Tagebuch Donnerstag, 23. Mai 2019 – Stadtarchiv

Da das Stadtarchiv Freitags leider geschlossen hat, musste mein einziger Tag, an dem ich eigentlich in Uni-Vorlesungen sitze, dran glauben: Gestern ging ich dementsprechend ins Archiv und nicht in den Hörsaal. Schade drum. Dann aber auch wieder nicht, denn ich fand, wie immer, unerwartetes Zeug und dazu auch noch Zeug, das ich gesucht hatte.

Ich hatte mir nur vier Archivalien rauslegen lassen, und bei dreien wusste ich nicht so genau, was da kam. Eine war dann auch nur ein einzelnes Foto, das ich zwar brav irgendwie beschrieb, von dem ich aber jetzt schon weiß, dass ich nicht brauchen werde. Eine zweite Mappe beinhaltete eine äußerst geringe Zahl von Zeitungsartikeln zu einer Künstlervereinigung, in der Herr Protzen Mitglied gewesen war, aber das kann ich auch ziemlich vernachlässigen.

Dafür waren die anderen beiden Volltreffer. Die dicke Zeitungsartikelsammlung zum Künstlerbund München, vormals Feldgrauer Künstlerbund, weil direkt nach dem 1. Weltkrieg gegründet, gab irre viel her, auch was die inneren Vorgänge im Verein anging. Protzen hatte in seinem Spruchkammerbogen angegeben: „Ich war längere Zeit Vorsitzender des Künstlerbund München und musste (durchgestrichen:) 1934 (handschriftlich ergänzt:) 8.4.33 unter Druck und Androhung mit Dachau mit meiner Vorstandschaft meinen Posten verlassen. Längere Zeit war ich dann ganz ausgeschaltet.“ Ich konnte immerhin belegen, dass der gesamte Vorstand wirklich im April 1933 geschlossen zurücktrag; in den betreffenden Artikeln heißt es, dass das freiwillig geschah, aber dass dann anscheinend eine komplette Gruppe Parteiangehöriger die Führung übernahm, die bei der ersten Ausstellung auch erstmal das Horst-Wessel-Lied singen ließ und sich ganz dem „Führer“ und seinen Anforderungen an deutsche Kunst zur Verfügung stellte, lässt ahnen, dass der Herr vielleicht doch nicht ganz geschummelt hat. Dass er „längere Zeit“ ausgeschlossen war, ist Interpretationssache: Ich fand ihn in Ausstellungsrezensionen des Vereins im Juni und August 1934 wieder.

Die zweite Akte war ein Vorgang aus dem Kulturamt, der ein Darlehen an diesen Künstlerbund beschreibt und den ich mit Genuss gelesen habe. Keine Ahnung, ob ich davon mehr als drei Zeilen oder auch nur eine Fußnote brauche, aber ich hatte viel Spaß mit den ungelenken Formulierungen und lernte dazu auch noch ein paar Namen von städtischen Beamten, die mir in anderen Zusammenhängen schon untergekommen waren.

Gnadenlos sieben Stunden durchgelesen und getippt, dann zu Fuß nach Hause gegangen und über Avocado und Brot hergefallen. Weiterhin Ibuprofen, weil’s angeblich Entzündungen hemmt. Davon habe ich in den vergangenen fünf Wochen zwar nicht viel gemerkt, aber ich werf’s trotzdem brav ein, weil mein Zahnarzt das so möchte.

Ich habe momentan keine tollen Links ins Interweb für euch, weil ich gerade nicht so viel online bin. Ändert sich garantiert wieder.