. (Die Kekse aus dem hinteren Teil des Ofens bringen auch noch ein interessantes Röstaroma mit.)

Was schön war, Samstag, 13. August 2016

Den Kopf ausmachen, nichts berufliches lesen, nichts für die Uni lesen, lange schlafen, Olympia gucken, dank der Rolläden und meiner konsequenten Fenster-zu-Politik eine kühle Wohnung haben, während es draußen 26 Grad warm war. Abends zum Lieblingsmenschen gehen (schmerzfrei, entspannt, im eigenen Tempo, im Flatterrock und mit unfassbar unmodernen, aber herrlich bequemen Trekking-Sandalen), auf dem Alten Nordfriedhof mal wieder ein wunderschön von Moos bewachsenes Grab sehen, das mir noch nie aufgefallen war … (gleich mal instagrammen) …

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… ein paar Pokémon fangen, dann den Abend zu zweit (ohne Pokémon) auf dem Balkon verbringen, meine mitgeschleppte Guacamole mit Brezn essen, Pfefferkäse, Gemüsesticks, Sauvignon blanc und Sonnenuntergang. Gemeinsam einschlafen.

Liebes Tagebuch, das war ein sehr schöner Tag, an dem ich quasi nichts Sinnvolles gemacht habe außer glücklich zu sein. Moment, ich streiche das „nichts Sinnvolles“ mal extra dick durch.

#12von12 im August 2016

Die anderen 12von12er gibt’s wie immer bei Caro.

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Um kurz vor 6 aufgewacht (ZU FRÜH!). Nach 20 Minuten rumliegen und warten, dass ich wieder müde werde, aus dem Bett gekrabbelt und aus F.s Dachfenstern über die Maxvorstadt geguckt. Foto gemacht, wieder ins Bett gegangen und weiter dem Regen auf den schrägen Fenstern und der Tram zugehört, zwei Geräusche, die ich in meiner Wohnung nicht habe. Rumgedöst.

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Um kurz nach 8 dann doch aufgestanden. Erstmal den Brief mit den zwei ausgedruckten Versionen der Geschichtshausarbeit über Kindheit im 19. Jahrhundert eingeworfen, was ich vorgestern abend natürlich vergessen hatte. Der Dozent bekommt zusätzlich noch eine digitale Version, die dann durch die Plagiatssoftware gejagt wird. Das möchte aber jede*r Dozent*in anders haben – digital ja, ausgedruckt nicht immer, wenn doch, wieviele Exemplare –, deswegen ist das auch eine der beliebtesten Fragen am Ende der Vorlesungszeit: Wie hätten Sie’s denn gern?

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Auf dem Weg ein neues Pokémon gefangen, das ich wenige Stunden später schon einsetzen konnte. Die einzige Arena, die mir etwas bedeutet, auch wenn sie mir noch nie gehört hat, sind – natürlich – die Propyläen am Königsplatz. Diese Arena ist immer blau, wenn ich vorbeikomme – aber gestern nicht. Ich war auf dem Weg zum Zentralinstitut für Kunstgeschichte und stellte entsetzt fest, dass meine liebsten Klötze in hässlichem Gelb erstrahlten. Ich habe noch keinen einzigen Kampf gewonnen, vermutlich weil ich total memmige Pokémon habe und auch nicht wirklich weiß, was ich überhaupt tue, aber ich forderte den Gelbling zum Kampf, schickte hektisch meine tollsten fünf Pokémon in den Ring, konnte auch ein paar Treffer landen – verlor aber wie immer und schlich geknickt von dannen. Als ich ein paar Stunden später wieder zurückkam, war die Arena aber wieder blau. Mein Team rockt!

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Aber noch war ich nicht am Königsplatz, sondern in meiner Küche, wo ich erstmal die Fruchtfliegenfalle leerte aka ein Schnapsglas von meinem Opa mit Balsamico-Essig, Vanillezucker, Wasser und Spülmittel. Die Viecher sind dieses Jahr hartnäckiger als sonst; im letzten Jahr war ich die Nervensägen nach zwei, drei Tagen los, dieses Jahr lungern sie schon eine Woche in meiner Küche rum und wollen einfach nicht sterben. Ich habe aber noch genug Essig, und weil ich zwar eine Massenmörderin, aber eine nette bin, gönne ich den Fliegen meinen guten Vanillezucker, wo simpler Rohrzucker vermutlich auch reichen würde.

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Normalerweise frühstücke ich nur Cappuccino (oder Flat White, je nachdem wieviel gute Laune mein Milchschaumbereiter hat) und Saft, aber da ich schon so lange wach war, hatte ich Hunger. Es gab mein liebstes Weizenbrot von der Hofpfisterei mit Frischkäse und schwarzem Johannisbeergelee.

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So, jetzt aber. Mit der U-Bahn bis zum Königsplatz gefahren, mich digital verkloppen lassen, immerhin noch einer Touristin sagen können, welches von den beiden schicken Gebäuden die Glyptothek ist und dann ab ins ZI. Ich las über die Neue Sachlichkeit, da vor allem die Menschendarstellung, dann blätterte ich in einem französischen Katalog über Daumier und Gavarni, merkte aber recht schnell, dass ich mich nicht so recht konzentrieren konnte, bibliografierte noch pflichtschuldig etwas, entschied mich nach gut zwei Stunden aber, das Ganze für heute zu lassen. Das macht mein Kopf gerne mit mir, wenn ein großes Projekt durch ist, dass er dann auf Durchzug und Doof schaltet, und da ich Donnerstag nicht nur ein, sondern gleich zwei Brocken vom Schreibtisch räumen konnte, hätte mir das auch klar sein müssen. Da aber Montag hier in Bayern Feiertag ist und alle meine geliebten Bibliotheken geschlossen sind, wollte ich noch ein bisschen was wegarbeiten. Hat immerhin so halb geklappt.

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Direkt von der U-Bahn-Station Königsplatz kommt man in den Kunstbau des Lenbachhauses, wo gerade Favoriten III: Neue Kunst aus München läuft. Ich als KuGiStudi komme umsonst ins Lenbachhaus (dankeschön!) und dachte mir, wenn ich schon nix lesen kann, kann ich wenigstens was gucken.

Ich mochte die 3-Kanal-Videoprojektion „Radiation Room“ von Babylonia Constantinides sehr gerne, die sich irrlichternd mit der Atomkraft auseinandersetzt, bedeutungsschwere Sätze mit kompletten Nullnummern mischt, die einen in Sicherheit wiegen, bevor der nächste Satz wieder weh tut. Manchmal kamen fast nebenbei solche Schönheiten wie „Nur der Notausgang leuchtet, der Apokalypse zum Trotz“, die mich sofort den Stift zücken ließen, den ich als brave Studi natürlich immer dabei habe. Zunächst dachte ich, uh, Atomkraft, schnarch, ist das Thema nicht durch, aber dann fiel mir Fukushima ein und wie wenig wir diese Energie hinterfragen, obwohl sie eventuell doch eine blöde Idee ist.

Hedwig Eberle zeigte Malerei; teilweise war ihr Untergrund aus einzelnen rechteckigen Blättern zusammengesetzt, was dem Gesamtbild einen suchenden, tastenden Eindruck verlieh, fast etwas Unfertiges. Wieso hängt das hier, da fehlt doch noch was? Ich mochte es, dass mich die Bilder irritierten.

Bei Philipp Guflers Werk dachte ich zunächst, das kann doch nicht neu sein, das sieht aus, als wäre es in den 1980er Jahren entstanden: Drei transparente Fahnen hängen leicht versetzt übereinander, teilweise beschriftet; sie standen für Leben, Kunst, AIDS. Der Rest des Werks bestand ebenfalls aus bunten, durchsichtigen Stoffbahnen, und auch hier mochte ich, dass ich zunächst dachte, altes Thema, weiter, aber mir dann klar wurde, wie aktuell es eben leider noch ist. Und mit Stoff als Material kriegt man mich eh immer.

Mein Liebling der Ausstellung war dann auch eher ein Material, nämlich das Werk von Carsten Nolte, bei dem ich erst durch das Begleitheft kapiert habe, dass die Plastikscheiben, die ich so mochte, alte Werbedisplays waren. Ich sah zehn, zwölf (keine Ahnung) rechteckige PVC-Bahnen, die in unterschiedlichen Formaten versetzt nebeneinander hingen. Mir gefiel die Farbigkeit, die von pissgelb zu honiggold reichte und mich sofort an Eva Hesse erinnerte. Ich mochte die klare Vergänglichkeit, die diesem Material immanent ist. Dass ich hier gleichzeitig der sinnlosen Geste einer leeren Werbetafel zuschaue, hat es dann noch besser gemacht.

Das eben erwähnte Begleitheft drückte mir einer der Aufseher in die Hand, als er mich ständig was aufschreiben sah. Das blättere ich aber erst zuhause durch, denn ich fand es sehr ent- und spannend, durch eine Ausstellung zu gehen, bei der nichts beschriftet war oder erklärt wurde. Gerade die Namen der Künstler*innen standen auf dem Fußboden an den Werken, und wenn ich nicht zum Schluss noch die Tafel in Richtung U-Bahn-Ausgang gesehen hätte, hätte ich nicht mal gewusst, wer davon Männlein und wer Weiblein war, denn die Vornamen waren abgekürzt. Auch das fand ich gut, denn ich weiß, dass ich mich trotz aller Mühe nie ganz davon freimachen kann, Dinge durch die Mädchen- oder Jungsbrille zu sehen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. Oktober. Geht mal rein. Kann man schnell durchhuschen.

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Mit der U-Bahn nach Hause, noch ein Pokémon in der Station Josephsplatz gefangen, aber das hatte ich schon. An Rattfratzen und Taubsis gehe ich ja schon gelangweilt vorbei, außer sie strotzen vor Punkten.

Zuhause wartete ein Brief im Kasten auf mich: Die Tochter Leo von Weldens, mit dem ich mich jetzt noch in meiner zweiten Hausarbeit beschäftige, hatte blitzschnell auf meinen Brief von Mittwoch reagiert, in dem ich sie um Zugang zum Nachlass ihres Vaters gebeten hatte. Sie teilte mir mit, dass sie kein Internet habe, ich möge doch einfach anrufen. Gemacht, eine erfreute ältere Dame am Ohr gehabt, die mir eine ausführliche Beschreibung zu ihrem Haus lieferte, bevor ich „Google Maps“ sagen konnte. Ich habe dann nächsten Dienstag eine total offizielle kunsthistorische Verabredung und bin sehr aufgeregt.

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Rechnungen schreiben. Immer wieder schön.

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Und Lektoratskorrekturen prüfen. Wie ich beim eigenen Buch gelernt habe, wissen Lektor*innen immer besser, was man selbst meint, und so war das hier auch. Alles abgenickt.

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Abends gönnten F. und ich uns eine kleine, leichte bayerische Mahlzeit im Georgenhof. Als der Kellner mir den Teller brachte, auf dem ein schönes, buttrig-gewelltes Schnitzel lag, meinte er, das zweite käme gleich. Ich lachte und dachte, der Herr macht einen Scherz. Machte er nicht. Wann lerne ich endlich, dass Bayern sein Essen wirklich sehr ernst nimmt? F. durfte Reste essen, denn ich konnte nicht mehr. Also wenigstens 20 Minuten lang, bis wir noch eine Runde Creme Brûlée bestellten, die ich gestern auch als zwölftes Foto instagramte. Ich finde aber als Tagesabschluss ein Bild meines geliebten Siegestors viel schöner, an dem wir beim dringend nötigen Verdauungsspaziergang vorbeikamen.

F. rollt auch nicht mehr so fies mit den Augen, wenn ich „OH EIN NEUES POKÉMON!“ quietsche.

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Was schön war, Donnerstag, 11. August 2016

Gutes Feedback auf einen Job bekommen. Einen anderen Job vorerst abgeschlossen.

Die erste Hausarbeit in diesem Semester fertiggekriegt und zufrieden gewesen. Danach folgt immer das rituelle Bücherschleppen in die Bibliotheken. Ich begann mit der UB, wo ich zunächst fünf Kilo Bücher abgab und dann in den Lesesaal ging, wo eine Fernleihe aus der UB Regensburg für mich lag, in der ich noch etwas nachschauen wollte. Gemacht, noch etwas in der Hausarbeit ergänzt und das Buch abgegeben.

Dann in die Stabi geradelt, wo ebenfalls im Lesesaal Bücher für mich lagen, genauer gesagt, Erinnerungen von Menschen, die im 19. Jahrhundert ihre Kindheit verlebt hatten. Die Bücher sind meist zu alt, um sie zu verleihen, weswegen man sie nur in den Lesesaal bekommt. Dort guckte ich nochmal alle durch, ergänzte wiederum ein paar Winzigkeiten in der Hausarbeit und machte innerlich einen Punkt unter das Ding.

Im Erdgeschoss gab ich die letzten zwei Bücher für die Arbeit ab und fing ein Pokémon an der großen Treppe. Vor der Stabi guckte ich aufs Handy, ob irgendwo ein aktives Lockmodul in der Nähe war und sah erfreut, dass auf dem Alten Nördlichen Friedhof, an dem ich auf dem Nachhauseweg vorbeikomme, eins vor sich hinblühte. Ich radelte zum Friedhof und machte mich auf den Weg, als ich diesen Gedenkstein sah, der für die französischen Gefangenen aus dem Krieg 1870/71 errichtet wurde. Das Spannende (für mich): Ich hatte gerade in einer der Memoiren über genau diesen Krieg gelesen. Eine Autorin schrieb, wie sie als Erwachsene Handarbeiten von sich verkaufte und von diesem Geld Verbandsmaterial für die Soldaten finanzierte.

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Geschichte ist toll. Vor allem, wenn sie unerwartet vor einem steht.

Was schön war, Mittwoch, 10. August

Schon wieder kühl genug, um mit Jacke radzufahren, aber noch nicht kalt. Die doofe Hitze ist (vorerst) weg und kann von mir aus auch wegbleiben.

Im Zentralinstitut für Kunstgeschichte sitzen und mal wieder in Architekturbüchern versinken. Die Bücher sind im ZI thematisch geordnet, das heißt, wenn man in der Architekturecke steht und sein Buch im Regal sucht, das man in der hauseigenen Suchmaschine gefunden hat, ist die Chance sehr groß, direkt nebenan noch 5000 weitere Bücher zu finden, die man noch nicht auf dem Radar hatte. Deswegen las ich gestern was von Ethik der Architektur, dem Begriff der Leere und guckte mir ziellos moderne Projekte an, einfach weil sie vor meiner Nase standen.

Den restlichen Tunfisch vom Nizza-Salat zu einer schönen Tomaten-Tunfisch-Nudelsauce verarbeitet.

Mahatma Panda und Martin Luther Koala.

How I Met Your Mother-Rewatch, was sehr anstrengend ist, weil mir die Dickenwitze schon beim ersten Sehen auf die Nerven gingen, mir jetzt aber der unsägliche Sexismus auffällt, der fast in jeder Folge vorherrscht. Aber dann hat Marshall plötzlich zwei Handpuppen dabei und ich muss doch weitergucken.

Ein angeschickertes Dankeschön …

… an Antje, die mich mit einer Spezialität ihrer Heimatstadt beglückte: einer Flasche Long Horn Gin aus Leipzig.

F. und ich haben diesen Sommer total uneigennützig eine ganze Reihe an Gins durchprobiert. Im Hochsommer war der Tanqueray Rangpur mein Liebling, weil er einen winzigen Hauch Limette mitbringt. Sobald ich aber wieder meinen Alltime-Favorite The Duke im Glas hatte, kam mir der Rangpur zu süß vor. Hendrick’s mochte ich gerne, Monkey 47, auf den meine Timeline zu schwören scheint, schmeckte mir überhaupt nicht, Adler aus Berlin fand ich spannend. Dummerweise wies mich @tbaschetti gestern auf eine Karte hin, auf der ein Großteil der deutschen Gindestillen verzeichnet sind, so dass ich jetzt schön Stadt für Stadt durchtrinken kann/muss. Nebenbei haben F. und ich gelernt, dass man Schweppes Tonic überhaupt nicht mehr ertragen kann, wenn man einmal Thomas Henry probiert hat. Auf unserer Liste steht auch noch Fever Tree, aber das gibt’s nur in den ollen 0,2-Fläschchen, während man den Henry auch in 0,7 aus dem Getränkemarkt schleppen kann.

Wir testen weiter. Und jetzt mit einem Gin aus Leipzig in der Reihe. Vielen Dank für das tolle Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

< quote >

„Kudjabo und Panda hatten zu dem sehr kleinen Kreis von Kongolesen gehört, die im Ersten Weltkrieg in Belgien kämpften. Bereits 1912 war ein Mann namens J. Droeven in die belgische Armee eingetreten; er war der Sohn eines belgischen Büchsenmachers, der 1910 im Kongo ermordet worden war, und einer Afrikanerin. Dieser métis war der erste Farbige in der belgischen Armee, aber noch keine drei Monate nach Kriegsbeginn desertierte er und führte ein ausschweifendes Leben in den Schänken von Paris. Kudjabo hingegen gehörte zu einem kongolesischen Freiwilligenkorps, das sich 1914 zu den bedrängten belgischen Streitkräften gemeldet hatte. […] Sie sollten dabei helfen, die Stadt Namur gegen die vorrückenden deutschen Truppen zu verteidigen, konnten aber nicht viel ausrichten. Das deutsche Heer rollte wie eine Dampfwalze über Belgien hinweg, und der 21-jährige Albert Kudjabo geriet, zusammen mit Paul Panda, in Gefangenschaft. Als Kriegsgefangener landete er in Berlin, unter Soldaten aus allen Gegenden der Welt. Einige Völkerkundler und Philologen fanden diese unversehens entstandene ethnographische Ansammlung recht interessant. Sie gründeten die „Königlich Preußische Phonographische Kommission“ und machten fast zweitausend Sprachaufnahmen all dieser Exoten. Albert Kudjabo durfte ein Lied singen. Er trommelte, pfiff und redete in seiner Muttersprache. Diese Aufnahmen sind bewahrt geblieben. Es hat etwas Anrührendes: Der einzige Soldat im Dienst der belgischen Armee im Ersten Weltkrieg, dessen Stimme wir noch kennen, ist ein Kongolese.“

David van Reybrouck (Waltraut Hüsmert, Übers.): Kongo. Eine Geschichte, 2. Aufl., Berlin 2014, S. 168/169.

Salade niçoise

Neuerdings bin ich dem Salade niçoise der Kaltmamsell total verfallen, daher muss ich das Rezept verbloggen, um nicht ständig bei ihr im Blog die Anleitung fürs Dressing nachzulesen. Ich wette, sobald ich es aufgeschrieben habe, habe ich es mir gemerkt. Na dann.

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Bei Salat achte ich nie auf Mengenangaben, sondern werfe von allem so viel in die Schüssel, wie ich gerade will. Wer genauere Angaben möchte, guckt bei der Kaltmamsell. Oder hier bei der Zeit, die statt Dosentunfisch frischen verwendet. Das teste ich demnächst auch dringend an.

Für mich alleine gab’s gestern folgendes:
3 Kartoffeln, in mundgerechte Stücke geschnitten, in Salzwasser gar kochen.
Ich habe nach ein paar Minuten auch
1 Handvoll grüne Bohnen und
1 Ei in den Topf gegeben, aber ihr könnt das natürlich auch schön alles getrennt kochen.

Für das Dressing
Saft von 1 Zitrone,
70 ml Olivenöl,
1 TL Dijon-Senf,
eine Handvoll Basilikumblätter,
1/2 TL getrockneten Oregano,
1/2 TL getrockneten Thymian (frisch geht natürlich auch),
1 Knoblauchzehe und
1 Schalotte in einen hohen Becher geben und pürieren. Mit Salz und schwarzem Pfeffer abschmecken.

In eine Schüssel
ein, zwei Hände Salat (bei mir lag nur Eisberg rum) geben, darauf
3–4 EL Dosentunfisch,
1 große, geviertelte Tomate und
1 kleine Zwiebel, in Ringe geschnitten.

Die Kartoffeln mit einem Drittel des Dressing mixen und auf den Salat geben. Das Ei pellen und auf den Salat geben. Die Bohnen … genau. Wer mag, wirft jetzt noch schwarze Oliven, Kapern, Anchovis oder sonst was rüber – mir haben die obigen Zutaten völlig gereicht.

Nach dem hübsch adretten Foto kippt man das restliche Dressing über den Salat und füllt alles in eine größere Schüssel um, in der man anständig umrühren kann. Das sieht dann überhaupt nicht mehr adrett aus, schmeckt aber großartig.

Was schön war, Samstag, 6. August 2016

Ich war zum ersten Mal in der Bibliothek am Englischen Garten. Dort befindet sich unter anderem der Bestand der Ethonologinnen, und da Geburtstags- und Weihnachtsfeiern, über die ich in der Kindheits-Hausarbeit schreibe, zur Volkskunde gehören, standen dort halt ein paar Bücher.

In einer neuen Bibliothek muss ich mich immer erstmal akklimatisieren – was für eine Münze brauche ich fürs Schließfach (als gute Studentin habe ich immer ein 1- und ein 2-Euro-Stück in der Hosentasche), gibt’s überall Steckdosen, wo lege ich die Bücher nach der Benutzung wieder ab, ist das Ding klimatisiert oder muss ich meinen Fächer mitnehmen? Und natürlich: Wo steht mein Buch? Seit gestern weiß ich: Die Bibliothek ist niedlich-klein und klimatisiert, hat aber irrwitzig wenige Steckdosen (großes Manko). Vermutlich war sie auch deshalb nur sehr spärlich besucht. Man kann aber auf den Stühlen gut sitzen, ich habe meine Bücher sofort gefunden und sie nach Benutzung wieder selbst ins Regal gestellt. Ich bin ja eher eine Freundin davon, die Bücher auf irgendwelche Rollwägen zu legen oder in Abgabefächer zu stellen, damit Menschen, die dafür Geld kriegen, sie anständig verräumen, aber nun gut.

Ich habe mehrere schöne Belege und Quellen in mein Geburtstagskapitel eingearbeitet, das vorgestern noch hauptsächlich ein einziges Buch als Beleg hatte, was ich natürlich nicht gelten lassen kann. Nach „Geburtstag“ im OPAC zu suchen, ist übrigens ein Himmelfahrtskommando, weil es irrwitzig viele Sammelbände gibt, die im Untertitel „Für Sowieso Sowieso zum 80. Geburtstag“ tragen und mich so gar nicht weiterbringen.

Ich bin sehr gut mit meiner Arbeit vorangekommen, hadere aber immer noch mit dem Einstieg. Von meiner persönlichen Anekdote habe ich mich verabschiedet, aber die Zitate, mit denen ich jetzt beginne, finde ich irgendwie so belanglos. Sie sind für das Thema gut, aber ich bin noch nicht glücklich. Das kann aber ein Überbleibsel aus der Werbezeit sein; wenn ich irgendwas hasse in Werbematerialien oder auf Websites, dann ist es die Nutzung von Zitaten. Wenn mir irgendeine Firma ihre Philosophie mit einem Oscar-Wilde-Zitat näher bringen will, denke ich immer, wieso braucht ihr jemand, der schon 100 Jahre tot ist, um mir zu sagen, warum ihr toll seid? Könnt ihr das nicht selber? Seid ihr so wenig von euch selbst überzeugt, dass ihr euch fremde Kompetenz borgen müsst? Näh.

Nach Unikram, Pokémonfangen und Einkaufen habe ich meinen selbstauferlegten Putzplan ignoriert und mich mit Harry Potter aufs Sofa verzogen. In fünf Stunden war das Theaterstück durchgelesen. Ich fand es sehr schön, wieder im Potter-Kosmos zu versinken, hätte mir aber doch eher ein Buch als ein Stück gewünscht. Klar ist das clever, die Story noch weiter zu melken, aber so ganz war der Rowling’sche Charme dann doch nicht da. Auf der Bühne kommt es aber bestimmt gut; die wenigen Kritiken, die ich überflogen habe, um mich ja nicht zu spoilern, klangen auch ziemlich begeistert. Es ist aber natürlich ausverkauft, weswegen ich das nicht überprüfen kann. Ich glaube, ich möchte das auch gar nicht; die Potter-Filme fand ich durch die Bank fürchterlich, wobei ich die letzten gar nicht mehr geschaut habe. Die waren mir alle zu hektisch, wo mir das Tempo der Bücher viel besser gefallen hat. Auch deswegen musste ich mich an die reine Dialogform des Theaterstücks erst gewöhnen, das auch deutlich auf Lacher oder Entsetzen im Publikum getextet wurde. Aber wie gesagt: Es war sehr schön, alte Bekannte wiederzutreffen. Ich wollte sie gar nicht wieder gehen lassen.

(Man könnte natürlich die ersten acht Bände zum vierten Mal … hm …)

Avocadobrot mit Koriander und Olivenöl. Wie konnte ich jemals ohne Avocados leben?

Was schön war, Freitag, 5. August 2016 – Who you gonna call?

Meine Geschichtshausarbeit hat ein erstes Textgerüst, an dem ich jetzt rumschraube, dann feinjustiere und dann nochmal drüberpuschele.

Der neue Harry Potter lag in der Packstation. Ach ja, und meine stets überfüllte Packstation 300 Meter vor meiner Haustür ist vergrößert worden, weswegen das Buch da jetzt auch drin lag anstatt wie sonst in den letzten acht Monaten in der Station zwei Kilometer von mir weg.

Croissants mit Johannisbeergelee.

In äußerst charmanter Begleitung in den neuen Ghostbusters-Film gegangen. Einmal weil ich ihn wirklich gerne sehen wollte, dann aber auch, damit er richtig schön Geld an der Kinokasse macht und die Crybabies, denen ein Remake angeblich die Kindheit ruiniert (WTF?) endlich die Klappe halten.

Kurzkritik: kann man gut machen. Etwas länger:

Ich fand das Remake ähnlich gelungen wie den letzten Star-Wars-Film, der zwar kein Remake sein sollte, aber von der Story schon verdammt nah an den alten Filmen dran war, damit alle rührselig zur Leinwand gucken. Haben wir gemacht, ich auch, alles gut. Beim neuen Ghostbusters sind die Geisterjäger alle weiblich und die Sekretärin männlich, aber sonst ist fast alles wie im Original. Die Greatest Hits wie Slimer, der Marshmallowmann, das Geisterjäger-Logo, der grün umwaberte Wolkenkratzer mit der unheilvollen Wolke drüber, die blitzenden Strahlen aus den Protopacks – alles da, alles prima. Der Tonfall ist allerdings ein anderer, was nicht verwundert, wenn man sich anguckt, wer mitspielt.

Kristen Wiig macht das, was sie am besten kann, nämlich awkward zu sein, Melissa McCarthy trägt hier netterweise weit weniger dick auf (dick, haha) als in The Heat oder Spy, was mir persönlich gut gefallen hat. In ihr brodelt die ganze Zeit eine gewisse genervte Biestigkeit, weil sie verdammt noch mal weiß, dass New York von Geistern bedroht wird und echt keine Zeit für die Deppen hat, die das nicht glauben. Ihr Sidekick ist mein totaler Girl Crush Kate McKinnon, deren Figur zwischen hysterischer, aber äußerst fähiger Waffenbastlerin und soziophober Physikerin hin- und herschwankt. Alleine für die Szene, in der sie ihre Pistole ableckt und damit die halbe Geisterwelt plattmacht, lohnt sich das Eintrittsgeld. Ich habe es so genossen, eine Frau zu sehen, die mal eben alle in den Arsch tritt, die es verdient haben, dass es mich selbst gewundert hat. Es ist ja nicht so, dass wir nicht inzwischen ein paar weibliche Superheldinnen gesehen hätten, und nach Thelma und Louise konnte eigentlich eh nichts mehr kommen, aber, BABY, war McKinnon toll und ich will sie heiraten. Oder mich wenigstens von ihr ablecken lassen. Leslie Jones kannte ich bisher wie McKinnon nur aus SNL, habe sie also zum ersten Mal auf einer großen Leinwand gesehen, und ich finde, das könnte man demnächst öfter machen. Die Dame hat in jeder Szene nicht nur Präsenz, sondern spielt alle anderen locker an die Wand.

Was mir gefallen hat: dass es schlicht kein Thema ist, dass die vier Hauptdarsteller weiblich sind. Es wird nur ein einziges Mal ein Spruch darüber gemacht – „you shoot like girls“ –, was dem Sprücheklopfer aber nicht gut bekommt. Die Retourkutsche kommt erst im Abspann, wo eine Figur auftritt, mit der ich nicht gerechnet hatte, die mich aber fangirlig hat rumquietschen lassen: „Safety lights are for dudes.“ Ansonsten gibt es keine Klischeeideen, sondern eher das Gegenteil: Wenn angeblich typischer Frauenkram ein Thema ist, wird es ironisch gebrochen. So fragt McKinnon Wiig beim ersten Aufeinandertreffen, wie es ihr so auf ihren hohen Schuhen gehe, was Wiig wahrheitsgemäß mit „nicht so super“ beantwortet. Die Damen dürfen im Gegensatz zu diversen Superheldinnen in bequemen, funktionalen Overalls rumlaufen, müssen nicht hübsch und adrett und Eye Candy sein, sondern erledigen ihren Job, denn dafür sind sie da, fertig. Genau wie die Jungs im Original. Wobei wir da noch die unerträgliche Story mit Venkman haben, der Dana Barrett rumkriegen will. Das bleibt uns in der Neuauflage erspart, und ich bin sehr dankbar dafür. Hier ist der sehr lustige Chris Hemsworth das Objekt der Begierde, der aber zu bräsig ist, um es mitzukriegen und die betreffende Dame zu awkward, um überhaupt eine Chance zu haben. Auch für Hemsworth lohnt sich der Abspann. Einer meiner Lieblingssätze aus dem Original – „Seid mal ruhig, ich glaube, ich riech was“ – wird dadurch gewürdigt, indem Hemsworth sich stets die Augen zuhält, wenn ein lautes Geräusch ertönt, was fürchterlich niedlich aussieht.

Die Special Effects halten sich gerade bei den Geistern und den Waffen halbwegs zurück, so dass man auch da das Gefühl hat, die FX-Menschen wollten sich eher vor dem Original verbeugen als zeigen, was die Rechner heute so drauf haben. New York wirkt allerdings deutlich seelenloser als in den 1980er Jahren, aber das mag kindliche Verklärung des ersten Films sein. Mir haben vor allem die Gargoyles am Hochhaus gefehlt, die sich so schön fies verwandelten, aber das verzeihe ich dem Film. Was ich ihm nicht ganz verzeihe, sind die teilweise recht zähen Dialoge; der Film hätte ein bisschen mehr Tempo oder eine 20 Minuten kürzere Laufzeit vertragen können. Aber auch das ist im Endeffekt egal, denn man bekommt zum Schluss noch mal den tollsten Filmsong aller Filmsongs angespielt und geht sehr gut gelaunt und unterhalten aus dem Kino.

Was schön war, Donnerstag, 4. August 2016 – Bibliotheksliebe (Business as usual)

Sechs Stunden konzentriert und zufrieden in der Stabi gesessen und gearbeitet. Mein Hauptteil wächst, gut zwei Drittel der Arbeit sind fertig – also fertig im Sinne von „da gehe ich jetzt noch 20 Mal rüber.“ Ich habe gestern eine Quelle Zeile für Zeile ausgewertet, und so sehr ich mich anfangs über ihren Fund gefreut habe, desto misstraurischer wurde ich, je länger ich an ihr rumklöppelte. Die ist einfach zu sehr auf den Punkt, an ihr kann ich fast jedes Thema, das wir im Kindheitsseminar hatten, und nicht nur meines, nachweisen. Das beunruhigt mich jetzt, auch wenn ich weiß, warum in ihr so viel drin steht. Quasi Münchhausen-Syndrom, auf Quellen bezogen.

Außerdem freute ich mich über eine schöne Buchgestaltung. Nein, dieses Buch ist nicht meine Hauptquelle, ich werte es nur unterstützend aus. Wie auf der BSB-Website unter „Mehr zum Titel“ vermerkt ist, stammt das Buch aus dem Bestand der Ordensburg Sonthofen. Ich komme derzeit vom NS-Thema echt nicht weg. (Ich möchte jetzt nicht darüber nachdenken, wie es eventuell in den Bestand von Sonthofen gekommen ist.)

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Mal wieder den Wikipedia-Eintrag zur Stabi durchgelesen und ehrfürchtig geworden. Ja, digital ist super, aber können wir bitte nie aufhören, Dinge aus Papier zu sammeln? Was ich durch den Eintrag auch gelernt habe: Wenn ich im Lesesaal sitze, sitze ich in einem Gebäude von Sep Ruf.

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Im Hintergrund weitere Lebenserinnerungen von Menschen, die im 19. Jahrhundert ein Kind waren. Dazu mein Fächer, ohne den ich im Sommer nie aus dem Haus gehe.

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Diese mit feinen Blütenranken bedruckte Vorschaltseite fühlt sich übrigens wie Stoff an, nicht wie das übliche Bibelpapier. Sowas hatte ich noch nie in der Hand.

Tagebuch, Mittwoch, 3. August 2016

An einem Job weitergearbeitet, den ich Dienstag überraschend auf den Tisch bekommen hatte, und mal wieder auf die harte Tour gelernt, dass Übersetzen länger dauert als einen Text selbst zu schreiben. Ich hatte mich in meinem Angebot um einen satten halben Tag verkalkuliert und muss nun warten, ob ich den bezahlt bekomme. Selber schuld.

Den Rest des Tages mit Schreibarbeit für die Geschichtshausarbeit verbracht. Die Einleitung steht jetzt seit über einer Woche und seit über einer Woche bastele ich an ihr rum – neben der Arbeit am Hauptteil, der langsam vor sich hinwächst. Mein Problem: Der Einstieg ist komplett unwissenschaftlich, passt aber hervorragend zum Thema. In meiner Arbeit geht es um private, bürgerliche Feste des 19. Jahrhunderts, in denen sich Normen und Rituale des Bürgertums widerspiegeln. Ich erwähnte in meinem Referat zum gleichen Thema schon Gunilla Budde, die das schöne Wort des „Weihnachtsdrehbuchs“* in einem ihrer Bücher schuf; damit meint sie die Abläufe, die Festtage gestalten. Wenn ihr mal an eure familiären Feiern denkt: Gibt es Weihnachten immer das gleiche zu essen? Wer zündet die Kerzen am Baum an und wann? Wann wir beschert? Geht man in die Kirche? Die Abläufe sind von Familie zu Familie verschieden, aber im Großen und Ganzen ähneln sich die Handlungsweisen und: Sie wiederholen sich jedes Jahr.

Dementsprechend begann ich meine Arbeit mit dem Gröner’schen Weihnachtsdrehbuch in fünf Sätzen – wie verläuft bei uns der Heilige Abend? –, um dann überzuleiten auf Budde und die Rituale, die sich in Festen zeigen; danach kommt der übliche Teil zur Festforschung (Forschungsstand) und der restliche Kram, der halt in eine Einleitung gehört (Fragestellung, Vorgehen usw.).

Ich mag die Einleitung, sie liest sich gut (meine Mindestanforderung an Texte) und ich finde sie themengerecht, aber sie fühlt sich halt so unwissenschaftlich an wie nichts Gutes. Mir fällt auch partout kein wissenschaftlicher Aufsatz ein, der ähnlich beginnt. Bücher ja, logisch kann ich mir in einer Monografie mehr erlauben, aber in einer Hausarbeit? Die ich dazu auch noch bei dem Dozenten abgeben muss, der die Stilbibel fürs Historicum mitgeschrieben hat – wie zitiere ich richtig, wie erstelle ich ein Referat usw. Ich ahne, dass ich den Einstieg noch umschreiben werde und bin darob etwas missgelaunt. Die nächstbeste Lösung wäre natürlich, Quellen zu suchen, die genau das beschreiben, also in die Tüte: Wie hat Fontane Weihnachten gefeiert oder irgendein bürgerliches Kind (derartige Quellen habe ich, klar). Es nervt mich nur, dass ich inhaltlich das Gleiche schreibe wie vorher – der einzige Unterschied ist nur, dass ich den neuen Text mit einer schönen Quellenangabe versehen kann, die dem Dozenten zeigt, dass ich weiß, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. Dass ich das auch so weiß und ich außerdem glaube, dass mein Weihnachten viel spannender ist als das von Fontane, ist dann bloß persönliche Eitelkeit.

Ich warf die Frage auch in die allwissende Twitterrunde, aber @canzonett hatte die einzig richtige Antwort: „Historische Anekdote – okay. Persönliche finde ich in wissenschaftlichen Texten mangels Belegbarkeit nicht angebracht. // … und wenn Du Dich wohl damit fühlen würdest, hättest Du’s schon längst gemacht und würdest uns nicht fragen …“

Abends Bratkartoffeln, weil die Avocado, die ich in meinen Lieblingssalat werfen wollte, doch schon brauner war als sie sich angefühlt hatte. Da habe ich einmal Bohnen im Haus und dann das. (Die Pinienkerne für den Salat hatte ich schon angeröstet, die mussten dann halt an die Kartoffeln.)


*Budde, Gunilla: Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien 1840–1914, Göttingen 1994, S. 86.

Gemüsetempura mit Johannisbeer-Chili-Koriander-Dip

Gemüse allein ist schon super. Gemüse frittert ist noch superer. Und der Dip dazu ist schlicht großartig. Danke für dieses schöne Rezept.

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Für vier Personen.

In einem Topf
6 EL Johannisbeergelee (bei mir dunkles, im Buch steht rotes; Apfelgelee geht auch) mit
2 EL Apfelweinessig (bei mir Apfelessig),
2 TL helle Sojasauce,
2 roten Chilis, entkernt und fein gehackt, sowie
2 Knoblauchzehen, fein gehackt, mischen und aufkochen. Kurz auf kleiner Flamme köcheln lassen, bis die Sauce etwas eindickt, dann auf Zimmertemperatur abkühlen lassen. Mit schwarzem Pfeffer würzen (habe ich vergessen, war auch so toll) und vor dem Servieren ordentlich Koriandergrün einrühren.

Dann das Gemüse vorbereiten. Ich sag mal: alles, was irgendwie dipbar ist. Bei mir waren es gestern Kohlrabi, Möhren, Paprika und Bohnen, und seitdem ich dieses Festmahl genossen habe, frage ich mich, warum ich nicht schon viel früher auf die Idee gekommen bin, Bohnen in heißes Fett zu werfen. Grandios. Möhren werde ich allerdings doch lieber weiter roh essen. Weitere Ideen wären Zucchini, Frühlingszwiebeln, grüner Spargel, Pilze, Blumenkohl … ihr wisst schon.

Erst kurz vor dem Frittieren den Teig zubereiten, der muss nicht lange rumstehen. Dazu

100 g Mehl (bei mir Type 405) mit
40 g Maismehl,
1/2 TL Backpulver,
1/2 TL Salz und
200 bis 225 ml eiskaltem Sprudelwasser mischen.

Bei mir waren 200 ml schon viel zu viel, daher lieber erstmal die trockenen Zutaten vermischen und dann Wasser angießen, bis die Konsistenz stimmt: Der Teig sollte zähflüssig sein, damit er am Gemüse haften bleiben kann. Falls das Wasser nicht eiskalt ist, kann man auch gerne ein paar Eiswürfel in die Schüssel werfen. Ich ahne, dass es einen total tollen Grund dafür gibt, warum es Sprudelwasser sein muss und das auch noch eiskalt, aber ich kenne diesen Grund nicht. Als überzeugte Leitungswassertrinkerin war das dann auch ernsthaft das einzige, was ich im Supermarkt kaufen musste, als ich gestern spontan Lust auf Gemüse und sonst eher nix hatte.

In einem tiefen, schweren Topf (oder wie ich es immer mache: in einem kleinen, leichten Billotopf, den ich mal als Zeitungsaboprämie gekriegt habe) 5 cm hoch neutrales Öl erhitzen (bei mir war es Erdnussöl), das Gemüse durch den Teig ziehen und portionsweise ausbacken. Nicht zu viel Gemüse auf einmal in den Topf, ist klar, und möglichst schnell servieren.

In Tempura könnte ich mich ja reinlegen, aber der Kracher ist wirklich der Dip. Der hatte für mich genau die richtige Schärfe – also kaum spürbar, aber eben da –, eine schöne Süße, trotzdem genug Salzigkeit, um nicht zu kuschelig zu sein, und durch den Koriander war er herrlich frisch. Tolles Zeug.