Tagebuch, Donnerstag, 25. Januar 2018 – Husten

Getextet. Gehustet. Das war’s.

Vormittags in der Gegend rumkonzipiert, dann in der Mittagspause zur Packstation gegangen. Die wurde allerdings gerade von einem Mitarbeiter befüllt, der Pakete aus seinem LKW an der Packstation aufgestapelt hatte. (LKW!) Ich fragte, ob ich mich kurz dazwischendrängeln könne, aber er meinte freundlich, dass er nicht mittendrin abbrechen könne, wenn er einmal angefangen habe, Pakete einzulegen. Ich weiß nicht, ob das korrekt ist, ich meine, ich hätte mich schon einmal irgendwo dazwischendrängeln können, aber so wichtig war das Päckchen jetzt nicht, ich ging einkaufen und dachte mir, kommste halt abends noch mal rum. Was ich dann natürlich vergaß, und jetzt bin ich einer von diesen schlimmen Menschen, die ihr Paket nicht gleich abholen und die Station verstopfen.

Mir ging es körperlich ganz gut, aber je länger der Tag dauerte, desto mehr kam mein Husten aus der Hölle. Er ist nicht schmerzhaft, sondern nur lästig und gefühlt irre laut. Ab 17 Uhr kommunizierten meine Art-Direktorin und ich nur noch per Mail, weil ich kein Gespräch mehr führen konnte und auch keinem zuhören, weil ich alles zerhustete. Kommunizieren mussten wir aber, denn das Briefing wurde gestern mittag von „Wir müssen Montag was zu den Fotografen schicken“ auf „Wir müssen morgen was zu den Fotografen schicken“ geändert. Kein Ding, kriegen wir hin. (Ich musste grinsend an meine kleinen Kommilitoninnen denken, die nach vierwöchiger Vorbereitung mit miesen Referaten aufliefen, weil sie es echt nicht geschafft hätten, öfter in die Bibliothek blablabla.)

Morgens nur ein Glas Saft zum Frühstück getrunken, weil ich noch keinen Hunger hatte. In der Mittagspause eingekauft, wie beschrieben, wo ich eigentlich mein übliches Müsli essen wollte. Ich hatte noch ein bisschen Zeit, also begann ich einen langen Blogeintrag zum Gomringer-Gedicht, aber dann war meine Pause plötzlich rum, ich musste arbeiten, hatte noch nichts gegessen und auch der Blogeintrag war noch längst nicht fertig. Um kurz nach vier konnte ich mir dann doch noch ein Müsli-Schüsselchen anrühren, hatte deswegen abends zur gewohnten Essenszeit aber noch keinen Hunger. Ich belegte mir ein Brot mit Käse und Gürkchen und war zufrieden. Auf den Blogeintrag hatte ich dann doch keine Lust mehr, aber so wie ich die Erregungszustände derzeit kenne, ist das Thema am Wochenende eh durch. Aber so konnte ich mal wieder, wenn auch nur für mich, über Kunst und was sie darf und soll, nachdenken.

Nachts weckte mich der blöde Husten um 3 und ließ mich bis 6 nicht mehr schlafen.

*sehr müde, sehr langsam und sehr hungrig getippt*

Tagebuch, Dienstag/Mittwoch, 23./24. Januar 2018 – Snif

Den Dienstag verbrachte ich im Halbschlaf vor Netflix und Amazon Prime. Bin jetzt bei Mrs. Maisel, Frankie und Grace auf dem neuesten Stand, jedenfalls bis auf die Teile, die ich verschlafen habe.

Gestern ging es mir etwas besser, auch wenn mein Husten vermutlich gerade Tote weckt. Halbschlaf war nicht drin, denn eine Agentur, die mich am Dienstag optiert hatte, buchte mich netterweise ab Mittwoch, und jetzt habe ich bis mindestens Anfang März etwas zu tun. Also etwas, wofür ich Geld bekomme.

Eigentlich wollte ich diese Woche nochmal ins ZI, um mein Gespräch am Montag mit dem Doktorvater anständig vorzubereiten, aber die Öffnungszeiten der Lieblingsbibliothek lassen das nicht so recht zu, jetzt wo ich wieder für die Konkurrenz am Schreibtisch sitze. Ich hoffe, ich kann dem Herrn trotzdem ein bisschen meine Grundidee erläutern, auch ohne die Belege dafür schon gescannt zu haben.

Mehrere Avocados auf Brot mit vielen Körnern drin und dran, noch mehr Koriander drauf. Müsli mit Weintrauben und Birnen. Viel Tee. Hustenbonbons.

Tagebuch, Montag, 22. Januar 2018 – Fiftyfifty

Den ganzen Tag latent angekränkelt gefühlt, nicht richtig fit, aber auch nicht wirklich krank. Ein bisschen Gliederschmerzen, ab und zu ein Hüsterchen, ein Hals, der manchmal kratzt. Für die Arbeit am Schreibtisch hat’s gereicht, die Mittagspausen-FAZ las ich aber unter der Bettdecke, die Müslischüssel balancierend. Viel Tee, aber den trinke ich neuerdings ja eh literweise. Abends einen Rösti gemacht, dazu Paprika angebraten und ein Spiegelei.

Eigentlich sollte Paprika und Spiegelei was fotogenes werden, nämlich dicke Paprikaringe, in denen ich Rührei stocken lassen wollte. Nailed it, selbstverständlich. Ähem. Die Paprikaringe konnte ich immerhin noch kleinschneiden und in Stücken braten, das Rührei, das halb gestockt und halb angebrannt war, nur noch entsorgen und ein stattdessen ein Spiegelei machen. Ich musste wieder an die schicken Tasty-Filme denken, in denen immer alles klappt, weswegen ich diesen Clip sehr genossen habe, in dem auch mal gezeigt wird, wie oft eben nicht alles klappt. (Hier klappt’s dann wieder.)

Abends lauschte ich ein wenig dem Livestream der Walküre aus der Staatsoper. Bis heute nacht ist der Stream noch abzurufen. Ich genoss auch das Gezwitscher drumherum; jetzt weiß ich, auf welchem Bild das riesige Gemälde im zweiten Aufzug beruht – und dass Harfen Pedale haben.

Was schön war, Sonntag, 21. Januar 2018 – „Fruitarian“

Schon am Freitag begann ich das achte Kapitel im Ulysses, las es aber nicht fertig, das kam erst gestern, und es ist bisher mein liebstes Kapitel gewesen. Dabei grinste ich über einen Absatz, der sich mit „Du bist, was du isst“ beschäftigt. Das Buch wurde 1922 veröffentlicht, nur zu Erinnerung.

„His eyes followed the high figure in homespun, beard and bicycle, a listening woman at his side. Coming from the vegetarian. Only weggebobbles and fruit. Don’t eat a beefsteak. If you do the eyes of that cow will pursue you through all eternity. They say it’s healthier. Windandwatery though. Tried it. Keep you on the run all day. Bad as a bloater. Dreams all night. Why do they call that thing they gave me nutsteak? Nutarians. Fruitarians. To give you the idea you are eating rumpsteak. Absurd. Salty too. They cook in soda. Keep you sitting by the tap all night.

Her stockings are loose over her ankles. I detest that: so tasteless. Those literary etherial people they are all. Dreamy, cloudy, symbolistic. Esthetes they are. I wouldn’t be surprised if it was that kind of food you see produces the like waves of the brain the poetical. For example one of those policemen sweating Irish stew into their shirts you couldn’t squeeze a line of poetry out of him. Don’t know what poetry is even. Must be in a certain mood.“

Die Idee, dass man durch Ernährung einen besonderen Geisteszustand erreichen könnte. Die Idee, dass Menschen, die sich fleischhaltig ernähren, kulturell nicht so bewandert wären. Oder die heutige Variante: dass man ein besserer Mensch ist, wenn man a isst und b nicht – oder umgekehrt oder mit Ergänzung durch x. Ich musste an Ernährungsratgeber denken, die sich in den letzten Jahrzehnten gerne mal geändert haben, an Ernährungspyramiden oder -teller oder welche Diagramme man sonst noch basteln kann. Ich musste an Instagramstreams denken voller Buddhabowls, die ich gerne weiter „Schüsseln mit Zeug drin“ nenne, oder die Hashtags zu #cleaneating, die so dermaßen voller Distinktionsbedürfnis und/oder Fettpanik stecken, dass ich die Posterinnen (meist sind es Damen) in den Arm nehmen möchte. Oder sie sanft, aber bestimmt schütteln. Ich musste an meine eigene Essgeschichte denken, in der Nahrung gut 30 Jahre lang eben das nicht mehr war, sondern eine Strafe, eine Sünde, etwas Verbotenes, etwas Schlimmes, selten etwas Gutes oder Freudvolles. Und ich musste an die letzten Jahre denken, in denen ich all das über Bord werfen konnte und Genießen gelernt habe.

Ich erfreue mich an Kunstwerken, an Büchern, an Musik, an Rumlungern und Fußball, aber es ist heute, und damit hätte ich vor zehn Jahren nie gerechnet, Essen und Bewegung, die mich am glücklichsten machen. Bewegung, die mir Spaß macht und bei der es scheißegal ist, wieviele Kalorien sie verbrennt. Bewegung, bei der ich merke, was mein dicker Körper alles kann und wie gut er sich anfühlt, nicht die Bewegung, bei der ich in irgendwas reinarbeiten muss oder Schmerzen ignorieren soll, überhaupt: Arbeit am Körper, geh mir weg. Ich habe lieber Freude am Körper und wenn das bedeutet, zu gehen, radzufahren oder im Schneckentempo ein Stündchen durch die Gegend zu schlendern, dann reicht mir das.

Und Essen. Oh du mein Essen. Die erste Nase vom frisch entkorkten (oder aufgeschraubten) Wein. Käse in allen Variationen. Die ersten Erdbeeren im Sommer. Kleine Kartoffeln in Butter mit Salz. Überhaupt Salz! Das musste ich auch erst lernen, das zu dosieren und nicht nur so eine Alibiprise über alles zu hauen. Frischer Pfeffer. Ein medium gebratenes Steak, schön ausgeruht. Selbstgemachtes Pesto. Der Duft, wenn man Zwiebeln anbrät. Ein simpler Rührkuchen, so gerade abgekühlt. Selbstgebackenes Brot (wieder mit Butter und Salz, es geht überhaupt alles mit Butter und Salz). Erbsen aus der Schale pulen. Die Freude, einen elastisch-weichen Hefeteig zu kneten. Immer besser und präziser mit Messern umgehen zu können. Suppen passieren, Torten dekorieren, Gemüse dämpfen. Salate zubereiten, die nicht nur kalorienlos vor sich hindarben, sondern mit Nüssen, Beeren, verschiedenen Blättern und Kräutern, fetter Avocado und einem ordentlichen Dressing aufgepeppt werden. Senf! Tee! Whisky! Karamell! Spargel, Kürbis, grüne Bohnen. Zitronen! Weintrauben, Blaubeeren, Johannisbeeren, Himbeeren. Und natürlich Schokolade, der ewige Glücklichmacher.

Immer wenn ich in traurigen Momenten auf die alte Lüge reinfalle „Hey, wenn ich dünner wäre, wäre ich glücklicher, wenn ich disziplinierter wäre, wäre ich besser“, fällt mir auf, dass ich gar nicht unglücklich und undiszipliniert bin. Dass ich mein Studium nicht besser gemacht hätte, wenn die Zahl auf der Waage kleiner gewesen wäre, dass ich meine Beziehung nicht anders gestalten würde, wenn ich eine andere Kleidergröße hätte und dass ich nicht besser schreiben könnte, wenn ich weniger essen würde. Vermutlich eher das Gegenteil, weil ich kein anderes Thema mehr hätte als mir die verdammte Nahrung so einzuteilen, dass ich in einem bestimmten Rahmen bleibe. Ich weiß, wie es mir ging zu den Zeiten, in denen ich abgenommen habe, auch wenn das nicht Diät hieß, sondern Ernährungsumstellung blablabla. Ich habe in meinem Job funktioniert und vermutlich auch im Zwischenmenschlichen, aber wenn ich nicht gerade mit Arbeiten beschäftigt war, habe ich über Essen nachgedacht, den ganzen verdammten langen Tag, was darf ich essen, was darf ich alles nicht essen, wieviel Sport muss ich noch machen, um eine Scheibe Käse mehr aufs Brot legen zu dürfen. Ich habe nie nicht an Essen denken können und es kann mir niemand mehr erzählen, dass das nicht essgestört ist.

Heute denke ich an Essen, wenn ich hungrig bin. (Oder traurig, das geht anscheinend nicht mehr weg.) Ich esse, was ich möchte und nicht, was ich darf. Ich kann vermutlich niemandem klarmachen, was für eine unglaubliche Veränderung das neue Verhältnis zum Essen und zu meinem Körper in meinem Leben war. Aber eigentlich reicht es ja, wenn ich das weiß. Und ich kurz glücklich daran denke, wenn mich ein Buch zufällig auf das Thema stößt.

Was schön war, Samstag, 20. Januar 2018 – Samstags gehört Anke mir

Ewig geschlafen, erst um kurz vor 10 aus dem Bett geschält.

Äpfel und Nüsse zum Frühstück. Ich probiere seit einiger Zeit eine Alternative zu meinem gewohnten morgendlichen Milchkaffee und das gefällt mir bisher sehr gut. Ich frage mich jeden Morgen: Obst oder Käffchen? und neuerdings sagt mein Magen immer: Obst. Kriegst du alles, Hase.

Zum weiter entfernt gelegenen Supermarkt spaziert, um ein bisschen Bewegung zu kriegen – das Walking-Programm will im neuen Jahr noch nicht so recht in die Puschen kommen, ich schlafe derzeit lieber. Beim Spaziergang den Soundtrack zu Dear Evan Hansen gehört, aus dem mir Spotify Waving through a window in meinen Mix der Woche gespült hatte.

Ben & Jerry’s Peanut Butter Cup zur neuen Folge Grey’s Anatomy.

(Hier hätte jetzt so schön noch ein Sieg vom FC Augsburg in Gladbach stehen können, aber nein. Mpf.)

In Ruhe Zeitung gelesen, auch die von Freitag, die ich vorgestern nicht geschafft habe. Nach einer Rezension wieder mal ein Buch auf meine Merkliste gepackt, in das ich in der Bibliothek reinschauen möchte.

Weiter Ulysses gelesen, dazu belegte Brote gegessen.

Abends zu F. spaziert, noch ein Glas Riesling genossen, gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Freitag, 19. Januar 2018 – Hach und Hojotoho

Den Vormittag verbrachte ich endlich mal wieder in der Bibliothek des ZI. Mitte Dezember war meine Laune auf einem Tiefpunkt angekommen, weil mich ausbleibende Jobs und eine immer chaotischere Verstrickung in meine Diss-Frage mich mürbe gemacht hatten; ich legte einen zweiwöchigen Urlaub von meinem eigenen Kopf ein und das hat sehr gut getan. Im Hintergrund arbeitete mein Hirn weiter und ich ahne wieder so langsam, wo ich hinwill, und eine Buchung ist netterweise auch dabei rausgekommen (was vermutlich nicht an meinem Urlaub lag, aber es bestätigt mein kindliches Wunschdenken, dass man das Universum auch einfach mal machen lassen darf).

Jedenfalls war ich gestern nach vierwöchiger Pause endlich mal wieder zwischen den Regalen unterwegs, weil ich für den Kunden, für den ich gerade arbeite, etwas nachschlagen wollte. Ich war also eigentlich als Werbetexterin da und fühlte mich ein bisschen schuldig, als ob ich mein eigentliches Herzblatt betrüge but a girl’s gotta eat! Trotzdem kam natürlich die Kunsthistorikerin durch, sobald ich den ersten Stapel an meinen Platz getragen hatte und las. Und beim Zusammensuchen des zweiten Stapels, als ich mit Büchern im Arm – bekanntlich eine meiner Lieblingsgesten – gemächlichen Schrittes durch die hohen Regale ging, holte mich auch dieses seltsame ZI-Gefühl wieder ein. Ich kann es vermutlich nur schwer vermitteln, aber immer wenn ich in Bibliotheken rumwühle, fühle ich mich, wie andere sich vielleicht in Fangopackungen oder bei einer Massage fühlen: unglaublich entspannt, ruhig und gleichzeitig hellwach, um alles zu genießen. Manchmal bleibe ich einfach zwischen den Regalen stehen, lege den Kopf schräg und lese ein paar Buchrücken durch, auch wenn ich dort gar nichts suche. Ich fasse die Bücher an, die im Regal stehen, umarme die, die ich mit mir herumtrage und fühle mich so unglaublich wohl, dass es mir fast peinlich ist. Es ist nicht nur das Gefühl von Papier, das ich gerne mag, oder die schiere Menge an Büchern. Es ist das Wissen, dass um mich herum noch irrwitzig viel mehr Wissen steht, und wenn ich nur lange genug hierbleibe, ich mir das alles erlesen kann.

(Ihr müsst euch jetzt vorstellen, wie ich auf dem Sofa sitze und tippe und gerade von meinen eigenen Worten und Erinnerungen so gerührt bin, dass ich jetzt dringend Peniswitze oder ähnliches einstreuen möchte, damit das hier nicht zu memmig wird. Ähem. Wir räuspern uns jetzt alle kurz und reden mit tiefer, starker Stimme weiter.)

Am frühen Nachmittag war dann für mich bereits Feierabend, denn F. und ich hatten Karten für die Walküre, die um 17 Uhr begann. Ich mochte es sehr, dass die Staatsoper den Klassiker von Monaco Franze selbst vertwitterte und warnte F. auch, dass er, wenn er nach der Aufführung irgendwas von „altmodisch bis provinziell“ twittern würde, was auf die Nase bekäme.

Ich mag die Kriegenburg-Inszenierung sehr gerne, aber anscheinend hat sich das Münchner Publikum immer noch nicht an die „Pferde“ am Beginn des dritten Aufzugs gewöhnt, die seit 2012 bekannt sein sollten. Eigentlich geht der dritte Akt mit dem Walkürenritt los, aber bei Kriegenburg dürfen erstmal zwölf (?) langhaarige Damen stampfend und schnaubend die Pferde der Walküren imitieren, bevor das Orchester einsetzt. Als ich vor fünf Jahren das Stück zum ersten Mal sah, wurde noch gepfiffen, gestern wurde mittendrin applaudiert, vermutlich um den Pfeifern die Lust zu nehmen, aber als die Damen mit ihrer Performance fertig waren, kamen die ersten Buhrufe, die natürlich niedergeklatscht werden mussten – und darüber versäumte man dann ganz toll die einsetzende Musik. Deppen.

(Ihr könnt euch die Pferde übrigens am Montag selbst angucken, die Staatsoper streamt live. Müsste so gegen 21 Uhr losgehen, der letzte Akt.)

Das Ende des Stücks, den Feuerzauber, ruinierten dann die üblichen „Bravo“-Brüller, die mir fast genauso auf die Nerven gehen wie die Buhrufer, jedenfalls wenn sie NICHT MAL EINE VERFICKTE ZEHNTELSEKUNDE WARTEN KÖNNEN, bis sie nach der letzten langen Note ihr individuelles Urteil zu den vergangenen fünf Stunden loswerden dürfen. Einmal, EINMAL möchte ich nach einer Aufführung kurz durchatmen und zu mir kommen können. Hmpf. Komischerweise ging das am Mittwoch bei den Symphonikern eher. Vielleicht liegt’s echt am Opernpublikum.

Wobei dieses Publikum mich auch durchaus versöhnen kann:

Ich sprach die Dame im Bus an: „Auch zur Walküre?“ Sie lachte und meinte, ja, sonst würde sie nicht so rumlaufen. Wir scherzten dann noch: „Ich geh sonst so zur Arbeit.“ „Ich putze sonst so – man kommt zwar nicht an alles ran, sieht aber super dabei aus.“

Dieser Ausblick fiel mir gestern auch zum ersten Mal auf. Wir haben übrigens für den ganzen Ring unfassbar gute Plätze im ersten Rang, erste Reihe, fast in der Mitte, in den Pausen gab’s den clever vorbestellten Sekt, ich bewunderte wie immer die Kronleuchter, und bis auf die eben bemängelten Schreier war das ein wunderschöner Abend. Ich freue mich schon auf Siegfried und die Götterdämmerung.

Links von Freitag, 19. Januar 2018

Raising a Social-Media Star

Über Eltern, deren Kinder auf YouTube oder Instagram plötzlich mehr verdienen als sie und deren Fans Selfies bei Familiengeburtstagen in der Öffentlichkeit verlangen.

„John Rivera, the father of Brent Rivera, a former Vine star with 6.6 million followers on Instagram and over 3 million on YouTube, says he didn’t think much of the time Brent was spending on social media until he attended a local hockey game with his two sons.

They were sitting on the bleachers when a fellow parent approached. The woman sat down next to them and said, “Are you Brent?” His son answered “yes” and she asked, “Can you look up there?” gesturing a few rows up behind them. “My daughters are having a birthday party.” Brent turned his head, looked at the girls, and they began screaming. His father gawked.“

Souring World Views of Trump Open Doors for China and Russia

Das ist neu.

„With 41 percent approval, Germany has replaced the United States as the top-rated global power. China at 30 percent has reached nearly even footing, and Russia is barely trailing with 27 percent.

The survey conflicts with Mr. Trump’s oft-stated assertion that the world is respecting the United States more under his leadership. Instead, the Gallup reported concluded, Mr. Trump’s foreign policy and his words “have sowed doubt about the U.S. commitment to its partners abroad and called its reliability into question.”

Ein völlig unauffälliges Gehirn und andere Geschenke

Judith Holofernes schreibt auf, was sie durch ihre Krankheit in den letzten Jahren gelernt hat.

„Ach so, und: ich hatte eine entzückende, innige, stille, furchteinflößende, liebevolle Zeit mit meinen Lieben. Ich möchte da hier gar nicht viel zu schreiben, aber: wer rausfinden möchte, mit was für einem geilen Typen er verheiratet ist, muss mal ein bisschen krank werden.“

Da muss man jetzt durch.

Der Blogeintrag ist schon älter, wurde mir aber gestern in die Timeline gespült (sorry, vergessen, von wem).

„45 Jahre sind sie zusammen, haben zwei Kinder groß gezogen und ein Haus gebaut. Es war nicht immer einfach.

Jetzt ist das Haus abbezahlt, die Kinder groß, beide sind in Rente.

Und sie sitzt allein abends auf der Terrasse und weiß, dass er nicht mehr heim kommt. Das es ab jetzt nur noch schlechter werden wird. Noch kann er sprechen und essen, laufen klappt schon lange nicht mehr. Sie sagt ihm nicht, wie ernst seine Werte wirklich sind, sie kennt den Arzt und gemeinsam tauschen sie ein paar Zahlen.

Es war nicht immer einfach und hätte jetzt alles so schön sein können.

Ist es aber nicht.

Da muss sie jetzt durch.“

Und dann habe ich wieder ein Kapitel vom Ulysses durchschritten. Hätte nicht gedacht, dass dieses Buch lustig sein kann. Dear dirty Dublin.

Was schön war, Mittwoch, 17. Januar 2018 – 100 Metronome

Gestern abend saß ich im Herkulessaal und lauschte den Münchner Symphonikern sowie ihrem Gast Alexej Gerassimez, einem Percussionisten.

Ich war noch nie im Herkulessaal und freute mich erstmal über die Nachkriegsarchitektur, die meiner Meinung nach nur haarscharf an der NS-Architektur vorbeigeschrammt war. Dann freute ich mich über die bequemen Stühle und die Beinfreiheit im Parkett, wo ich endlich mal wieder saß. Und dann freute ich mich über die Gelbe Couch, eine kleine viertelstündige Gesprächsrunde, die bei einigen Konzerten der Symphoniker angeboten wird. Dabei erzählt der Gast dann gerne was, jedenfalls war das gestern so. Gerassimez wurde gefragt, ob er ein bisschen was zeigen könnte, woraufhin der charmante und eloquente Herr sein Smartphone zückte und erzählte, dass er gerne Rhythmen oder Klänge aufnehme. Das erste, was er uns vorspielte, waren die klackenden Schaltungen an Fußgängerampeln. Dann kam ein Geräusch, was ich nicht identifizieren konnte, aber ich glaube, das ging allen im Saal so. Ich habe es mir vermutlich nicht ganz korrekt gemerkt, aber es war etwas Ähnliches wie eine klickernde Zeitschaltuhr im Bad eines Hotelzimmers. Das letzte hielt ich für einen nicht anspringenden Trabant, aber es war der Drucker seines Freundes.

Gut gelaunt wartete ich dann auf den Beginn des Konzerts. Am Bühnenrand standen bereits 100 Metronome für das erste Stück: Poème symphonique – Musikalisches Zeremoniell für 100 Metronome von György Ligeti. Auf YouTube gibt es mehrere Versionen, ich habe mal die hier genommen. Dort werden alle Metronome gleichzeitig in Gang gesetzt (oder halbwegs gleichzeitig), es gibt auch Versionen, in denen das nach und nach passiert. Die Dinger sind auf eine bestimmte Dauer eingestellt, irgendwann hört man 100, dann ganz allmählich nur noch eins, bis auch das verstummt. Mir wurde gestern erzählt, dass bei der Uraufführung 1962 eine Panne passierte und das verdammte letzte Metronom partout nicht aufhören wollte. You go, girl!

Bei uns traten gestern acht Menschen an den Bühnenrand und setzten die Metronome halbwegs gleichzeitig in Gang. Das Publikum verstummte leider nicht so schnell wie ich es mir gewünscht hätte, obwohl das stille Orchester, das hinter den Metronomen schon Platz genommen hatte, doch deutlich machte, dass das Konzert jetzt losgeht. Ich fand es sehr spannend, welche Dynamik 100 klackernde Kästchen entwickeln; ich musste an Vogelschwärme denken (murmurations), die sich zusammenfinden, scheinbar eine Formation bilden und sie sofort wieder verlassen. So ging es mir auch, mein Gehirn wollte immer eine Struktur im Geklacker finden, ich bildete mir auch ein, für einen winzigen Augenblick eine erfasst zu haben, aber da war sie schon wieder weg. Nach und nach klickten immer weniger Metronome, ich meinte, nur noch rechts etwas zu hören, aber da war plötzlich links wieder was, aber schließlich war es wirklich nur noch eins.

In diesem Moment kamen der Dirigent und Gerassimez auf die Bühne und letzterer schlug, wenn ich das aus der 23. Reihe richtig erkannt habe, mit einem Drumstick auf ein Klangholz ein, schön im Takt vom Metronom, gefühlt minutenlang. Ich fragte mich irgendwann, wie man aus dieser Nummer jemals wieder rauskommen könnte, als er plötzlich den Takt veränderte. Wo er eben noch synchron mit dem Metronom war, spiele er jetzt quasi dagegen an. Ein kleines Metronom und ein Klangholz und der ganze Saal war ruhig. Irre meditativ und gleichzeitig hochspannend.

Dann trug die Indendantin das arme kleine klackernde Metronom hinter die Bühne, während Gerassimez weiter den Takt hielt – und plötzlich begann das zweite Stück, Frozen in Time von Avner Dorman. Das war dann eine halbe Stunde, in der ich überhaupt nicht zum Denken kam, sondern nur staunte und zuhörte. Ich war überrascht davon, wie sehr Percussion den gewohnten Klang eines klassischen Orchesters verändern kann. Mittendrin konnte ich Instrumente gar nicht mehr erkennen; irgendwann kam eine Stelle, die für mich nach Morsezeichen klang, und ich hätte nicht sagen, wer diesen Klang gerade erzeugte.

In der Pause war mein Gehirn dann wieder da und ich dachte darüber nach, was Gerassimez auf der Gelben Couch noch gesagt hatte: dass er seinen Arbeitsplatz quasi für jedes Stück neu aufbauen müsse, je nachdem, ob nun mehr Schlagzeug, mehr Vibraphon oder mehr Cowbells darin vorkämen. (Bei „Cowbells“ ging bei mir kurzfristig nichts mehr, ist klar.) Ich fand es sehr spannend, ihm beim Arbeiten zuzusehen, denn natürlich war sein Bewegungsradius größer als der der anderen Musiker*innen hinter und neben ihm, konnte dem Stück aber nicht so folgen wie ich gewohnter klassischer Musik folge. Aber genau das fand ich so toll; ich wusste nie, was in der nächsten Sekunde passierte und konnte es auch nicht vorausahnen – im Gegensatz zum Haydn, der nach der Pause kam und wo man, wenn man ein paar klassische Stücke gehört hat, grundsätzlich ahnte, wie es weitergeht. Das hier war eine klingende Wundertüte und ich habe sie sehr genossen.

Auch die Zugabe, eine Eigenkomposition Gerassimez’, war spannend; ich wusste nicht, wieviele unterschiedliche Klänge man aus einer Snare Drum herausbekommen kann.

In der Pause las ich mein neues Buch, das sich als sehr pausenkompatibel herausstellte: Es hat perfektes Handtaschenformat, und weil in ihm einzelne Aufsätze sind, kann man es in Häppchen lesen. So erfuhr ich schlaue Dinge über Ulysses, die sogar zum Konzert passten. Genau wie das Klangmeer, in das ich eben unvorbereitet geworfen wurde, lese ich Ulysses: ahnungslos, aber neugierig. Und so wie Ligeti und Dorman aus bekannten Noten etwas völlig Neues bastelten, nutzte Joyce die Sprache. Das Buch ist „eine große Chance, das Lesen wieder einzuüben, schon weil darin die Sprache selber auch zum Gegenstand wird. Ulysses wandelt die Möglichkeiten der Sprache ab, die subjektiven Versuche, die Welt und sich selbst zu benennen und mitzuteilen.“ (Fritz Senn: Nichts gegen Joyce. Aufsätze 1959–1983, hrsg. von Franz Cavigelli, Zürich 1983, S. 33/34.)

Der zweite Teil des Konzerts war dann etwas blasser. Die Uhr von Haydn plüschte so vor sich hin, und ich konnte im Kopf den Blogeintrag vorformulieren, aber die Rosenkavalier-Suite von Richard Strauss konnte mich dann wieder fesseln.

Auf dem Weg nach Hause stand ich an einer Bushaltestelle, wo das City Light Poster knarzend durchwechselte. Mein erster Gedanke war: Meine Güte, machst du Krach. Mein zweiter war allerdings: Gerassimez würde jetzt vermutlich sein Smartphone zücken. Und so lauschte ich grinsend diesem neuen Klang, bis mein Bus kam.

Tagebuch, Dienstag, 16. Januar 2018 – Wärmflasche und Selbstkonditionierung

Gestern war ich für das Home Office sehr dankbar, denn ich konnte vom Schreibtisch aufs Sofa wechseln und dort tippen, mit einer Wärmflasche auf dem schmerzenden Bauch.

Ich trenne berufliches/universitäres Schreiben strikt vom persönlichen; nicht nur thematisch (natürlich), sondern unter anderem auch räumlich. Ich blogge gemütlich auf dem Sofa, gerne in Klamotten, in denen mich nicht mal F. zu sehen bekommt, neben mir eine stets gefüllte Wasserflasche, die an einem Kissen lehnt, vielleicht noch Kaffee oder Tee auf einem Tablett, sehr oft eine Tafel Schokolade in verschiedenen Verzehrstadien. Um mich herum ungeordnete Bücher und Zeitungen, das iPad für die Zwischendurchrunde Hay Day, das iPhone für Candy Crush. Genussvolles Rumlungern halt.

Wenn ich für Geld oder ECTS-Punkte schreibe, sitze ich am Schreibtisch und bis auf die bequeme Stoffhose in einem Outfit, in dem ich auch vor die Tür gehen würde; Stichwort BH, der eigentlich nach den Schuhen das erste Kleidungsstück ist, das ich ausziehe, sobald ich nach Hause komme. Neben mir steht ein Stövchen, auf dem meine Teekanne steht, davor meine Lieblingsteetasse. Links von mir, oben in der Tischecke, das Milchkännchen (statt der ollen Tüte aus dem Kühlschrank) und die Zuckerdose; je nachdem, welchen Tee ich trinke, bediene ich mich daraus. Solange ich noch für Klausuren gelernt habe, habe ich mir das mit einem Keksteller versüßt. Dabei habe ich nicht einfach die Kekse aus der Packung gegessen, sondern einen schönen Teller aus dem Schrank geholt und sie darauf drapiert. Im Moment steht auf meinem Küchentisch, der auch mein Schreibtisch ist, noch eine Blumenvase mit Tulpen. Um mich herum geordnete Unterlagen, mein Notizbuch, das iPhone, das iPad bleibt auf der Couch. Ich sitze vernünftig auf einem arschteuren und herrlich rückenfreundlichen Schreibtischstuhl anstatt mich auf Sofakissen zu fläzen und arbeite. Und so soll sich das auch anfühlen. Nach Arbeit, aber in einer angenehmen Umgebung.

Da ich kein Arbeitszimmer habe, bemühte ich mich von vornherein sehr, mir einen Teil meiner 1-Zimmer-Wohnung so einzurichten, dass er „Arbeit“ sagt und sich deutlich von dem Teil unterscheidet, der „Freizeit“ sagt. Ich finde es wichtig, nicht nur geistig irgendwann abzuschalten und Mittagspause oder Feierabend zu machen, sondern auch körperlich. Deswegen die räumliche Trennung, sofern sie möglich ist.

Ich mochte meine Wohnung schon in dem Moment, in dem ich sie das erste Mal sah, weil ich wusste, dass die Küche groß genug für einen anständigen Tisch ist, der nicht nur mein Ess-, sondern auch mein Arbeitsplatz ist. Ich finde kaum etwas ungemütlicher als einen Schreibtisch im Schlafzimmer haben zu müssen. Mein Zimmer ist mein Freizeitraum mit Bettsofa und 1000 Büchern und Kerzen und indirektem Licht, meine Küche ist mein Arbeitsplatz mit anständigem Bürostuhl und guter Schreibtischlampe. Unter dem Tisch liegt ein Teppich, der diesen Bereich damit gefühlt von der mit Linoleum ausgelegten Küche trennt. Auch die Wandfarbe ist eine andere, weiß für den Arbeitsbereich, grau für die Küche. Deswegen fühlt sich meine Wohnung für mich auch nach mehr als nach einer 1-Zimmer-Wohnung an. Alles richtig gemacht.

Seit Montag grummelt leider mein Bauch vor sich hin, was ich gestern aber halbwegs in den Griff bekommen habe. Trotzdem fiel es mir schwer, aufrecht am Tisch zu sitzen, weil ich meine geliebte Wärmflasche nicht vernünftig am Körper befestigen konnte, weswegen ich erstmals in dieser Wohnung die heilige Regel – hier wird gearbeitet, dort wird rumgelungert – brach. Das war irgendwie okay, aber ich hatte die ganze Zeit auf dem Sofa ein schlechtes Gewissen. Das habe ich ja schön hingekriegt mit meiner Selbstkonditionierung: den ganzen Tag gearbeitet, aber dauernd gedacht, ich arbeite ja gar nicht.

Ein total aktuelles Dankeschön …

… an eine/n anonyme/n Schenker oder Schenkerin, der oder die mich mit Fritz Senns Nichts gegen Joyce überrascht hat. Das „aktuell“ in der Überschrift bezieht sich natürlich darauf, dass ich gerade den Ulysses durchschreite, anders kann ich dieses Leseerlebnis nicht bezeichnen. Ich mag Geschenke, die auf irgendwas reagieren, was ich im Blog veranstalte. (Ich mag auch alle anderen Geschenke.)

Das Päckchen kam von Momox, bei denen man, soweit ich weiß, keine lustigen Grußbotschaften mitschicken kann, daher weiß ich nicht, wer es freundlicherweise für mich bestellt hat. Das Buch ist von 1983, sieht noch ziemlich gut aus, und was mich besonders gefreut hat, weil ich so was genauso gerne mag wie Geschenke, die auf irgendwas reagieren, was ich im Blog veranstalte: Es lag noch ein Zeitungsausschnitt im Buch, vermutlich mal als Lesezeichen benutzt. Der stammt übrigens vom gleichen Autoren wie der unter der Titelnennung verlinkte Zeit-Artikel. Ich musste sofort an meine Mutter denken, die auch bis heute wild Dinge aus Zeitungen ausschneidet, man weiß ja nie.

Der Artikel aus dem Buch stammt vom 28. August 1985 und es geht um die Gründung der Joyce-Stiftung in Zürich, die Fritz Senn bis heute leitet. Die Zeitung ist nicht erkennbar, aber wenn ich an meine Wühlaktionen in der Stabi in alten Zeitschriftenbänden denke, tippe ich vom Schriftbild her sehr auf die Süddeutsche. Auf der Rückseite des Artikels stehen Kleinanzeigen, die auch alle auf München hindeuten. Ich hoffe, der Leopold-Coiffeur hat seine Rezeptionistin gefunden, die „zentral gelegene internationale Reitsport-Boutique“ ihren „creativen Mitarbeiter“ und Herr Möges seine „gelernte Wurstverkäuferin“. Ich habe schon Spaß mit diesem Buch, ohne es überhaupt angefangen zu haben. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Beef Wellington

Das untenstehende Rezept ist eine Mischung aus diesem hier von Buzzfeed und diesem hier von Essen & Trinken. Bitte entschuldigt die Fotoqualität; das sind Schnappschüsse aus der Hüfte, bevor F. und ich das Fleisch als Silvesterfestessen genossen haben, und mir war eine warme Mahlzeit wichtiger als ein tolles Bild. Da mir das Gericht aber prima gelungen ist, ahne ich, dass ich es noch mal zubereiten werde, und dann kommt eventuell auch ein Bild bei Tageslicht ins Blog.

Vorweg: Es ist einfacher als ich dachte, und sich die Videos bei Buzzfeed und das dort verlinkte zu Gordon Ramsay anzuschauen, hat mir sehr geholfen. Überhaupt liebe ich die ganzen Futtervideos auf Facebook. Eigentlich bin ich nur noch wegen denen da drüben.

Für drei bis vier Personen, die nicht mehr irre viel Nachschlag wollen.

700 g Rinderlende am Stück gründlich mit
Salz und
schwarzem Pfeffer würzen und in
Butterschmalz rundherum scharf anbraten, auch die Endstücke. Noch warm mit
englischem Senf bestreichen. Ich Memme habe deutschen mittelscharfen benutzt. Das Fleisch vollständig abkühlen lassen.

In der gleichen Pfanne wie eben die Duxelles herstellen, eine Farce aus Champignons, Schalotten und Knoblauch. Ich habe den Knoblauch weggelassen, mir war nicht danach.

350 g Champignons,
2 Schalotten und
5 Knoblauchzehen sehr fein hacken oder, wie Ramsay es macht, einfach in der Küchenmaschine pulverisieren. Mit Salz und Pfeffer würzen und in der Pfanne in
1 EL Butter so lange braten, bis die Masse nicht mehr feucht ist. Das hat mir bei ungefähr 20 Minuten gedauert.
3 EL gehackte Petersilie unterrühren. Die Duxelles ebenfalls abkühlen lassen.

Auf eine Lage Frischhaltefolie
8 bis 10 Scheiben rohen Schinken, je nach Fleischgröße, überlappend nebeneinander legen. Darauf die Duxelles geben und verstreichen, darauf das Fleisch legen. Alles möglichst fest zusammenrollen, so dass der Schinken sich vollständig um das Fleisch legt. Die Rolle danach für 15 Minuten im Kühlschrank parken.

Auf einer weiteren Lage Frischhaltefolie
400 g Tiefkühlblätterteig (bei mir haben 350 auch gereicht) zu einem Quadrat ausrollen. Das Fleisch aus der ersten Lage Folie befreien und auf den Blätterteig legen. Damit fest einwickeln, überschüssigen Blätterteig abschneiden. Darauf achten, dass die Enden gut eingepackt sind. Nochmal in Folie wickeln und weitere 15 Minuten im Kühlschrank parken. Oder – bis zu einem Tag. Bis hierhin kann man das Festessen nämlich schon am Vortag vorbereiten, wie praktisch.

Nach der Ruhezeit auf ein gefettetes Bachblech legen. Mit dem restlichen Blätterteig verzieren – ich habe einfach ein paar Streifen kreuz und quer über die Rolle gelegt und mit einem Messerrücken ein Muster geschnitzt –, alles mit
1 Eigelb, verquirlt, bestreichen, nochmal salzen und im vorgeheizten Backofen bei 220°C für 25 Minuten backen. Damit wird das Fleisch medium.

Vor dem Anschneiden mindestens zehn Minuten ruhen lassen.

Eine Sauce ist nicht nötig, das Fleisch ist saftig genug. Das wusste ich vorher aber nicht, deswegen steht sie da rum.

Was schön war, Samstag/Sonntag, 13./14. Januar 2018 – Gude Launeee

Samstag morgen holte ich ein Päckchen aus einem Hermes-Shop ab. Ich hatte es mir, wie ich dachte, clevererweise an einen Shop in der Nähe einer U-Bahn-Station liefern lassen, die ich ohne Umsteigen erreichen konnte. Als ich aber an meiner Startstation vor der Haustür ankam, erinnerte ich mich, dass seit Monaten am Wochenende die U2 nicht mehr weiter als Hauptbahnhof fährt, weil die Station direkt dahinter (aus meiner Richtung gesehen), das Sendlinger Tor, gerade großflächig umgebaut wird. Während der Woche läuft alles normal, am Wochenende gibt es einen Pendelverkehr zwischen Bahnhof und Kolumbusplatz (drei Stationen hinter dem Bahnhof) und wieder zurück, der auf einem Gleis stattfindet, damit am anderen gebastelt werden kann.

Wahlweise hätte ich für meine Weiterfahrt am Bahnhof auch in eine Tram umsteigen können, aber für den Hinweg nahm ich die Pendel-U-Bahn. (Aber für den Rückweg die Tram, wo-hoo, gude Laune!) Auch wenn es ein winziges bisschen umständlicher war als einfach durchzufahren, war ich doch – wie seit Monaten – davon beeindruckt, wie großflächig die MVG die Umstiegsmöglichkeiten plakatiert (neongelb, mit Pfeilen), wie oft sie an den betreffenden vier Bahnsteigen durchsagt, welche Bahn jetzt von wo nach wo fährt (gefühlt alle 30 Sekunden) und wieviele Menschen in leuchtenden Westen sie an den Bahnsteigen platziert, die Fahrpläne in der Hand haben und die man offensichtlich ansprechen kann. Ich finde das alles sehr gut organisiert.

Trotzdem landen natürlich manchmal Menschen in der falschen Bahn, weil sie gar nicht mehr auf die Schilder oder die digitalen Anzeigen gucken – meine Bahn fährt von Gleis dings, also gehe ich da hin –, und so konnte ich ein älteres Paar noch schnell zum anderen Bahnsteig schicken, als sie direkt neben mir in der Bahn meinten, sie müssten ja nur eine Station bis Königsplatz. Das war nämlich genau die andere Richtung. Schön Karmapunkte gesammelt.

Im abzuholenden Päckchen war ein schwarzes Top, das für mein Opernoutfit unverzichtbar ist.

Vor ungefähr 1000 Jahren hatte ich mir einen rubinroten Anzug gekauft, um mich in Bayreuth im Hochsommer nicht totzuschwitzen. Unter diesem trug ich nur ein schwarzes Trägertop, sonst war auch der Anzug nicht auszuhalten. Den Anzug packte ich beim Hamburg-Auszug in die Kisten für München, das Top bräsigerweise in die Kisten, die immer noch bei meinen Eltern auf dem Dachboden liegen. Da Oper aber in der letzten Zeit für mich eh zu teuer war bzw. ich mir sie mir schlicht nicht gestattete, war das egal.

Letztes Jahr kündigte die Staatsoper an, den Ring des Nibelungen zweimal komplett in der Spielzeit aufzuführen, und F., der sich ja seit Jahren wundert, was am ollen Wagner so dran ist, entschied sich: Wenn ich schon Wagner verstehen will, dann gleich in der richtigen Dosis. Er fragte mich also, ob wir uns den ganzen Ring geben könnten. Von mir aus gerne, die Walküre hatte ich hier schon live gesehen, die Götterdämmerung immerhin im Fernsehen (oder als Livestream, ich weiß es schon gar nicht mehr). Insofern: bring on Rheingold und Siegfried. Für die Bildung von F. musste mein Sparplan kurz ausgesetzt werden.

Je näher der Termin rückte, desto nöliger wurde ich aber innerlich, denn ich hatte nichts zum Drunterziehen für meinen Anzug und sah mich schon in Kundenklamotten (schwarze Hose, schwarzer Blazer, geht halt immer) in der Oper sitzen. Netterweise bin ich ja seit ein paar Tagen wieder gebucht und traute mich daher, mir ein Top für 23 Euro zu ordern. Wir ignorieren mal, dass der Ring 300 460 (OMG) gekostet hat. Milchmädchen Gröner at her best.

Das Päckchen wurde angeblich am Dienstag verschickt, aber ich bekam erst Freitag abend die Nachricht, dass es angekommen sei. Daher fuhr ich gleich Samstag früh zum Shop, holte es ab, probierte es an – und freute mich sehr, dass es passte und sich sehr gut anfühlte. Gude Laune!

Mich freut es außerdem, dass der Anzug noch passt, dass ich jetzt wieder ein anständiges Opernensemble habe und dass ich überhaupt mal wieder in der Oper bin. Und dass F. nach seinem Eingriff am Freitag fit genug war, um sich zweieinhalb Stunden lang Rheingold anzugucken. (Im Nachhinein denke ich, ich hätte ihn ins Bett zwingen sollen, er war doch noch recht wackelig. Aber wenn der Mann Kultur gebucht hat, hält ihn nichts auf. Einerseits bewundernswert, andererseits seufz. Aber hey, zurück zu mir:)

Ich hatte außerdem gude Laune, weil der FCA nachmittags mit einszunull gegen den ollen HSV gewonnen hatte (nicht zweizunull, Kasper). Ich saß zwar nicht im Stadion, aber ich konnte schön dem Laptop zujubeln bzw. ihn bei vergebenen Torchancen anbrüllen. Endlich wieder Bundesliga. Leider bin ich erst am 4. Februar wieder live in Augsburg, denn die nächsten beiden Spiele sind auswärts.

Nach der Oper gab’s für F. Schmerztabletten und Wasser, für mich Riesling und Chips. Auf den eigentlich standesgemäßen Sekt musste ich verzichten, denn Rheingold hat keine Pause.

F. lungerte dann vor Football rum, während ich weiter Ulysses niederrang. Beim 6. Kapitel habe ich mich erstmals ein wenig gelangweilt. Auch schön, dass ein komplexes Werk kurz mal schnarchig wird.

In diesem Zusammenhang lege ich euch diesen Blogartikel ans Herz, der zum Bloomsday 2017 erschienen ist und der meiner noch nicht ganz ausgereiften Meinung nach gut beschreibt, wie man damit anfängt, Ulysses zu lesen. (via @Julia_MUC)

Gemeinsam eingeschla … nee, warte. Ich bin eingeschlafen, während noch Football lief. Wie immer.

Der Sonntagmorgen war so, wie ich Sonntagmorgende gerne habe. Ohne Wecker aufwachen, möglichst nicht so spät, dass der halbe Tag schon rum ist (bei uns war es gegen 8), rumkuscheln, Bundesliga-Nachberichterstattung im Bett gucken und irgendwann was Französisches frühstücken. Leider hat F. immer noch nichts im Haus, mit dem man Kaffee zubereiten kann, also ging ich zur Boulangerie Dompierre und erstand Brioche, Pain au chocolat und für mich einen Milchkaffee, während der Herr sich derweilen einen Tee kochte. Und wenn man eh schon gude Laune hat, freut einen auch eine Brötchentüte.

Respekt für diese ‘eadline.

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Tagebuch, Freitag, 12. Januar 2018 – Kleine Momente

Mies geschlafen. F. hatte gestern einen kleinen medizinischen Eingriff, eigentlich Routine, dauerte auch nicht lange, aber anscheinend habe ich mir doch mehr Sorgen gemacht, als ich dachte. Ich träumte von jeder Agentur, in der ich bis jetzt gearbeitet hatte und mein Hirn dachte sich noch ein paar neue aus, was dazu führte, dass ich morgens vom Wecker aus gefühltem Tiefschlaf gerissen wurde und mein erster Gedanke war: Aber ich habe doch schon die ganze Nacht gearbeitet, wieso muss ich denn jetzt nochmal an den Schreibtisch?

Vormittags einen Textentwurf für Projekt 2 an die Agentur geschickt und vergeblich auf Feedback gewartet. Das Mail-Programm fünfmal neu gestartet, man weiß ja nie. Außerdem kein Feedback vom Kunden zu Projekt 1, was meinen Nachmittagstextplan etwas ruinierte. Stattdessen weiter Recherche gemacht anstatt sinnlos für die Tonne zu texten.

Eigentlich sollte Dienstag früh ein erster Entwurf zu Projekt 2 zum Kunden, für den ich gestern nach Agenturfeedback hätte schreiben wollen, damit der Text übers Wochenende ein bisschen rumliegen und ich am Montag nochmal drübergehen kann. Das klappt jetzt anscheinend nicht.

Es war jahrelang hier im Blog totale Pflicht, Texte immer abends zu schreiben, morgens nochmal drüberzulesen und sie erst dann zu verbloggen. In letzter Zeit hat sich hier ein wenig Sorglosigkeit eingeschlichen, meist schreibe ich erst morgens. Wenn ihr euch also wundert, dass abends ein leicht veränderter Text im Blog steht als morgens, dann liegt das daran, dass mir im Laufe des Tages meist noch irgendwas auffällt, was ich natürlich dringend korrigieren muss.

Ich muss wieder abends schreiben, es hilft ja nichts.

Aber abends lese ich ja neuerdings immer (okay, fast immer und auch erst seit fünf Tagen) Ulysses. Gestern war Kapitel 5 dran. Genau wie in Kapitel 4 folgen wir Herrn Bloom bei seinem Weg durch Dublin und kriegen wie aus den Augenwinkeln mit, was er tut, was er sieht und worüber er nachdenkt, gerne flüchtig und in schwer durchschaubaren Halbsätzen. Gestern fiel mir zum ersten Mal auf, dass einige dieser Halbsätze wie Bildbeschreibungen aussehen – und mit denen kann ich rein aus Erfahrung mehr anfangen als mit, ich nenne sie jetzt mal so, literarischen Halbsätzen. Sobald ich anfing, seine Worte nicht mehr als Gedankenstrom und Assoziationsgeklingel anzusehen, sondern als einen Bildeindruck, verstand ich sie gefühlt eher. Ich nahm Cluster war, die ich vorher nicht gesehen hatte, Symboliken, die auf einmal Sinn ergaben.

Ich merke, dass es mir schwerfällt, meine Leseeindrücke in Worte zu fassen. Vielleicht sind meine Gedanken genau die gleichen Assoziationen, die mir gerade beschrieben werden: Bloom blubbert innerlich vor sich hin und ich lege im Geist weitere Dinge an. Das ist ein sehr neues Leseerlebnis, was mir da gerade widerfährt. Es ist deutlich zeitaufwändiger als das meiste, was ich bisher gelesen habe, weil ich mich sehr konzentrieren muss – Ulysses ist kein Buch für die U-Bahn, am gestrigen dreizehnseitigen Kapitel saß ich eine Stunde –, aber es ist sehr lohnend.

Die Mittagspause nutzte ich, um zur Stabi zu fahren, aus der ich ein Buch abholen wollte, das ich für die Kundenrecherche brauche. Neuerdings höre ich Spotify anstatt zu lesen, und so saß ich still im Bus, es erklang Popmusik in Moll – Spotify hält mich neuerdings für eine weinerliche 16-Jährige, aber das ist okay –, ich erspähte in einem Café einen äußerst interessant aussehenden Kerl und glotzte … wie eine 16-Jährige. Dann schlenderte ich von der Bushaltestelle zur Bibliothek und freute mich wie immer über die Universalgeste, die man dort gehäuft antrifft.

Nebenbei freue ich mich seit vorgestern über diesen Thread.

Liam Stack ist übrigens ein Reporter für die New York Times und twitterte einen Tag später: „my little cousin became a twitter moment lol.“ Vermutlich brauchen wir gerade viele Twitter-Momente. Ich jedenfalls:

What are We Supposed to Do With This Shit? On Trump, His Racism, and Finding Hope for the Future

„And that’s the danger of Donald Trump—like the generations of racists who came before him and lazily supervised the making of this country, he will soon be gone but his fingerprints will be all over everything. We see it in our cities, where municipal buildings are named after people who championed red-lining, where monuments and parks are named after Confederate generals. We see it in our discourse, in which President Obama was forced to show his papers to prove his citizenship, but news anchor hedge and equivocate over calling Donald Trump a white supremacist, despite his long and well-documented history of saying and doing things a white supremacist would say or do.

Most maddeningly, we see it in ourselves, the gradual moving of the line of decency, the daily confirmation that we are in the Bad Place, the gaslighting, the loss of hope. And then, the disappearance. These news events happen, they take over the cycle, they nick us in our souls, and then they vanish. And we’re left with our damage and our rage and the sneaking suspicion that there’s something wrong with us because we’re angry all the time, we see racism and misogyny in places where others blithely don’t, we find it harder and harder to “get over it.”“

No One Is Coming to Save Us From Trump’s Racism

„There is a lot of trite rambling about how the president isn’t really reflecting American values when, in fact, he is reflecting the values of many Americans. And there are entreaties to educate the president about the truth of Haiti as if he simply suffers from ignorance.

But the president is not alone in thinking so poorly of the developing world. He didn’t reveal any new racism. He, once again, revealed racism that has been there all along. […]

What I’m supposed to do now is offer hope. I’m supposed to tell you that no president serves forever. I’m supposed to offer up words like “resist” and “fight” as if rebellious enthusiasm is enough to overcome federally, electorally sanctioned white supremacy. And I’m supposed to remind Americans, once more, of Haiti’s value, as if we deserve consideration and a modicum of respect from the president of the United States only because as a people we are virtuous enough.

But I am not going to do any of that. I am tired of comfortable lies. I have lost patience with the shock supposedly well-meaning people express every time Mr. Trump says or does something terrible but well in character. I don’t have any hope to offer.“

Tagebuch, Donnerstag, 11. Januar 2018 – Fragezeichen und Candy Crush

Wie nach dem doofen Schreibtag vorgestern zu erwarten war, folgte gestern auf ihn ein guter. Ich saß mit einer Kanne Earl Grey am Schreibtisch und tippte entspannt vor mich hin, immer mit der Nase in diversen Kundendokumenten oder der Website oder Google oder womit ich mir sonst Infos suche. Erstmals hatte ich auch in den Uni-Datenbanken nach Informationen gestöbert, was ich sehr lustig fand. Best of both worlds.

Abends eine Quiche gemacht, weil die grünen Bohnen wegmussten; die faule Variante mit fertigem Blätterteig allerdings, kein Mürbeteig. Danach kein Ulysses, weil ich schon bei der abendlichen Runde Candy Crush fast eingeschlafen wäre. Das schwere Buch wäre mir vermutlich auf die Nase gefallen beim Lesen, also Licht aus.

Nachmittags bekam ich einen seltsamen Anruf. (Keine Ahnung, ob die Anruferin hier mitliest, aber da muss sie jetzt durch.)

Wir sind in einem sozialen Netzwerk miteinander verbunden, ich kenne die Dame aber überhaupt nicht persönlich und sie mich vermutlich auch nicht. Sie arbeitet in der PR-Branche, was etwas anderes ist als Werbung. Ich selbst habe noch nie PR gemacht und will das auch nicht, daher weiß ich nicht, ob ihr Anliegen dort völlig normal ist – ich als Werbetante war ein bisschen verwirrt und irritiert.

Die Kurzfassung: Die Anruferin erkundigte sich, ob sie mich ihren Kontakten als Texterin weiterempfehlen sollte – gegen eine kleine Gebühr. Das hätte sich in ihrem Kolleg*innenkreis so eingebürgert, dass man sich gegenseitig weiterempfiehlt, aber eben gegen Geld. Wahrscheinlich habe ich im Telefonat sehr viele Geräusche à la „Hm? Was? Grmpf. Hä?“ von mir gegeben, weil ich noch nie auf die Idee gekommen bin, Geld dafür zu verlangen, dass ich jemanden weiterempfehle.

Vor dem Studium hatte ich immer wieder Anfragen, die ich ablehnen musste, weil ich ausgebucht war (ah, those were the days). Dann kam unweigerlich die Frage, ob ich jemanden empfehlen könnte, und ich hatte damals eine E-Mail als Vorlage griffbereit, die ich lustig copypastete. Darauf standen immer die selben fünf Namen von Texter*innen, die ich persönlich kannte und schätzte und mit denen ich vor allem schon mal zusammengearbeitet hatte. Ich empfahl nur Leute weiter, von denen ich wusste, dass sie a) nette Menschen sind und b) einen guten Job machen. Manchmal kam eine Mail zurück von den Leuten, die ich empfohlen hatte, in der sie sich für die Empfehlung bedankten, was mich immer freute. Und manchmal kamen Anfragen an mich, wo mich jemand empfohlen hatte, wofür ich mich dann bedankte. Für einen richtig großen Job bei einer Agentur, die mich noch nie gebucht hatte, orderte ich auch schon mal eine Flasche Schampus bei Amazon und schickte die an den Empfehlenden. Aber das war’s. Ich wollte nie Geld für eine Empfehlung und ich habe auch nie welches gegeben.

Daher war ich ehrlich verwirrt über diese seltsame Anfrage von einer Frau, die nicht viel von meiner Arbeit wusste und mich eben auch nicht persönlich kannte. Warum sollte die mich weiterempfehlen? Außer für Geld natürlich, aber das ist doch kompletter Quatsch. Das ist doch so, als ob ich Leuten Produkte empfehle, die ich selber nicht ausprobiert habe, nur weil ich Geld … oh wait.

Ich habe in meinem Werberleben bisher nur für Produkte Verkoofe gemacht, hinter denen ich moralisch stehen kann (mindestens halbwegs). Mit Alkohol habe ich kein Problem (dafür habe ich Werbung gemacht), mit Zigaretten schon eher (musste ich noch nie bewerben), mit Werbung, die sich speziell an Kinder richtet, hätte ich ein Problem (musste ich noch nicht), so langsam habe ich ein Problem mit Finanzdienstleistungen und auch der Automobilindustrie (zwei Dinge, die ich lang und breit beworben habe). Ich habe noch nie irgendein Springer-Produkt beworben, noch nie eine politische Partei und noch nie ein Frauenmagazin (oder wie ich die Dinger nenne: Anleitung zum Selbsthass). Ich habe schon vieles beworben, bei dem ich dachte, was soll der Scheiß, aber auch schon vieles, bei dem ich dachte, hätte ich gerne.

Das Schöne an der Arbeit in Agenturen ist, dass man sich hinter deren Namen verstecken kann. Mein Name steht unter keiner Kampagne, in keiner Broschüre, auf keinem Plakat. Aber wenn ich persönlich jemanden empfehle, also für ihn Werbung mache, dann ist das etwas ganz anderes. Dann bürge ich gefühlt persönlich für diesen Kollegen oder diese Kollegin. Und wenn dieser Kollege dann Mist baut, bleibt eventuell hängen, dass ich ihn empfohlen habe, was im Endeffekt heißt, dass ich Mist gebaut habe. Auch deswegen ist es mir schleierhaft, warum mich Menschen empfehlen wollen, die keine Ahnung davon haben, wie ich arbeite oder ob man es mit mir in einem Büro aushält. Geld, schon klar. Aber wegen einer luschigen Provision setze ich doch nicht meinen Namen aufs Spiel, der im Prinzip die einzige Visitenkarte ist, die in dieser Branche was taugt. Jeder von uns hat eine tolle Mappe, weil jeder von uns mit tollen Leuten zusammenarbeitet, das zeichnet mich nicht aus. Ich werde gebucht, weil andere mich als fähigen Menschen kennen und den Personaler*innen davon erzählen.

Jedenfalls glaube ich das. Oder möchte es weiterhin glauben. Ich werde weiterhin nur Schampus oder Mails verschicken und verdiene mein Geld lieber mit Texten als mit Empfehlen. Oder mit Bloggen: Ich habe meinen ersten Patreon-Förderer, yay! Dankeschön! (Eichhörnchen und so.)

Tagebuch, Mittwoch, 10. Januar 2018 – Hirntotes Rumstümpern

Jeder, der beruflich schreibt, weiß, dass es Tage gibt, an denen die schönsten Sätze wie von Zauberhand aus der Tastatur gleiten, man liest abends noch mal drüber, man liest einen Morgen später noch mal drüber, und alles ist immer noch so wundervoll wie es einem gestern beim Schreiben vorkam. Und dann gibt es die Tage, wo man gefühlt nur Wortfetzen und einzelne Buchstaben auf den Bildschirm bringt, und um sie muss man auch ringen, damit sie überhaupt da stehen, es klingt alles als ob ein Drittklässler das erste Mal eine Tastatur benutzt, und es klingt auch abends noch so und am nächsten Morgen.

So einen Tag hatte ich gestern. Netterweise bin ich gerade nicht in einer Agentur, wo man acht Stunden verzweifelt am Platz sitzen und so tun muss, als wäre man gerade irre produktiv. Ich konnte zwischendurch kochen, abwaschen, einkaufen und F. vom Arzt abholen, der eine Begleitperson brauchte (alles gut), und mich dazwischen immer wieder an den Rechner setzen, um zu gucken, ob ich weiterhin Bröckchen kotze oder endlich mal einen Satz raushaue, der nach einem Satz klingt. Tat ich leider nicht. Ich ging abends zu Bett im vollen Bewusstsein, dass ich heute alles wegschmeißen werde, was ich gestern getippt habe. Aber immerhin habe ich etwas getippt, ich konnte Dinge thematisch clustern, ich konnte mir Strukturen überlegen und Inhalte. Ich konnte sie halt nur nicht vernünftig formulieren. Mal sehen, wie das heute läuft.

Abends das vierte Kapitel von Ulysses gelesen. Die Taktik, sich wirklich immer nur ein Kapitel vorzunehmen, klappt ganz gut, ich werde nicht erschlagen von den vielen Fragen, die ich während des Lesens habe, kann aber schon Dinge einordnen, die mir bekannt vorkommen. Außerdem habe ich neben der Oxford-Studienausgabe mit den Endnotes noch ein weiteres Buch bei mir im Regal gefunden, das ich sehr hilfreich finde: The New Bloomsday Book: Guide Through “Ulysses”. Darin wird der Inhalt nacherzählt, aber es werden keine literarischen Anspielungen erklärt oder die vielen fremdsprachigen Einwürfe und Begriffe übersetzt. Diesen Satz aus einer Rezension fand ich sehr schön: „He guides the first-time reader carefully through Joyce’s (famously difficult) novel, but does not challenge the mystery that make[s] Ulysses a joy to read.“ Mit diesen beiden Sekundärliteraturen kann man sich das Buch ziemlich gut erarbeiten. Yay, ich lese Ulysses! Wenigstens ein Erfolgserlebnis.