Der Saal 13 in der Pinakothek der Moderne

Gestern abend hörte ich in der Pinakothek der Moderne einer größtenteils spannenden Diskussion über NS-Kunst zu. (Soll demnächst auch online sein, ich verlinke das dann.) Anfangs kam für mich nicht viel Neues, aber in der zweiten Hälfte wurden dann doch einige Punkte angesprochen, über die ich so noch nicht nachgedacht hatte.

Oliver Kase, der Leiter der Sammlung Klassische Moderne in der Pinakothek, leitete die Veranstaltung ein und erzählte von den gut 900 Bildern, die die Bayerische Staatsgemäldesammlung nach 1945 aus NS-Besitz überstellt bekommen hatte; er nannte das einen „unerbetenen Sammlungszugang“ (ich zitiere aus dem Kopf, ich wollte nicht mitschreiben. Sollte ich mir vielleicht mal wieder angewöhnen). Anscheinend haben die Bilder erstmal ein paar Jahrzehnte im Depot gehangen; seit einiger Zeit werden sie endlich erforscht und hoffentlich bald publiziert. Die eindeutig ideologischen Werke – also die Hitlerporträts etc. – waren schon vorher von den Alliierten am Central Collecting Point ausgemustert und nach Washington verschifft worden, davon hat die Pinakothek also nichts im Keller (die Werke hat jetzt das Deutsche Historische Museum).

2015 gab es bereits die Ausstellung GegenKunst, in der eines der bekanntesten NS-Gemälde – Adolf Zieglers Vier Elemente, die hier in München im Führerbau (der heutigen Musikhochschule) im Salon über dem Kamin hingen – einem Triptychon von Francis Bacon gegenübergestellt wurde; eine Skulptur von Josef Thorak wurde einer von Otto Freundlich zugeordnet. Das war für mich sehr spannend, weil ich erstmals ein so bekanntes Werk wie die Elemente im Original sehen konnte.

Seit ein paar Monaten stellt die Pinakothek der Moderne im Saal 13 als erstes Kunstmuseum in Deutschland NS-Kunst regulär in der Dauerpräsentation aus; bisher war NS-Kunst nur in historischen Museen zu sehen (DHM oder GNM). Seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige, war ich der Meinung, die Bilder müssten an die Wand, man müsste sie aus den Depots holen, um sich mit ihnen beschäftigen zu können, man dürfe sie nicht weiter mystifizieren und dämonisch überhöhen, gerade wenn man weiß, wie gering der Anteil von genuin ideologischen Werken z.B. bei der Großen Deutschen Kunstausstellung war – der weitaus größte Teil waren Landschaften, Genremalerei, Stillleben und Porträts. Und dann stand ich zum ersten Mal in diesem Raum und sah den Ziegler wieder, den ich ja schon kannte – und auf einmal fühlte er sich völlig anders an. Wie genau, ist mir erst gestern bei der Diskussion klar geworden.

GegenKunst war natürlich didaktisch auf die Zwölf, hier die gute Kunst, da die böse, da konnte man sich entspannt zurücklehnen und wusste, was angeblich richtig und was falsch ist. Aber jetzt in Saal 13 gibt es fast nur noch „böse“ Kunst – aber sie sieht nicht so aus. Da hängen keine Herrenmenschen, da hängen unter anderem verträumte Landschaften, ein Bild, auf dem der Autobahnbau zu sehen ist, und eben der olle Ziegler – quasi als einziges Werk, bei dem man auch als jemand, der sich noch nie mit dem Thema beschäftigt hat, eventuell sagen könnte, das sieht irgendwie anders aus, das fällt raus.

Aber um diese Andersartigkeit ging es mir gar nicht bei meinem ersten Besuch. Es hat sich auf einmal total falsch angefühlt, diese Bilder hier zu sehen. Man kommt aus den Baselitzen und man weiß, dass um die Ecke Kirchner hängt und mein geliebter Lehmbruck kauert – und man guckt sich blöde Nazischeiße an. Und dann reißt man sich zusammen und erinnert sich, dass man als Kunsthistorikerin hier ist, aber so ganz habe ich den Argwohn und die Wut auf diesen Kram nicht abstellen können. Zu wissen, das hängt jetzt hier auf Augenhöhe mit dutzenden von Werken, die die Nationalsozialisten als „entartet“ bezeichnet haben, fühlte sich total falsch an – aber eben auch total richtig.

Der Spectator hat das gerade sehr hübsch formuliert:

„Only a few of the artworks in the Haus der Deutschen Kunst were overtly fascistic. It was seeing them all together that made them so. The majority were merely old-fashioned: muscular nudes, aping the warriors and athletes of antiquity; standard genre paintings, with an emphasis on rural toil. The propaganda value was often confined to the titles: a landscape became ‘A German Landscape’; a family became ‘A German Family’. Most of these tidy daubs would have graced a bourgeois drawing room — there was nothing revolutionary about them. That’s what made them so seductive. The most telling thing about this show was the art that wasn’t there.“

Die Pinakothek hängt diese Bilder jetzt erstmals zwischen the art that wasn’t there und gibt ihr damit die Chance, sich zu beweisen. Das klappt bei Ziegler überhaupt nicht, der sieht in meinen Augen nur noch alberner aus, aber ich muss gestehen, die Winterlandschaft von Müller-Schnuttenbach würde ich mir auch ins Wohnzimmer hängen. Der Spectator meint sogar, dass dieser Raum mit den elf Bildern der interessanteste im ganzen Museum sei, aber da tut er meiner Meinung nach dem Rest des Hauses unrecht.

Bei der Diskussion gestern fragte Olaf Peters, ob es denn unbedingt diese Bilder sein mussten – hätte man statt Carl Theodor Protzens Donaubrücke bei Leipheim nicht Carl Grossberg nehmen können, der begabter gewesen sei und auch gerne Industrie gemalt hatte (und den ich sehr gerne mag)? Generell wurde die Frage nach der Qualität der Werke gestellt, aber leider nicht beantwortet. Ich fragte mich, ob das Absicht war, also ob der Raum bewusst so kuratiert wurde, dass man alles eher so meh findet und sich damit auf der politisch richtigen Seite fühlen darf? Das scheint mir aber selbst zu billig, dann kann man es auch gleich lassen, die Bilder aufzuhängen.

Im Saal selbst liegt ein Begleitheft aus, das man sich schön mit nach Hause nehmen (und darüber bloggen) kann. Dort wird in der Einleitung aufgeführt:

„Die qualitativ und stilistisch breit gefächerte Werkauswahl zielt nicht auf die Präsentation etablierter Meisterwerke, sondern gibt exemplarische Einblicke in die Handlungsmöglichkeiten der Künstler und die Herausforderungen oder Verstrickungen ihrer Karrieren während des nationalsozialistischen Regimes. Die Präsentation möchte die kategorische Unterscheidung von ‚NS-Kunst‘ und ‚entarteter Kunst‘ und damit auch die Verknüpfung bestimmter Malstile mit politischen Haltungen hinterfragen und Ambivalenzen oder Paradoxien in den Mittelpunkt rücken.“

Wie ambivalent die Auswahl war, zeigt sich gleich zwei Räume weiter, wo ein Bild von Wilhelm Lachnit aus dem Jahr 1936 hängt: Mädchen mit Schmuck (ich finde online leider keine Abbildung). Lachnit galt als „entartet“, stellte aber trotzdem im kleinen Rahmen, vor allem in Dresden, aus; das Mädchen mit Schmuck reichte er beim „Nationalen Porträtwettbewerb“ 1936 ein. Das hätte also auch locker in Saal 13 hängen können. Weil es da aber nicht hängt, kann man es ohne jeden Hintergedanken schön finden, während man bei Müller-Schnuttenbach darüber nachdenkt.

Eine weitere Diskussionsteilnehmerin, Stephanie Marchal, erwähnte die Bochumer Ausstellung von NS-Kunst, in der die Bilder eingebettet werden in Fotografien aus Konzentrationslagern – damit auch ja niemand vergisst, in welchem Umfeld sie entstanden sind. Unser Rosenheimseminar kam sehr kopfschüttelnd von der Exkursion zurück, und auch Marchal nannte das „Didaktik mit dem Holzhammer“. Daniela Stöppel fragte aber trotzdem nochmal, warum der Saal 13 nicht anders aufbereitet wurde, also warum man hier die Bilder unbegleitet für sich sprechen lasse und ob das nicht eben doch eine Gefahr sei. Sie erwähnte einen eigenen Aufsatz, in dem sie für eine Normalisierung im Umgang mit der NS-Kunst plädiert hatte, „und für den ich viel Beifall von der falschen Seite bekommen habe.“ Kase meinte, in den wenigen Monaten, in denen der Saal jetzt so gestaltet sei, wäre er noch nicht zu einer Pilgerstätte für Alt-Nazis geworden. Ich selbst fragte heute morgen beim Rundgang mal einen der Aufpasser, ob die Besucher das denn überhaupt mitbekämen, was hier hängt, worauf der Herr meinte, ja, auf jeden Fall. Als ich das erste Mal im Saal stand, schien mir das nicht so, da schlenderten die Leute genauso aufmerksam oder gelangweilt wie durch alle anderen Säle auch. Ziegler und Schnuttenbach schienen weder zu stören noch zum Widerspruch herauszufordern, und ich weiß gerade selber nicht, welche Reaktion ich eigentlich gerne hätte. (Ich weiß auch nicht, welche Herr Kase gerne hätte.)

Stöppel und Peters fragten sich, ob die Normalisierung, die wir als Kunsthistoriker*innen fordern, vielleicht gerade heute ein Schritt zu weit wäre, also ob man vielleicht doch wieder auf das „Unnormale“ hinweisen müsste, wenn auch nicht mit Holzhammer und Bergen-Belsen-Bildern. Aber da es heute ja Menschen gibt, „die den Begriff des ‚Völkischen‘ wieder neu besetzen wollen“, sei vielleicht doch etwas mehr Vorsicht angebracht.

Ich habe aus der Diskussion und dem nun mehrfachen Besuch des Saals mitgenommen, dass ich das Thema schlicht weiter durchdenken muss. In jeder Seminarstunde stolpere ich über weitere Widersprüche und Ambivalenzen, es scheint bei diesem Thema schlicht kein Schwarz und Weiß zu geben, kein Richtig und kein Falsch, weil es eben nicht „die NS-Kunst“ gibt, sondern einen Berg an Werken, Stilen und Biografien, die nur eins gemeinsam haben, nämlich ihre Entstehungszeit. Kase fragte zum Abschluss in die Runde, ob die Diskutant*innen das Gefühl hätten, die Diskussion wäre in den letzten Jahren weitergegangen oder ob man sich nur auf der Stelle bewegt hätte, woraufhin sich schon alle einig waren, dass sich viel getan hätte, aber dass eben anscheinend auch noch viel getan werden müsste und dass der Umgang mit diesem Thema immer noch schwierig sei.

Es gab noch zwei Publikumsfragen, die mir egal waren, aber dann meldete sich eine Dame und hatte keine Frage, sondern nur eine Anmerkung, die sie mit leiser und fester Stimme vortrug: „Mir ist das unangenehm, dass diese Bilder dort hängen.“

Und daraufhin hatte dann auch niemand mehr ein Argument auf Lager. Kase und Peters meinten beide, dass das ein völlig gerechtfertigtes Gefühl sei und man könne auch nicht wegdiskutieren, dass man hier jetzt ein Bild zeigt, von dem man weiß, dass Hitler es gerne betrachtet hatte. Ich kann die Dame völlig verstehen; bei meinem ersten Besuch – ich ließ es oben anklingen – ging es mir ähnlich. Der Raum ist genauso gestaltet wie die benachbarten, weder Boden- noch Wandfarbe oder Lichtgestaltung weisen darauf hin, dass diese Kunst vielleicht problematisch ist, dass sie vielleicht nicht in den Kanon gehört, dass wir schlicht noch nicht damit fertig sind, uns ein Urteil über sie zu bilden.

Ich persönlich glaube aber, dass die Begleitbroschüre und der Wandtext schon helfen, sie einzuordnen; ich glaube nicht, dass wir noch mehr Hinweise darauf brauchen, in welchem Kontext die Werke entstanden sind – für so schlau halte ich die Besucher*innen der Pinakothek jetzt mal, dass sie wissen, was zwischen 1933 und 1945 in Deutschland passiert ist. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ein Museum endlich den Versuch wagt, diese Werke zu zeigen und sich nicht nur hinter verschlossenen Universitäts- und Museumstüren mit ihnen beschäftigt, sondern sie dem Publikum zeigt. Das kann jetzt selbst entscheiden, was es davon hält.