Was schön war, Dienstag bis Freitag, 2. bis 5. Juli 2019

Dienstag war ich in der Stabi, um Dinge nachzulesen, die im Prinzip als Kopie auf meinem Schreibtisch liegen.

Zur Erklärung: Für die Gedächtnisausstellung von Protzen und Gattin 1976 hatte der damalige Volontär im Lenbachhaus, Helmut Friedel, schon so ziemlich alles zusammengetragen, was über Protzen mal in Zeitschriften erschienen war. Seine Sammlung lag im Archiv des Lenbachhauses, ich kopierte alles, las auch alles durch – und wollte alles nochmal im Original lesen. Ich habe gerne Kontext zu Artikeln, ich will immer wissen, was um diese eine Erwähnung herum noch passiert, wer noch erwähnt wird, worum es überhaupt geht, und was ist das überhaupt für eine Zeitschrift?

Außerdem wusste ich aus Lexikoneinträgen, dass ein Bild von Protzen – Industrie (1929) – in einem Exemplar von Westermanns Monatsheften 1929 abgebildet war, ich wusste aber nicht, welches Bild und in welchem Artikel. Also ließ ich mir das Ding zurücklegen, stellte am Regal fest, dass es Mikrofiche war und nichts zum Blättern und richtete mich seufzend auf die Folterstühle im Kabuff unter der Treppe ein und mindestens fünf Versuche, bis ich das Material so ins Lesegerät gekriegt hatte, dass ich es lesen konnte, nicht auf dem Kopf stehend, nicht seitenverkehrt. So war es dann auch.

Außerdem blätterte ich in zwei Ausgaben der Kunst- und Antiquitätenrundschau von 1934 und 1935 und fand eins meiner Lieblingsbilder von Protzen, leider nur in Schwarzweiß. Ich weiß, ich habe das schon mal irgendwo in Farbe gesehen, aber mir fällt partout nicht mehr ein wo. Egal. Hier also mal wieder ein schräge Fotografie aus dem Nachlass:


Carl Theodor Protzen, Rauhreif-Höfe auf Amagar (1933), 93 x 115 cm, unbekannte Technik (ich tippe auf Öl) auf Leinwand, Bayerische Staatsgemäldesammlung München.

Wie ihr im Link zur Gemäldesammlung sehen könnt, dürfen die Eigentümer des Bildes dasselbe nicht abbilden wegen des beknackten Urheberrechts. Ich setze mich mal wieder darüber hinweg, indem ich ein Foto des Bildes zeige und warte auf Drohbriefe von der VG Bild-Kunst.

Das Bild ist von 1933. Es könnte noch fünf Minuten vor der „Machtergreifung“ Ende Januar entstanden und somit keine sogenannte NS-Kunst sein, aber wenn ich mir Protzens restlichen Output des Jahres anschaue – zwölf Ölgemälde –, ist die Chance doch recht gering, dass er das laut Werkverzeichnisnummer letzte im Jahr noch am 29.1. malte. Nur so als kleine Erinnerung, dass „NS-Kunst“ eben nicht immer so aussieht wie Zeug, das sich Parteigrößen über den Kamin gehängt hätten. (Auch immer im Hinterkopf: Bis 1935 wurde noch diskutiert, ob der Expressionismus eine „deutsche Kunst“ und damit okay wäre.) Ich mag an dem Bild die kühle, neusachliche Ausprägung und dass es fast so aussieht, als sei es ein Negativ.

Dann hatte ich noch den Oberschlesier von 1935 in der Hand, den anscheinend seit damals niemand mehr angefasst hat (Muff und Staub) sowie die Klassiker aus der Zeit, Kunst im Deutschen Reich (bis 1939 Dritten Reich) sowie Kunst dem Volk. Im letzten Heft fand ich schon den zweiten Artikel über Protzen, der von Henri Nannen stammte, und wie so oft merkte ich, wie anstrengend das ist, die schöne Illusion der Stunde Null wieder und wieder aus dem Kopf gehauen zu bekommen.

Am Mittwoch war ich wieder im Lenbachhaus und durfte das Frühwerk von Protzen ablichten, das da uninventarisiert rumliegt, mein Riechsalz! Meine Kuratorinnenbekannte musste bei mir bleiben, damit ich ja nichts klaue, und das war genau richtig so, denn das hätte ich total gemacht. Nein, natürlich nicht. Aber ich will immer noch den beiden Häusern, die den Großteil seiner Werke haben, eins aus den Rippen leiern, weil die das Zeug ja eh nicht haben wollen, aber geben dürfen sie es mir leider auch nicht, weil sie eine Aufbewahrungspflicht (oder so ähnlich) haben: Wenn’s im Bestand ist, dann bleibt’s da auch, wie es sich für städtische und staatliche Häuser gehört. Mist. Die Rauhreif-Höfe würden so gut über mein Sofa passen!

Und nun, exklusiv für meine Blogleser*innen, ein Bild, das vermutlich seit 40 Jahren niemand mehr gesehen hat … und davor wahrscheinlich auch nicht so irre viele Leute. Das Bildchen ist von 1916, also noch in der Zeit von Protzens Zivilgefangenschaft auf Korsika entstanden. Wann das Passepartout drumgekommen ist, weiß ich nicht. Maße habe ich mir auch nicht notiert, wie ich jetzt beim Aufschreiben merke, ich Anfängerin. Aber es sieht in seiner Reduzierung auf wenige Farben und Formen dramatisch anders aus als die quietschigen, üppigen Landschaften, die er dann seit den 1920ern ein ums andere Mal zu Papier oder auf die Leinwand gebracht hat. Tolles Zeug. Davon waren noch weitere vier oder fünf Blätter in der Mappe, und die möchte ich auf jeden Fall in der Diss erwähnen. Dafür hat mir die Frau Kuratorin auch gleich mal aufgeschrieben, wie ich den Ort korrekt benenne, solange der Stapel noch keine Inventarisierungsnummer hat: „Konvolut aus dem Nachlass von Carl Theodor Protzen und Henny Protzen-Kundmüller, ohne Inv.-Nr. (Erwerbungsjahre entsprechend Gemälde [1967]).“

Mittwoch abend spülte mir dann jemand diesen Tweet in die Timeline (klicken für Thread):

Ich kenne weder Frau Alderton noch hatte ich von diesem Buch je gehört, aber das machte mich neugierig. Ich sah, dass es One Day als Kindle-Ausgabe gab, ließ mir die Leseprobe schicken … und las von Mittwoch abend an bis Freitag mittag mit wenigen Unterbrechungen einen Roman von 2009. Sooo dramatisch fand ich ihn jetzt nicht, aber das mag am Tweet gelegen haben, weil ich ja wusste, irgendwann kommt was ganz Fürchterliches. Ansonsten war er nicht weltbewegend, aber sehr verführerisch runtergeschrieben, und bis auf wenige Sätze, die sich mit der Optik der weiblichen Figuren befassten, freundlich formuliert.

Die Grundidee ist, immer den gleichen Tag eines Jahres zu beschreiben, aus der Sicht der zwei Hauptfiguren. Das ist die ersten vier, fünf Jahre sehr reizvoll, danach wird es manchmal nervig, weil so wichtige Entwicklungen nur erwähnt werden können, denn das wäre ja noch alberner, wenn alles Wichtige genau an diesem Tag stattfände. Deswegen kam mir das literarische Vehikel irgendwann eher wie ein Korsett vor, in das jetzt irgendwie die Story gezwängt werden muss, und zweitens hätte ich gerne mehr vom Rest des Jahres gelesen. Ab und zu brüllte ich: „Jetzt bleib doch mal an deinen Figuren dran, Alter!“ Aber gut. Es funktioniert irgendwie, und ich habe es anscheinend gerne gelesen.

Was daran schön war: Zeit für sowas zu haben.

Was auch schön war: mal wieder auf dem iPad mini zu lesen und es bewusst in der Hand zu haben. Normalerweise steckt es in einer hässlichen Hülle, weil ich auf meinem eReader wirklich keine Kratzer haben will; mein Handy hatte noch nie eine Hülle und kriegt auch keine. Deswegen spüre ich meist das blöde Plastik, wenn ich das Pad in der Hand habe, um Streams darauf zu schauen oder Hay Day zu spielen. Für die circa 15 Stunden Lesezeit nahm ich es aber heraus und merkte mal wieder, wie wunderbar das Ding gestaltet ist und wie gut es sich unter meinen Fingern anfühlt.

Was am schönsten war: Freitag morgen saß ich mit dem iPad auf dem Balkon, vor mir ein Flat White, auf der Nase die neue Sonnenbrille, die dafür sorgte, dass die hellen Fassaden gegenüber mich nicht mehr blendeten, Schatten über mir, Pflanzen und Hummeln um mich herum, ein leichter Wind. Und wenn nicht zwei Straßen weiter gerade eine Baustelle wäre und damit fieser Lärm, hätte sich das fast wie Urlaub angefühlt.

Donnerstag abend waren F. und ich im NS-Dokumentationszentrum, um uns einen Vortrag von Roger Cohen anzuhören. Bis auf ein paar Sätze, wo er gegen safe spaces und Sprachverbote wetterte (knurr), nickte ich alles ab, was er über die seit Trump veränderten transatlantischen Beziehungen, die USA und Europa zu sagen hatte. Der Vortrag ist auf Facebook nachzusehen, aber Bild und Ton sind leider nicht die besten.

Wir gingen danach noch hungrig pakistanisch essen, redeten, genossen noch einen Absacker-Gin auf F.s Balkon (ich nur einen halben) und schliefen gemeinsam ein. Was auch schön war.

Gestern abend ein Foto vom 30-jährigen Abitreffen zugemailt bekommen. Ich bin seit dem Zehnjährigen nicht mehr dabei gewesen und erscheckte mich etwas: Das sind ja alles alte Leute geworden? OMG ich bin auch ein altes Leut geworden! Sinnkrise galore. Und gleichzeitig: Die sehen aber alle zufrieden aus. Das freute mich dann wieder, ich schickte geistig einen Gruß in die alte Heimat und war wieder froh, nicht mehr dort zu wohnen. Und nie wieder in der Pubertät in die Schule gehen zu müssen. Jetzt, ja, sofort wieder, jetzt weiß ich ja, wozu ich das alles brauche. Wobei: Integralrechnung und Atommodelle waren dann doch eher eine für mich sinnlose Beschäftigung.