Bücher 2009 – Dezember

Eric FonerReconstruction

Sachbuch und der gefühlte Nachfolger von Battle Cry of Freedom, dem Buch über den amerikanischen Bürgerkrieg, das ich nicht müde werde zu loben. Mit „Reconstruction“ wird die Zeit direkt nach dem Krieg bezeichnet, in der mal eben eine komplette neue Gesellschaftsordnung gefunden werden musste, in der Schwarz und Weiß zusammenleben, und gleichzeitig zwei Staatenbünde, die Union und die Konföderierten, wieder zur USA zusammenwachsen wollten; die Zeitspanne, die das Buch behandelt, geht gerade einmal von 1863 (Emancipation Proclamation) bis 1877 – die Zeit, in der so ziemlich die letzten Akte der Reconstruction stattfanden und so gut wie alle Südstaaten viele Gesetze der Gleichberechtigung wieder zurücknahmen und neue erließen, die Schwarze weiterhin als Bürger zweiter Klasse behandelte. Diese Zeit bezeichneten weiße Südstaatler perfiderweise als Redemption.

In der kurzen Zeit der Reconstruction hat sich viel getan: Viele der Südstaatenplantagen konnten sich nicht mehr halten, jetzt wo Arbeit auf einmal bezahlt werden musste bzw. erstmal Leute gefunden werden mussten, die sie machen wollten. Das Buch behandelt die wechselnden Wirtschaftsverhältnisse, die Kaufkraft (oder den Mangel derselben) der schwarzen Bevölkerung; dass Frauen und Kinder den Wandel anders erlebten als die Männer (schwarze Kinder durften erstmals Schulen besuchen, teilweise sogar mit Weißen zusammen, Frauen weigerten sich in der Mehrzahl, weiter auf Feldern zu arbeiten und zogen sich eher ins Haus zurück). Das Buch berichtet über die Entstehung des Ku-Klux-Klan, den Wandel der Republikaner (die mit Lincoln die Abschaffung der Sklaverei überhaupt erst auf die politische Bühne brachten) von Radikalen zu Realisten und den weiter bestehenden Rassismus, der sich schließlich in der Wahl der Demokraten und der Zeit der Redemption niederschlug. Diese Zeit brachte eine weitere Widerlichkeit mit sich, mit der sich das nächste Buch auf meiner Liste schwerpunktmäßig auseinandersetzt: die Schaffung von Gesetzen (eine Vorstufe der Jim-Crow-Laws), die zu nichts anderem da waren als Schwarze zu verhaften, sie zu Geldstrafen zu verurteilen, die sie nicht bezahlen konnten, um sie dann an wohlhabende Farmer oder Minenbesitzer zu überstellen – de fakto: zu verkaufen –, die sie monate-, teilweise jahrelang rechtelos ausbeuteten. Gründe, die zur Verhaftung führen konnten, waren zum Beispiel unflätige Wortwahl, wenn weiße Frauen anwesend waren oder schlicht, ohne ein Ziel unterwegs zu sein (vagrancy).

Weitere Kapitel befassen sich mit den Umständen, in denen diese Veränderungen stattfanden: die Industrielle Revolution sorgte ebenfalls für eine deutliche Veränderung auf dem Arbeitsmarkt bzw. der Arbeitsbedingungen (Fabriken statt kleiner shops), der Bahnausbau und der Weg nach Westen, was zu mehr Investition im Westen als im Süden führte, und die Situation der Indianer und Einwanderer.

Das Buch liest sich etwas zäh, und der Tonfall ist nicht ganz so begeisternd wie in Battle Cry. Dafür ist das Werk sehr ausführlich und lässt so ziemlich jeden mal zu Wort kommen, der in der Zeit was gesagt haben könnte. Kein Wunder, dass Reconstruction laut Buchrücken heute als classic work und als Standardwerk über die Reconstruction gilt. Ich war nicht ganz so begeistert wie nach Battle Cry, weil mir der erzählende Stil besser gefallen hat als der hier vorherrschende, relativ unpersönliche und teilweise sehr detaillierte, informiert bin ich jetzt aber bestens.

Douglas A. Blackmon – Slavery by another name

Pulitzerpreisgekröntes Buch über die Lebensumstände der Schwarzen nach dem Civil War. Slavery geht zeitlich noch über das Ende der Reconstruction hinaus und beschreibt die Zeit bis zum 2. Weltkrieg. Das Buch ist weitaus „reportagiger“ geschrieben – ganz vorsichtig würde ich es mit In Cold Blood von Capote vergleichen.

Blackmon hangelt sich an verschiedenen Personen bzw. Familiengeschichten entlang, beschreibt deren Lebensläufe und zieht dann das Bild ganz groß auf, indem er das Leben Einzelner in den großen Kontext stellt. Mir hat der Stil sehr gut gefallen, der Inhalt logischerweise deutlich weniger. Reconstruction hat sich weitgehend in Stillschweigen gehüllt, wenn es um hate crimes ging; Slavery schreckt nicht davor zurück, blutige Details zu beschreiben. Das ganze ist sehr weit weg vom Sensationsjournalismus, aber trotzdem schwer zu verdauen. Vor allem wenn man sich bewusst macht, dass der ganze Irrsinn gerade einmal 100 Jahre her ist.

Slavery skizziert die verschiedenen Strömungen sehr nachvollziehbar; also wie aus den verfeindeten Süd- und Nordstaaten plötzlich wieder Nachbarn wurden, die beide der Meinung waren, dass Schwarze Weißen zu dienen hätten. Blackmom erwähnt Darwin, dessen 1859 erschienenen Theorien (Origin of Species) plötzlich zu übelster Rassenkunde ausgenutzt wurden. Und er zeigt den großen Unterschied in der Behandlung von Schwarzen im Vergleich zur Zeit vor dem Bürgerkrieg: Während Sklaven eine finanzielle Investition waren, um die man sich kümmern musste, um ihre Arbeitskraft zu erhalten, waren Gefangene, die an Minen oder Farmen verkauft wurden, schlicht Material, nicht besser als ein Arbeitstier. Die Käufer wussten, dass der Nachschub nie versiegen würde, weswegen die Schwarzen in den Minen oder auf den Feldern buchstäblich bis zum Tode ausgebeutet wurden. Die Käufer konnten sich auf die Zuträgerdienste von örtlichen, bestechlichen Sheriffs und Friedensrichtern verlassen, die willkürlich Schwarze aufgriffen, sie unter fadenscheinigen Vorwänden verhafteten und sie dann gegen ein relativ geringes Entgelt weiterverkauften. Das Geld wanderte in ihre eigenen Taschen, und die Käufer hatten eine billige Arbeitskraft. Das ganze System wurde natürlich nicht Sklaverei genannt – denn die war ja verboten –, sondern es trug den unschönen Namen involuntary servitude, gegen das es (noch) keine Gesetze gab.

Das Buch zeigt sehr deutlich auf, warum die Situation der Schwarzen in den USA bis heute nicht als gleichberechtigt angesehen werden kann. Generationen von Schwarzen hatten nicht den Hauch einer Chance, aus ihrer Armut oder ihrer „Kriminalität“ auszubrechen. Bis heute geben Banken Schwarzen weniger gern Kredite als Weißen, bis heute verlieren Wohngebiete an Wert, wenn Schwarze dorthinziehen. Das Buch zitiert Martin Luther King, der 1967 sagte: “The South deluded itself with the illusion that the Negro was happy in his place; the North deluded itself with the illusion that it had freed the Negro. The Emancipation Proclamation freed the slave, a legal entity, but it failed to free the Negro, a person.” Große Empfehlung.

Jiro Taniguchi (Josef Shanel/Matthias Wissnet, Übers.) – Die Sicht der Dinge

Mein zweiter Taniguchi – zu dem ich fast dasselbe schreiben könnte wie zum ersten: sehr gemächlich, sehr detailreich, Dialoge vielleicht ein bisschen „geschrieben“, passen aber zum sehr „gezeichneten“ Bild. Ja, ich weiß, das klingt doof, weil’s ein Comic ist, aber bei anderen Comics habe ich manchmal das Gefühl, die Bilder seien eher Geschwindigkeit oder Action oder wildes Farbenspiel, und bei Taniguchi sind sie eben gezeichnet. Ganz fein und präzise – und genauso entwickelt sich auch hier eine Familiengeschichte, fein und präzise. Ich mag den Mann, ich kauf mir seine anderen Bücher jetzt auch.

Thomas Glavinic – Das Leben der Wünsche

Der erste Glavinic, von dem ich nicht so ganz begeistert war. Die Arbeit der Nacht war bösestes Gruseln, Das bin doch ich! wildestes Lachen und Das Leben der Wünsche … nun ja … eher verständnislose Langeweile mit wenigen Augenblicken, in denen ich daran erinnert wurde, weswegen ich Glavinic eigentlich gerne lese. Zum Beispiel mit schönen, unerwarteten Worten – so wie der feine Regen, der auf ein Dach „nadelt“. Oder mit Absätzen wie dem hier: „Ein Mann mit roter Baseballkappe, dem ein Eis gerade von der Tüte kippte. Ein brünettes Mädchen, die Stirn gerunzelt, Zigarette zwischen den Fingern, dessen vulgärer Mund jemandem etwas zuzurufen schien. Eine alte Frau, wie traumverloren. Offene Münder, Blicke, Masse, Anonymität. Ein Moment. Das war es. Deswegen macht er Fotos. Diese Sekunde hatte es gegeben, ohne dass sie jemand als solche wahrgenommen hatte. Eine Linie bestand aus einzelnen Punkten, die niemand sah. Die Zeit war eine Linie, und das hier war ein Punkt.“

Wünsche erzählt von Jonas, dem eines Tages ein seltsamer Kerl drei Wünsche erfüllen will. Jonas, alter Fuchs, wünscht sich sofort, nicht nur auf drei Wünsche beschränkt zu sein, woraufhin der seltame Kerl ihn warnt: Es geht nicht um das, was er will, sondern um das, was er sich wünscht. Woraufhin in Jonas’ Leben so einiges passiert, das er so nicht direkt formuliert, aber sich anscheinend tief drinnen gewünscht hat. Die meiste Zeit war ich mit WTF-vor-mich-Hinmurmeln beschäftigt, aber wie gesagt, ein paar Momente hat das Buch dann doch.

PS: Die professionelle Kritik ist übrigens überhaupt nicht meiner Meinung.

Yukito Kishiro – Battle Angel Alita: Tears of an Angel

Yay, mein erster Manga! Also der erste nach Akira, das ich vor ungefähr 20 Jahren gelesen habe. Alita besteht aus mehreren Bänden, die mehrere Hefte in sich vereinen. Der Kerl hatte eben Tears im Regal stehen, in das ich einfach mal blind reingegriffen habe, und was soll ich sagen? Ich fand’s sehr unterhaltsam. Gut, an die großen Glubschaugen von japanischen Comics werde ich mich wohl nie gewöhnen, aber mir hat die Story des Cyborgmädchens sehr gut gefallen. Jedenfalls wenn sie den Bösewichtern die Blechschädel zerkloppt. Wenn sie großäugig (haha) ihren geliebten Hugo anhimmelt und sich nicht traut, ihm zu sagen, dass sie ihn totaaal süüüüß findet, fand ich Alita eher doof.

Und wieder was gelernt: Die Oberkategorie Manga teilt sich in viele Unterkategorien: Alita ist ein Seinen-Manga. Irgendjemand einen Tipp für einen Josei-Manga?

Michael Köhlmeier – Idylle mit ertrinkendem Hund

Ein sehr kurzes Buch, das aber lange nachhallt. Köhlmeier beschreibt, wie sein Lektor ihn zuhause besucht, wie ungewohnt der Übergang vom Siezen zum Duzen ist, wie sich der Lektor überhaupt wie ein Eindringling anfühlt und wie es dem Ich-Erzähler dabei geht. Auf einem Spaziergang trifft der Lektor einen anscheinend halterlosen Hund, der ihn begleitet – und einen Tag später trifft er ihn wieder, diesmal zusammen mit dem Ich-Erzähler. Als sie ihn rufen, bricht der Hund ins Eis ein, auf dem er stand, und die beiden Männer müssen sich entscheiden: Wer bleibt, wer holt Hilfe.

Die Geschichte mit dem Hund ist nur der Aufhänger: Viel mehr Raum nimmt die verstorbene Tochter des Ich-Erzählers ein, über die er schreiben will und nicht kann. Idylle ist, um das mal vorwegzunehmen, eine Erzählung über die Tochter, die Ehefrau, den Umgang mit Trauer. Und sie ist sehr vorsichtig, einfühlsam und schlicht wunderbar.

Mike Mignola – Hellboy: Wake the Devil

Mein erster Hellboy – und garantiert nicht der letzte. Wake the Devil ist nicht der erste Band, daher habe ich mir die Vorgeschichte (wer ist dieser Höllenjunge überhaupt?) mal in der Wikipedia durchgelesen. Das war relativ hilfreich, denn in Devil springen nicht nur die Angestellten des Bureau for Paranormal Research and Defense zwischen den USA, Norwegen und Rumänien hin und her, sondern auch noch Rasputin, ein paar auferstandene Nazis, griechische Göttinnen, ein Homunkulus und ein Kopf im Glas wie aus Futurama. Die Geschichte ist viel zu spinnert, um sie aufzuschreiben, aber sie hat mir gerade durch ihren völligen Irrwitz sehr gut gefallen. Noch besser gefallen haben mir allerdings die Zeichnungen und die unglaublich intensive Kolorierung. Sehr reduzierter Strich, recht kantig und eigenwillig, und sobald der rote Hellboy ins Bild kommt, hat keine andere Farbe mehr eine Chance. Besonders der Kampf Hellboy versus Hekate sieht einfach fantastisch aus: olivgrün gegen knallrot, einfarbiger Hintergrund, absolute Konzentration auf die zwei Figuren. So viel Kraft hat kein Kinofilm.

Glaubst du nicht? Guckstu:

Mike Mignola – Hellboy: Conqueror Worm

Okay, dusseliger Titel – auch wenn er auf Edgar Allan Poe zurückgeht –, aber großartiges Ding. Hellboy legt sich wieder mit Nazis an, die 60 Jahre im All oder im Eis verbracht haben, der Homunkulus steht ihm zur Seite, und es tauchen lustige und weniger lustige Aliens auf, die dem Teufelskerl das Leben schwer machen. Hat mir noch besser gefallen als Devil – und weil das leider die einzigen beiden Hellboys waren, die der Kerl im Regal hatte, muss ich jetzt ne Menge Geld ausgeben, um mir ALLE ANDEREN zu kaufen. Oder erstmal die weiteren Mignolas lesen, die netterweise noch im Regal sind. Zum Beispiel:

Dan Raspler/Mike Mignola – Batman: Legends of the Dark Knight #54 – Sanctum

Bisher habe ich die schönen, bibliotheksfreundlichen Paperbacks gelesen, in denen mehrere dieser dünnen Heftchen zu einem ordentlichen Band zusammengefasst wurden. Sanctum ist eins der dünnen Heftchen aus der Legends of the Dark Knight-Serie, die insgesamt (laut Wikipedia) 214 Hefte umfasst. Ich fand es lustig, das klassische amerikanische Comicformat kennenzulernen – mit gezeichneter Werbung und Leserbriefen am Schluss. Kennt man ja gar nicht mehr, wenn man Blogs liest. Sanctum stammt aus dem Jahre 1993 und ich habe es, wie gesagt, gelesen, weil Mike Mignola die Zeichnungen gemacht hat (und, wenn ich die Credits richtig interpretiere, auch an der Story beteiligt war). Liest sich durch die schmale Seitenzahl von gerade einmal 32 natürlich viel zu schnell weg, aber selbst auf so kleinem Rahmen kann man schon was Schönes über die Fledermaus und einen viktorianischen Mörder in seinem Mausoleum erzählen. Fühle mich zum ersten Mal wie ein „richtiger“ Comicleser.

Howard Chaykin, John Francis Moore/Mike Mignola – Ironwolf: Fires of the Revolution

Hm. Nein. Bisschen viel von allem. Ironwolf spielt in einer nicht näher definierten Zukunft, wo sich ein Empire aus Planeten gebildet hat, das von einer doofen Kaiserin regiert wird. Dagegen rebelliert unter anderem Ironwolf, bis er eines Tages mit seinem Raumschiff vom Himmel geholt wird, ins Koma fällt und erst acht Jahre später wieder aufwacht. Hätte nett werden können, ist aber völlig überfrachtet mit Vampiren, Ewiglebenden, Ironwolfs Bruder, Katzenmenschen, Drogensüchtigen, Dealern und noch ein paar anderen Nasen, die für eine halbgare Pointe am Ende sorgen. War mir alles zu viel und zu wenig durchdacht, und selbst Mignolas Zeichnungen kamen mir sehr gezähmt vor.

Walter Simonson/Mike Mignola – Wolverine: The Jungle Adventure

Naja. Mignolas eigener Stil ist hier überhaupt nicht zu erkennen, dafür haben die Kerle zu viele Muskeln und die wenigen weiblichen Figuren zu wenig an, aber dafür ist die Story wenigstens halbwegs unterhaltsam. Wolverine trifft im Dschungel einen Stamm, der ihn für eine Gottheit hält, dann nervt Apocalypse ein bisschen rum, und zum Schluss ist alles wieder gut.