Was schön war, Mittwoch, 24. August 2017 – Gutgehtag

Morgens von F. nach Hause spaziert, frische Croissants besorgt und gleich mit Johannisbeergelee verspeist.

Dazu wieder herrlichen kühlschrankkalten Kaffee mit Milch und einem winzigen Schuss Sirup genossen. Ja, ich weiß, total unpuristisch und unhipsteresk, aber ich mag Kaffee am liebsten mit Milch und ein bisschen süß. Obwohl ich, seitdem ich die Bohnen selbst mahle und mit der French Press zubereite, auch weiß, dass ich ihn schwarz gerne trinke – und sogar lieber kühl oder kalt als heiß.

Deswegen freue ich mich immer noch über diese tolle Kaffeeflasche, die, seitdem ich sie besitze, im Dauereinsatz ist.

Den ganzen Tag vor Serien rumgelungert, die FAZ gelesen, mein Buch weitergelesen, die Diss im Hinterkopf arbeiten lassen, mich über die Einladung in eine kleine Münchner Agentur gefreut, die mich mal kennenlernen will und deren Website mir auch äußerst sympathisch ist. Statt zu kochen ein Nutellabrot geschmiert.

Abends bei F. auf dem Balkon dem Gewitter zugeguckt und dabei Weißwein getrunken und verwackelte iPhone-Fotos gemacht.

Links ist das Heizkraftwerk zu sehen, die beleuchtete Kirche in der Bildmitte ist die Theatertinerkirche, ganz rechts die Frauenkirche, und das unbeleuchtete Ding dazwischen ist meine Kirche, St. Markus. Ich beschwere mich an jedem Balkonabend über die protestantische Sparsamkeit und dass dieser schicke 50er-Jahre-Bau nicht angestrahlt wird.

Was schön war, Dienstag, 23. August 2017 – Schnurr

Mein Zahnarzt hatte mir, O-Ton, Physio für mein knirschendes Kiefergelenk verordnet, worüber ich tagelang gackern musste. Ich sah mich schon lustige Mundgymnastik unter Aufsicht machen, aber es war dann viel netter und entspannender. Die Behandlung entpuppte sich als Manualtherapie, was bedeutete, dass mir eine freundliche Therapeutin diverse Muskelpartien im Gesicht und Hals massierte und irgendwann auch noch den Nacken und den Schulterbereich mitnahm, denn das hängt ja alles zusammen und ich war anscheinend verspannt wie nix. Das ahnte ich natürlich, denn der Abschied vom Studium, die Langstrecke einer Promotion und die ungewisse Zukunft belasten dann halt doch so ein bisschen. Außerdem neige ich dazu, in Bibliotheken irgendwann wie ein Schluck Wasser in den Stühlen zu hängen und die Bücher viel zu nah vor der Nase zu haben, bevor ich mich daran erinnere, gerade zu sitzen und Abstand zu den schönen Aufsätzen zu wahren.

Eine Bewegung fand ich gleichzeitig unheimlich und faszinierend. Beim Gesangsunterricht hatte mir meine Lehrerin immer gesagt, wenn ich auch da wie ein Schluck Wasser rumstand und die Nase am Notenständer hatte, ich solle mir vorstellen, ich hätte einen Faden an der Schädeldecke und an dem zieht mich jetzt jemand nach oben – schon richtete ich mich auf, war gefühlt zehn Zentimeter größer und konnte, wer hätte es gedacht, freier singen. So ungefähr fühlte es sich an, als die Therapeutin mich gestern irgendwo unten am Hinterkopf anfasste und zu sich zog (ich lag). Es war wie gesagt ein bisschen unheimlich, sanften, aber deutlichen Zug auf der Halswirbelsäule zu spüren, aber es war gleichzeitig sehr schnurrig. Zum Abschluss durfte ich noch zehn Minuten in warmen Kissen liegen und war endgültig grundentspannt.

Ich mochte die Kachelfarbe im Treppenhaus der Praxis gern. Außerdem freute ich mich über den Altbau. Ich bin in München viel zu selten in Altbauten. Dusselige Hauptstadt der Bewegung.

Danach überlegte ich kurz, ob ich nach Hause fahren und mich wieder ins Bett legen sollte, so puschelig-weichgeknetet wie ich war, aber ich hatte den Rechner dabei und mir ein bisschen Nazikram im ZI vorbestellt, also fuhr ich brav dort hin und las wieder schlimmes Zeug. Also schlimm im Sinne der Parteipolitik, für mich aber wie immer alles höchst spannend und aufschlussreich. Ich entdeckte schöne Dissertationen und Aufsätze; so fand ich derKunst im Dritten Reich von 1937 eine Abbildung des damals neuen (und heutigen) Park-Cafés und fühlte mich in meiner Ahnung bestätigt, dass das NS-Architektur war. Seitdem frage ich mich, ob die alten Fresken im Innenraum noch unter Farbschichten vorhanden sind oder die irgendwann abgeschlagen wurden. Außerdem las ich ein Machwerk von Robert Scholz, einem Kunstkritiker der NS-Zeit, der sich 1977 ernsthaft hingestellt und behauptet hatte, NS-Kunst sei die quasi alternativlose Folge der Kunst der Weimarer Zeit gewesen – er nannte 1933 eine „konservative Kunstwende“ und ich wollte wieder Bücher anschreien, so wie ich ständig meinen Rechner anschreien will, wenn wieder irgendwo steht, dass der beschissene Rechtsruck und Trump unvermeidlich gewesen seien, weil die Linke mit ihren liberalen Ideen halt so fies ist.

Nach vier Stunden und mit ein paar neuen Ideen zur Diss fuhr ich nach Hause. Dort warf ich zwei Paprika mit einer Zwiebel in die Pfanne und ließ alles hübsch karamellisieren, während in einer zweiten Pfanne eine Portion Rührei vor sich hinstockte. Ich habe mir vor einigen Wochen einen Topf Schnittlauch für die Fensterbank gekauft und warte seitdem, dass er stirbt, was alle meine Kräutertöpfe tun, denn meine Fensterbank bekommt nie wirklich Sonne. Dieser Topf ist aber anscheinend ein Zombie, er wächst so irre, dass ich derzeit mein Essen danach plane, ob man zwei Handvoll Schnittlauch dazu werfen kann. Da liegt Rührei natürlich nah. Gut war’s.

Abends Fußball bei F. Gemeinsam eingeschlafen.

(Da Zusammenziehen in München eher so hahajaklarwaskostetdiewelt ist und wir beide auch sehr an unseren eigenen Wohnungen hängen, wird der letzte Satz als Statusmeldung dort vermutlich (hoffentlich) noch länger stehen.)

Tagebuch, Dienstag, 22. August 2017 – To-Do-Liste

Am Montag gönnte ich mir mehrere Stunden im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, um meinen Blogeintrag von gestern fertigzuschreiben, für den ich viel mehr las als ich eigentlich brauchte, aber hey, wenn man schon mal in der Bibliothek sitzt, dann holt man sich eben ein paar Bücher an den Platz. Ich bestellte auch gleich noch ein paar Zeitschriftenbände aus den Rara-Beständen vor, in die ich für die Diss reingucken will.

Am Blogeintrag über die Ausstellung von NS-Kunst in Regensburg habe ich tagelang gesessen, und mir ist beim Schreiben, genau wie beim Schauen, mal wieder aufgefallen, wie herausfordernd die nächsten drei Jahre werden, denn ich bin eigentlich die ganze Zeit damit beschäftigt, mich von meinem Forschungsfeld zu distanzieren. Einerseits verteidige ich die NS-Kunst als wichtig genug, um sich wissenschaftlich mit ihr zu befassen, andererseits genieße ich es sehr, im Blog alberne Adjektive zu ihrer Beschreibung nutzen zu können und sie so auf Abstand zu halten.

Ich kann vor keinem Bild, das im Deutschen Reich zwischen 1933 und 1945 entstanden ist und dem System genehm war, rumstehen und sagen, jo, finde ich gut, würde ich mir ins Wohnzimmer hängen, wie ich das vermutlich bei jedem anderen Bild aus jeder anderen Zeit tun könnte. Bis jetzt habe ich netterweise noch kein NS-Bild gesehen, bei dem ich diese Anwandlung hatte, aber falls das mal kommt, und ich ahne, dass es irgendwann kommt, werde ich hundertmal aufschreiben müssen: „Du sollst keine NS-Kunst ästhetisch attraktiv finden, denn die ist bäh.“ Das ist, wie gesagt, anstrengend. Ich muss aufpassen, dass meine Neugier auf diese Bilder nicht zu Anerkennung wird. Aber vielleicht überschätze ich die NS-Kunst auch gerade gewaltig. Wie gesagt, bis jetzt war noch nichts dabei, das ich haben wollte, aber ich kenne schon einige Werke, die mich faszinieren konnten.

(Anstrengend.)

Gestern war der Tag des Wegarbeitens von lauter Kleinkram, den ich seit Tagen vor mir herschiebe oder den ich Montag nicht erledigen wollte, wie zum Beispiel den nächsten Schwung Akquisemails. Sich bei Leuten per Mail vorzustellen, mache ich lieber nicht am Montag, wo alle davon genervt sind, dass Montag ist, aber auch nicht Donnerstag oder Freitag, weil da alle von der Woche gestresst sind und schon ans Wochenende denken. Daher habe ich gestern, am schönen Dienstag, mal wieder ein paar Agenturen angeschrieben, Leute auf Xing zu meinen Kontakten hinzugefügt sowie bei einigen Portalen mein Portfolio hochgeladen.

Dann erledigte ich weitere lustige Dinge wie Arzttermine vereinbaren, Mails schreiben, Telefonate führen, Altpapier wegbringen, Wäsche machen, lauter Zeug halt, das sich angesammelt hatte und für das ich am Wochenende ernsthaft eine To-Do-Liste geschrieben hatte, was ich sonst nie tue. Aber es war dann eben doch viel Kleinkram, und seit gestern ist er weg. Ha!

Mittags gab’s Zucchinipuffer mit scharfem Feta. Ich merke immer mehr, dass ich es ganz gerne mag, Zeug wegkochen zu müssen bevor es vergammelt, weil ich mir stets irgendwas Neues überlegen muss, um nicht vom eigenen Essen gelangweilt zu werden. Vielleicht sollte ich doch mal so ein Gemüsekistenabo abschließen. Bisher habe ich mich geweigert, mir meine Nahrung vorschreiben zu lassen, weil mich das so unerträglich an Diätpläne erinnerte. Hm. Ich werde weiter darüber nachdenken. (Puffer waren lecker.)

Über die Kunst und die Technik, und warum letztere manchmal ein Hund ist.

Ines Häufler verzweifelt an QR-Codes – wer nicht –, plädiert aber weiterhin für den Einsatz von digitaler Technik in Museen. (Ich nenne QR-Codes ja gerne die Arschgeweihe der Wandtexte.)

„Mein Handy ist jetzt also um zwei Apps und ich um einige Erfahrungen reicher. Als ich die Ausstellung verlasse, spreche ich den Mann am Ticketschalter an, und erzähle, dass das mit den QR-Codes leider nicht so gut funktioniert. Er ist sehr freundlich und bedankt sich für mein Feedback. Dann zeigt mir der Mann einen kleinen Aufsteller am Eingang, auf dem ein erklärender Satz zur App und der QR-Code dafür draufklebt. Ich versuche, ihn live zu scannen (den Code, nicht den Mann), und es funktioniert auch hier nicht. Weil das Licht von oben entweder spiegelt oder man sich mit dem Handy so einen starken Schatten macht, dass der Code zu wenig Kontrast bekommt und selbst für die Cloudguide-App, die einen QR-Reader eingebaut hat, unlesbar wird. Tja.“

‘The civil war lies on us like a sleeping dragon’: America’s deadly divide – and why it has returned

Der Yale-Historiker David Blight schreibt über den Amerikanischen Bürgerkrieg bzw. die Zeit davor und was wie heute davon lernen können.

„Republics are ever unsteady and at risk, as our first and second founders well understood. Americans love to believe their history is blessed and exceptional, the story of a people with creeds born of the Enlightenment that will govern the worst of human nature and inspire our “better angels” to hold us together. Sometimes they do. But this most diverse nation in the world is still an experiment, and we are once again in a political condition that has made us ask if we are on the verge of some kind of new civil conflict. […]

Where are we now? Are Americans on the verge of some kind of social disintegration, political breakup, or collective nervous breakdown, as the writer Paul Starobin has recently asked? Starobin has written a new book, Madness Rules the Hour: Charleston, 1860, and the Mania for War, in which he revisits the old thesis that the secession moment represented a “crisis of fear” that led tragically to disunion and war. Psychologically and verbally, in the comment sections on the internet, and in talkshow television, we are a society, as Starobin shows, already engaged in a war of words. And it has been thus for a long time. Americans are expressing their hatreds, their deepest prejudices, and their fierce ideologies. It remains to be seen whether we have a deep enough well of tolerance and faith in free speech to endure this “catharsis” we seem to seek.“

A Most American Terrorist: The Making of Dylann Roof

Was auch dabei herauskommt, wenn eine Nation zu viel Hass und Angst in sich trägt. Ein Longread, der sich netterweise nicht nur mit dem Täter, sondern auch seinen Opfern befasst.

„I had come to Charleston intending to write about them, the nine people who were gone. But from gavel to gavel, as I listened to the testimony of the survivors and family members, often the only thing I could focus on, and what would keep me up most nights while I was there, was the magnitude of Dylann Roof’s silence, his refusal to even look up, to ever explain why he did what he had done. Over and over again, without even bothering to open his mouth, Roof reminded us that he did not have to answer to anyone. He did not have to dignify our questions with a response or explain anything at all to the people whose relatives he had maimed and murdered. Roof was safeguarded by his knowledge that white American terrorism is never waterboarded for answers, it is never twisted out for meaning, we never identify its “handlers,” and we could not force him to do a thing. He remained inscrutable. He remained in control, just the way he wanted to be.

And so, after weeks in the courtroom, and shortly before Dylann Roof was asked to stand and listen to his sentence, I decided that if he would not tell us his story, then I would. […]

Dylann Roof was educated in a state whose educational standards from 2011 are full of lesson plans that focus on what Casey Quinlan, a policy reporter, said was “the viewpoint of slave owners” and highlight “the economic necessity of slave labor.” A state that flew the Confederate flag until a black woman named Bree Newsome climbed the flagpole and pulled it down. A place that still has a bronze statue of Benjamin Tillman standing at its statehouse in Columbia. Tillman was a local politician who condoned “terrorizing the Negroes at the first opportunity by letting them provoke trouble and then having the whites demonstrate their superiority by killing as many of them as was justifiable…to rescue South Carolina from the rule of the alien, the traitor, and the semi-barbarous negroes.”

Roof is what happens when we prefer vast historical erasures to real education about race. The rise of groups like Trump’s Republican Party, with its overtures to the alt-right, has emboldened men like Dylann Roof to come out of their slumber and loudly, violently out themselves. But in South Carolina, those men never disappeared, were there always, waiting. It is possible that Dylann Roof is not an outlier at all, then, but rather emblematic of an approaching storm.“

Kunst gucken: „Artige Kunst. Kunst und Politik im Nationalsozialismus“, Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Die Ausstellung wurde ab November 2016 in Bochum gezeigt und wanderte dann nach Rostock. Eigentlich sollte sie auch in Wrocław, dem ehemaligen Breslau, gezeigt werden, aber der Vertrag der dortigen, liberalen Museumsdirektorin wurde nicht verlängert, und ihr Nachfolger sagte die Ausstellung ab. (Kat. Ausst. Bonn 2016, 9)

Unser Rosenheim-Seminar besuchte die Ausstellung in Bochum (ich war leider nicht dabei) und war wenig begeistert. Kommilitoninnen bestätigten die Rezension in der Zeit, wonach man erstmal großformatige KZ-Bilder betrachten musste, bevor man die eigentlichen Bildwerke zu sehen bekam. Als ob man Besucher*innen noch mal dringend erklären müsste, was zwischen 1933 und 1945 geschah, bevor sie biederen Abbildungen von Bauernfamilien und pseudo-dynamischem Jungvolk ausgesetzt sind.

Auf der oben verlinken Website aus Rostock kann man ein paar Blicke in die Ausstellung werfen, was ich spannend fand, denn auch ich habe sie nun endlich gesehen: im Kunstforum der Ostdeutschen Galerie in Regensburg, wo sie noch bis zum 29. Oktober gezeigt wird. Die Hängung ist an allen drei Orten unterschiedlich, was natürlich schon den räumlichen Begebenheiten geschuldet ist, aber anscheinend hat man die Werke auch jedesmal neu gruppiert; zumindest sehe ich kleine, aber nicht unwichtige Unterschiede zwischen Rostock und Regensburg.

In Regensburg muss man nicht erst Bilder aus Bergen-Belsen sehen; die hängen zwar auch gleich im ersten Raum, sind aber relativ kleinformatig. Die erste Bildpaarung, die man sieht, ähnelt dem Titelblatt des Katalogs: Links hängt Sepp Happs Über allem aber steht unsere Infanterie (1943), rechts Alexej von Jawlenskys Mädchenbildnis (1909). Und damit beginnt auch schon mein Problem mit dem generellen Ausstellungskonzept. Die Gegenüberstellung von ideologischer NS-Kunst und … hier musste ich etwas überlegen, bevor ich mich für die folgende Formulierung entschieden habe … irgendeinem Bild, das keine ideologische NS-Kunst ist, finde ich arg billig. Vor allem, weil Jawlenskys Werk nicht mal annähernd zwischen 1933 und 1945 entstanden ist. Wenn man schon dringend die ideologische NS-Kunst in einen Kontext setzen will, dann wenigstens in einen, der eine gewisse Zeitgleichheit aufweist. So steht man entspannt vor dieser Bildpaarung und kann schaudernd den ollen Nazikram doof finden und den Jawlensky richtig und schön und alles. (Ist er ja auch.) Aber damit macht es sich die Ausstellung halt viel zu einfach und ist keinen Schritt weiter als diverse andere Ausstellungen von NS-Kunst vor ihr. Einen kurzen und guten Überblick über diese bekommt man im Katalog, den ich eben verlinkt habe; bei der Bundeszentrale für politische Bildung kostet er gerade 7 Euro. Die sind gut angelegt. Darin ist auch Elk Ebers Die letzte Handgranate (1937) vom Titel abgebildet, das ich gerne gesehen hätte, das in Regensburg aber leider nicht hing.

Ich schrieb das bestimmt schon gefühlte hundert Mal in diesem Blog, dass es „die NS-Kunst“ nicht gibt, weil es keinerlei Vorschriften der Machthaber gab, wie NS-Kunst auszusehen habe, höchstens welche, wie sie nicht auszusehen habe. Wenn man heute „NS-Kunst“ sagt, haben die meisten vermutlich genau die Bilder vor Augen, die es in Bochum, Rostock und Regensburg zu sehen gibt: die Herrenmenschen in blond und blauäugig mit überzeichneten Vorstellungen von männlichen und weiblichen Idealmaßen, bei denen die Jungs immer aussehen wie Bodybuilder, die nicht wussten, wann sie mit den Drogen aufhören sollten, und bei den Mädels herrschen gebärfreudige Becken, adrette Frisuren und eine eher kleine Oberweite vor, da spannt dann auch die BDM-Bluse nicht so. Dass diese Bilder nur einen winzigen Teil der Werke bildeten, die in der Großen Deutschen Kunstausstellung (1937–1944) zu sehen war, wird gerne vergessen.

„Artige Kunst“ zeigt immerhin noch ein bisschen mehr, und damit höre ich auch auf zu meckern, denn für mich war der Erkenntnisgewinn trotz aller Vorhersehbarkeit und ollem Konzept groß. Man beginnt in Regensburg, wie gesagt, mit Happ/Jawlensky und einigen Fotodokumenten nach der Kapitulation, darunter auch Fotos von Richard Peter sen. wie das schreckliche Das Lächeln des Wahnsinns (1945/46). Blickt man in den zweiten Raum, ist der dritte bereits sichtbar, wo eine Männerstatue einen anblickt. Mein Kopf meinte „Breker“, war er auch, aber erstmal kam ein Raum namens „Der genormte Mensch“. Dort hingen teils klassische, teils bürgerliche Motive in der NS-Interpretation.

Über Ivo Saliger kann ich einfach nur mit den Augen rollen, aber seitdem ich seine Bilder erstmals im Original und nicht nur als winzige Katalogabbildung gesehen habe, weiß ich besser, warum. An seiner Madonna mit Jesuskind (1938/41) blieb ich nicht lange hängen, das war schlicht langweilig. Aber Das Urteil des Paris (1939) sowie Die Rast der Diana (1939/40) sah ich mir länger an. Wenn Adolf Ziegler als „Meister des deutschen Schamhaars“ verspottet wird, möchte ich Saliger als „Meister des deutschen Warzenhofs“ ergänzen. Da hat der Herr sich schon sehr große Mühe gegeben. Ich fand es spannend, diese beiden recht bekannten Bilder im Original sehen zu können und las mir brav die Wandtexte durch. Die sprachen bei Saliger von einer „deckend schlichten Malweise“ und auf einmal fiel mir auf, warum mich Saligers Werke immer so nerven. Sie sehen genauso totgepostet aus wie heutige Anzeigen, an denen Menschen gebastelt haben, die den Photoshop nicht recht beherrschen. Saligers Werke tun so, als wären sie alte Meister, aber die Haut der Damen ist poren- und faltenfrei, die Posen sind banal, und nicht mal Vorder- oder Hintergrund sind irgendwie aufregend. Die Bilder sehen auf 160 x 200 Zentimeter genauso langweilig aus wie als Katalogbild. Das klingt zwar komisch als große Erkenntnis, aber ich hatte mich ein bisschen davor gefürchtet, alle Bilder im Original auf einmal toll zu finden.

Nochmal kurz zur Madonna: Ich lernte aus den Wandtexten, dass es bis 1941 ganze acht Heiligendarstellungen auf der GDK gab, danach keine mehr. Christliche Motive gehörten nicht zu den gewünschten Motiven der NS-Zeit. Das deckt sich mit meinen Erkenntnissen, die ich bei der Arbeit zu Leo von Welden (1, 2) gewonnen habe.

Im zweiten Raum hing auch noch Hans Schmitz-Wiedenbrücks Familienbild (vor 1939, unter dem Link zu sehen oder hier mit Provenienz). Das hätte, bis auf wenige Details, von Motiv und Malweise her auch aus dem 19. Jahrhundert stammen können. Aus der Bochumer Ausstellung berichteten meine Kommilitoninnen, dass an den „NS-Bildern“ kleine Aufkleber mit der Aufschrift „Artige Kunst“ (natürlich in Fraktur) befestigt waren, und dass die Aufbauenden manchmal nachfragen mussten, an welche Bilder der Aufkleber denn soll – das war anscheinend nicht immer sofort ersichtlich. Mir ging es einen Raum weiter so, dass ich beim schnellen Rundumblick bei einigen Werken dachte, jo, NS-Zeit, aber falsch lag. Soviel zum Thema „So sieht NS-Kunst aus, total eindeutig, das Zeug“. Beim Familienbild kann man die weiße Bluse und den braunen Rock des Mädchens links als BDM-Uniform lesen, und die Jacke des kleinen Jungen links sieht auch ein bisschen nach Uniform aus – es könnte aber auch eine Jägerjoppe sein. In der Abbildung erkennt man nicht, dass der Farbauftrag recht fein und lebhaft ist; ich starrte lange auf die rote Decke auf der Bank rechts im Bild und mochte generell die Stofflichkeit gerne. Und so begann schon im zweiten Raum bei mir der innere Kampf zwischen „Da gucke ich jetzt total unbeteiligt als Profi drauf“ und „Verdammt, das Bild hat einen gewissen Reiz, den ich gerade wegargumentieren will, damit ich mir nicht nachsagen lassen muss, Nazischeiß gut zu finden“. Ich fand das Bild nicht gut im Sinne von „Muss ich dringend über der Couch hängen haben“, aber ich konnte es auch nicht so doof finden wie die Saligers. Ein Propagandaplakat für „Gesunde Eltern – gesunde Kinder“ der NS-Volkswohlfahrt sorgte dann wieder für Kontext, wovon ich wieder genervt war. Ja, ich weiß, warum das Ding da hing (NS ist böse, nur falls das jemand bereits im zweiten Raum wieder vergessen haben sollte), aber das war echt Didaktik für Dummies.

Im dritten Raum stand dann wie gesagt eine Breker-Statue, die sogar noch halbwegs manierlich aussah und nicht wie die Drogenmuckijungs. Als Kontrast stand hier zum Beispiel die zarte Hungernde (1925, untere Bildreihe rechts) von Karel Niestrath, die man ein paar Räume weiter auf einem Foto zur Feme-Ausstellung „Entartete Kunst“ wiedersah. Das mochte ich gern, dass man Objekte in einem Zeitkontext wiederfinden konnte. Ich weiß nur gerade selber nicht, warum mich der Hinweis auf die Aktion „Entartete Kunst“ weniger nervte als die Volkswohlfahrt und die KZ-Bilder. Auch das war eine Erkenntnis der Ausstellung, die ich schon im Saal 13 der Pinakothek der Moderne hatte: Ich habe dieses ganze Forschungsfeld immer noch nicht fertig durchdacht. Immer wenn ich denke, jetzt weiß ich, wie ich selbst mit diesen Werken umgehen soll, will, muss, ändert sich wieder irgendwas. Vielleicht bin ich in drei Jahren nach der Diss irgendwo angekommen.

Ich erspare euch jetzt eine Aufzählung alle Werke, sondern lege euch die Ausstellung einfach ans Herz. Was für mich persönlich noch wichtig war: der Gesamteindruck von mehreren Werken aus der NS-Zeit in einem Raum. Das Problem an NS-Kunst, wenn man sich mit ihr wissenschaftlich befassen will: Sie wird nirgends gezeigt. Würde ich über die klassische Moderne promovieren wollen, könnte ich in so ziemlich jedes Museum des 20. Jahrhunderts gehen und einen kleinen Einblick bis großen Überblick bekommen. Bilder aus der NS-Zeit hängen in wenigen Exponaten in historischen Museen in Berlin und Nürnberg und jetzt eben auch in München, aber das war’s. Alle Bilder, die ich bisher als „klassische NS-Kunst“ kannte, kenne ich nur aus Abbildungen. Deswegen war der Besuch in Regensburg so lohnend für mich, weil ich endlich viele Originale sehen konnte – aber eben auch zwiespältig. Meine erste Reaktion per DM an F. lautete sinngemäß, toll, unbedingt angucken – was nicht heißt, dass da nur gute Kunst hängt, die man dringend sehen muss, sondern es heißt, es war für mich persönlich wichtig und aufschlussreich, sie gesehen zu haben. Aber ich merke bei jedem Satz, dass es ziemlich dünnes Eis ist, auf dem ich mich bewege.

Das fiel mir besonders in der Mittelhalle des Museums auf, wo zwar auch ein paar Werke hingen, die als Korrektiv wirkten, aber die Hälfte des Raumes bis zum Raumteiler war mit NS-Kunst bestückt, und es fühlte sich ganz kurz so an, als würde ich in einer GDK stehen. Das kannte ich noch nicht, dieses Gefühl: So könnte sich das damals angefühlt haben. Und zum ersten Mal wurde mir auch klar, warum der NS-Kunst bis heute eine gewisse Verführungskraft zugesprochen wird. Ich habe da dennoch gleich ein dickes „Aber“.

Im Raum hängen direkt nebeneinander an drei Wänden zwei Kriegsmotive (Claus Bergens Im Kampfgebiet des Atlantik (vor 1941); Michael Mathias Kiefers Die Wacht (Seeadler, 1940)), zwei Motive, die sportlich-gestählte Menschen zeigen (zum Beispiel Albert Janeschs Wassersport (vor 1936)), sowie ein paar Landschafts- und Bauernmotive. Eines davon war für mich wieder spannend: Paul Junghanns Pflügen (1940). Es zeigt einen Bauern, der hinter einem Pflug geht, der von drei Pferden gezogen wird. Der Horizont ist niedrig, das Bild gelblich-bräunlich, es sieht aus wie späte Abendsonne, eigentlich völlig unaufregend. Das Format entspricht allerdings überhaupt nicht den üblichen bäuerlichen Abbildungen, die man aus dem 19. Jahrhundert kennt – es ist mit 150 x 245 cm recht großformatig. Hier sieht man es im Kontext der GDK 1940, wo es neben weiteren bäuerlichen Bildnissen hängt und immer noch recht unaufregend wirkt. Aber in einem Raum, wo nebenan ein U-Boot durch ein bewegtes Meer pflügt und kleinpimmelige Herrenmenschen ihre Körper für den Kampf stählen, bekommt es einen sehr unheimlichen Beigeschmack. Und schon haben wir die gewollte Gruselstimmung: Guckt mal, wie schlimm NS-Kunst ist.

Aber, und hier kommt das Aber: Mit dieser Hängung schafft die Ausstellung eben auch einen Kontext, den die Bilder zur damaligen Zeit nicht hatten. Wie schon beschrieben, hing Pflügen neben anderen bäuerlichen Szenen und eben nicht zwischen U-Booten und Turnern. Wenn man sich mal durch die Säle der GDK klickt, was man auf GDK-Research ganz wunderbar machen kann, sieht man, dass recht themenzentriert gehängt wurde: hier die weiblichen Akte und die Blümchen, da die Kruppstahl-, Windhund- und Lederjungs, hier die Bauernstuben, dort die Tierporträts und irgendwann dann Kriegsbilder (gerne mit Landschaften kontrastiert wie Leo von Weldens Vormarsch in Norwegen (1941)). Die heutigen Ausstellungen zeigen durch ihre Werkauswahl und -kombination schlicht ein falsches Bild, um einen längst überholten Forschungsstand zu illustrieren. Und das nehme ich der Schau wirklich übel.

Wieder zum Positiven: Auch wenn ich die Hängung problematisch und die Idee doof finde, NS-Kunst mit Nicht-NS-Kunst zu kontrastieren, war es natürlich schön, zusätzlich zum Nazikram einige Werke der klassischen Moderne zu sehen, die ich noch nicht im Original kannte. Sehr gefreut habe ich mich über Komposition (1939/40) von Otto Freundlich aus dem Besitz der Ostdeutschen Galerie. Freundlichs Skulptur Der neue Mensch wurde in einer bösartig verzerrten Fotografie für das Titelbild des Katalogs zur Ausstellung „Entartete Kunst“ missbraucht. Gern gesehen habe ich auch Carl Grossbergs Brücke über die Schwarzbachstraße in Wuppertal (1927, im Link zu sehen); Grossbergs neusachliche Darstellung von Großstädten mag ich sehr gerne. Ich mag allerdings ebenso gerne Carl Theodor Protzens Straßen des Führers (vor 1940), und da sind wir dann wieder bei den Ambivalenzen, mit denen ich die ganze Zeit zu kämpfen habe. Selber schuld, ich weiß. Hätte ich mich mal auf feministische Kunst der 1970er Jahre spezialisiert, aber nein, es musste ja Nazischeiß sein.

Auch gefallen hat mir in Regensburg der Lokalbezug. In der Ausstellung waren einige Werke zu sehen, die nicht im gemeinschaftlichen Katalog abgebildet sind. So gefielen mir drei großformatige Grafiken (Ende 1940er Jahre) von Max Radler, die sich im Besitz der Ostdeutschen Galerie befinden, auf denen er sich mit der angeblichen Entnazifizierung nach 1945 befasst. Auch spannend: ein 13-minütiger Farbfilm über die GDK 1943, in der ein für mich aufschlussreicher Satz fiel: Die künstlerischen Werke der GDK seien „Dokumente unseres Wesens, um das wir kämpfen“. So hatten eben auch die Blumenstillleben und die weiblichen Akte eine Funktion und waren mehr als Deko. Das wusste ich zwar schon vorher, aber jetzt hab ich ein schönes Zitat.

Wenn ich Zeit und Lust habe, gehe ich Ausstellungen gerne noch einmal in umgekehrter Reihenfolge ab, also nicht in der Richtung, in die mich die Kurator*innen schicken. Beim ersten Durchgang fiel mir wie erwähnt der Zehnkämpfer von Breker in einer Blickachse ins Auge. Wenn man aus der anderen Richtung kommt, kann man ebenfalls schon aus der Entfernung in Raum 3 schauen. Dann sieht man allerdings Ossip Zadkines Torse de la Ville détruite (1951). Auch hier quengelte ich zwar innerlich, dass eine Skulptur von 1951 echt nicht in diese Ausstellung gehört, aber der Kontrast zur anderen Blickachse hat mich wieder versöhnt.

Literatur zum Blogeintrag:

Kat. Ausst. Kunst und Politik im Nationalsozialismus. Ruhr-Universität Bochum, Situation Kunst (für Max Imdahl)/Kunsthalle Rostock/Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2016.

Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg (Hrsg.): Erinnerung & Vision. 100 Meisterwerke der Sammlung, Regensburg 2005.

Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg (Hrsg.): Von Chodowiecki bis zur Gegenwart. Eine Auswahl aus der Graphiksammlung, Regensburg 1993.

Was schön war, Sonntag, 20. August 2017 – Sonntagsrumsnoozen

Gemeinsam aufgewacht. Vor acht Uhr morgens. „Weißt du noch, als wir bis 10 geschlafen haben?“

Mich darüber gefreut, dass auf der Schellingstraße Baustelle ist und deshalb der 154er Bus von F. zu mir an den Pinakotheken entlangfährt, die ich sonst deutlich seltener sehe.

Schokocroissants mit schwarzem Johannisbeergelee.

Die FAZ von Montag bis Freitag nachgelesen; die von Samstag hatte ich vorgestern geschafft, auf die anderen hatte ich erst gestern Lust. Durch ein Feuilleton wieder eine neue Diss-Idee gehabt; gleich wieder verworfen, aber ich finde es lustig, dass mich in letzter Zeit so viele Themen anspringen, die etwas hergeben würden. Vielleicht waren die schon immer da, aber ich habe sie einfach nicht gesehen.

Grey’s-Anatomy-Rewatch, ich hab ja Zeit.

Radium Girls weitergelesen.

Früh ins Bett gegangen, bei Regen eingeschlafen.

Was schön war und mich komplett sprachlos machte, Samstag, 19. August 2017 – Random Acts of Kindness

Ich bekam am Freitag eine Mail, wie sie öfter bei mir landet: Jemand schreibt mir, wie gut ihm oder ihr mein Blog gefällt, was man davon mitgenommen hat in den letzten Jahren und dass man sich dafür einfach mal bedanken wollte. Derartige Mails freuen mich immer sehr und machen rote Bäckchen und ein dickes Lächeln. In dieser Mail wurde nun aber explizit Bezug auf meinen Blogeintrag genommen, in dem ich meine zweite Selbstbelohnung für das abgeschlossene Studium erwähnte – den geplanten Besuch im Tantris. Ob man mich dabei irgendwie unterstützen könne: „Paypal, Überweisung, Tantris-Gutschein :)“?

Das war neu. Normalerweise schicken mir Leute was vom Amazon-Wunschzettel, und auch darüber freue mich mich immer sehr. Dass mir jemand Geld schicken wollte, kannte ich persönlich noch nicht, obwohl ich natürlich weiß, dass andere Blogs sich so unterstützen lassen. Also verschickte ich gestern meinen Paypal-Link und versprach, das Geld nur ins Tantris und sonst nirgends hinzutragen.

Längerer Einschub: Ich denke ernsthaft seit gestern abend darüber nach, ob ich den Link hier verbloggen soll oder nicht. Es sieht jetzt gerade im Kontext dieses Eintrags ein bisschen danach aus, als ob ich meine Leser*innen dringend darauf hinweisen möchte, dass man mir natürlich neben netten Worten und Büchern auch cold hard cash schicken kann. Eigentlich will ich diesen Eindruck nicht vermitteln – deswegen ist dieses Blog auch nach 15 Jahren werbefrei bis auf die Amazon-Affiliate-Links, über deren Erträge meine Steuerberaterin vermutlich immer die Augen rollt. (Ja, ich gebe die in der Steuererklärung an. Ich sehe mich als Autorin, ich autoriere hier lustig vor mich hin und deshalb werden die winzigen Erträge dieses Blogs genauso angegeben wie alles, was durch Werbetexte oder andere schriftliche Aufträge reinkommt. Das war jetzt ein Einschub im Einschub, sorry.)

Zurück zum „eigentlich“: Eigentlich siehe oben, aber andererseits eben genau das Gegenteil. Meine Website wird von einem netten Menschen seit Monaten im Hintergrund umgebaut, weil ich allmählich nicht mehr möchte, dass mein Blog als erstes erscheint, wenn man meinen Namen googelt. Ich würde gerne zunächst als Kunsthistorikerin, Werbetexterin und Autorin sichtbar sein, bevor man liest, was ich gestern zum Abendbrot hatte und über was ich mich dieses Mal in der Einlasstraube der Allianz-Arena aufgeregt habe. Auf der neuen Startseite habe ich auch Links zu Paypal und Patreon vorgesehen, mit denen man meine Arbeit unterstützen kann. Denn trotz all dem persönlichen Vergnügen, den mir dieses Blog macht, ist es natürlich auch Arbeit. Arbeit, die ich freiwillig erledige und dazu auch noch bemerkenswert regelmäßig UND mit annähernd perfekter Rechtschreibung. (Mehr geht seit der Reform bei mir nicht mehr. „Annähernd“ ist meine Messlatte.) Andere Content-Produzierende (oder wie Casey Neistat so schön sagt: creators) machen das ähnlich, und daher fand ich diesen Weg für mich ebenfalls geeignet: Man muss mich nicht abonnieren, man kann weiterhin alles umsonst lesen, es wird weiterhin keine Bezahlschranke oder Werbung geben, aber wer mich anders unterstützen möchte als mit einem Buch, der kann das demnächst tun.

Deswegen lag der Paypal-Link hier griffbereit rum. Und damit zurück zur Mail vom Freitag:

Ich erwartete ehrlich gesagt irgendwas in der Höhe eines Buchs – und war deshalb mehr als erschrocken, erstaunt, fassungslos und ein bisschen überfordert, als mir Paypal eine Mail schickte mit der Summe, die mir gerade überwiesen worden war. Ich behalte den genauen Betrag mal für mich, aber er reicht inklusive Trinkgeld großzügig für das derzeit angebotene Gourmet-Menü im Tantris – das mit den besonderen Weinen, auf die ich so scharf bin. Ich ahne, dass auch die reguläre Weinbegleitung keine Plörre aus dem Tetrapak ist, aber ich freue mich fast mehr auf die Weine als auf das Essen. Das ist jetzt alles von einer Leserin finanziert worden, und ich bin auch einen Tag später immer noch sprachlos. Ich habe mich natürlich schon per Mail bedankt, aber ich mache das hier nochmal. Vielen Dank für dieses unglaubliche Geschenk, ich habe mich so sehr gefreut, dass ich nur noch hysterisch brabbelnde DMs an F. schicken und weinerliche Tweets absetzen konnte.

Den Tisch haben wir heute morgen reserviert. Wir werden wenige Tage, bevor mir die Master-Urkunde überreicht wird, fürstlich tafeln und trinken. Das ist fast auf die Woche genau fünf Jahre, nachdem ich meine erste Vorlesung an der LMU hatte.

Was schön war, Freitag, 18. August 2017 – Saisoneröffnung

Vormittags traf ich mich mit einer Bekannten, die ich, wenn ich mich richtig erinnere, nur zweimal persönlich in Hamburg gesehen hatte; seitdem folgen wir uns auf diversen sozialen Kanälen, und jetzt war die Dame halt in der Stadt und hatte mich gefragt, ob ich Lust auf ein kurzes Treffen hätte zwischen Kinderferienprogramm und beruflichen Verpflichtungen. Hatte ich. Wir saßen bei Tante Emma, genossen Milchkaffee und diskutierten augenrollend Politik, bis uns auffiel, dass wir ja mal über was Nettes sprechen könnten: „München?“ „München!“

Danach radelte ich zur Unibibliothek, wo ein Buch auf mich wartete. Ich hatte mich an Irmtrud Wojaks Biografie über Fritz Bauer etwas verhoben; das Buch ist zwar irrsinnig ausführlich, aber genau das macht es nicht so recht lesbar. Wenn ich eine Hausarbeit über Herrn Bauer schreiben müsste, wäre das Ding perfekt, weil ich querlesen und nach Stichworten suchen könnte, ein Lesevergnügen ist es allerdings nicht. Daher versuche ich es jetzt mit Ronen Steinkes kürzerem Werk, das mir ein freundlicher Follower auf Instagram empfohlen hatte.

Bei der Buchabholung kam ich mir etwas seltsam vor, denn ich bin ja im Prinzip mit dem Studium fertig. Irgendwie fühlte ich mich nicht mehr richtig zugehörig. Das ändert sich hoffentlich wieder, wenn mein Ausweis zum Promotionsstudium im Briefkasten liegt.

Zuhause wartete im E-Mail-Postfach die offizielle Bestätigung, dass ich meine Masterprüfung bestanden hätte und mir nun entweder mein Zeugnis im Prüfungsamt abholen oder es mir im Oktober feierlich überreichen lassen könnte. Ich nehme den Oktober. (Und stecke mir dann die vorgestern gekaufte Absolvente in die Hosentasche.)

Abends fuhr ich in die Allianz-Arena, wo der FC Bayern die neue Bundesligasaison gegen Leverkusen eröffnete.

Ich teile mir in dieser Saison eine Dauerkarte für den FC Augsburg und wollte daher eigentlich gar nicht mehr in die Allianz-Arena, auch aus finanziellen Gründen. Der ehemalige Mitbewohner, mit dem ich vorgestern einen kleinen Powerlunch eingelegt hatte, mochte aber seine Dauerkarte nicht nutzen und fragte, ob ich vielleicht … und als er fragte, merkte ich, dass ich doch große Lust hatte.

Gestern waren es tagsüber in München über 30 Grad, für den Abend waren aber eine Abkühlung auf unter 20 Grad sowie Gewitter und Regen angesagt. So zog ich feste Schuhe und Hosen an anstatt Rock und Sandalen, die für 30 Grad eindeutig passender waren, und schleppte meine Regenjacke mit, die ich bisher nur beim Walken im Frühjahr bei Nieselregen angetestet hatte. Ich stellte befriedigt fest, dass das traditionelle Stadion-Suhrkamp perfekt in die Innentasche passte. Beim FCA darf man noch Rucksäcke mit in die Arena nehmen (ich frage mich bei jedem Spiel, wie lange noch), beim FCB seit letzter Saison nicht mehr. Daher habe ich mir angewöhnt, alles in Hosen- und Jackentaschen unterzubringen oder eine kleine, alberne Handtasche über dem Trikot zu tragen, in der Sonnenbrille und Baseballcap Platz finden, die ich vor allem in Augsburg brauche, weil man da bei 15.30-Uhr-Spielen irgendwann halt Sonne abkriegt.

Gestern war es netterweise ein 20.30-Uhr-Spiel, das heißt, ich konnte auf die Tasche verzichten und stopfte mir Labello, Asthmaspray, Schüsselbund, Dauerkarte und Allianz-Arena-Bezahlkarte (die ich nie benutze) in die eine Hosentasche sowie das iPhone in die andere. In der hinteren Hosentasche landeten ein Notfallgeldschein sowie Perso, Studiausweis und Semesterticket, die man zusammen vorzeigen muss, damit das Semesterticket gilt. Nicht, dass ich jemals auf dem Weg ins Stadion kontrolliert worden wäre, aber man weiß ja nie.

Ich erwischte eine halbwegs leere Bahn am Sendlinger Tor und genoss Sitzplatz und Suhrkamp. Beim Weg die Esplanade hoch hielt ich vergeblich Ausschau nach den neuen Pollern, die dafür sorgen sollten, dass man nicht mit dem Auto auf eben diese Esplanade fahren kann, was ja gerade wieder fürchterliche Aktualität hat. Als ich am Stadion ankam, war ich latent angeschwitzt, aber richtig schwitzte ich erst in der anscheinend unvermeidlichen Schlange an den Einlasstoren. Dieses Mal stand ich hinter zwei Herren, die Sonnenblumenkerne kauten und die Schalen irgendwie seitlich-rückwärts wegspuckten. Der eine von beiden hatte sich für diese Tätigkeit seinen Kaugummi hinters Ohr geklebt.

Ich drängelte mich elegant in eine andere Schlange.

Eine knappe Viertelstunde vor Anstoß war ich am Platz. Eigentlich war ich latent genervt von der Hitze und dem ollen Einlass, aber sobald ich saß, meinen üblichen Dauerkartennachbarn zur Rechten begrüßt und einen neuen Nachbarn zur Linken festgestellt hatte, mich umschaute und durchatmete und ankam und die Stadionregie netterweise (zunächst) nicht das beknackte Forever Number One, sondern Diese Tage voller Sonne spielte, merkte ich doch, wie groß die Freude darüber war, wieder hier sitzen zu können.

Den Spielbericht schenke ich mir; erwähnenswert war aber dann doch das Gewitter sowie der starke Regen, der Ende der ersten Halbzeit einsetzten. Zunächst wurde es deutlich windiger, was mir kleinem verschwitzten Wuschel sehr gut gefiel. Dann wurde es schlagartig kühler und ich überlegte noch, ob ich mir die Jacke anziehen sollte, als die ersten Tropfen mich erwischten, die blitzschnell zu Dauerregen wurden. Normalerweise ist der Mittelrang halbwegs sicher, auch wenn mal Regen reinweht. Ich sitze in der ersten Reihe, weswegen ich damit rechnete, etwas abzubekommen, aber auf diese Massen an Wasser war ich nicht vorbereitet. Der Unterrang flüchtete nach wenigen Sekunden ins trockene Arena-Innere und füllte sich auch bis Spielende nicht mehr so recht, der Oberrang hatte es warm und gemütlich – und meine Mitsitzer und ich waren mittendrin. Ich stellte befriedigt fest, dass meine Regenjacke absolut dicht hielt. Meine Hosen waren allerdings relativ schnell nass, aber: Die lustigen Zaunfahnen bzw. Transparente, die an den Rängen befestigt waren, wurden nun zweckentfremdet. Sie wehten eh die ganze Zeit hoch, so dass wir sie irgendwann nach innen rollten und als perfekte Regendecke nutzten. Fünf Minuten vor der Pause wurde der Regen allerdings so stark, dass sich auf ihnen in Sekunden der Regen sammelte; ich konnte sie kaum noch halten und auch meine Kapuze war dauernd dabei, weggeweht zu werden, also trat ich den Gang ins Innere an wie meine Nachbarn auch.

Die zweite Halbzeit begann mit einer Viertelstunde Verspätung. Die Südkurve – jedenfalls der männliche Teil davon – war längst oberkörperfrei und sang bei prasselndem Regen „Oh, wie ist das schön“. Die Stadionregie brauchte ewig, um wenigstens „Why does it always rain on me“ anzuspielen, und erst kurz vor dem Wiederanpfiff kam endlich „Thunderstruck“. Das geht noch besser, Kinnings.

Ich gehöre seit letzter Saison zu den Leuten, die sofort mit Abpfiff aus dem Stadion gehen und nicht mehr beim Bierchen darauf warten, dass die U-Bahnen leerer werden. Ich habe nämlich gemerkt, dass man auch so prima einen Sitzplatz kriegt, wenn man zuguckt, wie auf dem einen Bahnsteig die Bahnen halten und sich dann auf dem gegenüberliegenden genau an der Stelle platziert, wo die Türen sich öffnen werden. Man wartet, wenn’s hochkommt, fünf Minuten, steht direkt an der Tür, wenn die nächste Bahn einfährt und kommt entspannt rein. Gestern klappte auch der Umstieg in den Bus (statt U-Bahn wegen Baustellenarbeiten) auf die Sekunde genau, und ich war ebenso entspannt zuhause. Allerdings gleichzeitig verschwitzt und nass. Egal. Schön war’s.

Ein kühles Dankeschön …

… an Holgi, der mich mit einem Flaschenzubereiter für Cold Brew überraschte. Auf das Produkt hatte der gute Mann mich selbst hingewiesen und meinte per Twitter, dass ich es doch mal auf meinen Wunschzettel schmeißen sollte. Hab ich gemacht – und eine Minute später war er gekauft. Der Schlingel!

Ich finde die Flaschenform, die prima in die Kühlschranktür passt, ziemlich clever. Der Aufsatz aus Weichplastik ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, man kann ihn aber gut benutzen und reinigen, und weil er eben ein Aufsatz ist, kann man auch die Flasche, die dadurch eine große Öffnung hat, vernünftig putzen anstatt mit den ollen Flaschenbürsten arbeiten zu müssen, denen ich irgendwie misstraue. Ich muss jetzt nicht mehr versuchen, meine French Press irgendwie im Kühlschrank unterzubringen, sondern stelle einfach die Flasche in die Tür. Das klappt sehr gut – während ich den Blogeintrag von eben schrieb, genoss ich den ersten wohlschmeckenden Cold Brew aus eben dieser Flasche. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut. *schlürf*

Was schön war, die letzte Woche – Kunst und Kleinkram

Letzten Donnerstag fuhr ich nach Regensburg, um mir die Ausstellung Artige Kunst. Kunst und Politik im Nationalsozialismus anzuschauen. Auf der Zugfahrt dorthin schaffte ich die komplette FAZ, und auf der Rückfahrt las ich die Radium Girls weiter, während von draußen akustisch angenehm der Regen auf den Zug prasselte. Im noch trockenen Regensburg ließ ich mich per Bus in die Ostdeutsche Galerie chauffieren und sah aus dem Fenster eine vielversprechende Altstadt, die ich dringend besichtigen möchte. Eigentlich wollte ich die Ausstellung gleich am nächsten Tag verbloggen, aber man kommt ja zu nichts, denn:

Am Wochenende beschäftigten mich die Vorfälle in Charlottesville, was natürlich überhaupt nicht schön war – leider aber auch nicht großartig überraschend, wenn man sich mal für fünf Sekunden mit den Südstaaten beschäftigt hat. Ich hatte mir vor Monaten und dann immer wieder vorgenommen, nicht mehr über Trump zu twittern, weil es nichts bringt, weil ich hier in Deutschland eh nichts an seiner Politik ändern kann, aber Charlottesville hat mich zu sehr belastet, um nicht ein paar Artikel zu teilen, die ich lesenswert oder nachdenkenswert fand. Wobei ich immer noch nicht weiß, ob das die richtige Taktik ist, mit Stress umzugehen. Vielleicht wäre die Idee, bei jedem schlimmen Vorfall eine Woche Internetfasten einzuschieben, auch sinnvoll, um dann mit Abstand die guten Think Pieces zu erwischen. Andererseits kann man dann vermutlich auch gleich den Rechner einmotten, weil immer irgendwas schlimm ist.

Ich war wieder gleichzeitig dankbar für Twitter, weil man schnell mitbekam, wie sich Dinge entwickelten; ich folge vielen amerikanischen Medien bzw. einigen Journalist*innen, die nicht unbedingt sofort alles als BREAKING raushauen, daher fühlte ich mich gut informiert, aber nicht überfordert. Gleichzeitig bekam ich natürlich auch viele emotionale Tweets mit, Bilder, von denen recht schnell klar war, dass sie nicht aus Charlottesville stammten und die dann trotzdem ewig retweetet wurden, der übliche Twitter-Kreislauf halt. Das nervte dann wieder, und allmählich verliere ich die Geduld mit Social Media, weil es immer so weiter geht und wir alle anscheinend nie etwas dazulernen.

Am Montag saß ich im ZI und wollte eigentlich über die NS-Ausstellung schreiben, schleppte aber spontan alles, was ich zu Südstaaten-Denkmälern finden konnte, an den Platz und las (und bloggte anschließend darüber). Nebenbei blätterte ich in (älteren) Katalogen, die sich explizit mit Schwarzen Künstler*innen und ihren Werken beschäftigen, was ähnlich doof ist wie Ausstellungen, in denen nur Kunst von Frauen hängt, weil es sich immer anfühlt wie „Seht her, die können das auch, wer hätte es gedacht“. Es war nötig, dass man irgendwann solche Ausstellunge machte, einfach um andere Namen in den Kanon zu kriegen, aber es hatte – und hat – einen sehr gönnerhaften Beigeschmack.

Ich bin auch noch nicht fertig zu durchdenken, dass von Schwarzen Künstler*innen anscheinend eher erwartet wird, sich mit Sklaverei und der spezifisch schwarzen Geschichte der USA zu befassen. Genau wie Kunst von Künstlerinnen gerne als explizit feministisch hingestellt wird. Ich glaube, beides ist falsch, aber ich kann mich selbst auch irrsinnig schwer von solchen Erwartungen und Zuschreibungen lösen. Auch deswegen gucke ich inzwischen immer in Ausstellungen erst auf die Werke und versuche mir selbst ein Bild zu machen, bevor ich auf den Aushang schaue, auf dem steht, was ich da gerade sehe. Und trotzdem erwische ich mich noch dabei, Quatsch zu denken wie „Ach, ne Frau, klar, das Bild sieht ja auch so aus.“ Blödsinn. Doofer Blödsinn. Ich hoffe, alleine die Tatsache, dass mir bewusst es, dass es Blödsinn ist, bringt mich irgendwann dazu, neutraler auf Bilder schauen zu können. Andererseits weiß ich natürlich auch, dass man nie ganz neutral auf Kunst gucken kann, weil man Erwartungen, Erlebnisse, Erziehung und Konditionierungen mitbringt, die in den angeblich ganz individuellen Blick hineinspielen.

Ansonsten verbringe ich meine Tage derzeit damit, Akquise zu machen und schreibe so ziemlich jede Kollegin an, mit der ich mal zusammengearbeitet habe, um der Werbewelt wieder mitzuteilen, dass man mich wieder länger buchen kann. Das hat auch schon zu netten Mailantworten und Telefonaten geführt sowie zu zwei Anfragen, aus denen zwar leider nichts geworden ist, die aber beide von Agenturen kamen, für die ich noch nie gearbeitet hatte. Da hat anscheinend schon jemand mal meinen Namen fallengelassen, was mich sehr gefreut hat.

Ich hoffe, der erste anständige Auftrag lässt nicht mehr allzu lange auf sich warten, denn meine Selbstbelohnungen für das abgeschlossene Studium warten. Den ersten Teil habe ich gestern schon erledigt und mir endlich die Absolvente gekauft – ein Quietscheentchen mit dem LMU-Siegel auf dem Doktorhut. Auf die habe ich mich seit fünf Jahren gefreut und ich grinse jetzt immer, wenn ich sie im Bad sehe.

Der zweite Teil der Selbstbelohnung wird etwas teurer, aber auch auf ihn freue ich mich seit fünf Jahren: Ich möchte endlich ins Tantris gehen, mit Raritäten-Weinbegleitung und allem Schnickschnack, den der Laden zu bieten hat. Ich wäre deutlich entspannter, wenn ich dafür ein bisschen frisches Geld auf dem Konto hätte.

Bis dahin schreibe ich weiter Mails und lungere bei Behörden und Copyshops rum, um meine Bewerbungsunterlagen für das Promotionsstudium zusammenzukriegen. Gestern war ich zum Beispiel im Kreisverwaltungsreferat, um ein polizeiliches Führungszeugnis zu beantragen, das hätte die LMU gerne. Das KVR hat anscheinend ein paar Zuständigkeiten neu ausgewürfelt. Ich hatte mich schon auf drei Stunden Wartezeit wie damals bei der Ummeldung von Hamburg nach München eingestellt und war dementsprechend vorbereitet (Getränk, Snack, FAZ, Radium Girls, voll aufgeladenes iPhone). Am Eingang entdeckte ich netterweise den Hinweis, dass man für ein Führungszeugnis nicht in einem der üblichen Wartebereiche anstehen musste, die sich am Anfangsbuchstaben des Nachnamens orientieren und wo man dann quasi alles beantragen kann, aber eben auch ewig warten muss, weil da alle alles beantragen. Stattdessen wurde ich in einen gesonderten Wartebereich gelotst, bekam von der Dame an der Infotheke eine Nummer anstatt sie am Automaten zu ziehen – und konnte kaum glauben, dass nur fünf Leute vor mir dran waren. In einer knappen Viertelstunde war ich wieder draußen.

Konföderierte Reiterstandbilder im Süden der USA – eine kleine kunsthistorische Annäherung

Gestern twitterte ich einen Artikel aus dem Atlantic, der sich mit den diversen Statuen und Denkmälern von Südstaatengenerälen, vor allem Robert E. Lee, beschäftigt und dafür argumentiert, sie endlich alle abzureißen oder einzumotten. Mich hat die Menge an Denkmälern erstaunt, die anscheinend noch stehen und an die konföderierten Südstaaten des amerikanischen Bürgerkriegs erinnern:

„As of August 2016, there were still more than 1,500 public commemorations of the Confederacy, even excluding the battlefields and cemeteries: 718 monuments and statutes still stood, and 109 public schools, 80 counties and cities, and 10 U.S. military bases bore the names of Lee, Jefferson Davis, and other Confederate icons, according to a tally by the Southern Poverty Law Center. More than 200 of these were in Virginia alone.“

Ich ahne, dass ich nicht mehr erklären muss, in welchem Bundesstaat Charlottesville liegt, das gerade in den Nachrichten Schlagzeilen macht. Ich mach’s trotzdem: Es liegt in Virginia. Virginia ist einer der dreizehn Gründungsstaaten der USA und gehörte im Bürgerkrieg zu den Südstaaten; die Hauptstadt der Konföderation war Richmond (Va). In Richmond wurde recht schnell nach dem Ende des Bürgerkriegs (1861–1865) über ein Denkmal zu Ehren von Robert E. Lee nachgedacht; bereits 1870 begann man mit den Planungen. 1890 wurde das Denkmal in Richmond schließlich eingeweiht; es bildet heute einen Teil der sogenannten Monument Avenue.

Das Denkmal zeigt den General zu Pferd und steht damit in der Tradition eines anderen Reiterstandbilds in Richmond. Es orientiert sich bewusst am Monument von Thomas Crawford, das George Washington zeigt, der ebenfalls zu Pferd skulptiert wurde. (Wenn ich der Wikipedia glauben darf, wurden Teile des Denkmals in München gegossen.) Washington kam aus Virginia; das Standbild betont dann auch eher seine Rolle als Einwohner Virginias anstatt der eines Einwohners der Vereinigten Staaten. Zur Zeit des Baubeginns des Standbilds (1850, fertiggestellt 1869) bestanden bereits große Spannungen zwischen den zukünftigen Nord- und Südstaaten. Um Washington herum wurden nach und nach weitere sechs Einwohner Virginias gruppiert, so dass das Denkmal primär nicht den Staatsgründer Washington zeigt, sondern einen bzw. sieben Kämpfer aus Virginia.

Wie sehr die Betonung auf Virginia und dessen Politik und nicht den USA galt, zeigt auch die Diskussion um die Materialauswahl. Einer der Abgeordneten Virginias fragte, ob Bronze statt Marmor wirklich das beste Material für die Statue sei: „[It] would look like so many negroes.“ Der Künstler Crawford versicherte, dass die Statue durch Nutzung von goldenen Details, zum Beispiel an der Uniform, eine „rich and beautiful color“ bekommen würde; ein Journalist schrieb 1850 im Richmond Enquirer, „pure bronze can never become black.“ Dadurch, dass es eine metallische Verbindung sei, „is it easy for the artist to produce a variety of colors, darker or brighter.“ (McInnis 131) Bronze als Material strahlt zudem mehr Härte und Stärke aus als Marmor, dessen Erscheinung weicher oder sogar weiblicher wahrgenommen wird.

Bei der Einweihung der Statue erklärte Senator James M. Mason: „We have brought the memory of Washington back to Virginia.“ (McInnis 133) Im Vorfeld des Bürgerkriegs betonten Politiker der zukünftigen Südstaaten stets, dass es ihnen nicht darum ging, die Union zu spalten, sondern stattdessen das Vermächtnis der ersten Revolution zu erhalten – ähnlich wie heutige White-Pride-Ideologen sich auf eben diese Revolution beziehen, wenn sie davon sprechen, sich Dinge oder Fakten oder Status zurückzuholen, von denen sie glauben, sie seien verloren.

Das Staatssiegel des konföderierten Virginias zeigte die Statue Washingtons in Richmond. Dass er zu Pferde abgebildet ist, ist kein Zufall. Diese Abbildung erweckt nicht nur Assoziationen an seinen militärischen Kampf gegen die Briten, sondern zeigt schlicht einen Mann, der über anderen steht. Zugleich erinnert die Pose an berittene Aufseher auf Plantagen der Südstaaten, auf denen Millionen von Sklav*innen Zwangsarbeit leisteten. In einem Entwurf zu einen Giebel des neuen State Houses in South Carolina waren neben antikisierten Darstellungen von Frauen auch ein Aufseher zu Pferd sowie gebückt kauernde Sklaven zu sehen. Der Entwurf wurde nie umgesetzt. (Kleiner Exkurs zu den Plantagen: Der Historiker Peter H. Wood schlug vor, nicht mehr das idyllisch konnotierte plantation als Begriff zu nutzen, sondern slave labor camps. (Vlach 24))

Genau diese Art der herrischen Abbildung wurde auch für das Denkmal von Robert E. Lee in Richmond gewählt. Auch er war Kriegsteilnehmer, aber seine Darstellung zu Pferd steht mehr in der Tradition von weißer Vorherrschaft als in der eines Mannes im Militär. Lee war ein Kriegsverlierer, genau wie Jefferson Davis, der Präsident der Konföderierten, von dem kolportiert wird, dass er versuchte, in Frauenkleidern zu fliehen, um sich einer Verhaftung durch die Nordstaaten zu entziehen. Davis konnte also in der Logik der Unterlegenen nicht als Vorbild dienen, weder als siegreicher Präsident noch als jemand, der die klassische Männlichkeit verkörperte. Lee hingegen wurde sehr schnell die irreale Abbildung von alter Südstaatenüberlegenheit, weißer Vorherrschaft und siegreichem Freiheitskampf. Frederick Douglass schrieb bereits 1870: „We can scarcely take up a newspaper … that is not filled with nauseating flatteries of the late Robert E. Lee.“ (Terrono 153) Zur Jahrhundertwende galt Lee anstatt Ulysses S. Grant zusammen mit Abraham Lincoln als eine der wichtigsten Figuren des Bürgerkriegs.

„The fundamental effect of installing Lee als the South’s premier representative was that it depoliticized the Confederacy after the fact. With Lee as the major historical actor, the story of the Lost Cause became a glorious military record rather than a political struggle to secure a slaveholding nation. The white South’s urgent need to dissociate the Confederacy from slavery after the war dictated this strategy of depolitization. […] [Lee] was less vitally attached to the institution than the typical Southern planter and he could more credibly claim afterward that he had not fought to defend it. In the late 1860s he was a living example of the white South’s collective reversal on slavery. His historical role as a leader of soldiers – not a maker of policy – complemented and enhanced that personal example. In some ways he fit the classical mold of the reluctant leader, as George Washington had, and like Washington […] he was thought to be above politics. For all these reasons he was the obvious man to personify a newly revised, newly remembered Confederacy – a Confederacy that pretended to have fought a heroic struggle not for slavery but for liberty, defined as the right of states to self-determination.“ (Savage 131)

Diese Stimmung des reinen Freiheitskampfes hielt nicht lange. Die Reconstruction wurde schnell zurückgedrängt, die Idee von white supremacy erstarkte wieder. Das Lee-Monument in Richmond wurde von der Zeit seiner Enthüllung 1890 bis 1932 der Schauplatz einer jährlichen „Confederate reunion“ und machte vor allem der schwarzen Bevölkerung stets die Rassendynamik und ihre Rolle klar. „In a column at the time of the unveiling, the editor of the Planet answered the question ‚What it means‘ that Richmond had been decorated with emblems of the ‚Lost Cause‘. Contrary to what some Northern papers reported, the Planet said, ‚No flags of the Union ornamented the procession. Only the stars and bars could be seen, the ‚rebel yell‘, under the flag of the secession which waved proudly.‘“ (McInnis 139) 1902 hatte Virginia eine neue Verfassung, die die Zeit der Reconstruction fast vergessen machte und Jim-Crow-Laws etablierte. Spätestens jetzt war die Idee der angeblich freiheitlichen Südstaaten der einer Rassenideologie gewichen bzw. zu ihr zurückgekehrt.

Die Reiterstandbilder blieben als deutliches Symbol für white supremacy weithin sichtbar. Noch 2012 veranstalteten die Sons of Confederate Veterans eine sogenannte Heritage Rally – zu Füßen des Standbilds von Lee in Richmond.

Das Denkmal von Lee in Charlottesville wurde laut Atlantic 1924 eingeweiht. In den 1920er und 1930er Jahren gab es mehrere Kampagnen, in denen im Süden vor allem Lee und Thomas J. „Stonewall“ Jackson neu und historisch mythologisierend positioniert werden sollten. Die Kampagnen waren ein bundesweiter Versuch, die noch junge Vergangenheit zu nutzen, um in der Zeit der Great Depression positive Lehren zu ziehen. Geplant war, erstmals alle Teilnehmer*innen des Bürgerkriegs zu würdigen; in den Südstaaten führten diese Kampagnen aber zum Gegenteil – sie riefen Gefühle von Verbundenheit für den Lost Cause sowie regional begrenzten Patriotismus hervor. Die neuen Statuen, die errichtet wurden, zeugten nun nicht von Lees und Jacksons Kampf für einen rassistischen Sklavenhalterstaat; stattdessen bewunderte man die Standhaftigkeit ihrer Überzeugungen, für die sie eingetreten waren und die nun als eine Tugend hochgehalten wurden. Auch ihre christliche Religion wurde in Inschriften hervorgehoben, während ihr Mitwirken an der weißen Vorherrschaft schlicht ignoriert wurde. In dieser Zeit entstanden auch verstärkt Abbildungen von angeblich dankbaren, treuen Sklav*innen, während ein 1923 geplantes Monument in Washington für die „Faithful Colored Mammy of the Southland“ gerade noch durch engagierte Widerrede von Schwarzen Amerikaner*innen abgewendet werden konnte.

1948 wurde ein Denkmal der beiden Generäle in Baltimore eingeweiht; im Sinne der Zeitströmung direkt nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie als „glorious heritage of all freedom-loving people“ bezeichnet. Die Reaktion des Schwarzen Amerikas klang anders: Ein Autor des Afro-American, der in Baltimore erschien, verglich Lee und Jackson mit Hitler, der genau wie die beiden Generäle eine Politik von Rassenauslöschung und Versklavung betrieben habe.

Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen sind auch heute noch vorhanden. Die zweite der beiden Lesarten ist meiner Meinung nach einen Hauch überzeichnet, weist aber in die richtige Richtung. Die andere ist historisch schlicht nicht haltbar. Der Atlantic schreibt sehr treffend:

„The statues in public squares, the names on street signs, the generals honored with military bases – these are the ways in which we, as a society, tell each other what we value, and build the common heritage around which we construct a nation.

The white nationalists who gathered in Charlottesville saw this perhaps more clearly than the rest of us. They understood the stakes of what they were defending. They knew that Lee was honored not for making peace per se, but for defending a society built upon white supremacy – first by taking up arms, and then when the war was lost, by laying them down in such a way as to preserve what he could.“

Arthur C. Danto schrieb 1985 über den Unterschied zwischen monuments und memorials, der im deutschen Denkmal nicht ganz so trennscharf ist:

„We erect monuments so that we shall always remember, and build memorials so that we shall never forget. […] Monuments commemorate the memorable and embody the myths of beginnings. Memorials ritualize remembrance and mark the reality of ends.“ (Danto 152)

Ich bin mir bei den vielen Denkmälern für konföderierte Generäle und Soldaten immer noch nicht sicher, an was sich erinnert werden soll. Ich kann die Memorials an Kriegsschauplätzen verstehen, genau wie ich deutsche Soldatenfriedhöfe in der Sowjetunion verstehen kann. Auch wenn der Anlass für den Kampf grundfalsch war, ist es meiner Meinung nach verständlich, dass Nachkommen einen Platz für ihre Trauer haben möchten. Dass man Generälen Standbilder errichtete, die von Anfang an entweder eine rassistische Ideologie verherrlichten oder schlicht Geschichtsfälschung bebildern, ist im Nachhinein leider auch nachvollziehbar – nicht nachvollziehbar ist es aber, sie heute nicht in einen musealen, didaktischen Kontext zu betten.

Literatur für diesen Eintrag:

Abousnnouga, Gill/Machin, David: The Language of War Monuments, London/New York 2013.

Danto, Arthur C.: „The Vietnam Veterans Memorial“, in: The Nation, 31.8.1985, S. 152–155.

Foner, Eric: Reconstruction: America’s Unfinished Revolution, 1863–1877, New York 1988.

McInnis, Maurie D.: „‚To Strike Terror‘: Equestrian Monuments and Southern Power“, in: Savage, Kirk (Hrsg.): The Civil War in Art and Memory, Washington 2016, S. 125–146. (Der ganze Band ist sehr lesenswert.)

Mcpherson, James M.: Battle Cry of Freedom. The Civil War Era, Oxford 1988. (Meine ewige Empfehlung in diesem Blog für eine gute Einführung in den Bürgerkrieg. Gibt’s auch auf Deutsch.)

Savage, Kirk: Standing Soldiers, Kneeling Slaves. Race, War, and Monument in Nineteenth-Century America, Princeton 1997.

Terrono, Evie: „‚Great Generals and Christian Soldiers‘: Commemorations of Robert E. Lee and Stonewall Jackson in the Civil Rights Era“, in: Savage, Kirk (Hrsg.): The Civil War in Art and Memory, Washington 2016, S. 147–170.

Vlach, John Michael: „Perpetuating the Past. Plantation Landscape Paintings Then and Now“, in: Kat. Ausst. Landscape of Slavery. The Plantation in American Art. University of Virginia Art Museum, Charlottesville (Va)/Gibbes Museum of Art, Charleston (S.C.)/Morris Museum of Art, Augusta (Ga), Columbia 2008, S. 16–29.

Was schön war, Mittwoch, 9. August 2017 – Im Prüfungsamt

Die Schlange war deutlich kürzer als erwartet, als ich kurz nach 9 auftauchte.

Anklopfen, eintreten, immer noch kein Studi in Sicht. Das ist neu. Aber schön, dann kann ich der Sachbearbeiterin ja lauter Fragen stellen. Das tat ich: „Ich hab mich nicht zurückgemeldet bzw. ich hab keine Studiengebühren mehr überwiesen, komm ich noch ins Wintersemester?“ – „Muss ich in die Studierendenkanzlei oder zu Ihnen?“ – „Bis wann denn eigentlich?“ und die wichtige Frage „Bis wann krieg ich denn das Masterzeugnis, damit ich mich für den Promotionsstudiengang bewerben kann?“

Dame: „Ich kann Ihnen ein vorläufiges Zeugnis ausdrucken, das reichen Sie dann ein, falls das eigentliche Zeugnis noch nicht da ist.“

Icke: „Das heißt, ich könnte jetzt von Ihnen meine Endnote erfahren?“

Dame: „Sind denn schon alle Noten im Transcript of Records eingetragen?“

Icke: „Jepp.“

Dame: „Haben Sie Ihren Studentenausweis dabei?“

Icke: „Jepp.“ *zück*

Dame: *tippt* „Was glauben Sie denn, was Sie haben?“

Icke: *lach* „Ich würde mich über irgendwas zwischen 1,1 und 1,2 freuen.“

Dame: „Nee, Sie sind besser.“ *druckt was aus* „Ich muss das noch siegeln.“ *geht nach nebenan und drückt mir den Bogen in die Hand. „Schönen Tag noch.“

Icke: *guck*

Icke: „Werd ich haben, dankeschön.“

Dann dämlicherweise noch einen Blick in den offenen Lieblingshörsaal (Team B 201! Stirb, A 240, stirb!) geworfen und mir wieder bewusst gewesen, dass ich da vermutlich nie wieder sitzen werde. Traurig geworden. Dann wieder über die Endnote und mein MA-Studium gefreut. Dann wieder traurig geworden. Und so ging das den ganzen Tag weiter.

Abends kam F. zum Feiern und Trösten vorbei und wir rechneten den Schnitt noch einmal nach. Mir war immer noch nicht klar, ob zum Beispiel mein Nebenfach weniger zählte als das Hauptfach oder die Masterarbeit mehr wiegt als ein Seminar. Der Herr Naturwissenschaftler zückte den Taschenrechner und erklärte mir seinen Rechenweg. Danach plustere ich mich für zwei Sekunden auf und quengelte was von „Wenn das blöde Kindheitsreferat nicht ne blöde 2,0 geworden wäre, dann …“, woraufhin F. mich liebevoll-augenrollend stoppte und fragte: „Du diskutierst hier nicht gerade über die zweite Stelle nach dem Komma in einer Gesamtnote von 1 Komma fucking null sieben?“

Und erst da fiel mir selbst auf, was all meinen Mitmenschen, die seit zehn Semestern ebenfalls liebevoll-augenrollend von außen auf mich draufgucken, von Anfang an klar gewesen war: Ich habe immer mein Bestes gegeben. Ich habe keine einzige Hausarbeit und kein einziges Referat irgendwann abgeschenkt und gedacht, ach, ne Einssieben reicht ja auch. Ich wollte immer eine Einsnull und war dementsprechend knörig, wenn es nur, nur! eine Einsdrei wurde. Aber den Satz „Ich habe immer mein Bestes gegeben“ verstand ich erst gestern. Mehr ging nicht, und deswegen passt die Note natürlich auch.

Das war ganz schön, endlich mal selbst zu kapieren, dass man anscheinend fünf Jahre lang einen sehr guten Job gemacht hat.

Was schön war, Dienstag, 8. August 2017 – Kein Aua, dann Yay und *schmatz*

Morgens war ich beim Zahnarzt. Das macht ja eigentlich nie Spaß und ist dazu auch noch teuer (eine super Kombination), aber trotzdem kam ich mit einem sehr positiven Gefühl aus der Praxis. Ich fühlte mich sehr umsorgt und als Patientin wahrgenommen, man achtete auf mich und legte keine fünf Kilo Instrumente auf meinem Brustkorb ab (wann hat diese Unsitte eigentlich angefangen?), und außerdem hatte ich zum ersten Mal eine Art Sabberlätzchen aus Stoff oder Zellulose unter dem Kofferdamm, was dafür sorgte, dass ich mich nicht über zwei Stunden lang vollsabberte und dummschwitzte. Und weh getan hat es auch nicht. Schmerzfreieste Spritze ever! Und die Zahnreinigung vor ein paar Wochen war auch prima. Vielleicht habe ich hier einen Glücksgriff gemacht. (Ich bin einfach in die Praxis reinmarschiert, an der ich beim Einkaufen immer vorbeikomme.)

Nachmittags schickte ich eine Mail an meinen Dozenten aus dem Rosenheim-Seminar mit der Bitte um einen Gesprächstermin: „Vielleicht schon mein Gesprächsthema vorweg: Es geht um eine mögliche Promotion bei Ihnen.“ Eine Stunde später kam die Antwort, dass ein Gespräch gerade schlecht sei wegen Urlaub, Dienstreisen und Zeug, und mitten in den ganzen Erklärungen, wann ich ihn wieder erreichen könnte, stand der Satz: „Diss passt.“

Abends ein ergoogeltes Rezept nachgekocht, weil ich noch Champignons und eine Avocado hatte, die dringend wegmussten. Das war schmackhaft, könnte aber deutlich mehr Chili vertragen.

Was schön war, Montag, 7. August 2017 – Onward

Morgens mit einer Bloggerin/Texterin/Yogineuse (dafür gibt es bestimmt ein besseres Wort, aber ich mag Yogineuse) zum Kaffee getroffen, um mir ein paar Tipps für die Münchner Agenturlandschaft geben zu lassen. Ich habe als festangestellte Texterin nur in Hamburg, als freie nur in Hamburg, Berlin und Stuttgart gearbeitet und daher in München kaum Werberkontakte. Das Treffen war schön mittendrin zwischen Plaudern und Professionalität, das hätte ich gerne öfter.

In diesem Zusammenhang: Die Grönersche wäre dann wieder für längere Buchungen zu haben, nicht mehr nur für hier mal nen Tag, da mal nen Tag wie in den letzten fünf Jahren. Jetzt wo ich kein enggetaktetes Semester mehr habe und mir die Zeit besser einteilen kann, fliege ich auch gerne wieder für ein paar Wochen woanders hin. Meine Spezialität ist weiterhin die Verkaufsliteratur, aber Klassik und dieses Interweb kann ich natürlich auch. Say hi!

Normale Temperaturen, also irgendwo um 20 Grad und nicht um 30. Ich kann mich darüber ja ewig freuen. Stupid summer.

Lange mit Mama telefoniert. Ich wollte ihr stolz von der Note für die Masterarbeit erzählen, die ich ihr ausgedruckt hatte zukommen lassen, und erfuhr, dass sie diese gerade an den Nachbarn ausgeliehen hat, den das Thema auch interessiert. So kriegt man also wissenschaftliche Texte an die Leute.

F. ist braungebrannt aus Wacken zurück. Kuschelentzug beendet.

Was schön war, die vielen letzten Tage

Als ich zur Synagogenbesichtigung fuhr, erwischte ich den besten Busfahrer Münchens. Wenn ich die Wahl habe zwischen Bus und allen anderen öffentlichen Verkehrsmitteln, nehme ich alle anderen öffentlichen Verkehrsmittel. U-Bahn und Tram sind für meinen Rücken und meine persönliche Bequemlichkeit besser, weil sie nicht so ruckelig-zuckelig fahren und sich nicht beim Aufenthalt an der Haltestelle zu einer Seite neigen. Außerdem ist die Chance auf einen Sitzplatz größer, weil sie einfach mehr Platz bieten. Aber der Bus fährt halt viele kleine Ecken an, die nicht von den schönen Schienenfahrzeugen bedient werden, also fuhr ich Bus.

Dieser Fahrer, den ich seit Wochen nicht vergessen kann, lenkte den Bus butterweichst um jede Kurve, bremste kaum spürbar und fuhr auch so wieder an, kein ruckelig-zuckelig. Außerdem bilde ich mir ein, dass die Haltestellenansagen die perfekte Lautstärke und die Klimaanlage die optimale Temperatur hatten, aber das kann auch nachträgliche Einbildung sein. Wer auch immer am 9. Juli so gegen 11.15 Uhr den 154er in Richtung Bruno-Walter-Ring gefahren ist – danke, Mann.

Ich freue mich immer noch über den Kaiserschmarrn. Wer mein Blog schon länger liest, bekommt eventuell den Eindruck, dass ich gut kochen könnte. Kann ich nicht. Ich kann manchmal gut kochen, und Pfannkuchen sind mein Endgegner. Deswegen gibt’s im Blog auch Rezepte für Bananen-Pfannkuchen, Buttermilch-Pfannkuchen und jetzt eben Kaiserschmarrn. Dieses total einfache Gericht kriege ich nur mit exakten Zutaten hin, während ich bei den angeblich so zickigen Macarons lustig aus dem Handgelenk Eischnee in Mandelmehl einrühre.

Rumlaufen.

Ich habe schon beim Familienbesuch gemerkt, dass es mir deutlich leichter fällt, längere Strecken zu Fuß zu gehen, seit ich regelmäßig walke. Und auch beim Documenta-Wochenende in Kassel habe ich freudig festgestellt, dass mir Wege keine Mühe mehr machen. Was allerdings immer noch doof ist, sind Treppen und Steigungen.

Im langen Eintrag zu meinem rechten Fuß erwähnte ich meine Fußheberschwäche. Das bedeutet, ich kann nicht mehr auf Zehenspitzen stehen. Wenn ihr mal drauf achtet: Beim Treppensteigen bewegt man sich eigentlich nur auf den Zehenspitzen. Da die bei mir nicht mehr funktionieren, mache ich irgendwas anderes, und ich kann nicht mal beschreiben, was ich genau mache.

Das ist auch nervig an diesen Einschränkungen oder körperlichen Andersartigkeiten: Neulich habe ich bei Freunden meinen rechten Schuh nicht mehr anbekommen, weil ich meinen Schuhlöffel vergessen hatte, und ich konnte schlicht nicht erklären, warum das nicht geht, obwohl ich den Schuh fast komplett aufgeknotet hatte. Ich sehe, was mein linker Fuß tut, um in den Schuh zu schlüpfen, aber ich kann es rechts trotzdem nicht reproduzieren.

Genauso geht es mir beim Treppensteigen. Ich ahne, dass ich rechts irgendwie aus dem Oberschenkel und dem unteren Rücken arbeite, und ich bin immer dankbar für ein Treppengeländer, an dem ich mich ein bisschen hochziehen kann. Aber generell gehöre ich zu den Menschen, die auch für ein Stockwerk den Fahrstuhl oder die Rolltreppe nehmen, weil es mich schlicht ungebührlich anstrengt, eine Treppe hochzukommen. Das hat natürlich auch was mit dem Gewicht zu tun, schon klar, aber ich war vor der OP genauso dick und da war Treppensteigen lästig, aber machbar. Jetzt ist es mehr als lästig. Wenn ich nach zwei Stockwerken im Hauptgebäude der LMU erstmal zwei Minuten Luft holen muss, ist das nicht in Ordnung. (Okay, das Gebäude ist aus dem 19. Jahrhundert, ein Stockwerk überwindet gefühlt acht Meter Höhenunterschied.) Anfangs habe ich noch gedacht, sei nicht so eine Memme, kletter und schwitz halt und hol dann Luft. In den letzten Semestern bin ich stattdessen irre Umwege gegangen, um einen Fahrstuhl zu finden. Falls ihr also mal dicke Menschen seht, die für kleine Strecken den Lift nehmen – es könnte andere Gründe als Faulheit haben. (Auch hier ahne ich, dass bei schlanken Menschen niemand drüber nachdenkt, wenn sie genau das gleiche tun.)

Warum ich jetzt davon anfange? Weil Kassel quasi nur aus Hügeln besteht. Das ging da nie mal hundert Meter einfach nur in einer Höhenlage geradeaus. Man kletterte dauernd Hügel hoch oder ging sie runter. Für gesunde Füße ist das wahrscheinlich eine hübsche Abwechslung, und so hässlich nachkriegsverbaut wie mir Kassel vorkam, sind die Hügelchen auch echt malerisch und damit eine Aufwertung des Stadtbildes, aber meine Güte, habe ich geflucht und geschwitzt. Trotzdem: Zwischen dem Fluchen und während des Schwitzens habe ich mich mehrfach darüber gefreut, dass mir die wenigen Meter, die ich nicht klettern musste, nichts mehr ausmachen. Wer hätte es gedacht: Man kann sich Kondition anspazieren.

Dieser Blogeintrag, der gleich mehrere Stellen hat, die ich auf dem Bildschirm mit Textmarker anstreichen wollte. „[R]elativ genau wissen, wo man sich befindet, die eigenen Koordinaten kennen, die Maße, den Standort. Näher als früher.“ „Es ist noch so weit bis geradeaus.“ „Die Stadt im Zustand der Überforderung, in dem sie sich eingerichtet hat, dass sie gar nicht mehr weiß, wie es ist, nicht immer einen halben Schritt zu weit zu gehen.“ „Selbst nach dem Weltuntergang würde er kleine Aufkleber auf die Trümmer kleben, die erzählen, was das mal war und wohin es gehört.“

Und die Wahlhelfer*innen-Schulung für die Bundestagswahl, von der ich lieber nichts ausplaudere, weil ich nicht weiß, was davon alles bitte nicht verbloggt werden sollte. Ich fühle mich jetzt aber gut gewappnet fürs Ehrenamt.

Die Schulung war auch deshalb schön, weil eine große Befürchtung von mir sehr schnell zerstreut wurde. Am Tag der Schulung waren es in München mal wieder 30 Grad, wie fast die ganze letzte Woche. Der Raum lag im obersten Stockwerk, hatte drei Glaswände und natürlich riss sofort jemand ein Fenster auf, damit auch ja (heiße) Luft reinkommt. Ich sah mich schon dreieinhalb Stunden lang leiden, aber: Die Haustechnik fuhr automatisch immer dort Rolläden runter, wo die Sonne draufschien und stellte andere an, die noch Licht, aber kaum Hitze reinließen. Und: Ich saß auf einem Platz, der die ganze Zeit einen winzigen Luftzug hatte; nie so ventilatorstark, dass er nervte, aber stets spürbar genug, um mich frisch und entspannt zu halten.

Was die Schulung mir auch mal wieder beibrachte und das war nicht schön: Die Leute, die am wenigsten Ahnung haben, reißen am lautesten die Klappe auf und sind meistens Kerle. In meinem Wahllokal sind wir laut Benachrichtigung sechs Frauen und ein Mann; ich hoffe also auf das Beste.

„Und, Anke, wie war so dein zehntes Semester?“

Es war das letzte, und das war mir immer bewusst.

(Erstes, zweites, drittes, viertes, fünftes, sechstes, siebtes, achtes, neuntes Semester.)

Ich habe gelernt, dass ich Bibliotheken sehr sinnlose Gefühle entgegenbringe. An der Historicumsbibliothek vorbeizuradeln, in die man nur als Studi darf und das bin ich ja bald nicht mehr, fühlte sich immer an, als würde man an der Wohnung eines Ex-Freundes vorbeifahren: sehnsuchtsvoll und gleichzeitig scheiße. Und wenn ich drin saß, habe ich einen seltsamen Besitzerstolz entwickelt und es genossen, dass die ollen BWLer und Mediziner*innen an der Pforte abgewiesen wurden, denn ab einer bestimmten Belegung dürfen nur noch gewisse Fakultäten rein. Geht woanders lernen, ihr Un-Geistis! THIS! IS! SPARTA!

(Memo to me: vielleicht doch irgendwann mal erwachsen werden. So geistig.)

Ich habe gelernt, dass ein Seminar mit wenigen Teilnehmerinnen äußerst produktiv ist. In meinem Oberseminar saßen nur die Prüflinge meiner Dozentin, drei BAs und vier MAs, wenn ich mich richtig erinnere, und wir stellten dem Plenum unsere Arbeit bzw. den Plan dafür vor. Danach gab nicht nur die Dozentin Feedback, sondern auch der Kurs, und weil wir nur so wenige waren, hat auch jede mal was gesagt. Ansonsten sitzt man gerne mit 25 Leuten in einem Raum und es reden immer die fünf gleichen. Ich fand es schön, zum Ende nochmal eine andere Art der Diskussion mitzukriegen. Die Kritik an meinem Plan war sehr sinnvoll, und die sechs Themen meiner Mitprüflinge habe ich mir auch gerne angehört.

Ich habe gelernt, wie wichtig und gut es ist, einen intellektuellen Sparringspartner zu haben. Auch wenn er dein Forschungsgebiet immer als „Nazischeiß“ bezeichnet.

Ich habe (wieder) gelernt, dass ich mit langen Texten sehr gut klarkomme. In der Werbung schrieb ich schon lieber Kataloge als Anzeigen, und als ich nach der Abgabe der Masterarbeit twitterte oder bloggte: „So einen langen Text habe ich noch nie geschrieben“, fiel mir ein, dass ich schon ein Buch verfasst hatte. Ähem. Mein Leben hat inzwischen wirklich sehr andere Prioritäten.

Ich habe bei der Arbeit erfreut festgestellt, dass es inzwischen relativ intuitiv geht, alles, was ich besprechen will, in sinnvolle Einheiten zu teilen. Ich beginne immer mit einer völlig ungeordneten Stoffsammlung, in die ich alles reintippe, was mir einfällt oder was ich zitieren will, alles, worüber ich beim Lesen stolpere, alles, was auch nur irgendwie mit meiner Frage zu tun hat (oder Fragen, die ihr ähnlich sind). Manchmal – oder eigentlich meistens – verändert sich die Frage auch, je mehr ich über ein Gebiet weiß.

Irgendwann merke ich, dass sich thematische Blöcke bilden lassen, also bilde ich sie, indem ich wild Textmassen verschiebe oder gleich in verschiedene Dokumente lege. Ich kann mich an diesen Blöcken entlanghangeln und zack, fertig, Supernote. (Ich verkürze meinen Arbeitsprozess sehr.) Dass diese Arbeitsweise, die ich seit dem ersten Semester praktiziere, auch für eine Masterarbeit taugt, hat mich gefreut.

Ich glaube, diese und die beiden Arbeiten aus dem neunten Semester waren die ersten, bei denen ich von Anfang an wusste, dass sie gut und rund werden. Sonst kam bei mir immer irgendwann die blöde Panik, nur Stuss zu schreiben. Gut, bei manchen Unterpunkten in der MA-Arbeit kam dieses Gefühl auch und aus den Textteilen, die ich gelöscht habe, kann man wahrscheinlich eine BA-Arbeit zusammenklöppeln, aber selbst wenn ich mal wieder haderte, wusste ich: Ich lass das jetzt liegen, guck da morgen nochmal drauf und dann fällt mir ein, was ich machen muss. Und so war es auch.

In diesem Zusammenhang: Ich kann auf die Frage „Bist du mit deiner Arbeit zufrieden?“ endlich ohne wenn und aber mit „Ja“ antworten. Mit der Kiefer-Hausarbeit war ich auch schon sehr glücklich, mit Leo im Prinzip auch, aber nach der Masterarbeit hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Ja, das ist sehr gut geworden.

(Lektorgirl am Telefon: „DASS ICH DAS NOCH ERLEBEN DARF!“)

Ich habe auch in diesem Semester wieder gelernt, dass ich nichts lieber tue als zu lernen. Jedes Buch, jeder Aufsatz, jedes Kunstwerk erweitert meinen Horizont, und ich habe nichts in meinem Leben, das mich ähnlich glücklich macht. Ja, F., ja, Wein, ja, München, aber wenn das alles weg wäre, wären da immer noch die Bücher, das ganze Wissen von Generationen von Forscher*innen, auf dem ich aufbauen kann. Es ist immer noch unglaublich befriedigend für mich, Zusammenhänge zu sehen, wo ich vor drei, vier Semestern noch keine gesehen hätte, und es ist ebenso befriedigend, genau das zu wissen. Zu wissen, dass ich mehr weiß, aber auch zu wissen, dass es da draußen noch so viel mehr gibt, was ich mir anlesen kann, was ich entdecken kann, was ich in Archiven aufspüren kann, Daten, Zeitläufte, Biografien.

Das Semester begann ziemlich übergangslos, denn die Bearbeitungszeit für die Masterarbeit startete schon im Februar – da war das Wintersemester noch nicht mal rum. In dem musste ich noch zwei Hausarbeiten schreiben, und dann bastelte ich noch aus meinen zwei Leo-von-Welden-Arbeiten, die insgesamt ungefähr 120.000 Zeichen hatten, einen Katalogbeitrag, der circa 25.000 haben sollte. (Er hat jetzt mit Fußnoten knapp 40.000, auf Wunsch des Dozenten.) Als das alles fertig war, gönnte ich mir ein paar Tage Pause und begann dann, mich auf Kiefer, Lüpertz und die Geschichte der jungen Bundesrepublik zu stürzen. So ziemlich alles, was ich las, konnte ich im Kopf an irgendwas anlegen, was ich in den Semestern zuvor, vor allem im Masterstudium, gelernt hatte, was mir großen Spaß gemacht hat.

Wenn ich im Zentralinstitut für Kunstgeschichte saß und dessen Bibliothek leerlas, dachte ich über nichts anderes nach. Sobald ich danach allerdings wieder nach Hause radelte oder zu anderen Bibliotheken, war mein hauptsächlicher Gedanke: Und was mache ich, wenn die Masterarbeit durch ist?

Es hat bis nach der Abgabe gedauert, bis mir das wirklich klargeworden ist. Ich habe schon während der Arbeit hektisch ein paar Bewerbungen losgeschickt, auf die ich vermutlich keine Reaktion bekommen werde, und inzwischen weiß ich auch, dass das okay ist. Mein Doktorvater weiß noch nichts davon, dass er mein Doktorvater sein soll, denn ich bin noch nicht ganz fertig mit einem halbwegs schlüssigen Exposé für eine Dissertation. Ich möchte mich weiterhin in der Zeit bewegen, in der ich mich seit ein paar Semestern wissenschaftlich zuhause fühle: in der NS-Zeit sowie der jungen Bundesrepublik. Ich will auf jeden Fall noch die junge DDR dazunehmen, von der ich sehr wenig weiß, und eventuell noch die Weimarer Republik, aber das wird sich vermutlich erst im Laufe der Dissertation herausstellen. Ach ja, ich werde dann wohl eine Dissertation schreiben. Davon erzähle ich zwar gefühlt dauernd, aber so richtig, endgültig, jetzt echt habe ich mich erst in den letzten Wochen dafür entschieden. Davor war es eine theoretische Möglichkeit; jetzt, wo ich immerhin schon die Note der Masterarbeit habe und damit weiß, das Studium ist durch, ich habe alles bestanden, ist es mehr. Es ist jetzt ein Plan.

Die folgenden Absätze schrieb ich am Ende des ersten Semesters. Ich freue mich sehr, dass ich nach zehn Semestern noch genau das gleiche empfinde:

Ich habe gelernt, wie gerne ich lerne.

Die häufigste Frage, die ich von meinen Kollegen und Freundinnen in den letzten Monaten gehört habe, war: „Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?“

Und meine Antwort war nach einer Woche die gleiche wie jetzt nach vier Monaten: „Es ist genauso, wie ich es mir vorgestellt habe. Nur noch viel toller.“