„UND ALLE SO: YEAAHH.“

(Interweb, j’adore.)

I will not read your fucking script.” Sagt Josh Olson. Zu Recht.

“It rarely takes more than a page to recognize that you’re in the presence of someone who can write, but it only takes a sentence to know you’re dealing with someone who can’t.

(By the way, here’s a simple way to find out if you’re a writer. If you disagree with that statement, you’re not a writer. Because, you see, writers are also readers.)

You may want to allow for the fact that this fellow had never written a synopsis before, but that doesn’t excuse the inability to form a decent sentence, or an utter lack of facility with language and structure. The story described was clearly of great importance to him, but he had done nothing to convey its specifics to an impartial reader. (…)

Which brings us to an ugly truth about many aspiring screenwriters: They think that screenwriting doesn’t actually require the ability to write, just the ability to come up with a cool story that would make a cool movie. Screenwriting is widely regarded as the easiest way to break into the movie business, because it doesn’t require any kind of training, skill or equipment. Everybody can write, right? And because they believe that, they don’t regard working screenwriters with any kind of real respect. They will hand you a piece of inept writing without a second thought, because you do not have to be a writer to be a screenwriter.“

Wir sollten das Netz verwenden, um die Zeitungen zu reparieren, weil sie inzwischen, aus Gründen, die vermutlich mit Bildung zu tun haben, zu einem guten Teil von Halfwits, besinnungslosen Positionslaberern und nachlässigen Schwachmaten, die immer was mit Medien machen wollten, übernommen sind — anstatt das Kapital darüber zu belehren, daß Tradition kein Geschäftsmodell sei. Das Kapital kommt sicher ganz gut ohne die Ratschäge seiner Tagelöhner klar.“

(via Holgis Gezwitscher)

(He, pssst, am Ende dieses wunderbares Zitats aus einem wunderbaren Buch stehen drei Anführungszeichen hintereinander. Indirekte Rede in direkter Rede in einem Zitat. Toll. Und eventuell sogar grammatikalisch korrekt.)

” ‘I make the world’s best-selling rat poison.’ (…)

‘What’s your secret?’ I asked.

‘My competitors approach rat poison the wrong way,’ he said. ‘They study rats. I study people.’ Signor Donadon pointed at my plate with his fork. ‘Rats eat what people eat.’

I glanced down at my fegato alla veneziana and suddenly saw my dinner in a new light.

‘Venetian rats would be very happy to eat what you have on your plate,’ he said, ‘because they’re used to eating that kind of food. But German rats would not be interested at all. They prefer German cuisine – wuerstel, Wiener Schnitzel. So for Germany I make a rat poison that is forty-five percent pork fat. My French rat poison has butter in it. For America I use vanilla, granola, popcorn, and a little margarine, because Americans eat very little butter. I base my New York rat poison on vegetable oils and essential oils with orange fragrance to remind the rats of hamburgers and orange juice. For Bombay I add curry. For Chile, fish meal.
‘Rats are very adaptable. If their hosts go on fad diets, the rats go on the diets, too. I maintain thirty research stations around the world so I can update the tastes and flavours of my poisons in order to make them consistent with the latest trends in human dining.’

‘What’s in your Italian rat poison?’ I asked.

‘Olive oil, pasta, honey, espresso, green-apple juice, and Nutella. Especially Nutella. I buy tons of it. Rats love it. I told the Nutella company I would be happy to endorse it on television, and they said, “Oh, God, no! We beg you. Please tell no one!” ‘ “

John Berendt, The City of Falling Angels, Sceptre 2006, Seite 99/100

Vom Snoodie zum Foodie

Bisher war für mich beim Einkaufen immer wichtig: Wie gut kann man da parken bzw. wie nah ist die nächste Bushaltestelle. Deswegen habe ich jahrelang in einem Riesensupermarkt eingekauft, der alles hatte und dazu prima Öffnungszeiten und selten ein volles Parkdeck.

Seit ich ein bisschen darauf achte, was ich so in mich hineinwerfe, habe ich festgestellt, wie unglaublich mies das Gemüse schmeckt, das ich in eben diesem Supermarkt jahrelang klaglos gekauft habe (wenn ich denn mal Gemüse gekauft habe). Dass die blassen Gewächshaustomaten nicht gegen die knubbeligen knallroten vom Markt anstinken können, war mir schon klar, aber inzwischen schmecke ich Unterschiede bei Bohnen, bei Paprika und vor allem bei Möhren. Die kaufe ich schon länger in Bioqualität bzw. die aus dem Supermarkt, auf denen Bio steht. Nur um jetzt allmählich zu merken: Da geht auch noch was in Richtung guter Geschmack.

isebeute

Es sind gerade einmal vier Wochen, in denen ich bewusst esse – und ich ahne, dass ich aus dieser leckeren Falle nicht mehr rauskomme. Vor einigen Tagen hatte ich meinen Magen frühzeitig auf frische Nudeln mit selbstgemachtem Pesto zu Mittag eingestellt, nur um dann zur Mittagszeit zu merken: nicht mehr genügend Mehl im Haus. Und anstatt nun die geschätzten fünf Kilo Fertignudeln anzubrechen, die natürlich noch bei uns in der Speisekammer liegen, bin ich zum Supermarkt gegangen (gegangen!), um mir Mehl nachzukaufen. Denn wenn ich schon das Pesto selbstmache, sollen die Nudeln dagegen nicht abstinken. Anderes Beispiel: Letzten Freitag gab’s bei uns Fisch (auch so eine tolle neue Sache). Da der Kerl keinen Alkohol trinkt, ich aber inzwischen seeeehr auf den Geschmack gekommen bin, zu jedem Abendessen ein Glas Wein zu trinken, habe ich über das passende Getränk zum Fisch nachgedacht. Im Kühlschrank stand schon ein offener Riesling, von dem ich aber wusste, dass er zarten Fisch einfach plattmacht. Also habe ich eine Flasche meines geliebten Muscadet gekauft, von dem ich wusste, dass er gut mit Meeresbewohnern klarkommt – und habe nun zwei offene Flaschen bei mir rumstehen, einfach weil ich keinen okayen Wein trinken wollte, sondern einen passenden.

Das Biogemüse aus dem Supermarkt finde ich inzwischen eher naja, weil ich weiß, wie gut zum Beispiel die Tomaten vom Marktstand oder vom Türken um die Ecke schmecken können. Ich weiß inzwischen, dass eigentlich alles mit frischen Kräutern noch besser schmeckt. Ich traue mich, an alles Pfeffer zu geben, vor dem ich vorher einen Heidenrespekt hatte, von dem ich jetzt aber weiß, wie herrlich er Geschmäcker hervorkitzelt, wenn man ihm die Chance dazu gibt. Ich frage an der Käsetheke nach mir unbekannten Sorten, um etwas Neues auszuprobieren. Ich dränge mich freiwillig durch Menschenmassen auf Märkten, und der Kerl steht klaglos in Schlangen in Metzgereien, anstatt bequem mit dem Auto zum leeren Supermarkt zu fahren und belanglose Nahrungsmittel zu kriegen. Ich backe Brot selber, ich benutze meine Nudelmaschine wieder, und gestern habe ich auch die Eismaschine mal wieder angeworfen, um aus frischen Himbeeren, Jogurt und Ahornsirup Fruchteis herzustellen. Ich gewöhne mich sogar langsam an Espresso ohne Zucker, um auch hier den unverfälschten Geschmack kennenzulernen, der mir bei allen anderen Lebensmitteln inzwischen so wichtig geworden ist.

nudeln

Und: Der Kerl und ich schaffen es nach über fünf Jahren Beziehungszeit endlich, regelmäßig gemeinsam am Abendbrottisch zu essen, trotz weiterhin unterschiedlicher Tagesabläufe. Aber das ist uns inzwischen wichtiger geworden als bequem vor dem Rechner oder dem DVD-Player Zeug in uns reinzuwerfen: gemeinsam entscheiden, was man kocht, eventuell gemeinsam einkaufen oder kochen, je nachdem wer Zeit hat, und dann eine Stunde damit zuzubringen, ein frisches, leckeres Essen zu genießen. Plus Wein und Käse und Obst zum Nachttisch (gerne auch in Eis- oder Kompottform) und Espresso und eventuell Grappa für die Dame des Hauses.

Nebenbei: Ich habe seit Wochen kein Perfektes Dinner mehr gesehen.

Photo Roulette

Ich kann es kaum erwarten, mal wieder zu verreisen, um dieses Spiel auszuprobieren. Kann bitte mal jemand ein Multi-User-Blog anlegen, das „Fotoroulette“ heißt?

“To me Venice was not merely beautiful: it was beautiful everywhere. On one occasion I set about testing the notion by concocting a game called ‘photo roulette’, the object of which was to walk around the city taking photographs at unplanned moments – whenever a church bell rang or at every sighting of a dog or cat – to see how often, standing at an arbitrary spot, one would be confronted by a view of exceptional beauty. The answer: almost always.”

John Berendt, The City of Falling Angels, Sceptre 2006, Seite 27

Radikaler Gegenentwurf zum Internet-Manifesszzz: das Lebensmanifest. Sogar ohne Bindestrich.

Felix nimmt sich von den 17 Allgemeinplätzen des Internet-Manifessszzzzz erstmal sechs vor.

behauptung #6: „Das Internet verändert verbessert den Journalismus.
wunschdenken. nicht dass ich imun gegen wunschdenken wäre, im gegenteil. aber hier wäre definitiv ein konjunktiv angebracht. thesen oder behauptungen im kunjunktiv machen sich nicht gut, ich weiss. aber hat das bildblog die bild-zeitung verbessert, hat stete blogger-kritik den spiegel-online verbessert? vielleicht, vielleicht aber auch nicht. immerhin hat das internet dem journalismus das durchstreichen geschenkt. aber: auch das internet macht aus scheisse kein gold.

“About two years ago, I bought the game Animal Crossing.”

(via Grindcranks Gezwitscher)

Statusmeldung

Heute vor zwei Wochen ist Lu vorbeigekommen, um des Kerls und meine Essgewohnheiten ein wenig umzukrempeln. Seit 14 Tagen esse ich so gut und gesund wie schon lange nicht mehr – und achte nicht die Bohne auf solche Lustigkeiten wie Fette oder Zucker. Einzige Regel: abends keine Kohlenhydrate und etwas mehr Bewegung. Was bei mir hieß, statt drei Stationen mit dem Bus zu fahren, einfach mal zu Fuß gehen. Mehr nicht. Erstmal. Was das Essen angeht, ist Jamie Oliver mein neuer Freund, dessen Kochbücher mit Post-its gespickt sind, die wir jetzt abarbeiten. Genauer gesagt, haben wir die letzten Tage geschlemmt. Wir hatten Chili con Carne mit Rinderhack statt des fettfreien Tatars, wir haben Mohrrüben in Butter geschwenkt statt sie in Brühe zu kochen, wir haben so ziemlich in alles üppig das gute Olivenöl reingehauen, wir dippen weiterhin gerne Gemüse in hochprozentige Fetacremes, wir gönnen uns abends ein paar Stückchen Käse nach dem Essen, wir hatten Lachs mit Speck, Radicchio, Pinienkernen und Balsamico (Jamie!) und mit Parmesan überbackenen Blumenkohl (Reste!), wir hatten Sonnenblumenbrot zum Frühstück und selbstgemachte Nudeln zum Mittag, wir haben gefühlt zehn Kilo Tomaten, Paprika, Pastinaken, Spinat, Zwiebeln, Knoblauch, Gurken, Weintrauben, Erdbeeren, Nektarinen und Äpfel vernichtet, wir beschließen jedes Abendessen mit einem Espresso mit Zucker anstatt mit Süßstoff drin und drei Amarettinis (Völlerei!), und ich habe zu jedem Abendessen ein Glas Wein gehabt. Keine einzige Kalorie gezählt, auf nichts geachtet außer: Es soll schmecken und es soll gesund sein.

Ergebnis nach 14 Tagen: 4,7 Kilo weniger auf der Waage. Unfassbar. Essen, du alte Nase, vielleicht bist du ja doch nicht so doof wie ich immer dachte.

Ein dickes Dankeschön an Yan, der mich gestern mit einem Amazonpäckchen überrascht hat. Inhalt: The City of Falling Angels von John Berendt. Berendt hat bisher nur ein einziges Buch geschrieben, Midnight in the Garden of Good and Evil, das ich immer noch zu meinen Lieblingen zähle. Daher hat es mich sehr gefreut, jetzt sein Gesamtwerk im Schrank zu haben. (Schreib, Junge!) Nochmals vielen Dank.

Nebenbei: Aus dem wunderbaren Buch ist ein grottenschlechter Film geworden. Regie: Clint Eastwood. Ja, der. Mit dabei: Kevin Spacey, John Cusack und ein ganz frischer Jude Law. Man kann also auch mit ner Menge toller Leute ganz viel Blödsinn machen.

Bücher 2009, August

Jiro Taniguchi – Vertraute Fremde

Als ich den Comic zum ersten Mal aufschlug, habe ich gedacht, huch, das sieht ja aus wie Hergé in Japan – und habe mich dann eitlerweise ein bisschen gefreut, als ich im Vorwort las, dass sich Taniguchi sehr von der frankobelgischen Comicszene hat inspirieren lassen. Die Geschichte von Vertraute Fremde kommt einem in Grundzügen ein bisschen bekannt vor – der erwachsene Hiroshi wacht eines Tages als 14jähriger Junge in seinem Elternhaus wieder auf und erlebt seine Jugend ein zweites Mal, allerdings mit dem Wissen eines 40jährigen –, aber das Buch kann doch überraschen. Erstens weil es eine mir persönlich fremde Welt beschreibt, nämlich die des Japan in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zweitens, weil ganz langsam eine Familie sichtbar wird, die an der Oberfläche total normal ist, aber in ihrer Tiefe natürlich ganz anders. Mir hat Vertraute Fremde sehr gut gefallen; der Comic hat sich fast meditativ angefühlt, so spärlich und doch detailreich sind die Zeichnungen (fast alle schwarzweiß), das Tempo ist gemächlich, die Sprache sehr klar und präzise (Übersetzung von Claudia Peter), und die Figuren bekommen genug Platz, um weitaus mehr zu sein als Strichmännchen auf Papier.

flix – Da war mal was

Eine Sammlung von Geschichten über die DDR, die BRD (obwohl „wir im Westen“ das ja nie sagen sollten, weil das Ostslang war) und wie wir die andere Seite gesehen bzw. kennengelernt haben. Die einzelnen Storys sind autobiografisch und werden von verschiedenen Personen erzählt, weshalb die Bandbreite von „rührend“ über *facepalm* zu „erschreckend“ geht. Wie immer bei Flix: Empfehlung.

flix – Der Swimming-Pool des kleines Mannes

Eine Sammlung seiner täglichen Tagebuchcomics. Machen auf Papier genauso viel Spaß wie in diesem Interweb. Und man muss nicht 63 Mal klicken, um zu einem seiner Lieblinge zu kommen: den Skepsis.

Audrey Niffenegger – The Time Traveller’s Wife

Beim zweiten Lesen fallen einem die Ungereimtheiten der Story noch mehr auf als beim ersten, wo man einfach nur wissen will, wie das Buch ausgeht, aber auch diesmal hat die Unlogik von Zeitreisen mich nicht davon abhalten können, die Geschichte immer noch spannend und unterhaltsam zu finden. Diesmal habe ich mich allerdings schon des Öfteren gefragt, wie Henry jemals durch die Schulzeit gekommen ist, ohne unfreiwillig zeitzureisen (der Stress vor Prüfungen!), warum niemand der Eingeweihten RTL 2 was erzählt hat und wie groß die Liebe von Clare gewesen sein muss, jahrelang auf ihren Schatz zu warten. Hat ja schon was seeeehr altmodisches. Männe macht die Welt klar, und Mäuschen sitzt zu Hause und hofft, dass er vom Zigarettenholen wiederkommt.

Alan Moore/Eddie Campbell – From Hell

Ein 600 Seiten dicker Comic, in dem Autor Alan Moore und Zeichner Eddie Campbell alle Legenden und Fakten zusammentragen, die es über Jack the Ripper je gegeben hat. Die vermischen sie dann mit eigenen Ideen und Hintergrundstorys, und daraus ergibt sich ein sehr dichtes und sehr verstörendes Bild des viktorianischen Englands. From Hell liest sich, wie der Titel vermuten lässt, eher anstrengend; man muss sich schon ein bisschen Zeit nehmen für Zeitsprünge, Freimaurertheorien, eine Menge Biografien, die zusammenlaufen, manchmal sehr detailreiche Metzeleien und leider meiner Meinung teilweise schwer entzifferbare Sprechblasen. Wenn man sich erstmal in das düstere Werk reingekämpft hat, belohnt es mit den üblichen Moore’schen Überraschungen wie plötzliche Sprünge in die Gegenwart, die dem Ganzen eine spannende Zeitlosigkeit verleihen. Ich fand es sehr bemerkenswert, dass ich 600 Seiten gelesen habe, ohne einmal zu denken, hach, schönes Buch, sondern die ganze Zeit nur darauf gewartet habe, dass die fiese Geschichte endlich zu Ende ist. Nicht nur weil es anstrengend zu lesen war, sondern weil man auf jeder Seite die absolut pessimistische Grundhaltung „Menschen? Alles Arschlöcher“ so richtig schön in die Fresse kriegt.

PS: Das Besondere an From Hell ist übrigens sein Anhang, in dem Moore so ziemlich zu jeder Seite erzählt, woher er diesen und jenen Fakt hat, was ausgedacht ist, warum es ausgedacht ist und wie gut das Buch ist, aus dem er den Fakt zitiert. Den Anhang zu lesen dauert ungefähr genauso lange wie das eigentliche Werk, und danach braucht man nochmal was zu trinken.

Nick Abadzis – Laika

Ein Tipp von Nerdcore, der mir schon in der Empfehlungsmail geschrieben hat, dass der Comic „heartbraking“ sei (und der selber auch mit den Tränen zu kämpfen hatte). Ihr ahnt, was kommt: Wenn schon ein Kerl einen Kloß im Hals hat, sieht das bei mir gleich doppelt so schlimm aus. Ich habe die letzten 40 Seiten des Comics nur unter Schniefen und mit erhöhtem Taschentuchverbrauch durchgehalten, so fies geht einem die Geschichte von Laika, dem ersten Lebewesen im All, ans Herz. Eigentlich doof, denn natürlich weiß man, wie die Story endet. Und genau das ist für mich ein Zeichen dafür, wie gut und intelligent dieser Comic ist: Gerade weil man weiß, was passiert, müsste man ja eigentlich auf alles vorbereitet sein. Ist man aber so gar nicht. Laika verwebt die Geschichte des leitenden Raketenentwicklers, der eine Gulag-Vergangenheit mit sich rumschleppt, mit der der Hundetrainerin und ihres Vorgesetzten und natürlich der fiktiven von Laika, einer Streunerin, die auf Moskaus Straßen eingefangen wird. Ganz vorsichtig und nie mit dem Holzhammer streut Abadzis Motive von Freiheit, Träumen, Schicksal und Loyalität, sei es dem eigenen Staat oder einer Person gegenüber, in die Geschichte. Die Zeichnungen sind relativ schlicht, was ich aber ganz angenehm fand, da ich mit dem Inhalt schon genug zu kämpfen hatte. Große Empfehlung.

Stevan Paul – Monsieur, der Hummer und ich

Den Herrn Paul kenne ich eher als den Herrn Paulsen, nämlich aus diesem Blog und seinem Foodblog Nutriculinary. Daher kenne ich auch seine Art, über Essen zu schreiben und habe mich daher sehr auf das Buch gefreut, auf die vielen Adjektive, die genauso lecker sind wie das zu beschreibende Objekt und über diese seltsame begeisterte Neugierde, die in jeder Zeile mitschwingt. Das Buch ist dann auch genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: lauter kleine Geschichten aus der Küche, aus Sicht eines Gastes oder völlig andere Vignetten, in denen Essen eine Rolle spielt. Und Franz Josef Strauß. Und Opa Paulsen. Und Paul Bocuse. Ich habe jede einzelne geliebt und werde sofort den Kartoffelsalat nachkochen, denn netterweise gibt es zu jeder Geschichte das passende Rezept. Etwas zu nörgeln habe ich allerdings schon: Das Buch ist mit knapp 180 Seiten viel zu dünn! Herr Paulsen, ich erwarte dringend eine Fortsetzung.

Gut Essen, Tag 5 – das nachdenkliche Finale

Lu kennt mich seit Jahren. Sie kennt meine Essgewohnheiten seit Jahren. Und sie kennt mein Gefühl, dass Essen mein Feind ist, mit dem ich manchmal Waffenstillstand schließe, den ich aber eher bekämpfe, indem ich ihn totesse. Meistens erwischt es die Soldaten aus Schokolade, Chips und Fertigfrass, die kann man schnell erledigen, ohne sich Gedanken um sie machen zu müssen. Den Rest der Armee, die Jungs mit den Vitaminen und Nährstoffen, die so lecker in den Märkten rumliegen, die tun mir nicht weh, die kommen mir gar nicht erst ins Haus, die bleiben schön auf Distanz.

Ich will jetzt gar nicht zu sehr in die Tiefe meiner Essbehinderung gehen, aber ich habe schon mit mir gerungen, als Lus Angebot kam, mich und den Kerl mal ein paar Tage zu begleiten. Um mir die Angst vor dem Feind zu nehmen und mir vielleicht sogar zu zeigen, dass das alles ganz friedliche Kerle sind, mit denen man prima um die Häuser ziehen kann. Mein erster Gedanke war, och nee, ich mach lieber weiter kiloweise Schokolade platt. Ich kann mich seltsamerweise nicht an den zweiten Gedanken erinnern, nur dass ich schnell getippt habe: „Ja, klar, komm vorbei, du bist hiermit gebucht“ und dann auf „Absenden“ geklickt habe, bevor mein Gehirn meine Finger eingeholt hat.

In den zwei Wochen, die zwischen der Mail und Lus Ankunft lagen, habe ich extra viel Energie darauf verschwendet, die Armeen aus Gummibärchen (Entschuldigung) und Ben & Jerry’s und Lindt zu verkloppen, denn ich wusste, bald darf ich das nicht mehr. Überraschung: Ich darf das immer noch. Aber nach ein paar Tagen gutem Essen ist wenigstens der Wunsch da, ihnen mal ne lange, lange Pause zu gönnen.

Ich habe nicht nur mit Lus Angebot gerungen, sondern auch mit der Frage, ob ich darüber bloggen sollte. In den letzten Jahren ist dieses Blog immer weniger privat geworden, weil es einfach zu viele Menschen gibt, die zu viel Zeit für bescheuerte Mails haben. Deswegen sind auch die Kommentare zu, und ich gebe nicht mehr ganz so viel von mir preis. Sicher immer noch genug, um ne prima Angriffsfläche zu bieten für diejenigen, die eine suchen, aber weniger als früher.

Essen ist für mich etwas sehr Privates, weil ich es nie als etwas Normales empfunden habe. Ich habe nie gelernt, normal zu essen, auch wenn sich meine Familie damit genug Mühe gegeben hat. Anfangs wollte ich nicht, und irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich habe kein Maß mehr gekannt, kein Gefühl mehr für mich und meinen Körper gehabt, habe mich zu dick gefühlt, als ich normalgewichtig war und normal, als ich schon längst alle Normen hinter mir gelassen habe.

Auch über mein Übergewicht schreibe ich sehr selten, denn das ist die simpelste Angriffsfläche von allen. Als ich es doch einmal getan habe, kamen sehr, sehr viele Mails – und keine einzige davon enthielt ein Schimpfwort. Was mich sehr gefreut hat und, das muss ich zugeben, auch freudig überrascht. Deswegen habe ich euch an meinen letzten Tagen teilhaben lassen. Einfach weil ich hoffe, dass es auch diesmal vielleicht ein paar Leute gibt, die sich etwas weniger alleine und doof und überfordert fühlen.

Ich weiß, dass mein Generve mit dem Futter nicht nach vier Tagen erledigt ist, dafür habe ich schon zu viele vergebliche Versuche hinter mir. Aber ich habe das Gefühl, dass ich diesmal weitaus mehr Input und Hilfestellung bekommen habe als sonst. Durch einen ganz einfachen und doch so schwierigen „Trick“: Ich habe gelernt, Freude am Essen zu empfinden. Ich habe gelernt, wie einfach ich glücklich zu machen bin, indem ich etwas Gutes kaufe, es ohne viel Firlefanz und 28 Zutaten zubereite und dann: esse. Genieße. In mich reinhorche, was ich gerade alles schmecke und rieche, wie es sich auf der Zunge anfühlt und wie lange ich danach satt bin.

Einige Mails sind schon angekommen, einige Blogs haben die Reihe verlinkt, und auch auf Twitter kamen ein paar Anmerkungen. Die beste Reaktion kam allerdings von Paulsens Schwester. Lu, Paulsen, seine Frau und ich saßen gestern in einem sehr netten Weinlokal zusammen, um die Woche ausklingen zu lassen, als Paulsens Telefon klingelte: „Schwester! Ich sitze hier mit Anke und Lu.“ Kleine Pause, dann fing er an zu lachen und meinte zu uns: „Meine Schwester meinte, wie lustig, ich hab gerade vor zehn Minuten Ankes Blog gelesen, die Story mit der Weinprobe. Ich wollte mir grad ne Runde Wein kaufen gehen.“

In diesem Sinne: geht essen. Und genießt es. Ich lerne das gerade.

Gut Essen, Tag 4 – die 62%-Hormonsause

Heute ist Verkostungstag: erst Fisch, dann Wein.

Ich weiß nicht, ob es an meinem Sternzeichen liegt (ratet), aber ich habe mich noch nie wirklich an Fisch rangetraut. Seelachsfilet aus der Tiefkühltruhe, Schlemmerfilet Bordelaise, Fischmac bei McDonald’s und ein- oder zweimal Pangasiusfilet, weil ich das öfter im Perfekten Dinner gesehen habe – everything I ever needed to know in life I learned from watching TV. Not. – das war bisher meine kulinarische Reise in die Ozeane. Das sollte sich jetzt ändern, denn trotz Schwellenangst wurden der Kerl und ich ins Euro Vita geprügelt, einem netten Fischhändler um die Ecke. Im Laden lagen nicht nur diverse Fische auf Eis, es gab auch Salate, eine üppige Kästetheke und ne Menge Italozeug zum Einkaufen.

Erster Eindruck: Es riecht nicht nach Fisch. Gute Sache. Zweiter Eindruck: Lu erklärt wieder ne Viertelstunde anderer Leute Produkte, die drei freundlichen Mitarbeiter lassen sie gewähren, fragen ab und zu, ob sie was für uns tun können und lassen uns dann wieder in Ruhe. Der Kerl und ich gucken uns Fische an: wie sie uns gefallen, welche uns sympathisch sind, welche so aussehen, als würden wir sie gerne essen. Ich finde Fische wunderschön und gucke daher etwas unentschlossen. Trotzdem haben der Kerl und ich uns für die nächste Zeit eine Forelle vorgenommen (seine Wahl) oder einen Loup de Mer (meine). Für heute sollen es eher kleine Häppchen werden, damit wir uns einfach mal durch verschiedene frische Fische durchprobieren. Wir lassen Lu aussuchen, und die netten Menschen hinter der Theke packen uns Seelachsfilet ein, Lachssteak, Pangasiusfilet, Seeteufel und Viktoriabarsch. Dazu noch ein Stück geräucherten Aal und eine politisch völlig unkorrekte Schillerlocke. Im Kühlschrank zuhause liegt bereits geräucherter Lachs aus dem Supermarkt.

Zuhause nähern wir uns mal wieder dem Produkt. Zuerst riechen: Seelachsflet riecht für mich nach Nordsee-Filiale, Lachs metallisch-fein, Pangasius nach einer sehr zarten Meeresbrise, Viktoriabarsch nach Sylter Gischt und der Seeteufel nach einem souveränen Kerl, der kurz durch Salz gewatet ist.

Der Kerl und ich nehmen am Tisch Platz, während Lu eine Runde Frontcooking macht: „Nur Olivenöl und Salz, damit ihr erst den unverfälschten Geschmack kennenlernt. Zitrone und Gewürze rüberhauen kann man immer noch.“ Lu schwenkt den Fisch in der Pfanne, während der Kerl hinter ihrem Rücken rumkaspert. „Frau Lehrerin, Frau Lehrerin, Kerl macht obszöne Gesten!“ Ah, the apple of my eye.

Ich habe während des Verkostens einen Merkzettel neben mir liegen gehabt, den ich auch später bei der Weinprobe vollgeschrieben habe. Ich will mir einfach merken, was ich alles esse, wie der erste Eindruck war und ob ich das nochmal haben will. Vorweg: Ich würde alles nochmal essen, was wir von Neptun geschenkt bekommen haben, denn es hat alles geschmeckt. Hätte ich nicht gedacht. Vor allem vom Aal nicht, denn natürlich habe ich Die Blechtrommel gesehen.

Aber zuerst wurde mal der erste Wein entkorkt. Die vielen Post-Its im Weinbuch hat Lu geordnet, mir ein bisschen was zu meinen offensichtlichen Vorlieben erzählt, und daraufhin haben wir uns ein paar Weine ausgesucht, die wir dann im Basic und im Lieblings-Spar eingekauft haben. Es war nicht nötig, zu einem Weinhändler zu gehen, denn wir wussten, was wir haben wollten. Und wenn ich demnächst mal zum Profi gehe, habe ich eine prima Grundausstattung an Geschmäckern und Noten, mit denen der Händler was anfangen kann.

Zum Fisch gab es meinen bisherigen Lieblingswein, der einzige, dessen Namen ich mir irgendwann mal gemerkt hatte: Muscadet.

(Französischer Muscadet von Michel Armand, Val de Loire, 2007, 12%)

Das Verkosten geht so: Erstmal einschenken. (Ach was.) Dann das Glas gegen etwas Weißes halten, um die Farbe zu beurteilen. Dann die Beschaffenheit des Weines zur Kenntnis nehmen: klar, trüb, moussierend … Dann die erste Nase. Wein noch nicht schwenken, Nase reinhalten und ersten Einruck mitnehmen. Der Muscadet roch für mich nach Atlantikbrise. Dann kommt die zweite Nase: den Wein schwenken und nochmal riechen. Auf einmal war ein Hauch von Zitrone zu spüren. Und dann geht der Spaß los: einen Schluck nehmen, ihn im Mund verteilen und von außen ein bisschen Luft einsaugen. Da wir seit Montag jeden Abend Wein getrunken haben, kann ich inzwischen Luft in den Mund holen, ohne zu sabbern, worauf ich sehr stolz bin. Die Geräusche sind zwar alles andere als damenhaft, aber das Luftreinholen ist kein doofes Schischi, sondern verändert den Geschmack wirklich. Aus dem Zitronenhauch wurde eine schöne, saftiggelbe Zitrone, die aber nur ganz kurz im Mund blieb, um dann mit der Brise im Rachen zu verschwinden. Keine Sekunde später war alles weg, wie bei Ebbe das Meer.

Zum Fisch passt der Muscadet angeblich hervorragend. Ich sag da mal „ja“ zu, weil ich mich in der nächsten Zeit erstmal mehr auf das Meeresgetier konzentriert habe und weniger auf den Wein. Das Pangasiusfilet hatte einen sehr unaufdringlichen, sanften Geschmack mit einer winzigen Eiernote, die aber verflog, sobald Zitronensaft dazu kam. Der Seelachs schmeckte fischiger, hatte eine mir zu weiche Konsistenz und war von allen Fischen, die wir probiert haben, der banalste. Das Lachssteak hat mich umgehauen. Ich hatte einen Heidenrespekt vor den Gräten, die aber netterweise so riesig sind, dass ich sie vorher gesehen habe. Und dann kam ein ganz anderer Geschmack als der Lachs, den ich von Sushi kannte. Fantastisch. Der Seeteufel hat mir noch besser gefallen; er war sehr markant, ohne anstrengend zu sein.

Den Viktoriabarsch bereitete Lu mit unserem selbst hergestellten Würzsalz zu, während nebenbei eine Runde mediterranes Gemüse mit Rosmarin und Meersalz zu einem Ratatouille einköchelte. Wir waren aber alle nach dem Fisch schon so satt, dass das Gemüse erst morgen mittag zum Einsatz kommt. Den Barsch mochte ich auch, aber ich glaube, ich würde am ehesten den Seeteufel und das Lachssteak nochmal essen wollen.

An den geräucherten Fisch habe ich mich zunächst nicht rangetraut, obwohl das Raucharoma natürlich toll riecht. Aber nachdem Lu und der Kerl die Haut vom Aal abgezogen und das weiße, weiche Fleisch auf ein Stück Graubrot gelegt hatten, wollte ich auch probieren – und war angenehm überrascht. Würzig, fettig, aber nicht zu fettig, rauchig, lecker. Die Schillerlocke hatte einen etwas edleren Geschmack als der Aal, war aber noch fetter. Die werden wir sowieso nicht mehr kaufen, denn der Dornhai soll gefälligst seine Bauchlappen behalten. Der Supermarkt-Räucherlachs war okay, stank aber nach dem ganzen Frischfisch total ab.

(Einschub-Edit: Jörg weist mich daraufhin, dass man bitte nicht jeden Fisch kaufen sollte.)

Für den Kerl war der Abend beendet, für Lu und mich fing er an. Denn jetzt kamen die restlichen zwei Weißweine und ein roter, zu mehr waren wir dann doch nicht mehr fähig. Wir haben alle Weine mit jeweils Parmesan, Scamorza und Ziegenkäse probiert, dazu ein bisschen von dem mediterranen Gemüse. In die Mitte vom Tisch kam der Spucknapf (vulgo: meine liebste Kuchenrührschüssel), den wir aber nur dazu benutzt haben, die Restweine zu verklappen. Wenn man mehrere Weißweine hintereinander verkostet, muss man übrigens nicht dauernd ein neues Glas nehmen. Man kippt den alten Wein weg, gießt ein bisschen vom neuen ein, schwenkt das schwungvoll durch und kippt das dann auch weg. Jetzt ist eher der neue Wein im Glas. Da ging der Muscadet hin. Enter the Riesling.

(Deutscher Riesling vom Weingut Hammel & Cie, Pfalz, 2008, 12%)

Ein goldgelber Wein, klar. Erste Nase sagt Mango, Lus erste Nase sagt Birne. Zweite Nase bleibt bei Mango (Weinbuch sagt Aprikose). Beim Verkosten kommt ganz hinten im Rachen noch ein Stück Banane dazu. Und außerdem ein seliges Lächeln, denn meine Fresse ist dieser Wein großartig. Er bleibt für mehrere Sekunden im Mund, auch wenn der Schluck längst im Magen ist.

Mit Ziegenkäse: Die beiden umarmen sich hemmungslos. Man möchte ihnen zurufen, sich schnell ein Hotelzimmer zu nehmen und viele Kinder zu zeugen.

Mit Parmesan: Der Wein erschlägt den Käse, und die Memme wehrt sich nicht mal. Langweilig.

Mit Scamorza: Der Wein holt das Raucharoma des Käses so sehr in den Mund, dass es sich anfühlt, als würde man einen Kamin auslecken. Sehr unangenehm. Nicht nachmachen.

Mit Bündnerfleisch: Der Wein schleppt mit aller Kraft das Salzfass aus dem Keller. Die Mango hat keine Chance. Auch nicht so toll.

Mit Ratatouille: angenehm unaufgeregt. Allerdings schon fast so unaufgeregt wie Steuererklärung machen.

Mir blutet das Herz, den Rest in den Napf zu schütten, denn den Wein werde ich mir auf alle Fälle nochmal holen. Er ist sehr fruchtig, sehr vollmundig und steht anscheinend auf Ziegen.

(Portugiesischer Vinho Verde von Aveleda, Peñafiel, 2008, 10%)

Nächster Kandidat: ein Vinho Verde.

Ein äußerst junger Wein, sehr hell, fast silbern im Glas, er moussiert leicht. Erste Nase sagt: Wasser. Zweite Nase sagt: Wasser mit nem bisschen Himmel drüber. Erst im Mund entfaltet sich ein hauchfeines Aroma, eine ganz kleine Zitrone, eine Dame, die sich nicht so breit macht wie der Riesling.

Mit Ziegenkäse: wie beim ersten Date. Man guckt sich an, schleicht umeinander rum, verspricht sich gegenseitig „Ich meld mich“ und vergisst im Weggehen schon, wie der andere ausgesehen hat.

Mit Weintraube: Die süße grüne Traube gewinnt das Duell haushoch, aber der Wein perlt mutig dagegen an. Jedenfalls mehr als vorher.

Mit Parmesan: sehr angenehm. Der Käse schmeckt salziger, der Wein fruchtiger.

Mit Scamorza: geht genauso wenig wie mit Riesling. Schmeckt nur nach Rauch, und aus der Zitrone wird wieder Wasser. Ohne Himmel drüber.

Mit Ratatouille: angenehm, aber langweilig. Lieber ne Folge Lost gucken.

Wir sind inzwischen pappsatt, aber absolut nicht betrunken. Ich finde es unglaublich faszinierend, konzentriert an Wein heranzugehen anstatt ihn einfach wegzusüppeln. Und es geht wirklich: Schon nach ein paar Tagen fängt man an, Aromen wahrzunehmen, die vorher nicht da waren bzw. wo man vorher nur gesagt hat „schwerer Weißer“ oder „fruchtiger Roter“. Und man kann es auf einmal in Worte fassen, die über „lecker“ hinausgehen. Außerdem bekommt man auf einmal einen Heidenrespekt vor dem Produkt, das offensichtlich so viele Facetten hat, die man ihm aber erstmal entlocken muss. (Wer f*cken will, muss freundlich sein.)

(Italienischer Primitivo von Botter, Apulien, 2007, 13%)

Auf zum letzten Wein: ein Primitivo. Eigentlich wollten wir auch noch einen kalifornischen Zinfandel verkosten, denn die beiden Weine teilen sich die gleiche Rebsorte, heißen nur anders und kommen aus verschiedenen Teilen der Welt, aber unsere Nasen sind schon ziemlich durch. Und ich kann allmählich keinen Scamorza mehr sehen, obwohl ich den gestern so toll fand.

Erste Nase sagt: Mon-Cheri-Kirschen, die schon lange im Keller liegen. Zweite Nase sagt: Wow, da sind durchs Schwenken mal eben zehn Prozent mehr Alkohol dazugekommen. Der Wein ist tiefrot, schon fast braunrot, und ich kann nicht durch ihn hindurchsehen.

Mit Scamorza: Der Käse raucht Signore Primitivo die Hütte voll, woraufhin ihm dieser in die Stiefel pinkelt. Geht gar nicht und macht schlechte Laune.

Mit Parmesan: sehr lustig – wenn man erst den Wein trinkt und dann den Parmesan isst, knacken auf einmal die Salzkristalle im Käse, der nussige Geschmack tritt zutage, großartig. Wenn man allerdings erst den Käse isst und dann den Wein trinkt, haut ihm dieser die Hucke blau. Guck, da liegt der kleine Käse. Er war mal lecker.

Mit Ziegenkäse: Die Ziege wehrt sich lange und hartnäckig, aber spätestens im Rachen wird sie plattgemacht. Auch sie hat keine Chance gegen den Primitivo.

Eigentlich sollte die Ziege der Höhepunkt sein. Aber Lu hatte noch einen Schatz parat: dunkle Schokolade mit 62% Kakaogehalt und – Fleur de Sel. Ich gucke skeptisch, mache ja aber gerade alles, was Lu sagt, nehme also ein Stück Schokolade und lasse es auf der Zunge zergehen. Ganz. Langsam. Zuerst schmecke ich Kakao, tiefen, dunkelbraunen, gutschweren Kakao. Und dann plötzlich eine salzige Spitze, die aber nicht alles versalzt, sondern sich mit dem Kakao verbindet und mit ihm zusammen ein fantastisches Aroma im Mund ergibt, rund, voll, als ob man eine ganze Sommernacht auf dem Balkon gesessen und alle Probleme dieser Welt gelöst hat. Ich greife zum Rotweinglas und nehme einen Schluck Primitivo, während die Schokolade weiter mit den Salzkristallen vor sich hinschmilzt. Der Rotwein umarmt die Schokolade, die Salze tanzen auf der Zunge, und meine Hormone feiern auf einmal im ganzen Körper eine Riesenparty. Hallo, Singles dieser Welt: Ihr braucht keine Männer, keine Frauen und keine wasauchimmer. Ihr braucht nur diese Schokolade und einen guten Rotwein. Ganz, ganz ehrlich.