Warum ich mich über Bronze so freue wie andere über Gold

Ich mache jetzt seit fast zehn Jahren Werbung, und gestern habe ich meinen ersten Löwen in Cannes gewonnen. Einen bronzenen Löwen, um genauer zu sein (Every story has a beginning). Jetzt könnte man meinen, dass das nach zehn Jahren ganz schön arm ist und ein dritter Platz ja nun auch nicht so ein Bringer. Das meine ich aber nicht, und das liegt daran, dass ich kein klassischer Werber bin, sondern eine Katalogtante.

Die klassischen Werbedisziplinen sind – obwohl das Internet immer wichtiger wird – Film, Funk und Print. Also Spots, egal ob Kino oder Fernsehen, Radiowerbung und die schönen bunten Anzeigen, die unsere Printerzeugnisse bezahlbar machen. Die nicht-klassischen Disziplinen sind unter anderem Produktliteratur (Werberdeutsch für Kataloge), Direktmarketing (Postwurfsendungen in hübsch), POS-Kram (Point of Sale; alles, was euch im Supermarkt oder im Elektronikfachhandel den Weg versperrt oder den Blick auf sich zieht) und und und. Die coolen Werber machen klassische Werbung, weil man dann rumerzählen kann, hachja, der neue Mercedes-Spot ist von mir, ohguckmal, da hängt mein Lucky-Strike-Plakat. Die uncoolen Werber machen den Rest, mit dem man ü-ber-haupt nicht angeben kann. Ich bin total uncool und liebe Kataloge. Am meisten die für schöne Autos. Guckst du hier.

Als ich Ende 1999 meinen Copytest ausgefüllt hatte, um meinem besten Freund (Texter) zu beweisen, dass ich auch toll schreiben kann, wollte ich Filme machen, Funkis im Studio überwachen und Anzeigen kloppen. Das habe ich auch als Praktikant und Juniortexterin gemacht. Und dann kam der erste Katalog. Den mochte ich eigentlich gar nicht schreiben, aber meine damalige Agentur war noch recht überschaubar besetzt, so dass alle auf dem großen Kunden mit den vier Ringen gearbeitet haben, ob sie nun wollten oder nicht. Also ich auch. Und sobald ich angefangen hatte, über 60 Seiten nachzudenken anstatt wie bisher über eine, habe ich gemerkt, dass mir das viel mehr Spaß macht als der ganze Klassikkram.

Vielleicht auch, weil mir die Produktion eines Katalogs mehr Spaß macht als „mal eben“ (alle Werber wissen, warum da Anführungszeichen stehen) eine Anzeige zu gestalten. Eine Anzeige muss oft von heute auf morgen fertig sein. Ein Autokatalog dauert ungefähr von fünf Monaten aufwärts bis zu einem Jahr.

Als erstes kommt natürlich das Briefing: Was ist das für ein Auto; ist das eher das Massenmodell des Konzerns oder die absolute Edelkarosse, die an die Scheichs geht; was kann es, was andere nicht können; wer ist die Zielgruppe; wie lautet die Produktbotschaft – also nicht „Freude am Fahren“ oder „Vorsprung durch Technik“ oder „Lu-lu-luuu“, sondern der Satz, der dieses ganz bestimmte Auto charakterisiert – usw. Aus diesen Infos zimmert man sich ein paar Konzepte, die man dem Kunden vorlegt. Also zum Beispiel ein grafisches Konzept, das dieses Auto besonders gut in Szene setzt. Eine Headlinemechanik, die alles zusammenhält. Eine Botschaft, die auf jeder Seite belegt werden kann, sei es im Bild oder im Text. Alles hat einen großen Gedanken, den man über 60 bis 120 Katalogseiten spielen kann. Wie so oft bei Werbung ist von diesem großen Gedanken manchmal nicht mehr viel übrig, wenn die Marketingleitung, die Ingenieure und die Juristen rübergeguckt haben, aber im Idealfall sollte man diese Botschaft auch als werbeunkundiger Leser und Autokäufer dechiffrieren können.

Hat sich der Kunde für ein Konzept entschieden, geht’s an die Umsetzung. Welche Inhalte kommen auf welche Seiten – der Aufriss entsteht. Und ändert sich zehnmal. Das Fotoshooting beginnt; immer gerne in exotischen Locations, damit der Art Direktor auch was davon hat – was manchmal eher nervig ist, weil fast immer die Geheimhaltung gilt und man das Shootingfahrzeug zwischen den Aufnahmen stets abdecken muss, bevor ein naseweiser Blogger das Teil mit dem Handy knipst. Viele Firmen arbeiten daher nur noch mit CGI, das heißt, die Autos werden komplett am Rechner gebaut, und man fotografiert „nur“ noch die Location. Während die Arter also Kokosnüsse knacken, setze ich mich mit den technischen Infos hin, die je nach Firma zwischen 30 und 200 Seiten lang sind, überlege mir, welche tollen Features ich wo und wie beschreibe und wie ich das ganze so formuliere, dass es kein Technikgewäsch wird, sondern ein hoffentlich emotionaler und gut lesbarer Text – in dem natürlich der Konzeptgedanke wiederzufinden sein soll. Die erste Textfassung geht an den Kunden, meist während die Arter noch an den Layouts basteln oder auf dem Shooting sind, dann kriege ich Korrekturen, während meine Kollegen die ersten Fotos mit dem speziellen Look überziehen, auf den man sich geeinigt hat, und irgendwann werfen wir dann Bilder und Texte zusammen, korrigieren das ganze drei- bis dreißigmal, nach durchschnittlich sieben bis acht Monaten liegt ein gedruckter Katalog vor mir, und ich blättere stolz „mein“ Werk durch.

Lustigerweise gibt es nicht viele Texter in den großen Agenturen, die freiwillig Kataloge schreiben. Und zwar weil viele Texter lieber ausdenken – also konzipieren – als schreiben. Einer meiner Textgötter, Hartwig Keuntje, Mitinhaber von Philipp und Keuntje, hat uns Textern immer gesagt: Wer schreiben will, muss erstmal lesen – und uns dann Robert Musil und Konsorten ans Herz gelegt anstatt 39,90. Viele Texter können grandiose Headlines schreiben, scheitern aber, wenn es um zehn zusammenhängende Sätze geht. Und da kommen dann Leute wie ich ins Spiel: Leute, die lieber zehn Sätze schreiben als einen.

Soweit alles super. Wenn da nicht diese Werberpreise wären, nach denen sich ein bisschen der eigene Marktwert berechnet. Ich würde den ganzen Wettbewerben wie ADC, Cannes, Clio und Konsorten nicht so wahnsinnig viel Gewicht beimessen, aber gerade als Junior sieht das schon toll in der Mappe aus, wenn man ein bisschen Bling vorweisen kann. Als Senior ist es irgendwann egal, dann kennen dich eh alle und wollen dich haben, weil sich inzwischen rumgesprochen hat, dass du einen guten Job machst. Aber auch wenn mir das so ging und geht, hadere ich manchmal damit, dass ich als Katalogmensch viel geringere Chancen auf Edelmetall habe als die Klassikleute. Denn auf den Festivals werden eben eher die klassischen Disziplinen ausgezeichnet, weil schnöde Verkaufsliteratur nicht so oft durch Riesenideen bestechen kann. Die muss eben eher informativ als kreativ sein, und damit ist man im Prinzip raus.

Natürlich hat auch Literatur eine Chance, aber dann eher in den Kategorien Design oder Direktmarketing. Die gefühlten 20 Autokataloge, die ich in den letzten Jahren konzipiert und geschrieben habe, haben so gut wie nichts abgeräumt bzw. wurden nicht mal eingereicht, weil jede Agentur weiß, dass damit eher wenig zu gewinnen ist.

Daher habe ich eher Chancen, mit Projekten zu punkten, die nicht ganz so auf Verkoofe einzahlen, aber eben auch keine Klassik sind. Die meisten meiner Awards habe ich mit einem Mailing für Lamborghini gewonnen, in dem der damals neue Murciélago vorgestellt wurde. Lamborghini braucht natürlich eigentlich gar keine Werbung, der Name ist schon Werbung genug, aber es ist ein extrem dankbarer Kunde, weil die zu kommunizierende Botschaft sehr spitz (Hast du Geld, kaufst du dieses Auto) und die Zielgruppe extrem überschaubar ist und man auch mal ein bisschen Kohle in die Hand nehmen darf. Deswegen sind die Werbemittel für Lamborghini auch fast immer wahnwitzig hochwertig produziert, was auf Festivals grundsätzlich mehr Eindruck macht als ein „gewöhnlicher“ Autokatalog.

Der andere Schwung meiner Medaillen ging an das Audi-Markenbuch, in dem wir uns der Marke mal etwas weniger verkäuferisch genähert haben: Wir haben ein Puzzle anfertigen lassen, mit dem eine Studie visualisiert wurde (aus der Studie ist inzwischen der Audi A5 geworden), wir haben technische Features neu in Szene gesetzt, und ich habe eine Ode an das ® geschrieben, das an vielen Audi-Patenten klebt, wie zum Beispiel am quattro®-Antrieb oder bei TDI®. Und diese Ode haben wir dann in Photoshop auf ein Leinentuch gestickt, das man sich an die Wand hängen könnte.

Und vor einiger Zeit hatte ich eine nette, kleine Idee, die sich mit ersten Sätzen aus Büchern befasst. (Wir erinnern uns: Wer schreiben will, muss erstmal lesen.) Daraus ist ein Recruiting-Tool für Roland Berger in der Agentur gürtlerbachmann geworden – „Jede Geschichte hat einen Anfang“, dann kommt pro Seite ein großartiger Romananfang, der erste Satz im Grundgesetz, eine Comicsprechblase oder der erste Satz eines Theaterstücks, und der Abbinder lautet „Machen Sie Ihren Anfang bei uns“ mit der Aufforderung, sich zu bewerben. Das Büchlein ist an potenzielle Arbeitnehmer verschickt worden und hatte meines Wissens einen sehr guten Rücklauf. Und was noch besser ist: Es gewinnt gerade auf so ziemlich jedem Wettbewerb irgendwas. Gold war noch nicht dabei, aber ich freue mich wie gesagt über alles – einfach, weil ich mich freue, überhaupt mal wieder bei Wettbewerben dabeizusein. Und deswegen bin ich auf meinen ersten Cannes-Löwen in Bronze sehr, sehr stolz und freue mich schon auf den Augenblick, wenn ich ihn irgendwo bei uns im Bad platzieren kann.

(Die Klassikwerber hätten statt dieser 100 Zeilen nur geschrieben: Bronze in Cannes. Ich geh jetzt feiern.)

„Ihnen ist egal, was wir denken.“

Franziska Heine, die Initiatorin der Online-Petition gegen Netzsperren, diskutiert mit Ministerin von der Leyen über genau dieses Thema. Der Artikel steht online – und ist mit einer kleinen, aber entscheidenden Änderung auch im Print erschienen.

Update: Die Unterzeile in der gedruckten Zeit war laut der Online-Redaktion „ein Fehler“.

„Alte Männer mit Kugelschreibern“

Eine kleine Via-Kette: Das Piratengezwitscher hat mich auf diesen Artikel von Isotopp aufmerksam gemacht:

„Ich lebe online. Alle Texte, die ich seit 1983 geschrieben habe, sind auf dem Computer geschrieben worden. Sie liegen auf einem halben Dutzend Rechnern im Netz verstreut. Seit 1986 achte ich darauf, portable Formate zu verwenden, um auch bei einer Migration auf neue Systeme keine Daten zu verlieren. Seit 20 Jahren lese ich laufend meine Mail, ich bin jeden Tag in fünf verschiedenen IM-Systemen zu erreichen.

Ich habe Freunde und Kollegen, die ich noch niemals in Persona getroffen habe. Meine Arbeitgeber seit eineinhalb Jahrzehnten setzen in ihren geschäftskritischen Systemen ausschließlich Open Source Software ein. Ich bin einige Jahre für eine Firma tätig gewesen, bei der ich weder den finnischen noch den deutschen Firmensitz je betreten habe, und bei der ich erst kurz vor dem Ausscheiden einmal Gelegenheit hatte, den amerikanischen Firmensitz von innen zu sehen. Ich habe in einem Bewerbungsgespräch gesessen, bei dem mein zukünftiger Arbeitgeber das Gespräch mit den Worten ‘Wir haben uns dann im Web schon mal über sie informiert. Fachlich ist wahrscheinlich alles klar, wir müssen nur noch sehen, ob das menschlich auch paßt.’ eröffnet hat. Ich mache mir Sorgen, was mit meinem Arbeitsplatz ist, wenn einmal das DSL ausfällt und überlege mir einen Backup-Anschluß via Kabelfernsehen ins Haus legen zu lassen. Dann fällt mir ein, daß mein Mobiltelefon ja eine UMTS-Flat hat und daß ich damit wahrscheinlich überbrücken kann.

Ich reiste beruflich fast drei Jahre durch Europa und die USA, aber ich war immer zu Hause – Eastern Standard Tribe oder in meinem Fall der Stamm der MESZler war immer für mich erreichbar, wo immer ich war: Ich habe nicht mehr oder weniger Kontakt mit meinen Freunden gehabt bloß weil ich mal ein paar Wochen auf einem anderen Kontinent war.

Das ist die Welt, in der ich existiere und das sind die Dinge, mit denen ich jeden Tag umgehe. Sie sind für mich real. Sie definieren und sie finanzieren meine Existenz in dieser Welt.“

Und in dem wiederum wird dieser Artikel von Bov Bjerg erwähnt, der bereits im September 2007 erschienen ist, aber (leider) gerade wie die Faust aufs Auge passt:

„Machen wir uns nichts vor: In den vergangenen Jahren ist, nicht nur in Deutschland, eine gefährliche Parallelgesellschaft entstanden. Eine Gegen gesellschaft von alten Männern, die sich kurz nach Erfindung des Kugelschreibers vom technischen Fortschritt abgekoppelt haben. Reaktionär, dogmatisch, unbelehrbar – und auch noch mächtig stolz darauf.

Unsere grundlegenden Werte sind ihnen fremd. Soweit sie davon auch nur Kenntnis erlangen, wollen sie diese Werte zerstören. Die freie Information behindern und die freie Rede bestrafen. Sie wollen über unsere Rechner bestimmen, obwohl sie kaum imstande sind, ihren eigenen auch nur einzuschalten. Sie sind längst dabei, uns zu kolonialisieren. Ihre Missionare heißen Polizist und Staatsanwalt. Ihr liebster Psalm und Schlacht ruf zugleich lautet: »Das Internet ist kein rechtsfreier Raum!«“

Transformers: Revenge of the Fallen scheint ein echt guter Film zu sein (ÜBERRASCHUNG!):

Roger Ebert:

Transformers: Revenge of the Fallen is a horrible experience of unbearable length, briefly punctuated by three or four amusing moments. One of these involves a dog-like robot humping the leg of the heroine. Such are the meager joys. If you want to save yourself the ticket price, go into the kitchen, cue up a male choir singing the music of hell, and get a kid to start banging pots and pans together. Then close your eyes and use your imagination.”

Peter Bradshaw vom Guardian:

“(Director Michael) Bay has a great love of flashy effects, stroboscopic editing and loud crashes; he famously calls his cinematic technique “fucking the frame”. That phrase might be brutal, but it’s accurate. And there’s no doubt about it: he really has given the frame a right old seeing-to this time. Bay has turned up at the frame’s flat with some unguent massage oils, scented candles and a hundredweight of Viagra. It isn’t long before the headboard of the frame’s bed is crashing repeatedly against the wall, while the frame gazes up at the ceiling … and I think the frame is faking it.”

Ich glaube, dass wir dankbar für miese Filme sein sollten, denn Verrisse machen einfach viel mehr Spaß beim Schreiben. Und Lesen.

Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 3: Guermantes, Seite 262 bis 399, ich wiederhole nochmal: Seite 262 bis 399: die Beschreibung eines Salons bei Madame de Villeparisis, anwesene Menschen, Gespräche, Anmerkungen zur Dreyfuss-Affäre.

Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt. Und: unwiderstehlich. Bei 0550 geht’s los.

somewhere i have never travelled

somewhere i have never travelled, gladly beyond
any experience,your eyes have their silence:
in your most frail gesture are things which enclose me,
or which i cannot touch because they are too near

your slightest look will easily unclose me
though i have closed myself as fingers,
you open always petal by petal myself as Spring opens
(touching skilfully,mysteriously)her first rose

or if your wish be to close me, i and
my life will shut very beautifully ,suddenly,
as when the heart of this flower imagines
the snow carefully everywhere descending;

nothing which we are to perceive in this world equals
the power of your intense fragility:whose texture
compels me with the color of its countries,
rendering death and forever with each breathing

(i do not know what it is about you that closes
and opens;only something in me understands
the voice of your eyes is deeper than all roses)
nobody,not even the rain,has such small hands

E. E. Cummings

Nachtrag zum Us-Now-Eintrag: Clay Shirky, der auch im Film zu Wort kommt, erklärt in diesem Clip, warum das Internet die Gesellschaft verändert hat und weiter verändern wird bzw. warum sich unsere Art der Kommunikation verändert. Vom Telefon, das eine from-one-to-one-communication war, über Radio/Magazine/Fernsehen (one to many) bis zum Internet: many to many. Via Sixtus’ Gezwitscher.

Der Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller. Mit 215 Jahren Verspätung im Netz.

Us Now

Us Now ist eine Dokumentation, die sich mit den Veränderungen unserer Lebensumstände beschäftigt, seitdem wir das Internet für mehr nutzen als nur E-Mails zu schreiben und Dates zu googeln. Der Film zeigt, wie sich neue Gemeinschaften bilden, die wir ohne Netz nicht hätten bilden können – wie zum Beispiel Mumsnet, eine Plattform, auf der sich Mütter austauschen –, und er zeigt das Besondere an diesen Communitys: dass wir völlig fremden Menschen vertrauen, weil sie uns ähnlich sind. Oder weil wir bei einer Frage von 25 Leuten hören, mach dies, und nur von einem, mach’s anders, und wir so besser einschätzen können, was wohl das Richtige ist, als wenn wir „nur“ unsere beste Freundin oder einen Kollegen gefragt hätten.

Weitere Beispiele, wie sich unser Leben ändert: Wir können Geld leihen und verleihen, ohne eine Bank zu bemühen (Zopa), wir können in fremde Länder reisen und Menschen treffen, an denen wir sonst vorbeigelaufen wären und einen einmaligen Einblick in neue Kulturen bekommen, ganz ohne Reisebüros und Hotelketten (Couchsurfing), wir können Bands entdecken und ihnen helfen, ein Album zu produzieren und so Musik ganz neu entdecken (SliceThePie). Und wir können sogar mit vielen anderen Fans zusammen einen Fußballklub leiten.

Natürlich ist das Internet auch eine Welt, in der Gefahren lauern. Aber das tun sie auch an der nächsten Straßenecke. Das Besondere am Internet ist, dass wir auf einmal erleben, wie gerne wir helfen, wie gerne wir freiwillig etwas von uns hergeben, um jemanden – meist völlig Fremden – damit weiterzubringen. Alle Verbraucherportale profitieren von unseren Kenntnissen, alle Ebay-Käufer, alle Reiseseiten, jede Plattform, auf der sich Menschen engagieren, sammeln Wissen. Und mit diesem Wissen sind wir so gut informiert und vernetzt wie noch nie zuvor.

Us Now stellt zum Schluss die These auf, dass sich durch diese Vernetzung und dieses gesammelte Wissen auch die Politik verändern könnte bzw. die Art, wie wir regiert werden: Durch die Teilnahme am Netz und an Communitys, durch das Wissen, dass wir eine Wahl haben, könnten Regierungsformen entstehen, bei der der Bürger und die Bürgerin wieder mehr zu entscheiden haben als nur alle vier Jahre bei der Wahl. Ich kann nicht beurteilen, ob die Theorie schon zu weit geht, aber eine Überlegung ist es auf jeden Fall wert.

(Webseite zum Film, Wikipedia-Eintrag, Film via Nerdcore)

Für die Freunde des politisch total unkorrekten Autofetischismus (icke!): Heute beginnt um 21 Uhr auf BBC Two die neue Staffel Top Gear. Ich nehme an, fünf Sekunden nach Ende der Ausstrahlung auch auf YouTube zu sehen.

Hal Fabers Wochenschau Was war. Was wird. hat heute einen ganz Berg spannender Links dabei, unter anderem zu Zensursula und der Musikindustrie. Könnte man komplett copypasten; ich begnüge mich mit einem kurzen Ausschnitt:

„So aber hat der 16. Deutsche Bundestag das Vertrauen in die Ordnung des Rechtsstaates gründlich zerrüttet, als mit den Stimmen der Großen Koalition in dieser Woche das Ermächtigungsgesetz 2.0 beschlossen wurde. Dass es wirklich um Kinderpornografie ging, ist ausgemachter Kinderglaube: Es dauerte genau zwei Stunden, bis der Schwiegersohn unseres amtierenden Innenministers vorschlug, die Stellschrauben zu justieren. Nach Kinderporno und Killerspielen könnten politischer Extremismus zugeschaltet und weggesperrt werden: Wir Sind China! Das meint auch das Wall Street Journal, um mal auf eine unverdächtige externe Bewertung der Bündnispartner zu verlinken.“

(Direkt-Beth)

Der letzte Tag

Thomas Knüwer im gestrigen Handelsblatt über das Gesetzesvorhaben zu Internetsperren, das heute voraussichtlich vom Bundestag durchgewinkt wird:

„Für jene, die sich nicht mit dem Thema beschäftigt haben, ist es schwer zu glauben: Morgen wird der Bundestag mit den Stimmen von CDU und SPD ein Gesetz verabschieden, das die Gewaltenteilung zwischen Judikative, Exekutive und Legislative aufhebt. Jene Gewaltenteilung, die in Art. 20 des Grundgesetzes festgeschrieben ist.

Im scheinbaren Kampf gegen Kinderpornografie werden künftig die Ermittler der Landeskriminalämter entscheiden, was ungesetzlich ist und was nicht – ganz ohne Richterspruch. Sie werden eine Liste von Internetseiten erstellen, die gesperrt werden. Diese Liste wird nicht öffentlich zugänglich sein, die Betreiber der betroffenen Seiten werden nicht informiert. Wer diese Seiten besucht, gleichgültig ob absichtlich oder zufällig, dessen Daten werden protokolliert – ohne sein Wissen.

Es ist ein Dammbruch für die Demokratie (…)“

Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben als politischer Mensch in Deutschland fassungslos. Dass Politiker manchmal Gesetze beschließen, die ich nicht gutheiße – wie Hartz IV – oder Dinge tun und lassen, die ich nicht nachvollziehen kann – wie vor gefühlten 100 Jahren die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen auf bundesrepublikanischem Boden, gegen die ich damals auf die Straße gegangen bin – geschenkt. Jeder von uns lebt in seiner eigenen Blase, hat eigene Ansprüche oder Moralvorstellungen, kein Politiker und keine Partei kann es mir immer und zu allen Anlässen recht machen. Aber bis jetzt hatte ich bei allem immer das Gefühl, dass es in Deutschland eine funktionierende Oppostion gibt, eine oder mehrere Parteien, die aufstehen, wenn etwas schiefläuft, die laut werden, wenn die Regierung es sich zu bequem machen will. Und ich wusste immer, es gibt eine Gewaltenteilung. Selbst wenn die Regierung Gesetze beschließt, gibt es Institutionen, die sie wieder zu Fall bringen können, wenn sie rechtswidrig sind.

Seit Dienstag, seit sich die Große Koalition, die ich mit meiner Stimme für die SPD auch noch ermöglicht habe, gemeinsam auf einen Gesetzesentwurf geeinigt hat, der die Gewaltenteilung faktisch aushebelt und meiner Meinung nach eindeutig gegen das Grundgesetz verstößt (Artikel 5.1: „Eine Zensur findet nicht statt.“), seit diesem Tag bin ich fassungslos. Ich fühle mich zum ersten Mal in meinem Heimatland nicht mehr so frei wie noch am Tag zuvor. Ich habe das bedrückende Gefühl, dass die Regierung meines Landes, meine Regierung, die ich gewählt habe, ihren Bürgern nicht mehr vertrauen will, mir nicht mehr vertrauen will und glaubt, mir vorschreiben zu müssen, welche Webseiten ich besuchen darf und welche nicht. Denn mehr ist dieses Gesetz nicht: Es ist eine Einschränkung meiner freien Wahl, wohin ich mich im Netz bewege. Das digitale Äquivalent dazu, mir zu verbieten, bestimmte Bücher zu kaufen, Lieder zu singen, Gedanken zu teilen. Das ist Zensur, das ist ein Eingriff in meine Grundrechte. Zum ersten Mal sehe ich meinen Staat, den ich bei all seinen Macken bisher immer als zutiefst demokratisch empfunden habe, mit sehr misstrauischen Augen an.

Ich kann es nicht fassen, dass eine Partei, die sich ein soziales Gewissen auf die Fahnen schreibt, sich von einer anderen Partei, die angeblich christliche Werte vertritt, so dermaßen um den Finger wickeln lässt, dass sie ihre eigenen Prinzipien verrät. Prinzipien wie „eine freie (…) Gesellschaft“ und die „Selbstbestimmung aller Menschen“. Ich kann es nicht fassen, dass anscheinend alle Bundesminister ihren Amtseid vergessen haben, in dem es unter anderem heißt: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen (…), das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen (…) werde.“ Ich kann es nicht fassen, dass es anscheinend genügend Abgeordnete gibt, die das Internet als rechtsfreien Raum wahrnehmen, ohne auch nur fünf Minuten damit zuzubringen, diese Sichtweise zu überprüfen. Ich kann es nicht fassen, dass 130.000 Stimmen einfach ignoriert werden. Und ich kann es nicht fassen, dass meine demokratische Regierung aller Voraussicht nach ein Gesetz beschließen wird, das der erste mögliche Schritt in eine Diktatur sein kann – und dass jeder, der diesen Gedanken ausspricht, als hysterischer Angsthase oder wahlweise als krimineller Pädophiler hingestellt wird.

Heute wird der letzte Tag sein, an dem ich an die freiheitliche Grundordnung, mit der ich aufgewachsen bin, glauben kann. Und es gibt weniges, was mich so sehr erschreckt wie dieser Gedanke.

Für Emilia zum fünften Geburtstag

Liebe Emilia,

heute wirst du fünf Jahre alt. Ich glaube, in deinen fünf Jahren bist du schon fast so viel rumgekommen wie ich mit meinen … 29. (Diesen Witz wirst du in 24 Jahren ganz fürchterlich finden.) Im letzten Jahr wart ihr mal wieder auf Sylt und auf Mallorca, von wo du Plastikseeigel mitgebracht hast, die leuchten und Krach machen. Jedenfalls wenn ich sie in die Hände kriege, denn nichts macht mehr Spaß als Kinderspielzeug, das Krach macht. Deswegen wirft deine Mutter auch manchmal so halbböse Blicke ins Kinderzimmer, wenn ich da bin. Oder ins Wohnzimmer, wo ich dich und Lotta mit Kissen bewerfe, die nicht zum Werfen gemacht sind. Überhaupt scheine ich die Wirkung eines Zuckershakes zu haben, denn ihr seid immer lauter, wenn ich da bin als wenn ich nicht da bin. Aber das kann Einbildung sein. ich werde jedenfalls demnächst immer Kissen von zuhause mitbringen, mit denen ich euch bewerfen kann. Die liegen bei mir ja eh nur gelangweilt rum und würden bestimmt gerne geworfen werden.

Wenn du mir nicht gerade dein neues Spielzeug zeigst, bastelst du sehr gerne. Eins deiner ersten Werke, das ich bewundern durfte, war ein Fernglas, das du kongenial aus einer leeren Klopapierrolle und buntem Papier gefertigt hast. Natürlich konnte ich prima weit damit gucken. Und ich wette, Lotta hatte an deinem Geburtstagsgeschenk für sie genauso viel Freude. Für sie hast du aus einem Eierkarton und einem Stück Schnur mit einer Perle daran einen Fernseher gebastelt. Schnur und Perle sind natürlich ein Stecker, denn ohne Stecker kein Strom und kein Sandmännchen. Außerdem hast du Lotta eins deiner Pixibücher geschenkt, das du doppelt hast – und du hast es sogar mit eigens bemaltem Papier selbst eingewickelt. Ich war sehr beeindruckt, denn ich bin völlig unbegabt zum Geschenkeeinwickeln. Das lasse ich dich in Zukunft machen. Wenn du Lust dazu hast.

Wozu du Lust hast, kannst du inzwischen schon prima sagen. Im Kindergarten weißt du, wo’s langgeht und was dir gefällt und was nicht. Und das kriegt deine Umgebung schon mit. Auch beim Essen: Von den Fischstäbchen magst du zum Beispiel nur den „Knusperfisch“. Richtig so, Fisch ohne Knusper ist ja auch langweilig. Bei Smarties magst du die „Gummismarties“ lieber als die mit Schokolade. Darüber könnten wir vielleicht nochmal diskutieren.

Wobei ich ahne, dass ich dir philosophisch total unterlegen wäre. Vor einigen Monaten haben dein Papa und ich Lotta und dich ins Auto gepackt und sind in einen Wildpark in Hamburg gefahren. Dein Papa saß am Steuer, und als ich auf den Beifahrersitz kletterte, hast du vom Rücksitz aus gesagt: „Da sitzt Papa.“ Heute mal nicht, heute musste Papa fahren, was er nicht oft und nicht gerne macht. Deswegen hast du auch auf der Elbchaussee, als Papa mal ein bisschen schneller als 50 gefahren ist, gefragt, ob hier eine Autobahn sei. Ich möchte ja nicht meckern, aber ich ahne, dass du, wenn du den Führerschein machst, einer von diesen nervigen Beifahrern wirst, die dauernd Kommentare zum Fahrstil machen. Da könnten wir eventuell aneinandergeraten, denn ich kann genau wie du sagen, was mir gefällt und was nicht. Aber da sprechen wir später nochmal drüber.

Netterweise waren das nicht deine einzigen Bemerkungen vom Rücksitz, denn als wir zum Wildpark einbogen, hast du in einem Atemzug zwei Fragen gestellt, die mich davon überzeugt haben, dir geistig vielleicht doch unterlegen zu sein: „Wieso biegen wir links ab? Woher kommt die Welt?“

Darauf hatten wir gerade keine Antwort, also haben wir uns darauf beschränkt, dir und Lotta lange Grashalme in die Hände zu drücken, damit ihr die Rehe und Hirsche füttern könnt. Du hast die Halme am ausgestreckten Arm durch den Zaun gesteckt und sie sofort fallengelassen, sobald ein Reh sie im Maul hatte. Auch bei Hunden wahrst du gerne einen Sicherheitsabstand und bist nicht so ganz von ihnen begeistert.

Ein Tier gibt es allerdings, das du sehr gerne magst – zum Schrecken von Mama und Papa, die gerade erst verdaut haben, dass du Rosa toll findest: Pferde. Pferde sind großartig, und du hast überhaupt keine Angst vor ihnen. Mit deiner besten Freundin Cleo, ihren Eltern und deinen Großeltern bist du sogar schon mehrmals reiten gewesen. Du durftest longieren und hattest anscheinend viel zu viel Spaß, denn deine Eltern fürchten sich seitdem jeden Tag vor deinem Wunsch, ein Pony haben zu wollen. Pssst: Ich habe ungefähr anderthalb Regalmeter Pferdebücher! Wenn du irgendwann lesen kannst, bringe ich dir die alle mit. Und da du sogar schon deinen Namen schreiben kannst, darfst du den in alle „meine“ Bücher vorne reinschreiben.

Immerhin hast du einen halbwegs anständigen Ersatz für Pferde: ein Fahrrad. Das hast du im letzten Jahr zu Weihnachten bekommen und es auch gleich nackt im Wohnzimmer ausprobiert. Außerdem teilen sich Lotta und du ein Rollbrett, auf dem die eine von euch sitzt und die andere zieht – während euch Mama mit wachem Auge beobachtet, um euch davor zu bewahren, Treppenstufen oder euren an manchen Stellen abschüssigen Garten herunterzufahren.

Du magst die Natur sehr gerne. So hast du im Kindergarten „Springbüsche“ kennengelernt, deren Bohnen aufplatzen, wenn man sie anfasst. Und direkt vor eurem Haus wachsen weiße Knallerbsen, auf die man prima drauftreten kann, wie Lotta und du mir ausdauernd gezeigt haben. Ich durfte natürlich auch ein paar kaputtmachen, denn wie gesagt: Krachmachen ist prima. Aber auch die Stille in der Natur hat es dir angetan. So wolltest du im Wildpark gerne auf einen Baum klettern, wobei dir Papa geholfen hat, während Lotta und ich es uns auf einem unteren Ast bequem gemacht haben. Du hast weiter oben gesessen, während dein Papa dich am Rücken gestützt hat, und hast dir den Wald angeguckt. Und die Blumen, den Himmel und das viele Grün. Als ein kleiner Junge mit seinem Vater kam, der lieber auf dem Ast rumschaukeln wollte, bist du wieder runtergeklettert, um anschließend vom Klettergerüst deine Welt um dich herum in Ruhe anzuschauen.

Liebe Emilia, ich wünsche dir weiterhin einen weiten Blick über Wälder und Bäume und Blumen, eine feine Beobachtungsgabe für deine Mitmenschen, die Fähigkeit, diese Beobachtungen in kluge Worte zu fassen und ein schnelles Rollbrett, das dich überall hinbringt, wohin du möchtest. Oder ein Fahrrad. Oder ein Pferd. Und ganz vielleicht ein Auto, auf dessen Beifahrersitz ich sitze und dich frage, ob du inzwischen weißt, woher die Welt kommt.

Alles Liebe von deiner Patentante
Anke