Lesestoff vom 8. März 2017

Ein paar Leseempfehlungen, die mich in den letzten Tagen beschäftigt haben.

When Things Go Missing

Ein langes Essay aus dem New Yorker, das Fakten über Vergesslichkeit mit einer persönlichen Erfahrung mischt. Hat mir sehr gut gefallen. Und mit seltsamen Statistiken kriegt man mich ja immer.

„Plenty of parents, self-help gurus, and psychics will offer to assist you in finding lost stuff, but most of their suggestions are either obvious (calm down, clean up), suspect (the “eighteen-inch rule,” whereby the majority of missing items are supposedly lurking less than two feet from where you first thought they would be), or New Agey. (“Picture a silvery cord reaching from your chest all the way out to your lost object.”) Advice on how to find missing things also abounds online, but as a rule it is useful only in proportion to the strangeness of whatever you’ve lost. Thus, the Internet is middling on your lost credit card or Kindle, but edifying on your lost Roomba (look inside upholstered furniture), your lost marijuana (your high self probably hid it in a fit of paranoia; try your sock drawer), your lost drone (you’ll need a specially designed G.P.S.), or your lost bitcoins (good luck with that). The same basic dynamic applies to the countless Web sites devoted to recovering lost pets, which are largely useless when it comes to your missing Lab mix but surprisingly helpful when it comes to your missing ball python. Such Web sites can also be counted on for excellent anecdotes, like the one about the cat that vanished in Nottinghamshire, England, and was found, fourteen months later, in a pet-food warehouse, twice its original size. […]

Passwords, passports, umbrellas, scarves, earrings, earbuds, musical instruments, W-2s, that letter you meant to answer, the permission slip for your daughter’s field trip, the can of paint you scrupulously set aside three years ago for the touch-up job you knew you’d someday need: the range of things we lose and the readiness with which we do so are staggering. Data from one insurance-company survey suggest that the average person misplaces up to nine objects a day, which means that, by the time we turn sixty, we will have lost up to two hundred thousand things. (These figures seem preposterous until you reflect on all those times you holler up the stairs to ask your partner if she’s seen your jacket, or on how often you search the couch cushions for the pen you were just using, or on that daily almost-out-the-door flurry when you can’t find your kid’s lunchbox or your car keys.) Granted, you’ll get many of those items back, but you’ll never get back the time you wasted looking for them.”

Eines meiner historischen Interessensgebiete neben der NS-Zeit ist der amerikanische Bürgerkrieg sowie die Zeit danach (Reconstruction, hier noch der englische Wikipedia-Eintrag zum gleichen Stichwort, der deutlich ausführlicher als der deutsche ist, der sich unter dem ersten Link befindet). Dementsprechend interessiert mich auch die Sklaverei. In der NYT las ich einen Artikel, der mich auf ein Thema stieß, das ich noch nicht im Hinterkopf hatte: die Verbindung von Universitäten zur Sklaverei. Im Artikel fand ich – natürlich – mal wieder ein paar schöne Buchtipps; Ebony and Ivy: Race, Slavery, and the Troubled History of America’s Universities liegt in ein paar Tagen in meinem Ausleihfach der Stabi. Hier lohnen sich sogar die Kommentare (NYT Picks).

Der im Artikel verlinkte Atlantic-Text ist übrigens auch sehr lesenswert, weil er den systemischen Rassismus der USA und die daraus resultierende, immer noch nicht gleichgestellte Situation der schwarzen Bevölkerung gut erklärt. Im Text geht es nebenbei auch um die Reparationen, die die Bundesrepublik an Israel gezahlt hat und wie diese das Land beeinflusst haben. #longread

Confronting Academia’s Ties to Slavery

„Research on the topic has been shadowed by the specter of reparations. In his address, Mr. Coates, who wrote “The Case for Reparations,” a widely discussed 2014 article in The Atlantic, recalled when whites reacted to the mere mention of reparations as if “you’d just suggested human sacrifice or something.” […]

“I think every one of these universities needs to give reparations,” he said. “I don’t know how you conduct research showing your very existence is rooted in a great crime, and then you just say, ‘Well, sorry’ and walk away.”

No other speakers explicitly endorsed financial reparations, but it was a sentiment shared by some in the audience.

One panelist, Adam Rothman, a Georgetown University historian, asked the audience if that school — which has offered preference in admissions to the descendants of 272 enslaved people who were sold in 1838 to keep the university afloat — should provide scholarships to descendants who attend other colleges. Many hands went up.“

Zum Abschluss eine der Kolumnen „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ aus der FAZ:

Warum kann nicht jeder moderne Kunst machen?

Dieser Absatz hat es mir besonders angetan:

„Eltern mögen die Bilder ihrer Kinder, weil es eben ihre Kinder sind. Und weil diese Bilder zeigen, wie sie die Welt sehen. Die Bilder der anderen Kinder sind dann nicht so interessant. Dafür müssten die anderen Kinder noch ein bisschen mehr machen. Zum Beispiel könnten ihre Eltern mit ihnen ins Museum gehen und Kunstbücher und Dokumentationen über Künstler anschauen. Dann würden sie sehen, wie andere Menschen, die in ganz anderen Zeiten gelebt haben, die Welt gesehen haben. Dann würden sie lernen, mit deren Augen zu sehen und ihre Bilder würden nicht nur von ihnen handeln, sondern auch von allen anderen Bildern, die es gibt.

Denn Kunstwerke sprechen nie nur mit dem Betrachter, der sie gerade anschaut. Sie unterhalten sich gleichzeitig mit allen anderen Kunstwerken, die es je gab und die es noch irgendwann geben könnte. Sie sind wie die Bewohner einer riesigen Stadt, die sich streiten oder lieb haben und sich immer wieder treffen, einander etwas zeigen oder etwas beibringen. Und wenn man viel Zeit in dieser Stadt verbringt, dann lernt man immer besser sich in ihr zu bewegen und die unendlich vielen Sprachen zu verstehen, in denen die Kunstwerke sprechen. Das gibt einem Freiheit, weil man sieht, dass die Welt, in der man lebt, nur eine von vielen möglichen ist und weil man auf neue Ideen kommt, wie man gerne leben möchte.“

Nebenbei: Ich habe The Unwinding: Thirty Years of American Decline jetzt durchgelesen und kann es immer noch empfehlen. Die Art Packers, auf Pointe zu schreiben, wird zwar irgendwann etwas anstrengend, aber es ist schon sehr spannend, ein Buch von 2013 zu lesen, das einem so weit weg und gleichzeitig so prophetisch vorkommt, wenn man sich so im Jahr 2017 umguckt.

Was schön und ganz fürchterlich traurig war, Montag, 6. März 2017 – Abgabe

Am Sonntag abend hatte ich die wenigen Korrekturvorschläge für meine Leo-von-Welden-Hausarbeit im E-Mail-Posteingang. Die las ich mir durch, nickte fast alles ab und freute mich wie immer über meine schlaue Korrekturfee, die aus manchen wurstigen Formulierungen etwas viel Hübscheres gebastelt hatte.

Gestern setzte ich mich dann daran, die Korrekturen umzusetzen. Danach rief ich beim Historischen Verein Bad Aibling an, in dessen Archiv ich im November rumgewühlt hatte und aus deren Zeitungsausschnittsammlung ich einiges zitieren konnte. Ich wollte wissen, wie genau ich denn diese Sammlung zitiere, also was ich als Fundort notieren sollte. Ich hatte bisher einfach immer „HmBA DOK Leo von Welden“ geschrieben – Heimatmuseum Bad Aibling, Dokumentarische Sammlung Leo von Welden. Das „DOK“ hatte ich mir aus dem Stadtarchiv Rosenheim (StadtA Ro) gemerkt, aber ich ahnte, dass das nicht ganz richtig sein könnte. Mir wurde natürlich geholfen: AHVBA ZA Leo von Welden – Archiv des Historischen Vereins Bad Aibling, Zeitungsausschnittsammlung Leo von Welden. Und wenn’s keine Umstände mache, ob ich vielleicht meine Arbeit kurz per Mail …? Logisch.

Aber bevor ich die Arbeit an den Dozenten und den Historischen Verein schickte, kam die übliche Gröner’sche Pingelarbeit: Nochmal alles ausdrucken und jedes Komma gegenchecken. Stimmen die Seiten im Inhaltsverzeichnis mit denen in der Arbeit überein? Heißen die einzelnen Abschnitte gleich? Steht Abbildung 3 wirklich auf Seite 17? Sind die Umbrüche alle hübsch? Sind im Literaturverzeichnis noch Bücher drin, die da nicht mehr reingehören, weil ich ja wie immer fies kürzen musste? Damit war ich zwei Stunden beschäftigt, fand noch ein paar Kleinigkeiten – wie immer –, aber dann war ich beruhigt, machte aus dem Word-Dok ein PDF und verschickte zwei Mails.

Damit sind alle Hausarbeiten meines Studiums durch. Masterarbeit, ich komme.

Na, fast: Bis Ende März muss ich noch meinen Katalogbeitrag zu Leo von Welden schreiben. Unsere Ausstellung findet im September in der Städtischen Galerie Rosenheim statt, und wir zeigen dafür bergeweise Maler (und wenn’s hoch kommt, eine Malerin), deren Bilder zum Bestand der Galerie gehören und die zwischen 1920 und 1960 entstanden sind. Leo kriegt auch so drei, vier Stück, und deswegen bekommt er auch ordentlich Text im Katalog.

Das ist dann meine zweite Katalogerscheinung – nach diesem hier. Das ist die Verlagsvorschau vom Hirmer-Verlag, und ihr müsst bitte mal, wenn ihr neugierig seid, nach meinem Namen suchen. (Apfel+F.) Der Katalog erscheint im Mai, allerdings nur auf Englisch und Französisch, aber ich hoffe, ich kann nach Erscheinen ein paar meiner Texte auf Deutsch ins Blog stellen. Ich würde euch sehr gerne mehr zum Long Museum, zum MONA oder zum Naga Museum erzählen.

Grapefruit-Gurken-Salat mit geeister Gurkenmousse

Freitag das Kochbuch geschenkt bekommen, Samstag ein Rezept nachgekocht, Sonntag noch eins. Gefällt mir bisher sehr gut, das Ding.

Das Samstagrezept war Avocado-Oliventapenade-French-Toast, das ich beim nächsten Mal ohne die French-Variante nachbauen werde – French Toast ist für mich süß, das hat mich hier doch sehr irritiert. Aber sonst: Auf eine Scheibe Toast zermatschte Avocado mit Olivenöl und Meersalz, auf eine zweite Oliventapenade aus Mandeln, schwarzen Oliven und Olivenöl, auf die Tapenade noch eine Runde Bergkäse, zusammenklappen und essen. Oder in Milch und Ei wenden und ausbacken, aber wie gesagt, das war nicht ganz so meins. Aber Avocado und Oliven – hervorragend.

Jetzt aber zum Gurkensalat, der mich nicht nur anlachte, weil ich Gurken so gerne mag, sondern auch, weil da Gin reinkommt. Überzeugt.

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(Dass das kein perfekter Gurkenkreis ist, war eigentlich Absicht, aber jetzt sieht’s doch so aus, als sei mir mein Gemüsetürmchen umgekippt. Auch deswegen eigne ich mich eher weniger zur Foodstylistin.)

Zunächst die Gurkenmousse herstellen, denn die muss sechs bis acht Stunden festwerden.

Wir brauchen 400 g Salatgurke, das waren bei mir zwei Stück, geschält und entkernt. In grobe Würfel schneiden, ab in einen Mixbecher. Dazu noch
40 ml Gin, (bei mir der gute Duke, wenn schon, denn schon)
50 ml Crème double und
den Saft von 2 Limetten geben. Pürieren und mit
Chardonnay-Essig (bei mir schnöder Weißweinessig),
Salz,
Pfeffer und
Zucker abschmecken

Das ganze mit 4–6 TL Agar-Agar oder Gelatine nach Packungsanweisung binden. Sobald die Masse fest zu werden beginnt, noch
150 ml geschlagene Sahne unterheben. Im Kühlschrank festwerden lassen.

Für den Gurkensalat
1 Grapefruit schälen, die Filets auslösen und klein schneiden.
1 Gurke schälen, entkernen und in kleine Würfel schneiden.
1/4 Bund Minze oder Dill (bei mir einfach beides) und
1/4 Bund Basilikum fein hacken und mit
10 ml Gin sowie
5 ml Grand Marnier (bei mir Cointreau) mischen. Über die Grapefruitfilets geben.

Die Gurken leicht salzen, die marinierten Filets darübergeben, von der Mousse Nocken abstechen und alles hübsch mit wenig Dill bestreuen.

Meine Gelatinefähigkeiten sind sehr tagesformabhängig, weswegen ich aus meinem Mousseschüsselchen auch gerade eine Pseudonocke herausbekommen habe. Nach dem Fotografieren habe ich den Rest einfach so als Dressing über den Salat gekippt, das schmeckte auch hervorragend. Ich mochte die Frische der Gurke, die ganz leichte Bitterkeit der Grapefruit, den Hauch von Schnaps im Hintergrund und die Sahnigkeit der Mousse. Eigentlich alles ganz simpel, aber dann doch ziemlich großartig.

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Spaghetti mit Pesto aus gerösteten Roten Beten und Mandeln

Mein Facebook-Account ist geschützt, ich habe recht wenige Kontakte und gucke auch sehr selten rein. Meine Timeline besteht eigentlich nur aus der NY Times, der Washington Post, der Süddeutschen, den paar Kontakten und – vielen Fressfilmchen von Tasty oder Tastemade. Von letzteren kommen auch diese Spaghetti.

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Ich schreibe mal die Originalmengen auf, die laut Rezept für zwei Personen reichen sollen. Ich habe die Hälfte davon für mich alleine gemacht und hatte irrwitzig viel Sauce übrig, obwohl ich Team Sauce bin, daher wäre mein Tipp: Hälfte reicht auch. Kann man natürlich auch mal zwei Tage hintereinander essen.

3 gewaschene Rote Bete mit Schale (bei mir waren es nur zwei, die mit Schale 275 g gewogen haben) auf ein großes Stück Alufolie legen.
Olivenöl,
Salz und
Pfeffer drüber, die Bete damit einreiben, dann aus der Folie eine Art Tasche basteln (sieht man im oben verlinkten Video gut) und zwei, drei
EL Wasser dazugeben. Die Tasche verschließen und im 200° heißen Backofen für 30 bis 40 Minuten kochen, bis die Bete weich, aber noch bissfest sind. (Diese Angabe aus dem Originalrezept ist eigentlich egal, denn die Dinger werden eh püriert.)

Die Bete leicht abkühlen lassen und dann die Schale entfernen. Im Video geht das mit Papiertüchern und abrubbeln, ich persönlich habe für sowas (und fürs Chilischotenschneiden) Einweghandschuhe in der Küche.

Von einer Biozitrone einen großen Streifen Schale mit einem Sparschäler abschneiden, daraus feine Streifen schneiden. Oder gleich mit dem Zestenreißer feine Streifen machen, den habe ich aber nicht. Das Zeug brauchen wir nachher für die hübsche Deko.

Die Bete in grobe Würfel schneiden und in einen Zerkleinerer geben. Dazu noch
3 Knoblauchzehen,
75 g Mandeln,
Saft und abgeriebene Schale der eben schon angeschnittenen Biozitrone,
40 g Parmesan und
60 ml Olivenöl geben. Aus allem ein schönes Pesto machen, notfalls noch Öl nachgießen. Ich habe es nicht ganz so fein hinbekommen wie im Video, aber ich mag’s ja eh etwas grobschlächtiger.

250 g Spaghetti in ordentlich Salzwasser bissfest kochen. Abgießen und ein, zwei Tassen Wasser zurückbehalten. Ich habe die Spaghetti zeitgleich mit dem nächsten Schritt erledigt und einfach kellenweise Wasser aus dem Topf in die Pfanne geschöpft. Ihr versteht gleich, was ich meine:

In einer Pfanne
1 große Schalotte, geviertelt, und
2 Knoblauchzehen, in Scheibchen, in
Olivenöl andünsten. Eigentlich sollten hier auch Stiele und Blätter der roten Bete mitdünsten. Bei mir im Supermarkt gab’s die Bete leider ohne Grünzeug, deswegen musste ich darauf verzichten.

Pesto und Nudelwasser in beliebiger Menge in die Pfanne geben, bis daraus ein Sößchen wird, das euren Vorstellungen entspricht. Die abgegossenen Spaghetti damit vermischen und mit
Petersilie,
den Zitronenzesten und
Parmesan auf einem Teller in Kontrastfarbe servieren.

Ich war überrascht davon, wie schön die Zitrone gegen die Erdigkeit der Bete ankommt. Das ganze schmeckt frischer als gedacht, aber gleichzeitig so schön herzhaft, wie ich es bei roter Bete und Parmesan erwartet hatte.

#nofilter übrigens. Nicht mal an der Helligkeit rumgedreht, nix.

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Ein sommerliches Dankeschön …

… an Wolfgang, der mich mit Paul Ivics Vegetarische Sommerküche überraschte. Ich mag Tim Mälzers Kitchen Impossible sehr gerne, aber letzte Woche war Tim nicht selbst dabei, sondern zwei andere Köche trugen ein Duell aus, was mir egal war. Für mich funktioniert die Sendung am besten, wenn das Großmaul am Tisch sitzt (und am allerschönsten war es, als ein zweites Großmal wie Tim Raue dagegenhielt). Da ich aber inzwischen darauf gedrillt bin, die Wiederholung der sonntäglichen Sendung am Montag im Netz zu gucken – ich habe keinen Fernseher mehr –, klickte ich letzten Montag einfach eine alte Folge aus der ersten Staffel an, die ich noch nicht kannte. Dort trat Meta Hiltebrand im Wiener Tian gegen Mälzer an, wo Paul Ivic Küchenchef ist und sich mit vegetarischer Küche einen Stern erkocht hatte. (Das Tian gibt’s auch in München und ratet, wer immer noch nicht drin war.) Das gefiel mir außerordentlich gut, was da auf den Tellern landete, also suchte ich nach einem Kochbuch des Herren und fand die Sommerküche. Montag auf den Wunschzettel gepackt, Freitag aus der Packstation geholt. Vielen Dank für das (blitzschnelle) Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Was schön war, Donnerstag, 2. März 2017 – Die Bücher neben den Büchern

Morgens radelte ich in die Unibibliothek, um Bücher abzugeben und weitere abzuholen. Zunächst ging ich aber schuldbewusst zum Zahlautomaten, denn ich hatte völlig vergessen, dass ein Buch bereits Mittwoch fällig gewesen war. Als ich meine Bibliothekskarte unter den Scanner hielt, sagte mir das freundliche Bedienfeld aber: Ich will kein Geld von dir, alles prima. (Looking at you, Stabi, die sofort 7 Euro verlangt.)

Ich ging zur Rückgabestelle, gab ab, was ich nicht mehr brauchte und fragte, ob ich das überfällige Buch nochmal verlängern könnte, denn das brauchte ich für die Masterarbeit. Für die hatte ich in den letzten Wochen schon lustig querbeet ausgeliehen, war aber natürlich zu kaum etwas gekommen, weil ich ja noch an Leo bastelte. Die Aufsicht verneinte, fragte aber, ob ich es nochmal kurz haben wolle, um jetzt noch was zu kopieren oder zu scannen. Das fand ich sehr nett, gab das Buch aber ab und bestellte es mir zuhause einfach für in drei Wochen vor. Das reicht vermutlich. Es handelt von Vergangenheitsbewältigung, unter anderem der der NS-Zeit, aber da ich meine Lesestündchen mit Markus Lüpertz in den 1960er Jahren beginne, kann das Thema noch ein bisschen warten.

Dann radelte ich ins ZI und bastelte meine Hausarbeit fertig. Mir waren gestern beim letzten Korrekturgang noch ein paar Ungereimtheiten aufgefallen, die Zitate betrafen, daher wollte ich die lieber nochmal im Original gegenchecken. Außerdem fehlte mir bei einigen Grafiken von Conrad Felixmüller, die ich erwähne, der Aufbewahrungsort; Maße und Erstellungsdatum hatte ich, aber der Ort fehlte. (Also in welchem Museum das Werk hängt oder ob es Privatbesitz ist.) Ich suchte mir die Signaturen der zwei Bücher raus, aus denen ich die Werkangaben hatte und ging ans Regal. Dort leuchteten mir zwei dicke, grüne Bände entgegen – der Gesamtkatalog der Gemälde von Felixmüller.

Kleiner Flashback zu irgendwann in den 90ern, als ich mal in Dresden war und dort, ich meine im Albertinum, meinen ersten Felixmüller gesehen hatte. Den Namen hatte ich vorher nicht gekannt, aber mir fiel ein Frauenporträt auf, dessen Titel ich mir natürlich nicht merkte, das ich aber seitdem als „Das war von Felixmüller und das war toll“ mit mir rumtrug. Gestern dachte ich mir, ey, blätter doch einfach mal sein Werkverzeichnis durch, du hast ja Zeit, und guck, ob du es wiederfindest. Das tat ich, und ich fand das Bild auch wieder – es war das Bildnis von Frau Dr. Stegmann aus den 20ern –, aber ich war ein winziges bisschen enttäuscht. Was ich in den 90ern so toll gefunden hatte, fand ich jetzt okay. Ästhetisch, ansprechend, aber schlicht nicht mehr meins.

Ich brauchte noch ein anderes Buch von Felixmüller, in dem sich politische grafische Arbeiten befanden. Das stand nicht bei den Monografien von ihm, sondern auf einem anderen Stockwerk. Dort angekommen, sah ich direkt neben dem gesuchten Buch (Kritische Grafik aus der Weimarer Republik) noch eins, das Kapitalistischer Realismus hieß, und weil ich ja, wie gesagt, Zeit hatte, nahm ich das einfach mal mit. Den Begriff hatte ich schon mal gehört, mich aber nicht genauer damit beschäftigt.

Als ich mit der Hausarbeit fertig war, blätterte ich darin rum und sah als Bebilderung zu einem Text von Edward Kienholz zu seinem A Portable War Memorial (hier 4 Minuten vom WDR dazu) ein Bild, das ich gerade vor ein paar Tagen im Haus der Kunst gesehen hatte. Ich fotografierte die Buchseite und schickte sie F., der auch schon in Postwar gewesen war, deswegen ist das Bild so aus dem Handgelenk.

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Zuhause blätterte ich im Ausstellungsführer zu Postwar nochmal nach. Normalerweise drückt einem das Haus der Kunst netterweise ein kostenloses Faltblatt in die Hand für jede Ausstellung, wo viele oder sogar alle Werke verzeichnet sind. Da in Postwar aber gefühlt eine Million Bilder und Skulpturen zu sehen sind, kostete das Ding diesmal etwas, und man bekommt für zehn Euro ein über 300 Seiten dickes Werkverzeichnis. Der Katalog kostet 69 Euro und wiegt ungefähr zehn Kilo, ich habe ihn schon mal durchs ZI geschleppt.

Hier ist das Bild nochmal in schick, aus eben diesem Ausstellungsführer fotografiert:

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Die Seiten sind mit dem Namen des oder der Künstler*in überschrieben. Bei Geliy Korzhev fand ich seine Daten dazu noch bemerkenswert: „Geb. 1925 in Moskau, Sowjetunion. Gest. 2012 in Moskau, Russland.“ Was in zwei Zeilen schon an Geschichte drinsteckt.

Das Bild zeigt einen Kämpfer der russischen Revolution von 1917, der das Banner aufhebt, das seinem getöteten Kameraden aus den Händen fiel. Es ist die Mitteltafel eins Triptychons; die anderen Tafeln, die nicht ausgestellt waren, zeigen links eine Szene aus dem Bürgerkrieg, auf den die Oktoberrevolution folgte, die rechte „einen ehemaligen proletarischen Revolutionär, der eine Tonbüste Homers nach einer Marmorstatue modellierte. Offenkundig war diese Entwicklung des Sowjetmenschen vom Revolutionär zum Soldaten und zum humanistischen Künstler im Dialog mit der Antike das, was Korzhevs zeitgenössische Kritiker faszinierte.“ Das Bild erhielt 1961 eine Goldmedaille der Sowjetischen Akademie der Künste und 1966 „wurde ihm der Staatspreis für Vorzüglichkeit in den bildenden Künsten verliehen.“ [1]

Im Haus der Kunst hing es im Themengebiet „Realismen“, in dem sozialistischer Realismus aus Südamerika und der DDR neben französischer proletarischer Malerei und chinesischem Realismus hing. Kann man als Propaganda abtun, kann man aber auch mal in einen Kontext mit zeitgenössischer Nicht-Staatskunst hängen. Fand ich sehr spannend.

Zum Abschluss holte ich mir noch einen Katalog von Jonathan Meese aus dem Regal, weil ich endlich kapieren will, was an ihm so toll sein soll, aber ich habe es wieder nicht geschafft.

[1] Beide Zitate Daniel Milnes: „Geliy Korzhev“, in: Haus der Kunst (Hrsg.): Postwar 1945–1965. Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, München 2016, S. 153.

Tagebuch, Mittwoch, 1. März 2017 – Letzte Seminararbeit

Gestern bastelte ich den ganzen Tag an meiner allerletzten Seminararbeit meines Studiums rum und betrachte sie jetzt als fertig. Heute gehe ich NATÜRLICH nochmal rüber und dann schicke ich sie der Korrekturfee. Wenn ich sie zurückbekomme, werde ich erwartungsgemäß noch an ein paar winzigen Baustellen arbeiten, aber dann geht sie zum Dozenten, und dann werde ich eisessend wehmütig auf dem Sofa sitzen, weil ich jetzt keine Hausarbeiten mehr schreiben werde. Das war’s.

Meine Arbeit teilt sich in zwei Teile. Im ersten betrachte ich die Stilrichtung des Expressiven Realismus (Schreibweise des Erfinders) kritisch, im zweiten überprüfe ich, ob Leo von Welden ein expressiver Realist ist, wie von Zimmermann vorgeschlagen. Kurzfassung Teil 1: totaler Blödsinn, Kurzfassung Teil 2: nö. Aber das kann man natürlich auch auf 75.000 Zeichen ausführen.

Wobei genau das die Schwierigkeit war. Kreativer Kopf (und Sammler, wer hätte es gedacht) dieser Stilrichtung Rainer Zimmermann widerspricht sich nämlich gerne selbst. Für ihn bildet der expressive Realismus die Realität ab und interpretiert sie künstlerisch. Kann man so stehenlassen. Gleichzeitig zeigen Maler und Malerinnen des expressiven Realismus aber auch eine Art Gegenrealität, wenn die Wirklichkeit zu schlimm ist wie zum Beispiel in der Zwischenkriegszeit. Da gelten dann auf einmal auch „arkadische Landschaften, bukolische Badeszenen, leuchtende Blumenstücke“ als Wirklichkeit. Oder, auch lustig: Einerseits sieht man den expressiven Realisten an, dass sie welche sind, weil sich eine „Einheit“ ihrer „stilistischen Ausprägungen“ herausgebildet hat. Gleichzeitig aber zeigt sich in ihren Bildern „eine große Bandbreite von künstlerischen Ausdrucksformen“. Wie soll man gegen sowas argumentieren außer dauernd „MAKE UP YOUR FUCKING MIND!“ in den Lesesaal zu brüllen? Also innerlich.

Beim ersten Teil war ich dementsprechend damit beschäftigt, sein 400 Seiten dickes Buch fachfräulich zu zerlegen. Als ich damit fertig war, freute ich mich auf den zweiten Teil, denn nun konnte ich schön alles Wissen zu Leo abrufen. Blöderweise war das natürlich alles viel zu viel, was ich wusste, und ich konnte wieder nur einen Bruchteil all der schönen Dinge aufschreiben, die in meinem Kopf rumlagen.

Darüber jammerte ich mal wieder F. voll, der selbst Wissenschaftler ist und daher weiß, wie sehr ich damit hadere, nicht ALLES aufschreiben zu können. Er erzählte mir zum tausendsten Mal, dass das ja der Witz an Wissenschaft sei: Man besetzt einen Standpunkt, führt den hübsch aus und lässt sein Werk dann los, damit andere Wissenschaftlicherinnen darauf aufbauen können. Genau das ist ja das Tolle an Wissenschaft: Sie hört nie auf. Dem kann ich natürlich zustimmen, aber weil ich weiß, dass ich noch viel mehr besetzen, ausführen und loslassen könnte, bricht mir halt immer mein kleines faktenhordendes Herz. Ich bin SO kurz davor, aus Spaß eine von-Welden-Biografie anzufangen, nur für mich, damit ich mal alles loswerden kann, was ich über den Mann rausgefunden habe, aber da mir die Masterarbeit im Nacken sitzt, ist das kein so guter Plan.

Als ich mit dem Textteil glücklich war, bastelte ich das Abbildungsverzeichnis. Dazu holte ich Bilder von meinem iPhone und vom USB-Stick, auf dem Scans aus verschiedenen Bibliotheken drauf waren. Dann scannte ich zuhause noch Zeug ein: Bilder aus Büchern, die ich mir geliehen hatte und ein Polaroidfoto der Künstlertochter, das sie mir freundlicherweise geliehen hatte. Ich trug alles zusammen, beschriftete die Abbildungen, so weit es ging („Maße und Verbleib unbekannt“), dann druckte ich den ganzen Berg einmal aus und durchkämmte alles nach Rechtschreibfehlern, komischen Bezügen und verglich die Fußnoten mit dem Literaturverzeichnis.

Und dann war der Tag rum.

Bilderbuch vom Mittwoch, 1. März 2017 – La La Land, Moonlight

Gestern twitterte Entertainment Weekly ein Foto aus einer Reihe, die es nur in meinem Kopf gibt: Oscar-Statuetten außerhalb des Verleihungsortes. Hier ist das goldene Ding neben Moonlight-Regisseur Barry Jenkins zu sehen.

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Eines meiner Lieblingsexponate ist ein Instagrambild von Lupita Nyong’o, das inzwischen leider nicht mehr in ihrem Stream zu finden ist. Sie hatte es sich in der Award Season 2014 angewöhnt, ihr Kleid und ihre Schuhe mit dem jeweiligen Preis zu instagrammen, den sie im fotografierten Outfit für 12 Years a Slave erhielt. Das sah dann nach den Academy Awards so aus:

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(Quelle: Telegraph.co.uk, wo Nyong’o auch im Ensemble zu sehen ist.)

(Nachtrag: Mir ist noch Diablo Cody am Morgen nach ihrem Oscar-Gewinn für Juno eingefallen.)

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Heute morgen landete dann ein Artikel von Slate in meiner Timeline, in dem gar liebreizende Bilder der Moonlight-Darsteller Alex Hibbert, Ashton Sanders, Mahershala Ali und Trevante Rhodes in recht wenig Calvin Klein zu sehen sind. Sowas lässt den Tag ja gleich sehr schön beginnen.

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Und es scheint der letzte Anstoß gewesen zu sein, doch mal über La La Land und Moonlight schreiben zu wollen, die ich beide nicht für herausragende Filme halte, aber Moonlight ist in meinen Augen immer noch deutlich besser als Bla Bla Dings.

La La Land hat mich fürchterlich genervt. Ich fand die Musicalnummern weder zauberhaft noch inspirierend noch durch gute Musik unterlegt, eher das Gegenteil. Wenn man sich auch nur die bekanntesten klassischen Musicalnummern in den Hinterkopf holt, stinken die Sing- und Tanzkünste von Ryan Gosling und Emma Stone ziemlich ab. Vielleicht war das gewollt, um den Film dann doch nicht ganz ins Traumland zu versetzen, aber dagegen spricht die große, wenn ich mich richtig erinnere, ewig lange und ungeschnittene Tanznummer auf dem Highway, mit der der Film losgeht und damit gleich mal eine Vorgabe liefert, was uns die nächsten zwei Stunden erwartet. Die war schon sehr ordentlich, und deswegen hat mich das Schultheater danach auch so genervt.

Ebenfalls doof: die vielen, vielen, vielen, vielen, vielen einfarbigen Kleider, die Stone tragen durfte. Die knalligen Farben und schlichten Schnitte waren unübersehbar, aber ich konnte mir keinen Reim darauf machen, was sie sollten. Für Kostüme, die einfach nur an der Schauspielerin hängen, damit sie nicht nackt rumläuft, waren sie zu auffällig, für einen Punkt, den sie hätten machen können, zu beliebig. Die einzige Erklärung, die mir eingefallen ist, war der Unterschied zum schwarzen Kleid, das Stone in der letzten, langen Einstellung trägt, in der sie Gosling noch einmal wiedersieht. (Ich hoffe, ihr habt den Film inzwischen alle gesehen, ich spoilere ein bisschen.) Wenn ich mich richtig erinnere, ist das das einzige Mal, wo sie ein quasi farbloses Kleid trägt, was den Unterschied zum Rest des Films verdeutlicht. Aber dass ich für diesen einen Punkt, den nebenbei die Story auch prima alleine hinkriegt, die ganze Zeit diese Augenkrebsensembles mitansehen musste, fand ich sehr anstrengend.

Das Ende rettet den Film meiner Meinung ein bisschen, weil es passt und kein klebriger Quatsch ist, aber bis ich damit halbwegs versöhnt wurde, knurrte ich zwei Stunden lang. In Whiplash ging mir Damien Chazelles Liebe zum Jazz auch schon auf den Keks, weil dieser freie, individuelle Musikstil als Grundlage für eine beknackte Story von Drill und Perfektionsdrang genutzt wurde. In La La Land dient er dazu, eben diese Freigeistigkeit von Gosling zu betonen, der dann aber doch kommerziellen Kram abliefert, um seine Miete zahlen zu können. (Nebenbei sind die meisten gesungenen Nummern im Film dann auch kommerzieller Pop und kein Free Jazz, was ich nicht verstanden habe. Welche Aussage hat dieser Film noch mal?) Gosling kennt Jazz gut und er wird auch nicht müde, das Stone zu erklären, der hier die Rolle des brav zuhörenden Weibchens zukommt. Auch ihr großes Vorsprechen, das sie verpasst hätte, wenn der gute Gosling sich nicht ins Auto gesetzt und ihr davon erzählt hätte, wäre ohne des großen Mannes Hilfe nicht zustande gekommen. Spätestens bei der Szene brüllte ich innerlich: HANDYS! ES GIBT HANDYS! Ihr tippt auf Laptops, ihr habt auch HANDYS! Genauso wie bei der Szene, als Gosling von Stone vor dem Kino versetzt wird. Shoot him a fucking text, girl! Generell hat Stone zwar das bessere Ende, aber auf dem Weg dahin ist sie nur ein Anhängsel, was mich wahnsinnig gemacht hat. Selbst bei der eben erwähnten Audition, die alles verändert, hat die Dame nichts eigenes zu erzählen, sondern singt eine Mischung aus The Rainbow Connection und einer Apple-Werbung. Immerhin hat James Corden das ganze schön nach dem Verleihungsheckmeck vom Sonntag aufgearbeitet.

Auch in Moonlight fehlt mir bei einigen Charakteren ein Motiv oder eine Backstory, die über Klischees hinausgeht, aber generell finde ich einen Film über ein Coming out wichtiger als tanzende Hollywoodstars. Ich mochte an Moonlight das Tempo, mit dem die Geschichte sich entwickelt, die Begrenzung auf wenige Räume (Chirons Zuhause und seine Schule im Gegensatz zum Strand und zu Theresas Haus). Ich mochte außerdem die klare Trennung vom jungen zum erwachsenen Chiron; wo sich vorher fast alles in gleißendem Tageslicht abspielt, findet fast die komplette zweite Hälfte des Films abends und nachts statt, dem Ort, an dem wir vielleicht unsere Masken und Rüstungen ablegen, die wir tagsüber mit uns rumschleppen. Auch hier mochte ich das Ende, auch wenn es mir ein winziges bisschen zu beliebig war. Ich mochte aber den Bruch, der hier zusammen mit dem Wechsel des Lichts stattfand: Wo wir Chiron vorher sehr wortkarg erlebt haben, muss er nun endlich mal sagen, was Sache ist, und die letzten zwei Sätze von ihm wiegen das große Schweigen wieder auf. Wie gesagt, hier hätte ich mir ein etwas entschlosseneres Ende gewünscht statt dieses Quasi-Fade-outs, aber damit kann ich leben.

Ich habe von den anderen für den besten Film nominierten Streifen nur Arrival gesehen, den ich sehr gelungen fand, aber auch hier würde ich Moonlight alleine wegen seiner gesellschaftlichen Relevanz mehr Gewicht zusprechen. Gleichzeitig frage ich mich selbst, ob gesellschaftliche Relevanz ein Bewertungskriterium sein sollte in einem Wettbewerb, in dem auch ein Musical, das kein einziges politisches Thema anreißt, mitspielen darf. (Es gibt durchaus Musicals, die das tun, spontan fällt mir Rent ein.) Genau dieses Spannungsfeld mag der Grund sein, warum ich seit Jahren nicht mehr so oft ins Kino gehe wie früher, als dieses Blog fast ausschließlich aus Filmkram bestand. Mir kommt gerade amerikanisches Kino immer beliebiger vor, wo ich früher genau diese Beliebigkeit, diesen Eskapismus geliebt habe. Scheint aber wie mit Romanen und Fertigessen zu sein: Meine Interessen haben sich verlagert, mein Geschmack ist differenzierter (nicht besser!) geworden. Vielleicht bin ich auch einfach nur schneller gelangweilt, weil ich immer älter werde und ich mir keine Zeit mehr für Quatsch nehmen will. Aber gute Bilder schaue ich mir anscheinend immer noch gerne an. *klickt nochmal durch die Calvin-Klein-Werbung*

Tagebuch, Montag, 27. Februar 2017 – 4.000 Zeichen gekürzt, 10.000 to go

Frühling ist mir ja eigentlich egal (TEAM HERBST!), aber es gibt kaum Dinge, die mein Serotoninlevel so schnell nach oben zaubern wie mit Übergangsjacke (keine schwere Winterjacke) bei Sonnenschein (kein blöder Schnee, bei dem ich nicht radfahren möchte) in Richtung Bibliothek (duh) zu radeln (weil radeln).

In der Stabi zückte ich allen Ernstes die BSB-Navigator-App, weil ich in einen Lesesaal musste, in dem ich noch nie war. Wie ich jetzt weiß, ist der Lesesaal Musik, Karten und Bilder der kleinste von allen (46 Plätze, wie niedlich) und im ersten Stock. Der Klassiker-Moment beim Blick auf den Gebäudeplan: „Ach, da geht’s noch weiter?“

Aber zunächst ging ich in den Allgemeinen Lesesaal (636 Plätze und trotzdem kaum jemals was frei), wo ich mal wieder Zeug auslieh und anderes abgab. Gestern las ich zwei Veröffentlichungen des Völkischen Beobachters, weil ich auf der Suche nach Bildern von Schlauchbooten im Kriegseinsatz war – fragt nicht, ich beiße mich mal wieder irgendwo auf einer Nebenbaustelle fest – und mir dachte, wenn der Beobachter Bücher über den Frontverlauf 1940 und 1941 rausgibt, könnten da vielleicht Bilder drin sein. Waren sie leider nicht, aber dafür fand ich was anderes, was ich kurz in der Leo-Hausarbeit notierte, aber ich ahne, dass das wieder rausfliegt. (Siehe Überschrift.)

Dann ging ich topcheckermäßig in den Lesesaal Musik, Karten und Bilder, weil ich ja total wusste, wo der war. Dort hatte ich mir einen Jahresband der Zeitschrift Die Wehrmacht von 1939 rauslegen lassen, weil ich da auch Bilder vermutete. Da ich in diesem Saal noch nie war, fragte ich erstmal, wo ich denn meine Bücher fände – aha, im Regal nach Nachnamen geordnet, nicht wie sonst nach der Bibliotheksausweisnummer. Im Regal lag aber nichts, weswegen ich nochmal nachfragte, woraufhin die Aufsicht hinter sich im Regal nach dem Band schaute. Ja, da ist er, aber ich müsste doch bitte noch diesen Beleg ausfüllen und unterschreiben, denn das Material sei ja … nun ja … anders. Das kannte ich noch nicht, dass ich bei Zeug aus der NS-Zeit unterschreiben musste, dass ich es nur zur wissenschaftlichen Verwendung nutze. Ich musste außerdem Namen, Anschrift, Ausweisnummer und Thema meiner wissenschaftlichen Arbeit angeben. Da ich gerade ohne jede Einschränkung Kram vom Völkischen Beobachter gelesen und in den vergangenen Semestern ähnlich kritisches Zeug unbehelligt hatte ausleihen können, wunderte mich das schon. Aber egal, Hauptsache, es ist da und ich kann reingucken.

Dort fand ich auch, was ich suchte: Schlauchbootwerbung. Ich fand außerdem Werbung für Uniformen, Patronenhülsen, bestimmte Metalle und Kugellager, auch super für die Flakabwehr. Daneben Werbung für Zahnpasta und Diätmittelchen für den deutschen Mann. Außerdem fiel mir auf, wie hochwertig das Magazin produziert war: große Fotos, gute Typo, alles ordentlich gesetzt – das war kein billiges Landserheftchen. Wenn man auf die Herrenmenschenästhetik steht, hat man da schön was zu gucken. Ich ahnte so langsam, warum die Bibliothek wissen wollte, wer sich sowas ausleiht.

In einem so kleinen Lesesaal ist es übrigens irre laut, in alten Zeitschriften zu blättern.

Nach der Stabi radelte ich IN ÜBERGANGSJACKE BEI SONNENSCHEIN in ZI, wo ich weiter an Leo rumkürzte. Also erstmal natürlich noch Zeug ergänzte, ist klar, da ist ja immer noch ein Buch, in das ich dringend reingucken muss, aber so allmählich kam in den First Draft ein bisschen mehr Zug. (Ich schrecke, gerade nach dem Absatz eben, vor dem Begriff „Disziplin“ zurück.) Ich begann mit dem üblichen Vorgang, meine Darlings zu killen und verabschiedete mich zum zweiten Mal von Oskar Maria Graf. Ob ich mich auch von Conrad Felixmüller verabschiede, weiß ich noch nicht. 10.000 Zeichen to go.

Nach sieben Stunden Bibliotheksarbeit heißhungrig in den Supermarkt gefahren, wo ich mich eigentlich auf Ofengemüse mit kurz blanchiertem, knackigen Lauch und Kräuterquark festgelegt hatte, aber dann sah ich eine Packung Schinkenspeck und vor meinem geistigen Auge entstand eine heiße Schüssel Spaghetti Carbonara. Die ist es dann auch geworden. Essen ist so großartig. Ich bin immer noch pissig auf mich selbst, dass ich erst 40 werden musste, um das zu kapieren.

Tagebuch, Sonntag, 26. Februar 2017 – Keep going

Tagebuch, Freitag, 24. Februar 2017 – Ziellinie

Sehr schlecht geschlafen (Kopf will Leo nicht loslassen), daher war der Tag eher zähes Waten im Wörtermeer mit vielen Pausen auf der Voyager, aber am späten Abend sah ich die Ziellinie und das Ende des First Drafts. Den werde ich am Wochenende runterkloppen, und am Montag beginnt dann die wohlige Zeit des Textpuschelns – hier ein bisschen löschen, da ein bisschen umformulieren, Sätze rumschieben und vor allem: kürzen wie blöde, denn natürlich bin ich schon wieder zu lang.

Diese Headline wurde nur für mich als Clickbait geschrieben:

Architect-turned-patisserie chef uses 3D modelling software to create desserts

Und deswegen musste ich auch ein paar Bilder bei Dezeen … äh … ausborgen.

pekingcake

Hier dachte ich sofort an das Nationalstadion in Peking. Und hier an das wunderschöne Dach der Elbphilharmonie:

elficake

Wo wir gerade bei gutem Essen sind: Ich habe eben eingekauft, ohne vorher gefrühstückt zu haben. Jetzt liegen Zutaten für Toast Hawaii in meiner Küche.

Tagebuch, Donnerstag, 23. Februar 2017 – Halber Tag frei

Vormittags eine Stunde hirntot auf mein Manuskript gestarrt und ein paar vermutlich sinnlose Korrekturen gemacht; dann entschieden, eine Runde spazierenzugehen und den Kopf auszumachen. Diese Tätigkeit geschickt damit verbunden, ein Päckchen zur Post zu bringen, einzukaufen und ein paar Pokémons zu fangen. Danach war ich allerdings immer noch nicht so recht konzentriert, weswegen ich mir selber den Rest des Tages freigab. (Dieser Luxus ist mir sehr bewusst.)

Da ich von den Buttermilk Pancakes am Dienstag noch Buttermilch im Kühlschrank hatte, hatte ich morgens nach weiteren lustigen Verwendungsmöglichkeiten für diese Zutat gesucht und landete beim Buttermilk Chicken. Um die Mittagszeit legte ich daher das soeben entstandene Hähnchenfilet, in mundgerechte Stücke geschnitten, in eine Marinade aus Buttermilch, Cayennepfeffer, Knoblauchsalz und Zwiebelpulver ein und ließ es ein paar Stunden in einem Gefrierbeutel im Kühlschrank stehen. Abends wälzte ich die Stücke in Mehl und briet sie in Butterschmalz aus (keine Lust auf Öl). Ich war überrascht davon, wie zart und frisch das Huhn schmeckte und wie schön die Panade wurde – für ein anständiges Wiener Schnitzel (bestes Essen ever) braucht es ja immer noch Semmelbrösel und Ei, aber hier reichte auch Mehl. Dazu gab’s für F. und mich frisch gestampften Kartoffelbrei, Salat, ein Bierchen und danach einen dringenden Birnengeist. Weil es so gut schmeckte, vergaß ich, es zu fotografieren.

Bei der Hausarbeit mal wieder gemerkt, dass ich längst nicht alles unterkriege, was ich schon über Leo weiß. Nachdem ich in der letzten Woche in Bibliotheken gearbeitet habe, konnte ich in dieser Woche am heimischen Schreibtisch sitzen und alles runterschreiben, was ich an biografischen und künstlerischen Daten über ihn rausgefunden hatte. Weil ich schon so lange über den Herrn nachdenke, musste ich dafür meist nicht mal meine Notizen verwenden, ich hatte das alles schon im Kopf. Das war ein sehr schönes Gefühl, mitzukriegen, wieviel ich mir so nebenbei gemerkt hatte.

Ich war allerdings auch ein bisschen traurig, eben weil ich merkte, was ich wegen der Zeichenbegrenzung alles nicht aufschreiben kann. Es fühlt sich ein bisschen an, Leo bewusst zu vergessen – all die Daten und Ausstellungen und Bildernamen und biografischen Details, die jetzt einfach weiter in den Archiven und Heimatmuseen liegen, bis vielleicht der oder die nächste Kunstgeschichtsstudi nach ihnen wühlt. Oder eben auch nicht. Und schon war ich in der deprimierenden Gedankenschleife, was uns alles an Wissen verlorengeht, weil a) Menschen nichts aufschreiben oder b) Studis ihre Hausarbeiten nicht veröffentlichen, weswegen vermutlich schon tausendmal über die Dinge geschrieben wurde, über die ich jetzt schreibe, es aber niemand mitkriegt.

Ich war sehr froh, als ich mich an den Herd stellen und kochen konnte, um nicht weiter sinnlos darüber zu trauern, wen und was wir alles schon vergessen haben.

Buttermilk Pancakes

Das ist einer dieser Einträge, die ich für mich und meine persönliche Rezeptsammlung mache. Ehe ich dauernd beim Rezept der NY Times dusselige cups in wunderschöne Milliliter umrechne, schreibe ich das schnell hier auf, damit ich es beim nächsten Pfannkuchenjieper griffbereit habe.

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Für 15 bis 20 Pfannkuchen, Durchmesser ca. zehn Zentimeter.

1 1/2 EL Butter schmelzen.

In einer Schüssel
130 g Mehl mit
3/4 EL Zucker,
3/4 TL Backpulver,
3/4 TL Natron und
1/2 TL Salz vermischen. Die geschmolzene Butter dazugeben sowie
300 ml Buttermilch und
1 Ei.

Alles kurz mit einem Schneebesen zu einem zähflüssigen Teig verrühren, ein paar Klümpchen dürfen bleiben. Eine beschichtete Pfanne auf mittlerer Hitze vorheizen, ein bisschen neutrales Öl dazugeben und die Pfannkuchen einzeln ausbacken. Nicht zu viele auf einmal in die Pfanne geben, sie laufen noch etwas auseinander; ich habe immer drei gleichzeitig gebacken. Die fertigen Pfannkuchen im auf 150° vorgeheizten Ofen warmhalten, bis der Teig verbraucht ist. Mit allem, was das Herz begehrt, servieren; im Bild ist mein Liebling Ahornsirup zu sehen.

PS: Den ersten Versuch mit diesem Rezept habe ich mit Milch statt Buttermilch gemacht, das ergibt dann einen viel zu dünnflüssigen Teig, der ausgebacken wie versalzenes Rührei schmeckt. Ähem.

Tagebuch, Dienstag, 21. Februar 2017 – Heute, gestern, morgen

Um kurz nach 10 im kunsthistorischen Institut gewesen, um meine Anmeldung zur Masterarbeit abzugeben.

Unsere offizielle Bearbeitungszeit hat am Montag begonnen, am 10. Juli ist Abgabetermin. Ich hatte einen kleinen Flashback zur Bachelorarbeit, wo ich mir einen Zeitplan gemacht hatte, der auch an meiner Küchenwand hing, damit ich ihn immer im Auge habe; ich erinnerte mich an den beschissenen Ablauf des Ganzen (meine Schuld) und überhaupt an das blöde sechste Semester. In diesem Semester habe ich keinen Zeitplan, es geht mir auf allen Ebenen deutlich besser als damals, und ich blicke meiner ersten wirklichen Langstrecke eher freudig als nervös entgegen. Wie wenig ich nervös bin, zeigt sich auch daran, dass ich mir für Leo noch so viel Zeit nehmen will wie Leo eben braucht, um auch da eine anständige Arbeit abzuliefern. Da ist die Deadline 15. März. Ich habe gestern erstmals die Wörter-zählen-Funktion in Word benutzt und war sofort wieder innerlich am Fluchen: Was, schon so viel? ICH HAB DOCH NOCH SO VIEL ZU SAGEN! Sofortiger Reflex, wie bei allen Arbeiten im MA: Was freue ich mich auf die Dissertation, wo endlich die beknackte Zeichenbegrenzung wegfällt und ich nicht mehr alle Argumente auf ihre Knochen herunterkürzen muss.

Dementsprechend gut gelaunt und beflügelt nach dem Termin im Institut (und einer kleinen Runde in die Unibibliothek – irgendwo liegt ja immer was für mich) wieder nach Hause gekommen, wo sich das schnell änderte, denn es lag eine Trauerkarte im Briefkasten. Mich nach dem ersten Schreck gefragt, ob diese Art Brief, also die mit dem schwarzen Rand am Umschlag, jetzt nett ist, weil man sofort weiß, dass was Schlimmes passiert ist, oder ob man sich ohne diesen Rand noch ein paar Sekunden in Sicherheit wiegen kann – und dann beim Brieföffnen erschreckt. Kann mich immer noch nicht entscheiden.

Computer Love – Looking back at Star Trek: The Next Generation on its 25th anniversary

Eine schöne Würdigung von TNG, meiner bis heute liebsten Star-Trek-Serie. Via Felix.

„Gene Roddenberry’s guiding vision of the Star Trek franchise was, famously, that it would offer an optimistic vision of humanity’s future. The Soviet Union collapsed a couple of years into the filming of The Next Generation, and the show’s optimistic future became startlingly coterminous with the optimistic present of the George H.W. Bush administration. Where else but space could you find a thousand points of light? The grand adventure of the NCC-1701-D was no longer to spread civilization, or even defend it; it was just to keep the machinery oiled. Remember 1991, America? […]

It was already possible, by the early ’90s and actually long before them, to trace the terms of the current partisan divide in America. Conservatives — think in Jonathan Haidt–ish terms here — value tradition, authority, and group identity; liberals value tolerance, fairness, and care. Or whatever; you can draw the distinctions however you’d like. The point is, The Next Generation depicts a strict military hierarchy acting with great moral clarity in the name of civilization, all anti-postmodern, “conservative” stuff — but the values they’re so conservatively clear about are ideals like peace and open-mindedness and squishy concern for the perspectives of different cultures. “Liberal” ideals, in other words.“

Why Facts Don’t Change Our Minds

Eher deprimierend zu lesen, dass wir anscheinend äußerst selten von einer Meinung abrücken, wenn wir sie einmal haben. Meine derzeitige Lösung: mir meines confirmation bias bewusst sein. Ob das immer klappt, weiß ich auch nicht. Ich habe aber durchaus beim wissenschaftlichen Arbeiten bemerkt, dass es meiner eigenen Argumentation gut tut, auch Gegenargumente nicht nur zu lesen und wahrzunehmen, sondern sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich weiß allerdings immer noch nicht, ob ich damit nur meine eigene Voreingenommenheit bestätige („ich hab mich mit der Gegenseite befasst und sie als doof bewertet“) oder wirklich ausgewogener argumentiere.

PS: Das New-Yorker-Abo war eine sehr gute Idee.

„In a study conducted at Yale, graduate students were asked to rate their understanding of everyday devices, including toilets, zippers, and cylinder locks. They were then asked to write detailed, step-by-step explanations of how the devices work, and to rate their understanding again. Apparently, the effort revealed to the students their own ignorance, because their self-assessments dropped. (Toilets, it turns out, are more complicated than they appear.)

Sloman and Fernbach see this effect, which they call the “illusion of explanatory depth,” just about everywhere. People believe that they know way more than they actually do. What allows us to persist in this belief is other people. In the case of my toilet, someone else designed it so that I can operate it easily. This is something humans are very good at. We’ve been relying on one another’s expertise ever since we figured out how to hunt together, which was probably a key development in our evolutionary history. So well do we collaborate, Sloman and Fernbach argue, that we can hardly tell where our own understanding ends and others’ begins.

“One implication of the naturalness with which we divide cognitive labor,” they write, is that there’s “no sharp boundary between one person’s ideas and knowledge” and “those of other members” of the group.

This borderlessness, or, if you prefer, confusion, is also crucial to what we consider progress. As people invented new tools for new ways of living, they simultaneously created new realms of ignorance; if everyone had insisted on, say, mastering the principles of metalworking before picking up a knife, the Bronze Age wouldn’t have amounted to much. When it comes to new technologies, incomplete understanding is empowering.“

Tagebuch, Montag, 20. Februar 2017 – Schreibtischtag

In der Hausarbeit des Sommersemesters habe ich mich eher mit Leos Biografie beschäftigt und Irrtümer, (in meinen Augen) bewusste Auslassungen oder tendenziöse Formulierungen in der Forschungsliteratur korrigiert. In der vergangenen Woche las ich in verschiedenen Bibliotheken Bücher und Aufsätze über den expressiven Realismus, dem Leo von einigen wenigen Kunsthistoriker*innen zugerechnet wird, denn in diesem Semester setze ich mich stilkritisch mit ihm auseinander. Um im Referat mit den Augen zu rollen, reichten meinen bisherigen Kenntnisse, jetzt, für die Hausarbeit, will ich aber so ziemlich alles an dieser Stilrichtung zerpflücken, weswegen ich noch ein bisschen lesen musste.

Das Grundgerüst steht seit Samstag, am Sonntag puschelte ich noch ein bisschen daran rum, verschob, korrigierte, was ich halt so mache mit Texten. Gestern begann ich dann mit dem Leo-Teil, für den ich seine betreffende Literatur neu sichtete, die netterweise auf dem heimischen Schreibtisch liegt. Der Fokus lag bisher, wie gesagt, auf seiner Biografie, das heißt, ich nannte im Forschungsstand Blödsinn wie „der Mann galt als entartet“ oder „dufte nicht ausstellen“ oder „durfte nicht Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste werden“ – er durfte letzteres nicht, weil er kein deutscher Staatsbürger war; das meine ich mit tendenziös. Die Forschungsliteratur besteht bei ihm hauptsächlich aus Museumskatalogen; es gibt gerade eine Monografie, und die hatte eine klare Agenda. Dagegen konnte ich wunderbar anargumentieren.

Dieses Mal geht es aber um seine Bilder und ob die dem expressiven Realismus entsprechen. Ich schreibe jetzt nicht auf, was ich an dieser Stilrichtung für sinnlos halte – Kurzfassung: alles –, aber jetzt muss ich natürlich andere Dinge aus der Literatur zitieren. Also las ich gestern die Aussagen über seine Bilder und Zeichnungen.

Ich weiß, ich weiß. Die Versuchung, den vielen wunderschönen Adjektiven und Adverbien zu erliegen, ist gerade in kunsthistorischer Literatur sehr groß. Bei Bildbeschreibungen kommt man kaum um sie rum, aber manchmal geht einfach jede Sinnhaftigkeit flöten, und das ärgert mich. Man kann auch Bildinhalte präzise beschreiben, Emotionen, die dadurch erweckt werden oder künstlerische Prozesse. Man kann natürlich auch sowas schreiben, wenn es bei Leo um seine abstrakten Experimente geht:

„[Von Welden] unterwarf seinen Realismus einer Nachprüfung, ohne allerdings zu einem anderen Ergebnis zu kommen als dem, daß sein Realismus – wie schon längst erstrebt und vollzogen – in tieferen Schichten durch die Bewältigung abstrakter Formen voll gedeckt war.“[1]

Alter! Was willst du mir damit sagen? „In tieferen Schichten“? Unter dem Abstrakten verbirgt sich der Realismus? Unter dem Realismus verbirgt sich das Abstrakte und muss daher in höheren Schichten, wo auch immer die sind, nicht mehr durchgedacht werden? WTF?

Bei derartigen Texten werde ich inzwischen sehr pissig. (Beim Forschungsstand nicke ich entweder alles ab und finde alles toll oder werde sehr pissig.) Ich hasse dieses Unkonkrete, in das sich kunsthistorische Literatur so gerne flüchten kann, weil es angeblich wissenschaftlich klingt. Auch wissenschaftliche Texte können – und sollen, verdammt noch mal – lesbar sein, wozu schreibe ich sie denn sonst? Sinnloses Wortgeklingel braucht gerade hier niemand und bringt uns auch nicht weiter.

Alles muss man selber machen. Und damit weiter im Text. (Diesen Ausdruck in meinem Wortschatz habe ich von der Werbung übernommen, der passt für alle Textarbeiter*innen.)

[1] Kat. Ausst. Leo von Welden 1899–1967, Pavillon Alter Botanischer Garten, München, 3.–26. Oktober 1979, Rosenheim 1979, ohne Seitenangabe.